Trekking extrem: Langstreckenwanderin Christine Thürmer im Interview
Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich

Extremwandern

Weitwanderwege in Amerika und Europa

Mittwoch, 21. Februar 2018 von Christine Thürmer / Piper Verlag


Langstreckenwanderin Christine Thürmer im Interview

Als Christine Thürmer gekündigt wird, beschließt sie, sich eine Auszeit zu nehmen und auf dem Pacific Crest Trail von Mexiko nach Kanada zu wandern – 4277 Kilometer. Eigentlich unsportlich und ohne Erfahrung bricht sie zu ihrem Abenteuer auf und schafft es tatsächlich bis ans Ziel. Und sie wandert weiter: Insgesamt hat sie bislang 33 000 Kilometer zu Fuß, 30 000 Kilometer mit dem Fahrrad und 6500 Kilometer mit dem Boot zurückgelegt.  Christine Thürmer – unter Outdoorfans bekannt als German Tourist – gehört zu den meistgewanderten Menschen weltweit und wurde auch mit dem Triple Crown Award ausgezeichnet.

Im Interview spricht sie über die körperlichen und mentalen Herausforderungen beim Weitwandern und gibt Tipps, welche Fernwanderwege in Europa besonders für Anfänger geeignet sind.

 

Wo erreichen wir dich gerade?

In Berlin! Ich plane gerade meine nächste Tour - eine 3000 km lange Wanderung bis zum nördlichsten Punkt Europas, dem Nordkap in Norwegen.

 

Worum geht es in deinen Büchern?

Ich erzähle von meinen Touren durch Nordamerika und Europa – und bei 40.000 km zu Fuß, 30.000 km mit dem Rad und 6.500 km mit dem Boot kommt da einiges zusammen ... Dabei berichte ich nicht nur von vielen lustigen und spannenden Erlebnissen unterwegs, sondern gebe auch ungeschminkte Einblicke in den Outdoor-Alltag und erkläre, wie sich die eigenen Werte und Anschauungen dadurch verändern.

 

Hat sich Deine Lebensplanung durch das Bücherschreiben verändert?

Ja und nein: Schon bevor ich mit dem Bücherschreiben begonnen habe, habe ich mich gefragt, was das ideale Verhältnis zwischen unterwegs und sesshaft sein ist. Am Anfang meiner Outdoorlaufbahn war ich 9 bis 10 Monate pro Jahr unterwegs, was über die Jahre auch ganz schön anstrengend war. Im Moment peile ich 50/50 an, also sechs Monate on Tour und sechs Monate Bücherschreiben und Vorträge halten, wobei mich da weniger wirtschaftliche Interessen treiben. Ich hoffe einfach, dass das ein gutes Verhältnis zwischen körperlicher/intellektueller Aktivität und Ruhephasen ist. Mein Lebensstandard hat sich dadurch nicht verändert.

 

Du bist 40.000 km gelaufen – wie hält Dein Körper diese Dauerbelastung aus?

Zunächst mal betreibe ich ja keinen Leistungssport, sondern mache lediglich das, wofür unser Körper mal konzipiert worden ist: Laufen! Jahrtausende lang sind unsere Vorfahren als Jäger und Sammler gewandert - und ich mache nichts anderes! Dabei bin ich weder besonders schnell noch besonders schwer unterwegs und breche auch keine sonstigen Rekorde, sondern kann mich dabei auch noch relativ gut und ausgewogen ernähren. Und daher kommt mein Körper ausgesprochen gut mit der Dauerbelastung klar! Nicht ich mache etwas Ungewöhnliches, sondern der Großteil der Bevölkerung der Industrienationen, denn eine dauerhaft sitzende Tätigkeit bekommt unserem Körper viel schlechter als wandern ...

 

Denkst Du daran, mal wieder sesshaft zu werden?

Nein, ganz im Gegenteil! Je länger ich unterwegs bin, desto mehr Ideen für neue Touren bekomme ich! Ich habe eher Angst, dass ich nicht mehr alles schaffen werde!

 

Was wäre deine Empfehlung für einen Anfänger im Wandern? 

Da hätte ich Dutzende von Ideen, aber mein Favorit für Anfänger ist ein „thruhike“  durch Ungarn auf dem Kektura, dem blauen Band. Warum Ungarn? Wildzelten ist dort genau wie in Skandinavien legal - und auch total einfach machbar, weil der Weg fast durchgängig durch grandiosen alten Buchenwald führt. Der Weg hat eine hohe „Fehlertoleranz“, d.h. selbst wenn man irgendeinen blöden Anfängerfehler macht, lässt sich das einfach ausbügeln. Z.B. sind Unterkünfte in Ungarn so billig und einfach erreichbar, dass man schlechtes Wetter einfach aussitzen kann. Die Markierung ist ausgezeichnet, so dass man sich gar nicht verlaufen kann. Vor allem aber ist das Gelände einfach und es gibt keine klimatischen Extreme. Und Kektura hat einen hohen „Spaßfaktor“! So gibt es am Weg einige wunderbare Thermalbäder und zwei Weltkulturerbestätten. Das Essen ist großartig und vor allem preiswert. Ein Glas Wein kostet 80 Cent und die Palatschinken sind die Wucht! Und im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist Ungarn nicht platt, sondern im Norden durchgehend hügelig. Mit 1000 km hast Du dann einen thruhike durch ein ganzes Land gemacht. Und die ungarische Sprache fühlt sich schon ganz schön exotisch an ...

 

Wie motivierst Du Dich, wenn Du unterwegs einen Durchhänger hast?

Ich könnte wahrscheinlich ein ganzes Buch zu dem Thema schreiben ;-). Daher will ich mal den wichtigsten Punkt rausziehen: Wer sich auf eine Langstreckentour einlässt, sollte das nicht als langen Urlaub, sondern als seine Arbeit betrachten. Denn von einem Urlaub erwartet man, dass immer alles toll ist - und das ist auf Langstrecke definitiv nicht der Fall. Dort wird es immer irgendeinen Durchhänger oder Probleme geben - egal aus welchem Grund. Als „Urlauber“  ist man dann enttäuscht - dabei war das doch eigentlich zu erwarten. Bei einem Job geht man jedoch nicht davon aus, dass immer alles super läuft und ist dann auch nicht so sehr frustriert, wenn es Probleme gibt. Ich betrachte mein Outdoorleben als meine Arbeit – aber die liebe ich über alles!

 

Stell dich bitte kurz vor. Was sollte man über dich wissen?

Ich bin wohl einer der meistgewanderten Menschen weltweit – dabei war ich als Kind in Sport die totale Niete und fand Wandern ziemlich blöd. Stattdessen habe ich erst mal eine Bilderbuchkarriere in der Unternehmenssanierung hingelegt und war mit 39 Jahren erfolgreiche Geschäftsführerin eines mittelständischen Betriebes – und habe mit vierzig alles aufgegeben: den schicken Firmenwagen, die Sekretärin, ja sogar den festen Wohnsitz.

Seitdem bin ich sieben Jahre lang als Outdoor-Junkie unterwegs gewesen: 33 000 Kilometer zu Fuß, 30 000 Kilometer mit dem Fahrrad und 6500 Kilometer mit dem Boot.
 

Dein Lieblingsort

Der Wald, und zwar völlig egal, ob es sich um eine Fichtenschonung in der Uckermark, einen Zypressenwald in den Sümpfen Floridas oder einen Eukalyptuswald in Australien handelt. Der Wald verbirgt mich beim Zelten, gewährt mir Schutz vor den Elementen und ist vor allem wunderschön ...
 

Was hast du bei deinen Reisen immer dabei?

Zelt, Schlafsack und Isomatte, denn unterwegs schlafe ich fast ausschließlich im Zelt oder unter freiem Himmel.
 

Dein liebstes Buch für unterwegs

Beim Wandern, Radfahren oder Paddeln höre ich stundenlang Hörbücher – und zwar querbeet vom amerikanischen Krimi bis zu den deutschen Klassikern. Besonders begeistert hat mich das Nibelungenlied, das ich mir in Mittelhochdeutsch mit neuhochdeutscher Übersetzung und Kommentierung durch Peter Wapnewski angehört habe.

Bücher in Papierform erleiden bei mir ein hartes Schicksal: Die gelesenen Seiten werden am nächsten Morgen sofort als Klopapier weiterverwendet. Das mache ich allerdings nur aus Gewichtsgründen – und unabhängig vom Inhalt des Buches.
 

Dein Soundtrack für unterwegs

Ich höre fast ausschließlich Hörbücher, doch wenn ein besonders steiler Aufstieg ansteht, dann motiviere ich mich schon mal mit harten Techno-Beats.
 

Was ist Heimat?

Heimat ist da, wo meine Freunde sind. Und die meisten meiner langjährigen Freunde wohnen in Berlin. 
 

Dein wichtigster Reisetipp

Beim Langstreckenwandern – und das gilt auch für das Radfahren und Paddeln – kommt es weniger auf Trainingszustand und Sportlichkeit an, sondern viel mehr auf das mentale Durchhaltevermögen. Jeder, der halbwegs gesund ist, kann tausend Kilometer und mehr am Stück laufen. Fit wird man spätestens unterwegs. Ob man eine Langstrecke schafft, entscheidet sich fast immer im Kopf – und nicht im Körper.

Blick ins Buch
Laufen. Essen. Schlafen. Laufen. Essen. Schlafen. Laufen. Essen. Schlafen.

Eine Frau, drei Trails und 12700 Kilometer Wildnis

Als Christine Thürmer gekündigt wird, beschließt sie, sich eine Auszeit zu nehmen und auf dem Pacific Crest Trail von Mexiko nach Kanada zu wandern – 4277 Kilometer. Eigentlich unsportlich und ohne Erfahrung bricht sie zu ihrem Abenteuer auf und schafft es tatsächlich bis ans Ziel. Und sie wandert weiter, läuft 2007 den Continental Divide Trail und 2008 den Appalachian Trail. Aus der gewissenhaften Geschäftsfrau wird eine Langstreckenwanderin, die fast ununterbrochen draußen unterwegs ist – zu Fuß, per Fahrrad oder Boot. Anschaulich und humorvoll beschreibt Christine Thürmer die Geschichte ihrer inneren Suche, ihre Erlebnisse und landschaftlichen Eindrücke auf den drei großen Trails und wie es ist, als Frau allein unterwegs zu sein.
Paperback
€ 16,99
Taschenbuch
€ 14,00
E-Book
€ 13,99
€ 16,99 inkl. MwSt.
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 14,00 inkl. MwSt.
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 13,99 inkl. MwSt.
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

21. April 2004

Mexikanische Grenze, CA

Trailkilometer 0

Es ist stockdunkel draußen, ich bin nervös, und mir ist schlecht. Ich sitze in einem Pick-up und bin auf dem Weg von San Diego zur mexikanischen Grenze. Im Scheinwerferlicht des Wagens erkenne ich staubige Sträucher und Büsche. In der Ferne tauchen ein paar Cholla-Kakteen auf. Von San Diego, im Süden von Kalifornien, bis nach Campo sind es knapp achtzig Kilometer auf Asphalt. Von dort rumpeln wir die letzten Kilometer bis zum Grenzzaun auf einem unbefestigten und mit Schlaglöchern übersäten Feldweg entlang. Unser Ziel ist der südliche Terminus des Pacific Crest Trails, eines Wanderweges, der auf 4277 Kilometern von Mexiko nach Kanada führt.

Zusammengepfercht sitze ich mit zwei anderen Langstreckenwanderern auf der Rückbank und werde bei jedem Schlagloch gegen einen meiner Sitznachbarn geworfen. Die staubige, trockene Luft kratzt mir im Hals, und das Gerüttel schlägt mir zusätzlich auf meinen ohnehin schon flauen Magen. Nach einer für mich sehr unruhigen Nacht sind wir bereits um 4.30 Uhr in San Diego losgefahren – ohne Frühstück.

Am Steuer unseres Wagens sitzt Robert Riess. Er ist Lehrer in San Diego, und in seiner Freizeit hilft er den Wanderern auf ihrem Weg von Mexiko nach Kanada. Heute bietet er uns einen »Shuttle-Service« zum Startpunkt des Weges an der mexikanischen Grenze. Meine Wanderkollegen könnten unterschiedlicher nicht sein. Auf dem Beifahrersitz vor mir sitzt John aus England, ein hemmungsloser Raucher. Er wirkt alles andere als sportlich und bringt mindestens zehn Kilogramm Übergewicht auf die Waage. Ganz offensichtlich hat er sich seit seinem Abflug aus London auch nicht mehr rasiert. Die beiden amerikanischen College-Kids Matt und Ben auf der Rückbank neben mir scheinen dagegen dem Magazin Men's Health entsprungen zu sein. Sie sind muskulös, haben kein Gramm Fett am Körper und sind braun gebrannt wie kalifornische Surferboys.

Wir alle wollen von Mexiko nach Kanada wandern. Erst gestern haben wir uns bei Robert kennengelernt. Oder besser gesagt an Roberts Swimmingpool, neben dem wir unser Iso-matten-Camp aufschlagen durften. Dank dieses Open-Air-Lagers konnte ich nachts den Sternenhimmel betrachten, während ich verzweifelt versuchte, etwas Schlaf zu finden.

Robert spürt meine Anspannung, und als er mein blasses Gesicht sieht, versucht er, mich zu beruhigen: »Mach dir keine Sorgen! Du hast nur Panik vor dem Trail. Das legt sich bald. Spätestens wenn du die ersten Schritte gegangen bist.«

»Im Moment habe ich das Gefühl, dass die ganze Idee mit dem Trail einfach nur bescheuert ist. Ich habe realistischerweise doch keine Chance, es von Mexiko nach Kanada zu schaffen – ich hab ja kein bisschen trainiert für den Trail«, jammere ich und bemühe mich, tief in den Bauch zu atmen, um meiner Übelkeit Herr zu werden.

Robert fährt Slalom um zwei weitere große Schlaglöcher und versucht, mich auf seine Art zu trösten: »Seit fünf Jahren fahre ich Wanderer auf den Trail. Nur ein Drittel der Leute, die hier starten, wird jemals in Kanada ankommen. Aber gerade du hast statistisch gesehen die größte Chance, es bis dorthin zu schaffen: Du bist eine Frau, und du bist allein. Solo-Frauen sind am besten vorbereitet, und vor allem müssen sie niemandem etwas beweisen.«

»Frauen sollen die besseren Langstreckenwanderer sein?«, entfährt es John ungläubig, während er fröstelnd die Heizung noch ein bisschen höher dreht. Draußen hat es jetzt kurz vor Sonnenaufgang gerade mal vier Grad Celsius. Erst tagsüber wird das Thermometer hier sicherlich auf dreißig Grad Celsius klettern.

»Die meisten Männer laufen den Trail, um sich selbst und vor allem ihrer Umgebung etwas zu beweisen. Sie wollen immer mit den anderen mithalten oder am besten noch schneller sein und hören dabei nicht auf die Signale ihres Körpers. Sie laufen zu schnell und zu viel – und müssen dann verletzungsbedingt frühzeitig abbrechen. Frauen hören auf die Signale und haben eine deutlich niedrigere Verletzungsquote«, erklärt Robert und scheint sich seiner Sache sehr sicher zu sein.

Darauf herrscht erstauntes Schweigen im Wagen. Wir alle müssen Roberts Ansage erst einmal verdauen. Ich nehme noch ein paar tiefe Atemzüge.

Mit einem Blick auf Matt und Ben legt Robert noch eine Schippe drauf: »Der Erfolg auf dem Trail hängt zu achtzig Prozent von mentalen Faktoren ab und nur zu zwanzig Prozent von deinem körperlichen Zustand. Eine Strecke von über 4000 Kilometern musst du vor allem mit dem Kopf bewältigen – der Körper zieht dann schon nach.«

Ich merke, wie sich mein Magen etwas entspannt. Ein Fahrzeug kommt uns aus der Dunkelheit entgegen: U.S. Border Patrol. Robert hebt grüßend die Hand und lässt den Wagen langsam passieren. Die Grenzschützer winken freundlich zurück.

Auf einmal bringt Robert den Wagen zum Stehen und zieht die Handbremse an. Vor uns erblicke ich einen langen Wellblechzaun. Wir sind also an der mexikanischen Grenze angekommen. Steifbeinig und etwas benommen steigen wir aus dem Auto, und Robert hilft uns, unsere Rucksäcke aus dem Kofferraum zu hieven. Es riecht nach Salbei, ein Duft, den der Wüstenbeifuß verströmt. Und es ist noch dunkel und verdammt kalt. Als Robert mich zum Abschied umarmt, habe ich wieder weiche Knie. Nun ist es so weit. Er zwinkert mir noch einmal aufmunternd zu, für die Jungs gibt es ein kumpelhaftes Schulterklopfen, und schon bricht er auf. Er muss pünktlich vor Schulbeginn zurück in San Diego sein. Ich schaue den Rücklichtern seines Wagens hinterher und fühle mich plötzlich sehr einsam.

 

Als der Pick-up nicht mehr zu sehen ist, spüre ich die Stille förmlich und blicke mich erst einmal um. Das Ende der Vereinigten Staaten sieht hier nicht gerade verheißungsvoll aus: eine staubtrockene Gegend, verziert mit verdorrten Büschen und ein paar jämmerlichen Kakteen. Ein breiter Sandweg führt an dem fast drei Meter hohen Grenzzaun entlang. Mexiko lässt sich nur erahnen. Reifenspuren verraten, dass die U.S. Border Patrol hier wohl häufig unterwegs ist. Schnurgerade zieht sich der Grenzstreifen durch die hügelige Landschaft und wirkt wie eine hässliche Narbe. Am Horizont geht zaghaft die Sonne auf und taucht alles in ein surreales, orangefarbenes Licht.

Matt und Ben können vor lauter Kraft und Tatendrang nicht mehr an sich halten und rennen nach einem kurzen Startfoto sofort los. »Hey, wir sehen euch später auf dem Trail«, verabschieden sie sich und verschwinden bald als hüpfende Farbkleckse in der braunen Landschaft.

Ich stütze mich auf meine Trekkingstöcke und schaue den beiden nachdenklich hinterher. Bis jetzt war der Pacific Crest Trail für mich vor allem ein tolles Planspiel und eine faszinierende Idee gewesen. Drei Monate lang hatte ich meine Ausrüstung optimiert, Unterlagen studiert und die Logistik rund um mein Vorhaben geplant. Zahlen, Daten, Fakten – das war meine Welt. Und irgendwie war es mir dabei gelungen, die körperliche Komponente dieser Wanderung auf ein reines Rechenspiel zu reduzieren, das ich nun mantramäßig in meinem Kopf wiederhole, um meinem immer noch flauen Magen und meinen weichen Knien etwas entgegenzusetzen: Der PCT ist 4277 Kilometer lang. Die Saison dauert nur etwa fünf Monate. Ich habe also gut 150 Tage Zeit. Abzüglich eines Ruhetags pro Woche ergibt das 130 Lauftage – und einen Tagesschnitt von 32,9 Kilometern. Ich werde also jeden Tag 33 Kilometer laufen müssen, fünf Monate lang. In der kühlen Morgenluft nehme ich erneut einen tiefen Atemzug.

Hier neben dem Grenzzaun fühlt sich alles anders an als zu Hause in Deutschland. Dort waren es nur Ziffern auf dem Papier. Jetzt starre ich in die schier endlose Landschaft vor mir, und die Zahlen bekommen ein erschreckend konkretes Gesicht. Aus schöner Theorie ist knallharte Realität geworden. Und ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob mir diese gefällt.

John scheint es ähnlich zu ergehen wie mir, und in stiller Übereinkunft zögern wir den unvermeidlichen Aufbruch noch ein wenig hinaus. Wir kramen in unseren Rucksäcken, cremen Gesicht und Hände vorsorglich mit Sonnencreme ein und schießen Dutzende von Fotos vor dem kleinen PCT-Denkmal: Fünf eher unscheinbare, weiß gestrichene Holzpfeiler mit der Aufschrift »Pacific Crest National Scenic Trail – Southern Terminus« markieren den Beginn eines der längsten Wanderwege der Welt. Ich setze mich auf den niedrigsten der fünf Pfosten und lächle tapfer in die Kamera, während John mich von allen Seiten fotografiert.

Als ich anschließend die Aufnahmen meiner Handykamera betrachte, schaue ich auf mich wie auf eine Fremde: Da stehe ich, in neuen schwarzen Turnschuhen, einer total sauberen beigen Trekkinghose und einer dunkelblauen Jacke. Um den Hals ein gelbes Bandana und auf dem Kopf eine Baseballkappe. Nur der vollgepackte schwarze Rucksack und die Trekkingstöcke weisen mich als Wanderin aus. Irgendwie wirke ich mit dieser nagelneuen Ausrüstung total fehl am Platz. John raucht neben mir seine dritte Zigarette und sieht dabei immerhin noch deplatzierter aus als ich.

Ein herannahendes Auto erlöst uns von dem drohenden Aufbruch. Es entsteigt ein quietschsauberes amerikanisches Pärchen um die zwanzig, gefolgt von einem Elternpaar.

»Na, wollt ihr auch den PCT laufen?«, fragt John die Neuankömmlinge.

Das junge Paar strahlt über das ganze Gesicht. »Ja, aber nur den Teil in Kalifornien. Dann müssen wir wieder aufs College.«

Die Eltern haben die Kids also nur hierher gefahren und fragen nun mit stolzgeschwellter Brust: »Könnt ihr vielleicht ein Foto von uns allen für das Familienalbum machen?«

John übernimmt die Kamera, stellt sich in Position und fordert die Familie zu einem freundlichen Lächeln auf. »And now you all say – SEX!«, bittet er sie höflich. Vier Gesichtszüge entgleisen angesichts seines sonnigen britischen Humors. Statt breitem Grinsen ziert ein gequältes Lächeln die vier Gesichter. Es fällt mir sehr schwer, nicht laut loszulachen.

Nachdem die Eltern bereits wieder im Auto auf dem Weg nach Hause sind und der jung-dynamische Wandernachwuchs auf dem Trail entschwunden ist, hängen John und ich immer noch unentschlossen am Grenzzaun herum.

»Wollen wir heute zusammen losgehen?«, frage ich ihn schließlich. »Ich meine, du hast es ja sicherlich auch von den anderen Wanderern und Robert gehört: So direkt an der Grenze soll es hin und wieder zu Zwischenfällen mit Schleuserbanden und Drogenschmugglern kommen. Das könnte allein gefährlich werden.«

John sieht das genauso und drückt seine vierte Zigarette aus. »Die werden wohl eher nachts im Schutz der Dunkelheit unterwegs sein. Lass uns heute bis zum Lake-Morena-Zeltplatz gehen. Dort werden so viele Camper sein, dass wir bestimmt keine Probleme haben werden.«

Er steht auf und klopft sich den Staub von den Hosen. Dann sieht er mich dreckig grinsend an: »Im Übrigen ist es mit den Schleusern und den Drogenhändlern wie mit den Bären. Ich muss nur schnell genug davonrennen.«

Verwirrt stehe ich ebenfalls auf: »Das ist doch Quatsch. Bären rennen doch viel schneller als jeder Mensch. Denen kannst du nicht davonlaufen.«

»Darum geht es ja gar nicht«, erklärt John mir freudestrahlend. »Ich muss nur schneller laufen als du. Dann frisst der Bär dich statt mich.«

Gut, dass wir das geklärt haben …

 

Es ist mittlerweile sieben Uhr und ziemlich warm geworden. Wir müssen nun wirklich los. Der Moment, auf den ich fast vier Monate hin geplant habe, ist gekommen: Ich schultere meinen Rucksack und betrete langsam den vierzig Zentimeter breiten Fußpfad namens Pacific Crest Trail, der für die nächsten fünf Monate mein Zuhause sein wird. Die ersten Schritte sind noch zögerlich. Alles ist ungewohnt: die Last auf dem Rücken, die neuen Schuhe, die Trekkingstöcke.

»John, wie viel Wasser hast du dabei?«, frage ich nach einer halben Stunde, während ich die Gegend nach etwas Grünem absuche. Aber so weit das Auge reicht, sehe ich nur staubiges Gestrüpp.

»Vier Liter«, antwortet John, der dicht hinter mir läuft. »Meinst du, das reicht?«

Genau dieselbe Frage stelle ich mir auch: »Ich habe auch nur vier Liter. Das muss reichen.«

Die nächste verlässliche Wasserquelle ist der Lake-Morena-Campingplatz – 32 Kilometer entfernt. Bis dahin gibt es keine Auffüllmöglichkeit, denn die kleinen saisonalen Rinnsale sind zu dieser Jahreszeit bereits ausgetrocknet.

»Das heißt, wir müssen heute Abend oder spätestens morgen Vormittag den Campingplatz erreichen«, spricht John das Unvermeidliche aus. Keiner von uns beiden will ernsthaft über die Alternative nachdenken. Was, wenn wir uns verletzen oder uns verlaufen? Die nächsten Minuten sagt keiner ein Wort. Der kühle Swimmingpool in Roberts Haus in San Diego scheint plötzlich Lichtjahre entfernt.

 

Schritt für Schritt entfernen wir uns von der mexikanischen Grenze und dringen immer tiefer in die staubige Ungewissheit vor. Der schmale Weg wird zu einer überdimensionalen Nabelschnur, und ich frage mich besorgt, was wir tun sollen, wenn er einfach endet – so mitten im Nichts. Hier gibt es keine Wegmarkierungen. Die niedrigen Büsche und Sträucher haben vor allem eines gemeinsam: Sie haben Stacheln, Dornen oder Nadeln, die erbarmungslos kratzen oder stechen. Bald schon bin ich froh um meine schützenden Gamaschen, und ich bleibe tunlichst in der Mitte des schmalen Pfads.

Wir laufen Stunde um Stunde, und die Sonne steigt erbarmungslos immer höher. Sie treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Langsam komme ich in der Wirklichkeit an: Ich bin tatsächlich unterwegs auf dem PCT! Ich bin hier nicht im Urlaub, sondern werde die nächsten Monate auf diesem Trail verbringen. Mein Magen hat sich inzwischen entspannt, meine Schritte werden sicherer, und ich finde mein Tempo. Wie Robert Riess es vorausgesagt hat: Meine Zuversicht wächst mit jedem Schritt. Ich genieße die fremdartige Landschaft, die Luft, sogar Johns Gesellschaft. Ich komme innerlich zur Ruhe und füge mich ins Unvermeidliche: Jetzt muss ich laufen, laufen, laufen.

 

Um zwei Uhr nachmittags erreichen wir unser erstes Ziel: Hauser Creek. Erwartungsgemäß ist das Flüsschen ausgetrocknet, da es lange nicht geregnet hat. Dennoch kommt mir dieses kleine Tal wie eine Oase in der Wüste vor: Ein paar schattige Bäume laden zu einer ausgedehnten Rast ein. Im Hintergrund zwitschern einige Vögel, während wir unter einer knorrigen Eiche unser Mittagessen verzehren. John isst Tortillas mit Erdnussbutter, ich habe noch ein paar Donuts und Muffins aus San Diego. Ich bin froh, diese ersten Stunden nicht allein gegangen zu sein. Nach dem Essen zieht John genussvoll an seiner Zigarette, ich entledige mich meiner Schuhe und Socken, um meine geschwollenen Füße auszulüften. Vor uns liegen noch acht Kilometer, aber vor allem ein Anstieg von 400 Höhenmetern. Dafür ist es jetzt in der Mittagshitze viel zu heiß. Wir haben also genug Zeit für eine lange Siesta.

»Warum bist du eigentlich hier?« Endlich traue ich mich, die Frage zu stellen, die ich eigentlich schon an Roberts Pool stellen wollte, als John seine Isomatte neben mir ausbreitete.

»Daran sind vor allem die Frauen schuld«, verblüfft er mich. »Sie haben mich regelrecht verfolgt!« Ausführlich erklärt er mir – nicht ohne ein bisschen Stolz – sein kompliziertes Liebesleben, sodass ich bald den Überblick verliere über Johns Freundinnen, Affären und Verehrerinnen der letzten Jahre. Als vierzigjähriger Junggeselle wurde er von den vielen heiratswütigen Damen so sehr bedrängt, dass er sich in einem Anfall von Midlife-Crisis in die USA geflüchtet hat – behauptet er zumindest. Angesichts von Johns Figur hege ich zwar gewisse Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Version, behalte diese aber vorsichtshalber für mich. Vielleicht herrscht in Großbritannien ja ein etwas anderes männliches Schönheitsideal vor als in Deutschland. Vorsichtig lenke ich das Gespräch auf ein anderes Thema: »Was hast du denn beruflich gemacht?«

»Ich bin Journalist und schreibe für ein englisches Outdoormagazin. Denen konnte ich die Wanderung gut verkaufen, denn ich werde danach in der Zeitschrift über den Trail schreiben. Ich verbinde hier also quasi das Angenehme mit dem Nützlichen. Wandern und gleichzeitig Material für die Artikelserie sammeln. Und wenn ich in einem halben Jahr nach England zurückkomme, haben sich die Frauen hoffentlich wieder beruhigt. Und du?«

Ich strecke mich auf meiner Isomatte aus und schiebe mir meine Baseballkappe ins Gesicht. In meinem Wanderoutfit faul im Schatten einer kalifornischen Eiche liegend, fühle ich mich sehr weit weg von meinem früheren Leben, das erst ein paar Monate zurückliegt. »Bis vor Kurzem war ich kaufmännische Leiterin eines mittelständischen Betriebes. Zwei Jahre lang habe ich das Unternehmen saniert. Ein sauguter Job – und verdient habe ich auch ganz ausgezeichnet.«

John sieht mich skeptisch an und schiebt sich ein Snickers zum Nachtisch in den Mund. Ganz offensichtlich nimmt er mir meine Karriere genauso wenig ab wie ich ihm seine Frauen.

»Ich war auch sonst sehr zufrieden mit meinem Leben: Ich hatte einen großen Freundeskreis, bin viel gereist, habe ständig Museen und Theater besucht und das Nachtleben in vollen Zügen genossen«, füge ich hinzu.

»Männer?«, fragt John neugierig.

»Zum Glück keinerlei Dramen, eigentlich war ich sogar ganz glücklich mit meinem Liebesleben.«

John nickt verständnisvoll: »Du bist also ein klassischer SINK: single income, no kids.«

»Genau. Ein SINK. Und daran will ich auch gar nichts ändern«, ergänze ich hastig, damit John mich nicht ebenfalls für eine heiratswütige Frau mit tickender biologischer Uhr hält. »Ehe und Kinder, das ist eh nicht mein Ding.«

John ist allmählich verwirrt: »Klingt nach einem rundherum perfekten Leben. Was hat dich denn dann auf den Trail verschlagen?«

Genau diese Frage habe ich mir in den letzten Wochen und Monaten immer wieder gestellt. »Eigentlich hat alles vor etwa zehn Monaten begonnen – mit einem puren Zufall. Wenn es so etwas gibt.«

 

 

Juli 2003, zehn Monate vor dem PCT

Tuolumne Meadows Campground, Yosemite National Park, CA

 

Ich sitze auf einer Bank vor meinem Zelt und betrachte im Licht der langsam untergehenden Sonne die riesigen Kiefern, die meinen Zeltplatz beschirmen. Im Hintergrund höre ich den Tuolumne River, dessen Wasser aufgrund der Schneeschmelze für eine gewaltige, aber gleichzeitig beruhigende Geräuschkulisse sorgt. Entspannt lehne ich mich auf der Bank zurück und atme den würzigen Duft der Nadelbäume ein. Ich bin sehr zufrieden mit mir. Fast zwei Wochen lang bin ich durch den spektakulären Yosemite National Park gelaufen, habe gewaltige Berge, reißende Flüsse und sogar Bären gesehen. Meinen 36. Geburtstag habe ich unter blauem Himmel an einem glasklaren Gebirgssee wie aus dem Bilderbuch verbracht. Ganz allein – wenn man mal von den zwei Millionen Moskitos absieht, die mich heimgesucht haben. Dieser Urlaub war ein wirklich schönes, wenn auch teures Geburtstagsgeschenk für mich selbst. Aber ich verdiene ja gut …

Der Duft saftiger Steaks wabert von den Zeltplatznachbarn zu meiner Linken, die sich gerade auf dem Lagerfeuergrill ein opulentes Abendessen zubereiten, zu mir herüber. Ich bin bereits beim Nachtisch angelangt und schiebe mir entspannt ein großes Stück Schokolade in den Mund.

Doch plötzlich werde ich in meiner beschaulichen Abendbetrachtung gestört. Die bisher noch unbesetzte Campingparzelle zu meiner Rechten wird nun von einigen wilden Gestalten okkupiert. Sechs Jungs, alle wohl so zwischen zwanzig und dreißig, mit Vollbärten und völlig verdreckter Kleidung, bauen in Windeseile ihre minimalistischen Behausungen auf. Jeder Handgriff sitzt, und in wenigen Minuten sind die Isomatten ausgerollt und die Schlafsäcke aufgeschüttelt. Während ich in einem nagelneuen Expeditionszelt auf einer bequemen aufblasbaren Matte nächtige, scheinen meine neuen Nachbarn unter winzigen Tarps, also einfachen Zeltplanen ohne Boden, auf dünnen Schaumstoffmatten zu schlafen. Ihr Aufzug ist abenteuerlich: Alle tragen statt Wanderstiefeln alte Turnschuhe, die teilweise schon so abgetragen sind, dass sie nur noch von herumgewickeltem Isolierband zusammengehalten werden. Ich sehe löchrige Socken und zerrissene Hosen. Dennoch verströmen sie eine solche Lebendigkeit und gute Laune, dass ich mich unwiderstehlich zu ihnen hingezogen fühle.

Als sie ein Lagerfeuer anzünden, schlendere ich hinüber und geselle mich zu ihnen. »Hi, ich bin Christine aus Deutschland und eure Nachbarin hier auf dem Zeltplatz«, begrüße ich sie.

»Läufst du den PCT oder den JMT?«, kommt es gleich zurück – und diese Frage wirft mich erst mal völlig aus der Bahn. PCT? JMT? Was soll das denn sein?

»Nein, ich wandere einfach nur so …«, stottere ich verwirrt und ernte eine gewisse herablassende Heiterkeit. Aber das Eis ist erst mal gebrochen.

»PCT ist die Abkürzung für Pacific Crest Trail. Das ist ein Weitwanderweg, der auf 4277 Kilometern von Mexiko nach Kanada führt. Und JMT steht für John Muir Trail. Der ist nur 340 Kilometer lang und führt durch den Yosemite National Park«, erklärt mir einer der Jungs jetzt geduldig und schmeißt ein paar Würstchen aus dem Campingplatzladen auf den Grill.

»Und ihr lauft wohl den PCT?«, frage ich ungläubig.

»Ja, klar! Wir sind schon über zwei Monate unterwegs und haben bereits 1500 Kilometer geschafft auf dem Weg nach Kanada. Wir sind thruhiker.«

»Thruhiker?«, frage ich schon wieder total verwirrt zurück.

»Ja, thruhiker! Wir wandern den kompletten Trail DURCH, sind also DURCHwanderer oder kurz halt thruhiker.«

Nun verstehe ich die abgetragene Kleidung, die kaputten Schuhe und vor allem die unglaubliche Effizienz der Truppe.

Und während die Jungs Würstchen um Würstchen in sich hineinstopfen, stelle ich Frage um Frage über den Trail und ihr Leben unterwegs.

»Wie lange dauert es, von Mexiko nach Kanada zu laufen?« – »Ungefähr fünf Monate, von Mitte April bis Ende September.«

»Wie viel Kilometer lauft ihr am Tag?« – »Etwa 33 Kilometer. In der Wüste mehr, hier im Hochgebirge weniger.«

»Wie schwer sind eure Rucksäcke?« – »Fünf bis sechs Kilo ohne Wasser und Verpflegung, denn wir haben alles gewichtsoptimiert.«

Leider hat meine Fragestunde schon bald ein Ende. Um 21 Uhr ziehen sich meine Nachbarn bereits zum Schlafen zurück. »Es ist schon thruhiker midnight«, verabschieden sie sich lächelnd von mir. Im Schein meiner Stirnlampe stolpere ich zurück zu meinem Zelt. Und trotz meiner bequemen weichen Isomatte schlafe ich nur sehr unruhig in dieser Nacht, denn mir schwirren noch hunderttausend Fragen durch den Kopf.

 

Als ich am nächsten Morgen aufwache, bin ich wild entschlossen, die Jungs weiter zu löchern. Energisch strecke ich den Kopf aus meinem Zelt, um zu sehen, was meine Nachbarn jetzt wohl treiben – und sehe nichts als einen leeren Zeltplatz. Die thruhiker sind um neun Uhr morgens bereits spurlos verschwunden wie eine Fata Morgana. Wie mir meine Zeltplatznachbarn zur Linken später berichten, sind sie bereits um sechs Uhr bei Sonnenaufgang losgelaufen – während ich in Urlaubermanier faul bis weit in den Morgen hinein geschlafen habe.

 

Doch die Idee des PCT lässt mich jetzt nicht mehr los. Sie verfolgt mich die verbleibenden Tage meines Urlaubs und will auch nach meiner Rückkehr nach Deutschland nicht aus meinem Kopf verschwinden. Dabei frage ich mich die ganze Zeit, was mich denn nun genau am Thema thruhike so fasziniert. Die Freiheit auf dem Trail? Die Radikalität dieses reduzierten Lebensstils? Die große Energie, die die Wanderer so offensichtlich aus ihrem Outdoorleben ziehen? Mein spannender und lukrativer Job in der Unternehmenssanierung erscheint mir plötzlich im Vergleich fade und langweilig. Ich sehe meine nächsten Jahre bereits vor mir als eine einzige frustrierende und sich ständig wiederholende Abfolge von Budgetplanungen und Jahresabschlussberichten, Arbeitsgerichtsprozessen und Kundengesprächen, Streitereien mit Geschäftsführern und Betriebsräten.

Immer wieder spiele ich in den nächsten Monaten das Szenario eines Jobausstiegs und einer PCT-Wanderung durch – aber letztendlich bleibt es immer nur bei diesem Gedankenspiel. Zu verrückt und weit hergeholt erscheint mir die Idee des PCT. Mir fehlt ganz einfach der Mut, meinen sicheren und gut bezahlten Job zu kündigen. Und so bleibe ich weiterhin die dynamische Geschäftsfrau – bis es zum großen Knall kommt …

Blick ins Buch
Wandern. Radeln. Paddeln.Wandern. Radeln. Paddeln.

12000 Kilometer Abenteuer in Europa

2007 hat Christine Thürmer alles aufgegeben – ihren Job, ihre Wohnung, ihr normales Leben –, um in der Natur unterwegs zu sein. Seitdem legte sie wandernd, radelnd und paddelnd über 70.000 Kilometer zurück. In den USA, auf dem Pacific Crest Trail, hat alles begonnen, doch auch in Europa gibt es fantastische Outdoor-Möglichkeiten. Packend schildert Christine Thürmer drei faszinierende große Touren: zu Fuß von Koblenz am Rhein nach Tarifa, zum südlichsten Punkt Europas; mit dem Rad die Ostseeküste entlang, von Berlin über Polen und das Baltikum bis nach Finnland; und mit dem Kajak quer durch Schweden. Sie erzählt von spannenden Begegnungen und einzigartiger Natur; von den Herausforderungen des Lebens auf Wanderschaft und wie sich dadurch die persönlichen Werte und Einstellungen verändern. Ein mitreißender Bericht, der Lust macht aufzubrechen.

25. August 2013
Berlin, Deutschland

Rumms! – mit einem dumpfen Knall kippt der Packsack mit meinem 23 Kilogramm schweren Faltboot von einer Umzugskiste. Dadurch kommen die darauf gelagerten Beutel mit den Schlafsäcken ins Rutschen und fallen mir direkt vor die Füße. Genervt richte ich mich auf und strecke meinen schmerzenden Rücken durch. Seit fünf Minuten schon wühle ich in einem Karton und suche die Nummer 315, einen Gaskartuschenadapter.
Ich befinde mich in einem großen Mietlager in Berlin vor meiner Box. Auf gerade mal drei Quadratmetern bewahre ich hier all meine weltlichen Besitztümer auf, denn eine eigene Wohnung habe ich schon lange nicht mehr. Technisch gesehen bin ich obdachlos. Doch ich sage immer: »Ich lebe im Zelt.« Denn ich bin Langstreckenwanderin und fast das ganze Jahr über draußen unterwegs. Meist zu Fuß, manchmal aber auch mit dem Fahrrad oder meinem Kajak. Vor zwei Tagen erst bin ich von einer Radtour durch Skandinavien zurückgekommen, und übermorgen breche ich schon wieder auf zu einer Wanderung durch Südeuropa. Also ist jetzt fliegender Ausrüstungswechsel angesagt, da ich dem Freund, auf dessen Wohnzimmercouch ich derzeit nächtige, nicht länger als nötig zur Last fallen möchte. Fahrrad und Packtaschen der letzten Tour also wieder hinein in die Lagerbox, Rucksack und Trekkingstöcke für die anstehende Wanderung heraus. Ganz bewusst wechsle ich bei meinen Touren immer zwischen Wandern, Radeln und Paddeln ab, um körperlichen Verschleißerscheinungen vorzubeugen. Nur die Freude am Draußensein, die nutzt sich bei mir nie ab.
Die meisten Dinge aus meinem früheren Leben – Möbel, Kleidung und Bücher – habe ich schon vor Jahren verkauft oder verschenkt. In meiner Lagerbox befinden sich kaum noch alltägliche Sachen, dafür umso mehr Outdoorequipment. Ich besitze zwar weder ein Auto noch ein Bett, dafür aber neben einem Faltkajak und einem Tourenrad acht Schlafsäcke, sechs Isomatten, fünf Zelte und unzählige weitere kleine Ausrüstungsgegenstände. Genauer gesagt sind es 506, denn in meinem Lager sind alle Sachen mit Aufklebern durchnummeriert und nach Themenkreisen sortiert.
Ich werfe die Schlafsäcke mit den Nummern 41 bis 48 zurück an ihren Platz und wühle erneut in der Kiste mit dem 300er-Nummernkreis »Kochen«. Endlich finde ich den Gaskartuschenadapter in einer Sammeltüte neben einem Satz Titanbesteck und einem halben Dutzend Minifeuerzeugen. Erleichtert atme ich auf und schaue auf die Excel-Tabelle auf meinem Smartphone, in der all meine Ausrüstungsgegenstände mit Nummer, Gewicht und Beschreibung aufgelistet sind. Diese akribische Lagerhaltung ist ein Relikt aus meinem früheren Leben als Geschäftsführerin, hat sich aber auch in meiner neuen »Outdoorkarriere« bewährt, seit ich meinen Job vor einigen Jahren endgültig an den Nagel gehängt habe. Denn mit dieser Liste kann ich entspannt am Computer »vorpacken« und die Ausrüstung dann schnell in einer einmaligen Aktion aus meinem Lager holen.
Die 315 war der letzte Gegenstand auf meiner Packliste. Ich wuchte den Sack mit meinem Faltboot wieder an seinen Platz, staple die Kisten zurück in das Abteil und quetsche anschließend mein Fahrrad in eine Lücke zwischen den Kartonreihen. Zum Schluss werfe ich noch die drei Aufbewahrungsbeutel mit den verbleibenden sieben Schlafsäcken obendrauf. Doch bevor ich die dünne Metalltür mit einem Vorhängeschloss verschließe, halte ich noch einmal inne und blicke in die bis in den letzten Winkel gefüllte Lagerbox.
»Tschüss!«, sage ich leise zum Abschied und streichle über den Lenker meines Fahrrads. Wenn ich unterwegs bin, wird mein Transportmittel wie zu einem neuen Körperteil. Manchmal rede ich sogar mit ihm – so wie jetzt. Fünf Monate werde ich nun zu Fuß unterwegs sein, doch danach geht es vier Monate zum Radeln und zwei Monate zum Paddeln.
»Keine Sorge, bald sind wir wieder unterwegs«, flüstere ich daher sentimental. Da sehe ich aus den Augenwinkeln, wie einer der drei Beutel mit den Schlafsäcken schon wieder ins Rutschen kommt und auf mich zugleitet. Schnell werfe ich die Tür hinter mir zu und schließe ab.


27. August 2013
Bad Hönningen am Rhein, Deutschland

»Meine Güte, wie viele Kilometer bist du mittlerweile schon gewandert?«, fragt mein Outdoorfreund Werner leicht genervt und stellt energisch sein Glas auf dem weißen Küchentisch ab.
»Äh, fast 30 000 Kilometer«, antworte ich nach kurzem Überlegen und blicke erstaunt von meinem Abendessen hoch. »Aber …«
»Und seit wie vielen Jahren ziehst du nun bereits eine Tour nach der anderen durch?«, unterbricht Werner mich sofort und spießt ein Stück Hühnerbrust mit seiner Gabel auf.
»Hm, sieben Jahre«, stammle ich verwirrt und lege mein Besteck neben dem Teller ab. »Wozu willst du …«
»Und warum stellst du dich dann am Anfang einer Tour immer noch an wie der erste Mensch?«, fällt Werner mir triumphierend ins Wort und steckt sich genüsslich den Bissen Fleisch in den Mund.
»Ich stelle mich nicht an wie der erste Mensch«, protestiere ich entrüstet und schiebe meinen halb leeren Teller von mir weg.
»Ach nein«, stellt Werner grinsend mit ironischem Unterton fest. »Und warum jammerst du dann in einer Tour rum, seit du heute Mittag hier angekommen bist?«
»Ich jammere überhaupt nicht rum!«, widerspreche ich und will das gleich noch weiter ausführen. »Aber ich habe nun mal …«
»Ich weiß«, unterbricht mein Gastgeber mich schon wieder und zählt kauend meine zahlreichen Wehwehchen auf: »Du hast Kopfschmerzen, einen verspannten Nacken, dein Knie tut dir weh, und überhaupt bist du gänzlich unfit und unvorbereitet. Du erzählst seit Stunden nichts anderes.«
Sprachlos sehe ich meinen Wanderfreund an – dann brechen wir beide in schallendes Gelächter aus.
»Du hast ja recht«, gebe ich zu und werde sogar leicht rot dabei, weil mir gerade vor Werner meine hypochondrischen Züge nun doch etwas peinlich sind. Denn der hat eine Krankengeschichte ganz anderen Kalibers vorzuweisen: Mit seinen 56 Jahren hat er bereits zwei Herzinfarkte, einen Schlaganfall und eine Bypassoperation hinter sich. Die Herzprobleme halten den drahtigen und energiegeladenen Mann aber keineswegs vom Wandern ab. Um die 20 000 Kilometer ist er durch Europa gelaufen, meist auf Pilgerwegen. Nur zeltet er im Gegensatz zu mir nicht wild im Wald, sondern übernachtet ausschließlich auf Campingplätzen und in Pilgerherbergen.
»Mensch, Christine«, sagt Werner nun schon mitfühlender und wischt sich den Mund mit einer Serviette ab. »Du bist einer der erfahrensten Langstreckenwanderer weltweit. Du bist Tausende von Kilometern in den USA, Australien und Europa gelaufen. Und daher weißt du doch genauso gut wie ich, dass es sich bei deinen Beschwerden nur um eine ›Prä-Trip-Depression‹ handelt. Sobald du morgen die ersten Schritte gemacht hast, werden alle Schmerzen wie weggeblasen sein.«
Ich lächle betreten und spiele verlegen mit der Gabel. »Es ist vor jedem Trip das Gleiche – egal, wie oft ich nun schon aufgebrochen bin. Ich bin nervös, und mir ist schlecht.« Als Werner mir aufmunternd zunickt, fahre ich einsichtig fort: »Dabei weiß ich doch, dass letztendlich immer alles gut wird …«
Seufzend schließe ich die Augen und denke an die vor mir liegende Tour: Ich will vom Rhein aus zum südlichsten Punkt des europäischen Festlands laufen. Das sind fast 4000 Kilometer durch Deutschland, ganz Frankreich und Spanien. Doch die besondere Schwierigkeit dieser Wanderung liegt nicht in der Länge der Strecke oder der Routenführung, sondern in der Jahreszeit: Ich werde den Herbst und fast den kompletten Winter über unterwegs sein. Bei der Planung der Tour hatte ich mich riesig darauf gefreut, die kalten Monate im warmen Süden zu verbringen. Aber jetzt sehe ich vor meinem geistigen Auge statt sonniger Wandertage nur die eisigen, langen Nächte im Zelt. Sofort wird mir wieder flau im Magen.
Da reißt Werner mich aus meinen trüben Gedanken: »Du hast doch eine tolle Tour vor dir!«
»Na, dass du sie toll findest, ist doch klar, schließlich stammt die Idee ja von dir«, schnaube ich wenig überzeugt, doch mein Wanderfreund grinst mich nur spitzbübisch an.
Erst vor zwei Jahren haben wir uns online in einem Outdoorforum und etwas später auch persönlich kennengelernt. Der Rheinländer, der die meisten seiner Wanderkilometer in Spanien und Portugal zurückgelegt hat, wurde schnell zu einem wertvollen Ratgeber in Sachen Südeuropa für mich. Als ich vor einem Jahr nach Tourenideen für den Winter suchte, schlug er vor, zum südlichsten Punkt Europas zu wandern: nach Tarifa. Damals hatte ich zunächst an seinen Geografiekenntnissen gezweifelt, denn den südlichsten Punkt Europas hatte ich in Sizilien vermutet. Eine kurze Recherche im Internet belehrte mich jedoch eines Besseren: Tarifa am südlichsten Zipfel Spaniens ist in der Tat auch der südlichste Punkt auf dem europäischen Festland. Ich war sofort Feuer und Flamme für diese Idee – und da sie von Werner stammte, wollte ich meine Wanderung auch gleich bei ihm am Rhein beginnen. Genauer gesagt am Deutschen Eck in Koblenz, weil mir dieses Denkmal als passender Startpunkt für eine europäische Wanderung erschien. Und so sitze ich nun in Werners blitzblanker Küche und verzehre die letzten Reste einer ausgezeichneten Hühnerbrust mit Paprikasoße, die mir im Moment jedoch eher wie eine Henkersmahlzeit vorkommt. Denn morgen soll ich schon loswandern. Der Gedanke lässt mich wieder aufstöhnen.
»Komm, ich mache dir eine Wärmflasche für deinen verspannten Nacken«, meint Werner nun lachend und steht auf, um den Tisch abzuräumen.
»Ob das was hilft?«, frage ich verzagt und stelle die benutzten Teller zusammen. Doch mein Wanderfreund ignoriert den Rest des Abends all mein wehleidiges Jammern und schickt mich einfach früh ins Bett.

Über Christine Thürmer

»At age 46 I still have not had enough. I am now alternating between hiking, cycling and paddling in countries where the exchange rate is favourable for me - I have to survive on a very frugal budget now. Every one or two years I come back to Germany for a couple of months for medical check ups, bureaucratic stuff and to plan my next trip.

By now I have hiked about 32.000 km, cycled about 22.000 km and paddled about 5.000 km. In the last years I have spent many more nights outdoors in my tent than sleeping under a roof. I consider myself a very lucky and happy person and I hope to encourage other people to pursue a similar lifestyle through my blog. Live your dream - you can do it, too!« Christine Thürmer über ihr Outdoor- Leben

Quelle: Christine Thürmers Blog

Kommentare

Kommentieren Sie diesen Beitrag:

Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtangaben und müssen ausgefüllt werden.