Wald Buch | Waldwissen
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Bücher über den Wald

Waldbücher

Raus in die Natur: Gehen Sie mit unseren Autoren auf Entdeckungsreise in unsere Wälder und spüren Sie der Faszination von Bäumen nach.

Warum Tiere und Pflanzen uns Menschen ähnlich sind

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Kein Schweigen im WaldeKein Schweigen im Walde

Wie Tiere und Pflanzen miteinander kommunizieren

„Es ist immer wieder erstaunlich, wie gesprächig die Natur ist – sehr erhellend und unterhaltsam!“ Peter WohllebenWie sich Fuchs und Tanne gute Nacht sagen Wussten Sie, dass Fische lügen? Oder dass Fledermäuse Selbstgespräche führen? Erstaunliche Erkenntnisse aus der Wissenschaft zeigen: Tiere und Pflanzen kommunizieren ständig und auf vielfältigste Weise miteinander. Wer meint, dass nur wir Menschen zu Übertreibungen und Unwahrheiten neigen, der irrt. Vögel, Fische oder Schnecken sind weitaus einfallsreicher als wir, wenn es zum Beispiel darum geht, einen Partner zu erobern. Die Verhaltensbiologin Madlen Ziege entführt uns in eine faszinierende Welt und erklärt leicht verständlich, wie ganze Ökosysteme in Kontakt zueinander treten. Dabei zeigt sie, wie uns die Sprache der Natur im Alltag weiterhelfen kann und warum man mit Tomatenpflanzen sprechen sollte.
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Warum uns der Kontakt zur Natur hilft

„Sind wir entspannt und ist unser Kopf frei, können wir uns viel klarer darüber werden, welche Dinge für uns wichtig sind und worüber wir uns mit anderen Menschen unterhalten möchten. Es macht einen Unterschied, ob wir gestresst sind und kommunizieren oder ob wir körperlich und geistig im Gleichgewicht sind, wenn wir mit anderen Informationen austauschen. Wir alle bewegen uns immer stärker in einer menschgemachten Umgebung wie  der Stadt, und dies hat natürlich Einfluss auf uns als Lebewesen, aber auch auf alle anderen, nicht menschlichen Stadtbewohner.

So bestätigen Studien, dass vor allem Menschen im urbanen Raum permanentem Stress ausgesetzt sind und dass dieser Stress nachlässt, sobald wir uns in naturnahen Lebensräumen wie einem Wald, im Gebirge oder an der See aufhalten.

Ein paar Stunden im Wald nehmen sofort einen positiven Einfluss auf unser Immun- und Hormonsystem. Die Japaner haben dafür sogar ein eigenes Wort: Shinrin Yoku bedeutet im Deutschen sinngemäß so viel wie „ein Bad in der Atmosphäre des Waldes nehmen“ oder, auf ein Wort reduziert, „Waldbaden“. Diese Form der Gesundheitsvorsorge ist unter Japanern allgemein anerkannt und führt zu einem regelrechten Waldtourismus.

In der Natur kommen wir zur Ruhe, hier verlangsamen sich unsere Gedanken, und wir entspannen. Eine gesunde Ernährung, Bewegung an der frischen Luft und ausreichend Entspannung sind aus meiner Sicht nicht nur der Schlüssel zu einem zufriedenen Leben – diese Dinge helfen Ihnen auch bei Ihrer Kommunikation.” Madlen Ziege aus „Kein Schweigen im Walde”
 

Peter Wohlleben ist Deutschlands berühmtester Förster

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Gebrauchsanweisung für den WaldGebrauchsanweisung für den Wald
Die Wälder sind sein berufliches Zuhause, und die Arbeit mit Bäumen ist sein Leben. Bei geführten Waldwanderungen gibt der passionierte Förster und Autor Peter Wohlleben sein enormes Wissen über Bäume weiter. Seine Gebrauchsanweisung ist eine ebenso handfeste wie stimmungsvolle Entdeckungstour. Fundiert und unterhaltsam weist er ein in die wichtigsten Laub- und Nadelbaumarten: was sie kennzeichnet, welchen die Zukunft gehört, welche bei Gewitter wirklich Schutz bieten. Wie man sich im Wald auch ohne Kompass oder GPS orientiert. Welche Beeren und Pilze zu empfehlen sind; wo und was Sie sammeln, pflücken und essen dürfen. Wo Campen, Feuer machen und Grillen erlaubt sind. Wie Sie Tierspuren richtig lesen - und die besten Zeiten und Plätze, an denen man Wild beobachten kann. Wie Sie sich am natürlichsten gegen Mücken, Waldameisen und Zecken schützen. Was man mit Kindern erlebt und was bei einer Nacht allein im Wald. Wie ein Waldspaziergang im Frühjahr, im Sommer, im Herbst und im Winter zu einer besonderen Erfahrung wird.  

Eine Gebrauchsanweisung für den Wald?

Als mich der Piper Verlag fragte, ob ich nicht eine Gebrauchsanweisung für den Wald schreiben wolle, war ich sofort Feuer und Flamme. Ich liebe den Wald, und er hat den Großteil meines Lebens bestimmt. Dabei bin ich zufällig beruflich hineingestolpert. Eigentlich wollte ich Biologie studieren, da ich, wie auch viele Schulabsolventen heutzutage, nicht recht wusste, wie ich meine Naturliebe umsetzen sollte. Da entdeckte meine Mutter eine kleine Anzeige der Landesforstverwaltung von Rheinland-Pfalz in der Tageszeitung: Es wurden Kandidaten für ein verwaltungsinternes Studium gesucht. Ich bewarb mich, wurde angenommen und verbrachte vier Jahre mit Praktika und in Hörsälen.

Was mir anschließend in der Praxis begegnete, entsprach nicht im Geringsten meinen Träumen. Arbeiten mit schwersten Maschinen, die den Waldboden zerstörten, waren nur die Spitze des Eisbergs. Gifteinsätze mit Kontaktinsektiziden, Kahlschläge oder das Fällen der ältesten Bäume (alte Buchen, die ich so liebe); all das fand ich zunehmend befremdlich. Während des Studiums war mir beigebracht worden, all dies diene dem Erhalt gesunder Wälder. Was Ihnen vielleicht merkwürdig erscheint, glauben bis heute Tausende von Studenten ihren Professoren. Aus Befremden wurde Ablehnung, und ich wusste nicht, wie ich mit dieser Einstellung noch jahrzehntelang weiterarbeiten sollte.

Doch 1991 fand ich in der Gemeinde Hümmel in der Eifel einen Waldbesitzer, der ebenfalls ökologische Wege gehen wollte. Zusammen haben wir eine Waldbewirtschaftung aufgebaut, die eine Mischung aus Reservaten und behutsam genutzten Parzellen vorsieht. Und ganz wichtig: Die Bevölkerung sollte intensiv mit eingebunden werden. Dazu bot ich eine Reihe von Veranstaltungen an. Survivaltrainings und der Bau von Blockhütten waren das Extrem, die meisten Angebote bestanden aus Führungen zur wunderbaren Welt der Bäume. Wo man all dies denn nachlesen könne, wurde ich oft gefragt. Da blieb mir nur ein Schulterzucken, denn Literatur zum Thema war mir nicht bekannt. Nachdem mich meine Frau immer wieder drängte, für die Besucher doch wenigstens ein bisschen etwas aufzuschreiben, brachte ich in einem Lapplandurlaub eine typische Führung zu Papier. Das Manuskript schickte ich an etliche Verlage und sagte zu meiner Frau: „Wenn bis Ende des Jahres niemand zusagt, dann kann ich eben nicht schreiben.“

Es kam anders, wie Sie gerade sehen, und ich habe Freude an dieser Erweiterung meiner Tätigkeiten gefunden. Nun kann ich weitaus mehr Menschen für den Wald begeistern, denn dieser wird meiner Meinung nach noch viel zu wenig genutzt. Nicht im Sinne der Holzwirtschaft, nein, die übertreibt es in weiten Bereichen schon. Es sind die kleinen und großen Abenteuer, die zwischen den Bäumen nur darauf warten, abgeholt zu werden. Und dazu müssen Sie nur eines tun: zu Fuß in die Wälder gehen.

 

Querfeldein

Kennen Sie diese Situation? Man ist mit Kindern im Wald unterwegs, und irgendwann wird es laut. Entweder spielen sie Fangen, entdecken ein kleines wildes Tier und rufen laut ihre Entdeckung herüber, oder aber sie schreien ganz einfach vor Vergnügen. Die reflexartige Ermahnung der Erwachsenen folgt auf dem Fuß: „Pst, schreit nicht so laut!“

Warum eigentlich? Stört es Hirsch und Reh tatsächlich, wenn Menschen Krach machen? Grundsätzlich lieben es wilde Tiere leise, doch nicht etwa, weil sie lärmempfindlich sind. Tost ein Sturm durch die Baumwipfel oder rauscht ein heftiger Platzregen herab, dann können sie keine anderen Geräusche mehr hören. Auch nicht die von sich nahenden Wölfen oder Luchsen, und das kann für Rehe und Hirsche lebensgefährlich sein. Daher lieben sie windstille, trockene Wetterlagen, bei denen jeder Tritt auf ein knackendes Ästchen weit zu vernehmen ist.

Krach von Menschen nervt die Tiere dennoch nicht, denn er erfüllt nicht gleich den ganzen Wald, sondern ist nur aus einer Richtung zu hören. Zugleich wissen die großen Säugetiere, dass ihr größter Feind nicht auf Beutezug ist: Denn auch das sind wir Menschen, und zwar in Form der Jäger. Selbst wenn Wolf und Luchs hier und da langsam wieder Einzug in unsere Landschaften halten, so sind doch ihre menschlichen Kollegen im grünen Loden tausendfach zahlreicher vertreten. Kein Wunder, dass sich die Angst unserer Wildtiere hauptsächlich auf Zweibeiner konzentriert. Wenn wir fröhlich singend über Wanderwege spazieren oder uns dabei lautstark unterhalten, so signalisieren wir unseren Mitgeschöpfen, dass wir nicht auf der Jagd sind. Das trifft sogar auf die eigentlich extrem scheue Wildkatze zu. Sie wurde ebenfalls bejagt, weil man ihr zutraute, Rehe zu reißen. Rehe? Die Wildkatze ist zwar nicht mit der Hauskatze verwandt, gleicht ihr aber bis auf minimale Größenunterschiede. Können Sie sich vorstellen, dass ein Stubentiger einen Dackel frisst? Dazu sind die kleinen Zähne viel zu kurz, und das Maul lässt sich nicht weit genug öffnen, um solch große Tiere festzuhalten. Dennoch hielt sich das Gerücht über Jahrhunderte unter Jägern, sodass man dem getigerten Beutegreifer erbarmungslos nachstellte. Dass er sehr scheu wurde, ist da nicht verwunderlich.

Doch Menschen, die laut durch den Wald gehen, werden wie bei anderen Arten ebenfalls nicht als Gefahr gesehen. So führte ich einmal eine Besuchergruppe im Januar durch den verschneiten alten Buchenwald meines Reviers. Die Wanderer wollten sich den Ruheforst, einen Bestattungswald, ansehen. Nachdem wir uns dort eine Stunde lang umgesehen hatten, marschierten wir wieder zum Parkplatz zurück, als mir auffiel, dass ich meinen Rucksack unter einem Baum vergessen hatte. Der Praktikant, der mich begleitete, bot sich an, noch einmal zurückzugehen. Als er schließlich nach fünfzehn Minuten wieder erschien, war er ganz aufgeregt. Er hatte eine Wildkatze gesehen, die friedlich den Weg kreuzte. Offensichtlich hatte das Tier in der Nähe abgewartet, bis die gut gelaunte und entsprechend kommunikationsfreudige Truppe den alten Wald wieder verlassen hatte. Ähnliches habe ich ein Jahr später an einem heißen Julitag auf ebendiesem Ruheforstparkplatz erlebt. Ich unterhielt mich, an meinen Geländewagen gelehnt, mit einem Kollegen, als ich plötzlich eine Wildkatze seelenruhig fünfzig Meter von uns entfernt über die Zufahrt von einem Waldstück in das andere wechseln sah. Die nahe Straße schien sie nicht zu stören, was zeigt, dass die Scheuheit sich eher auf stille, durch das Unterholz pirschende Menschen bezieht. Das Fazit muss also lauten: Krach im Wald stört hier niemanden, schon gar nicht Krach von Kindern. Oder nein, ich muss mich korrigieren – er stört die wilden Tiere nicht, sondern vielleicht eher manche Erwachsenen.

Querfeldeingehen hat den Hauch grenzenloser Freiheit, und bei dieser denkt man meist an andere Länder. Ich mag die menschenleeren Landschaften im Südwesten der USA, nicht etwa, weil ich menschenscheu bin, nein, diese endlosen Weiten haben es mir angetan. Wo in Europa der Blick in die Ferne meist an Strommasten, Autobahnen oder Siedlungen hängen bleibt, kann das Auge in New Mexico, Arizona oder Utah über Wälder und Gebirge schier endlos umherschweifen.

Allerdings nur das Auge. Denn in den meisten Fällen ist der Weg abseits öffentlicher Straßen versperrt, und dies teilweise wortwörtlich. So begleiteten uns bei einer Rundreise durch den Südwesten Maschendrahtzäune, die links und rechts der Straße auf Hunderten von Kilometern das Freiheitsgefühl im Keim erstickten. Eingezäunt waren häufig nur Sand und Fels – als ob da jemand etwas wegnehmen würde! Land in Privatbesitz (und das gibt es dort sehr viel) ist nicht öffentlich zugänglich, und darauf weisen immer wieder Schilder hin.

Zurück in Deutschland, wurde mir erst klar, welche Möglichkeiten sich hier jedem Waldbesucher bieten. Es stehen nicht nur sämtliche Wege zur freien Verfügung, sondern gleich die gesamte Fläche. Wann immer Sie sich also ins Unterholz schlagen möchten – bitte schön! Niemand kann Sie daran hindern, es sei denn, Sie sind in einem der wenigen Ausnahmegebiete unterwegs. Naturschutzgebiete, Nationalparks und kleinere Bannwälder weisen meist ein Wegegebot auf, das heißt, Sie dürfen die ausgeschilderten Routen nicht verlassen. Doch da solche Flächen nur wenige Prozente der Waldgebiete ausmachen und zudem immer deutlich darauf hingewiesen wird, können Sie sich im Normalfall nicht vertun. Weitere Ausnahmen sind frisch aufgeforstete Kulturen mit Jungbäumen, erst recht, wenn diese eingezäunt sind. Auch wenn es noch so reizt, den Zaun zu übersteigen und den Querfeldeingang abzukürzen: Gehen Sie lieber außen herum.

Ein letztes Tabuareal sind laufende Holzeinschläge. Wo die Motorsägen röhren oder der Harvester, die Vollerntemaschine, brummt, ist es lebensgefährlich. Fallende Bäume mit bis zu vierzig Meter Länge sind schwer einzuschätzen, zudem versperren häufig Büsche die Sicht auf Spaziergänger. Daher stehen auf den betreffenden Waldwegen schon Hunderte Meter vor der eigentlichen Durchforstungsfläche Warnschilder, oder ein rot-weißes Flatterband versperrt sie gleich ganz. Der überwältigende Teil der Wälder ist jedoch frei von solchen Restriktionen, sodass Sie hier tatsächlich ganz eintauchen können. Allerdings gilt das nur für Fußgänger. Fahrradfahrer und Reiter müssen sich an die Wege halten, für alle anderen Fortbewegungsmittel ist der Wald in der Regel ohnehin komplett gesperrt.

Wie geht man denn nun richtig querfeldein? Am besten eignen sich dichtere Laubwälder. Hier ist der Boden meist frei von Bewuchs, und es stören keine Äste an den Stämmen. Das sieht bei Nadelforsten ganz anders aus, vor allem, wenn die Bäume dicht an dicht gepflanzt wurden. Dann greifen die abgestorbenen unteren Äste benachbarter Fichten, Kiefern und Douglasien wie Arme ineinander und hindern den Durchgang. Ich habe mich in solchen Plantagen manchmal sogar rückwärts bewegt, um mich mit Gewalt hindurchzudrücken. So peitschen keine Äste ins Gesicht oder, schlimmer noch, stechen in die Augen. Laubwald ist da viel friedlicher. Taucht Gras unter den Bäumen auf, so sollten Sie einen Bogen darum machen. Morgendlicher Tau oder festgehaltene Regentropfen lassen Ihr Schuhwerk im Nu durchweichen, und selbst eingearbeitete Spezialmembranen halten die Nässe in solchem Gelände kaum auf Dauer ab.

Brombeeren sind oft eine Herausforderung. Natürlich nicht die Früchte, doch meist werden Sie nur auf die beerenlosen rankenden Pflanzen treffen. Diese verhaken sich ineinander und bilden teilweise meterhohe Verhaue. Möchten Sie ein solches Feld kreuzen, dann heißt es laufen wie ein Storch. Treten Sie die oberste Ranke mit dem Fuß zu Boden, belasten dann diesen Fuß und machen mit dem zweiten den nächsten Schritt auf die nächste Ranke. Das sieht lustig aus, doch es schaut ja in der Regel niemand zu. Haben Sie es eilig, oder möchten Sie nicht so staksig laufen, können Sie rasch von einer Ranke regelrecht gefangen werden. Wie bei einem Lasso, das sich zuzieht, kommen Sie kaum noch aus der unfreiwilligen Umarmung los, und oft genug endet dann ein weiterer Schritt mit dem Sturz in die Dornen – aua!

Sturzgefahr besteht auch beim Gehen im Steilhang. Nicht etwa, weil Sie sich dort nicht richtig auf den Beinen halten können, nein, das Verhängnis lauert unter Laub oder Schnee. Es sind tote Äste, deren Rinde schon weggerottet ist. Sie liegen meist mit dem Gefälle, also von oben nach unten, im Hang. Wenn Sie auf solch einen Ast treten, rutscht der aufgesetzte Fuß wie auf einer Gleitbahn seitlich bergab. Mir ist das, obwohl ich es eigentlich wissen müsste, schon häufig passiert. Wenn ich bewusst registriere, worauf ich getreten bin, ist es oft schon zu spät. Ich kippe, rudere dabei mit den Armen und krache dann seitwärts auf den Boden. Steile Partien sollten Sie bei feuchtem Wetter im Zweifelsfall meiden. Eine gute Möglichkeit, sich in Berghängen zu bewegen, sind Wildwechsel. Da die Tiere dieselben Probleme haben wie Sie, laufen sie nur auf ausgetretenen und damit ebenen Pfaden. Die sind zwar schmal, meist nicht breiter als dreißig Zentimeter, aber es reicht für einen sicheren Gang. In langen Hängen ziehen sich in regelmäßigen Abständen solche Wildpfade parallel dahin, sodass Sie, wenn Sie tiefer hinabmüssen oder abbiegen wollen, einfach einen oder zwei Pfade tief absteigen und danach weiter sicher den Trittsiegeln der Tiere folgen können.

Sind Sie im Tal angekommen, steht oft eine Bachquerung an. Bisher sind die Schuhe trocken geblieben, und das soll sich nicht ändern. Also versuchen die meisten Querfeldeinläufer, von Ufer zu Ufer zu springen. Das scheint ganz einfach zu sein, schließlich sind die kleinen Wasserläufe oft nicht breiter als einen Meter. So einen Sprung sollte eigentlich jeder schaffen, und das stimmt auch. Nicht allerdings, dass man dann auf trockenem Boden steht. Gerade Bäche, deren Uferbereich flach verläuft, durchnässen diesen unterirdisch so, dass kleine Sumpfgebiete entstehen. Der Sprung endet also oft im Morast, der dann feucht und kalt von oben in die Schuhe läuft. Wie können Sie das vermeiden?

Zunächst sollten Sie sich eine Stelle suchen, an der die Bachufer steiler nach oben verlaufen. Hier ist die Chance gut, dass unter der Oberfläche viele Steine sind. Auch dicht neben Bäume zu treten erhöht die Chance, dass die Schuhe sauber und die Füße trocken bleiben, denn das Wurzelwerk wirkt wie eine Matte. Und ganz einfach ist es, wenn der Bach nicht tiefer ist, als Ihre Schuhe hoch sind, und Steine zu sehen sind – dann treten Sie beherzt ins Wasser. Im Laufe der Zeit haben sich diese Steine von allem Schlamm freigespült und liegen in der Regel so sicher auf dem Grund wie das Pflaster in einer Fußgängerzone – na gut, nicht ganz, denn manchmal sind sie etwas glitschig. Bei meinen Gängen durchs Revier ist es mir noch nie passiert, dass ich im Bachbett eingesunken bin, wohl aber oft schon in der weichen Böschung. Die einzige kleine Gefahr besteht darin, dass man sich bei der Tiefe verschätzt, doch dann wird es immerhin nur nass und nicht schmutzig.

Matsch und Sumpf sind bei schlechtem Wetter immer ein Thema. Natürlich sind die Schuhe für harte Einsätze konstruiert, doch wer möchte schon unnötig verschlammtes Leder reinigen? Ganz davon abgesehen, dass im Zweifelsfall etwas von der Brühe hereinläuft, wenn Sie zu tief einsinken. Daher gilt es, den Bodendruck des Schuhs zu reduzieren, indem Sie die Auftrittsfläche vergrößern. Das können beispielsweise Äste sein, die auf dem Boden liegen. Treten Sie darauf, verteilt sich Ihr Gewicht auf eine größere Fläche – doch achten Sie darauf, dass das Holz nicht allzu verrottet ist. Sonst macht es „knack“, und Sie stehen doch eine Etage tiefer.

Äste liegen nicht überall herum, weiter verbreitet sind hingegen Grasbüschel. Jedes dieser kleinen Polster ragt wie eine Insel aus dem Morast und ist überraschend stabil. Wenn Sie nun von Insel zu Insel stapfen, gelangen Sie trockenen Fußes auf die andere Seite. Das gilt allerdings nur für echte Bachläufe, keinesfalls hingegen für Moore. Dort sitzen die Gräser auf schwammigem Torfmoos und werden instabiler, je weiter Sie sich in eine solche Fläche hineinwagen.

Und wenn Sie gar nicht querfeldein gehen möchten? Das Laufen durch Gestrüpp und Unterholz bietet ja nicht nur Vorteile. Sind Sie zu zweit unterwegs und möchten sich unterhalten, so ist der Gang abseits der Wege nicht zu empfehlen. Da es meist nur schmale gangbare Routen gibt, fällt man schnell in den Gänsemarsch, und schon wird die Wanderung recht einsilbig. Ein wenig Abstand zueinander ist angeraten, wegen zurückschlagender Äste beim Durchstreifen; das macht die Unterhaltung noch schwieriger.

Und überhaupt – warum sollten Wege langweilig sein? Auf ihnen gibt es jede Menge zu entdecken. Zum Beispiel die Spuren schwerer Maschinen. Nun könnte man sich maßlos ärgern, wenn man durch frisch durchforstete Wälder spaziert und die schönsten Wege im Matsch versinken. Ist es nicht eine Frechheit, dass die Wanderer durch knöchelhohen Schlamm laufen müssen, nur weil die kommerzielle Forstwirtschaft rücksichtslos Holz erntet? Ich kann beide Seiten gut verstehen, auch die Waldbesitzer. Denn die Wege wurden bis auf wenige Ausnahmen tatsächlich nur deswegen gebaut, damit die gefällten Stämme per Lkw ins nächste Sägewerk gefahren werden können. Rücksichtnahme auf Erholungssuchende kann man sich nicht leisten, und selbst vermatschte Pisten sind für schweres Gerät immer noch gut genug. Früher wurde Holz nur im Winter eingeschlagen und nur bei trockener Witterung oder bei Frost gefahren. Doch in Zeiten des Klimawandels ist die kalte Jahreszeit meist nur noch regnerisch mit Temperaturen oberhalb des Gefrierpunkts.

In meinem Revier spielen sich daher immer häufiger Situationen ab, in denen es nur Verlierer gibt. Wir sperren die Holzabfuhr oft schon im Herbst, wenn im Dauergrau alle Wege aufgeweicht sind. Unsere Hoffnung, es möge doch wenigstens ein paar Tage Frost geben, der die Trassen durchfrieren lässt, erfüllt sich nur noch selten. Inzwischen wird das geerntete Holz durch Pilzbefall qualitativ immer schlechter, und der Käufer befürchtet zu Recht schwere finanzielle Einbußen. Spätestens im März, und dann liegen manche Stämme schon sechs Monate im Wald, muss gefahren werden, bevor die Ware endgültig verdirbt. Die Wege verschlammen und müssen hinterher aufwendig instand gesetzt werden.

Oft berichten mir Besucher, dass sie in anderen Wäldern in ihren Freizeitaktivitäten rüde gestoppt werden. Meist sind es ältere Herren in Grün, die sich aus ihrem Geländewagen beugen und irgendwelche Verbote aussprechen. Lassen Sie sich im Zweifelsfall einfach erst einmal den Dienstausweis zeigen. Den gibt es nämlich in der Regel gar nicht, weil es sich um Jagdaufseher handelt. Das sind Hilfspersonen, die dem örtlichen Jagdpächter zur Hand gehen. Ihr grünes Schild „Jagdschutz“, welches hinter der Windschutzscheibe prangt, sieht amtlich aus. Allerdings kann es sich jeder im Internet bestellen und darf es sich ebenfalls ins Auto stellen, genauso wie Schilder mit dem Aufdruck „Landwirtschaft“, „Forstwirtschaft“ oder ähnlichen Hinweisen. Sie sollen eigentlich nur klarmachen, dass die betreffende Person berechtigterweise mit dem Pkw die Waldwege befährt. Richtig amtlich sind nur Schilder mit dem Aufdruck „Forst“ oder „Forstverwaltung“, die das jeweilige Landes- oder Stadtwappen tragen. In diesen Fahrzeugen sitzen Förster, die sich entsprechend ausweisen können und müssen. Meist kontrollieren die Kollegen aber gar keine Wanderer, sondern halten sich dezent zurück.

Bei vielen Jägern sieht das anders aus. Sie ärgert es, wenn sie abends auf dem Hochsitz auf Wild warten und noch ein später Waldbesucher mit Hund (womöglich frei laufend) vorbeikommt. Dann war die Aktion vielleicht umsonst, und es ist verständlich, dass die Waidmänner verstimmt absteigen. Zum Abreagieren eine Art Polizeiaktion mit den „Störenfrieden“ zu veranstalten ist allerdings schlicht und ergreifend illegal. Doch wer möchte schon wütenden Personen widersprechen, die schwer bewaffnet sind? Und so ist es im Zweifelsfall besser, sich einfach das Pkw-Kennzeichen zu merken und den Rückzug anzutreten. War die verbale Attacke zu heftig und hing dabei dem Gegenüber das Gewehr über der Schulter (oder wurde gar in die Hände genommen), bleibt Ihnen immer noch eine Anzeige wegen Nötigung.

 

Spurensuche

Ich freue mich bei Schneefall gleich doppelt: Erstens mag ich richtige Winter, in denen ich mit schweren Stiefeln durch die weiße Pracht stapfen kann, und zweitens kann ich dann viele Geheimnisse lüften. Zumindest diejenigen, welche Tiere betreffen, denn nun hinterlassen sie deutlich sichtbar ihre Spuren. Dabei ist Schneefall nicht gleich Schneefall. Vor allem der erste Wintereinbruch einer Saison ist besonders ergiebig. Dann sind die Tiere noch nicht im Kältemodus, streifen noch viel aktiver umher als bei längeren Frostperioden. Am besten starten Sie Ihre Entdeckungstour gleich morgens, denn oft schmilzt die Mittagssonne die Spuren an, oder ein scharfer Wind weht sie wieder mit Eiskristallen zu, sodass sie kaum noch zu erkennen sind. Nehmen Sie einen Fotoapparat mit und lichten alle Funde ab, damit Sie diese zu Hause bequem mithilfe eines Bestimmungsbuches oder einer passenden Webseite entschlüsseln können.

Im Sommerhalbjahr ist feiner Schlamm auf oder an Wanderwegen besonders ergiebig. Hier hinein drücken sich Pfoten und Hufe wie ein Siegel in Wachs. Nebenbei können Sie grob ermitteln, wie lange es her ist, dass das betreffende Tier vorbeikam. Entscheidend sind die letzten heftigen Regenfälle. Sie spülen die Spuren wieder zu oder lassen zumindest die scharfen Konturen erodieren, sodass sie nur noch ungefähr zu erkennen sind. Hat es also beispielsweise vorgestern geregnet und Sie entdecken eine gestochen scharfe Rehspur, ist es maximal zwei Tage her, dass das Tier dort seine Bahn zog.

Besonders aufregend wird es, wenn man Wolfsspuren findet. Mein erster Fund dieser Art war im getrockneten Schlamm eines schwedischen Weges geprägt. Mit meiner Familie war ich im Grenzgebiet zu Norwegen unterwegs, und zwar mit dem Kanu. Kanu und Wolfsspuren? Da diese Wasserwanderung entlang einer Kette von Seen verlief, waren zwischendurch sogenannte „Portagen“ notwendig. Dabei wird das Kanu entladen, aus dem Wasser gehoben und auf einem Gestell mit zwei Rädern befestigt. Das Gepäck kommt wieder hinein, und nun mussten wir uns Kilometer um Kilometer auf verschwiegenen Waldwegen durchs Hügelland kämpfen.

Die notwendigen Pausen bei dieser Quälerei mit dem ermattet nach unten gerichteten Blick bescherten uns die ersten richtigen Wolfsspuren. Spaziergänger gab es in diesem abgelegenen Gebiet nicht, jedoch die damals größte Wolfspopulation Schwedens. Wir fühlten uns reich beschenkt und schoben unser Kanu mit neuer Energie zum nächsten Gewässer.

Warum ich die Spaziergänger erwähnte? Oft sind diese mit Hunden unterwegs, und dann wird die Spurensuche kniffelig. Hunde und Wölfe sind ja sehr eng verwandt, die Pfotenabdrücke damit sehr ähnlich. Großer Hund oder Wolf, das traue selbst ich mir kaum zu. Es gibt natürlich einige Anhaltspunkte, und das Wichtigste ist die Nachrichtenlage. Da allerorts abends Jäger draußen auf ihren Hochsitzen sind, wird jeder Wolf sofort gemeldet und spätestens am nächsten Tag in den Medien präsentiert. Wolfsspuren in Landstrichen, in denen noch keine bestätigte Sichtung existiert, sind wohl eher ihren zahmen Verwandten zuzurechnen. Innerhalb von Wolfsrevieren lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Wölfe schnüren im Gegensatz zu Hunden, das heißt, ihre Pfotenabdrücke sind wie auf einer Linie aufgereiht. Hinzu kommt, dass die Tiere die Hinterpfoten in die Abdrücke der Vorderpfoten setzen. Zur Sicherheit sollten Sie auch noch links und rechts der Spur schauen: Bei matschigem Wetter sollte sich, falls die Spur doch vom Hund stammen könnte, auch die Spur des Besitzers abzeichnen.

Wenn Sie Kot finden, lässt sich der Unterschied Wolf/Hund deutlicher ablesen. Das Haustier wird meist aus Dose oder Beutel ernährt, und die Hinterlassenschaften zeigen daher ein einheitliches Braun ohne Strukturen. Bei Wölfen können Sie dagegen sehen, welche Tiere sie gefressen haben. Kalkige Knochenreste sind durchzogen mit Tierhaaren, oft schwarzen, die dann von Wildschweinen stammen. Im Zweifelsfall können Sie den Kot auch in einen Plastikbeutel packen und an den nächsten Wolfsberater schicken, der ihn zur Untersuchung weiterleiten kann.

Der zweite große Beutegreifer, der Luchs, hat einwandfreie Trittsiegel. So große Katzenspuren sind unverwechselbar. Im Zweifelsfall hilft die Symmetrie: Hunde-/Wolfsspuren sind spiegelgleich, wenn man sie in der Mitte gedanklich teilt (zwischen den mittleren Zehen), bei Luchsen ergibt sich ein schiefes Bild. Zudem sind bei den großen Katzen nur sehr selten Krallenabdrücke zu sehen, während Wolf und Co. die Krallen (oder korrekt: die Nägel) meist mit in den Schlamm drücken. Wenn Sie eine Katze haben, hilft diese Ihnen vielleicht sogar bei der Identifikation, falls ein Luchs in Ihrer Umgebung umherstreift. So erzählte mir ein Kollege aus dem Pfälzer Wald, dass sein Stubentiger sich nicht mehr vor die Tür traue, sobald seine größere Verwandtschaft im Großraum auftauche. Das sei ein sicherer Indikator für ihn.

Während Luchs- und Wolfsspuren schon den Lottogewinn bei der Suche darstellen, sind Fuchsspuren eher ein Trostpreis. Dennoch können Sie an ihnen den Unterschied zu kleineren Hundesiegeln lernen, denn der Fuchs läuft ähnlich wie sein großer wilder Bruder. Er schnürt, hinterlässt also eine lange, gerade Linie von Abdrücken. Im Gegensatz zu Hunden ragt der hintere Ballen auch nicht in die Spur der Zehenballen, was das Siegel länglicher wirken lässt.

Die Anwesenheit von Füchsen verraten auch deren Baue. Sie liegen zwar nicht an Wanderwegen, doch wenn Sie auf der Suche nach Pilzen durchs Unterholz streifen, stoßen Sie vielleicht auf solch eine Höhle. Meist sind es mehrere Aus- oder Eingänge, die in eine Böschung gegraben sind. Ob sie noch genutzt werden, zeigen frische Kratzspuren und das Fehlen von Vegetation auf der ausgeworfenen Erde.

Allerdings kann auch jemand anderes diese Behausung nutzen – der Dachs. Die Unterscheidung ist schwierig, wenn es keine Pfotenabdrücke gibt (dann wäre es leicht; Dachsspuren sehen aus wie kleine Bärenspuren mit nach vorne gerichteten Krallen). Dachse graben mehr als Füchse und lagern entsprechend viel Erde vor dem Bau, in der sich eine Rinne abzeichnet, die vom Ein- und Ausgehen auf dem immer gleichen Pfad stammt. In dieser Rinne findet sich manchmal Polstermaterial, welches später den Bau schön gemütlich machen soll. Im Gegensatz zu Füchsen, die ihren Kot überall absetzen, legen sich Dachse regelrechte Toiletten an. Hier vergraben sie ihr Geschäft, und das kann man riechen. Damit nicht genug: Sie setzen auch noch Duftmarken ab, um ihr Revier zu kennzeichnen. Markanter Duft lässt also eher auf den Dachs schließen. Um es noch komplizierter zu machen, wohnen oft verschiedene Tierarten gleichzeitig im Höhlensystem: Dachse, Füchse und auch Marderhunde. Und selbst wenn Sie die Bewohner nicht identifizieren können, ist es eine spannende Entdeckung, denn solche Baue können jahrhundertelang genutzt werden und sind damit so alt wie die Fachwerkhäuser unserer Innenstädte.

Trittsiegel, Kot und Behausungen sind nur ein Teil möglicher Hinweise. Wildschweine etwa zeigen ganz deutlich, wo sie sich gesuhlt haben. Nach dem erfrischenden Bad im Schlamm (der manchmal sogar den Abdruck der liegenden Tiere zeigt) scheuern sie sich an sogenannten „Mahlbäumen“. Dabei werden nicht nur die trocknende Kruste, sondern auch Haare abgerieben, die in Rindenspalten hängen bleiben. Auf dem Weg zu diesen Bäumen spritzen von den nassen Tieren lehmfarbene Tröpfchen auf die Vegetation, die wie bei Hänsel und Gretel zeigen, wo sie entlanggelaufen sind.

Manche Zeichen deuten noch subtiler auf Tiere hin. Im Frühjahr keimen in den alten Buchenbeständen die Eckern. Die Sämlinge sehen mit ihren Keimblättern aus wie kleine Schmetterlinge, die vorsichtig ihre Flügel entfalten. Manchmal sprießt gleich ein ganzes Bündel aus dem Boden. Doch wie kann das sein? Bucheckern sind schwer und fallen, Wind hin oder her, immer schön senkrecht unter ihren Mutterbaum. Rein statistisch gesehen, sollten sie schön gleichmäßig um den Stamm herum keimen. Gut, es mag auch mal zwei oder drei auf einen Platz verschlagen, aber gleich zehn oder mehr? Nein, der Zufall ist dann nicht im Spiel, sondern Eichhörnchen oder, häufiger noch, Mäuse. Sie legten sich hier im Herbst ihren Wintervorrat an, um sich unter der Schneedecke gemütlich an den ölhaltigen Samen zu laben. Der Strauß an Sämlingen zeigt also ein kleines Drama an: Offensichtlich kam im Winter ein hungriger Fuchs vorbei, der sich das fleißige Mäuschen schmecken ließ. Die Vorräte des kleinen Nagers blieben nun verlassen im Boden und konnten so im Frühling keimen. Man kann es natürlich auch andersherum sehen: Der Fuchs befreite die Baumembryos von ihrem Feind und sicherte so ihr Überleben.

Ebenfalls auf Bäume abgesehen haben es Spechte. Zum einen bauen sie ihre Höhlen in die Stämme, und beileibe nicht nur in faule. Wer möchte schon eine instabile Wohnung haben? Nein, oft werden völlig gesunde Exemplare ausgewählt, und damit das harte Holz nicht zu viele Kopfschmerzen verursacht, wird in Etappen gemeißelt. In den Zwischenintervallen, die manchmal sogar mehrere Monate dauern, besiedeln Pilze die Baustelle und machen durch Zersetzungsprozesse das Holz mürbe. Spechte haben aber noch ganz andere Bedürfnisse. So schlürfen sie im Frühjahr gerne die zuckerhaltigen aufsteigenden Baumsäfte. Dazu hacken sie mit einer Vorliebe für jüngere Eichen etwa zehn Zentimeter lange Reihen kleiner Löcher in die Rinde. Hier lecken sie den austretenden Saft auf. Dem Baum schadet das kaum, aber er behält für Jahrzehnte eine Art Schmucknarben auf der Borke.

Weniger schmerzhaft ist es, wenn die Vögel nach Insekten suchen. Diese befallen Bäume nämlich nur dann, wenn sie tot oder zumindest so schwer erkrankt sind, dass es dem Ende zugeht. Im Sommer, wenn Borkenkäfer Hochkonjunktur haben, zeigen Spechte ganz deutlich, welche Bäume es erwischt hat. Überall dort, wo sich saftige weiße Maden (der Nachwuchs der Käfer) unter der Rinde tummeln, hacken und stochern die Vögel so lange herum, bis sie die meisten Leckerbissen erbeutet haben. Bei diesem Festmahl löst sich großflächig die Rinde, und das hell hervorleuchtende Holz signalisiert Ihnen schon von Weitem den Käferbefall des Baums.

Doch auch abgestorbene Stämme, die langsam im Dämmerlicht am Boden verrotten, sind für Spechte attraktiv. Über tausend Insektenarten legen hier ihre Eier ab. Die bleichen Larven fressen sich oft jahrelang durch die zerbröselnde Holzsubstanz, bevor sie sich verpuppen und anschließend für wenige Wochen als Käfer die Welt erkunden. Diese „Spechtspeisekammer“ können Sie besonders gut im Winter entdecken. Nun gibt es keine frei laufenden Ameisen mehr, und fliegende Insekten halten Winterschlaf, versteckt unter abblätternder Borke. Spechte bedienen sich in ihrer Not an totem Holz und hacken lange, helle Späne heraus. Tief im Inneren gelangen sie an die eiweißreichen Larven, die sie für die schwere Arbeit entschädigen. Wo es besonders viel zu holen gab, zeigen völlig zerfaserte und zerlegte Totholzteile am Boden.

Die nächste Kategorie von Spuren ließe sich eher als Reste bezeichnen, und eine kleine Begebenheit am Forsthaus erinnerte mich daran, dass sie auch in diese Gebrauchsanweisung gehören. Ich saß in der Mittagspause auf dem Sofa und biss gerade in mein Käsebrot, als mein Blick nach draußen schweifte und an Schneeflocken hängen blieb. Sie rieselten besonders sanft zu Boden – zu sanft. Beim genaueren Hinsehen entpuppten sie sich als Flaumfedern. Ich stand auf und ging ans Fenster. Die Quelle des Federsegens war schnell klar: Es war ein Eichelhäher, der gerade genüsslich eine Kohlmeise rupfte, um sich deren Fleisch schmecken zu lassen.

Solche kleinen Tragödien passieren sehr häufig unter dem Blätterdach der Bäume; es gibt eine ganze Reihe von Vogeljägern unter den Tieren. Da wären beispielsweise Eichhörnchen, Marder und Füchse, um nur einen Teil der infrage kommenden Säugetiere zu nennen. Unter den Vögeln selbst sind es Rabenvögel, also Elstern, Eichelhäher, Krähen und Raben, dazu Eulenarten wie der Waldkauz oder der Uhu und Greifvögel wie Sperber oder Habicht. Eine typische Rupfung erkennen Sie an einer Federansammlung, die oft auf einem Baumstumpf liegt. Tiere scheinen für ihr Metzgerhandwerk ebenfalls Tische zu bevorzugen. Welche Art es nun genau war, die hier zu Werke ging, können Sie nicht unterscheiden, immerhin aber, ob es ein Säugetier oder ein Vogel war. Denn Letztere haben keine Zähne, und während zum Beispiel der Fuchs hartnäckige Kiele einfach abbeißt, reißen Greifvögel sie im Ganzen heraus. Dort, wo der Schnabel zugepackt hat, findet sich oft eine Kerbe oder ein Knick.

Die Spurensuche kann aber auch ganz anders aufgefasst werden. Wie wäre es, wenn Sie nicht nach tierischen Fährten, sondern nach menschlichen Ausschau hielten? Immerhin sind das die häufigsten Zeichen, die Sie bei einem Waldspaziergang finden können. Und es macht Spaß, ein bisschen Detektiv zu spielen. Da wären etwa Pfützen. Sie eignen sich gut, um zu schauen, wann das letzte Fahrzeug über den Weg gefahren ist. Solange das Wasser noch trübe ist, muss die Durchfahrt vom selben Tag stammen, oft liegt sie weniger als eine Stunde zurück. Eine einfache Reifenspur deutet auf einen Geländewagen hin, eine doppelte auf einen Holz-Lkw. Bei breitem, grobem Profil war eine Erntemaschine unterwegs, die entweder Bäume abgesägt oder diese an den Weg transportiert hat. In diesem Sinne kann es spannend sein, die Spuren anderer Menschen zu untersuchen.

Erfahrungen und Tipps rund um Natur- und Umweltfragen

Blick ins Buch
Kielings kleine WaldschuleKielings kleine Waldschule

Vom Leben in der Natur

Andreas Kielings Videoblog „Kleine Waldschule“ wird auf Facebook millionenfach aufgerufen und tausendfach geteilt. Der bekannte Dokumentarfilmer und Vortragsreferent diskutiert darin meinungsstark aktuelle Fragen: etwa die Rückkehr der Wölfe in Deutschland oder das Insektensterben und seine fatalen Folgen für das Ökosystem. Jetzt versammelt er die spannendsten Themen erstmals in einem Buch. Basierend auf jahrzehntelanger Erfahrung regt er an, sich mit der Natur neu auseinanderzusetzen. Er vermittelt, wann Großstadtbäume unsere Hilfe brauchen und Vogelfütterungen sinnvoll sind, was man über Biotope im näheren Umfeld, über Bienenhotels, Ameisenpopulationen, Krötenwanderungen oder Wildbegegnungen im Wald wissen sollte.

Vorwort
Mit etwa vierzig hatte ich die Befürchtung, dass mein Interesse an Tieren und generell an der Natur nachlassen könnte, wenn ich erst einmal sechzig wäre, dass ich dann satt wäre, dass meine Neugierde und mein Wissensdurst vergehen könnten. Für jemanden, der als Tierfilmer sein Geld verdient, wäre das eine mittlere Katastrophe. Doch je älter ich werde und je mehr ich verstehe, wie die Natur funktioniert, was die Dinge zusammenhält, desto mehr hinterfrage und erkenne ich, und desto mehr zieht es mich wiederum hinaus. Wenn ich beschreiben müsste, was mich mit der Natur verbindet, würde ich sagen, sie beseelt mich. Es macht mich glücklich, wenn ich draußen in der Natur sein kann. Jetzt sogar mehr als mit dreißig oder vierzig. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich heute mehr andere Verpflichtungen habe und nicht mehr so viel draußen sein kann wie früher. Dennoch nimmt die Natur nach wie vor einen sehr, sehr großen Teil meines Lebens ein.
An dieser Liebe, dieser Glückseligkeit, die ich in der Natur erfahre, will ich möglichst viele Menschen teilhaben lassen, und so entstand schließlich die Idee zur „Kleinen Waldschule“ auf Facebook. Interessanterweise sind meine Follower auf der einen Seite Menschen, die die Natur eher pragmatisch und realistisch sehen. Sie wandern viel, sind selbst viel draußen, erleben die Natur, fühlen, hören, sehen sie, machen sich ihr eigenes Bild. Einige finden zum Beispiel die Jagd nicht so prickelnd, andere sehen durchaus deren Notwendigkeit ein, lehnen aber die Trophäenjagd ab. Auf der anderen Seite gibt es die Follower, die quasi stellvertretend durch mich die Natur erleben. Sie haben sich oft ein sehr romantisches Bild von der Natur geschaffen und stören sich an vielen von dem, was ich sage, zum Beispiel, dass Tiere instinktgesteuert sind, nicht so sozial, gerecht, harmonisch oder wie auch immer wir sie gern hätten und sie uns wünschen. Das führt dazu, dass einzelne Follower mir sogar die „Freundschaft“ kündigen, weil sie sich ihre idealisierte Vorstellung von der Natur nicht zerstören lassen wollen. Eines ist aber ganz klar: Die Natur ist nicht per se gut. Genauso wenig, wie sie per se böse ist. So wenig, wie Wölfe, Giftschlangen oder Knollenblätterpilze „böse“ sind. Diese moralische Klassifizierung kennen nur wir Menschen.
Ich hoffe, dass es mir mit diesem Buch und überhaupt mit meiner Arbeit – Filmen, Büchern, Vorträgen, Beiträgen auf Facebook und was ich sonst noch mache – gelingt, zumindest mit einem Teil der Klischees, der Vorurteile und Ängste aufzuräumen, die in Deutschland gegenüber Tieren herrschen, das Interesse an der Natur an sich zu wecken, an den vielen Phänomenen, die es zu entdecken und zu schützen gilt. Das große Ganze ist mir wichtig, daher verzichte ich weitgehend darauf, Einzelfakten zu erwähnen, die man genauso gut im Internet nachlesen kann, etwa, wie groß, wie schwer oder wie alt eine Tierart werden kann.


Einleitung
Meine ersten intensiven Naturerlebnisse hatte ich naturgemäß in Deutschland. Doch dann habe ich Bernhard Grzimek, Wolfgang Ullrich und Heinrich Dathe im Fernsehen gesehen, habe die Abenteuerromane von Jack London, Ernest Hemingway und Mark Twain gelesen. Die Natur wurde in diesen Büchern als übermächtig und sehr gefährlich dargestellt, trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen träumte ich bald davon, in die große weite Welt hinauszuziehen. Zumal ich in Thüringen mittlerweile quasi jede Ameise mit Namen kannte. Nach meiner Flucht aus der DDR heuerte ich daher als Siebzehnjähriger auf einem Schiff an, in der Hoffnung, möglichst viele fremde Länder kennenzulernen. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich mein erstes Känguru sah. Es war sehr klein, ein Wallaby, und ich dachte, komisch, Kängurus habe ich mir viel größer vorgestellt.
Die Seefahrt war auf Dauer nichts für mich, und so verfiel ich auf die Idee, Förster zu werden. Wald und Tiere, das waren genau die zwei Dinge, die mich am meisten faszinierten. Nichtsdestotrotz war der Wunsch, mehr von der Welt kennenzulernen, ungebrochen. So ging ich 1988 im Auftrag der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit für fast ein Jahr nach China, um dortige Kollegen dabei zu unterstützen, den Wald ertragreich zu bewirtschaften. In den ersten Jahren als Tierfilmer zog es mich nach Alaska, dann nach Afrika, nach Sibirien, nach Australien. Und immer wieder nach Alaska. Die ganzen Jahre über beschäftigte mich die Frage, ob meine Kinder später einmal noch einen Eisbären, einen Panda, einen Berggorilla oder einen äthiopischen Wolf sehen würden.
Mit Anfang fünfzig kam dann eine Art „Rückbesinnung“ auf Deutschland. Zum Teil, weil ich von den manchmal recht strapaziösen Reisen doch etwas angeschlagen war. Wochenlang bei Minusgraden durch Alaska zu ziehen, Nacht für Nacht auf steinhart gefrorenem Boden zu schlafen und ständig die Fotoausrüstung und so einiges mehr (Zelt, Schlafsack, Verpflegung etc.) zu schleppen steckt man mit über fünfzig nicht mehr so leicht weg wie mit dreißig. Dazu kamen Hautveränderungen und grauer Star durch die immense UV-Strahlung und das grelle Licht auf dem Packeis. Ein ausschlaggebendes Ereignis war aber mit Sicherheit 2009 die Wanderung entlang der 1400 Kilometer langen ehemaligen innerdeutschen Grenze, die auch eine Reise zurück in meine Vergangenheit war. Nach den unzähligen Erfahrungen und Erlebnissen überall in der Welt hatte ich nun einen völlig anderen Blick auf die Natur vor der Haustür und entdeckte sie zwar nicht neu, aber wieder. Und stellte fest: Meine Güte, die Natur hier ist ja genauso interessant. Und hier ist richtig viel los. Tiere, die in meiner Kindheit und Jugend praktisch nicht auffindbar waren, wie zum Beispiel Uhus, Wanderfalken oder Schwarzstörche, oder die in Deutschland schlichtweg ausgestorben waren wie Luchse und Wölfe, sind auf einmal wieder präsent. Bei den Amphibien und den Insekten hat es sich leider in die andere Richtung gedreht; als Kind wäre ich nie auf die Idee gekommen, einem Segelfalter oder Schwalbenschwanz, mit Sicherheit einer der schönsten Tagfalter, hinterherzujagen, weil man sie noch ständig sah.
Diese Faszination wollte ich teilen, und weil ich gern erzähle und es gewohnt bin, mich vor der Kamera so zu verhalten, wie ich auch im richtigen Leben bin, begann ich kurze Videos für Facebook zu drehen. Ich wollte keine großen epischen Geschichten erzählen, sondern eher bestimmte Fakten vermitteln, dies aber mit Leichtigkeit. So wie ich als Schuljunge mit dreizehn, vierzehn oder fünfzehn meinen Kumpels von meinen Abenteuern im Wald erzählte. Während meine Freunde unter „Abenteuer“ das Knutschen mit Mädchen verstanden, fand ich es faszinierend, was man im Wald alles entdecken konnte. Ich wusste genau, wo ein großer Ameisenhaufen war, wo man eine Blindschleiche oder einen frischen Maulwurfshügel fand, wo in einem kleinen Tümpel Molche lebten, ich kannte die Verstecke von Erdkröten, wusste, wo es Forellen gab, wo man im Herbst hingehen musste, um einen röhrenden Hirsch nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen. Und wenn sich mal ein Mädchen für mich interessierte, wollte ich sie daran teilhaben lassen. Tatsächlich konnte ich das eine oder andere Mädchen dazu überreden, mit mir in den Wald zu gehen, wo ich dann auch meinen ersten Kuss erhielt, und ich weiß bis heute, wie das Mädchen roch. Doch keines teilte meine Begeisterung für die Entdeckungen, die es in der Natur zu machen galt.
Damals hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich später einmal eine Freundin haben würde, die genauso naturbegeistert ist wie ich und eine unglaubliche Entdeckerlust hat, und dass mir einmal Tausende Mädchen und Frauen – zumindest virtuell auf Facebook – in den Wald folgen würden. Der Zeitgeist ist heute eindeutig ein anderer als zu meiner Schulzeit; die Jugend von heute begeistert sich nicht nur für Ed Sheeran, Rihanna oder Apache 207, sondern auch für Tiere und die Natur im Allgemeinen. Jedenfalls hatte ich innerhalb kürzester Zeit eine Menge Follower, und zwar aus sämtlichen Alters- und Berufsgruppen, die beständig weiter anwuchs. Inzwischen sind es über 300.000. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass zum Beispiel mein Post über einen Nachtfalter namens Taubenschwänzchen fast 2500 Kommentare erhalten würde. Das Video über das Insektensterben wurde 4,9 Millionen Mal aufgerufen und über 28.000 Mal geteilt, und dasjenige über „Bruder Wolf“, eine Art Nachruf auf den vermeintlichen „Problemwolf“ Kurti, der im April 2016 im Auftrag der niedersächsischen Landesregierung getötet worden war, hatte weit über 1,2 Millionen Aufrufe und wurde über 25.000 Mal geteilt. Dieses enorme Interesse an meinen kleinen Filmchen und Beiträgen macht mich glücklich, und es verleiht mir außerdem Energie und Durchhaltekraft, denn oft erfordert es viel Ausdauer, einem Tier oder auch einer Pflanze auf der Spur zu bleiben. Wenn ich dann aber dieses positive Feedback bekomme, spornt mich das immer wieder an.
Ich sehe meine Facebook-Seite ein bisschen als Naturforum, wo diskutiert wird und ich eigentlich nur den Anstoß gebe. Es kommen aber auch Anregungen von Followern wie „Machen Sie doch mal was über fleischfressende Pflanzen“ – davon haben wir immerhin drei in Deutschland: Sonnentau, Fettkraut und Wasserschlauch. Allerdings ist die Kleine Waldschule nur eines von vielen meiner Projekte, und ich habe keine große Redaktion im Rücken, die mich dabei unterstützt, weshalb ich leider viele dieser Ideen nicht aufgreifen kann.
Über die zahlreichen Follower auf Facebook wurde auch schon das eine oder andere im Bereich Naturschutz bewirkt. Einer der größten und erfolgreichsten Posts, die ich jemals hatte, war über Wildtierrettung, genauer über die Rettung von Rehkitzen. Dieser Post hat viele Menschen berührt und – und das ist das Entscheidende – zur Nachahmung angestiftet. Als ich den ersten Videoaufruf dieser Art startete, schrieben viele Facebook-Freunde, dass sie sich daraufhin einem Hegering – so nennt man die kleinste Organisationseinheit der Jäger – oder einer Kreisgruppe der Jägerschaft, dem NABU, dem BUND oder einer kleinen lokalen Naturschutzgruppe angeschlossen haben, um unter fachkundiger Anleitung Wiesen abzusuchen und Rehkitze vor dem anrückenden Kreiselmäher zu retten. Mal waren es zwei, mal drei, mal vier Kitze, die in Sicherheit gebracht werden konnten. Überwältigende vier Millionen Mal wurde das Video angesehen. Daran kann man erkennen, dass die Neuen Medien nicht nur Unterhaltung und Tinnef sind, sondern dass man damit sehr effektiv etwas bewegen kann. Ich habe mehrmals über die Jahre hinweg auf Facebook den Aufruf gestartet, dass man sich zur Jungwildrettung melden soll, und bin tatsächlich stolz darauf, dass das bestimmt mehrere Hundert Rehkitze vor dem Mähtod bewahrt hat. Fraglich, ob ein Aufruf in einer Zeitung oder im Radio zu einer ähnlichen Resonanz geführt hätte.
Mit meinem Interesse an der Natur speziell in unserer Heimat bin ich also nicht allein. Immer mehr Deutsche, vor allem auch junge, verbringen zudem ihren Urlaub in Deutschland. Das mag ökologische Gründe haben; eine andere Ursache liegt vielleicht darin, dass aus den Medien im Grunde alle Ecken dieser Welt bekannt sind und so mancher mittlerweile der exotischen Ziele irgendwie überdrüssig ist. Und es entdecken eben immer mehr Menschen, wie unendlich abwechslungsreich unsere Heimat ist: Wir haben mit der Nord- und der Ostsee zwei Meere, wir haben Mittelgebirge und mit den Alpen ein Hochgebirge, wir haben ausgedehnte Wälder und Tausende Seen; mittlerweile haben wir sogar fast savannenähnliche Gebiete in Brandenburg, in denen weniger Niederschläge fallen als in der Serengeti. Und wir haben höchst unterschiedliche Dialekte, Trachten, Traditionen, dazu jahrhundertealte Baudenkmäler wie Burgen, Schlösser oder Kirchen. Und seit das Wandern ein richtiger Trendsport auch unter Jugendlichen geworden ist, steigt das Interesse an Tieren und Pflanzen immer weiter an. Man will wissen: Der Schmetterling da in der Burgruine, wie heißt der? Die hübsche rote Blume auf der Hochalm, was ist das für eine?


Unser Verhältnis zur Natur und zu Tieren
Dem Interesse an der Natur einerseits, das ich zum Beispiel bei meinen Facebook-Followern feststelle, steht andererseits eine gewisse Entfremdung von der Natur gegenüber. Mich erstaunt immer wieder, wie viele Menschen heutzutage allergisch auf ganz natürliche Substanzen wie Heu, Hausstaub, Erdnüsse oder Äpfel reagieren – und ich meine damit die „echten“ Allergien, also eine Abwehrreaktion des Immunsystems, nicht die Lebensmittelunverträglichkeiten, bei denen der Stoffwechselprozess gestört ist. Zu viel Hygiene in der Kindheit, das ist von der Wissenschaft bestätigt, behindert die Entwicklung unseres Immunsystems: Ein Immunsystem, das wenig mit (nicht krank machenden) Mikroben und (ungefährlichen) Parasiten in Kontakt kommt, sucht sich andere „Gegner“ und findet sie zum Beispiel in der Milch oder im Obst. Ein Beleg dafür ist, dass Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, wo sie unweigerlich mit „Schmutz“ in Kontakt kommen, weit seltener an Allergien und Asthma leiden als Stadtkinder.
Dass wir uns (zu) weit von der Natur entfernt haben, zeigt sich meines Erachtens auch in der Angst oder dem Ekel vor allen möglichen Tieren. Man denke nur daran, wie viele Menschen sich vor Spinnen fürchten und teilweise regelrecht hysterisch reagieren, obwohl ihnen keine einzige der in Deutschland heimischen Spinnen gefährlich werden kann; oder wie viele Menschen, auch Nicht-Allergiker, wild um sich schlagen, wenn eine Biene oder eine Wespe sie umschwirrt. Das ist Ausdruck einer zivilisationsgeschichtlich relativ neuen Entwicklung, denn als die meisten Menschen noch auf dem Land lebten, wäre eine Phobie gegen die dort allgegenwärtigen Tiere höchst unpraktisch gewesen. Heute haben viele Menschen noch nie in ihrem Leben einen Regenwurm angefasst, weil sie sich vor der vermeintlich glitschigen Haut ekeln; sie wissen daher gar nicht, dass sich ein Regenwurm in Wirklichkeit trocken anfühlt. Noch bis Mitte der 1950er-Jahre kam in Jahren, in denen es massenhaft Maikäfer gab, Maikäfersuppe auf den Tisch; heutzutage würde das kaum einer mehr anrühren. Viele Insekten finden wir widerlich, dabei sind die meisten der kleinen Krabbler äußerst nützliche Lebewesen. Allenfalls Bienen werden akzeptiert, weil sie uns unseren geliebten Honig liefern, und in neuerer Zeit auch, weil ihre immens wichtige Rolle im Ökosystem erkannt wurde.
Im Grunde ist unser Verhältnis zur Natur, zu Wildtieren und sogar zu Pflanzen höchst ambivalent. Wir unterscheiden sie in gut und böse, in giftig und genießbar, in putzig und hässlich, in Nützling und Schädling. Wenn sie unseren Vorstellungen entsprechen, dürfen sie bei uns leben, wenn nicht, sind sie uns suspekt und sollen (wieder) verschwinden. Mit „Vorstellungen“ meine ich, dass die Tiere sich so verhalten, wie wir es gern hätten. So sollen Beutegreifer gefälligst unsere Nutztiere in Ruhe lassen, und vor allem die größeren sollen sich an das Gebiet halten, das wir für sie vorgesehen haben. Tieren dichten wir zudem menschliche Attribute und Verhaltensweisen an. Vielleicht nicht gerade einer Maus oder einem Fisch, aber großen Beutegreifern, und das ist einer der Gründe, warum viele keine Wölfe, Luchse oder Bären bei uns haben wollen. Manche Menschen glauben nämlich tatsächlich, diese Tiere wären uns feindlich gesinnt und würden sich an uns dafür „rächen“ wollen, dass wir sie hier in Deutschland einmal ausgerottet haben. Das ist Menschendenken und, mit Verlaub, Blödsinn, denn Tiere denken oder empfinden einfach nicht so.
Eine ganz ähnliche Einstellung wie gegenüber großen Prädatoren haben manche Menschen generell der Natur gegenüber. Sie denken, weil wir die Natur jahrhundertelang ausgebeutet haben, weil wir Wälder roden, Moore trocken legen, Tier- und Pflanzenarten ausrotten, Böden, Luft und Wasser vergiften, würde sie „zurückschlagen“, also durch Stürme, Überschwemmungen, Dürren und Ähnliches Vergeltung üben wollen. Dabei ist das alles lediglich eine Frage von Ursache und Wirkung – und die Ursache sind wir.
Wenn man der Natur unbedingt menschliche Verhaltensweisen zuschreiben möchte, dann müsste man sagen: Sie ist erstaunlich belastbar, und sie reicht uns immer wieder die Hand. Tiere, die wir in Deutschland ausgerottet haben, kommen freiwillig zurück, wenn wir es zulassen, wie beispielsweise der Luchs (um nicht immer nur den Wolf zu nennen), oder lassen sich wieder ansiedeln, wie etwa der majestätische Bartgeier. Areale, auf denen Soldaten jahrzehntelang Krieg spielten, verwandeln sich in relativ kurzer Zeit von einem Truppenübungsplatz in ein Stück Natur, auf dem sich seltene Tiere wie der Wolf oder die Gelbbauchunke heimisch fühlen. Sogenannte tote Flüsse, in denen es aufgrund der hohen Verschmutzung kaum mehr Leben gab, erholen sich, sobald wir Menschen unsere Abwässer aus den Haushalten und der Industrie nicht mehr ungefiltert in die Gewässer entsorgen. Der Rhein und die Themse waren beide bereits einmal tot, trübe, stinkende Kloaken. Heutzutage ist der Rhein streckenweise „nur“ noch „mäßig belastet“, und die Themse ist sogar einer der saubersten Hauptstadtflüsse weltweit.
Das alles könnte in einer Spalte mit der Überschrift „einerseits“ stehen. Andererseits nämlich wird trotz aller Defizite in Deutschland eigentlich viel für den Naturschutz getan. Großen Anteil haben die Hunderttausende Freiwilligen, die sich in Naturschutzgruppen organisieren. Oft sind das nur kleine Kreisgruppen oder selbst ernannte Verbände. Aber auch jeder Einzelne von uns kann – in kleinem Maßstab – etwas tun: Indem er oder sie zum Beispiel den Balkon in ein Wildblumen- und Insektenparadies verwandelt, das Gärtchen der Erdgeschosswohnung oder den kleinen Garten ums Einfamilienhaus „verwildern“ lässt und nur mit Wasser aus einer Regentonne gießt. Oder die Menschen, die, in größerem Maßstab, Hecken und Randstreifen zwischen ihren Äckern anlegen, Flächen mal länger brachliegen oder vielleicht sogar mal ein Feld Wiese werden lassen. Oder sich in Großstädten mit Gleichgesinnten in „Urban Gardening“-Projekten zusammentun und auf ehemaligen Brachflächen Nutzpflanzen ziehen. Auch ist die Bereitschaft, an Naturschutzorganisationen zu spenden, enorm hoch. Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) zum Beispiel, die sich dem Erhalt bedrohter Wildtiere und deren Lebensräume verschrieben hat, kann mit dem eingesammelten Geld derzeit dreißig Programme und Projekte weltweit unterstützen: vom Schutz der Buchenwälder in der Hohen Schrecke in Thüringen über den Erhalt eines der größten Wildnisgebiete Europas, des Belovezhskaya Pushcha-Urwalds in Weißrussland, bis zur Förderung der Wiederansiedlung von wild lebenden Spitzmaulnashörnern im Nationalpark North Luangwa in Sambia. Und natürlich steht immer noch die Serengeti im Fokus, die Region, mit der in den 1950er-Jahren alles begann. Ältere Leser erinnern sich bestimmt noch an den berühmten Dokumentarfilm Serengeti darf nicht sterben, den Professor Bernhard Grzimek, der Gründer der ZGF, 1958 drehte.
Wo ich dringenden Handlungsbedarf sehe, ist bei unserem Umgang mit Lebensmitteln. Jedes Jahr landen in Deutschland nach Berechnungen der Universität Stuttgart fast dreizehn Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Nebenbei: Weltweit sind es rund 1,3 Milliarden Tonnen, während gleichzeitig laut dem UN-Report „Die Situation der Nahrungssicherheit und Ernährung in der Welt“ über 821 Millionen Menschen hungern. In Privathaushalten werfen wir pro Kopf 85,2 Kilogramm Nahrungsmittel in den Müll – fast die Hälfte davon, weil wir nicht bewusst einkaufen, Obst und Gemüse nicht richtig lagern und Reste nicht verwerten. Auch die Landwirtschaft, die Lebensmittelverarbeitung und die Gastronomie tragen natürlich ihren Teil bei. Nimmt man sie in die Rechnung mit auf, könnte die Lebensmittelverschwendung um die Hälfte reduziert werden. Das würde landwirtschaftliche Nutzflächen überflüssig machen, auf denen letztlich blühende Wiesen für Insekten und andere Tiere entstehen könnten. Das muss nicht heißen, dass Landwirte dadurch finanzielle Nachteile haben, wenn wir, statt viele billige Lebensmittel zu kaufen und vierzig Prozent davon wegzuwerfen, weniger Essen kaufen, dafür von guter Qualität, und den Landwirten dafür einen adäquaten Preis bezahlen. Doch genau darin liegt das Problem. Gerade weil Lebensmittel bei uns relativ wenig kosten – die Lebensmittelpreise in Deutschland sind im Schnitt deutlich günstiger als die in anderen westeuropäischen Ländern wie Italien und Frankreich –, wird so sorglos und verschwenderisch damit umgegangen.
Naturschutz in Deutschland – da geht noch was
Privatinitiativen sind das eine, staatliche Maßnahmen das andere. Der deutsche Staat tut im Vergleich zu etlichen anderen Staaten zwar relativ viel für den Naturschutz, könnte und sollte meines Erachtens aber weit mehr tun. Im Jahr 2019 beliefen sich laut www.bundeshaushalt.de die Ausgaben des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) auf 2,287 Milliarden Euro. Hört sich erst einmal gut an. Bis man genauer hinschaut. Das sind nämlich gerade einmal 0,64 Prozent des Gesamthaushalts. Und der mit Abstand größte Batzen, nämlich fast 984 Millionen Euro – beziehungsweise 43 Prozent –, floss in die Zwischen- und Endlagerung radioaktiver Abfälle. Der Klimaschutz war unserer Regierung gerade einmal 540 Millionen Euro wert (knapp 24 Prozent des Etats vom BMU). Der Umweltschutz musste sich mit 154 Millionen (6,73 Prozent) und der Naturschutz sogar mit nur gut 95 Millionen Euro, schlappen 4,18 Prozent, zufriedengeben.
Rechnen wir Umwelt- und Naturschutz zusammen, geben wir dafür also gerade einmal 250 Millionen Euro aus – bei einem Gesamthaushalt von fast 357 Milliarden. Das ist absolut unverhältnismäßig, zumal wir ja nicht nur die Natur vor unserer Haustür benutzen, gefährden und zerstören, sondern auch in anderen Teilen der Welt. Für den Bedarf an Palmöl wird immens viel tropischer Regenwald abgeholzt. Ich bin stundenlang über Ölpalmenplantagen auf der indonesischen Insel Sumatra geflogen. Auf Malaysia, nach Indonesien der zweitgrößte Produzent von Palmöl, bietet sich dasselbe Bild. Nun betreiben aber Indonesien und Malaysia nicht deshalb Raubbau an ihren Urwäldern, weil sie selbst einen enorm hohen Bedarf an Palmöl hätten. Allein wir Deutschen importieren pro Jahr fast 1,5 Millionen Tonnen Palmöl. Es kann in Kosmetikartikeln stecken (auch in mancher Naturkosmetik!), in Shampoos, Seifen, Bodylotions und Duschgels, in Wasch- und Putzmitteln, in Kerzen, in Butter, Margarine und Brotaufstrichen, in Keksen, Schokolade und Eiscreme, in Tütensuppen, Fertigprodukten und, und, und. Und sogar in Babynahrung, obwohl seit Jahren bekannt ist, dass bei der industriellen Verarbeitung von Palmöl und Palmfett gefährliche Schadstoffe entstehen, wenn sie über 200 °C erhitzt werden – und das ist bei industrieller Fertigung sehr häufig der Fall. In erster Linie wird Palmöl aber zur Herstellung von Biosprit verwendet. Das macht mich immer wieder fassungslos: Es wird Regenwald gerodet, um Biosprit zu produzieren! Biosprit können wir Verbraucher aber gar nicht vermeiden, da die Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU von 2009 die Beimischung von Agrosprit in Benzin und Diesel vorschreibt. Im Supermarkt und im Drogeriemarkt können wir jedoch sehr wohl auf Produkte mit Palmöl verzichten und stattdessen zu palmölfreien Alternativen greifen. Manchmal steht die palmölfreie Variante im Regal sogar direkt neben der palmölhaltigen.
Es wird in Deutschland also viel von Umwelt- und Naturschutz geredet und bereits viel dafür getan, aber unter dem Strich ist es definitiv zu wenig. Im Jahr 2019 erreichten wir schon am 3. Mai den sogenannten Welterschöpfungs- oder Erdüberlastungstag, den Tag, an dem wir die Ressourcen verbraucht haben, die uns rein rechnerisch für das ganze Jahr zustehen, ab dem wir sozusagen Schulden bei der Erde machen. Der „Earth Overshoot Day“, wie dieser Tag oft auch in deutschen Texten genannt wird, wird für jedes einzelne Land und für die Welt als Ganzes berechnet. Deutschland war drei Monate schneller als der Durchschnitt, dank ökonomisch schwacher Länder fiel der weltweite Earth Overshoot Day nämlich „erst“ auf den 29. Juli. Platz 1 sicherte sich übrigens Katar (11. Februar), Platz 2 Luxemburg (16. Februar). In Luxemburg schlägt sich vor allem der hohe CO2-Ausstoß nieder, was vielen Flügen und dem Benzintourismus geschuldet ist.
Unser unverantwortlicher Umgang mit der Umwelt zeitigt in manchen Bereichen bereits drastische Folgen, so zum Beispiel bei den Insekten.


Warum unsere Insekten sterben und was wir dagegen tun können
Als ich ein Kind war, waren Käfer, Waldameisen, Würmer, Engerlinge, Schnecken, Schmetterlinge und Motten, also nachtaktive Schmetterlinge, etwas völlig Normales. Wir Kinder schwärmten noch aus und sammelten Kartoffelkäfer von den Kartoffelsträuchern ab – wir bekamen dafür sogar Geld. Wenn wir über eine Wiese liefen, begleitete uns das Zirpen unzähliger Heuschrecken. Der Maikäfer war ein Allerweltstier, so häufig, dass wir ihn sammelten und an die Hühner verfütterten. Etwa alle vier Jahre gab es besonders viele dieser Blatthornkäfer mit den charakteristischen fächerförmigen Fühlern, denn zwischen drei und fünf Jahren dauert ihre Metamorphose vom Ei bis zum fertigen Insekt. Dann fraßen sie in manchen Regionen die Bäume kahl und waren eine regelrechte Plage. Nur wenige Jahre später hatte ich Mühe, in einem guten Maikäferjahr zehn von ihnen zu fangen. Die Tiere waren so selten geworden, dass es sogar ein Lied darüber gab. Die älteren Leser erinnern sich vielleicht noch an Reinhard Meys „Es gibt keine Maikäfer mehr“ aus dem Jahr 1974. Meys Abgesang auf die Maikäfer ging in den allgemeinen Sprachgebrauch ein und dokumentierte Artensterben bei uns schon vor fast fünfzig Jahren.
Insekten gab es lange Zeit in solch rauen Mengen, dass man kaum gedacht hätte, dass es mal schlecht um sie stehen könnte. Aber dann wurden mit akribischer Systematik Agrarflächen und im Übrigen auch Wälder mit Herbiziden und Fungiziden besprüht, und natürlich mit Insektiziden, allem voran dem berüchtigten DDT. Das war ein Megagift nicht nur für Insekten, sondern auch für insektenfressende Vögel. Deren Eier wurden aufgrund des DDT so dünnschalig, dass der Nachwuchs kaum mehr eine Überlebenschance hatte. Das Gift reicherte sich in der Nahrungskette immer mehr an und wurde so zum Beispiel auch Greifvögeln, Eulenvögeln, Füchsen und Mardern zum Verhängnis. Ich gehe davon aus, dass sich viele Arten bis heute nicht vom hemmungslosen Gebrauch von DDT erholt haben, obwohl es bereits seit über vierzig Jahren (seit 1. Juli 1977) verboten ist. Das Ausbringen anderer Gifte und regelrechter Giftcocktails wurde derweil munter fortgesetzt. Das konnte nicht spurlos an der Natur vorübergehen, denn nicht nur DDT, jedes Gift potenziert sich in der Nahrungskette.
Hinzu kommt, dass die Kulturpflanzen, die wir anbauen, immer weniger für Insekten geeignet sind. In den riesigen Feldern mit Monokulturen haben Insekten überhaupt keine Chance, ausreichend Nahrung zu finden, vom Rapsglanzkäfer und anderen spezialisierten Schadinsekten abgesehen, und an den Rändern lässt die industrielle Landwirtschaft keinen Raum mehr für Grünstreifen, Hecken und Büsche. Selbst eine Wiese besteht heutzutage aus Hochleistungsgras: aus Weidegras oder aus Energiegras für Biogasanlagen, das nicht einmal mehr blüht. Diese Grünlandflächen sehen vielleicht ganz hübsch aus, wenn ihnen im Frühjahr Huflattich und Löwenzahn gelbe Sprenkel verpassen. Doch da hält sich keine Hummel auf, keine Feldlerche, nichts. Nach der Mahd wird Gülle draufgesprüht oder das übrig gebliebene Substrat aus der Biogasanlage, und spätestens dann ist das letzte Insekt tot. Falls überhaupt noch eines dort gelebt hat.
Die Forstwirtschaft trug ebenfalls ihren Teil bei. Wirtschaftswälder wurden sauber aufgeräumt, in den Monokulturen standen die Bäume ohnehin in Reih und Glied. Für umgestürzte Bäume oder Baumstümpfe war da kein Platz, das Totholz musste raus. Ich frage mich immer, warum man von „Totholz“ spricht, denn es ist ja alles andere als tot. In Totholz steckt sogar mehr Leben als in „lebendigem“ Holz – jedenfalls was Insekten betrifft: Es ist Lebensgrundlage für holzfressende Insekten, Lebensraum für Insekten, die in den Löchern und Gängen, die ihre holzfressenden Kollegen schufen, ihre Bruten ablegen. In dem Totholz gedeihen Pilze und Bakterien, von denen sich verschiedene Larven ernähren. All die Totholzbewohner sind wiederum Nahrung für größere Insekten und für insektenfressende Tiere. Für sie ist Totholz wie ein Tischleindeckdich.
Lichtverschmutzung ist ein weiterer Punkt. Nachtaktive Insekten, also immerhin die Hälfte aller Insektenarten, brauchen die Dunkelheit und das Licht vom Mond und den Sternen, um sich zu orientieren, um Nahrung zu suchen, um sich fortzupflanzen, um Räubern auszuweichen. Was sie garantiert nicht brauchen, sind künstliche Lichtquellen von Reklameschildern, Industrieanlagen, Straßenlaternen und dergleichen, denn die stören ihre Aktivitäten, locken sie aus dunklen Ökosystemen fort, die dadurch in Bezug auf Insekten verarmen, und machen sie zur leichten Beute von nachtaktiven Vögeln oder Fledermäusen. Viele Insekten sterben auch durch künstliche Lichtquellen, weil sie gegen das Glas donnern, hinter dem das Licht leuchtet, zu Boden fallen und dort zertreten oder überfahren werden.
Über 27 Jahre hinweg, von 1989 bis 2015, erfasste der Entomologische Verein Krefeld den Bestand von Insekten an sechzig ausgewählten Standorten – mit verheerendem Ergebnis: Die Entomologen gehen davon aus, dass wir 75 Prozent der Biomasse an Insekten verloren haben. Der Verlust zog sich durch sämtliche Arten. Es hat Schmetterlinge getroffen und Libellen, Käfer und Heuschrecken, Ameisen und Wespen … Den meisten Menschen war bis dahin nur aufgefallen, dass so gut wie keine Insekten mehr an der Windschutzscheibe ihrer Autos klebten und dass extrem wenige Bienen unterwegs waren. Der Begriff „Insektensterben“ bezieht sich aber nicht nur auf die Anzahl der Insekten, also eben die Biomasse, sondern auch auf das Verschwinden ganzer Arten.
Die sogenannte Krefelder Studie, die im Herbst 2017 erschien und deren Hiobsbotschaft von den Medien bereitwillig aufgegriffen wurde, rüttelte viele auf. Unfassbare 4,9 Millionen Mal wurde mein erster Post zum Insektensterben auf Facebook aufgerufen – ein klares Indiz dafür, wie sehr dieses Thema die Menschen berührt. Es entbrannten heiße Diskussionen. Die schönsten Kommentare kamen aber von Leuten, die nicht nur tolle Tipps gaben, sondern selbst mit gutem Beispiel vorangehen, die etwa auf brachliegenden Äckern – natürlich mit Zustimmung der Landwirte – Sonnenblumenkerne und die Saat von Wildblumen aussäen; die ihren Rasen statt jede Woche einmal im Monat mähen oder dem Gras sogar nur einmal im Jahr mit der Sense zu Leibe rücken, damit Löwenzahn, Klee und andere Wildpflanzen gedeihen können; die auf ihrem Balkon in der Stadt Glockenblumen, Karthäusernelken und andere einheimische Blumensorten pflanzen, die zu unseren Insekten „passen“, statt tropische Sorten wie Passionsblume oder Engelstrompete, mit deren Blüten viele Insekten hier nichts anfangen können, weil zum Beispiel ihre Saugrüssel nicht lang genug sind, um an den Nektar heranzukommen.
Wenn wir schon bei Maßnahmen sind, die Insekten anlocken und/oder ihnen eine Heimstatt bieten, dürfen Insektenhotels nicht fehlen. Die Dinger sind nicht groß und haben auf jedem Balkon, in jedem Garten Platz. Es gibt sie zum Beispiel nur für Wildbienen, nur für Hummeln oder nur für Schmetterlinge oder quasi als WG, in der Wildbienen, Schlupf- und Grabwespen, Flor- und Schwebfliegen, Marienkäfer, Ohr- und Glühwürmchen ein Zuhause finden. Fertige Insektenhotels gibt es in jedem Gartencenter, Hobbybastler finden Baupläne im Internet. Noch leichter kann es einem nicht gemacht werden, seinen Teil zur Rettung von Insekten beizutragen. Ein absolutes No-Go sind in diesem Zusammenhang die Zäune aus mit Steinen gefüllten Drahtkörben, die seit einigen Jahren in Mode sind.
Die Konsequenzen aus dem Insektensterben wären logischerweise, dass wir den Einsatz von Pestiziden, speziell Insektiziden, entweder stoppen oder zumindest deutlich minimieren; dass wir zwischen den großen landwirtschaftlichen Nutzflächen Randstreifen wachsen lassen; dass wir deutlich mehr Flächen Brachland sein lassen, wo wachsen darf, was wachsen will, vor allem sehr viele Wildkräuter und auch Wildblumen, die über die Vegetationsperiode hinweg verteilt blühen; dass wir im Wald Totholz liegen lassen. Wie förderlich sich das auswirken würde, lässt sich am Grünen Band zeigen, dem großen Naturschutzprojekt entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Auf bis zu zweihundert Meter Breite und ungefähr 1400 Kilometer Länge gab es vierzig Jahre lang keine Land- oder Forstwirtschaft, stattdessen den berüchtigten Todesstreifen mit Zäunen, Lichtsperren, Gräben und Selbstschussanlagen. Auf DDR-Seite schlossen sich ein Schutzstreifen und eine fünf Kilometer breite Sperrzone an, in der sämtliche menschliche Aktivitäten stark eingeschränkt waren. Die Grenze war, so könnte man sagen, der Menschen Leid und der Natur Freud, denn sie bescherte dem Landstrich ungewollt einen äußerst strengen Natur- und Umweltschutz. Das schmale Band, heute eben „Grünes Band“ genannt, wurde zu einem Refugium für Pflanzen und Tiere, darunter über eintausend seltene und gefährdete Arten. Als ich anlässlich des zwanzigsten Jahrestags des Mauerfalls im Jahr 2009 diesem Grünen Band vom Dreiländereck Bayern-Sachsen-Tschechische Republik in der Nähe von Hof bis an die Ostsee folgte, wurde ich selbst Zeuge, wie extrem viele Insekten in dem Gebiet lebten, wie sehr viele seltene Pflanzenarten es gab: Orchideen, fleischfressende Pflanzen, Seidelbast, Aronstab, seltene Gräser, Moose und Flechten. Dasselbe Phänomen kann man auf einstigen Truppenübungsplätzen feststellen. Da wurden Nebelgranaten gezündet, da brannte es mal, wenn mit scharfer Munition geschossen wurde, und da landeten natürlich auch Metallsplitter in den Bäumen. Aber weil dort keine Forst- und Landwirtschaft betrieben wurde, kamen keine Gifte gegen Insekten, Pilze oder Unkraut zum Einsatz, und daher existiert dort eine erstaunlich üppige Fauna und Flora.
Es wäre jedoch zu simpel, das Insektensterben nur der Land- und der Forstwirtschaft in die Schuhe zu schieben, denn letztendlich ist auch unser Konsumverhalten daran schuld. Ich hatte es schon angesprochen: Obwohl die Lebensmittelpreise in Deutschland ohnehin vergleichsweise niedrig sind, wollen wir Verbraucher – jedenfalls sehr viele von uns – immer noch weniger für Gemüse, Obst, Brot und Fleisch ausgeben, und das führt in vielen Fällen erst dazu, dass Landwirte zu radikalen Mitteln greifen, dass sie die zur Verfügung stehenden Flächen ausbeuten und rücksichtslos alles bekämpfen, was den Kulturpflanzen in irgendeiner Form schaden könnte. Ein Umdenken ist dringend nötig. Lebensmittel müssen einen adäquaten Preis kosten. Das bedeutet für mich, dass der Preis es den Landwirten ermöglichen muss, in einer umwelt- und tierwohlgerechten Weise zu produzieren und dabei Gewinn zu erzielen. Nicht jeder kann es sich leisten, nur Lebensmittel in Bioqualität zu kaufen, das ist mir schon klar, aber ein jeder kann in seinem Rahmen einen Beitrag leisten. Ein Schritt ist zum Beispiel, beim Eierkauf auf die aufgedruckten Zahlen und Buchstaben zu achten – eine Null an erster Stelle steht für Bio-Freilandhaltung und damit für artgerechte Tierhaltung. Höhere Preise würden meiner Meinung nach auch dafür sorgen, dass wir unsere Einkäufe besser planen und in der Folge weniger Lebensmittel wegwerfen. Sie erinnern sich? Fast dreizehn Millionen Tonnen landen Jahr für Jahr im Müll …
Als die Krefelder Studie bekannt wurde, nahm ein Penny-Markt in Hannover über Nacht alle Produkte aus dem Regal, bei deren Herstellung in irgendeiner Form Bienen eine Rolle spielen, um auf die Brisanz des Themas aufmerksam zu machen. 1600 der 2500 Artikel verschwanden, mehr als sechzig Prozent! Für Obst und Gemüse braucht es, von wenigen Ausnahmen wie zum Beispiel Ananas abgesehen, Bienen als Bestäuber. Ohne Obst gibt es logischerweise keine Säfte. Auch für Schokolade und Kaffee benötigen wir Bestäuber. Und für Sonnenblumen-, Raps- oder Distelöl. Öl steckt wiederum in vielen Fertiggerichten, also waren auch die weggeräumt worden. Nicht einmal Gummibärchen gab es an jenem Tag, denn die werden mit Bienenwachs überzogen, damit sie nicht zusammenkleben.
Jetzt wird der eine oder andere sagen, Moment mal, wenn es so wenige Insekten und speziell wenige Bienen gibt und die so wichtige Bestäuber für unsere Kulturpflanzen sind, warum gab es dann 2018 so viel Obst? Das hing damit zusammen, dass die Bäume extrem stark geblüht haben, was im Übrigen meistens durch Stress hervorgerufen wird. Stressfaktoren können die Klimaerwärmung oder andere „forstliche Kalamitäten“ wie Pilzbefall oder Schadinsekten sein. Dann legen sich die Bäume praktisch noch mal so richtig ins Zeug, um sich gut zu reproduzieren. Und bei extrem vielen Blüten können auch wenige Insekten viel bewerkstelligen. Außerdem halfen in dem Jahr kräftige Winde bei der Bestäubung. Wir können aber nicht damit rechnen, dass das jedes Jahr der Fall ist. Dann müssten wir die Blüten eigenhändig bestäuben oder Wanderimker engagieren. Was übrigens nicht so abwegig ist, wie es sich anhört. In China schwärmen bereits nicht mehr Bienen, sondern Menschen aus, um Ackerfrüchte zu bestäuben – von Hand. Und in den USA reisen Imker mit ihren Bienenvölkern zu den Monokulturen. Wandernde Imker gab es in den USA und auch bei uns schon früher, doch in Amerika hat dieser Berufszweig mittlerweile notgedrungen industrielle Ausmaße angenommen. In der Folge würde hiesiges Obst so teuer, dass es sich nur noch Wohlhabende leisten könnten. Und ein weltweites Verschwinden der Insekten hätte letztlich einen ökologischen Kollaps zur Folge.

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Auf der Suche nach dem Ursprünglichen finden viele Menschen Ruhe und Geborgenheit im Wald. Werner Buchberger weiß als erfahrener Förster um diese heilende Kraft der Bäume. Mit wissenschaftlicher Kenntnis und spirituellem Feingefühl führt er seine Leser in die Kunst des Waldbadens ein. „Shinrin Yoku“, wie das bewusste und achtsame Erleben des Waldes in Japan genannt wird, ist dort sogar im staatlichen Gesundheitssystem verankert. Werner Buchberger zeigt, wie jeder Mensch von der Stress- und blutdrucksenkenden Wirkung der Bäume profitieren kann. Denn nicht nur die Bäume kommunizieren untereinander, auch unser Immunsystem empfängt die heilende Botschaft des Waldes.
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Mikroabenteuer vor der Haustür

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Kleine Fluchten für das ganze Jahr

Am See zelten, unter Sternen schlafen und den Vögeln lauschen – Torbjørn Ekelund erfüllt sich den Traum vom Ausstieg in die Natur und zieht jeden Monat für eine Nacht in den Wald. Auf seinen Mikroexpeditionen findet er nach der Arbeit Ruhe und Abgeschiedenheit. Er spürt beim Fliegenfischen dem Wechsel der Jahreszeiten nach und geht mit seinem kleinen Sohn auf Entdeckungstour. Einfühlsam und inspirierend schildert er, wie wenig man für so ein Abenteuer braucht. Denn Wälder gibt es überall, man muss einfach nur hineingehen.

Eine Erkundung im Wald

Ausgedehntere Walderkundungen werden heutzutage Expeditionen genannt. Immer mehr Menschen begeben sich auf Expeditionen. Abenteurer, die noch zu Beginn der 1990er-Jahre auszogen, berichten, dass es damals anders war als heute. Schon von der bloßen Idee einer Expedition zu reden konnte dazu führen, dass man auf den Titelseiten der Zeitungen landete. Vom Sofa aus verfolgte das Publikum das Geschehen, und bei ihrer Rückkehr – falls sie zurückkehrten – wurden die Abenteurer wie Halbgötter verehrt. Heutzutage werden sie kaum mehr interviewt, sondern müssen einen Blog über ihre Erlebnisse schreiben, der wiederum mit Hunderten ähnlicher Blogs konkurrieren soll.

Noch immer umweht den Begriff „Expedition“ der Hauch des Großen und Wichtigen. Er weckt Assoziationen zu dem Wort „Auftrag“, dem englischen mission. Außerdem haftet ihm etwas Uneigennütziges an, eine Andeutung, die besagt, dass so etwas stellvertretend für andere durchgeführt wird, für eine gute Sache oder zum Wohl der Menschheit.

Darwin begab sich im Namen der Wissenschaft auf Expeditionen. Amundsen wollte Orte sehen, die niemand anderer zuvor gesehen hatte. Sie alle kamen mit mehr oder weniger nützlichen Erkenntnissen zurück. In heutiger Zeit sind dagegen alle Orte längst entdeckt. Unser Planet ist bis auf den letzten Quadratzentimeter genau erforscht, und nur wenige Expeditionen dienen einem anderen Zweck, als bei den Teilnehmern ein Gefühl der persönlichen Befriedigung zu erzeugen.

Expeditionen haben immer ein Ziel. Sie sind davon gekennzeichnet, ja geradezu dadurch definiert, dass sie von Menschen durchgeführt werden, die genau wissen, wohin sie wollen. Sie starten bei A und sollen sich nach B vorarbeiten. Zwischen A und B werden sie auf unzählige Hindernisse stoßen. Hunger und Kälte, gefährliche Tiere, unbeherrschbare Naturkräfte. Am liebsten transportieren sie ihren Proviant ohne die Hilfe anderer, auf einem Schlitten oder im Rucksack. Außerdem ist die Zeit ein wichtiger Faktor. Erreicht eine Expedition nicht das vorab festgelegte Ziel, gilt sie als gescheitert. Erreicht sie das Ziel, hat aber mehr Zeit benötigt als geplant, wird sie in gewisser Weise auch als gescheitert betrachtet.

Die australischen Ureinwohner, die Aborigines, verwenden einen Begriff, der die diametral entgegengesetzte Form einer Expedition beschreibt: den Walkabout. Wobei dieses Wort gar nicht von den Aborigines selbst stammt, sondern eine Übersetzung der Imperialisten ist. Es beschreibt, vereinfacht ausgedrückt, eine Wanderung in den Busch, die kein bestimmtes äußeres Ziel hat, sich über einen undefinierten Zeitraum erstreckt und eine vorher nicht festgelegte Route umfasst. Ins Deutsche ließe sich so etwas am besten mit „im Wald herumstreifen“ übersetzen. Ein Walkabout ist die Antithese zur westlichen Expedition, weder zeitlich noch räumlich hat er eine Richtung. Und genau dieses Konzept spricht mich ungeheuer an.

 

Als ich klein war, wollte ich immer in die Natur hinaus. Soweit ich mich erinnere, war alles, was ich unternahm, von der Natur geprägt. Sie war immer vorhanden, sogar in den kleinsten Dingen. In den Mückenstichen, die mich in hellen Sommernächten nicht schlafen ließen. In dem intensiven Geruch nach Fäulnis und Verfall während der feuchten Herbsttage. In der stummen Verwunderung darüber, dass meine Zunge an eisigen Metallpfosten festklebte, und in dem Schock, als ich begriff, dass ich sie nicht wieder losbekam. Ich war in der Natur, auf eine Weise, wie es vielleicht nur ein Kind sein kann.

Die Jahre vergingen. Ich träumte davon, ein berühmter Forschungsreisender zu werden, ein harter und wortkarger Typ, der Erste, der seinen Fuß auf einen weißen Fleck auf der Landkarte setzte. Ich trieb mich weiterhin in der Natur herum. Ich ging angeln. Ich schlief im Zelt. Ich unternahm Bootsausflüge und kletterte in den Bergen. Das alles machte ich und noch mehr, als ich älter wurde. Ich sah die Wüste und den Regenwald, Vulkane und Lagunen. Ich sah Felsmassive, die so mächtig waren, dass mir der Atem stockte. Dennoch hinterließen diese Naturerlebnisse nicht denselben Eindruck bei mir wie in meiner Kindheit. Sie blieben nicht auf dieselbe Weise in meiner Erinnerung haften. Wie ich herausfand, lag das daran, dass es einen Abstand zwischen mir und dieser Natur gab. Ich stand außerhalb von ihr und betrachtete sie, die eiskalten Berggipfel und die dampfenden Regenwälder. Ich war ein Gast. Wir waren nicht mehr so miteinander verbunden wie in meiner Kindheit.

Als ich klein war, bin ich nie weit gereist. Gleichwohl war jeder Tag eine neue Expedition. Ich befand mich ausschließlich in der Natur, die ich als meine eigene verstand: ein norwegischer Mischwald im Flachland, Fichtenwälder und Forstwege, winzige Vögel in den Laubbäumen, Kiefern auf den Höhenzügen, Sümpfe und Seen, die Schwarzdrossel im Frühjahr, die Mücken an milden Sommerabenden und die Forellen, die ständig an die Wasseroberfläche schnellten. Ich vermisste das Gefühl, in der Natur zu sein, weil ich sie einfach als so bedeutungsvoll erlebt hatte. Dass alle meine eindringlichsten Erinnerungen von der Natur handelten, begriff ich als wichtiges Zeichen.

Heute bin ich erwachsen. Längst habe ich mich an ein Leben gewöhnt, in dem ich viel seltener im Wald bin als in meiner Kindheit. Über lange Zeiträume habe ich nicht ein einziges Mal an den Wald gedacht, weil es immer etwas Wichtigeres gibt. Nicht nur den Job. Menschen und Dinge wollen irgendwohin gebracht oder von irgendwo abgeholt werden, es gibt Geburtstage und Konferenzen, Jubiläumsfeiern und Hilfsaktionen in der Nachbarschaft, Dinge sind instand zu halten und Pläne zu schmieden, Berichte abzugeben und Freunde einzuladen. Meist war ich als freiberuflicher Autor tätig. Die letzten sieben oder acht Jahre habe ich in meinem Büro zu Hause gearbeitet, oder ich war im Vaterschaftsurlaub. Im seligen Durcheinander von Arbeit und häuslichem Leben bin ich wie eine schwergewichtige Fruchtbarkeitsgöttin durch die Küche geschwankt, habe Telefonate geführt, Haferbrei gekocht und meine Kinder auf dem Arm herumgetragen.

Es war ein hervorragendes Leben. Ich habe mich darin wohlgefühlt, es passte zu mir. Aber mir fehlte auch etwas. Und der Wald war zu einem Ort geworden, der der Vergangenheit angehörte.

 

Unsere Welt besteht im Großen und Ganzen aus zwei verschiedenen Bestandteilen: dem von Menschen geschaffenen Teil und dem, der nicht unseres Ursprungs ist: Kultur und Natur. Auf der einen Seite das, was Technik, Industrie und andere intellektuelle Leistungen hervorgebracht haben. Und auf der anderen: das Organische, das aus sich selbst heraus entstanden ist, sich von allein weiterentwickelt und am Leben erhält, ohne Zutun des Menschen. Befindest du dich in dem einen Element, sehnst du dich nach dem anderen.

Die Vorstellung von der Natur als Quelle der Harmonie und Klarheit ist vermutlich so alt wie die Zivilisation selbst. In vielerlei Hinsicht ist sie banal. Sehnsucht nach der Stille des Waldes zu empfinden setzt voraus, dass wir eine Trennung zwischen der Natur und uns selbst erleben, dass die Natur etwas anderes ist als wir, dass wir heutzutage nicht mehr ein Teil von ihr sind. Sogenannten Naturvölkern wird diese Auffassung wohl eher fremd sein.

Das höchste Ziel der vom Menschen geschaffenen Kultur besteht darin, ihm eine physische und mentale Komfortzone bereitzustellen. Sie soll uns geregelten Zugang zu Nahrung und Wärme gewähren, uns aber auch Sicherheit, Unterhaltung und geistige Anregung bieten.

Kultur sieht so aus: eine Wohnung, ein Sportstudio, ein Kino, eine Bibliothek, eine Kaffeebar, ein Restaurant und eine Kneipe – damit wäre das meiste abgedeckt. Dennoch begeben wir uns oft in die Natur, wenn wir das Bedürfnis danach verspüren, uns abzukoppeln. Warum? Weil der Natur Eigenschaften nachgesagt werden, die im Gegensatz zu dem stehen, was Kultur produziert.

Verursacht Kultur Stress, bietet Natur Ruhe.

Ruft Kultur Engstirnigkeit hervor, verschafft Natur einen Überblick.

Macht Kultur die Menschen einsam, werden sie durch die Natur befreit.

Diese und viele andere Vorstellungen haben sich so in unserem Bewusstsein festgesetzt, dass sie zu einem Teil unseres kollektiven Naturverständnisses geworden sind. Wir leben in einer Zeit, in der ein Ausflug in den Wald als Heilmittel für mehr oder weniger jedes Leiden verabreicht wird. Wir glauben an den lindernden Einfluss der Natur; an ihre Fähigkeit zu heilen, uns auf null zurückzusetzen und uns dem Menschen näherzubringen, der wir ursprünglich waren oder zu sein bestimmt sind.

Ich bin keine Ausnahme. Mein ganzes Leben lang habe ich mich der romantischen Vorstellung von einem einsamen Leben im Wald hingegeben, obgleich nur sehr wenige der tatsächlich gemachten Erfahrungen versprachen, dass dieses Leben so frei und angenehm sein würde, wie ich es gern hätte. Ganz im Gegenteil, erstaunlich oft war es unangenehm, und nicht selten erschien es mir völlig sinnlos. Obwohl die Erfahrung etwas anderes lehrt, existieren diese romantischen Vorstellungen weiterhin. Bei mir und auch bei vielen anderen. Während die Kultur zum Gegenstand präziser Analysen und niemals endender kritischer Debatten gemacht wird, genießt die Natur geradezu einhellige Verehrung. Wir schreiben ihr viele Eigenschaften zu, die sie möglicherweise gar nicht hat. Warum tun wir das? Wozu soll das gut sein? Und was ist eigentlich die Natur der Natur?

 

Als mir diese Gedanken zum ersten Mal kamen, war es Sommer. Die ganze Familie verbrachte vier Wochen in unserer Ferienhütte, und mit jedem Tag fühlte ich mich besser. Es war ein einfaches und praktisches Dasein, ein Leben, in dem die Natur jederzeit bestimmte, was wir taten und was wir nicht taten. Wetterverhältnisse und Windrichtung. Temperatur. Fischvorkommen. Beeren und Pilze. Die Gemüsesorten, die wir pflanzten. Mücken am Abend, Wespen am Nachmittag. Als sich die Ferien dem Ende zuneigten, begann eine Idee Gestalt anzunehmen.

Was, wenn ich einfach in den Wald ginge?

Was, wenn ich mich für ein paar Tage aus meinem Arbeitszimmer abmeldete, das Telefon ausschaltete und auf alles andere pfiff? Und wie wäre es, wenn ich das im ganzen kommenden Jahr machte, sodass ich dem Lauf der Natur durch Winter, Frühling, Sommer und Herbst folgen könnte, bis es erneut Winter werden würde?

Warum nicht ernst machen und den Traum von einer Expedition Wirklichkeit werden lassen? Es müsste ja keine große Expedition sein. Könnte es nicht genauso gut eine kleine sein?

 

Es muss doch möglich sein, allem für eine Weile zu entfliehen. Diese Idee drängte sich geradezu auf, denn überall in meiner norwegischen Heimat gibt es Wälder. Und wenn man so eine Eingebung erst einmal hat, ist alles gar nicht mehr so schwierig. Genau dieser Gedanke erfasste mich. Nachdem er sich erst einmal bei mir eingenistet hatte, ließ er mich nicht mehr los. Er wuchs heran wie eine Nebelbank am Horizont, immer öfter beschäftigte ich mich damit. Bevor ich abends einschlief und sobald ich am Morgen erwachte.

Ein Jahr im Wald, dachte ich, jeweils einen Tag im Monat, zwölf Nächte in der Nordmarka. Ich flüsterte den Gedanken vor mich hin, als sei er so unglaublich oder riskant, dass es gefährlich war, ihn laut auszusprechen. Ich erzählte auch niemandem davon, weil ich Angst davor hatte, wie die Leute reagieren würden. Was willst du denn da machen?, würden sie vielleicht fragen. Warum? Was soll das Ganze?

 

Nicht jeder kann die Pole besuchen oder den Gipfel des Mount Everest erklimmen. Ich stand in Lohn und Brot, hatte Kinder und eine Lebensgefährtin. Ich konnte nicht lange wegbleiben, und ich wollte auch nicht lange wegbleiben. Daher beschloss ich, mir meine eigene Expedition maßzuschneidern, eine Mikroexpedition, die zu meinen persönlichen Ambitionen und dem äußeren Rahmen, in dem sich mein Leben bewegte, passte. In jedem der kommenden zwölf Monate wollte ich mir einen Tag freinehmen. Ich würde bis zur Mittagspause arbeiten und dann in den Wald hinausziehen. Am Morgen des folgenden Tages wäre ich wieder zurück in meinem Arbeitszimmer.

Das war nicht viel, aber es war mehr als nichts. Ich hoffte, dass es mir die Möglichkeit verschaffen würde, die Natur einigermaßen ungestört und aus nächster Nähe zu beobachten. Dass ich Kälte und Wärme spüren, die unmerklichen Übergänge der Jahreszeiten und das Wechselspiel des Lichts sehen könnte. In den Übergängen erlebt man die Natur am deutlichsten, doch können diese einem leicht entgehen, da sie nur einen kurzen Augenblick währen. Eine milde Brise am Morgen, die den Frühling erahnen lässt. Ein Windstoß im trockenen Laub, der vom nahenden Herbst kündet. Wenn du mit dringenden Arbeiten beschäftigt bist oder gerade schwere Einkaufstüten aus dem Laden nach Hause trägst, wirst du diese Augenblicke mit Sicherheit verpassen. Sie erfordern Ruhe und Aufmerksamkeit, eine auf die Umgebung gerichtete Offenheit, die gestresste Menschen nicht haben. Jedenfalls ich nicht. Und ich bin oft gestresst.

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