Pageturner die süchtig machen
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Pageturner, die süchtig machen

Für alle Fans von Stephen King und Roland Emmerich

Blick ins Buch
Stone Man. Die AnkunftStone Man. Die Ankunft
Niemand wusste, woher es kam. Niemand wusste, warum. Doch plötzlich war es da. Aus dem Nichts erscheint ein riesiger Mann aus Stein in der Einkaufspassage einer englischen Großstadt. Zunächst glauben Passanten an einen PR-Gag, bis das steinerne Wesen anfängt, sich zu bewegen. Unaufhaltsam bricht es durch die umstehenden Gebäude, reißt Wände ein und zerstört alles, was ihm in die Quere kommt. Alle Versuche, die Kreatur zu stoppen, scheitern. Nur den menschenscheuen Reporter Andy Pointer beschleicht das seltsame Gefühl, dass er eine Verbindung zu dem Wesen hat. Er scheint das Ziel des wütenden Geschöpfs zu kennen. Siegestrunken nimmt er die Verfolgung auf, an deren Ende er sich Ruhm und Reichtum verspricht. Doch das Wesen kommt nicht allein. Und bald droht nicht nur England die Zerstörung, sondern der ganzen Welt.Actionreiches Blockbusterfeeling für alle Fans von Roland Emmerich und Stephen King!
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„Ob als Science-Fiction oder als Thriller – dieses Buch hat alles, was es zu einer guten Lektüre braucht!"


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Interview mit Autor Luke Smithered

Luke Smitherd ist ehemaliger Musiker und Sänger, der mit seiner Band durch verschiedene Städte tourte und mit Michael Bublé verglichen wird. Er ist Weltenbummler, Podcaster, Copywriter, ehemaliger professioneller Dartspieler und vor allen Dingen ein sehr erfolgreicher Schriftsteller.

Wie bist du zum Schreiben gekommen?
Meinen ersten Roman habe ich zwar schon mit Anfang 20 geschrieben, konnte aber keinen Verlag dafür finden.. Ich hatte immer vor, mehr zu schreiben, aber als alle Versuche, etwas zu veröffentlichen, scheiterten, habe ich den Mut verloren. Dann traf ich auf der Hochzeit eines befreundeten Paares einen Mann in meinem Alter, der es ohne jegliche Kontakte geschafft hatte, gleich zwei seiner Manuskripte in einem Verlag unterzubringen. Da dachte ich mir: Wenn er das schafft, schaffe ich es auch! Also schrieb ich „The Physics of the Dead“. Doch bis ich damit fertig war, hatte ich die Möglichkeit des Selfpublishings auf Amazon für mich entdeckt. „The Physics of the Dead“ lief nicht so gut wie erwartet, aber ich wollte dem Ganzen noch eine Chance geben. Also schrieb ich, etwa zwei Jahre später, „Stone Man“. Nachdem ich einige Male das Cover ausgetauscht hatte und auch ein paar Marketingversuche unternommen hatte, habe ich nun endlich eine größere Leserschaft erreicht. Insgesamt dauerte das allerdings etwa zwei Jahre.

In deinem Roman "Stone Man" taucht aus dem nicht ein riesiger Mann aus Stein in mitten eienr englischen Großstadt auf und fängt an, alles um sich herum zu vernichten. Wie bist du auf diese ungewöhnliche Idee gekommen?

Ich hatte auf einmal diese Idee von einem unaufhaltsamen, unbekannten Wesen, das aus dem Meer kam (diesen Teil habe ich später gestrichen). In der ursprünglichen Fassung waren die Leute so sehr davon verzaubert, ähnlich wie beim Rattenfänger von Hameln, dass sie der Kreatur durchs ganze Land folgten. Doch diese Idee hat sich seitdem gewaltig gewandelt.

Dein Buch wird oft beschrieben als eine Mischung aus Science-Fiction, Horror und Gesellschaftskritik. Welchem Genre würdest du es zuordnen?
Mir gefällt die Idee, große Science-Fiction-Ideen in ganz gewöhnliche Settings zu übertragen und gewöhnliche Menschen in diese Szenarien zu versetzen. Ich nenne es gerne Küchen-SciFi.

Obwohl man in deinem Roman immer das Gefühl hat, einen Blockbusterkinofilm vor sich zu haben, sind die Figuren alles andere als übermächtige Superhelden.
Das ist eine gute Frage. Ich habe versucht, genau das umzusetzen: gewöhnliche, fehlerhafte und kaputte Menschen in schwierige Situationen zu versetzen; Menschen, die Angst haben, verwirrt sind und oft instinktiv selbstsüchtig handeln, ohne darüber nachzudenken, so wie die meisten normalen Menschen eben auch reagieren würden. Ich finde es spannend und auch interessant, so zu schreiben. Es macht mir großen Spaß, die bekannten Verhaltensweisen von Figuren in Science-Fiction-Romanen umzudrehen und meine Figuren in Situationen zu bringen, denen sie nicht gewachsen sind

Luke Smitherd „Stone Man“

„Ein beklemmender und packender Science-Fiction-Thriller.“ Hamburger Morgenpost

Blick ins Buch
SiloSilo

Roman

In einer feindlichen, zerstörten Umwelt gibt es nicht mehr viele Menschen. Sie haben sich in ein riesiges Silo unter der Erde geflüchtet. Um zu überleben, müssen sie die strengen Regeln des Silos befolgen. Aber einige Wenige tun das nicht. Sie sind gefährlich. Sie wagen es zu hoffen und zu träumen und stecken andere mit ihrer Hoffnung an. Ihre Strafe ist einfach und tödlich. Sie müssen nach draußen. Raus aus dem Silo. Juliette ist eine von ihnen. Vielleicht ist sie die Letzte.

Kapitel 1

 

Die Kinder spielten, als Holston in den Tod hinaufstieg. Erhörte sie kreischen, wie nur glückliche Kinder es tun. Wild tobten sie dort oben umher, während er ganz langsam die Wendeltreppe hinaufging, jeder Schritt bedacht und schwer, seine alten Stiefel dröhnten auf den Stahlstufen.Die Stufen zeigten, wie auch die Stiefel seines Vaters, deutliche Spuren der Abnutzung. Es klebten Farbbläschen daran, vor allem in den Ecken und an der Unterseite, wo die Stufen vor den Tritten geschützt waren.

Der Verkehr weiter unten auf der Treppe wirbelte kleine Staubwölkchen auf. Holston spürte die Vibrationen am Geländer, das bis auf das glänzende Metall abgewetzt war. Das hatte ihn immer fasziniert – dass nackte Handflächen und schlurfende Füße massiven Stahl im Laufe der Jahrhunderte tatsächlich abschleifen konnten. Molekül für Molekül, dachte er. Jedes Leben schliff eine Schicht ab, während der Silo eben dieses Leben schleifte. Die Stufen waren von generationenlangem Verkehr durchgetreten, die Kante hing herab wie eine schmollende Unterlippe.In der Mitte waren fast keine Spuren der kleinen Noppen geblieben, die den Stufen einmal Trittsicherheit verliehen hatten.

Man konnte sie nur noch an den Seiten erahnen, wo kleine konische Erhebungen mit gezackten Kanten und Farbspritzern aus dem flachen Stahl ragten. Holston setzte einen Stiefel auf eine alte Stufe, er trat auf und wiederholte die Bewegung dann mit dem anderen Bein. In Gedanken war er weiter bei diesen unzähligen Jahren: Moleküle und Leben waren Schicht um Schicht zu feinem Staub zermahlen worden. Und er dachte nicht zum ersten Mal, dass weder das Leben noch die Treppe für diese Art von Existenz bestimmt waren. Die enge und lange Spirale, die sich durch den unterirdischen Silo wand wie ein Strohhalm in einem Glas, war nicht für eine derart massenhafte Benutzung gebaut worden. Wie der Großteil ihres zylindrischen Heims schien die Treppe für andere Aufgaben gedacht, für Zwecke, die lange vergessen waren. Was nun als Verkehrsachse für Tausende Leute diente, die sich in täglichen, sich wiederholenden Spiralen hinauf- und hinunterbewegten, schien in Holstons Augen eher für Notfälle und für lediglich ein paar Dutzend Menschen geeignet zu sein. Holston ließ ein weiteres Stockwerk hinter sich, in das man kuchenstückförmige Schlafsäle eingeteilt hatte. Während er auf seinem allerletzten Gang die letzten Ebenen hinaufstieg, drang der Klang kindlicher Ausgelassenheit immer lauter zu ihm herab. Das Gelächter der jungen Seelen, die noch kein Bewusstsein für ihren Lebensraum entwickelt hatten, die noch nicht den Druck der Erde von allen Seiten spürten und in ihrer Vorstellung nicht begraben, sondern einfach nur lebendig waren– ein unbeschwertes Geträller, das so gar nicht zu Holston sVorhaben passte, zu seiner Entscheidung, nach draußen zugehen.

Eine einzelne junge Stimme übertönte die anderen, als er sich der obersten Ebene näherte. Holston erinnerte sich an seine Kindheit im Silo, an seine Schulzeit, die Spiele. Damals war der stickige Betonsilo mit seinen vielen Stockwerken, mit den Werkstätten, Hydrokulturgärten und dem Gewirr der Lüftungsrohre ein unermessliches Universum gewesen, eine weite Welt, die man nie zur Gänze erkunden konnte, ein Labyrinth, in dem er und seine Freunde sich für immer verirren konnten.Doch diese Zeiten waren seit mehr als dreißig Jahren vorbei. Holston hatte das Gefühl, seine Kindheit läge zwei, drei Leben zurück und gehöre zu jemand anderem. Nicht zu ihm. Er war sein Leben lang Polizist gewesen, das wog schwer und blendete die Vergangenheit aus. Außerdem hatte kürzlich ein dritter Lebensabschnitt begonnen – ein geheimes Leben nach seiner Kindheit und nach seiner Zeit als Polizist. Es war die letzte Schicht seiner selbst, die zu Staub zerfallen war. Drei Jahre lang hatte er still auf etwas gewartet, das niemals eintreten würde.Ganz oben glitt Holstons Hand am Geländer ins Leere. Die geschwungene Stange aus abgewetztem Stahl endete mit der Wendeltreppe, die sich in den größten Raum des ganzen Silos öffnete – die Kantine und den angrenzenden Aufenthaltsraum.Holston war nun auf einer Ebene mit den spielenden Kindern. Helle Gestalten flitzten kreuz und quer zwischen den herumstehenden Stühlen umher und spielten Fangen. Ein paar wenige Erwachsene versuchten, dem Chaos Herr zu werden. Holston sah, wie Donna Kreide und Stifte von den fleckigen Bodenfliesen aufhob.

Clarke, ihr Mann, saß an einemTisch, der mit Saftbechern und Schalen voller Maismehlkekse gedeckt war. Holston blickte auf die Wand der Kantine und die verschwommene Panoramaprojektion – dem umfassendsten zusammenhängenden Blick auf die unwirtliche Welt dort draußen. Es war Morgen, trübes Dämmerlicht überzog die leblosen Hügel, die sich seit Holstons Kindheit kaum verändert hatten.Da waren sie, so wie sie immer da gewesen waren, während er sich von einem unbeschwert in der Kantine spielenden Jungen zu der ausgebrannten Hülle entwickelt hatte, die heute noch von ihm übrig war. Hinter den sich erhaben wellenden Hügelkämmen wurden die schwachen Strahlen der Morgensonne von der Spitze der vor sich hin rottenden Skyline reflektiert. Altes Glas und Stahl standen dort in der Ferne, wo vermutlich einmal Menschen auf der Erdoberfläche gelebt hatten. Ein Kind löste sich wie ein Komet aus der Gruppe und stieß gegen Holstons Knie. Unvermittelt dachte er an die Lotterie, die sie in Allisons Todesjahr gewonnen hatten. Er hatte noch immer das Los, nahm es überall mit hin.

Eines dieser Kinder hätte ihres sein können – ein Mädchen oder ein Junge, es wäre nun zwei Jahre alt und würde mit den anderen Kleinen herumtoben. Wie alle Eltern hatten sie von doppeltem Zwillingsglück geträumt. Sie hatten es versucht, natürlich hatten sie das. Nachdem Allisons Hormonimplantat entfernt worden war, hatten sie eine wundervolle Nacht nach der anderen versucht, den Gewinn einzulösen. Einige Eltern hatten ihnen Glück gewünscht, andere hoffnungsfrohe Kandidaten hatten still gebetet, dass ihr Jahr erfolglos vorüberginge. Allison und er hatten gewusst, dass ihnen nur ein Jahr zur Verfügung stand, also hatten sie jedes nur erdenkliche Hilfsmittel benutzt und waren am Ende gar dem Aberglauben verfallen. Knoblauch über dem Bett steigerte angeblich die Fruchtbarkeit, zwei Münzen unter der Matratze brachten Zwillinge, ein rosa Band in Allisons Haar, blaue Farbe auf Holstons Augenlidern – alles lächerlich und aussichtslos.

Einzig, nicht alles zu versuchen, irgendeinen dummen Trick, irgendeine Strategie auszulassen wäre noch verrückter gewesen. Doch es hatte nicht sein sollen. Noch bevor die Jahresfrist abgelaufen war, war das Los einem anderen Paar zugefallen. Es hatte nicht daran gelegen, dass sie sich keine Mühe gegeben hätten, sondern es hatte ihnen die Zeit gefehlt. Genauer gesagt: Es fehlte plötzlich die Frau. Holston wandte sich von den Kinderspielen und dem trüben Ausblick ab und ging zu seinem Büro, das zwischen der Kantine und der Luftschleuse des Silos lag. Während er diese Strecke zurücklegte, wanderten seine Gedanken zu dem Kampf, der dort einmal stattgefunden hatte, einem Kampf der Geister, den er in den letzten drei Jahren Tag für Tag erneut hatte durchleben müssen. Und er wusste: Würde er sich umdrehen und dem weiten Ausblick an der Panoramawand folgen, würde er durch die zunehmend trüben und fleckigen Kameralinsen und die Luftverschmutzung hindurchspähen und entlang der dunklen Spalte den Hügel hinaufblicken, entlang dieser Falte, die sich über die schlammige Düne zur Stadt hinzog, dann würde er ihre reglose Gestalt erblicken können. Dort auf dem Hügel würde er seine Frau sehen. Sie lag da wie ein schlafender Fels, die Arme unter dem Kopf verschränkt, während die vergiftete Luft an ihr zehrte. Vielleicht.

Es war nicht gut zu sehen, war auch damals nicht eindeutig auszumachen gewesen, bevor sich die Linse von Neuem zutrüben begann. Außerdem war diesem Blick kaum zu trauen, es gab eher guten Grund, ihn anzuzweifeln. Und deshalb sah Holston ganz einfach nicht hin. Er durchquerte den Raum, indem der Geist seiner Frau gekämpft hatte und in dem die schlechten Erinnerungen für immer gespeichert waren – das Bild ihres plötzlichen Wahnsinns –, und betrat sein Büro.„Da ist heute aber einer früh dran!“, sagte Deputy Marnes lächelnd. Holstons Stellvertreter schloss gerade eine Schublade des metallenen Aktenschrankes, dessen uralte Scharniere leblos quietschten. Er nahm einen dampfenden Becher, dann sah er Holstons ernste Miene. „Alles in Ordnung, Chef?“ Holston nickte. Er deutete auf das Schlüsselbrett hinter dem Schreibtisch. „Zur Arrestzelle“, sagte er. Das lächelnde Gesicht seines Stellvertreters verzog sich zu einem irritierten Stirnrunzeln. Er stellte den Becher ab, drehte sich um und nahm den Schlüssel.

Während Marnes ihm den Rücken zudrehte, rieb Holston ein letztes Mal den scharfkantigen, kalten Stahl in der Hand und legte seinen Stern dann flach auf die Schreibtischplatte. Marnes drehte sich wiederum und reichte Holston den Schlüssel.„Soll ich den Wischmopp holen?“ Marnes deutete mit dem Daumen hinter sich zur Kantine. Sie betraten die Zelle sonst nur, um zu putzen, mit der einzigen Ausnahme, dass gerade jemand verhaftet worden war. „Nein.“ Holston nickte zur Zelle hinüber und bedeutete seinem Stellvertreter, ihm zu folgen. Der Schreibtischstuhl knarzte, als Marnes aufstand. Holston ging zur Tür, der Schlüssel glitt leicht ins Schloss. Das Innere der massiven Tür gab ein tiefes Stöhnen von sich. Die Türangeln knirschten leise, dann ein entschlossener Schritt, ein Stoß, und die Tortur hatte ein Ende. Holston reichte den Schlüssel zwischen den Gitterstäben hindurch. Marnes sah ihn unsicher an, aber seine Hand hobsich und nahm ihn entgegen.

„Was ist los, Chef?“ „Hol die Bürgermeisterin“, sagte Holston. Er seufzte, ließ den schweren Atem aus, den er drei Jahre lang angehalten hatte.„Hol Mayor Jahns. Sag ihr, dass ich rauswill.“

 

 

 

 

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Sie wollen lesen, was vor „Silo“ geschah? Hugh Howey erzählt diese Geschichte im Nachfolgeroman „Level“. Hier können Sie auch in „Level“ reinlesen:

 

LEVEL von Hugh Howey

 

2052

Fulton County, Georgia

Der Regen ließ schließlich nach. Die Haupttribühne war schon für die Gala am Abend geschmückt, und die Eröffnungsbands begannen ihr Programm.

Donald fühlte sich ein wenig klaustrophobisch vor der Georgia-Tribüne – so ganz unten in der Grube. Er hatte das unstillbare Bedürfnis, nach oben zu gehen, auf der Kuppe zu stehen und zu sehen, was los war. Er konnte sich lediglich vorstellen, wie sich die Gäste insgesamt zu Tausenden um die einzelnen Hügel versammelten, konnte sich den politischen Eifer nur ausmalen, der überall in der Luft hing, die Vereinigung gleichgesinnter Familien, die das Versprechen eines neuen Zeitalters feierten.

Sosehr Donald den Neuanfang auch mit ihnen hätte feiern wollen – er freute sich vor allem auf das Ende. Er konnte es nicht erwarten, dass der Parteitag vorüber wäre. Die Wochen hatten an ihm gezehrt. Er freute sich auf ein richtiges Bett, eine gewisse Privatsphäre, seinen Computer, ein zuverlässiges Telefonnetz, ein Essen im Restaurant und vor allem auf die Zeit, die er allein mit seiner Frau verbringen würde.

Er holte sein Handy aus der Tasche und sah zum x-ten Mal auf die Uhr. In wenigen Minuten würde man die Nationalhymne singen, dann würde die Flugschau beginnen. Zudem hatte er gehört, dass es ein Feuerwerk geben sollte, um den Parteitag mit einem lauten Knall zu eröffnen.

Auf dem Display sah er, dass seine letzten Nachrichten noch immer nicht verschickt worden waren. Das Netz war weiterhin blockiert. Eine Fehlermeldung blinkte auf, die er noch nie gesehen hatte. Er suchte mit den Augen die schlammigen Hänge nach Helen ab, hoffte, sie dort herabsteigen zu sehen, ihr Lächeln, das er aus jeder Entfernung erkennen würde.

Jemand stellte sich neben ihn. Donald wandte den Blick von den Hügeln und sah Anna neben sich vor der Tribüne.

„Es geht los“, sagte sie leise und blickte in die Menge.

Sie wirkte nervös und klang auch so. Vielleicht wegen ihres Vaters, der so viel Arbeit in die Haupttribüne gesteckt und sichergestellt hatte, dass jeder am richtigen Platz wäre. Donald blickte hinter sich, sah, dass die Leute zu ihren Sitzen gingen, der morgendliche Regen wurde von den Stühlen gewischt. Es waren weit weniger Menschen, als es zuvor den Anschein gehabt hatte. Entweder sie arbeiteten in den Zelten oder waren zu den anderen Tribünen hinübergegangen. Es war das leise Brodeln vor dem …

„Da ist sie!“

Anna wedelte mit den Armen. Donald spürte, wie sein Herz bis zum Hals klopfte, als er Annas Blick folgte. In seine Erleichterung mischte sich sofort die Panik, dass Helen ihn hier Seite an Seite mit Anna sehen könnte.

Dann sah er dort eine vertraute Gestalt den Hügel herunterkommen. Eine junge Frau in einer gestärkten blauen Uniform, die Mütze unterm Arm, ihr dunkles Haar war zu einem strengen Knoten gebunden.

„Charlotte?“ Donald beschattete seine Augen gegen die helle Mittagssonne, die nun durch die flaumigen Wolken brach. Ihm stand vor Verwunderung der Mund offen. Alle anderen Ereignisse und Sorgen gerieten für einen Moment in Vergessenheit, als seine Schwester ihn erkannte und die Hand hob.

„Sie hat es mit Sicherheit nur ganz knapp geschafft“, flüsterte Anna.

Donald lief zu seinem Geländewagen und drehte den Zündschlüssel. Der Wagen sprang an, er gab Gas und raste ihr über das nasse Gras entgegen.

Charlotte strahlte, als er am Fuß des Hügels abbremste. Er würgte den Motor ab.

„Hallo, Donny!“

Seine Schwester beugte sich über ihn, bevor er noch aussteigen konnte. Sie schlang die Arme um seinen Hals und drückte ihn fest an sich.

Er erwiderte die Umarmung, gab jedoch acht, ihre perfekt gebügelte Uniform nicht zu ruinieren. „Was in aller Welt tust du hier?“, fragte er.

Sie ließ ihn los, wich einen Schritt zurück und strich die Vorderseite ihres Hemdes glatt. Die Mütze der Luftwaffe verschwand wieder unter ihrem Arm, jede Bewegung wirkte einstudiert und akkurat.

„Bist du überrascht?“, fragte sie. „Ich dachte, der Senator hätte es dir inzwischen verraten.“

„Nein, verdammt! Er hat etwas von einem Überraschungsgast gesagt, aber nicht, wer genau es sein würde. Ich dachte, du bist im Iran. Hat Thurman das eingefädelt?“

Sie nickte. Donald grinste so breit, dass er spürte, wie sich seine Wangen verkrampften. Immer wenn er sie sah, stellte er erleichtert fest, dass sie nach wie vor dieselbe war. Das spitze Kinn und die Sommersprossen auf der Nase, ihre leuchtenden Augen, die noch nicht stumpf geworden waren von dem Grauen, das sie gesehen hatte. Sie war gerade erst dreißig geworden. Sie war am anderen Ende der Welt gewesen und hatte ohne Familie ihren Geburtstag begangen, aber in Donalds Vorstellung war sie noch immer das junge Mädchen, das sich gerade zur Armee gemeldet hatte.

„Ich glaube, ich muss bei der Gala heute Abend auf die Bühne.“

„Natürlich.“ Donald lächelte. „Sie wollen dich sicherlich filmen, um später ihre Unterstützung für die Truppen vorführen zu können.“

Charlotte zog die Augenbrauen zusammen. „Mein Gott, ich bin wirklich eine von denen, nicht wahr?“

Er lachte. „Es sind sicherlich noch andere vom Militär dabei, die Navy und die Marines.“

„Oh ja, aber ich bin das einzige Mädchen!“

Sie lachten zusammen, eine der Bands hinter den Hügeln beendete ihr Programm. Donald eilte zum Wagen und ließ seine Schwester einsteigen. Er fühlte sich auf einmal seltsam erleichtert. Das Wetter hatte sich verändert, die Wolken lösten sich auf, es wurde ruhig auf den Tribünen, und nun tauchte völlig überraschend auch noch seine Familie auf!

Er ließ den Motor an und fuhr über den am wenigsten morastigen Weg zurück zur Tribüne. Seine Schwester hielt sich hinter ihm fest. Er bremste neben Anna, und seine Schwester sprang aus dem Wagen und fiel ihr in die Arme. Während die beiden plauderten, stellte Donald den Motor ab und sah auf seinem Handy nach Nachrichten. Endlich hatte er eine Verbindung bekommen.

Helen: Bin in Tennessee. Wo bist du?

Er versuchte, einen Sinn aus der SMS herauszulesen, und geriet kurz in Panik. Was zum Teufel tat Helen in Tennessee?

Eine weitere Tribüne wurde ruhig. Donald brauchte nur ein, zwei Herzschläge, um sich darüber klar zu werden, dass seine Frau nicht Hunderte Kilometer entfernt war. Sie saß lediglich auf der anderen Seite des Hügels. Keine seiner Nachrichten – dass sie sich vor der Georgia-Tribüne treffen sollten – war gesendet worden.

„He, bin gleich wieder zurück!“

Er ließ den Geländewagen an. Anna packte sein Handgelenk.

„Wohin willst du?“

Er lächelte. „Tennessee. Helen hat sich gemeldet.“

Anna blickte in die Wolken, Charlotte begutachtete ihre Mütze. Auf der Bühne wurde ein junges Mädchen zum Mikrofon geführt, an ihrer Seite ein farbiger Bodyguard. Die Plätze vor der Bühne füllten sich, Hälse reckten sich erwartungsvoll.

Bevor Donald etwas dagegen tun oder den Gang einlegen konnte, griff Anna über ihn hinweg und zog den Schlüssel aus dem Zündschloss.

„Nicht jetzt“, sagte sie.

Donald spürte die Wut als Welle in seiner Brust. Er wollte ihre Hände packen, den Schlüssel packen, aber sie hielt ihn hinter ihrem Rücken versteckt.

„Warte!“, zischte sie.

Charlotte blickte zur Bühne. Senator Thurman stand oben mit dem Mikrofon in der Hand, neben ihm das etwa sechzehnjährige Mädchen. Auf der Tribüne war es totenstill geworden. Donald wurde sich bewusst, was für einen Krach der Wagen gemacht hätte. Das Mädchen würde jetzt gleich singen.

„Meine Damen und Herren, liebe Parteigenossinnen und -genossen …“

Pause. Donald stieg aus dem Wagen, warf einen letzten Blick auf sein Handy und steckte es ein.

„… und Freunde aus der Opposition.“

Gelächter in der Menge. Donald lief schnell über den flachen Boden am Fuß des Hügels. Seine Schuhe quietschten im nassen Gras und auf der dünnen Schlammschicht. Senator Thurmans Stimme schallte weiter über die Menge:

„Heute bricht eine neue Ära an, ein neues Zeitalter.“

Donald war nicht mehr trainiert, seine Schuhe wurden schwer vom Schmutz.

„Nachdem wir uns hier am Ort unserer zukünftigen Unabhängigkeit versammelt haben …“

Als das Gelände anstieg, war Donald schon außer Puste.

„… erinnere ich mich an die Worte eines unserer Gegner, eines Republikaners.“

Leises Lachen, aber Donald achtete nicht darauf, er konzentrierte sich auf den Aufstieg.

„Ronald Reagan sagte einmal, dass man für die Freiheit kämpfen müsse, dass man sich den Frieden erarbeiten müsse. Wenn wir nun der Hymne lauschen, die in einer Zeit geschrieben wurde, als Bomben fielen und ein neues Land entstand, lasst uns des Preises gedenken, den wir für unsere Freiheit bezahlt haben. Fragen wir uns selbst, ob je ein Preis zu hoch sein könnte, um zu garantieren, dass wir auf diese Freiheit niemals verzichten müssen.“

Nach einem Drittel des Aufstiegs musste Donald stehen bleiben und nach Luft schnappen. Er bereute es, in den vergangenen Wochen jede noch so kurze Strecke gefahren zu sein. Er nahm sich vor, wieder fitter zu werden.

Donald blickte auf die Bühne hinunter, wo nun die Nationalhymne von einer wunderschönen jungen Stimme vorgetragen wurde – und er sah Anna hinter sich den Hügel hinaufkommen. Während der Nationalhymne saßen alle Teilnehmer auf den Plätzen, die man ihnen zugewiesen hatte, und er fragte sich, ob er die Hymne entweihte, wenn er hier hochkletterte. Er drehte Anna den Rücken zu und ging mit neuer Entschlossenheit weiter, hörte dabei den Text der Hymne:

„… O’er the ramparts we watched …“

Es war leicht zu erkennen, was in den letzten Wochen aus den Grabungen geworden war – einzelne Staaten voller Menschen, Waren, Vieh. Fünfzig Staaten, in denen nun der große Feiertag abgehalten wurde.

„… And the rockets’ red glare, the bombs bursting in air, …“

Er war oben angelangt und sog die frische, saubere Luft in seine Lungen ein. Unten auf der Bühne schwangen träge Flaggen im leichten Wind.

Jemand packte ihn am Handgelenk.

„Komm zurück!“, zischte Anna.

Er keuchte. Auch Anna war außer Atem, ihre Knie waren voller Schlamm und Gras. Sie musste auf dem Weg nach oben ausgerutscht sein.

„Helen weiß nicht, wo ich bin“, sagte er.

„… does that star-spangled banner yet wave …“

Noch vor dem Ende der Hymne brandete der Applaus auf. Donald sah die Düsenjets, die von ferne herangeschossen kamen. Eine funkelnde Formation, deren Tragflächen sich an den Spitzen fast berührten.

„Komm wieder nach unten, verdammt noch mal!“, schrie Anna und zerrte an seinem Arm.

Donald riss seine Hand weg. Er war gefesselt vom Anblick der herannahenden Jets.

„Lass mich los!“, schrie er, als Anna ihn packte und mit aller Macht den Hügel wieder hinunterziehen wollte.

Die Luft vibrierte vom Donnern der Flieger. Die Triebwerke kreischten, als die Jets ihre Formation auflösten und hinauf in die weißen Wolken flogen.

„Verflucht, Donny, wir müssen da runter!“

Der erste Blitz kam, bevor Anna ihm die Augen zuhalten konnte. Ein helles Licht am Rande seines Gesichtsfelds aus Richtung Downtown Atlanta. Ein Blitz mitten am Tag. Donald wandte sich um, erwartete Donner zu hören. Der Lichtblitz war zu einer gleißenden Helligkeit geworden. Anna hatte die Arme um seine Taille gelegt und zog ihn zurück. Da war auch seine Schwester, sie keuchte, hielt sich die Augen zu, schrie. „Was zum Teufel ist das?“

Wieder ein Blitz, so hell, dass er Sterne vor den Augen hatte. Sirenen schrillten aus allen Lautsprechern. Donald war halb blind. Sogar als dann die Pilzwolken von der Erde aufstiegen – unglaublich groß für diese Entfernung –, brauchte er noch einen Moment, um zu begreifen, was geschah.

Die beiden Frauen zogen ihn hügelabwärts. Der Applaus war in Geschrei umgeschlagen, das die brüllende Sirene sogar noch übertönte. Donald sah kaum etwas. Er stolperte rückwärts und stürzte, sie glitten zu dritt aus und rutschten den Hügel hinunter, auf dem nassen Gras in Richtung Bühne. Die wolkigen Spitzen der Explosionen stiegen höher und höher.

„Was ist los?“, schrie er.

Irgendetwas entglitt ihm, er konnte sich nicht mehr erinnern, was es war. Wie war er hier hochgekommen? Was passierte hier?

„Los, los, los!“, sagte Anna.

Seine Schwester fluchte, sie war so verwirrt und erschrocken wie er selbst.

„Das Hauptzelt!“

Donald fuhr herum, seine Absätze rutschten im Gras, seine Hände waren nass vom Regen und voller Schlamm und Gras. Wann war er hingefallen?

Die drei stolperten die letzten Meter des Hangs hinunter, als das ferne Grollen des Donners sie endlich erreichte. Die Pilzwolken am Himmel schienen vor den Donnerschlägen zu fliehen, zur Seite geschoben zu werden von einem unnatürlichen Wind. Die Unterseiten der Wolken blitzten und blinkten, als würden noch weitere Bomben detonieren. Unten auf der Tribüne versuchten die Menschen nicht etwa, aus dem Amphitheater zu flüchten, sie rannten stattdessen in die Zelte, gelenkt von freiwilligen Helfern, die sie hindurchwinkten. Die Essens- und Marktstände wurden weggeräumt, die Bestuhlung war umgeworfen und zu einem Wirrwarr aufgetürmt worden. Ein Hund, noch immer an einen Pfosten gebunden, bellte.

Einige Menschen schienen noch im Vollbesitz ihrer Sinne zu sein. Anna war eine von ihnen. Donald sah, wie der Senator in einem kleinen Zelt die Menschenströme koordinierte. Wohin wollten all diese Leute? Donald fühlte sich ausgebrannt und leer, als er zusammen mit den anderen weitergetrieben wurde. Sein Verstand brauchte lange, um zu verarbeiten, was er gerade gesehen hatte. Atomexplosionen. Was er bisher nur von körnigen Kriegsvideos gekannt hatte, spielte sich nun in unmittelbarer Nähe live ab. Echte Atombomben, die tatsächlich explodiert waren.

Nackte Todesangst überkam ihn. In einem Winkel seines Gehirns wusste Donald, dass sie alle sterben würden. Es war das Ende von allem. Man konnte dem Tod nicht entkommen. Es gab kein Versteck. Abschnitte eines Buches, das er gelesen hatte, kamen ihm in den Sinn, Tausende Paragrafen, die er auswendig gelernt hatte. Er tastete in seiner Hose nach seinen Pillen, aber da waren sie nicht. Er blickte hinter sich und versuchte sich zu erinnern, was er zurückgelassen hatte …

Anna und Charlotte zogen ihn am Senator vorbei, der eine Miene grimmiger Entschlossenheit aufgesetzt hatte. Die Zeltklappe schlug Donald ins Gesicht. Vor seinen Augen sah er noch die Blitze der Detonationen. Die Menschen drängten sich in das Zelt, aber nicht so viele, wie es hätten sein müssen. Wo waren denn alle? Es ergab keinen Sinn, bis er merkte, dass er eine Betonrampe hinabgetrieben wurde. Überall Leiber, rempelnde Schultern, Menschen, die nach einander riefen, ausgestreckte Hände, Ehepaare, die getrennt worden waren. Manche weinten, andere waren vollkommen gefasst …

Ehepaare.

Helen!

Donald schrie ihren Namen in die Menge. Er drehte sich um und versuchte, gegen den Strom der panischen Menschen anzukämpfen. Anna und Charlotte zerrten an ihm. Die Leute drängten nach unten und wurden von oben weitergeschoben. Donald wurde in die Tiefe gespült.

„Helen!“

Oh Gott, jetzt fiel es ihm wieder ein.

Ihm fiel ein, was er zurückgelassen hatte.

Die Panik wich der Angst. Er sah wieder klar. Aber gegen das Unvermeidliche konnte er nichts ausrichten.

Er erinnerte sich an ein Gespräch mit dem Senator über das Ende von allem. Die Luft war aufgeladen, auf seiner Zunge schmeckte er totes Metall, weißer Nebel hüllte ihn ein. Er erinnerte sich an den Inhalt eines Buches. Er wusste, was es war, wusste, was passierte.

Die Welt war untergegangen.

Eine neue Welt verschlang ihn.

 

 

 

 

 

 

Der spannende Wissenschaftsthriller von Bestsellerautor Andreas Brandhorst

Blick ins Buch
Das ErwachenDas ErwachenDas Erwachen

Thriller

In „Das Erwachen“ nimmt sich Bestsellerautor Andreas Brandhorst eines der brandaktuellen Themen der Wissenschaft an: Wann werden die Maschinen uns übertrumpfen und was wird das für unser Leben bedeuten? Der ehemalige Hacker Axel setzt versehentlich ein Computervirus frei, das unzählige der leistungsfähigsten Rechner auf der ganzen Welt vernetzt. Als sich daraufhin auf allen Kontinenten Störfälle häufen und die Infrastruktur zum Erliegen kommt, die Regierungen sich gegenseitig die Schuld geben und die geopolitische Lage immer gefährlicher wird, stößt Axel gemeinsam mit der undurchsichtigen Giselle auf ein Geheimnis, das unsere Welt für immer verändern wird: In den Computernetzen ist etwas erwacht, und es scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein ...

Prolog


1943
Virginia, USA


Die Musik auf dem mit amerikanischen Fahnen und bunten Wimpeln geschmückten Festplatz verklang, und der erste Redner trat ans Pult. Er sprach gut, fand Jeremy. Der Mann vom OWI, vom United States Office of War Information, das für Kriegsanleihen warb, wandte sich mit der richtigen Mischung aus nachdenklichen und aufwühlenden Worten an das aus Hunderten von Personen bestehende Publikum und bekam ersten Applaus nach weniger als einer Minute.
Jeremy blickte über den Festplatz hinweg zu den sanften Hügeln von Virginia, die so friedlich wirkten, als ahnten sie nichts vom Krieg in Europa. Es war nicht weit bis zum vor wenigen Jahren gegründeten Shenandoah-Nationalpark mit seinen Wäldern und Hügeln.
Lucy stieß ihn mit den Ellenbogen an. „Du träumst schon wieder.“
Etwas war anders geworden zwischen ihnen, seit ihn die Army abgelehnt hatte, das spürte er.
„Ich denke nach.“
„Aber nicht über mich.“ Es war keine Frage. „Worüber denkst du nach?“
„Maschinen.“
„Was sonst!“ Lucy seufzte. „Wann hörst du endlich damit auf, Jeremy Hampstead?“
Wann wirst du endlich zu einem richtigen Mann?, hörte er die Frage in der Frage. Richtige Männer zogen in den Krieg.
„Auch wenn du darüber lachst“, sagte Jeremy, „es geht mir um eine bessere Welt. Vielleicht schreibe ich ein Buch darüber.“
„Ein Buch!“ Lucy schnaubte. „Für eine bessere Welt muss man kämpfen!“
„Ich hab’s versucht“, erwiderte Jeremy niedergeschlagen. „Das weißt du. Ich habe mich als Freiwilliger gemeldet. Aber ich bin untauglich. Der Fuß ist schuld.“
„Wer nicht kämpfen kann, kauft wenigstens Kriegsanleihen.“ Lucy deutete zum Festplatz.
„Das habe ich getan. Ich habe mein ganzes Geld in sie gesteckt. Gestern. Das Geld, mit dem wir unsere Heirat finanzieren wollten.“ Jeremy wandte sich ab und hinkte über den Weg, der von der Straße zu einem Waldstück führte. Hinter ihm tönte die Stimme des Redners aus den Lautsprechern – er sprach über Helden, die Waffen brauchten für ihren aufopferungsvollen Kampf gegen die Nazis.
Lucy folgte ihm. „Das ganze Geld? Alles?“
Nach einigen Dutzend Schritten erreichte Jeremy die ersten Bäume und setzte sich ins Gras.
Lucy sah einige Sekunden lang nachdenklich auf ihn herab, bevor sie sich ebenfalls setzte. „Ich dachte, Ende dieses Jahres …“
„Waffen kosten Geld“, wurde sie von Jeremy unterbrochen. „Darum geht es vor allem, Lucy. Unser Geld kommt der Forschung zugute, der Weiterentwicklung. Es geht darum, bessere Waffen zu entwickeln, bessere Maschinen. Darüber habe ich in letzter Zeit oft nachgedacht.“
Sie richtete einen fragenden Blick auf ihn, in dem aber auch ein großes Maß Enttäuschung lag.
„Der Krieg in Europa ist der schrecklichste, den es je gegeben hat“, fuhr Jeremy fort. „Und weißt du, warum wir ihm nicht Einhalt gebieten können? Der wahre Grund? Wir brauchen bessere Maschinen. Bessere Flugzeuge, bessere Panzer, bessere Maschinengewehre.“
„Unser Geld …“, murmelte Lucy.
„Und bessere Rechenmaschinen. Wer bessere Rechenmaschinen hat, kann genauer planen und schneller produzieren. Was meinst du, wie viele Berechnungen für die Konstruktionspläne von Flugzeugen nötig sind, die schneller und weiter fliegen als die des Feindes? Und von Zerstörern und Flugzeugträgern? Stell dir vor, wir könnten die beste Rechenmaschine der Welt bauen.“
„Unser ganzes Geld …“
„Die beste und schnellste auf der ganzen Welt“, sagte Jeremy. „Schneller als alles, was wir uns heute vorstellen können. So schnell, dass sie zu denken beginnt. Irgendwann werden die Maschinen überall sein, Lucy. Wie ein gewaltiger Ozean. Und ein kleiner Tropfen wird genügen, um alles zu verändern.“
„Was? Wovon redest du da?“
„Von einer besseren Welt.“ Jeremy schloss die Augen und glaubte sie zu sehen, die andere, bessere Welt, irgendwann in der Zukunft, wenn der Krieg in Europa zu Ende und die Barbarei der Nazis besiegt war. „Rechenmaschinen, die eigenständig denken. Mit ihrer Hilfe bauen wir Maschinen, die uns die schwere Arbeit in den Fabriken abnehmen. Die all das produzieren, was wir brauchen, und die unsere Welt schützen, anstatt sie zu zerstören. Wir könnten Armut und Kriege endlich hinter uns lassen. Ausgerechnet ein Deutscher namens Gottfried Wilhelm Leibniz hat vor fast dreihundert Jahren gesagt: ›Es ist unwürdig, die Zeit von hervorragenden Leuten mit knechtischen Rechenarbeiten zu verschwenden, weil bei Einsatz einer Maschine auch der Einfältigste die Ergebnisse sicher hinschreiben kann.‹“
Er lächelte schwach. Er hatte nicht einmal zu überlegen gebraucht, er kannte das Zitat Wort für Wort auswendig. Es war eine gute neue Welt, die er auf der Leinwand seiner Lider sah. Und das Leibniz-Zitat passte dazu. Ja, die Maschinen würden den Menschen eines Tages das Leben erleichtern.
„Du und deine Bücher“, sagte Lucy. „Wenn jemand wie Hitler solche Maschinen hätte …“
„Sie würden ihm nicht gehorchen.“ Auch darüber hatte Jeremy nachgedacht. „Weil sie zu schnell und zu gut denken.“
„Aber wenn deine Maschinen selbst entscheiden können, wem sie gehorchen und wem nicht“, sagte Lucy fröstelnd, „wer kontrolliert sie?“



88 Jahre später
Bits und Bytes reisten durchs globale Netz, Billionen von ihnen, pro Sekunde zehn Millionen E-Mails weltweit, zwölf Millionen Nachrichten der verschiedenen Messenger-Dienste, eine Million Suchanfragen bei Google, fünfzig Stunden Videomaterial bei YouTube, fünfzigtausend Freundschafts- und Follower-Anfragen bei Facebook und anderen sozialen Medien. Außerdem Fernsehen, Radio, Telefonate und die gewaltige Telemetrie-Datenmenge der zahllosen Mikroprozessoren, die in praktisch allen Dingen steckten und ständig maßen, wer was wie und warum benutzte, hundert Exabyte – hundert Trillionen Byte – pro Tag. Ein Ozean aus Daten, und darin ein winziger Tropfen, ein kleines Programm, nicht einmal ein Megabyte groß.
Es erreichte den ersten Rechner, einen kleinen Server in Watamu, Kenia. Die schlecht gewartete Firewall dieses Rechners hatte mehr Löcher als ein Schweizer Käse, und das Programm tat das, wozu es geschaffen worden war: Es infizierte die Systemdateien und schickte Kopien von sich ins Netz, die ihrerseits Kopien ins Datenmeer sandten, nachdem sie sich in Computersystemen eingenistet hatten.
Der Countdown hatte begonnen.

 

 

1. Teil
Inferior


1 Axel Krohn
Hamburg
Minus neun

 

Mssgr.: Gitty 3.1, verschl., Codierung Elliptic Curve,
sichere Verbindung best.
Von:    Rosebud
An: AK47

Mssg.: Freut mich sehr, dass Sie erfolgreich gewesen sind. Wir treffen uns um 23:00 am alten Hafen, im Büro des Kontorhauses. Seien Sie pünktlich, ich warte nicht gern.
(Ranking: 31)
Mssgr.: Gitty 3.1, verschl., Codierung Elliptic Curve, sichere Verbindung best.
Von:    AK47
An: Rosebud

Mssg.: Einverstanden. Ware gegen Geld, wie
vereinbart.
(Ranking: 314)


Der Treffpunkt beim alten Hafen gefiel ihm nicht: zu dunkel, zu abgelegen, ideal für eine Falle. Axel Krohn stellte den Motor des alten Ford ab, den er in einem mehrere Kilometer entfernten Parkhaus gegen seinen Tesla eingetauscht hatte, und spähte in die Nacht.
Zweifel stiegen in ihm auf. Weshalb ließ er sich auf so ein Treffen ein, noch dazu an einem solchen Ort? Geschäfte dieser Art ließen sich leicht und sicher über das Netz erledigen. Aber diesmal ging es um wirklich viel Geld, eine ganze Million, und der Kunde namens Rosebud hatte auf einer persönlichen Begegnung bestanden.
Axel berührte das Display seines Handys, das ihn mit dem Darknet verband, und überprüfte den Messenger. Keine neuen Nachrichten von Rosebud. Dessen Ranking war sogar noch besser geworden, von 31 auf 30. Offenbar hatte er in der Zwischenzeit zwei oder drei andere Geschäfte getätigt und gute Bewertungen erhalten, was darauf hindeutete, dass er kein Endkunde war, sondern ein Zwischenhändler, der gelegentlich auf die Dienste von Spezialisten zurückgriff. Er schien tatsächlich vertrauenswürdig, jedenfalls vertrauenswürdig genug für eine persönliche Begegnung.
Axel Krohn stieg aus und hörte das Klicken der automatischen Türverriegelung. Weit und breit war kein anderes Fahrzeug zu sehen.
Ein Regentropfen fiel ihm auf die Stirn, als er an den Gebäuden auf der rechten Seite emporsah. Links strömte träge und dunkel das Wasser der Elbe. Axel klappte den Kragen seiner Jacke hoch und ging los. Das alte Kontorhaus ragte hundert Meter vor ihm auf, alle Fenster ohne Licht. Als er es erreichte, regnete es in Strömen.
Die Tür stand offen.
Axel blieb vor dem Eingang stehen, unter dem kleinen Vordach, auf das der Regen prasselte, und sah auf die Uhr. Zwei Minuten vor elf. War Rosebud noch nicht eingetroffen?
Er betrat das dunkle, stille Gebäude. Das Flackern eines Blitzes warf für Sekundenbruchteile helles Licht in die Eingangshalle und riss eine breite Treppe aus der Finsternis. Das ehemalige Büro des seit vielen Jahren leer stehenden Kontorhauses befand sich im zweiten Stock.
Axel hatte den Fuß auf die erste Stufe gesetzt, als er ein Geräusch zu hören glaubte: ein leises Knirschen wie von einem vorsichtigen Schritt auf schmutzigem Boden. Er hielt den Atem an und lauschte mit offenem Mund. Nichts. Alles blieb still.
Langsam ging er die Treppe hoch und dachte dabei an den Stick in seiner Hosentasche und die Daten, die darin gespeichert waren, zusammen mit einem kleinen Programm, das er selbst entwickelt hatte. Die Daten betrafen einen Zugang zu den Computersystemen der Europäischen Zentralbank, und das kleine Programm, Intruder genannt, ermöglichte es, Kontrolle über sie zu erlangen. Axel wollte es an diesem Abend verkaufen, für eine satte Million.
Er wusste nicht, was Rosebud – oder dessen Kunden – mit den Daten und dem Intruder anstellen wollte. Geld abzweigen und auf irgendwelche Offshore-Konten überweisen? Manipulation der internationalen Finanzsysteme, einzelner Banken oder des Euro? Ging es um Geld oder Politik? Um etwas Kleines, vielleicht nur die Beobachtung interner Vorgänge und Entscheidungswege, oder etwas Großes, zum Beispiel einen Anschlag auf das finanzielle Herz von Europa? Im Darknet, dem tiefen, dunklen Teil des Internets, tummelten sich längst nicht mehr nur gewöhnliche Kriminelle, sondern auch politische Fanatiker, Terroristen und Geheimdienste, wobei die Grenzen fließend waren.
Im ersten Stock blieb Axel stehen und horchte. Nichts. Nur Regentropfen, die gegen schmutzige Scheiben prasselten, und ein gelegentliches, den Blitzen folgendes Donnern. Gab es hier Infrarotkameras, von Rosebud in der Dunkelheit versteckt? Axel trug eine Maske, eine hauchdünne Schicht aus bioaktivem Kunststoff, die seine Gesichtszüge veränderte und eine biometrische Identifikation verhinderte. Für gewöhnliche Gesichtserkennungssoftware blieb er unerkannt, aber Spezialprogramme ließen sich davon nicht täuschen. Doch damit war an diesem Ort kaum zu rechnen.
Es sei denn, seine Vergangenheit hatte ihn eingeholt und dies hier war eine Falle. Für einen Moment dachte Axel Krohn, in einem früheren Leben Aram Kaynak aus Kurdistan, über die Möglichkeit nach, dass seine alten Freunde, die zu Feinden geworden waren, einen Hinterhalt vorbereitet hatten. Sie suchten ihn seit Jahren.
Axel blickte nach oben, und das grelle Flackern eines weiteren Blitzes zeigte ihm ein leeres, staubiges Treppenhaus.
Vorsichtig ging er weiter, hielt mehrmals inne und lauschte in die Finsternis. Die Tür zum Büro im zweiten Stock war geschlossen. Axel zögerte kurz, bevor er sie öffnete und eintrat.
Vor ihm zeichneten sich die Umrisse alter Schreibtische und Büroschränke ab. Axel blickte noch einmal auf seine Armbanduhr. Eine Minute nach elf.
„Ich bin pünktlich!“, sagte er laut. „Sind Sie es ebenfalls?“
Keine Antwort. Draußen prasselte noch immer der Regen.
Axel Krohn ging am ersten Schreibtisch vorbei. Ein seltsam scharfer Geruch lag in der Luft.
Hinter dem nächsten Schreibtisch saß jemand, weit nach vorn gebeugt, sodass sein Oberkörper auf der Tischplatte und der Kopf auf den Armen lag.
„Rosebud?“, fragte Axel.
Die Gestalt, offenbar ein Mann, antwortete nicht. Sie schien zu schlafen.
Axel näherte sich, streckte die Hand aus und berührte den Mann an der Schulter. Der geriet in Bewegung, und der Bürostuhl unter ihm knarrte, als der Mann zur Seite kippte, fiel und mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden aufschlug.
Dunkle Flüssigkeit tropfte mit einem leisen Plop, plop vom Schreibtisch.
Plötzlich begriff Axel, woran ihn der scharfe Geruch erinnerte. Er stammte nicht vom Blut auf dem Schreibtisch, sondern von einer Schusswaffe. Der Mann, der neben dem Bürostuhl lag, war erschossen worden.

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