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Bücher übers Camping und Caravaning

Warum Camping glücklich macht

Camping ist Freiheit: die Freiheit, dort zu schlafen, wo es am schönsten ist, weil die Aussicht grandios ist, der Boden weich und die Luft frisch. Wo sich Fuchs und Hase zu Recht Gute Nacht sagen, dürfen sich Camper einfach dazulegen. Camping bedeutet Urlaub nach eigener Fasson, ohne viele Regeln. Mit ausreichend Platz zum Seele baumeln-Lassen und zum Durchatmen.

Camping ist Magie: Wie ein Kaninchen aus dem Hut zaubert sich eine Heimstatt aus einem faden Packsack. Mit jeder Stange, die durch das Gewebe gleitet, mit jedem Hering, der in die Öse gesteckt wird, entsteht ein Zuhause auf Zeit. Für den einen eine Höhle, für den anderen ein Fantasiehaus, ein Raum aus Stoff, der in (und vielleicht vor) der wilden Natur schützt und Geborgenheit gibt.

Camping ist fünfe gerade sein lassen: Auf dem Zeltplatz schimpft niemand über den fleckigen Pullover. Und wenn dieselbe Unterhose den zweiten Tag in Folge herhalten muss, stört das auch keinen großen Geist. Wenn Kinder mit Dreck unter den Fingernägeln und Laubresten im Haar ins Bett gehen, macht Camping erst richtig Spaß.

Camping ist Reduktion, das einfache Leben: Während wir in den Städten immer enger zusammenrücken müssen, während unser Leben immer komplexer wird, bedeutet

Camping: Konzentration auf das Wesentliche. Wenig Ausrüstung, wenig Reize, die nächste Innenstadt zum Shopping meilenweit entfernt, und schlechtes Handynetz gibt’s obendrauf.

Camping ist Heimkehr: Der Mensch zieht zurück in die Natur. Mahlzeiten archaisch am offenen Feuer, Nächte mit unbekannten Geräuschen. Camping ist Baum-Umarmen, im Fluss schwimmen, über die Wiese rollen. Camping ist Natur-Fühlen – und sich selbst fühlen.

aus Gebrauchsanweisung fürs Camping von Björn Staschen

Ein außergewöhnliches Geschenk für Camper

Blick ins Buch
Gebrauchsanweisung fürs CampingGebrauchsanweisung fürs Camping
Glasklare Seen, Moosböden weich wie Matratzen und Selbstgebrutzeltes vom Klappgrill: Camping-Urlaub macht glücklich. Björn Staschen, der mit „Cool Camping Deutschland“ die „Bibel für alle Frischluft-Fanatiker und Zelt-Enthusiasten“ (MDR) schrieb, hat viele Orte ausprobiert. Er spürte Sehnsuchtsziele auf, lernte Wildzelten und Familienurlaube mit dem VW-Bus kennen; weiß, wo Lagerfeuer erlaubt sind und worauf es bei der Suche nach dem perfekten Standplatz ankommt. Er erzählt von Flitterwochen mit nächtlichem Känguru-Besuch und von Zeltabenteuern mit seinen Söhnen. Vom Camping, wie es früher war, mit Giebelzelten und Tumult beim Aufbau. Von Wetterstürzen und Glamping, von Erlebnissen mit Zeltnachbarn und Bulli-Verrückten.
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Im Hotel bin ich zu Gast, im Camper bin ich zu Hause

Tietjen auf Tour. Signierte Buchausgabe

Warum Camping mich glücklich macht

Im Hotel bin ich zu Gast, im Camper bin ich zu HauseBettina Tietjen steht auf Camping. Direkt, bodenständig, einfach. Bereits als Jugendliche hat sie gern den Schlafsack ausgerollt und schwört bis heute auf die Freiheit unterm Sternenhimmel – von der Ostsee bis zum Mittelmeer. Hauptsache, der Wind ruckelt schön am Wohnmobil, morgens blubbert die bordeigene Espressomaschine und beim Abwasch erzählen wildfremde Mitcamper aus ihrem Leben. Bettina Tietjens Camping-Geschichten handeln von Menschen, von Landschaften und von skurrilen Erlebnissen zwischen Klohäuschen und Traumstränden. Humorvoll. Kurzweilig. Selbstironisch. Kommen Sie mit auf die Reise.Die sympathische Moderatorin und Bestsellerautorin lässt uns hinter die Gardinen ihres Campers blicken.
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Urlaub mit dem Wohnmobil – das bedeutet für mich Freiheit. Ich brauche nichts langfristig zu planen, kann jeden Morgen neu entscheiden, wohin die Reise geht.


Bettina Tietjen

Einmal Bulli, immer Bulli!

Blick ins Buch
Bulli! Freiheit auf vier RädernBulli! Freiheit auf vier Rädern
Vor 70 Jahren lief das erste Modell des VW-Bullis vom Band und avancierte schnell zum Kultfahrzeug. Hippies und Globetrotter suchten mit ihm das Glück in der Ferne, darunter auch Dieter Kreutzkamp und seine Frau: Etwa 500.000 Kilometer sind sie mit den verschiedenen Bulli-Modellen durch die ganze Welt gereist und haben dabei unglaubliche Abenteuer erlebt und zahlreiche Gleichgesinnte getroffen. Deshalb widmet Dieter Kreutzkamp diesen Band nicht nur dem beliebtesten Bus der Welt, sondern auch den Menschen, die sich für ihn begeistern: Bulli-Fans von damals und heute erzählen von ihren Erfahrungen und gehen der eigenen Faszination auf den Grund. Eine Liebeserklärung für alle Nostalgiker, Bastler und Reiselustigen.

Prolog
Bulli zu verschenken!
Kathmandu, 1977: In wenigen Tagen werden wir unserem abenteuerlichen Leben eine neue Richtung geben. 777 Tage ist es her, dass Juliana und ich im Bulli von daheim aufgebrochen sind, unsere Familien, die Berufe, kurz, das alte Leben komplett hinter uns gelassen haben.
Mehr als zwei Jahre lang war der T1 unser Zuhause. Zweimal haben wir mit ihm Afrika durchquert, haben uns später im bitterkalten Winter über verschneite Pässe durchs wilde Afghanistan vorgearbeitet und dann über Indien und Ceylon zum Himalaja-Staat Nepal durchgeschlagen.
Es fällt schwer, uns hier in Kathmandu von unserem Bulli Methusalem zu trennen.
Doch unser nächstes Ziel ist Australien. Manche Grenzen dorthin sind für Autoreisende geschlossen, und die Inseln Asiens mit dem Auto zu bereisen wäre kompliziert, vor allem aber wegen der Schiffspassagen zu teuer …
Wir hatten über den Verkauf unseres T1 nachgedacht. Vermutlich hätte das geklappt – allerdings nicht legal. Und das wollen wir nicht. Um die offiziellen Ausreisestempel in unsere Papiere zu bekommen, haben wir uns entschieden, den Bulli der nepalesischen Zollbehörde zu schenken. Eine durchaus übliche Praxis in diesen Tagen.
Gestern Abend haben wir unseren ganz persönlichen Abschied vom Bulli zelebriert: stilvoll mit Kerzen und Blumen. Dazu gab es gebratenen Reis mit Zwiebeln, Erbsen, Paprika und Karotten. Ein würdiger Festschmaus für Globetrotter, die gut zwei Jahre am Stück on the road sind. Zur Feier des Tages haben wir uns statt Tee etwas Stärkeres gegönnt: Kukri Special, einen Schnaps, so scharf wie ein Gurkha-Messer. Kostenpunkt laut Julianas akribisch geführter Einkaufsstatistik: 2 Mark 64 Pfennige.
Zwanzig Stunden später: Wir hocken auf dem Fußboden unseres leer geräumten T1 und machen eine letzte Bestandsaufnahme. Die originalen Westfalia-Sitzbänke und -Schränke habe ich heute Morgen ausgebaut und für umgerechnet 100 Mark an andere Traveller verkauft. Auch vieles andere haben wir verhökert: die schweren Sandbleche, den in Afrika immer wieder zusammengebrochenen und geschweißten Dachgepäckträger. Selbst die selten benutzte klobige Eberspächer-Standheizung fand einen Abnehmer.
Dort, wo während unzähliger Reisekilometer unsere rot bezogene Westfalia-Sitzbank stand, sieht man jetzt auf das nach innen gewölbte metallene Halbrund der Reserveradhalterung. Ich schieße mit meiner Minolta-Spiegelreflexkamera noch schnell ein Selbstauslöserfoto von uns beiden inmitten dieses Idylls. Vielleicht erwartet man in diesem Moment Abschiedsschmerz. Natürlich: Wir wissen, dass wir mit diesem Bulli ein besonderes Kapitel unseres Lebens geschrieben haben. Unvergesslich zwar … Jetzt aber blicken wir nach vorn!
Am Tag darauf geht eine Nachricht der nepalesischen Zollbehörde bei uns ein: Man ist auf unsere Anfrage hin bereit, unseren T1, Baujahr 1961, kostenfrei zu übernehmen. Als Gegenleistung erhalten wir den offiziellen Ausreisestempel in das internationale Zolldokument Carnet de Passages.
Am 9. Juni 1977 liefern wir unseren VW-Bus beim Zollamt am Flughafen von Kathmandu ab. Bei der Schlüsselübergabe kriege ich dann doch weiche Knie. „Keine Sentimentalitäten!“, rufe ich mich zur Ordnung und fasse Julianas Hand.
Als wir am 12. Juni in der Propellermaschine nach Rangun in Burma sitzen und einen letzten Blick auf das Zollgelände mit dem einsamen Bulli erhaschen, wische ich mir verstohlen eine Träne aus dem Auge.

Über vierzig Jahre ist das her. Born to be free war schon damals das Motto unseres Lebens, Mobilität und Freiheit unser Lebenselixier. Und derjenige, mit dem wir die ersten großen Abenteuer unseres Lebens erlebt haben, spielt noch immer eine zentrale Rolle: der Bulli, egal ob als T1, T2, T3, T4 oder T5.
Als wir kürzlich in Argentinien am Aconcagua standen, dem höchsten Berg des amerikanischen Doppelkontinents, erfuhren wir per WhatsApp, dass unser zuvor gekaufter T5 bei einem Profiausbauer daheim erfolgreich zum Offroad-Camper mutiert war. Für Juliana und mich war das an diesem Tag das zweitschönste Geschenk. Das allerschönste: Wir feierten gerade auf halber Höhe des (Fast-)Siebentausenders unseren 50. Hochzeitstag, zünftig vor atemberaubender Bergkulisse. Nur wir beide. Ausgelassen zum Beat der Rolling Stones! Vielleicht klingt das ein wenig verrückt. Aber so war unser Leben immer. Denn seit fünfzig Jahren sind wir gemeinsam on the road.
Und du, Bulli, warst während der spannendsten und prägendsten Momente unseres Lebens dabei. Mit dir erfuhren wir die Welt!
Bulli-People
Ich schreibe diese Zeilen unmittelbar nach Rückkehr von einer zweijährigen Südamerikareise. Während dieses Abenteuers zwischen Feuerland, Amazonas und Anden begegneten wir vielen, die wie wir das unbekannte Neue hinter dem Horizont suchen. Auch Bulli-Fahrer mit den frühen Modellen T1 und T2 waren dabei.
Wir trafen aber auch Menschen, für die der Bulli noch immer ein Lastesel im Alltag ist. So wie kürzlich spätabends in Rio de Janeiro am Strand von Copacabana, wo gut gelaunte Arbeiter die Tische eines Straßencafés zusammenklappten und auf dem Dach ihres T2-VW-Busses stapelten. Der „Kombi“, wie er hier genannt wird, ist noch immer allgegenwärtig: als rollender Eis- oder Sandwich-Kiosk, zumeist jedoch als Verkaufs- oder Werkstattwagen kleiner Handwerker, aber auch größerer Versorgungsunternehmen. Als leiser Wassergekühlter mit dem Gesicht eines T2 (so was gibt es nur in Brasilien!) oder als Klassiker mit dem markanten Boxer-Sound des Luftgekühlten. Der Kombi do Brazil (den Begriff Bulli kennt dort keiner) erledigt heute zuverlässig noch genau das, was bei seinem Urahn vor siebzig oder sechzig Jahren im Nachkriegsdeutschland zu dessen Alleinstellungsmerkmal führte. In Brasilien wird dieser Weltbürger liebevoll velha senhora genannt: alte Dame!

Dies ist der Bericht über ein Auto, das seit siebzig Jahren die Welt begeistert. Es ist aber auch ein Kaleidoskop bunter Eindrücke über höchst unterschiedliche Menschen: solche mit dünnen oder dicken Geldbeuteln, Leute mit den verschiedensten Berufen, Menschen mit Träumen, die genug Abenteuerlust besaßen, auf den eigenen vier Rädern die Welt zu erobern. Bei manchen meiner Bulli-Gesprächspartner meldete ich mich vorher an, andere traf ich zufällig. Sie alle erzählen Geschichten, bei denen es letztlich immer wieder um einen geht: den Bulli!
Ein Kosename, der sich im Volksmund bei uns durchsetzte und vermutlich eine nette Verballhornung von „Bus“ und „Lieferwagen“ ist. Heute spricht jeder vom Bulli. Anfangs war dieser Begriff jedoch keineswegs gängig. Offiziell gehört der Name erst seit 2007 als geschützte Marke zu Volkswagen. Da nämlich erwarb der Konzern die Namensrechte von der Firma Kässbohrer, die seit 1969 den Namen „Pisten-Bully“ für ein Spezialfahrzeug zum Präparieren von Skipisten und Loipen verwandt hatte. Vor zwei, drei Jahrzehnten wäre auch keiner jenseits der Klassiker T1 und T2 auf die Idee gekommen, den T3, T4 oder später gar den T5 als Bulli zu bezeichnen. Heute hingegen prangt der Schriftzug „Bulli“ höchst offiziell auch auf einigen der neuesten T6-Modelle. Das eint die große, bunte VW-Bus-Familie noch mehr. Über die Jahre ist die Szene typübergreifend zusammengewachsen. Am meisten aber staune ich über das Phänomen, dass für den knuffigen T1 mit dem rustikalen Charme der mobilen VW-Anfangszeit Sammler und Liebhaber heute durchaus schon mal 20 000 Euro mehr auf den Tisch legen als für die schickste Variante des mit allen technischen Finessen ausgestatteten T6 Multivan.

Für dieses Buch sammelte ich Bulli-Geschichten. Dazu gehören auch die Geschichten jener, die dabei waren, als der VW-Bus nach dem viel zitierten Summer of Love vor über fünfzig Jahren zu jenem Vehikel wurde, mit dem sich auf einmal fast jeder die Welt erschließen konnte.
Am Anfang steht eine bunte Schar kalifornischer Hippies auf dem Weg zur kollektiven Selbstverwirklichung. Abenteurer, Aussteiger und Träumer, Greenhorns unterschiedlichster Couleur, zu denen auch Juliana und ich gehörten, folgten diesem Impuls. Wir brachen mit einem prickelnden Mix aus Vision, Wagemut und Blauäugigkeit in fremde Kontinente auf und glaubten, mit einem freundlichen Lächeln die Welt erobern zu können. Meist hat’s geklappt … Ich glaube, keiner von uns wollte damals ins „Guinness-Buch der Rekorde“ fahren. Wir brachen auf, weil wir neugierig und abenteuerlustig waren und die Freiheit auf der „Straße nach Irgendwo“ suchten.
In diesem Zusammenhang wird neben der Flower-Power-Bewegung von San Francisco auch oft das Woodstock-Festival von 1969 genannt, wo Joe Cocker sang und Pete Townshend von The Who auftrat, der gern nach dem letzten Akkord von „We’re Not Gonna Take It“ seine Gitarre zu Kleinholz schlug. Derselbe Pete Townshend, der 38 Jahre später beim großen Bulli-Fest in Hannover die Fans mit „Magic Bus“ zum Siedepunkt führte.
Klar, die Hippiebewegung hatte für viele junge Menschen Impulse gesetzt, sich selbst zu verwirklichen. Und die Rahmenbedingungen dazu stimmten Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre! Trotz kleiner Dellen ging’s wirtschaftlich aufwärts, und der „kleine Mann“ war auf einmal so mobil wie nie zuvor.
Aber ein guter Cocktail hat mehrere Zutaten … Bei uns hatte auf unpolitische Weise ein frischer Wind das Trauma der Kriegs- und die Mühsal der Nachkriegsjahre fortgepustet und uns Neugier und Optimismus unter die Flügel geblasen. Aufbruchsstimmung lag in der Luft. In die Musik der Beatles mischten sich indische Sitar-Klänge, und es war schlichtweg in, wie die Pilzköpfe im indischen Rishikesh zu meditieren. Da lag es doch auf der Hand, über Land nach Indien zu reisen … Für uns Junge war diese Idee befreiend, die Älteren verstanden die Welt nicht mehr.
Ein paar von uns fuhren damals im Hanomag Henschel, Ford Transit, Mercedes-Kastenwagen, Land Rover, Unimog. Und der „knittrige“ Citroën-Wellblechtransporter Typ H war gelegentlich auch dabei. Jedes dieser Fahrzeuge hatte mindestens zehn, fünfzehn Jahre auf dem Buckel. Die heutigen rollenden Luxusvillen mit Satellitenschüssel, Waschmaschine und integrierter Garage für den mitgeführten Zweitwagen waren jenseits jeglicher Vorstellung. Das Flaggschiff dieser in die Welt aufbrechenden Flotte war der von seinen Fahrern oft fantasievoll hergerichtete VW-Bus.
Wir fuhren mit 30 oder 34 PS (wer es sich leisten konnte, war schon mit satten 47 Pferdestärken unterwegs) in eine Welt, die noch nicht über vernetzte und im Internet sekundenschnell kontaktierbare Servicestellen verfügte. Es war eine Zeit, in der die Überlandrouten oft miserable Erd-, Sand- oder kaum passierbare Schlammpisten waren. Über die brausten wir ohne Google Maps, ohne iOverlander-App, ohne Wikipedia und WhatsApp.
Nur mit drei Michelin-Karten auf dem Schoß machten auch Juliana und ich uns auf den unbekannten Weg durch Afrika. Von dem Kontinent wussten wir kaum mehr, als was wir in den Filmaufnahmen und unterhaltsam vorgetragenen Forschungsberichten in Bernhard Grzimeks filmischem Meisterwerk „Serengeti darf nicht sterben“ gesehen hatten.
Und bei fast allen von uns hatte das Abenteuer ein Happy End!

Die Bilder meines Bulli-Kaleidoskops reichen allerdings bis ins Heute. So sprach ich unlängst mit einem Mann, der mit seinem großen Erfahrungsschatz als Wüsten-Rennfahrer und Inhaber eines Rennteams dem T5 und T6 eine extreme Offroad-Tauglichkeit verleiht: Von Peter Seikel ist die Rede. Aber da ist auch „Mister California“, der im wirklichen Leben Karl-Heinz Forytta heißt: Dreißig Jahre lang legte er an maßgeblicher Stelle Hand an, damit der VW California so wurde, wie ihn heute jeder kennt. Und dann sind da auch Udo und Josef, die mit 30 PS und diesem Mix aus Wagemut und Gottvertrauen zunächst die Sahara und dann Zentralafrika durchquerten.
„Nichts ist unmöglich“, sagten sie sich, „schließlich fahren wir ja Bulli.“
Kurzum: Es war mir ein Vergnügen, auf Entdeckungsreise zu gehen und mich auf die Suche nach den schönsten VW-Bus-Geschichten zu machen. Natürlich mit Juliana, denn mit ihr sitze ich nahezu ein Leben lang – buchstäblich – im selben Bulli.

Goin’ Mobile!
Wer kann schon für sich in Anspruch nehmen, dass eine riesige Fangemeinde gleich zweimal bunt und ausgelassen seinen Geburtstag feiert? Noch dazu zu unterschiedlichen Zeitpunkten.
Das bedarf einer Erklärung. Für die einen schlug seine Geburtsstunde 1947, als ein Holländer namens Ben Pon aus dem Handgelenk eine Skizze in sein Notizbuch hinwarf, die mit etwas Fantasie auch als Buckel einer Schildkröte durchgehen kann, in Wirklichkeit aber die Vision des ersten Bullis war. Wir werden Ben Pon in diesem Buch noch begegnen. Denn wer weiß, ob es ohne ihn den VW-Bus in der weltbekannten Form überhaupt geben würde …
Das zweite Geburtsdatum ist schon verlässlicher, weil historisch belegt: der 8. März 1950. An diesem Tag verließ der erste Volkswagen Transporter das Werk in Wolfsburg. Siebzig Jahre ist er jetzt alt. Jeder andere wäre längst in Rente, aber der Bulli läuft und läuft und läuft.

Feste soll man bekanntlich feiern, wie sie fallen. Und so sind wir natürlich mit Vergnügen immer bei beiden Geburtstagen dabei. Auch als Volkswagen Nutzfahrzeuge (VWN) Anfang Oktober 2007 das Scheckbuch zückte und unter Federführung von Harald Schomburg, dem damaligen Vorstand für Vertrieb und Marketing, der 60. Geburtstag (also die Geburt der Idee!) auf dem Messegelände in Hannover gefeiert wurde. Eine Riesensause, bei der auch Juliana und ich bei vielen Shows und Interviews mitmischten!
Mit 5000 angerollten VW-Bussen und 71 000 Besuchern war es das erste vom Werk veranstaltete Bulli-Festival der Superlative. Als größte ausländische Gruppe waren die Niederländer mit 200 Bussen vertreten. Auch aus Großbritannien kamen mehrere Dutzend Bullis. Deren Anblick war oft gewöhnungsbedürftig, weil im Ratlook: „Rostlaube“ würde manch einer dazu sagen. Aber das stimmt nur auf den ersten Blick, denn die Optik dieser „Ratten“ ist so gewollt, als Abgrenzung zum „Normalen“. Oft sind die Wagen zudem so tief gelegt, dass die Stoßstangen über den Asphalt kratzen. Dafür punkten sie aber auch schon mal mit Porschemotor und Scheibenbremsen.
Am Abend des 6. Oktober 2007 zog die Kultband The Who, die schon rockte, als in Hannover noch der T1 vom Band lief, bei den Titeln „My Generation“ und „Going Mobile“ alle Register. Passt doch! Auch dies ein Meilenstein in der VW-Bus-Geschichte, denn seitdem nimmt man den Bulli stärker wahr denn je: Bulli ist Aufbruchsstimmung, Freiheit, Lebensgefühl – und spätestens seit 2007 ist er auch Kult!
Folgerichtig wurde der 70. Geburtstag der Idee zehn Jahre später, also 2017, mit 20 000 Bulli-Fans aus 18 europäischen Ländern bei einer großen Open-Air-Party auf dem Werksgelände von Volkswagen Nutzfahrzeuge in Hannover gefeiert.
Aber nun mal Hand aufs Herz und ganz ehrlich: Wer käme ernsthaft auf den Gedanken, den Geburtstag seines Kindes am Tag von dessen Zeugung zu feiern – keiner. Und so feierten wir am 8. März 2020, dem Tag der ersten Serienfertigung im Werk Wolfsburg, erneut den 70. Bulli-Geburtstag. Wir lassen gern Jahr für Jahr zweimal die Korken knallen!


Steckbrief T1
Eine Ikone „Made in Germany“ wird geboren
Es ist einiges los im Jahr 1950:
Weinend schleicht die brasilianische Elf nach dem Finale der Fußballweltmeisterschaft vom Platz, nachdem das kleine Uruguay den Fußballgiganten mit einem 2:1 auf den zweiten Platz geschossen hat.
In Südafrika zeigt derweil die Apartheid grimmige Züge: Die Trennung der Siedlungsgebiete von Schwarzen und Weißen wird beschlossen.
In Westdeutschland werden Nachrichten und Schlager ab jetzt auch auf Ultrakurzwelle gesendet. Man kann René Carols Schnulze „Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein“ ab sofort also auch auf UKW hören. Ich, der es in diesem Jahr schon schaffe, über die Tischkante zu blicken, finde den Song der Kilima Hawaiians viel besser, „Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand“: Dieser Ohrwurm der Fünfzigerjahre beflügelte meine Fantasie – Wilder Westen, da musste ich einfach hin! Und dann erblicken in diesem Jahr 1950 einige reizende Babys das Licht der Welt, von denen unter anderem die Skifahrerin Rosi Mittermaier und der Moderator Thomas Gottschalk die Bundesdeutschen vor die bald in allen Haushalten vertretenen Fernseher locken werden.
Ein Datum dieses Jahres interessiert mich aber ganz besonders, der 8. März 1950: In Wolfsburg geht der Volkswagen Transporter, im Fachjargon T1, in Produktion. Was allerdings für den Starttag nicht mehr und nicht weniger als zwei fertiggestellte Transporter bedeutet. Das eine Auto findet Verwendung für hausinterne Aufgaben, das andere geht an einen Kölner Volkswagenhändler. Die Anfänge sind bescheiden.
Schauen wir an dieser Stelle kurz zur deutsch-holländischen Grenze, denn dort, in Rammelbeek bei Denekamp, waren bereits am 13. März 1947 die ersten neun VW-Käfer, von Wolfsburg kommend, über die Grenze gerollt. Ihr Ziel: Pon’s Automobielhandel, offizieller VW-Importeur für die Niederlande und gleichzeitig weltweit erster Volkswagenimporteur überhaupt.
Ben und sein Bruder Wijnand Pon hatten den ursprünglichen Betrieb in Amersfoort – 1898 als Gemischtwarenladen gegründet – von ihrem Vater übernommen und 1928 einen Automobilhandel ins Leben gerufen. 1939 – kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges – trafen Ben und Wijnand Pon bei der Automobilausstellung in Berlin-Charlottenburg Ferdinand Porsche, der sie mit dem Import des KdF-Wagens („Kraft durch Freude“, so hieß der Käfer bis 1945 nach der gleichnamigen NS-Organisation) in die Niederlande betrauen wollte. Der Krieg machte einen Strich durch die Pläne – bis zu jener ersten Käfer-Lieferung 1947.
Bei einem seiner Nachkriegsbesuche in Wolfsburg sieht Ben Pon den sogenannten Plattenwagen. Ein simples, funktionales Gefährt, das bei einem Schönheitswettbewerb für Autos garantiert den letzten Platz gewonnen hätte. Der Fahrer sitzt hinten über dem Motor, vor ihm die Ladefläche, das war’s auch schon. Aber: Dieser Plattenwagen funktionierte bestens als Lastesel, und seine Bauteile hatten sich längst im VW-Käfer bewährt. Ben Pon zückt sein Notizbuch, und es entsteht freihändig jene Konstruktionsskizze, die ihn für die Nachwelt zum „Erfinder des Bullis“ werden lässt.
Eine hübsche Geschichte, aber natürlich war damit der Transporter noch längst nicht konstruiert. Und der Erfolg hatte viele Väter. Die Vision aber war da …
Es gelingt Ben Pon, Heinrich Nordhoff, den Generaldirekter der Volkswagen AG, zu überzeugen, dieses Auto zu bauen. Nordhoff definiert die Eckpunkte für den Transporter: günstiger Preis, Wirtschaftlichkeit, Wendigkeit und ein großer Laderaum. 1949 präsentiert er der Öffentlichkeit vier Prototypen: zwei Kastenwagen, einen Kombi und einen Kleinbus.
Der Rest ist Geschichte!
In den Anfangstagen der Massenproduktion muss man sich in Wolfsburg erst warmlaufen; im April dieses Startjahres 1950 produzieren die Arbeiter nur zehn Transporter am Tag. Aber dann ist es, als hätte man den Stöpsel gezogen und den guten Geist aus der Flasche gelassen: Der Bulli startet durch, die Produktionszahlen steigen rasant.
Dabei mutet er, zumindest aus heutiger Sicht, recht bescheiden an: 4,10 Meter ist er lang, der Transporter von 1950. Sein Radstand beträgt wie der des VW-Käfers 2,40 Meter. Überhaupt verdankt er viel dem Käfer, von dem auch die Achsen und der Motor übernommen werden. Mit 1131 Kubikzentimeter Hubraum, bei 18 Kilowatt (gut 24 PS) und 3300 Umdrehungen pro Minute hält sich die Leistung in Grenzen. Aber immerhin schafft es seine Tachonadel bis auf 80 Stundenkilometer. Allemal schnell genug für die Straßen im Nachkriegsdeutschland.
Der Begriff „Nutzfahrzeug“ steht nicht von ungefähr in seinem Logo. Er wird in den kommenden Jahren die Trümmer und den Schutt des Krieges, Mauersteine und Mörtel für den Wiederaufbau, aber auch Brötchen, Zigarren, Zeitungen und Bierkisten, also einfach alles abfahren und anliefern, was im Nachkriegseuropa von Bedeutung ist. Immerhin darf er bei einem Leergewicht von 990 Kilo stattliche 750 Kilo Nutzlast buckeln. Das soll dem Tausendsassa erst mal einer nachmachen. Und mit 5850 Mark ist er erschwinglich. In den ersten Produktionsmonaten ist er wahlweise grundiert oder in blauer Farbe und auch nur als Kastenwagen zu erhalten. Doch nur einige Monate später wird das Modellprogramm um VW-Bus und Kombi ergänzt. Am Ende des Jahres 1950 blickt Volkswagen schon auf 8059 gefertigte T1 zurück.
Die Verkaufszahlen schießen in die Höhe: Vier Jahre nach der Premiere läuft in Wolfsburg der 100 000. Transporter vom Band. 1962 sind es bereits eine Million. Als 1967 der Modellwechsel vom T1 auf den T2 erfolgt, hat VWN insgesamt 1,82 Millionen Transporter des ersten Typs (T1) verkauft.
Er war der zuverlässige Lastesel des Wirtschaftswunders und damit Teil der deutschen Erfolgsgeschichte nach 1945. Danke, Bulli!

Bevor er aber Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre zum Standardoutfit der Hippiegeneration gehört, hat er bereits rasante Entwicklungsschritte – eher Riesensprünge – in andere Richtungen vollzogen:
Schon 1951 wird der Samba-Bus vorgestellt, ausschließlich für Personenbeförderung konzipiert, mit Zweifarblackierung und reichlich Chrom. „25 Fenster und ein Schiebedach“, wirbt Volkswagen. Über den Daumen: pro PS ein Fenster. Ein Novum! Seit der ersten Stunde ist der Samba ein Hingucker. Und heute ist er, als gut erhaltenes Sammlerstück, für Otto Normalverbraucher fast unbezahlbar …
Im Jahr 1952 erfolgt eine weitere Weichenstellung: Jemand bestellt eine bescheidene Wohneinrichtung für seinen VW-Transporter. Ein Input, der bald schon in der „Campingbox“ weiterlebt. Aber wir reden nicht von einem Massengeschäft, Anfang der Fünfzigerjahre hat man andere Sorgen, als sich mit mobiler Freizeit zu beschäftigen. Doch die Idee fällt auf fruchtbaren Boden. Sie ist der Wegbereiter zum „VW-Campingwagen“ mit der Westfalia-Einrichtung und nicht zuletzt die Vorlage für den schicken VW California von heute.
Volkswagen Nutzfahrzeuge drängt nun auch auf den internationalen Markt. Rund drei Jahre nach der Geburtsstunde des Bullis wird am 23. März 1953 Volkswagen do Brazil S.A. bei São Paulo gegründet. Weitere drei Jahre später entsteht Volkswagen of South Africa PTY.
In diesem Jahr 1956 wird auch das neue Transporterwerk in Hannover fertiggestellt. Von Hannover-Stöcken, verkehrsmäßig günstig nahe dem Kreuz der Nord-Süd- und Ost-West-Autobahnen und dem Mittellandkanal gelegen, gehen die VW-Bullis in alle Welt. Vor allem in die USA, wo später beim T2-Camper ein regelrechtes Bulli-Fieber diagnostiziert wird.

So fühlt sich Freiheit an: Mein erster VW-Bus
Meine Geschichte beginnt zu einer Zeit, als mancher unter Autotuning verstand, die Weißwandreifen seines Wagens auf Hochglanz zu polieren. Man hängte sich ein Fuchsschwanz-Imitat an die Antenne und schraubte – schier unglaublich – an den rechten Kotflügel Bordsteintaster, die wie Schnurrbarthaare eines Katers aussahen. Wer genug Geld in der Tasche hatte, verwöhnte sein Auto mit ein paar Zusatzscheinwerfern von Bosch. Unter meinen versierten Kumpels fachsimpelte man über den negativen Sturz der Hinterachse und darüber, wie man beim Abarth-Tuning seinem kleinen Auspuff den Sound klanggewaltiger Fanfaren verpassen könnte. Das fand ich zwar ganz spannend, aber eigentlich war es nicht mein Ding.
Mein Interesse galt eher dem Fahrzeug als Fortbewegungsmittel – um dorthin zu gelangen, wo meine Jugendträume schon längst angekommen waren. 1964, als Achtzehnjähriger, brannte ich aufs Abenteuer. Mir war klar, dass ich meinen Weg zu den aufregendsten Orten der Welt gehen würde. Ich wusste nur noch nicht, wie …
An einen Bulli dachte ich anfangs noch nicht. „Eine Nummer zu groß“, würde man wohl sagen. Stattdessen leistete ich mir ein Motorrad, eine 250er BMW. Nach ein paar Monaten erstand ich einen Steib-Seitenwagen, baute ihn an und überquerte mit dem BMW-Gespann die Alpen. Und wenn ich ins Tessin oder nach Südtirol kam, war mir, als hätte ich den Schlüssel ins Tor zur weiten Welt gesteckt. Es duftete hier anders … nach Süden, und das war für mich damals schon „weite Welt“. Ein Stück Exotik, in das ich mich schon immer gern hineingeträumt hatte.
Im zweiten Jahr meiner Motorradreise lernte ich ein Mädchen kennen – mit dem ich seitdem durch dick und dünn gehe. Und nach einem Intermezzo mit einem VW-Käfer fanden Juliana und ich unseren Schlüssel zur Welt in einem Bulli.
Der Zeitpunkt dafür war so gut wie seit Jahrzehnten nicht. Land und Leuten ging es gut, die Wirtschaft brummte, die Jungen machten seit dem Summer of Love und Woodstock schon längst nicht mehr nur das, was die Alten wollten. Der Bulli war inzwischen so etwas wie der „Dienstwagen“ der Hippiegeneration. Mit Flower-Power-Motiven und dem Peace-Zeichen. Ein Motto lautete: Make love, not war! Für die Älteren war das provokativ. Wir fanden es gut. Die Welt war offener, zugänglicher geworden. Vor allem in unseren Köpfen. Und so war klar, dass wir genau das Auto für dieses Abenteuer kaufen würden, das in Deutschland und vielen anderen Ländern Europas an jeder Ecke als Polizei-, Feuerwehr-, Postfahrzeug, als Baustellenkipper, Personen- oder Tiertransporter, als Getränkelieferant, Behördenfahrzeug oder Eiswagen stand. Und im Hippieparadies an der Westküste Amerikas hatte man es uns ja vorgemacht, wie gut es sich im Bulli leben lässt. Also los! Unser Ziel hatten wir klar definiert: die ganze Welt!
Überschaubare Testfahrten sollten uns durch die Sahara bringen und dann nach Indien und zurück. Danach, so spekulierte ich, wären wir fit für eine Reise rund um den Globus.
Das mag blauäugig klingen, vielleicht ein wenig vermessen. Aber wir waren schließlich jung, und eine meiner Devisen lautete: The sky is the limit. Nichts ist unmöglich!
Doch zunächst einmal machten wir beide uns auf die Suche nach dem richtigen Auto. Der eine VW-Bus war recht neu und demzufolge zu teuer, der andere zu abgewrackt. Eines Tages kamen wir in die Kleinstadt Springe bei Hannover. Der ortsansässige VW-Händler Albert Mensenkamp hatte seinen privaten T1 mit Wohneinrichtung inseriert. Wir trafen ihn zu Hause, sahen seinen VW-Bus, inspizierten die tolle Einrichtung und lauschten den Geschichten über die Urlaube, die er damit verbracht hatte. Das Auto war unten siegellackrot, das Oberteil beige-grau. Für mich die schönste Farbkombination, die den Bulli in seinen siebzig Lebensjahren geschmückt hat!
Man merkt’s meinen Worten an: Das war Liebe auf den ersten Blick. Es gab kein Zurück. Die Westfalia-Einrichtung war aus Holz, eine SO23, wie ich erst bei den Recherchen für dieses Buch herausfand. Damals interessierten mich solche Details nicht wirklich. Wichtiger war, dass alles funktional und der Bulli technisch in Ordnung war. Sein großer, integrierter Wassertank war genau das, was uns für unsere Weltreise vorschwebte. Ohne Pumpe. Wo gibt’s denn das heute noch? Wir hielten den Schlauch einfach aus der Seitentür, öffneten den kleinen Wasserhahn aus Kunststoff, und das Wasser lief. Schwerkraft ist das simple Geheimnis. Bei späteren Selbstausbauten an anderen Fahrzeugen habe ich dieses Prinzip gelegentlich übernommen. Getreu dem Motto: Technik, die man nicht hat, geht auch nicht kaputt.
Der VW-Camper war technisch tipptopp und optisch makellos. Mit rund 35 000 Kilometern Laufleistung war auch sein Herz jung. Generell sagte man damals, dass die Lebenserwartung eines VW-Motors bei rund 100 000 Kilometern läge. Also war schon beim Kauf klar, dass wir vor dem Start zur großen Reise den Motor vorsichtshalber wechseln lassen würden. Wir zahlten für den VW-Bus 5500 Mark, eine Menge Geld Ende Mai 1971.
Wir beide liebten unseren Bulli. Nach wenigen Tagen hatte er – als Hommage an sein Alter – seinen Namen weg: Methusalem.
Am 4. Juni 1971 wurde der T1 mit der Fahrgestellnummer 696 828 bei der Landeshauptstadt Hannover auf mich umgeschrieben.

Ausweislich des vor mir liegenden alten Kfz-Briefs hatte das Fahrzeug inklusive Campereinrichtung ein Leergewicht von 1300 Kilo. Das zulässige Gesamtgewicht betrug 1865 Kilo. Laut Adam Riese hatten wir legal also 565 Kilo Zuladung. Zieht man unser beider Körpergewicht von damals zusammen 130 Kilo ab, blieben letztlich 435 Kilo Zuladung. Das ist beachtlich und einiges mehr als das, was manches große Wohnmobil heute laden darf. Dennoch, an eine Situation fünf Jahre nach dem Kauf erinnere ich mich noch mit fast ungläubigem Staunen.
Schauplatz der Begebenheit ist Bangui, Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik:
Ein Durchkommen nach Ostafrika ist für uns wegen bürokratischer Hürden nahezu unmöglich; es bleibt nur die Obo-Piste in Richtung Sudan. Aber auf der gibt es auf rund 2500 Kilometern keinen Sprit zu kaufen. Also bunkern wir in eilig zusammengekauften Kanistern und Fässern 485 Liter Benzin und verstauen sie im Fahrzeuginnern. Allein damit überschreiten wir das zulässige Gesamtgewicht unseres Busses um runde 50 Kilo. Zähle ich Dachgepäckträger samt Staukästen, mehrere Reservereifen, Werkzeuge, Ersatzteile, Lebensmittel, Trinkwasser und die Ausrüstung für ein jahrelanges Leben on the road dazu, kommen wir locker auf eine Überladung von 250 Kilo.
Aber du, Bulli, hast uns all das verziehen!

Camping extrem

Blick ins Buch
Vier Räder, Küche, BadVier Räder, Küche, Bad

Von der Freiheit, im Auto zu leben

Eines Tages hat Fredy Gareis genug vom Hamsterrad: Gemeinsam mit seiner Freundin Patrizia beschließt er, alles zu verkaufen und in ein 21 Jahre altes Auto zu ziehen. Den restlichen Besitz packen sie in zwölf Bananenkisten, darauf eine Matratze, und fertig ist die neue Bleibe. Fredy und Patrizia leben und arbeiten fortan unterwegs. Während sie dabei mit gesellschaftlichen Konventionen und auch mit sich selbst zu kämpfen haben, entdecken sie ein ihnen bislang unbekanntes Deutschland – und gehen der Frage nach, wie viel man wirklich braucht, um glücklich zu sein.

Teil I
Zwölf Bananenkisten

1
Ich kannte Patrizia noch nicht besonders lange, da liefen wir schon am helllichten Tag im Bademantel durch die Münchner Innenstadt.
Es war Sommer, und wir hatten beschlossen, dass heute „Big-Lebowski-Tag“ war. Das spielte auf eine Filmfigur der Coen-Brüder an, dargestellt von Jeff Bridges. Lebowski hängt meist im Bademantel rum, trinkt Cocktails namens White Russian und lässt alle fünfe gerade sein. Vielleicht etwas verwahrlost, aber mit einer beneidenswerten Einstellung zum Leben.
Patrizia lebte zu der Zeit in einem Hochhaus im Westend. Es war eine sehr kleine Wohnung mit einem sehr großen Balkon. An guten Tagen hatte man einen phänomenalen Blick bis in die Alpen.
In der Miniaturküche mischte ich drei Teile Wodka, drei Teile Kahlúa, Milch und Eis. Ich rührte um, wir stießen mit den White Russians an und starteten den Film.
Danach zogen wir die Bademäntel an. Ich hatte sie extra für diesen Tag in Berlin in einem Secondhandladen gekauft, sie gewaschen und dann mit dem Zug hier runtergeschafft.
Meiner war bordeauxrot, der von Patrizia samtblau.
Mit der U-Bahn fuhren wir bis zum Stachus, stiegen aus und liefen durch die Kaufinger Straße, die Haupteinkaufsstraße, die am Samstag gegen fünfzehn Uhr aus allen Nähten platzte.
Patrizia sah unheimlich gut aus in ihrem Bademantel, und ich suhlte mich in dem Tumult, den unser aufsehenerregender Gang auslöste. In meiner Erinnerung blieben alle stehen und glotzten uns an. Wir durchschritten die bayerische Landeshauptstadt wie auf einem Laufsteg, Kinn nach oben, keinen Zweifel entstehen lassend über die Rechtfertigung unseres Auftritts.
Ich fühlte mich wie ein Stadtneurotiker. Ich fühlte mich hervorragend.
Auf dem Marienplatz sprachen uns ein paar Leute an, aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was sie sagten.
Kurz darauf bogen wir nach links und kamen zum Hofbräuhaus. Davor stand ein Sicherheitsmann, ich glaube, er stammte aus Pakistan. Er konnte nur gebrochen Deutsch, wollte uns in dem Aufzug nicht reinlassen. Ich erzählte ihm, dass heute „Big-Lebowski-Tag“ sei, da sei es ganz normal, in Bademänteln rumzulaufen. Er wollte uns trotzdem nicht reinlassen.
Ich ließ nicht locker.
Er sagte, er müsse seinen Kollegen holen. Auch der war nicht so ganz mit diesen merkwürdigen deutschen Feiertagen vertraut. Schließlich zuckten beide mit den Schultern und ließen uns rein.
Patrizia und ich setzten uns an einen Tisch. Es war verdammt heiß in den Bademänteln. Eine Blaskapelle spielte. Wir bestellten jeder eine Maß, und als wir anstießen, war es ein Wunder, dass die Humpen nicht in tausend Teile zersplitterten.
Ich glaube, viele Beziehungen beginnen mit solch verrückten Episoden. Meist wird man dann vernünftiger, ruhiger, gesetzter.

2
„Du bist ja immer noch nicht fertig! In zwei Wochen ziehen wir ins Auto, und hier herrscht das reinste Tohuwabohu“, monierte Patrizia und zeigte auf die ganzen hüfthohen Stapel in meinem Arbeitszimmer in unserer siebzig Quadratmeter großen Altbauwohnung in Hamburg.
Mein Blick folgte ihrem Finger, und ich musste zugeben, dass sie recht hatte. Keinen Schritt konnte man hier vor den anderen tun, ohne zu stolpern. Aber ich wollte verdammt sein, das zuzugeben.
Ich schaute noch mal gründlich durch die Gegend, dann schaute ich meine Freundin an, während ich fieberhaft nach einer guten Antwort suchte. Da stand sie, mit ihren langen Beinen, den langen roten Haaren, deren Färbung sich bereits auswusch. Ich war mir nicht sicher, ob mich ihre grünen Augen böse anfunkelten oder nicht.
„Hm“, spielte ich auf Zeit und spürte dann, wie mir endlich eine Antwort einfiel, ausgerechnet aus einem Buch namens „Der erste Kreis der Hölle“, was bei genauerer Betrachtung der Umstände recht passend war. „Chaos ist einfach eine noch nicht verstandene Ordnung.“
Patrizia lachte laut auf. „Du denkst, du bist so clever.“
Tja. Ich lehnte mich zurück und schwieg wieder. Musste aber einräumen, dass sie ihren Bereich bereits so effizient ausgemistet hatte, als arbeitete sie bei einem Entsorgungsunternehmen.
Wo wir schon dabei sind, fügen wir doch noch ein paar Details hinzu. Meine Freundin war zu diesem Zeitpunkt 32 Jahre alt, sie stammt aus Bayern, hat Iranistik studiert, begibt sich mutig in brenzlige Situationen, hat eine Schwäche für Erdnüsse. Unordnung mag sie gar nicht. Und noch weniger mag sie Autofahren. Natürlich soll ich das nicht schreiben. Aber dies ist ein ehrliches Buch. Also.
„Hör mal“, sagte ich schließlich in einem letzten Versuch der Rechtfertigung, wenn der Nobelpreisträger Solschenizyn mich schon nicht retten konnte, „ich bin elf Jahre älter als du. Es ist doch ganz klar, dass ich mehr Zeug habe.“
„Geh. Weißt du, was du bist? Ein Messie, weiter nichts!“

Wir standen also kurz davor, fortan in einem Auto zu wohnen. Vier Wände gegen vier Räder zu tauschen. Und dazu mussten wir unseren Besitz so minimieren, dass er auf vier statt auf siebzig Quadratmeter passte.
Alles begann mit einer Reise in die USA.
Im Jahr zuvor hatte ich mich in die Welt der amerikanischen Hobos aufgemacht, um ein Buch über sie zu schreiben. Hobos streifen auf Güterzügen durch das Land, pfeifen auf die Sicherheit einer bürgerlichen Existenz und haben nur das, was sie auf dem Rücken tragen. Ein anachronistisches Thema in unserer – und vor allem der amerikanischen – Konsum- und Erfolgswelt. Sicherheit im Tausch für Freiheit und Selbstbestimmung.
Einer der Hobos hieß Shoestring. Er war ein Vagabund, der draußen promoviert hatte. Ein meist schweigsamer, höflicher Einzelgänger. Aber in den Nächten, wenn wir irgendwo im Gebüsch oder unter einer Brücke auf einen Güterzug warteten, fing er an zu philosophieren: über die Natur der modernen Gesellschaft, über die ganze Verschwendung, die er auf seinen Reisen durch das Land gesehen hatte. Im Schneidersitz saß er da, neben sich seine ganze Habe in einem Armeerucksack, und fragte mehr den Mond als mich: „How much do you really need? After 25 years riding the rails, let me tell you: very little.“
Seit ich sechzehn war, bin ich auf Reisen. Zuerst, um dem Mief einer kleinen Arbeiterstadt zu entkommen. Dann, um neue Perspektiven zu gewinnen, und schließlich, um Bücher zu schreiben. Egal aus welchem Grund: Gleich blieb immer, dass ich mich unterwegs am stabilsten fühlte.
So radikal wie die Hobos war ich dennoch nie. Ich wohnte mit meiner Freundin in einer Wohnung in Hamburg, ein Ort, der ständig Miete kostete und noch dazu eingerichtet, erhalten und gepflegt sein wollte.
Beseelt vom Evangelium der Bewegung kam ich aus den amerikanischen Weiten zurück und konnte ebenjene Wohnung, so schön sie auch war, nicht mehr ertragen.
Eigentlich ist das ja ein alter Hut: Nach jeder langen Reise ist es schwer, sich wieder im Alltag zurechtzufinden. Man verspricht sich jedes Mal aufs Neue, das Leben etwas anders zu gestalten, diesmal der Langeweile keine Chance mehr zu geben, das Beste aus beiden Welten zu machen. Doch ein paar Monate später hat man es leider wieder vergessen. Man wird aufgefressen von den kleinen Monstern des Alltags. Vom Gestalten gelangt man zum Verwalten, wieder knallen die Silvesterkorken, und ein weiteres Jahr ist auf immer verschwunden.
Doch diesmal war das Gefühl der Entfremdung stärker als je zuvor. Eine fast körperlich spürbare Dissonanz mit der restlichen Welt.
Diese gottverdammten Hobos – was hatten sie nur mit mir angestellt?
Offensichtlich hatten sie mich stark beeindruckt. Mit ihrer Genügsamkeit, ihrer Selbstgewissheit. Mit ihrem Vorwurf, dass wir alle, obwohl wir es schön trocken haben, uns alles Wichtige leisten können, ständig am Jammern und Meckern sind.
Nach den ganzen Entbehrungen unterwegs auf den Gleisen hatte ich damit gerechnet, mich wieder auf Komfort zu freuen: eine Toilette, die man nicht erst suchen muss. Eine Küche. Eine Unterkunft, die warm ist und bei der man vor allem die Tür zuziehen kann. In der man sich wohlig fühlt, sicher ist.
Stattdessen schaute ich in die Küchenschränke und sah überschüssiges Geschirr. Ich schaute in den Kleiderschrank und sah überflüssige Klamotten. Ich schaute in die Regale und sah unnützen Schnickschnack.
Ich schmiss Schranktüren und Schubladen zu und sagte zu Patrizia: „Wie viel brauchen wir wirklich? Die Mieten steigen höher und höher, und wir zahlen ja jetzt schon 10 000 im Jahr. Nur fürs Eingepökeltsein! Dabei ist die Welt da draußen so groß, und wir sind, aller Wahrscheinlichkeit nach, nur einmal hier.“
Patrizia schaute mich verständnisvoll an. Sie nickte.
Dann machten wir weiter wie bisher.

3
Ein paar Monate später, im Mai, waren wir zu einer Hochzeit von Freunden im Allgäu eingeladen. Alle Zimmer im Dorf waren bereits belegt, wir fanden nichts mehr. Was hauptsächlich an uns selbst lag, weil wir die Buchung immer wieder aufgeschoben hatten.
Patrizias Vater war daraufhin so nett, uns seinen Kombi zu leihen. Mit seinem heutigen Wissen hätte er wohl freiwillig Zucker in den Tank geschüttet. So aber wünschte er uns viel Spaß und winkte zum Abschied.
Wir parkten den Wagen direkt neben dem Standesamt. Feierten das Brautpaar, speisten königlich, tanzten und fielen gegen vier Uhr nachts in unser Autobett. Die Rückbank war umgelegt, zwei Isomatten ausgebreitet, darüber eine Decke und zwei Kissen. Es war sehr bequem, und niemand hatte einen kürzeren Weg ins Bett.
Gegen sechs Uhr morgens wachte ich auf. Ein gewaltiger Regenschauer prasselte auf das Dach des Toyotas. Gleichmäßig, kraftvoll. Tausende Tropfen, die aus dem Himmel fielen, vom Metall abglitten und im Boden versickerten.
In den letzten Wochen hatten wir mehrere Pläne für unsere Zukunft diskutiert. Auf Güterzüge springen? Das war wohl kaum drin, wie sollten wir dabei arbeiten? Wir dachten daran, einfach in ein anderes Land zu gehen. Wir zogen den Iran in Betracht, Indien, die USA. Wir füllten ein ganzes Notizbuch mit möglichen Zielen, konnten uns aber für keines so recht entscheiden. Wir überlegten und überlegten, aber die zündende Idee war leider noch nicht dabei.
Ich drehte mich auf die Seite. Patrizia war ebenfalls wach. Wir schauten uns an und hörten dem Regen zu. Redeten kein Wort.

4
Im Juni saßen wir im griechischen Thessaloniki an einem weiß gedeckten Tisch auf einem kleinen Platz neben einem Brunnen und feierten unseren Jahrestag.
Vor uns standen ein paar Vorspeisen, eine kleine Flasche Ouzo, dazu eine Schale Eiswürfel. Zwei Straßenkinder zogen umher und spielten auf einem abgewetzten Akkordeon ein Lied. Nach ein paar Klängen wurde mir klar, dass es sich dabei um „Katjuscha“ handelte, ein melancholisches Lied aus der Zeit der Sowjetunion. Irgendwie passte es gar nicht zu dem Anlass – schließlich war es eine Weise aus dem Krieg, es ging um Abschied –, aber irgendwie auch doch.
Ich war nervös. Rutschte auf meinem Stuhl hin und her. Schenkte Patrizia einen Ouzo ein, schenkte mir selbst einen größeren ein, goss mit Wasser auf, gab Eiswürfel hinzu. Wir stießen auf alle gemeinsamen Jahre davor und natürlich auf unser nächstes an. Aber wie sollte es werden? Ich hatte mir seit der Hochzeit im Allgäu viele Gedanken gemacht und sie in einem Liebesbrief niedergeschrieben, der mir jetzt in meiner Jackentasche die Brust verbrannte. Ich zog die Jacke aus und hängte sie über den Stuhl.
Als wir uns ein bisschen gestärkt hatten, mit gegrilltem Oktopus, Saganaki und griechischem Salat, überreichte ich Patrizia den Brief. Jedes Jahr schreibe ich ihr einen zu diesem Anlass. Doch diesmal ging es zum ersten Mal um unsere Zukunft.
Feierlich, als würde ich um ihre Hand anhalten, fragte ich sie darin: Mein Herz, willst du mit mir in ein Auto ziehen? Die Welt mit anderen Augen sehen, etwas weniger ernst sein und dafür etwas mehr spielen? Natürlich hieße das, Sicherheiten aufzugeben, Routinen – alles, was das Leben leichter, aber auch langweiliger macht.
Und wenn wir unsere Karten richtig spielen, vielleicht gewinnen wir dann ein Stück Freiheit, vielleicht entdecken wir ständig Neues, stolpern an jeder Ecke über wilde Geschichten, und vielleicht werden wir zu anderen Menschen. Wer kann schon sagen, was bei einer so bescheuerten Idee hinten rauskommt?
Zumindest theoretisch können wir doch überall arbeiten. Du als Journalistin, ich schreibe an meinen Büchern.
Zwei gegen die Welt und das ganze Gelöt.
Ich weiß, die Sache ist riskant. Wenn es nicht klappt, dann müssen wir halt mal auf einem Bauernhof schuften, oder in einer Fabrik, oder wir stellen uns an Straßenkreuzungen und putzen die Windschutzscheiben von gestressten Autofahrern.
Wir werden uns schon was einfallen lassen.
Oder stilvoll verarmen.

Ich wusste nicht, wie sie reagieren würde. Während es mir vertraut war, knietief durch den Dispo zu waten, war so ein unstetes Leben für Patrizia mit ihrem geradlinigen Lebenslauf Neuland. Später gestand sie mir, dass in ihrem Kopf die folgenden Gedanken aufgetaucht waren: Wie soll das bloß mit der Arbeit funktionieren? Was mache ich, wenn ich nachts nicht einfach ins Badezimmer tapsen kann? Muss ich die ganze Zeit Auto fahren?
Sie legte den Brief zur Seite und schaute mich mit ihren wildbachgrünen Augen an. Die Eiswürfel in ihrem Glas knackten. Das, dachte ich, das ist der Moment des Widerstands. Den braucht jede Geschichte. Man kann nicht mir nichts, dir nichts Altes zurücklassen und sich zu anderen Ufern begeben. Man muss zweifeln, mit sich hadern, nachts wach liegen, abwägen, Argumente für und wider führen, sich die Haare raufen, zu einer Entscheidung kommen, diese wieder verwerfen. Kurz: Man kann nicht einfach Ja sagen.
Patrizia sagte einfach Ja.
Und jetzt haben wir den Salat.

5
Etwa 10 000 Dinge besitzt der Durchschnittseuropäer, und was hatte ich mich darauf gefreut zu entrümpeln. Fast vierzigmal war ich in meinem Leben umgezogen und hatte dennoch so viel Zeug angehäuft, dass ich inzwischen zu ersticken drohte. Ich sah keinen Besitz, der mein Leben schöner machte, ich sah Fesseln. Bevor es also vom Parkett auf den Asphalt ging, musste der ganze Kram weg. Um hochsteigen zu können, mussten wir Ballast abwerfen.
Zu diesem Zeitpunkt war es noch gar nicht so lange her, dass die Wohnung meiner Großmutter hatte geräumt werden müssen, weil sie in ein Altersheim zog. Großvater war bereits ein paar Jahre tot. Zuvor führten die beiden ein Eremitenleben. Sie fuhren nie in den Urlaub, ja, sie gingen sogar kaum aus dem Haus. Dennoch hatten sie es über die Jahre geschafft, so viele Dinge anzuhäufen, dass man damit einen Trödelladen hätte eröffnen können.
Großvater hatte zum Beispiel im Bastelkeller 36 Besenstiele gebunkert, fünf Kilo Vorhängeschlösser, 25 Schraubenzieher etc. etc.
Großmutter war in der Zwischenzeit auch nicht untätig gewesen. Jede noch so kleine Ritze der sowieso schon kleinen Zweizimmerwohnung war vollgestopft. Teilweise steckte der Kram noch in seiner Verpackung und hatte Preise aus D-Mark-Zeiten dran: Klamotten aus den Sechzigern und Siebzigern, Bettwäsche, Teeservice und massenhaft Konserven für den Fall, dass die Zeiten wieder schlechter werden würden.
Es dauerte Wochen, die Wohnung zu räumen. Verantwortlich dafür war mein Stiefvater, und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie er zwischen all dem Zeug saß und nicht mehr weiterwusste, während ich mit nicht angebrachter Belustigung auf dieses Spektakel schaute.
Und jetzt ging’s mir in Hamburg ganz genauso. Das nennt man Karma.
Das Bunkern und Horten meiner Großeltern war halbwegs verständlich. Die beiden gehörten zur Kriegsgeneration. Sie waren Vertriebene, hatten immer Angst, nicht genügend zu haben. Diese Sichtweise war uns natürlich völlig fremd.
Der amerikanische Komiker George Carlin sagte mal sehr passend, ein Haus sei ein Ort, wo man sein ganzes Zeug aufbewahre, während man rausgehe, um noch mehr Zeug ranzuschaffen.
Da hält man sich für einen Minimalisten und dann so was. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass sich der Mensch immer der Größe seiner Umgebung anpasst. Vielleicht ist es aber auch nur einfach so, dass meine Freundin recht hatte und ich tatsächlich ein Messie bin.
Die Möbel waren dabei das kleinste Problem. Bei Büchern wurde es schon viel schwieriger, aber so richtig knifflig war der Kleinkram, der am Ende vielleicht den Löwenanteil ausmacht. Der müllt die Wohnung zu mit lauter Wechseln auf die Zukunft, die nie eingelöst werden und einem gerade deswegen ein schlechtes Gewissen machen. Der Aquarellkasten, immer noch verpackt, mit dem man seit Jahren umzieht. Die Russischlehrbücher, die man endlich mal wieder angehen sollte. Die verstaubte Gitarre, an der doch möglicherweise noch eine Karriere als Rockstar hängt, auch wenn man nicht einen einzigen Akkord spielen kann.
Es ist unheimlich schwer loszulassen. Es ist eine Kunst.
Man muss sich von Möglichkeiten verabschieden. Von diesen Dingen, über die man lieber nachdenkt, als sie tatsächlich in Angriff zu nehmen.
Und dann war da auch noch diese Peitsche, bestes Beispiel. Fast zwei Meter lang, aus Leder. Ich hatte sie in einem Souvenirshop in der ungarischen Puszta geklaut. Ich war sechzehn Jahre alt und betrunken vom hervorragenden Rotwein. Diese Peitsche schleppte ich nun also schon seit, Moment, 27 Jahren mit mir rum. Hatte ich in all den Jahren auch nur einen einzigen Menschen damit ausgepeitscht?

6
Immerhin, das Auto hatten wir bereits.
Wir wollten weder ein Wohnmobil (zu auffällig, zu teuer) noch einen bunten VW-Bus (nur zu teuer), sondern ein Auto, das so billig in der Anschaffung war, dass es sich tatsächlich lohnte, keine Miete zu zahlen. Auf eBay Kleinanzeigen suchte ich nach einem Minivan, sprich einem Kleinbus.
In den USA – wo sonst? – gibt es bereits ein ganzes Heer von Menschen, die in ihren Autos leben und arbeiten. Die einen machen das aus Not, weil die Mieten in den Großstädten explodieren; alleine in Los Angeles an der Westküste sollen 16 000 Menschen im Auto leben. Die anderen sind auf der Suche nach einem alternativen Lebensmodell. Sie nennen sich Rubber Tramps, Vanlifers oder Vandwellers. Es gibt sogar ein jährliches Treffen, organisiert von einem Mann in den Sechzigern, der im Netz die Vorzüge des mobilen Lebens predigt. 2010 fand das „Rubber Tramp Rendezvous“ zum ersten Mal statt, mit gerade mal 45 Teilnehmern. Acht Jahre später, 2018, kamen in der Wüste von Arizona bereits 5000 moderne Vagabunden zusammen.
Also irgendwie passend, dass wir uns zuerst ein amerikanisches Auto anschauten, einen Chrysler Grand Voyager: sieben Sitze, Typ Familienkutsche, getönte Scheiben, 155 PS.
Der Wagen stand in Hamburg-Stellingen, und der Verkäufer war froh, endlich einen Interessenten zu haben, der nicht gleich mit „was letzte Preis?“ um die Ecke kam. Allerdings war das Auto bereits abgemeldet, eine Spritztour über die nahe Autobahn war leider nicht drin. Ich öffnete die Motorhaube, schaute rein. Legte mich unter das Auto und suchte nach Lecks. Nicht, dass ich wirklich Ahnung von Autos hätte, aber so was sieht gut aus. Anschließend drehten meine Geliebte und ich ein paar Runden durch die Nachbarschaft.
„Und“, fragte Patrizia, „wie fährt er sich?“
„Hervorragend. Übermotorisiert. Automatikgetriebe, schön erhöhte Position. Ich fühle mich wie ein amerikanischer Rentner.“
„Wahnsinnig bequeme Sitze“, lobte Patrizia.
„Und viele Fenster.“
„Das Lenkrad ist ja geil! Hast du das schon gesehen?“
Ich schaute, musste lachen. Das Steuer war mit einem schwarzen Lenkradschutz überzogen, der mit zwei goldenen Totenköpfen verziert war.

Zu Hause setzten wir uns auf den Balkon. Die Luft war lau, wir öffneten zwei Bier, schauten in den großen Innenhof. Ein Eichhörnchen lief hektisch über die Äste einer Kastanie. In hundert Metern Entfernung war bereits die nächste Häuserzeile zu sehen.
Wir diskutierten den Chrysler.
„Was ist dein Eindruck?“, fragte Patrizia.
„Als ich die Schiebetür aufgemacht hab, dachte ich mir, da kann man sehr gut drin schlafen. Platz genug.“
„Hast du angefangen zu träumen?“
„Ja.“
„Ich find es super, dass es ein altes Auto war. Ein neues fänd ich idiotisch, ist doch viel ökonomischer, eins zu nehmen, das schon 21 Jahre auf dem Buckel hat.“
Vor ein paar Jahren bin ich mit dem Fahrrad von Israel nach Berlin gefahren, vier Monate, 5000 Kilometer. Ein paar Hobbyradfahrer meinten zuvor, für so ein Rad musst du schon ein paar Tausender lockermachen, du musst trainieren. Ich kaufte mir ein Stahlrad, das noch in „Westdeutschland“ hergestellt worden war, zahlte schlappe neunzig Euro und fuhr los.
Trotzdem kam der Widerstand jetzt von mir. So viel zum Thema aus der Vergangenheit lernen.
Der Chrysler war 21 Jahre alt, hatte 300 000 Kilometer auf der Uhr, und der Motor schwitzte Öl. Die Klimaanlage war kaputt, der Tempomat sowieso, und außerdem sollte man nie das Auto kaufen, das man sich zuerst anschaut.
Aber das waren alles Einwände, die meine Geliebte nicht im Geringsten interessierten. Mit einem ordentlichen Zug trank sie ihr Bier aus und stellte die leere Flasche auf den Tisch.
„Ich kann mir sehr gut vorstellen, mit dir rumzutuckern und Musik zu hören. Und dann hab ich mich erschreckt: Wenn es so einfach ist, etwas zu verändern, dann müsste man ja viel öfter was verändern. Aber gut, vielleicht kommt noch viel Scheiß auf uns zu. Die Autofrage macht es nur so merkwürdig real, dass ich mir grade denke: krass.“
„Also machen oder sein lassen?“
„Ich trau mich fast nicht zu antworten, aber ich würd sagen: machen.“
Was konnte schon schiefgehen, vor allem bei einem Kaufpreis von 650 Euro?
Natürlich, wenn man anfängt nachzudenken, fallen einem hundert Sachen ein. Also: nicht nachdenken. Manchmal muss man sich einfach selbst überrumpeln, sonst hat man den Finger immer in der gleichen Soße.

7
Zwecks Inneneinrichtung unseres neuen Heims schaute ich mich ein wenig auf Facebook um und fand zu meiner Überraschung sehr viele Gruppen, die sich nicht nur mit dem Thema Vanlife beschäftigen, sondern auch damit, wie man das Auto am besten wohnlich herrichtet: Living in a Van, Mikrocamper & Selbstausbauten – die Welle aus den USA war bereits nach Deutschland geschwappt.
Ich bekam große Augen. Teilweise erinnerten mich die Einrichtungen an die Designs in Hochglanzmagazinen. Gerade für den Stauraum gab es ausgetüftelte Systeme. Tische, die man rausziehen konnte. Betten, die hochklappbar waren. Dazu alles über Isolierungsmaterial und Heizung. Manche hatten kurzerhand einen kleinen Kanonenofen in ihrem Mercedes-Bus verbaut. Lösungen für Licht und Kühlung und Vorschläge für Schränke und Regale.
Ich war baff. Ich war neidisch.
Allerdings hatte ich weder Lust noch das Geld, um so viel in den Innenausbau zu investieren. Da würden wir ja nicht vorm nächsten Jahr loskommen. Und tatsächlich machen das viele so. Erst eine ordentliche Suche nach einem anständigen Gefährt, dann der gründliche Aus- oder Umbau. Na ja, ich sollte hier vielleicht auch gestehen, dass ich zwei linke Hände habe.
„Und was machen wir dann in Sachen Einrichtung?“, fragte Patrizia, während wir die Küche ausräumten.
„Keine Ahnung“, antwortete ich.
„Übrigens werde ich die Tage mal nach Hause fahren müssen.“
„Den Eltern Bescheid geben?“
Patrizia nickte.
„Oha“, sagte ich.

8
Wir bereiteten den Chrysler für seinen neuen Einsatz vor: schrubben, wischen, saugen, putzen, die hinteren Sitze ausbauen und loswerden. Das wollten wir bei einem Altautohändler erledigen. Eine gute Gelegenheit für Patrizia, sich mit dem Wagen vertraut zu machen. In der ganzen Zeit, in der wir zusammen waren, hatte ich sie kaum Auto fahren sehen. Sie setzte sich auf den Fahrersitz und wirkte ebenso ahnungslos, als wäre sie auf der Kommandobrücke des Kampfsterns Galactica.
„Wie geht das denn jetzt?“
„Nein, nein, nein! Das ist Automatik, da steigt man nicht mit dem linken Fuß drauf.“
„Ach, das ist Automatik?“
„Wie, das wusstest du nicht?!“
„Doch, doch. Hab nur grade nicht dran gedacht, jetzt stress mich nicht. Also?“
„Gott im Himmel! Jetzt erst mal die Zündung.“
„Fredy! Mach das nett mit mir und nicht so pseudocool. Es ist ja nicht so, dass ich noch nie ein Auto angemacht hab. Also, wie geht’s weiter? Wie fährt das Ding los?“
„Schau mal, hier ist ein Knopf. ›Unlock‹, da musst du draufdrücken. Jetzt kannst du starten.“
„Und ich bleib einfach auf der Bremse.“
„Jetzt ziehst du den Hebel nach unten.“
„Das ist ja voll die Höllenmaschine.“
„Auf D!“
„Ach so.“
Ich konnte kaum aufhören zu lachen.
„Du bist so gemein, ich fahr dich gleich um, sobald ich das Ding unter Kontrolle hab.“
„So, jetzt einfach geradeaus.“
Patrizia rollte los.
Ein paar Minuten später tauchten zwei Radfahrer auf, sie musste sie überholen, die Straße war breit genug.
„Mir bricht schon der Schweiß aus.“
„Für diesen Fall hab ich was mitgenommen, wusste jahrelang nicht, für was ich das benutzen soll.“ Ich kramte in meiner Hosentasche und holte einen kleinen Lederbeutel mit Reißverschluss hervor, den ich irgendwo am Straßenrand in der Nähe von Belgrad gefunden hatte.
„Was ist das denn?“
„Ein Rosenkranz.“ Ich wickelte ihn um den Rückspiegel. Das Kreuz baumelte hin und her. „Gott schütze uns.“
„Du bist so ein Depp! Den hast du bei dir noch nie aufgehängt!“

Die Sitze wurden wir ohne Probleme los, zahlten fünfzehn Euro dafür, und auf einmal war jede Menge Platz im Auto. Patrizia und ich legten uns auf den nackten Boden, man konnte sich komplett ausstrecken. Vielleicht überschätzten wir den Platz auch ein wenig, denn ich fantasierte bereits von Ikea-Regalen, die wir reinstellen könnten. Dank meiner zahlreichen Umzüge war mir inzwischen auch eine schnelle und kostenlose Lösung für Unterbau und Stauraum eingefallen.
Platz war nun also da, aber wir mussten weiter ausmisten. Bis wir im Auto schlafen konnten, war es noch weit hin. Dabei lief uns die Zeit davon, die Wohnung war bereits gekündigt.

9
Ausgerüstet mit einem Maßband gingen Patrizia und ich in den großen Edeka-Supermarkt in der Rindermarkthalle in der Nähe des St.-Pauli-Stadions.
„Meinst du, die haben hier genügend?“
„Keine Ahnung.“
Wir suchten und fanden einen Mitarbeiter in der Obst- und Gemüseabteilung. „Entschuldigen Sie“, sagte ich. „Wir bräuchten ein paar leere Bananenkisten, haben Sie welche?“
Der Mitarbeiter nickte und zeigte auf den Stapel in einer Ecke neben der Pfandrückgabe. Ausgezeichnet.
„Und da können wir uns so viele nehmen, wie wir brauchen?“
„Kein Problem“, antwortete er und ging auch schon wieder seiner Arbeit nach.
„Dann wollen wir doch mal sehen.“ Ich legte das Maßband an eine Kiste an.
„Das sind ja eine ganze Menge“, sagte Patrizia.
„Und wahnsinnig stabil. Damit habe ich schon alles durch die Gegend geschleppt. Okay … dreißig Zentimeter breit und vierzig lang. Und die Liegefläche im Auto ist 1,20 auf zwei Meter. Macht also vier Reihen à drei Kisten.“ Ich strahlte Patrizia an, genau so hatte ich mir das vorgestellt. „Perfekt.“
„Wir brauchen also zwölf Stück, ganz schön viel.“ Patrizia zählte durch. Es waren genügend da. Wir schnappten uns ein paar und wankten damit zurück auf den Parkplatz. Dann wiederholten wir das Ganze.
Ab und zu findet man ja in Bananenkisten eine nicht abgeholte Drogenlieferung aus Südamerika und ist auf einen Schlag reich. Dieses Glück hatte ich auch diesmal nicht.

Tiny Houses

Blick ins Buch
Glück ist in der kleinsten HütteGlück ist in der kleinsten Hütte

Unser Traum vom Tiny House

Der Tiny-House-Trend ist die Lösung für preiswertes Wohnen mit Stil Noch vor einem Jahr drehte Nicole einfach die Heizung höher, wenn ihr kalt war – heute geht sie raus, um Holz für den Kamin zu hacken. Damals traf man sich in der Bar gleich nebenan – heute sitzen sie und ihr Mann lieber mit Freunden um ein Lagerfeuer und bestaunen die Sterne. War Nicole früher oft ausgebrannt und müde, hat sie heute nur dann Augenringe, wenn der Hahn morgens um fünf zu krähen anfängt. Was als Schnapsidee zweier Großstädter begann, wurde für Nicole und Carsten zum Upcycling-Traum mitten in der Natur: In vielen Stunden Handarbeit verwandelten sie einen alten Bauwagen in ein gemütliches Zuhause vor den Toren Hamburgs und wurden damit zu Vorreitern der Tiny-House-Bewegung, die immer mehr Anhänger findet.

Prolog

Zwischen Chaos und Lebensfreude

Es ist eiskalt, windig, und es regnet. Ich versuche verzweifelt, den Kamin anzuwerfen. Doch statt gemütlich knisternder Wärme bekomme ich einen dicken Schwall Rauch ins Gesicht. Meine Augen brennen, ich huste, der Kohlenmonoxidmelder schreit los, als gäbe es kein Morgen. Zehn Quadratmeter sind eben schnell komplett verqualmt, wenn unaufhörlich Rauch nachströmt. Ich reiße die Tür auf, um den giftigen Schwaden zu entkommen. Von draußen strömt frische Luft herein. Meine Lungen freuen sich, aber dadurch wird es noch kälter in meinem neuen Zuhause. Was jetzt? Tod durch Kälte? Oder lieber durch Rauch? Eine schwere Entscheidung. Erst mal setze ich den lärmenden Melder vor die Tür. Ich weiß, da gehört er nicht hin. Es hat schließlich einen Grund, dass er gerade jetzt zur Höchstform aufläuft. Aber ich kann kaum denken bei dem Krach, und dass ich den Kamin irgendwie davon überzeugen muss, den Rauch nach oben hinauszublasen und nicht nach unten ins Wohnzimmer hinein, das ist mir inzwischen auch ohne technische Gerätschaften klar. Höchst dilettantisch schütte ich eine Flasche Wasser in die Luke des Kamins, um die Glut zu killen. Langsam hört es auf zu rauchen. Erst gestern haben wir das Ofenrohr gereinigt. So ein verdammter Mist, wieso zieht das blöde Ding denn jetzt nicht? Ist es der Wind? Heute bläst er stark von Osten, anstatt aus südlicher Richtung wie in den Wochen zuvor. Liegt es daran? Ehrlich gesagt, habe ich überhaupt keine Zeit, mich darum zu kümmern. Ich bin schließlich gerade im Home Office und habe noch einiges an Arbeit vor mir. Das Heizungsproblem muss bis nach Feierabend warten. Hoffentlich findet sich dann eine Lösung, der Winter hat doch gerade erst begonnen. Ich wickle mir eine dicke Wolldecke um die Beine und setze mich bei geöffneter Bauwagentür wieder vor meinen Laptop. Dann schreibe ich den Artikel für den Kunden eben unter Zähneklappern fertig. Kurz, aber wirklich nur ganz kurz, wünsche ich mich zurück in die beheizten Räume meiner Stadtwohnung. Die Heizung dort rauchte nie. Aber sie knisterte abends auch nicht so schön, wie das unser Ofen tut – solange der Wind aus Süden weht.

Ein paar Hürden gibt es immer auf dem Weg zum Glück. Erst recht, wenn das eigene Glück darin besteht, sehr viele Dinge zum ersten Mal zu tun. Ein wenig Trial-and-Error gehört da zum Programm. Doch wie viel Error ist erträglich? Unser selbst gebautes Tiny House ist noch nicht einmal halb fertig. Das geplante Schlafloft, mit dem wir unseren acht Meter langen Bauwagen um eine Etage erweitern wollen, ist nur ein kahles Gerüst, der Zugang zur zweiten Hälfte der unteren Etage ist mit einem Brett vernagelt. Dort fehlen noch Wände, der Boden ... na ja, eigentlich alles. Nur der kleine Bereich, in dem ich fröstelnd vor dem Laptop sitze, ist einigermaßen isoliert – und nun voller Rauch. Weitere Rückzugsmöglichkeiten gibt es nicht. Sieht so nun mein Leben aus? Ist das der Traum vom Tiny House auf dem Land? Warum wollte ich noch mal raus aus meinem gemütlichen, fertigen Stadtnest mitten in Hamburg-Altona? Aus unserer kleinen, aber muckeligen Wohnung mit fließendem Wasser und einer Badewanne? Die Badewanne! Oh, wäre das jetzt schön, so ein warmes Schaumbad. Ich habe aber keine Badewanne mehr. Um ehrlich zu sein, reicht es nicht mal für ein Fußbad. Wenn ich Wasser will, muss ich hundert Meter durch den Regen und über eine matschige Wiese gehen, um mir in der alten Bauernküche des Hofgebäudes ein paar Flaschen oder Eimer aufzufüllen. Und wenn ich schon mal dort bin, gehe ich am besten auch gleich mal aufs Klo. Das gibt’s in meinem neuen Zuhause nämlich auch noch nicht. Beim Urlaub auf einem Campingplatz macht einem das ja schließlich auch nichts aus. Nur ist das hier kein Urlaub, es ist mein Alltag, mein Leben. Manchmal kommen mir in solchen Momenten Zweifel. Haben wir uns zu viel vorgenommen? Ja, die jetzige Situation ist ein Zwischenschritt, die Bauphase läuft. Es wird irgendwann fließendes Wasser geben, eine funktionierende Küche, ein eigenes Klo. Aber hätten wir unser neues Heim nicht lieber erst fertig bauen sollen, anstatt mitten im Winter in eine halb fertige Baustelle zu ziehen? Es sollte ein Abenteuer werden. Ich sehe, wie mein Atem vor meinem Mund weiße Wölkchen in der Kälte bildet, während ich am Laptop sitze.

Ein Abenteuer. Das ist es geworden.

Die Sorge ist dabei meine ständige Begleiterin, an deren raunende Stimme ich mich langsam gewöhnt habe. Ich mache mir Sorgen, ob meine handwerklichen Fähigkeiten genügen und ob meine Zeiteinteilung aufgeht. Nicht ein einziges Mal aber habe ich in den vergangenen Wochen meine grundsätzliche Entscheidung für dieses Leben infrage gestellt. Denn trotz qualmender Öfen und nächtlicher Wanderungen zum Klo gehe ich in diesem reduzierten Lebensstil zwischen grünen Feldern, baumgesäumten Landstraßen und dem scharfen Wind des Wendlandes richtig auf.

Der Kohlenmonoxidmelder hat inzwischen auch aufgehört zu pfeifen.

Wenn ich nicht vor dem Laptop sitze und als PR-Beraterin Texte schreibe und Kampagnen gestalte, baue ich mit meinem Mann Carsten am Haus. Ständig, bei Wind und Wetter, es soll ja fertig werden. Das Wort Freizeit bedeutet für uns seit Monaten lediglich freie Zeit von unseren eigentlichen Jobs. Wochenendtrips, Kinobesuche oder einfach mal nichts tun sind im Moment nicht drin. Darauf verzichte ich aber gerne, wenn ich dafür neue Erfahrungen sammeln darf. Und wenn es nur die Erkenntnis ist, dass sich die meisten meiner Sorgen beim Praxistest immer wieder in Luft auflösen.

Wir sind keine Tischler, haben keine handwerkliche Ausbildung – YouTube-Tutorials zählen nicht, oder? Carsten ist selbstständiger Heilpraktiker, und ich arbeite für eine Kommunikationsagentur in Hamburg. Sollten also gerade wir mit unseren eigenen Händen ein Haus bauen? Während wir bereits darin wohnen? Im Winter? Mit ein paar qualitativ fragwürdigen Werkzeugen von Ebay-Kleinanzeigen und lauter recycelten Materialien, die krumm und mit Nägeln gespickt sind? Vielleicht nicht unbedingt. Haben wir dabei gleichzeitig den Spaß und auch den Stress unseres Lebens? Auf jeden Fall! Stellen wir dabei jeden Tag aufs Neue fest, dass unsere körperlichen und geistigen Grenzen meist nur in unseren Köpfen existieren? Aber sicher! Wir haben gelernt, dass „Ich kann das nicht!“ eigentlich nur „Ich habe das noch nie gemacht und traue mich nicht“ bedeutet. Also trauen wir uns einfach mal was. Das hat damals mit dem Bulli und unserem Wunsch nach Veränderung ja auch geklappt. Also fast ...


Mein brummendes Wohnzimmer

Vor dem Rauch, dem Leben auf dem Land und im Tiny House ist einfach alles irgendwie festgefahren. Jeder Tag fühlt sich gleich an. Ich wohne mit Carsten in einer kleinen Zweizimmerwohnung in Hamburg, mitten in Altona, und habe eine 40-Stunden-Woche in einer Agentur. Am Anfang ist es spannend. Der Irgendwas-mit-Medien-Job, das trendige Szeneviertel, an jeder Ecke coole, kleine Bars und Lädchen mit coolem, kleinen Nippes. Immer ist etwas los, ein buntes Treiben aus Menschen. Doch dann gehen ein paar Jahre ins Land, und etwas in mir ändert sich. Ich gehe nicht mehr in die Bars und auch nicht mehr in die Lädchen. Das bunte Treiben wird zu einem anstrengenden, hektischen Rauschen. Ich habe das Gefühl, nur noch vor dem Computer zu sitzen, und selbst am Wochenende ist es höchstens ein bisschen Haushalt, ein bisschen Einkaufen, vielleicht mal noch die Freunde treffen. Aber auch dazu habe ich kaum noch Lust und Energie. Das ist ohnehin das Hauptproblem. Wo ist auf einmal meine Energie hin? Früher konnte ich kaum still sitzen, wollte immer losziehen, Menschen treffen, Abenteuer erleben. Stattdessen bin ich auf einmal zu dem geworden, was ich bei anderen Menschen immer anprangere: ein selbstmitleidiges Opfer meiner Unfähigkeit, das Leben in die eigene Hand zu nehmen. Dieses ständige Nörgeln und Unzufriedensein, ohne jemals wirklich etwas daran zu ändern. Wie war das nur passiert? Ich hatte auch schon zuvor immer mal Phasen, in denen ich mich nicht mehr wohlfühlte. Mein Patentrezept dagegen: umziehen, alle Brücken abreißen, neuer Ort, neue Wohnung, neuer Job. Alles auf Anfang und wieder neue Erfahrungen sammeln. In zweiunddreißig Lebensjahren bin ich bereits elfmal umgezogen. Diesmal fühlt sich diese Option aber falsch an. Ich finde Hamburg eigentlich trotz der Hektik nach wie vor interessant. Auch mein Job gefällt mir, nur eben nicht in diesem zeitintensiven Ausmaß. Dadurch habe ich auf einmal eine örtliche Bindung, die ich früher so nicht kannte – auch durch Carsten. Als Heilpraktiker für chinesische Medizin hat er sich über die Jahre schließlich seinen Patientenstamm in Hamburg aufgebaut. Außerdem: Was wäre denn die Alternative? Gibt es einen anderen Job, den ich machen möchte? Und wie sähe der aus? Wo will ich leben? Kurz und knapp: Wie soll es weitergehen? Einfach den Kopf in den Sand stecken oder sich lieber wie ein Erdmännchen neugierig aufrichten und Ausschau nach dem nächsten Coup halten, oder Feind, was eben gerade da ist? Ich wähle das Erdmännchen. Ich schaue mich um und spüre, dass ich gerne Hilfe hätte, vielleicht auch einfach nur einen Schubs in die richtige Richtung. Etwas, das mich aufrüttelt.

„Du bist eigentlich die Königin des Waldes, versteckst dich aber unter dem Deckmantel eines Gnoms“, höre ich Alex sagen. Ich strecke mich und blinzle. Wie war das gerade? Bis eben lag ich noch auf einer Liege, während Alex mit den Händen über meinen Körper gefahren ist und mir dabei Fragen stellte. Wie fühlt sich das an? Atmest du tief durch, oder hältst du die Luft an? Wenn ich deine Schläfen berühre, spürst du etwas an deinen Füßen? Glaubst du, dass dir als Kind ein Engel mit den Flügeln über das Gesicht gestrichen hat? Na gut, den letzten Teil füge ich in Gedanken hinzu. Ich bin etwas nervös. Alex ist Körpertherapeutin. Ihre Methode nennt sich Cranio-Sakral-Therapie. Ich hatte vor meiner Zeit auf Alex’ Liege noch nie etwas davon gehört. Aber auf der Suche nach meinem Schubs landete ich bei ihr. Sie strahlt Ruhe aus, Fröhlichkeit und hat ein offenes Lachen. Ich bin mir nicht ganz sicher, was sie da tut. Ich erzähle ihr davon, dass ich unglücklich bin und nicht weiß, wie ich das ändern kann. Dass ich wütend bin, weil ich mir albern und wehleidig vorkomme. Dass ich noch wütender werde, weil ich nicht weiß, was ich tun muss, um mich nicht mehr so zu fühlen. Sie nickt, hört sich meine Sorgen an, stellt ihre Fragen. Sie fragt nicht, ob ich eine schwere Kindheit hatte oder was andere Therapeuten vielleicht sonst so fragen würden. Das ist gut. Ich bin bei ihr, weil ich nicht gerade der größte Fan von Psychotherapien bin. Ich freue mich, wenn sie anderen helfen. Ich bin aber ein sehr stark körperlich, eher haptisch orientierter Mensch und brauche mehr als nur ein Gespräch, damit sich neue Ideen und Gedanken in mir wirklich entwickeln können. Die Cranio-Sakral-Therapie ist anders als eine Psychotherapie. Sie hat sich aus der Osteopathie entwickelt und verfolgt das Ziel, durch verschiedene Handgriffe den Energiefluss im Körper wieder in sein Gleichgewicht zu bringen. Irgendwie so. Ich bin kein Experte darin. Das klingt erst einmal alles etwas esoterisch. „Die Königin des Waldes“, sag ich da nur. Schon klar. Aber es bleibt nicht bei diesem plakativen Spruch. Wir unterhalten uns viel, und sie hilft mir zu verstehen, was mich treibt und bremst. Sie hilft mir auch zu sehen, dass ich innerlich eigentlich doch ganz gut weiß, was ich will und wer ich bin. Unsere Gespräche entwickeln sich hin zu einer Art Jobcoaching. „Was ist dir das Wichtigste an deinem Job?“, fragt sie. Ich muss nicht überlegen. Na was schon? Vielseitigkeit, Abwechslung. Sie grinst nur. Ich werde rot und winke ab. Das sagt wahrscheinlich jeder. Aber nein. Sie grinst, weil es zu meinem Wesen passt. Die meisten anderen sagen: Sicherheit. Sicherheit? Mein Stichwort! Auf keinen Fall soll das mein oberstes Lebensziel werden! Niemals! Ich will etwas ändern, jetzt, bevor ich auch zu einem Sichherheitsjünger werde. Was habe ich zu verlieren? Ich bin doch sowieso nicht glücklich, es kann doch nur besser werden. Das Tiny House sehe ich noch nicht. Es wird mich später finden. Aber ich sehe einen Wunsch, den ich mir schon seit langer Zeit erfüllen wollte. Einen Bulli. Ein motorisiertes Stück Freiheit.

Schon bevor Instagram & Co. das Vanlife-Hashtag etablierten, fand ich die Vorstellung, mit einem Bulli die Welt zu entdecken, einfach magisch. Totale Flexibilität, keine Pläne – das pure Abenteuer. Alex verabreicht mir den Schubs, den ich brauche, und bringt mir meine Energie zurück. Ich will jetzt wieder impulsiv sein und handeln. Ich will mir das zurückerobern, was mich ausmacht. An die Stelle von Fröhlichkeit, einer „Einfach-mal-machen“-Attitüde, Begeisterungsfähigkeit und Zuversicht sind in den letzten Monaten immer mehr Sarkasmus, Ironie und Misanthropie getreten. Ja gut, ein wenig gehört das auch zu meinem Wesen. Was würde ich nur ohne Ironie machen? Das Leben wäre trist. Aber ab einem gewissen Punkt schwappt es schnell in Bitterkeit über. Dann wird es traurig, und darauf habe ich, salopp ausgedrückt, einfach keinen Bock. Mit achtzig kann ich immer noch bitter werden. So mit Katzen und Nachbarskinder anmotzen. Das wird klasse.

Zurück zum Wesentlichen: der Bulli. Vielleicht klingt das höchst unspektakulär. Wow! Sie kauft sich ein Auto, ist ja mal was ganz anderes! Aber ehrlich gesagt: Genau das ist es! Nach über drei Jahrzehnten auf diesem Planeten ist dies mein erstes, eigenes Auto. Was soll ich sagen? Ich war immer ein Stadtkind. Was willst du da groß mit einem Auto? Es gibt den öffentlichen Nahverkehr, Züge, Carsharing, Mitfahrgelegenheit und so weiter und so fort. Kein Grund, sich mit einem eigenen fahrbaren Untersatz unnötig zu belasten. Bei dem krassen Verkehr bin ich selbst mit dem Fahrrad schneller, und außerdem findet man in der Stadt nie einen Parkplatz. Doch mir geht es nicht mehr nur um ein normales Auto. Ich will eines, das groß genug ist, um darin schlafen zu können. Vielleicht sogar, um darin zu leben. Es macht einfach nur Spaß, im Netz die bunte Bulli-Parade (Autos, nicht den Comedian) zu bestaunen. Soll es ein VW sein oder doch ein Ford? Die haben ja auch ein paar coole Vans. Aber so ein T4 hat schon was. Die perfekte Größe, um auch entspannt durch den Stadtverkehr zu kommen, aber mit langem Radstand auch genug Platz zum Schlafen und Leben. Na gut, ein T4 also. So mit Campingausstattung im California-Modell sind die aber ganz schön teuer. Das hätte ich gar nicht gedacht. Dabei sind die doch auch schon zwanzig Jahre oder älter. Dennoch zehntausend Euro extra nur für ein paar Einbauschränke, Gasherd und Kühlschrank? Das ist eine Ansage. Am besten finde ich ja die Anzeigen „Für Bastler“ oder wenn einfach nur eine ganze Reihe von zu behebenden Mängeln aufgelistet ist. Nee, sorry, Freunde, aber als Autojungfrau habe ich einfach nicht genug Ahnung davon, als dass ich mir gleich zu Beginn ein halb fahrunfähiges Teil aussuche. Uh, was haben wir denn da? Baujahr 2000, metallicblau, ein bisschen PS, um auch wenigstens den einen oder anderen Lkw mal versägen zu können – und der lange Radstand! Super, ein bisschen mehr Platz, um unser ganzes Geraffel einzupacken. Mit der U-Bahn sind es gerade mal zwanzig Minuten zum Halter in Hamburg. Den muss ich mir ansehen. Also den Bulli, nicht den Halter. Der Besitzer und junge Kitesurfer trifft Carsten und mich am Auto. Er und seine Kumpel würden nun doch nicht mehr so oft ans Meer fahren, dass sich so ein Bulli für ihn lohnen würde. Na gut, dann lass uns doch mal eine Runde mit dem Schmuckstück um den Block fahren. Ich steige ein und denke mir: Jetzt verstehe ich, was die Leute immer mit dem hohen Sitzen haben. Bei mir geht es zwar nicht um vermeintliche Alterserscheinungen und die herannahende Hüftarthrose, aber es ist irgendwie hammer, so von oben auf die anderen Verkehrsteilnehmer zu schauen. Muhaha, ich komme mir jetzt schon total mächtig vor. Okay, erst mal wieder ein bisschen beruhigen. Motor an und ... Ähm, wie geht der denn an? Ach so, der hat einen Startknopf. Wo? Hier unten? Ja klar, das wusste ich natürlich. Ich komme mir schon gleich ein bisschen weniger mächtig vor. So ist das im Leben, von wegen hohes Ross. Aber ich kann es fühlen, ich bin jetzt schon verliebt. Ich nehme die Kurven ganz selbstverständlich. Ich hätte irgendwie gedacht, dass sich so ein Bulli schwieriger fährt, wie ein kleiner Lkw eben. Man muss dazu sagen, dass ich bis dahin, wenn überhaupt, mit dem alten Twingo meiner Mutter oder kleinen Leihautos gefahren bin. Aber trotz der Größe des Autos bin ich total entspannt. Im Grunde brauchen wir gar nicht weiterzuschnacken. Kannst du ihn mir gleich zum Mitnehmen einpacken? Ach, den TÜV könnten wir vielleicht noch machen. Unser Kitesurfer gibt uns recht. Das gäbe uns doch ein bisschen mehr Sicherheit, dass auch wirklich alles in bester Ordnung ist.

Zwei Wochen später. Der Kitesurfer und ich treffen uns beim TÜV. Ein paar kleine Mängel hier und da, aber alles im Rahmen. Wieso jetzt ausgerechnet eine schwarze Klebefolie auf den Seitenfenstern als Sichtschutz ein Problem für den TÜV ist, wird mir wohl für immer ein Rätsel bleiben. Aber als alles gerichtet ist, kann ich es kaum erwarten, den Kaufvertrag zu unterschreiben und endlich mit meinem ureigenen Bulli in den Sonnenuntergang zu reiten.

Wir nennen ihn Slow Lori, nach den langsamen Äffchen aus Thailand. Eine Hommage an unsere Form der Fortbewegung: langsam, aber genau, wie und wohin wir wollen. Eines steht allerdings noch an: der Ausbau. Denn die Zehntausend-Euro-Maßanfertigung-Camping-Geschichte fehlt Slow noch. Aber wie schwer kann das schon sein? Und was wird uns so ein Selbstausbau wohl kosten? Geld ist ja im Grunde immer ein Problem. Geld ist vor allem immer eine wunderbare Ausrede. „Ich würde ja gerne mal dies und jenes tun, aber ich kann es mir einfach nicht leisten.“ Das ist praktisch. Jeder fühlt sofort mit, denn Geld haben wir ja alle immer zu wenig. Das muss doch auch anders gehen. Natürlich.

„Carsten, wir müssen los!“, mein morgendlicher Standardgruß ab sofort. Schläfriges Blinzeln, unzufriedenes Grunzen, ein paar blonde Locken schauen unter der Decke hervor. Carsten ist nicht begeistert. Es ist Trüffelzeit! Trüffeln, so nennen wir unsere Sammelattacken, wenn wir gebrauchtes Material zum Bauen organisieren. Noch sind wir völlig ahnungslos, dass das Trüffeln für unser Tiny House eine wichtige Rolle spielen wird. Meine Suchaufträge bei eBay-Kleinanzeigen haben heute mal wieder ein paar super „Zu Verschenken“-Angebote gemeldet. Plexiglas, geil! Das können wir für die Zwischenwand zwischen Fahrerkabine und Schlafbereich nehmen. Ein paar Holzpaneele, perfekt! Nach der Isolation verkleiden wir damit den Innenraum. Das wird irre gemütlich, wie ein Mini-Wohnzimmer. Und da sind auch noch zwei Packungen Laminat. Das müsste genau reichen. Los, anziehen und ab dafür! Sonst ist es vielleicht schon weg. Unser neues Hobby frisst zwar Zeit, versorgt uns aber mit so ziemlich allem, was wir für den Ausbau benötigen. Besonders in größeren Städten wie Hamburg ist es gar kein Problem, ausreichend Material zu finden. Viele Leute haben wegen der hohen Mieten und Grundstückspreise nur kleine Wohnungen. Die halten es nur bis zu einem gewissen Grad aus, wenn man sie mit lauter ungenutzten Dingen vollstellt. Irgendwann ist eben kein Platz mehr. Dann heißt es: Weg damit, und jemand anderes kann sich darüber freuen.

Weniger ist mehr

Blick ins Buch
Loslassen – Wie ich die Welt entdeckte und verzichten lernteLoslassen – Wie ich die Welt entdeckte und verzichten lernteLoslassen – Wie ich die Welt entdeckte und verzichten lernte
Als Katharina Finke nach der Trennung von ihrem langjährigen Freund ihren Mietvertrag kündigt, entschließt sie sich, alles loszulassen, was sie bindet. Sie verschenkt und verkauft beinahe ihren ganzen Besitz und macht das Reisen zu ihrem Alltag. Als moderne Nomadin arbeitet sie rund um den Globus, lebt aus dem Koffer und wohnt auf Ausklappsesseln und in Luxusappartements. Sie lernt, ihren Impulsen zu trauen und ihre Ängste zu erforschen; schätzt die Erfahrungen, die sie unterwegs sammelt, und das intensivere Lebensgefühl, das sie durch die Befreiung von materiellen Dingen verspürt. Sie erlebt, wie radikale Freiheit überglücklich und zutiefst einsam macht. Dies ist ein Buch darüber, was es heißt loszulassen. Und woran es sich lohnt festzuhalten.

Loslassen


Fast alles, was ich besitze, passt auf eine Buchseite. Bis auf wenige Ausnahmen sind dies Dinge, die ich wirklich brauche: zwei Mäntel, zwei Jacken und zwei Blazer; drei Jeans, zwei Stoffhosen, acht Röcke und zwei Dutzend Kleider; ein Paar robuste Schuhe für den Winter, zwei mit Absätzen, zwei leichtere für den Sommer, Sandalen und Sportschuhe; Socken, Strumpfhosen, Unterwäsche, Sportklamotten; ein Bikini, eine Sonnenbrille, zwei Gürtel, eine Mütze und ein paar Schals; Haarbürste, Zahnbürste, eine Handvoll Kosmetikprodukte sowie Schmuck; ein Fön, zwei Handtücher, ein Schlafsack und ein Bügeleisen, alles in der Reisevariante; außerdem Strickjacken und Pullis, Kurz- und Langarmshirts sowie ein paar Blusen und Tunikas; zwei große und eine kleine Handtasche, ein Geldbeutel, ein Rucksack und ein paar Jutebeutel; zwei Reisepässe; ein Thermobecher, ein Korkbehälter für Salz; Notizbuch, Recherche- und Finanzunterlagen, ein paar Stifte; Kopfhörer und eine Schlafbrille; Adapter für Smartphone, Kamera und Laptop, auf dem sich auch meine digitale Bücher- und Musiksammlung befindet; dazu noch ein paar gedruckte Bücher, die ich nach dem Lesen wieder gegen neue tausche. Das einzige Stück, das nicht in mein Reisegepäck passt, ist mein Rennrad. Alles andere, selbst mein Kung-Fu-Schwert und die Kung-Fu-Schuhe sowie eine bunte Decke aus Bali kann ich in einer Tasche und einem Koffer verstauen, wenn ich unterwegs bin.
Des Weiteren besitze ich einen Koffer und einen Umzugskarton mit Erinnerungsstücken, die ich bei meinen Eltern untergestellt habe. Darin: ein Tennisschläger, antikes Geschirr und Fotos. Eine Wohnung habe ich nicht. Genauso wenig wie Möbel oder ein Auto. Und das alles ist kein Experiment oder eine Übergangslösung. Es ist mein Alltag seit fast fünf Jahren.
Das Komische ist: Jetzt, wo ich aufschreibe, was ich alles besitze, kommt es mir vor, als wäre es viel. Dabei ist es nur ein Bruchteil dessen, was die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt besitzt: Zehntausend Gegenstände nennt beispielsweise jeder Deutsche laut einer Statistik sein Eigen. Tendenz steigend.
Bei mir war das früher genauso. Bis zum Sommer 2012. Damals saß ich in einem winzigen Zimmer direkt unter dem Dach eines alten Hauses in Lissabon, als plötzlich eine E-Mail auf meinem Laptop-Bildschirm aufpoppte: „Katharina, ich will umziehen. Was sollen wir mit unserer Wohnung machen?“, fragte mich Arjun, von dem ich seit einigen Monaten getrennt war, der aber noch in unserer gemeinsamen Mietwohnung in Hamburg lebte.
Meine Bleibe in der portugiesischen Hauptstadt hatte ich Ana zu verdanken, die ich dort über Freunde kennengelernt hatte. Sie bot mir an, in ihrer Dreizimmerwohnung unterzukommen. Allerdings war nur noch die Abstellkammer frei. Für mich kein Problem. Doch Xavi aus Spanien, der das angrenzende Zimmer bewohnte, machte sich darüber lustig. „Loca Alemana – verrückte Deutsche“, nannte er mich. „Auf drei Quadratmetern leben und arbeiten – das ist doch nicht normal!“
Das war der kleinen, zierlichen Ana unangenehm, weil sie selbst Architektin war, und so versuchte sie, die Kammer für mich wohnlicher und bequemer zu machen: Sie gab mir einen Stuhl, damit ich mich an den kleinen Tisch unter dem winzigen Dachfenster setzen konnte, auf den gerade so mein Laptop und eine Tasse passten.
„Deine Sachen kannst du in dem eingebauten Schrank unterbringen“, sagte sie und organisierte mir später noch zwei schon etwas in die Jahre gekommene Campingmatratzen mit Blumenmuster in den Farben der portugiesischen Flagge: rot und grün. „Damit kannst du bestimmt besser schlafen!“
Ich schichtete die Unterlagen auf einen Sessel, den ich jeden Abend ausklappen musste, um darauf zu nächtigen. Dann gab es allerdings keinen Platz mehr zum Stehen oder Sitzen. Auch die Tür der Kammer ging dadurch nicht mehr auf, was mich jedoch freute, weil ich so etwas ungestörter war, denn zu meinem Zimmer gab es keinen Schlüssel und es konnte jederzeit jemand hereinplatzen. Privatsphäre hatte ich also nur bedingt. Meine Mitbewohner kamen vor allem immer dann, wenn das Internet ausfiel und sie den Router, der in meinem Zimmer stand, wieder in Gang bringen wollten. Und das geschah häufiger, da wir direkt neben Sé, der Kathedrale von Lissabon, in einem Viertel wohnten, wo viele der alten Bauten keine gute Netzabdeckung hatten.
Schockiert von Arjuns E-Mail saß ich noch immer ratlos vor meinem Laptop, als Ana bei mir hereinschaute.
„Tudo bem? – Alles klar?“, fragte sie besorgt.
„Pois … – Also …“, begann ich zögernd, und sie fragte auf Englisch weiter: „Was ist los, K?“
Dann erzählte ich Ana von Arjuns Nachricht. Sie schlug sofort vor, in unser Lieblingscafé zu gehen. Es lag nur wenige Schritte von Anas Wohnung entfernt, direkt an der Kathedrale. Dort setzten wir uns draußen in die Sonne und bestellten wie immer einen Garoto, Espresso mit einem Schuss warmer Milch, und Ananassaft mit frischer Minze. Es roch nach Meer, der Wind wehte salzige Luft den Tejo hinauf, an dessen Ufer die portugiesische Hauptstadt liegt. Die berühmte Straßenbahn Nummer 28 ratterte an uns vorbei und einen der sieben Hügel Lissabons hinauf zum Castelo. Das alte gelb-weiße Gefährt war vollgepackt mit Touristen, die pausenlos fotografierten. Als die Bahn vorüber war, zündete Ana sich eine Zigarette an, blies den Rauch in die vor Hitze flirrende Luft und fragte mich: „Hat dich seine E-Mail überrascht?“
„Sehr, so etwas hatte ich von Arjun nicht erwartet.“
Der wesentliche Unterschied zwischen uns war, dass ihm oft die Vorstellung von etwas ausreichte, ich es aber wirklich erleben wollte. „Ich will später nicht sagen: Das wollte ich auch immer machen – und es am Ende nicht getan haben“, sagte ich oft zu ihm. Er nannte mich deswegen manchmal seine kleine Antigone und zitierte Sophokles: „Ich will alles sofort und vollkommen – oder ich will nichts.“ Mein größter Wunsch war immer, die Welt zu entdecken. Das setzte ich schließlich auch in die Tat um. Ich begann um die Welt zu reisen. Auf Europa folgten die USA, Kanada, Australien, Neuseeland und Indien. Zwischendurch flog ich immer wieder nach Deutschland, meist nach Hamburg, zurück.
„Wie war es für dich zurückzukehren?“, fragte Ana.
„Es war komisch und fühlte sich fremd an“, gab ich zurück. Ich habe mich immer nach der Ferne gesehnt, erklärte ich ihr. Wenn ich dann zurück in Hamburg war, fühlte ich mich dort auf Dauer nicht mehr wohl. Ich packte also gleich wieder die Koffer. So kam es, dass ich erst nach Buenos Aires flog und schließlich in Portugal strandete. Eigentlich war der Aufenthalt nur als Zwischenstopp auf dem Weg zurück nach Deutschland geplant gewesen – ich verlängerte jedoch immer wieder. Als freie Journalistin konnte ich selbst entscheiden, wo ich arbeiten wollte. Ich wusste allerdings auch, dass ich Lissabon bald wieder verlassen würde, denn meine nächsten Reisen waren schon geplant: Recherchen im Süden Portugals und Aufträge in New York.
„Überlege dir, was für dich wichtig ist“, riet mir Ana auf unserem Rückweg.
Als ich wieder in meiner kleinen Kammer saß und mich umsah, wurde mir klar, dass ich in den letzten Monaten nicht mehr gebraucht hatte als das, was ich bei mir hatte: Kleidung, Laptop, Handy. Und die Menschen um mich herum. Die Wohnung in Hamburg allein zu behalten würde eine Bürde für mich bedeuten. Insbesondere den Gedanken, dass ich mich während meiner Reisen aus der Ferne immer wieder um Zwischenmieter kümmern müsste, empfand ich als belastend. Also antwortete ich Arjun: „Lass uns die Wohnung auflösen.“

~

Einen Monat später flog ich von Lissabon nach Hamburg. Während des Fluges hatte ich ein mulmiges Gefühl, das ich nicht wirklich einordnen konnte. Ich empfand Aufregung, aber auch Angst. So etwas hatte ich noch nie zuvor erlebt. Mir war zum damaligen Zeitpunkt nicht bewusst, was für Konsequenzen die Wohnungsauflösung für mein Leben haben würde. Aber ich spürte, dass sich viel verändern würde.
Eine Stunde nach meiner Ankunft in Hamburg stand ich vor unserer Altbauwohnung in Eimsbüttel. Arjun nahm mich zur Begrüßung in den Arm. Lange und intensiv. Er presste meinen Kopf sanft an seine Schulter. Mit seinen knapp ein Meter neunzig war er fast zwanzig Zentimeter größer als ich. In der Wohnung roch es nach Kaffee. Alles wirkte wie immer. Doch das unbehagliche Gefühl aus dem Flugzeug wollte nicht verschwinden. Arjun bot mir Franzbrötchen aus unserer Lieblingsbäckerei an. So, als wollte er mir das Heimkommen im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft machen. Aber auch das konnte nichts an meiner Stimmung ändern. Ich bedankte mich, und wir setzten uns auf den großzügigen Südbalkon.
Von den Blumen und Kräutern, die ich angepflanzt hatte, als wir noch gemeinsam hier gewohnt hatten, waren nur noch verdorrte Stiele übrig. Arjun bemerkte meinen kritischen Blick und entschuldigte sich: „Sorry, aber ich hab einfach keinen grünen Daumen.“
„Das macht jetzt ja auch nichts mehr“, sagte ich.
Er guckte mich mit seinen großen braunen Augen traurig an. Ich wich seinem Blick aus und sah ins Wohnzimmer. Quer über den alten, heruntergekommenen Dielenboden verstreut lagen Stapel aus Notizen und Zeitungsartikeln. „Du hast noch gar nicht angefangen, die Kisten zu packen?“, fragte ich überrascht.
„Nein, ich wollte damit auf dich warten.“
Ich stand auf, trat durch die Balkontür und lief durchs Zimmer. Alles war wie früher. Außer, dass sich die Papierstapel in meiner Abwesenheit auf das Sofa, den kleinen Couchtisch und den Schreibtisch ausgeweitet hatten. Die Möbel versanken förmlich unter Papierbergen.
An die Stelle meines Unmutes über die Unordnung trat plötzlich Wehmut. Vor drei Jahren waren wir zusammen eingezogen. Und obwohl ich nun schon über ein Jahr nicht mehr hier wohnte, war alles noch sehr vertraut und mit so vielen Erinnerungen verbunden: Die Füße des Sideboards hatte Arjun durch Bücher ersetzt. Es war bereits einmal zusammengebrochen, weil er so viel Krimskrams darin verstaut hatte. Vor den alten grün-weißen Kacheln in der Wohnküche stand der Kühlschrank. An ihm hing immer noch ein Zettel mit der Botschaft: „Wir sind im Ribs.“ In dieser Eckkneipe gegenüber unserer Wohnung hatten wir oft noch einen Absacker getrunken. Der Zettel stammte von einem Abend, an dem Arjun mit Freunden gefeiert hatte und ich nachkommen sollte. Wir hatten in unserer Wohnung eine schöne Zeit verbracht. Mit viel Beständigkeit, aber auch Freiheit für jeden von uns.
„Ist schon schade“, bemerkte Arjun plötzlich, als könnte er meine Gedanken lesen. Er war nun auch vom Balkon hereingekommen und stand hinter mir. Ich drehte mich um und stimmte leise zu: „Ja.“ Unsere Blicke trafen sich. In diesem Moment erinnerte ich mich daran, wie wir uns bei meinem letzten Besuch in Hamburg noch in den Armen gelegen, ich ihm seine schwarzen Locken gekrault und wir gemeinsam geweint hatten. Jetzt schien alles nüchterner.
„Was machst du eigentlich mit deinen Sachen?“
„Ich werde mich von ihnen trennen“, antwortete ich.
In meiner kleinen Kammer in Lissabon hatte ich lange nachgedacht, ob ich meinen Besitz, der sich bis dato noch in der Wohnung befand, aufheben oder ausmisten sollte. Und ich hatte mich informiert: Die Sachen einzulagern, kostete mindestens dreißig Euro im Monat. Davon könnte ich unterwegs schon meine Handyrechnung bezahlen. Viel wichtiger für die Entscheidung, den Großteil meines Besitzes aufzugeben, war jedoch die Erkenntnis, dass ich auf Reisen an die meisten Dinge in Hamburg keinen Gedanken verloren hatte. Es ging mir gut ohne meinen Schreibtisch, mein Bücherregal oder meinen opulenten Kleiderschrank. Zu wissen, dass ich jeden Moment meine Siebensachen packen und weiterziehen konnte, hatte mir ein Gefühl von Freiheit gegeben, bei dem mir nichts fehlte.
Diese Leichtigkeit verschwand jedoch schon bei dem Gedanken daran, was sich noch alles auf unserem Dachboden befand und wie es mir immer davor gegraut hatte, ihn zu betreten. Mich durch schwere, ungeordnete und staubige Kartons wühlen zu müssen. Einen nach dem anderen zu öffnen und meist erst beim letzten zu finden, was ich gesucht hatte. Wenn überhaupt. Auf den Reisen, die vor mir lagen, konnte ich solche Gefühle und Gedanken nicht gebrauchen. Arjun hörte zu, nickte und schaute ein wenig ratlos.

Unterwegs mit der Familie

WeltenbummlerWeltenbummler

Eine Familie bereist dreißig Monate die Welt

Mit Kleinkindern auf große Fahrt - einfach drauflos, mit offenem Ende. Unmöglich? Heike und Tom Praschel hatten den Mut. 2010 brechen sie mit Paula (1), Emma (3) und Sarah (16) und ihrem Husky auf - im leuchtend roten Mercedeslaster, Baujahr '65. Ihr Ziel: zunächst die Mongolei. Die Reise führt sie in die Türkei und den Iran über Usbekistan, Sibirien und das Altai-Gebirge und sogar weiter nach Kanada, in die USA bis nach Mexiko. Mit gesundem Humor erzählt Heike Praschel vom rollenden Zuhause, von Wildpferden, die ihren Kindern die Haustiere ersetzen, von Rückschlägen und dem großen Wagnis, das für die Familie zum Abenteuer ihres Lebens wurde.

Prolog

Karatas, Provinz Adana, Türkei, Dezember 2010

Esme streicht ihre dunklen Haare zurück und drückt mir einen selbst gehäkelten Wollschal in die Hand.

Komsure“, sagt sie – Nachbarschaft –, und ich nicke gerührt. Dann steigt sie zu den fünf Männern, die während der letzten Wochen den Strand, unser Winterquartier, mit uns geteilt hatten, ins Auto und schlägt die Tür zu.

Der Motor springt an, rumpelnd zuckelt die verbeulte Karosserie über den unebenen Weg, und bevor das Gefährt hinter der letzten Kurve verschwindet, reiße ich noch einmal den Arm nach oben.

„Bis in drei Wochen“, rufe ich halblaut. Dann wollen Esme und ihre Leute uns nämlich besuchen. Ich blicke zu den verlassenen Hütten hinüber.

Grau und leer stehen die kleinen Bretterverschläge vor der rauschenden Brandung, alte Fußabtreter verschwinden halb unter feuchtem Sand.

Der Kopf einer grau-weißen Hündin taucht auf. Zusammen mit ihren fünf Welpen schnüffelt sie zwischen den hölzernen Buden nach alten Fischresten, während das salzige Wasser um ihre Füße schwappt, und nach mehr als zwei Monaten haben wir den wenige Autostunden von der syrischen Grenze entfernten Strand ganz für uns alleine.

Der Wind rauscht durch die alten knorpeligen Bäume, die hinter unserem Lagerplatz aus dem Boden wuchern, vor uns leuchtet das Mittelmeer in einem geradezu unnatürlich strahlenden Grün.

Ich recke meinen Kopf in die warmen Strahlen der türkischen Sonne, und noch während ich die salzige Luft tief einatme, setze ich mich summend an den alten hölzernen Picknicktisch, den wir vom Strand ein kleines Stück bis zu unserem Laster getragen haben.

Es ist warm, zu warm für die Jahreszeit. Das T-Shirt klebt mir am Rücken, das Thermometer zeigt weit über zwanzig Grad, und Fred, unser vierjähriger Husky, liegt hechelnd im Schatten. Heute ist der 31. Dezember, Silvester. Seit zehn Monaten sind wir jetzt unterwegs und haben nach einer Asienreise und Tausenden von Kilometern quer durch Russland Anfang Dezember unser Winterlager in Karatas aufgeschlagen.

Nachdenklich streiche ich mir die dunkelblonden Locken hinter die Ohren und blicke auf das weiße Papier, das vor mir auf dem Tisch liegt. Dann zücke ich meinen alten Bleistift und beginne zu schreiben:

 

31. Dezember, Strandsäuberung

Die Fischer und Esme, knapp ein Dutzend Menschen, müssen den Strand verlassen, ein Bewohnen der alten Buden wird nicht länger geduldet, wenn Herbst und Winter zu Ende gehen. Wie jedes Jahr, so haben es uns die Fischer erzählt, will die Stadtverwaltung den Strand für die Touristen frei und sauber halten, sogar den riesigen Haufen Müll, der bis vor Kurzem Nase und Auge herausforderte, haben sie im Sand vergraben. Alles ist plötzlich so ruhig. Keine Boote mehr auf dem Wasser, kein Gehämmer an den baufälligen Hütten, keine allgegenwärtigen Stimmen … ein merkwürdiges Gefühl nach so langer Nachbarschaft. Die Einzigen, die bleiben, sind die Hunde, eine Mutter mit fünf Welpen und ein großer schwarzer Rüde, dem die Türken den Namen Barack Obama gegeben haben. Ich hoffe, wir können noch eine Zeit lang bleiben, denn hier fühle ich mich schon fast wie zu Hause …

Zu Hause … nachdenklich schweift mein Blick über den breiten Strand, der sich bis nach Karatas zieht, und leise schwingen die Gesänge der Muezzins über die sanften Hügel. Vor knapp einem Jahr hatte mein Zuhause noch ganz anders ausgesehen: hundert Quadratmeter Wohnfläche anstatt acht, fließend warmes Wasser und ein Badezimmer im Gegensatz zu einem baufälligen Klohäuschen ohne Dach, ein eingezäuntes Gemüsegärtchen statt eines kilometerlangen Strandes.

Von Weitem sehe ich meine drei Töchter über den Sand laufen, und die Welpen, die eben noch nach Futter gesucht haben, springen begeistert um ihre Füße … Einen besseren Tausch hätten wir wohl kaum machen können. Jetzt, fast ein ganzes Jahr später, bin ich mir dessen sicher.

 

Abschied von Deutschland, März 2O1O

Stein in der Oberpfalz oder: Wie alles begann

„Wir fahren in die Mongolei!“ Unser Entschluss stand fest, auch wenn die Leute immer wieder den Kopf schüttelten.

Ein alter Laster stand zur Abfahrt bereit in unserem Gemüsegarten, drückte seine Schnauze in den Rhabarber und das Heck in die Pfefferminze, der frisch ausgebaute Wohnkoffer duftete nach Holz und dem eingelassenen Öl, während die Kinder ihre letzten Kuscheltiere aus dem Haus trugen.

Feuerwehrrot leuchtete der Lack des Lasters, der an einigen Stellen abzuplatzen begann, darunter sah man Sanitäterweiß und Militärgrün. Das Gefährt hatte hundert PS, siebenundzwanzigtausend Kilometer und stolze siebenundvierzig Jahre auf dem Buckel, und hätte es ein vernarrter Schrottplatzbesitzer nicht gerettet, läge es jetzt wohl zu Einsatz-Übungszwecken zerflext in alle Einzelteile auf einem rostigen Haufen Altmetall.

Vor knapp einen Jahr hatten wir den Mercedes 710 tief im Osten Deutschlands entdeckt, verliebten uns auf Anhieb in seine runde Schnauze, und für sechstausend Euro nahmen wir ihn mit nach Hause und verwandelten den damals noch leeren Metallkasten in ein ausgebautes Wohnmobil.

Holz dominierte jetzt sein Inneres, das mit einer kleinen Sitzecke mit versenkbarem Tisch, einem Sofa, einer Küchenzeile samt Wasserkanister, Staukästen und abgerindeten Stämmen (an Regal und Schränkchen), verziert mit geschnitzten Sonnen, ausgestattet war. Auf dem selbst geschweißten Dachträger stapelten sich unsere acht Alukisten mit den nötigsten Kleidungsstücken, Spielzeug und Ersatzteilen, dazu ein Solarpaneel für den Strom im Wohnkoffer und die kleine Kinderbadewanne.

Am Heck hatten wir sogar eine ausklappbare, etwa zwei Meter lange Veranda angebracht, ein Metallgestell mit Holzbohlen, hinter dem sich während der Fahrt zusätzlicher Stauraum befand.

„Mit dem olden Koarn kumts dets grod amal die näxtn finf kilometa, obar niad waida!“ Ein alter Bauer stand kopfschüttelnd vor unserem Staketenzaun und beäugte misstrauisch den plattgewalzten Gemüsegarten.

„Was wollts dets denn ibahapt in da Mongolai? Is des daham net schena?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: „Und anu mit de Kinda, des is doch vül zu gfärlich, mai, was da alls passiern ko!“ Vorsichtig legte er seine raue Hand auf einen der Zaunpfosten und kratzte sich nachdenklich über den grauen Stoppelbart.

„Jo mai, als ich no jinga war, da war i scho mitgfarn, des hätt ma scho gfalln, aba etzad is a scho zspat … beim Russn, ja da wor ich a scho, damals im Kriag …“

Gedankenverloren schüttelte er den Kopf und griff dankbar nach der Flasche Bier, die ihm Tom über den Zaun reichte.

„Mai, des worn nu Zeitn!“

Langsam schritt ich am 1. März ein letztes Mal durch unser Haus. Merkwürdig hohl klangen meine Schritte in den leeren Räumen, und die gelbe Farbe leuchtete hell von den kahlen Wänden. Noch roch ich das Kümmelöl für Paulas Bauch in ihrem Zimmer, die Räucherstäbchen und das frisch geputzte Holz, doch schon bald würden, wie die Möbel, auch die altvertrauten Gerüche verschwunden sein und sich neue ausbreiten. Morgen schon würde jemand anderes hier wohnen!

Ich holte tief Luft und bückte mich nach einem kleinen Zettel, der auf der Fensterbank liegen geblieben war, eine Seite aus einem alten Urlaubsprospekt. „Ferien mit Pferd und Wa-“ war gerade noch zu entziffern, und ich erinnerte mich.

Ich sah den selbst gebauten Planwagen vor mir, das hohe Dach, das mir vorkam wie einer dieser holländischen Hüte aus der Käsewerbung, hörte die klappernden Hufe der trabenden Pferde. Vor allem aber waren mir die vor Begeisterung leuchtenden Augen in Erinnerung geblieben, die Augen des jungen belgischen Pärchens, das schon seit neun Monaten mit Pferd und Wagen durch Deutschland unterwegs war und von der Hilfsbereitschaft der Bauern schwärmte, von Nächten am Lagerfeuer und den Geschichten aus alten Zeiten. Etwas benommen, mit der neugeborenen Emma auf dem Arm, hatten wir am Straßenrand gestanden und dem begeisterten Klang der Stimmen gelauscht, bis ein kleines Fünkchen davon in unsere Köpfe übergesprungen war.

Damals hatte alles begonnen, damals schon hatten wir den Entschluss gefasst, in die Welt zu reisen, und uns ein feierliches Versprechen gegeben:

In drei Jahren brechen wir auf.

Noch am selben Tag hatte ich eine Karte an die Wand genagelt, auf der wir die weiteste Fahrstrecke suchten, und spontan pinnten wir eine rote Nadel unter den dick gedruckten Namen eines Landes – die Mongolei …

Unser Traum von damals war jedoch zunächst schnell in Vergessenheit geraten. Tom hatte eine Zusatzausbildung zum Naturlehrer begonnen, ich war wieder schwanger geworden, und als unsere dritte Tochter Paula zur Welt kam, hatten wir die Belgier schon völlig vergessen. Nur der Pin blieb, als kleiner roter Punkt unter dem breit geschriebenen Namen der Mongolei, wie ein getrocknetes Samenkorn, das sich in unsere Gedanken gepflanzt hatte und nur eines Tropfen Wassers bedurfte, um zu wachsen.

Zwei Jahre waren vergangen, als plötzlich ein kleiner Trieb aus der harten Schale brach.

Unser Leben lag vor uns wie ein aufgeschlagenes Buch. Wir wussten, was wir erreicht hatten, und wir wussten, was uns erwartete. Und uns war klar, dass wir uns nicht vorstellen konnten, genau so und an diesem Ort unser restliches Leben oder auch nur die nächsten Jahre zu verbringen. Eine erneute Unruhe ergriff von uns Besitz.

Unsere Augen verweilten auf dem kleinen roten Punkt, suchten Halt an dem darübergeschriebenen Namen, und eine neue Idee wuchs in unseren Gedanken. Unsere Kinder sollten etwas anderes kennenlernen als den normalen Schulalltag und das Oberpfälzer Dörfchen. Sie sollten durch Erfahrungen lernen, sollten ihre Sinne gebrauchen und die Umwelt, Geschichte, fremde Kulturen und Sprachen selbst erfahren und hautnah erleben.

Der rote Pin wurde wieder zum Ziel, und wir stürzten uns in die Vorbereitungen. Innerhalb weniger Monate kauften wir uns den Laster, legten die Route in die Mongolei fest, beantragten Visa, kündigten Sparverträge und vermieteten unser Haus. Tom, der als Heilerzieher gearbeitet hatte, beantragte Elternzeit und nahm danach unbezahlten Urlaub. Ich hatte, bevor die Kinder kamen, zuletzt als Kinderpflegerin gearbeitet. Mit knapp dreißigtausend Euro Erspartem im Gepäck, unseren zwei kleinen Töchtern Emma (zu dem Zeitpunkt dreieinhalb) und Paula (ein Jahr und acht Monate) und unserem Hund Fred wollten wir uns auf den Weg nach Südosten machen. Unseren einzigen festen Termin hatten wir am 1. August, 10.20 Uhr in Ölgii in der Mongolei. Dort, knappe vierzehntausend Kilometer entfernt und fünf Monate später, würden wir Sarah, unsere Große, nach ihrem Schulabschluss wieder in die Arme schließen.

Nachdenklich knüllte ich die alte Seite des Urlaubsprospekts in meiner Hand zu einem kleinen Ball, lief ein letztes Mal über die hölzerne Treppe, bevor ich hinter mir die Tür ins Schloss zog. Drei Jahre! Ich runzelte die Stirn und rechnete. Morgen wäre unser selbst gesetztes Ultimatum abgelaufen, wir waren genau in unserem Zeitplan.

Die ersten Meter

Mit in die Seiten gestemmten Fäusten stand Emma vor dem bepackten Laster und schüttelte unnachgiebig den Kopf.

„Das Laufrad muss aber mit!“ Sie verstand nicht, warum wir all die Sachen in den großen LKW packten, sie schaute auf das leer geräumte Haus und wirkte plötzlich traurig. Ihr neues Hochbett, ihre Rutsche und ihr Pferd auf Rädern, all das war verliehen und aus ihrem Zimmer getragen, und ich konnte zusehen, wie sie wütend wurde, stinkewütend. Jetzt auch noch das Laufrad! Stampfend lief sie in den Schuppen und griff nach dem roten Lenker.

„Wenn das Laufrad nicht mitdarf, dann fahr ich auch nicht.“ Und das war ihr letztes Wort. Wild schüttelte sie die gelockten Haare und brüllte wie ein siegreicher Löwe, als ich nach dem Laufrad griff und es auf den Dachträger hievte.

„Wir fahren in die Mongolei“, hatten wir ihr immer wieder erklärt, doch Emma schien die Worte kaum zu hören, kniff die Lippen zusammen und beobachtete ihre kleine Schwester, die in der Nähe auf dem Boden saß und an einem trockenem Zwieback lutschte.

Noch einmal lief sie durch den Garten, grub ihre kleine Hand in einen letzten Schneeberg und legte ihr Lieblingsschneckenhaus auf einen großen Stein. Ihrer Meinung nach konnte all das doch nicht allzu lange dauern.

„Du musst aufpassen, wir kommen bald wieder!“, ließ sie das Schneckenhaus wissen. Dann griff sie nach meiner Hand und kletterte über die hohen Stufen in den engen Laster. Der Motor dröhnte, fast taten einem die Ohren weh, und erschrocken krallte sie ihre kleinen Finger in den Kindersitz. Paula saß auf meinem Schoß und nuckelte an ihrem Schnuller, während Emma ihre Stirn in Falten legte und prompt die unumgängliche Frage stellte: „Wann sind wir denn da?“

Ich strich ihr über die widerspenstigen Locken und blickte durch die schmale Heckscheibe nach draußen, sah unser Häuschen kleiner und kleiner werden. Ein paar vermummte Walker, die in einiger Entfernung über den verschlammten Boden stapften, hielten kurz inne, um zu winken, inzwischen waren wir bekannt wie bunte Hunde. Wir waren die, die in die Mongolei fuhren, oder zumindest die, die da hinfahren wollten. Denn ob wir jemals ankommen würden, stand freilich in den Sternen.

Noch nie hatten wir die europäischen Grenzen überschritten, hatten keine Ahnung von Fernreisen, hatten den Laster gerade mal einige Hundert Kilometer gefahren. Was, wenn etwas schiefging? Was, wenn die Kinder krank wurden? Und was, wenn uns alles zu viel würde? Wie würden wir ohne Toilette, fließend warmes Wasser und Bad zurechtkommen, wie ohne eine uns verständliche Sprache?

Wir hatten eine Entscheidung getroffen. Und das Haus war vermietet, für zwei Jahre. Ich schloss die Augen und holte tief Luft.

 

(...)

 

Etappe 2: Iran,
März und April 2O1O

Grenzgängig … eine Nacht im Niemandsland

Ich saß im Laster und schwitzte. Die Sonne, auf die ich bisher so sehnsüchtig gewartete hatte, knallte unbarmherzig auf unser schlecht isoliertes Blechdach, und schon nach zwanzig Minuten Wartezeit zeigte das Thermometer achtundzwanzig Grad – immerhin dank der Isolierung nicht mehr.

Schweiß rann mir über die Stirn, das breite Tuch, das ich über dem Haarband um meinen Kopf gewickelt hatte, schien mein Hirn zum Kochen zu bringen, die langärmelige Tunika und die dunkle Hose waren durchgeschwitzt und nass.

Warum nur musste es gerade heute so heiß werden?

Seit eineinhalb Stunden standen wir nun an der iranischen Grenze, seit zwanzig Minuten in der prallen Sonne, und schon jetzt war ich mir gar nicht mehr sicher, ob ich die Bürde der Verschleierung ganze vier Wochen auf mich nehmen wollte. Kopftuch, Socken, lange Hosen und T-Shirts, die bis über den Hintern reichen, und das bei dreißig Grad im Schatten? Wie hielten das all die Frauen aus? Zweifelnd sah ich aus dem Fenster und betrachtete die vielen Menschen, die laut fuchtelnd und schreiend unseren Laster umringten. Aufdringliche Männer klopften an die Scheiben und boten ihre Schleuser- oder Geldwechslerdienste an, Tankkarten wechselten die Besitzer, und Tumanscheine verschwanden in ausgebeulten Taschen. Eine Gruppe verschleierter Frauen hatte sich in den Schatten gedrängt. Eines der dunklen Augenpaare verweilte auf meinem Gesicht, hielt meinen Blick gefangen, bis ich ihm all meine Aufmerksamkeit schenkte. Der Schleier rutschte beiseite, auf dem vollen Mund zeigte sich ein strahlendes Lächeln, und die kleinen Finger der zierlichen Frau winkten durch die staubige Luft. Dankbar grinste ich zurück, strich mir eine feuchte Strähne zurück unter das schwarze Tuch.

Tom kam auf den Laster zugestampft, die Pässe in den Händen drängte er sich durch die wogende Menge, zwei schwer bewaffnete iranische Grenzbeamten hatten sich an seine Fersen geheftet. Die Tür ging auf, und Fred, der unter dem Tisch geschlafen hatte, spitzte interessiert die Ohren.

Ich hörte die schweren Schritte auf der Leiter, das metallische Klirren der Waffen, dann schob sich der erste dunkle Stiefel durch den Eingang. Mit emotionslosem Gesicht klopfte der Zöllner mit der Faust suchend an die hölzerne Verkleidung unserer Decke.

Salam aleikum.“ Ich versuchte, freundlich zu grüßen, doch der Mann beachtete mich gar nicht, forsch öffnete er den Geschirrschrank, wühlte zwischen den Tassen der Kinder, als Fred sich von seiner Decke erhob. Langsam und geduckt schob sich sein schwarz-weißer Körper in den schmalen Gang, und ein leises Grollen drang aus seiner breiten Brust.

Erschrocken fuhr der Mann herum, während ich Fred am Halsband packte, und ohne uns aus den Augen zu lassen, stolperte er in Richtung Ausgang. Mit einem dumpfen Schlag knallte sein Kopf gegen die metallene Schiene der niedrigen Tür, die Dienstmütze rutschte zu Boden und mit einem gepressten „Allah“ auf den Lippen polterte er über die Stufen zurück auf den heißen Teer.

Ein grinsendes Gesicht erschien an der Tür.

„Na, der hat’s aber eilig gehabt!“ Lobend tätschelte Tom Freds Kopf, der sich schwanzwedelnd vor die Tür gestellt hatte.

„Jetzt fehlt nur noch die Tankkarte, dann sind wir fertig!“

Langsam rollten wir durch die Menschentrauben, bis wir zu unserer letzten Anlaufstelle kamen, vor der schon eine Traube drängelnder Männer darauf wartete, an die Reihe zu kommen. Schubsend und schreiend quetschten sie sich über eine breite Treppe in das schmächtige Gebäude, das schon jetzt aus allen Nähten zu platzen drohte. Ein kleines hutzeliges Männchen hatte sich etwas abseits postiert, vor sich eine Thermoskanne und ein Glas voll Zucker, und verkaufte dampfend heißen Schwarztee.

Die Nachmittagssonne brannte, beständig wurde Staub von den scharrenden Füßen aufgewirbelt, es wurde geschimpft und diskutiert. Stöhnend kämpften wir uns durch die wogende Menge. Zwei Stunden dauerte unser Weg zum zuständigen Beamten, als wir uns endlich durch die dünne Glastür drängten, waren auch unsere Nerven kurz davor, zu glühen.

Die Pässe in den Händen musterte er uns abschätzig, und ich hätte ihn am liebsten angebrüllt, er solle sich endlich beeilen, doch ganz im Gegenteil zu all den wartenden Männern schien er in Zeit zu schwimmen. Immer wieder blätterte er durch die schmalen roten Heftchen, studierte ein Visum nach dem anderen und stellte dann in einem leicht näselnden Tonfall fest: „Ihr wollt nach Pakistan, tausend Dollar!“

Fassungslos blieb mir der Mund offen stehen, während die jammernden Kinder an meiner Hose nestelten.

„Tausend Dollar?“ Tom starrte den Beamten an und tippte auf die Pässe.

„Da müssen Sie etwas verwechselt haben. Hier …“ Er deutete auf das Visum für Turkmenistan:

„Wir wollen nach Turkmenistan!“

„Tausend Dollar!“

„Ich zahle keine tausend Dollar.“

„Dann gehen Sie zurück nach Deutschland!“ Die Genugtuung spiegelte sich in dem blasierten Gesicht. Tom griff wutschnaubend nach unseren Papieren, zornesrot stürmte er aus dem Büro. Irritiert folgte ich ihm, zog die Glastür, die wir uns in stundenlanger Arbeit so schwer erkämpft hatten, wieder hinter mir ins Schloss und drängelte mich durch einen Pulk Männer.

„Was ist denn los?“ Emma stolperte erschrocken hinter mir durch die vielen Menschen, Paula saß jammernd auf meiner Hüfte.

„Der Mann wollte zu viel Geld.“

„Müssen wir jetzt wieder nach Hause fahren?“ Sie starrte mich mit offenem Mund an

„Nein, ganz bestimmt nicht!“ Ich ließ mich neben Tom, der draußen auf uns wartete, auf ein kleines Mäuerchen fallen.

Eine rote Ader pulsierte an seiner Schläfe, die Lippen waren zu einem dünnen Strich zusammengepresst.

„Und jetzt?“ Fragend sah ich ihn an, während die Mädchen auf einer Treppe herumturnten.

„Abwarten – irgendwann ist Schichtwechsel!“

Lange saßen wir auf den kühlen Stufen, schlürften Tee und beobachteten die Menschen, dann verließ uns der Beamte und auch die Sonne, alle Türen wurden verrammelt, nur wir blieben zurück. Zurück im aufflammenden Scheinwerferlicht, zurück in der Einsamkeit des schmalen Streifens ohne Zugehörigkeit, allein im Niemandsland zwischen der Türkei und dem Iran. Rot flatterte der Sichelmond neben dem Stern, und mit stechendem Blick beobachtete der bärtige Ayatollah Khomeini, wie ich den Inhalt des kleinen Töpfchens hinter einen Busch kippte. Spitzer Stacheldraht, an dem schwer bewaffnete Wachleute patrouillierten, Verbotsschilder und helle Scheinwerfer flankierten meinen Weg zurück zum Laster, müde und enttäuscht kletterte ich ins Innere und kroch unter die Decken. Noch einmal hörte ich die Muezzins mit knarzenden Stimmen durch die Lautsprecher singen, dann schloss ich die Augen.

Wir waren die Ersten am nächsten Morgen. Lang vor dem großen Ansturm standen wir erneut hinter der Glaswand und blickten in die Augen des dortigen Beamten, und wir hatten Glück. Der Neue wirkte ausgeschlafen und zufrieden. Innerhalb kürzester Zeit hielten wir Tankkarte, Streckennachweis und unsere Pässe wieder in den Händen, zahlten zweihundertfünfzig Dollar und durften gehen.

Quietschend schwangen die Metalltore auseinander, und der Blick auf eine schmale Straße wurde frei. Ein leichter Wind wehte, blies durch den Staub, wirbelte eine alte Plastiktüte in einem graziösen Ballett über den abgefahrenen Teer. Der Dieselmotor tuckerte, und langsam rollten wir auf unbekanntes Terrain. Es war der 23. März.

 

Ein fürstlicher Empfang

Wir hatten an einer roten Ampel gehalten, und eine dunkle Hand klopfte fordernd an unser Fenster.

Dann sah ich eine hoch aufgetürmte Platte mit Kringeln an der Scheibe vorüberschweben, rundes Hefegebäck mit einem Loch in der Mitte und mit Sesam bestreut, in der Türkei Simit genannt. Mehrere junge Männer liefen über die Straßen und boten unter den haltenden Autos ihr Gebäck feil.

Toms Hand tauchte aus der Fahrertür auf, einen Tumanschein zwischen den Fingern, der strahlende Verkäufer reichte ihm vier Kringel, dann wechselte das Rot zu Grün, und mit einem Ruck rollte der Mercedes an.

Sand wehte über den ausgebleichten Belag der kleinen Straße und knirschte unter dem schwarzen Gummi, als wir schaukelnd durch die vielen Schlaglöcher rollten. Schon bald hatten wir die kleine Siedlung hinter uns gelassen und fuhren wieder durch eine einsame Steppe. Gleißend hell schien die Sonne auf den staubigen Boden, das zarte Grün, das hin und wieder in Büscheln aus der Trockenheit spross, wirkte wie aufgemalt, grünliche Punkte in verschiedensten Schattierungen von Gelb und Braun.

Ich hatte mein verschwitztes Kopftuch von den Haaren gezogen und mich neben die Kinder auf das sandige Polster fallen lassen, Staub wirbelte durch die Luft und tanzte in den hereinfallenden Sonnenstrahlen.

Auf dem Tisch stand eine kleine Schale mit aufgeschnittenen Äpfeln und Bananen, die mit einem leise schabenden Geräusch den Bewegungen des Lasters folgte, während die Mädchen mit Zahnstochern nach den kleinen Obststückchen fischten.

Gemeinsam spähten wir aus den schmutzigen Scheiben und spielten „Ich sehe was, was du nicht siehst“.

Paula hatte ihren hölzernen Zahnstocher, auf den mehrere kleine Äpfel gespießt waren, wie einen Speer erhoben und klopfte damit sacht gegen das Fenster.

Wir hatten gehalten, und ich sah nach draußen. Blökende Schafe überquerten die Straße, gefolgt von einem kleinen Jungen auf einem ausgemergelten Esel, um uns herum standen eine Handvoll Lehmhäuser, vor denen bedruckte Stoffe im Wind wehten. Leises Gelächter schwebte durch den lauen Wind. Unbekannte Verkehrsschilder staksten am Straßenrand wie kleine Gemälde auf metallenem Grund. Verschnörkelte arabische Zeichen hatten die lateinischen Buchstaben abgelöst, geschwungene Linien, von kleinen Punkten durchsetzt, bildeten eine künstlerische Schriftmelodie, fremdländisch und wunderschön.

Das letzte Schaf sprang vom Teer, langsam fuhren wir weiter, und schon bald tauchten die ersten Häuser einer großen Stadt vor uns auf. Menschen liefen durcheinander, Autofahrer hupten, langsame Pferdewagen fädelten sich zwischen klapprigen Lastwagen in den Verkehr ein.

Ein Schild bog sich am Straßenrand, und laut las ich den westlich geschriebenen Namen: Täbris. Wir hatten die erste große Stadt nach der Grenze erreicht.

Tom bog in eine kleine Seitengasse, und schaukelnd hielt der Laster am Straßenrand. Ich schlang mir ein Tuch um den Kopf, während die Kinder in ihre Schuhe schlüpften, Tom öffnete die Koffertür von außen und hob Paula auf seinen Arm.

„Ganz in der Nähe muss die Touristeninformation sein, ich hab im Vorbeifahren ein Schild gesehen!“

Ich raffte meinen Rock zusammen, sprang nach draußen, dann stellte ich Emma auf den warmen Boden, während Tom meinte: „Da bekommen wir sicher einen guten Stadtplan oder eine Wegbeschreibung zum Campingplatz.“

Nickend drückte ich die Tür vor Freds enttäuschter Nase in das Schloss. Zum Glück wurde es nie zu heiß im Laster, zumal im Schatten, außerdem war Fred ein wichtiger Bewacher.

„Na, dann mal los!“

Wir zwängten uns in einen schmalen Durchgang zwischen den Häusern, und plötzlich waren wir umringt von einer wogenden Traube von Menschen.

Aneinandergereihte Stände versperrten uns den Weg, ausgebreitete Waren lagen aufgetürmt auf den Wegen, und laut diskutierende Stimmen verhandelten Preise. Arme fuchtelten durch die Luft, immer wieder strich eine Hand wie zufällig über Emmas blonde Locken, die sich überwältigt an meine Hand klammerte, Handys wurden gezückt, Fotos gemacht, lachende Gesichter tauchten aus der Masse auf, hielten vor uns kurz inne wie Standbilder, bevor sie wieder vom pulsierenden Gewirr aus Farben und Geräuschen verschluckt wurden.

Langsam drängten wir uns durch die Menschenmenge, schoben uns vorbei an duftenden Säcken voller Gewürze, bunt ausgebreitetem Obst und Gemüse und knusprigen Broten, bis wir endlich das gesuchte Schild entdeckten: „Tourist information“.

Wir zogen eine gläserne Tür auf und erklommen die schmale Treppe, bis wir in einen Raum gelangten, in dem uns eine junge Frau lächelnd begrüßte. Sie hatte ein helles Tuch um den Kopf gewickelt, das am Hals eng anlag, saß auf einem kleinen Stuhl hinter einem schmalen Schreibtisch und hatte mehrere Papierstapel vor sich liegen. In reinstem Englisch sagte sie: „You are welcome! Come in and sit down!“ Mit einer ausholenden Geste zeigte sie auf einige Stühle und begann interessiert zu fragen:

„Wo kommen Sie her?“

„Aus Deutschland.“

„Ein langer Weg!“ Sie lächelte, zog zwei bunt verpackte Schokoriegel aus einer Schublade und drückte sie den Mädchen in die Hände.

„Ich hoffe, es gefällt Ihnen in Täbris?“

„Wir sind gerade erst angekommen.“

In dem Moment hörten wir Stimmen im Nebenzimmer laut werden, und noch bevor wir unsere Bitte nach einem Stadtplan loswerden konnten, erhob sich unsere Gesprächspartnerin, bedeutete uns zu warten und verschwand durch eine hell lackierte Tür.

Gemurmel drang zu uns, dann öffnete sich die Tür erneut. Ihr strahlendes Gesicht tauchte auf, und mit einer wippenden Bewegung der Fingerspitzen winkte sie uns zu sich.

Der Raum war hell und modern eingerichtet, die ganze gegenüberliegende Wand bestand aus großen Panoramafenstern, die das Zimmer weitläufiger wirken ließen, als es in Wirklichkeit war. An einem großen ovalen Tisch in der Mitte saßen zwei Männer und eine Frau. Stühle wurden gerückt, mit einem freundlichen Nicken wurden wir zum Sitzen aufgefordert, und die Dame, die uns begrüßt hatte, brachte jedem von uns ein Glas Tee.

How do you like Iran?“

Die Frage schwebte durch den Raum, während ich versuchte, die Kleiderberge, die inzwischen verschwitzt an mir klebten, in die richtige Form zu bringen.

„Sehr gut!“ Tom verzog den Mund zu einem breiten Lächeln, und die Männer nickten zufrieden.

Wir waren direkt in ein Meeting geplatzt, uns gegenüber saßen der Leiter der Tourismusbehörde und der Bürgermeister persönlich, strahlend saubere Hemden steckten in gebügelten Hosen, und ich fühlte mich mehr als fehl am Platz.

Direkt neben mir hockte die schick gekleidete Frau in dunkler Hose, aufwendig besticktem Oberteil, das exakt über den Hintern reichte, und schmuckem kleinem Kopftuch, und ich wurde das Gefühl nicht los, es mit meiner Maskerade etwas übertrieben zu haben. Ganz in Schwarz, mit diesem pompösen Tuch über dem Kopf, musste ich wie eine Karikatur wirken. Unruhig rutschte ich auf meinem Stuhl hin und her und drehte das zierliche Glas, das vor mir auf dem Tisch stand, in meinen Händen.

Emma und Paula schlürften gerade lautstark, als Tom wieder zu sprechen ansetzte.

„Die netten Menschen und die Natur haben uns bisher sehr beeindruckt … nur die Grenze war eine Katastrophe!“

„Katastrophe?“ Beide Männer beugten sich neugierig ein Stückchen nach vorne.

„Wir mussten über vierundzwanzig Stunden warten, und das mit den Kindern, eine ganze Nacht haben wir im Niemandsland verbracht und konnten erst am nächsten Morgen einreisen, dann noch der hohe Streckenzoll … Für große Firmen, die ihre Lastwägen aus kommerziellen Gründen durch den Iran schicken, mag das gerechtfertigt sein, aber für Touristen?“

Der Bürgermeister runzelte leicht die Stirn und strich sich über sein glatt rasiertes Kinn.

„Es tut uns leid, dass Sie so viele Unannehmlichkeiten bei der Einreise in unser schönes Land hatten!“ Er lächelte entschuldigend und streckte seine Handflächen nach oben.

„Bürokratie, Sie müssen verstehen …!“

Gemeinsam mit meiner Nachbarin erhob er sich aus seinem Stuhl, überlegte kurz, bevor er wieder zu sprechen begann: „Gehen Sie gerne ins Thermalbad? Das Bad von Täbris ist weit bekannt, wenn Sie es sich ansehen möchten, lasse ich Ihnen gerne einige Freikarten geben.“

„Das wäre sehr nett!“ Tom erhob sich ebenfalls, und mit einem letzten knappen Nicken verschwand der Bürgermeister durch die Tür, durch die auch wir gekommen waren, die Dame und der zweite Mann folgten ihm, und wir waren für einen Moment uns selbst überlassen.

Ich rührte abwesend in meinem Tee, als der Leiter der Tourismusbehörde mit einem feierlichen Blick zurück ins Zimmer trat. Er zupfte an seinem hellen Hemd und räusperte sich, dann begann er zu säuseln und unterbreitete seine Worte mit ausholenden Gesten, als hätte er einen Bühnenauftritt:

„Natürlich hoffen wir, dass gerade Sie, als Touristen, unser Land in guter Erinnerung behalten, deshalb möchten wir Ihnen den Aufenthalt in unserer Stadt so angenehm wie möglich gestalten.“ Er überreichte uns die Eintrittskarten für das Thermalbad „Außerdem …“, er legte eine kurze Pause ein, „hat der Herr Bürgermeister mich soeben ermächtigt, Ihnen zusätzlich eine Tankfüllung Diesel zu besorgen, dazu erhalten sie anschließend die entsprechende Tankkarte, als kleine Entschädigung für den hohen Streckenzoll.“

Jetzt strahlte er über das ganze Gesicht, wirkte wie jemand, der soeben einem Werbeprospekt für den Iran entstiegen war. Die weißen Zähne blitzten, seine Arme waren weit geöffnet, wir bekamen jeder noch einen Stadtplan in die Hand gedrückt und stolperten, mit der nagelneuen Tankkarte gut ausgestattet, zurück in das Gewirr aus Menschen und Straßen. Unser Laster war schnell wiedergefunden, der auf dem Plan verzeichnete Campingplatz ebenso, eine halbe Stunde später parkten wir auf einer asphaltierten Fläche, auf der sich schon einige Zelte zwischen die Autos geschmuggelt hatten, den dünnen Boden ausgebreitet auf dem harten Teer.

Der umgebende Park war gefüllt mit Menschen; lachende Studenten, Familien mit Kindern und Spaziergänger flanierten über die Grünflächen, und um den nicht weit entfernten See flitzten die Elektroautos des männlichen Nachwuchses. Das Neujahrsfest – Nouruz –, das länger als eine Woche gefeiert wird, war in vollem Gange, der iranische Kalender zeigte das Jahr 1389, und während der zweiwöchigen Ferien zog es die Menschen in die Natur. Wir drehten eine Runde mit Fred, der wegen der Menschenmassen gestresst die Ohren anlegte, dann machten wir uns auf den Weg in das hochgelobte Thermalbad.

Autos und Busse drängten sich auf den engen Straßen, verschleierte Frauen huschten an uns vorbei, lange Mäntel, Kopftücher und die schweren Stoffe der Röcke bauschten sich im kühlen Wind, und plötzlich durchzuckte mich ein Gedanke: Was trägt eine iranische Frau zum Schwimmen? Ich wackelte durch den fahrenden Laster und zog den Beutel mit den Schwimmsachen aus unserem Duschfach über dem Backofen, wankte zurück zum Sofa und begann zu wühlen. Bald hatte ich gefunden, was ich suchte: Skeptisch hielt ich meinen Bikini vor mir in die Luft und runzelte die Stirn … das ging ja gar nicht!

Ein Rucken ging durch die Karosserie, Autos hupten, ein Schwung Menschen drängte sich an der metallenen Wand des Lasters vorbei, die spitzen Türme einer Moschee streckten sich vor uns in den Himmel.

Wir schwenkten nach rechts, rollten auf eine große Parkfläche, die sich um ein kantiges Gebäude erstreckte, ein voluminöser Bau, dessen Dach kleine Kuppeln und Türmchen schmückten, und parkten in einer abgelegenen Ecke.

Vielleicht gab es ja Badeanzüge zu kaufen, dachte ich, und griff nach der Tasche mit den Schwimmsachen der Kinder. Zu dritt sprangen wir nach draußen und sahen uns um. Ein großer Haupteingang mit gläsernen Türen lag in der Mitte des Gebäudes, doch bevor ich mich auf den Weg machen konnte, hielt mich Tom, der gerade um den Laster kam, zurück: „Ich glaube, der Eingang ist nur für die Männer!“ Ich runzelte die Stirn und blickte mich um, dann zog mich Tom am Ärmel. „Da drüben, siehst du?“

Er zeigte zum anderen Ende des Gebäudes, an dem mehrere verschleierte Gestalten durch eine schmale Tür huschten, und gespannt machte ich mich mit den Kindern auf den Weg dorthin.

Der Boden war schlammig und aufgeweicht, schon nach den ersten Schritten klebte die feuchte Erde in schmierigen Brocken an unseren Schuhen, wir quetschten uns durch die schmale Tür und zogen die als Sichtschutz fungierenden Vorhänge auseinander.

Vor uns lag so etwas wie ein Warteraum. Mehrere Stuhlreihen waren in der Mitte aufgestellt, rechts und links an den Wänden befanden sich Tische und Getränkeautomaten, an der Wand gegenüber der Tür erstreckte sich eine lange Theke. Ich sah Frauen ohne Kopftücher, lachende unverschleierte Gesichter, ein paar Mädchen lümmelten auf den Stühlen und knabberten Gebäck, andere standen an den Tischen und föhnten sich die Haare.

Die Frau an der Theke lächelte uns aufmunternd zu, ich kramte ein kleines Büchlein aus meiner Tasche und stapfte mit den Kindern durch den großen Raum, dabei gaben unsere Schuhe ein leicht schmatzendes Geräusch von sich, und einige Erdkrümel verteilten sich auf dem Boden. Aufgeschlagen legte ich das Buch auf das polierte Holz, zückte einige Geldscheine und zeigte auf ein in einen Badeanzug gekleidetes Strichmännchen. Immer noch lächelnd drehte sich die Frau um, griff in ein vollgestopftes Regal, zog einen Karton zwischen mehreren Ordnern hervor und stellte ihn vor mich auf die Theke.

Gespannt beugte ich mich vor.

Schwarze knisternde Synthetikstoffe türmten sich übereinander, ich griff in den Berg und zog wahllos an einem Zipfel, bis ich den dazugehörigen Badeanzug in den Händen hielt. Er war monströs … breite Träger über einem kaum ausgeschnittenen Brustteil mit halblangen Beinen, ein iranischer Körperverhüller für die modebewusste deutsche Frau. Als i-Tüpfelchen gab es noch eine besondere Zugabe … quer über Brust und Bauch stand in auffallendem Weiß groß und deutlich ein Schriftzug zu lesen: ADIDAS. Markenbewusstsein musste schließlich sein.

Sie zog die Geldscheine aus meiner Hand und zeigte auf einen neben der Theke gelegenen Durchgang, dahinter konnte ich hohe Schließfächer und hölzerne Bänke erkennen, das musste der Umkleideraum sein. Schnell legte ich die Freikarte auf den Tisch, während Emma und Paula schon zwischen die Bänke sprangen, und folgte den Kindern in den kleinen, fensterlosen Raum.

Der Boden war nass und rutschig, und aus dem angrenzenden Duschraum drangen feuchtwarme Dampfwolken. Ich stellte die Tasche auf die Bank vor einem leeren Schließfach. Eine schlammige Spur zog sich durch den Raum, und erst jetzt sah ich die Pantoffeln, die gestapelt am Eingang lagen. Peinlich berührt zog ich die verschmierten Schuhe von unseren Füßen und schob sie weit unter die hölzernen Bretter.

Während Emma und Paula an ihren Klamotten zerrten, trat eine Handvoll Frauen aus dem Duschraum, in Schlappen schlurften sie über den Boden, kamen näher und näher und blieben direkt vor uns stehen. Ich blickte in dunkle Augenpaare, die mich neugierig beobachteten. Fünf Frauen mit tropfnassen Haaren standen im Halbkreis um uns herum, nur eine Armlänge entfernt, und starrten uns an.

„Was wollen die?“, fragte Emma.

„Ich weiß nicht.“ Ich versuchte zu lachen. „Vielleicht wollen die sehen, was wir für schöne Badeanzüge haben?“

Salam!“ Freundlich nickte ich den Frauen zu.

Salam.“ Sie blieben stehen und schauten weiter, langsam fühlte ich mich etwas unwohl.

American?“ Eine der Frauen trat noch einen Schritt näher, ihr tief ausgeschnittener Badeanzug war weiß und wirkte durchsichtig, dunkel traten ihre Nippel durch den dünnen Stoff. Anscheinend waren auch freizügigere Modelle zugelassen.

Ich schüttelte den Kopf.

Alman“, sagte ich und wickelte mich umständlich in ein großes Handtuch.

Unberührt starrten sie weiter, Emma und Paula hatten sich fertig umgezogen auf die Bank gesetzt und warteten.

Ich sah mich um, doch außer Schließfächern und der hölzernen Sitzfläche war der Umkleideraum leer, eine Kabine gab es nicht, und beklommen zog ich meine Hose nach unten. Die fremden Augen beobachteten interessiert jede meiner Bewegungen.

Ich fummelte an meinem Pulli, am T-Shirt, öffnete den BH und schlüpfte unter dem Handtuch in den iranischen Badeanzug, dann ließ ich es nach unten rutschen und stand unverhüllt in schwarzes Acryl gekleidet vor den gespannt Wartenden. ADIDAS hüpfte auf meiner Brust, darunter wölbte sich ein leichtes Bäuchlein, und endlich wendeten sich die Frauen ab.

Laute Stimmen hallten nun durch den Umkleideraum, die nassen Badeanzüge fielen mit einem Klatschen zu Boden, und Gelächter wurde laut. Nackte Haut umgab mich, wallendes Haar wurde geschüttelt, und kleine Tröpfchen flogen wie Regen umher, die freundschaftliche Intimität, die unter den Frauen herrschte, berührte mich. BHs wurden gegenseitig eingehakt, Haare gekämmt, die ganze Umkleide hatte plötzlich die Atmosphäre eines Mädchenzimmers angenommen … Freundinnen unter sich, Scham schienen sie nicht zu kennen, und ich musste an meine lächerlichen Verrenkungen unter dem Handtuch denken.

„Mama, komm jetzt endlich!“ Ungeduldig warteten Emma und Paula vor dem dampfenden Duschraum und rissen mich aus meiner Beobachtung.

„Ja, ja, bin ja schon da!“ Und gemeinsam drängten wir uns durch die schmale Tür in den Dampf.

Heißes Wasser prasselte, es roch nach Seife und Shampoo, winzige Tropfen rannen über die kühlen Fliesen und auf den Boden. Wir duschten, bis unsere Haut rot und schrumpelig wurde, die hohen gekachelten Wände sorgten für einen angenehmen Sichtschutz. Nach dreißig Minuten waren wir sauber. Sauber, schrumpelig und rot gekocht, und nach einem letzten Sprung in das große Becken mit vierzig Grad heißem Wasser hatten wir genug. Schnell schlüpften wir wieder in unsere Klamotten und die schlammverkrusteten Schuhe und verließen das Schwimmbad in Richtung Laster. Tom wartete bereits auf uns. Er hatte seine nassen Haare unter die Kapuze seines Pullovers gesteckt, und seine tropfende Badehose baumelte an der kurzen Wäscheleine über unserem Ofen.

„Na, wie war’s bei den Frauen?“ Ich kramte die Badesachen aus meiner Tasche und verzog nachdenklich das Gesicht.

„Interessant!“

Emma und Paula hatten sich auf das Sofa gelegt, die roten Gesichter sahen müde und geschafft aus.

„Soso, interessant!“ Er grinste.

Ich warf die nassen Sachen zum Trocknen über die Leine. Mit langen Fingern zog Tom an meinem modischen Badeanzug mit Bein, hielt das monströse Teil vor sich und grinste noch breiter.