Haustausch Erfahrungen
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Your home is my castle - Erfahrungen mit Haustausch

Dienstag, 25. Juli 2017 von Jessica Braun / Christoph Koch


»Haustausch ist Urlaub in der Wohnung von Freunden, die man noch nicht kennengelernt hat.«

Wohnungstausch – das ist in der Fremde wohnen, essen und feiern, wo es auch die Einheimischen tun. Seit Jahren gehen Jessica Braun und Christoph Koch auf Reisen, indem sie mit vorher völlig Fremden die Wohnung tauschen.

Natürlich waren auch sie anfangs skeptisch: Wollten sie wirklich, dass andere in ihrem Bett schliefen? In ihrem Buch und im Interview erzählen die beiden ihre durchweg positiven Erlebnisse und beantworten zahlreiche Fragen zur richtigen Vorbereitung, dem Umgang mit Vertrauen, Verantwortung und Privatsphäre. Ihr Fazit: Die meisten Menschen sind unglaublich zuverlässig. Und aus manchem Tausch entsteht eine Freundschaft.

 

Wie funktioniert Haustausch?
Erfunden haben es Lehrer in den Fünfzigerjahren. Damals wurden noch kopierte Adresslisten per Post herumgeschickt. Heute geht es dank zahlreicher Internetplattformen einfacher: Man erstellt ein Profil, beschreibt sich selbst und seine Wohnung – ihre Größe, Lage, Ausstattung – und stellt ein paar Fotos online. Dann kann man entweder in den anderen Profilen nach jemandem suchen, mit dem man tauschen möchte. Oder man macht es so wie wir: Wir lassen uns eher finden. Wir schauen uns an, welche Tauschanfragen reinkommen und tauschen dann mit denen, die uns am besten gefallen.

Wie oft habt Ihr schon Wohnungen getauscht?
Wir bereiten uns gerade auf unseren elften Tausch vor: Es geht für drei Wochen nach Turin. Juhu!

Wie sind Eure Erfahrungen mit Haustausch?
Bisher rundweg positiv. Wir waren an tollen Orten wie Paris, Kopenhagen oder Barcelona und haben statt in teuren und austauschbaren Hotels in Wohnvierteln mit echten Nachbarn gewohnt. Manche dieser Orten hätten wir ohne Tauschangebot für eine Reise wohl nicht in Erwägung gezogen: die US-Unistadt Princeton zum Beispiel, das kanadische Calgary oder die mexikanische Stadt Oaxaca. Alle diese Reisen haben sich aber als absolute Volltreffer erwiesen und wir waren glücklich und dankbar, dass uns das Tauschen dorthin gebracht hat.

Was war die längste Zeit, die Ihr woanders verbracht habt?
Im Herbst 2015 waren wir für drei Monate in der San Francisco Bay Area. Genauer gesagt in Piedmont, einem Stadtteil von Oakland. Das war eine wundervolle Zeit, an die wir heute noch gerne zurückdenken. Hätten wir auf normalem Weg eine Reise gebucht, wäre wohl eher San Francisco unser Ziel gewesen. Am Ende hat uns dann die Schwesterstadt Oakland auf der anderen Seite der Bucht sogar besser gefallen als San Francisco.

Gab es besondere Erlebnisse?
Jede Menge! In Princeton waren wir auf dem Straßenfest in unserer Straße eingeladen und haben beim Grillen und Marshmellows-Rösten alle Nachbarn kennengelernt. In Stockholm sind wir mit den Einheimischen um den Midsommarbaum gehüpft und haben dabei Volkslieder gesungen. In Australien luden uns Freunde unserer Tauschpartner zum Weihnachtsessen ein.

Haustausch mit Kindern – klappt das?
Wir selbst haben keine Kinder, haben aber schon mehrmals mit Familien getauscht. Und haben von denen, aber auch von Freunden gehört, dass Haustausch dann besonders toll ist, wenn man mit jemandem tauscht, der Kinder im ähnlichen Alter hat wie man selbst. Denn statt Unmengen an Spielzeug, Kinderwagen und so weiter durch die Welt zu karren, hat man dann fast alles Nötige vor Ort. Wie auch in allen anderen Bereichen des Haustauschens gilt natürlich: Man muss sich vorher ein wenig absprechen. Was ist da? Was dürfen wir benutzen? Was braucht Ihr?

Welche Kosten entstehen?
Bis auf die etwa 80 bis 150 Euro Mitgliedsgebühr bei der jeweiligen Onlineplattform: gar keine. Diese Gebühr ist aber auch ein ganz guter Mechanismus, um Spaßvögel und unseriöse Spam-Angebote von den Plattformen fernzuhalten. Und nach zwei Übernachtungen, die man nicht im Hotel verbringt, hat man diese Kosten wieder drin.

Vor Ort spart man außerdem Geld, weil man eine komplette Küche zur Verfügung hat und sich selbst versorgen kann, statt dauernd essen zu gehen. Es gibt eine Waschmaschine und wenn der Tauschpartner dazu bereit ist, darf man auch das Auto nutzen und spart so den Mietwagen. Ein bisschen, wie in einer Ferienwohnung, nur meistens besser ausgestattet und schöner eingerichtet, weil die Tauschpartner die übrige Zeit selbst dort wohnen.

Habt Ihr noch Tipps für jemanden, der zum ersten Mal Wohnungstausch macht?
Genügend Vorlaufzeit einplanen und flexibel sein, was die Ziele betrifft. Wer sagt: »Nächste Woche ist Ostern – genau da will ich unbedingt nach London«, wird sich schwertun, einen Tauschpartner zu finden.

Ist schon mal was schiefgegangen?
Ja, leider. Unsere Tauschpartner in Oakland hatten zwei sehr alte Katzen. Eine ist schon vor unserer Ankunft gestorben, die andere haben wir gehegt und gepflegt und richtig ins Herz geschlossen, obwohl sie schon fast taub und blind war. Kurz vor Ende unseres Tauschs haben dann leider ihre Nieren versagt und der Tierarzt musste sie einschläfern. Das war sehr traurig, natürlich auch für die Besitzer. Die waren aber sehr verständnisvoll und dankbar, dass wir am Ende für ihre Seniorenkatze da waren.

Seid Ihr mit manchen Tauschpartnern noch in Kontakt?
Ja, das ist einer der schönen Nebeneffekte: Man schließt Freundschaften auf der ganzen Welt. Je länger der Tausch, umso besser lernt man sich meistens vorher und währenddessen schon kennen – wenn auch vor allem über Mails und Videotelefonate. Und umso mehr erfährt man über die anderen und bleibt hinterher in Kontakt. Bisher hat es sich noch nicht ergeben, aber wir sind sicher, dass wir einige unserer Tauschpartner noch einmal wiedersehen werden. Entweder weil wir in ein paar Jahren noch mal tauschen – oder weil man einander besucht. Haustausch ist Urlaub bei Freunden, die man noch nicht kennengelernt hat.
 

Haustausch Buch

Von Kopenhagen bis Princeton, von Mexiko bis Australien – seit Jahren gehen Jessica Braun und Christoph Koch weltweit auf Reisen, indem sie mit völlig Fremden die Wohnung tauschen. Sie schlafen, essen und feiern, wie es auch die Einheimischen tun; machen Ferien, wo sich der Alltag abspielt: in echten Wohngegenden, mit Nachbarn am Gartenzaun und Lieblingscafé an der Ecke.

Ein inspirierender Erfahrungsbericht, der Lust auf eine neue Art des Reisens macht.
 

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Als Wohnungstauscher um die Welt

Im Urlaub wohnen, essen und feiern, wo es auch die Einheimischen tun; mitten ins Leben eintauchen statt in gesichtslosen Hotels oder Touristenresorts unter sich zu bleiben. Als Haus- oder Wohnungstauscher landet man dort, wo sich der Alltag abspielt: in echten Wohngegenden, mit Nachbarn am Gartenzaun und Lieblingscafé an der Ecke. Seit Jahren gehen Jessica Braun und Christoph Koch auf Reisen, indem sie mit vorher völlig Fremden die Wohnung tauschen. Mal für ein Wochenende, manchmal aber auch für mehrere Monate. Natürlich waren auch die Autoren anfangs skeptisch: Wollten sie wirklich, dass andere in ihrem Bett schliefen? In diesem Buch teilen die beiden ihre durchweg positiven Erlebnisse und beantworten zahlreiche Fragen zur richtigen Vorbereitung, dem Umgang mit Vertrauen, Verantwortung und Privatsphäre. Ein inspirierendes Buch, das Lust auf eine neue Art des Reisens macht.

Teil I
Wohnungs…was?


Einleitung
Nichts wie weg


Jessica | Perth, Australien, Dezember 2016
Da ist jemand im Haus. Bis vor einer Minute konnte ich es nicht erwarten, die Tür aufzuschließen. Mein Plan: duschen, die Strickjacke gegen ein T-Shirt tauschen und mich dann mit einem Glas Weißwein auf die Terrasse in die Sonne setzen. Richtig ankommen. Aber jetzt stehe ich mit dem Schlüssel in der einen und der Anleitung für die Alarmanlage in der anderen Hand vor der fremden Haustür und traue mich nicht rein.
»Was machen wir jetzt?«, raune ich Christoph zu.
Weder die achtzehn Stunden Ruckelflug nach Australien noch der wirr mit sich selbst redende Taxifahrer konnten meinen Mann aus der Ruhe bringen. Doch jetzt sieht auch er nervös aus. Wir hatten ein leeres Haus erwartet – schließlich sind wir für Haustausch- und nicht Hausteil-Ferien nach Perth gekommen. Aber durch das Fenster war deutlich die Silhouette eines Mannes zu sehen.
Der Besitzer kann es nicht sein: Mit dem haben wir gestern noch bei einem Berliner Eck-Italiener Ravioli gegessen. Einbrecher vielleicht? »Denkt immer daran, die Tür abzuschließen – auch wenn Ihr zu Hause seid«, hatte Alfie, Architekt im Ruhestand, uns gestern beim Espresso ermahnt. »Unser Viertel ist sehr nett. Aber das benachbarte zählt nicht zu den besten. Geht lieber auf Nummer sicher.«
Zum Abschied drückte mir seine Frau Victoria ihren Schlüssel in die Hand: »Habt eine schöne Zeit in unserem Haus!«
Müde und durchgeschüttelt wie ich nach der langen Reise bin, wünsche ich mir, ich hätte ihr den Schlüssel direkt zurückgegeben und die ganze Sache einfach abgesagt. Blöder Haustausch. Wieso können wir nicht einfach im Hotel wohnen wie andere Leute? Dann würde uns jetzt jemand mit einem freundlichen »Hallo!« den Koffer abnehmen und uns das Zimmer zeigen.
Ein Tausch macht die Ankunft jedes Mal zur Zitterpartie. Spätestens, wenn der Flieger landet, melden sich Zweifel: Kann das gut gehen? Könnte doch sein, dass der Schlüssel gar nicht zur Tür der angegebenen Unterkunft gehört und wir belämmert auf der Straße sitzen! Vielleicht ist die Wohnung der netten Familie mit dem goldigen Baby gar nicht so gemütlich, wie sie auf den Fotos im Internet aussah. Dann müssen wir die nächsten Wochen in einer Bruchbude verbringen. Vielleicht funktioniert der Code für die Alarmanlage nicht, und der Sicherheitsdienst nimmt uns fest! Liegen vor uns wunderbare Wochen, oder räumt ein hinterhältiges Rentnerpaar gerade unsere Wohnung in Berlin aus? Mit unserem Schlüssel, den wir ihm vertrauensselig überlassen haben! Wenn wir tauschen, wissen wir nie genau, was uns erwartet. Oder wie hier in Australien: wer.
Ich will eben das Ohr an die Tür drücken, um zu lauschen. Da geht diese von innen auf. Vor uns steht ein sehniger Mann mit schütterem Haar und Goldrandbrille. Kein Einbrecher: Er streckt uns die Hand entgegen.
»Ihr müsst Jessica und Christoph sein«, begrüßt er uns fröhlich auf Englisch. »Ich bin Bert. Willkommen!« Bevor wir Fragen stellen können, hat er sich bereits meinen Koffer geschnappt. »Kommt rein. Ich zeige euch alles.«
Das Haus ist weitläufig und hell. Im Flur hängen Zeichnungen von Zügen. Vor dem Spiegel stehen zwei kleine Statuen in nordafrikanischer Tracht. Im Wohnzimmer liegen bestickte Kissen aus Chinaseide auf dem Sofa. Auch das antike Porzellan in der Vitrine sieht chinesisch aus. Alfie und Victoria reisen sichtbar gerne. Als wir sie in Berlin trafen, waren sie bereits seit mehreren Monaten unterwegs. Ihre nächsten Stationen: München, die Schweiz, dann Spanien und Portugal. Manchmal im Hotel, meist aber mittels Wohnungstausch. Auch in England haben sie einige Tage verbracht: im Haus von Bert und Ethel, unserem unerwarteten Begrüßungskomitee. In vier Stunden treten die beiden Briten ihren Rückflug nach London an. Dass wir sie antreffen, ist für einen Haustausch eher ungewöhnlich. Und, wie sich herausstellt, meine Schuld: Ich habe Victoria unsere Ankunftszeit in Perth gemailt – und bin dabei im Kalender verrutscht. Kein Problem für Bert und Ethel.
»Müssen wir uns eben für ein paar Stunden das Haus teilen«, sagt die zierliche Mittsechzigerin mit der dunklen Hornbrille. »Aber es ist ja wirklich groß genug.« Die beiden sind barfuß und braun gebrannt. In unserem neuen Domizil lässt es sich offensichtlich entspannt leben. »Soll ich euch einen Tee oder Kaffee machen, während ihr auspackt?«, fragt Ethel.
Fast wie bei Freunden, denke ich. Und verschwinde dankbar Richtung Dusche.

Haustauscher sind nette Menschen. Seit mehreren Jahren sind wir Teil dieser weltoffenen Community. Unsere Erfahrungen bisher: durchweg gut. Perth ist bereits unser siebter Haustausch. So weit weg wie jetzt waren wir allerdings noch nie. Bisher getauscht haben wir mit: Kopenhagen, Princeton, Barcelona, Oaxaca, Oakland und Paris. Mal für ein paar Tage, manchmal auch für mehrere Wochen. Dank des Haustauschs war jeder dieser Aufenthalte besonders. Das liegt schon allein an der Art, wie man reist. Fremden die eigene Wohnung zum Tausch anzubieten, ist eine großzügige Einladung: Mach dich in meinem Leben breit. Schlaf in meinem Bett. Leg die Füße auf meinen Couchtisch. Check deine E-Mails an meinem Computer (aber benutz bitte Untersetzer, wenn du deine Tasse auf den Schreibtisch stellst!). Geh in mein Lieblingsrestaurant. Lerne meine Nachbarn kennen, vielleicht sogar meine Freunde. Fühl dich in meinem Heim zu Hause.
Wir sind dieser Einladung jetzt schon einige Male gefolgt. Trotzdem finde ich es immer noch erstaunlich, dass das Prinzip funktioniert. Dass Fremde, die sich nur über das Internet kennen, sich derart vertrauen. Denn letztlich genügen ein paar Sätze und Fotos in einem Onlineprofil, um einander nicht nur die Haustürschlüssel, sondern manchmal auch Oma oder Katze zu überlassen. Klingt verrückt. Macht für Haustauscher aber mehr Sinn als eine leer stehende Wohnung. Denn, wie der Schamane Oscar sagte, als wir in seiner Hütte in Mexiko beim Mezcal saßen: »Die Menschen sind viel besser, als wir denken.« Jeder Tausch führt mir das wieder vor Augen. Und auch das Zusammentreffen mit Oscar war nur eine von vielen glücklichen Begegnungen, zu denen es ohne die Wohnungstauscherei wohl nicht gekommen wäre.
Zu verdanken haben wir diese Erfahrungen zumindest ein Stück weit meiner Knauserigkeit. 2014 hatte ich mich gerade selbstständig gemacht. Hinter mir lagen vier Jahre in der 24/7-Mühle einer Online-Nachrichtenredaktion. Urlaub klang reizvoll – aber auch nach finanziellem Risiko.
»Was hältst du von Kalifornien?«, wollte Christoph wissen.
»Och, nö«, wich ich aus.
»Surfen in Portugal?«
»Wenn die Wellen zu hoch sind, sitze ich doch nur wieder wie dein Surf-Bunny am Strand.«
»Was ist mit Griechenland? Kreta war doch super!« War es. Aber selbst zwei Wochen Bed & Breakfast schienen mir zu teuer. Christoph wartete auf eine Antwort.
»Ich will erst mal nichts ausgeben«, rückte ich endlich mit der Sprache heraus.
»Ich lade dich ein«, sagte mein Mann.
»Auf gar keinen Fall.«
Ich dachte, damit wäre das Thema erledigt. Bis Christoph mich eines Abends in sein Arbeitszimmer rief: »Schau mal, ich habe uns bei einer Plattform für Wohnungstausch angemeldet«, sagte er und zeigte auf den Rechner. »Wenn wir mit jemandem tauschen, sparen wir uns das Geld für die Unterkunft.«
Drei Tage später kamen die ersten Tauschangebote: ein langes Wochenende in Palaiseau, Frankreich; eine Woche Bologna, Italien; andalusischer Sommer in Granada. Wow! Lauter tolle Orte – und die Unterkunft umsonst. Die Nachricht von Ella aus Kopenhagen gefiel uns besonders: »Lust, Kopenhagen kennenzulernen?«, schrieb sie. »Wir wohnen sehr zentral und können unser Viertel wärmstens empfehlen. Hättet Ihr Zeit, im Frühling zu tauschen? Wir würden gerne irgendwann im April mit unseren beiden (ruhigen) Kindern nach Berlin fahren. Wir haben schon mehrere Home Exchanges hinter uns und würden auf euer Zuhause gut aufpassen.«
»Was meinst du?«, fragte Christoph. »Ostern in Kopenhagen? Wenn uns das Tauschen gar nicht behagt, lasse ich die Probemitgliedschaft danach auslaufen.«
Wir sagten zu. Die Tage in Ellas Wohnung waren toll. Auch, dass sie unterdessen bei uns wohnte, machte uns weniger aus als gedacht.
Einige Wochen darauf bot uns ein Paar aus Princeton im US-Bundesstaat New Jersey an, den Sommer dort zu verbringen. Wir überlegten nicht lange. So begannen unsere Tauschabenteuer, die uns hoffentlich noch in viele Länder führen werden. Mittlerweile sind wir sogar bei zwei Plattformen angemeldet. So haben wir mehr Auswahl. Das Tauschfieber hat uns gepackt.

Eigentlich seltsam, dass Christoph und ich das Tauschen nicht schon früher für uns entdeckt haben: Wir waren beide schon immer gern unterwegs. Die Neugier auf die Welt ist einer der Gründe, warum wir uns für den Journalismus entschieden haben. Und auf einer Reise haben wir uns auch kennengelernt. 2007 – die Medienkrise hatte gerade Fahrt aufgenommen – sollte die Zeitschrift, für die ich enorm gern arbeitete, eingestellt werden. Für mich und viele meiner Hamburger Kollegen bedeutete das die Kündigung. Als Abschiedsgeschenk schickte mich die Chefredakteurin ein letztes Mal auf Recherchereise: mit dem Segelboot entlang der schottischen Inneren Hebriden. Von der Insel Skye sollte es zur Insel Islay gehen – mit Stopps an einigen der besten Whiskydestillerien. Eine Traumreise.
Als ich auf Skye ankam, lag die Edda Frandsen, unser Boot, vor der Kulisse schneebedeckter Berge im Sonnenlicht. Außer Glöckchengeklingel und Schafsblöken war nichts zu hören. Es roch nach Heu, Honig, Moor und Salz. Krass – das ist ja hier wie in einem Diana-Gabaldon-Roman, dachte ich. Die Edda und ich: Das war Liebe auf den ersten Blick. Auf den anderen Journalisten, der mit an Bord war, reagierte ich dagegen erst mal mürrisch: Ständig schnorrte er meine für die Woche auf See streng rationierten Zigaretten. Dabei stellte sich jedoch heraus, dass wir einiges gemeinsam hatten. Die Schuhe (schwarze Chuck Taylor All Stars), die Alben auf dem iPod (Arctic Monkeys, The Shins, Stars, Modest Mouse), null Segelerfahrung und den Vorsatz, viel Whisky zu trinken. Wie sich herausstellte, hatten wir sogar gemeinsame Freunde in der Heimat! Mit seinen tätowierten, kräftigen Armen und seiner besonnenen Art war Christoph der perfekte Mitsegler. Mein Anfangsgrummeln verflog noch, bevor wir wirklich abgelegt hatten. Wir rempelten mit den Schotten beim Cèilidh auf der Tanzfläche herum. Ankerten in unbewohnten Buchten. Sangen laut die Shantys mit, die der Käpt’n abends unter dem Hauptmast auf seiner Quetschkommode spielte. Mit jedem Tag auf See sah Christoph bärtiger und verwegener aus. Meine letzte Zigarette teilten wie uns auf einer Sandbank sitzend. Die Abendsonne färbte die Wellen violett. Die Welt war sehr in Ordnung. Und ich verliebt.
Einen Reiseflirt in die heimische Realität zu retten, ist nicht einfach. Am besten, man hängt gleich die nächste Reise dran. Christoph besuchte mich in Hamburg. Ich ihn in Berlin. Dann buchten wir kurz entschlossen Flüge nach San Diego. Entlang der kalifornischen Küste wollten wir nach Norden fahren. Vier Wochen im Auto. Ohne uns richtig zu kennen. Wenn es dumm läuft, dachte ich, knallt einer von uns die Autotür zu und verschwindet irgendwo entlang des Highway 101 aus dem Leben des anderen. War aber nicht so. Weder eine Autopanne noch grindige Motelzimmer konnten an unserer guten Laune etwas ändern.
In Palm Springs zeigte ich Christoph die Villen von Frank Sinatra und Marilyn Monroe. Er brachte mir in Las Vegas das Craps-Spielen bei und feuerte mich mit den anderen Zockern an, wenn ich die Würfel über den Tisch pfefferte. Wir sausten in Disneyland mit den Matterhorn Bobsleds herum, bis uns schlecht war, bestaunten in Los Angeles die Filmpaläste aus den Zwanzigerjahren, spazierten in San Francisco über die Golden Gate Bridge, flogen sogar noch nach Seattle und wanderten durch den regennassen, stillen Olympic National Park. Ich dachte: Das ist die beste Reise meines Lebens! Da wusste ich ja noch nicht, wie gut uns zwei Rumtreibern das Um-die-Welt-Tauschen gefallen würde.

Das Tauschen funktioniert nicht für jeden gleich gut. In unserem Fall kommen mehrere Faktoren zusammen, die es uns leicht machen. Der wichtigste: Wir sind beide gesund und mit Anfang vierzig in einem Alter, in dem das Reisen noch keine Strapaze ist, sondern Spaß. Auch unsere Eltern – und in meinem Fall: auch meine Großeltern – sind noch fit. Die kommen gut ohne uns klar, und wir können eine Weile am anderen Ende der Welt sein, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Auch von Vorteil: Als Freiberufler können wir von überall arbeiten. Voraussetzung: Es gibt Strom und WLAN. Da wir keine Kinder haben, sind wir auch nicht an Schulferien gebunden. Und wir können uns für so ziemlich jede Ecke der Welt begeistern.
Die Langstreckenwanderin Christine Thürmer hat einmal zu mir gesagt: »Wenn es mir an einem Ort nicht gefällt, liegt es meist daran, dass ich nicht lange genug dort war.« Eine Erfahrung, die ich teile. Wer im Urlaub seine Liste mit »111 Orten, die man mal gesehen haben muss« abarbeiten will, wird mit Haustausch nicht glücklich. Angebote kommen von überall – aber nicht unbedingt von dort, wo man schon immer mal hinwollte. Oakland? Oaxaca? New Jersey? Alles nicht auf meiner Bucket List. Heute denke ich: ganz schön kurzsichtig. Dass solche Nicht-Urlaubsorte oft die besseren Reiseziele sind, haben wir erst durch das Tauschen begriffen. Sommer im englischen Wycombe? Weihnachten in Turin? Wir lassen es drauf ankommen. Das alles macht uns maximal flexibel.
Was auch hilft: Wir wohnen seit rund zehn Jahren in Berlin, und das gerne – aber hängen nicht wahnsinnig an der Stadt. Viele meiner Freunde haben in der Hauptstadt studiert. Sich von Ost nach West durch die Clubs gefeiert. Die Stadt als Abenteuerspielplatz genutzt, bis sie sich ernsthaft in sie verliebten. Berlin ist für sie voller Erinnerungen. Für mich ist es vor allem die Stadt, in der unsere Freunde wohnen. Doch in den letzten Jahren fingen diese langsam an wegzuziehen. Manche in andere Städte, manche raus aufs Land. Wir merkten: Je mehr von ihnen Berlin verlassen, desto weniger hält uns dort. Reisen wiederum ist eine der Sachen, die Christoph und mich verbinden. Die uns als Paar ausmachen. Wenn uns zwei Australier den Schlüssel für ihr Haus am anderen Ende der Welt überlassen, wenn wir ausprobieren können, wie es sich in Barcelona oder Paris lebt – warum also nicht?

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