Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*

Bücher über den Wald

Waldbücher

Raus in die Natur: Gehen Sie mit unseren Autoren auf Entdeckungsreise in unsere Wälder und spüren Sie der Faszination von Bäumen nach.

Warum uns der Kontakt zur Natur hilft

„Sind wir entspannt und ist unser Kopf frei, können wir uns viel klarer darüber werden, welche Dinge für uns wichtig sind und worüber wir uns mit anderen Menschen unterhalten möchten. Es macht einen Unterschied, ob wir gestresst sind und kommunizieren oder ob wir körperlich und geistig im Gleichgewicht sind, wenn wir mit anderen Informationen austauschen. Wir alle bewegen uns immer stärker in einer menschgemachten Umgebung wie  der Stadt, und dies hat natürlich Einfluss auf uns als Lebewesen, aber auch auf alle anderen, nicht menschlichen Stadtbewohner.

So bestätigen Studien, dass vor allem Menschen im urbanen Raum permanentem Stress ausgesetzt sind und dass dieser Stress nachlässt, sobald wir uns in naturnahen Lebensräumen wie einem Wald, im Gebirge oder an der See aufhalten.

Ein paar Stunden im Wald nehmen sofort einen positiven Einfluss auf unser Immun- und Hormonsystem. Die Japaner haben dafür sogar ein eigenes Wort: Shinrin Yoku bedeutet im Deutschen sinngemäß so viel wie „ein Bad in der Atmosphäre des Waldes nehmen“ oder, auf ein Wort reduziert, „Waldbaden“. Diese Form der Gesundheitsvorsorge ist unter Japanern allgemein anerkannt und führt zu einem regelrechten Waldtourismus.

In der Natur kommen wir zur Ruhe, hier verlangsamen sich unsere Gedanken, und wir entspannen. Eine gesunde Ernährung, Bewegung an der frischen Luft und ausreichend Entspannung sind aus meiner Sicht nicht nur der Schlüssel zu einem zufriedenen Leben – diese Dinge helfen Ihnen auch bei Ihrer Kommunikation.” Madlen Ziege aus „Kein Schweigen im Walde”
 

Einmalige Einblicke eines Försters in den Zustand von Deutschlands Wäldern

Blick ins Buch
Der WaldwandererDer Waldwanderer
Paperback (18,00 €) E-Book (17,99 €)
€ 18,00 inkl. MwSt. Erscheint am: 28.07.2022 In den Warenkorb
Geschenk-Service
Für den Versand als Geschenk können eine gesonderte Lieferadresse eingeben sowie eine Geschenkverpackung und einen Grußtext wählen. Einem Geschenkpaket wird keine Rechnung beigelegt, diese wird gesondert per Post versendet.
Kostenlose Lieferung
Bestellungen ab 9,00 € liefern wir innerhalb von Deutschland versandkostenfrei
€ 17,99 inkl. MwSt. Erscheint am: 28.07.2022 In den Warenkorb
Geschenk-Service
Für den Versand als Geschenk können eine gesonderte Lieferadresse eingeben sowie eine Geschenkverpackung und einen Grußtext wählen. Einem Geschenkpaket wird keine Rechnung beigelegt, diese wird gesondert per Post versendet.
Kostenlose Lieferung
Bestellungen ab 9,00 € liefern wir innerhalb von Deutschland versandkostenfrei

6000 Kilometer durch Deutschland – was wir jetzt für unsere Wälder tun können

Ein Förster auf der Suche nach Lösungen für die Klimakrise

Nach 25 Jahren als hessischer Forstbeamter beschließt Gerald Klamer, seinen Job zu kündigen, seine Wohnung aufzugeben und auf eigene Faust loszuziehen. Auf 6000 Kilometern quer durch fast alle Bundesländer und Nationalparks Deutschlands will er herausfinden, wie es wirklich um unsere Wälder bestellt ist, und dabei nach Lösungen für die Waldkrise suchen.

Es besteht Hoffnung für den Wald!

Die Waldproblematik ist zum einen im Klimawandel begründet, zum anderen aber auch in unserem Umgang mit dem Wald. Lange Zeit war er für viele lediglich eine Art Holzfabrik, seine Funktion als wichtiges Ökosystem wurde kaum wahrgenommen. Nach drei Dürresommern, Borkenkäferplagen und Kahlschlägen ist die Situation in einigen Teilen Deutschlands brenzlig. Anderswo hingegen entdeckt Gerald Klamer fast schon urwaldartige Zustände, die Hoffnung geben, dass unsere Wälder noch nicht verloren sind.

Großes Presseecho zu Gerald Klamers Projekt "Waldbegeisterung": Vom ZDF bis hin zum SPIEGEL haben bereits zahlreiche Medien berichtet.

Unterwegs trifft Gerald Klamer auf Förster, Bürgerinitiativen, Wissenschaftler und andere Waldfreunde. Gemeinsam mit ihnen zeichnet er ein einmaliges Bild vom Zustand der deutschen Wälder. Er zeigt uns, was wir jetzt für sie tun können, und entfacht unsere Begeisterung für den Wald und seine Bewohner noch mal ganz neu – denn nur was man liebt, das schützt man auch.

In den Warenkorb

Einzigartig und berührend: Wie ein Mann bei den Tieren des Waldes (über-)lebte

Blick ins Buch
Leben unter RehenLeben unter Rehen

Sieben Jahre in der Wildnis

Der mit den Rehen lebt

Schon als Teenager sind ihm die Tiere näher als die Menschen. Am liebsten streift Geoffroy Delorme in den Wäldern hinter seinem Elternhaus in der Normandie umher. Als er eines Tages auf einen neugierigen Rehbock trifft, der schnell Vertrauen zu ihm fasst, schließt er sich ihm an.

In den folgenden Jahren kehrt Delorme immer seltener und schließlich gar nicht mehr in die Zivilisation zurück. Ohne Decke und Zelt lebt er bei den Rehen. Er orientiert sich an ihrem Schlafrhythmus und lernt, wie man ein Revier anlegt und nährstoffreiche Pflanzen findet. Wie man sich nachts warm hält und im Wechsel der Jahreszeiten überlebt. Dabei wird er Zeuge, wie Kitze geboren werden, aber auch, wie Jäger die Tiere abrupt aus dem Leben reißen.

„Atemberaubend, bescheiden und gefühlvoll“ Arte

In dem tief bewegenden Bestseller aus Frankreich erzählt der junge Autor zärtlich und voller Demut davon, wie er sich auf der Suche nach einem erfüllten Leben von der menschlichen Gesellschaft abwendet. Von der Kompromisslosigkeit und zugleich heilenden Kraft der Natur. Und von der faszinierenden, uns oftmals verborgenen Welt der Waldbewohner.

  • Die einzigartige Geschichte eines jungen Mannes auf der Suche nach einem erfüllten Leben
  • Mit seltenen Einblicken in das Leben der Rehe und anderer Waldbewohner
  • Über den Wald als Kraft- und Rückzugsort

Prolog
Mann oder Frau? Meine Augen haben längst die Fähigkeit verloren, solche Details auf eine Entfernung von mehr als dreißig Metern wahrzunehmen. Springt da etwa ein Tier neben ihm oder ihr herum? Nein, bitte nicht, bitte kein Hund! 
Ich muss die beiden aufhalten, ehe sie meine Freunde in die Flucht schlagen.
Genau wie sie lege ich inzwischen ein ausgeprägtes Territorialverhalten an den Tag. Wer immer mein Revier betritt, wird als potenzielle Gefahr wahrgenommen. Ich habe dann das Gefühl, dass meine Privatsphäre verletzt wird. Mein „Territorium“ hat einen Radius von fünf Kilometern. Sobald ich jemanden bemerke, folge ich ihm, spähe ihn aus, sammle Informationen. Wenn diese Person zu oft in mein Gebiet zurückkehrt, unternehme ich alles, um sie zu vertreiben.
Ich verlasse das Unterholz, fest entschlossen, den Eindringling aufzuhalten. Ein kräftiger, sehr süßlicher Geruch nach Veilchen steigt mir aufdringlich in die Nase. Mein Spaziergänger muss also eine Frau sein. Während ich den schmalen Waldweg weitergehe, wird mir bewusst, dass ich seit Monaten kein Wort mehr mit einem Menschen gesprochen habe. Ich lebe jetzt seit sieben Jahren im Wald und kommuniziere ausschließlich mit Tieren. In den ersten Jahren bin ich noch zwischen der Menschenwelt und der Wildnis hin- und hergependelt, aber mit der Zeit habe ich dem, was man „Zivilisation“ nennt, endgültig den Rücken gekehrt, um mich meiner wahren Familie anzuschließen: den Rehen.
Je weiter ich auf dem schmalen Waldweg vorwärtsgehe, desto mehr steigen auf einmal Gefühle in mir auf, von denen ich glaubte, ich hätte sie vollkommen aus meinem Leben gestrichen. Wie sehe ich aus? Was ist mit meinen Haaren? Sie haben schon seit Jahren keinen Kamm mehr gesehen und wurden immer nur „blind“ mit einer kleinen Nähschere geschnitten. Zum Glück habe ich einen sehr spärlichen Bartwuchs. Und meine Kleidung? Meine Hose ist so dreckverkrustet, dass sie ganz von allein stehen könnte, aufrecht, wie eine Skulptur. Wenigstens ist sie heute trocken.
Zu Beginn meines Abenteuers habe ich mich immer mal wieder in einem kleinen Spiegel betrachtet, den ich in einer kleinen, runden Dose aufbewahrte, aber die Zeit, die Kälte, die Feuchtigkeit haben den Spiegel blind werden lassen, und so weiß ich, ehrlich gesagt, gar nicht mehr, wie ich aussehe.
Es ist also eine Frau. Ich muss höflich sein, um sie nicht zu verschrecken. Aber Vorsicht, man kann nie wissen! Womit soll ich beginnen? „Bonjour“, ja, „Guten Tag“, das ist gut. Nein, besser „Bonsoir“, „Guten Abend“. Denn der Tag geht schon zu Ende.
„Bonsoir …“
„Bonsoir, Monsieur.“


1
Schon als kleiner Junge, als ich in der Wärme des Unterrichtsraums der ersten Klasse die Grundlagen für mein zukünftiges Leben erfahre – ich lerne lesen, schreiben, rechnen und wie ich mich in der Gesellschaft zu verhalten habe –, lasse ich mich leicht ablenken und bewundere durch das Fenster die Erhabenheit der Wildnis. Ich beobachte die Spatzen, Rotkehlchen, Meisen, alle Tiere, die in meinem Blickfeld auftauchen, und ich beneide diese Tiere um das Glück, eine solche Freiheit genießen zu können. Ich dagegen bin in diesen Raum zusammen mit anderen Kindern eingesperrt, denen es hier offensichtlich gefällt, während ich mich schon mit meinen sechs Jahren nach dieser Freiheit sehne. Ich kann mir natürlich vorstellen, wie hart das Leben dort draußen sein muss, aber die Betrachtung dieses einfachen, heiteren, wenn auch gefährlichen Daseins lässt in mir ein erstes inneres Auflehnen gegen das Konzept eines Lebens aufkeimen, in das man mich meinem Gefühl nach pressen will. Dieses Gefühl hatte ich schon früh. Jeder Tag, den ich an diesem Fenster ganz hinten im Klassenzimmer verbringe, entfernt mich ein wenig mehr von den sogenannten gesellschaftlichen Werten, während die Wildnis mich so unweigerlich anzieht wie ein Magnet eine Kompassnadel.
Einige Monate nach Beginn des Schuljahrs lässt ein auf den ersten Blick banales Ereignis diesen Keim der Auflehnung weiterwachsen. Als ich eines Morgens in die Klasse komme, erfahre ich, dass ein Ausflug ins Schwimmbad ansteht. Da ich von Natur aus etwas ängstlich bin, befürchte ich das Schlimmste. Am Beckenrand erstarre ich. Ich stehe zum ersten Mal vor einer solchen Menge Wasser, und da ich noch nie in meinem Leben geschwommen bin, überkommt mich eine instinktive Furcht. Alle anderen Kinder scheinen sich wohlzufühlen, während ich völlig verkrampfe.
Die Schwimmlehrerin, eine rothaarige Frau mit einem langen, streng wirkenden Gesicht sagt mir, ich solle ins Wasser gehen. Ich weigere mich. Sie runzelt die Stirn und fordert mich in schärferem Ton auf, ins Becken zu springen. Ich weigere mich erneut. Plötzlich stürmt sie zackig auf mich zu, packt mich an der Hand und stößt mich mit Gewalt ins Becken. Zwangsläufig schlucke ich Wasser, und da ich nicht schwimmen kann, gehe ich zunächst unter. Während ich verzweifelt mit den Armen rudere, sehe ich, dass meine Peinigerin ins Wasser springt und in meine Richtung kommt. Panik überfällt mich, ich bin felsenfest davon überzeugt, dass sie mich umbrin-
gen will!
Mein Überlebensinstinkt treibt mich zu einer völlig unmöglichen Aktion. Wie ein kleiner Hund strample ich in die Mitte des Beckens und tauche unter dem Sicherheitsnetz durch, das mich vom Schwimmerbereich trennt, weil ich unbedingt auf die andere Seite gelangen will. Nachdem ich den Beckenrand dort erreicht habe, klettere ich die Leiter hoch und flüchte mich in die Umkleide. Ich streife rasch meine Hose und mein T-Shirt über.
Inzwischen ist auch meine Schwimmlehrerin aus dem Wasser gekommen und sucht mich überall. Das Platschen ihrer schweren Schritte auf dem nassen Boden zeigt mir an, dass sie den schmalen Gang zwischen den Kabinen entlangkommt. Ich habe mich in der dritten auf der linken Seite eingeschlossen. Sie öffnet die erste Tür, die anschließend laut zuknallt. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Sie öffnet die zweite Tür, die ebenfalls geräuschvoll zufällt. Es ist schrecklich laut, und ich habe den Eindruck, dass sie jede Tür, vor der sie sich aufbaut, mit den Füßen eintritt.
In meiner Panik quetsche ich mich durch den Spalt unter den Zwischenwänden und dem Boden und robbe von einer Kabine in die nächste. Am Ende der Reihe nutze ich die paar Sekunden Vorsprung, in denen sie eine weitere Kabine inspiziert, um auf die andere Seite zu schlüpfen, und schlendere dann unauffällig zum Ausgang. Als ich endlich draußen bin, renne ich mit von Tränen und Chlor verschleierten Augen die Straße entlang, ohne nach rechts oder links zu schauen, bis ein mir vertraut wirkender Mann mich aufhält, meine Hand nimmt und mich auffordert, mit ihm zu kommen. Es ist der Busfahrer. Er hat beobachtet, wie ich ganz allein aus dem Schwimmbad gerannt kam, und die Geistesgegenwart besessen, mir zu folgen. Schluchzend erkläre ich ihm, was passiert ist und warum ich auf keinen Fall ins Schwimmbad zurückwill. Seine Stimme und seine Worte beruhigen mich ein wenig.
Nachdem mein kleines Abenteuer nun beendet und die Schwimmlehrerin darüber informiert ist, wo ich gelandet bin, sitze ich schließlich ganz allein hinten im Bus, während meine Mitschüler, aber auch die Lehrer mich anstarren wie ein wildes, gefährliches Tier, das man im Auge behalten muss. Nach diesem Zwischenfall wird deshalb beschlossen, dass ich die Schule verlassen und zu Hause mit Unterstützung des Nationalen Instituts für Fernausbildung unterrichtet werden soll.
Nun sitze ich also allein in meinem Zimmer, isoliert von der Außenwelt, ohne Mitschüler oder Lehrer. Zum Glück finde ich im Haus eine große Bibliothek mit literarischen Schätzen vor (Nicolas Vanier, Jacques Cousteau, Dian Fossey, Jane Goodall etc.), in denen über die Natur und über das Leben in der Wildnis berichtet wird. Ich verschlinge ebenso alle Nachschlagewerke, in denen diese Themen kindgerecht aufbereitet sind. Eine wahre Goldgrube an wertvollen Informationen, die ich danach gleich in meinem Umfeld, in unserem Garten, anzuwenden versuche. Ein Apfelbaum, ein Kirschbaum, Berberitzenhecken, Zwergmispeln, Feuerdorn, einige Rosenstöcke, es gibt so viel rund ums Haus meiner Familie, um sich die Langeweile zu vertreiben. Mich um all diese Pflanzen zu kümmern wird bald die beste Möglichkeit, dem tristen Alltag zu entfliehen.
Eines Morgens entdecke ich, dass in der Hecke gegenüber von meinem Zimmer ein Paar Amseln sein Nest gebaut hat. In meinem Kinderhirn sehe ich mich sofort in der Pflicht: Ich muss sie beschützen! Wie ein Parkwächter drehe ich meine Runden an der Hecke, um die Katzen zu verjagen, die von der Witterung leichter Beute angelockt werden. Zu allen Tages- und Nachtzeiten, sobald die Aufmerksamkeit der Erwachsenen nachlässt, öffne ich mein Fenster und schlüpfe katzengleich leise nach draußen, um nachzuschauen, wie es meiner gefiederten Kleinfamilie geht. Je öfter sie mich sehen, desto mehr scheinen sie sich an mich zu gewöhnen. Ich gebe ihnen Futter, Brotkrumen, Regenwürmer oder Insekten, die ich auf einen Teller lege. Die Eltern picken das Futter auf und bringen es den Jungvögeln.
Mit jedem Tag gewinne ich mehr und mehr ihr Vertrauen. Inzwischen darf ich sogar meinen Kopf in die Hecke stecken und die piepsenden Babys aus zwanzig Zentimeter Entfernung betrachten. Als endlich der große Moment da ist, an dem sie das Nest zum ersten Mal verlassen sollen, kommt der Vater als Erster heraus. Die Kleinen hüpfen hinter ihm her und plumpsen ungeschickt auf den Boden. Die Mutter bildet die Nachhut. So drehen sie ihre Runden um die Hecke. Manchmal kommen sie auch zu mir. Ich habe das Gefühl, dass sie sich dem kleinen, neunjährigen Jungen, der ich mittlerweile bin, vorstellen wollen. Das Herz klopft mir bis zum Hals. Es ist mein erster Kontakt mit der freien Natur, und um ihn festzuhalten, mache ich ein Foto von den Vögelchen und schicke es meiner Fernlehrerin, Madame Krieger.
Bei jedem Spaziergang weite ich meine Erkundungen etwas aus. Hinter der Hecke ist ein Zaun, unter dem ein Loch gegraben wurde, wahrscheinlich waren es Füchse. Ich kann daher problemlos darunter hindurchschlüpfen und das angrenzende Feld auf der Suche nach weiteren Abenteuern durchstreifen. Die ersten Male, als ich in der vom Mond nur spärlich erleuchteten Nacht losziehe, wird mein Freiheitsdrang stets von Furcht dominiert und der Wissensdurst des kleinen Abenteurers von der Vorsicht des braven kleinen Jungen ausgebremst. Aber der unwiderstehliche Lockruf der Natur lässt bald das Pendel zur Seite des wilden Lebens ausschlagen. Und auf dieser neuen Spielwiese erwachen all meine Sinne.
Während ich mich auf meinen Weg konzentriere, erfasse ich die Topografie und die Beschaffenheit des Bodens. In jeder Nacht ersetzt der Tastsinn das Sehen, und mein Körper lernt das Gelände so gut kennen, dass ich mich selbst mit geschlossenen Augen zurechtfinde. Hier haben sich ähnliche Gedächtnisprozesse in Gang gesetzt wie im Haus, wo man mitten in der stockfinsteren Nacht aufstehen kann und genau weiß, wo der Lichtschalter ist, nur dass ich dies nun in der freien Natur erlebe. Auch die Gerüche verändern sich. Brennnesseln riechen zum Beispiel in der Nacht viel intensiver. Selbst die Erde verströmt einen anderen Duft. Und wenn die feuchten Dünste des Tümpels von Petit Saint-Ouen in meine Nase dringen, weiß ich, dass mein Ausflug bald zu Ende ist. Denn wenn ich noch etwas weiter gehe, komme ich zum Haus des Försters. Und dahinter liegt der Wald, das Unbekannte. Die Ziegenmelker kreisen über mir, ihr Flug erzeugt ein merkwürdig schnurrendes Geräusch, rau und monoton. Ich habe keine Angst mehr, ich fühle mich wohl hier.
Tief in meinem Inneren ist ein instinktiver Freiheitsdrang verwurzelt, der mich antreibt auszubrechen, sobald sich mir die Gelegenheit dazu bietet. Und nur eine Regel scheint mir wert, respektiert zu werden: das Gesetz der Natur. Ich breche niemals einen Ast ab, rühre nicht einmal abgestorbenes Holz an. Ich denke mir auch immer ausgeklügeltere Rituale aus, die fast schon ans Absurde grenzen. So gehe ich an großen Bäumen niemals links vorbei, denn ich habe das unbestimmte Gefühl, dass ich weit mehr und bedeutsamere Dinge erlebe, wenn ich rechts an ihnen vorbeigehe. Auf diese Weise baue ich mir meine eigene Vorstellungswelt auf, meine eigene Spiritualität, meine Beziehung zur Natur, einerseits rational und faktenbasiert, andererseits von einem kindlich naiven Mystizismus geprägt.
Seit einiger Zeit kommt ein Fuchs in unseren Garten, um dort unter einem Baum mit buschiger Krone zu schlafen. An einem Winterabend folge ich ihm schließlich auf seinem Weg zurück über die Felder. Als ich am Forsthaus ankomme, sehe ich, wie er einfach weitertrottet. Nun ist es an der Zeit, den Sprung ins Unbekannte zu wagen. Hundert Meter weiter zeigt mir der junge Reineke Fuchs den Zugang zu seinem Bau. Ich habe mich noch nie so weit von meinem Zimmer entfernt.
Der Wind, der immer aus der gleichen Richtung weht, trägt alle Gerüche vom Feld mit sich. Die Lichtverhältnisse verändern sich, plötzlich ist es richtig dunkel. Auch die Geräusche verändern sich. Auf einmal umgeben mich unzählig viele neue Laute, denn dort in der Tiefe des Waldes ist das Leben. Ich wage mich etwa fünfzig Meter hinein, genau so weit, um den kleinen Adrenalinkick zu spüren, den das Geheimnis hervorruft, ehe ich umkehre. In Wirklichkeit gibt es hier nichts, wovor ich mich fürchten müsste. Die Gefahr kommt niemals aus dem Wald. Die Tiere wissen, dass man sich vielmehr vor dem Feld in Acht nehmen muss.
Der Wald ist so faszinierend und übt einen Zauber auf mich aus. Jede Nacht wage ich mich etwas weiter vor, immer ganz vorsichtig, um nichts zu überstürzen. Und eines Nachts stehe ich auf einmal Auge in Auge einem Hirsch gegenüber. Im Herbst habe ich sie oft röhren gehört, aber ich habe es nie gewagt, mich ihnen zu nähern. Ihr raues Brüllen mitten in der Nacht war doch zu einschüchternd für einen zehnjährigen Jungen. Auch bei dieser unerwarteten Begegnung stehe ich wie angewurzelt da. Dieser massige Körper kaum zehn Meter von mir entfernt, der Boden, der unter jedem seiner Schritte erbebt, ich fühle mich von der Kraft überwältigt, die von dieser Kreatur ausgeht. Mein Herzschlag muss einige Hundert Kilometer weit zu hören sein.
Plötzlich wendet sich der Hirsch mir zu und röhrt los. Die Hirschkühe in seiner Umgebung antworten mit einem etwas helleren Ton, aber immer noch sehr laut. Jeder Grunzlaut dieses Hirsches lässt meinen Brustkorb erbeben wie die Bassfrequenzen einer Lautsprecherbox. Schließlich dreht er ab. Ich kehre ebenfalls um, um ihm zu zeigen, dass ich nicht seinetwegen gekommen bin. Und so gehen wir auseinander wie zwei Lebewesen, die durch die verschlungenen Pfade des Waldes zusammengeführt wurden.
Als ich etwas später leise unter meine Decke schlüpfe, wird mir klar, dass dieser Hirsch mir die schönste Lektion meines noch kurzen Lebens erteilt hat: Tiere wollen mir nichts Böses. Ich möchte am liebsten sofort wieder dorthin zurückkehren, aber ich muss geduldig sein. Die Wildnis öffnet sich einem nicht auf den ersten Blick.
Von da an klettere ich aus dem Fenster meines Zimmers, sobald alles im Haus schläft, schlüpfe hinter die Amselhecke und unter dem Zaun hindurch und laufe durch das Feld der Ziegenmelker hin zum Helldunkel der großen Bäume und zum lebendigen Treiben der Tiere. Die Füchse, die mich als Erste hierhergeführt haben, bringen mich zu ihren Nachbarn, den Dachsen. Hoch über mir entdecke ich die Eulen und Uhus. Wenn es ein Tier im Wald gibt, das einem eine Gänsehaut bescheren kann, dann ist das zweifelsohne der Uhu. Ein lautloser Räuber, der vor nichts und niemandem Angst hat. Durch die andauernden leisen Geräusche, die den Wald erfüllen, hört man gar nicht, wie er heranfliegt, und wenn man seine Neugier geweckt hat, dann zögert er nicht, auch ganz nah zu kommen.
Als ich das erste Mal einem Uhu begegne, bin ich noch tief verstört von den dantesken Szenen aus dem Film Jurassic Park. Ohne dass ich es mitbekomme, lässt sich der Vogel etwa zwei Meter von mir entfernt auf einem Ast nieder. Plötzlich stößt er ohne Vorankündigung sein „Buho“ aus. Ich mache einen Satz rückwärts, stolpere dabei über einen Baumstumpf, und auf einmal liege ich mit dem Hintern im Dreck und strecke mit weit aufgerissenen Augen alle viere von mir.
Das nächtliche Treiben im Wald ist aufregend. Zahlreiche Tiere, kleine wie große, verbringen den Hauptteil ihres aktiven Lebens in der Nacht. Einige dagegen scheinen sich niemals auszuruhen. Wie zum Beispiel die Eichhörnchen, die ich tagsüber in meinem Garten herumhuschen sehe und die dann auch in der Nacht überall herumlaufen. Wann finden sie eigentlich die Zeit zum Schlafen? Diese Frage beschäftigt mich, bis ich meinen Irrtum begreife. Als ich in einem Buch mit vielen detaillierten Abbildungen über das Leben im Wald blättere, wird mir klar, dass die kleinen hyperaktiven Nager, die ich in der Nacht beobachte, nicht etwa Eichhörnchen sind, sondern Siebenschläfer. Ihr buschiger Schwanz hat mich in die Irre geführt.
All diese Erlebnisse in meiner Kindheit scheinen mir etwas sagen zu wollen, nämlich dass die Wildnis irgendwo da draußen auf mich wartet. Und sobald ich mich von der Bürde der menschlichen Zwänge befreit habe, wird der Wald da sein, um mich aufzunehmen. Ich glaube so sehr an diese Bestimmung, dass ich manchmal mit fest geballten Fäusten einschlafe und bete, dass ich mich in einen Fuchs verwandle, damit ich in aller Frühe, wenn ich das Fenster meines Zimmers öffne, dort hinausschlüpfen und hin zu dieser grenzenlosen Freiheit des Waldes traben kann, die meine Fantasie so anregt.
Die Realität ist weitaus weniger aufregend. Ich lebe fast vollkommen für mich allein, ohne Freunde oder Mitschüler, für mich gibt es auch keine Ferien oder Schulausflüge, und bis auf meine nächtlichen Streifzüge sitze ich an meinem Schreibtisch, um im Fernunterricht mit Lehrern zu lernen, die am anderen Ende von Frankreich leben, oder drehe mit meinem Fahrrad ein paar Runden im Garten. Bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen ich mal vor die Tür darf, zum Beispiel zum Einkaufen, werde ich manchmal von den Händlern gefragt, wie denn das mit dem Fernunterricht läuft. Allen antworte ich, dass das genau zu mir passt, denn auch wenn ich tief im Inneren fühle, dass etwas daran nicht richtig ist, habe ich keine Vergleichsmöglichkeit mit anderen Kindern.
Aber ehrlich gesagt, wird dieses Leben, das man mir auferlegt hat, immer mehr zu einem psychischen Leidensweg. Deshalb beschließe ich, als ich sechzehn bin, dass ich nicht nur meine Nächte, sondern auch meine Tage im Wald verbringen möchte. Den Höhepunkt erreicht diese Rebellion am Tag der Abiturprüfung. Ich beende meine schulische Laufbahn, indem ich die Einladung zu dieser Prüfung in ein Maisfeld werfe.
In den Jahren davor habe ich ein starkes Interesse für naturalistische Zeichnungen entwickelt, weshalb ich gerne eine Ausbildung zum Grafiker machen möchte. Doch man verlangt von mir, ich solle Kurse in „Handelsaktivitäten und Handelskommunikation“ belegen. Ich verstehe nicht einmal, was diese Worte bedeuten sollen. Schließlich willige ich um des lieben Friedens willen ein, wenigstens eine kaufmännische Grundausbildung zu absolvieren, da man mir zum Ausgleich einen Fernkurs in Fotografie zugesteht.
Meine Leidenschaft für die Tierwelt der Wildnis hält an, und ich habe die Absicht, irgendetwas daraus zu machen. Durch meine Streifzüge in den Wald wird mir bewusst, dass die Tiere meinen Geruch, meine unterschiedlichen Stimmungen und mein Verhalten erkennen. Sie akzeptieren mich in ihrem Umfeld, bis ich ein Teil der Kulisse werde. Dafür brauche ich viel Zeit, ich bleibe tagelang, ja ganze Wochen im Wald unter dem Vorwand, dass ich eine langwierige Fotoaufgabe zu erledigen habe. Wenn ich wieder nach Hause komme, erklärt man mir, dass das doch kein Beruf sei und dass ich von dieser Tätigkeit nicht leben könne. Aber das Geld ist für mich nicht das Wichtigste. Ich suche seelischen Halt. Wenn ich im Moment lebe, ganz nach dem Beispiel der Tiere des Waldes, fühle ich mich genau an meinem Platz innerhalb der Ordnung der Dinge. Die Tiere zeigen mir, dass ich, je mehr ich denke, umso mehr überall Gefahren lauern sehe. Die Probleme meiner Vergangenheit oder diejenigen, die mit der Ungewissheit, wie meine Zukunft aussieht, verbunden sind, sowie mein Wunsch, die Herrschaft über die Gegenwart zu behalten, ohne mich unterkriegen zu lassen, zermürben mich allmählich. Während das Beobachten der Natur, die mich umgibt, wenn ich die Wildnis ganz in mich aufsauge, meinen Geist auf tausenderlei Art weckt und ihn wacher und klarer macht.
Seit ein paar Monaten habe ich kein Zeitgefühl mehr, kein Gefühl mehr dafür, wie viele Stunden und Tage ich im Wald verbracht habe. Mein Leben ist intensiver geworden, und mich erfüllen immer mehr Freude, Staunen und Gelassenheit. Trotzdem verliere ich nicht den Sinn für die Realität. Um nicht in Armut zu versinken, mache ich für einige Lokalzeitungen ein paar Sportberichterstattungen mit Fotos, davon kann ich mir dann Kleidung und Lebensmittel kaufen.
Doch offensichtlich glaubt niemand an mich, und ich erfahre keinerlei moralische Unterstützung. Man will mich ködern, indem man mir beweist, dass das „Rudel“ mich beschützen und ich allein nicht lange überleben würde. Aber je mehr man versucht, mich zu halten, desto mehr lockern sich die Bande. Und dann kommt es eines Tages zum Bruch. Meine Entscheidung steht fest, ich breche in den Wald auf. Eine Fabel von Jean de La Fontaine beschreibt ziemlich genau, was ich in diesem Moment fühle. Diese Fabel heißt „Der Wolf und der Hund“ und geht folgendermaßen:

Ein Wolf war nichts als Haut und Knochen,
Die treuen Hunde waren schuld daran.
Wie er nun einst so matt des Wegs gekrochen,
Traf er die schönste, stärkste Dogge an,
Die sich vom Herrenhof verlaufen hatte.
Der Hund war solch ein fester, wohlgenährter Klotz,
Dass neben ihm der Wolf nur eine hagre Latte.
So gern der’s auch getan, so schien’s ihm leider Gotts
Höchst ungeraten, diesen Burschen anzuspringen,
Denn solch ein Gegner war so leicht nicht zu verschlingen.
So also sprach voll Demut unser Wolf ihn an
Mit Komplimenten über seine Wohlgestalt.
Da sprach der Hund: „Mein schöner Herr, liegt Euch daran,
So fett zu sein wie ich, nun, so verlasst den Wald,
In dem nur arme Schlucker lungern.
Ihr lebt ja nur, um zu verhungern,
Habt Tag und Nacht nicht Ruh und nichts zu schnabulieren;
Folgt mir, Ihr werdet ein vergnügtres Leben führen.“
Da sprach der Wolf: „Was hätte ich dafür zu leisten?“
Der Hund: „Fast nichts! Nur Leute zu verjagen,
Die Bettelsäcke oder Stöcke tragen,
Dem Hausgesind zu schmeicheln, und am meisten
Dem Herrn. Als Sold bekommt Ihr schöne Rester,
Hühner- und Taubenknochen – ja, mein Bester! –
Und manches Kosewörtchen obendrein.“
Der Wolf glaubt schon, im Paradies zu sein.
Er weint vor Glück und will den Hund begleiten.
Da sieht am Hundehals er eine Stell,
Wo abgeschabt erscheint das schöne Fell.
„Was ist das?“, fragt er. – „Nichts!“ – „Wieso?“ – 
„Ach, Kleinigkeiten!“ –
„Nun was denn?“ – Drauf der Hund:
„Das Halsband meiner Kette rieb mich wund.“ –
„Wie? Was? In Ketten dienet Ihr?
Lauft nicht, wohin Ihr wollt?“ –
„Nicht immer. Doch was tut’s?“ – „Es tut so viel, dass mir
Die Lust vergeht nach Eurem schönen Sold.
Ich ging nicht mit um eine ganze Kuh!“
Und Meister Wolf hat sich getrollt
Und läuft noch immerzu.

Peter Wohlleben ist Deutschlands berühmtester Förster

Blick ins Buch
Gebrauchsanweisung für den WaldGebrauchsanweisung für den WaldGebrauchsanweisung für den Wald

Waldspaziergang mit dem Bestseller-Autor und Förster: Peter Wohlleben nimmt uns mit in unsere heimischen Wälder 

Wer die Grundlagen von Klima- und Naturschutz verstehen will, sollte Zeit im Wald verbringen.  

Als Deutschlands bekanntester Förster ist Peter Wohlleben ein leidenschaftlicher Verfechter des Ökosystems Wald. Mit seinem praxis-nahen Buch „Gebrauchsanweisung für den Wald“ beschreibt er die Gründe hinter seiner Lebensaufgabe und weckt die Sehnsucht nach Entdeckungen in der Natur. Fast nebenbei vermittelt er seinen Lesern neues Wissen über Bäume, Artenvielfalt und die Tiere des Waldes. 

„Wohlleben macht mit dem Buch Appetit auf das Wunder Wald.“ – Donaukurier 

Peter Wohlleben wollte schon als kleines Kind Naturschützer werden, er studierte Forstwirtschaft und leitet heute einen umweltfreundlichen Forstbetrieb und eine Waldakademie in der Eifel.  In seinen Vorträgen, Podcasts und Naturführungen findet er immer wieder neue Zugänge, die das große Thema Naturschutz zu einem Anliegen für jeden Einzelnen von uns machen.

Als Autor hat er die Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“, „Das Seelenleben der Tiere“, „Das geheime Netzwerk der Natur“, „Das geheime Band zwischen Mensch und Natur“ und zuletzt „Der lange Atem der Bäume“ geschrieben. . 

„Mit Witz, enormem Kenntnisreichtum, aber ohne staubtrockene Erläuterungen bringt uns der Förster sein berufliches Zuhause ins Wohnzimmer. (…) Eine Waldführung, die Sie vorzugsweise auf einer schönen Waldlichtung lesen sollten.“ natur 

Aus der erfolgreichen PIPER-Reihe „Gebrauchsanweisung für …“: Gehen Sie gemeinsam mit hochkarätigen ExpertInnen und BestsellerautorInnen auf Entdeckungstour durch besondere Aspekte unseres Lebens! Mit neuen Perspektiven erfahren Sie in rund 120 Titeln die Welt auf ganz besondere Art. 

Eine Gebrauchsanweisung für den Wald?

Als mich der Piper Verlag fragte, ob ich nicht eine Gebrauchsanweisung für den Wald schreiben wolle, war ich sofort Feuer und Flamme. Ich liebe den Wald, und er hat den Großteil meines Lebens bestimmt. Dabei bin ich zufällig beruflich hineingestolpert. Eigentlich wollte ich Biologie studieren, da ich, wie auch viele Schulabsolventen heutzutage, nicht recht wusste, wie ich meine Naturliebe umsetzen sollte. Da entdeckte meine Mutter eine kleine Anzeige der Landesforstverwaltung von Rheinland-Pfalz in der Tageszeitung: Es wurden Kandidaten für ein verwaltungsinternes Studium gesucht. Ich bewarb mich, wurde angenommen und verbrachte vier Jahre mit Praktika und in Hörsälen.

Was mir anschließend in der Praxis begegnete, entsprach nicht im Geringsten meinen Träumen. Arbeiten mit schwersten Maschinen, die den Waldboden zerstörten, waren nur die Spitze des Eisbergs. Gifteinsätze mit Kontaktinsektiziden, Kahlschläge oder das Fällen der ältesten Bäume (alte Buchen, die ich so liebe); all das fand ich zunehmend befremdlich. Während des Studiums war mir beigebracht worden, all dies diene dem Erhalt gesunder Wälder. Was Ihnen vielleicht merkwürdig erscheint, glauben bis heute Tausende von Studenten ihren Professoren. Aus Befremden wurde Ablehnung, und ich wusste nicht, wie ich mit dieser Einstellung noch jahrzehntelang weiterarbeiten sollte.

Doch 1991 fand ich in der Gemeinde Hümmel in der Eifel einen Waldbesitzer, der ebenfalls ökologische Wege gehen wollte. Zusammen haben wir eine Waldbewirtschaftung aufgebaut, die eine Mischung aus Reservaten und behutsam genutzten Parzellen vorsieht. Und ganz wichtig: Die Bevölkerung sollte intensiv mit eingebunden werden. Dazu bot ich eine Reihe von Veranstaltungen an. Survivaltrainings und der Bau von Blockhütten waren das Extrem, die meisten Angebote bestanden aus Führungen zur wunderbaren Welt der Bäume. Wo man all dies denn nachlesen könne, wurde ich oft gefragt. Da blieb mir nur ein Schulterzucken, denn Literatur zum Thema war mir nicht bekannt. Nachdem mich meine Frau immer wieder drängte, für die Besucher doch wenigstens ein bisschen etwas aufzuschreiben, brachte ich in einem Lapplandurlaub eine typische Führung zu Papier. Das Manuskript schickte ich an etliche Verlage und sagte zu meiner Frau: „Wenn bis Ende des Jahres niemand zusagt, dann kann ich eben nicht schreiben.“

Es kam anders, wie Sie gerade sehen, und ich habe Freude an dieser Erweiterung meiner Tätigkeiten gefunden. Nun kann ich weitaus mehr Menschen für den Wald begeistern, denn dieser wird meiner Meinung nach noch viel zu wenig genutzt. Nicht im Sinne der Holzwirtschaft, nein, die übertreibt es in weiten Bereichen schon. Es sind die kleinen und großen Abenteuer, die zwischen den Bäumen nur darauf warten, abgeholt zu werden. Und dazu müssen Sie nur eines tun: zu Fuß in die Wälder gehen.

 

Querfeldein

Kennen Sie diese Situation? Man ist mit Kindern im Wald unterwegs, und irgendwann wird es laut. Entweder spielen sie Fangen, entdecken ein kleines wildes Tier und rufen laut ihre Entdeckung herüber, oder aber sie schreien ganz einfach vor Vergnügen. Die reflexartige Ermahnung der Erwachsenen folgt auf dem Fuß: „Pst, schreit nicht so laut!“

Warum eigentlich? Stört es Hirsch und Reh tatsächlich, wenn Menschen Krach machen? Grundsätzlich lieben es wilde Tiere leise, doch nicht etwa, weil sie lärmempfindlich sind. Tost ein Sturm durch die Baumwipfel oder rauscht ein heftiger Platzregen herab, dann können sie keine anderen Geräusche mehr hören. Auch nicht die von sich nahenden Wölfen oder Luchsen, und das kann für Rehe und Hirsche lebensgefährlich sein. Daher lieben sie windstille, trockene Wetterlagen, bei denen jeder Tritt auf ein knackendes Ästchen weit zu vernehmen ist.

Krach von Menschen nervt die Tiere dennoch nicht, denn er erfüllt nicht gleich den ganzen Wald, sondern ist nur aus einer Richtung zu hören. Zugleich wissen die großen Säugetiere, dass ihr größter Feind nicht auf Beutezug ist: Denn auch das sind wir Menschen, und zwar in Form der Jäger. Selbst wenn Wolf und Luchs hier und da langsam wieder Einzug in unsere Landschaften halten, so sind doch ihre menschlichen Kollegen im grünen Loden tausendfach zahlreicher vertreten. Kein Wunder, dass sich die Angst unserer Wildtiere hauptsächlich auf Zweibeiner konzentriert. Wenn wir fröhlich singend über Wanderwege spazieren oder uns dabei lautstark unterhalten, so signalisieren wir unseren Mitgeschöpfen, dass wir nicht auf der Jagd sind. Das trifft sogar auf die eigentlich extrem scheue Wildkatze zu. Sie wurde ebenfalls bejagt, weil man ihr zutraute, Rehe zu reißen. Rehe? Die Wildkatze ist zwar nicht mit der Hauskatze verwandt, gleicht ihr aber bis auf minimale Größenunterschiede. Können Sie sich vorstellen, dass ein Stubentiger einen Dackel frisst? Dazu sind die kleinen Zähne viel zu kurz, und das Maul lässt sich nicht weit genug öffnen, um solch große Tiere festzuhalten. Dennoch hielt sich das Gerücht über Jahrhunderte unter Jägern, sodass man dem getigerten Beutegreifer erbarmungslos nachstellte. Dass er sehr scheu wurde, ist da nicht verwunderlich.

Doch Menschen, die laut durch den Wald gehen, werden wie bei anderen Arten ebenfalls nicht als Gefahr gesehen. So führte ich einmal eine Besuchergruppe im Januar durch den verschneiten alten Buchenwald meines Reviers. Die Wanderer wollten sich den Ruheforst, einen Bestattungswald, ansehen. Nachdem wir uns dort eine Stunde lang umgesehen hatten, marschierten wir wieder zum Parkplatz zurück, als mir auffiel, dass ich meinen Rucksack unter einem Baum vergessen hatte. Der Praktikant, der mich begleitete, bot sich an, noch einmal zurückzugehen. Als er schließlich nach fünfzehn Minuten wieder erschien, war er ganz aufgeregt. Er hatte eine Wildkatze gesehen, die friedlich den Weg kreuzte. Offensichtlich hatte das Tier in der Nähe abgewartet, bis die gut gelaunte und entsprechend kommunikationsfreudige Truppe den alten Wald wieder verlassen hatte. Ähnliches habe ich ein Jahr später an einem heißen Julitag auf ebendiesem Ruheforstparkplatz erlebt. Ich unterhielt mich, an meinen Geländewagen gelehnt, mit einem Kollegen, als ich plötzlich eine Wildkatze seelenruhig fünfzig Meter von uns entfernt über die Zufahrt von einem Waldstück in das andere wechseln sah. Die nahe Straße schien sie nicht zu stören, was zeigt, dass die Scheuheit sich eher auf stille, durch das Unterholz pirschende Menschen bezieht. Das Fazit muss also lauten: Krach im Wald stört hier niemanden, schon gar nicht Krach von Kindern. Oder nein, ich muss mich korrigieren – er stört die wilden Tiere nicht, sondern vielleicht eher manche Erwachsenen.

Querfeldeingehen hat den Hauch grenzenloser Freiheit, und bei dieser denkt man meist an andere Länder. Ich mag die menschenleeren Landschaften im Südwesten der USA, nicht etwa, weil ich menschenscheu bin, nein, diese endlosen Weiten haben es mir angetan. Wo in Europa der Blick in die Ferne meist an Strommasten, Autobahnen oder Siedlungen hängen bleibt, kann das Auge in New Mexico, Arizona oder Utah über Wälder und Gebirge schier endlos umherschweifen.

Allerdings nur das Auge. Denn in den meisten Fällen ist der Weg abseits öffentlicher Straßen versperrt, und dies teilweise wortwörtlich. So begleiteten uns bei einer Rundreise durch den Südwesten Maschendrahtzäune, die links und rechts der Straße auf Hunderten von Kilometern das Freiheitsgefühl im Keim erstickten. Eingezäunt waren häufig nur Sand und Fels – als ob da jemand etwas wegnehmen würde! Land in Privatbesitz (und das gibt es dort sehr viel) ist nicht öffentlich zugänglich, und darauf weisen immer wieder Schilder hin.

Zurück in Deutschland, wurde mir erst klar, welche Möglichkeiten sich hier jedem Waldbesucher bieten. Es stehen nicht nur sämtliche Wege zur freien Verfügung, sondern gleich die gesamte Fläche. Wann immer Sie sich also ins Unterholz schlagen möchten – bitte schön! Niemand kann Sie daran hindern, es sei denn, Sie sind in einem der wenigen Ausnahmegebiete unterwegs. Naturschutzgebiete, Nationalparks und kleinere Bannwälder weisen meist ein Wegegebot auf, das heißt, Sie dürfen die ausgeschilderten Routen nicht verlassen. Doch da solche Flächen nur wenige Prozente der Waldgebiete ausmachen und zudem immer deutlich darauf hingewiesen wird, können Sie sich im Normalfall nicht vertun. Weitere Ausnahmen sind frisch aufgeforstete Kulturen mit Jungbäumen, erst recht, wenn diese eingezäunt sind. Auch wenn es noch so reizt, den Zaun zu übersteigen und den Querfeldeingang abzukürzen: Gehen Sie lieber außen herum.

Ein letztes Tabuareal sind laufende Holzeinschläge. Wo die Motorsägen röhren oder der Harvester, die Vollerntemaschine, brummt, ist es lebensgefährlich. Fallende Bäume mit bis zu vierzig Meter Länge sind schwer einzuschätzen, zudem versperren häufig Büsche die Sicht auf Spaziergänger. Daher stehen auf den betreffenden Waldwegen schon Hunderte Meter vor der eigentlichen Durchforstungsfläche Warnschilder, oder ein rot-weißes Flatterband versperrt sie gleich ganz. Der überwältigende Teil der Wälder ist jedoch frei von solchen Restriktionen, sodass Sie hier tatsächlich ganz eintauchen können. Allerdings gilt das nur für Fußgänger. Fahrradfahrer und Reiter müssen sich an die Wege halten, für alle anderen Fortbewegungsmittel ist der Wald in der Regel ohnehin komplett gesperrt.

Wie geht man denn nun richtig querfeldein? Am besten eignen sich dichtere Laubwälder. Hier ist der Boden meist frei von Bewuchs, und es stören keine Äste an den Stämmen. Das sieht bei Nadelforsten ganz anders aus, vor allem, wenn die Bäume dicht an dicht gepflanzt wurden. Dann greifen die abgestorbenen unteren Äste benachbarter Fichten, Kiefern und Douglasien wie Arme ineinander und hindern den Durchgang. Ich habe mich in solchen Plantagen manchmal sogar rückwärts bewegt, um mich mit Gewalt hindurchzudrücken. So peitschen keine Äste ins Gesicht oder, schlimmer noch, stechen in die Augen. Laubwald ist da viel friedlicher. Taucht Gras unter den Bäumen auf, so sollten Sie einen Bogen darum machen. Morgendlicher Tau oder festgehaltene Regentropfen lassen Ihr Schuhwerk im Nu durchweichen, und selbst eingearbeitete Spezialmembranen halten die Nässe in solchem Gelände kaum auf Dauer ab.

Brombeeren sind oft eine Herausforderung. Natürlich nicht die Früchte, doch meist werden Sie nur auf die beerenlosen rankenden Pflanzen treffen. Diese verhaken sich ineinander und bilden teilweise meterhohe Verhaue. Möchten Sie ein solches Feld kreuzen, dann heißt es laufen wie ein Storch. Treten Sie die oberste Ranke mit dem Fuß zu Boden, belasten dann diesen Fuß und machen mit dem zweiten den nächsten Schritt auf die nächste Ranke. Das sieht lustig aus, doch es schaut ja in der Regel niemand zu. Haben Sie es eilig, oder möchten Sie nicht so staksig laufen, können Sie rasch von einer Ranke regelrecht gefangen werden. Wie bei einem Lasso, das sich zuzieht, kommen Sie kaum noch aus der unfreiwilligen Umarmung los, und oft genug endet dann ein weiterer Schritt mit dem Sturz in die Dornen – aua!

Sturzgefahr besteht auch beim Gehen im Steilhang. Nicht etwa, weil Sie sich dort nicht richtig auf den Beinen halten können, nein, das Verhängnis lauert unter Laub oder Schnee. Es sind tote Äste, deren Rinde schon weggerottet ist. Sie liegen meist mit dem Gefälle, also von oben nach unten, im Hang. Wenn Sie auf solch einen Ast treten, rutscht der aufgesetzte Fuß wie auf einer Gleitbahn seitlich bergab. Mir ist das, obwohl ich es eigentlich wissen müsste, schon häufig passiert. Wenn ich bewusst registriere, worauf ich getreten bin, ist es oft schon zu spät. Ich kippe, rudere dabei mit den Armen und krache dann seitwärts auf den Boden. Steile Partien sollten Sie bei feuchtem Wetter im Zweifelsfall meiden. Eine gute Möglichkeit, sich in Berghängen zu bewegen, sind Wildwechsel. Da die Tiere dieselben Probleme haben wie Sie, laufen sie nur auf ausgetretenen und damit ebenen Pfaden. Die sind zwar schmal, meist nicht breiter als dreißig Zentimeter, aber es reicht für einen sicheren Gang. In langen Hängen ziehen sich in regelmäßigen Abständen solche Wildpfade parallel dahin, sodass Sie, wenn Sie tiefer hinabmüssen oder abbiegen wollen, einfach einen oder zwei Pfade tief absteigen und danach weiter sicher den Trittsiegeln der Tiere folgen können.

Sind Sie im Tal angekommen, steht oft eine Bachquerung an. Bisher sind die Schuhe trocken geblieben, und das soll sich nicht ändern. Also versuchen die meisten Querfeldeinläufer, von Ufer zu Ufer zu springen. Das scheint ganz einfach zu sein, schließlich sind die kleinen Wasserläufe oft nicht breiter als einen Meter. So einen Sprung sollte eigentlich jeder schaffen, und das stimmt auch. Nicht allerdings, dass man dann auf trockenem Boden steht. Gerade Bäche, deren Uferbereich flach verläuft, durchnässen diesen unterirdisch so, dass kleine Sumpfgebiete entstehen. Der Sprung endet also oft im Morast, der dann feucht und kalt von oben in die Schuhe läuft. Wie können Sie das vermeiden?

Zunächst sollten Sie sich eine Stelle suchen, an der die Bachufer steiler nach oben verlaufen. Hier ist die Chance gut, dass unter der Oberfläche viele Steine sind. Auch dicht neben Bäume zu treten erhöht die Chance, dass die Schuhe sauber und die Füße trocken bleiben, denn das Wurzelwerk wirkt wie eine Matte. Und ganz einfach ist es, wenn der Bach nicht tiefer ist, als Ihre Schuhe hoch sind, und Steine zu sehen sind – dann treten Sie beherzt ins Wasser. Im Laufe der Zeit haben sich diese Steine von allem Schlamm freigespült und liegen in der Regel so sicher auf dem Grund wie das Pflaster in einer Fußgängerzone – na gut, nicht ganz, denn manchmal sind sie etwas glitschig. Bei meinen Gängen durchs Revier ist es mir noch nie passiert, dass ich im Bachbett eingesunken bin, wohl aber oft schon in der weichen Böschung. Die einzige kleine Gefahr besteht darin, dass man sich bei der Tiefe verschätzt, doch dann wird es immerhin nur nass und nicht schmutzig.

Matsch und Sumpf sind bei schlechtem Wetter immer ein Thema. Natürlich sind die Schuhe für harte Einsätze konstruiert, doch wer möchte schon unnötig verschlammtes Leder reinigen? Ganz davon abgesehen, dass im Zweifelsfall etwas von der Brühe hereinläuft, wenn Sie zu tief einsinken. Daher gilt es, den Bodendruck des Schuhs zu reduzieren, indem Sie die Auftrittsfläche vergrößern. Das können beispielsweise Äste sein, die auf dem Boden liegen. Treten Sie darauf, verteilt sich Ihr Gewicht auf eine größere Fläche – doch achten Sie darauf, dass das Holz nicht allzu verrottet ist. Sonst macht es „knack“, und Sie stehen doch eine Etage tiefer.

Äste liegen nicht überall herum, weiter verbreitet sind hingegen Grasbüschel. Jedes dieser kleinen Polster ragt wie eine Insel aus dem Morast und ist überraschend stabil. Wenn Sie nun von Insel zu Insel stapfen, gelangen Sie trockenen Fußes auf die andere Seite. Das gilt allerdings nur für echte Bachläufe, keinesfalls hingegen für Moore. Dort sitzen die Gräser auf schwammigem Torfmoos und werden instabiler, je weiter Sie sich in eine solche Fläche hineinwagen.

Und wenn Sie gar nicht querfeldein gehen möchten? Das Laufen durch Gestrüpp und Unterholz bietet ja nicht nur Vorteile. Sind Sie zu zweit unterwegs und möchten sich unterhalten, so ist der Gang abseits der Wege nicht zu empfehlen. Da es meist nur schmale gangbare Routen gibt, fällt man schnell in den Gänsemarsch, und schon wird die Wanderung recht einsilbig. Ein wenig Abstand zueinander ist angeraten, wegen zurückschlagender Äste beim Durchstreifen; das macht die Unterhaltung noch schwieriger.

Und überhaupt – warum sollten Wege langweilig sein? Auf ihnen gibt es jede Menge zu entdecken. Zum Beispiel die Spuren schwerer Maschinen. Nun könnte man sich maßlos ärgern, wenn man durch frisch durchforstete Wälder spaziert und die schönsten Wege im Matsch versinken. Ist es nicht eine Frechheit, dass die Wanderer durch knöchelhohen Schlamm laufen müssen, nur weil die kommerzielle Forstwirtschaft rücksichtslos Holz erntet? Ich kann beide Seiten gut verstehen, auch die Waldbesitzer. Denn die Wege wurden bis auf wenige Ausnahmen tatsächlich nur deswegen gebaut, damit die gefällten Stämme per Lkw ins nächste Sägewerk gefahren werden können. Rücksichtnahme auf Erholungssuchende kann man sich nicht leisten, und selbst vermatschte Pisten sind für schweres Gerät immer noch gut genug. Früher wurde Holz nur im Winter eingeschlagen und nur bei trockener Witterung oder bei Frost gefahren. Doch in Zeiten des Klimawandels ist die kalte Jahreszeit meist nur noch regnerisch mit Temperaturen oberhalb des Gefrierpunkts.

In meinem Revier spielen sich daher immer häufiger Situationen ab, in denen es nur Verlierer gibt. Wir sperren die Holzabfuhr oft schon im Herbst, wenn im Dauergrau alle Wege aufgeweicht sind. Unsere Hoffnung, es möge doch wenigstens ein paar Tage Frost geben, der die Trassen durchfrieren lässt, erfüllt sich nur noch selten. Inzwischen wird das geerntete Holz durch Pilzbefall qualitativ immer schlechter, und der Käufer befürchtet zu Recht schwere finanzielle Einbußen. Spätestens im März, und dann liegen manche Stämme schon sechs Monate im Wald, muss gefahren werden, bevor die Ware endgültig verdirbt. Die Wege verschlammen und müssen hinterher aufwendig instand gesetzt werden.

Oft berichten mir Besucher, dass sie in anderen Wäldern in ihren Freizeitaktivitäten rüde gestoppt werden. Meist sind es ältere Herren in Grün, die sich aus ihrem Geländewagen beugen und irgendwelche Verbote aussprechen. Lassen Sie sich im Zweifelsfall einfach erst einmal den Dienstausweis zeigen. Den gibt es nämlich in der Regel gar nicht, weil es sich um Jagdaufseher handelt. Das sind Hilfspersonen, die dem örtlichen Jagdpächter zur Hand gehen. Ihr grünes Schild „Jagdschutz“, welches hinter der Windschutzscheibe prangt, sieht amtlich aus. Allerdings kann es sich jeder im Internet bestellen und darf es sich ebenfalls ins Auto stellen, genauso wie Schilder mit dem Aufdruck „Landwirtschaft“, „Forstwirtschaft“ oder ähnlichen Hinweisen. Sie sollen eigentlich nur klarmachen, dass die betreffende Person berechtigterweise mit dem Pkw die Waldwege befährt. Richtig amtlich sind nur Schilder mit dem Aufdruck „Forst“ oder „Forstverwaltung“, die das jeweilige Landes- oder Stadtwappen tragen. In diesen Fahrzeugen sitzen Förster, die sich entsprechend ausweisen können und müssen. Meist kontrollieren die Kollegen aber gar keine Wanderer, sondern halten sich dezent zurück.

Bei vielen Jägern sieht das anders aus. Sie ärgert es, wenn sie abends auf dem Hochsitz auf Wild warten und noch ein später Waldbesucher mit Hund (womöglich frei laufend) vorbeikommt. Dann war die Aktion vielleicht umsonst, und es ist verständlich, dass die Waidmänner verstimmt absteigen. Zum Abreagieren eine Art Polizeiaktion mit den „Störenfrieden“ zu veranstalten ist allerdings schlicht und ergreifend illegal. Doch wer möchte schon wütenden Personen widersprechen, die schwer bewaffnet sind? Und so ist es im Zweifelsfall besser, sich einfach das Pkw-Kennzeichen zu merken und den Rückzug anzutreten. War die verbale Attacke zu heftig und hing dabei dem Gegenüber das Gewehr über der Schulter (oder wurde gar in die Hände genommen), bleibt Ihnen immer noch eine Anzeige wegen Nötigung.

 

Spurensuche

Ich freue mich bei Schneefall gleich doppelt: Erstens mag ich richtige Winter, in denen ich mit schweren Stiefeln durch die weiße Pracht stapfen kann, und zweitens kann ich dann viele Geheimnisse lüften. Zumindest diejenigen, welche Tiere betreffen, denn nun hinterlassen sie deutlich sichtbar ihre Spuren. Dabei ist Schneefall nicht gleich Schneefall. Vor allem der erste Wintereinbruch einer Saison ist besonders ergiebig. Dann sind die Tiere noch nicht im Kältemodus, streifen noch viel aktiver umher als bei längeren Frostperioden. Am besten starten Sie Ihre Entdeckungstour gleich morgens, denn oft schmilzt die Mittagssonne die Spuren an, oder ein scharfer Wind weht sie wieder mit Eiskristallen zu, sodass sie kaum noch zu erkennen sind. Nehmen Sie einen Fotoapparat mit und lichten alle Funde ab, damit Sie diese zu Hause bequem mithilfe eines Bestimmungsbuches oder einer passenden Webseite entschlüsseln können.

Im Sommerhalbjahr ist feiner Schlamm auf oder an Wanderwegen besonders ergiebig. Hier hinein drücken sich Pfoten und Hufe wie ein Siegel in Wachs. Nebenbei können Sie grob ermitteln, wie lange es her ist, dass das betreffende Tier vorbeikam. Entscheidend sind die letzten heftigen Regenfälle. Sie spülen die Spuren wieder zu oder lassen zumindest die scharfen Konturen erodieren, sodass sie nur noch ungefähr zu erkennen sind. Hat es also beispielsweise vorgestern geregnet und Sie entdecken eine gestochen scharfe Rehspur, ist es maximal zwei Tage her, dass das Tier dort seine Bahn zog.

Besonders aufregend wird es, wenn man Wolfsspuren findet. Mein erster Fund dieser Art war im getrockneten Schlamm eines schwedischen Weges geprägt. Mit meiner Familie war ich im Grenzgebiet zu Norwegen unterwegs, und zwar mit dem Kanu. Kanu und Wolfsspuren? Da diese Wasserwanderung entlang einer Kette von Seen verlief, waren zwischendurch sogenannte „Portagen“ notwendig. Dabei wird das Kanu entladen, aus dem Wasser gehoben und auf einem Gestell mit zwei Rädern befestigt. Das Gepäck kommt wieder hinein, und nun mussten wir uns Kilometer um Kilometer auf verschwiegenen Waldwegen durchs Hügelland kämpfen.

Die notwendigen Pausen bei dieser Quälerei mit dem ermattet nach unten gerichteten Blick bescherten uns die ersten richtigen Wolfsspuren. Spaziergänger gab es in diesem abgelegenen Gebiet nicht, jedoch die damals größte Wolfspopulation Schwedens. Wir fühlten uns reich beschenkt und schoben unser Kanu mit neuer Energie zum nächsten Gewässer.

Warum ich die Spaziergänger erwähnte? Oft sind diese mit Hunden unterwegs, und dann wird die Spurensuche kniffelig. Hunde und Wölfe sind ja sehr eng verwandt, die Pfotenabdrücke damit sehr ähnlich. Großer Hund oder Wolf, das traue selbst ich mir kaum zu. Es gibt natürlich einige Anhaltspunkte, und das Wichtigste ist die Nachrichtenlage. Da allerorts abends Jäger draußen auf ihren Hochsitzen sind, wird jeder Wolf sofort gemeldet und spätestens am nächsten Tag in den Medien präsentiert. Wolfsspuren in Landstrichen, in denen noch keine bestätigte Sichtung existiert, sind wohl eher ihren zahmen Verwandten zuzurechnen. Innerhalb von Wolfsrevieren lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Wölfe schnüren im Gegensatz zu Hunden, das heißt, ihre Pfotenabdrücke sind wie auf einer Linie aufgereiht. Hinzu kommt, dass die Tiere die Hinterpfoten in die Abdrücke der Vorderpfoten setzen. Zur Sicherheit sollten Sie auch noch links und rechts der Spur schauen: Bei matschigem Wetter sollte sich, falls die Spur doch vom Hund stammen könnte, auch die Spur des Besitzers abzeichnen.

Wenn Sie Kot finden, lässt sich der Unterschied Wolf/Hund deutlicher ablesen. Das Haustier wird meist aus Dose oder Beutel ernährt, und die Hinterlassenschaften zeigen daher ein einheitliches Braun ohne Strukturen. Bei Wölfen können Sie dagegen sehen, welche Tiere sie gefressen haben. Kalkige Knochenreste sind durchzogen mit Tierhaaren, oft schwarzen, die dann von Wildschweinen stammen. Im Zweifelsfall können Sie den Kot auch in einen Plastikbeutel packen und an den nächsten Wolfsberater schicken, der ihn zur Untersuchung weiterleiten kann.

Der zweite große Beutegreifer, der Luchs, hat einwandfreie Trittsiegel. So große Katzenspuren sind unverwechselbar. Im Zweifelsfall hilft die Symmetrie: Hunde-/Wolfsspuren sind spiegelgleich, wenn man sie in der Mitte gedanklich teilt (zwischen den mittleren Zehen), bei Luchsen ergibt sich ein schiefes Bild. Zudem sind bei den großen Katzen nur sehr selten Krallenabdrücke zu sehen, während Wolf und Co. die Krallen (oder korrekt: die Nägel) meist mit in den Schlamm drücken. Wenn Sie eine Katze haben, hilft diese Ihnen vielleicht sogar bei der Identifikation, falls ein Luchs in Ihrer Umgebung umherstreift. So erzählte mir ein Kollege aus dem Pfälzer Wald, dass sein Stubentiger sich nicht mehr vor die Tür traue, sobald seine größere Verwandtschaft im Großraum auftauche. Das sei ein sicherer Indikator für ihn.

Während Luchs- und Wolfsspuren schon den Lottogewinn bei der Suche darstellen, sind Fuchsspuren eher ein Trostpreis. Dennoch können Sie an ihnen den Unterschied zu kleineren Hundesiegeln lernen, denn der Fuchs läuft ähnlich wie sein großer wilder Bruder. Er schnürt, hinterlässt also eine lange, gerade Linie von Abdrücken. Im Gegensatz zu Hunden ragt der hintere Ballen auch nicht in die Spur der Zehenballen, was das Siegel länglicher wirken lässt.

Die Anwesenheit von Füchsen verraten auch deren Baue. Sie liegen zwar nicht an Wanderwegen, doch wenn Sie auf der Suche nach Pilzen durchs Unterholz streifen, stoßen Sie vielleicht auf solch eine Höhle. Meist sind es mehrere Aus- oder Eingänge, die in eine Böschung gegraben sind. Ob sie noch genutzt werden, zeigen frische Kratzspuren und das Fehlen von Vegetation auf der ausgeworfenen Erde.

Allerdings kann auch jemand anderes diese Behausung nutzen – der Dachs. Die Unterscheidung ist schwierig, wenn es keine Pfotenabdrücke gibt (dann wäre es leicht; Dachsspuren sehen aus wie kleine Bärenspuren mit nach vorne gerichteten Krallen). Dachse graben mehr als Füchse und lagern entsprechend viel Erde vor dem Bau, in der sich eine Rinne abzeichnet, die vom Ein- und Ausgehen auf dem immer gleichen Pfad stammt. In dieser Rinne findet sich manchmal Polstermaterial, welches später den Bau schön gemütlich machen soll. Im Gegensatz zu Füchsen, die ihren Kot überall absetzen, legen sich Dachse regelrechte Toiletten an. Hier vergraben sie ihr Geschäft, und das kann man riechen. Damit nicht genug: Sie setzen auch noch Duftmarken ab, um ihr Revier zu kennzeichnen. Markanter Duft lässt also eher auf den Dachs schließen. Um es noch komplizierter zu machen, wohnen oft verschiedene Tierarten gleichzeitig im Höhlensystem: Dachse, Füchse und auch Marderhunde. Und selbst wenn Sie die Bewohner nicht identifizieren können, ist es eine spannende Entdeckung, denn solche Baue können jahrhundertelang genutzt werden und sind damit so alt wie die Fachwerkhäuser unserer Innenstädte.

Trittsiegel, Kot und Behausungen sind nur ein Teil möglicher Hinweise. Wildschweine etwa zeigen ganz deutlich, wo sie sich gesuhlt haben. Nach dem erfrischenden Bad im Schlamm (der manchmal sogar den Abdruck der liegenden Tiere zeigt) scheuern sie sich an sogenannten „Mahlbäumen“. Dabei werden nicht nur die trocknende Kruste, sondern auch Haare abgerieben, die in Rindenspalten hängen bleiben. Auf dem Weg zu diesen Bäumen spritzen von den nassen Tieren lehmfarbene Tröpfchen auf die Vegetation, die wie bei Hänsel und Gretel zeigen, wo sie entlanggelaufen sind.

Manche Zeichen deuten noch subtiler auf Tiere hin. Im Frühjahr keimen in den alten Buchenbeständen die Eckern. Die Sämlinge sehen mit ihren Keimblättern aus wie kleine Schmetterlinge, die vorsichtig ihre Flügel entfalten. Manchmal sprießt gleich ein ganzes Bündel aus dem Boden. Doch wie kann das sein? Bucheckern sind schwer und fallen, Wind hin oder her, immer schön senkrecht unter ihren Mutterbaum. Rein statistisch gesehen, sollten sie schön gleichmäßig um den Stamm herum keimen. Gut, es mag auch mal zwei oder drei auf einen Platz verschlagen, aber gleich zehn oder mehr? Nein, der Zufall ist dann nicht im Spiel, sondern Eichhörnchen oder, häufiger noch, Mäuse. Sie legten sich hier im Herbst ihren Wintervorrat an, um sich unter der Schneedecke gemütlich an den ölhaltigen Samen zu laben. Der Strauß an Sämlingen zeigt also ein kleines Drama an: Offensichtlich kam im Winter ein hungriger Fuchs vorbei, der sich das fleißige Mäuschen schmecken ließ. Die Vorräte des kleinen Nagers blieben nun verlassen im Boden und konnten so im Frühling keimen. Man kann es natürlich auch andersherum sehen: Der Fuchs befreite die Baumembryos von ihrem Feind und sicherte so ihr Überleben.

Ebenfalls auf Bäume abgesehen haben es Spechte. Zum einen bauen sie ihre Höhlen in die Stämme, und beileibe nicht nur in faule. Wer möchte schon eine instabile Wohnung haben? Nein, oft werden völlig gesunde Exemplare ausgewählt, und damit das harte Holz nicht zu viele Kopfschmerzen verursacht, wird in Etappen gemeißelt. In den Zwischenintervallen, die manchmal sogar mehrere Monate dauern, besiedeln Pilze die Baustelle und machen durch Zersetzungsprozesse das Holz mürbe. Spechte haben aber noch ganz andere Bedürfnisse. So schlürfen sie im Frühjahr gerne die zuckerhaltigen aufsteigenden Baumsäfte. Dazu hacken sie mit einer Vorliebe für jüngere Eichen etwa zehn Zentimeter lange Reihen kleiner Löcher in die Rinde. Hier lecken sie den austretenden Saft auf. Dem Baum schadet das kaum, aber er behält für Jahrzehnte eine Art Schmucknarben auf der Borke.

Weniger schmerzhaft ist es, wenn die Vögel nach Insekten suchen. Diese befallen Bäume nämlich nur dann, wenn sie tot oder zumindest so schwer erkrankt sind, dass es dem Ende zugeht. Im Sommer, wenn Borkenkäfer Hochkonjunktur haben, zeigen Spechte ganz deutlich, welche Bäume es erwischt hat. Überall dort, wo sich saftige weiße Maden (der Nachwuchs der Käfer) unter der Rinde tummeln, hacken und stochern die Vögel so lange herum, bis sie die meisten Leckerbissen erbeutet haben. Bei diesem Festmahl löst sich großflächig die Rinde, und das hell hervorleuchtende Holz signalisiert Ihnen schon von Weitem den Käferbefall des Baums.

Doch auch abgestorbene Stämme, die langsam im Dämmerlicht am Boden verrotten, sind für Spechte attraktiv. Über tausend Insektenarten legen hier ihre Eier ab. Die bleichen Larven fressen sich oft jahrelang durch die zerbröselnde Holzsubstanz, bevor sie sich verpuppen und anschließend für wenige Wochen als Käfer die Welt erkunden. Diese „Spechtspeisekammer“ können Sie besonders gut im Winter entdecken. Nun gibt es keine frei laufenden Ameisen mehr, und fliegende Insekten halten Winterschlaf, versteckt unter abblätternder Borke. Spechte bedienen sich in ihrer Not an totem Holz und hacken lange, helle Späne heraus. Tief im Inneren gelangen sie an die eiweißreichen Larven, die sie für die schwere Arbeit entschädigen. Wo es besonders viel zu holen gab, zeigen völlig zerfaserte und zerlegte Totholzteile am Boden.

Die nächste Kategorie von Spuren ließe sich eher als Reste bezeichnen, und eine kleine Begebenheit am Forsthaus erinnerte mich daran, dass sie auch in diese Gebrauchsanweisung gehören. Ich saß in der Mittagspause auf dem Sofa und biss gerade in mein Käsebrot, als mein Blick nach draußen schweifte und an Schneeflocken hängen blieb. Sie rieselten besonders sanft zu Boden – zu sanft. Beim genaueren Hinsehen entpuppten sie sich als Flaumfedern. Ich stand auf und ging ans Fenster. Die Quelle des Federsegens war schnell klar: Es war ein Eichelhäher, der gerade genüsslich eine Kohlmeise rupfte, um sich deren Fleisch schmecken zu lassen.

Solche kleinen Tragödien passieren sehr häufig unter dem Blätterdach der Bäume; es gibt eine ganze Reihe von Vogeljägern unter den Tieren. Da wären beispielsweise Eichhörnchen, Marder und Füchse, um nur einen Teil der infrage kommenden Säugetiere zu nennen. Unter den Vögeln selbst sind es Rabenvögel, also Elstern, Eichelhäher, Krähen und Raben, dazu Eulenarten wie der Waldkauz oder der Uhu und Greifvögel wie Sperber oder Habicht. Eine typische Rupfung erkennen Sie an einer Federansammlung, die oft auf einem Baumstumpf liegt. Tiere scheinen für ihr Metzgerhandwerk ebenfalls Tische zu bevorzugen. Welche Art es nun genau war, die hier zu Werke ging, können Sie nicht unterscheiden, immerhin aber, ob es ein Säugetier oder ein Vogel war. Denn Letztere haben keine Zähne, und während zum Beispiel der Fuchs hartnäckige Kiele einfach abbeißt, reißen Greifvögel sie im Ganzen heraus. Dort, wo der Schnabel zugepackt hat, findet sich oft eine Kerbe oder ein Knick.

Die Spurensuche kann aber auch ganz anders aufgefasst werden. Wie wäre es, wenn Sie nicht nach tierischen Fährten, sondern nach menschlichen Ausschau hielten? Immerhin sind das die häufigsten Zeichen, die Sie bei einem Waldspaziergang finden können. Und es macht Spaß, ein bisschen Detektiv zu spielen. Da wären etwa Pfützen. Sie eignen sich gut, um zu schauen, wann das letzte Fahrzeug über den Weg gefahren ist. Solange das Wasser noch trübe ist, muss die Durchfahrt vom selben Tag stammen, oft liegt sie weniger als eine Stunde zurück. Eine einfache Reifenspur deutet auf einen Geländewagen hin, eine doppelte auf einen Holz-Lkw. Bei breitem, grobem Profil war eine Erntemaschine unterwegs, die entweder Bäume abgesägt oder diese an den Weg transportiert hat. In diesem Sinne kann es spannend sein, die Spuren anderer Menschen zu untersuchen.

„Eine Liebeserklärung an die Natur“ Hörzu

Kielings kleine WaldschuleKielings kleine Waldschule

Vom Leben in der Natur

Der renommierte Wildlife-Experte nimmt uns mit in die Natur. Und er erklärt , was man auf dem nächsten Waldspaziergang entdecken kann. 

„Sehr lebendig, sehr persönlich. Eine Liebeserklärung an die Natur.“ Hörzu 

Welche Pilze sind ungiftig? Was macht die Ameise so besonders? Wie bin ich im Einklang mit der Natur unterwegs? Was kann jeder von uns gegen für die Artenvielfalt tun? Kieling beantwortet wichtige Fragen unterhaltsam und verständlich.  

Der preisgekrönter Tierfilmer hat mit seinem Videoblog  „Kleine Waldschule“ eine riesige Fangemeinde, die Beiträge werden millionenfach aufgerufen. Das Buch „Kielings kleine Waldschule“ ist das Best-of dieser reichhaltigen Sammlung an Wissen und erzählt die spannendsten Episoden weiter.  

Wie einen guten Freund nimmt Kieling uns in seinem Buch mit in den Wald. Er öffnet die Augen für Biotope in unserer Umgebung und erklärt, wie der Mensch sich in der Natur bewegt, ohne ihr zu schaden. Wissenswerte Informationen über Wildtiere, Krötenpopulationen, Luchse in Deutschland, Uhus oder Schwarzstörche, aber auch über Pflanzen finden hier genauso Platz wie kontroverse Meinungen rund um den Wolf, Insektensterben und andere akute und drängende Problemstellungen.  

 „Der bekannte Tierfilmer Andreas Kieling nimmt den Leser an die Hand und führt ihn durch kurz gehaltene, aber sehr informative Kapitel rund um die Bewohner und Pflanzen im Wald. Dabei schafft er es, sehr fokussiert zu erzählen und bindet seine vielen Erfahrungen amüsant und ehrlich mit ein. Es geht um Vögel, Insekten, den Naturschutz, den Nutzen eines Fernglases, Pilze und Früchte – kurz gesagt, das Buch vermittelt einen interessanten Querschnitt durch den Lebensraum Wald.“ ― wandermagazin.de   

Andreas Kieling interessiert sich seit seiner Kindheit für Wildtiere. 1976 floh er aus der DDR. Seine Karriere als Dokumentarfilmer begann der ausgebildete Berufsjäger 1991. Seine Dokumentationen wurden mit dem Panda Award ausgezeichnet. Er selbst erhielt 2015 das Bundesverdienstkreuz am Bande für sein Wirken als Tierfilmer. - 

Vorwort
Mit etwa vierzig hatte ich die Befürchtung, dass mein Interesse an Tieren und generell an der Natur nachlassen könnte, wenn ich erst einmal sechzig wäre, dass ich dann satt wäre, dass meine Neugierde und mein Wissensdurst vergehen könnten. Für jemanden, der als Tierfilmer sein Geld verdient, wäre das eine mittlere Katastrophe. Doch je älter ich werde und je mehr ich verstehe, wie die Natur funktioniert, was die Dinge zusammenhält, desto mehr hinterfrage und erkenne ich, und desto mehr zieht es mich wiederum hinaus. Wenn ich beschreiben müsste, was mich mit der Natur verbindet, würde ich sagen, sie beseelt mich. Es macht mich glücklich, wenn ich draußen in der Natur sein kann. Jetzt sogar mehr als mit dreißig oder vierzig. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich heute mehr andere Verpflichtungen habe und nicht mehr so viel draußen sein kann wie früher. Dennoch nimmt die Natur nach wie vor einen sehr, sehr großen Teil meines Lebens ein.
An dieser Liebe, dieser Glückseligkeit, die ich in der Natur erfahre, will ich möglichst viele Menschen teilhaben lassen, und so entstand schließlich die Idee zur „Kleinen Waldschule“ auf Facebook. Interessanterweise sind meine Follower auf der einen Seite Menschen, die die Natur eher pragmatisch und realistisch sehen. Sie wandern viel, sind selbst viel draußen, erleben die Natur, fühlen, hören, sehen sie, machen sich ihr eigenes Bild. Einige finden zum Beispiel die Jagd nicht so prickelnd, andere sehen durchaus deren Notwendigkeit ein, lehnen aber die Trophäenjagd ab. Auf der anderen Seite gibt es die Follower, die quasi stellvertretend durch mich die Natur erleben. Sie haben sich oft ein sehr romantisches Bild von der Natur geschaffen und stören sich an vielen von dem, was ich sage, zum Beispiel, dass Tiere instinktgesteuert sind, nicht so sozial, gerecht, harmonisch oder wie auch immer wir sie gern hätten und sie uns wünschen. Das führt dazu, dass einzelne Follower mir sogar die „Freundschaft“ kündigen, weil sie sich ihre idealisierte Vorstellung von der Natur nicht zerstören lassen wollen. Eines ist aber ganz klar: Die Natur ist nicht per se gut. Genauso wenig, wie sie per se böse ist. So wenig, wie Wölfe, Giftschlangen oder Knollenblätterpilze „böse“ sind. Diese moralische Klassifizierung kennen nur wir Menschen.
Ich hoffe, dass es mir mit diesem Buch und überhaupt mit meiner Arbeit – Filmen, Büchern, Vorträgen, Beiträgen auf Facebook und was ich sonst noch mache – gelingt, zumindest mit einem Teil der Klischees, der Vorurteile und Ängste aufzuräumen, die in Deutschland gegenüber Tieren herrschen, das Interesse an der Natur an sich zu wecken, an den vielen Phänomenen, die es zu entdecken und zu schützen gilt. Das große Ganze ist mir wichtig, daher verzichte ich weitgehend darauf, Einzelfakten zu erwähnen, die man genauso gut im Internet nachlesen kann, etwa, wie groß, wie schwer oder wie alt eine Tierart werden kann.


Einleitung
Meine ersten intensiven Naturerlebnisse hatte ich naturgemäß in Deutschland. Doch dann habe ich Bernhard Grzimek, Wolfgang Ullrich und Heinrich Dathe im Fernsehen gesehen, habe die Abenteuerromane von Jack London, Ernest Hemingway und Mark Twain gelesen. Die Natur wurde in diesen Büchern als übermächtig und sehr gefährlich dargestellt, trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen träumte ich bald davon, in die große weite Welt hinauszuziehen. Zumal ich in Thüringen mittlerweile quasi jede Ameise mit Namen kannte. Nach meiner Flucht aus der DDR heuerte ich daher als Siebzehnjähriger auf einem Schiff an, in der Hoffnung, möglichst viele fremde Länder kennenzulernen. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich mein erstes Känguru sah. Es war sehr klein, ein Wallaby, und ich dachte, komisch, Kängurus habe ich mir viel größer vorgestellt.
Die Seefahrt war auf Dauer nichts für mich, und so verfiel ich auf die Idee, Förster zu werden. Wald und Tiere, das waren genau die zwei Dinge, die mich am meisten faszinierten. Nichtsdestotrotz war der Wunsch, mehr von der Welt kennenzulernen, ungebrochen. So ging ich 1988 im Auftrag der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit für fast ein Jahr nach China, um dortige Kollegen dabei zu unterstützen, den Wald ertragreich zu bewirtschaften. In den ersten Jahren als Tierfilmer zog es mich nach Alaska, dann nach Afrika, nach Sibirien, nach Australien. Und immer wieder nach Alaska. Die ganzen Jahre über beschäftigte mich die Frage, ob meine Kinder später einmal noch einen Eisbären, einen Panda, einen Berggorilla oder einen äthiopischen Wolf sehen würden.
Mit Anfang fünfzig kam dann eine Art „Rückbesinnung“ auf Deutschland. Zum Teil, weil ich von den manchmal recht strapaziösen Reisen doch etwas angeschlagen war. Wochenlang bei Minusgraden durch Alaska zu ziehen, Nacht für Nacht auf steinhart gefrorenem Boden zu schlafen und ständig die Fotoausrüstung und so einiges mehr (Zelt, Schlafsack, Verpflegung etc.) zu schleppen steckt man mit über fünfzig nicht mehr so leicht weg wie mit dreißig. Dazu kamen Hautveränderungen und grauer Star durch die immense UV-Strahlung und das grelle Licht auf dem Packeis. Ein ausschlaggebendes Ereignis war aber mit Sicherheit 2009 die Wanderung entlang der 1400 Kilometer langen ehemaligen innerdeutschen Grenze, die auch eine Reise zurück in meine Vergangenheit war. Nach den unzähligen Erfahrungen und Erlebnissen überall in der Welt hatte ich nun einen völlig anderen Blick auf die Natur vor der Haustür und entdeckte sie zwar nicht neu, aber wieder. Und stellte fest: Meine Güte, die Natur hier ist ja genauso interessant. Und hier ist richtig viel los. Tiere, die in meiner Kindheit und Jugend praktisch nicht auffindbar waren, wie zum Beispiel Uhus, Wanderfalken oder Schwarzstörche, oder die in Deutschland schlichtweg ausgestorben waren wie Luchse und Wölfe, sind auf einmal wieder präsent. Bei den Amphibien und den Insekten hat es sich leider in die andere Richtung gedreht; als Kind wäre ich nie auf die Idee gekommen, einem Segelfalter oder Schwalbenschwanz, mit Sicherheit einer der schönsten Tagfalter, hinterherzujagen, weil man sie noch ständig sah.
Diese Faszination wollte ich teilen, und weil ich gern erzähle und es gewohnt bin, mich vor der Kamera so zu verhalten, wie ich auch im richtigen Leben bin, begann ich kurze Videos für Facebook zu drehen. Ich wollte keine großen epischen Geschichten erzählen, sondern eher bestimmte Fakten vermitteln, dies aber mit Leichtigkeit. So wie ich als Schuljunge mit dreizehn, vierzehn oder fünfzehn meinen Kumpels von meinen Abenteuern im Wald erzählte. Während meine Freunde unter „Abenteuer“ das Knutschen mit Mädchen verstanden, fand ich es faszinierend, was man im Wald alles entdecken konnte. Ich wusste genau, wo ein großer Ameisenhaufen war, wo man eine Blindschleiche oder einen frischen Maulwurfshügel fand, wo in einem kleinen Tümpel Molche lebten, ich kannte die Verstecke von Erdkröten, wusste, wo es Forellen gab, wo man im Herbst hingehen musste, um einen röhrenden Hirsch nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen. Und wenn sich mal ein Mädchen für mich interessierte, wollte ich sie daran teilhaben lassen. Tatsächlich konnte ich das eine oder andere Mädchen dazu überreden, mit mir in den Wald zu gehen, wo ich dann auch meinen ersten Kuss erhielt, und ich weiß bis heute, wie das Mädchen roch. Doch keines teilte meine Begeisterung für die Entdeckungen, die es in der Natur zu machen galt.
Damals hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich später einmal eine Freundin haben würde, die genauso naturbegeistert ist wie ich und eine unglaubliche Entdeckerlust hat, und dass mir einmal Tausende Mädchen und Frauen – zumindest virtuell auf Facebook – in den Wald folgen würden. Der Zeitgeist ist heute eindeutig ein anderer als zu meiner Schulzeit; die Jugend von heute begeistert sich nicht nur für Ed Sheeran, Rihanna oder Apache 207, sondern auch für Tiere und die Natur im Allgemeinen. Jedenfalls hatte ich innerhalb kürzester Zeit eine Menge Follower, und zwar aus sämtlichen Alters- und Berufsgruppen, die beständig weiter anwuchs. Inzwischen sind es über 300.000. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass zum Beispiel mein Post über einen Nachtfalter namens Taubenschwänzchen fast 2500 Kommentare erhalten würde. Das Video über das Insektensterben wurde 4,9 Millionen Mal aufgerufen und über 28.000 Mal geteilt, und dasjenige über „Bruder Wolf“, eine Art Nachruf auf den vermeintlichen „Problemwolf“ Kurti, der im April 2016 im Auftrag der niedersächsischen Landesregierung getötet worden war, hatte weit über 1,2 Millionen Aufrufe und wurde über 25.000 Mal geteilt. Dieses enorme Interesse an meinen kleinen Filmchen und Beiträgen macht mich glücklich, und es verleiht mir außerdem Energie und Durchhaltekraft, denn oft erfordert es viel Ausdauer, einem Tier oder auch einer Pflanze auf der Spur zu bleiben. Wenn ich dann aber dieses positive Feedback bekomme, spornt mich das immer wieder an.
Ich sehe meine Facebook-Seite ein bisschen als Naturforum, wo diskutiert wird und ich eigentlich nur den Anstoß gebe. Es kommen aber auch Anregungen von Followern wie „Machen Sie doch mal was über fleischfressende Pflanzen“ – davon haben wir immerhin drei in Deutschland: Sonnentau, Fettkraut und Wasserschlauch. Allerdings ist die Kleine Waldschule nur eines von vielen meiner Projekte, und ich habe keine große Redaktion im Rücken, die mich dabei unterstützt, weshalb ich leider viele dieser Ideen nicht aufgreifen kann.
Über die zahlreichen Follower auf Facebook wurde auch schon das eine oder andere im Bereich Naturschutz bewirkt. Einer der größten und erfolgreichsten Posts, die ich jemals hatte, war über Wildtierrettung, genauer über die Rettung von Rehkitzen. Dieser Post hat viele Menschen berührt und – und das ist das Entscheidende – zur Nachahmung angestiftet. Als ich den ersten Videoaufruf dieser Art startete, schrieben viele Facebook-Freunde, dass sie sich daraufhin einem Hegering – so nennt man die kleinste Organisationseinheit der Jäger – oder einer Kreisgruppe der Jägerschaft, dem NABU, dem BUND oder einer kleinen lokalen Naturschutzgruppe angeschlossen haben, um unter fachkundiger Anleitung Wiesen abzusuchen und Rehkitze vor dem anrückenden Kreiselmäher zu retten. Mal waren es zwei, mal drei, mal vier Kitze, die in Sicherheit gebracht werden konnten. Überwältigende vier Millionen Mal wurde das Video angesehen. Daran kann man erkennen, dass die Neuen Medien nicht nur Unterhaltung und Tinnef sind, sondern dass man damit sehr effektiv etwas bewegen kann. Ich habe mehrmals über die Jahre hinweg auf Facebook den Aufruf gestartet, dass man sich zur Jungwildrettung melden soll, und bin tatsächlich stolz darauf, dass das bestimmt mehrere Hundert Rehkitze vor dem Mähtod bewahrt hat. Fraglich, ob ein Aufruf in einer Zeitung oder im Radio zu einer ähnlichen Resonanz geführt hätte.
Mit meinem Interesse an der Natur speziell in unserer Heimat bin ich also nicht allein. Immer mehr Deutsche, vor allem auch junge, verbringen zudem ihren Urlaub in Deutschland. Das mag ökologische Gründe haben; eine andere Ursache liegt vielleicht darin, dass aus den Medien im Grunde alle Ecken dieser Welt bekannt sind und so mancher mittlerweile der exotischen Ziele irgendwie überdrüssig ist. Und es entdecken eben immer mehr Menschen, wie unendlich abwechslungsreich unsere Heimat ist: Wir haben mit der Nord- und der Ostsee zwei Meere, wir haben Mittelgebirge und mit den Alpen ein Hochgebirge, wir haben ausgedehnte Wälder und Tausende Seen; mittlerweile haben wir sogar fast savannenähnliche Gebiete in Brandenburg, in denen weniger Niederschläge fallen als in der Serengeti. Und wir haben höchst unterschiedliche Dialekte, Trachten, Traditionen, dazu jahrhundertealte Baudenkmäler wie Burgen, Schlösser oder Kirchen. Und seit das Wandern ein richtiger Trendsport auch unter Jugendlichen geworden ist, steigt das Interesse an Tieren und Pflanzen immer weiter an. Man will wissen: Der Schmetterling da in der Burgruine, wie heißt der? Die hübsche rote Blume auf der Hochalm, was ist das für eine?


Unser Verhältnis zur Natur und zu Tieren
Dem Interesse an der Natur einerseits, das ich zum Beispiel bei meinen Facebook-Followern feststelle, steht andererseits eine gewisse Entfremdung von der Natur gegenüber. Mich erstaunt immer wieder, wie viele Menschen heutzutage allergisch auf ganz natürliche Substanzen wie Heu, Hausstaub, Erdnüsse oder Äpfel reagieren – und ich meine damit die „echten“ Allergien, also eine Abwehrreaktion des Immunsystems, nicht die Lebensmittelunverträglichkeiten, bei denen der Stoffwechselprozess gestört ist. Zu viel Hygiene in der Kindheit, das ist von der Wissenschaft bestätigt, behindert die Entwicklung unseres Immunsystems: Ein Immunsystem, das wenig mit (nicht krank machenden) Mikroben und (ungefährlichen) Parasiten in Kontakt kommt, sucht sich andere „Gegner“ und findet sie zum Beispiel in der Milch oder im Obst. Ein Beleg dafür ist, dass Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, wo sie unweigerlich mit „Schmutz“ in Kontakt kommen, weit seltener an Allergien und Asthma leiden als Stadtkinder.
Dass wir uns (zu) weit von der Natur entfernt haben, zeigt sich meines Erachtens auch in der Angst oder dem Ekel vor allen möglichen Tieren. Man denke nur daran, wie viele Menschen sich vor Spinnen fürchten und teilweise regelrecht hysterisch reagieren, obwohl ihnen keine einzige der in Deutschland heimischen Spinnen gefährlich werden kann; oder wie viele Menschen, auch Nicht-Allergiker, wild um sich schlagen, wenn eine Biene oder eine Wespe sie umschwirrt. Das ist Ausdruck einer zivilisationsgeschichtlich relativ neuen Entwicklung, denn als die meisten Menschen noch auf dem Land lebten, wäre eine Phobie gegen die dort allgegenwärtigen Tiere höchst unpraktisch gewesen. Heute haben viele Menschen noch nie in ihrem Leben einen Regenwurm angefasst, weil sie sich vor der vermeintlich glitschigen Haut ekeln; sie wissen daher gar nicht, dass sich ein Regenwurm in Wirklichkeit trocken anfühlt. Noch bis Mitte der 1950er-Jahre kam in Jahren, in denen es massenhaft Maikäfer gab, Maikäfersuppe auf den Tisch; heutzutage würde das kaum einer mehr anrühren. Viele Insekten finden wir widerlich, dabei sind die meisten der kleinen Krabbler äußerst nützliche Lebewesen. Allenfalls Bienen werden akzeptiert, weil sie uns unseren geliebten Honig liefern, und in neuerer Zeit auch, weil ihre immens wichtige Rolle im Ökosystem erkannt wurde.
Im Grunde ist unser Verhältnis zur Natur, zu Wildtieren und sogar zu Pflanzen höchst ambivalent. Wir unterscheiden sie in gut und böse, in giftig und genießbar, in putzig und hässlich, in Nützling und Schädling. Wenn sie unseren Vorstellungen entsprechen, dürfen sie bei uns leben, wenn nicht, sind sie uns suspekt und sollen (wieder) verschwinden. Mit „Vorstellungen“ meine ich, dass die Tiere sich so verhalten, wie wir es gern hätten. So sollen Beutegreifer gefälligst unsere Nutztiere in Ruhe lassen, und vor allem die größeren sollen sich an das Gebiet halten, das wir für sie vorgesehen haben. Tieren dichten wir zudem menschliche Attribute und Verhaltensweisen an. Vielleicht nicht gerade einer Maus oder einem Fisch, aber großen Beutegreifern, und das ist einer der Gründe, warum viele keine Wölfe, Luchse oder Bären bei uns haben wollen. Manche Menschen glauben nämlich tatsächlich, diese Tiere wären uns feindlich gesinnt und würden sich an uns dafür „rächen“ wollen, dass wir sie hier in Deutschland einmal ausgerottet haben. Das ist Menschendenken und, mit Verlaub, Blödsinn, denn Tiere denken oder empfinden einfach nicht so.
Eine ganz ähnliche Einstellung wie gegenüber großen Prädatoren haben manche Menschen generell der Natur gegenüber. Sie denken, weil wir die Natur jahrhundertelang ausgebeutet haben, weil wir Wälder roden, Moore trocken legen, Tier- und Pflanzenarten ausrotten, Böden, Luft und Wasser vergiften, würde sie „zurückschlagen“, also durch Stürme, Überschwemmungen, Dürren und Ähnliches Vergeltung üben wollen. Dabei ist das alles lediglich eine Frage von Ursache und Wirkung – und die Ursache sind wir.
Wenn man der Natur unbedingt menschliche Verhaltensweisen zuschreiben möchte, dann müsste man sagen: Sie ist erstaunlich belastbar, und sie reicht uns immer wieder die Hand. Tiere, die wir in Deutschland ausgerottet haben, kommen freiwillig zurück, wenn wir es zulassen, wie beispielsweise der Luchs (um nicht immer nur den Wolf zu nennen), oder lassen sich wieder ansiedeln, wie etwa der majestätische Bartgeier. Areale, auf denen Soldaten jahrzehntelang Krieg spielten, verwandeln sich in relativ kurzer Zeit von einem Truppenübungsplatz in ein Stück Natur, auf dem sich seltene Tiere wie der Wolf oder die Gelbbauchunke heimisch fühlen. Sogenannte tote Flüsse, in denen es aufgrund der hohen Verschmutzung kaum mehr Leben gab, erholen sich, sobald wir Menschen unsere Abwässer aus den Haushalten und der Industrie nicht mehr ungefiltert in die Gewässer entsorgen. Der Rhein und die Themse waren beide bereits einmal tot, trübe, stinkende Kloaken. Heutzutage ist der Rhein streckenweise „nur“ noch „mäßig belastet“, und die Themse ist sogar einer der saubersten Hauptstadtflüsse weltweit.
Das alles könnte in einer Spalte mit der Überschrift „einerseits“ stehen. Andererseits nämlich wird trotz aller Defizite in Deutschland eigentlich viel für den Naturschutz getan. Großen Anteil haben die Hunderttausende Freiwilligen, die sich in Naturschutzgruppen organisieren. Oft sind das nur kleine Kreisgruppen oder selbst ernannte Verbände. Aber auch jeder Einzelne von uns kann – in kleinem Maßstab – etwas tun: Indem er oder sie zum Beispiel den Balkon in ein Wildblumen- und Insektenparadies verwandelt, das Gärtchen der Erdgeschosswohnung oder den kleinen Garten ums Einfamilienhaus „verwildern“ lässt und nur mit Wasser aus einer Regentonne gießt. Oder die Menschen, die, in größerem Maßstab, Hecken und Randstreifen zwischen ihren Äckern anlegen, Flächen mal länger brachliegen oder vielleicht sogar mal ein Feld Wiese werden lassen. Oder sich in Großstädten mit Gleichgesinnten in „Urban Gardening“-Projekten zusammentun und auf ehemaligen Brachflächen Nutzpflanzen ziehen. Auch ist die Bereitschaft, an Naturschutzorganisationen zu spenden, enorm hoch. Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) zum Beispiel, die sich dem Erhalt bedrohter Wildtiere und deren Lebensräume verschrieben hat, kann mit dem eingesammelten Geld derzeit dreißig Programme und Projekte weltweit unterstützen: vom Schutz der Buchenwälder in der Hohen Schrecke in Thüringen über den Erhalt eines der größten Wildnisgebiete Europas, des Belovezhskaya Pushcha-Urwalds in Weißrussland, bis zur Förderung der Wiederansiedlung von wild lebenden Spitzmaulnashörnern im Nationalpark North Luangwa in Sambia. Und natürlich steht immer noch die Serengeti im Fokus, die Region, mit der in den 1950er-Jahren alles begann. Ältere Leser erinnern sich bestimmt noch an den berühmten Dokumentarfilm Serengeti darf nicht sterben, den Professor Bernhard Grzimek, der Gründer der ZGF, 1958 drehte.
Wo ich dringenden Handlungsbedarf sehe, ist bei unserem Umgang mit Lebensmitteln. Jedes Jahr landen in Deutschland nach Berechnungen der Universität Stuttgart fast dreizehn Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Nebenbei: Weltweit sind es rund 1,3 Milliarden Tonnen, während gleichzeitig laut dem UN-Report „Die Situation der Nahrungssicherheit und Ernährung in der Welt“ über 821 Millionen Menschen hungern. In Privathaushalten werfen wir pro Kopf 85,2 Kilogramm Nahrungsmittel in den Müll – fast die Hälfte davon, weil wir nicht bewusst einkaufen, Obst und Gemüse nicht richtig lagern und Reste nicht verwerten. Auch die Landwirtschaft, die Lebensmittelverarbeitung und die Gastronomie tragen natürlich ihren Teil bei. Nimmt man sie in die Rechnung mit auf, könnte die Lebensmittelverschwendung um die Hälfte reduziert werden. Das würde landwirtschaftliche Nutzflächen überflüssig machen, auf denen letztlich blühende Wiesen für Insekten und andere Tiere entstehen könnten. Das muss nicht heißen, dass Landwirte dadurch finanzielle Nachteile haben, wenn wir, statt viele billige Lebensmittel zu kaufen und vierzig Prozent davon wegzuwerfen, weniger Essen kaufen, dafür von guter Qualität, und den Landwirten dafür einen adäquaten Preis bezahlen. Doch genau darin liegt das Problem. Gerade weil Lebensmittel bei uns relativ wenig kosten – die Lebensmittelpreise in Deutschland sind im Schnitt deutlich günstiger als die in anderen westeuropäischen Ländern wie Italien und Frankreich –, wird so sorglos und verschwenderisch damit umgegangen.
Naturschutz in Deutschland – da geht noch was
Privatinitiativen sind das eine, staatliche Maßnahmen das andere. Der deutsche Staat tut im Vergleich zu etlichen anderen Staaten zwar relativ viel für den Naturschutz, könnte und sollte meines Erachtens aber weit mehr tun. Im Jahr 2019 beliefen sich laut www.bundeshaushalt.de die Ausgaben des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) auf 2,287 Milliarden Euro. Hört sich erst einmal gut an. Bis man genauer hinschaut. Das sind nämlich gerade einmal 0,64 Prozent des Gesamthaushalts. Und der mit Abstand größte Batzen, nämlich fast 984 Millionen Euro – beziehungsweise 43 Prozent –, floss in die Zwischen- und Endlagerung radioaktiver Abfälle. Der Klimaschutz war unserer Regierung gerade einmal 540 Millionen Euro wert (knapp 24 Prozent des Etats vom BMU). Der Umweltschutz musste sich mit 154 Millionen (6,73 Prozent) und der Naturschutz sogar mit nur gut 95 Millionen Euro, schlappen 4,18 Prozent, zufriedengeben.
Rechnen wir Umwelt- und Naturschutz zusammen, geben wir dafür also gerade einmal 250 Millionen Euro aus – bei einem Gesamthaushalt von fast 357 Milliarden. Das ist absolut unverhältnismäßig, zumal wir ja nicht nur die Natur vor unserer Haustür benutzen, gefährden und zerstören, sondern auch in anderen Teilen der Welt. Für den Bedarf an Palmöl wird immens viel tropischer Regenwald abgeholzt. Ich bin stundenlang über Ölpalmenplantagen auf der indonesischen Insel Sumatra geflogen. Auf Malaysia, nach Indonesien der zweitgrößte Produzent von Palmöl, bietet sich dasselbe Bild. Nun betreiben aber Indonesien und Malaysia nicht deshalb Raubbau an ihren Urwäldern, weil sie selbst einen enorm hohen Bedarf an Palmöl hätten. Allein wir Deutschen importieren pro Jahr fast 1,5 Millionen Tonnen Palmöl. Es kann in Kosmetikartikeln stecken (auch in mancher Naturkosmetik!), in Shampoos, Seifen, Bodylotions und Duschgels, in Wasch- und Putzmitteln, in Kerzen, in Butter, Margarine und Brotaufstrichen, in Keksen, Schokolade und Eiscreme, in Tütensuppen, Fertigprodukten und, und, und. Und sogar in Babynahrung, obwohl seit Jahren bekannt ist, dass bei der industriellen Verarbeitung von Palmöl und Palmfett gefährliche Schadstoffe entstehen, wenn sie über 200 °C erhitzt werden – und das ist bei industrieller Fertigung sehr häufig der Fall. In erster Linie wird Palmöl aber zur Herstellung von Biosprit verwendet. Das macht mich immer wieder fassungslos: Es wird Regenwald gerodet, um Biosprit zu produzieren! Biosprit können wir Verbraucher aber gar nicht vermeiden, da die Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU von 2009 die Beimischung von Agrosprit in Benzin und Diesel vorschreibt. Im Supermarkt und im Drogeriemarkt können wir jedoch sehr wohl auf Produkte mit Palmöl verzichten und stattdessen zu palmölfreien Alternativen greifen. Manchmal steht die palmölfreie Variante im Regal sogar direkt neben der palmölhaltigen.
Es wird in Deutschland also viel von Umwelt- und Naturschutz geredet und bereits viel dafür getan, aber unter dem Strich ist es definitiv zu wenig. Im Jahr 2019 erreichten wir schon am 3. Mai den sogenannten Welterschöpfungs- oder Erdüberlastungstag, den Tag, an dem wir die Ressourcen verbraucht haben, die uns rein rechnerisch für das ganze Jahr zustehen, ab dem wir sozusagen Schulden bei der Erde machen. Der „Earth Overshoot Day“, wie dieser Tag oft auch in deutschen Texten genannt wird, wird für jedes einzelne Land und für die Welt als Ganzes berechnet. Deutschland war drei Monate schneller als der Durchschnitt, dank ökonomisch schwacher Länder fiel der weltweite Earth Overshoot Day nämlich „erst“ auf den 29. Juli. Platz 1 sicherte sich übrigens Katar (11. Februar), Platz 2 Luxemburg (16. Februar). In Luxemburg schlägt sich vor allem der hohe CO2-Ausstoß nieder, was vielen Flügen und dem Benzintourismus geschuldet ist.
Unser unverantwortlicher Umgang mit der Umwelt zeitigt in manchen Bereichen bereits drastische Folgen, so zum Beispiel bei den Insekten.


Warum unsere Insekten sterben und was wir dagegen tun können
Als ich ein Kind war, waren Käfer, Waldameisen, Würmer, Engerlinge, Schnecken, Schmetterlinge und Motten, also nachtaktive Schmetterlinge, etwas völlig Normales. Wir Kinder schwärmten noch aus und sammelten Kartoffelkäfer von den Kartoffelsträuchern ab – wir bekamen dafür sogar Geld. Wenn wir über eine Wiese liefen, begleitete uns das Zirpen unzähliger Heuschrecken. Der Maikäfer war ein Allerweltstier, so häufig, dass wir ihn sammelten und an die Hühner verfütterten. Etwa alle vier Jahre gab es besonders viele dieser Blatthornkäfer mit den charakteristischen fächerförmigen Fühlern, denn zwischen drei und fünf Jahren dauert ihre Metamorphose vom Ei bis zum fertigen Insekt. Dann fraßen sie in manchen Regionen die Bäume kahl und waren eine regelrechte Plage. Nur wenige Jahre später hatte ich Mühe, in einem guten Maikäferjahr zehn von ihnen zu fangen. Die Tiere waren so selten geworden, dass es sogar ein Lied darüber gab. Die älteren Leser erinnern sich vielleicht noch an Reinhard Meys „Es gibt keine Maikäfer mehr“ aus dem Jahr 1974. Meys Abgesang auf die Maikäfer ging in den allgemeinen Sprachgebrauch ein und dokumentierte Artensterben bei uns schon vor fast fünfzig Jahren.
Insekten gab es lange Zeit in solch rauen Mengen, dass man kaum gedacht hätte, dass es mal schlecht um sie stehen könnte. Aber dann wurden mit akribischer Systematik Agrarflächen und im Übrigen auch Wälder mit Herbiziden und Fungiziden besprüht, und natürlich mit Insektiziden, allem voran dem berüchtigten DDT. Das war ein Megagift nicht nur für Insekten, sondern auch für insektenfressende Vögel. Deren Eier wurden aufgrund des DDT so dünnschalig, dass der Nachwuchs kaum mehr eine Überlebenschance hatte. Das Gift reicherte sich in der Nahrungskette immer mehr an und wurde so zum Beispiel auch Greifvögeln, Eulenvögeln, Füchsen und Mardern zum Verhängnis. Ich gehe davon aus, dass sich viele Arten bis heute nicht vom hemmungslosen Gebrauch von DDT erholt haben, obwohl es bereits seit über vierzig Jahren (seit 1. Juli 1977) verboten ist. Das Ausbringen anderer Gifte und regelrechter Giftcocktails wurde derweil munter fortgesetzt. Das konnte nicht spurlos an der Natur vorübergehen, denn nicht nur DDT, jedes Gift potenziert sich in der Nahrungskette.
Hinzu kommt, dass die Kulturpflanzen, die wir anbauen, immer weniger für Insekten geeignet sind. In den riesigen Feldern mit Monokulturen haben Insekten überhaupt keine Chance, ausreichend Nahrung zu finden, vom Rapsglanzkäfer und anderen spezialisierten Schadinsekten abgesehen, und an den Rändern lässt die industrielle Landwirtschaft keinen Raum mehr für Grünstreifen, Hecken und Büsche. Selbst eine Wiese besteht heutzutage aus Hochleistungsgras: aus Weidegras oder aus Energiegras für Biogasanlagen, das nicht einmal mehr blüht. Diese Grünlandflächen sehen vielleicht ganz hübsch aus, wenn ihnen im Frühjahr Huflattich und Löwenzahn gelbe Sprenkel verpassen. Doch da hält sich keine Hummel auf, keine Feldlerche, nichts. Nach der Mahd wird Gülle draufgesprüht oder das übrig gebliebene Substrat aus der Biogasanlage, und spätestens dann ist das letzte Insekt tot. Falls überhaupt noch eines dort gelebt hat.
Die Forstwirtschaft trug ebenfalls ihren Teil bei. Wirtschaftswälder wurden sauber aufgeräumt, in den Monokulturen standen die Bäume ohnehin in Reih und Glied. Für umgestürzte Bäume oder Baumstümpfe war da kein Platz, das Totholz musste raus. Ich frage mich immer, warum man von „Totholz“ spricht, denn es ist ja alles andere als tot. In Totholz steckt sogar mehr Leben als in „lebendigem“ Holz – jedenfalls was Insekten betrifft: Es ist Lebensgrundlage für holzfressende Insekten, Lebensraum für Insekten, die in den Löchern und Gängen, die ihre holzfressenden Kollegen schufen, ihre Bruten ablegen. In dem Totholz gedeihen Pilze und Bakterien, von denen sich verschiedene Larven ernähren. All die Totholzbewohner sind wiederum Nahrung für größere Insekten und für insektenfressende Tiere. Für sie ist Totholz wie ein Tischleindeckdich.
Lichtverschmutzung ist ein weiterer Punkt. Nachtaktive Insekten, also immerhin die Hälfte aller Insektenarten, brauchen die Dunkelheit und das Licht vom Mond und den Sternen, um sich zu orientieren, um Nahrung zu suchen, um sich fortzupflanzen, um Räubern auszuweichen. Was sie garantiert nicht brauchen, sind künstliche Lichtquellen von Reklameschildern, Industrieanlagen, Straßenlaternen und dergleichen, denn die stören ihre Aktivitäten, locken sie aus dunklen Ökosystemen fort, die dadurch in Bezug auf Insekten verarmen, und machen sie zur leichten Beute von nachtaktiven Vögeln oder Fledermäusen. Viele Insekten sterben auch durch künstliche Lichtquellen, weil sie gegen das Glas donnern, hinter dem das Licht leuchtet, zu Boden fallen und dort zertreten oder überfahren werden.
Über 27 Jahre hinweg, von 1989 bis 2015, erfasste der Entomologische Verein Krefeld den Bestand von Insekten an sechzig ausgewählten Standorten – mit verheerendem Ergebnis: Die Entomologen gehen davon aus, dass wir 75 Prozent der Biomasse an Insekten verloren haben. Der Verlust zog sich durch sämtliche Arten. Es hat Schmetterlinge getroffen und Libellen, Käfer und Heuschrecken, Ameisen und Wespen … Den meisten Menschen war bis dahin nur aufgefallen, dass so gut wie keine Insekten mehr an der Windschutzscheibe ihrer Autos klebten und dass extrem wenige Bienen unterwegs waren. Der Begriff „Insektensterben“ bezieht sich aber nicht nur auf die Anzahl der Insekten, also eben die Biomasse, sondern auch auf das Verschwinden ganzer Arten.
Die sogenannte Krefelder Studie, die im Herbst 2017 erschien und deren Hiobsbotschaft von den Medien bereitwillig aufgegriffen wurde, rüttelte viele auf. Unfassbare 4,9 Millionen Mal wurde mein erster Post zum Insektensterben auf Facebook aufgerufen – ein klares Indiz dafür, wie sehr dieses Thema die Menschen berührt. Es entbrannten heiße Diskussionen. Die schönsten Kommentare kamen aber von Leuten, die nicht nur tolle Tipps gaben, sondern selbst mit gutem Beispiel vorangehen, die etwa auf brachliegenden Äckern – natürlich mit Zustimmung der Landwirte – Sonnenblumenkerne und die Saat von Wildblumen aussäen; die ihren Rasen statt jede Woche einmal im Monat mähen oder dem Gras sogar nur einmal im Jahr mit der Sense zu Leibe rücken, damit Löwenzahn, Klee und andere Wildpflanzen gedeihen können; die auf ihrem Balkon in der Stadt Glockenblumen, Karthäusernelken und andere einheimische Blumensorten pflanzen, die zu unseren Insekten „passen“, statt tropische Sorten wie Passionsblume oder Engelstrompete, mit deren Blüten viele Insekten hier nichts anfangen können, weil zum Beispiel ihre Saugrüssel nicht lang genug sind, um an den Nektar heranzukommen.
Wenn wir schon bei Maßnahmen sind, die Insekten anlocken und/oder ihnen eine Heimstatt bieten, dürfen Insektenhotels nicht fehlen. Die Dinger sind nicht groß und haben auf jedem Balkon, in jedem Garten Platz. Es gibt sie zum Beispiel nur für Wildbienen, nur für Hummeln oder nur für Schmetterlinge oder quasi als WG, in der Wildbienen, Schlupf- und Grabwespen, Flor- und Schwebfliegen, Marienkäfer, Ohr- und Glühwürmchen ein Zuhause finden. Fertige Insektenhotels gibt es in jedem Gartencenter, Hobbybastler finden Baupläne im Internet. Noch leichter kann es einem nicht gemacht werden, seinen Teil zur Rettung von Insekten beizutragen. Ein absolutes No-Go sind in diesem Zusammenhang die Zäune aus mit Steinen gefüllten Drahtkörben, die seit einigen Jahren in Mode sind.
Die Konsequenzen aus dem Insektensterben wären logischerweise, dass wir den Einsatz von Pestiziden, speziell Insektiziden, entweder stoppen oder zumindest deutlich minimieren; dass wir zwischen den großen landwirtschaftlichen Nutzflächen Randstreifen wachsen lassen; dass wir deutlich mehr Flächen Brachland sein lassen, wo wachsen darf, was wachsen will, vor allem sehr viele Wildkräuter und auch Wildblumen, die über die Vegetationsperiode hinweg verteilt blühen; dass wir im Wald Totholz liegen lassen. Wie förderlich sich das auswirken würde, lässt sich am Grünen Band zeigen, dem großen Naturschutzprojekt entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Auf bis zu zweihundert Meter Breite und ungefähr 1400 Kilometer Länge gab es vierzig Jahre lang keine Land- oder Forstwirtschaft, stattdessen den berüchtigten Todesstreifen mit Zäunen, Lichtsperren, Gräben und Selbstschussanlagen. Auf DDR-Seite schlossen sich ein Schutzstreifen und eine fünf Kilometer breite Sperrzone an, in der sämtliche menschliche Aktivitäten stark eingeschränkt waren. Die Grenze war, so könnte man sagen, der Menschen Leid und der Natur Freud, denn sie bescherte dem Landstrich ungewollt einen äußerst strengen Natur- und Umweltschutz. Das schmale Band, heute eben „Grünes Band“ genannt, wurde zu einem Refugium für Pflanzen und Tiere, darunter über eintausend seltene und gefährdete Arten. Als ich anlässlich des zwanzigsten Jahrestags des Mauerfalls im Jahr 2009 diesem Grünen Band vom Dreiländereck Bayern-Sachsen-Tschechische Republik in der Nähe von Hof bis an die Ostsee folgte, wurde ich selbst Zeuge, wie extrem viele Insekten in dem Gebiet lebten, wie sehr viele seltene Pflanzenarten es gab: Orchideen, fleischfressende Pflanzen, Seidelbast, Aronstab, seltene Gräser, Moose und Flechten. Dasselbe Phänomen kann man auf einstigen Truppenübungsplätzen feststellen. Da wurden Nebelgranaten gezündet, da brannte es mal, wenn mit scharfer Munition geschossen wurde, und da landeten natürlich auch Metallsplitter in den Bäumen. Aber weil dort keine Forst- und Landwirtschaft betrieben wurde, kamen keine Gifte gegen Insekten, Pilze oder Unkraut zum Einsatz, und daher existiert dort eine erstaunlich üppige Fauna und Flora.
Es wäre jedoch zu simpel, das Insektensterben nur der Land- und der Forstwirtschaft in die Schuhe zu schieben, denn letztendlich ist auch unser Konsumverhalten daran schuld. Ich hatte es schon angesprochen: Obwohl die Lebensmittelpreise in Deutschland ohnehin vergleichsweise niedrig sind, wollen wir Verbraucher – jedenfalls sehr viele von uns – immer noch weniger für Gemüse, Obst, Brot und Fleisch ausgeben, und das führt in vielen Fällen erst dazu, dass Landwirte zu radikalen Mitteln greifen, dass sie die zur Verfügung stehenden Flächen ausbeuten und rücksichtslos alles bekämpfen, was den Kulturpflanzen in irgendeiner Form schaden könnte. Ein Umdenken ist dringend nötig. Lebensmittel müssen einen adäquaten Preis kosten. Das bedeutet für mich, dass der Preis es den Landwirten ermöglichen muss, in einer umwelt- und tierwohlgerechten Weise zu produzieren und dabei Gewinn zu erzielen. Nicht jeder kann es sich leisten, nur Lebensmittel in Bioqualität zu kaufen, das ist mir schon klar, aber ein jeder kann in seinem Rahmen einen Beitrag leisten. Ein Schritt ist zum Beispiel, beim Eierkauf auf die aufgedruckten Zahlen und Buchstaben zu achten – eine Null an erster Stelle steht für Bio-Freilandhaltung und damit für artgerechte Tierhaltung. Höhere Preise würden meiner Meinung nach auch dafür sorgen, dass wir unsere Einkäufe besser planen und in der Folge weniger Lebensmittel wegwerfen. Sie erinnern sich? Fast dreizehn Millionen Tonnen landen Jahr für Jahr im Müll …
Als die Krefelder Studie bekannt wurde, nahm ein Penny-Markt in Hannover über Nacht alle Produkte aus dem Regal, bei deren Herstellung in irgendeiner Form Bienen eine Rolle spielen, um auf die Brisanz des Themas aufmerksam zu machen. 1600 der 2500 Artikel verschwanden, mehr als sechzig Prozent! Für Obst und Gemüse braucht es, von wenigen Ausnahmen wie zum Beispiel Ananas abgesehen, Bienen als Bestäuber. Ohne Obst gibt es logischerweise keine Säfte. Auch für Schokolade und Kaffee benötigen wir Bestäuber. Und für Sonnenblumen-, Raps- oder Distelöl. Öl steckt wiederum in vielen Fertiggerichten, also waren auch die weggeräumt worden. Nicht einmal Gummibärchen gab es an jenem Tag, denn die werden mit Bienenwachs überzogen, damit sie nicht zusammenkleben.
Jetzt wird der eine oder andere sagen, Moment mal, wenn es so wenige Insekten und speziell wenige Bienen gibt und die so wichtige Bestäuber für unsere Kulturpflanzen sind, warum gab es dann 2018 so viel Obst? Das hing damit zusammen, dass die Bäume extrem stark geblüht haben, was im Übrigen meistens durch Stress hervorgerufen wird. Stressfaktoren können die Klimaerwärmung oder andere „forstliche Kalamitäten“ wie Pilzbefall oder Schadinsekten sein. Dann legen sich die Bäume praktisch noch mal so richtig ins Zeug, um sich gut zu reproduzieren. Und bei extrem vielen Blüten können auch wenige Insekten viel bewerkstelligen. Außerdem halfen in dem Jahr kräftige Winde bei der Bestäubung. Wir können aber nicht damit rechnen, dass das jedes Jahr der Fall ist. Dann müssten wir die Blüten eigenhändig bestäuben oder Wanderimker engagieren. Was übrigens nicht so abwegig ist, wie es sich anhört. In China schwärmen bereits nicht mehr Bienen, sondern Menschen aus, um Ackerfrüchte zu bestäuben – von Hand. Und in den USA reisen Imker mit ihren Bienenvölkern zu den Monokulturen. Wandernde Imker gab es in den USA und auch bei uns schon früher, doch in Amerika hat dieser Berufszweig mittlerweile notgedrungen industrielle Ausmaße angenommen. In der Folge würde hiesiges Obst so teuer, dass es sich nur noch Wohlhabende leisten könnten. Und ein weltweites Verschwinden der Insekten hätte letztlich einen ökologischen Kollaps zur Folge.

Von der Leichtigkeit des Gehens

Blick ins Buch
Auf die Füße, fertig, los!Auf die Füße, fertig, los!

Wie wir uns glücklich gehen

Mit 52 Inspirationen für 52 Wochen

Jede Woche des Jahres eine neue Perspektive entdecken

Wie verändert sich unser Körper durch regelmäßiges Spazieren? Was macht das Flanieren in der Stadt mit unserem Gehirn? Und was heißt es eigentlich, einen Fuß vor den anderen zu setzen?

Gehen stärkt den Körper, beruhigt den Geist und hebt die Laune. Das wissen wir nicht nur intuitiv, es wurde auch in zahlreichen Studien nachgewiesen.

Annabel Streets verwebt diese Erkenntnisse und ihre eigenen Erfahrungen zu einer kurzweiligen Gebrauchsanweisung. In 52 Kapiteln lädt sie dazu ein, das Gehen über ein Jahr hinweg neu zu entdecken und so den Horizont zu erweitern und die Gesundheit zu fördern. Ob in der Stadt, auf dem Berg oder durch die Nacht: Hier ist für jeden was dabei.

Mit fundiertem Hintergrundwissen, amüsanten Anekdoten und konkreten Übungen, um

  • Natur zu erleben
  • Menschen zu begegnen
  • Achtsamkeit zu üben
  • Entschleunigung zu lernen
  • Gesundheit zu fördern
  • Selbstbewusstsein zu stärken
  • Ausdauer zu verbessern
  • das Gehirn zu trainieren

Einleitung
Als ich 23 Jahre alt war und ein bisschen Geld übrig hatte, machte ich meinen Führerschein und kaufte mir eine kleine Klapperkiste. Ich liebte mein Auto und fuhr oft in der Stadt herum, einfach so zum Spaß. Dazu müssen Sie wissen, dass ich komplett ohne Auto aufgewachsen bin. Mein Vater besaß nie eines und hatte deshalb auch keinen Führerschein. Meine Mutter war über vierzig, als sie endlich mit den Fahrstunden begann, rasselte aber siebenmal durch die Prüfung. Wir lebten an abgelegenen Orten, wo öffentliche Verkehrsmittel bestenfalls unzuverlässig und schlimmstenfalls gar nicht existent waren. Wenn wir irgendetwas brauchten, gingen wir zu Fuß – oft kilometerweit. Das mag auch der Grund gewesen sein, weshalb ich meinen kleinen Fiat so mochte.
Zeitgleich mit meinem neuen Leben als motorisierter Mensch begann ich einen Schreibtischjob. Und zeitgleich mit beidem kam es zu einer seltsamen Veränderung meines Körpers (runder, schlaffer, empfindlicher, steifer) und meines Geistes (angespannt, unruhig, unzufrieden). Und dann las ich etwas, das mich sprachlos machte: In Bill Brysons Picknick mit Bären stand, dass der amerikanische Durchschnittsbürger pro Woche nur 2,25 Kilometer zu Fuß geht.
In diesem Moment erkannte ich, wie dramatisch sich mein Leben verändert hatte. Denn ich war nicht besser, sprang ich doch bei jeder Gelegenheit in mein Auto, hockte den ganzen Tag am Schreibtisch und hing Abend für Abend auf dem Sofa. Mit einem Mal wünschte ich mir mit aller Macht das Leben zurück, das ich verloren hatte: die einfachen Freuden des Gehens, die zahlreichen Abenteuer auf meinen Wanderungen, die stürmischen Brisen, die es mit sich gebracht hatte. Ich beschloss daher, einen Gang zuzulegen und frischen Wind durch mein Leben wehen zu lassen.
Dazu erlegte ich mir selbst eine Regel auf: Ich wollte mein Auto nur dann benutzen, wenn es unbedingt nötig war, und ansonsten zu Fuß gehen. In den folgenden Monaten stellte ich fest, dass viele der Strecken, für die ich zuvor das Auto genommen hatte, lächerlich kurz waren. Warum war ich zum Supermarkt gefahren, obwohl er zu Fuß nur zwanzig Minuten entfernt war? Oder zum Zahnarzt – ein gemütlicher Spaziergang von einer Viertelstunde? Oder noch bizarrer: Warum um alles in der Welt war ich mit dem Auto zum Fitnessstudio gefahren, um dort auf dem Laufband zu gehen oder mich aufs Rad zu setzen?
Mir fiel auch noch etwas anderes auf: Beim ersten Anzeichen für Regen, Wind, Dunkelheit, Hitze, Hunger, Langeweile oder bei fehlender Begleitung – und das war nur ein Bruchteil meiner vielen Ausflüchte – wurde mein kleines Auto zu einer unwiderstehlichen Verlockung. Ich legte mir daher einen Hund und wetterfeste Kleidung zu, denn Kälte, Regen und Dunkelheit sollten mich nie wieder vom Spazierengehen abhalten. Schon bald liebte ich es, nächtens nach draußen zu gehen, bei Regen meine Runden zu drehen oder durch den Matsch zu marschieren, nach dem Abendessen einen Verdauungsspaziergang zu machen und an windigen Wochenenden eine Wanderung zu unternehmen. Nie zuvor war das Gehen für mich reizvoller und spannender gewesen.
Eine Weile später – als ich aufgrund meiner Schreibtischarbeit mit lähmenden Rückenschmerzen zu kämpfen hatte – stellte ich eine zweite Regel auf: Ich wollte nun möglichst viele der bislang im Sitzen ausgeübten Tätigkeiten zu Fuß machen. So würde ich künftig meine Arbeit im Gehen erledigen, im Urlaub wandern, die wöchentlichen Einkäufe als Gepäckmarsch  bewältigen, aus dem Kaffeetrinken bei der Freundin einen Kaffee to go machen … Doch von meinen Bekannten hörte ich dieselben Ausreden, die ich zuvor verwendet hatte. Meine Kolleginnen schlugen meine Einladungen zu Meetings auf dem Drahtesel aus: zu windig/heiß/kalt/früh/spät. Von (manchen) Freunden und (vor allem der) Familie war Ähnliches zu hören: zu weit/steil/matschig/anstrengend/langweilig … besonders langweilig.
Nach einiger Zeit drängte sich mir eine Frage auf: Was, wenn all diese Ausreden paradoxerweise gute Gründe für das Gehen waren? Damals hatte ich begonnen, regelmäßig zu den Themen Gehen und Gesundheit zu recherchieren und darüber zu schreiben. In meinem E-Mail-Postfach stapelten sich Studien über die erstaunlichen Kräfte der Bewegung und der Natur – Sonnenlicht, Erde, Schnee, Stille, Gerüche – und bestätigten einige meiner neuen Vermutungen. Schließlich begann ich meine eigenen Gehexperimente zu unternehmen: Wandern in der Höhe, in Wäldern, barfuß und rückwärts; Spaziergänge im Mondenschein, an Flüssen entlang und auf Pilgerrouten; Streifzüge zum Pilze- und Kräutersammeln, auf der Suche nach Fraktalen oder einfach der Nase nach; Touren mit Tanzen und Singen; Müllsammeln, achtsames Gehen, Power Walking, Schweigemärsche … Das Gehen war einmal mehr zum großen Abenteuer meines Lebens geworden – nur dass ich mir diesmal mithilfe der Wissenschaft das Wie und Warum erklären konnte.
Die Forschungsberichte über die gesundheitsfördernde Wirkung des Gehens schienen unwiderlegbar: Regelmäßiges Gehen half Millionen von Menschen, Diabetes zu heilen, Herz-Kreislauf-Krankheiten abzuwenden, Krebs aufzuhalten, den Blutdruck zu senken, abzunehmen, Depressionen und Angstzuständen entgegenzuwirken und noch vieles mehr. Eine Studie kam sogar zu dem Schluss, dass sich mithilfe von Bewegung fast vier Millionen vorzeitige Todesfälle pro Jahr verhindern ließen  – eine eher vorsichtige Schätzung aus Sicht mancher Epidemiologen, die der Meinung sind, dass Gehen jährlich bis zu acht Millionen Menschen das Leben retten könnte.  Einer anderen Studie zufolge ist es möglich, durch Bewegung 35 verschiedenen chronischen Erkrankungen vorzubeugen. 
Denn eines steht fest: Wenn wir uns bewegen, finden in unserem Körper Hunderte komplexer Veränderungen statt. Ein Spaziergang von zwölf Minuten wandelt in unserem Blut 522 Stoffwechselprodukte um – Moleküle, die sich auf den Herzschlag, die Atemluft in den Lungen, die Neuronen im Gehirn auswirken. Beim Gehen gelangt Sauerstoff in den Kreislauf, und das wiederum hat einen Einfluss auf unsere lebenswichtigen Organe, das Gedächtnis, die Kreativität, die Stimmung und die geistige Leistung. Wenn wir gehen, bewegen sich Hunderte von Muskeln, Gelenken, Knochen und Sehnen in einem komplexen, mühelosen Zusammenspiel. Sie erlauben uns nicht nur, uns fortzubewegen, sondern regulieren zudem eine Vielzahl molekularer Signalwege, erweitern die Herzkranzgefäße, stärken die Muskeln und glätten die Arterienwände. Sie entfernen den Zucker aus unserem Blut und aktivieren oder deaktivieren unsere Gene in einem unglaublich raffinierten, als epigenetische Modifikation bekannten Prozess. Gehen kommt jedoch nicht nur unserer eigenen Gesundheit zugute, sondern auch der künftiger Generationen. Inzwischen weiß man, dass sportliche Betätigung während der fruchtbaren Jahre unsere Kinder später besser vor Krankheiten schützt , und dass die Muttermilch von Frauen, die während der Schwangerschaft aktiv waren, einen Bestandteil enthält, der beim Baby das Risiko von Diabetes, Herzerkrankungen oder Fettsucht für den Rest seines Lebens senkt. 
Außerdem leisten wir jedes Mal, wenn wir eine Strecke zu Fuß zurücklegen, einen kleinen Beitrag zur Vermeidung von Luftverschmutzung und Lärmbelastung. Wir verhindern, dass noch mehr Natur in asphaltierte Parkplätze und Einkaufszentren umgewandelt wird. Mit jeder Petition an die Regierung oder Stadtverwaltung, in der wir Fußgängerwege und Parks fordern oder zum Erhalt von Wäldern und Auen aufrufen, schaffen wir eine bessere Welt für alle, jetzt und in der Zukunft. In der Natur unterwegs zu sein bringt uns unserer Umwelt näher, steigert unsere Wertschätzung für sie – für winzige Insekten und Flechten ebenso wie für prächtige Berge und Bäume. Erst wenn wir etwas schätzen, ist uns auch daran gelegen, es zu bewahren – und genau das hat unsere wunderbare Welt dringend nötig.
Natürlich verdienen auch unsere Städte es, zu Fuß erkundet zu werden. Ihre Besonderheiten offenbaren sich umso deutlicher, wenn wir, anstatt hindurchzufahren, durch die Straßen schlendern – was noch dazu umweltfreundlicher, unterhaltsamer, leiser und sicherer ist.
Wir haben das Gehen aus unserem Leben verdrängt, obwohl wir eigentlich zum Gehen geschaffen sind – und zwar nicht nur für ein paar Minuten an einem herrlich sonnigen Tag, wenn wir in Turnschuhen mit gepolsterter Sohle einen Google-Pin anpeilen, sondern in strömendem Regen, bei stürmischem Wind, bergauf und bergab, im Winter, nachts, allein oder in großen Gruppen, durch Wälder oder den Fluss entlang.
Es ist Zeit, das Gehen neu zu denken, es aus unserem molekularen Gedächtnis wieder herauszuholen. Gehen ist nicht langweilig – und ist es nie gewesen. Manchmal verharren wir vielleicht in einer Art Routine, legen immer dieselbe Strecke zurück, zur gleichen Tageszeit, mit derselben Begleitung. Doch es gibt Hunderte verschiedene Arten des Gehens und ebenso Hunderte verschiedene Gründe, zu Fuß unterwegs zu sein. Viele Routen beginnen direkt vor unserer Haustür, ganz gleich wo wir leben oder arbeiten, und lassen uns schon im nächsten Augenblick in eine magische Mischung aus Natur, Geografie, Geologie, Astronomie, Geschichte, Kultur und Architektur eintauchen.
Gehen ist auch mehr als reines Schrittezählen oder sportliche Betätigung. Natürlich sind eine gute körperliche und geistige Gesundheit willkommene Begleiterscheinungen, doch die Freuden des Gehens gehen weit darüber hinaus. Begreifen Sie es als Möglichkeit, eine Stadt besser zu verstehen, eins zu werden mit der Natur, Zeit mit Ihrem Hund zu verbringen, Freundschaften zu vertiefen, zum Glauben und einem Gefühl von Freiheit zu finden, Ihre Verachtung gegenüber dem stinkenden Straßenverkehr auszudrücken, Ihren Geruchssinn zu schulen, Ihre Sehnsucht nach dem Sternenlicht und der Dunkelheit zu befriedigen und die wundervolle Komplexität und Schönheit unserer Welt schätzen zu lernen.
Ich hoffe, dass dieses Buch Sie dazu anregt, die Freuden, das Mysterium, das Wunder und das Hochgefühl des Gehens neu zu erleben; dass auch Sie mithilfe der hier beschriebenen 52 Arten des Gehens entdecken, wie unendlich spannend und immer wieder bereichernd die Fortbewegung auf zwei Beinen sein kann. Und ich hoffe, dass Sie in den Genuss des unendlichen Glücks und der Gesundheit kommen, die lebenslanges Gehen immer mit sich bringt.


Über dieses Buch
Dieses Buch bietet Ihnen mit jedem Kapitel die Möglichkeit, eine neue Form des Gehens kennenzulernen. Dabei orientiert es sich – Woche für Woche – an einem ganzen Kalenderjahr. In den einzelnen Kapiteln habe ich versucht, auf das Wetter oder gelegentlich auch auf allgemein bekannte „Anlässe“ im Jahresverlauf einzugehen. Vor allem aber habe ich sie so angeordnet, dass Sie einzelne davon ganz nach Ihren Umständen und Vorlieben auswählen können, fast so wie bei einem Frühstücksbüfett. Ich hoffe sehr, dass Sie beim Ausprobieren unterschiedlicher Gehstile, Tages- und Jahreszeiten, Wetterbedingungen, Strecken und Orte immer wieder etwas Neues, Unerwartetes oder sogar Offenbarendes entdecken werden.
Ich betrachte das Gehen als eine wunderbar spontane Angelegenheit – etwas, das wir wie und wann auch immer tun können, ohne jede Planung und Voraussicht. Tatsächlich ist das zweifellos eines der vielen Dinge, die es so reizvoll machen. Wir können einfach so loslaufen – direkt von unserer Haustür aus. Das Neue, Unerwartete und Offenbarende aber wird uns paradoxerweise am ehesten dann begegnen, wenn wir uns ein wenig vorbereiten, bevor wir losgehen. Bei nassem Winterwetter draußen unterwegs zu sein ist nun mal wesentlich angenehmer, wenn man die passende Kleidung dafür hat – und diese auch griffbereit ist. Ein Spaziergang im Mondschein ist bei Vollmond und mit einer geeigneten Strecke, einer netten Begleitung und guten Schuhen ein noch größerer Genuss. Und wenn wir zum Zeichnen losziehen wollen, ist das nicht möglich, ohne zuvor Skizzenblock und Bleistift besorgt zu haben. Außerdem ist wissenschaftlich erwiesen, dass Menschen, die regelmäßig spazieren gehen, meist feste Zeiten dafür eingeplant haben – anders als diejenigen, die nur gelegentlich eine Runde um den Block drehen.
Bevor Sie sich also ans Ausprobieren machen und losziehen, bereiten Sie sich vor: Organisieren Sie alles, was Sie mitnehmen wollen, und legen Sie sich zumindest einen ungefähren Plan zurecht. Sichten Sie Karten, Bücher, Apps oder Websites, um neue Strecken, Pilgerrouten, Weitwanderwege, unerforschte Pfade, reizvolle Ziele und Ähnliches zu entdecken, und machen Sie sich zu allem, was Sie interessiert, ein paar Notizen – diese sollten auch Informationen zur voraussichtlichen Dauer (rechnen Sie mit drei Kilometern pro Stunde), Erreichbarkeit sowie zu Parkplätzen und Einkehrmöglichkeiten enthalten.
Eine besondere Ausrüstung benötigen Sie nur für wenige Spaziergänge oder Touren in diesem Buch. Wenn Sie allerdings nachts, im Gebirge oder bei nassem Wetter unterwegs sind, haben Sie mehr davon, wenn Sie entsprechend ausgestattet sind. Das heißt, Sie sollten passende Kleidung tragen, die in gutem Zustand ist. Ob Regensachen (Stiefel, Jacke und Hose) tatsächlich dicht sind, testen Sie am besten unter der Dusche. Dringt Wasser ein, geben Sie sie mit einer hochwertigen Einwaschimprägnierung in die Waschmaschine. Reinigen und imprägnieren Sie auch Ihre Wanderschuhe und ziehen Sie, wenn nötig, neue Schnürbänder ein.
Für Spaziergänge in der Stadt brauchen Sie bequemes Schuhwerk. Ich persönlich verwende Turnschuhe mit einem breiten, eher hohen Zehenraum, einer dünnen, weichen Sohle und einem Nullabsatz, bei dem sich Zehen und Ferse auf derselben Höhe befinden. Zu enge Schuhe führen oft zu einem Taubheitsgefühl oder lassen die Füße aufgrund der schlechteren Durchblutung anschwellen, während man mit zu großen Schuhen leicht stolpern und hinfallen kann. Probieren Sie also ruhig verschiedene Schuhe aus, um welche zu finden, die Ihnen wirklich gut passen.
Wenn Sie sich für gewöhnliche Turnschuhe entscheiden, sollten Sie darauf achten, dass sie nicht zu abgetragen sind. Studien haben gezeigt, dass ältere Turnschuhe schlecht für die Haltung und den Gang sind und so zu Verletzungen führen können. Befürchten Sie, dass Sie stürzen könnten, wählen Sie leichte Schuhe ohne Schnürsenkel mit einer profilierten Laufsohle aus Gummi, die Ihnen zusätzlichen Halt gibt. In jedem Fall aber sollten Ihre Schuhe bequem, atmungsaktiv und gegebenenfalls auch wasserdicht sein.
Für längere Wanderungen oder Touren in unwegsamem Gelände benötigen Sie robuste, knöchelhohe, gut eingetragene Wanderschuhe mit Profilsohle, außerdem Wandersocken, die schnell wieder trocknen, atmungsaktiv sind und Blasen vermeiden (sofern Sie dazu neigen). Ich habe mir im Schlussverkauf gleich zwei verschiedene Paar Socken besorgt: eines für den Sommer und eines für den Winter.
Planen Sie ganztägige Touren und wollen spontan aufbrechen können, halten Sie einen kleinen Rucksack bereit. Einige Dinge lasse ich immer darin: ein paar Blasenpflaster und Wundreinigungstücher, eine Packung Taschentücher, ein paar Schmerztabletten, eine Wasserflasche, einen kleinen Skizzenblock mit Bleistift und Radiergummi, ein leichtes Fernglas, Sonnencreme, ein Notfall-Urinal und eine Packung Nüsse.
Die „Ausrüstung“ für Ihre Spaziergänge (Sonnenbrille, Sonnencreme, Mütze und Handschuhe, Schirm, Anorak, Hausschlüssel, Thermobecher, Trinkflasche, Insektenschutz und was Sie sonst noch brauchen) bewahren Sie am besten griffbereit und immer am selben Ort auf, damit Sie bei Sonne, Mondschein oder einem Regenschauer auch sofort losgehen können.
Für Winterwanderungen oder Spaziergänge bei Wind sind Thermounterwäsche, Handschuhe, Mütze und dicke Socken unverzichtbar; auch eine Thermosflasche bietet sich an. Haben Sie vor, länger unterwegs zu sein, sind Teleskopwalkingstöcke hilfreich – vor allem, wenn es bergab geht. Sorgen Sie außerdem dafür, dass Ihr Rucksack bequem zu tragen ist.
Sind Sie mit Kindern unterwegs, geben Sie ihnen einen eigenen (kleinen) Rucksack mit ein paar Snacks, die sie besonders gerne mögen, dann wird es weniger Gejammer und Geschleppe, weniger Bitten und Betteln geben.
Falls Sie sich in einem Zeckenrisikogebiet aufhalten, stecken Sie auf jeden Fall ein Insektenschutzmittel und eventuell eine Zeckenkarte oder Pinzette ein.
Sollten Sie nur eine kurze Runde in der direkten Umgebung planen, sorgen Jackentaschen oder eine Hüfttasche für eine gerade Wirbelsäule und somit für eine aufrechte Haltung und locker schwingende Arme.
Wenn Sie nun also alles gepackt haben, was Sie brauchen, und Ihre ungefähre Route an die Wand gepinnt ist, steht dem Aufbruch nichts mehr im Weg. Der Blick in den Zug- oder Busfahrplan und die Suche nach fehlenden Anoraks, Trinkflaschen oder Blasenpflastern erübrigen sich ab jetzt. Wählen Sie einfach ein Kapitel aus diesem Buch aus, und legen Sie los.
Flaute auf Netflix? Dann blättern Sie vor zur 41. Woche und machen stattdessen doch einfach mal einen gesundheitsfördernden Verdauungsspaziergang. Sie haben Schlafprobleme? Finden Sie in der 50. Woche heraus, wie das Gehen zu einem tieferen Schlaf führen kann. Das schlechte Wetter hält Sie davon ab, eine Runde um den Block zu drehen? In der 12. Woche erfahren Sie, welchen unglaublichen Nutzen ein Spaziergang im Regen hat. Sie leiden unter trockenen, schmerzenden Augen, weil Sie zu viel vor dem Bildschirm sitzen? In der 8. Woche lernen Sie das Phänomen des Panoramasehens kennen. Zu müde für einen Spaziergang? Dann entdecken Sie in der 4. Woche die Vorzüge, die ein gemächlicher Bummel mit sich bringt.
Nun dürften Sie also wissen, wie dieses Buch funktioniert. Und damit bleibt nur noch eins zu sagen: Auf die Füße, fertig, los!


1. Woche – In der Kälte gehen
Elizabeth Carter, eine leidenschaftliche Spaziergängerin und englische Schriftstellerin des 18. Jahrhunderts, erklärte, am liebsten sei sie unterwegs „bei Schneegestöber und wenn der Wind pfeift“ . Mit dieser Einstellung war sie keineswegs allein: Im Lauf der Jahre gab es Hunderte von Frauen, die ihre anhaltende Begeisterung für frostige Spaziergänge bekundeten. So beschreibt Christiane Ritter in ihrem beeindruckenden Bericht über ihre Zeit am nördlichen Polarkreis  den täglichen Rundgang bei Temperaturen von minus 35°C so: „Ich gehe jeden Tag spazieren … drehe meine Runden, zehn Mal, zwanzig Mal, über die unebenen Schneeverwehungen, die hart gefroren sind wie Stahl.“ Die Forschungsreisende Alexandra David-Néel (eine vollendete Meisterin der alten Meditationstechnik Tummo, der Erhöhung der eigenen Körpertemperatur) war bei ihrem Fußmarsch nach Lhasa 1924 sprachlos vor Staunen angesichts der „unermesslichen Schneemassen … des ewigen, makellosen Weiß“. Nachdem sie sich kilometerweit durch den knietiefen Schnee gekämpft hatte, erklärte sie diese Landschaft zum „Paradies“ .
Und doch ist der Winter für viele von uns eine Jahreszeit, in der wir nicht zu einem Spaziergang aufbrechen, sondern lieber zu Hause bleiben, wo es warm und trocken ist – ein großer Fehler! Jahrzehnte nachdem sich Carter, Ritter und David-Néel so fasziniert auf die Kälte einließen, enträtselt endlich auch die Wissenschaft, welche erstaunlichen Veränderungen in unserem Körper und Geist stattfinden, wenn wir uns – allein schon bei moderater Kälte – im Freien aufhalten. Tatsächlich hat man Eis, Schnee und Kälte bereits vor vielen Jahrhunderten zu Heilzwecken eingesetzt: Ägyptische Handschriften berichten von der Verwendung kalten Wassers zur Bekämpfung von Entzündungen, britische Mönche nutzten Eis als eine Art Betäubungsmittel, und im 19. Jahrhundert griff der englische Arzt James Arnott zu Salz und zerstoßenem Eis, um Kopfschmerzen und Krebsleiden zu lindern. 
Machen wir einen Zeitsprung ins Jahr 2000, nach Japan, wo eines der ersten modernen Experimente stattfand, das erahnen ließ, welch komplexes Phänomen Kälte ist.  Die Wissenschaftler stellten zwei Gruppen von Spaziergängerinnen zusammen: Die einen trugen lange Röcke, die ihre Beine komplett verhüllten, die anderen Miniröcke, die ihre Beine von den Oberschenkeln bis zu den Knöcheln unbedeckt ließen. Die Frauen erklärten sich bereit, ein ganzes Jahr lang dieselbe Art von Rock zu tragen und ihre Beine regelmäßig untersuchen zu lassen. Als der Winter vorüber war, zeigten die MRT-Aufnahmen, dass die Beine der Frauen im Minirock eine zusätzliche Fettschicht aufwiesen; die Beine der Frauen mit langem Rock waren hingegen unverändert geblieben. Das bedeutet jedoch nicht etwa, dass wir dick werden, wenn wir uns der Kälte aussetzen – ganz im Gegenteil, wie Wissenschaftler später herausfinden sollten.
Damals ging man noch davon aus, dass nur Babys sowie Säugetiere, die Winterschlaf halten, über eine Schutzschicht aus braunem Fettgewebe verfügen, obwohl erste Studien vermuten ließen, dass es sie möglicherweise auch unter der Haut mancher erwachsener Menschen (beispielsweise im Freien arbeitende Skandinavier) gibt. Erst ein Jahrzehnt später entdeckten amerikanische Forscher  die erstaunliche Wahrheit über das braune oder plurivakuoläre Fettgewebe, jenes durch Kälte aktivierte Fett, das die japanischen Minirockträgerinnen sich zugelegt hatten.
Trotz seines wenig vorteilhaften Namens ist das braune Fettgewebe gänzlich frei von jenen schädlichen Lipiden, die mit überschüssigem weißem oder beigem Fett in Verbindung stehen. Tatsächlich verbrennt das braune Fett Kalorien effektiver als jedes andere Gewebe, sogar als Muskelgewebe. Das könnte möglicherweise auch der Grund dafür sein, weshalb schlanke, aktive Menschen oft mehr braunes Fettgewebe besitzen als beleibtere Zeitgenossen, die viel sitzen.
Zu der spektakulärsten Erkenntnis aber kamen die Forscher, als sie das braune Fett genauer untersuchten und feststellten, dass es voller Mitochondrien steckt. In diesen winzigen zelleigenen Kraftwerken werden die Nahrung, die wir zu uns nehmen, und der Sauerstoff, den wir einatmen, in eine Form von Energie umgewandelt, die sich Adenosintriphosphat (ATP) nennt und sämtliche Prozesse in unseren Körperzellen unterstützt. Das braune Fettgewebe dient dazu, die zum Leben notwendige Atmung und Körpertemperatur aufrechtzuerhalten, womit sich auch erklären lässt, warum es durch Kälteeinwirkung aktiviert werden kann. Es regt unseren Stoffwechsel an, steuert unser Sättigungsgefühl, erhöht die Insulinsensitivität und vermindert ein vorzeitiges Absterben von Zellen.
Das alles geschieht, indem das braune Fett sogenannte BATokine produziert, Moleküle, die auf vielfältige Weise zu unserer Erhaltung beitragen. So scheinen diese speziellen Botenstoffe beispielsweise die Produktion von Follistatin anzuregen, einem Protein, das den Muskelaufbau fördert. BATokine sorgen außerdem für eine vermehrte Ausschüttung von IGF-1, einem Hormon, das alle unsere Zellen zum Wachstum anregt und somit – vereinfacht gesagt – zu einer besseren Selbstheilung unseres Körpers beiträgt. Das könnte auch ein Indiz dafür sein, weshalb in einer 2021 durchgeführten Studie Menschen mit größeren Depots an braunem Fett seltener an Bluthochdruck, Herzinsuffizienz und Erkrankungen der Herzkranzgefäße litten.  Kein Wunder also, dass die therapeutischen Möglichkeiten, die das braune Fettgewebe bieten könnte, die Wissenschaft in helle Aufregung versetzt haben.
Doch damit nicht genug: Ein strammer Spaziergang bei kaltem Wetter fördert nicht nur unsere Zellgesundheit und hält uns fit und in Form, sondern sorgt außerdem dafür, dass unser Gehirn gut funktioniert. Mehreren Studien zufolge können wir bei kälteren Temperaturen klarer denken als bei wärmeren. Unser Gehirn braucht Glukose und arbeitet nur noch langsam, falls diese nicht in ausreichender Menge vorhanden ist. Beim Abkühlen der Körpertemperatur wird mehr Glukose benötigt als beim Erwärmen – was ein Grund dafür sein könnte, weshalb manche von uns sich in heißem Klima wie benebelt fühlen, in kaltem dagegen geistig hellwach. Eine Studie der Stanford University von 2017 zeigte, dass Menschen bei kühleren Temperaturen ein entschlussfreudigeres, besonneneres und rationaleres Denken an den Tag legten als bei wärmeren. Zu diesem Schluss war auch eine Studie von 2012  gekommen, der zufolge sich warmes Wetter nicht nur nachteilig auf die Fähigkeit der Menschen auswirkte, komplexe Entscheidungen zu treffen, sondern zudem auf ihre Bereitschaft, überhaupt eine Entscheidung zu treffen.
Für eine bessere geistige Leistung ist es jedoch keineswegs notwendig, tatsächlich zu frieren: Das Betrachten „kalter“ Bilder reicht aus, um unser Gehirn stärker arbeiten zu lassen. Israelische Wissenschaftler legten ihren Probanden mehrere kognitive Aufgaben vor, in deren Hintergrund entweder Winter-, Sommer- oder jahreszeitlich nicht einzuordnende Landschaften zu sehen waren. Die besten Ergebnisse erreichten jene Teilnehmer, die in ihrem peripheren Blickfeld zuvor die Winterbilder zu sehen bekommen hatten. 
Kälte – zumindest in gemäßigter Form – trägt außerdem zu unserer psychischen Gesundheit bei. Eine Untersuchung polnischer Studenten kam zu der Erkenntnis, dass ein viertelstündiger Aufenthalt in einem kühlen, unbelaubten Wald eine „beachtliche emotionale, ausgleichende und belebende Wirkung“ zeigte, was nahelegt, dass kahle Winterlandschaften ebenso zu unserer Regeneration beitragen können wie das warme, satte Grün des Frühlings. 
Darüber hinaus scheint ein wenig Kälte auch das Stressempfinden zu reduzieren: Einem Bericht der Universität Luxemburg  zufolge ließen sich durch wiederholte Kältereize im Nacken der Probanden sowohl das parasympathische (entspannende) Nervensystem aktivieren als auch der Herzschlag verlangsamen und stabilisieren – was wiederum die Annahme stützt, dass ein gewisses Maß an Kälte beruhigender wirken könnte, als man gemeinhin annimmt.
Das alles heißt jedoch nicht, dass wir freiwillig frieren und uns damit die Laune verderben müssen. Wir sollten die kälteren Monate vielmehr als eine Zeit für besonders anregende Spaziergänge betrachten. Alles sieht anders aus: Wer empfindet den Blick durch skulpturenhafte Baumgerippe oder die monochrome Geometrie der Linien und Formen nicht als außergewöhnlich? Auch die Vögel lassen sich besser beobachten als sonst. Unser Geist ist schärfer und wacher. Unser gutes braunes Fettgewebe wird kräftig aktiviert. Und zudem trainieren wir unsere Ausdauer: Bei niedrigeren Temperaturen muss das Herz nicht so stark arbeiten, und wir schwitzen weniger, was uns umso leistungsfähiger macht. 


Tipps
Wie kalt sollte es sein? Nicht besonders … Dem niederländischen Physiologen und BAT-Forscher Wouter van Marken Lichtenbelt zufolge wird braunes Fettgewebe bereits bei leichter Kälte, also etwa 16 °C, aktiviert. 
Wie lang soll der Spaziergang dauern? So lang, wie es Ihnen behagt – wobei eine Studie ergab, dass die Umwandlung von (schlechtem) weißem Fettgewebe (vor allem im Bereich des Bauches und der Oberschenkel) in (gutes) braunes Fettgewebe erst bei einem Aufenthalt von zwei Stunden in gemäßigter Kälte ausgelöst wird.
Sie hassen Kälte? Zahlreiche Studien belegen, dass wir die Kälte als umso weniger abschreckend und unbehaglich empfinden, je mehr wir uns ihr aussetzen – wenn also eine Gewöhnung stattfindet. Packen Sie sich daher warm ein, und steigern Sie die Dauer Ihrer Spaziergänge Schritt für Schritt.
Sie machen sich Sorgen, dass Allergien oder Asthma durch die Kälte schlimmer werden könnten? Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass körperliche Betätigung im Winter genau das Gegenteil bewirkt: So traten bei Erwachsenen häufig weniger allergische Entzündungen der Luftwege auf, und Atemwegsbeschwerden wurden gelindert. 
Bei der Wahl Ihrer Kleidung folgen Sie am besten dem Zwiebelprinzip, dann wird Ihnen weder zu warm noch zu kalt sein. Meist kühlen die Hände und Füße sowie der Kopf als Erstes aus, da das Blut sich in unsere lebenswichtigen Organe zurückzieht, um diese warm zu halten: Tragen Sie daher fleecegefütterte Handschuhe, dicke Socken und eine Mütze. Wenn Ihnen warm genug ist, schieben Sie die Ärmel hoch, damit Ihre Unterarme Vitamin D aufnehmen können, und lassen Sie Sonnenlicht an Ihren Hals, um das braune Fettgewebe zu aktivieren (das sich laut Ronald Kahn, Professor der Medizin an der Harvard Medical School, häufig dort und im Bereich der Schlüsselbeine findet ).
Nehmen Sie eine Thermosflasche mit einem heißen Getränk mit. Bei kaltem Wetter verliert man oft Flüssigkeit, ohne es zu merken. Kaffee wäre eine gute Wahl, denn neben Bewegung und Kälte soll auch Koffein die Produktion von braunem Fett ankurbeln.
Ein Spaziergang durch tiefen Schnee kann ziemlich anstrengend sein. Versuchen Sie es doch einmal mit Schneeschuhen! Sie eignen sich hervorragend, um weite Strecken im Schnee zurückzulegen.
Sie haben Angst, auf dem Eis auszurutschen? Sorgen Sie dafür, dass Sie Schuhe mit einem besonders rutschfesten Profil tragen. Auf Treppen und bergab gehen Sie am besten langsam und mit seitlichen Schritten. Verwenden Sie Wanderstöcke. Unsere Arme helfen uns, das Gleichgewicht zu halten, und mit den Händen können wir uns beim Fallen abstützen – stecken Sie die Hände beim Gehen daher nicht in die Taschen, und schützen Sie sie mit Handschuhen.
Die Kälte ist kein Allheilmittel, und eine Unterkühlung kann tödlich sein. Tragen Sie deshalb immer angemessene Kleidung und warme Schuhe, und bewegen Sie sich so kraftvoll wie möglich (mehr dazu in der 2. Woche: Den Gang verbessern).


2. Woche – Den Gang verbessern
Als ein jugendlicher Verehrer der französischen Philosophin Simone de Beauvoir erklärte, er liebe ihre Art zu gehen, machte er ihr ein Kompliment, das sie zeit ihres Lebens nicht vergessen würde.
Wie wir gehen, verrät viel darüber, wer wir sind und wie wir sind. Kanadische Wissenschaftler untersuchten die Gangart von 500 Spaziergängern und konnten mit einer beeindruckenden Trefferquote von 70 Prozent herausfinden, welche der Versuchsteilnehmer erste Symptome einer kognitiven Störung aufwiesen. Damit bestätigten sie vorangegangene Studien, denen zufolge unser Gang im Alter von 45 Jahren Rückschlüsse auf das Risiko gibt, später an Alzheimer zu erkranken. Allein die Beobachtung der Gangart – so Manuel Montero-Odasso, ein Experte auf dem Gebiet des Zusammenspiels von Mobilität und kognitivem Abbau – „kann dazu beitragen, verschiedene Formen neurodegenerativer Erkrankungen zu diagnostizieren“ . Mit anderen Worten: An der Art, wie wir gehen, lässt sich ablesen, wie gut unser Gehirn funktioniert; sie gibt möglicherweise auch einen Hinweis darauf, wie unsere Zukunft aussehen könnte. Noch wissen die Wissenschaftler nicht, ob Veränderungen in unserem Gehirn unseren Gang beeinflussen oder ob Veränderungen unseres Gangs sich auf unser Gehirn auswirken. Unabhängig davon sollten wir aber in jedem Fall darauf achten, wie wir gehen.
Doch wer von uns tut das schon? Einen Fuß vor den anderen zu setzen ist die einfachste und natürlichste Fortbewegungsart, eine, die wir bereits als Kleinkinder beherrschen. Es ist zugleich aber auch ein unvorstellbar komplexer Vorgang, bei dem Gleichgewicht, Koordination, Kraft und Hunderte feuernder Neuronen eine Rolle spielen. Beim Gehen sind nahezu alle unsere Muskeln und Knochen beteiligt und in einem beispiellosen Bewegungsablauf aufeinander abgestimmt, den noch keine Maschine je nachbilden konnte.
Unser Lebensstil – überwiegend drinnen und am Schreibtisch – macht es uns nicht gerade einfach, mit derselben mühelosen Effizienz und Anmut zu gehen wie unsere Vorfahren. Wir quetschen unsere Füße in schicke Schuhe, hängen den ganzen Tag über dem Laptop und lümmeln uns abends auf dem Sofa – kein Wunder, dass wir an Kraft, Gleichgewichtsgefühl und Beweglichkeit verloren haben. Wir benutzen unsere Füße mit ihren 158 Knochen, Muskeln und Gelenken kaum noch, sodass sie mit der Zeit platt werden, unser Schritt unsicher wird und irgendwann gar nichts mehr geht.
Und das ist genau so schlimm, wie es klingt. Eine schlechte Gangart beeinträchtigt, wie wir uns insgesamt bewegen: Wir verzichten damit auf das intensive (und herrliche) Gefühl der Freiheit, das mit einem geschmeidigen, fließenden Gang einhergeht. Ebenso wenig kommen wir in den Genuss der damit verbundenen physiologischen Vorzüge. Auch die Sportwissenschaftlerin und Gehtrainerin Joanna Hall vertritt die Ansicht, dass sich unser derzeitiger Lebensstil nachteilig darauf auswirkt, wie wir gehen. Zu langes Sitzen hat zur Folge, dass unsere Hüftbeuger verkürzt und verspannt sind und unsere Haltung verkümmert. Wenn wir über dem Schreibtisch oder dem Computer kauern, sind Hals und Kopf unnatürlich weit nach vorne gebeugt, die Wirbelsäule ist zu starr und die Rückenmuskulatur verkrampft. Das stundenlange Vorlehnen schwächt die kleinen Posturalmuskeln, die für die richtige Krümmung der Wirbelsäule sorgen, und führt zu Schmerzen im unteren Rücken.
Ungeeignete Schuhe wiederum engen die Zehen ein und verhärten die Fußmuskulatur, sodass wir mit dem flachen Fuß auftreten (was Hall als „passiven Laufstil“ bezeichnet), anstatt die Fußsohle federnd abzurollen (der „aktive Laufstil“). Kommt beim Gehen nicht die gesamte Breite des Fußgewölbes zum Einsatz, kann es zu Hüftfehlstellungen kommen. „Wir müssen lernen, die richtigen Muskeln in der richtigen Art und Weise und im richtigen Moment einzusetzen“, erklärt Hall mir, während sie meinen Laufstil korrigiert. Seit mittlerweile 25 Jahren hilft sie anderen dabei, so zu gehen, wie ihr Körper es ursprünglich vorgesehen hat , und rät dazu, das Gehen von Grund auf neu zu lernen. Dadurch lassen sich Verletzungen und eine Überlastung der Gelenke vermeiden, wir können unser Tempo steigern und längere Strecken gehen. Untersuchungen der London South Bank Universität haben ergeben, dass das Gehen mit einem möglichst großen Bewegungsradius bereits nach einem Monat zu einer höheren Gehgeschwindigkeit und einer besseren skelettalen Ausrichtung führt . Hier deshalb ein paar von Halls Empfehlungen:
●    Drücken Sie sich von der Ferse her ab, und verwenden Sie dazu die Muskeln an der Rückseite der Beine.
●    Lösen Sie jeden Fuß Stück für Stück vom Boden, von der Ferse bis zur Zehenspitze, und nutzen Sie bei der Vorwärtsbewegung alle Zehen.
●    Richten Sie auch den Brustkorb und die untere Wirbelsäule auf, um die Bauchmuskulatur zu aktivieren und genügend Platz in der Körpermitte zu schaffen.
●    Strecken Sie den Hals, und richten Sie sich auf; das entlastet die Wirbelsäule beim Gehen und hilft, wenn Sie nach stundenlangem Sitzen am Computer einen steifen Rücken haben.
●    Lassen Sie die Arme aus den Schultern heraus locker schwingen und sich von den Ellenbogen vorantreiben – nicht so wie die Power Walker der 1980er-Jahre, sondern eher so, als wären Ihre Arme zwei lose miteinander verbundene Pendel. Die Hände sind dabei nicht zu Fäusten geballt, sondern entspannt.
Mediziner der Harvard Medical School raten außerdem dazu, mit den Augen einen Punkt in drei bis sechs Metern Entfernung zu fixieren und nur den Blick zu senken statt den ganzen Kopf, wenn man das Bedürfnis hat, die Bodenbeschaffenheit genauer zu prüfen – denn mit einer aufrechten Halswirbelsäule lassen sich Nackenschmerzen vermeiden. Und sie empfehlen, ganz leicht in den Hüften mitzuschwingen, da „eine minimale Drehbewegung für ein dynamischeres Gehen sorgen kann“, und darauf zu achten, nicht zu weit auszuschreiten: „Machen Sie lieber kürzere, aber dafür mehr Schritte.“ 
Natürlich können Sie auch weiterhin so gehen, wie Sie möchten, ohne irgendetwas zu ändern. Allerdings meint Hall: „Optimieren wir unsere Gehweise, verringern wir damit das Risiko, dass Gelenke und Wirbelsäule versteifen“. Die Harvard Medical School bestätigt dies und erklärt, dass ungünstige Gehgewohnheiten („mit relativ geringem Aufwand“) durchaus korrigiert werden können, Verletzungen so vermieden werden und Gehen noch gesundheitsfördernder und genussreicher wird.
Eine optimierte Gehweise bedeutet zudem, dass wir, wenn wir wollen, schneller gehen können. Jede Art von Gehen ist gut, und unter Umständen ist ein langsames Tempo sogar besser (mehr dazu in der 4. Woche: Die Entdeckung der Langsamkeit, sowie in der 41. Woche: Spaziergang nach dem Essen). Dennoch belegen zahlreiche Studien, dass strammes Gehen mit einer Geschwindigkeit von sechs bis sieben Stundenkilometern (rund 100 bis 130 Schritte pro Minute) besonders wirkungsvoll ist. Eine Untersuchung von 2019  stellte fest, dass schnelle Spaziergänger länger leben als langsamere, und führte das „geringere Risiko für eine Vielzahl schwerwiegender Krankheiten“ auf das raschere Gehtempo zurück. Mit einem flotten Fußmarsch in die Schule, ins Büro oder zum Einkaufen lässt sich das tägliche Bewegungspensum ganz leicht erfüllen.
Dass wir länger unterwegs sein können, ist ein zusätzlicher Bonus der verbesserten Gangart. Mehrere Studien sprechen dafür, dass längere Runden zu Fuß besonders geeignet sind, um das Körperfett zu reduzieren und die Stimmung zu heben.  Wenn wir in der Lage sind, mehrere Stunden ohne große Anstrengung zu gehen, haben wir außerdem mehr Möglichkeiten. Wir können lange Bergtouren unternehmen (mehr dazu in der 35. Woche: Mit Gepäck marschieren), auf Pilgerwegen wandern (39. Woche: Auf Pilgerpfaden), einem Fluss von der Quelle bis zum Meer folgen (17. Woche: Am Fluss entlang) oder einfach eine Strecke gehen, die wir zuvor gefahren sind.
Es gibt aber noch einen anderen Grund, weshalb wir das Gehen neu lernen sollten: Wenn wir uns harmonisch bewegen, mit der Geschmeidigkeit und Anmut, für die unser Körper eigentlich gemacht ist, fühlen wir uns glücklicher und selbstsicherer. Dann ist es, als hätte die neu entdeckte Leichtigkeit unserer Glieder auch unseren Geist erfasst, und wir könnten die Sorgen und Zwänge des Alltags hinter uns lassen.


Tipps
Machen Sie sich Ihre persönliche Art zu gehen bewusst, und korrigieren Sie sie, indem Sie die genannten Ratschläge Schritt für Schritt umsetzen. Mit ein wenig Übung dürften Sie sich schon bald unbeschwerter fühlen und merken, dass Ihre Haltung aufrechter und Ihr Gehtempo ein wenig schneller geworden ist.
Bitten Sie einen Freund, Ihren Gehstil, Ihre Haltung und die Ausrichtung Ihres Körpers zu überprüfen oder filmen Sie sich beim Gehen, um sich selbst ein Bild zu machen.
Denken Sie daran, dass Ihre Gangart auch davon abhängt, welche Schuhe Sie tragen. Legen Sie sich unbedingt bequeme Schuhe mit flachen Absätzen zu, die gut am Fuß sitzen und für die geplanten Spaziergänge oder Wanderungen geeignet sind.
Taschen können Ihren Gang ebenfalls beeinflussen. Verwenden Sie am besten einen Rucksack, eine Hüft- oder eine Gürteltasche.
Walkingstöcke können die Körperhaltung und das Gangbild verbessern. Probieren Sie auch einmal Wanderstöcke aus, die sich auf Ihre Körpergröße anpassen lassen.
Sollten Sie Hilfe benötigen, sehen Sie sich im Internet nach einem Coach oder Kurs um, mit dem Sie Ihren persönlichen Gehstil optimieren können.


3. Woche – Smile, greet, repeat
Der dritte Montag im Januar wurde 2005 von dem britischen Psychologen Dr. Cliff Arnall zum traurigsten Tag des Jahres erklärt. Eine Kombination aus schlechtem Wetter, dunklen Nächten, verfehlten Neujahrsvorsätzen und der nachweihnachtlichen Flaute auf dem Konto gipfelten – so seine Behauptung – in einem Tag der universellen, kollektiven Depression, dem „Blue Monday“.
Arnall empfahl als Gegenmaßnahme, sich mit dem Gedanken an die Ferienzeit zu trösten. Ich dagegen halte es für wirkungsvoller, eine Runde um den Block zu gehen. Ein Spaziergang bietet uns Gelegenheit zu zufälligen Begegnungen mit anderen Menschen. Sie mit einem Lächeln zu begrüßen – ganz gleich, ob es sich um Nachbarn oder Fremde handelt –, verbessert unser Wohlergehen, in geistiger wie körperlicher Hinsicht, und sorgt dafür, dass wir glücklich anstatt gereizt nach Hause zurückkehren, verständnisvoll statt verdrossen. Wir müssen dazu nicht einmal Worte wechseln – ein Lächeln genügt.
Schon vor Jahren hegten Psychologen den Verdacht, dass ein einfaches Lächeln unsere Laune heben kann, auch wenn sie nicht genauer erklären konnten, wie und warum das so war. Doch nach der Devise „Durch Schein zum Sein“ kann selbst ein aufgesetztes Lächeln unser Wohlbefinden steigern. Eine Studie der University of South Australia  bestätigte, dass ein Lächeln (so gezwungen es auch sein mag) unser Gehirn täuschen und uns in eine optimistischere Stimmung versetzen kann: Die Versuchsteilnehmer wurden aufgefordert, sich einen Stift zwischen die Zähne zu klemmen, wodurch ähnliche Gesichtsmuskeln aktiviert wurden wie bei einem Lächeln. Sie berichteten im Anschluss, sie hätten sich nicht nur selbst fröhlicher gefühlt, sondern auch ihr Umfeld – einschließlich anderer Menschen – als positiver wahrgenommen. Ihr erzwungenes Lächeln hatte die Linse verändert, durch die sie die Welt betrachteten. Offenbar wird unser Gehirn sogar bei einem gewollten Lächeln dazu angeregt, Neurotransmitter auszuschütten, die uns ein gutes Gefühl vermitteln.
Ich sehe das Lächeln in diesem Experiment nicht als aufgesetzt oder erzwungen, sondern vielmehr als aktiviert. Wenn wir ein Lächeln aktivieren, führt das zu einer neurologischen Reaktion, die unsere Laune hebt und uns die Dinge als weniger düster empfinden lässt. Diese Art des Lächelns mag zunächst durchaus etwas gekünstelt erscheinen, doch nachdem ich es selbst ausprobiert habe, konnte ich feststellen, dass es nicht lange dauert, bis es sich völlig natürlich anfühlt. Einem Vorübergehenden ein Lächeln zu schenken und es erwidert zu sehen, ist eine der schnellsten Methoden, um aus einem aktivierten Lächeln ein echtes werden zu lassen. Und diese zwischenmenschliche Interaktion wiederum trägt dazu bei, uns in eine noch positivere Stimmung zu versetzen. Eric Wesselmann fand heraus , wie ungemein wichtig diese kurzen Momente sind, in denen wir mit anderen in Verbindung treten, da sie uns ein Gefühl der Zugehörigkeit geben. Er stellte fest, dass die Versuchsteilnehmer, die (aufgrund eines Lächelns, Nickens oder gegenseitigen Blickkontakts) merkten, dass sie von anderen erkannt wurden, ein größeres Selbstwertgefühl bekundeten als die Teilnehmer, die ignoriert wurden. Anderen Studien zufolge fühlen sich Menschen, die begrüßt wurden, eher dazu veranlasst, selbst zu grüßen oder andere anzulächeln – eine Art Dominoeffekt also, der dafür sorgen könnte, dass immer mehr Menschen ihren Tag ein wenig heiterer und hoffnungsvoller beginnen.
Lächeln (notfalls auch das Herumlaufen mit einem Stift zwischen den Zähnen) ist jedoch nicht die einzige Methode, wie man seinen Missmut oder unterschwelligen Trübsinn loswerden kann: So haben mehrere Studien ergeben, dass Probanden, die ihre Körperhaltung veränderten oder sich neue Gesten aneigneten, zuversichtlicher und entschlossener wurden. Andere neigten eher dazu, an sich zu glauben, wenn sie zuvor ihre Haltung verbessert hatten ; und eine Studie der San Francisco State University von 2018 fand gar heraus, dass Studenten mit einer aufrechten Körperhaltung besser in Matheprüfungen abschnitten als jene, die in sich zusammengesackt dasaßen. 
Gehen, grüßen und lächeln bewirkt aber noch mehr, als nur unsere eigene Laune zu verbessern. Wie Antonia Malchik in ihrem bahnbrechenden Werk A Walking Life erklärt, ist das Beachten und Grüßen anderer auf einem Spaziergang eine der Methoden, mit denen die Menschen seit jeher soziales Kapital geschaffen haben. Die kurze Interaktion im Vorbeigehen ist einer jener äußerst klebrigen Fäden, die eine Gemeinschaft erfolgreich zusammenhalten. Und die immense Bedeutung einer solchen Gemeinschaft für unser Wohlbefinden – ob wir einen „Blue Monday“ erleben oder nicht – bestätigt eine Studie nach der anderen. 


Tipps
Ihre persönliche Sicherheit sollte stets im Vordergrund stehen. Ein Gruß oder Lächeln gegenüber Fremden ist nur dann angebracht, wenn Sie sich sicher sind, dass Sie nicht missverstanden werden können. Spaziergänger, die frühmorgens mit ihrem Hund um den Block gehen, gelten als besonders freundlich (und sind für gewöhnlich harmlos).
Wenn Ihnen danach ist, ziehen Sie einfach die Mundwinkel nach oben, grüßen Sie Ihr Gegenüber im Vorbeigehen mit einem breiten Lächeln, und lassen Sie auf diese Weise alle schlechte Laune, Verunsicherung, Enttäuschung und Niedergeschlagenheit einfach hinter sich …
Die Gehtechniken aus der 2. Woche (Den Gang verbessern) werden Ihnen das nötige Selbstvertrauen geben, um andere anzulächeln und zu grüßen: Schultern zurück, aufrechte Körperhaltung, das Kinn emporgereckt, die Arme locker schwingend. Der Grund dafür ist derselbe: Unser Körper bringt das Gehirn mit diesem Trick dazu, Neurotransmitter freizusetzen – und die sorgen für beste Laune.

Die Energie von Bäumen spüren

Waldbaden

Kraft und Energie durch Bäume

Auf der Suche nach dem Ursprünglichen finden viele Menschen Ruhe und Geborgenheit im Wald. Werner Buchberger weiß als erfahrener Förster um diese heilende Kraft der Bäume. Mit wissenschaftlicher Kenntnis und spirituellem Feingefühl führt er seine Leser in die Kunst des Waldbadens ein. „Shinrin Yoku“, wie das bewusste und achtsame Erleben des Waldes in Japan genannt wird, ist dort sogar im staatlichen Gesundheitssystem verankert. Werner Buchberger zeigt, wie jeder Mensch von der Stress- und blutdrucksenkenden Wirkung der Bäume profitieren kann. Denn nicht nur die Bäume kommunizieren untereinander, auch unser Immunsystem empfängt die heilende Botschaft des Waldes.

In den Warenkorb

„Sehr erhellend und unterhaltsam!“ Peter Wohlleben

Blick ins Buch
Kein Schweigen im WaldeKein Schweigen im Walde

Wie Tiere und Pflanzen miteinander kommunizieren

„Es ist immer wieder erstaunlich, wie gesprächig die Natur ist – sehr erhellend und unterhaltsam!“ Peter Wohlleben

Wie sich Fuchs und Tanne gute Nacht sagen 


Wussten Sie, dass Fische lügen? Oder dass Fledermäuse Selbstgespräche führen? Erstaunliche Erkenntnisse aus der Wissenschaft zeigen: Tiere und Pflanzen kommunizieren ständig und auf vielfältigste Weise miteinander. Wer meint, dass nur wir Menschen zu Übertreibungen und Unwahrheiten neigen, der irrt. Vögel, Fische oder Schnecken sind weitaus einfallsreicher als wir, wenn es zum Beispiel darum geht, einen Partner zu erobern. Die Verhaltensbiologin Madlen Ziege entführt uns in eine faszinierende Welt und erklärt leicht verständlich, wie ganze Ökosysteme in Kontakt zueinander treten. Dabei zeigt sie, wie uns die Sprache der Natur im Alltag weiterhelfen kann und warum man mit Tomatenpflanzen sprechen sollte.

Einleitung
Jedes Lebewesen kommuniziert
Mit wem haben Sie heute schon kommuniziert? Mit Ihrem Partner, dem Haustier oder Ihrer Zimmerpflanze? Der Psychotherapeut und Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick brachte es auf den Punkt, als er sagte: „Man kann nicht nicht kommunizieren, denn jede Kommunikation (nicht nur mit Worten) ist Verhalten, und genauso wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren.“ Es ist also kein Wunder, dass wir ständig mit anderen Menschen Informationen austauschen – innerhalb unserer Familie, mit Freunden oder Arbeitskollegen. Wie aber sieht es eigentlich mit all den anderen Lebewesen auf unserer Erde aus? Gilt Paul Watzlawicks „man“ auch für Bakterien, Pflanzen und Tiere, und können diese ebenfalls „nicht nicht kommunizieren“? Das Wort „Biokommunikation“ fasst zusammen, worum es in diesem Buch geht: Alles, was lebt, sendet und empfängt aktiv Informationen und ist somit in der Lage zur Kommunikation! So bedeutet Bio vom griechischen Wortstamm βίος/bíos ganz einfach „Leben“. Kommunikation, vom lateinischen Wort commūnicātiō, heißt so viel wie Mitteilung. Bio passt zur Kommunikation wie der Arsch auf den Eimer, denn es braucht Lebewesen wie Pflanzen oder Tiere, um Mitteilungen aus der Umgebung zu empfangen und darauf zu reagieren. So haben sich auch die Lebewesen in einem Wald vom kleinsten Pilz bis hin zum größten Baum so einiges mitzuteilen. Wer also meint, dass Schweigen im Walde herrscht, hat nur noch nicht richtig hingehört!


Warum braucht es dieses Buch?
Natur ist der Hammer
Meine Begeisterung für die Biokommunikation fand ihren Ursprung in den Wäldern, Wiesen und Gewässern meines Heimatdorfes in Brandenburg. Hier zirpte, muhte und schnatterte es nur so um mich herum, und ich übte mich früh darin, mit meinen Mit-Lebewesen in Kontakt zu treten. Die vielen Märchen, Mythen und Sagen in meinen Lieblingsbüchern gaben mir recht: Hier konnten Menschen mit Tieren und Pflanzen sprechen, hier verhalf die Weisheit der Natur den Helden aus jeder noch so hoffnungslosen Situation. Heute weiß ich, dass es in alten Kulturen wie beispielsweise der keltischen völlig selbstverständlich war, mit der Natur zu kommunizieren. Einige Bewohner Islands und Irlands fragen noch heute „Mutter Natur“ um Erlaubnis, wenn neue Bauprojekte anstehen. Das Urvolk Ainu auf der nördlichsten japanischen Insel Hokkaido tritt ebenfalls regelmäßig in Kontakt mit Tieren und Pflanzen, um die eigene Verbindung zur Natur zu stärken. Warum sollten Menschen das Gespräch mit anderen Lebewesen suchen, wenn sie keine Antwort erwarten würden?

Was haben sich Fische zu sagen?
Ich studierte Biologie an der Universität Potsdam und wusste schnell, wohin die Reise gehen sollte: Ich wollte Verhaltensbiologin werden! Ich wollte alles darüber erfahren, warum sich Tiere verhalten, wie sie sich verhalten, und vor allem, wie und warum sie miteinander kommunizieren. Besonders interessierten mich Katzen, und so war es mein Ziel, das Kommunikationsverhalten dieser geheimnisvollen Tiere zu erforschen. Wie so oft im Leben kommen die Dinge anders als gedacht, und ich landete während meiner Diplomarbeit in Mexiko – ganz ohne Katzen. Meine ersten Forschungsobjekte waren völlig unerwartet Fische. Auf den ersten Blick war ich über diese Entwicklung in meiner Verhaltensforscherkarriere nicht besonders begeistert, denn diese Tiere gehörten aus meiner Sicht nicht gerade zu den spannendsten Forschungsobjekten in Sachen Kommunikation. „Meine“ Fische waren jedoch anders!
Der Atlantikkärpfling Poecilia mexicana und der Grijalva-Moskitofisch Heterophallus milleri gehören zur Fischfamilie der Lebendgebärenden, deren Vertreter ein ausschweifendes Sexleben führen. Die meisten Fische haben nicht wirklich viel mit dem anderen Geschlecht zu tun, denn sie praktizieren eine äußere Befruchtung: Das Weibchen legt die Eier ab, das Männchen schwimmt darüber, gibt seinen Samen ab, fertig! Lebend gebärende Fische wie der Atlantikkärpfling oder der Grijalva-Moskitofisch hingegen haben eine innere Befruchtung. Hier muss die Samenzelle des Männchens irgendwie in den Körper des Weibchens gelangen, um dort mit der Eizelle zu verschmelzen. Klar ist bei dieser Form der Befruchtung weitaus mehr Kommunikation zwischen den Geschlechtern gefragt! Ist der „Dialog“ zwischen Männchen und Weibchen nicht ohnehin schon Herausforderung genug, sind im Schwarm lebende Fische automatisch Teil eines großen Kommunikationsnetzwerks. So sind ein Männchen und ein Weibchen selten ganz allein unter sich und können ungestört miteinander kommunizieren. Auf die gesendeten Informationen zwischen den zwei Liebenden können auch andere Fische im Schwarm zugreifen, und es gibt immer den ein oder anderen Gaffer beziehungsweise Zuhörer. Für genau solche Dreiecksbeziehungen in der Kommunikation interessierte ich mich in meiner Diplomarbeit. Ich führte Verhaltensversuche durch, um zum Beispiel herauszufinden, ob sich Männchen in Anwesenheit eines weiteren Männchens anders verhalten als ohne einen Zuschauer. Interessieren sie sich noch für die gleichen Weibchen, oder ändern sie ihre Strategie in Sachen Flirten? Die Antwort auf diese Frage werden Sie in diesem Buch erfahren!

Stadt- und Landkaninchen haben andere Gesprächsthemen
Meine Faszination für den Austausch von Informationen in der Natur hielt nach der Diplomarbeit weiter an, und noch immer war es mein Traum, das Kommunikationsverhalten von Katzen zu erforschen. Im Mai 2010 kam ich an die Goethe-Universität in Frankfurt am Main, um mit meinem späteren Doktorvater über ein Forschungsprojekt zur Kommunikation bei Katzen zu sprechen. Wieder kam alles anders als geplant. Am selben Abend war ich des Nachts mit dem Fahrrad ohne Licht auf den Straßen Frankfurts unterwegs, als es passierte: Ein noch unerfahrenes junges Wildkaninchen hoppelte plötzlich auf den Fahrradweg. Ich konnte den Frontalzusammenstoß in letzter Sekunde nur abwenden, indem ich in die seitliche Heckenbegrenzung hineinfuhr. Das Kaninchen und ich kamen beide mit ein paar blauen Flecken und dem Schrecken davon, allerdings wunderte ich mich schon, warum sich dieses Wildtier in einer Großstadt wie Frankfurt herumtrieb. Am nächsten Tag sprach mich mein Doktorvater auf die blauen Flecken an, und ich erzählte ihm von dem ungewöhnlichen Zusammenstoß mitten in der Finanzmetropole. „An Wildkaninchen wollte ich schon immer forschen“, war seine Antwort. Er schlug mir vor, meine Doktorarbeit dem Kommunikationsverhalten der kleinen Langohren zu widmen. Hartnäckig versuchte ich, ihn weiterhin davon zu überzeugen, dass Katzen viel spannender sind und sie doch der eigentliche Grund waren, warum ich überhaupt Verhaltensbiologin werden wollte. Er ließ nicht locker, und so gab ich den Frankfurter Wildkaninchen eine Chance. Ich studierte die Literatur zu diesem Thema und setzte mich in den Park, um die Tiere genauer zu beobachten. Zu meiner Überraschung besitzen Wildkaninchen eine ganz besondere Art der Kommunikation – sie nutzen gemeinsame Kot- und Urinstellen. Diese Kaninchentoiletten tragen den Namen „Latrinen“ und sind das Kommunikationsmittel für viele Säugetiere, die in Gruppen leben. Für mich noch weitaus interessanter war die Tatsache, dass sich die Wildkaninchen mitten in Frankfurt sehr wohlzufühlen scheinen. Zur Freude der Touristen saßen die Tiere vor der Oper oder den Wolkenkratzern der deutschen Börse. Dieser Anblick war für mich mehr als merkwürdig, und ich fragte mich, was um Himmels willen Wildkaninchen in die deutsche Finanzmetropole zieht: Waren es der reich gedeckte Tisch zu jeder Jahreszeit, die wärmeren Temperaturen in der Stadt oder doch die vielen Versteckmöglichkeiten in der dichten Vegetation? Aus Studien über Vögel wusste ich, dass sich auch das Kommunikationsverhalten von Tieren in der Stadt ändern kann. Ich führte also eine vergleichende Studie zwischen Land- und Stadtkaninchen durch, um herauszufinden, wie sich ihr Kommunikationsverhalten mittels der Latrinen unterscheidet. „Reden“ Stadt- und Landkaninchen womöglich über unterschiedliche Dinge und legen deswegen ihre Latrinen anders an? Ich verspreche Ihnen, dass wir auch dieser Frage auf den Grund gehen werden!

Und was hat das alles mit uns Menschen zu tun?
Je mehr ich mich mit der Biokommunikation beschäftigte, desto mehr fiel mir auf, dass meine eigenen Kommunikationsfähigkeiten nicht gerade die besten sind: Ich höre oft nicht richtig zu, antworte gern mal an einer Frage vorbei oder bin mir nicht darüber klar, was ich eigentlich sagen will. Was für den einen exzellente Kommunikationsfähigkeiten sind, grenzt für den anderen an eine verbale Beleidigung. Für mich als Brandenburgerin ist es schon viel, wenn ich mir zur Begrüßung ein einsilbiges „Morgen“ abringen kann. Das kam während meiner Doktorarbeitszeit an der Goethe-Universität in Frankfurt etwas komisch bei meinen hessischen Kollegen an. Dort wurde ich jeden Morgen mit vier Wörtern mehr begrüßt: „Ei gude morsche alle miteinanner!“ Wie viel schlimmer es hätte kommen können, zeigte mir ein Besuch in Stuttgart, wo ein „Gudde Morge! Au emmr am Schaffa oder älls fleißig, gell?“ meine Kommunikationskapazität am Morgen definitiv gesprengt hat. Ist der Schwabe mit seinen zehn Wörtern morgendlicher Begrüßung deshalb kommunikativer als ein Hesse oder ein Brandenburger? Wo liegt zwischen „Morgen“ und „gelle“ das Kommunikationsoptimum?
Auf der Suche nach Antwort auf diese Fragen nahm ich an unzähligen Kursen und Veranstaltungen zur Kommunikation teil: von der Wissenschaftskommunikation über ein Elevator-Pitch-Training bis hin zu Science Slams. Parallel zu meiner Arbeit als Verhaltensbiologin im Feld und Labor war ich so gesehen auch mein eigenes Forschungsobjekt. Ich kam mit vielen Menschen in Kontakt und erzählte ihnen von meiner Forschung und den täglichen Problemen menschlicher Kommunikation. Fasziniert schaute mich mein Gegenüber an, sobald ich von den komplizierten Latrinenmustern der Wildkaninchen berichtete, die für die Tiere fast so etwas sind wie die sozialen Medien für uns Menschen. Immer wieder wurde ich gefragt, wie Kommunikation in der Natur funktioniert und ob auch Pflanzen oder Bakterien kommunizieren. Was ist das Geheimnis der Natur für eine funktionierende Kommunikation? Wie können wir Menschen in unserem Alltag davon profitieren? Ich begann, mich immer mehr mit diesen Fragen zu beschäftigen, und stieß dabei auf die faszinierendsten Zusammenhänge. In diesem Buch nun vereine ich mein Wissen als Verhaltensforscherin mit Erfahrungen aus meinem eigenen Kommunikationsalltag, um diese und andere Fragen zu beantworten.


Die To-do-Liste des Lebens
Bevor wir tief in die Welt der Biokommunikation abtauchen, brauchen wir zunächst ein wenig theoretisches Rüstzeug. Dass „bio“ Leben bedeutet, wissen wir nun – doch was ist Leben überhaupt? Welche Merkmale sind allen Lebewesen gemeinsam, und wie viele davon braucht es, damit sich Leben „Leben“ nennen darf? Generationen von Wissenschaftlern zerbrachen sich bereits ihre Köpfe über diese grundlegenden Fragen, und noch längst ist dieses Thema nicht abschließend diskutiert. Was wir zum jetzigen Zeitpunkt wissen, ist, dass es einige Merkmale wie die Fortpflanzung oder die Fähigkeit zur Reaktion auf die Umwelt gibt, anhand derer wir Leben als solches erkennen. Am Anfang des Buches habe ich alle wichtigen Merkmale des Lebens in einem Gedicht untergebracht. Jetzt ist es an der Zeit, Strophe für Strophe einen genaueren Blick hinter die Kulissen des Lebens zu werfen – ich wünsche Ihnen viel Spaß dabei!

Leben hält Ordnung
Struktur ist fürs Leben ein echter Gewinn.
Zwei Hände, zwei Augen? Das alles macht Sinn!
Leben braucht Ordnung und schafft sie zugleich.
Das Geheimnis des Lebens: Mit System wirst du reich.
Das Sprichwort „Ordnung ist das halbe Leben“ sollte eigentlich „Ordnung ist das ganze Leben“ heißen, denn ohne Ordnung und Struktur gibt es kein Leben auf dieser Welt. Ordnung zeigt sich auf allen Ebenen und bedeutet, dass alles seinen Platz hat und nicht zufällig durch die Gegend schwirrt. Die Atome sind Bausteine, die sich zu Molekülen „zusammensetzen“ lassen. Moleküle wiederum organisieren sich zu den Bestandteilen einer Zelle. Das Wort Zelle stammt vom Lateinischen cellula und bedeutet so viel wie „kleine Kammer“. So ist eine Zelle nach außen durch eine feste Wand oder flexible Membran abgeschlossen. In der kleinen Kammer gibt es alles, was für das Leben gebraucht wird. Viele solcher Zellen können nun mehrzellige Lebewesen wie Tiere und Pflanzen bilden, und auch bei ihnen findet sich das Prinzip der Organisation und Struktur wieder: Einige Zellen sind für den Stoffwechsel zuständig, andere für die Bewegung, wieder andere für die Weiterleitung von Informationen. Alle Zellen mit der gleichen Aufgabe gehören zu einem Zellverband, auch als Gewebe bekannt. Gewebe mit der gleichen Funktion gehören zu einem Organ. Organe mit ähnlichen Aufgaben wiederum bilden ein Organsystem. Diese einzelnen Zell-Abteilungen werden vom restlichen Organismus mit allem Nötigen versorgt, damit sie in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen können. Diese Aufgabe wiederum übernehmen Transportsysteme, die zum Beispiel Nahrung und Sauerstoff zu den Zellen transportieren. Gäbe es keine Ordnung im Kleinen, zum Beispiel bei der Anordnung der Zellen, dann gäbe es sie auch nicht im Großen, wie wir sie beispielsweise in der symmetrischen Form einer Blüte finden.

Leben wechselt Stoffe
Sonne, Wasser und Nährstoff dazu,
es wechseln sich Stoffe vom Wurm bis zur Kuh.
Entstehen und Vergehen, das Leben muss mit.
Ohne Energie geht kein einziger Schritt.
Wie schnell aus Ordnung Unordnung wird, kennen wir Menschen nur zu gut aus unserem Alltag. Damit alles an Ort und Stelle und somit die Ordnung erhalten bleibt, braucht es Energie. Wenn wir aufräumen und unser Heim säubern, kommt die Energie für den Staubsauger aus der Steckdose. Im Gegensatz zum Haushaltsgerät sind Sie ein Lebewesen, und Ihre Energie können Sie nicht einfach aus der Wand beziehen. Energie ist somit nicht gleich Energie. Für Sie, mich und alle anderen Lebewesen ist die chemische Energie für den Erhalt der Ordnung entscheidend. Diese Energie steckt in der Nahrung, die jedes Lebewesen zu sich nimmt. Der Austausch von Nährstoffen mit der Umgebung ist somit ein weiteres Merkmal des Lebens: Erst der Stoffwechsel hält die Ordnung der Zellen und somit das ganze Lebewesen aufrecht. Lassen wir der Natur freien Lauf, werden nur so viele Stoffe „gewechselt“, wie für das Erhalten eines Gleichgewichts nötig ist. Ohne Energie aus der Nahrung kann das Leben keine Informationen aufnehmen oder senden, und es kann auch keine Kommunikation stattfinden.

Leben nimmt seine Umwelt wahr und reagiert darauf
Geheimes bleibt nicht lang verborgen,
Leben kennt heut schon die Infos von morgen.
Sinne scharf wie ein Samurai-Schwert,
Leben reagiert auf den brandheißen Herd.
In seiner Gesamtheit ist der Wald die zu jedem Zeitpunkt einzigartige Zusammensetzung aus allen lebenden und nicht lebenden Bestandteilen der Umgebung – ein Ökosystem. Zu diesen nicht lebenden Bestandteilen gehören jedes Sandkorn, jeder Kubikmeter Luft und jedes Tröpfchen Wasser! Ein Regenwurm kann einen Stein im Boden wahrnehmen und sich notfalls einen anderen Weg durch das Erdreich suchen. Der unbelebte Stein hingegen zeigt für uns keine sichtbare Reaktion auf den Regenwurm. Ein wichtiges Merkmal aller Lebewesen ist somit die Fähigkeit, ihren Lebensraum mithilfe von Empfängersystemen wahrzunehmen und darauf zu reagieren. So ist der Lebensraum voller optischer, akustischer (mechanischer), chemischer oder elektrischer Daten. Diese Daten werden erst zu Informationen, wenn ein Lebewesen sie mit seinen Empfangsstationen „Zellen“ wahrnehmen kann. Solche Empfänger-Zellen heißen auch Rezeptoren, abgeleitet vom lateinischen Wort receptor, was so viel bedeutet wie „Aufnehmer“. Die Art der Rezeptoren entscheidet darüber, welche Informationen ein Lebewesen aufnimmt: So sind die tierischen Sinnesorgane Augen wie gemacht für Farben und Formen und Nasen „just perfect“ für Gerüche. Rezeptoren ermöglichen somit einem Lebewesen, sich im eigenen Lebensraum zu orientieren: Wo gibt es Licht oder Wasser, und wohin kann ich mich bewegen, ohne gegen einen Stein zu stoßen? Trifft nun ein Lebewesen auf ein anderes Lebewesen, können beide mittels ihrer Rezeptoren Informationen empfangen und austauschen. Die Fähigkeit zum Austausch von Informationen ist wiederum die Basis für Kommunikation! Erst der Austausch an Informationen der Lebewesen untereinander und die Interaktion mit ihrer unbelebten Umwelt ergibt das große Ganze: ein in sich funktionierendes Ökosystem.

Leben vermehrt sich
Leben pflanzt sich munter fort,
besiedelt auch den fernsten Ort.
Teilung ist ein Kinderspiel,
aus eins mach zwei, aus zwei mach viel.
Omnis cellula e cellula. Dieser wohlklingende lateinische Satz bedeutet so viel wie „Jede Zelle geht aus einer Zelle hervor“. Leben pflanzt sich fort und gibt somit den eigenen Bauplan, die DNA, an die Nachkommen weiter. Im besten Fall sind diese Nachkommen ebenfalls wieder in der Lage, sich zu vermehren. Dabei hat Fortpflanzung nicht zwangsläufig etwas mit Sex zu tun! Eine einzelne Zelle kann sich durch die Teilung ihrer selbst verdoppeln und sich somit vermehren. Diese Vermehrung durch Zellteilung findet vor allem bei einzelligen Lebewesen wie den Bakterien statt. Die Zelle vervielfältigt ihre Zellbestandteile inklusive des eigenen Bauplans und teilt sich. Unter guten Bedingungen können sich einige Bakterienarten alle zehn bis zwanzig Minuten verdoppeln und somit zwei identische Tochterzellen hervorbringen. Diese asexuelle Fortpflanzung heißt auch ungeschlechtliche Fortpflanzung, denn sie kommt ohne Geschlechter wie beispielsweise „männlich“ und „weiblich“ aus. Für ein sich ungeschlechtlich fortpflanzendes Lebewesen fällt die aufwendige Suche nach dem anderen Geschlecht somit weg.
Ganz anders die sexuelle Fortpflanzung: Hier verschmelzen die Geschlechtszellen zweier gleichartiger Lebewesen miteinander. So ist die Besonderheit dieser Zellen, dass sie einen halbierten DNA-Bauplan mitbringen. Erst das Verschmelzen zweier Geschlechtszellen zu einer gemeinsamen Zelle komplettiert den Bauplan wieder. Aus dieser Zellfusion mit dem Namen Zygote kann nun durch Zellteilung ein neues Lebewesen heranwachsen. Die durch geschlechtliche Fortpflanzung entstehenden Nachkommen unterscheiden sich somit sowohl untereinander als auch von ihren Eltern. Die Eltern sind wiederum mehrzellige Lebewesen wie Pilze, Pflanzen und Tiere, die solche Geschlechtszellen für ihre sexuelle Vermehrung bilden. Dabei handelt es sich nicht immer um männliche und weibliche Geschlechtszellen. Lebewesen wie die Pilze können theoretisch mehrere Tausend verschiedene Geschlechter für die sexuelle Fortpflanzung ausbilden – ziemlich abgefahren, wie ich finde!

Leben wächst und bewegt sich
Hölzerne Türme, tausend Jahre alt,
Leben wächst und macht keinen halt.
Schneckentempo oder Katzensprung,
Bewegung hält das Leben jung.
War die Befruchtung erfolgreich, kann das neue Leben wachsen und somit an Masse zunehmen. Diese Masse basiert auf der Teilung und Streckung der Zellen. Je mehr Zellen sich nun teilen und strecken, desto mehr Wachstum findet auch auf den anderen Organisationsebenen wie bei den Geweben, Organen usw. statt – das gilt für den Baumumfang gleichermaßen wie für den Bauchumfang. Wie groß der Spielraum in Sachen Wachstum in der Natur sein kann, wird an folgenden Extremen deutlich: Eines der bisher größten bekannten Lebewesen ist der unterirdisch wachsende Pilz Armillaria ostoyae. Er bedeckt in einem amerikanischen Naturschutzgebiet in Oregon eine Fläche von über 950 Hektar und somit mehr als 678 Fußballfelder. Das Alter des Pilzes schätzen Wissenschaftler auf stattliche 2400 Jahre. Im Gegensatz dazu misst eines der kleinsten Lebewesen im Durchmesser nur zwischen winzigen 350 und 500 Nanometern und trägt den Namen Nanoarchaeum equitans. Aus dem Lateinischen übersetzt bedeutet dies so viel wie „reitender Urzwerg“. Der Name dieses Einzellers ist nicht aus einer reinen Bierlaune heraus entstanden, denn tatsächlich reitet der Urzwerg auf dem „Rücken“ eines anderen Einzellers namens Ignicoccus hospitalis – auch als Feuerkugel bekannt – durch die Gegend. Apropos durch die Gegend reiten: Die Fähigkeit zur Bewegung ist ein weiteres Merkmal des Lebens, auch bei den auf den ersten Blick unbeweglich erscheinenden Pilzen und Pflanzen.

Leben entwickelt sich weiter
Panta rhei, wie die Griechen sagen,
das Leben stellt stets neue Fragen.
Alles fließt und ist verbunden,
Leben will sich selbst erkunden.
Das Gesicht unseres Planeten hat sich im Laufe der letzten Jahrmillionen oft gewandelt und mit ihm die darauf herrschenden Lebensbedingungen. Mal war es heiß, mal kalt, mal gab es viele Nährstoffe und mal wieder weniger. Das Leben hat sich jedoch nie unterkriegen lassen und sich immer wieder an neue Bedingungen angepasst. Dafür musste es sich weiterentwickeln, und genau diese Fähigkeit zur Weiterentwicklung ist unser letztes Merkmal für Leben. So kommt zwar eine Zelle gut für sich allein zurecht, doch erst im Verbund mit anderen Zellen kann sie neue Aufgaben übernehmen. Wir können uns die Entwicklung von mehrzelligen Pilzen, Pflanzen und Tieren wie einen Hausbau vorstellen: Setzen wir einzelne Ziegel richtig aneinander, kann daraus ein Haus entstehen. Dieses Haus kann nun eine ganz neue Funktion übernehmen. So sind Mehrzeller aus einzelnen Zellen aufgebaut und können nun ebenfalls „mehr“ als die einzelne Zelle beziehungsweise die Summe ihrer einzelnen Zellen. Wie bei einem Haus findet sich auch bei mehrzelligen Lebewesen das Prinzip der Organisation und Struktur in den einzelnen Räumen wieder. So ist ein Haus aufgeteilt in verschiedene Zimmer, die in ihrer Einrichtung auf ganz bestimmte Aufgaben spezialisiert sind, zum Beispiel die Küche für die Nahrungszubereitung. Als das Leben den Schritt vom Wasser auf das Land machte, verlangte dieser Lebensraum Neuerungen wie beispielsweise eine Abteilung, die sich nur auf den Transport von Wasser spezialisiert.


Eine Welt voller Informationen
Kommen wir nun zum zweiten Teil der Biokommunikation und somit zur Frage: Was ist eigentlich Kommunikation? Im Laufe meiner Forschung und in Gesprächen mit Wissenschaftlern aus anderen Fachgebieten kreuzten viele Definitionen und theoretische Modelle zur Kommunikation meinen Weg. Die Antwort auf diese Frage kann zweifelsfrei die restlichen Seiten dieses Buches füllen, denn Kommunikation ist eine ganz eigene Welt für sich mit unzähligen Aspekten. Fragen wir einen Psychologen, mag dieser eine andere Antwort parat haben als ein Informatiker oder ein Kommunikationswissenschaftler. Auch unter Biologen gibt es anhaltende Diskussionen darüber, ab wann ein Lebewesen mit einem anderen tatsächlich kommuniziert.

Wie aus Daten Informationen werden
Auf einen Nenner gebracht steht der Begriff Biokommunikation für die aktive Übertragung von Informationen zwischen Lebewesen – so weit, so gut. An dieser Stelle stoßen wir gleich auf zwei neue Fragen: Was sind eigentlich Informationen, und wie kann ein Lebewesen diese aktiv senden? Obwohl es auf den ersten Blick ganz einfach scheint, hat es das Wort Information tatsächlich in sich und führte zu einer abendfüllenden Diskussion zwischen zwei Datenbank-Programmierern und mir. Interpretiert ein Mensch Daten, werden aus diesen Daten für ihn nutzbare Informationen. Die Interpretation setzt jedoch zunächst die Wahrnehmung der Daten voraus.
An dieser Stelle kommen wieder die Empfangsstationen, also die Rezeptoren, ins Spiel. Das Lesen einer Zeitung verdeutlicht aus meiner Sicht schön den Unterschied zwischen Daten und Informationen: Erst wenn Sie eine Zeitung lesen, nehmen Sie die darin befindlichen Daten in Form von Buchstaben, Wörtern und ganzen Sätzen wahr. Interpretieren Sie diese Daten richtig, eröffnet sich Ihnen der Informationsgehalt der Zeitung. Voraussetzung ist, dass Sie die gleiche Sprache sprechen wie die Personen, die diese Zeitung zusammengestellt haben. Bakterien, Pilze, Pflanzen und Tiere sind in ihrem Lebensraum ebenfalls ständig von Daten umgeben. Die Daten eines Waldes, eines Sees oder einer Wiese stammen von den Eigenschaften der sich darin befindenden Bestandteile. Neben sämtlichen Lebewesen gehören auch unbelebte Dinge wie das Wasser, die Steine oder das Licht dazu. Jeder dieser Bestandteile hat messbare Eigenschaften, die sie voneinander unterscheidbar machen. Ein Vogel sieht anders aus, hört sich anders an und riecht anders als ein Baum oder ein Stein. So werden die Daten in der Natur wie Farben, Formen, Klänge oder Gerüche erst zu Informationen, wenn Lebewesen sie mithilfe ihrer Rezeptoren wahrnehmen.

Signale – Anschluss unter der richtigen Nummer
Wir wissen nun, dass es Lebewesen mit Rezeptoren braucht, damit aus Daten Informationen werden. Solche Rezeptoren zur Aufnahme von Informationen finden sich auch innerhalb einer Zelle. In diesem Buch bleiben wir jedoch auf der Ebene der Kommunikation zwischen den Zellen und beginnen bei den kleinsten „Gesprächspartnern“, den für sich eigenständig lebenden Einzellern wie beispielsweise einer Bakterie oder einem Pantoffeltierchen.
Wie die aktive Übertragung von Informationen innerhalb der Kommunikation funktioniert, lässt sich an einem einfachen Modell erklären. In den 1940er-Jahren entwickelten die Mathematiker Claude E. Shannon und Warren Weaver in den USA ein Modell basierend auf der menschlichen Kommunikation per Telefon. Mithilfe des Sendegeräts Telefon verpackt der Sender die zu übermittelnden Daten in ein Signal. Sobald der Sender den Empfänger anruft und dieser mithilfe seines Empfangsgeräts Telefon auf Empfang ist, kann das Signal übertragen werden. Mit der Wahrnehmung der im Signal verpackten Daten durch den Empfänger werden diese wieder zu Informationen . Will ein Lebewesen nun aktiv Informationen an ein anderes Lebewesen senden, kann es diese zur verbesserten Übertragung ebenfalls in einem Signal verpacken. Verpacken heißt, dass je nach Grund für die Kommunikation ganz bestimmte Informationen miteinander kombiniert werden. Auf diese Weise entstehen die unterschiedlichsten Signale, zum Beispiel zur Warnung der Artgenossen vor Gefahr. Schauen wir uns das Ganze an einem Beispiel an: Ist eine männliche Amsel in sexueller Aufregung und will ein Amselweibchen zur Paarung überreden, verpackt er diese Information in einem akustischen Signal namens Balztriller. Dieser Triller besteht aus einer Folge von Tönen in einer bestimmten Tonhöhe. Zusätzlich zu diesem akustischen Signal sendet das Männchen auch optische Signale, um seiner Motivation zur Paarung noch weiter Nachdruck zu verleihen. Solche optischen Signale können beispielsweise bestimmte Körperhaltungen oder Bewegungen sein. Im Falle der Amsel gehört dazu das Zittern der leicht herabhängenden Flügel. Das vorhandene Licht, die Luft oder das Wasser im Lebensraum der Amsel sind die Kanäle für die Übertragung solcher Signale. Ein sich in der Nähe befindendes Amselweibchen kann die vom Männchen gesendeten akustischen und optischen Signale nicht nur mit ihren Rezeptoren „Ohr“ und „Auge“ empfangen. Sie erkennt auch den Informationsgehalt dieser Signale und somit die Motivation des männlichen Artgenossen, sich mit ihr zu paaren. Nun ist es an ihr, auf diese Signale zu reagieren und die Anfrage des Männchens nach „Willst du mit mir gehen?“ mit „Ja“, „Nein“ oder „Vielleicht“ zu beantworten.

Warum überhaupt Kommunikation?
Woher aber weiß die weibliche Amsel, dass die Signale „lautes Geschrei“ und „zitternde Flügel“ ihr gewidmet sind und diese Show bedeutet, dass ein Männchen ihrer Art sich mit ihr paaren will? Handelt es sich um so grundlegende Dinge wie die Fortpflanzung, sind das Erkennen und die Interpretation von Kommunikationssignalen meist angeboren. Dieselbe Abfolge an Informationen diente auch schon bei den Eltern der beiden Amseln als Signal für die Fortpflanzung, und bei deren Eltern und deren davor. Die Bedeutung vieler Signale kann aber auch erlernt werden, indem die Nachkommen die Eltern und Geschwister beobachten, Verhaltensweisen nachahmen und auf diese Weise lernen, welche Signale für die eigene Kommunikation wichtig sind. Die Entstehung solcher Kommunikationssignale über viele Generationen wird mit einem gegenseitigen Nutzen des Informationsaustausches zwischen Sender und Empfänger erklärt. So ist das aktive Senden von Informationen mit Aufwand für den Sender verbunden, und auch das Reagieren des Empfängers auf diese Informationen kostet Ressourcen. So viel Aufwand lohnt sich anscheinend nur, wenn am Ende etwas dabei herausspringt – sowohl für den Sender als auch den Empfänger. Je nachdem, für wen die zu sendenden Informationen bestimmt sind, kann es auch in der Natur die unterschiedlichsten Motivationen für Kommunikation geben. Eine Win-win-Situation entsteht immer dann, wenn sowohl Sender als auch Empfänger vom Ausgang einer Kommunikation gleichermaßen profitieren. Zwischen verwandten Lebewesen wie Eltern und ihren Nachkommen ist die Wahrscheinlichkeit besonders groß, dass Sender und Empfänger die gleichen Gründe für Kommunikation besitzen und somit ehrliche (!) Informationen zum gegenseitigen Vorteil austauschen. Haben Sender und Empfänger unterschiedliche Interessen am Ausgang der Kommunikation, kommt es auch in der Natur nicht selten zum Senden falscher Mitteilungen. So können Signale Informationen enthalten, die nicht den tatsächlichen Eigenschaften des Senders entsprechen – ihn beispielsweise größer erscheinen lassen, als er eigentlich ist. Wie Sie später noch genauer sehen werden, besteht so ein Interessenkonflikt vor allem zwischen den Geschlechtern. Die Männchen wollen meist Masse, die Weibchen eher Klasse.

Lauschangriffe und abhörsichere Kanäle
Kommen wir nochmals auf unsere Amseln zurück. Das „Gespräch“ zwischen Amselmännchen und Amselweibchen findet nicht im Verborgenen statt, sondern auf einem öffentlichen Kanal innerhalb ihres Lebensraumes. Hier gibt es viele andere Lebewesen, die mithilfe ihrer Rezeptoren ebenfalls ihre Umwelt wahrnehmen können. Eine Katze besitzt beispielsweise Rezeptoren, mit deren Hilfe sie das Gezwitscher der Amseln wahrnehmen und somit deren Kommunikation belauschen kann. Der Balztriller des Amselmännchens hat jedoch nicht denselben Effekt auf die Katze wie auf das Amselweibchen. Für die Katze bedeuten die aufgenommenen Informationen so viel wie: „Hier wartet leicht zu erbeutendes Abendbrot!“ Durch das Belauschen der Vogelkommunikation gelangt die Katze an Informationen, die sie nun für ihren eigenen Vorteil nutzen kann. Mit dem Wissen um den Standort ihrer Beute schleicht sie sich lautlos an die Amseln heran. Im schlimmsten Falle endet die Kommunikation zwischen Amselmännchen und Amselweibchen auf diese Weise mit dem Tod durch Katze. Sehen beziehungsweise hören die Amseln den Angreifer, dann handelt es sich bei den aufgenommenen Informationen mit dem Inhalt „Katze kommt“ um einen Reiz für die Vögel. Das Amselmännchen könnte nun einen Warnruf ausstoßen, der sich in seiner Tonhöhe und Abfolge von dem des Balztrillers eindeutig unterscheidet. Das akustische Signal „Schluss mit lustig, Gefahr droht“, erkennt das Weibchen ebenfalls als solches und bringt sich in Sicherheit. Für die Katze hat dieser Warnruf wiederum eine andere Bedeutung – ihre Anwesenheit wurde entdeckt. Viele Beutetiere sind sich durchaus darüber bewusst, dass in der Öffentlichkeit überbrachte Mitteilungen durch Räuber gegen sie verwendet werden. Oft entwickeln sich aus diesen Spionageangriffen abhörsichere Kommunikationssignale, die über private Kanäle gesendet werden. So nutzen viele Insekten für die Kommunikation mit Artgenossen optische Signale im UV-Bereich. Diese können von ihren Fressfeinden oft nicht wahrgenommen werden, weil ihnen die entsprechenden Rezeptoren fehlen.

Es geht los!
Sie sehen schon, alle Lebewesen – wie eben auch die Bewohner eines Waldes – senden und empfangen Informationen und stehen somit auf vielfältigste Weise im Austausch miteinander. Dabei ist besonders spannend, wie Lebewesen die aufgenommenen Informationen interpretieren und darauf reagieren. Dieses Buch enthält Geschichten über ebensolche Informationsnetzwerke in der Natur, die mich besonders begeistert haben und die ich gern mit Ihnen teilen möchte. Im ersten Teil des Buches gebe ich Ihnen einen kurzen Überblick darüber, WIE Lebewesen Informationen senden und empfangen. Können Pflanzen zum Beispiel hören oder Pilze sehen? Im zweiten Teil treffen wir auf die Sender und Empfänger in der Natur an Land, im Wasser oder in der Luft. Wir statten den Einzellern, Pilzen, Pflanzen und Tieren einen Besuch ab und beantworten die Fragen: WER tauscht eigentlich mit WEM und WARUM Informationen aus? Hier geht es um ehrliche Freundschaften zwischen Pilz und Pflanze, um spionierende Pantoffeltierchen oder lügende Fische. Im dritten Teil verrate ich Ihnen, was es mit den Wildkaninchen in der Stadt Frankfurt am Main auf sich hat und wie sich Informationsnetzwerke in der Natur mit der Umwelt eines Lebewesens verändern. Zurück von der Reise, bleibt es Ihnen am Ende selbst überlassen, wie viel Sie von Ihren Eindrücken und dem neuen Wissen um die Biokommunikation mit in Ihren Alltag nehmen. Als Menschen sind wir Teil des Lebens, und somit gibt es für uns unterwegs sicher mehr Parallelen zu entdecken, als wir jetzt vielleicht vermuten. Vielleicht hilft Ihnen das Wissen um die Kommunikation in der Natur weiter, wenn Sie im Alltag an die Grenzen des Informationsaustausches mit Ihren Artgenossen stoßen – fast so wie bei meinen Kindheitshelden im Märchen. Ich wünsche Ihnen also viel Spaß auf der Reise und viele Aha-Momente.

Mikroabenteuer vor der Haustür

Im WaldIm Wald

Kleine Fluchten für das ganze Jahr

Am See zelten, unter Sternen schlafen und den Vögeln lauschen – Torbjørn Ekelund erfüllt sich den Traum vom Ausstieg in die Natur und zieht jeden Monat für eine Nacht in den Wald. Auf seinen Mikroexpeditionen findet er nach der Arbeit Ruhe und Abgeschiedenheit. Er spürt beim Fliegenfischen dem Wechsel der Jahreszeiten nach und geht mit seinem kleinen Sohn auf Entdeckungstour. Einfühlsam und inspirierend schildert er, wie wenig man für so ein Abenteuer braucht. Denn Wälder gibt es überall, man muss einfach nur hineingehen.

Eine Erkundung im Wald

Ausgedehntere Walderkundungen werden heutzutage Expeditionen genannt. Immer mehr Menschen begeben sich auf Expeditionen. Abenteurer, die noch zu Beginn der 1990er-Jahre auszogen, berichten, dass es damals anders war als heute. Schon von der bloßen Idee einer Expedition zu reden konnte dazu führen, dass man auf den Titelseiten der Zeitungen landete. Vom Sofa aus verfolgte das Publikum das Geschehen, und bei ihrer Rückkehr – falls sie zurückkehrten – wurden die Abenteurer wie Halbgötter verehrt. Heutzutage werden sie kaum mehr interviewt, sondern müssen einen Blog über ihre Erlebnisse schreiben, der wiederum mit Hunderten ähnlicher Blogs konkurrieren soll.

Noch immer umweht den Begriff „Expedition“ der Hauch des Großen und Wichtigen. Er weckt Assoziationen zu dem Wort „Auftrag“, dem englischen mission. Außerdem haftet ihm etwas Uneigennütziges an, eine Andeutung, die besagt, dass so etwas stellvertretend für andere durchgeführt wird, für eine gute Sache oder zum Wohl der Menschheit.

Darwin begab sich im Namen der Wissenschaft auf Expeditionen. Amundsen wollte Orte sehen, die niemand anderer zuvor gesehen hatte. Sie alle kamen mit mehr oder weniger nützlichen Erkenntnissen zurück. In heutiger Zeit sind dagegen alle Orte längst entdeckt. Unser Planet ist bis auf den letzten Quadratzentimeter genau erforscht, und nur wenige Expeditionen dienen einem anderen Zweck, als bei den Teilnehmern ein Gefühl der persönlichen Befriedigung zu erzeugen.

Expeditionen haben immer ein Ziel. Sie sind davon gekennzeichnet, ja geradezu dadurch definiert, dass sie von Menschen durchgeführt werden, die genau wissen, wohin sie wollen. Sie starten bei A und sollen sich nach B vorarbeiten. Zwischen A und B werden sie auf unzählige Hindernisse stoßen. Hunger und Kälte, gefährliche Tiere, unbeherrschbare Naturkräfte. Am liebsten transportieren sie ihren Proviant ohne die Hilfe anderer, auf einem Schlitten oder im Rucksack. Außerdem ist die Zeit ein wichtiger Faktor. Erreicht eine Expedition nicht das vorab festgelegte Ziel, gilt sie als gescheitert. Erreicht sie das Ziel, hat aber mehr Zeit benötigt als geplant, wird sie in gewisser Weise auch als gescheitert betrachtet.

Die australischen Ureinwohner, die Aborigines, verwenden einen Begriff, der die diametral entgegengesetzte Form einer Expedition beschreibt: den Walkabout. Wobei dieses Wort gar nicht von den Aborigines selbst stammt, sondern eine Übersetzung der Imperialisten ist. Es beschreibt, vereinfacht ausgedrückt, eine Wanderung in den Busch, die kein bestimmtes äußeres Ziel hat, sich über einen undefinierten Zeitraum erstreckt und eine vorher nicht festgelegte Route umfasst. Ins Deutsche ließe sich so etwas am besten mit „im Wald herumstreifen“ übersetzen. Ein Walkabout ist die Antithese zur westlichen Expedition, weder zeitlich noch räumlich hat er eine Richtung. Und genau dieses Konzept spricht mich ungeheuer an.

 

Als ich klein war, wollte ich immer in die Natur hinaus. Soweit ich mich erinnere, war alles, was ich unternahm, von der Natur geprägt. Sie war immer vorhanden, sogar in den kleinsten Dingen. In den Mückenstichen, die mich in hellen Sommernächten nicht schlafen ließen. In dem intensiven Geruch nach Fäulnis und Verfall während der feuchten Herbsttage. In der stummen Verwunderung darüber, dass meine Zunge an eisigen Metallpfosten festklebte, und in dem Schock, als ich begriff, dass ich sie nicht wieder losbekam. Ich war in der Natur, auf eine Weise, wie es vielleicht nur ein Kind sein kann.

Die Jahre vergingen. Ich träumte davon, ein berühmter Forschungsreisender zu werden, ein harter und wortkarger Typ, der Erste, der seinen Fuß auf einen weißen Fleck auf der Landkarte setzte. Ich trieb mich weiterhin in der Natur herum. Ich ging angeln. Ich schlief im Zelt. Ich unternahm Bootsausflüge und kletterte in den Bergen. Das alles machte ich und noch mehr, als ich älter wurde. Ich sah die Wüste und den Regenwald, Vulkane und Lagunen. Ich sah Felsmassive, die so mächtig waren, dass mir der Atem stockte. Dennoch hinterließen diese Naturerlebnisse nicht denselben Eindruck bei mir wie in meiner Kindheit. Sie blieben nicht auf dieselbe Weise in meiner Erinnerung haften. Wie ich herausfand, lag das daran, dass es einen Abstand zwischen mir und dieser Natur gab. Ich stand außerhalb von ihr und betrachtete sie, die eiskalten Berggipfel und die dampfenden Regenwälder. Ich war ein Gast. Wir waren nicht mehr so miteinander verbunden wie in meiner Kindheit.

Als ich klein war, bin ich nie weit gereist. Gleichwohl war jeder Tag eine neue Expedition. Ich befand mich ausschließlich in der Natur, die ich als meine eigene verstand: ein norwegischer Mischwald im Flachland, Fichtenwälder und Forstwege, winzige Vögel in den Laubbäumen, Kiefern auf den Höhenzügen, Sümpfe und Seen, die Schwarzdrossel im Frühjahr, die Mücken an milden Sommerabenden und die Forellen, die ständig an die Wasseroberfläche schnellten. Ich vermisste das Gefühl, in der Natur zu sein, weil ich sie einfach als so bedeutungsvoll erlebt hatte. Dass alle meine eindringlichsten Erinnerungen von der Natur handelten, begriff ich als wichtiges Zeichen.

Heute bin ich erwachsen. Längst habe ich mich an ein Leben gewöhnt, in dem ich viel seltener im Wald bin als in meiner Kindheit. Über lange Zeiträume habe ich nicht ein einziges Mal an den Wald gedacht, weil es immer etwas Wichtigeres gibt. Nicht nur den Job. Menschen und Dinge wollen irgendwohin gebracht oder von irgendwo abgeholt werden, es gibt Geburtstage und Konferenzen, Jubiläumsfeiern und Hilfsaktionen in der Nachbarschaft, Dinge sind instand zu halten und Pläne zu schmieden, Berichte abzugeben und Freunde einzuladen. Meist war ich als freiberuflicher Autor tätig. Die letzten sieben oder acht Jahre habe ich in meinem Büro zu Hause gearbeitet, oder ich war im Vaterschaftsurlaub. Im seligen Durcheinander von Arbeit und häuslichem Leben bin ich wie eine schwergewichtige Fruchtbarkeitsgöttin durch die Küche geschwankt, habe Telefonate geführt, Haferbrei gekocht und meine Kinder auf dem Arm herumgetragen.

Es war ein hervorragendes Leben. Ich habe mich darin wohlgefühlt, es passte zu mir. Aber mir fehlte auch etwas. Und der Wald war zu einem Ort geworden, der der Vergangenheit angehörte.

 

Unsere Welt besteht im Großen und Ganzen aus zwei verschiedenen Bestandteilen: dem von Menschen geschaffenen Teil und dem, der nicht unseres Ursprungs ist: Kultur und Natur. Auf der einen Seite das, was Technik, Industrie und andere intellektuelle Leistungen hervorgebracht haben. Und auf der anderen: das Organische, das aus sich selbst heraus entstanden ist, sich von allein weiterentwickelt und am Leben erhält, ohne Zutun des Menschen. Befindest du dich in dem einen Element, sehnst du dich nach dem anderen.

Die Vorstellung von der Natur als Quelle der Harmonie und Klarheit ist vermutlich so alt wie die Zivilisation selbst. In vielerlei Hinsicht ist sie banal. Sehnsucht nach der Stille des Waldes zu empfinden setzt voraus, dass wir eine Trennung zwischen der Natur und uns selbst erleben, dass die Natur etwas anderes ist als wir, dass wir heutzutage nicht mehr ein Teil von ihr sind. Sogenannten Naturvölkern wird diese Auffassung wohl eher fremd sein.

Das höchste Ziel der vom Menschen geschaffenen Kultur besteht darin, ihm eine physische und mentale Komfortzone bereitzustellen. Sie soll uns geregelten Zugang zu Nahrung und Wärme gewähren, uns aber auch Sicherheit, Unterhaltung und geistige Anregung bieten.

Kultur sieht so aus: eine Wohnung, ein Sportstudio, ein Kino, eine Bibliothek, eine Kaffeebar, ein Restaurant und eine Kneipe – damit wäre das meiste abgedeckt. Dennoch begeben wir uns oft in die Natur, wenn wir das Bedürfnis danach verspüren, uns abzukoppeln. Warum? Weil der Natur Eigenschaften nachgesagt werden, die im Gegensatz zu dem stehen, was Kultur produziert.

Verursacht Kultur Stress, bietet Natur Ruhe.

Ruft Kultur Engstirnigkeit hervor, verschafft Natur einen Überblick.

Macht Kultur die Menschen einsam, werden sie durch die Natur befreit.

Diese und viele andere Vorstellungen haben sich so in unserem Bewusstsein festgesetzt, dass sie zu einem Teil unseres kollektiven Naturverständnisses geworden sind. Wir leben in einer Zeit, in der ein Ausflug in den Wald als Heilmittel für mehr oder weniger jedes Leiden verabreicht wird. Wir glauben an den lindernden Einfluss der Natur; an ihre Fähigkeit zu heilen, uns auf null zurückzusetzen und uns dem Menschen näherzubringen, der wir ursprünglich waren oder zu sein bestimmt sind.

Ich bin keine Ausnahme. Mein ganzes Leben lang habe ich mich der romantischen Vorstellung von einem einsamen Leben im Wald hingegeben, obgleich nur sehr wenige der tatsächlich gemachten Erfahrungen versprachen, dass dieses Leben so frei und angenehm sein würde, wie ich es gern hätte. Ganz im Gegenteil, erstaunlich oft war es unangenehm, und nicht selten erschien es mir völlig sinnlos. Obwohl die Erfahrung etwas anderes lehrt, existieren diese romantischen Vorstellungen weiterhin. Bei mir und auch bei vielen anderen. Während die Kultur zum Gegenstand präziser Analysen und niemals endender kritischer Debatten gemacht wird, genießt die Natur geradezu einhellige Verehrung. Wir schreiben ihr viele Eigenschaften zu, die sie möglicherweise gar nicht hat. Warum tun wir das? Wozu soll das gut sein? Und was ist eigentlich die Natur der Natur?

 

Als mir diese Gedanken zum ersten Mal kamen, war es Sommer. Die ganze Familie verbrachte vier Wochen in unserer Ferienhütte, und mit jedem Tag fühlte ich mich besser. Es war ein einfaches und praktisches Dasein, ein Leben, in dem die Natur jederzeit bestimmte, was wir taten und was wir nicht taten. Wetterverhältnisse und Windrichtung. Temperatur. Fischvorkommen. Beeren und Pilze. Die Gemüsesorten, die wir pflanzten. Mücken am Abend, Wespen am Nachmittag. Als sich die Ferien dem Ende zuneigten, begann eine Idee Gestalt anzunehmen.

Was, wenn ich einfach in den Wald ginge?

Was, wenn ich mich für ein paar Tage aus meinem Arbeitszimmer abmeldete, das Telefon ausschaltete und auf alles andere pfiff? Und wie wäre es, wenn ich das im ganzen kommenden Jahr machte, sodass ich dem Lauf der Natur durch Winter, Frühling, Sommer und Herbst folgen könnte, bis es erneut Winter werden würde?

Warum nicht ernst machen und den Traum von einer Expedition Wirklichkeit werden lassen? Es müsste ja keine große Expedition sein. Könnte es nicht genauso gut eine kleine sein?

 

Es muss doch möglich sein, allem für eine Weile zu entfliehen. Diese Idee drängte sich geradezu auf, denn überall in meiner norwegischen Heimat gibt es Wälder. Und wenn man so eine Eingebung erst einmal hat, ist alles gar nicht mehr so schwierig. Genau dieser Gedanke erfasste mich. Nachdem er sich erst einmal bei mir eingenistet hatte, ließ er mich nicht mehr los. Er wuchs heran wie eine Nebelbank am Horizont, immer öfter beschäftigte ich mich damit. Bevor ich abends einschlief und sobald ich am Morgen erwachte.

Ein Jahr im Wald, dachte ich, jeweils einen Tag im Monat, zwölf Nächte in der Nordmarka. Ich flüsterte den Gedanken vor mich hin, als sei er so unglaublich oder riskant, dass es gefährlich war, ihn laut auszusprechen. Ich erzählte auch niemandem davon, weil ich Angst davor hatte, wie die Leute reagieren würden. Was willst du denn da machen?, würden sie vielleicht fragen. Warum? Was soll das Ganze?

 

Nicht jeder kann die Pole besuchen oder den Gipfel des Mount Everest erklimmen. Ich stand in Lohn und Brot, hatte Kinder und eine Lebensgefährtin. Ich konnte nicht lange wegbleiben, und ich wollte auch nicht lange wegbleiben. Daher beschloss ich, mir meine eigene Expedition maßzuschneidern, eine Mikroexpedition, die zu meinen persönlichen Ambitionen und dem äußeren Rahmen, in dem sich mein Leben bewegte, passte. In jedem der kommenden zwölf Monate wollte ich mir einen Tag freinehmen. Ich würde bis zur Mittagspause arbeiten und dann in den Wald hinausziehen. Am Morgen des folgenden Tages wäre ich wieder zurück in meinem Arbeitszimmer.

Das war nicht viel, aber es war mehr als nichts. Ich hoffte, dass es mir die Möglichkeit verschaffen würde, die Natur einigermaßen ungestört und aus nächster Nähe zu beobachten. Dass ich Kälte und Wärme spüren, die unmerklichen Übergänge der Jahreszeiten und das Wechselspiel des Lichts sehen könnte. In den Übergängen erlebt man die Natur am deutlichsten, doch können diese einem leicht entgehen, da sie nur einen kurzen Augenblick währen. Eine milde Brise am Morgen, die den Frühling erahnen lässt. Ein Windstoß im trockenen Laub, der vom nahenden Herbst kündet. Wenn du mit dringenden Arbeiten beschäftigt bist oder gerade schwere Einkaufstüten aus dem Laden nach Hause trägst, wirst du diese Augenblicke mit Sicherheit verpassen. Sie erfordern Ruhe und Aufmerksamkeit, eine auf die Umgebung gerichtete Offenheit, die gestresste Menschen nicht haben. Jedenfalls ich nicht. Und ich bin oft gestresst.

Unsere Blogs zum Thema

Themenspecial
19. Januar 2020
Das Waldbuch von Deutschlands berühmtesten Förster
Peter Wohlleben - Autor und passionierter Förster - nimmt uns in seinem Buch „Gebrauchsanweisung für den Wald“ mit auf eine handfeste wie stimmungsvolle Entdeckungstour und gibt praktische Tipps und Anregungen für einen Waldspaziergang.
Themenspecial
09. August 2021
Mit Andreas Kieling auf Entdeckungsreise
Andreas Kieling - Autor, Tierfilmer, Abenteuerer - begeistert sich schon sein Leben lang für die Natur. Begeben Sie sich mit ihm auf Entdeckungsreise durch heimische Natur.