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Romane über Hexen und Zauberer

Zauberer, Hexen und Magier

Magisch, mystisch und bezaubernd: Zauberer, Hexen und Magier jeder Art faszinieren seit jeher.. Unsere Romane entführen in die fabelhaften Welten von Zauberschulen und Hexenzirkel. 

Hexen, Ghule und Naturgeister

Blick ins Buch
Lady of the WickedLady of the Wicked

Das Herz der Hexe

Darcia Bonnet will zur Herrin der Wicked werden, der finstersten Hexenseelen, um mit deren Macht ihre Schwester aus dem Jenseits zurückzuholen. Doch dazu muss sie dreizehn Hexen töten. Während Darcia in den verwinkelten Straßen von New Orleans unerbittlich Jagd auf Hexen macht, kommt ihr Valens Mariquise in die Quere, auf dem ein grausamer Fluch lastet. Darcia könnte seine letzte Hoffnung sein. Die beiden Verdammten schließen einen Pakt – und müssen erkennen, dass ihre Schicksale nun auf Gedeih und Verderb miteinander verknüpft sind ...

I
DARCIA


Das Herz der Hexe pulsierte in meiner Hand.
Ich drückte zu.
Das Gefühl des menschlichen Organs an meiner Haut überwältigte mich. Übelkeit stieg in mir auf.
In dieser Sekunde wäre jedes Zeichen von Schwäche tödlich, deshalb atmete ich tief durch die Nase ein und hielt meinen Blick auf das Gesicht der Hexe gerichtet. Ihr Mund war weit aufgerissen, in ihren Augen spiegelte sich meine dunkle Maske wider, wirkte verzerrt und monsterhaft.
Ich lächelte.
„Du warst zur falschen Zeit am falschen Ort“, sagte ich, obwohl es gelogen war. Ich hatte sie wochenlang verfolgt, war tagsüber in ihre Wohnung geschlichen und hatte mich nachts auf die Lauer gelegt. Am Ende hatte es keinen Aspekt ihres Lebens gegeben, der mir unbekannt gewesen wäre. Kein Geheimnis, das ich nicht aufgedeckt hätte. Keinen Atemzug, der mir entgangen wäre.
Wochen vorher war mir die Hexe zufällig aufgefallen, als ich aus einem Café getreten war. Ein Blick über meinen Kaffeebecher hinweg in ihre glasigen Augen hatte ausgereicht. Er hatte mir gezeigt, dass sie Magie ausübte. Nachdem ich mich umgesehen hatte, bemerkte ich ein Pärchen, das sich lautstark stritt. Ein Lächeln zierte die dunklen Lippen der Hexe, als sich das Paar gegenseitig wüste Beschimpfungen an den Kopf warf, um dann getrennte Wege zu gehen. Die Hexe war eine Unruhestifterin, die sich in das Leben ahnungsloser Menschen einmischte.
Ich folgte ihr aus dem French Quarter von New Orleans hinaus in die Esplanade Avenue und meine Befürchtung bestätigte sich. Die Hexe gehörte einem der Zirkel an, der sich ausschließlich dunkler Magie bediente. Für sie bedeutete dies grenzenlose Macht – und für mich?
Für mich war sie damit zu meinem nächsten Opfer geworden.
Das Blut wärmte meine Hand.
Mit einem Ruck zog ich das Herz aus der Brust der Hexe. Ein letzter Schlag. Im nächsten Augenblick kippte der leblose Körper zur Seite und ich blickte in das gähnende Maul der mit Hyazinthen bewachsenen Gasse.
Ein weiteres Herz. Ein weiterer Schritt hin zu meinem Ziel.
Das schrille Lachen einer Frau riss mich aus meinen Gedanken und ich erkannte mit Schrecken, dass ich eingenickt war.
Stirnrunzelnd rief ich mir meine Situation in Erinnerung. Ich hockte zwischen einem dunkelblauen SUV und einer Rotzeder eingequetscht, um die dreizehnte und somit letzte Hexe, die ich für meinen Plan benötigte, zu beobachten. Unglückseligerweise war sie vor einer ganzen Weile in ihrem weiß getünchten Haus mit der heruntergekommenen Veranda verschwunden und ich hatte den Kampf gegen meine Müdigkeit verloren. Mit offenen Augen war ich in die Vergangenheit gesunken.
Als ich mich halb aufrichtete, um meine eingeschlafenen Glieder zu schütteln und zu strecken, hörte ich das Lachen erneut und ging sofort wieder in Deckung. Die Hexe, Jemma, war aus ihrem Haus getreten. Mit der einen Hand schloss sie die blaue Eingangstür ab, mit der anderen hielt sie sich ihr Telefon ans Ohr. Ihr Lachen erklang ein weiteres Mal, bevor mich die Gesprächsfetzen, die zu mir herüberwehten, darüber aufklärten, dass sich die Unterhaltung dem Ende zuneigte. Sie wünschte der anderen Person einen schönen Abend und legte auf.
Es kribbelte in meinen Fingern.
Ich folgte Jemma die hell erleuchtete Straße entlang, taumelte von Schatten zu Schatten, da sich meine Knie noch wacklig anfühlten, und suchte fieberhaft nach einem Grund, die Sache nicht jetzt schon zu beenden. Natürlich, ich hatte bei Weitem nicht so viel Zeit darauf verwendet, Jemma zu beobachten, wie bei den zwölf Hexen vor ihr, aber ich kannte mittlerweile ihren Alltag, wusste um ihre schwarze Magie und ahnte, dass sie abgesehen von ihren Zirkelhexen über keinerlei soziale Kontakte verfügte. Es könnte heute geschehen.
Ich könnte die erste Phase des Rituals mit ihrem Herzen abschließen.
Noch eine Nacht.
Mein Herz klopfte heftig, als Jemma in eine dunkle Straße einbog, die auf der einen Seite an fensterlose Hauswände grenzte und auf der anderen an das Ufer des Mississippis. Jemma fühlte sich sicher. Als zweiundvierzigjährige, mäßig talentierte Hexe zu sicher. Sie hatte ihr mausbraunes Haar mit einer rosa Schleife zurückgebunden, der einzige Farbtupfer, den sie sich erlaubte. Graue Stoffhose, grauer Mantel, graue Schuhe bildeten den Rest ihres Outfits. Nichts Auffälliges. Nichts, das sie als böswillige Hexe gebrandmarkt hätte. Trotzdem wusste ich, dass sich auf ihrer Haut mehrere Tattoos verbargen. Zirkelhexen neigten dazu, sich gegenseitig zu markieren, um ihre ewig andauernde Zugehörigkeit erkennbar zu machen.
Als ich mich am Anfang der Straße an die Mauer presste, fiel mein Blick auf meine eigenen tätowierten Hände. Ein großer Hirschkopf prangte auf meinem linken Handrücken und jeder einzelne meiner Finger war mit Runen, Symbolen der Elemente und bestimmten Zaubern übersät. Striche, Augen, Pfeile, Punkte und Kreise. Immerhin besaßen sie eine tiefere magische Bedeutung und schützten mich vor den meisten Flüchen, die Hexen und Waiżen, Hexen mit besonderer Affinität für Flüche, gegen mich verwenden würden.
Jemma stand dem Ufer zugewandt und blickte auf das ruhige Gewässer hinaus. Die Mondsichel schien hell auf uns herab, erleuchtete die nebelverhangene Nacht.
Ich ließ mich hinreißen.
Der Ort war noch weit genug von der St Charles Avenue entfernt, wo sich die meisten Hexen aus den Zirkeln herumtrieben, wenn sie nicht einen der achtzig Friedhöfe aufsuchten. Keine Menschenseele befand sich in unserer unmittelbaren Nähe.
Jetzt.
Ich umfasste einen der Flüche, der fein säuberlich verpackt in einem der handtellergroßen Jutebeutel an meinem Gürtel befestigt war. Flüche setzten sich aus mineralischen und pflanzlichen Bestandteilen zusammen, die in langwierigen Prozessen miteinander verbunden wurden. Diesen Fluch löste ich langsam von der Schlaufe. Als Hexia, Halbhexe, war ich nicht sonderlich begabt, was Flüche und Zauber anging. Meine Spezialität war eher das Brechen von ebenjenen Flüchen und das Heilen von körperlichen Beschwerden. Mit genügend Vorbereitungszeit konnte selbst ich jedoch einen Unbeweglichkeitsfluch herstellen. Das Buch einer dreihundert Jahre alten Voodoohexe hatte mir dabei bisher gute Dienste geleistet.
Ich trat einen Schritt vor und begab mich dadurch in Sichtweite der Hexe.
Nicht mehr Jemma.
Keine eigenständige Person.
Ich musste sie einzig und allein als bösartige Zirkelhexe sehen, um das zu tun, was getan werden musste.
Die Erinnerung der letzten zwölf Male holte mich ein. Blut. So viel Blut. Jedes Mal ein gellender Schrei und das Flehen, das es nie über die Lippen schaffte. Die Wärme der Herzen, das hektische Klopfen, als würde ich einen kleinen Vogel in meiner Hand halten. Grenzenlose Macht gefolgt von dem Geruch nasser Erde, freigesetzt durch alte Magie …
„Wer …?“ Als sie meine Bewegung wahrgenommen hatte, drehte sie sich zu mir um. „Darcia? Was machst du hier?“
Überrascht hielt ich inne. Ich hatte nicht damit gerechnet, erkannt zu werden. Ein großer Fehler.
Du hast zu überstürzt gehandelt. Dir war nicht klar, dass sie von dir gehört, dich schon mal gesehen hat.
Es änderte nichts. Ich würde heute, jetzt, handeln müssen, sonst wäre all meine Vorbereitung für die Katz gewesen. Mein Griff um den Beutel wurde fester und ich konnte das Prickeln in seinem Inneren fühlen. Ein so starker Fluch wurde nach einer Weile ungeduldig, flehte darum, endlich freigelassen zu werden. Wie ein Tier, das man eingesperrt hatte.
Ich machte mich bereit, den Fluch auf die Pflastersteine zwischen uns zu werfen und die Sache damit endgültig in Gang zu setzen, als ich laute Schritte vernahm. Auch Jemma wurde von dem Geräusch abgelenkt und ihr Blick fiel auf jemanden, der sich hinter mir näherte.
Eilig steckte ich den sich kläglich windenden Fluch zurück an meinen Gürtel, um in keiner prekären Situation zu landen, in der ich ihn erklären müsste. Sekunden später tauchte Tieno aus der Nebelwand auf. Jeder seiner Schritte ließ den Grund erbeben, obwohl er für einen Waldtroll ziemlich jämmerlich geraten war.
„Tieno? Was machst du hier?“, rief ich entgeistert und das Herz rutschte mir in die Hose. Die Gelegenheit war vertan. Es war kein Hellseher nötig, um die kommenden Minuten vorherzusehen. Jemma hatte mich erkannt und wusste somit auch, dass Tieno mein Waldtroll war, auch wenn er sich unter dem Schleier eines grobschlächtigen, riesigen Mannes verbarg. Seine wahre Gestalt offenbarte er nur in geschlossenen Räumen und unter seinesgleichen. Gleich blieben jedoch seine schwarzen glatten Haare, die breiten Schultern und das zerfurchte Gesicht mit der platten Nase, die ihn aussehen ließ, als hätte er einen heftigen Schlag abbekommen. Seine langen Beine steckten in einer dunklen Hose, unter deren Saum Wildlederschuhe hervorlugten, die ich ihm alle drei Monate neu kaufen musste, weil er die Sohlen so schnell durchlief.
Der sanfte Riese würde nicht zulassen, dass ich in seinem Beisein eine Hexe schlachtete, und diese Hexe würde sich auf den Weg zu ihrem Zirkel machen, um ihren Schwestern von der seltsamen Begegnung mit der Fluchbrecherin und ihrem Troll zu berichten.
Dies wäre das Ende.
Jemma war ihrem sicheren Tod dank meines Freundes von der Schippe gesprungen.
Ich verfluchte ihn innerlich. Natürlich ohne Magie.
„Wila“, sagte Tieno.
Jemma nutzte die Gelegenheit, um die unbeleuchtete Gasse zu verlassen. Sie warf mir einen letzten argwöhnischen Blick über die Schulter hinweg zu.
Die Wut kochte in mir hoch, aber ich hielt sie im Zaum, da ich Tieno mein Leben verdankte. Er war mein Freund und kannte jedes meiner drei Geheimnisse.
Erstens, ich war eine von der Königsfamilie höchstpersönlich Verstoßene aus Babylon.
Zweitens, in meiner Anfangszeit in New Orleans hatte ich für Seda gearbeitet.
Drittens, ich hatte vor, die Herrin der Wicked zu werden.
„Was fällt dir ein, Tieno?“, murmelte ich mit zittriger Stimme. „Jemma wird ihren Hexen jetzt von mir erzählen und wenn sie demnächst verschwindet, wird jeder sofort an mich denken. Denn sie wissen, dass ich normalerweise einen großen Bogen um Zirkelhexen mache. Ich werde mir ein neues Opfer suchen müssen.“
„Wila“, wiederholte Tieno und hielt mir seine Pranken entgegen. Erst jetzt erkannte ich, dass sich etwas darin verbarg.
Es war eine Wila, die auf ein Tuch gebettet lag und deren Haut so weiß strahlte wie mein Bettlaken. Was mich jedoch schockierte, war ihr kurz geschorenes Haar.
Ich wusste nicht viel über das Volk der Wila. Sie waren weibliche Naturgeister, die ausschließlich in Gruppen lebten und mit dem Element Wasser verbunden waren. Sie galten als wunderschöne Mädchen mit durchsichtigen Körpern und langen Haaren. Der Verlust einer einzelnen Strähne bedeutete bereits ihren unmittelbaren Tod. Obwohl diese Wila offenbar mehr als eine Strähne verloren hatte, bewegte sich ihre durchscheinende Brust noch immer in einem gleichmäßigen, wenn auch langsamen Takt. Nicht tot.
„Sie ist so gut wie tot“, sagte ich trotzdem und stemmte die Hände in die Hüften. Ein kühler Wind wehte unter meinen bis zum Boden reichenden Hüftrock und ließ mich erzittern. Ich ließ die Arme sinken und spielte mit meinem Bauchnabelpiercing. Ein Schutzanhänger, den mir Seda geschenkt hatte.
„Wila.“ Er klang wie eine kaputte Schallplatte. Selten brachte Tieno mehr als Zwei-Wort-Sätze zustande.
„Ich weiß, dass sie eine Wila ist“, erwiderte ich genervt. In meinem Kopf tobte ein Sturm, den ich eilig einzudämmen versuchte. Es war noch nicht vorbei. Ich würde ein neues Opfer finden und das Ritual beenden.
„Leben“, brummte Tieno und streckte mir die Wila erneut hin, unbeeindruckt von meinem zornigen Gesichtsausdruck.
Ich blickte seufzend gen Himmel und leckte mir ergeben über die Lippen.
„Wo hast du sie gefunden?“, erkundigte ich mich und deutete auf die Straßenmündung hinter ihm. Wir konnten uns genauso gut auf den Weg nach Hause machen.
„Esplanade“, brachte er nach mehreren kläglichen Versuchen hervor. Schützend presste er den zierlichen Körper der Wila in seine Armbeuge.
Es war nichts Neues, dass Tieno verwundete Geschöpfe zu mir brachte. Dies war jedoch das erste Mal, dass er sich um ein Schattenwesen sorgte. So nannte man alle nicht-menschlichen Wesen, die kein Hexenblut in sich trugen.
In der Esplanade Avenue hatten sich neben der kreolischen Oberklasse auch die Schwarzen Zirkel angesiedelt. Sie vollführten ihre Rituale in den riesigen Häusern oder schöpften Energien auf den unzähligen Friedhöfen. Das, was mit dieser Wila geschehen war, schrieb ich dieser Art von Magie zu.
Jemand hatte für ein Ritual das Haar eines Naturgeistes benötigt – und es sich genommen, ohne sich um die Konsequenzen zu scheren. Er oder sie hatte sich nicht mal die Mühe gemacht zu überprüfen, ob das Opfer gestorben war.
„Na komm, ich werde versuchen, sie wieder aufzupäppeln“, verkündete ich. „Ich kann dir nicht versprechen, dass sie es schaffen wird, Tieno.“
„Aufpäppeln“, wiederholte Tieno und sein Gang wurde federnder. Ein deutliches Zeichen dafür, dass er wieder guter Stimmung war.
Ich schüttelte den Kopf. Vermutlich hörte die Wila ohnehin auf, zu atmen, noch bevor wir die Dauphine Street erreichten, an der mein Haus stand. Ein Seitenblick in Richtung Tieno hielt mich davon ab, meine Bedenken erneut zu äußern. Der Waldtroll hatte ein zu weiches Herz.
Einer der Gründe, weshalb ich heute noch lebte.



II
VALENS


Ein Monster begegnete meinem Blick.
Die schwarze Kohlezeichnung war eine Monstrosität, direkt meiner linken Hand entsprungen. Auf Papier gebannt aus der Erinnerung. Aus meinem Spiegelbild. Aus …
Ich klappte das ledergebundene Skizzenbuch entschlossen zu und sah mich auf dem ruhigen Lafayette Cemetery um. Nichts anderes außer grauen Grabsteinen, vergessenen Grüften und Familienkrypten.
Mit einer entschiedenen Geste löschte ich die magische Flamme, die mir bis dahin Licht gespendet hatte, um an meinem Meisterwerk weiterzuarbeiten.
Wohl eher Monsterwerk, dachte ich zynisch. Ich sprang vom Grabstein, der mir als Plattform gedient hatte. Die Statue von St Helen sah mich anklagend an, aber ein schlechtes Gewissen konnte sie mir nicht machen. Das hatte meine eigene Skizze schon.
Denn dieses Monster … das war ich. Verflucht bis in alle Ewigkeit.
Eine Zeit lang war ich in dieser Form Nacht für Nacht durch Babylon gestreift und hatte Menschen verletzt, ohne mich am Tag darauf daran erinnern zu können. Die Schreie meiner Opfer verfolgten mich erst, als ich mein Exil angetreten und Babylon für New Orleans verlassen hatte.
Seit ich erkannt hatte, was ich war, gab es keinen Weg zurück in meine Blindheit, in meine Taubheit.
Du hast wieder Hoffnung, erinnerte mich eine Stimme, leise und mit Bedacht. Wie viele Jahre war ich schon auf der Suche nach der Waiża, die mich verflucht und damit mein Leben genommen hatte? Wie viele Wochen hatte ich damit verbracht, jemanden zu finden, der mir helfen konnte, ohne verraten zu müssen, wer ich war? Woher ich kam.
Seufzend schlug ich den kürzesten Weg ein, um den Friedhof zu verlassen. Ich würde noch das Devil’s Jaw aufsuchen, um mir diese so wichtige Information bestätigen zu lassen. Eine Information, die ich vermutlich auch schon vor ein oder zwei Jahren hätte erlangen können, wenn ich nicht derart in Selbstmitleid versunken gewesen wäre.
Der Bruder der Königin – von seiner besten Freundin in die Verbannung geschickt, damit sie ihn nicht töten musste. Wie erbärmlich!
Als würde das tätowierte Herz wissen, dass es nicht mehr lange auf meiner Brust bliebe, brannte es. Ich rieb mit einer Hand darüber. Das Zeichen meines Fluchs. Wie naiv ich gewesen war! So hatte ich angenommen, dass dieses Zeichen der Fluch wäre und nicht etwas, was mich zusätzlich verhöhnen würde. Nein, mein Fluch war die Bestie unter der Haut.
Ein kühler Wind zog vom Mississippi auf, als ich mich am Ufer entlang bewegte, um das Devil’s Jaw zu erreichen. Eine Spielhölle, die von meinem Freund Adnan Marjuri geführt wurde. Er war der Einzige in New Orleans, der wusste, dass ich verflucht war. Nach meiner wahren Identität hatte er mich nie gefragt, doch ich hegte den Verdacht, dass er wusste, dass Hills nicht mein richtiger Nachname war.
Er gehörte außerdem zu den wenigen, die mehrere Spione in Babylon besaßen, und für ihn wäre es ein Leichtes gewesen, eins und eins zusammenzuzählen, als bekannt geworden war, dass der Bruder der Königin für eine längere Reise verschwunden war. Eine fadenscheinige Ausrede, wenn es denn jemals eine gegeben hatte, die durch meine unmittelbare Erscheinung in New Orleans noch schwammiger geklungen hatte. Natürlich hatte ich mich anfangs bedeckt gehalten, aber mein Selbstmitleid hatte mich auf die Straße und schließlich ins Devil’s Jaw getrieben. Ein Etablissement mit mehr als fünfhundert Kunden pro Nacht, die ihr Geld, ihren Besitz und manchmal auch ihre Familie verspielten. Letzteres hatte ich gewollt. Nichts war mir vergönnt gewesen. Daneben fanden hier die wichtigsten und geheimsten politischen Ereignisse der Schattenwelt von New Orleans statt.
Aus irgendeinem Grund hatte Adnan sich meiner angenommen und zwischen uns war eine Art Freundschaft erwachsen, der ich nie ganz traute. Allem voran, weil Adnan nichts tat, das ihm nicht in irgendeiner Weise diente, und ich war mir sicher, dass er Pläne für mich schmiedete, die ich nicht kennen wollte.
Es reichte mir, dass ich regelmäßig den Schergen meiner Schwester entkommen musste. Sie wusste um meinen Fluch und es war ihre Pflicht, mich auszuschalten. Auch drei Jahre nach meiner überstürzten Flucht suchte sie noch nach mir.
Ich betrat die Straße, an der sowohl das Devil’s Jaw als auch das Bordell Seaheart lagen sowie diverse andere zwielichtige Geschäfte, in denen sich nahezu ausschließlich Mitglieder der Schattenwelt aufhielten. Menschen verirrten sich in den seltensten Fällen hierher und wenn sie von einem Haus ins nächste stolperten, dann weil sie bereits von der Existenz der Hexen und Schattengeschöpfe wussten.
Das ehemalige Rotlichtviertel in Storyville hatte sich zum Mittelpunkt der Schattenwelt gemausert, so war es keine Überraschung, dass sich das Devil’s Jaw nicht in ein kleines Haus quetschen ließ. Die Spielhölle thronte auf zwei Plattformen über dem Mississippi. Ihre beiden Gebäudeteile, die jeweils vier Stockwerke umfassten, wurden durch überdachte Stege miteinander verbunden. Die Fassade wirkte kühl und elegant. Geschwungene Fensterrahmen, weißer Kalkstein, der im unteren Bereich von Algen und Moos angegriffen wurde. Adnan gab monatlich ein Vermögen aus, um diese Art von Instandhaltung zu gewährleisten.
Da ich keine goldene Eintrittskarte mehr benötigte, um das Gebäude zu betreten, ging ich den gaffenden Hexen und übernatürlichen Geschöpfen aus dem Weg und mied den Haupteingang. Im Inneren verlief sich die Masse an Leuten üblicherweise und verteilte sich auf verschiedene Räume.
Als ich von dem hölzernen Steg, der mit schwarzem Teppich ausgelegt war, durch einen offen stehenden Nebeneingang hineinging, wurde ich augenblicklich von einem breitschultrigen Mann begrüßt. Ich tippte auf Wald- oder Bergtroll. Er nickte mir zu.
„Raum der Runen“, antwortete er mir auf die unausgesprochene Frage. Jeder von Adnans Angestellten kannte mich, dafür hatte er gesorgt, da sie nicht alle eine lupenreine Reputation besaßen und das eine oder andere Mal ihre eigenen Kunden übers Ohr hauten. Adnan ließ sie gewähren, da er seinen Spaß daran fand.
„Danke“, murmelte ich, ging mit hoch erhobenem Haupt an ihm vorbei und versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, wie unwohl ich mich fühlte. Natürlich, ich hatte Adnan viel zu verdanken, doch das Devil’s Jaw beherbergte Erinnerungen, die ich am liebsten vergessen würde. Eine Zeit, die so schwarz und klebrig war, dass ich mich ihr unter allen Umständen entziehen wollte.
Außerdem hatte ich seit meiner Verbannung mein Bestes gegeben, mich wie jeder andere zu verhalten, um nicht aufzufallen. Nicht länger der privilegierte Prinz, sondern ein normaler Versager.
Der Korridor, den ich betreten hatte, unterschied sich nicht von den anderen. Es gab schwarze Teppiche, goldene Leuchter an den dunklen, mit Holz verkleideten Wänden und hohe, bemalte Decken. Hin und wieder, wenn ich eine weitere Tür passierte, drangen Stimmen oder andere menschliche, vielleicht auch unmenschliche Geräusche an meine Ohren. Jedes Mal bewegte ich mich schneller, da ich nicht das Bedürfnis verspürte, jemanden auf mich aufmerksam zu machen.
Der Raum der Runen war Adnans kleiner Thronsaal. Er genoss das Gefühl, auf seinem geschnitzten Stuhl mit dem purpurnen Kissen zu sitzen. Dort konnte er genüsslich auf diejenigen herabsehen, die gekommen waren, um ihn um einen Aufschub ihrer Schuldenrückzahlung zu bitten.
Auch jetzt saß er auf seinem Stuhl in dem Zimmer mit dem unechten Marmorboden und den schmalen Fenstern, die den Blick in die dunkle Nacht freigaben. Sein Falke, ein bösartiges Tier mit Federn in hundert verschiedenen Brauntönen, hatte sich wie stets auf seiner gepolsterten Schulter platziert und starrte jeden Gast in Grund und Boden. Eine feingliedrige Kette verband seinen Fuß mit Adnans Handgelenk. Jener trug wie so häufig einen Turban in einer kräftigen Farbe, dieses Mal war es Lila; Gold und Diamanten glänzten an etlichen Stelle seines Körpers, der in ein dunkelblaues Gewand gehüllt war. Seine teuren orientalischen Pantoffeln blitzten unter dem Saum hervor.
Adnan wandte sein Gesicht von dem armen Geschöpf, das vor seinem Thron kniete, zu mir. In seinen Augen glitzerte der Schalk und ich hätte beinahe aufgeseufzt. Er genoss dieses Schauspiel viel zu sehr.
„Ich erlasse dir deine Schulden“, sagte er bloß, weil er keine Lust hatte, sich weiter mit dem Mann zu befassen, der daraufhin in laute Danksagungen und Segnungen verfiel, die Adnan wie lästige Moskitos mit seiner freien Hand wegwischte. Dann rieb er sich über den schwarzen Vollbart, bevor er sich auf den Weg zu mir machte. Die rund zwei Dutzend Gäste wagten nicht, ihn anzusprechen, machten ihm Platz und taten so, als würden sie furchtbar wichtige Gespräche untereinander führen.
„Du wirkst aufgewühlt, alter Freund“, begrüßte mich der gefährlichste Mann in New Orleans. Oder Ghul. Denn ein Mann war er im wörtlichen Sinn nicht. Durch seine Adern floss das Blut einer der ältesten Ghulfamilien. Ich wusste nicht viel über sein Erbe, aber es war des Öfteren Gegenstand von Gerüchten gewesen. Man erzählte sich, dass die Gesellschaft der Ghule seinen Einfluss nur widerwillig akzeptierte. Obwohl sie Leichen verspeisten und sich nicht zu schade waren, in verschiedene Gestalten zu schlüpfen, wenn es die Situation verlangte, galten sie als ausgesprochen stolzes Volk.
Ich beobachtete Adnan einen Moment, besah mir den Falken und den silbernen Sicheldolch an Adnans breitem, schmuckverziertem Gürtel, der locker um seine Mitte lag. Er hatte mir nie erzählt, was es mit dem Dolch auf sich hatte, und trug ihn stets bei sich. Im Gegensatz zu anderen Waffen erlaubte er niemandem, ihn zu berühren.
„Der Körper einer weiteren Zirkelhexe wurde angespült“, erklärte ich, während wir den Ausgang ansteuerten. „Sie muss schon seit einigen Wochen tot sein.“
„Lass mich raten …“, Adnan legte seine freie Hand auf die Brust, „… ohne Herz?“
Ich nickte. „Die Anzahl schwarzmagischer Rituale scheint stetig zuzunehmen. Es kann nichts Gutes für uns in New Orleans bedeuten.“
„Interessiert es dich denn, was es für New Orleans bedeutet?“, erkundigte sich Adnan wachsam und warf mir einen eindeutigen Seitenblick zu. Er wusste, dass ich die Sichelstadt nicht als meine Heimat ansah. Das bedeutete allerdings nicht, dass ihr Schicksal mir gleichgültig war.
Wir schritten durch einen langen Korridor und erreichten schon bald die belebte Spielhölle. Der Saal, in dem sämtliche Kunden von einem Kartentisch und Glücksspiel zum nächsten taumelten. In einem immerwährenden Rausch geschaffen von Alkohol, illegalen Drogen und der unvermeidlichen Gier nach mehr. Nach dem größeren Gewinn. Nach dem ultimativen High.
Auch ich war einer von ihnen gewesen. Nun lenkten mich die schwarz-goldene Inneneinrichtung, die glitzernden Kronleuchter und leicht bekleideten Damen genauso wenig ab wie das Klirren von Münzen und Scharren der Plastikchips. Lediglich ein Kribbeln machte sich in meinen Fingerspitzen bemerkbar, das sich dennoch unterdrücken ließ. Ich durfte mich nicht von meinem Vorhaben abbringen lassen – Adnan nach dieser einen Information zu fragen, die mir mein Leben zurückgeben würde.
„Adnan“, sagte ich ernst, als wir eine der vielen Bars erreichten und sofort bedient wurden. Der Ghul bestellte für uns beide einen Scotch, den ich nicht anrührte. „Ich bin hier, weil mir ein Gerücht über eine Frau zu Ohren gekommen ist.“
„Du weißt, dass dies Sedas Geschäft ist. Das Seaheart ist bloß auf der anderen Straßenseite“, witzelte Adnan und stürzte seinen Scotch herunter. Der Falke auf seiner Schulter weitete für einen kurzen Moment seine Flügel, als würde er den Alkoholkonsum seines Herrn nicht gutheißen.
Ich überging seinen Kommentar. „Man munkelt, sie wäre die beste Fluchbrecherin der Stadt.“
„Das steht nicht zur Debatte“, bestätigte Adnan sofort und leerte auch meinen Scotch.
„Du weißt also, wen ich meine?“ Überraschung ließ mich unvorsichtig werden. Ich beugte mich zu Adnan vor und wurde dafür sofort mit einem lauten Krächzen des Falken bestraft. Eilig zog ich mich zurück, behielt den Vogel aber misstrauisch im Auge.
„Darcia, Hexia und Fluchbrecherin“, antwortete Adnan nachdenklich und blickte sich in der gefüllten Halle um. Verschiedene Gerüche, nicht alle angenehm, drangen in meine Nase und mir wurde bewusst, wie schwül es hier drin war. Ich spürte die ersten Schweißtropfen auf meiner Stirn und wischte sie mit dem Handrücken fort.
„Adnan.“ Musste ich ihm denn alles aus der Nase ziehen? Normalerweise machte er sich einen Spaß daraus, mir zu zeigen, wie unwissend ich und wie allwissend er war. Was war dieses Mal anders?
Fast beiläufig legte er eine Hand auf den silbernen Dolch, als sein Blick zu mir zurückkehrte.
„Seda liegt mir schon seit geraumer Zeit in den Ohren. Ihretwegen.“ Er presste die Lippen zusammen, als würde er sich selbst davon abhalten, mir etwas mitzuteilen. Eine Sekunde später war der Moment verstrichen und der Gedanke für mich verloren. „Sie und Darcia sind miteinander befreundet und sie möchte, dass ich ihr mehr Kunden schicke. Aber wieso sollte ich wollen, dass meine Kunden frei von Flüchen sind?“ Er breitete seinen Arm in einer allumfassenden Geste aus. „Es macht sie um vieles leichtsinniger. Das bedeutet gutes Geld für mich.“
„Ist das der Grund, weshalb du mir in all der Zeit nichts von ihr gesagt hast?“, zischte ich, meine Wut kaum im Zaum haltend. Ich konnte nicht glauben, dass er mir Darcias Existenz vorenthalten hatte, obwohl er wusste …
„Ganz ruhig, alter Freund, ich ging von der Annahme aus, dass du die Waiża finden willst, die dich verflucht hat“, erklärte er sich, nur mäßig von meinem Zorn beeindruckt. Warum auch? Er hatte von mir nichts zu befürchten. Wir waren Freunde und auch wenn ich selbst ein Hexer war, so hatte ich ihm in seinem eigenen Reich nichts entgegenzusetzen. Wenn ich selbst ein Waiża wäre, sähe die Sache anders aus. Diese Art von Hexen konnte Körper- und keine Elementarmagie wirken. Waiżen waren dazu imstande, die grausigsten Flüche zu weben, versagten jedoch bei den einfachsten Zaubern einer vollwertigen Hexe. Trotzdem galten sie im Allgemeinen als mächtiger als Hexia, die umgangssprachlich „Halbhexen“ genannt wurden. „Du willst wissen, wo sie wohnt?“ Ich nickte. „Marko?“
Jemand trat hinter meinem Rücken hervor und ich wäre zusammengezuckt, wenn dies nicht bereits einige Male geschehen wäre. Adnans Schatten bewegten sich zu leise, zu unsichtbar. Obwohl ich wusste, dass seine Beschützer immer da waren, sah ich sie selten.
Marko war ein stämmiger Mexikaner, ob übernatürlich oder nicht, konnte ich auf einen Blick nicht sagen. Er hielt mir einen gefalteten Zettel hin, den ich zögerlich annahm. Auf ihm stand eine Adresse geschrieben.
„Woher wusstest du …“
„… dass du danach fragen würdest? Keinen blassen Schimmer. Aber meine Schatten sind meinen Feinden nicht von Natur aus immer einen Schritt voraus“, war seine kryptische Antwort. Ich steckte die Notiz ein und wandte mich zum Gehen, als mich Adnan noch einmal zurückhielt. „Valens, eine Warnung. In den vier Jahren, seit sie hier lebt, hat sie nicht ein einziges Wort über ihre Vergangenheit verloren. Ganz gleich, wen ich fragte, niemand hat sie je zuvor gesehen oder von ihr gehört.“
„Es ist nicht ungewöhnlich, dass unsereins nach einer Verbannung aus der Schattenstadt seine Identität ändert.“ Dies war sogar häufig der Fall.
„Bisher ist mir aber niemand gänzlich ohne Vergangenheit begegnet.“
Adnan, der Alleswisser, war bei ihr auf Granit gestoßen. Außergewöhnlich.
„Du interessierst dich also doch für sie.“
„Ich interessiere mich immer für potenzielle Verbündete. Oder Feinde.“ Er stieß ein tiefes, theatralisches Seufzen aus. „Sei einfach vorsichtig. Wie ich hörte, ist sie nicht gut auf Vollhexer oder Männer im Allgemeinen zu sprechen.“
„Ich will nicht mit ihr sprechen“, erwiderte ich. „Es reicht, wenn sie den Fluch bricht.“

Zarte Liebe, alte Geheimnisse und ein Hauch Magie!

Blick ins Buch
Der Zauber von Wein und LavendelDer Zauber von Wein und Lavendel

Roman

Frankreich, kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert: Üppige Weinberge unter strahlender Sonne, das Gelächter vieler Erntehelfer, ein Gut in voller Pracht – so hat Elena das Château Renard in Erinnerung. Doch als sie nach mehrjähriger Abwesenheit dorthin zurückkehrt, bietet sich ihr ein völlig anderes Bild: Das Weingut liegt nun in den Händen eines gut aussehenden Fremden, der nicht an die Kraft von Elenas besonderen Kräutern glaubt, und steht zudem kurz vor dem Ruin. Elena beschließt, ihr Weingut zu retten, und setzt dabei nicht nur ein altes Familiengeheimnis, sondern auch ihr Herz aufs Spiel.

1

Die Augen der Kröte schwebten über der Wasserlinie, während in ihrem Maul eine Motte flatterte. Sie blinzelte, um die Flügel an ihrer Zunge vorbeizuzwingen, dann folgte ein Moment des Ekels. Die Seltsamkeit der Situation sickerte durch ihr Krötenhirn, bis sie zu der Überzeugung kam, dass es besser wäre, die zarten Motten mit den gelben Flügeln in Zukunft zu vermeiden.
Unbeeindruckt schwamm sie ins trübe Flachwasser, um sich dort zwischen das Schilf zu schieben. Die spätherbstliche Sonne schien an den fast kahlen Halmen vorbei auf ihren Körper. Als sie die Wärme in sich aufnahm, erlaubte sie ihren Lidern, sich zu entspannen. Doch durch die Energie der Sonne folgte neuer Hunger. Sie wischte sich mit einem Vorderbein über das Maul und dachte gerade darüber nach, ob sie am schlammigen Ufer nach Schnecken suchen sollte, als eine zweite Merkwürdigkeit ihre Instinkte aufmerken ließ. Sie nahm Formen und Farben plötzlich intensiver wahr, und das nicht nur durch ein Lichtspiel. Ein braunes Blatt sank taumelnd auf das schwarze Wasser. Ein silberner Fisch mit pinkfarbenen Kiemen knabberte direkt unter der Oberfläche an einem Insekt. Eine leuchtend neongrüne Libelle sauste über den Teich.
Ihr Krötenhirn registrierte die smaragdgrüne Farbe des Insekts, die sie an ein Amulett erinnerte, während sie gleichzeitig die Nasenlöcher blähte, weil ihr der Gestank von Fisch und dreckigem Wasser in die Nase stieg. Wie hatte sie bisher den abgestandenen, unangenehmen Geruch des Flachwassers nicht wahrnehmen können? Ein kalter Schauer lief über ihre ledrige Haut und trieb sie aus dem schmutzigen Wasser.
Die Haut. Es wurde Zeit, sich zu häuten.
Das Zittern setzte vollkommen unkontrolliert ein, wie es einmal die Woche geschah, seit ihre Erinnerungen als Kröte begonnen hatten. Ihr Körper krümmte sich ohne ihr Zutun, als sich die äußerste Schicht ihrer Haut streckte und hob und sich von ihren Beinen, dem Rücken und dem empfindlichen Bauch löste. Sie drehte und wand sich, um die abgeworfene Hülle mit den Vorderbeinen über den Kopf zu schieben wie eine Frau, die ein durchsichtiges Nachthemd abstreift. Dann nahm sie die zusammengeknüllte Haut ins Maul und begann zu schlucken. Das musste sie immer tun, auch wenn sich ihr der Grund dafür entzog.
Sie blinzelte heftig und beförderte die Haut tiefer in ihren Schlund, als sie eine seltsame Regung in ihren Knochen vom Schlucken abhielt. Ihre Innereien verkrampften und bewegten sich und sie würgte die Haut wieder nach oben. Ein scharfer Stich durchfuhr ihren gewölbten Rücken, als hätten sich Klauen in ihr Fleisch gegraben. Panik ließ ihre Instinkte zum Leben erwachen. Spring zurück ins Wasser, bevor sich der alte Fuchs mit seinen Zähnen noch einen Zeh holt! Doch dann erwachte ihr anderer Geist – derjenige, der tief verborgen wie ein Juwel in ihrem Unterbewusstsein geruht hatte. Der verborgene Smaragd der Intelligenz erkannte den Schmerz als das hoffnungsvolle Zeichen, das er darstellte, und die Hoffnung sorgte dafür, dass sie stillhielt, obwohl sich ein Riss über ihrer Wirbelsäule öffnete und sie fast in zwei Teile riss.
Weit gespreizte Zehen gruben sich in den Schlamm, als aus vier Fingern fünf wurden, die sich nach und nach verlängerten. Ein menschliches Gesicht presste sich von innen gegen die warzige Haut und zwang das Maul und die Nasenlöcher der Kröte, zu reißen und sich aufzulösen. Die Metamorphose beschleunigte sich. Schultern, Arme und Bauch wuchsen. Braunes Haar, überzogen mit einer Art Geburtsschleim, ergoss sich über ihren Rücken. Keuchend schnappte sie nach Luft, füllte ihre Lunge damit und öffnete die Augen für die Welt – wiedergeboren.
Immer noch im Schlamm sitzend bewegte sie vorsichtig die Finger, dann wagte sie es, mit den Händen die heilige Geste zu formen, als hielte sie das Gesicht der Weisheit selbst. Wärme erfüllte sie. Ihr Bewusstsein erwachte zum Leben. Die Fesseln des Fluchs lösten sich auf.
Elena.
Der Name schoss ihr so schnell durch den Kopf, dass sie ihn fast für ein Phantom hielt. Dann stieg eine Flut an Erinnerungen auf. Sie war Elena, Elevin des Allwissenden und Tochter des Chanceaux-Tals. Und sie war frei.
Als ihr Körper aus seiner Erstarrung erwachte, glitten schlammverschmierte Hände über Brüste, Rippen und Bauch, um sicherzustellen, dass alles in Ordnung war – bis das warme Fleisch unter ihrer Berührung durch das Teichwasser auskühlte. Sie wagte es, den Blick zu senken, und verschluckte sich fast an einem gepressten Schrei. Riesige, fleckige Beine mit Schwimmfüßen verweilten in schrecklicher Sturheit. Sie trat um sich und schüttelte die Gliedmaßen, doch sie blieben auf groteske Art mit ihrem Körper verbunden.
„Was für ein Dämonenzauber ist das?“, rief sie. Doch sobald die Panik verklang, atmete sie einmal tief durch und erlaubte ihrem Geist, das Problem ruhig zu betrachten, wie sie es immer getan hatte.
Die starken Alkaloide, welche die Kröte über die Haut abgab, hatten den Fluch mit der Zeit zersetzt. Vielleicht brauchte sie nur einen letzten Schub, um die Verwandlung zu beenden. Sie zügelte ihren Abscheu, griff nach der abgeworfenen Krötenhaut und legte sie sich wieder auf die Zunge. Die giftigen Rückstände darauf schmeckten nach verrottetem Schilf und bitteren Kräutern. Doch als die Sonne in ihrem Blickfeld plötzlich einen Heiligenschein bekam und das Gift durch ihr Blut tanzte, schickte sie einen stummen Dank an das Allwissende, das sie die Wege der Magie gelehrt hatte.
Nach einem letzten, quälenden Moment war ihre Verwandlung abgeschlossen. Lange Beine, schwach, aber willig, hielten sie aufrecht, als sie aufstand. Elena hob das Gesicht zum Himmel, um anhand der auch tagsüber sichtbaren Sterne die Entfernung nach Hause abzuschätzen. Nackt, aber nicht länger auf die Sonne als Wärmequelle angewiesen, verließ sie die Sümpfe. In ihrer Brust brannte die Rachsucht wie eine heiße Flamme.



2

Elena schob einen dünnen Schuh auf ihren rechten Fuß und schwor, sich aus dem ersten Fuchs, der ihren Weg kreuzte, einen Pelzmantel anzufertigen. Sie würde ihren Zeh niemals wieder wachsen lassen können, egal, wie viele Tränke sie auch zusammenbraute. Nicht einmal Grand-Mère in ihren besten Jahren hatte solche Magie wirken können. Wenn sie nur ein wenig Johanniskraut oder ein paar Malvenblätter besäße, dann könnte sie zumindest eine Salbe anfertigen, um die Blasen zu beruhigen, die sich nach so vielen Kilometern in den Schuhen einer anderen Person gebildet hatten.
Oh, wie schön wäre es, sich endlich wieder in ihren Lagerraum zurückzuziehen, umgeben von Tinkturenfläschchen, Puderkrügen, getrockneten Kräutern und Blumen, die an Bändern von der Decke hingen. Doch sie ging davon aus, dass all das inzwischen verschwunden war. Sie würde von vorne anfangen müssen. Der Gedanke erschöpfte sie.
Ihre Magie war verkümmert, dessen war sie sich sicher. Die Wahrnehmung der Ziegenhirtin zu beeinflussen war ihr schwerer gefallen, als es sollte. Eine kleine Prise zerstampfter Zikoriensamen ins Gesicht der Hirtin war alles, was nötig sein sollte, um die Erinnerung daran zu vernebeln, dass sie eine nackte Frau aus dem Wald hatte treten sehen. Doch Elena selbst hatte die Begegnung zitternd und unsicher zurückgelassen. Und obwohl sie einen halben Käse in der Kitteltasche der Hirtin gefunden hatte, überlegte sie, ob es nicht klüger gewesen wäre abzuwarten, bis jemand mit angemessener Kleidung auf der Straße vorbeikam. Inzwischen bedauerte sie, dass der gestohlene Mantel nach Dung roch. Und ohne die richtige Unterkleidung – einige Dinge ließ man besser zurück – kratzte der Wollkittel der Ziegenhirtin auf ihrer zarten, neuen Haut. Immerhin war sie nun fast zu Hause. Sie würde jedes Leid ertragen, wenn es bedeutete, dass sie bald durch die Eingangstür von Château Renard treten konnte, um von Grand-Mères heilenden Händen begrüßt zu werden.
Wenn ihre Einschätzung der Mondphasen korrekt war, war gerade der November hereingebrochen, die Zeit des Frostmondes. Es war vier Tage her, seit sie aus dem Fluch erwacht war. Doch welches Datum war heute? War ein Jahr vergangen? Zwei? Sicherlich war sie kein ganzes Jahrzehnt verschwunden gewesen. Obwohl die Magie schwach und wässrig durch ihre Adern floss, spürte sie nicht die schwere Last der Zeit auf den Schultern. Ihr Haar zeigte kein Grau, ihre Beine waren schlank und stark genug, um ausdauernd zu laufen, und sie hatte keine schmerzenden Zähne. Wenn sie sich in Bezug auf die Zeit nicht irrte, sollte er noch am Leben sein. Elena dankte dem Allwissenden dafür, dass es ihr gelungen war, den Fluch zu brechen, bevor es ihm vergönnt gewesen war, einen friedlichen, natürlichen Tod zu sterben.
Der Gedanke an Rache katapultierte sie wieder auf die Füße. Im Gehen füllte sie ihre Taschen mit getrockneten Weißdornbeeren, verkümmerten Samen und feuchtem Moos. Ein paar verdrehte, getrocknete Schöllkrautblätter, frostgebeutelte Blüten, Rinde von einem Weidenbaum – Elena wusste, wie sie all das zerstoßen und zu heilenden Pulvern verbinden konnte. Sie wusste auch – dieser Gedanke kam ihr, als sie an den Samen eines vertrockneten Fingerhuts schnüffelte –, welche tödlichen Kombinationen möglich waren. Tränke, die einen Mann in die Knie zwingen konnten, weil sein Herz in der Brust explodierte. Als sie aus dem Fluch erwacht war, hatte sie bereits Mordlust verspürt, doch jetzt, wo sie ihre Fingerspitzen sanft über die Pflanzen gleiten ließ, die diese Tat möglich machten, brannte das Verlangen in ihr nur noch heißer.
Die Gedanken erfüllt von Giften, beugte sie sich vor, um einen ausgefransten Pilz von einem verrottenden Baumstamm zu pflücken, dann stieg ihr plötzlich der Geruch von schwelenden Weinreben in die Nase. Trotz ihrer finsteren Gedanken hob sie den Kopf und lächelte. Das war der Geruch ihrer Heimat.
Elena rannte in ihren schlecht passenden Schuhen, bis sie die Kuppe eines Hügels erreichte. Dort zogen sich die Bäume zurück, der Himmel erstreckte sich vor ihr und die wogenden Hügel von Château Renard zogen sich durch das Tal. Aus der Ferne wirkte der Weinberg, als wäre alles in Ordnung. Das schenkte ihr den Mut weiterzugehen.
Ordentliche Reihen dunkel verfärbter Reben, alt und knorrig wie die fähigen Hände von Grand-Mère, empfingen sie auf halber Strecke ins Tal. Der Beschnitt für den Winter hatte begonnen. Drei Männer arbeiteten mit ihren Brouettes im Weinberg. Rauch stieg von Fässern auf, in denen die Zweige des letzten Jahres verbrannt wurden. Die Asche voller Mineralien sollte anschließend auf dem Boden verteilt werden, um im großen Kreislauf von Leben und Tod die Wurzeln des Weins im Winter zu nähren. Elena trat zwischen die Weinstöcke, ließ die Fingerspitzen über die frisch geschnittenen Spitzen gleiten. Die raue Rinde war ihr so vertraut wie ihre eigene Haut.
„Darf ich mich an Ihrem Feuer wärmen?“, fragte sie den ersten Arbeiter, dem sie begegnete – einen glatt rasierten Mann, der eine runde Brille mit Drahtgestell und eine graue Schiebermütze auf dem Kopf trug. Er zuckte zusammen, als hätte sie sich aus dem Rauch materialisiert. „Ich wandere seit Stunden. Meine Finger sind vollkommen durchgefroren.“ Ihr war kalt, doch vor allem musste sie Informationen sammeln, bevor sie sich dem Haus näherte.
„Woher kommen Sie?“
Sie hielt die Hände über das schwelende Feuer. Sie erkannte weder den Mann, der sie anstarrte, noch die anderen, die ihre Hälse reckten, um sie besser erkennen zu können. Wo war Antonio? Margaretta? Dies waren alles neue Gesichter. „Ist Ariella Gardin immer noch Hausmutter von Château Renard?“, fragte sie.
„Sie lebt hier, ja“, antwortete der Mann, ohne sich bewusst zu sein, wie sehr er damit ihre Ängste beruhigte, „aber falls Sie nach Arbeit suchen, wir werden erst im Frühjahr wieder Leute anstellen.“
Sie fand die Ahnungslosigkeit des Manns fast charmant. Doch angesichts ihres Aussehens konnte sie ihm seine Vorurteile kaum übel nehmen. Elena sah zu den Wolken auf und verließ sich auf ihre Intuition. „Sie haben Glück, wenn es bis zum Schneefall noch eine Stunde dauert. Achten Sie darauf, die Kohlen zu wenden, damit das Feuer nicht erlischt.“
Der Mann blinzelte in unangenehmem Schweigen, während Elena sich ein letztes Mal über den Kohlen die Hände rieb. Mit einem Achselzucken setzte sie sich Richtung Haus in Bewegung. Es dauerte eine gute Minute, bis die Männer hinter ihr etwas von sorcière flüsterten, während das Schnippen der sécateurs an den Reben wieder einsetzte. Elena starrte das alte Gebäude an und ein Schauder ließ sie tief in ihrem Inneren frösteln. Man sah dem Haus sein Alter an, es war imposant mit sechs Schlafzimmern, wenn auch definitiv kein Herrenhaus. Auf dem Dach über der Tür fehlten drei Schindeln und in der Mauer neben dem vorderen Fenster hatte sich ein nicht gerade schmaler Riss aufgetan. Natürlich senkten sich Häuser mit den Jahren … doch wie viel Zeit war vergangen?
Niemand reagierte auf ihr Klopfen, also legte sie die Hand auf die Klinke. Die Tür widersetzte sich, als wäre Elena eine Fremde. Sie musste sich mit so vielem erst wieder vertraut machen.
Elena schlüpfte durch die Hecke, um es an der Küchentür zu versuchen, spähte durchs hintere Fenster und entdeckte eine ältere Frau in einem hochgeschlossenen, schwarzen Kleid an der Arbeitsfläche. Das lange Haar der Frau war an den Seiten aufgesteckt, sodass ihre silbernen Locken sich um ihren schlanken Hals legten. Die Frau zögerte, eine Tasse Mehl unsicher in der Hand, bevor sie den Kopf schüttelte und den Inhalt in eine Schüssel aus Porzellan gab. Beim Anblick von Grand-Mère rannen Tränen über Elenas Wangen, doch sie trocknete ihr Gesicht eilig mit dem Ärmel, bevor sie an die Tür klopfte.
„Du kannst die Eier auf die Stufen stellen, Adela“, sagte die alte Frau, ohne von ihrer Aufgabe aufzusehen. „Das Geld liegt unter dem Geranientopf.“
Vorsichtig öffnete Elena die Tür einen Spaltbreit. „Du hast früher nie Geranien über den Winter gezogen. Du hast sie lästig genannt.“
Ariella Gardin, Grande Dame eines der ältesten und bekanntesten Weingüter im Chanceaux-Tal, drehte sich erschrocken um, einen Krug mit Milch in den Händen. „Wer ist da?“
Elena strich sich die Haare aus dem Gesicht und trat einen Schritt näher. „Ich bin’s.“
Der Krug zersprang auf dem Boden, sodass Milch sich in alle Richtungen über die Terrakotta-Fliesen ergoss und Elenas Schuhe durchnässte.
Grand-Mère kniff die Augen zusammen, als starre sie einen Geist an. „Das kann nicht sein.“ Sie umrundete die Milchpfütze und griff nach Elenas Hand. Die alte Frau studierte die Linien in Elenas Handfläche, atmete den Duft ihrer Haare ein und rieb dann über ihrem Kopf Daumen und Finger aneinander, um nach Verzauberungen zu suchen. All das ließ Elena voller Freude über sich ergehen.
„Du bist es wirklich.“ Die alte Frau hob ihre Hände in einer heiligen Geste, um das Allwissende zu preisen, bevor sie Elena umarmte. „Ich wusste immer, dass du eines Tages zurückkehren würdest.“
„Woher wusstest du das, wenn ich mir dessen selbst kaum bewusst war?“
Elenas Mentorin wedelte wegwerfend mit der Hand und schloss die Tür. „Du hast immer in der Gunst des Allwissenden gestanden.“
Elena war überzeugt, dass bei ihrer Geburt ein anderer Schatten auf sie gefallen war, doch sie sagte nichts.
Jetzt, wo sie nach so langer Zeit wieder in der Küche stand, fühlte sie sich irgendwie fremd … als wäre sie ein Gast. Sie schob es auf die ungewöhnlichen Düfte, die sich mit den vertrauten verbanden – ein Hauch von maskuliner Haarpomade, Terpentin von Stiefelwichse und der leicht modrige Geruch von ledergebundenen Büchern waren unter dem trauten Duft von Brot und Käse und Grand-Mères Lavendelseife auszumachen. Veränderungen waren zu erwarten gewesen, doch gleichzeitig verstärkten sie nur das unangenehme Gefühl, dass mehr Zeit vergangen war, als Elena geahnt hatte.
Als die alte Frau die Bescherung auf dem Boden bemerkte, presste sie in hoffnungsloser Verärgerung die Hände an die Wangen. Sie griff nach einem Lappen und ging in die Knie, um die Milch aufzuwischen und die Scherben einzusammeln. Bevor Elena protestieren konnte, hatte die alte Frau sich bereits an der ersten scharfen Kante in einen Finger geschnitten.
„Lass mich das machen“, sagte Elena und kniete sich ebenfalls hin. „Ich habe dich überrascht. Ich hätte dir eine Taube schicken sollen, um meine Ankunft anzukündigen.“
„Das war nur das Ungeschick des Alters.“ Grand-Mère gab ihr den Lappen. „Pass auf. Milch und Blut zusammen sind ein böses Omen.“
Sofort stieg der alte Kinderreim in Elenas Gedanken auf: „Schlamm und Seide, Milch und Blut, sie zu mischen tut niemals gut.“
„So es geschieht.“
„Das Glück entflieht.“
„Und der Teufel zeigt seine Wut“, beendete die alte Frau den Reim, bevor sie einen Tropfen Blut von ihrer Fingerspitze leckte.
„Ich erinnere mich gut an deine Lektionen, Grand-Mère.“
Die alte Frau spähte zu Elena auf, bevor sie den Finger wieder aus dem Mund nahm. „Ich war mir nicht sicher, ob ich lange genug leben würde, um noch einmal zu hören, wie mich jemand so nennt.“
Die zwei Frauen waren nicht wirklich verwandt, doch Elenas Verbindung zu Grand-Mère fühlte sich oft stärker an als eine Blutsverwandtschaft – verbunden durch das terroir und die Magie der Arbeit, die sie im Weinberg geleistet hatten. Gleichzeitig senkten die beiden die Köpfe, drückten über der Milch eine Stirn an die andere, wie sie es so oft getan hatten, als Elena noch ein Mädchen gewesen war.
„Ich habe ein Zittern in meiner linken Hand gespürt, als ich heute Morgen aufgestanden bin“, sagte Grand-Mère. „Ich hatte keine Ahnung, dass du es warst, die ich gespürt habe. Es ist so lange her, dass ich dachte, es wäre einfach nur der Wetterwechsel.“
Elena umklammerte den Lappen und wappnete sich. „Wie lange?“
Die alte Frau dachte darüber nach, als sie aufstand, um die Scherben in den Mülleimer zu werfen. „Müssen jetzt sieben Jahre sein.“ Dann drehte sie sich um und nahm die Schultern zurück, als habe sie gerade all ihren Mut zusammengenommen. „Wo warst du die ganze Zeit über?“
Sieben Jahre!
Elenas Herz verkrampfte sich bei dieser Nachricht für einen kurzen Moment. Sie hätte nie gedacht, dass sie sieben Winter in diesem stinkenden Teich damit verbracht hatte, Motten und Schnecken zu fressen, einfach, um zu überleben. „Es war ein Fluch. Ich konnte mich gerade erst befreien.“
„Die ganze Zeit über? Ich dachte, du hättest vielleicht … an einem anderen Ort neu angefangen.“
„Der Fluch sollte dauerhaft sein.“ Elena runzelte die Stirn. „Nur, dass jemand im Studium der Gifte nachlässig war und die neutralisierende Wirkung der Bufotoxine unterschätzt hat, wenn sie über längere Zeit aufgenommen werden.“
„Ein dauerhafter Fluch?“ Grand-Mère presste eine Hand ans Herz. „Gute Güte, bist du dir sicher?“
Elena ließ ihren feuchten Lappen in die Spüle fallen und setzte sich an den Küchentisch. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sie sich sicher. Sie begann, ihr Martyrium zu beschreiben – auch, dass sie gerade genug ihres Verstandes behalten hatte, um jede Woche ihre giftgetränkte Haut zu essen und nicht wieder hochzuwürgen, obwohl der Fluch versucht hatte, jede Erinnerung an ihre menschliche Existenz zu tilgen. Während sie erzählte, bereitete Grand-Mère ein einfaches Mahl aus Brot, Käse und Wein zu.
„Eine Kröte?“, fragte Grand-Mère ungläubig, als sie den Teller vor Elena abstellte. Sie setzte sich auf den Stuhl ihr gegenüber, eine Hand an die Wange gedrückt. „Es ist Ewigkeiten her, dass Transmogrifikation praktiziert wurde. Wer könnte so etwas getan haben?“
„Bastien. Wer sonst?“
„Bastien?“ Die alte Frau starrte Elena mit offenem Mund an. „Aber ihr solltet heiraten. Ihr wolltet …“
„Wir hatten einen Streit.“ Elenas Gesicht wurde vor Scham heiß. „Sobald er den Ring auf meinen Finger geschoben hatte, hat er Forderungen gestellt.“
„Forderungen?“
Elena vergrub das Gesicht in den Händen. „Er meinte, als seine Ehefrau wäre ich verpflichtet, ihm zu dienen. Dass es mir nicht zustünde, ihm etwas zu verweigern.“
„Die Ehe ist immer auch ein Kompromiss. Oft mehr für die Frau, das gebe ich zu, aber …“
„Er hat nichts verstanden. Er wusste, dass ich eine Weinhexe bin, dass ich eigene Verpflichtungen zu erfüllen hatte, dass ich nicht jeder seiner Launen nachgeben konnte. Ich hatte endlich meinen ersten, herausragenden Jahrgang geschaffen. Und er hat von mir erwartet, all das beiseitezuschieben, um nur der Erfüllung seiner Träume zu dienen. Der Ehrgeiz und die Gier dieses Manns! Wie konnte ich mich in Bezug auf ihn so sehr irren?“
Grand-Mère zuckte diplomatisch mit den Schultern. „Er hatte immer große Pläne.“
„Ich habe ihm gesagt, dass ich lieber eine glückliche Jungfer als seine unglückliche Ehefrau bin, und habe ihm den Ring vor die Füße geworfen.“
Grand-Mère schob ein Ohr nach vorne, als hätte sie die Worte nicht richtig verstanden. „Du hast die Verlobung aufgelöst?“
„Mir blieb keine andere Wahl“, sagte Elena und griff nach dem Weinglas. Es war sieben Jahre her, dass sie ein Glas in der Hand gehalten oder das seidige Bouquet von Château Renards Pinot noir gerochen hatte. Sie ließ den Wein im Glas kreisen, bevor sie es an die Nase hob. Sie brauchte die säubernde Kraft des Weins an diesem Tag mehr als jemals zuvor. „Bastien mag es nicht, zurückgewiesen zu werden, nicht mal, wenn er im Unrecht ist. Und er kann es nicht leiden, zum Narren gemacht zu werden. Nicht von einer Frau. Ich bin mir sicher, dass er deswegen eine dahergekommene Fay bezahlt hat, mich zu verfluchen und zum Schweigen zu bringen. Er muss es getan haben.“ Das Gewicht des Vorwurfes lastete schwer auf Elena. „Wer auch immer die Hexe war, sie hat mich auf der Straße überrumpelt, kurz bevor ich das Haus erreichen konnte. Ich hatte kurz angehalten, um in die Schattenwelt zu gleiten und zu sehen, wie es ihm geht. Sie hat mich angegriffen, als mein Blick für einen Moment auf etwas anderes konzentriert war. Dieses ›Nein‹ hat mich alles gekostet.“
Die alte Frau massierte sich die Schläfen, als leide sie plötzlich unter Kopfschmerzen. „Kann jemand vom Charlatan-Clan gewesen sein. Gewöhnlich halten sie sich nördlich der Stadt auf, aber sie nehmen Auftragsarbeiten an. Sie sind ein derber Haufen, aber verschlagener, als man ihnen zutraut“, fügte sie hinzu und rieb sich die Augen. „Und sie gehören nicht zu denjenigen, die sich dem Studium eingehend genug widmen, um herauszufinden, dass ein Fluch dadurch geschwächt werden kann, dann man seine eigene, giftgetränkte Haut frisst. Was Kröten von sich aus niemals tun würden.“
Elena schauderte bei dem Gedanken daran, wie die warzige, giftige Haut durch ihre Kehle geglitten war. Sie nahm einen Schluck Wein, um die Erinnerung zu vertreiben, doch falls sie sich Erleichterung erhofft hatte, wurde sie tief enttäuscht. Sie schmeckte keine Andeutung des Aromas von Gewürz und Rosenblüten, für die die Renard-Weinberge bekannt waren. Stattdessen traf der Geschmack von Kreide und Pilzen ihren Gaumen. Eine schlechte Flasche?
Dann, als sie schluckte, kam ihr ein schrecklicher Gedanke. Was, wenn mit dem Wein alles in Ordnung war? Was, wenn ihre Sinne durch den Fluch dauerhaft gestört waren? Dann würde sie Bastien zweimal töten.
Erfüllt von leiser Panik hob Elena das Glas, um die Opazität des Weins zu prüfen. Sie war noch damit beschäftigt, ihre Angst in Worte zu fassen, als die Hintertür aufschwang und der Arbeiter eintrat, dessen brouette sie geteilt hatte. Ihm folgte ein kalter Windstoß, der die Vorhänge bauschte und Schneeflocken über den Boden trieb. Der Mann schloss die Tür und schlug eine feuchte Kappe an seiner Hose ab, bevor er sie an einen Haken an der Wand hängte. Sein schroffes Erscheinen sorgte dafür, dass sie den Wein zur Seite stellte und ihre aufsteigenden Ängste zurückdrängte.
Der Arbeiter hielt inne und entschuldigte sich für die Störung, während er mit dem Hemdsaum den Schnee von seiner Brille wischte. Währenddessen warf er Elena kurze Seitenblicke zu. Sie konnte nicht anders, als zu bemerken, wie fein sein Gesicht geschnitten war – stolz geschwungene Brauen, die nachdenklich gesenkt waren, Wangenknochen in perfekter Geometrie und ein stolzes, kantiges Kinn.
Grand-Mère stand eilig auf. „Das ist Elena Boureanu. Ich bin mir sicher, ich habe sie schon einmal erwähnt.“ Sie eilte zurück zu der Rührschüssel auf der Arbeitsfläche und begann erneut, Mehl abzumessen. „Elena, das ist Monsieur Jean-Paul Martel. Er ist …“
„Ja, wir haben uns auf dem Feld kurz unterhalten. Sie müssen der neue Vorarbeiter sein.“
„Etwas in der Art.“ Er setzte die Brille wieder auf, dann hielt er sich eine Hand vor die Nase. Seine wenig diskrete Geste musste bedeuten, dass er den Gestank des Ziegenmists wahrgenommen hatte, der am Saum ihres Mantels klebte. „Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Mademoiselle Boureanu“, sagte er barsch, dann fügte er höflicher hinzu: „Ich lasse dich zu deinem Gast zurückkehren, Ariella. Gib mir Bescheid, wenn das Abendbrot bereit ist.“
Sobald er verschwunden war, beobachtete Elena Grand-Mère dabei, wie sie sich darüber aufregte, dass keine Milch mehr im Kühlfach lagerte. Ihre Gedanken immer noch eingesäuert vom schlechten Wein, fragte sie: „Warst du so verzweifelt auf der Suche nach guten Kräften, dass die Arbeiter jetzt schon im Haus verkehren dürfen?“
„Jean-Paul ist nicht einfach nur ein Arbeiter.“ Grand-Mères Ellbogen bewegten sich auf und ab, während sie Wasser in den Teig für das Gebäck knetete. „Er isst gerne pünktlich um fünf Uhr, damit er vor Einbruch der Dunkelheit noch einmal nach draußen gehen und die Weinberge kontrollieren kann.“
„Wieso hast du ihm nicht verraten, wer ich bin?“
Die alte Frau hielt in ihrer Arbeit inne und sah in den wirbelnden Schnee. Ein Windstoß rüttelte am Fenster. Grand-Mères Schultern sanken nach unten, als fehlte ihr die Kraft, sie noch länger oben zu halten. „Ich habe ein fürchterliches Schlamassel angerichtet.“
Die alte Frau sah zur Decke, als könne der Himmel ihr Absolution erteilen, dann gestand sie, was alles schiefgelaufen war: Die letzten fünf Jahre hatte es Missernten gegeben. Entweder die Trauben waren in schrecklicher Dürre vertrocknet oder Regen hatte die Ernte so lange hinausgezögert, dass die Früchte verschimmelt waren. Bei der letzten Ernte waren die Schalen von dunklen Flecken gesprenkelt gewesen und hatten dafür gesorgt, dass der Wein nach verbranntem Kork schmeckte. Und es gab nichts, was Grand-Mère dagegen tun konnte, weil ihr Geist und ihre Magie langsam nachließen.
Zuerst waren es nur kleine Dinge gewesen. Sie hatte vergessen, bei Vollmond ein paar Knochen in die Erde zu geben, oder hatte es versäumt, die Glockenzauber ins Blätterdach zu hängen, um vor heftigem Wind zu warnen. Oder sie hatte die falschen Schutzworte gemurmelt, als die Lufttemperatur sich dem Gefrierpunkt näherte, sodass die Trauben auf sich selbst gestellt blieben. Grand-Mère vollführte während ihrer Erzählung abwehrende Gesten, als bereite ihr der Gedanke, alt zu werden, körperliche Schmerzen. Es war ein Schlag für ihr Ego, ihre Verletzlichkeit einzugestehen, doch sie wusste, dass die Weinberge wegen ihrer nachlassenden Kräfte gelitten hatten. Es dauerte nicht lange, bis die Verkaufszahlen des Weinguts wegen der schlechten Jahrgänge einbrachen und die Leute begannen, davon zu sprechen, dass Château Renard vom rechten Weg abgekommen war.
Schon allein das Versagen, die Weinberge zu schützen, war eine Schande für eine so bekannte Weinhexe wie Madame Gardin. Doch der größte ihrer Fehler hatte darin gelegen, ihre Steuern nicht zu zahlen. Die Natur war anpassungsfähig und glich Fehler aus, doch die Regierung war strikt in der Forderung ihres Anteils. Château Renard, eines der ersten Häuser, das in diesem Tal Wein produziert hatte, befand sich plötzlich in der Position, drei Jahre Steuern nachzahlen zu müssen – ohne Geld, um die Schulden zu begleichen.
„Sie haben damit gedroht, das Land zu beschlagnahmen“, sagte Grand-Mère mit einem Seufzen. „Haben vorgeschlagen, dass ich verkaufe und den Ruf der Renards rette, soweit es noch möglich ist.“
Die Nachrichten schmeckten so bitter wie der Wein. Und nichts davon ergab Sinn. Die Weinberge waren seit zweihundert Jahren von einer Generation zur nächsten weitervererbt worden. Ihr Ruf fußte auf einer langen Geschichte herausragender Weine, einem wunderbar reichhaltigen terroir und der stetigen Fürsorge hingebungsvoller Weinhexen. „Es muss ein Missverständnis dahinterstecken. Eine Art Missgeschick“, sagte Elena, weil sie es nicht glauben wollte. „Grand-Père hat genug Geld zurückgelegt, um ein oder zwei schlechte Jahre zu überstehen.“
„Ich gebe nicht gerne zu, wie schlecht ich die Dinge ohne deine Hilfe verwaltet habe. Ich dachte, ich besäße die Gabe noch, doch anscheinend ist mein Hirn so vertrocknet wie ein alter Apfel.“
„Du musst doch sicherlich Mahnungen wegen der Steuern erhalten haben?“
„Nun, sicher. Und ich weiß, dass ich gewisse Summen bezahlt habe. Doch laut den Briefen war es nie genug. Die ganze Sache hatte einen fauligen Geruch“, sagte Grand-Mère kopfschüttelnd. „Besonders, als Bastien aufgetaucht ist, um ein Angebot für das Anwesen abzugeben.“
„Er hat es gewagt, seine Visage hier zu zeigen? Nach dem, was er getan hat?“ Elena vergrub die Fingernägel so heftig in ihren Handflächen, dass sie damit rechnete, Blut zu sehen. „Er hat versucht, Château Renard zu kaufen?“
„In den letzten Jahren hat er im ganzen Tal vom Niedergang bedrohte Weingüter aufgekauft. Es hat nicht lange gedauert, bis er hier aufgetaucht ist, Geld in der einen und eine Flasche Wein in der anderen Hand. Seinen Wein.“ Grand-Mère schnaubte abfällig. „Es war eine sehr kurze Begegnung.“
Elena konnte nur den Kopf schütteln. Alles, was dieser Mann tat, schrie nach Gier und Verrat. Und jetzt hatte er versucht, den Ort zu kaufen, an dem ihr Herz, ihr Blut und ihre Seele sich mit der Erde verbunden hatten. Wenn es eine Hoffnung gab, an der sie sich festklammern konnte, dann die, dass es ihm nicht gelungen war, Château Renard zu stehlen.
Elena legte einen Arm um Grand-Mères Schultern, um sie zu beruhigen. „Es ist nicht zu spät. Jetzt, wo ich wieder zu Hause bin, können wir das in Ordnung bringen. Wir werden das Geld irgendwie aufbringen.“
„Nein, du verstehst nicht. Ich habe Château Renard verkauft.“
„Verkauft? Aber das ist unmöglich. An wen?“
„An mich“, sagte Jean-Paul, der mit einer Flasche Wein und zwei zusätzlichen Gläsern in den Türrahmen getreten war.

Die verborgene Welt der Magie

Blick ins Buch
Silva & BaalSilva & Baal

Roman

Entdecke die Macht der alten Magie!Als die junge Hexe Silva nach ihrem Schulabschluss nach Afrika geschickt wird, um einen alten Dämonenmythos zu erforschen, ahnt sie nicht, dass ihre Reise sie bis in die Unterwelt führen wird – und in die Arme des gut aussehenden Dämons Baal.Silva ist fasziniert von Baals Leben, der als Fürst mit dem impulsiven und aggressiven Verhalten seiner Untertanen zu kämpfen hat, während er versucht, den schlechten Ruf der Dämonen aus der Welt zu schaffen. Die junge Forscherin möchte Baal und den Kreaturen der Unterwelt eine Chance geben. Zwei vollkommen unterschiedliche Welten prallen aufeinander ...Ein Roman aus der Welt der erfolgreichen „Bitter & Sweet“-Reihe – dieser Einzelband ist der ideale Einstieg in die Welt von Linea Harris!

1 Silva

„Wir haben keine Zeit für eine Pause!“ Annabell Grants knurrende Stimme drang gedämpft durch das Unterholz, als Antwort auf eine Frage aus dem knackenden und rauschenden Funkgerät.

Silva löste sich seufzend von der glatten Steinplatte, die sie unter dem von Farnen überwucherten Boden entdeckt und eingehend studiert hatte. Auf den ersten Blick hatte es so ausgesehen, als wäre die Platte von Menschenhand hergestellt worden, aber es war nur ein flacher Stein, seine Konturen vom Regen verwaschen, die Farbe verblichen.

Ächzend richtete sie sich auf und strich sich die schweißnassen roten Locken aus der Stirn. Auch sie hätte eine Verschnaufpause gebraucht, um neue Energie zu sammeln.

Die Wärme und die Luftfeuchtigkeit im Dschungel waren unerträglich. Zum wiederholten Male schlug Silva nach einem Moskito, obwohl sie wusste, dass es zwecklos war, gegen diese Übermacht ankommen zu wollen. Hoffentlich lohnten sich die Strapazen. Alles hing von dieser einen, letzten Mission ab.

Drei Monate dauerte ihre Forschungsreise nun schon und vor etwa zwei Wochen hatte es sie vom Süden Afrikas weiter in die Mitte bis in den tiefsten Dschungel verschlagen. Der Rest des Forscherteams, bestehend aus zwei weiteren Wissenschaftlern, fünf kampferprobten Jägern und zwei Einheimischen, die ihnen den Weg weisen sollten, musste sich irgendwo in der Nähe befinden. Silva konnte das Knacken der Äste unter ihren Schuhen und gedämpfte Stimmen hören. Schon seit den frühen Morgenstunden war der Suchtrupp unterwegs, doch bisher hatten sie nichts als nur Lianen, Giftschlangen und Krabbeltiere gefunden.

Annabell hatte recht, sie sollten keine Zeit verlieren, jetzt, wo sie unbedingt fündig werden mussten, denn die Verborgenenorganisation in London übte zunehmend Druck auf das Forscherteam aus. Ursprünglich waren Annabell und Silva zusammen mit den Wissenschaftlern Jake und Wasil nach Südafrika geschickt worden, um während der dort stattfindenden Ausgrabungen eines Tempels anwesend zu sein und Informationen für die VO, der Organisation der übernatürlichen Wesen in England, zu sammeln. Es handelte sich um ein stinklangweiliges Projekt, denn der Tempel dort war nicht alt genug, um Informationen über alte Magie zu enthalten. Das war von vornherein klar gewesen.

Da die beiden jungen Frauen sich allerdings erhofft hatten, in Afrika neue Erkenntnisse zu ihren eigenen Forschungen zu ergattern, hatten sie ohne mit der Wimper zu zucken zugestimmt. Wann bekam man schon die Chance, für ein paar Wochen nach Afrika zu reisen und Kost und Logis vom Arbeitgeber bezahlt zu bekommen?

Seit zwei Jahren schon beschäftigten sich Silva und ihre Freundin mit der Prana, der Lebensenergie aller Lebewesen und dem Ursprung der Magie, sowie der Herkunft der Hexen, Vampire, Werwölfe und Dämonen.

Dämonen. Sie waren ein umstrittenes Thema und die meisten Menschen schliefen ruhiger, wenn sie die Tatsache ignorierten, dass Dämonen existierten. Schließlich lebten diese in der Unterwelt, einer eigenen Dimension, wenn man es so wollte, und hatten kaum Möglichkeiten, in die Realität zu gelangen. Doch wollte man wie Silva und Annabell den Ursprung der Magie erforschen, kam man einfach nicht daran vorbei, sich auch mit Dämonen zu befassen.

Zunächst war die Forschung der Freundinnen nahezu ergebnislos verlaufen, denn in Europa schien man alles, was an Dämonen erinnerte – oder Informationen, die auch nur ansatzweise mit ihnen zu tun hatten – weitestgehend ausgelöscht zu haben. Die Aussicht auf eine Reise nach Afrika allerdings war ihnen vielversprechend erschienen. Und tatsächlich hatten sie in Südafrika Hinweise gefunden, die darauf hindeuteten, dass die Einheimischen hier viel mehr über Dämonen und die Unterwelt wussten, als in Europa bekannt war. Während der Ausgrabungen des Tempels in Südafrika hatten die beiden jungen Frauen ihre Freizeit genutzt, um mit Einheimischen zu reden und sich alte Sagen und Legenden erzählen zu lassen. In Afrika war es kein Tabu, über Dämonen zu reden, und man versuchte nicht, das Thema totzuschweigen, auch wenn es lange Zeit gedauert hatte, bis Silva und Annabell das Vertrauen der Einheimischen erlangt hatten. Sie waren an allerhand brauchbare Informationen gelangt und beinahe alle Hinweise deuteten auf die Ureinwohner dieses Dschungels hin, die angeblich unendlich viel Wissen über Dämonen horteten.

Es war von einem Stamm die Rede, tief im Dschungel und fernab der Zivilisation. Von ihm wurde mit Ehrfurcht und nur in Verbindung mit inbrünstigen Gebeten gesprochen, denn laut einer Legende war der gesamte Stamm vor vielen Jahrzehnten von Dämonenhand ausgelöscht worden.

Als die Ausgrabungen des Tempels in Südafrika beendet waren, hatten Silva und Annabell mit Engelszungen auf den Leiter der Verborgenenorganisation in London, Mr. Gordon, eingeredet, bis dieser den beiden schlussendlich genehmigt hatte, die Forschungen im Kongo fortzuführen und sich auf die Suche nach Hinweisen zu besagtem Stamm zu machen. Und so hatte es sie tiefer ins Land hineingeführt, so weit in die Wildnis, dass Silva nicht im Traum gedacht hätte, dass jemals menschliches Leben bis hierher gedrungen war. Doch anscheinend hatte sie sich geirrt. Vor einigen Stunden hatte das Team Spuren vergangener Existenzen gefunden – und das keinen Tag zu früh.

Mr. Gordon, der VO-Leiter, war zunehmend mürrischer geworden und hatte ihnen schlussendlich eine Frist gesetzt, bis wann sie Ergebnisse erzielen mussten, bevor er ihnen die Geldmittel für diese, wie er es nannte, „sinnlosen Kinkerlitzchen“ strich. Es war nie geplant gewesen, ein Team in den Kongo zu schicken, und nur Annabells Hartnäckigkeit hatten sie es zu verdanken, dass Gordon sich hatte überreden lassen. Er bereute die Entscheidung längst.

Silva verzog das Gesicht bei dem Gedanken an den festgefahrenen alten Mann, der kaum über den Tellerrand hinausschaute und den es nicht die Bohne interessierte, dass es neben der Realität noch eine weitere Welt gab, über die man bislang so gut wie nichts wusste.

Gerüchten zufolge bereitete sich Gordon bereits seit Jahren auf den Ruhestand vor und seine potenziellen Nachfolger standen Schlange. Insbesondere Henry Cole, ein ehrgeiziger Jungspund, galt als Favorit für den Posten des Leiters der Verborgenenorganisation. Silva war jedoch unsicher, ob dieser andere Ziele verfolgte als Mr. Gordon.

Sie wollte es nicht auf einen Versuch ankommen lassen. Vermutlich war diese Forschungsreise ihre letzte Möglichkeit, brauchbare Ergebnisse zu erzielen und mehr über die Unterwelt herauszufinden, bevor man sie wieder für langweilige Forschungen im Labor einsperren würde. Nach den letzten aufregenden Wochen konnte sie sich kaum vorstellen, wieder unverrichteter Dinge in ihre kleine Wohnung in London zurückzukehren und jeden Tag an die Arbeit zu gehen.

Was hatte sie in den zwei Jahren, die sie nun für Mr. Gordon arbeitete, schon Bahnbrechendes herausgefunden? Nichts! Eine Kerze, deren Duft während der Zeit des Vollmondes entspannend auf Werwölfe wirkte? Das war wohl kaum der Rede wert.

Silva schüttelte den Gedanken ab. Sie und Annabell waren kurz davor, etwas zu entdecken, das die Welt tatsächlich verändern konnte. Wenn die Hinweise, die sie gefunden hatten, wirklich stimmten, hatten sich die Menschen vor vielen Jahrzehnten der Magie der Dämonen bedient, auf welche Weise auch immer. Was das genau bedeutete, konnte sich Silva kaum ausmalen, aber es konnte ein Durchbruch werden, und sie würde versuchen, alles darüber herauszufinden, wenn ihr nur genug Zeit blieb. Und die hatte sie nicht.

Wenn dieser Stamm so viel Kontakt zu Dämonen gehabt hatte, wie die Gerüchte besagten, dann waren vielleicht noch unschätzbare Informationen erhalten geblieben.

Silva kletterte über einen Felsen und versuchte, unter dem lauten Gezwitscher exotischer Vögel und dem Geschrei von Affen auszumachen, wo sich ihre Freundin befand. Sie entdeckte Annabell ein paar Meter weiter. Sie starrte angestrengt auf eine Karte, als versuche sie, zwischen all dem Grün einen Hinweis darauf zu finden, dass sie auf dem richtigen Weg waren.

Silva nutzte den Moment, um ihre Freundin zu betrachten. Annabell war das exakte Gegenteil von Silva. Während Silva mit ihrem zarten Körper, der hellen Haut, den vielen Sommersprossen und den roten Haaren eher einer Porzellanpuppe glich, war Annabell sehnig und braun gebrannt. Ihre dunklen Locken verliehen ihr das exotische Aussehen, das zu ihrem Temperament passte. Nur die grünen Augen teilten sich die beiden Freundinnen, ein Hinweis auf ihre Hexenabstammung. Doch auch in ihren magischen Fähigkeiten unterschieden sich die beiden grundlegend, denn während Silva die Gabe des Feuers angeboren war, beherrschte Annabell den Wind und konnte ihre Magie zudem verwenden wie funkelnden Strom, der aus ihren Fingern floss – eine sehr seltene Gabe.

Annabell war in vielerlei Hinsicht perfekt und zog nicht selten die Blicke der Männer auf sich. Auch jetzt glich sie einer Amazone, als sie in einem bauchfreien Top und einer engen schwarzen Hose dastand und die Hände in die Hüften stemmte. Annabell wusste um ihr Aussehen und ihre magischen Fähigkeiten und nutzte sie nicht selten, um bei Männern Eindruck zu schinden oder schlicht und einfach ihren Willen durchzusetzen.

Sie war manchmal etwas impulsiv, doch Silva wusste damit umzugehen, und so war zwischen ihnen schon während der gemeinsamen Schulzeit an der Winterfold Akademie eine gute Freundschaft entstanden, bevor sie sich gemeinsam der Forschung gewidmet hatten. Silva schätzte es, dass Annabell kein Blatt vor den Mund nahm und ehrlich sagte, was sie dachte. Nicht viele Menschen taten das. In Annabell loderte ein Feuer, das Silva von Anfang an begeistert hatte. Durch ihre gemeinsame Hingabe an die Forschung und den unerschöpflichen Wissensdurst, den sie teilten, hatten sie zueinander gefunden. Annabell gehörte zu den Menschen, die für einen durchs Feuer gehen würden, wenn man einmal ihre Gunst erlangt hatte.

Als Silva jetzt näher kam, hob Annabell den Kopf.

„Wir müssten schon längst etwas gefunden haben“, murmelte sie mit einem ärgerlichen Stirnrunzeln. „Aber hier ist nichts außer diesem verdammten Gestrüpp!“

Wie zur Bestätigung knackte das Funkgerät an ihrer Hüfte erneut und leise Worte drangen durch das Rauschen. Auch der Rest des Suchtrupps war nicht fündig geworden.

„Wir könnten alle eine Pause gebrauchen, Annabell.“

Silva konnte nur zu gut verstehen, dass ihre Freundin keine Sekunde vergeuden wollte. Sie selbst wand sich bei dem Gedanken, am morgigen Tag abzureisen und vielleicht den größten Fund ihres Lebens zurückzulassen. Aber sie alle waren ausgelaugt von den letzten Wochen, demotiviert von den vielen Stunden ergebnisloser Suche an Orten wie diesem, an denen so viele Gefahren lauerten. Giftschlangen, Spinnen und Leoparden waren nur ihre geringsten Sorgen, schließlich hatte das Forscherteam die Jäger der Verborgenenorganisation nicht ohne Grund zum Schutz bereitgestellt bekommen.

Wie lange war es vertretbar, das Leben aller Mitglieder aus dem Team aufs Spiel zu setzen – für etwas, was es vielleicht gar nicht gab? Trotz der Anzeichen auf zivilisiertes Leben, die sie ausgemacht hatten, hätten sie schon viel mehr finden müssen. Wann war es an der Zeit, loszulassen und sich eine Niederlage einzugestehen?

Annabells Kiefermuskeln zuckten, als sie die Zähne zusammenbiss.

„Na schön, ich rufe alle zu einer Teambesprechung zusammen“, gab sie nach und entfernte sich ein paar Schritte, beschäftigt mit dem Funkgerät.

Kurz darauf fanden sich Silva und Annabell zeitgleich mit den beiden Wissenschaftlern Wasil und Jake auf der Lichtung ein, die sie zuvor als Sammelpunkt vereinbart hatten. Mit einem Kopfschütteln bedeutete Wasil, dass ihre Suche ebenfalls ergebnislos geblieben war.

Jake und Wasil hatten sich Silva und Annabell nach den Tempelausgrabungen im Süden Afrikas freiwillig angeschlossen, als die Reise weiter in den Kongo ging. Silva mochte die beiden Wissenschaftler, mit denen sie sich ein Büro in der VO in London teilte, auch wenn sie unterschiedlicher nicht sein konnten.

Während Wasil die Gabe hatte, Gegenstände mit seinen Gedanken umzuformen, und mit seinen buschigen Augenbrauen und dem düsteren Blick eher mürrisch wirkte, war Jake so etwas wie das Nesthäkchen der Gruppe. Der junge Hexer, der ein Jahr nach Silva zur VO gekommen war, beherrschte die Biokinese und konnte sein Aussehen verändern. Außerdem gehörte er zu den klügsten Köpfen, die Silva je kennengelernt hatte, auch wenn er manchmal etwas unbeholfen wirkte, wenn es um alltägliche Dinge ging. Jake war ein Genie, wahrscheinlich intelligenter als Silva, Annabell und Wasil zusammen, aber hier im Dschungel vollkommen fehl am Platz. Jetzt sahen die beiden Wissenschaftler genauso mitgenommen aus, wie Silva sich fühlte.

Sie ließen die schweren Rucksäcke von ihren Rücken gleiten und Wasil setzte sich ohne zu zögern in das Gras, während Jake den Platz noch nach Ameisen und Spinnen absuchte.

Silva lächelte müde, während sie ihn betrachtete. Allein seine Neugier hatte ihn dazu gebracht, sich der Gruppe anzuschließen, aber er hatte nicht gewusst, worauf er sich einließ. Jake hatte London vor dieser Mission noch nie verlassen. Schon die Reise nach Südafrika war ein großes Ereignis für ihn gewesen, aber dort hatte er sich in einer sicheren Zone befunden. Hier draußen in der Wildnis gab es keine medizinische Hilfe, keinen Supermarkt oder die Möglichkeit, mal schnell nach Hause zu telefonieren, was Jake am meisten zu schaffen machte. Er hatte sich in dieses Abenteuer gestürzt, doch schon am ersten Tag hatte sich die Euphorie in Selbstzweifel verwandelt.

Silva rechnete es ihm hoch an, dass er noch nicht das Handtuch geworfen hatte und sich weiter durchkämpfte, doch insgeheim wusste sie, dass dies seine letzte Forschungsreise sein würde. Keine zehn Pferde würden Jake mehr aus seinem Labor in England hinaus in die Wildnis bringen.

Er hatte in den letzten Wochen etwas abgenommen und dank seiner so schon schmalen Statur in Verbindung mit dem jungenhaften, pausbäckigen Gesicht und den blonden Haaren, die nun lockig in alle Richtungen abstanden, wirkte er sehr viel jünger, als er war.

Silva setzte sich zu den beiden Männern und kramte in ihrem eigenen Rucksack nach einem Verbandskasten.

„Lass mich das säubern, bevor es sich entzündet“, sagte sie und deutete auf einen langen Kratzer, der sich über Jakes Wange zog. Sie tränkte eines der sterilen Tücher mit Desinfektionsmittel und beugte sich zu ihm. Jake zog zischend die Luft ein, als sie über den Kratzer fuhr.

„Es brennt“, verteidigt er sich, als Wasil schmunzelte.

Trotz ihrer Gegensätzlichkeit kamen die beiden gut miteinander aus, schließlich war es schwer, Jake nicht zu mögen. Insgeheim vermutete Silva, dass Wasil einen Beschützerinstinkt ihm gegenüber entwickelt hatte. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, Jake ab und zu wegen seiner übertriebenen Furcht und seinem Gejammer aufzuziehen.

Wasil war ein ruhiger und bodenständiger Mann mittleren Alters, aus dem Silva manchmal nicht so richtig schlau wurde. Die meiste Zeit wirkte er ernst und sein düsterer Gesichtsausdruck mit den zwei Falten zwischen den kräftigen, dunklen Augenbrauen konnte auf den ersten Blick abweisend und einschüchternd wirken. Silva hatte ihn jedoch als einen gutmütigen Menschen kennengelernt, der mit seinem trockenen Humor durchaus gesellschaftsfähig war.

„Bist du auch verletzt?“, fragte ihn Silva, weil sie unter der Schmutzschicht auf seinen Händen ein bisschen Blut erkannte.

„Nicht der Rede wert“, brummte Wasil mit seinem leichten russischen Akzent. „Kümmere dich um Jake, bevor er verblutet.“

„So schlimm ist es doch gar nicht“, antwortete dieser vollkommen verständnislos und Silva presste die Lippen aufeinander, um nicht zu lachen und ihn zu kränken.

Doch während sie erst Jake und dann Wasil behandelte, blieb ihr Blick immer wieder an Annabell hängen, die ruhelos am Rand ihres Lagerplatzes auf und ab ging.

Erst als nach und nach die fünf Jäger der VO eintrudelten, die während der Reise für die Sicherheit der Wissenschaftler sorgen sollten, setzte Annabell sich mit an den provisorischen Lagerplatz und verteilte Wasserflaschen, Fladenbrote und für jeden eine Banane.

Die beiden einheimischen Reiseführer standen stumm am Rande der Lichtung und beobachteten die Gruppe. Annabell hatte sie gut dafür bezahlt, dass sie das Team durch den Dschungel lotsten, denn die Forschergruppe war auf ihre Ortskenntnisse angewiesen. Die Reiseführer warnten vor unbefestigten Hängen, hatten sie schon mehrmals vor giftigen Pflanzen und einmal vor dem Giftstachel eines Skorpions bewahrt und alle sicher wieder zurück in das Dorf gebracht, das das Forscherteam freundlicherweise und natürlich gegen gute Bezahlung aufgenommen hatte.

„Ist rundrum alles sicher?“, erkundigte sich Annabell kühl bei Davin, einem der beiden Werwölfe, die das Forscherteam vor Halbdämonen schützen sollten – sogenannten Mairas, die, durch ihren Futterrausch angetrieben, versuchten, Lebensenergie aus allem zu ziehen, das ein Herz und einen Puls hatte. Der ausgebildete Jäger war Experte darin, Mairaspuren ausfindig zu machen.

Der muskulöse Mann mit dem buschigen Vollbart und den goldgelben Augen nickte düster. „Es deutet nichts darauf hin, dass Mairas in der Gegend sind.“

Annabells Gesichtszüge entspannen sich etwas. „Wie viel Zeit haben wir noch, bis wir zurückmüssen?“

Davin wedelte vage mit der Hand. „Vielleicht zwei Stunden, bis wir den Rückweg antreten müssen, um vor der Dunkelheit ins Dorf zurückzukommen.“

Annabell knirschte mit den Zähnen. „Wenn keine Mairas in der Nähe sind, können wir auch im Dunkeln zurücklaufen“, kommentierte sie harsch. „Dann können wir die Suche noch ein bisschen länger fortsetzen.“

Davin wechselte einen Blick mit Leander, einem großen und breit gebauten Werwolf mit Glatze, langer Nase und verschlagenem Gesichtsausdruck.

„Die Einheimischen brechen auf, wann sie es für richtig halten. Sie werden sich nicht für uns den Gefahren aussetzen, die der Dschungel bei Dunkelheit bereithält“, antwortete Leander mit seiner tiefen Stimme, die Silva Schauer über den Rücken jagte. Die beiden Werwölfe waren fast zwanzig Jahre älter als sie und erfahrene Jäger, deren Urteil sie vertraute, sowenig es ihr gefallen mochte. Aber Annabell war nicht bereit, aufzugeben.

„Wir werden den Weg zurück auch alleine finden“, bestimmte sie.

Davin neigte verständnisvoll den Kopf, blieb aber unnachgiebig. „Ich werde nicht die Sicherheit meines Teams für eine aussichtslose Suche riskieren. Es ist zu gefährlich.“

Wütend stand Annabell auf und ging einige Schritte hin und her. „Wenn wir heute nichts finden, müssen wir abreisen. Dann war alles umsonst.“

„Vielleicht ist es auch einfach an der Zeit, zu akzeptieren, dass es hier nichts gibt“, antwortete Jules vorsichtig. Der junge Vampir mit den dunklen Haaren und den Grübchen gehörte ebenfalls zu den Jägern der VO, doch er mischte sich nur selten in solche Gespräche ein, was sehr viel darüber verriet, wie sehr er nun das Ende der Forschungsreise herbeisehnte. Genau wie die beiden anderen Jäger, Richard und Shane, die zustimmend nickten.

Annabell warf ihnen einen giftigen Blick zu und Silva wusste, dass gleich eine hitzige Diskussion entfachen würde. Sie kannte diese Stimmung bei Annabell.

„Ich weiß, dass ihr alle am Ende eurer Geduld seid und am liebsten nach Hause fahren würdet“, versuchte Silva, die Situation zu entschärfen, „aber uns ist diese Forschung wirklich wichtig.“ Jules unnachgiebiger Blick wurde weicher, als er sich Silva zuwandte. Sie versuchte, sich nicht von dem makellosen Teint und den durchaus hübschen Gesichtszügen des Vampirs ablenken zu lassen, und sagte: „Annabell hat recht, es ist unsere letzte Chance, diese Mission mit Erfolg zu krönen.“

Jules sah aus, als wäre er geneigt, sich von Silva umstimmen zu lassen. Sie schätzt ihn als draufgängerisch genug ein, um den Aufbruch zu verschieben. Annabell wartete mit verschränkten Armen schweigend ab, während ihr Blick zwischen Jules und Silva hin- und herhuschte. Sie überließ Silva das diplomatische Gespräch.

Aber es war Davin, der sich vorbeugte, die Hände verschränkte und mit leiser Stimme sagte: „Bist du schon einmal einem Maira bei Dunkelheit begegnet?“

Silva zögerte, bevor sie stumm verneinte.

„Ich bin seit zwanzig Jahren Jäger“, fuhr Davin ungerührt fort, seine Stimme rau wie Schmirgelpapier. Silva bekam eine Gänsehaut. „In diesen zwanzig Jahren habe ich gegen Dutzende dieser Kreaturen gekämpft. Ich weiß, wie sie sich verhalten, weiß, wie ich sie töten kann, ohne verletzt zu werden.“ Er zog vorsichtig am Kragen seines T-Shirts und entblößte einen Teil seiner Brust. Silva biss sich auf die Lippe und Jake schnappte neben ihr bestürzt nach Luft. Über Davins Brust zogen sich drei wulstige Narben. Die Klauen, von denen sie stammten, mussten das Fleisch förmlich zerrissen haben.

„Nur ein einziges Mal bin ich einem von ihnen im Dunkeln begegnet. Nachdem ich es jahrelang mit mehreren Mairas gleichzeitig aufnehmen konnte, war ich diesem hier weit unterlegen, und er hätte mich getötet, wenn Leander mir nicht zu Hilfe gekommen wäre.“

Silva schluckte hart.

„Diese Kreaturen vereinen sich mit der Dunkelheit. Sie bewegen sich lautlos, verschmelzen mit der Nacht. Sie sind der geflügelte Tod, der dich von hinten angreift, bevor du überhaupt registrierst, dass er da ist. Also brechen wir früh genug auf, um vor der Dunkelheit zurück im Dorf zu sein.“ Selbst Annabell war bei Davins Erzählung erbleicht und wagte es nicht, zu widersprechen.

„Na schön, dann sollten wir die letzten beiden Stunden nutzen und auf ein Wunder hoffen“, gab sie tonlos zurück und kehrte der Gruppe den Rücken, um wieder im Dschungel zu verschwinden.

Davin lehnte sich erleichtert zurück. „Das ist die richtige Entscheidung.“

„Wahrscheinlich“, gab Silva zu. „Aber es macht sie nicht leichter. Wir haben all unsere Hoffnungen in diese Reise gesteckt.“

Jake sackte neben ihr in sich zusammen. „Ich weiß nicht, wieso sich Annabell noch etwas vormacht. Wir hätten längst etwas finden müssen, wenn es hier einmal Menschen gelebt hätten.“

„Der Dschungel ist groß“, gab der etwa fünfundzwanzigjährige Shane zu bedenken. „Vielleicht waren eure Berechnungen falsch.“ Auf den ersten Blick wirkten seine Augen wie von der Dunkelheit geküsst, ein rauchiges und verheißungsvolles Nachtschwarz. Aber bei genauerem Hinsehen erkannte man bei ihm einen veilchenblauen, schmalen Ring, der die Pupille umschloss. Silva fand die Augen der Vampire schon immer faszinierend, wie die glatte Oberfläche eines Sees, in dem sich der Sternenhimmel spiegelte. Der rothaarige Vampir ließ echte Neugier erkennen.

„Ziemlich unwahrscheinlich“, begann Jake sofort, zu erklären. Innerhalb von Sekunden verstrickte er sich in der Erklärung seiner Theorien. Er hatte den Ort durch Angaben von Einheimischen berechnet. Außerdem hatte er die Landschaft analysiert und herausgefunden, dass die Lage aufgrund des stark abfallenden Geländes und des Flusses, der sich in der Nähe befand, im weiten Umkreis die einzige Stelle war, die zur Errichtung eines Dorfes infrage kam.

Silva vertraute seinem Wissen und seinen Analysen. Dennoch hatte die Natur in diesem Gebiet definitiv keinen menschlichen Einfluss erfahren. Sie hatte nichts gefunden außer dieser vom Regen glatt gewaschenen, flachen Steinplatte.

Silva blickte hinauf zu den Baumwipfeln, in denen man, wenn man Glück hatte, manchmal Papageien oder Affen sehen konnte.

Wieso war ihr diese Steinplatte überhaupt aufgefallen? Sie nagte gedankenverloren an ihrem Fingernagel und eine plötzliche Unruhe überkam sie.

„Wo willst du hin?“, fragte Jake, als Silva aufsprang.

„Ich … ich muss nur etwas überprüfen“, antwortete sie geistesabwesend. Irgendetwas in ihr hatte sich verändert. Vielleicht war es dieser kleine Hoffnungsschimmer, der gerade durch die dichte Nebelwand der Enttäuschung geblitzt war. Vielleicht aber auch der letzte, verzweifelte Versuch, der unausweichlichen Rückreise nach London zu entgehen. Die plötzliche Aufregung hatte mit dem glatten Stein zu tun. Aber warum? Er ist mir aufgefallen, weil er der einzige seiner Art hier ist, schoss ist Silva durch den Kopf. Weil keiner der Felsen, die sie bisher gesehen hatte, solch eine Form und so eine glatte Oberfläche gehabt hatte.

Deutschland im 15. Jahrhundert

Hexenhammer

Historischer Roman

Deutschland im 15. Jahrhundert: Der Inquisitor Heinrich Institoris verfasst die berüchtigte Schrift „Der Hexenhammer“, eine verheerende Anleitung zur Hexenjagd. Immer mehr unschuldige Frauen sterben auf dem Scheiterhaufen. Doch erst als ein junger Mönch seine Jugendliebe wiedertrifft, die als Hexe angeklagt wird, zweifeln er und die Menschen um ihn herum an dem fanatischen Inquisitor …
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