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Romane über Hexen und Zauberer

Zauberer, Hexen und Magier

Magisch, mystisch und bezaubernd: Zauberer, Hexen und Magier jeder Art faszinieren seit jeher.. Unsere Romane entführen in die fabelhaften Welten von Zauberschulen und Hexenzirkel. 

Kingdom of the Wicked

Taucht ein in eine Welt voller Dämonen, Magie und Romantik!

Blick ins Buch
Kingdom of the Wicked – Der Fürst des ZornsKingdom of the Wicked – Der Fürst des Zorns

*** Mit wunderschön gestaltetem Buchschnitt, limitiert auf die 1. Auflage – ein Highlight für das Bücherregal! ***

Zwei Schwestern. Ein brutaler Mord. Ein Racheplan, der die Hölle selbst entfesseln wird … und eine berauschende Liebesgeschichte.

Als die junge Hexe Emilia ihre Zwillingsschwester Vittoria ermordet vorfindet, bricht für sie eine Welt zusammen. Zutiefst schockiert will sie Rache üben – koste es, was es wolle. Selbst wenn sie dafür verbotene dunkle Magie einsetzen muss, die sie in die Gefahr bringt, von Hexenjägern enttarnt zu werden. Auf ihrer Suche nach dem Mörder trifft Emilia auf Wrath, einen der sieben dämonischen Höllenfürsten, vor denen sie von klein auf gewarnt wurde. Wrath behauptet, auf Emilias Seite zu stehen. Doch kann man einem leibhaftigen Höllenfürsten trauen, selbst wenn er noch so gut aussieht?

Der atemberaubende Auftakt der gefeierten „Kingdom of the Wicked“-Reihe - jetzt auf Deutsch!

Band 1: Kingdom of the Wicked – Der Fürst des Zorns
Band 2: Kingdom of the Wicked – Die Königin der Hölle

Prolog


Draußen fuhr ein plötzlicher Luftzug warnend durch das hölzerne Windspiel. In der Ferne schlugen die Wellen krachend an den Strand. Das Wispern des Wassers wurde lauter, als könnte das Meer über Magie gebieten und Unheil heraufbeschwören. Seit fast einem Jahrzehnt folgte der Sturm an diesem Tag im Jahr demselben Muster. Als Nächstes würde der Donner heranrollen, schneller als die Flut, begleitet von Blitzen, deren Spannung sich in Peitschenschlägen vor dem erbarmungslosen Himmel entlud. Der Teufel forderte Vergeltung. Ein Blutopfer für die gestohlene Macht.

Es war nicht das erste Mal, dass er von den Hexen verflucht worden war, und es würde nicht das letzte Mal sein.

Nonna Maria saß in ihrem Schaukelstuhl und überwachte die Zwillinge, während die beiden – mit je einem Cornicello in ihrer kleinen Faust – die Schutzzauber wirkten, die sie ihnen beigebracht hatte. Sie verjagte das Heulen des Windes aus ihren Gedanken und lauschte den Worten, die Vittoria und Emilia flüsterten, ihre zum Verwechseln ähnlichen dunklen Schöpfe konzentriert über die hornförmigen Amulette gebeugt.

„Bei Erde, Mond und Stein, segne diesen Herd und dieses Heim.“

An diesem Tag war das achte Lebensjahr der beiden angebrochen, und Nonna Maria versuchte, sich keine Sorgen darüber zu machen, wie schnell sie wuchsen. Sie zog ihr Schultertuch enger um sich, konnte die Kälte, die in der kleinen Küche herrschte, jedoch nicht abwehren. Es hatte nicht viel damit zu tun, wie kalt es draußen war. Sosehr sie auch versuchte, es zu ignorieren: Der Geruch nach Schwefel war durch die Ritzen hereingedrungen, gemeinsam mit dem vertrauten Duft nach Frangipani und Orangenblüten. Die allmählich ergrauenden Härchen in ihrem Nacken sträubten sich. Wäre ihre eigene, menschliche Großmutter noch am Leben gewesen, hätte sie es ein Omen genannt und den Abend in der Kathedrale auf den Knien verbracht, den Rosenkranz beim Gebet zu den Heiligen fest in der Hand.

Der Teufel streifte umher. Oder einer seiner sündigen Brüder.

Sorge schnitt durch ihre Haut wie eines ihrer Schälmesser und nistete sich in der Nähe ihres Herzens ein. Ein Zeitalter war verstrichen, seit man die Malvagi zuletzt gesehen hatte. Kaum jemand sprach noch von den Wicked, außer in Geschichten, die man Kindern erzählte, um ihnen damit so viel Angst einzujagen, dass sie nachts in ihren Betten blieben.

Mittlerweile lachten die Erwachsenen über die alten Sagen, fast hatten sie die sieben herrschenden Höllenfürsten bereits vergessen. Nonna Maria jedoch würde nie vergessen. Die Legenden waren in ihren Verstand eingebrannt, gemeinsam mit einem bis in die Knochen dringenden Gefühl des Grauens. Sie spürte ein Prickeln zwischen den Schulterblättern, als würde der Blick der Mitternachtsaugen auf ihr ruhen. Als würde sie etwas aus den Schatten heraus beobachten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie kamen, um sich hier umzusehen.

Wenn sie nicht schon längst damit begonnen hatten. Man bestahl den Teufel nicht ungestraft.

Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Zwillinge. Sie waren unruhig an diesem Abend, aufgewühlt wie das Tyrrhenische Meer. Eine Unruhe, die nahendes Unheil ankündigte. Vittoria sprach die Formeln zu hastig und Emilia verhaspelte sich bei dem Versuch mitzuhalten.

Im Feuer knackte ein Zweig, dicht gefolgt von einem zweiten. Es klang wie das Zerbrechen eines Wunschknochens über ihren Zauberbüchern. Eine Warnung. Nonna Maria packte die Armlehnen ihres Schaukelstuhls, und ihre Fingerknöchel wurden so weiß wie die abgezogenen Mandeln, die auf dem Tresen lagen.

„Calmati! Nicht so schnell, Vittoria“, rügte sie. „Wenn du es nicht richtig machst, musst du noch einmal von vorn anfangen. Willst du vielleicht allein im Dunkeln Graberde sammeln gehen?“

Zu Nonna Marias Ärger wirkte Vittoria allerdings nicht so eingeschüchtert, wie sie sein sollte. Die Vorstellung, allein unter dem Vollmond in einem wütenden Sturm über einen Friedhof zu schlendern, schien dem Mädchen zu gefallen. Vittoria schürzte die Lippen, schüttelte dann jedoch leicht den Kopf.

Es war Emilia, die schließlich antwortete, auch wenn sie ihrer Schwester dabei einen mahnenden Blick zuwarf: „Wir passen besser auf, Nonna.“

Wie zum Beweis hielt Emilia das Fläschchen mit dem Weihwasser hoch, das sie sich aus dem Kloster geholt hatten. Sie neigte es über den Amuletten und ließ je einen Tropfen zischend darüber rinnen. Silber und Gold. Dem Gleichgewicht zwischen Licht und Dunkelheit dargeboten. Eine Gabe für das, was vor so vielen Jahren gestohlen worden war.

Wie oben, so auch unten.

Friedlich gestimmt sah Nonna Maria zu, wie die beiden ihren Zauber vollendeten, und war erleichtert, als schließlich weiße Funken aus den Flammen schossen, bevor sich das Feuer wieder rot färbte. Ein weiteres Jahr, ein weiterer Sieg. Sie hatten den Teufel erneut ausgetrickst. Irgendwann würde der Tag kommen, an dem die Zauber nicht mehr wirkten, doch daran wollte Nonna Maria jetzt nicht denken. Ihr Blick wanderte zur Fensterbank, und zufrieden betrachtete sie die getrockneten Orangenscheiben, die dort in ordentlichen Reihen lagen.

Lavendelzweige hingen zum Trocknen über dem Kaminsims, und auf der winzigen steinernen Kücheninsel standen Mehl und duftende Kräuter bereit, die darauf warteten, zu ordentlichen Sträußen zusammengebunden zu werden. Verbene, Basilikum, Oregano, Petersilie und Lorbeer. Ihre Düfte mischten sich angenehm miteinander. Einige der Kräuter waren für das Festessen bestimmt, die anderen für die Zauber. Nun, da das Schutzritual vollendet war, konnten sie sich endlich dem Essen widmen.

Nonna Maria sah zur Uhr auf dem Kaminsims hinüber. Ihre Tochter und ihr Schwiegersohn würden bald aus dem Restaurant nach Hause kommen, Gelächter und Wärme mitbringen.

Stürme und Omen hin oder her, im Zuhause der di Carlos würde alles gut sein.

Die Flammen beruhigten sich und Emilia lehnte sich zurück. Sie kaute auf ihren Nägeln herum. Eine unschöne Angewohnheit, die Nonna Maria ihr schon noch austreiben würde. Das Kind spuckte ein Nagelstück aus und wollte es auf den Boden werfen.

„Emilia!“ Nonna Marias Stimme hallte laut in dem kleinen Raum wider.

Das Mädchen zuckte zusammen, ließ die Hand sinken und wirkte verlegen.

„Ins Feuer damit! Du weißt genau, dass du nichts für jene hinterlassen darfst, die sich in den Arti Oscure üben.“

„Tut mir leid, Nonna“, murmelte Emilia. Sie biss sich auf die Unterlippe, und ihre Großmutter wartete auf die Frage, von der sie wusste, dass sie kommen musste. „Erzählst du uns noch einmal etwas über die Dunklen Künste?“

„Oder über die Malvagi?“, fügte Vittoria hinzu, immer gespannt auf die Geschichten über die Wicked. Selbst in jenen Nächten, in denen es ihnen verboten war, solche Namen auch nur zu flüstern. „Bitte?“

„Wir sollten nicht laut über dunkle Dinge sprechen. So etwas macht nur Ärger.“

„Es sind doch nur Geschichten, Nonna“, sagte Emilia leise.

Wenn es doch nur so wäre. Nonna Maria malte einen Schutzzauber über ihr Herz, vollendete ihn mit einem Kuss auf die Fingerspitzen und atmete aus. Die Zwillinge wechselten ein triumphierendes Grinsen. Es war unmöglich, den Mädchen die Legenden vorzuenthalten, auch wenn es ihre Köpfe mit Fantasien über die sieben Höllenfürsten füllte. Nonna Maria fürchtete, dass sie die Dämonen zu romantisch sahen. Sie beschloss, dass es wohl das Beste war, sie daran zu erinnern, warum sie vor diesen schönen, seelenlosen Wesen lieber auf der Hut sein sollten.

„Wascht euch die Hände und helft mir, den Teig auszurollen. Ich erzähle, während ihr die Busiate macht.“

Das Lächeln der beiden wärmte Nonna Maria und vertrieb die Kälte endgültig, die der Sturm und seine Warnung in ihr hinterlassen hatten. Die kleinen, wie Korkenzieher gewundenen Nudeln, die man mit Tomatenpesto servierte, gehörten zu den Lieblingsgerichten der Mädchen. Sie würden sich freuen, wenn sie erfuhren, dass in der Eistruhe bereits eine Cassata wartete. Dieser Kuchen aus Biskuit und süßem Ricotta war zwar eigentlich eine Osterspezialität, doch die Mädchen liebten ihn auch an ihrem Geburtstag.

Trotz aller Vorkehrungen war sich Nonna Maria nicht sicher, wie viele Freuden es im Leben der Mädchen noch geben würde. Deshalb verwöhnte sie die beiden oft. Nicht, dass sie dafür noch einen zusätzlichen Ansporn gebraucht hätte. Die Liebe einer Großmutter war eine ganz eigene machtvolle Magie.

Emilia nahm Stößel und Mörser vom Regal und begann, mit konzentrierter Miene Olivenöl, Knoblauch, Mandeln, Basilikum, Pecorino und Kirschtomaten für das Pesto alla Trapanese zusammenzusuchen. Vittoria zog das feuchte Tuch von der Teigkugel und begann, die Pasta so zu rollen, wie Nonna Maria es ihr beigebracht hatte. Acht Jahre waren die beiden jetzt alt und sie kannten sich bereits in der Küche aus. Das war keine Überraschung. Zwischen dem Restaurant und ihrem Zuhause waren sie praktisch in der Küche groß geworden. Nun sahen sie beide Nonna Maria unter ihren dichten Wimpern hervor an, einen erwartungsvollen Ausdruck in den zum Verwechseln ähnlichen Gesichtern.

Vittoria sagte ungeduldig: „Und? Erzählst du uns jetzt eine Geschichte?“

Nonna Maria seufzte. „Es gibt sieben Dämonenprinzen, aber nur vier davon müssen die di Carlos fürchten: Wrath, Greed, Envy und Pride. Einer sehnt sich nach eurem Blut. Einer holt sich euer Herz. Einer wird euch die Seele rauben. Und einer wird euch das Leben nehmen.“

„Die Wicked“, flüsterte Vittoria fast ehrfürchtig. „Zorn, Habgier, Neid und Stolz.“

„Die Malvagi sind Dämonenprinzen, die in der Nacht umherstreifen, auf der Suche nach Seelen, die sie für ihren König, den Teufel, stehlen können. Ihr Hunger ist unbändig und gnadenlos, bis der Morgen sie davonjagt.“ Langsam schaukelte Nonna Maria in ihrem Stuhl vor und zurück. Das Holz knarrte und übertönte das Rauschen des Sturms. Sie ruckte mit dem Kinn, um dafür zu sorgen, dass die Mädchen mit ihren Aufgaben fortfuhren und so ihren Teil des Handels einhielten. Beide begannen wieder mit der Arbeit. „Die sieben Prinzen sind so von Sünde zerfressen, dass sie es nicht ertragen, sich im Licht aufzuhalten, wenn sie in unsere Welt übertreten. Sie sind dazu verflucht, sich nur hinauszuwagen, wenn es dunkel ist. Dies war eine Strafe, die ihnen La Prima Strega auferlegt hat, vor vielen Jahren. Lange bevor es Menschen auf der Erde gab.“

„Wo ist die Erste Hexe jetzt?“, fragte Emilia, wobei sich ein skeptischer Unterton in ihre Stimme schlich. „Warum sieht man sie nicht mehr?“

Darüber dachte Nonna Maria sorgfältig nach. „Sie hat ihre Gründe und die müssen wir respektieren.“

„Wie sehen die Dämonenprinzen denn aus?“, wollte Vittoria wissen, obwohl sie diesen Teil mittlerweile auswendig kennen musste.

„Sie scheinen menschlich zu sein, aber ihre ebenholzfarbenen Augen haben einen rötlichen Schimmer, und ihre Haut ist hart wie Stein. Was auch immer ihr tut, ihr dürft niemals mit einem der Wicked sprechen. Wenn ihr sie seht, dann versteckt euch. Sobald ihr die Aufmerksamkeit eines der Dämonenprinzen auf euch gezogen habt, wird er vor nichts zurückschrecken, um euch für sich zu beanspruchen. Sie sind Kreaturen der Mitternacht, geboren aus Dunkelheit und Mondschein. Und sie wollen nichts als zerstören. Gebt auf euer Herz acht, denn wenn die Prinzen die Chance dazu bekommen, werden sie euch das Herz aus der Brust reißen und euer in der Nacht dampfendes Blut trinken.“

Doch ganz gleich, ob die Wicked seelenlose Wesen waren, die dem Teufel gehörten, und ob sie ohne zu zögern töteten, die Zwillinge waren trotzdem fasziniert von diesen dunklen und mysteriösen Höllenfürsten.

Eine mehr als die andere, wie es das Schicksal wollte.

„Aber woher sollen wir es denn wissen, wenn wir einem von ihnen begegnen?“, fragte Vittoria. „Was, wenn wir ihre Augen nicht sehen können?“

Nonna Maria zögerte. Sie hatten schon so viel gehört, und wenn sich die alte Prophezeiung erfüllte, dann befürchtete sie, dass das Schlimmste noch bevorstand. „Ihr werdet sie erkennen.“

Ganz wie es in ihrer Familie Tradition war, hatte Nonna Maria ihnen magische Wege gezeigt, wie man sich sowohl vor Menschen als auch vor den Kreaturen der Mitternacht verstecken konnte. Jedes Jahr an ihrem Geburtstag sammelten die Mädchen Kräuter aus dem winzigen Garten hinter dem Haus und woben daraus Schutzzauber.

Sie trugen ihre Amulette, gesegnet mit Weihwasser, frisch umgegrabener Friedhofserde und schimmernden Mondstrahlen. Sie rezitierten Schutzformeln und sprachen niemals von den Malvagi, wenn der Mond voll war. Noch wichtiger war es jedoch, dass sie ihre Amulette niemals ablegten.

Emilias Cornicello war aus Silber gefertigt, Vittorias aus Gold. Die Mädchen durften sie nicht zusammenbringen, sonst würde etwas Furchtbares geschehen. Nonna Maria sagte, es wäre, als würde man die Sonne und den Mond dazu zwingen, sich den Himmel zu teilen und die Welt in ewiges Zwielicht zu hüllen. Dort könnten die Prinzen ihrem Feuergefängnis endgültig entkommen. Sie würden morden und die Seelen der Unschuldigen rauben, bis die Welt der Menschen zu Asche zerfiel – wie in ihrem Albtraumreich.

Nachdem die Zwillinge ihr Abendessen und dann den Kuchen verschlungen hatten, gaben ihnen Mamma und Papà einen Gutenachtkuss. Am nächsten Tag würden sie damit beginnen, in der geschäftigen Restaurantküche auszuhelfen; ihr erster echter Abenddienst. Zu aufgeregt, um schlafen zu können, saßen Emilia und Vittoria auf ihrer gemeinsamen Matratze und schwangen ihre Hornamulette, als wären es winzige Elfenschwerter. Sie taten, als würden sie gegen die Malvagi kämpfen.

„Wenn ich groß bin, werde ich eine grüne Hexe“, sagte Emilia später, eingekuschelt in die Arme ihrer Schwester. „Dann pflanze ich alle möglichen Kräuter an. Und ich habe meine eigene Trattoria, und die Gerichte sind aus Magie und Mondlicht gemacht. Wie bei Nonna.“

„Deine werden sogar noch besser.“ Vittoria drückte sie ermutigend. „Bis dahin bin ich dann schon Königin, und ich sorge dafür, dass du alles haben kannst, was du willst.“

Eines Abends wollten die Mädchen mutig sein. Fast ein Monat war seit ihrem achten Geburtstag verstrichen und Nonna Marias strenge Ermahnungen schienen ewig her zu sein. Mit entschlossener Miene warf Vittoria ihrer Schwester das Amulett zu. „Hier“, sagte sie. „Nimm es.“

Emilia zögerte nur einen Moment, dann umschloss sie das goldene Horn mit den Fingern.

Ein schimmerndes Licht brach aus den Amuletten hervor, schwarz und lavendelfarben. Es erschreckte Emilia so sehr, dass sie die Kette ihrer Schwester fallen ließ. Rasch band sich Vittoria das Amulett wieder um, damit es dort war, wohin es gehörte, die braunen Augen weit aufgerissen. Abrupt erlosch das Glimmen. Beide Mädchen schwiegen. Ob aus Furcht oder Faszination, wussten sie selbst nicht. Emilia schloss und öffnete die Finger und versuchte, das Prickeln wie von Nadelstichen abzuschütteln, das ihr unter die Haut gekrochen war. Vittoria sah ihr zu, das Gesicht von Schatten verborgen.

In der Nähe heulte ein Höllenhund den Mond an. Später würden sich die beiden jedoch einreden, dass es nur der Wind gewesen war, der durch die engen Gassen ihres Viertels fauchte. Sie sagten nie jemandem, was sie getan hatten, sprachen nie über das seltsame tintenähnliche violette Licht.

Nicht einmal miteinander. Und ganz besonders nicht mit Nonna Maria.

Da sie so taten, als hätte es den Vorfall nie gegeben, sagte Emilia ihrer Schwester auch nicht, dass er sie unwiderruflich verändert hatte – denn von diesem Abend an konnte sie, wenn sie ihr Cornicello in der Hand hielt und sich konzentrierte, etwas sehen, das sie schließlich Luccicare nannte. Ein schwaches Schimmern, eine Aura, die alle Menschen umgab.

Die einzigen Ausnahmen waren sie selbst und ihre Zwillingsschwester.

Falls Vittoria auch über diese neue Fähigkeit verfügte, gab sie es jedenfalls nie zu. Es war das erste von vielen Geheimnissen, die Emilia und Vittoria voreinander haben sollten. Und für eine von beiden sollte es sich als tödlich erweisen.



Eins

Zehn Jahre später

 

Nonna Maria schwirrte in der Küche umher, als hätte sie die Espressovorräte des Restaurants ganz allein bis auf den letzten Tropfen geleert. Sie war völlig außer sich. Meine Zwillingsschwester war zur Abendschicht spät dran, was Großmutter als böses Omen betrachtete, besonders da es der Abend vor einem Feiertag war. Die Göttin bewahre uns.

Die Tatsache, dass der Mond nicht nur voll war, sondern auch einen fauligen Gelbstich aufwies, veranlasste Nonna dazu, jene Warnungen vor sich hinzumurmeln, die meinen Vater üblicherweise dazu brachten, die Türen zu verriegeln. Glücklicherweise hielten sich Onkel Nino und er jedoch im Moment im Speiseraum auf, wo sie den Gästen aus einer vereisten Flasche Limoncello einen Digestif einschenkten. Niemand verließ das Mare & Vitigno, ohne den köstlichen Dessertlikör gekostet und das Gefühl vollkommener Zufriedenheit nach einem guten Mahl genossen zu haben.

„Mach dich nur über mich lustig, aber es ist nicht sicher. Dämonen durchstreifen die Gassen, auf der Suche nach Seelen, die sie rauben können.“ Nonna hackte Knoblauchzehen für die Scampi, wobei ihr Messer nur so über das abgenutzte Schneidbrett flog. Wenn sie nicht aufpasste, würde sie noch einen Finger verlieren. „Es ist dumm von deiner Schwester, jetzt dort draußen zu sein.“ Sie hielt inne und richtete ihre Aufmerksamkeit auf das hornförmige Amulett an meinem Hals. Tiefe Sorgenfalten zogen sich um ihren Mund und die Augen. „Hast du gesehen, ob sie ihr Cornicello trägt, Emilia?“

Ich machte mir nicht die Mühe zu antworten. Wir nahmen unsere Amulette niemals ab, nicht einmal beim Baden. Meine Schwester brach so ziemlich jede Regel, nur diese nicht. Besonders nicht nach dem, was geschehen war, als wir acht Jahre alt gewesen waren … Kurz schloss ich die Augen, um die Erinnerung daran zu vertreiben. Nonna wusste noch immer nichts von dem Luccicare, von dem Schimmern, das ich um die Menschen herum sehen konnte, wenn ich mein Amulett in der Hand hielt. Hoffentlich würde sie auch nie davon erfahren.

„Mamma, bitte.“ Meine Mutter hob den Blick zur Decke, als hoffte sie, die Göttin würde ihr Flehen erhören und einen Blitz vom Himmel herabschicken. Ob dieser Blitz nun für sie selbst oder für Nonna bestimmt sein sollte, wusste ich nicht. „Lasst uns erst die Gäste fertig bedienen, bevor wir uns Gedanken um die Wicked machen. Im Moment haben wir wirklich dringendere Sorgen.“ Sie nickte zur Sauteuse hinüber. „Dein Knoblauch verbrennt da gerade.“

Nonna murmelte etwas, das verdächtig nach „Genau wie ihre Seelen in der Hölle, wenn wir sie nicht retten, Nicoletta“ klang, und ich musste mir auf die Lippe beißen, um nicht breit zu grinsen.

„Irgendetwas stimmt nicht, ganz und gar nicht. Ich fühle es in den Knochen. Wenn Vittoria nicht bald zu Hause ist, gehe ich sie selbst suchen. Die Malvagi werden es nicht wagen, ihre Seele zu stehlen, wenn ich in der Nähe bin.“ Nonna ließ ihr Hackbeil auf eine arglose Makrele niedersausen, deren Kopf daraufhin in hohem Bogen auf den Kalksteinboden flog.

Ich seufzte. Wir hätten den Kopf gut für den Fischfond gebrauchen können. Nonna regte sich wirklich zu sehr auf. Immerhin war sie es, die uns beigebracht hatte, dass man jeden Teil eines Tiers wertschätzen und nichts wegwerfen sollte.

Knochen verwendete man jedoch nur für Fond, nicht für Zaubersprüche. Jedenfalls galt diese Regel für uns di Carlos. Die Arti Oscure waren uns strikt verboten. Ich hob den Fischkopf auf und legte ihn in eine Schale, um ihn später den Straßenkatzen zu geben, während ich die Gedanken an die Dunklen Künste vertrieb.

Ich goss Nonna einen kühlen Wein ein und gab ein paar Orangenspalten und kandierte Orangenschale hinein, um ihn etwas zu süßen. Sofort erblühte eine Kondensschicht wie Morgentau auf dem Glas. Es war Mitte Juli in Palermo, was bedeutete, dass die Abendluft stickig war, obwohl wir sämtliche Fenster geöffnet hatten, um eine kühle Brise hereinzulocken.

Zu dieser Zeit war es in der Küche besonders warm, doch ich trug mein Haar auch während der kühleren Jahreszeiten hochgesteckt, wegen der glühenden Hitze, die unsere Ofenfeuer verströmten.

Das Mare & Vitigno, die Trattoria der Familie di Carlo, war in ganz Sizilien für sündhaft köstliches Essen bekannt. Jeden Abend drängten sich hungrige Gäste um unsere Tische, um eines von Nonnas herrlichen Gerichten genießen zu können, und schon am späten Nachmittag bildeten sich Schlangen vor der Tür, ganz gleich, wie das Wetter war. Nonna sagte, ihr Geheimnis seien schlichte Zutaten, gemischt mit einem Hauch Magie. Was auch stimmte.

„Hier, Nonna.“ Außerhalb unseres Zuhauses sollten wir keine Magie verwenden, doch ich flüsterte einen raschen Spruch und ließ das Glas mithilfe des auf den Stein tropfenden Kondenswassers über dem Tresen zu ihr hinüberrutschen. Sie ließ die Sorgen lange genug ruhen, um an dem süßen roten Wein zu nippen. Als Nonna gerade nicht hinsah, formte meine Mutter ein stummes Dankeschön mit den Lippen, und ich lächelte.

Ich wusste auch nicht, warum Nonna an diesem Abend so aufgebracht war. Im Laufe der vergangenen Wochen – etwa seit unserem achtzehnten Geburtstag – war es öfter vorgekommen, dass meine Zwillingsschwester eine Abendschicht verpasst und sich erst lange nach Sonnenuntergang wieder ins Haus geschlichen hatte, die Wangen unter der Bronzehaut gerötet und die dunklen Augen strahlend. Irgendetwas an ihr war anders. Und ich hatte den starken Verdacht, dass an allem ein ganz bestimmter junger Händler auf dem Markt schuld war.

Domenico Nucci junior.

Ich hatte heimlich einen Blick in ihr Tagebuch geworfen und seinen Namen an den Rand gekritzelt gesehen, bevor mich mein schlechtes Gewissen dazu gebracht hatte, das Buch wieder zuzuklappen und unter das Bodenbrett zurückzuschieben, wo sie es immer versteckte. Wir teilten uns immer noch ein Zimmer im ersten Stock unseres kleinen, überfüllten Häuschens, weshalb sie meine Schnüffelei glücklicherweise nicht bemerkt hatte.

„Vittoria geht es gut, Nonna.“ Ich reichte ihr einen Bund frische Petersilie, mit dem sie die Garnelen garnieren konnte. „Ich habe dir doch gesagt, dass sie mit diesem Jungen der Nuccis flirtet, der bei der Burg Arancini für seine Familie verkauft. Er hat heute Abend sicher viel mit den Vorbereitungen für das Fest zu tun, und ich wette, sie verteilt frittierte Reisbällchen an alle, die es ein bisschen übertrieben haben und etwas brauchen, um den Messwein aufzusaugen.“ Ich zwinkerte, aber Nonnas Ängstlichkeit ließ sich nicht vertreiben. Ich legte die Petersilie beiseite und umarmte sie fest. „Kein Dämon stiehlt gerade ihre Seele oder frisst ihr Herz. Versprochen. Sie wird jeden Moment hier sein.“

„Ich hoffe, dass du die Zeichen der Göttinnen eines Tages ernst nehmen wirst, Bambina.“

Eines Tages vielleicht. Allerdings hörte ich schon mein ganzes Leben lang Geschichten über rotäugige Dämonenprinzen, ohne dass mir jemals einer begegnet wäre. Ich machte mir nicht mehr allzu viele Sorgen darüber, dass sich das plötzlich ändern könnte. Wo auch immer die Wicked waren, sie schienen nicht von dort zurückzukehren. Ich hatte etwa genauso viel Angst vor ihnen wie vor der Vorstellung, die Dinosaurier könnten plötzlich wieder zum Leben erwachen und Palermo überrennen. Als sich eine Melodie durch das Hacken der Messer und das Rühren der Löffel zu winden begann, überließ ich Nonna den Garnelen und lächelte. Dies war meine Lieblingssymphonie, denn sie erlaubte mir, mich ganz auf die Freude am Kreieren zu konzentrieren.

Zufrieden atmete ich den Duft von Knoblauch und Butter ein.

Kochen war eine Mischung aus Magie und Musik. Das Knacken aufbrechender Muschelschalen, das Zischen von Pancetta in einer heißen Pfanne, das metallische Klirren eines Rührbesens, der an den Schüsselrand stieß, sogar das rhythmische Klopfen eines Hackmessers auf einem hölzernen Schneidbrett. Ich genoss es ganz und gar, mit meiner Familie in der Küche zu stehen, und konnte mir keine schönere Art vorstellen, den Abend zu verbringen.

Das Mare & Vitigno war meine Zukunft und es versprach eine Zukunft voller Liebe und Licht zu werden. Besonders wenn es mir gelang, genug Geld zu sparen, um das Haus nebenan zu kaufen und unser Familienunternehmen auszubauen. Ich experimentierte mit neuen Aromen aus ganz Italien und eines Tages wollte ich meine eigene Speisekarte entwerfen.

Meine Mutter summte vor sich hin, während sie Früchte aus Marzipan formte. „Er ist ein netter Junge. Domenico. Er wäre eine gute Partie für Vittoria. Seine Mutter ist immer freundlich.“

Nonna hob ihre mehlbestäubte Hand und machte eine abfällige Geste, als wäre die Vorstellung einer Verlobung mit einem Nucci schlimmer als der Gestank in den Straßen beim Fischmarkt. „Pah! Sie ist zu jung, um sich übers Heiraten Gedanken zu machen. Außerdem ist er kein Sizilianer.“

Meine Mutter und ich schüttelten die Köpfe. Ich hatte das Gefühl, dass Domenicos toskanische Wurzeln wenig mit Nonnas Abneigung zu tun hatten. Wenn es nach ihr ginge, würden wir in unserem Elternhaus – in unserem kleinen Viertel in Palermo – bleiben, bis unsere Skelette zu Staub zerfielen. Nonna glaubte nicht, dass irgendjemand anderes ebenso gut auf uns aufpassen konnte wie sie. Besonders nicht, wenn es nur ein einfacher Menschenjunge war. Domenico war nicht hexengeboren wie mein Vater, weshalb Nonna nicht der Meinung war, man könne ihm unser Geheimnis jemals rückhaltlos anvertrauen.

„Er wurde hier geboren. Seine Mutter stammt von hier. Ich bin ziemlich sicher, dass ihn das durchaus zu einem Sizilianer macht“, sagte ich. „Sei nicht so giftig, das passt nicht zu einer so süßen Nonna wie dir.“

Sie gab einen mürrischen Laut von sich und ignorierte meinen unverhohlenen Versuch, ihr zu schmeicheln. Stur wie ein Maultier, hätte mein Großvater gesagt. Sie griff nach ihrem geschnitzten Rührlöffel und deutete damit auf mich. „Sardinen wurden am Strand angespült und die Möwen haben sie nicht angerührt. Weißt du, was das heißt? Das bedeutet, dass sie nicht dumm sind. Die Teufel bringen das Meer in Aufruhr und die Möwen wollen nichts mit ihren Gaben zu schaffen haben.“

„Mamma.“ Meine Mutter seufzte und legte die Mandelpaste beiseite. „Ein Boot, das Petroleum geladen hatte, ist letzte Nacht gegen die Klippen geschlagen. Das Öl hat die Fische getötet, nicht der Teufel.“

Nonna bedachte meine Mutter mit einem Blick, der weniger mutige Seelen in die Knie gezwungen hätte. „Du weißt so gut wie ich, dass es ein Zeichen ist, dass die Malvagi gekommen sind, Nicoletta. Sie sind hier, um sich zu holen, wonach sie suchen. Du hast von den Toten gehört. Der Zeitpunkt passt zu dem, was vorhergesagt wurde. Ist das für dich auch ein Zufall?“

„Tote?“ Meine Stimme schoss mehrere Oktaven in die Höhe. „Wovon sprichst du da?“

Nonna presste die Lippen aufeinander. Meine Mutter fuhr herum und vergaß das Marzipan endgültig. Die beiden wechselten einen Blick, so tief und bedeutungsschwer, dass mir ein Schauer über den Rücken lief.

„Welche Toten?“, hakte ich nach. „Was wurde vorhergesagt?“

In unserem Restaurant war noch mehr los als normalerweise, weil wir uns auf den Menschenstrom vorbereiteten, der am nächsten Tag für das Fest hier eintreffen würde. Daher waren mehrere Tage vergangen, seit ich zuletzt den Gerüchten auf dem Marktplatz hatte lauschen können. Von irgendwelchen Toten hatte ich nichts gehört.

Mutter sah Nonna an, als wollte sie sagen: Du hast damit angefangen, also bring es jetzt auch zu Ende. Dann wandte sie sich wieder dem Obstformen zu. Nonna setzte sich auf einen Stuhl, der immer beim Fenster stand, und umklammerte ihr Weinglas fest. Eine leichte Brise linderte die drückende Hitze. Flatternd schlossen sich ihre Lider, während sie dem Windhauch nachspürte. Sie wirkte erschöpft. Was auch immer hier vor sich ging, es war schlimm.

„Nonna? Bitte. Was ist passiert?“

„Letzte Woche wurden zwei Mädchen ermordet. Eines in Sciacca. Und eines hier. In Palermo.“

Sciacca – eine Hafenstadt am Mittelmeer – lag nur ein kleines Stück südlich von hier. Diese Stadt war ein Juwel auf einer Insel voller wunderschöner Ausblicke. Ich konnte mir dort keinen Mord vorstellen. Was lächerlich war, denn der Tod machte keinen Unterschied zwischen Paradies und Hölle.

„Das ist furchtbar.“ Ich legte mein Messer weg, mein Herz klopfte schneller. Ich sah meine Großmutter an. „Waren sie … Menschen?“

Nonnas traurige Miene war Antwort genug. Streghe. Hexen. Ich schluckte schwer. Kein Wunder, dass sie ständig über die Rückkehr der Wicked sprach. Sie sah vor sich, wie eine von uns wie achtlos weggeworfen auf der Straße lag. Wie unsere Seele in der Hölle von Dämonen gefoltert wurde, während unser Blut durch die Risse in den Steinen sickerte und die Zauberkraft der Erde nährte. Obwohl mir der Schweiß auf der Stirn stand, fröstelte ich. Ich wusste nicht, was ich von diesen Morden halten sollte.

Nonna schalt mich oft, weil ich so skeptisch war, aber ich war noch nicht überzeugt davon, dass wirklich die Malvagi dahintersteckten. Alte Legenden behaupteten, dass die Wicked losgeschickt wurden, um Handel abzuschließen und Seelen für den Teufel zu holen, nicht um zu morden. Außerdem waren sie seit mindestens hundert Jahren nicht mehr in unserer Welt gesehen worden.

Die Menschen brachten sich andauernd gegenseitig um, und sobald sie Verdacht schöpften, was wir waren, griffen sie uns an. Erst in der vergangenen Woche hatte uns Geflüster über eine neue Bande von Hexenjägern erreicht, doch bisher gab es noch nichts, was diese Gerüchte bestätigt hätte. Doch nun …

Wenn Hexen ermordet wurden, war ich eher geneigt zu glauben, dass menschliche Fanatiker die Schuld daran trugen. Was bedeutete, dass wir noch besser aufpassen mussten, uns nicht zu verraten. Keine noch so simplen Zauber mehr, wenn uns jemand sehen könnte. Ich selbst war ohnehin eher übervorsichtig, was aber nicht für meine Schwester galt. Sie versteckte sich am liebsten, indem sie sich überhaupt nicht versteckte.

Vielleicht hatte Nonna recht, wenn sie sich Sorgen machte.

„Die Malvagi sind gekommen, um sich zu holen, wonach sie suchen? Was soll denn das heißen?“, fragte ich. „Und was ist vorhergesagt worden?“

Nonna wirkte nicht glücklich über meine Frage, aber sie erkannte die Entschlossenheit in meinen Augen und wusste, dass ich immer weiterfragen würde. Sie seufzte. „Es gibt Geschichten, in denen es heißt, dass die Wicked von jetzt an alle paar Wochen nach Sizilien zurückkehren werden, um nach etwas zu suchen, das dem Teufel gestohlen wurde.“

Das war eine neue Legende für mich. „Was wurde ihm denn gestohlen?“

Meine Mutter hielt kurz inne, bevor sie sich wieder den Marzipanfrüchten zuwandte. Nonna nippte bedächtig an ihrem Wein und starrte in ihr Glas, als könnte sie die Zukunft im Fruchtfleisch lesen, das auf der Oberfläche trieb. „Eine Blutschuld.“

Ich hob die Brauen. Das klang jetzt ein bisschen unheilvoll. Bevor ich sie weiter ausfragen konnte, klopfte jemand an die Seitentür, wo üblicherweise unsere Vorräte angeliefert wurden. Über das Geplauder in unserem kleinen Speisezimmer hinweg rief mein Vater Onkel Nino zu, dass er sich weiter um die Gäste kümmern sollte. Schritte erklangen im Korridor und die Tür wurde knarrend aufgeschoben.

„Buonasera, Signore di Carlo. Ist Emilia da?“

Ich erkannte die tiefe Stimme und wusste, warum er hergekommen war. Es gab nur einen Grund, warum Antonio Vicenzu Bernardo, das neueste Mitglied der heiligen Bruderschaft, je zu mir hierherkam. Das nahe Kloster war auf Spenden und Mildtätigkeit angewiesen, weshalb ich ein-, zweimal im Monat im Namen meiner Familie Abendessen für die Brüder zubereitete.

Nonna schüttelte bereits den Kopf, während ich mir die Hände an einem Tuch abwischte und meine Schürze auf die Kücheninsel legte. Ich strich meinen dunklen Rock glatt und verzog ein wenig das Gesicht angesichts des Mehls auf meiner Korsage. Ich sah aus wie die Königin der Asche und roch vermutlich nach Knoblauch.

Ich schluckte ein Seufzen hinunter. Erst achtzehn und in romantischer Hinsicht schon für immer verloren.

„Emilia … bitte.“

„Nonna, die Straßen sind jetzt schon voller Menschen, die ein bisschen früher mit dem Feiern angefangen haben. Ich verspreche dir, dass ich auf der Hauptstraße bleibe, schnell das Abendessen zubereite und auf dem Heimweg Vittoria einsammle. Ehe du dich versiehst, sind wir beide wieder hier.“

„Nein.“ Nonna war aufgesprungen und scheuchte mich zurück zur Kücheninsel und zu meinem verlassenen Hackbrett, als wäre ich ein widerspenstiges Huhn. „Du darfst nicht gehen, Emilia. Nicht heute Abend.“ Sie umklammerte ihr eigenes Cornicello, und ihre Miene wirkte flehentlich. „Lass jemand anderen heute das Essen machen, sonst landest du am Ende noch als Leiche in den Katakomben in diesem Kloster.“

„Mamma!“, schimpfte Mutter. „Wie kannst du so etwas sagen!“

„Keine Sorge, Nonna. Ich habe vor, noch sehr, sehr lang zu leben.“

Ich gab meiner Großmutter einen Kuss, schnappte mir eine halb fertige Marzipanfrucht von dem Teller, an dem meine Mutter arbeitete, und steckte sie mir in den Mund. Während ich kaute, füllte ich einen Korb mit Tomaten, frischem Basilikum, hausgemachtem Mozzarella, Knoblauch, Olivenöl und einer kleinen Flasche voll dickem Balsamico, die Onkel Nino von seinem letzten Besuch in Modena mitgebracht hatte. Das war nicht traditionell, aber ich hatte ein wenig damit herumexperimentiert, und der Geschmack, wenn man am Schluss etwas Essig über das Gericht träufelte, gefiel mir sehr.

Ich legte noch ein Salzfässchen und einen Laib von dem knusprigen Brot dazu, das wir zuvor gebacken hatten, und huschte aus der Küche, bevor ich in eine weitere Diskussion verwickelt werden konnte.

Fröhlich lächelte ich Fratello Antonio zu und hoffte, dass er nicht hörte, wie Nonna im Hintergrund ihn selbst und gleich das ganze Kloster verwünschte. Für ein Mitglied der Bruderschaft war er jung – nur drei Jahre älter als Vittoria und ich –, und er sah gut aus. Seine Augen hatten die Farbe geschmolzener Schokolade, und stets schien ein hinreißendes Lächeln seinen Mund zu umspielen. Er war im Haus nebenan aufgewachsen, und ich hatte immer davon geträumt, ihn eines Tages zu heiraten. Zu schade, dass er ein Keuschheitsgelübde abgelegt hatte. Ich war sicher, dass gut die Hälfte der italienischen Bevölkerung nichts dagegen hätte, einmal seine vollen Lippen zu küssen. Ich selbst eingeschlossen.

„Buonasera, Fratello Antonio.“ Ich hielt meinen vollen Korb hoch und versuchte nicht darauf zu achten, wie seltsam es war, ihn Bruder zu nennen, obwohl ich doch alles andere als schwesterliche Gefühle für ihn hegte. „Ich habe wieder ein bisschen herumprobiert, und ich mache heute Abend eine Art Caprese-Bruschetta-Kombination für die Bruderschaft. Klingt das gut?“

Ich hoffte es jedenfalls für ihn. Es war schnell und einfach anzurichten, und obwohl das Brot noch besser schmeckte, wenn man es mit Olivenöl bestrich und leicht anröstete, brauchte man nicht unbedingt einen Herd für die Zubereitung.

„Das klingt himmlisch, Emilia. Und bitte, sag ›Antonio‹. Solche Förmlichkeiten sind unter alten Freunden doch nicht nötig.“ Er nickte mir schüchtern zu. „Deine Haare sehen heute hübsch aus.“

„Grazie.“ Ich hob die Hand und berührte eine der Blumen. Als wir noch jünger gewesen waren, hatte ich damit begonnen, mir Orangen- und Frangipaniblüten ins Haar zu flechten, damit man mich von meiner Schwester unterscheiden konnte. Ich musste mir in Erinnerung rufen, dass Antonio nun dem Allmächtigen versprochen war und ganz sicher nicht mit mir flirtete.

Egal, wie sehr ich es mir manchmal auch anders wünschte.

Etwas, vermutlich ein Topf, landete laut scheppernd auf dem Küchenboden, und während Antonio sorgsam jede Reaktion darauf vermied, wand ich mich innerlich. Ich konnte nur raten, womit Nonna wohl als Nächstes werfen würde.

„Die meisten der Brüder werden erst später ins Kloster zurückkehren“, sagte er. „Aber ich kann dir helfen, wenn du möchtest.“

Nonnas hysterischer Anfall nahm an Lautstärke zu, doch Antonio war so höflich, einfach vorzugeben, er könne nicht hören, wie sie vor Dämonen warnte, die in Sizilien junge Frauen ermordeten und ihre Seelen raubten. Ich schenkte ihm mein gewinnendstes Lächeln und hoffte, dass es nicht wie eine Grimasse aussah. „Das wäre schön.“

Sein Blick huschte kurz an mir vorbei, als Nonnas Schreie an unsere Ohren drangen, und eine kleine Falte bildete sich auf seiner Stirn. Normalerweise war Nonna sehr vorsichtig, wenn Gäste in der Nähe waren, doch wenn sie nun begann, lautstark über die Dunklen Künste und Schutzzauber zu lamentieren, obwohl Antonio sie hören konnte, dann könnte das unser gut laufendes Familienrestaurant ruinieren.

Wenn es etwas gab, das die Menschen genauso fürchteten wie die Malvagi, dann waren es Hexen.

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Der Zauber von Wein und LavendelDer Zauber von Wein und Lavendel

Roman

Frankreich, kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert: Üppige Weinberge unter strahlender Sonne, das Gelächter vieler Erntehelfer, ein Gut in voller Pracht – so hat Elena das Château Renard in Erinnerung. Doch als sie nach mehrjähriger Abwesenheit dorthin zurückkehrt, bietet sich ihr ein völlig anderes Bild: Das Weingut liegt nun in den Händen eines gut aussehenden Fremden, der nicht an die Kraft von Elenas besonderen Kräutern glaubt, und steht zudem kurz vor dem Ruin. Elena beschließt, ihr Weingut zu retten, und setzt dabei nicht nur ein altes Familiengeheimnis, sondern auch ihr Herz aufs Spiel.

1

Die Augen der Kröte schwebten über der Wasserlinie, während in ihrem Maul eine Motte flatterte. Sie blinzelte, um die Flügel an ihrer Zunge vorbeizuzwingen, dann folgte ein Moment des Ekels. Die Seltsamkeit der Situation sickerte durch ihr Krötenhirn, bis sie zu der Überzeugung kam, dass es besser wäre, die zarten Motten mit den gelben Flügeln in Zukunft zu vermeiden.
Unbeeindruckt schwamm sie ins trübe Flachwasser, um sich dort zwischen das Schilf zu schieben. Die spätherbstliche Sonne schien an den fast kahlen Halmen vorbei auf ihren Körper. Als sie die Wärme in sich aufnahm, erlaubte sie ihren Lidern, sich zu entspannen. Doch durch die Energie der Sonne folgte neuer Hunger. Sie wischte sich mit einem Vorderbein über das Maul und dachte gerade darüber nach, ob sie am schlammigen Ufer nach Schnecken suchen sollte, als eine zweite Merkwürdigkeit ihre Instinkte aufmerken ließ. Sie nahm Formen und Farben plötzlich intensiver wahr, und das nicht nur durch ein Lichtspiel. Ein braunes Blatt sank taumelnd auf das schwarze Wasser. Ein silberner Fisch mit pinkfarbenen Kiemen knabberte direkt unter der Oberfläche an einem Insekt. Eine leuchtend neongrüne Libelle sauste über den Teich.
Ihr Krötenhirn registrierte die smaragdgrüne Farbe des Insekts, die sie an ein Amulett erinnerte, während sie gleichzeitig die Nasenlöcher blähte, weil ihr der Gestank von Fisch und dreckigem Wasser in die Nase stieg. Wie hatte sie bisher den abgestandenen, unangenehmen Geruch des Flachwassers nicht wahrnehmen können? Ein kalter Schauer lief über ihre ledrige Haut und trieb sie aus dem schmutzigen Wasser.
Die Haut. Es wurde Zeit, sich zu häuten.
Das Zittern setzte vollkommen unkontrolliert ein, wie es einmal die Woche geschah, seit ihre Erinnerungen als Kröte begonnen hatten. Ihr Körper krümmte sich ohne ihr Zutun, als sich die äußerste Schicht ihrer Haut streckte und hob und sich von ihren Beinen, dem Rücken und dem empfindlichen Bauch löste. Sie drehte und wand sich, um die abgeworfene Hülle mit den Vorderbeinen über den Kopf zu schieben wie eine Frau, die ein durchsichtiges Nachthemd abstreift. Dann nahm sie die zusammengeknüllte Haut ins Maul und begann zu schlucken. Das musste sie immer tun, auch wenn sich ihr der Grund dafür entzog.
Sie blinzelte heftig und beförderte die Haut tiefer in ihren Schlund, als sie eine seltsame Regung in ihren Knochen vom Schlucken abhielt. Ihre Innereien verkrampften und bewegten sich und sie würgte die Haut wieder nach oben. Ein scharfer Stich durchfuhr ihren gewölbten Rücken, als hätten sich Klauen in ihr Fleisch gegraben. Panik ließ ihre Instinkte zum Leben erwachen. Spring zurück ins Wasser, bevor sich der alte Fuchs mit seinen Zähnen noch einen Zeh holt! Doch dann erwachte ihr anderer Geist – derjenige, der tief verborgen wie ein Juwel in ihrem Unterbewusstsein geruht hatte. Der verborgene Smaragd der Intelligenz erkannte den Schmerz als das hoffnungsvolle Zeichen, das er darstellte, und die Hoffnung sorgte dafür, dass sie stillhielt, obwohl sich ein Riss über ihrer Wirbelsäule öffnete und sie fast in zwei Teile riss.
Weit gespreizte Zehen gruben sich in den Schlamm, als aus vier Fingern fünf wurden, die sich nach und nach verlängerten. Ein menschliches Gesicht presste sich von innen gegen die warzige Haut und zwang das Maul und die Nasenlöcher der Kröte, zu reißen und sich aufzulösen. Die Metamorphose beschleunigte sich. Schultern, Arme und Bauch wuchsen. Braunes Haar, überzogen mit einer Art Geburtsschleim, ergoss sich über ihren Rücken. Keuchend schnappte sie nach Luft, füllte ihre Lunge damit und öffnete die Augen für die Welt – wiedergeboren.
Immer noch im Schlamm sitzend bewegte sie vorsichtig die Finger, dann wagte sie es, mit den Händen die heilige Geste zu formen, als hielte sie das Gesicht der Weisheit selbst. Wärme erfüllte sie. Ihr Bewusstsein erwachte zum Leben. Die Fesseln des Fluchs lösten sich auf.
Elena.
Der Name schoss ihr so schnell durch den Kopf, dass sie ihn fast für ein Phantom hielt. Dann stieg eine Flut an Erinnerungen auf. Sie war Elena, Elevin des Allwissenden und Tochter des Chanceaux-Tals. Und sie war frei.
Als ihr Körper aus seiner Erstarrung erwachte, glitten schlammverschmierte Hände über Brüste, Rippen und Bauch, um sicherzustellen, dass alles in Ordnung war – bis das warme Fleisch unter ihrer Berührung durch das Teichwasser auskühlte. Sie wagte es, den Blick zu senken, und verschluckte sich fast an einem gepressten Schrei. Riesige, fleckige Beine mit Schwimmfüßen verweilten in schrecklicher Sturheit. Sie trat um sich und schüttelte die Gliedmaßen, doch sie blieben auf groteske Art mit ihrem Körper verbunden.
„Was für ein Dämonenzauber ist das?“, rief sie. Doch sobald die Panik verklang, atmete sie einmal tief durch und erlaubte ihrem Geist, das Problem ruhig zu betrachten, wie sie es immer getan hatte.
Die starken Alkaloide, welche die Kröte über die Haut abgab, hatten den Fluch mit der Zeit zersetzt. Vielleicht brauchte sie nur einen letzten Schub, um die Verwandlung zu beenden. Sie zügelte ihren Abscheu, griff nach der abgeworfenen Krötenhaut und legte sie sich wieder auf die Zunge. Die giftigen Rückstände darauf schmeckten nach verrottetem Schilf und bitteren Kräutern. Doch als die Sonne in ihrem Blickfeld plötzlich einen Heiligenschein bekam und das Gift durch ihr Blut tanzte, schickte sie einen stummen Dank an das Allwissende, das sie die Wege der Magie gelehrt hatte.
Nach einem letzten, quälenden Moment war ihre Verwandlung abgeschlossen. Lange Beine, schwach, aber willig, hielten sie aufrecht, als sie aufstand. Elena hob das Gesicht zum Himmel, um anhand der auch tagsüber sichtbaren Sterne die Entfernung nach Hause abzuschätzen. Nackt, aber nicht länger auf die Sonne als Wärmequelle angewiesen, verließ sie die Sümpfe. In ihrer Brust brannte die Rachsucht wie eine heiße Flamme.



2

Elena schob einen dünnen Schuh auf ihren rechten Fuß und schwor, sich aus dem ersten Fuchs, der ihren Weg kreuzte, einen Pelzmantel anzufertigen. Sie würde ihren Zeh niemals wieder wachsen lassen können, egal, wie viele Tränke sie auch zusammenbraute. Nicht einmal Grand-Mère in ihren besten Jahren hatte solche Magie wirken können. Wenn sie nur ein wenig Johanniskraut oder ein paar Malvenblätter besäße, dann könnte sie zumindest eine Salbe anfertigen, um die Blasen zu beruhigen, die sich nach so vielen Kilometern in den Schuhen einer anderen Person gebildet hatten.
Oh, wie schön wäre es, sich endlich wieder in ihren Lagerraum zurückzuziehen, umgeben von Tinkturenfläschchen, Puderkrügen, getrockneten Kräutern und Blumen, die an Bändern von der Decke hingen. Doch sie ging davon aus, dass all das inzwischen verschwunden war. Sie würde von vorne anfangen müssen. Der Gedanke erschöpfte sie.
Ihre Magie war verkümmert, dessen war sie sich sicher. Die Wahrnehmung der Ziegenhirtin zu beeinflussen war ihr schwerer gefallen, als es sollte. Eine kleine Prise zerstampfter Zikoriensamen ins Gesicht der Hirtin war alles, was nötig sein sollte, um die Erinnerung daran zu vernebeln, dass sie eine nackte Frau aus dem Wald hatte treten sehen. Doch Elena selbst hatte die Begegnung zitternd und unsicher zurückgelassen. Und obwohl sie einen halben Käse in der Kitteltasche der Hirtin gefunden hatte, überlegte sie, ob es nicht klüger gewesen wäre abzuwarten, bis jemand mit angemessener Kleidung auf der Straße vorbeikam. Inzwischen bedauerte sie, dass der gestohlene Mantel nach Dung roch. Und ohne die richtige Unterkleidung – einige Dinge ließ man besser zurück – kratzte der Wollkittel der Ziegenhirtin auf ihrer zarten, neuen Haut. Immerhin war sie nun fast zu Hause. Sie würde jedes Leid ertragen, wenn es bedeutete, dass sie bald durch die Eingangstür von Château Renard treten konnte, um von Grand-Mères heilenden Händen begrüßt zu werden.
Wenn ihre Einschätzung der Mondphasen korrekt war, war gerade der November hereingebrochen, die Zeit des Frostmondes. Es war vier Tage her, seit sie aus dem Fluch erwacht war. Doch welches Datum war heute? War ein Jahr vergangen? Zwei? Sicherlich war sie kein ganzes Jahrzehnt verschwunden gewesen. Obwohl die Magie schwach und wässrig durch ihre Adern floss, spürte sie nicht die schwere Last der Zeit auf den Schultern. Ihr Haar zeigte kein Grau, ihre Beine waren schlank und stark genug, um ausdauernd zu laufen, und sie hatte keine schmerzenden Zähne. Wenn sie sich in Bezug auf die Zeit nicht irrte, sollte er noch am Leben sein. Elena dankte dem Allwissenden dafür, dass es ihr gelungen war, den Fluch zu brechen, bevor es ihm vergönnt gewesen war, einen friedlichen, natürlichen Tod zu sterben.
Der Gedanke an Rache katapultierte sie wieder auf die Füße. Im Gehen füllte sie ihre Taschen mit getrockneten Weißdornbeeren, verkümmerten Samen und feuchtem Moos. Ein paar verdrehte, getrocknete Schöllkrautblätter, frostgebeutelte Blüten, Rinde von einem Weidenbaum – Elena wusste, wie sie all das zerstoßen und zu heilenden Pulvern verbinden konnte. Sie wusste auch – dieser Gedanke kam ihr, als sie an den Samen eines vertrockneten Fingerhuts schnüffelte –, welche tödlichen Kombinationen möglich waren. Tränke, die einen Mann in die Knie zwingen konnten, weil sein Herz in der Brust explodierte. Als sie aus dem Fluch erwacht war, hatte sie bereits Mordlust verspürt, doch jetzt, wo sie ihre Fingerspitzen sanft über die Pflanzen gleiten ließ, die diese Tat möglich machten, brannte das Verlangen in ihr nur noch heißer.
Die Gedanken erfüllt von Giften, beugte sie sich vor, um einen ausgefransten Pilz von einem verrottenden Baumstamm zu pflücken, dann stieg ihr plötzlich der Geruch von schwelenden Weinreben in die Nase. Trotz ihrer finsteren Gedanken hob sie den Kopf und lächelte. Das war der Geruch ihrer Heimat.
Elena rannte in ihren schlecht passenden Schuhen, bis sie die Kuppe eines Hügels erreichte. Dort zogen sich die Bäume zurück, der Himmel erstreckte sich vor ihr und die wogenden Hügel von Château Renard zogen sich durch das Tal. Aus der Ferne wirkte der Weinberg, als wäre alles in Ordnung. Das schenkte ihr den Mut weiterzugehen.
Ordentliche Reihen dunkel verfärbter Reben, alt und knorrig wie die fähigen Hände von Grand-Mère, empfingen sie auf halber Strecke ins Tal. Der Beschnitt für den Winter hatte begonnen. Drei Männer arbeiteten mit ihren Brouettes im Weinberg. Rauch stieg von Fässern auf, in denen die Zweige des letzten Jahres verbrannt wurden. Die Asche voller Mineralien sollte anschließend auf dem Boden verteilt werden, um im großen Kreislauf von Leben und Tod die Wurzeln des Weins im Winter zu nähren. Elena trat zwischen die Weinstöcke, ließ die Fingerspitzen über die frisch geschnittenen Spitzen gleiten. Die raue Rinde war ihr so vertraut wie ihre eigene Haut.
„Darf ich mich an Ihrem Feuer wärmen?“, fragte sie den ersten Arbeiter, dem sie begegnete – einen glatt rasierten Mann, der eine runde Brille mit Drahtgestell und eine graue Schiebermütze auf dem Kopf trug. Er zuckte zusammen, als hätte sie sich aus dem Rauch materialisiert. „Ich wandere seit Stunden. Meine Finger sind vollkommen durchgefroren.“ Ihr war kalt, doch vor allem musste sie Informationen sammeln, bevor sie sich dem Haus näherte.
„Woher kommen Sie?“
Sie hielt die Hände über das schwelende Feuer. Sie erkannte weder den Mann, der sie anstarrte, noch die anderen, die ihre Hälse reckten, um sie besser erkennen zu können. Wo war Antonio? Margaretta? Dies waren alles neue Gesichter. „Ist Ariella Gardin immer noch Hausmutter von Château Renard?“, fragte sie.
„Sie lebt hier, ja“, antwortete der Mann, ohne sich bewusst zu sein, wie sehr er damit ihre Ängste beruhigte, „aber falls Sie nach Arbeit suchen, wir werden erst im Frühjahr wieder Leute anstellen.“
Sie fand die Ahnungslosigkeit des Manns fast charmant. Doch angesichts ihres Aussehens konnte sie ihm seine Vorurteile kaum übel nehmen. Elena sah zu den Wolken auf und verließ sich auf ihre Intuition. „Sie haben Glück, wenn es bis zum Schneefall noch eine Stunde dauert. Achten Sie darauf, die Kohlen zu wenden, damit das Feuer nicht erlischt.“
Der Mann blinzelte in unangenehmem Schweigen, während Elena sich ein letztes Mal über den Kohlen die Hände rieb. Mit einem Achselzucken setzte sie sich Richtung Haus in Bewegung. Es dauerte eine gute Minute, bis die Männer hinter ihr etwas von sorcière flüsterten, während das Schnippen der sécateurs an den Reben wieder einsetzte. Elena starrte das alte Gebäude an und ein Schauder ließ sie tief in ihrem Inneren frösteln. Man sah dem Haus sein Alter an, es war imposant mit sechs Schlafzimmern, wenn auch definitiv kein Herrenhaus. Auf dem Dach über der Tür fehlten drei Schindeln und in der Mauer neben dem vorderen Fenster hatte sich ein nicht gerade schmaler Riss aufgetan. Natürlich senkten sich Häuser mit den Jahren … doch wie viel Zeit war vergangen?
Niemand reagierte auf ihr Klopfen, also legte sie die Hand auf die Klinke. Die Tür widersetzte sich, als wäre Elena eine Fremde. Sie musste sich mit so vielem erst wieder vertraut machen.
Elena schlüpfte durch die Hecke, um es an der Küchentür zu versuchen, spähte durchs hintere Fenster und entdeckte eine ältere Frau in einem hochgeschlossenen, schwarzen Kleid an der Arbeitsfläche. Das lange Haar der Frau war an den Seiten aufgesteckt, sodass ihre silbernen Locken sich um ihren schlanken Hals legten. Die Frau zögerte, eine Tasse Mehl unsicher in der Hand, bevor sie den Kopf schüttelte und den Inhalt in eine Schüssel aus Porzellan gab. Beim Anblick von Grand-Mère rannen Tränen über Elenas Wangen, doch sie trocknete ihr Gesicht eilig mit dem Ärmel, bevor sie an die Tür klopfte.
„Du kannst die Eier auf die Stufen stellen, Adela“, sagte die alte Frau, ohne von ihrer Aufgabe aufzusehen. „Das Geld liegt unter dem Geranientopf.“
Vorsichtig öffnete Elena die Tür einen Spaltbreit. „Du hast früher nie Geranien über den Winter gezogen. Du hast sie lästig genannt.“
Ariella Gardin, Grande Dame eines der ältesten und bekanntesten Weingüter im Chanceaux-Tal, drehte sich erschrocken um, einen Krug mit Milch in den Händen. „Wer ist da?“
Elena strich sich die Haare aus dem Gesicht und trat einen Schritt näher. „Ich bin’s.“
Der Krug zersprang auf dem Boden, sodass Milch sich in alle Richtungen über die Terrakotta-Fliesen ergoss und Elenas Schuhe durchnässte.
Grand-Mère kniff die Augen zusammen, als starre sie einen Geist an. „Das kann nicht sein.“ Sie umrundete die Milchpfütze und griff nach Elenas Hand. Die alte Frau studierte die Linien in Elenas Handfläche, atmete den Duft ihrer Haare ein und rieb dann über ihrem Kopf Daumen und Finger aneinander, um nach Verzauberungen zu suchen. All das ließ Elena voller Freude über sich ergehen.
„Du bist es wirklich.“ Die alte Frau hob ihre Hände in einer heiligen Geste, um das Allwissende zu preisen, bevor sie Elena umarmte. „Ich wusste immer, dass du eines Tages zurückkehren würdest.“
„Woher wusstest du das, wenn ich mir dessen selbst kaum bewusst war?“
Elenas Mentorin wedelte wegwerfend mit der Hand und schloss die Tür. „Du hast immer in der Gunst des Allwissenden gestanden.“
Elena war überzeugt, dass bei ihrer Geburt ein anderer Schatten auf sie gefallen war, doch sie sagte nichts.
Jetzt, wo sie nach so langer Zeit wieder in der Küche stand, fühlte sie sich irgendwie fremd … als wäre sie ein Gast. Sie schob es auf die ungewöhnlichen Düfte, die sich mit den vertrauten verbanden – ein Hauch von maskuliner Haarpomade, Terpentin von Stiefelwichse und der leicht modrige Geruch von ledergebundenen Büchern waren unter dem trauten Duft von Brot und Käse und Grand-Mères Lavendelseife auszumachen. Veränderungen waren zu erwarten gewesen, doch gleichzeitig verstärkten sie nur das unangenehme Gefühl, dass mehr Zeit vergangen war, als Elena geahnt hatte.
Als die alte Frau die Bescherung auf dem Boden bemerkte, presste sie in hoffnungsloser Verärgerung die Hände an die Wangen. Sie griff nach einem Lappen und ging in die Knie, um die Milch aufzuwischen und die Scherben einzusammeln. Bevor Elena protestieren konnte, hatte die alte Frau sich bereits an der ersten scharfen Kante in einen Finger geschnitten.
„Lass mich das machen“, sagte Elena und kniete sich ebenfalls hin. „Ich habe dich überrascht. Ich hätte dir eine Taube schicken sollen, um meine Ankunft anzukündigen.“
„Das war nur das Ungeschick des Alters.“ Grand-Mère gab ihr den Lappen. „Pass auf. Milch und Blut zusammen sind ein böses Omen.“
Sofort stieg der alte Kinderreim in Elenas Gedanken auf: „Schlamm und Seide, Milch und Blut, sie zu mischen tut niemals gut.“
„So es geschieht.“
„Das Glück entflieht.“
„Und der Teufel zeigt seine Wut“, beendete die alte Frau den Reim, bevor sie einen Tropfen Blut von ihrer Fingerspitze leckte.
„Ich erinnere mich gut an deine Lektionen, Grand-Mère.“
Die alte Frau spähte zu Elena auf, bevor sie den Finger wieder aus dem Mund nahm. „Ich war mir nicht sicher, ob ich lange genug leben würde, um noch einmal zu hören, wie mich jemand so nennt.“
Die zwei Frauen waren nicht wirklich verwandt, doch Elenas Verbindung zu Grand-Mère fühlte sich oft stärker an als eine Blutsverwandtschaft – verbunden durch das terroir und die Magie der Arbeit, die sie im Weinberg geleistet hatten. Gleichzeitig senkten die beiden die Köpfe, drückten über der Milch eine Stirn an die andere, wie sie es so oft getan hatten, als Elena noch ein Mädchen gewesen war.
„Ich habe ein Zittern in meiner linken Hand gespürt, als ich heute Morgen aufgestanden bin“, sagte Grand-Mère. „Ich hatte keine Ahnung, dass du es warst, die ich gespürt habe. Es ist so lange her, dass ich dachte, es wäre einfach nur der Wetterwechsel.“
Elena umklammerte den Lappen und wappnete sich. „Wie lange?“
Die alte Frau dachte darüber nach, als sie aufstand, um die Scherben in den Mülleimer zu werfen. „Müssen jetzt sieben Jahre sein.“ Dann drehte sie sich um und nahm die Schultern zurück, als habe sie gerade all ihren Mut zusammengenommen. „Wo warst du die ganze Zeit über?“
Sieben Jahre!
Elenas Herz verkrampfte sich bei dieser Nachricht für einen kurzen Moment. Sie hätte nie gedacht, dass sie sieben Winter in diesem stinkenden Teich damit verbracht hatte, Motten und Schnecken zu fressen, einfach, um zu überleben. „Es war ein Fluch. Ich konnte mich gerade erst befreien.“
„Die ganze Zeit über? Ich dachte, du hättest vielleicht … an einem anderen Ort neu angefangen.“
„Der Fluch sollte dauerhaft sein.“ Elena runzelte die Stirn. „Nur, dass jemand im Studium der Gifte nachlässig war und die neutralisierende Wirkung der Bufotoxine unterschätzt hat, wenn sie über längere Zeit aufgenommen werden.“
„Ein dauerhafter Fluch?“ Grand-Mère presste eine Hand ans Herz. „Gute Güte, bist du dir sicher?“
Elena ließ ihren feuchten Lappen in die Spüle fallen und setzte sich an den Küchentisch. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sie sich sicher. Sie begann, ihr Martyrium zu beschreiben – auch, dass sie gerade genug ihres Verstandes behalten hatte, um jede Woche ihre giftgetränkte Haut zu essen und nicht wieder hochzuwürgen, obwohl der Fluch versucht hatte, jede Erinnerung an ihre menschliche Existenz zu tilgen. Während sie erzählte, bereitete Grand-Mère ein einfaches Mahl aus Brot, Käse und Wein zu.
„Eine Kröte?“, fragte Grand-Mère ungläubig, als sie den Teller vor Elena abstellte. Sie setzte sich auf den Stuhl ihr gegenüber, eine Hand an die Wange gedrückt. „Es ist Ewigkeiten her, dass Transmogrifikation praktiziert wurde. Wer könnte so etwas getan haben?“
„Bastien. Wer sonst?“
„Bastien?“ Die alte Frau starrte Elena mit offenem Mund an. „Aber ihr solltet heiraten. Ihr wolltet …“
„Wir hatten einen Streit.“ Elenas Gesicht wurde vor Scham heiß. „Sobald er den Ring auf meinen Finger geschoben hatte, hat er Forderungen gestellt.“
„Forderungen?“
Elena vergrub das Gesicht in den Händen. „Er meinte, als seine Ehefrau wäre ich verpflichtet, ihm zu dienen. Dass es mir nicht zustünde, ihm etwas zu verweigern.“
„Die Ehe ist immer auch ein Kompromiss. Oft mehr für die Frau, das gebe ich zu, aber …“
„Er hat nichts verstanden. Er wusste, dass ich eine Weinhexe bin, dass ich eigene Verpflichtungen zu erfüllen hatte, dass ich nicht jeder seiner Launen nachgeben konnte. Ich hatte endlich meinen ersten, herausragenden Jahrgang geschaffen. Und er hat von mir erwartet, all das beiseitezuschieben, um nur der Erfüllung seiner Träume zu dienen. Der Ehrgeiz und die Gier dieses Manns! Wie konnte ich mich in Bezug auf ihn so sehr irren?“
Grand-Mère zuckte diplomatisch mit den Schultern. „Er hatte immer große Pläne.“
„Ich habe ihm gesagt, dass ich lieber eine glückliche Jungfer als seine unglückliche Ehefrau bin, und habe ihm den Ring vor die Füße geworfen.“
Grand-Mère schob ein Ohr nach vorne, als hätte sie die Worte nicht richtig verstanden. „Du hast die Verlobung aufgelöst?“
„Mir blieb keine andere Wahl“, sagte Elena und griff nach dem Weinglas. Es war sieben Jahre her, dass sie ein Glas in der Hand gehalten oder das seidige Bouquet von Château Renards Pinot noir gerochen hatte. Sie ließ den Wein im Glas kreisen, bevor sie es an die Nase hob. Sie brauchte die säubernde Kraft des Weins an diesem Tag mehr als jemals zuvor. „Bastien mag es nicht, zurückgewiesen zu werden, nicht mal, wenn er im Unrecht ist. Und er kann es nicht leiden, zum Narren gemacht zu werden. Nicht von einer Frau. Ich bin mir sicher, dass er deswegen eine dahergekommene Fay bezahlt hat, mich zu verfluchen und zum Schweigen zu bringen. Er muss es getan haben.“ Das Gewicht des Vorwurfes lastete schwer auf Elena. „Wer auch immer die Hexe war, sie hat mich auf der Straße überrumpelt, kurz bevor ich das Haus erreichen konnte. Ich hatte kurz angehalten, um in die Schattenwelt zu gleiten und zu sehen, wie es ihm geht. Sie hat mich angegriffen, als mein Blick für einen Moment auf etwas anderes konzentriert war. Dieses ›Nein‹ hat mich alles gekostet.“
Die alte Frau massierte sich die Schläfen, als leide sie plötzlich unter Kopfschmerzen. „Kann jemand vom Charlatan-Clan gewesen sein. Gewöhnlich halten sie sich nördlich der Stadt auf, aber sie nehmen Auftragsarbeiten an. Sie sind ein derber Haufen, aber verschlagener, als man ihnen zutraut“, fügte sie hinzu und rieb sich die Augen. „Und sie gehören nicht zu denjenigen, die sich dem Studium eingehend genug widmen, um herauszufinden, dass ein Fluch dadurch geschwächt werden kann, dann man seine eigene, giftgetränkte Haut frisst. Was Kröten von sich aus niemals tun würden.“
Elena schauderte bei dem Gedanken daran, wie die warzige, giftige Haut durch ihre Kehle geglitten war. Sie nahm einen Schluck Wein, um die Erinnerung zu vertreiben, doch falls sie sich Erleichterung erhofft hatte, wurde sie tief enttäuscht. Sie schmeckte keine Andeutung des Aromas von Gewürz und Rosenblüten, für die die Renard-Weinberge bekannt waren. Stattdessen traf der Geschmack von Kreide und Pilzen ihren Gaumen. Eine schlechte Flasche?
Dann, als sie schluckte, kam ihr ein schrecklicher Gedanke. Was, wenn mit dem Wein alles in Ordnung war? Was, wenn ihre Sinne durch den Fluch dauerhaft gestört waren? Dann würde sie Bastien zweimal töten.
Erfüllt von leiser Panik hob Elena das Glas, um die Opazität des Weins zu prüfen. Sie war noch damit beschäftigt, ihre Angst in Worte zu fassen, als die Hintertür aufschwang und der Arbeiter eintrat, dessen brouette sie geteilt hatte. Ihm folgte ein kalter Windstoß, der die Vorhänge bauschte und Schneeflocken über den Boden trieb. Der Mann schloss die Tür und schlug eine feuchte Kappe an seiner Hose ab, bevor er sie an einen Haken an der Wand hängte. Sein schroffes Erscheinen sorgte dafür, dass sie den Wein zur Seite stellte und ihre aufsteigenden Ängste zurückdrängte.
Der Arbeiter hielt inne und entschuldigte sich für die Störung, während er mit dem Hemdsaum den Schnee von seiner Brille wischte. Währenddessen warf er Elena kurze Seitenblicke zu. Sie konnte nicht anders, als zu bemerken, wie fein sein Gesicht geschnitten war – stolz geschwungene Brauen, die nachdenklich gesenkt waren, Wangenknochen in perfekter Geometrie und ein stolzes, kantiges Kinn.
Grand-Mère stand eilig auf. „Das ist Elena Boureanu. Ich bin mir sicher, ich habe sie schon einmal erwähnt.“ Sie eilte zurück zu der Rührschüssel auf der Arbeitsfläche und begann erneut, Mehl abzumessen. „Elena, das ist Monsieur Jean-Paul Martel. Er ist …“
„Ja, wir haben uns auf dem Feld kurz unterhalten. Sie müssen der neue Vorarbeiter sein.“
„Etwas in der Art.“ Er setzte die Brille wieder auf, dann hielt er sich eine Hand vor die Nase. Seine wenig diskrete Geste musste bedeuten, dass er den Gestank des Ziegenmists wahrgenommen hatte, der am Saum ihres Mantels klebte. „Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Mademoiselle Boureanu“, sagte er barsch, dann fügte er höflicher hinzu: „Ich lasse dich zu deinem Gast zurückkehren, Ariella. Gib mir Bescheid, wenn das Abendbrot bereit ist.“
Sobald er verschwunden war, beobachtete Elena Grand-Mère dabei, wie sie sich darüber aufregte, dass keine Milch mehr im Kühlfach lagerte. Ihre Gedanken immer noch eingesäuert vom schlechten Wein, fragte sie: „Warst du so verzweifelt auf der Suche nach guten Kräften, dass die Arbeiter jetzt schon im Haus verkehren dürfen?“
„Jean-Paul ist nicht einfach nur ein Arbeiter.“ Grand-Mères Ellbogen bewegten sich auf und ab, während sie Wasser in den Teig für das Gebäck knetete. „Er isst gerne pünktlich um fünf Uhr, damit er vor Einbruch der Dunkelheit noch einmal nach draußen gehen und die Weinberge kontrollieren kann.“
„Wieso hast du ihm nicht verraten, wer ich bin?“
Die alte Frau hielt in ihrer Arbeit inne und sah in den wirbelnden Schnee. Ein Windstoß rüttelte am Fenster. Grand-Mères Schultern sanken nach unten, als fehlte ihr die Kraft, sie noch länger oben zu halten. „Ich habe ein fürchterliches Schlamassel angerichtet.“
Die alte Frau sah zur Decke, als könne der Himmel ihr Absolution erteilen, dann gestand sie, was alles schiefgelaufen war: Die letzten fünf Jahre hatte es Missernten gegeben. Entweder die Trauben waren in schrecklicher Dürre vertrocknet oder Regen hatte die Ernte so lange hinausgezögert, dass die Früchte verschimmelt waren. Bei der letzten Ernte waren die Schalen von dunklen Flecken gesprenkelt gewesen und hatten dafür gesorgt, dass der Wein nach verbranntem Kork schmeckte. Und es gab nichts, was Grand-Mère dagegen tun konnte, weil ihr Geist und ihre Magie langsam nachließen.
Zuerst waren es nur kleine Dinge gewesen. Sie hatte vergessen, bei Vollmond ein paar Knochen in die Erde zu geben, oder hatte es versäumt, die Glockenzauber ins Blätterdach zu hängen, um vor heftigem Wind zu warnen. Oder sie hatte die falschen Schutzworte gemurmelt, als die Lufttemperatur sich dem Gefrierpunkt näherte, sodass die Trauben auf sich selbst gestellt blieben. Grand-Mère vollführte während ihrer Erzählung abwehrende Gesten, als bereite ihr der Gedanke, alt zu werden, körperliche Schmerzen. Es war ein Schlag für ihr Ego, ihre Verletzlichkeit einzugestehen, doch sie wusste, dass die Weinberge wegen ihrer nachlassenden Kräfte gelitten hatten. Es dauerte nicht lange, bis die Verkaufszahlen des Weinguts wegen der schlechten Jahrgänge einbrachen und die Leute begannen, davon zu sprechen, dass Château Renard vom rechten Weg abgekommen war.
Schon allein das Versagen, die Weinberge zu schützen, war eine Schande für eine so bekannte Weinhexe wie Madame Gardin. Doch der größte ihrer Fehler hatte darin gelegen, ihre Steuern nicht zu zahlen. Die Natur war anpassungsfähig und glich Fehler aus, doch die Regierung war strikt in der Forderung ihres Anteils. Château Renard, eines der ersten Häuser, das in diesem Tal Wein produziert hatte, befand sich plötzlich in der Position, drei Jahre Steuern nachzahlen zu müssen – ohne Geld, um die Schulden zu begleichen.
„Sie haben damit gedroht, das Land zu beschlagnahmen“, sagte Grand-Mère mit einem Seufzen. „Haben vorgeschlagen, dass ich verkaufe und den Ruf der Renards rette, soweit es noch möglich ist.“
Die Nachrichten schmeckten so bitter wie der Wein. Und nichts davon ergab Sinn. Die Weinberge waren seit zweihundert Jahren von einer Generation zur nächsten weitervererbt worden. Ihr Ruf fußte auf einer langen Geschichte herausragender Weine, einem wunderbar reichhaltigen terroir und der stetigen Fürsorge hingebungsvoller Weinhexen. „Es muss ein Missverständnis dahinterstecken. Eine Art Missgeschick“, sagte Elena, weil sie es nicht glauben wollte. „Grand-Père hat genug Geld zurückgelegt, um ein oder zwei schlechte Jahre zu überstehen.“
„Ich gebe nicht gerne zu, wie schlecht ich die Dinge ohne deine Hilfe verwaltet habe. Ich dachte, ich besäße die Gabe noch, doch anscheinend ist mein Hirn so vertrocknet wie ein alter Apfel.“
„Du musst doch sicherlich Mahnungen wegen der Steuern erhalten haben?“
„Nun, sicher. Und ich weiß, dass ich gewisse Summen bezahlt habe. Doch laut den Briefen war es nie genug. Die ganze Sache hatte einen fauligen Geruch“, sagte Grand-Mère kopfschüttelnd. „Besonders, als Bastien aufgetaucht ist, um ein Angebot für das Anwesen abzugeben.“
„Er hat es gewagt, seine Visage hier zu zeigen? Nach dem, was er getan hat?“ Elena vergrub die Fingernägel so heftig in ihren Handflächen, dass sie damit rechnete, Blut zu sehen. „Er hat versucht, Château Renard zu kaufen?“
„In den letzten Jahren hat er im ganzen Tal vom Niedergang bedrohte Weingüter aufgekauft. Es hat nicht lange gedauert, bis er hier aufgetaucht ist, Geld in der einen und eine Flasche Wein in der anderen Hand. Seinen Wein.“ Grand-Mère schnaubte abfällig. „Es war eine sehr kurze Begegnung.“
Elena konnte nur den Kopf schütteln. Alles, was dieser Mann tat, schrie nach Gier und Verrat. Und jetzt hatte er versucht, den Ort zu kaufen, an dem ihr Herz, ihr Blut und ihre Seele sich mit der Erde verbunden hatten. Wenn es eine Hoffnung gab, an der sie sich festklammern konnte, dann die, dass es ihm nicht gelungen war, Château Renard zu stehlen.
Elena legte einen Arm um Grand-Mères Schultern, um sie zu beruhigen. „Es ist nicht zu spät. Jetzt, wo ich wieder zu Hause bin, können wir das in Ordnung bringen. Wir werden das Geld irgendwie aufbringen.“
„Nein, du verstehst nicht. Ich habe Château Renard verkauft.“
„Verkauft? Aber das ist unmöglich. An wen?“
„An mich“, sagte Jean-Paul, der mit einer Flasche Wein und zwei zusätzlichen Gläsern in den Türrahmen getreten war.

Die verborgene Welt der Magie

Blick ins Buch
Silva & BaalSilva & Baal

Roman

Entdecke die Macht der alten Magie!

Als die junge Hexe Silva nach ihrem Schulabschluss nach Afrika geschickt wird, um einen alten Dämonenmythos zu erforschen, ahnt sie nicht, dass ihre Reise sie bis in die Unterwelt führen wird – und in die Arme des gut aussehenden Dämons Baal.

Silva ist fasziniert von Baals Leben, der als Fürst mit dem impulsiven und aggressiven Verhalten seiner Untertanen zu kämpfen hat, während er versucht, den schlechten Ruf der Dämonen aus der Welt zu schaffen. Die junge Forscherin möchte Baal und den Kreaturen der Unterwelt eine Chance geben. Zwei vollkommen unterschiedliche Welten prallen aufeinander ...

Ein Roman aus der Welt der erfolgreichen „Bitter & Sweet“-Reihe – dieser Einzelband ist der ideale Einstieg in die Welt von Linea Harris!

1 Silva

„Wir haben keine Zeit für eine Pause!“ Annabell Grants knurrende Stimme drang gedämpft durch das Unterholz, als Antwort auf eine Frage aus dem knackenden und rauschenden Funkgerät.

Silva löste sich seufzend von der glatten Steinplatte, die sie unter dem von Farnen überwucherten Boden entdeckt und eingehend studiert hatte. Auf den ersten Blick hatte es so ausgesehen, als wäre die Platte von Menschenhand hergestellt worden, aber es war nur ein flacher Stein, seine Konturen vom Regen verwaschen, die Farbe verblichen.

Ächzend richtete sie sich auf und strich sich die schweißnassen roten Locken aus der Stirn. Auch sie hätte eine Verschnaufpause gebraucht, um neue Energie zu sammeln.

Die Wärme und die Luftfeuchtigkeit im Dschungel waren unerträglich. Zum wiederholten Male schlug Silva nach einem Moskito, obwohl sie wusste, dass es zwecklos war, gegen diese Übermacht ankommen zu wollen. Hoffentlich lohnten sich die Strapazen. Alles hing von dieser einen, letzten Mission ab.

Drei Monate dauerte ihre Forschungsreise nun schon und vor etwa zwei Wochen hatte es sie vom Süden Afrikas weiter in die Mitte bis in den tiefsten Dschungel verschlagen. Der Rest des Forscherteams, bestehend aus zwei weiteren Wissenschaftlern, fünf kampferprobten Jägern und zwei Einheimischen, die ihnen den Weg weisen sollten, musste sich irgendwo in der Nähe befinden. Silva konnte das Knacken der Äste unter ihren Schuhen und gedämpfte Stimmen hören. Schon seit den frühen Morgenstunden war der Suchtrupp unterwegs, doch bisher hatten sie nichts als nur Lianen, Giftschlangen und Krabbeltiere gefunden.

Annabell hatte recht, sie sollten keine Zeit verlieren, jetzt, wo sie unbedingt fündig werden mussten, denn die Verborgenenorganisation in London übte zunehmend Druck auf das Forscherteam aus. Ursprünglich waren Annabell und Silva zusammen mit den Wissenschaftlern Jake und Wasil nach Südafrika geschickt worden, um während der dort stattfindenden Ausgrabungen eines Tempels anwesend zu sein und Informationen für die VO, der Organisation der übernatürlichen Wesen in England, zu sammeln. Es handelte sich um ein stinklangweiliges Projekt, denn der Tempel dort war nicht alt genug, um Informationen über alte Magie zu enthalten. Das war von vornherein klar gewesen.

Da die beiden jungen Frauen sich allerdings erhofft hatten, in Afrika neue Erkenntnisse zu ihren eigenen Forschungen zu ergattern, hatten sie ohne mit der Wimper zu zucken zugestimmt. Wann bekam man schon die Chance, für ein paar Wochen nach Afrika zu reisen und Kost und Logis vom Arbeitgeber bezahlt zu bekommen?

Seit zwei Jahren schon beschäftigten sich Silva und ihre Freundin mit der Prana, der Lebensenergie aller Lebewesen und dem Ursprung der Magie, sowie der Herkunft der Hexen, Vampire, Werwölfe und Dämonen.

Dämonen. Sie waren ein umstrittenes Thema und die meisten Menschen schliefen ruhiger, wenn sie die Tatsache ignorierten, dass Dämonen existierten. Schließlich lebten diese in der Unterwelt, einer eigenen Dimension, wenn man es so wollte, und hatten kaum Möglichkeiten, in die Realität zu gelangen. Doch wollte man wie Silva und Annabell den Ursprung der Magie erforschen, kam man einfach nicht daran vorbei, sich auch mit Dämonen zu befassen.

Zunächst war die Forschung der Freundinnen nahezu ergebnislos verlaufen, denn in Europa schien man alles, was an Dämonen erinnerte – oder Informationen, die auch nur ansatzweise mit ihnen zu tun hatten – weitestgehend ausgelöscht zu haben. Die Aussicht auf eine Reise nach Afrika allerdings war ihnen vielversprechend erschienen. Und tatsächlich hatten sie in Südafrika Hinweise gefunden, die darauf hindeuteten, dass die Einheimischen hier viel mehr über Dämonen und die Unterwelt wussten, als in Europa bekannt war. Während der Ausgrabungen des Tempels in Südafrika hatten die beiden jungen Frauen ihre Freizeit genutzt, um mit Einheimischen zu reden und sich alte Sagen und Legenden erzählen zu lassen. In Afrika war es kein Tabu, über Dämonen zu reden, und man versuchte nicht, das Thema totzuschweigen, auch wenn es lange Zeit gedauert hatte, bis Silva und Annabell das Vertrauen der Einheimischen erlangt hatten. Sie waren an allerhand brauchbare Informationen gelangt und beinahe alle Hinweise deuteten auf die Ureinwohner dieses Dschungels hin, die angeblich unendlich viel Wissen über Dämonen horteten.

Es war von einem Stamm die Rede, tief im Dschungel und fernab der Zivilisation. Von ihm wurde mit Ehrfurcht und nur in Verbindung mit inbrünstigen Gebeten gesprochen, denn laut einer Legende war der gesamte Stamm vor vielen Jahrzehnten von Dämonenhand ausgelöscht worden.

Als die Ausgrabungen des Tempels in Südafrika beendet waren, hatten Silva und Annabell mit Engelszungen auf den Leiter der Verborgenenorganisation in London, Mr. Gordon, eingeredet, bis dieser den beiden schlussendlich genehmigt hatte, die Forschungen im Kongo fortzuführen und sich auf die Suche nach Hinweisen zu besagtem Stamm zu machen. Und so hatte es sie tiefer ins Land hineingeführt, so weit in die Wildnis, dass Silva nicht im Traum gedacht hätte, dass jemals menschliches Leben bis hierher gedrungen war. Doch anscheinend hatte sie sich geirrt. Vor einigen Stunden hatte das Team Spuren vergangener Existenzen gefunden – und das keinen Tag zu früh.

Mr. Gordon, der VO-Leiter, war zunehmend mürrischer geworden und hatte ihnen schlussendlich eine Frist gesetzt, bis wann sie Ergebnisse erzielen mussten, bevor er ihnen die Geldmittel für diese, wie er es nannte, „sinnlosen Kinkerlitzchen“ strich. Es war nie geplant gewesen, ein Team in den Kongo zu schicken, und nur Annabells Hartnäckigkeit hatten sie es zu verdanken, dass Gordon sich hatte überreden lassen. Er bereute die Entscheidung längst.

Silva verzog das Gesicht bei dem Gedanken an den festgefahrenen alten Mann, der kaum über den Tellerrand hinausschaute und den es nicht die Bohne interessierte, dass es neben der Realität noch eine weitere Welt gab, über die man bislang so gut wie nichts wusste.

Gerüchten zufolge bereitete sich Gordon bereits seit Jahren auf den Ruhestand vor und seine potenziellen Nachfolger standen Schlange. Insbesondere Henry Cole, ein ehrgeiziger Jungspund, galt als Favorit für den Posten des Leiters der Verborgenenorganisation. Silva war jedoch unsicher, ob dieser andere Ziele verfolgte als Mr. Gordon.

Sie wollte es nicht auf einen Versuch ankommen lassen. Vermutlich war diese Forschungsreise ihre letzte Möglichkeit, brauchbare Ergebnisse zu erzielen und mehr über die Unterwelt herauszufinden, bevor man sie wieder für langweilige Forschungen im Labor einsperren würde. Nach den letzten aufregenden Wochen konnte sie sich kaum vorstellen, wieder unverrichteter Dinge in ihre kleine Wohnung in London zurückzukehren und jeden Tag an die Arbeit zu gehen.

Was hatte sie in den zwei Jahren, die sie nun für Mr. Gordon arbeitete, schon Bahnbrechendes herausgefunden? Nichts! Eine Kerze, deren Duft während der Zeit des Vollmondes entspannend auf Werwölfe wirkte? Das war wohl kaum der Rede wert.

Silva schüttelte den Gedanken ab. Sie und Annabell waren kurz davor, etwas zu entdecken, das die Welt tatsächlich verändern konnte. Wenn die Hinweise, die sie gefunden hatten, wirklich stimmten, hatten sich die Menschen vor vielen Jahrzehnten der Magie der Dämonen bedient, auf welche Weise auch immer. Was das genau bedeutete, konnte sich Silva kaum ausmalen, aber es konnte ein Durchbruch werden, und sie würde versuchen, alles darüber herauszufinden, wenn ihr nur genug Zeit blieb. Und die hatte sie nicht.

Wenn dieser Stamm so viel Kontakt zu Dämonen gehabt hatte, wie die Gerüchte besagten, dann waren vielleicht noch unschätzbare Informationen erhalten geblieben.

Silva kletterte über einen Felsen und versuchte, unter dem lauten Gezwitscher exotischer Vögel und dem Geschrei von Affen auszumachen, wo sich ihre Freundin befand. Sie entdeckte Annabell ein paar Meter weiter. Sie starrte angestrengt auf eine Karte, als versuche sie, zwischen all dem Grün einen Hinweis darauf zu finden, dass sie auf dem richtigen Weg waren.

Silva nutzte den Moment, um ihre Freundin zu betrachten. Annabell war das exakte Gegenteil von Silva. Während Silva mit ihrem zarten Körper, der hellen Haut, den vielen Sommersprossen und den roten Haaren eher einer Porzellanpuppe glich, war Annabell sehnig und braun gebrannt. Ihre dunklen Locken verliehen ihr das exotische Aussehen, das zu ihrem Temperament passte. Nur die grünen Augen teilten sich die beiden Freundinnen, ein Hinweis auf ihre Hexenabstammung. Doch auch in ihren magischen Fähigkeiten unterschieden sich die beiden grundlegend, denn während Silva die Gabe des Feuers angeboren war, beherrschte Annabell den Wind und konnte ihre Magie zudem verwenden wie funkelnden Strom, der aus ihren Fingern floss – eine sehr seltene Gabe.

Annabell war in vielerlei Hinsicht perfekt und zog nicht selten die Blicke der Männer auf sich. Auch jetzt glich sie einer Amazone, als sie in einem bauchfreien Top und einer engen schwarzen Hose dastand und die Hände in die Hüften stemmte. Annabell wusste um ihr Aussehen und ihre magischen Fähigkeiten und nutzte sie nicht selten, um bei Männern Eindruck zu schinden oder schlicht und einfach ihren Willen durchzusetzen.

Sie war manchmal etwas impulsiv, doch Silva wusste damit umzugehen, und so war zwischen ihnen schon während der gemeinsamen Schulzeit an der Winterfold Akademie eine gute Freundschaft entstanden, bevor sie sich gemeinsam der Forschung gewidmet hatten. Silva schätzte es, dass Annabell kein Blatt vor den Mund nahm und ehrlich sagte, was sie dachte. Nicht viele Menschen taten das. In Annabell loderte ein Feuer, das Silva von Anfang an begeistert hatte. Durch ihre gemeinsame Hingabe an die Forschung und den unerschöpflichen Wissensdurst, den sie teilten, hatten sie zueinander gefunden. Annabell gehörte zu den Menschen, die für einen durchs Feuer gehen würden, wenn man einmal ihre Gunst erlangt hatte.

Als Silva jetzt näher kam, hob Annabell den Kopf.

„Wir müssten schon längst etwas gefunden haben“, murmelte sie mit einem ärgerlichen Stirnrunzeln. „Aber hier ist nichts außer diesem verdammten Gestrüpp!“

Wie zur Bestätigung knackte das Funkgerät an ihrer Hüfte erneut und leise Worte drangen durch das Rauschen. Auch der Rest des Suchtrupps war nicht fündig geworden.

„Wir könnten alle eine Pause gebrauchen, Annabell.“

Silva konnte nur zu gut verstehen, dass ihre Freundin keine Sekunde vergeuden wollte. Sie selbst wand sich bei dem Gedanken, am morgigen Tag abzureisen und vielleicht den größten Fund ihres Lebens zurückzulassen. Aber sie alle waren ausgelaugt von den letzten Wochen, demotiviert von den vielen Stunden ergebnisloser Suche an Orten wie diesem, an denen so viele Gefahren lauerten. Giftschlangen, Spinnen und Leoparden waren nur ihre geringsten Sorgen, schließlich hatte das Forscherteam die Jäger der Verborgenenorganisation nicht ohne Grund zum Schutz bereitgestellt bekommen.

Wie lange war es vertretbar, das Leben aller Mitglieder aus dem Team aufs Spiel zu setzen – für etwas, was es vielleicht gar nicht gab? Trotz der Anzeichen auf zivilisiertes Leben, die sie ausgemacht hatten, hätten sie schon viel mehr finden müssen. Wann war es an der Zeit, loszulassen und sich eine Niederlage einzugestehen?

Annabells Kiefermuskeln zuckten, als sie die Zähne zusammenbiss.

„Na schön, ich rufe alle zu einer Teambesprechung zusammen“, gab sie nach und entfernte sich ein paar Schritte, beschäftigt mit dem Funkgerät.

Kurz darauf fanden sich Silva und Annabell zeitgleich mit den beiden Wissenschaftlern Wasil und Jake auf der Lichtung ein, die sie zuvor als Sammelpunkt vereinbart hatten. Mit einem Kopfschütteln bedeutete Wasil, dass ihre Suche ebenfalls ergebnislos geblieben war.

Jake und Wasil hatten sich Silva und Annabell nach den Tempelausgrabungen im Süden Afrikas freiwillig angeschlossen, als die Reise weiter in den Kongo ging. Silva mochte die beiden Wissenschaftler, mit denen sie sich ein Büro in der VO in London teilte, auch wenn sie unterschiedlicher nicht sein konnten.

Während Wasil die Gabe hatte, Gegenstände mit seinen Gedanken umzuformen, und mit seinen buschigen Augenbrauen und dem düsteren Blick eher mürrisch wirkte, war Jake so etwas wie das Nesthäkchen der Gruppe. Der junge Hexer, der ein Jahr nach Silva zur VO gekommen war, beherrschte die Biokinese und konnte sein Aussehen verändern. Außerdem gehörte er zu den klügsten Köpfen, die Silva je kennengelernt hatte, auch wenn er manchmal etwas unbeholfen wirkte, wenn es um alltägliche Dinge ging. Jake war ein Genie, wahrscheinlich intelligenter als Silva, Annabell und Wasil zusammen, aber hier im Dschungel vollkommen fehl am Platz. Jetzt sahen die beiden Wissenschaftler genauso mitgenommen aus, wie Silva sich fühlte.

Sie ließen die schweren Rucksäcke von ihren Rücken gleiten und Wasil setzte sich ohne zu zögern in das Gras, während Jake den Platz noch nach Ameisen und Spinnen absuchte.

Silva lächelte müde, während sie ihn betrachtete. Allein seine Neugier hatte ihn dazu gebracht, sich der Gruppe anzuschließen, aber er hatte nicht gewusst, worauf er sich einließ. Jake hatte London vor dieser Mission noch nie verlassen. Schon die Reise nach Südafrika war ein großes Ereignis für ihn gewesen, aber dort hatte er sich in einer sicheren Zone befunden. Hier draußen in der Wildnis gab es keine medizinische Hilfe, keinen Supermarkt oder die Möglichkeit, mal schnell nach Hause zu telefonieren, was Jake am meisten zu schaffen machte. Er hatte sich in dieses Abenteuer gestürzt, doch schon am ersten Tag hatte sich die Euphorie in Selbstzweifel verwandelt.

Silva rechnete es ihm hoch an, dass er noch nicht das Handtuch geworfen hatte und sich weiter durchkämpfte, doch insgeheim wusste sie, dass dies seine letzte Forschungsreise sein würde. Keine zehn Pferde würden Jake mehr aus seinem Labor in England hinaus in die Wildnis bringen.

Er hatte in den letzten Wochen etwas abgenommen und dank seiner so schon schmalen Statur in Verbindung mit dem jungenhaften, pausbäckigen Gesicht und den blonden Haaren, die nun lockig in alle Richtungen abstanden, wirkte er sehr viel jünger, als er war.

Silva setzte sich zu den beiden Männern und kramte in ihrem eigenen Rucksack nach einem Verbandskasten.

„Lass mich das säubern, bevor es sich entzündet“, sagte sie und deutete auf einen langen Kratzer, der sich über Jakes Wange zog. Sie tränkte eines der sterilen Tücher mit Desinfektionsmittel und beugte sich zu ihm. Jake zog zischend die Luft ein, als sie über den Kratzer fuhr.

„Es brennt“, verteidigt er sich, als Wasil schmunzelte.

Trotz ihrer Gegensätzlichkeit kamen die beiden gut miteinander aus, schließlich war es schwer, Jake nicht zu mögen. Insgeheim vermutete Silva, dass Wasil einen Beschützerinstinkt ihm gegenüber entwickelt hatte. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, Jake ab und zu wegen seiner übertriebenen Furcht und seinem Gejammer aufzuziehen.

Wasil war ein ruhiger und bodenständiger Mann mittleren Alters, aus dem Silva manchmal nicht so richtig schlau wurde. Die meiste Zeit wirkte er ernst und sein düsterer Gesichtsausdruck mit den zwei Falten zwischen den kräftigen, dunklen Augenbrauen konnte auf den ersten Blick abweisend und einschüchternd wirken. Silva hatte ihn jedoch als einen gutmütigen Menschen kennengelernt, der mit seinem trockenen Humor durchaus gesellschaftsfähig war.

„Bist du auch verletzt?“, fragte ihn Silva, weil sie unter der Schmutzschicht auf seinen Händen ein bisschen Blut erkannte.

„Nicht der Rede wert“, brummte Wasil mit seinem leichten russischen Akzent. „Kümmere dich um Jake, bevor er verblutet.“

„So schlimm ist es doch gar nicht“, antwortete dieser vollkommen verständnislos und Silva presste die Lippen aufeinander, um nicht zu lachen und ihn zu kränken.

Doch während sie erst Jake und dann Wasil behandelte, blieb ihr Blick immer wieder an Annabell hängen, die ruhelos am Rand ihres Lagerplatzes auf und ab ging.

Erst als nach und nach die fünf Jäger der VO eintrudelten, die während der Reise für die Sicherheit der Wissenschaftler sorgen sollten, setzte Annabell sich mit an den provisorischen Lagerplatz und verteilte Wasserflaschen, Fladenbrote und für jeden eine Banane.

Die beiden einheimischen Reiseführer standen stumm am Rande der Lichtung und beobachteten die Gruppe. Annabell hatte sie gut dafür bezahlt, dass sie das Team durch den Dschungel lotsten, denn die Forschergruppe war auf ihre Ortskenntnisse angewiesen. Die Reiseführer warnten vor unbefestigten Hängen, hatten sie schon mehrmals vor giftigen Pflanzen und einmal vor dem Giftstachel eines Skorpions bewahrt und alle sicher wieder zurück in das Dorf gebracht, das das Forscherteam freundlicherweise und natürlich gegen gute Bezahlung aufgenommen hatte.

„Ist rundrum alles sicher?“, erkundigte sich Annabell kühl bei Davin, einem der beiden Werwölfe, die das Forscherteam vor Halbdämonen schützen sollten – sogenannten Mairas, die, durch ihren Futterrausch angetrieben, versuchten, Lebensenergie aus allem zu ziehen, das ein Herz und einen Puls hatte. Der ausgebildete Jäger war Experte darin, Mairaspuren ausfindig zu machen.

Der muskulöse Mann mit dem buschigen Vollbart und den goldgelben Augen nickte düster. „Es deutet nichts darauf hin, dass Mairas in der Gegend sind.“

Annabells Gesichtszüge entspannen sich etwas. „Wie viel Zeit haben wir noch, bis wir zurückmüssen?“

Davin wedelte vage mit der Hand. „Vielleicht zwei Stunden, bis wir den Rückweg antreten müssen, um vor der Dunkelheit ins Dorf zurückzukommen.“

Annabell knirschte mit den Zähnen. „Wenn keine Mairas in der Nähe sind, können wir auch im Dunkeln zurücklaufen“, kommentierte sie harsch. „Dann können wir die Suche noch ein bisschen länger fortsetzen.“

Davin wechselte einen Blick mit Leander, einem großen und breit gebauten Werwolf mit Glatze, langer Nase und verschlagenem Gesichtsausdruck.

„Die Einheimischen brechen auf, wann sie es für richtig halten. Sie werden sich nicht für uns den Gefahren aussetzen, die der Dschungel bei Dunkelheit bereithält“, antwortete Leander mit seiner tiefen Stimme, die Silva Schauer über den Rücken jagte. Die beiden Werwölfe waren fast zwanzig Jahre älter als sie und erfahrene Jäger, deren Urteil sie vertraute, sowenig es ihr gefallen mochte. Aber Annabell war nicht bereit, aufzugeben.

„Wir werden den Weg zurück auch alleine finden“, bestimmte sie.

Davin neigte verständnisvoll den Kopf, blieb aber unnachgiebig. „Ich werde nicht die Sicherheit meines Teams für eine aussichtslose Suche riskieren. Es ist zu gefährlich.“

Wütend stand Annabell auf und ging einige Schritte hin und her. „Wenn wir heute nichts finden, müssen wir abreisen. Dann war alles umsonst.“

„Vielleicht ist es auch einfach an der Zeit, zu akzeptieren, dass es hier nichts gibt“, antwortete Jules vorsichtig. Der junge Vampir mit den dunklen Haaren und den Grübchen gehörte ebenfalls zu den Jägern der VO, doch er mischte sich nur selten in solche Gespräche ein, was sehr viel darüber verriet, wie sehr er nun das Ende der Forschungsreise herbeisehnte. Genau wie die beiden anderen Jäger, Richard und Shane, die zustimmend nickten.

Annabell warf ihnen einen giftigen Blick zu und Silva wusste, dass gleich eine hitzige Diskussion entfachen würde. Sie kannte diese Stimmung bei Annabell.

„Ich weiß, dass ihr alle am Ende eurer Geduld seid und am liebsten nach Hause fahren würdet“, versuchte Silva, die Situation zu entschärfen, „aber uns ist diese Forschung wirklich wichtig.“ Jules unnachgiebiger Blick wurde weicher, als er sich Silva zuwandte. Sie versuchte, sich nicht von dem makellosen Teint und den durchaus hübschen Gesichtszügen des Vampirs ablenken zu lassen, und sagte: „Annabell hat recht, es ist unsere letzte Chance, diese Mission mit Erfolg zu krönen.“

Jules sah aus, als wäre er geneigt, sich von Silva umstimmen zu lassen. Sie schätzt ihn als draufgängerisch genug ein, um den Aufbruch zu verschieben. Annabell wartete mit verschränkten Armen schweigend ab, während ihr Blick zwischen Jules und Silva hin- und herhuschte. Sie überließ Silva das diplomatische Gespräch.

Aber es war Davin, der sich vorbeugte, die Hände verschränkte und mit leiser Stimme sagte: „Bist du schon einmal einem Maira bei Dunkelheit begegnet?“

Silva zögerte, bevor sie stumm verneinte.

„Ich bin seit zwanzig Jahren Jäger“, fuhr Davin ungerührt fort, seine Stimme rau wie Schmirgelpapier. Silva bekam eine Gänsehaut. „In diesen zwanzig Jahren habe ich gegen Dutzende dieser Kreaturen gekämpft. Ich weiß, wie sie sich verhalten, weiß, wie ich sie töten kann, ohne verletzt zu werden.“ Er zog vorsichtig am Kragen seines T-Shirts und entblößte einen Teil seiner Brust. Silva biss sich auf die Lippe und Jake schnappte neben ihr bestürzt nach Luft. Über Davins Brust zogen sich drei wulstige Narben. Die Klauen, von denen sie stammten, mussten das Fleisch förmlich zerrissen haben.

„Nur ein einziges Mal bin ich einem von ihnen im Dunkeln begegnet. Nachdem ich es jahrelang mit mehreren Mairas gleichzeitig aufnehmen konnte, war ich diesem hier weit unterlegen, und er hätte mich getötet, wenn Leander mir nicht zu Hilfe gekommen wäre.“

Silva schluckte hart.

„Diese Kreaturen vereinen sich mit der Dunkelheit. Sie bewegen sich lautlos, verschmelzen mit der Nacht. Sie sind der geflügelte Tod, der dich von hinten angreift, bevor du überhaupt registrierst, dass er da ist. Also brechen wir früh genug auf, um vor der Dunkelheit zurück im Dorf zu sein.“ Selbst Annabell war bei Davins Erzählung erbleicht und wagte es nicht, zu widersprechen.

„Na schön, dann sollten wir die letzten beiden Stunden nutzen und auf ein Wunder hoffen“, gab sie tonlos zurück und kehrte der Gruppe den Rücken, um wieder im Dschungel zu verschwinden.

Davin lehnte sich erleichtert zurück. „Das ist die richtige Entscheidung.“

„Wahrscheinlich“, gab Silva zu. „Aber es macht sie nicht leichter. Wir haben all unsere Hoffnungen in diese Reise gesteckt.“

Jake sackte neben ihr in sich zusammen. „Ich weiß nicht, wieso sich Annabell noch etwas vormacht. Wir hätten längst etwas finden müssen, wenn es hier einmal Menschen gelebt hätten.“

„Der Dschungel ist groß“, gab der etwa fünfundzwanzigjährige Shane zu bedenken. „Vielleicht waren eure Berechnungen falsch.“ Auf den ersten Blick wirkten seine Augen wie von der Dunkelheit geküsst, ein rauchiges und verheißungsvolles Nachtschwarz. Aber bei genauerem Hinsehen erkannte man bei ihm einen veilchenblauen, schmalen Ring, der die Pupille umschloss. Silva fand die Augen der Vampire schon immer faszinierend, wie die glatte Oberfläche eines Sees, in dem sich der Sternenhimmel spiegelte. Der rothaarige Vampir ließ echte Neugier erkennen.

„Ziemlich unwahrscheinlich“, begann Jake sofort, zu erklären. Innerhalb von Sekunden verstrickte er sich in der Erklärung seiner Theorien. Er hatte den Ort durch Angaben von Einheimischen berechnet. Außerdem hatte er die Landschaft analysiert und herausgefunden, dass die Lage aufgrund des stark abfallenden Geländes und des Flusses, der sich in der Nähe befand, im weiten Umkreis die einzige Stelle war, die zur Errichtung eines Dorfes infrage kam.

Silva vertraute seinem Wissen und seinen Analysen. Dennoch hatte die Natur in diesem Gebiet definitiv keinen menschlichen Einfluss erfahren. Sie hatte nichts gefunden außer dieser vom Regen glatt gewaschenen, flachen Steinplatte.

Silva blickte hinauf zu den Baumwipfeln, in denen man, wenn man Glück hatte, manchmal Papageien oder Affen sehen konnte.

Wieso war ihr diese Steinplatte überhaupt aufgefallen? Sie nagte gedankenverloren an ihrem Fingernagel und eine plötzliche Unruhe überkam sie.

„Wo willst du hin?“, fragte Jake, als Silva aufsprang.

„Ich … ich muss nur etwas überprüfen“, antwortete sie geistesabwesend. Irgendetwas in ihr hatte sich verändert. Vielleicht war es dieser kleine Hoffnungsschimmer, der gerade durch die dichte Nebelwand der Enttäuschung geblitzt war. Vielleicht aber auch der letzte, verzweifelte Versuch, der unausweichlichen Rückreise nach London zu entgehen. Die plötzliche Aufregung hatte mit dem glatten Stein zu tun. Aber warum? Er ist mir aufgefallen, weil er der einzige seiner Art hier ist, schoss ist Silva durch den Kopf. Weil keiner der Felsen, die sie bisher gesehen hatte, solch eine Form und so eine glatte Oberfläche gehabt hatte.

Deutschland im 15. Jahrhundert

Hexenhammer

Historischer Roman

Deutschland im 15. Jahrhundert: Der Inquisitor Heinrich Institoris verfasst die berüchtigte Schrift „Der Hexenhammer“, eine verheerende Anleitung zur Hexenjagd. Immer mehr unschuldige Frauen sterben auf dem Scheiterhaufen. Doch erst als ein junger Mönch seine Jugendliebe wiedertrifft, die als Hexe angeklagt wird, zweifeln er und die Menschen um ihn herum an dem fanatischen Inquisitor …

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