Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*

Romane über Hexen und Zauberer

Zauberer, Hexen und Magier

Magisch, mystisch und bezaubernd: Zauberer, Hexen und Magier jeder Art faszinieren seit jeher.. Unsere Romane entführen in die fabelhaften Welten von Zauberschulen und Hexenzirkel. 

Hexen, Ghule und Naturgeister

Blick ins Buch
Lady of the WickedLady of the Wicked

Das Herz der Hexe

Darcia Bonnet will zur Herrin der Wicked werden, der finstersten Hexenseelen, um mit deren Macht ihre Schwester aus dem Jenseits zurückzuholen. Doch dazu muss sie dreizehn Hexen töten. Während Darcia in den verwinkelten Straßen von New Orleans unerbittlich Jagd auf Hexen macht, kommt ihr Valens Mariquise in die Quere, auf dem ein grausamer Fluch lastet. Darcia könnte seine letzte Hoffnung sein. Die beiden Verdammten schließen einen Pakt – und müssen erkennen, dass ihre Schicksale nun auf Gedeih und Verderb miteinander verknüpft sind ...

I
DARCIA


Das Herz der Hexe pulsierte in meiner Hand.
Ich drückte zu.
Das Gefühl des menschlichen Organs an meiner Haut überwältigte mich. Übelkeit stieg in mir auf.
In dieser Sekunde wäre jedes Zeichen von Schwäche tödlich, deshalb atmete ich tief durch die Nase ein und hielt meinen Blick auf das Gesicht der Hexe gerichtet. Ihr Mund war weit aufgerissen, in ihren Augen spiegelte sich meine dunkle Maske wider, wirkte verzerrt und monsterhaft.
Ich lächelte.
„Du warst zur falschen Zeit am falschen Ort“, sagte ich, obwohl es gelogen war. Ich hatte sie wochenlang verfolgt, war tagsüber in ihre Wohnung geschlichen und hatte mich nachts auf die Lauer gelegt. Am Ende hatte es keinen Aspekt ihres Lebens gegeben, der mir unbekannt gewesen wäre. Kein Geheimnis, das ich nicht aufgedeckt hätte. Keinen Atemzug, der mir entgangen wäre.
Wochen vorher war mir die Hexe zufällig aufgefallen, als ich aus einem Café getreten war. Ein Blick über meinen Kaffeebecher hinweg in ihre glasigen Augen hatte ausgereicht. Er hatte mir gezeigt, dass sie Magie ausübte. Nachdem ich mich umgesehen hatte, bemerkte ich ein Pärchen, das sich lautstark stritt. Ein Lächeln zierte die dunklen Lippen der Hexe, als sich das Paar gegenseitig wüste Beschimpfungen an den Kopf warf, um dann getrennte Wege zu gehen. Die Hexe war eine Unruhestifterin, die sich in das Leben ahnungsloser Menschen einmischte.
Ich folgte ihr aus dem French Quarter von New Orleans hinaus in die Esplanade Avenue und meine Befürchtung bestätigte sich. Die Hexe gehörte einem der Zirkel an, der sich ausschließlich dunkler Magie bediente. Für sie bedeutete dies grenzenlose Macht – und für mich?
Für mich war sie damit zu meinem nächsten Opfer geworden.
Das Blut wärmte meine Hand.
Mit einem Ruck zog ich das Herz aus der Brust der Hexe. Ein letzter Schlag. Im nächsten Augenblick kippte der leblose Körper zur Seite und ich blickte in das gähnende Maul der mit Hyazinthen bewachsenen Gasse.
Ein weiteres Herz. Ein weiterer Schritt hin zu meinem Ziel.
Das schrille Lachen einer Frau riss mich aus meinen Gedanken und ich erkannte mit Schrecken, dass ich eingenickt war.
Stirnrunzelnd rief ich mir meine Situation in Erinnerung. Ich hockte zwischen einem dunkelblauen SUV und einer Rotzeder eingequetscht, um die dreizehnte und somit letzte Hexe, die ich für meinen Plan benötigte, zu beobachten. Unglückseligerweise war sie vor einer ganzen Weile in ihrem weiß getünchten Haus mit der heruntergekommenen Veranda verschwunden und ich hatte den Kampf gegen meine Müdigkeit verloren. Mit offenen Augen war ich in die Vergangenheit gesunken.
Als ich mich halb aufrichtete, um meine eingeschlafenen Glieder zu schütteln und zu strecken, hörte ich das Lachen erneut und ging sofort wieder in Deckung. Die Hexe, Jemma, war aus ihrem Haus getreten. Mit der einen Hand schloss sie die blaue Eingangstür ab, mit der anderen hielt sie sich ihr Telefon ans Ohr. Ihr Lachen erklang ein weiteres Mal, bevor mich die Gesprächsfetzen, die zu mir herüberwehten, darüber aufklärten, dass sich die Unterhaltung dem Ende zuneigte. Sie wünschte der anderen Person einen schönen Abend und legte auf.
Es kribbelte in meinen Fingern.
Ich folgte Jemma die hell erleuchtete Straße entlang, taumelte von Schatten zu Schatten, da sich meine Knie noch wacklig anfühlten, und suchte fieberhaft nach einem Grund, die Sache nicht jetzt schon zu beenden. Natürlich, ich hatte bei Weitem nicht so viel Zeit darauf verwendet, Jemma zu beobachten, wie bei den zwölf Hexen vor ihr, aber ich kannte mittlerweile ihren Alltag, wusste um ihre schwarze Magie und ahnte, dass sie abgesehen von ihren Zirkelhexen über keinerlei soziale Kontakte verfügte. Es könnte heute geschehen.
Ich könnte die erste Phase des Rituals mit ihrem Herzen abschließen.
Noch eine Nacht.
Mein Herz klopfte heftig, als Jemma in eine dunkle Straße einbog, die auf der einen Seite an fensterlose Hauswände grenzte und auf der anderen an das Ufer des Mississippis. Jemma fühlte sich sicher. Als zweiundvierzigjährige, mäßig talentierte Hexe zu sicher. Sie hatte ihr mausbraunes Haar mit einer rosa Schleife zurückgebunden, der einzige Farbtupfer, den sie sich erlaubte. Graue Stoffhose, grauer Mantel, graue Schuhe bildeten den Rest ihres Outfits. Nichts Auffälliges. Nichts, das sie als böswillige Hexe gebrandmarkt hätte. Trotzdem wusste ich, dass sich auf ihrer Haut mehrere Tattoos verbargen. Zirkelhexen neigten dazu, sich gegenseitig zu markieren, um ihre ewig andauernde Zugehörigkeit erkennbar zu machen.
Als ich mich am Anfang der Straße an die Mauer presste, fiel mein Blick auf meine eigenen tätowierten Hände. Ein großer Hirschkopf prangte auf meinem linken Handrücken und jeder einzelne meiner Finger war mit Runen, Symbolen der Elemente und bestimmten Zaubern übersät. Striche, Augen, Pfeile, Punkte und Kreise. Immerhin besaßen sie eine tiefere magische Bedeutung und schützten mich vor den meisten Flüchen, die Hexen und Waiżen, Hexen mit besonderer Affinität für Flüche, gegen mich verwenden würden.
Jemma stand dem Ufer zugewandt und blickte auf das ruhige Gewässer hinaus. Die Mondsichel schien hell auf uns herab, erleuchtete die nebelverhangene Nacht.
Ich ließ mich hinreißen.
Der Ort war noch weit genug von der St Charles Avenue entfernt, wo sich die meisten Hexen aus den Zirkeln herumtrieben, wenn sie nicht einen der achtzig Friedhöfe aufsuchten. Keine Menschenseele befand sich in unserer unmittelbaren Nähe.
Jetzt.
Ich umfasste einen der Flüche, der fein säuberlich verpackt in einem der handtellergroßen Jutebeutel an meinem Gürtel befestigt war. Flüche setzten sich aus mineralischen und pflanzlichen Bestandteilen zusammen, die in langwierigen Prozessen miteinander verbunden wurden. Diesen Fluch löste ich langsam von der Schlaufe. Als Hexia, Halbhexe, war ich nicht sonderlich begabt, was Flüche und Zauber anging. Meine Spezialität war eher das Brechen von ebenjenen Flüchen und das Heilen von körperlichen Beschwerden. Mit genügend Vorbereitungszeit konnte selbst ich jedoch einen Unbeweglichkeitsfluch herstellen. Das Buch einer dreihundert Jahre alten Voodoohexe hatte mir dabei bisher gute Dienste geleistet.
Ich trat einen Schritt vor und begab mich dadurch in Sichtweite der Hexe.
Nicht mehr Jemma.
Keine eigenständige Person.
Ich musste sie einzig und allein als bösartige Zirkelhexe sehen, um das zu tun, was getan werden musste.
Die Erinnerung der letzten zwölf Male holte mich ein. Blut. So viel Blut. Jedes Mal ein gellender Schrei und das Flehen, das es nie über die Lippen schaffte. Die Wärme der Herzen, das hektische Klopfen, als würde ich einen kleinen Vogel in meiner Hand halten. Grenzenlose Macht gefolgt von dem Geruch nasser Erde, freigesetzt durch alte Magie …
„Wer …?“ Als sie meine Bewegung wahrgenommen hatte, drehte sie sich zu mir um. „Darcia? Was machst du hier?“
Überrascht hielt ich inne. Ich hatte nicht damit gerechnet, erkannt zu werden. Ein großer Fehler.
Du hast zu überstürzt gehandelt. Dir war nicht klar, dass sie von dir gehört, dich schon mal gesehen hat.
Es änderte nichts. Ich würde heute, jetzt, handeln müssen, sonst wäre all meine Vorbereitung für die Katz gewesen. Mein Griff um den Beutel wurde fester und ich konnte das Prickeln in seinem Inneren fühlen. Ein so starker Fluch wurde nach einer Weile ungeduldig, flehte darum, endlich freigelassen zu werden. Wie ein Tier, das man eingesperrt hatte.
Ich machte mich bereit, den Fluch auf die Pflastersteine zwischen uns zu werfen und die Sache damit endgültig in Gang zu setzen, als ich laute Schritte vernahm. Auch Jemma wurde von dem Geräusch abgelenkt und ihr Blick fiel auf jemanden, der sich hinter mir näherte.
Eilig steckte ich den sich kläglich windenden Fluch zurück an meinen Gürtel, um in keiner prekären Situation zu landen, in der ich ihn erklären müsste. Sekunden später tauchte Tieno aus der Nebelwand auf. Jeder seiner Schritte ließ den Grund erbeben, obwohl er für einen Waldtroll ziemlich jämmerlich geraten war.
„Tieno? Was machst du hier?“, rief ich entgeistert und das Herz rutschte mir in die Hose. Die Gelegenheit war vertan. Es war kein Hellseher nötig, um die kommenden Minuten vorherzusehen. Jemma hatte mich erkannt und wusste somit auch, dass Tieno mein Waldtroll war, auch wenn er sich unter dem Schleier eines grobschlächtigen, riesigen Mannes verbarg. Seine wahre Gestalt offenbarte er nur in geschlossenen Räumen und unter seinesgleichen. Gleich blieben jedoch seine schwarzen glatten Haare, die breiten Schultern und das zerfurchte Gesicht mit der platten Nase, die ihn aussehen ließ, als hätte er einen heftigen Schlag abbekommen. Seine langen Beine steckten in einer dunklen Hose, unter deren Saum Wildlederschuhe hervorlugten, die ich ihm alle drei Monate neu kaufen musste, weil er die Sohlen so schnell durchlief.
Der sanfte Riese würde nicht zulassen, dass ich in seinem Beisein eine Hexe schlachtete, und diese Hexe würde sich auf den Weg zu ihrem Zirkel machen, um ihren Schwestern von der seltsamen Begegnung mit der Fluchbrecherin und ihrem Troll zu berichten.
Dies wäre das Ende.
Jemma war ihrem sicheren Tod dank meines Freundes von der Schippe gesprungen.
Ich verfluchte ihn innerlich. Natürlich ohne Magie.
„Wila“, sagte Tieno.
Jemma nutzte die Gelegenheit, um die unbeleuchtete Gasse zu verlassen. Sie warf mir einen letzten argwöhnischen Blick über die Schulter hinweg zu.
Die Wut kochte in mir hoch, aber ich hielt sie im Zaum, da ich Tieno mein Leben verdankte. Er war mein Freund und kannte jedes meiner drei Geheimnisse.
Erstens, ich war eine von der Königsfamilie höchstpersönlich Verstoßene aus Babylon.
Zweitens, in meiner Anfangszeit in New Orleans hatte ich für Seda gearbeitet.
Drittens, ich hatte vor, die Herrin der Wicked zu werden.
„Was fällt dir ein, Tieno?“, murmelte ich mit zittriger Stimme. „Jemma wird ihren Hexen jetzt von mir erzählen und wenn sie demnächst verschwindet, wird jeder sofort an mich denken. Denn sie wissen, dass ich normalerweise einen großen Bogen um Zirkelhexen mache. Ich werde mir ein neues Opfer suchen müssen.“
„Wila“, wiederholte Tieno und hielt mir seine Pranken entgegen. Erst jetzt erkannte ich, dass sich etwas darin verbarg.
Es war eine Wila, die auf ein Tuch gebettet lag und deren Haut so weiß strahlte wie mein Bettlaken. Was mich jedoch schockierte, war ihr kurz geschorenes Haar.
Ich wusste nicht viel über das Volk der Wila. Sie waren weibliche Naturgeister, die ausschließlich in Gruppen lebten und mit dem Element Wasser verbunden waren. Sie galten als wunderschöne Mädchen mit durchsichtigen Körpern und langen Haaren. Der Verlust einer einzelnen Strähne bedeutete bereits ihren unmittelbaren Tod. Obwohl diese Wila offenbar mehr als eine Strähne verloren hatte, bewegte sich ihre durchscheinende Brust noch immer in einem gleichmäßigen, wenn auch langsamen Takt. Nicht tot.
„Sie ist so gut wie tot“, sagte ich trotzdem und stemmte die Hände in die Hüften. Ein kühler Wind wehte unter meinen bis zum Boden reichenden Hüftrock und ließ mich erzittern. Ich ließ die Arme sinken und spielte mit meinem Bauchnabelpiercing. Ein Schutzanhänger, den mir Seda geschenkt hatte.
„Wila.“ Er klang wie eine kaputte Schallplatte. Selten brachte Tieno mehr als Zwei-Wort-Sätze zustande.
„Ich weiß, dass sie eine Wila ist“, erwiderte ich genervt. In meinem Kopf tobte ein Sturm, den ich eilig einzudämmen versuchte. Es war noch nicht vorbei. Ich würde ein neues Opfer finden und das Ritual beenden.
„Leben“, brummte Tieno und streckte mir die Wila erneut hin, unbeeindruckt von meinem zornigen Gesichtsausdruck.
Ich blickte seufzend gen Himmel und leckte mir ergeben über die Lippen.
„Wo hast du sie gefunden?“, erkundigte ich mich und deutete auf die Straßenmündung hinter ihm. Wir konnten uns genauso gut auf den Weg nach Hause machen.
„Esplanade“, brachte er nach mehreren kläglichen Versuchen hervor. Schützend presste er den zierlichen Körper der Wila in seine Armbeuge.
Es war nichts Neues, dass Tieno verwundete Geschöpfe zu mir brachte. Dies war jedoch das erste Mal, dass er sich um ein Schattenwesen sorgte. So nannte man alle nicht-menschlichen Wesen, die kein Hexenblut in sich trugen.
In der Esplanade Avenue hatten sich neben der kreolischen Oberklasse auch die Schwarzen Zirkel angesiedelt. Sie vollführten ihre Rituale in den riesigen Häusern oder schöpften Energien auf den unzähligen Friedhöfen. Das, was mit dieser Wila geschehen war, schrieb ich dieser Art von Magie zu.
Jemand hatte für ein Ritual das Haar eines Naturgeistes benötigt – und es sich genommen, ohne sich um die Konsequenzen zu scheren. Er oder sie hatte sich nicht mal die Mühe gemacht zu überprüfen, ob das Opfer gestorben war.
„Na komm, ich werde versuchen, sie wieder aufzupäppeln“, verkündete ich. „Ich kann dir nicht versprechen, dass sie es schaffen wird, Tieno.“
„Aufpäppeln“, wiederholte Tieno und sein Gang wurde federnder. Ein deutliches Zeichen dafür, dass er wieder guter Stimmung war.
Ich schüttelte den Kopf. Vermutlich hörte die Wila ohnehin auf, zu atmen, noch bevor wir die Dauphine Street erreichten, an der mein Haus stand. Ein Seitenblick in Richtung Tieno hielt mich davon ab, meine Bedenken erneut zu äußern. Der Waldtroll hatte ein zu weiches Herz.
Einer der Gründe, weshalb ich heute noch lebte.



II
VALENS


Ein Monster begegnete meinem Blick.
Die schwarze Kohlezeichnung war eine Monstrosität, direkt meiner linken Hand entsprungen. Auf Papier gebannt aus der Erinnerung. Aus meinem Spiegelbild. Aus …
Ich klappte das ledergebundene Skizzenbuch entschlossen zu und sah mich auf dem ruhigen Lafayette Cemetery um. Nichts anderes außer grauen Grabsteinen, vergessenen Grüften und Familienkrypten.
Mit einer entschiedenen Geste löschte ich die magische Flamme, die mir bis dahin Licht gespendet hatte, um an meinem Meisterwerk weiterzuarbeiten.
Wohl eher Monsterwerk, dachte ich zynisch. Ich sprang vom Grabstein, der mir als Plattform gedient hatte. Die Statue von St Helen sah mich anklagend an, aber ein schlechtes Gewissen konnte sie mir nicht machen. Das hatte meine eigene Skizze schon.
Denn dieses Monster … das war ich. Verflucht bis in alle Ewigkeit.
Eine Zeit lang war ich in dieser Form Nacht für Nacht durch Babylon gestreift und hatte Menschen verletzt, ohne mich am Tag darauf daran erinnern zu können. Die Schreie meiner Opfer verfolgten mich erst, als ich mein Exil angetreten und Babylon für New Orleans verlassen hatte.
Seit ich erkannt hatte, was ich war, gab es keinen Weg zurück in meine Blindheit, in meine Taubheit.
Du hast wieder Hoffnung, erinnerte mich eine Stimme, leise und mit Bedacht. Wie viele Jahre war ich schon auf der Suche nach der Waiża, die mich verflucht und damit mein Leben genommen hatte? Wie viele Wochen hatte ich damit verbracht, jemanden zu finden, der mir helfen konnte, ohne verraten zu müssen, wer ich war? Woher ich kam.
Seufzend schlug ich den kürzesten Weg ein, um den Friedhof zu verlassen. Ich würde noch das Devil’s Jaw aufsuchen, um mir diese so wichtige Information bestätigen zu lassen. Eine Information, die ich vermutlich auch schon vor ein oder zwei Jahren hätte erlangen können, wenn ich nicht derart in Selbstmitleid versunken gewesen wäre.
Der Bruder der Königin – von seiner besten Freundin in die Verbannung geschickt, damit sie ihn nicht töten musste. Wie erbärmlich!
Als würde das tätowierte Herz wissen, dass es nicht mehr lange auf meiner Brust bliebe, brannte es. Ich rieb mit einer Hand darüber. Das Zeichen meines Fluchs. Wie naiv ich gewesen war! So hatte ich angenommen, dass dieses Zeichen der Fluch wäre und nicht etwas, was mich zusätzlich verhöhnen würde. Nein, mein Fluch war die Bestie unter der Haut.
Ein kühler Wind zog vom Mississippi auf, als ich mich am Ufer entlang bewegte, um das Devil’s Jaw zu erreichen. Eine Spielhölle, die von meinem Freund Adnan Marjuri geführt wurde. Er war der Einzige in New Orleans, der wusste, dass ich verflucht war. Nach meiner wahren Identität hatte er mich nie gefragt, doch ich hegte den Verdacht, dass er wusste, dass Hills nicht mein richtiger Nachname war.
Er gehörte außerdem zu den wenigen, die mehrere Spione in Babylon besaßen, und für ihn wäre es ein Leichtes gewesen, eins und eins zusammenzuzählen, als bekannt geworden war, dass der Bruder der Königin für eine längere Reise verschwunden war. Eine fadenscheinige Ausrede, wenn es denn jemals eine gegeben hatte, die durch meine unmittelbare Erscheinung in New Orleans noch schwammiger geklungen hatte. Natürlich hatte ich mich anfangs bedeckt gehalten, aber mein Selbstmitleid hatte mich auf die Straße und schließlich ins Devil’s Jaw getrieben. Ein Etablissement mit mehr als fünfhundert Kunden pro Nacht, die ihr Geld, ihren Besitz und manchmal auch ihre Familie verspielten. Letzteres hatte ich gewollt. Nichts war mir vergönnt gewesen. Daneben fanden hier die wichtigsten und geheimsten politischen Ereignisse der Schattenwelt von New Orleans statt.
Aus irgendeinem Grund hatte Adnan sich meiner angenommen und zwischen uns war eine Art Freundschaft erwachsen, der ich nie ganz traute. Allem voran, weil Adnan nichts tat, das ihm nicht in irgendeiner Weise diente, und ich war mir sicher, dass er Pläne für mich schmiedete, die ich nicht kennen wollte.
Es reichte mir, dass ich regelmäßig den Schergen meiner Schwester entkommen musste. Sie wusste um meinen Fluch und es war ihre Pflicht, mich auszuschalten. Auch drei Jahre nach meiner überstürzten Flucht suchte sie noch nach mir.
Ich betrat die Straße, an der sowohl das Devil’s Jaw als auch das Bordell Seaheart lagen sowie diverse andere zwielichtige Geschäfte, in denen sich nahezu ausschließlich Mitglieder der Schattenwelt aufhielten. Menschen verirrten sich in den seltensten Fällen hierher und wenn sie von einem Haus ins nächste stolperten, dann weil sie bereits von der Existenz der Hexen und Schattengeschöpfe wussten.
Das ehemalige Rotlichtviertel in Storyville hatte sich zum Mittelpunkt der Schattenwelt gemausert, so war es keine Überraschung, dass sich das Devil’s Jaw nicht in ein kleines Haus quetschen ließ. Die Spielhölle thronte auf zwei Plattformen über dem Mississippi. Ihre beiden Gebäudeteile, die jeweils vier Stockwerke umfassten, wurden durch überdachte Stege miteinander verbunden. Die Fassade wirkte kühl und elegant. Geschwungene Fensterrahmen, weißer Kalkstein, der im unteren Bereich von Algen und Moos angegriffen wurde. Adnan gab monatlich ein Vermögen aus, um diese Art von Instandhaltung zu gewährleisten.
Da ich keine goldene Eintrittskarte mehr benötigte, um das Gebäude zu betreten, ging ich den gaffenden Hexen und übernatürlichen Geschöpfen aus dem Weg und mied den Haupteingang. Im Inneren verlief sich die Masse an Leuten üblicherweise und verteilte sich auf verschiedene Räume.
Als ich von dem hölzernen Steg, der mit schwarzem Teppich ausgelegt war, durch einen offen stehenden Nebeneingang hineinging, wurde ich augenblicklich von einem breitschultrigen Mann begrüßt. Ich tippte auf Wald- oder Bergtroll. Er nickte mir zu.
„Raum der Runen“, antwortete er mir auf die unausgesprochene Frage. Jeder von Adnans Angestellten kannte mich, dafür hatte er gesorgt, da sie nicht alle eine lupenreine Reputation besaßen und das eine oder andere Mal ihre eigenen Kunden übers Ohr hauten. Adnan ließ sie gewähren, da er seinen Spaß daran fand.
„Danke“, murmelte ich, ging mit hoch erhobenem Haupt an ihm vorbei und versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, wie unwohl ich mich fühlte. Natürlich, ich hatte Adnan viel zu verdanken, doch das Devil’s Jaw beherbergte Erinnerungen, die ich am liebsten vergessen würde. Eine Zeit, die so schwarz und klebrig war, dass ich mich ihr unter allen Umständen entziehen wollte.
Außerdem hatte ich seit meiner Verbannung mein Bestes gegeben, mich wie jeder andere zu verhalten, um nicht aufzufallen. Nicht länger der privilegierte Prinz, sondern ein normaler Versager.
Der Korridor, den ich betreten hatte, unterschied sich nicht von den anderen. Es gab schwarze Teppiche, goldene Leuchter an den dunklen, mit Holz verkleideten Wänden und hohe, bemalte Decken. Hin und wieder, wenn ich eine weitere Tür passierte, drangen Stimmen oder andere menschliche, vielleicht auch unmenschliche Geräusche an meine Ohren. Jedes Mal bewegte ich mich schneller, da ich nicht das Bedürfnis verspürte, jemanden auf mich aufmerksam zu machen.
Der Raum der Runen war Adnans kleiner Thronsaal. Er genoss das Gefühl, auf seinem geschnitzten Stuhl mit dem purpurnen Kissen zu sitzen. Dort konnte er genüsslich auf diejenigen herabsehen, die gekommen waren, um ihn um einen Aufschub ihrer Schuldenrückzahlung zu bitten.
Auch jetzt saß er auf seinem Stuhl in dem Zimmer mit dem unechten Marmorboden und den schmalen Fenstern, die den Blick in die dunkle Nacht freigaben. Sein Falke, ein bösartiges Tier mit Federn in hundert verschiedenen Brauntönen, hatte sich wie stets auf seiner gepolsterten Schulter platziert und starrte jeden Gast in Grund und Boden. Eine feingliedrige Kette verband seinen Fuß mit Adnans Handgelenk. Jener trug wie so häufig einen Turban in einer kräftigen Farbe, dieses Mal war es Lila; Gold und Diamanten glänzten an etlichen Stelle seines Körpers, der in ein dunkelblaues Gewand gehüllt war. Seine teuren orientalischen Pantoffeln blitzten unter dem Saum hervor.
Adnan wandte sein Gesicht von dem armen Geschöpf, das vor seinem Thron kniete, zu mir. In seinen Augen glitzerte der Schalk und ich hätte beinahe aufgeseufzt. Er genoss dieses Schauspiel viel zu sehr.
„Ich erlasse dir deine Schulden“, sagte er bloß, weil er keine Lust hatte, sich weiter mit dem Mann zu befassen, der daraufhin in laute Danksagungen und Segnungen verfiel, die Adnan wie lästige Moskitos mit seiner freien Hand wegwischte. Dann rieb er sich über den schwarzen Vollbart, bevor er sich auf den Weg zu mir machte. Die rund zwei Dutzend Gäste wagten nicht, ihn anzusprechen, machten ihm Platz und taten so, als würden sie furchtbar wichtige Gespräche untereinander führen.
„Du wirkst aufgewühlt, alter Freund“, begrüßte mich der gefährlichste Mann in New Orleans. Oder Ghul. Denn ein Mann war er im wörtlichen Sinn nicht. Durch seine Adern floss das Blut einer der ältesten Ghulfamilien. Ich wusste nicht viel über sein Erbe, aber es war des Öfteren Gegenstand von Gerüchten gewesen. Man erzählte sich, dass die Gesellschaft der Ghule seinen Einfluss nur widerwillig akzeptierte. Obwohl sie Leichen verspeisten und sich nicht zu schade waren, in verschiedene Gestalten zu schlüpfen, wenn es die Situation verlangte, galten sie als ausgesprochen stolzes Volk.
Ich beobachtete Adnan einen Moment, besah mir den Falken und den silbernen Sicheldolch an Adnans breitem, schmuckverziertem Gürtel, der locker um seine Mitte lag. Er hatte mir nie erzählt, was es mit dem Dolch auf sich hatte, und trug ihn stets bei sich. Im Gegensatz zu anderen Waffen erlaubte er niemandem, ihn zu berühren.
„Der Körper einer weiteren Zirkelhexe wurde angespült“, erklärte ich, während wir den Ausgang ansteuerten. „Sie muss schon seit einigen Wochen tot sein.“
„Lass mich raten …“, Adnan legte seine freie Hand auf die Brust, „… ohne Herz?“
Ich nickte. „Die Anzahl schwarzmagischer Rituale scheint stetig zuzunehmen. Es kann nichts Gutes für uns in New Orleans bedeuten.“
„Interessiert es dich denn, was es für New Orleans bedeutet?“, erkundigte sich Adnan wachsam und warf mir einen eindeutigen Seitenblick zu. Er wusste, dass ich die Sichelstadt nicht als meine Heimat ansah. Das bedeutete allerdings nicht, dass ihr Schicksal mir gleichgültig war.
Wir schritten durch einen langen Korridor und erreichten schon bald die belebte Spielhölle. Der Saal, in dem sämtliche Kunden von einem Kartentisch und Glücksspiel zum nächsten taumelten. In einem immerwährenden Rausch geschaffen von Alkohol, illegalen Drogen und der unvermeidlichen Gier nach mehr. Nach dem größeren Gewinn. Nach dem ultimativen High.
Auch ich war einer von ihnen gewesen. Nun lenkten mich die schwarz-goldene Inneneinrichtung, die glitzernden Kronleuchter und leicht bekleideten Damen genauso wenig ab wie das Klirren von Münzen und Scharren der Plastikchips. Lediglich ein Kribbeln machte sich in meinen Fingerspitzen bemerkbar, das sich dennoch unterdrücken ließ. Ich durfte mich nicht von meinem Vorhaben abbringen lassen – Adnan nach dieser einen Information zu fragen, die mir mein Leben zurückgeben würde.
„Adnan“, sagte ich ernst, als wir eine der vielen Bars erreichten und sofort bedient wurden. Der Ghul bestellte für uns beide einen Scotch, den ich nicht anrührte. „Ich bin hier, weil mir ein Gerücht über eine Frau zu Ohren gekommen ist.“
„Du weißt, dass dies Sedas Geschäft ist. Das Seaheart ist bloß auf der anderen Straßenseite“, witzelte Adnan und stürzte seinen Scotch herunter. Der Falke auf seiner Schulter weitete für einen kurzen Moment seine Flügel, als würde er den Alkoholkonsum seines Herrn nicht gutheißen.
Ich überging seinen Kommentar. „Man munkelt, sie wäre die beste Fluchbrecherin der Stadt.“
„Das steht nicht zur Debatte“, bestätigte Adnan sofort und leerte auch meinen Scotch.
„Du weißt also, wen ich meine?“ Überraschung ließ mich unvorsichtig werden. Ich beugte mich zu Adnan vor und wurde dafür sofort mit einem lauten Krächzen des Falken bestraft. Eilig zog ich mich zurück, behielt den Vogel aber misstrauisch im Auge.
„Darcia, Hexia und Fluchbrecherin“, antwortete Adnan nachdenklich und blickte sich in der gefüllten Halle um. Verschiedene Gerüche, nicht alle angenehm, drangen in meine Nase und mir wurde bewusst, wie schwül es hier drin war. Ich spürte die ersten Schweißtropfen auf meiner Stirn und wischte sie mit dem Handrücken fort.
„Adnan.“ Musste ich ihm denn alles aus der Nase ziehen? Normalerweise machte er sich einen Spaß daraus, mir zu zeigen, wie unwissend ich und wie allwissend er war. Was war dieses Mal anders?
Fast beiläufig legte er eine Hand auf den silbernen Dolch, als sein Blick zu mir zurückkehrte.
„Seda liegt mir schon seit geraumer Zeit in den Ohren. Ihretwegen.“ Er presste die Lippen zusammen, als würde er sich selbst davon abhalten, mir etwas mitzuteilen. Eine Sekunde später war der Moment verstrichen und der Gedanke für mich verloren. „Sie und Darcia sind miteinander befreundet und sie möchte, dass ich ihr mehr Kunden schicke. Aber wieso sollte ich wollen, dass meine Kunden frei von Flüchen sind?“ Er breitete seinen Arm in einer allumfassenden Geste aus. „Es macht sie um vieles leichtsinniger. Das bedeutet gutes Geld für mich.“
„Ist das der Grund, weshalb du mir in all der Zeit nichts von ihr gesagt hast?“, zischte ich, meine Wut kaum im Zaum haltend. Ich konnte nicht glauben, dass er mir Darcias Existenz vorenthalten hatte, obwohl er wusste …
„Ganz ruhig, alter Freund, ich ging von der Annahme aus, dass du die Waiża finden willst, die dich verflucht hat“, erklärte er sich, nur mäßig von meinem Zorn beeindruckt. Warum auch? Er hatte von mir nichts zu befürchten. Wir waren Freunde und auch wenn ich selbst ein Hexer war, so hatte ich ihm in seinem eigenen Reich nichts entgegenzusetzen. Wenn ich selbst ein Waiża wäre, sähe die Sache anders aus. Diese Art von Hexen konnte Körper- und keine Elementarmagie wirken. Waiżen waren dazu imstande, die grausigsten Flüche zu weben, versagten jedoch bei den einfachsten Zaubern einer vollwertigen Hexe. Trotzdem galten sie im Allgemeinen als mächtiger als Hexia, die umgangssprachlich „Halbhexen“ genannt wurden. „Du willst wissen, wo sie wohnt?“ Ich nickte. „Marko?“
Jemand trat hinter meinem Rücken hervor und ich wäre zusammengezuckt, wenn dies nicht bereits einige Male geschehen wäre. Adnans Schatten bewegten sich zu leise, zu unsichtbar. Obwohl ich wusste, dass seine Beschützer immer da waren, sah ich sie selten.
Marko war ein stämmiger Mexikaner, ob übernatürlich oder nicht, konnte ich auf einen Blick nicht sagen. Er hielt mir einen gefalteten Zettel hin, den ich zögerlich annahm. Auf ihm stand eine Adresse geschrieben.
„Woher wusstest du …“
„… dass du danach fragen würdest? Keinen blassen Schimmer. Aber meine Schatten sind meinen Feinden nicht von Natur aus immer einen Schritt voraus“, war seine kryptische Antwort. Ich steckte die Notiz ein und wandte mich zum Gehen, als mich Adnan noch einmal zurückhielt. „Valens, eine Warnung. In den vier Jahren, seit sie hier lebt, hat sie nicht ein einziges Wort über ihre Vergangenheit verloren. Ganz gleich, wen ich fragte, niemand hat sie je zuvor gesehen oder von ihr gehört.“
„Es ist nicht ungewöhnlich, dass unsereins nach einer Verbannung aus der Schattenstadt seine Identität ändert.“ Dies war sogar häufig der Fall.
„Bisher ist mir aber niemand gänzlich ohne Vergangenheit begegnet.“
Adnan, der Alleswisser, war bei ihr auf Granit gestoßen. Außergewöhnlich.
„Du interessierst dich also doch für sie.“
„Ich interessiere mich immer für potenzielle Verbündete. Oder Feinde.“ Er stieß ein tiefes, theatralisches Seufzen aus. „Sei einfach vorsichtig. Wie ich hörte, ist sie nicht gut auf Vollhexer oder Männer im Allgemeinen zu sprechen.“
„Ich will nicht mit ihr sprechen“, erwiderte ich. „Es reicht, wenn sie den Fluch bricht.“

Zarte Liebe, alte Geheimnisse und ein Hauch Magie!

Blick ins Buch
Der Zauber von Wein und LavendelDer Zauber von Wein und Lavendel

Roman

Frankreich, kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert: Üppige Weinberge unter strahlender Sonne, das Gelächter vieler Erntehelfer, ein Gut in voller Pracht – so hat Elena das Château Renard in Erinnerung. Doch als sie nach mehrjähriger Abwesenheit dorthin zurückkehrt, bietet sich ihr ein völlig anderes Bild: Das Weingut liegt nun in den Händen eines gut aussehenden Fremden, der nicht an die Kraft von Elenas besonderen Kräutern glaubt, und steht zudem kurz vor dem Ruin. Elena beschließt, ihr Weingut zu retten, und setzt dabei nicht nur ein altes Familiengeheimnis, sondern auch ihr Herz aufs Spiel.

1

Die Augen der Kröte schwebten über der Wasserlinie, während in ihrem Maul eine Motte flatterte. Sie blinzelte, um die Flügel an ihrer Zunge vorbeizuzwingen, dann folgte ein Moment des Ekels. Die Seltsamkeit der Situation sickerte durch ihr Krötenhirn, bis sie zu der Überzeugung kam, dass es besser wäre, die zarten Motten mit den gelben Flügeln in Zukunft zu vermeiden.
Unbeeindruckt schwamm sie ins trübe Flachwasser, um sich dort zwischen das Schilf zu schieben. Die spätherbstliche Sonne schien an den fast kahlen Halmen vorbei auf ihren Körper. Als sie die Wärme in sich aufnahm, erlaubte sie ihren Lidern, sich zu entspannen. Doch durch die Energie der Sonne folgte neuer Hunger. Sie wischte sich mit einem Vorderbein über das Maul und dachte gerade darüber nach, ob sie am schlammigen Ufer nach Schnecken suchen sollte, als eine zweite Merkwürdigkeit ihre Instinkte aufmerken ließ. Sie nahm Formen und Farben plötzlich intensiver wahr, und das nicht nur durch ein Lichtspiel. Ein braunes Blatt sank taumelnd auf das schwarze Wasser. Ein silberner Fisch mit pinkfarbenen Kiemen knabberte direkt unter der Oberfläche an einem Insekt. Eine leuchtend neongrüne Libelle sauste über den Teich.
Ihr Krötenhirn registrierte die smaragdgrüne Farbe des Insekts, die sie an ein Amulett erinnerte, während sie gleichzeitig die Nasenlöcher blähte, weil ihr der Gestank von Fisch und dreckigem Wasser in die Nase stieg. Wie hatte sie bisher den abgestandenen, unangenehmen Geruch des Flachwassers nicht wahrnehmen können? Ein kalter Schauer lief über ihre ledrige Haut und trieb sie aus dem schmutzigen Wasser.
Die Haut. Es wurde Zeit, sich zu häuten.
Das Zittern setzte vollkommen unkontrolliert ein, wie es einmal die Woche geschah, seit ihre Erinnerungen als Kröte begonnen hatten. Ihr Körper krümmte sich ohne ihr Zutun, als sich die äußerste Schicht ihrer Haut streckte und hob und sich von ihren Beinen, dem Rücken und dem empfindlichen Bauch löste. Sie drehte und wand sich, um die abgeworfene Hülle mit den Vorderbeinen über den Kopf zu schieben wie eine Frau, die ein durchsichtiges Nachthemd abstreift. Dann nahm sie die zusammengeknüllte Haut ins Maul und begann zu schlucken. Das musste sie immer tun, auch wenn sich ihr der Grund dafür entzog.
Sie blinzelte heftig und beförderte die Haut tiefer in ihren Schlund, als sie eine seltsame Regung in ihren Knochen vom Schlucken abhielt. Ihre Innereien verkrampften und bewegten sich und sie würgte die Haut wieder nach oben. Ein scharfer Stich durchfuhr ihren gewölbten Rücken, als hätten sich Klauen in ihr Fleisch gegraben. Panik ließ ihre Instinkte zum Leben erwachen. Spring zurück ins Wasser, bevor sich der alte Fuchs mit seinen Zähnen noch einen Zeh holt! Doch dann erwachte ihr anderer Geist – derjenige, der tief verborgen wie ein Juwel in ihrem Unterbewusstsein geruht hatte. Der verborgene Smaragd der Intelligenz erkannte den Schmerz als das hoffnungsvolle Zeichen, das er darstellte, und die Hoffnung sorgte dafür, dass sie stillhielt, obwohl sich ein Riss über ihrer Wirbelsäule öffnete und sie fast in zwei Teile riss.
Weit gespreizte Zehen gruben sich in den Schlamm, als aus vier Fingern fünf wurden, die sich nach und nach verlängerten. Ein menschliches Gesicht presste sich von innen gegen die warzige Haut und zwang das Maul und die Nasenlöcher der Kröte, zu reißen und sich aufzulösen. Die Metamorphose beschleunigte sich. Schultern, Arme und Bauch wuchsen. Braunes Haar, überzogen mit einer Art Geburtsschleim, ergoss sich über ihren Rücken. Keuchend schnappte sie nach Luft, füllte ihre Lunge damit und öffnete die Augen für die Welt – wiedergeboren.
Immer noch im Schlamm sitzend bewegte sie vorsichtig die Finger, dann wagte sie es, mit den Händen die heilige Geste zu formen, als hielte sie das Gesicht der Weisheit selbst. Wärme erfüllte sie. Ihr Bewusstsein erwachte zum Leben. Die Fesseln des Fluchs lösten sich auf.
Elena.
Der Name schoss ihr so schnell durch den Kopf, dass sie ihn fast für ein Phantom hielt. Dann stieg eine Flut an Erinnerungen auf. Sie war Elena, Elevin des Allwissenden und Tochter des Chanceaux-Tals. Und sie war frei.
Als ihr Körper aus seiner Erstarrung erwachte, glitten schlammverschmierte Hände über Brüste, Rippen und Bauch, um sicherzustellen, dass alles in Ordnung war – bis das warme Fleisch unter ihrer Berührung durch das Teichwasser auskühlte. Sie wagte es, den Blick zu senken, und verschluckte sich fast an einem gepressten Schrei. Riesige, fleckige Beine mit Schwimmfüßen verweilten in schrecklicher Sturheit. Sie trat um sich und schüttelte die Gliedmaßen, doch sie blieben auf groteske Art mit ihrem Körper verbunden.
„Was für ein Dämonenzauber ist das?“, rief sie. Doch sobald die Panik verklang, atmete sie einmal tief durch und erlaubte ihrem Geist, das Problem ruhig zu betrachten, wie sie es immer getan hatte.
Die starken Alkaloide, welche die Kröte über die Haut abgab, hatten den Fluch mit der Zeit zersetzt. Vielleicht brauchte sie nur einen letzten Schub, um die Verwandlung zu beenden. Sie zügelte ihren Abscheu, griff nach der abgeworfenen Krötenhaut und legte sie sich wieder auf die Zunge. Die giftigen Rückstände darauf schmeckten nach verrottetem Schilf und bitteren Kräutern. Doch als die Sonne in ihrem Blickfeld plötzlich einen Heiligenschein bekam und das Gift durch ihr Blut tanzte, schickte sie einen stummen Dank an das Allwissende, das sie die Wege der Magie gelehrt hatte.
Nach einem letzten, quälenden Moment war ihre Verwandlung abgeschlossen. Lange Beine, schwach, aber willig, hielten sie aufrecht, als sie aufstand. Elena hob das Gesicht zum Himmel, um anhand der auch tagsüber sichtbaren Sterne die Entfernung nach Hause abzuschätzen. Nackt, aber nicht länger auf die Sonne als Wärmequelle angewiesen, verließ sie die Sümpfe. In ihrer Brust brannte die Rachsucht wie eine heiße Flamme.



2

Elena schob einen dünnen Schuh auf ihren rechten Fuß und schwor, sich aus dem ersten Fuchs, der ihren Weg kreuzte, einen Pelzmantel anzufertigen. Sie würde ihren Zeh niemals wieder wachsen lassen können, egal, wie viele Tränke sie auch zusammenbraute. Nicht einmal Grand-Mère in ihren besten Jahren hatte solche Magie wirken können. Wenn sie nur ein wenig Johanniskraut oder ein paar Malvenblätter besäße, dann könnte sie zumindest eine Salbe anfertigen, um die Blasen zu beruhigen, die sich nach so vielen Kilometern in den Schuhen einer anderen Person gebildet hatten.
Oh, wie schön wäre es, sich endlich wieder in ihren Lagerraum zurückzuziehen, umgeben von Tinkturenfläschchen, Puderkrügen, getrockneten Kräutern und Blumen, die an Bändern von der Decke hingen. Doch sie ging davon aus, dass all das inzwischen verschwunden war. Sie würde von vorne anfangen müssen. Der Gedanke erschöpfte sie.
Ihre Magie war verkümmert, dessen war sie sich sicher. Die Wahrnehmung der Ziegenhirtin zu beeinflussen war ihr schwerer gefallen, als es sollte. Eine kleine Prise zerstampfter Zikoriensamen ins Gesicht der Hirtin war alles, was nötig sein sollte, um die Erinnerung daran zu vernebeln, dass sie eine nackte Frau aus dem Wald hatte treten sehen. Doch Elena selbst hatte die Begegnung zitternd und unsicher zurückgelassen. Und obwohl sie einen halben Käse in der Kitteltasche der Hirtin gefunden hatte, überlegte sie, ob es nicht klüger gewesen wäre abzuwarten, bis jemand mit angemessener Kleidung auf der Straße vorbeikam. Inzwischen bedauerte sie, dass der gestohlene Mantel nach Dung roch. Und ohne die richtige Unterkleidung – einige Dinge ließ man besser zurück – kratzte der Wollkittel der Ziegenhirtin auf ihrer zarten, neuen Haut. Immerhin war sie nun fast zu Hause. Sie würde jedes Leid ertragen, wenn es bedeutete, dass sie bald durch die Eingangstür von Château Renard treten konnte, um von Grand-Mères heilenden Händen begrüßt zu werden.
Wenn ihre Einschätzung der Mondphasen korrekt war, war gerade der November hereingebrochen, die Zeit des Frostmondes. Es war vier Tage her, seit sie aus dem Fluch erwacht war. Doch welches Datum war heute? War ein Jahr vergangen? Zwei? Sicherlich war sie kein ganzes Jahrzehnt verschwunden gewesen. Obwohl die Magie schwach und wässrig durch ihre Adern floss, spürte sie nicht die schwere Last der Zeit auf den Schultern. Ihr Haar zeigte kein Grau, ihre Beine waren schlank und stark genug, um ausdauernd zu laufen, und sie hatte keine schmerzenden Zähne. Wenn sie sich in Bezug auf die Zeit nicht irrte, sollte er noch am Leben sein. Elena dankte dem Allwissenden dafür, dass es ihr gelungen war, den Fluch zu brechen, bevor es ihm vergönnt gewesen war, einen friedlichen, natürlichen Tod zu sterben.
Der Gedanke an Rache katapultierte sie wieder auf die Füße. Im Gehen füllte sie ihre Taschen mit getrockneten Weißdornbeeren, verkümmerten Samen und feuchtem Moos. Ein paar verdrehte, getrocknete Schöllkrautblätter, frostgebeutelte Blüten, Rinde von einem Weidenbaum – Elena wusste, wie sie all das zerstoßen und zu heilenden Pulvern verbinden konnte. Sie wusste auch – dieser Gedanke kam ihr, als sie an den Samen eines vertrockneten Fingerhuts schnüffelte –, welche tödlichen Kombinationen möglich waren. Tränke, die einen Mann in die Knie zwingen konnten, weil sein Herz in der Brust explodierte. Als sie aus dem Fluch erwacht war, hatte sie bereits Mordlust verspürt, doch jetzt, wo sie ihre Fingerspitzen sanft über die Pflanzen gleiten ließ, die diese Tat möglich machten, brannte das Verlangen in ihr nur noch heißer.
Die Gedanken erfüllt von Giften, beugte sie sich vor, um einen ausgefransten Pilz von einem verrottenden Baumstamm zu pflücken, dann stieg ihr plötzlich der Geruch von schwelenden Weinreben in die Nase. Trotz ihrer finsteren Gedanken hob sie den Kopf und lächelte. Das war der Geruch ihrer Heimat.
Elena rannte in ihren schlecht passenden Schuhen, bis sie die Kuppe eines Hügels erreichte. Dort zogen sich die Bäume zurück, der Himmel erstreckte sich vor ihr und die wogenden Hügel von Château Renard zogen sich durch das Tal. Aus der Ferne wirkte der Weinberg, als wäre alles in Ordnung. Das schenkte ihr den Mut weiterzugehen.
Ordentliche Reihen dunkel verfärbter Reben, alt und knorrig wie die fähigen Hände von Grand-Mère, empfingen sie auf halber Strecke ins Tal. Der Beschnitt für den Winter hatte begonnen. Drei Männer arbeiteten mit ihren Brouettes im Weinberg. Rauch stieg von Fässern auf, in denen die Zweige des letzten Jahres verbrannt wurden. Die Asche voller Mineralien sollte anschließend auf dem Boden verteilt werden, um im großen Kreislauf von Leben und Tod die Wurzeln des Weins im Winter zu nähren. Elena trat zwischen die Weinstöcke, ließ die Fingerspitzen über die frisch geschnittenen Spitzen gleiten. Die raue Rinde war ihr so vertraut wie ihre eigene Haut.
„Darf ich mich an Ihrem Feuer wärmen?“, fragte sie den ersten Arbeiter, dem sie begegnete – einen glatt rasierten Mann, der eine runde Brille mit Drahtgestell und eine graue Schiebermütze auf dem Kopf trug. Er zuckte zusammen, als hätte sie sich aus dem Rauch materialisiert. „Ich wandere seit Stunden. Meine Finger sind vollkommen durchgefroren.“ Ihr war kalt, doch vor allem musste sie Informationen sammeln, bevor sie sich dem Haus näherte.
„Woher kommen Sie?“
Sie hielt die Hände über das schwelende Feuer. Sie erkannte weder den Mann, der sie anstarrte, noch die anderen, die ihre Hälse reckten, um sie besser erkennen zu können. Wo war Antonio? Margaretta? Dies waren alles neue Gesichter. „Ist Ariella Gardin immer noch Hausmutter von Château Renard?“, fragte sie.
„Sie lebt hier, ja“, antwortete der Mann, ohne sich bewusst zu sein, wie sehr er damit ihre Ängste beruhigte, „aber falls Sie nach Arbeit suchen, wir werden erst im Frühjahr wieder Leute anstellen.“
Sie fand die Ahnungslosigkeit des Manns fast charmant. Doch angesichts ihres Aussehens konnte sie ihm seine Vorurteile kaum übel nehmen. Elena sah zu den Wolken auf und verließ sich auf ihre Intuition. „Sie haben Glück, wenn es bis zum Schneefall noch eine Stunde dauert. Achten Sie darauf, die Kohlen zu wenden, damit das Feuer nicht erlischt.“
Der Mann blinzelte in unangenehmem Schweigen, während Elena sich ein letztes Mal über den Kohlen die Hände rieb. Mit einem Achselzucken setzte sie sich Richtung Haus in Bewegung. Es dauerte eine gute Minute, bis die Männer hinter ihr etwas von sorcière flüsterten, während das Schnippen der sécateurs an den Reben wieder einsetzte. Elena starrte das alte Gebäude an und ein Schauder ließ sie tief in ihrem Inneren frösteln. Man sah dem Haus sein Alter an, es war imposant mit sechs Schlafzimmern, wenn auch definitiv kein Herrenhaus. Auf dem Dach über der Tür fehlten drei Schindeln und in der Mauer neben dem vorderen Fenster hatte sich ein nicht gerade schmaler Riss aufgetan. Natürlich senkten sich Häuser mit den Jahren … doch wie viel Zeit war vergangen?
Niemand reagierte auf ihr Klopfen, also legte sie die Hand auf die Klinke. Die Tür widersetzte sich, als wäre Elena eine Fremde. Sie musste sich mit so vielem erst wieder vertraut machen.
Elena schlüpfte durch die Hecke, um es an der Küchentür zu versuchen, spähte durchs hintere Fenster und entdeckte eine ältere Frau in einem hochgeschlossenen, schwarzen Kleid an der Arbeitsfläche. Das lange Haar der Frau war an den Seiten aufgesteckt, sodass ihre silbernen Locken sich um ihren schlanken Hals legten. Die Frau zögerte, eine Tasse Mehl unsicher in der Hand, bevor sie den Kopf schüttelte und den Inhalt in eine Schüssel aus Porzellan gab. Beim Anblick von Grand-Mère rannen Tränen über Elenas Wangen, doch sie trocknete ihr Gesicht eilig mit dem Ärmel, bevor sie an die Tür klopfte.
„Du kannst die Eier auf die Stufen stellen, Adela“, sagte die alte Frau, ohne von ihrer Aufgabe aufzusehen. „Das Geld liegt unter dem Geranientopf.“
Vorsichtig öffnete Elena die Tür einen Spaltbreit. „Du hast früher nie Geranien über den Winter gezogen. Du hast sie lästig genannt.“
Ariella Gardin, Grande Dame eines der ältesten und bekanntesten Weingüter im Chanceaux-Tal, drehte sich erschrocken um, einen Krug mit Milch in den Händen. „Wer ist da?“
Elena strich sich die Haare aus dem Gesicht und trat einen Schritt näher. „Ich bin’s.“
Der Krug zersprang auf dem Boden, sodass Milch sich in alle Richtungen über die Terrakotta-Fliesen ergoss und Elenas Schuhe durchnässte.
Grand-Mère kniff die Augen zusammen, als starre sie einen Geist an. „Das kann nicht sein.“ Sie umrundete die Milchpfütze und griff nach Elenas Hand. Die alte Frau studierte die Linien in Elenas Handfläche, atmete den Duft ihrer Haare ein und rieb dann über ihrem Kopf Daumen und Finger aneinander, um nach Verzauberungen zu suchen. All das ließ Elena voller Freude über sich ergehen.
„Du bist es wirklich.“ Die alte Frau hob ihre Hände in einer heiligen Geste, um das Allwissende zu preisen, bevor sie Elena umarmte. „Ich wusste immer, dass du eines Tages zurückkehren würdest.“
„Woher wusstest du das, wenn ich mir dessen selbst kaum bewusst war?“
Elenas Mentorin wedelte wegwerfend mit der Hand und schloss die Tür. „Du hast immer in der Gunst des Allwissenden gestanden.“
Elena war überzeugt, dass bei ihrer Geburt ein anderer Schatten auf sie gefallen war, doch sie sagte nichts.
Jetzt, wo sie nach so langer Zeit wieder in der Küche stand, fühlte sie sich irgendwie fremd … als wäre sie ein Gast. Sie schob es auf die ungewöhnlichen Düfte, die sich mit den vertrauten verbanden – ein Hauch von maskuliner Haarpomade, Terpentin von Stiefelwichse und der leicht modrige Geruch von ledergebundenen Büchern waren unter dem trauten Duft von Brot und Käse und Grand-Mères Lavendelseife auszumachen. Veränderungen waren zu erwarten gewesen, doch gleichzeitig verstärkten sie nur das unangenehme Gefühl, dass mehr Zeit vergangen war, als Elena geahnt hatte.
Als die alte Frau die Bescherung auf dem Boden bemerkte, presste sie in hoffnungsloser Verärgerung die Hände an die Wangen. Sie griff nach einem Lappen und ging in die Knie, um die Milch aufzuwischen und die Scherben einzusammeln. Bevor Elena protestieren konnte, hatte die alte Frau sich bereits an der ersten scharfen Kante in einen Finger geschnitten.
„Lass mich das machen“, sagte Elena und kniete sich ebenfalls hin. „Ich habe dich überrascht. Ich hätte dir eine Taube schicken sollen, um meine Ankunft anzukündigen.“
„Das war nur das Ungeschick des Alters.“ Grand-Mère gab ihr den Lappen. „Pass auf. Milch und Blut zusammen sind ein böses Omen.“
Sofort stieg der alte Kinderreim in Elenas Gedanken auf: „Schlamm und Seide, Milch und Blut, sie zu mischen tut niemals gut.“
„So es geschieht.“
„Das Glück entflieht.“
„Und der Teufel zeigt seine Wut“, beendete die alte Frau den Reim, bevor sie einen Tropfen Blut von ihrer Fingerspitze leckte.
„Ich erinnere mich gut an deine Lektionen, Grand-Mère.“
Die alte Frau spähte zu Elena auf, bevor sie den Finger wieder aus dem Mund nahm. „Ich war mir nicht sicher, ob ich lange genug leben würde, um noch einmal zu hören, wie mich jemand so nennt.“
Die zwei Frauen waren nicht wirklich verwandt, doch Elenas Verbindung zu Grand-Mère fühlte sich oft stärker an als eine Blutsverwandtschaft – verbunden durch das terroir und die Magie der Arbeit, die sie im Weinberg geleistet hatten. Gleichzeitig senkten die beiden die Köpfe, drückten über der Milch eine Stirn an die andere, wie sie es so oft getan hatten, als Elena noch ein Mädchen gewesen war.
„Ich habe ein Zittern in meiner linken Hand gespürt, als ich heute Morgen aufgestanden bin“, sagte Grand-Mère. „Ich hatte keine Ahnung, dass du es warst, die ich gespürt habe. Es ist so lange her, dass ich dachte, es wäre einfach nur der Wetterwechsel.“
Elena umklammerte den Lappen und wappnete sich. „Wie lange?“
Die alte Frau dachte darüber nach, als sie aufstand, um die Scherben in den Mülleimer zu werfen. „Müssen jetzt sieben Jahre sein.“ Dann drehte sie sich um und nahm die Schultern zurück, als habe sie gerade all ihren Mut zusammengenommen. „Wo warst du die ganze Zeit über?“
Sieben Jahre!
Elenas Herz verkrampfte sich bei dieser Nachricht für einen kurzen Moment. Sie hätte nie gedacht, dass sie sieben Winter in diesem stinkenden Teich damit verbracht hatte, Motten und Schnecken zu fressen, einfach, um zu überleben. „Es war ein Fluch. Ich konnte mich gerade erst befreien.“
„Die ganze Zeit über? Ich dachte, du hättest vielleicht … an einem anderen Ort neu angefangen.“
„Der Fluch sollte dauerhaft sein.“ Elena runzelte die Stirn. „Nur, dass jemand im Studium der Gifte nachlässig war und die neutralisierende Wirkung der Bufotoxine unterschätzt hat, wenn sie über längere Zeit aufgenommen werden.“
„Ein dauerhafter Fluch?“ Grand-Mère presste eine Hand ans Herz. „Gute Güte, bist du dir sicher?“
Elena ließ ihren feuchten Lappen in die Spüle fallen und setzte sich an den Küchentisch. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sie sich sicher. Sie begann, ihr Martyrium zu beschreiben – auch, dass sie gerade genug ihres Verstandes behalten hatte, um jede Woche ihre giftgetränkte Haut zu essen und nicht wieder hochzuwürgen, obwohl der Fluch versucht hatte, jede Erinnerung an ihre menschliche Existenz zu tilgen. Während sie erzählte, bereitete Grand-Mère ein einfaches Mahl aus Brot, Käse und Wein zu.
„Eine Kröte?“, fragte Grand-Mère ungläubig, als sie den Teller vor Elena abstellte. Sie setzte sich auf den Stuhl ihr gegenüber, eine Hand an die Wange gedrückt. „Es ist Ewigkeiten her, dass Transmogrifikation praktiziert wurde. Wer könnte so etwas getan haben?“
„Bastien. Wer sonst?“
„Bastien?“ Die alte Frau starrte Elena mit offenem Mund an. „Aber ihr solltet heiraten. Ihr wolltet …“
„Wir hatten einen Streit.“ Elenas Gesicht wurde vor Scham heiß. „Sobald er den Ring auf meinen Finger geschoben hatte, hat er Forderungen gestellt.“
„Forderungen?“
Elena vergrub das Gesicht in den Händen. „Er meinte, als seine Ehefrau wäre ich verpflichtet, ihm zu dienen. Dass es mir nicht zustünde, ihm etwas zu verweigern.“
„Die Ehe ist immer auch ein Kompromiss. Oft mehr für die Frau, das gebe ich zu, aber …“
„Er hat nichts verstanden. Er wusste, dass ich eine Weinhexe bin, dass ich eigene Verpflichtungen zu erfüllen hatte, dass ich nicht jeder seiner Launen nachgeben konnte. Ich hatte endlich meinen ersten, herausragenden Jahrgang geschaffen. Und er hat von mir erwartet, all das beiseitezuschieben, um nur der Erfüllung seiner Träume zu dienen. Der Ehrgeiz und die Gier dieses Manns! Wie konnte ich mich in Bezug auf ihn so sehr irren?“
Grand-Mère zuckte diplomatisch mit den Schultern. „Er hatte immer große Pläne.“
„Ich habe ihm gesagt, dass ich lieber eine glückliche Jungfer als seine unglückliche Ehefrau bin, und habe ihm den Ring vor die Füße geworfen.“
Grand-Mère schob ein Ohr nach vorne, als hätte sie die Worte nicht richtig verstanden. „Du hast die Verlobung aufgelöst?“
„Mir blieb keine andere Wahl“, sagte Elena und griff nach dem Weinglas. Es war sieben Jahre her, dass sie ein Glas in der Hand gehalten oder das seidige Bouquet von Château Renards Pinot noir gerochen hatte. Sie ließ den Wein im Glas kreisen, bevor sie es an die Nase hob. Sie brauchte die säubernde Kraft des Weins an diesem Tag mehr als jemals zuvor. „Bastien mag es nicht, zurückgewiesen zu werden, nicht mal, wenn er im Unrecht ist. Und er kann es nicht leiden, zum Narren gemacht zu werden. Nicht von einer Frau. Ich bin mir sicher, dass er deswegen eine dahergekommene Fay bezahlt hat, mich zu verfluchen und zum Schweigen zu bringen. Er muss es getan haben.“ Das Gewicht des Vorwurfes lastete schwer auf Elena. „Wer auch immer die Hexe war, sie hat mich auf der Straße überrumpelt, kurz bevor ich das Haus erreichen konnte. Ich hatte kurz angehalten, um in die Schattenwelt zu gleiten und zu sehen, wie es ihm geht. Sie hat mich angegriffen, als mein Blick für einen Moment auf etwas anderes konzentriert war. Dieses ›Nein‹ hat mich alles gekostet.“
Die alte Frau massierte sich die Schläfen, als leide sie plötzlich unter Kopfschmerzen. „Kann jemand vom Charlatan-Clan gewesen sein. Gewöhnlich halten sie sich nördlich der Stadt auf, aber sie nehmen Auftragsarbeiten an. Sie sind ein derber Haufen, aber verschlagener, als man ihnen zutraut“, fügte sie hinzu und rieb sich die Augen. „Und sie gehören nicht zu denjenigen, die sich dem Studium eingehend genug widmen, um herauszufinden, dass ein Fluch dadurch geschwächt werden kann, dann man seine eigene, giftgetränkte Haut frisst. Was Kröten von sich aus niemals tun würden.“
Elena schauderte bei dem Gedanken daran, wie die warzige, giftige Haut durch ihre Kehle geglitten war. Sie nahm einen Schluck Wein, um die Erinnerung zu vertreiben, doch falls sie sich Erleichterung erhofft hatte, wurde sie tief enttäuscht. Sie schmeckte keine Andeutung des Aromas von Gewürz und Rosenblüten, für die die Renard-Weinberge bekannt waren. Stattdessen traf der Geschmack von Kreide und Pilzen ihren Gaumen. Eine schlechte Flasche?
Dann, als sie schluckte, kam ihr ein schrecklicher Gedanke. Was, wenn mit dem Wein alles in Ordnung war? Was, wenn ihre Sinne durch den Fluch dauerhaft gestört waren? Dann würde sie Bastien zweimal töten.
Erfüllt von leiser Panik hob Elena das Glas, um die Opazität des Weins zu prüfen. Sie war noch damit beschäftigt, ihre Angst in Worte zu fassen, als die Hintertür aufschwang und der Arbeiter eintrat, dessen brouette sie geteilt hatte. Ihm folgte ein kalter Windstoß, der die Vorhänge bauschte und Schneeflocken über den Boden trieb. Der Mann schloss die Tür und schlug eine feuchte Kappe an seiner Hose ab, bevor er sie an einen Haken an der Wand hängte. Sein schroffes Erscheinen sorgte dafür, dass sie den Wein zur Seite stellte und ihre aufsteigenden Ängste zurückdrängte.
Der Arbeiter hielt inne und entschuldigte sich für die Störung, während er mit dem Hemdsaum den Schnee von seiner Brille wischte. Währenddessen warf er Elena kurze Seitenblicke zu. Sie konnte nicht anders, als zu bemerken, wie fein sein Gesicht geschnitten war – stolz geschwungene Brauen, die nachdenklich gesenkt waren, Wangenknochen in perfekter Geometrie und ein stolzes, kantiges Kinn.
Grand-Mère stand eilig auf. „Das ist Elena Boureanu. Ich bin mir sicher, ich habe sie schon einmal erwähnt.“ Sie eilte zurück zu der Rührschüssel auf der Arbeitsfläche und begann erneut, Mehl abzumessen. „Elena, das ist Monsieur Jean-Paul Martel. Er ist …“
„Ja, wir haben uns auf dem Feld kurz unterhalten. Sie müssen der neue Vorarbeiter sein.“
„Etwas in der Art.“ Er setzte die Brille wieder auf, dann hielt er sich eine Hand vor die Nase. Seine wenig diskrete Geste musste bedeuten, dass er den Gestank des Ziegenmists wahrgenommen hatte, der am Saum ihres Mantels klebte. „Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Mademoiselle Boureanu“, sagte er barsch, dann fügte er höflicher hinzu: „Ich lasse dich zu deinem Gast zurückkehren, Ariella. Gib mir Bescheid, wenn das Abendbrot bereit ist.“
Sobald er verschwunden war, beobachtete Elena Grand-Mère dabei, wie sie sich darüber aufregte, dass keine Milch mehr im Kühlfach lagerte. Ihre Gedanken immer noch eingesäuert vom schlechten Wein, fragte sie: „Warst du so verzweifelt auf der Suche nach guten Kräften, dass die Arbeiter jetzt schon im Haus verkehren dürfen?“
„Jean-Paul ist nicht einfach nur ein Arbeiter.“ Grand-Mères Ellbogen bewegten sich auf und ab, während sie Wasser in den Teig für das Gebäck knetete. „Er isst gerne pünktlich um fünf Uhr, damit er vor Einbruch der Dunkelheit noch einmal nach draußen gehen und die Weinberge kontrollieren kann.“
„Wieso hast du ihm nicht verraten, wer ich bin?“
Die alte Frau hielt in ihrer Arbeit inne und sah in den wirbelnden Schnee. Ein Windstoß rüttelte am Fenster. Grand-Mères Schultern sanken nach unten, als fehlte ihr die Kraft, sie noch länger oben zu halten. „Ich habe ein fürchterliches Schlamassel angerichtet.“
Die alte Frau sah zur Decke, als könne der Himmel ihr Absolution erteilen, dann gestand sie, was alles schiefgelaufen war: Die letzten fünf Jahre hatte es Missernten gegeben. Entweder die Trauben waren in schrecklicher Dürre vertrocknet oder Regen hatte die Ernte so lange hinausgezögert, dass die Früchte verschimmelt waren. Bei der letzten Ernte waren die Schalen von dunklen Flecken gesprenkelt gewesen und hatten dafür gesorgt, dass der Wein nach verbranntem Kork schmeckte. Und es gab nichts, was Grand-Mère dagegen tun konnte, weil ihr Geist und ihre Magie langsam nachließen.
Zuerst waren es nur kleine Dinge gewesen. Sie hatte vergessen, bei Vollmond ein paar Knochen in die Erde zu geben, oder hatte es versäumt, die Glockenzauber ins Blätterdach zu hängen, um vor heftigem Wind zu warnen. Oder sie hatte die falschen Schutzworte gemurmelt, als die Lufttemperatur sich dem Gefrierpunkt näherte, sodass die Trauben auf sich selbst gestellt blieben. Grand-Mère vollführte während ihrer Erzählung abwehrende Gesten, als bereite ihr der Gedanke, alt zu werden, körperliche Schmerzen. Es war ein Schlag für ihr Ego, ihre Verletzlichkeit einzugestehen, doch sie wusste, dass die Weinberge wegen ihrer nachlassenden Kräfte gelitten hatten. Es dauerte nicht lange, bis die Verkaufszahlen des Weinguts wegen der schlechten Jahrgänge einbrachen und die Leute begannen, davon zu sprechen, dass Château Renard vom rechten Weg abgekommen war.
Schon allein das Versagen, die Weinberge zu schützen, war eine Schande für eine so bekannte Weinhexe wie Madame Gardin. Doch der größte ihrer Fehler hatte darin gelegen, ihre Steuern nicht zu zahlen. Die Natur war anpassungsfähig und glich Fehler aus, doch die Regierung war strikt in der Forderung ihres Anteils. Château Renard, eines der ersten Häuser, das in diesem Tal Wein produziert hatte, befand sich plötzlich in der Position, drei Jahre Steuern nachzahlen zu müssen – ohne Geld, um die Schulden zu begleichen.
„Sie haben damit gedroht, das Land zu beschlagnahmen“, sagte Grand-Mère mit einem Seufzen. „Haben vorgeschlagen, dass ich verkaufe und den Ruf der Renards rette, soweit es noch möglich ist.“
Die Nachrichten schmeckten so bitter wie der Wein. Und nichts davon ergab Sinn. Die Weinberge waren seit zweihundert Jahren von einer Generation zur nächsten weitervererbt worden. Ihr Ruf fußte auf einer langen Geschichte herausragender Weine, einem wunderbar reichhaltigen terroir und der stetigen Fürsorge hingebungsvoller Weinhexen. „Es muss ein Missverständnis dahinterstecken. Eine Art Missgeschick“, sagte Elena, weil sie es nicht glauben wollte. „Grand-Père hat genug Geld zurückgelegt, um ein oder zwei schlechte Jahre zu überstehen.“
„Ich gebe nicht gerne zu, wie schlecht ich die Dinge ohne deine Hilfe verwaltet habe. Ich dachte, ich besäße die Gabe noch, doch anscheinend ist mein Hirn so vertrocknet wie ein alter Apfel.“
„Du musst doch sicherlich Mahnungen wegen der Steuern erhalten haben?“
„Nun, sicher. Und ich weiß, dass ich gewisse Summen bezahlt habe. Doch laut den Briefen war es nie genug. Die ganze Sache hatte einen fauligen Geruch“, sagte Grand-Mère kopfschüttelnd. „Besonders, als Bastien aufgetaucht ist, um ein Angebot für das Anwesen abzugeben.“
„Er hat es gewagt, seine Visage hier zu zeigen? Nach dem, was er getan hat?“ Elena vergrub die Fingernägel so heftig in ihren Handflächen, dass sie damit rechnete, Blut zu sehen. „Er hat versucht, Château Renard zu kaufen?“
„In den letzten Jahren hat er im ganzen Tal vom Niedergang bedrohte Weingüter aufgekauft. Es hat nicht lange gedauert, bis er hier aufgetaucht ist, Geld in der einen und eine Flasche Wein in der anderen Hand. Seinen Wein.“ Grand-Mère schnaubte abfällig. „Es war eine sehr kurze Begegnung.“
Elena konnte nur den Kopf schütteln. Alles, was dieser Mann tat, schrie nach Gier und Verrat. Und jetzt hatte er versucht, den Ort zu kaufen, an dem ihr Herz, ihr Blut und ihre Seele sich mit der Erde verbunden hatten. Wenn es eine Hoffnung gab, an der sie sich festklammern konnte, dann die, dass es ihm nicht gelungen war, Château Renard zu stehlen.
Elena legte einen Arm um Grand-Mères Schultern, um sie zu beruhigen. „Es ist nicht zu spät. Jetzt, wo ich wieder zu Hause bin, können wir das in Ordnung bringen. Wir werden das Geld irgendwie aufbringen.“
„Nein, du verstehst nicht. Ich habe Château Renard verkauft.“
„Verkauft? Aber das ist unmöglich. An wen?“
„An mich“, sagte Jean-Paul, der mit einer Flasche Wein und zwei zusätzlichen Gläsern in den Türrahmen getreten war.

Die verborgene Welt der Magie

Blick ins Buch
Mystische MächteMystische MächteMystische Mächte

Bitter & Sweet

Jillian wünscht sich nichts sehnlicher, als ein ganz normaler Teenager zu sein – leider ohne Erfolg. An ihrem 17. Geburtstag erfährt sie von ihrer Tante, dass sich ihre seltsamen Fähigkeiten auf ihre Abstammung als Hexe zurückführen lassen. Kurz darauf findet sie sich in einer Welt wieder, in der Vampire, Werwölfe und Dämonen keine Fantasiegespinste mehr darstellen, und muss sich in der vollkommen neuartigen Umgebung der Winterfold Akademie zurechtfinden. Doch selbst unter Hexen ist Jillian keineswegs so normal, wie sie anfangs gehofft hatte. Glücklicherweise lernt sie zum ersten Mal in ihrem Leben Freunde kennen, die ihr zur Seite stehen, als sie sich zu allem Übel auch noch unglücklich verliebt. Doch alles ändert sich, als es in der Umgebung zu vermehrten Dämonenangriffen kommt ...

Kapitel 1

 

Ich lag auf meinem Bett und starrte an die kleinen, fast un­sichtbaren Risse an der Zimmerdecke, während ich mich meinen düsteren Gedanken widmete. Die Stimme von Pink dröhnte durch die Kopfhörer in meinem Ohr, sie schmetterte ihren traurigsten Song mit einer unendlichen Hingabe. Ja, ich badete im Selbstmitleid !
Zwei Wochen noch bis zum Ende der Ferien, dann würde ich mein neues Leben beginnen. Seufzend schaute ich zu meinem halb fertig gepackten Koffer, der wie bestellt und nicht abgeholt in der Ecke stand und darauf wartete, gefüllt zu werden.
Ich ließ den Blick durch mein Zimmer gleiten und die Atmosphäre auf mich einwirken. Die Wände waren in warmen Orangetönen gestrichen, und auf dem Regal zwischen der Glasfiguren-Sammlung und dem Schreibtisch gegenüber meinem Bett türmten sich unzählige Bücher und Zeitschriften. Es war schon das zweite Zuhause, das ich bald verlassen musste. Ich stand schwerfällig von meinem breiten Bett auf, schlenderte zu dem Bücherstapel und zog ein uraltes, zerfleddertes Kinderbuch hervor. Staub kitzelte in meiner Nase und ich konnte gerade noch ein Niesen unterdrücken. Das Buch handelte von der kleinen Fee Trixi. Meine Mutter hatte mir vor ihrem Tod daraus vorgelesen, einige der wenigen Erinnerungen, die ich an sie hatte. Auf der ersten Seite klebte ein Foto von unserem alten Haus, vor dem Mum Arm in Arm mit meinem Vater stand.
Nun lebte ich woanders, und dieses Zimmer hier war zu meinem Rückzugsort geworden. Auf dem Boden lagen einige Klamotten verstreut, obwohl ich für gewöhnlich Ordnung hielt, und an einigen Stellen klebte noch der Klebestreifen, mit dem meine Poster berühmter Comic-Helden angebracht gewesen waren und die ich vor Kurzem erst entfernt hatte. Ich wurde schließlich auch einmal erwachsen. Somit sah es hier aus, wie es eben in einem normalen Zimmer bei einem normalen Mädchen von siebzehn Jahren aussieht.
Nur dass ich nicht normal war. Nicht dass ich es nicht versucht hätte, das hatte ich. Das tat ich immer noch. Aber seit ich denken konnte, war ich anders als die anderen Kinder, denen ich begegnete. Vielleicht lag es daran, dass ich von meiner verrückten Tante aufgezogen wurde. Vielleicht aber auch daran, dass ich eine Hexe war. Jedenfalls sagte das Tante Amalia.
Etwas benommen ließ ich das Buch in meinen Koffer
fallen. Es nützte nichts, ich konnte heute einfach nicht still sitzen. Diese innere Unruhe hatte mich jetzt schon seit Tagen gepackt. Und mit jedem Tag, mit dem der 5. August näher rückte, wurde es schlimmer. Etwas planlos lief ich durch mein Zimmer und sammelte eine rote Hose auf, nur um sie wieder achtlos aufs Bett fallen zu lassen.
Als ich am Fenster vorbeikam, warf ich einen Blick nach draußen. Dunkle Wolken rollten schwerfällig über den Him­mel und nahmen der Sonne jegliche Kraft. Ich seufzte innerlich. Aber was sollte man in Langfield, einer Kleinstadt in Südengland, auch anderes erwarten. Ich drückte die Stirn gegen die angenehm kühle Scheibe und sah in unseren Vorgarten.
Tante Amalia hatte schon immer einen eigenen Stil, der sich auch, zum Leidwesen aller Nachbarn, in unserem Garten zeigte.
Ich liebte diesen Ort. Allerlei Gewächse und Pflanzen ließen ihn zu jeder Jahreszeit blühen, überall hingen Zierkugeln, Solarleuchten und Bänder in den zahlreichen Obstbäumen.
Doch das Schönste war : Niemand konnte einen von der Straße aus beobachten, da der hohe Holzzaun mit dem dichten Efeubewuchs die Sicht hinderte. Das war es auch, was die Nachbarn so störte. Nicht die Tatsache, dass Tante Amalia ihr eigenes grünes Paradies geschaffen hatte, sondern dass sie ihre Neugier nicht befriedigen konnten. Klatsch und Tratsch über die Nachbarn gehörte zum Alltag. So war es hier nun einmal. Hier war jeder perfekt. Zumindest gab es jeder vor. Die Häuser in der Straße glichen sich, und die Vorgärten waren ähnlich einem Schachbrett aneinandergereiht und gut sichtbar für jedermann. Natürlich mit perfekt gemähtem Rasen.
Unser Haus dagegen war eben anders. Und wir waren anders, weshalb wir gemieden wurden.
In der Schule war ich immer nur das seltsame Mädchen aus dem letzten Haus der Jefferson Street. Das Mädchen, deren Eltern kurz nach ihrer Geburt umgekommen waren. Das Mädchen, deren Tante überall Amulette und Kräuter aufhängte, um böse Mächte abzuwehren. Das Mädchen, um das herum seltsame Dinge passierten.
Ich wandte mich vom Fenster ab und machte mich auf den Weg durch den Flur, die Treppe hinunter und in die Küche. Seit Tagen verspürte ich keinen Hunger, doch heute machte sich ein kleines Grummeln in meinem Magen bemerkbar.
Meine Tante, Amalia Bailey, stand am Tresen und zündete wieder eines ihrer zahlreichen Räucherstäbchen an. Die kühle Brise aus dem geöffneten Fenster wehte den Lavendelduft zu mir herüber und kündigte gleichzeitig Regen an. Überall in unserem Haus hingen Glücksbringer und Amulette, die Einrichtung war eine Mischung aus Altem und Neuem, darunter auch einige kuriose Stücke. Die antiken Möbel und die selbstgemachten Dekorationen aus schimmernden Materialien sorgten nicht nur für Gemütlichkeit, sondern strahlten auch eine verhaltene Eleganz aus, sagte Amalia immer. Ich betrachtete es eher als vollgestopft mit allerlei Schnickschnack, aber mit der Ge­­mütlichkeit hatte sie recht. Als ich eintrat, schaute sie kurz auf und lächelte.
„ Hallo, Schatz, hast du Hunger ? Ich wollte gerade Sandwiches machen. “
Ich nickte und setzte mich an den Tresen. „ Ja, danke. “
Während sie die Zutaten zusammensuchte, beobachtete ich sie. Sie war die Schwester meiner Mutter Silva, und ob­­wohl Tante Am schon auf die fünfzig zuging, sah sie immer noch äußerst gut aus. Sie war groß und schlank, und während Mum und sie kurze rote und lockige Haare hatten, fielen mir meine in einem dunklen Braun über die Schultern. Nur unsere Augen hatten dieselbe Farbe, ein schimmerndes Grün, das an saftige Wiesen erinnerte.
Tante Am schaute mich an und runzelte die Stirn. „ Du siehst aus, als hättest du tagelang nicht richtig geschlafen, Liebes ! Machst du dir etwa immer noch Gedanken wegen der Akademie ? “
Sofort bildete sich wieder der Kloß in meinem Hals, und ich konnte nur nicken. Tante Amalia sah mich mitleidig an.
„ Jillian, du wirst es schaffen. Wenn du erst unter deinesgleichen bist, dann wirst du ganz schnell Freunde finden. “
„ Schon, aber es ist so weit weg . . . “ Und da sind Monster. Ich schob den letzten Gedanken beiseite. Genau genom­men wusste ich nicht einmal, wo sich diese Schule genau be­fand. Irgendwo in Englands Wäldern, versteckt vor den Menschen. Man konnte es nicht einmal richtig Schule nennen. Eher ein Internat. Oder ein Trainingslager. Irgendetwas da­­zwi­schen.
Obwohl ich in der Highschool und der Stadt nie wirklich Anschluss gefunden hatte, konnte ich hier immer noch in unser Haus und den liebevoll gestalteten Garten flüchten. Ich lebte bei Tante Amalia, seit ich denken konnte. An meine Eltern konnte ich mich nicht erinnern, aber Tante Am versuchte seit jeher, mir ein guter Ersatz zu sein. Ich liebte ihre fürsorgliche Art und fühlte mich geborgen in ihrer Nähe. Und nun sollte ich woanders wohnen ? Ich wusste ja nicht einmal, was dort auf mich zukommen sollte.
„ Ach Jill, als ich in deinem Alter war, ging es mir genauso. Doch diese Schule ist wirklich etwas Besonderes, und du brauchst diese Ausbildung, um dich zu schützen ! Es wird nicht lange dauern, dann hast du dich dort eingelebt. Glaub mir, es gibt dort so viel zu entdecken ! “
Sie lächelte mir aufmunternd zu und hoffte, meine Neugier geweckt zu haben. Ich brachte es nicht übers Herz, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Tapfer lächelte ich zurück und nahm das Sandwich entgegen, das sie mir reichte. Bloß schnell raus hier, bevor die Fassade bröckeln konnte.
„ Ich gehe noch in die Bibliothek. Soll ich auf dem Rückweg etwas aus dem Supermarkt mitbringen ? “
Mit einer Hand versuchte ich, mir meine Jacke überzuziehen, ohne das Sandwich fallen zu lassen. Der leichte Anflug von Hunger war wie weggeblasen.
„ Nein danke, Schatz, aber bleib nicht so lange weg. Man sollte meinen, du hast schon alle Bücher gelesen, so oft, wie du in den letzten Wochen dort warst. “ Tante Am schüttelte amüsiert den Kopf und wandte sich wieder den Sandwiches zu. Im Flur warf ich einen kurzen Blick in den Garderobenspiegel.
Grüne Augen blickten mir aus einem bleichen, schmalen Gesicht entgegen. Im Großen und Ganzen war ich mit meinem Aussehen zufrieden, auch wenn ich mir nie besonders viel aus Make-Up und Mode gemacht hatte. Meine dunkelblaue Jeans, der schwarze Pullover und die dünne Leder­­jacke waren weder richtig angesagt noch aus der Mode ge­­kommen. Im letzten Jahr hatte ich mir ein Nasenpiercing stechen lassen, einfach weil mir der kleine Ring gefiel und ich wenigstens ein bisschen auffallen wollte. Und weil ich zugegebenermaßen eine Trotzphase hatte, die jedoch schnell vorbei war. Hätte ich doch vorher gewusst, wie das wehtut !
Ich ging nach draußen, und sofort fing der leichte Nieselregen an, meine Haut zu durchnässen. Ich machte mir nicht die Mühe, einen Schirm mitzunehmen. Wenn man in Langfield aufwuchs, gewöhnte man sich daran, ständig nass zu werden. Ich atmete tief durch, in der Luft hing noch immer der Geruch nach frisch gemähtem Gras. Langsam schlenderte ich die Straße entlang, die Blicke der Nachbarn aus den Fenstern wohlweislich auf mir spürend. Provokativ klatschte ich mein Sandwich in eine der Tonnen am Straßenrand. Sollten sie sich doch aufregen.
Tante Am hatte recht. Seit meinem siebzehnten Geburtstag im Juni war ich jede freie Minute in der Bibliothek ge­­wesen, um alles über Mythologie und magische Wesen zu lesen, was ich finden konnte. Kein Wunder nach dem, was meine Tante mir an diesem Tag eröffnet hatte. Noch heute fragte ich mich, ob es nicht doch alles ein riesengroßer schlechter Scherz war. Doch ich wusste es besser. Ich ließ den Abend meines Geburtstags Revue passieren.
Ich saß mit Tante Am auf dem kuscheligen Sofa und packte die Geschenke aus. Nachdem ich mich gebührend über meinen neuen iPod von Tante Am gefreut hatte, wandte ich mich dem letzten kleinen Päckchen zu. Es stellte sich he­­raus, dass es eine kleine silberne Kette mit einem runden Anhänger enthielt, der in einem dunklen Blau schimmerte. Die Kette war in ihrer Schlichtheit wunderschön, und ich legte sie sofort um den Hals, wo sie sich an die Kuhle zwischen meinen Schlüsselbeinen schmiegte.
„ Sie gehörte deiner Mutter. Du hast sie an dem Abend getragen, an dem man dich zu mir brachte, und ich habe sie für dich aufbewahrt. Sie dient dem Schutz vor der Dunkelheit und hat magische Kräfte. “
Ja klar, Tante Am und ihr Magiefimmel wieder. Trotzdem freute ich mich wahnsinnig. Ich hatte nur sehr wenig, was mich an meine Eltern erinnerte. Durch ein paar alte Bilder wusste ich nur, wie sie ausgesehen hatten, aber jedes Mal, wenn ich Tante Am nach ihnen fragte, begann sie zu weinen. Ich berührte den kühlen Stein an meinem Hals und lächelte – bis Tante Am die Bombe platzen ließ.
„ Jill, es ist an der Zeit, dir von der verborgenen Welt und deinen Fähigkeiten zu erzählen, auch wenn es mir lieber wäre, ich könnte dich noch einige Jahre damit verschonen. “
Ich sah einen Augenblick lang einen traurigen Ausdruck in ihren Augen, vielleicht war es aber auch der Schein des Kaminfeuers.
„ Du wurdest als Hexe geboren. “
Stille. Ich schaute sie einen Moment lang verwirrt an, dann räusperte ich mich.
„ Wie bitte ? “
War sie jetzt völlig durchgeknallt ? Ich hatte ja schon so eine Vermutung, aber das ging nun wirklich zu weit. Ich wusste nicht, ob ich es als Scherz abtun und lachen sollte, oder ob ich mir ernsthaft Sorgen um Tante Am machen musste.
„ Ich wünschte, es wäre anders, mein Kind “, entschuldigte sie sich, und diesmal war ich mir sicher, den Unmut darüber in ihren Augen lesen zu können. Und dann begann sie zu erzählen. „ Es gibt sie alle, ob Fee oder Kobold, Vampir oder Werwolf. Wir gehören zu den Verborgenen. Du bist eine Hexe, genau wie deine Mutter es war und ich es bin. Es mag unglaublich klingen, aber wenn du tief in dein Innerstes schaust, dann weißt du, dass es stimmt. “
Ich schaute sie nur weiterhin mit großen Augen an. Ich wusste nicht, was ich denken sollte. Klar war ich schon immer anders, es passierten ständig unheimliche Sachen in meiner Nähe, aber das ? ! Nie im Leben . . .
Gerade wollte ich zu einem Protest ansetzen, als Tante Amalia mit einem Mal sämtliche Lichter im Raum ausgehen ließ. Selbst das Feuer im Kamin erlosch in einem Atemzug. Vor Verblüffung blieben mir die Worte auf der Zunge liegen. Mein erster Gedanke galt einem Stromausfall, doch dann bildete sich langsam eine Kugel aus gleißend hellem Licht vor mir und wurde etwa so groß wie ein Fußball, der den ganzen Raum erleuchtete. Sie schwebte da einfach so, und mir blieb die Spucke weg.
„ Was ist das denn ? “
Mit einem Mal erlosch die Kugel, und sowohl die Lampen als auch der Kamin strahlten wieder das übliche gedämpfte Licht aus. Toller Trick !
„ Das ist es, was wir Hexen können “, erklärte Tante Am, „ aber all das Zeug, das die Sterblichen mit Zauberei verbinden, ist ausgedachter Unfug. Wir können keine Hasen aus Hüten zaubern, weiß der Geier, wie sie darauf kommen. Aber wir verfügen über eine Energie, die sich mit der richtigen Ausbildung lenken und beherrschen lässt. Das Licht, das du gerade gesehen hast, war ein Energiebündel. “
Ich schwieg lange, während die Uhr auf dem Kaminsims unaufhörlich vor sich hin tickte. Tante Am gab mir Zeit, um über das Gesagte nachzudenken. Ich wartete immer noch darauf, dass sie „ April, April ! “ rief und sich köstlich über ihren gelungenen Scherz amüsierte. Aber woher kam dann das, wie nannte sie es gleich, Energiebündel ? Für einen Mo­ment lang zog ich es ernsthaft in Erwägung, ihr ein Stück weit zu glauben.
War es das also ? Der Grund, warum in meiner Nähe ständig Dinge platzten, wenn ich zornig wurde. Und der Grund, warum Tante Am mein Leben lang versucht hatte mir beizubringen, meine Gefühle zu beherrschen. Wow, das war ja mal eine Neuigkeit. Nicht, dass ich sie wirklich geglaubt hätte.
„ Also gut, nehmen wir mal an, ich bin eine Hexe . . . “
Es hörte sich einfach nur total albern an, doch irgend­etwas gab mir das Gefühl, heute einige der Antworten zu finden, die ich schon seit Jahren gesucht hatte. Die Antwort auf die Frage, wer oder was ich war.
„ . . . wieso hast du es mir nicht schon früher gesagt ? “
„ Um dich zu schützen, mein Kind “, lenkte Tante Amalia ab.
„ Wovor ? “ Jetzt wollte ich auch alles wissen.
Tante Am seufzte und goss sich eine Tasse dampfenden Tee aus der Porzellankanne ein, die auf dem kleinen Couchtisch vor uns stand. „ Vor den Dämonen . . . “
Mir schwirrte der Kopf. Jetzt auch noch Dämonen ?
„ Oder vielleicht sollte ich lieber Halbdämonen sagen. Wir nennen sie Chímairas oder Mairas. “
„ Aha . . . und wo kommen die Halbdämonen her ? Und vor allem, was ist die andere Hälfte ? “
Tante Am zog ein Gesicht, als wollte sie über dieses Thema lieber nicht sprechen. Trotzdem versuchte sie, es mir zu er­­klären. „ Die Mairas sind entstanden aus Dämonen und Menschen, durch die Dummheit machtgieriger Dämonenbeschwörer. “ Sie schüttelte angewidert den Kopf. „ Mairas sind böse und machen Jagd auf alles, was auch nur ein bisschen Intelligenz besitzt. Sie sind einzig und allein auf der Welt, um anderen das Leben auszusaugen und sich davon zu ernähren. “
Ich starrte sie stumm an. Oh Gott, heute Nacht würde ich mit Sicherheit kein Auge zumachen. Es hörte sich wie ein schlechter Horrorfilm an. Moment mal. Begann ich wirklich, diesen Unfug zu glauben ?
„ Müssten dann nicht ständig irgendwelche Leute verschwinden ? “, fragte ich skeptisch.
» Ab und zu tun sie das, aber wir sind Gott sei Dank nicht schutzlos. Die Verborgenenorganisation kümmert sich da­­rum. «
Die wer ? War das eine Art Polizei ? Doch bevor ich fragen konnte, erzählte sie mir schon von der Welt, deren Existenz ich bisher nicht einmal erahnt hatte.
Die Verborgenenorganisation, im Allgemeinen nur VO genannt, war tatsächlich so etwas wie eine eigene Regierung unter den Übernatürlichen, die für die Verwaltung, den Schutz vor Dämonen und die Geheimhaltung vor den Normalsterblichen zuständig war.
Tante Am beschrieb auch die Schule, die ich ab August be­­su­chen würde. Die Schule für Freaks, schoss es mir durch den Kopf, bis mir einfiel, dass ich ja angeblich auch dazugehören sollte. Ich hatte an diesem Abend noch tausend Fragen, doch irgendwann hatte ich das Gefühl, mein Kopf würde jeden Moment platzen, und verkroch mich in meinem kuscheligen Bett. Das war einfach alles zu absurd, um wahr zu sein. Und doch hatte ich die Energiekugel von Tante Am gesehen. Kopfschüttelnd schloss ich die Augen mit dem Gedanken, dass mein Leben wirklich noch sehr interessant zu werden schien.

Deutschland im 15. Jahrhundert

Hexenhammer

Historischer Roman

Deutschland im 15. Jahrhundert: Der Inquisitor Heinrich Institoris verfasst die berüchtigte Schrift „Der Hexenhammer“, eine verheerende Anleitung zur Hexenjagd. Immer mehr unschuldige Frauen sterben auf dem Scheiterhaufen. Doch erst als ein junger Mönch seine Jugendliebe wiedertrifft, die als Hexe angeklagt wird, zweifeln er und die Menschen um ihn herum an dem fanatischen Inquisitor …
In den Warenkorb