Trekking extrem: Langstreckenwanderin Christine Thürmer im Interview
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Extremwandern

Weitwanderwege in Amerika und Europa

Mittwoch, 21. Februar 2018 von Christine Thürmer / Piper Verlag


Langstreckenwanderin Christine Thürmer im Interview

Als Christine Thürmer gekündigt wird, beschließt sie, sich eine Auszeit zu nehmen und auf dem Pacific Crest Trail von Mexiko nach Kanada zu wandern – 4277 Kilometer. Eigentlich unsportlich und ohne Erfahrung bricht sie zu ihrem Abenteuer auf und schafft es tatsächlich bis ans Ziel. Und sie wandert weiter: Insgesamt hat sie bislang 33 000 Kilometer zu Fuß, 30 000 Kilometer mit dem Fahrrad und 6500 Kilometer mit dem Boot zurückgelegt.  Christine Thürmer – unter Outdoorfans bekannt als German Tourist – gehört zu den meistgewanderten Menschen weltweit und wurde auch mit dem Triple Crown Award ausgezeichnet.

Im Interview spricht sie über die körperlichen und mentalen Herausforderungen beim Weitwandern und gibt Tipps, welche Fernwanderwege in Europa besonders für Anfänger geeignet sind.

 

Wo erreichen wir dich gerade?

In Berlin! Ich plane gerade meine nächste Tour - eine 3000 km lange Wanderung bis zum nördlichsten Punkt Europas, dem Nordkap in Norwegen.

 

Worum geht es in deinen Büchern?

Ich erzähle von meinen Touren durch Nordamerika und Europa – und bei 40.000 km zu Fuß, 30.000 km mit dem Rad und 6.500 km mit dem Boot kommt da einiges zusammen ... Dabei berichte ich nicht nur von vielen lustigen und spannenden Erlebnissen unterwegs, sondern gebe auch ungeschminkte Einblicke in den Outdoor-Alltag und erkläre, wie sich die eigenen Werte und Anschauungen dadurch verändern.

 

Hat sich Deine Lebensplanung durch das Bücherschreiben verändert?

Ja und nein: Schon bevor ich mit dem Bücherschreiben begonnen habe, habe ich mich gefragt, was das ideale Verhältnis zwischen unterwegs und sesshaft sein ist. Am Anfang meiner Outdoorlaufbahn war ich 9 bis 10 Monate pro Jahr unterwegs, was über die Jahre auch ganz schön anstrengend war. Im Moment peile ich 50/50 an, also sechs Monate on Tour und sechs Monate Bücherschreiben und Vorträge halten, wobei mich da weniger wirtschaftliche Interessen treiben. Ich hoffe einfach, dass das ein gutes Verhältnis zwischen körperlicher/intellektueller Aktivität und Ruhephasen ist. Mein Lebensstandard hat sich dadurch nicht verändert.

 

Du bist 40.000 km gelaufen – wie hält Dein Körper diese Dauerbelastung aus?

Zunächst mal betreibe ich ja keinen Leistungssport, sondern mache lediglich das, wofür unser Körper mal konzipiert worden ist: Laufen! Jahrtausende lang sind unsere Vorfahren als Jäger und Sammler gewandert - und ich mache nichts anderes! Dabei bin ich weder besonders schnell noch besonders schwer unterwegs und breche auch keine sonstigen Rekorde, sondern kann mich dabei auch noch relativ gut und ausgewogen ernähren. Und daher kommt mein Körper ausgesprochen gut mit der Dauerbelastung klar! Nicht ich mache etwas Ungewöhnliches, sondern der Großteil der Bevölkerung der Industrienationen, denn eine dauerhaft sitzende Tätigkeit bekommt unserem Körper viel schlechter als wandern ...

 

Denkst Du daran, mal wieder sesshaft zu werden?

Nein, ganz im Gegenteil! Je länger ich unterwegs bin, desto mehr Ideen für neue Touren bekomme ich! Ich habe eher Angst, dass ich nicht mehr alles schaffen werde!

 

Was wäre deine Empfehlung für einen Anfänger im Wandern? 

Da hätte ich Dutzende von Ideen, aber mein Favorit für Anfänger ist ein „thruhike“  durch Ungarn auf dem Kektura, dem blauen Band. Warum Ungarn? Wildzelten ist dort genau wie in Skandinavien legal - und auch total einfach machbar, weil der Weg fast durchgängig durch grandiosen alten Buchenwald führt. Der Weg hat eine hohe „Fehlertoleranz“, d.h. selbst wenn man irgendeinen blöden Anfängerfehler macht, lässt sich das einfach ausbügeln. Z.B. sind Unterkünfte in Ungarn so billig und einfach erreichbar, dass man schlechtes Wetter einfach aussitzen kann. Die Markierung ist ausgezeichnet, so dass man sich gar nicht verlaufen kann. Vor allem aber ist das Gelände einfach und es gibt keine klimatischen Extreme. Und Kektura hat einen hohen „Spaßfaktor“! So gibt es am Weg einige wunderbare Thermalbäder und zwei Weltkulturerbestätten. Das Essen ist großartig und vor allem preiswert. Ein Glas Wein kostet 80 Cent und die Palatschinken sind die Wucht! Und im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist Ungarn nicht platt, sondern im Norden durchgehend hügelig. Mit 1000 km hast Du dann einen thruhike durch ein ganzes Land gemacht. Und die ungarische Sprache fühlt sich schon ganz schön exotisch an ...

 

Wie motivierst Du Dich, wenn Du unterwegs einen Durchhänger hast?

Ich könnte wahrscheinlich ein ganzes Buch zu dem Thema schreiben ;-). Daher will ich mal den wichtigsten Punkt rausziehen: Wer sich auf eine Langstreckentour einlässt, sollte das nicht als langen Urlaub, sondern als seine Arbeit betrachten. Denn von einem Urlaub erwartet man, dass immer alles toll ist - und das ist auf Langstrecke definitiv nicht der Fall. Dort wird es immer irgendeinen Durchhänger oder Probleme geben - egal aus welchem Grund. Als „Urlauber“  ist man dann enttäuscht - dabei war das doch eigentlich zu erwarten. Bei einem Job geht man jedoch nicht davon aus, dass immer alles super läuft und ist dann auch nicht so sehr frustriert, wenn es Probleme gibt. Ich betrachte mein Outdoorleben als meine Arbeit – aber die liebe ich über alles!

 

Stell dich bitte kurz vor. Was sollte man über dich wissen?

Ich bin wohl einer der meistgewanderten Menschen weltweit – dabei war ich als Kind in Sport die totale Niete und fand Wandern ziemlich blöd. Stattdessen habe ich erst mal eine Bilderbuchkarriere in der Unternehmenssanierung hingelegt und war mit 39 Jahren erfolgreiche Geschäftsführerin eines mittelständischen Betriebes – und habe mit vierzig alles aufgegeben: den schicken Firmenwagen, die Sekretärin, ja sogar den festen Wohnsitz.

Seitdem bin ich sieben Jahre lang als Outdoor-Junkie unterwegs gewesen: 33 000 Kilometer zu Fuß, 30 000 Kilometer mit dem Fahrrad und 6500 Kilometer mit dem Boot.
 

Dein Lieblingsort

Der Wald, und zwar völlig egal, ob es sich um eine Fichtenschonung in der Uckermark, einen Zypressenwald in den Sümpfen Floridas oder einen Eukalyptuswald in Australien handelt. Der Wald verbirgt mich beim Zelten, gewährt mir Schutz vor den Elementen und ist vor allem wunderschön ...
 

Was hast du bei deinen Reisen immer dabei?

Zelt, Schlafsack und Isomatte, denn unterwegs schlafe ich fast ausschließlich im Zelt oder unter freiem Himmel.
 

Dein liebstes Buch für unterwegs

Beim Wandern, Radfahren oder Paddeln höre ich stundenlang Hörbücher – und zwar querbeet vom amerikanischen Krimi bis zu den deutschen Klassikern. Besonders begeistert hat mich das Nibelungenlied, das ich mir in Mittelhochdeutsch mit neuhochdeutscher Übersetzung und Kommentierung durch Peter Wapnewski angehört habe.

Bücher in Papierform erleiden bei mir ein hartes Schicksal: Die gelesenen Seiten werden am nächsten Morgen sofort als Klopapier weiterverwendet. Das mache ich allerdings nur aus Gewichtsgründen – und unabhängig vom Inhalt des Buches.
 

Dein Soundtrack für unterwegs

Ich höre fast ausschließlich Hörbücher, doch wenn ein besonders steiler Aufstieg ansteht, dann motiviere ich mich schon mal mit harten Techno-Beats.
 

Was ist Heimat?

Heimat ist da, wo meine Freunde sind. Und die meisten meiner langjährigen Freunde wohnen in Berlin. 
 

Dein wichtigster Reisetipp

Beim Langstreckenwandern – und das gilt auch für das Radfahren und Paddeln – kommt es weniger auf Trainingszustand und Sportlichkeit an, sondern viel mehr auf das mentale Durchhaltevermögen. Jeder, der halbwegs gesund ist, kann tausend Kilometer und mehr am Stück laufen. Fit wird man spätestens unterwegs. Ob man eine Langstrecke schafft, entscheidet sich fast immer im Kopf – und nicht im Körper.

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Eine Frau, drei Trails und 12700 Kilometer Wildnis

Als Christine Thürmer gekündigt wird, beschließt sie, sich eine Auszeit zu nehmen und auf dem Pacific Crest Trail von Mexiko nach Kanada zu wandern – 4277 Kilometer. Eigentlich unsportlich und ohne Erfahrung bricht sie zu ihrem Abenteuer auf und schafft es tatsächlich bis ans Ziel. Und sie wandert weiter, läuft 2007 den Continental Divide Trail und 2008 den Appalachian Trail. Aus der gewissenhaften Geschäftsfrau wird eine Langstreckenwanderin, die fast ununterbrochen draußen unterwegs ist – zu Fuß, per Fahrrad oder Boot. Anschaulich und humorvoll beschreibt Christine Thürmer die Geschichte ihrer inneren Suche, ihre Erlebnisse und landschaftlichen Eindrücke auf den drei großen Trails und wie es ist, als Frau allein unterwegs zu sein.
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Wandern. Radeln. Paddeln.Wandern. Radeln. Paddeln.Wandern. Radeln. Paddeln.

12000 Kilometer Abenteuer in Europa

2007 hat Christine Thürmer alles aufgegeben – ihren Job, ihre Wohnung, ihr normales Leben –, um in der Natur unterwegs zu sein. Seitdem legte sie wandernd, radelnd und paddelnd über 70.000 Kilometer zurück. In den USA, auf dem Pacific Crest Trail, hat alles begonnen, doch auch in Europa gibt es fantastische Outdoor-Möglichkeiten. Packend schildert Christine Thürmer drei faszinierende große Touren: zu Fuß von Koblenz am Rhein nach Tarifa, zum südlichsten Punkt Europas; mit dem Rad die Ostseeküste entlang, von Berlin über Polen und das Baltikum bis nach Finnland; und mit dem Kajak quer durch Schweden. Sie erzählt von spannenden Begegnungen und einzigartiger Natur; von den Herausforderungen des Lebens auf Wanderschaft und wie sich dadurch die persönlichen Werte und Einstellungen verändern. Ein mitreißender Bericht, der Lust macht aufzubrechen.

25. August 2013
Berlin, Deutschland

Rumms! – mit einem dumpfen Knall kippt der Packsack mit meinem 23 Kilogramm schweren Faltboot von einer Umzugskiste. Dadurch kommen die darauf gelagerten Beutel mit den Schlafsäcken ins Rutschen und fallen mir direkt vor die Füße. Genervt richte ich mich auf und strecke meinen schmerzenden Rücken durch. Seit fünf Minuten schon wühle ich in einem Karton und suche die Nummer 315, einen Gaskartuschenadapter.
Ich befinde mich in einem großen Mietlager in Berlin vor meiner Box. Auf gerade mal drei Quadratmetern bewahre ich hier all meine weltlichen Besitztümer auf, denn eine eigene Wohnung habe ich schon lange nicht mehr. Technisch gesehen bin ich obdachlos. Doch ich sage immer: „Ich lebe im Zelt.“ Denn ich bin Langstreckenwanderin und fast das ganze Jahr über draußen unterwegs. Meist zu Fuß, manchmal aber auch mit dem Fahrrad oder meinem Kajak. Vor zwei Tagen erst bin ich von einer Radtour durch Skandinavien zurückgekommen, und übermorgen breche ich schon wieder auf zu einer Wanderung durch Südeuropa. Also ist jetzt fliegender Ausrüstungswechsel angesagt, da ich dem Freund, auf dessen Wohnzimmercouch ich derzeit nächtige, nicht länger als nötig zur Last fallen möchte. Fahrrad und Packtaschen der letzten Tour also wieder hinein in die Lagerbox, Rucksack und Trekkingstöcke für die anstehende Wanderung heraus. Ganz bewusst wechsle ich bei meinen Touren immer zwischen Wandern, Radeln und Paddeln ab, um körperlichen Verschleißerscheinungen vorzubeugen. Nur die Freude am Draußensein, die nutzt sich bei mir nie ab.
Die meisten Dinge aus meinem früheren Leben – Möbel, Kleidung und Bücher – habe ich schon vor Jahren verkauft oder verschenkt. In meiner Lagerbox befinden sich kaum noch alltägliche Sachen, dafür umso mehr Outdoorequipment. Ich besitze zwar weder ein Auto noch ein Bett, dafür aber neben einem Faltkajak und einem Tourenrad acht Schlafsäcke, sechs Isomatten, fünf Zelte und unzählige weitere kleine Ausrüstungsgegenstände. Genauer gesagt sind es 506, denn in meinem Lager sind alle Sachen mit Aufklebern durchnummeriert und nach Themenkreisen sortiert.
Ich werfe die Schlafsäcke mit den Nummern 41 bis 48 zurück an ihren Platz und wühle erneut in der Kiste mit dem 300er-Nummernkreis „Kochen“. Endlich finde ich den Gaskartuschenadapter in einer Sammeltüte neben einem Satz Titanbesteck und einem halben Dutzend Minifeuerzeugen. Erleichtert atme ich auf und schaue auf die Excel-Tabelle auf meinem Smartphone, in der all meine Ausrüstungsgegenstände mit Nummer, Gewicht und Beschreibung aufgelistet sind. Diese akribische Lagerhaltung ist ein Relikt aus meinem früheren Leben als Geschäftsführerin, hat sich aber auch in meiner neuen „Outdoorkarriere“ bewährt, seit ich meinen Job vor einigen Jahren endgültig an den Nagel gehängt habe. Denn mit dieser Liste kann ich entspannt am Computer „vorpacken“ und die Ausrüstung dann schnell in einer einmaligen Aktion aus meinem Lager holen.
Die 315 war der letzte Gegenstand auf meiner Packliste. Ich wuchte den Sack mit meinem Faltboot wieder an seinen Platz, staple die Kisten zurück in das Abteil und quetsche anschließend mein Fahrrad in eine Lücke zwischen den Kartonreihen. Zum Schluss werfe ich noch die drei Aufbewahrungsbeutel mit den verbleibenden sieben Schlafsäcken obendrauf. Doch bevor ich die dünne Metalltür mit einem Vorhängeschloss verschließe, halte ich noch einmal inne und blicke in die bis in den letzten Winkel gefüllte Lagerbox.
„Tschüss!“, sage ich leise zum Abschied und streichle über den Lenker meines Fahrrads. Wenn ich unterwegs bin, wird mein Transportmittel wie zu einem neuen Körperteil. Manchmal rede ich sogar mit ihm – so wie jetzt. Fünf Monate werde ich nun zu Fuß unterwegs sein, doch danach geht es vier Monate zum Radeln und zwei Monate zum Paddeln.
„Keine Sorge, bald sind wir wieder unterwegs“, flüstere ich daher sentimental. Da sehe ich aus den Augenwinkeln, wie einer der drei Beutel mit den Schlafsäcken schon wieder ins Rutschen kommt und auf mich zugleitet. Schnell werfe ich die Tür hinter mir zu und schließe ab.


27. August 2013
Bad Hönningen am Rhein, Deutschland

„Meine Güte, wie viele Kilometer bist du mittlerweile schon gewandert?“, fragt mein Outdoorfreund Werner leicht genervt und stellt energisch sein Glas auf dem weißen Küchentisch ab.
„Äh, fast 30 000 Kilometer“, antworte ich nach kurzem Überlegen und blicke erstaunt von meinem Abendessen hoch. „Aber …“
„Und seit wie vielen Jahren ziehst du nun bereits eine Tour nach der anderen durch?“, unterbricht Werner mich sofort und spießt ein Stück Hühnerbrust mit seiner Gabel auf.
„Hm, sieben Jahre“, stammle ich verwirrt und lege mein Besteck neben dem Teller ab. „Wozu willst du …“
„Und warum stellst du dich dann am Anfang einer Tour immer noch an wie der erste Mensch?“, fällt Werner mir triumphierend ins Wort und steckt sich genüsslich den Bissen Fleisch in den Mund.
„Ich stelle mich nicht an wie der erste Mensch“, protestiere ich entrüstet und schiebe meinen halb leeren Teller von mir weg.
„Ach nein“, stellt Werner grinsend mit ironischem Unterton fest. „Und warum jammerst du dann in einer Tour rum, seit du heute Mittag hier angekommen bist?“
„Ich jammere überhaupt nicht rum!“, widerspreche ich und will das gleich noch weiter ausführen. „Aber ich habe nun mal …“
„Ich weiß“, unterbricht mein Gastgeber mich schon wieder und zählt kauend meine zahlreichen Wehwehchen auf: „Du hast Kopfschmerzen, einen verspannten Nacken, dein Knie tut dir weh, und überhaupt bist du gänzlich unfit und unvorbereitet. Du erzählst seit Stunden nichts anderes.“
Sprachlos sehe ich meinen Wanderfreund an – dann brechen wir beide in schallendes Gelächter aus.
„Du hast ja recht“, gebe ich zu und werde sogar leicht rot dabei, weil mir gerade vor Werner meine hypochondrischen Züge nun doch etwas peinlich sind. Denn der hat eine Krankengeschichte ganz anderen Kalibers vorzuweisen: Mit seinen 56 Jahren hat er bereits zwei Herzinfarkte, einen Schlaganfall und eine Bypassoperation hinter sich. Die Herzprobleme halten den drahtigen und energiegeladenen Mann aber keineswegs vom Wandern ab. Um die 20 000 Kilometer ist er durch Europa gelaufen, meist auf Pilgerwegen. Nur zeltet er im Gegensatz zu mir nicht wild im Wald, sondern übernachtet ausschließlich auf Campingplätzen und in Pilgerherbergen.
„Mensch, Christine“, sagt Werner nun schon mitfühlender und wischt sich den Mund mit einer Serviette ab. „Du bist einer der erfahrensten Langstreckenwanderer weltweit. Du bist Tausende von Kilometern in den USA, Australien und Europa gelaufen. Und daher weißt du doch genauso gut wie ich, dass es sich bei deinen Beschwerden nur um eine ›Prä-Trip-Depression‹ handelt. Sobald du morgen die ersten Schritte gemacht hast, werden alle Schmerzen wie weggeblasen sein.“
Ich lächle betreten und spiele verlegen mit der Gabel. „Es ist vor jedem Trip das Gleiche – egal, wie oft ich nun schon aufgebrochen bin. Ich bin nervös, und mir ist schlecht.“ Als Werner mir aufmunternd zunickt, fahre ich einsichtig fort: „Dabei weiß ich doch, dass letztendlich immer alles gut wird …“
Seufzend schließe ich die Augen und denke an die vor mir liegende Tour: Ich will vom Rhein aus zum südlichsten Punkt des europäischen Festlands laufen. Das sind fast 4000 Kilometer durch Deutschland, ganz Frankreich und Spanien. Doch die besondere Schwierigkeit dieser Wanderung liegt nicht in der Länge der Strecke oder der Routenführung, sondern in der Jahreszeit: Ich werde den Herbst und fast den kompletten Winter über unterwegs sein. Bei der Planung der Tour hatte ich mich riesig darauf gefreut, die kalten Monate im warmen Süden zu verbringen. Aber jetzt sehe ich vor meinem geistigen Auge statt sonniger Wandertage nur die eisigen, langen Nächte im Zelt. Sofort wird mir wieder flau im Magen.
Da reißt Werner mich aus meinen trüben Gedanken: „Du hast doch eine tolle Tour vor dir!“
„Na, dass du sie toll findest, ist doch klar, schließlich stammt die Idee ja von dir“, schnaube ich wenig überzeugt, doch mein Wanderfreund grinst mich nur spitzbübisch an.
Erst vor zwei Jahren haben wir uns online in einem Outdoorforum und etwas später auch persönlich kennengelernt. Der Rheinländer, der die meisten seiner Wanderkilometer in Spanien und Portugal zurückgelegt hat, wurde schnell zu einem wertvollen Ratgeber in Sachen Südeuropa für mich. Als ich vor einem Jahr nach Tourenideen für den Winter suchte, schlug er vor, zum südlichsten Punkt Europas zu wandern: nach Tarifa. Damals hatte ich zunächst an seinen Geografiekenntnissen gezweifelt, denn den südlichsten Punkt Europas hatte ich in Sizilien vermutet. Eine kurze Recherche im Internet belehrte mich jedoch eines Besseren: Tarifa am südlichsten Zipfel Spaniens ist in der Tat auch der südlichste Punkt auf dem europäischen Festland. Ich war sofort Feuer und Flamme für diese Idee – und da sie von Werner stammte, wollte ich meine Wanderung auch gleich bei ihm am Rhein beginnen. Genauer gesagt am Deutschen Eck in Koblenz, weil mir dieses Denkmal als passender Startpunkt für eine europäische Wanderung erschien. Und so sitze ich nun in Werners blitzblanker Küche und verzehre die letzten Reste einer ausgezeichneten Hühnerbrust mit Paprikasoße, die mir im Moment jedoch eher wie eine Henkersmahlzeit vorkommt. Denn morgen soll ich schon loswandern. Der Gedanke lässt mich wieder aufstöhnen.
„Komm, ich mache dir eine Wärmflasche für deinen verspannten Nacken“, meint Werner nun lachend und steht auf, um den Tisch abzuräumen.
„Ob das was hilft?“, frage ich verzagt und stelle die benutzten Teller zusammen. Doch mein Wanderfreund ignoriert den Rest des Abends all mein wehleidiges Jammern und schickt mich einfach früh ins Bett.

Über Christine Thürmer

„At age 46 I still have not had enough. I am now alternating between hiking, cycling and paddling in countries where the exchange rate is favourable for me - I have to survive on a very frugal budget now. Every one or two years I come back to Germany for a couple of months for medical check ups, bureaucratic stuff and to plan my next trip.

By now I have hiked about 32.000 km, cycled about 22.000 km and paddled about 5.000 km. In the last years I have spent many more nights outdoors in my tent than sleeping under a roof. I consider myself a very lucky and happy person and I hope to encourage other people to pursue a similar lifestyle through my blog. Live your dream - you can do it, too!“ Christine Thürmer über ihr Outdoor- Leben

Quelle: Christine Thürmers Blog

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