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Romantische Fantasyromane

mystisch, spannend, romantisch

Blick ins Buch
Lady of the WickedLady of the Wicked

Das Herz der Hexe

Darcia Bonnet will zur Herrin der Wicked werden, der finstersten Hexenseelen, um mit deren Macht ihre Schwester aus dem Jenseits zurückzuholen. Doch dazu muss sie dreizehn Hexen töten. Während Darcia in den verwinkelten Straßen von New Orleans unerbittlich Jagd auf Hexen macht, kommt ihr Valens Mariquise in die Quere, auf dem ein grausamer Fluch lastet. Darcia könnte seine letzte Hoffnung sein. Die beiden Verdammten schließen einen Pakt – und müssen erkennen, dass ihre Schicksale nun auf Gedeih und Verderb miteinander verknüpft sind ...

I
DARCIA


Das Herz der Hexe pulsierte in meiner Hand.
Ich drückte zu.
Das Gefühl des menschlichen Organs an meiner Haut überwältigte mich. Übelkeit stieg in mir auf.
In dieser Sekunde wäre jedes Zeichen von Schwäche tödlich, deshalb atmete ich tief durch die Nase ein und hielt meinen Blick auf das Gesicht der Hexe gerichtet. Ihr Mund war weit aufgerissen, in ihren Augen spiegelte sich meine dunkle Maske wider, wirkte verzerrt und monsterhaft.
Ich lächelte.
„Du warst zur falschen Zeit am falschen Ort“, sagte ich, obwohl es gelogen war. Ich hatte sie wochenlang verfolgt, war tagsüber in ihre Wohnung geschlichen und hatte mich nachts auf die Lauer gelegt. Am Ende hatte es keinen Aspekt ihres Lebens gegeben, der mir unbekannt gewesen wäre. Kein Geheimnis, das ich nicht aufgedeckt hätte. Keinen Atemzug, der mir entgangen wäre.
Wochen vorher war mir die Hexe zufällig aufgefallen, als ich aus einem Café getreten war. Ein Blick über meinen Kaffeebecher hinweg in ihre glasigen Augen hatte ausgereicht. Er hatte mir gezeigt, dass sie Magie ausübte. Nachdem ich mich umgesehen hatte, bemerkte ich ein Pärchen, das sich lautstark stritt. Ein Lächeln zierte die dunklen Lippen der Hexe, als sich das Paar gegenseitig wüste Beschimpfungen an den Kopf warf, um dann getrennte Wege zu gehen. Die Hexe war eine Unruhestifterin, die sich in das Leben ahnungsloser Menschen einmischte.
Ich folgte ihr aus dem French Quarter von New Orleans hinaus in die Esplanade Avenue und meine Befürchtung bestätigte sich. Die Hexe gehörte einem der Zirkel an, der sich ausschließlich dunkler Magie bediente. Für sie bedeutete dies grenzenlose Macht – und für mich?
Für mich war sie damit zu meinem nächsten Opfer geworden.
Das Blut wärmte meine Hand.
Mit einem Ruck zog ich das Herz aus der Brust der Hexe. Ein letzter Schlag. Im nächsten Augenblick kippte der leblose Körper zur Seite und ich blickte in das gähnende Maul der mit Hyazinthen bewachsenen Gasse.
Ein weiteres Herz. Ein weiterer Schritt hin zu meinem Ziel.
Das schrille Lachen einer Frau riss mich aus meinen Gedanken und ich erkannte mit Schrecken, dass ich eingenickt war.
Stirnrunzelnd rief ich mir meine Situation in Erinnerung. Ich hockte zwischen einem dunkelblauen SUV und einer Rotzeder eingequetscht, um die dreizehnte und somit letzte Hexe, die ich für meinen Plan benötigte, zu beobachten. Unglückseligerweise war sie vor einer ganzen Weile in ihrem weiß getünchten Haus mit der heruntergekommenen Veranda verschwunden und ich hatte den Kampf gegen meine Müdigkeit verloren. Mit offenen Augen war ich in die Vergangenheit gesunken.
Als ich mich halb aufrichtete, um meine eingeschlafenen Glieder zu schütteln und zu strecken, hörte ich das Lachen erneut und ging sofort wieder in Deckung. Die Hexe, Jemma, war aus ihrem Haus getreten. Mit der einen Hand schloss sie die blaue Eingangstür ab, mit der anderen hielt sie sich ihr Telefon ans Ohr. Ihr Lachen erklang ein weiteres Mal, bevor mich die Gesprächsfetzen, die zu mir herüberwehten, darüber aufklärten, dass sich die Unterhaltung dem Ende zuneigte. Sie wünschte der anderen Person einen schönen Abend und legte auf.
Es kribbelte in meinen Fingern.
Ich folgte Jemma die hell erleuchtete Straße entlang, taumelte von Schatten zu Schatten, da sich meine Knie noch wacklig anfühlten, und suchte fieberhaft nach einem Grund, die Sache nicht jetzt schon zu beenden. Natürlich, ich hatte bei Weitem nicht so viel Zeit darauf verwendet, Jemma zu beobachten, wie bei den zwölf Hexen vor ihr, aber ich kannte mittlerweile ihren Alltag, wusste um ihre schwarze Magie und ahnte, dass sie abgesehen von ihren Zirkelhexen über keinerlei soziale Kontakte verfügte. Es könnte heute geschehen.
Ich könnte die erste Phase des Rituals mit ihrem Herzen abschließen.
Noch eine Nacht.
Mein Herz klopfte heftig, als Jemma in eine dunkle Straße einbog, die auf der einen Seite an fensterlose Hauswände grenzte und auf der anderen an das Ufer des Mississippis. Jemma fühlte sich sicher. Als zweiundvierzigjährige, mäßig talentierte Hexe zu sicher. Sie hatte ihr mausbraunes Haar mit einer rosa Schleife zurückgebunden, der einzige Farbtupfer, den sie sich erlaubte. Graue Stoffhose, grauer Mantel, graue Schuhe bildeten den Rest ihres Outfits. Nichts Auffälliges. Nichts, das sie als böswillige Hexe gebrandmarkt hätte. Trotzdem wusste ich, dass sich auf ihrer Haut mehrere Tattoos verbargen. Zirkelhexen neigten dazu, sich gegenseitig zu markieren, um ihre ewig andauernde Zugehörigkeit erkennbar zu machen.
Als ich mich am Anfang der Straße an die Mauer presste, fiel mein Blick auf meine eigenen tätowierten Hände. Ein großer Hirschkopf prangte auf meinem linken Handrücken und jeder einzelne meiner Finger war mit Runen, Symbolen der Elemente und bestimmten Zaubern übersät. Striche, Augen, Pfeile, Punkte und Kreise. Immerhin besaßen sie eine tiefere magische Bedeutung und schützten mich vor den meisten Flüchen, die Hexen und Waiżen, Hexen mit besonderer Affinität für Flüche, gegen mich verwenden würden.
Jemma stand dem Ufer zugewandt und blickte auf das ruhige Gewässer hinaus. Die Mondsichel schien hell auf uns herab, erleuchtete die nebelverhangene Nacht.
Ich ließ mich hinreißen.
Der Ort war noch weit genug von der St Charles Avenue entfernt, wo sich die meisten Hexen aus den Zirkeln herumtrieben, wenn sie nicht einen der achtzig Friedhöfe aufsuchten. Keine Menschenseele befand sich in unserer unmittelbaren Nähe.
Jetzt.
Ich umfasste einen der Flüche, der fein säuberlich verpackt in einem der handtellergroßen Jutebeutel an meinem Gürtel befestigt war. Flüche setzten sich aus mineralischen und pflanzlichen Bestandteilen zusammen, die in langwierigen Prozessen miteinander verbunden wurden. Diesen Fluch löste ich langsam von der Schlaufe. Als Hexia, Halbhexe, war ich nicht sonderlich begabt, was Flüche und Zauber anging. Meine Spezialität war eher das Brechen von ebenjenen Flüchen und das Heilen von körperlichen Beschwerden. Mit genügend Vorbereitungszeit konnte selbst ich jedoch einen Unbeweglichkeitsfluch herstellen. Das Buch einer dreihundert Jahre alten Voodoohexe hatte mir dabei bisher gute Dienste geleistet.
Ich trat einen Schritt vor und begab mich dadurch in Sichtweite der Hexe.
Nicht mehr Jemma.
Keine eigenständige Person.
Ich musste sie einzig und allein als bösartige Zirkelhexe sehen, um das zu tun, was getan werden musste.
Die Erinnerung der letzten zwölf Male holte mich ein. Blut. So viel Blut. Jedes Mal ein gellender Schrei und das Flehen, das es nie über die Lippen schaffte. Die Wärme der Herzen, das hektische Klopfen, als würde ich einen kleinen Vogel in meiner Hand halten. Grenzenlose Macht gefolgt von dem Geruch nasser Erde, freigesetzt durch alte Magie …
„Wer …?“ Als sie meine Bewegung wahrgenommen hatte, drehte sie sich zu mir um. „Darcia? Was machst du hier?“
Überrascht hielt ich inne. Ich hatte nicht damit gerechnet, erkannt zu werden. Ein großer Fehler.
Du hast zu überstürzt gehandelt. Dir war nicht klar, dass sie von dir gehört, dich schon mal gesehen hat.
Es änderte nichts. Ich würde heute, jetzt, handeln müssen, sonst wäre all meine Vorbereitung für die Katz gewesen. Mein Griff um den Beutel wurde fester und ich konnte das Prickeln in seinem Inneren fühlen. Ein so starker Fluch wurde nach einer Weile ungeduldig, flehte darum, endlich freigelassen zu werden. Wie ein Tier, das man eingesperrt hatte.
Ich machte mich bereit, den Fluch auf die Pflastersteine zwischen uns zu werfen und die Sache damit endgültig in Gang zu setzen, als ich laute Schritte vernahm. Auch Jemma wurde von dem Geräusch abgelenkt und ihr Blick fiel auf jemanden, der sich hinter mir näherte.
Eilig steckte ich den sich kläglich windenden Fluch zurück an meinen Gürtel, um in keiner prekären Situation zu landen, in der ich ihn erklären müsste. Sekunden später tauchte Tieno aus der Nebelwand auf. Jeder seiner Schritte ließ den Grund erbeben, obwohl er für einen Waldtroll ziemlich jämmerlich geraten war.
„Tieno? Was machst du hier?“, rief ich entgeistert und das Herz rutschte mir in die Hose. Die Gelegenheit war vertan. Es war kein Hellseher nötig, um die kommenden Minuten vorherzusehen. Jemma hatte mich erkannt und wusste somit auch, dass Tieno mein Waldtroll war, auch wenn er sich unter dem Schleier eines grobschlächtigen, riesigen Mannes verbarg. Seine wahre Gestalt offenbarte er nur in geschlossenen Räumen und unter seinesgleichen. Gleich blieben jedoch seine schwarzen glatten Haare, die breiten Schultern und das zerfurchte Gesicht mit der platten Nase, die ihn aussehen ließ, als hätte er einen heftigen Schlag abbekommen. Seine langen Beine steckten in einer dunklen Hose, unter deren Saum Wildlederschuhe hervorlugten, die ich ihm alle drei Monate neu kaufen musste, weil er die Sohlen so schnell durchlief.
Der sanfte Riese würde nicht zulassen, dass ich in seinem Beisein eine Hexe schlachtete, und diese Hexe würde sich auf den Weg zu ihrem Zirkel machen, um ihren Schwestern von der seltsamen Begegnung mit der Fluchbrecherin und ihrem Troll zu berichten.
Dies wäre das Ende.
Jemma war ihrem sicheren Tod dank meines Freundes von der Schippe gesprungen.
Ich verfluchte ihn innerlich. Natürlich ohne Magie.
„Wila“, sagte Tieno.
Jemma nutzte die Gelegenheit, um die unbeleuchtete Gasse zu verlassen. Sie warf mir einen letzten argwöhnischen Blick über die Schulter hinweg zu.
Die Wut kochte in mir hoch, aber ich hielt sie im Zaum, da ich Tieno mein Leben verdankte. Er war mein Freund und kannte jedes meiner drei Geheimnisse.
Erstens, ich war eine von der Königsfamilie höchstpersönlich Verstoßene aus Babylon.
Zweitens, in meiner Anfangszeit in New Orleans hatte ich für Seda gearbeitet.
Drittens, ich hatte vor, die Herrin der Wicked zu werden.
„Was fällt dir ein, Tieno?“, murmelte ich mit zittriger Stimme. „Jemma wird ihren Hexen jetzt von mir erzählen und wenn sie demnächst verschwindet, wird jeder sofort an mich denken. Denn sie wissen, dass ich normalerweise einen großen Bogen um Zirkelhexen mache. Ich werde mir ein neues Opfer suchen müssen.“
„Wila“, wiederholte Tieno und hielt mir seine Pranken entgegen. Erst jetzt erkannte ich, dass sich etwas darin verbarg.
Es war eine Wila, die auf ein Tuch gebettet lag und deren Haut so weiß strahlte wie mein Bettlaken. Was mich jedoch schockierte, war ihr kurz geschorenes Haar.
Ich wusste nicht viel über das Volk der Wila. Sie waren weibliche Naturgeister, die ausschließlich in Gruppen lebten und mit dem Element Wasser verbunden waren. Sie galten als wunderschöne Mädchen mit durchsichtigen Körpern und langen Haaren. Der Verlust einer einzelnen Strähne bedeutete bereits ihren unmittelbaren Tod. Obwohl diese Wila offenbar mehr als eine Strähne verloren hatte, bewegte sich ihre durchscheinende Brust noch immer in einem gleichmäßigen, wenn auch langsamen Takt. Nicht tot.
„Sie ist so gut wie tot“, sagte ich trotzdem und stemmte die Hände in die Hüften. Ein kühler Wind wehte unter meinen bis zum Boden reichenden Hüftrock und ließ mich erzittern. Ich ließ die Arme sinken und spielte mit meinem Bauchnabelpiercing. Ein Schutzanhänger, den mir Seda geschenkt hatte.
„Wila.“ Er klang wie eine kaputte Schallplatte. Selten brachte Tieno mehr als Zwei-Wort-Sätze zustande.
„Ich weiß, dass sie eine Wila ist“, erwiderte ich genervt. In meinem Kopf tobte ein Sturm, den ich eilig einzudämmen versuchte. Es war noch nicht vorbei. Ich würde ein neues Opfer finden und das Ritual beenden.
„Leben“, brummte Tieno und streckte mir die Wila erneut hin, unbeeindruckt von meinem zornigen Gesichtsausdruck.
Ich blickte seufzend gen Himmel und leckte mir ergeben über die Lippen.
„Wo hast du sie gefunden?“, erkundigte ich mich und deutete auf die Straßenmündung hinter ihm. Wir konnten uns genauso gut auf den Weg nach Hause machen.
„Esplanade“, brachte er nach mehreren kläglichen Versuchen hervor. Schützend presste er den zierlichen Körper der Wila in seine Armbeuge.
Es war nichts Neues, dass Tieno verwundete Geschöpfe zu mir brachte. Dies war jedoch das erste Mal, dass er sich um ein Schattenwesen sorgte. So nannte man alle nicht-menschlichen Wesen, die kein Hexenblut in sich trugen.
In der Esplanade Avenue hatten sich neben der kreolischen Oberklasse auch die Schwarzen Zirkel angesiedelt. Sie vollführten ihre Rituale in den riesigen Häusern oder schöpften Energien auf den unzähligen Friedhöfen. Das, was mit dieser Wila geschehen war, schrieb ich dieser Art von Magie zu.
Jemand hatte für ein Ritual das Haar eines Naturgeistes benötigt – und es sich genommen, ohne sich um die Konsequenzen zu scheren. Er oder sie hatte sich nicht mal die Mühe gemacht zu überprüfen, ob das Opfer gestorben war.
„Na komm, ich werde versuchen, sie wieder aufzupäppeln“, verkündete ich. „Ich kann dir nicht versprechen, dass sie es schaffen wird, Tieno.“
„Aufpäppeln“, wiederholte Tieno und sein Gang wurde federnder. Ein deutliches Zeichen dafür, dass er wieder guter Stimmung war.
Ich schüttelte den Kopf. Vermutlich hörte die Wila ohnehin auf, zu atmen, noch bevor wir die Dauphine Street erreichten, an der mein Haus stand. Ein Seitenblick in Richtung Tieno hielt mich davon ab, meine Bedenken erneut zu äußern. Der Waldtroll hatte ein zu weiches Herz.
Einer der Gründe, weshalb ich heute noch lebte.



II
VALENS


Ein Monster begegnete meinem Blick.
Die schwarze Kohlezeichnung war eine Monstrosität, direkt meiner linken Hand entsprungen. Auf Papier gebannt aus der Erinnerung. Aus meinem Spiegelbild. Aus …
Ich klappte das ledergebundene Skizzenbuch entschlossen zu und sah mich auf dem ruhigen Lafayette Cemetery um. Nichts anderes außer grauen Grabsteinen, vergessenen Grüften und Familienkrypten.
Mit einer entschiedenen Geste löschte ich die magische Flamme, die mir bis dahin Licht gespendet hatte, um an meinem Meisterwerk weiterzuarbeiten.
Wohl eher Monsterwerk, dachte ich zynisch. Ich sprang vom Grabstein, der mir als Plattform gedient hatte. Die Statue von St Helen sah mich anklagend an, aber ein schlechtes Gewissen konnte sie mir nicht machen. Das hatte meine eigene Skizze schon.
Denn dieses Monster … das war ich. Verflucht bis in alle Ewigkeit.
Eine Zeit lang war ich in dieser Form Nacht für Nacht durch Babylon gestreift und hatte Menschen verletzt, ohne mich am Tag darauf daran erinnern zu können. Die Schreie meiner Opfer verfolgten mich erst, als ich mein Exil angetreten und Babylon für New Orleans verlassen hatte.
Seit ich erkannt hatte, was ich war, gab es keinen Weg zurück in meine Blindheit, in meine Taubheit.
Du hast wieder Hoffnung, erinnerte mich eine Stimme, leise und mit Bedacht. Wie viele Jahre war ich schon auf der Suche nach der Waiża, die mich verflucht und damit mein Leben genommen hatte? Wie viele Wochen hatte ich damit verbracht, jemanden zu finden, der mir helfen konnte, ohne verraten zu müssen, wer ich war? Woher ich kam.
Seufzend schlug ich den kürzesten Weg ein, um den Friedhof zu verlassen. Ich würde noch das Devil’s Jaw aufsuchen, um mir diese so wichtige Information bestätigen zu lassen. Eine Information, die ich vermutlich auch schon vor ein oder zwei Jahren hätte erlangen können, wenn ich nicht derart in Selbstmitleid versunken gewesen wäre.
Der Bruder der Königin – von seiner besten Freundin in die Verbannung geschickt, damit sie ihn nicht töten musste. Wie erbärmlich!
Als würde das tätowierte Herz wissen, dass es nicht mehr lange auf meiner Brust bliebe, brannte es. Ich rieb mit einer Hand darüber. Das Zeichen meines Fluchs. Wie naiv ich gewesen war! So hatte ich angenommen, dass dieses Zeichen der Fluch wäre und nicht etwas, was mich zusätzlich verhöhnen würde. Nein, mein Fluch war die Bestie unter der Haut.
Ein kühler Wind zog vom Mississippi auf, als ich mich am Ufer entlang bewegte, um das Devil’s Jaw zu erreichen. Eine Spielhölle, die von meinem Freund Adnan Marjuri geführt wurde. Er war der Einzige in New Orleans, der wusste, dass ich verflucht war. Nach meiner wahren Identität hatte er mich nie gefragt, doch ich hegte den Verdacht, dass er wusste, dass Hills nicht mein richtiger Nachname war.
Er gehörte außerdem zu den wenigen, die mehrere Spione in Babylon besaßen, und für ihn wäre es ein Leichtes gewesen, eins und eins zusammenzuzählen, als bekannt geworden war, dass der Bruder der Königin für eine längere Reise verschwunden war. Eine fadenscheinige Ausrede, wenn es denn jemals eine gegeben hatte, die durch meine unmittelbare Erscheinung in New Orleans noch schwammiger geklungen hatte. Natürlich hatte ich mich anfangs bedeckt gehalten, aber mein Selbstmitleid hatte mich auf die Straße und schließlich ins Devil’s Jaw getrieben. Ein Etablissement mit mehr als fünfhundert Kunden pro Nacht, die ihr Geld, ihren Besitz und manchmal auch ihre Familie verspielten. Letzteres hatte ich gewollt. Nichts war mir vergönnt gewesen. Daneben fanden hier die wichtigsten und geheimsten politischen Ereignisse der Schattenwelt von New Orleans statt.
Aus irgendeinem Grund hatte Adnan sich meiner angenommen und zwischen uns war eine Art Freundschaft erwachsen, der ich nie ganz traute. Allem voran, weil Adnan nichts tat, das ihm nicht in irgendeiner Weise diente, und ich war mir sicher, dass er Pläne für mich schmiedete, die ich nicht kennen wollte.
Es reichte mir, dass ich regelmäßig den Schergen meiner Schwester entkommen musste. Sie wusste um meinen Fluch und es war ihre Pflicht, mich auszuschalten. Auch drei Jahre nach meiner überstürzten Flucht suchte sie noch nach mir.
Ich betrat die Straße, an der sowohl das Devil’s Jaw als auch das Bordell Seaheart lagen sowie diverse andere zwielichtige Geschäfte, in denen sich nahezu ausschließlich Mitglieder der Schattenwelt aufhielten. Menschen verirrten sich in den seltensten Fällen hierher und wenn sie von einem Haus ins nächste stolperten, dann weil sie bereits von der Existenz der Hexen und Schattengeschöpfe wussten.
Das ehemalige Rotlichtviertel in Storyville hatte sich zum Mittelpunkt der Schattenwelt gemausert, so war es keine Überraschung, dass sich das Devil’s Jaw nicht in ein kleines Haus quetschen ließ. Die Spielhölle thronte auf zwei Plattformen über dem Mississippi. Ihre beiden Gebäudeteile, die jeweils vier Stockwerke umfassten, wurden durch überdachte Stege miteinander verbunden. Die Fassade wirkte kühl und elegant. Geschwungene Fensterrahmen, weißer Kalkstein, der im unteren Bereich von Algen und Moos angegriffen wurde. Adnan gab monatlich ein Vermögen aus, um diese Art von Instandhaltung zu gewährleisten.
Da ich keine goldene Eintrittskarte mehr benötigte, um das Gebäude zu betreten, ging ich den gaffenden Hexen und übernatürlichen Geschöpfen aus dem Weg und mied den Haupteingang. Im Inneren verlief sich die Masse an Leuten üblicherweise und verteilte sich auf verschiedene Räume.
Als ich von dem hölzernen Steg, der mit schwarzem Teppich ausgelegt war, durch einen offen stehenden Nebeneingang hineinging, wurde ich augenblicklich von einem breitschultrigen Mann begrüßt. Ich tippte auf Wald- oder Bergtroll. Er nickte mir zu.
„Raum der Runen“, antwortete er mir auf die unausgesprochene Frage. Jeder von Adnans Angestellten kannte mich, dafür hatte er gesorgt, da sie nicht alle eine lupenreine Reputation besaßen und das eine oder andere Mal ihre eigenen Kunden übers Ohr hauten. Adnan ließ sie gewähren, da er seinen Spaß daran fand.
„Danke“, murmelte ich, ging mit hoch erhobenem Haupt an ihm vorbei und versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, wie unwohl ich mich fühlte. Natürlich, ich hatte Adnan viel zu verdanken, doch das Devil’s Jaw beherbergte Erinnerungen, die ich am liebsten vergessen würde. Eine Zeit, die so schwarz und klebrig war, dass ich mich ihr unter allen Umständen entziehen wollte.
Außerdem hatte ich seit meiner Verbannung mein Bestes gegeben, mich wie jeder andere zu verhalten, um nicht aufzufallen. Nicht länger der privilegierte Prinz, sondern ein normaler Versager.
Der Korridor, den ich betreten hatte, unterschied sich nicht von den anderen. Es gab schwarze Teppiche, goldene Leuchter an den dunklen, mit Holz verkleideten Wänden und hohe, bemalte Decken. Hin und wieder, wenn ich eine weitere Tür passierte, drangen Stimmen oder andere menschliche, vielleicht auch unmenschliche Geräusche an meine Ohren. Jedes Mal bewegte ich mich schneller, da ich nicht das Bedürfnis verspürte, jemanden auf mich aufmerksam zu machen.
Der Raum der Runen war Adnans kleiner Thronsaal. Er genoss das Gefühl, auf seinem geschnitzten Stuhl mit dem purpurnen Kissen zu sitzen. Dort konnte er genüsslich auf diejenigen herabsehen, die gekommen waren, um ihn um einen Aufschub ihrer Schuldenrückzahlung zu bitten.
Auch jetzt saß er auf seinem Stuhl in dem Zimmer mit dem unechten Marmorboden und den schmalen Fenstern, die den Blick in die dunkle Nacht freigaben. Sein Falke, ein bösartiges Tier mit Federn in hundert verschiedenen Brauntönen, hatte sich wie stets auf seiner gepolsterten Schulter platziert und starrte jeden Gast in Grund und Boden. Eine feingliedrige Kette verband seinen Fuß mit Adnans Handgelenk. Jener trug wie so häufig einen Turban in einer kräftigen Farbe, dieses Mal war es Lila; Gold und Diamanten glänzten an etlichen Stelle seines Körpers, der in ein dunkelblaues Gewand gehüllt war. Seine teuren orientalischen Pantoffeln blitzten unter dem Saum hervor.
Adnan wandte sein Gesicht von dem armen Geschöpf, das vor seinem Thron kniete, zu mir. In seinen Augen glitzerte der Schalk und ich hätte beinahe aufgeseufzt. Er genoss dieses Schauspiel viel zu sehr.
„Ich erlasse dir deine Schulden“, sagte er bloß, weil er keine Lust hatte, sich weiter mit dem Mann zu befassen, der daraufhin in laute Danksagungen und Segnungen verfiel, die Adnan wie lästige Moskitos mit seiner freien Hand wegwischte. Dann rieb er sich über den schwarzen Vollbart, bevor er sich auf den Weg zu mir machte. Die rund zwei Dutzend Gäste wagten nicht, ihn anzusprechen, machten ihm Platz und taten so, als würden sie furchtbar wichtige Gespräche untereinander führen.
„Du wirkst aufgewühlt, alter Freund“, begrüßte mich der gefährlichste Mann in New Orleans. Oder Ghul. Denn ein Mann war er im wörtlichen Sinn nicht. Durch seine Adern floss das Blut einer der ältesten Ghulfamilien. Ich wusste nicht viel über sein Erbe, aber es war des Öfteren Gegenstand von Gerüchten gewesen. Man erzählte sich, dass die Gesellschaft der Ghule seinen Einfluss nur widerwillig akzeptierte. Obwohl sie Leichen verspeisten und sich nicht zu schade waren, in verschiedene Gestalten zu schlüpfen, wenn es die Situation verlangte, galten sie als ausgesprochen stolzes Volk.
Ich beobachtete Adnan einen Moment, besah mir den Falken und den silbernen Sicheldolch an Adnans breitem, schmuckverziertem Gürtel, der locker um seine Mitte lag. Er hatte mir nie erzählt, was es mit dem Dolch auf sich hatte, und trug ihn stets bei sich. Im Gegensatz zu anderen Waffen erlaubte er niemandem, ihn zu berühren.
„Der Körper einer weiteren Zirkelhexe wurde angespült“, erklärte ich, während wir den Ausgang ansteuerten. „Sie muss schon seit einigen Wochen tot sein.“
„Lass mich raten …“, Adnan legte seine freie Hand auf die Brust, „… ohne Herz?“
Ich nickte. „Die Anzahl schwarzmagischer Rituale scheint stetig zuzunehmen. Es kann nichts Gutes für uns in New Orleans bedeuten.“
„Interessiert es dich denn, was es für New Orleans bedeutet?“, erkundigte sich Adnan wachsam und warf mir einen eindeutigen Seitenblick zu. Er wusste, dass ich die Sichelstadt nicht als meine Heimat ansah. Das bedeutete allerdings nicht, dass ihr Schicksal mir gleichgültig war.
Wir schritten durch einen langen Korridor und erreichten schon bald die belebte Spielhölle. Der Saal, in dem sämtliche Kunden von einem Kartentisch und Glücksspiel zum nächsten taumelten. In einem immerwährenden Rausch geschaffen von Alkohol, illegalen Drogen und der unvermeidlichen Gier nach mehr. Nach dem größeren Gewinn. Nach dem ultimativen High.
Auch ich war einer von ihnen gewesen. Nun lenkten mich die schwarz-goldene Inneneinrichtung, die glitzernden Kronleuchter und leicht bekleideten Damen genauso wenig ab wie das Klirren von Münzen und Scharren der Plastikchips. Lediglich ein Kribbeln machte sich in meinen Fingerspitzen bemerkbar, das sich dennoch unterdrücken ließ. Ich durfte mich nicht von meinem Vorhaben abbringen lassen – Adnan nach dieser einen Information zu fragen, die mir mein Leben zurückgeben würde.
„Adnan“, sagte ich ernst, als wir eine der vielen Bars erreichten und sofort bedient wurden. Der Ghul bestellte für uns beide einen Scotch, den ich nicht anrührte. „Ich bin hier, weil mir ein Gerücht über eine Frau zu Ohren gekommen ist.“
„Du weißt, dass dies Sedas Geschäft ist. Das Seaheart ist bloß auf der anderen Straßenseite“, witzelte Adnan und stürzte seinen Scotch herunter. Der Falke auf seiner Schulter weitete für einen kurzen Moment seine Flügel, als würde er den Alkoholkonsum seines Herrn nicht gutheißen.
Ich überging seinen Kommentar. „Man munkelt, sie wäre die beste Fluchbrecherin der Stadt.“
„Das steht nicht zur Debatte“, bestätigte Adnan sofort und leerte auch meinen Scotch.
„Du weißt also, wen ich meine?“ Überraschung ließ mich unvorsichtig werden. Ich beugte mich zu Adnan vor und wurde dafür sofort mit einem lauten Krächzen des Falken bestraft. Eilig zog ich mich zurück, behielt den Vogel aber misstrauisch im Auge.
„Darcia, Hexia und Fluchbrecherin“, antwortete Adnan nachdenklich und blickte sich in der gefüllten Halle um. Verschiedene Gerüche, nicht alle angenehm, drangen in meine Nase und mir wurde bewusst, wie schwül es hier drin war. Ich spürte die ersten Schweißtropfen auf meiner Stirn und wischte sie mit dem Handrücken fort.
„Adnan.“ Musste ich ihm denn alles aus der Nase ziehen? Normalerweise machte er sich einen Spaß daraus, mir zu zeigen, wie unwissend ich und wie allwissend er war. Was war dieses Mal anders?
Fast beiläufig legte er eine Hand auf den silbernen Dolch, als sein Blick zu mir zurückkehrte.
„Seda liegt mir schon seit geraumer Zeit in den Ohren. Ihretwegen.“ Er presste die Lippen zusammen, als würde er sich selbst davon abhalten, mir etwas mitzuteilen. Eine Sekunde später war der Moment verstrichen und der Gedanke für mich verloren. „Sie und Darcia sind miteinander befreundet und sie möchte, dass ich ihr mehr Kunden schicke. Aber wieso sollte ich wollen, dass meine Kunden frei von Flüchen sind?“ Er breitete seinen Arm in einer allumfassenden Geste aus. „Es macht sie um vieles leichtsinniger. Das bedeutet gutes Geld für mich.“
„Ist das der Grund, weshalb du mir in all der Zeit nichts von ihr gesagt hast?“, zischte ich, meine Wut kaum im Zaum haltend. Ich konnte nicht glauben, dass er mir Darcias Existenz vorenthalten hatte, obwohl er wusste …
„Ganz ruhig, alter Freund, ich ging von der Annahme aus, dass du die Waiża finden willst, die dich verflucht hat“, erklärte er sich, nur mäßig von meinem Zorn beeindruckt. Warum auch? Er hatte von mir nichts zu befürchten. Wir waren Freunde und auch wenn ich selbst ein Hexer war, so hatte ich ihm in seinem eigenen Reich nichts entgegenzusetzen. Wenn ich selbst ein Waiża wäre, sähe die Sache anders aus. Diese Art von Hexen konnte Körper- und keine Elementarmagie wirken. Waiżen waren dazu imstande, die grausigsten Flüche zu weben, versagten jedoch bei den einfachsten Zaubern einer vollwertigen Hexe. Trotzdem galten sie im Allgemeinen als mächtiger als Hexia, die umgangssprachlich „Halbhexen“ genannt wurden. „Du willst wissen, wo sie wohnt?“ Ich nickte. „Marko?“
Jemand trat hinter meinem Rücken hervor und ich wäre zusammengezuckt, wenn dies nicht bereits einige Male geschehen wäre. Adnans Schatten bewegten sich zu leise, zu unsichtbar. Obwohl ich wusste, dass seine Beschützer immer da waren, sah ich sie selten.
Marko war ein stämmiger Mexikaner, ob übernatürlich oder nicht, konnte ich auf einen Blick nicht sagen. Er hielt mir einen gefalteten Zettel hin, den ich zögerlich annahm. Auf ihm stand eine Adresse geschrieben.
„Woher wusstest du …“
„… dass du danach fragen würdest? Keinen blassen Schimmer. Aber meine Schatten sind meinen Feinden nicht von Natur aus immer einen Schritt voraus“, war seine kryptische Antwort. Ich steckte die Notiz ein und wandte mich zum Gehen, als mich Adnan noch einmal zurückhielt. „Valens, eine Warnung. In den vier Jahren, seit sie hier lebt, hat sie nicht ein einziges Wort über ihre Vergangenheit verloren. Ganz gleich, wen ich fragte, niemand hat sie je zuvor gesehen oder von ihr gehört.“
„Es ist nicht ungewöhnlich, dass unsereins nach einer Verbannung aus der Schattenstadt seine Identität ändert.“ Dies war sogar häufig der Fall.
„Bisher ist mir aber niemand gänzlich ohne Vergangenheit begegnet.“
Adnan, der Alleswisser, war bei ihr auf Granit gestoßen. Außergewöhnlich.
„Du interessierst dich also doch für sie.“
„Ich interessiere mich immer für potenzielle Verbündete. Oder Feinde.“ Er stieß ein tiefes, theatralisches Seufzen aus. „Sei einfach vorsichtig. Wie ich hörte, ist sie nicht gut auf Vollhexer oder Männer im Allgemeinen zu sprechen.“
„Ich will nicht mit ihr sprechen“, erwiderte ich. „Es reicht, wenn sie den Fluch bricht.“

Blick ins Buch
Lady of the WickedLady of the Wicked

Die Seele des Biests

Darcia Bonnet musste dreizehn Hexen töten, auf einem Scheiterhaufen verbrennen und im See der Sterne ertrinken – und wurde so zur Herrin der Wicked, der bösartigsten Hexenseelen. Doch sie ist nicht die Einzige, die Anspruch auf die Macht der Wicked erhebt. In den Schatten der magischen Stadt Babylon erhebt sich der Dunkle, ein Hexer, der sich die Seelen der Wicked in einem Ritual unterwerfen will. Während Valens noch immer gegen den Fluch in seinem Inneren und um seine Freiheit kämpft, muss Darcia sich dem Dunklen stellen, dessen unheilvolle Macht sich bereits in der Stadt ausgebreitet hat ...

DARCIA


Das Biest zerfleischte meine Seele.

Ich wehrte mich.

Tiefste Schwärze zog wie ein Sturm auf, drückte mich nieder und zog gleichermaßen an meinen Gliedmaßen. Schmerzen, wie ich sie nie gekannt hatte, erfüllten mein Sein. Ich drehte mich um die eigene Achse, wollte mich befreien. Schwerelos und gleichzeitig unfassbar schwer.

Ein Zischen ertönte, wiederholte sich zu einem endlosen Echo.

Jäh riss ich die Augen auf. Nach und nach wurde die Dunkelheit vertrieben, ersetzt durch schwarze Punkte, die sich durch die babylonische Landschaft zogen. Weite Felder außerhalb der Stadtmauern, ein Sonnenaufgang in blassen Farben. Die aufragende Stadt und der riesige Turm zu Babel. Der Königspalast.

Das Zischen wurde lauter, während ich über die Stadt schwebte.

Ich blickte über meine Schulter. Eine riesige Himmelsschlange in glitzernden Regenbogenfarben verfolgte mich. Sie riss ihr Maul weit auf, spitze Zähne blitzten in den ersten Sonnenstrahlen des Tages.

Mein Herz setzte aus.

Panisch kämpfte ich mich nach vorne. Nach unten. In die Arme meiner Familie. Mein Zuhause. Wo war es?

Ich erkannte seine Silhouette, doch es war nicht Babylon, das ich betrat, sondern New Orleans. Ich stand vor meinem Haus in der Dauphine Street und blickte in meinen Vorgarten. Wüst und überwuchert. Verschiedene Stühle unter dem Dach aus Weintraubenranken und wartende Patienten mit Flüchen aller Art. Einer von ihnen erhob sich aus der Masse, die augenblicklich in den Hintergrund rückte.

Val.

Valens Hill.

Nein. Valens Mariquise. Der Bruder der Königin, die ich mir geschworen hatte zu vernichten. Aus Rache für den Tod meiner Schwester und den unzähliger anderer. Aus Vergeltung für meine Verbannung aus Babylon, meiner Heimat, weil ich mich getraut hatte, die Wahrheit zu sagen und sie öffentlich zu beschuldigen.

Ich näherte mich ihm langsam. Er öffnete seine Arme für mich, der Schirm der Baseballcap warf einen Schatten auf sein braunes Gesicht, und mir wurde der Blick in seine blauen Augen verwehrt.

Mein Herz klopfte schneller. Ich streckte ihm meine Arme entgegen, als er mich an den Schultern packte und herumwirbelte.

Er hielt mich fest – der weißen Schlange entgegen. Sie stürzte auf mich nieder. Ein riesiges Monster.

Vals Atem kitzelte an meiner Wange. Er beugte sich herunter.

„Du hast mich zuerst verraten“, hauchte er an mein Ohr und schubste mich auf das geöffnete Maul der Schlange zu.

Schreiend hielt ich die Hände vors Gesicht. Die Magie vergessend. Meine Runen nicht nutzend. Das Zischen wurde lauter.

Ich erwartete den Tod.

Stattdessen erwachte ich aus diesem furchtbaren Albtraum.

Wie in Zeitlupe drehte ich mich auf den Rücken, spuckte Wasser vermischt mit Sand. Meine Muskeln schmerzten, schrien nach Entspannung.

Der Vollmond glitzerte hell am Firmament und tauchte den See der Sterne in weißes Licht. Ich hatte mich unbewusst an Land gekämpft, atemlos und als … neue Herrin der Wicked.

Meine Tattoos leuchteten weiterhin golden. Die Runen an meinen Händen, Armen und fast an meinem gesamten Körper, eine Erinnerung an alte Zeiten. Meine Vergangenheit, in der ich bloß eine Hexia gewesen war. Kaum dazu in der Lage, einen ordentlichen Zauber zu wirken, ohne meine Runen als Stütze zu verwenden.

Vorsichtig setzte ich mich auf. Die Kleider klebten nass und sandig an meiner Haut. Das schwarze Haar hing mir strähnig ins Gesicht. Ein paar Perlen hatte ich verloren, doch einige Fäden blieben hineingeflochten.

Ich machte Anstalten, mich hinzustellen, als dort, wo nur wenige Sekunden zuvor meine Hand im Sand gelegen hatte, ein greller Blitz einschlug.

Aufschreiend rollte ich mich zur Seite. Ich sah mich suchend um. Im Schein des Vollmonds eilte ein halbes Dutzend Hexenkommissare über den Hügel auf mich zu und ich hörte das Gebrüll eines Berserkers. Dieser kam aus der entgegengesetzten Richtung. Nur wenige Schritte hinter ihm ein Hexeninspektor, den ich an seiner weißblauen Uniform erkannte. Ich wusste aus meiner Erinnerung, dass an der linken Brust eine silberne Sichel steckte. Auch wenn ich sie aus der Entfernung nicht ausmachen konnte.

Der Hexeninspektor war es, der das beängstigende Schattengeschöpf kontrollierte.

Der Berserker rannte mit seinen hundertfünfzig Kilogramm Masse über den Sand auf mich zu. Sein Brüllen erschütterte die friedvolle Stille dieses magischen Ortes. Die grünliche Haut schimmerte und wies dunkle Flecken auf, als hätte jemand versucht, ihn mit Flüchen zu verwunden, und lediglich Blutergüsse hinterlassen. Ähnlich wie Trolle waren sie, wenn sie sich im Rausch befanden, immun gegen jegliche Zauber.

Seine Fäuste massig und riesengroß, in einer von ihnen schwang er eine mit Nägeln behaftete Keule in meine Richtung. Ich duckte mich unter dem Schlag hindurch.

Angstvoll.

Was war geschehen? Warum wurde Jagd auf mich gemacht?

Ich wirbelte herum und hob die Arme. Instinktiv rief ich nach meiner Runenmagie, die ich als Hexia gegen meine Angreifer einsetzen konnte. Doch sie gehorchte mir nicht.

Natürlich! Ich war die Herrin der Wicked. Deshalb sollte ich mich auch ihrer Macht bedienen.

Die Hexenkommissare, die sich mit ihrer dunkelblauen Uniform kaum von den Schatten abhoben, hatten mich fast erreicht. Die eine Hälfte umstellte mich, um vermutlich einen Bannkreis zu ziehen. Die andere kreierte Speere aus mehreren geballten Blitzen, mit denen sie mich bewarf. Gleichzeitig versuchte ich, den Schlägen des Berserkers auszuweichen. Der Hexeninspektor trug ein süffisantes Lächeln zur Schau. Als würde er wissen, dass meine Gefangennahme oder mein Tod nur noch eine Frage der Zeit wäre.

Der Berserker stieß ein weiteres Grollen aus und eine Salve grünen Speichels flog auf mich zu. Ich unterdrückte ein Schaudern.

„Wicked?“, zischte ich, als ich in mir selbst weder das Leuchten noch das Echo ihrer Macht vorfand. Nur eine unüberwindbare Barriere.

Angst verknotete meinen Magen.

Ich saß in der Falle.

Vom Berserker zum See gedrängt, flog ein Blitz auf mich zu, verbrannte meinen Unterarm, ehe ich mich zurückfallen lassen konnte.

Ich kam hart auf dem Boden auf, teilweise im Wasser, das um mich herum aufspritzte. Meine Haut wurde von spitzen Steinen aufgerissen. Schmerz lenkte mich ab.

„Vorsicht! Wir wollen sie nicht töten“, mahnte der Inspektor. „Noch nicht“, fügte er mit einem selbstzufriedenen Grinsen hinzu, als er meinen Blick auffing.

Der Berserker holte erneut mit seiner Keule aus. Dieses Mal traf er mich an der Schulter und ich rollte über den Sand direkt zu Füßen eines Kommissars. Er hielt die Spitze seines blitzenden Schwertes an meine Kehle. Meine Nackenhaare stellten sich auf. Das Knistern war unendlich laut. Erfüllte all mein Sein.

Ich roch verbranntes Fleisch. Meine Atmung ging stoßweise und meine Brust hob und senkte sich schwer. Heißes Blut rann meinen Hals hinab.

Jemand anderes zog mich an der verwundeten Schulter hoch. Ein Sack wurde über meinen Kopf gestülpt, gleichzeitig riss man meine Arme zurück und fesselte meine Hände. Zwei Finger berührten meine Haut. Ein magischer Impuls und ich verlor mein Bewusstsein.

Sank erneut in diese tiefe, willkommene und gleichzeitig unwillkommene Dunkelheit.

Doch dieses Mal erwartete mich nicht Val in meinem Traum, sondern ein hohes, breites Tor, das von der anderen Seite angeleuchtet wurde. Gusseiserne schwarze Stangen und goldene Spitzen. Gedämpfte Farben und graue Pinselstriche auf einem Gemälde einer anderen Welt.

Ein Flüstern erhob sich, ohne dass ich einzelne Wörter herausfiltern konnte. Hohn. Spott.

Ich streckte eine Hand nach dem Friedhofstor aus. Ich wusste, wer dahinter auf mich wartete.

Sobald meine Finger das kalte Eisen berührten, verlor ich mich selbst. Meine Gedanken rissen entzwei.

 

Ich erwachte mit klirrenden Ketten an Händen und Füßen. Der Sack war mir vom Kopf gerissen worden, doch er hatte seine Aufgabe erledigt. Ich konnte nicht sagen, wohin ich gebracht worden war.

Lange, feuchte Flure.

Meine nackten Sohlen berührten den kalten Stein. Links und rechts von mir je ein Kommissar, die mich an meinen Schulter hielten und hinter sich herzerrten.

Ich fühlte mich halt- und machtlos.

Erst zweimal zuvor war dies vorgekommen. Das erste Mal, als sich meine Schwester Rienne für mich geopfert hatte und von einem Chupacabra getötet worden war.

Das zweite Mal, als ich von einem Kunden fast zu Tode geprügelt worden war. Damals hatte ich noch für die Meerjungfrau Seda in ihrem Bordell gearbeitet. Wenn mein bester Freund Tieno nicht rechtzeitig gekommen wäre und meinen Peiniger getötet hätte, wäre ich selbst gestorben.

Nicht eine Sekunde hatte ich gezögert und die Schuld auf mich genommen. Als Schattengeschöpf hätte es für Tieno nämlich die unmittelbare Hinrichtung bedeutet.

Das hätte ich unter keinen Umständen zulassen können.

Stattdessen war ich bestraft worden. Der Bruder meines Kunden forderte mich dem „Grauen Buch der Hexen“ zufolge zu einem Blutracheduell heraus. Dieses sollte jedoch erst drei Jahre und drei Monate nach der Tat stattfinden.

Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass ich vielleicht deshalb angegriffen worden war.

Oder hatte mich jemand dabei beobachtet, wie ich eine der dreizehn Hexen getötet hatte, um ihre Herzen für mein Ritual zu nutzen?

Das wäre mein Todesurteil. Mehr noch als das Duell, das ich nur mit der Macht der Wicked gewinnen könnte.

Doch obwohl ich das Ritual vollzogen hatte, spürte ich mich weiter entfernt von den Seelen der Wicked als währenddessen. Nach der ersten Phase hatte ich bereits unglaubliche Magie anwenden können. Es war nichts davon übrig geblieben.

Hatte ich mich geirrt, nachdem ich im See der Sterne ertrunken und wiederauferstanden war? Waren es nicht die machtvollen Seelen der verdorbensten Hexen gewesen, die ich gespürt hatte?

Enttäuschung breitete sich in mir aus.

„Wo bringt ihr mich hin?“, fragte ich, mich vorübergehend meinem Schicksal ergebend.

Es gab keine Fenster. Keine Kunst an den Wänden oder andere Hexen, die mir einen Hinweis auf meinen Aufenthaltsort geben könnten.

Oder das war bereits ein Hinweis an sich.

Keine Fenster? Im Untergrund.

Keine anderen Leute? Entweder ein geheimer Ort oder … weggesperrt.

Ich wollte den Gedanken nicht weiterspinnen, als wir um die nächste Ecke bogen und uns vor einer riesigen Flügeltür mit goldenen und roten Verzierungen wiederfanden. Meine beiden Begleiter hielten an. Ihre Griffe um meine Oberarme verstärkten sich. Schmerzten so sehr, dass ich die Zähne zusammenbeißen musste, um nicht laut zu keuchen.

Keine Schwäche zeigen.

„Könntet ihr mir wenigstens sagen, warum ich hier bin?“, fragte ich, obwohl ich nicht mit einer Antwort rechnete.

Das Schweigen zerrte an meinen Nerven. Ich verabscheute nichts mehr, als nicht die Kontrolle über meine eigene Lage zu haben. Das war ein weiterer Grund dafür, warum ich das schwarzmagische Ritual vollzogen hatte.

Ich wollte endlich stark genug sein, mein eigenes Schicksal zu bestimmen.

Der zweite Grund war, Königin Ciahra zu töten.

Und der dritte, der am schwersten wog und mir die nötige Kraft gegeben hatte, war, meine Schwester Rienne aus der Anderwelt zurückzuholen. Sie wiederauferstehen zu lassen.

Das hatte ich ihr versprochen.

Plötzlich wurden die Flügeltüren nach innen geöffnet, ohne dass jemand einen Finger rührte. Dahinter mussten sich Hexen befinden.

Ich wurde nach vorne gerissen und betrat einen ovalen Gerichtssaal, den ich schon einmal zuvor gesehen hatte – als Camin mich zum Blutracheduell herausgefordert hatte.

In der Mitte des Saals mit dem schwarz-weißen Marmorboden drückten mich die Hexenkommissare mit den Händen auf meinen Schultern nach unten. Widerwillig ging ich in die Knie, ließ mir jedoch nicht die Freiheit rauben, mich umzusehen.

Neben den in dunkelblauen Roben gekleidete Richterhexen und -hexern waren auch Rojas Hexe und Camin anwesend. Letzterer bestätigte meine erste Vermutung, warum man mich aufgegriffen und hergebracht hatte.

Rojas Hexe warf ein Fragezeichen auf. Roja, eine Zirkeloberste, war von dem Dunklen als letztes Opfer benutzt worden. Ihre Zirkelhexe hatte mich angefleht, ihr bei der Aufklärung des Mordes zu helfen, doch ich hatte abgelehnt. Nicht sonderlich freundlich. Warum war sie hier? Und was hatte ihr süffisantes Lächeln zu bedeuten?

Ich ließ meinen Blick weiter über die Reihen gleiten. Einige bekannte Gesichter, Kunden aus meiner Zeit im Seaheart und aus meinem Geschäft als Fluchbrecherin. Neugier stand auf ihren Gesichtern geschrieben. Ein Ghul saß nur wenige Meter von mir entfernt vor seinem Stenografen. Er war nicht hinter einem Schleier versteckt, zeigte seine spitzen Zähne und scharfen Krallen, mit denen er die Maschine zum Dokumentieren des Prozesses hervorragend betätigen konnte.

Ich spürte Camins gierigen Blick wie stechende Nadeln in meinem Nacken. Alles in mir sträubte sich dagegen, ihn anzusehen. Stattdessen wollte ich mir lieber vorstellen, wie ich meine Hände um seinen massigen Hals legte und zudrückte; ihn würgte, bis seine Augäpfel platzten und er nur noch um Gnade wimmern könnte.

„Sind Sie die Hexia Darcia Bonnet?“, fragte mich Richterhexer Gordon. Er war kein Kunde von früher, doch ich hatte ihn zusammen mit Val belauscht, als er von Ghulen bestochen worden war, einen Durchsuchungsbefehl für das Devil’s Jaw zu genehmigen. Sein grauschwarzer Spitzbart und die kleinen Augen in dem aufgedunsenen Gesicht ließen ihn argwöhnisch aussehen. In ständigem Misstrauen gegenüber seinen Mithexen.

Ich reckte das Kinn und blickte zu ihm auf. Es gab keinen anderen Ausweg. Ich konnte einzig der Situation mit erhobenem Haupt begegnen.

Die Handschellen unterdrückten meine normale Magie und die Macht der Wicked konnte ich aus mir unbekannten Gründen nicht nutzen. Es war unabdinglich, dass ich mich nicht von meiner Panik beherrschen ließ. Ich hatte immer noch einen klugen Kopf auf den Schultern.

„Die bin ich.“

Richterhexer Gordon schlug betont langsam eine dünne Akte zu und erwiderte ein paar Blicke seiner Amtskollegen. Ich bemerkte Verwirrung und Empörung.

„Es ist kurios, dass sie nicht in unserer Datenbank für registrierte Hexia und Waiżen auftauchen. Finden Sie nicht auch?“

„Ganz und gar nicht“, entgegnete ich. „Schließlich habe ich mich nie registrieren lassen.“

„So?“ Richterhexer Gordon legte seine Fingerspitzen aneinander und betrachtete mich einen Moment eingehend. „Und wie kommt es, dass dieser Fehler nicht vor drei Jahren revidiert wurde, als sie das letzte Mal vorgeladen waren?“

Ich zuckte mit den Schultern, um es sogleich zu bereuen. Niemand hatte sich bisher um meine Wunden gekümmert. Bis zu diesem Zeitpunkt war es mir gelungen, den Schmerz zu ignorieren, doch jetzt kehrte er mit aller Macht zurück.

„Warum fragen Sie mich über die Schludrigkeit Ihrer Leute aus?“ Ich würde ihm ganz sicher nicht verraten, dass ich damals einen Mitarbeiter in der Registrierung bestochen hatte. Auf seiner Mutter hatte ein außerordentlich starker Fluch für diesweltliche Verhältnisse gelegen und ich hatte diesen kostenlos gebrochen.

Gordon errötete leicht. Vielleicht lag das auch an den dämmrigen Lichtverhältnissen. Glücklich wirkte er allerdings nicht.

„Nun, wie auch immer, das werden interne Untersuchungen aufklären.“

„Schön, kann ich jetzt gehen?“ Ich fand einen Teil meiner Unverfrorenheit zurück, da ich mir mittlerweile ziemlich sicher war, wegen Camin und nicht wegen der Morde hier zu sein. Andernfalls wäre er wohl kaum anwesend gewesen.

„Hexia Bonnet“, sagte Gordon, meine Frage übergehend, „Sie werden beschuldigt, versucht zu haben, vor dem bevorstehenden Blutracheduell zu fliehen. Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?“

Ich öffnete den Mund und schloss ihn wieder. „Ich wollte fliehen?“

„Ist das ein Geständnis?“

„Was? Nein!“ Der Vorwurf kam so unerwartet, dass ich einen Augenblick brauchte, um mich zu sammeln. „Ich hatte nicht vor, mich vor dem Duell zu drücken.“ Im Gegenteil. Ich hatte vorgehabt, Camin mit der Macht der Wicked zu erdrücken.

„Der Inspektor und die Kommissare fanden sie außerhalb der Stadtgrenzen.“

„Sie ergriffen mich dort, ja“, stimmte ich zu. Machte ohnehin keinen Sinn, die Tatsache zu bestreiten. „Aber seit wann ist es verboten, einen Ausflug zu unternehmen?“

„Im Normalfall nicht, doch bei einem bevorstehenden Blutracheduell muss jede Reise vorher beim zuständigen Amt angemeldet und genehmigt werden, um Missverständnissen vorzubeugen.“

„Missverständnisse wie dieses hier“, versuchte ich den Richterhexer auf ein Urteil festzunageln.

Natürlich war er klüger und schüttelte den Kopf.

„Cassie Halmstrom sagte aus, dass Sie ihr mitgeteilt hatten, was Sie vorhatten. Eine Flucht vor dem Duell.“

Ich hob beide Augenbrauen und blickte Rojas Hexe an. „Hat sie das?“

Cassie, Rojas Zirkelhexe, lächelte grimmig. Das war ihre Rache dafür, dass ich ihr meine Hilfe verweigert hatte. Es ging nicht darum, dass sie so sehr auf mich angewiesen wäre, sondern dass ich es gewagt hatte, die Bitte einer Hexe abzuschlagen. Wie unverschämt von mir.

„Sie haben immer noch nichts zu Ihrer Verteidigung gesagt, Hexia Bonnet“, erinnerte mich eine Richterhexe mit gelockten grauen Haaren und eisblauen Augen.

Augen, die mich an Val erinnerten.

Denk nicht an ihn und seine Lügen.

„Was für Beweise wollen Sie sehen? Ich hatte nicht vor zu fliehen, aber ich habe die Stadtgrenze verlassen.“ Ich machte mir nicht die Mühe zu betteln. Sie hatten sich ihre Meinung ohnehin schon gebildet.

Camin grinste breit.

Er wusste das genauso gut wie ich.

Die Richterhexen und -hexer flüsterten miteinander, ehe Gordon einmal nachdrücklich nickte und sich aufrichtete.

„Die Urteilsverkündung wird vertagt. Wenn Sie einen rechtlichen Beistand wünschen, stellen Sie zeitnah einen Antrag, und das Verhör wird neu aufgerollt. Ist dies bis zum Dienstschluss des Tages nicht geschehen, wird unser Urteil auf Ihrer heutigen Aussage und denen der Zeugen beruhen. Bis dahin befinden Sie sich in Untersuchungshaft.“

Ein Gong ertönte. Allesamt erhoben sich und verließen den Saal durch drei verschiedene Türen im oberen Bereich. Camin zwinkerte mir zu.

Dann waren nur noch ich und die zwei Hexenkommissare anwesend, die mich erneut an den Oberarmen packten und auf die Beine zogen.

Untersuchungshaft? Ich?

Verfluchte Voodoohexenpisse!

Ich hatte so viel vor! Meine Schwester aus dem Reich der Toten holen zum Beispiel. Außerdem – obwohl ich wütend auf Val war – wollte ich sichergehen, dass er noch lebte. Adnan und Seda hatten sich zwar nach Babylon begeben, um nach dem Rechten zu sehen, doch ich vertraute meinen Fähigkeiten mehr als denen anderer.

Zumindest war dies bisher der Fall gewesen. Aber jetzt besaß ich weder meine Runenmagie noch die der Wicked.

Was hatte ich bloß getan?

Auf dem Weg durch die düsteren Gänge vernahm ich leises, mehrstimmiges Gelächter, das zunehmend lauter wurde. Gehässiger. Bösartiger.

Das Lachen der Wicked über mein Versagen.

Ich ballte die Hände zu Fäusten.

Noch hatte ich nicht aufgegeben.



II VALENS


Im besten Fall würde mich meine Schwester für immer einsperren. Im schlechtesten würde sie sich ihren Beratern beugen und mich hinrichten lassen. Ich war eine Gefahr für die Gesellschaft der Hexen und Hexer.

Deshalb hatte ich ihren Versuch, mich zu finden, unbedingt vereiteln wollen. Ciahra war vielleicht nicht die fürsorglichste Schwester, die man sich vorstellen konnte, doch ich glaubte nicht, dass sie Spaß daran hätte, mich für einen Fluch zu bestrafen, für den ich nichts konnte.

Ich wollte mich gegen meine Entführer wehren, doch sie hatten mich mit einem Bannzauber belegt, der meine vorübergehende Kooperation sicherstellte. Außerdem war ich mit Ketten an Händen und Füßen gefesselt, auf denen Runen eingeritzt worden waren. Sie verhinderten, dass ich meine Magie heraufbeschwor.

Während ich einen Fuß vor den anderen setzte, ließ ich mir meine Schmerzen nicht anmerken. Der Berserker hatte mich förmlich zu Brei geschlagen. Meine Nase, ein paar meiner Rippen und vermutlich ein Wangenknochen waren gebrochen. Mein eines Auge war zugeschwollen, ins andere troff Blut aus der Kopfwunde.

Bis zum Tor, das sich auf der Südseite der Sichelstadt befand, bewegten wir uns in einem schwarzen SUV fort. Niemand sagte ein Wort und keiner sah in meine Richtung – und wenn doch, dann bloß, um meine Fesseln zu überprüfen.

Ich ließ all das über mich ergehen, weil es sowieso keine Optionen für mich gab, bis ich meiner Schwester gegenüberstand. Vielleicht ließ sie ja mit sich reden. Ich könnte ihr versprechen, nie wieder zurückzukehren und in New Orleans zu bleiben.

Mit Darcia an meiner Seite erschien mir die Vorstellung gar nicht mehr so trist wie noch vor wenigen Monaten. Sie würde mich herausfordern, mit mir lachen und mich auf den Boden der Tatsachen zurückholen, wenn ich versuchte, meinen Gefühlen zu entkommen.

Ich machte mir Sorgen um sie. Was dachte sie von mir? Suchte sie mich? Schließlich hatte ich unsere Verabredung nicht einhalten können, war nicht zum Treffpunkt vor dem Haus der Waiża erschienen. Höchstwahrscheinlich die Waiża, die mich verflucht hatte.

Und Adnan? Hatte er fliehen können? Was passierte nun mit seinem Etablissement, dem Devil’s Jaw? Er hatte so viel für mich aufs Spiel gesetzt. Mir immer und immer wieder geholfen. Ich würde es mir nicht verzeihen, wenn er meinetwegen seine Lebensgrundlage verlor. Denn dass die Durchsuchung der Spielhölle nur ein Vorwand gewesen war, um mich zu bekommen, stand fest.

Die Frage, die blieb und die an mir nagte, war jedoch, warum hatte Ciahra Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um mich endlich zu ergreifen? Warum ließ sie mich nicht einfach im Exil dahinsiechen?

Es gab ein fehlendes Puzzlestück. Aber ich wusste nicht, ob ich es wirklich finden wollte. Eine dunkle Vorahnung braute sich wie ein Gewitter am Horizont meines Verstandes zusammen …

Ich konnte sie jedoch nicht greifen.

Ein Hexer überprüfte den Knebel, bevor wir aus dem Auto stiegen und uns zum magischen Tor begaben.

Es schimmerte im Licht der Mittagssonne. Ein steinerner Bogen zwischen zwei beeindruckenden Villen. Menschen nahmen die knisternde Magie nicht wahr, sahen auch nicht das silbrige Schimmern. Ein Meer aus geschmolzenen Sternen.

Mein Herz zog sich zusammen.

In den seltenen Momenten, da ich mir vorgestellt hatte, nach Hause zurückzukehren, war dies nur möglich gewesen, wenn es mir gelungen war, den Fluch zu brechen. Dem fliegenden Biest in mir zu entkommen.

Alles, was ich in meiner Zeit in New Orleans geschafft hatte, war, eine Hexe ausfindig zu machen, die mir mit einem Beutel um meinem Hals geholfen hatte, mich nicht im Schlaf zu wandeln. Abgesehen davon war ich noch ganz genauso wie vor drei Jahren.

Ein Versager.

Ein verfluchter Prinz.

Ich konnte das Biest unter meiner Haut spüren. Es war hellwach, beäugte die Situation mit Misstrauen und unterschwelliger Furcht. Es wartete auf eine Gelegenheit auszubrechen und Blut zu vergießen. Hexer zu zerfleischen und sich an ihnen zu laben.

Ein eiskalter Schauer rann mir den Rücken hinab.

Auch wenn ich meinen Entführern die unfaire Behandlung übel nahm, ich wünschte ihnen nicht den Tod. Schließlich gehorchten sie nur den Befehlen ihrer Königin. So wie es sein sollte.

Wir waren insgesamt zu fünft, als uns der Durchgang von zwei wachhabenden Offizieren gewährt wurde. Ich schloss das gesunde Auge, als ich den ersten Schritt durch das Portal machte.

Aus Erfahrung wusste ich, dass sich einem schnell der Magen umdrehte, wenn man die Augen offen hielt. Ich wollte mich nicht der Peinlichkeit aussetzen, mich in meinen eigenen Mund zu übergeben, weil ich noch geknebelt war.

Zuerst fühlte man Schwerelosigkeit. Man ging weiter voran, doch es gab keinen Boden. Der Magen sackte zusammen, drehte sich. Ich presste die Lider fester zusammen. Meine Ketten klirrten. Ein Stöhnen von einem meiner Begleiter.

Heftige Böen rissen an meiner zerfetzten Kleidung, schmerzten an meinen offenen Wunden. In der nächsten Sekunde mischte sich das Rauschen von einem rauen Wind zum Stöhnen der Männer, ehe er abrupt abnahm. Sofort im Anschluss an die unheimliche Stille wurden wir auf der anderen Seite wieder ausgespuckt.

Babylon.

Meine Heimat.

Während sich die Hexen und Hexer um mich herum sammelten, blickte ich mich auf der Brücke, an deren Ende sich das Tor befand, um. Ich konnte über den nord-westlichen Teil der Schattenstadt blicken.

Nichts und alles hatte sich verändert.

Der blaue Himmel wirkte intensiver, die Reetdächer düsterer und die Straßen enger und verwinkelter. Mehr Dattelpalmen in den Gassen, als ich in Erinnerung gehabt hatte, weniger Menschen.

Stimmen wurden laut und rissen mich aus meiner ehrfurchtsvollen Beobachtung. Ich konnte kaum fassen, wieder zu Hause zu sein.

„Du hast nichts gesehen. Kümmere dich um deine Arbeit“, zischte der Begleiter links von mir in Richtung eines Wachmannes.

Jemand anderes stülpte mir einen Kartoffelsack über den Kopf. Er müffelte und die raue Struktur kratzte unangenehm über meine Kopfwunde. Ein neuer Strom Blut floss seitlich an meinem Gesicht herab. Ich wurde grob an den Ketten nach vorne gezogen.

Ich ahnte, wohin man mich brachte, und hasste es bereits. Der Turm zu Babel war mir schon immer ein Dorn im Auge gewesen. Obwohl ich ihn nicht sehen konnte, erinnerte ich mich zu gut an seine monströse Struktur.

Dieser kunstvolle hohe Stufentempel, der Gelehrte und mächtige Hexer gleichermaßen beherbergte, warf seinen Schatten auf den Königspalast und die Stadt Babylon, als wäre er der Herrscher und wir seine getreuen Untertanen. Aus von der Sonne getrockneten Lehmziegeln erbaut, ermahnte er in seiner Düsternis jeden dazu, der zu ihm hinaufschaute, gewissenhaft seiner Arbeit nachzugehen und die Gesetze weder infrage zu stellen noch zu brechen. Und die Spitze – bestehend aus blau glasierten Ziegeln – erstrahlte als einziger Hoffnungsschimmer.

Bei jeder Gelegenheit, die sich ergab, hatte ich mich fern der Reichweite der Etemenanki gehalten; sah in die andere Richtung und ignorierte den immerwährenden Schatten des Turmes zu Babel auf meinem Haupt. Was für eine Ironie des Schicksals war es also nun, dass man mich in den Bauch des Turmes verfrachtete und keinesfalls als Freund und Verbündeten, sondern als Feind und Verräter. Denn so hatten mich die Schergen im Flüsterton tituliert, als sie mit dem Zellenwächter eilige Worte austauschten.

Furcht biss sich wie eine Zecke in mir fest.

Wieder der Gedanke, dass mir ein Stück Wahrheit fehlte.

In meiner Zelle wurde mir immerhin der Kartoffelsack abgenommen und ich durfte mich in dem halbrunden Raum frei bewegen. Es gab eine Schießscharte statt ein richtiges Fenster, durch die frische Luft hereindrang. Freiheit … Wenn ich mich nicht im fünfzehnten Stockwerk befunden hätte. Ein Fall aus dieser Höhe bedeutete meinen sicheren Tod. Massive Eisenstäbe und Mauern trennten mich vom Rest der Welt. Hielten mich in diesem Gebäude wie auf einer einsamen Insel gefangen.

Eine Wache saß am anderen Ende des Raumes und kritzelte Worte auf Papier, beachtete mich nicht weiter, als wäre ich nicht der Prinz von Babylon, den man in einer Zelle abgeladen hatte.

Willkommen zu Hause, Val, dachte ich mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus. Ich legte mich auf die harte Pritsche und begutachtete meine Hände, die wie meine Füße weiterhin mit schwerem Eisen aneinandergekettet waren.

Ich versuchte, meine Magie heraufzubeschwören, eine kleine Flamme oder einen stürmischen Luftzug, aber da war nichts. Die Runen auf meinen Fesseln waren zu stark. Natürlich.

Stöhnend erhob ich mich und atmete gegen den Schmerz, der in meinen Gliedmaßen aufflammte.

Als ich beide Füße auf dem kahlen Steinboden platziert hatte, stützte ich meine Ellbogen auf die Knie und vergrub das Gesicht in meinen Händen. Ich wusste nicht, was mich nun anderes erwarten könnte außer ein schmerzhaftes Ende. Warum ich noch unter den Lebenden weilte, wusste ich nicht.

Hatte Ciahra vielleicht einen Weg gefunden, mich zu heilen, und sperrte mich bis dahin sicherheitshalber ein? Falls das Biest in mir ausbrach?

Meine Gedanken wanderten weiter, als ich nichts aus meiner misslichen Lage filtern konnte. Ich hoffte, dass es Darcia gut ging und sie nicht erfuhr, wer ich war und was ich ihr verheimlicht hatte. Sie würde mich hassen. Daran gab es wohl keinen Zweifel. Irgendwie hatte ich es geschafft, dass sie mir ihr Vertrauen schenkte, und gleichzeitig hatte ich ihr bewiesen, dass ich genau der lügende Schurke war, für den sie mich von Anfang an gehalten hatte.

„Verflucht“, murmelte ich und strich mir über den blutigen Mund.

Darcia, echote es erneut in mir und allein der Name entfachte meine Wut über diese Ungerechtigkeit. So nah war ich dem Glück gekommen. Fast wäre mir der Fluch egal gewesen, wenn ich nur mit ihr hätte zusammen sein können. Fast … Niemals würde sie mir verzeihen.

Wahrscheinlich arbeitete sie gerade jetzt an einem besonders grausamen Fluch, weil ich sie hatte warten lassen. Wenn sie nur wüsste …

Schritte ertönten und wenige Sekunden später wurde die Tür von einem Lakaien geöffnet, damit die Königin von Babylon gemeinsam mit ihrem Verlobten Magnus eintreten konnte.

Magnus war ein hochgewachsener Kerl, mit dem ich jahrelang gut befreundet gewesen war. Wir hatten viel Spaß im Kampfring gehabt sowie abends in den Gastlokalen der Stadt. Da er mich nun nicht ansehen konnte und den Blick streng auf den Boden gerichtet hielt, nahm ich an, dass unsere Freundschaft beendet war.

Meine Schwester besaß weder Scham noch falsche Scheu. Sie stolzierte in ihrem schwarzen Spitzenkleid bis zu den Eisenstäben und fixierte mich mit ihren dunklen Augen, als wäre ich ein unliebsames Tier. Ganz kurz fragte ich mich, ob unsere Mutter von meiner Ankunft wusste und ob sie mit alldem einverstanden war.

Die Absätze ihrer Sandalen klackerten laut auf dem kalten Stein, mischten sich mit dem Klirren ihrer goldenen Armreifen.

Ein Blick in ihre Augen verriet mir alles, was ich wissen musste.

Sie hatte nicht vor, mich von meinem Fluch zu heilen.

Sie wollte mir nicht helfen.

Sie hasste mich.

Mich. Ihren kleinen Bruder.

Der scharfe Schmerz, der mich bei dieser Erkenntnis durchzuckte, hätte mich beinahe in die Knie gezwungen. Doch ich hatte in den letzten Jahren gelernt, meine Gefühle für mich zu behalten. Mir nichts anmerken zu lassen.

Ich hatte drei Jahre allein in New Orleans überlebt. Daraus schöpfte ich Hoffnung und Kraft.

„So eine Behandlung lässt du also deinem einzigen Bruder angedeihen?“, durchbrach ich als Erster die Stille, um Ciahra aus ihrer arroganten Reservehaltung zu locken. Ich breitete die Arme aus und ließ die Ketten absichtlich laut klirren. „Ich bin enttäuscht.“

„Val, wie schön, dich zu sehen“, begrüßte sie mich mit klarer Stimme und verschränkte die Hände vor ihrem schlanken Oberkörper. „Wie ist es dir ergangen?“

„Hör auf mit der beschissenen Höflichkeit“, zischte ich unbedacht. Nun war es ihr gelungen, mich zu reizen und nicht andersherum. Ich wandte ihr mein Gesicht so zu, dass sie die scheußlichen Wunden und mein geschwollenes Auge besser sehen konnte, und da, ganz kurz, zuckte sie bei dem Anblick zusammen. „Was willst du?“

Sie schürzte die geschminkten Lippen. „Ich wünschte, du wärst damals zu mir gekommen. Als du von deinem Fluch erfahren hast.“

„Warum?“ Es juckte mich in den Fingern, den geringen Abstand zwischen uns zu überbrücken, mein Gesicht gegen die Gitterstäbe zu pressen und sie zu erschrecken, aber ich tat nichts dergleichen. „Damit du mich noch früher hättest erledigen können?“

„Du kennst mich zu gut.“ Sie stieß ein theatralisches Seufzen aus, verzog anschließend ihren Mund und senkte die Augen. Verlogene Demut. „Unglücklicherweise besaß ich einen redseligen Wachmann und nun weiß die ganze Stadt Bescheid, dass du zurück bist. Ich kann dich also nicht töten lassen. Noch nicht.“

Die Welt erzitterte unter ihrer Wahrheit. Unter den Worten, die ich geahnt und gefürchtet hatte. Seit wann war sie so kalt?

„Ich fühle mich so erleichtert …“ Wir sahen uns einen Herzschlag lang an. „Darf ich zumindest den Grund erfahren, warum du mich so dringend tot sehen willst? Ich weiß, wir hatten nie das beste Verhältnis zueinander, aber ich habe dir nie im Weg gestanden. Bin mit meinem Leben als Stadtwache zufrieden gewesen. Was ist es also?“

Sie hob warnend einen Finger und ihre Stimme zeigte zum ersten Mal einen Teil ihrer Emotionen, als sie leicht zitterte. „Glaub nicht für eine Sekunde, dass ich nicht weiß, was du getan hast, Valens. Du hast dem Mädchen die geheime Information über die Zuchtstelle zugespielt! Du hast schon immer gegen mich gewettert und gearbeitet, auf die eine oder andere Weise. Damit ist jetzt Schluss! Ich werde nicht mehr den Hauch eines Zweifels zulassen, wenn ich mit dir fertig bin, dass ich die rechtmäßige Königin von Babylon bin. Ich werde dich und jeden vernichten, der gegen mich ist und denkt, dich zu unterstützen wäre eine gute Idee.“ Sie drehte sich abrupt auf ihren schwarzen Absätzen um und wandte sich dem demütig dreinschauenden Lakaien zu. „Wasch ihn und gib ihm saubere Kleidung, wir müssen ihn schon bald dem Volk präsentieren. Aber lass die Schellen an. Er ist zu gefährlich.“

Damit stolzierte sie mit Magnus aus meiner Zelle und ließ mich mit meinen dunklen Gedanken allein. Nun hatte ich endlich eine Antwort. Schon lange hätte ich sie erahnen sollen, aber niemals hätte ich geglaubt, dass sie von meinem Verrat erfahren würde.

Ihren Plan konnte ich mir allzu gut vorstellen. Sie würde mich dem Volk präsentieren, die Aufregung und Freude abwarten und wie ein Raubtier im Schatten lauern. Dann, wenn sich niemand mehr für den unscheinbaren jüngeren Bruder interessierte, würde sie verlauten lassen, dass ich an einer unheilbaren Krankheit litt. Einen Monat später wäre ich dann gestorben und die Bürger Babylons dürften mich während einer riesigen Beerdigungszeremonie betrauern. Ende.

Eine Horde aus Lakaien und Wachen riss mich aus meinen Gedanken. Ein Waschzuber wurde hereingetragen. Die Diener zupften bereits an meiner Kleidung, bevor ich sie von mir stieß.

„Ich kann mich allein entkleiden, vielen Dank“, knurrte ich, ignorierte die stoischen Blicke der Wachmänner, die ich zwar nicht kannte, die aber sicherlich von mir gehört hatten. Was sie wohl über mich und meine Situation dachten? Waren sie Ciahra so treu ergeben, dass sie ihr Wort nicht anzweifelten? Was hatte sie ihnen gesagt? Dass ich nicht mehr ganz bei Verstand wäre und deshalb bewacht werden müsste?

Eine Wache löste die Kette zwischen den Schellen an meinen Händen und Füßen, die Macht der Runen blieb dadurch intakt.

Mit müden Gliedern ließ ich mich in die Wanne sinken, die so klein war, dass ich bloß sitzend in ihr Platz nehmen konnte. Ein Diener reichte mir ein hartes Stück Seife. Ein anderer sammelte meine schmutzige Kleidung auf, nachdem er einen Stapel neuer Sachen auf die Pritsche gelegt hatte.

Ich spülte mir gerade mit einem Eimer Wasser die Seife aus dem kurzen Haar, als ich sofort die Stimmungsänderung unter den Männern wahrnahm.

Blinzelnd versuchte ich etwas mit meinem nicht zugeschwollenen Auge zu erkennen.

Ich war mit der Anwesenheit meines ehemals besten Freundes beehrt worden.

„Gerald“, sagte ich vorsichtig, suchte in seinem Gesicht nach Anzeichen des lustigen Gesellen, der er immer gewesen war. Obwohl er die höchste Position neben der Königin bekleidete, war er stets zu Scherzen aufgelegt gewesen und hatte Ruth und mich nicht nur einmal in Schwierigkeiten gebracht. Mein Magen krampfte sich zusammen, als ich nichts mehr davon in seiner Miene fand.

Leere und Dunkelheit, die ich von mir selbst kannte. Sie in ihm gespiegelt zu sehen, versetzte mich in eine ganz andere Verzweiflung, als ich sie bei meiner Schwester empfunden hatte.

Ciahra und ich waren nie beste Freunde gewesen. Doch Gerald war für mich wie die Person gewesen, auf die man sich ein Leben lang verlassen konnte. Der man bedingungslos vertraute.

Auch dieses Mal hatte ich mich getäuscht.

„Lasst uns allein“, befahl er mit leiser Stimme den Bediensteten und Wachen, die augenblicklich gehorchten. Schnell verschlossen sie die Zellentür, bevor sie das Turmzimmer verließen.

Um mein Unwohlsein zu überspielen, stieß ich mit den Schellen gegeneinander.

Drei Jahre lang hatten wir uns nicht gesehen, aber es kam mir vor wie gestern, dass ich mich von ihm verabschiedet hatte, um einem neuen Hinweis nachzugehen.

Da Gerald nichts weiter sagte und ich mich ebenfalls weigerte, in dieser Hinsicht auf ihn zuzugehen, erhob ich mich aus der Wanne und trocknete mich ab.

Gerald stand unbewegt da, während ich mich ankleidete. Man hatte mir eine Uniform ohne Abzeichen bereitgelegt. Hohn und Spott bis ins kleinste Detail von Ciahra initiiert. Eine schwarze Leinenhose, ein helles Hemd und darüber eine robuste Jacke, die seitlich mit einer Reihe Messingknöpfen zugehalten wurde. Dazu ein Paar Schnürstiefel, die wie angegossen passten. Das brachte mich auf den Gedanken, dass diese Sachen möglicherweise meine waren und sie nicht von Ciahra in einem Anfall von Wut während meiner Abwesenheit allesamt vernichtet worden waren.

Ich steckte das Säckchen mit den Kräutern unter meinen Kragen. Ließ mir Zeit.

Als Gerald noch immer nichts sagte, stellte ich mich direkt vor ihn. Nur die Stäbe zwischen uns.

Das Licht der Fackeln schimmerte auf seinem bleichen, markanten Gesicht. Wenn ich mit ihm zusammen gewesen war, hatten die Leute ständig ihn angesehen. Weil er so anders und faszinierend war. Gerald war die Aufmerksamkeit stets unangenehm gewesen, aber er weigerte sich, sich anzupassen. Sein weiß-silbernes Haar zu schneiden oder in einem Zopf statt offen zu tragen. Seine helle Uniform abzulegen, um kein Aufsehen zu erregen.

Nur auf den Lorbeerkranz verzichtete er so wie jetzt.

„Wie ist es dir ergangen?“, fragte ich vorsichtig. Wieder einmal mangelte es mir an Geduld. „Wie geht es Ruth?“

„Du hast jedes Recht verspielt, dich nach ihrem Befinden zu erkundigen“, erwiderte er steif. „Du bist einfach verschwunden und hast sie mit dem Durcheinander zurückgelassen.“

Ich verengte das nicht geschwollene Auge. „Was für ein Durcheinander? Und warum interessiert es dich plötzlich? Du hast dich ständig über sie und ihre Anwesenheit beschwert.“

„Dinge ändern sich.“ Er reckte das Kinn, sodass sein weißes glattes Haar hin und her schwang.

„Ganz offensichtlich.“ Ich machte eine ausschweifende Geste. „Aber so stark? Kannst du einfach danebenstehen, während mich meine Schwester ermorden lässt? Grundlos?“

„Ich bin ein treuer Diener der Krone“, murmelte er wie auswendig gelernt.

Ich umfasste die Gitterstäbe mit den Händen und presste meine Stirn dagegen, um Gerald besser fokussieren zu können. So wie ich es bei Ciahra hatte tun wollen. Jetzt konnte ich mich nicht länger beherrschen.

„Ich gehöre zur beschissenen Krone“, brüllte ich vor Unglauben, dass er mir hier gegenüberstehen konnte, ohne das Geringste zu empfinden.

„Nicht mehr.“ Am liebsten hätte ich ihm einen Kinnhaken verpasst, ihm die Nase gebrochen, damit sein weißes Gewand mit seinem verfluchten Blut beschmutzt werden würde.

„Warum bist du also hier?“ Ich schüttelte fassungslos den Kopf.

Ich wollte ruhig sein. Innerlich brannte ich.

Sein Verhalten ergab keinen Sinn.

„Um mich von dir zu verabschieden. Von unserer Vergangenheit.“

„So melodramatisch“, murmelte ich. Meine Gedanken rasten. Es musste etwas geschehen sein. So wie das Puzzleteil, das mein Verrat an Ciahra gewesen war, so gab es auch hier eine Tatsache, die ich nicht kannte. Die Gerald gegen mich aufgebracht hatte.

„Du solltest dich von dem Gedanken verabschieden, dass uns noch irgendetwas verbindet. Wir befinden uns nun auf unterschiedlichen Seiten“, setzte Gerald nach, wirkte aber eher so, als würde er es sich selbst sagen müssen. Vielleicht war tief in ihm drin doch noch ein Fünkchen von demjenigen übrig, der mir stets den Rücken gestärkt hatte. Obwohl es mir schwerfiel, obwohl es wehtat, weigerte ich mich, aufzugeben.

„Das glaube ich nicht, Gerald“, sagte ich und bemerkte das leichte Stirnkräuseln, wertete es als Triumph. „Du siehst es vielleicht noch nicht, aber du befindest dich im Unrecht und wenn du das erkennst, werde ich auf dich warten.“

„Halt den Mund“, stieß er mit zusammengepressten Zähnen hervor. „Du weißt gar nichts! Du warst nicht hier in den letzten drei Jahren, Val, hast nicht gesehen, wie …“

Ich wartete, aber er setzte seinen Satz nicht fort. „Wie was, Gerald? Was ist geschehen, dass dich so einfach deinen besten Freund verraten lässt?“

„Du würdest es nicht verstehen.“ Er wandte sich ab und verließ den Raum, die Tür hinter sich schließend.

Angst und Verzweiflung vermischten sich mit dem Bedauern darüber, nicht mehr für Gerald tun zu können. Ich wünschte, er hätte mir gesagt, was passiert war. Etwas, das mir zunächst nicht aufgefallen war, aber ganz offensichtlich schien er im Inneren zu leiden. Regelrechte Qualen auszustehen.

Frustriert fuhr ich mir über den kurz geschorenen Kopf. Es gab nichts für mich zu tun. Ich konnte nur abwarten und auf das reagieren, was Ciahra tat.

Mein Magen grummelte. Ich konnte nicht sagen, wann ich meine letzte Mahlzeit zu mir genommen hatte. Und in naher Zukunft würde ich wohl nichts mehr essen, ohne damit rechnen zu müssen, vergiftet zu werden.

Ich ließ mich auf die Pritsche nieder, stützte den Kopf in meine Hände. Das Denken fiel mir schwer. Gelähmt von der eisigen Temperatur.

Irgendwann gab ich der Erschöpfung nach und schlief ein.

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"Ich sollte dich töten. Hier und jetzt", zischte sie. "Dann wäre ich dich los ..."

 

"Davon würde ich dir abraten", erklang Adnans Stimme. ...

 

"Raus!" Darcias Körper erzitterte vor unterdrücktem Zorn, wie ich ihn bei mir meinetwegen noch nicht erlebt hatte. "Sofort."

 

"Nur zu gerne." Ein gepresstes Lächeln erschien auf Adnans Gesicht. "Sobald du mir versprichst, meinem Freund nichts anzutun."

 

Als hätte sie vergessen, dass es mich gab, wandte sie sich mir zu. Schmeichelhaft.

 

"Das geht dich nichts an, Ghul."

 

"Ich kann es mir hier gemütlich machen..."

 

Ihre Kiefer mahlten. Eine Sekunde verging, dann senkte sie endlich die Hand mit dem Messer.

 

"Fein. Ihm wird nichts geschehen."


Aus „Lady of the Wicked“

Black Forest High: Die Fantasy-Internatsreihe der „Plötzlich Banshee“-Autorin

Wenn Träume wahr werden: Oder wenn man sich einfach mal traut: Als ich 2013 in Dana Point, Kalifornien am Strand lag und Mythos Academy las, wusste ich mit einen Mal, dass ich so einen Fantasyroman auch gerne einmal schreiben würde. Eine Academy Reihe, die die Leser so richtig schön mitreisst, bis ins Mark einschlägt mit Donner, Engelschören und allem, was die Fantasie so zu bieten hat. Kurz gesagt, ich fühlte mich inspiriert. Extrem inspiriert. Kurz zuvor hatten mich bereits Percy Jackson sowie Rubinrot extrem beeindruckt und damit war es für mich Zeit, es einmal selbst zu versuchen.

Endlich einen Fantasyroman zu schreiben! Und dieses Wagnis bin ich (eigentlich kann ich immer noch nicht glauben, dass ich es wirklich getan habe) ein paar Monate später tatsächlich eingegangen. Ende 2013 begann ich mit meinem ersten Fantasy Liebesroman. Allerdings rückten dazu zunächst andere Fantasy Bücher in den Vordergrund, weswegen ich erst am Tag nach der Harry Potter Release Party zu „The Cursed Child“ 2016 (ja, ich weiß es noch ganz genau) in Hamburg damit begann, an der Alster drei Tage lang die ersten Seiten von Black Forest High zu Papier zu bringen. Natürlich drängelten sich zunächst erneut andere Romane vor, weswegen ich erst Mitte 2018 den ersten Band der Black Forest High Trilogie fertigstellen konnte. Ich hoffe, ihr steht genauso wie ich auf Academy Reihen bzw. Internatsromane und lasst euch mit mir auf dieses Abenteuer ein. 

Nina MacKay

 

Dämonentage - Romantasy im Bann der Dämonen

Düster, sexy und hochspannend - An den letzten fünf Tagen des Jahres, den Dämonentagen, leben die Menschen in Furcht und Angst. Sobald das letzte Tageslicht versiegt, fallen Dämonen über die Erde her. Die 17-jährige Adriana wird in eine ominöse Villa eingeladen, um dort die Dämonentage zu verbringen. Doch etwas ist anders als sonst. Ein Dämonenclan scheint es ausgerechnet auf Adriana abgesehen zu haben. Und warum behauptet der Halbdämon Cruz, auf sie angewiesen zu sein? Am Ende der ersten Dämonennacht muss Adriana eine Entscheidung treffen, die nicht nur ihr eigenes Schicksal verändern wird.

Nina MacKay im Interview

So ganz allgemein: Talent oder Übung, was macht Deiner Meinung nach eine gute Autorin aus?

Ich denke, es gibt zwei Wege, eine gute (wobei, wie definiert man das?) Autorin zu werden. Mit natürlichem Talent oder durch ganz viel Übung. 

 

Starke Frauenfiguren in der Fantasy sind mittlerweile erfreulicherweise keine Seltenheit mehr. Was zeichnet deine Heldin aus?

Adriana reift erst im Laufe des Buches zu einer starken Figur heran. Aus ihrer Sicht muss sie handeln, um ihre Freunde zu schützen. Selbst um die ganze Menschheit zu retten, die ihrer Mutmaßung nach alle Adriana hassen. Sobald sie ihre wahre Identität herausfinden, zumindest. Trotzdem wächst Adriana in dieser Hinsicht über sich hinaus. Tut sogar etwas ganz Fürchterliches, was ihr eigenes Leben zerstören könnte. Alles für ein höheres Wohl. 

 

Hast du dich von anderen Urban-Fantasy Heldinnen / Autorinnen inspirieren lassen?

Allgemein denke ich lässt sich jeder Autor/Autorin durch Bücher und Filme inspirieren, die er oder sie konsumiert. In gewisser Weise könnte man sagen, habe ich mich durch die Sage der Geburt von den fünf Göttern Isis, Osiris, Horus, Seth und Nephthys inspirieren lassen - für die Titelfindung zumindest. Ihre Mutter schuf extra für ihre Geburt fünf weitere Tage im Jahr, die man auch die Dämonentage nennt. 

 

Was war deine Inspiration hinter Dämonentage?

Ich habe den Anfang und das Ende von Band 1 geträumt, ehrlich gesagt. Dann noch eine Lovestory dazu erfunden und geschaut, wohin mich die Handlung treibt. Ausnahmsweise habe ich nicht allzuviel geplottet bei diesem Buch. Daher konnte es mich aber auch gut unterhalten und selbst überraschen. 

 

Du führst imaginäre Interviews mit deinen Romanfiguren, was würdest du die 17-jährige Adriana fragen?

Adriana frage ich gern, warum sie sich in Bezug auf Cruz so ziert:) Cruz bitte ich gern um Unterhaltung, wenn ich zum Beispiel eine lange Strecke laufen muss.

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Über die Autorin

Nina MacKay, irgendwann in den ausgeflippten 80er-Jahren geboren, arbeitet als Marketingmanagerin (wurde aber auch schon im Wonderwoman-Kostüm im Südwesten Deutschlands gesichtet). Außerhalb ihrer Arbeitszeiten erträumt sie sich eigene Welten und führt imaginäre Interviews mit ihren Romanfiguren. Gerüchten zufolge hat sie früher als Model gearbeitet und einige Misswahlen auf der ganzen Welt gewonnen. Schreiben ist und war allerdings immer ihre größte Leidenschaft.

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