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Ein Fall heißer als

frisch gebrühter Kaffee

Ein kulinarischer Krimi

Der erste Kaffee-Krimi eines ausgebildeten Baristas!

Der 6. Fall für Professor Bietigheim und Terrier Benno von Saber

Triest – Stadt der Winde und des Kaffees. Hier soll es den besten Espresso von ganz Italien geben. Eines Morgens wird auf der berühmten Piazza Grande eine verkohlte Leiche gefunden. Der Tote war einer der besten Barista der norditalienischen Hafenstadt, vier andere sind spurlos verschwunden. Doch warum sollte es jemand auf die gefeierten Künstler der Kaffeekultur abgesehen haben? Professor Adalbert Bietigheim macht sich mit Foxterrier Benno von Saber daran, dieses dunkle Verbrechen aufzuklären ...

Dass sein neuer Fall ihn ausgerechnet ins wunderschöne Triest führt, wo er einst studiert hat, macht für Professor Adalbert Bietigheim einen besonderen Reiz aus. Dass Triest perfekten Kaffeegenuss verspricht, einen weiteren. Er freut sich auf einen Caffè, der das Röstige eines herben Kakaos mit der dunklen Fruchtigkeit der Brombeere aromatisch vereint! Doch was Adalbert vor allem dazu bringt, seine Hamburger Studenten in ihrer himmelschreienden Unwissenheit in Sachen Kulinaristik zurückzulassen, ist etwas sehr Privates: Einer der verschwundenen Barista ist der Mann seiner großen Jugendliebe – für den sie ihn damals verlassen hat. Samt Foxterrier Benno bezieht er nun ausgerechnet bei ihrer Familie im imposanten Schloss Duino Quartier und beginnt zu ermitteln ...

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Das Gewinnspiel ist beendet.

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Der letzte CaffèDer letzte Caffè

Ein kulinarischer Krimi

Triest – Stadt der Winde und des Kaffees. Hier soll es den besten Espresso von ganz Italien geben, der Capo Triestino ist eine stadteigene Spezialität. Eines Morgens wird auf der berühmten Piazza grande eine verkohlte Leiche gefunden. Der Tote war einer der besten Baristas der norditalienischen Hafenstadt, vier andere sind spurlos verschwunden. Doch wer hätte ein Motiv, den gefeierten Künstlern der Espressomaschinen Leid zuzufügen? Sofort wird Professor Adalbert Bietigheim zu Hilfe gerufen. Pikanterweise ist einer der verschwundenen Baristas der Mann seiner großen Jugendliebe – für den sie ihn damals verlassen hat. Dennoch bezieht er bei ihrer Familie in Schloss Duino mit Foxterrier Benno Quartier, um ein im wahrsten Sinne des Wortes dunkles Verbrechen aufzuklären ...
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Prolog  

Die pechschwarze kleine Katze rieb sich am Bein von James Joyce. Auf ihrer nächtlichen Runde markierte sie stets den metallenen Schriftsteller, der auf der Brücke Ponterosso errichtet worden war. Das Wasser im Canale Grande Triests, der nur dem Namen nach groß war, schwappte gewaltig, die festgemachten Boote tanzten wild auf den Wellen, schienen sich losreißen zu wollen, um hinaus aufs Meer zu fliehen. Der starke Wind wehte unablässig, auch durch das Fell der pechschwarzen Katze, die elegant die Via Roma Richtung Piazza dell Unità d’Italia lief, den die Triester nur Piazza Grande nannten. Um den Hals des Tieres hing ein Band mit einem kleinen vergoldeten Glöckchen. Arabica gehörte einer alten Dame, die nur bei offenem Fenster schlafen konnte und nie bemerkte, wenn ihre samtpfotige Mitbewohnerin zur Jagd aufbrach. Die kleine Katze hoffte auf eine unvorsichtige Maus, noch besser eine träge Ratte. Sie fanden sich im Hafen und an den Mülleimern des Meeresboulevards.
Arabica schrak auf, denn sie hörte die Schreie zweier kämpfender Artgenossen, die nur für Menschenohren wie die von Kindern klangen. Es war kurz nach vier in der Früh, und die Stadt am Meer gehörte Jägerinnen wie ihr und anderen Geschöpfen der Nacht, die mit den Schatten verschmolzen und deren Augen das fahle Mondlicht vervielfachten wie Spiegel. Um die Cafés der Stadt machte Arabica einen Bogen, da sie die Röstnoten nicht mochte, die sie umwaberten. Das Dunkle, Bittere, in dem immer noch die Hitze der Trommelröster lag, jagte ihr Angst ein. Am schlimmsten war die kleine Kaffeerösterei La Triestina in der Piazza Cavana, mitten in der Altstadt von Triest. Dort war der Duft so intensiv, als wären die Mauersteine aus Kaffeebohnen gebrannt. Lieber hielt sie sich in der Nähe der Macellerias auf, wo die Metzger stets Köstlichkeiten in den Müll warfen, oder der traditionellen Buffets, deren Düfte ihr das Wasser im Maul zusammenlaufen ließen.
Die Piazza Grande öffnete sich vor ihr, der Herbstwind griff vom Meer mit langen Armen hinein, rüttelte an den hellen Markisen des Cafe degli Specchi, schubste die Blumenkübel vor Harrys Grill um und rieb sich heftig an den Säulen des Palazzo del Municipio. Es klang, als pfeife ein alter, zahnloser Mann mit aller Kraft einer jungen Frau hinterher. Drück dich an den Seiten entlang, dachte sich Arabica, ganz nah, dass der Wind dich nicht erwischt und dich die verrückten Kater nicht sehen. Sie verfluchte ihr Glöckchen, das sie schon von Weitem verriet. Doch diese Nacht war so laut, dass sie es selber kaum vernahm.
Plötzlich zerschnitt ein Röhren das Gebrüll des Meereswindes, mit immer länger werdender Klinge, bis es alles um Arabica erfüllte. Ein dunkelbraun glänzender Wagen mit Ladefläche hielt quietschend auf dem Platz, aus der Fahrerkabine kletterte hektisch ein Mann nach hinten, öffnete die Klappe, trat mit den Füßen gegen etwas, das auf die Piazza fiel, klopfte gegen die hintere Scheibe, und mit aufheulendem Motor raste der Wagen wieder davon.

Arabica verharrte. Es war nie klug, sich direkt zu be­­wegen, wenn man meinte, eine Gefahr sei gebannt. Man musste sichergehen.
Und dann fliehen.
Noch zwei Atemzüge. Arabica huschte los, ihr Weg führte am Palazzo del Municipio entlang, flink setzte sie die schwarzen Pfoten.
Dann hielt sie inne.
So abrupt, als wäre sie gegen eine unsichtbare Wand gelaufen.
Eine Wand aus Angst.
Und aus Gestank. Röstnoten, extrem dunkel, als habe ein Kaffeeproduzent vergessen, die Bohnen rechtzeitig wieder aus der Hitze zu holen. Verwoben waren sie mit dem Duft von Fleisch, viel davon, doch verbrannt, fast schon Kohle. Vielleicht nur im Inneren noch essbar. Arabica sah sich mit ihren tellergroßen Nachtaugen um, und roch, von wo der Duft kam, den selbst die starke Bora nicht zerfleddern konnte, der tückische Fallwind von den julischen Alpen, der Richtung Adria zog. Sie hatte so etwas noch nie gerochen, dabei kannte sie die Gassen der Triester Altstadt von Geburt an.
Arabicas Augen fixierten etwas Großes gute vier Meter entfernt. Schwärzer als die Nacht lag es auf den Pflastersteinen. Dampf sammelte sich an seiner Oberfläche und wurde fortgerissen vom Wind. Ein in sich verkrümmtes Ding, viel größer als ein Hund.
Die kleine Katze hob unsicher eine Pfote in die Luft, setzte sie dann sachte auf, duckte sich und schlich näher, jederzeit bereit, davonzujagen ins Dunkel der Nacht.
Ihre Nase zuckte wegen des intensiven Gestanks, doch sie musste noch eine Pfotenlänge näher, und noch eine, sie hatte die Ohren gespitzt, Arabicas ganzer Körper war in Anspannung. Nun konnte sie Gliedmaßen an der Form ausmachen. Was war das nur?
Die allen Katzen innewohnende Neugier und das Versprechen auf Fleisch ließen sie immer näher schleichen. Arabica hatte einst einen Apfel in einem abgebrannten Lagerfeuer am Strand gefunden. So zerrissen und gesprungen wie dessen Haut war auch die des Dings vor ihr, das an einen zerfurchten, schwarzen Baumstamm erinnerte. Sie umrundete das Etwas.

Und blickte mit einem Mal in zwei leere Ausbuchtungen. Darunter lag eine weitere, längliche und noch etwas ­tiefer ein Loch, in dem Zähne zu sehen waren. Das Etwas bleckte die Zähne!

Arabica machte einen Buckel, legte die Ohren an und fauchte. Langsam wich sie rückwärts von der Schwärze zu­­rück, ließ sie nicht aus dem Blick. Hinter ihr gellte ein Schrei durch die Nacht. Kurze Zeit später war die Piazza Grande von flackerndem Blaulicht erleuchtet. Doch zu diesem Zeitpunkt war Arabica längst in Sicherheit und hatte eine unvorsichtige Maus am weit ins Meer hinausreichenden Prachtkai Triests, dem Molo Audace, ge­­fangen.  



Kapitel 1

Der Professor trifft Kaiserin Sissi

»Geht das nicht in eure Mäusehirne hinein?«, bellte Professor Dr. Dr. Dr. h. c. Adalbert Bietigheim, Deutschlands einziger Inhaber eines Lehrstuhls für Kulinaristik, in den alten Hörsaal der Universität Hamburg. »Méthode rurale, auch bekannt als Méthode dioise ancestrale oder Pétillant Naturel.« Er meißelte es mit der Kreide in die Tafel ein. Die Vorlesung hatte das Thema »Höchst interessante Entwicklungen in der Herstellung von Champagner – ohne Exkursionen zum Thema Mord!«. Er hatte sich genötigt gefühlt, den Zusatz in den Titel zu nehmen, und sogar zum Äußersten gegriffen, der Benutzung eines Ausrufezeichens.
Doch es hatte nichts geholfen. Hätte er doch der Gala bloß nicht dieses Interview gegeben. Der Name des Magazins hatte Seriosität suggeriert, doch dann hatte er sich neben hüllenlos badenden TV-Sternchen und in fremden Betten herumhopsenden englischen Adeligen wiedergefunden. Zudem hatten andere Magazine angefangen, über ihn zu schreiben, oftmals ohne die Richtigkeit ihrer Informationen zu überprüfen. Als Ergebnis war er nun nicht nur eine Berühmtheit in der von ihm so hoch geschätzten kulinarischen Welt, sondern auch unter Studenten. Seit allgemein bekannt war, dass er mehrere Mordserien gelöst hatte, setzten sich immer mehr Studenten anderer Fakultäten in seine Vorlesungen. Schaulustige, die einen Blick auf ihn werfen wollten! So als wäre dies keine ehrwürdige Universität, sondern ein Zoo und er der prachtvolle Königstiger. Sie saßen sogar auf den Treppenstufen des alten Hörsaals in Form eines Amphitheaters, da die hölzernen Bänke alle überfüllt waren. Und ständig zog jemand eines dieser modernen tragbaren Telefone hervor, um ein Foto von ihm zu machen, obwohl er das doch strikt verboten hatte.
Natürlich war der Ruhm völlig gerechtfertigt, immerhin hatten die Mordserien im Burgund, in Cambridge, Brügge, auf der Insel Islay und zuletzt in der Champagne nur dank seines Genies aufgeklärt werden können. Doch waren die einzigen Ehren, nach denen er trachtete, akademische. Und vielleicht das Bundesverdienstkreuz. Aber das war ohnehin überfällig.

Noch schlimmer als diese ständige Fotografiererei war, dass alle seinen treuen Benno von Saber betatschen wollten. Er hätte das Porträt in der Jagd & Hund nicht genehmigen sollen. Ebenso wenig das in Ein Herz für Tiere, jenes in der Terrier Total oder das großformatige im Kalender Berühmte Puschelhunde. Für Letzteres hatten sie Benno auf einem Bärenfell vor einem lodernden Kamin drapiert.
Aktuell lag Benno, wie stets bei den Vorlesungen, in seinem Körbchen neben dem Pult und schlief. Wobei er, das musste Adalbert zugeben, tatsächlich ausgesprochen puschelig aussah. Wie auch immer, er hatte beschlossen, den Studenten die Zeit so schwer wie möglich zu machen und Wissen en gros in ihre kulinarisch unterentwickelten Hirne zu pressen – egal, aus welchem Grund sie anwesend waren.
»Auch in Deutschland gibt es diese alte Spielart des Schaumweins. Ich habe etwas davon mitgebracht und be­­nötige nun ein Testobjekt aus der Studentenschaft. Jeder nor einen wönzigen Schlock.«
Bei einem Beatles-Konzert konnte der Andrang nicht größer gewesen sein. Die jungen Leute lachten und johlten. Bietigheim zeigte auf einen besonders vorlauten Studenten. Ein bebrillter älteren Semesters, der sich trotzdem jugendlich kleidete. »Pfeiffer, kommen Sie nach vorn. Und trinken Sie.«
Doch in diesem Moment klopfte es an der Tür, und Rena Balingen, seine wissenschaftliche Mitarbeiterin, trat ein.
»Herr Professor?« Sie hielt einen weißen Umschlag in der Hand.
Sie wusste doch, dass er nicht gestört werden wollte, während er Hohlräume mit Wissen füllte!
»Jetzt nicht.«
»Es ist wichtig.«
»Nichts kann wichtiger sein als die Lehre. Pfeiffer, trinken. Das beherrschen Sie sicherlich besser, als sich während einer Vorlesung ordnungsgemäß zu benehmen.«
»Es ist ein Brief«, sagte Rena und kam näher. Pfeiffer goss sich das Glas voll.
»Nie bis zum Rand, Pfeiffer! Himmelherrgott noch mal, das hatten wir doch schon im ersten Semester.« Er riss ihm das Glas aus der Hand.
Pfeiffer kicherte und blickte feixend zu einer Kommilitonin namens Eva Knauer in der dritten Reihe, die in ihren blonden Haaren gerne eine neckische Schleife trug.
Rena stand nun ganz nah neben Adalbert. »Es ist ein Eilbrief, er kam mit Kurier. Der Umschlag ist handgeschrieben. Er duftet nach Lavendel und kommt aus Triest.« Der Professor ließ das Glas fallen.
Pfeiffer schnappte es und verneigte sich wie ein Zirkusartist vor der frenetisch applaudierenden Menge.
»Geben Sie schon her!«, herrschte der Professor seine Assistentin an. »Warum sagen Sie das denn nicht gleich?«
Es war ein Brief von Giulia Tergeste, geborene Montezumolo. Ihr Foto lag immer noch in seinem Nachttisch – auf dem ein Bild von Hildegard zu Trömmsen stand, der Venus von Blankenese, der Frau mit dem Lachen, das Wolkenkratzer zum Einstürzen bringen konnte. Lavendel hatte Giulia immer geliebt, Adalbert dachte sofort an sie, wenn er Lavendel roch. Was Hildegard nicht wissen durfte, sie war so fürchterlich eifersüchtig. Obwohl sie sich ihre Liebe immer noch nicht gestanden hatten.
Der Professor stellte sich etwas abseits und öffnete den Umschlag so sanft mit dem Brieföffner seines Schweizer Offiziersmessers, als sei er eine papierne Kostbarkeit. Wie schön, einen echten Brief zu erhalten, handgeschrieben von der Adresse bis zum Inhalt. Nicht auf einer Plastiktastatur getippt, ohne Autokorrektur, sondern mit einem Füller und dunkelblauer Tinte, die vor den Augen trocknete, ein Einzelstück auf Büttenpapier. Der Schwung von Giulias Hand war elegant und raumgreifend. Mit all den Schnörkeln wirkten die Buchstaben wie von Efeu umrankt. Adalberts Herz pochte, als er ihn las.
Lieber Adalbertus,   ich weiß, es ist Jahre her, dass wir miteinander gesprochen haben, und ich weiß auch, dass wir damals nicht im Reinen auseinandergegangen sind, was ich bis heute sehr bedaure. Es ist deshalb ge­radezu unverschämt, dich jetzt mit einer Bitte zu be­lästigen. Aber ich brauche deine Hilfe! Ich weiß nicht, wer mir sonst helfen könnte. Es ist ein Verbrechen passiert. Mein Ehemann ist ­entführt worden. Und die Polizia ist ­völlig unnütz. Komm bitte sofort!  
Deine Butterblume  

Nur Giulia benutzte diesen närrischen Kosenamen für ihn. Und nur er hatte sie Butterblume nennen dürfen. Adalbert hatte den Klang des Wortes, das Kulinarisches und Florales vereinte, so geliebt.
Er schnappte sich kurz entschlossen Benno samt Körbchen, bevor er sich an seine Studenten wandte. »Ergötzen Sie sich an der Flasche. Fallen Sie darüber her wie eine Meute wilder Hunde, die Sie sind. Ich reise nach Triest. Ab nächster Woche übernimmt Frau Balingen die undankbare Aufgabe, Ihnen die Grandezza der Champagne näherzubringen, die weit über den Rausch hinausgeht.« Nach kurzer Überlegung setzte er ein Arrivederci! hinzu. Es konnte nicht schaden, sofort mit der Auffrischung seiner Italienischkenntnisse zu beginnen. Wobei er selbst im Schlaf die Heuschreckenkrebse Canoce, die berühmte Jota-Suppe mit viel Sauerkraut, Bohnen und Kümmel oder ein einfaches Panino di Porcina bestellen konnte, wenn er ein Sandwich mit Schweinefleisch, Senf und Meerrettich wünschte. Doch das würde nur reichen, um seinen Magen zu füllen, nicht aber, um ein Verbrechen aufzuklären.

Fliegen war keine Form der menschlichen Fortbewegung. Die Schwerkraft sprach eindeutig dagegen. Sie hielt die Spezies aus gutem Grund auf dem Boden. Nur ein paar Millimeter Stahl zwischen sich und Tausenden Metern Tiefe zu wissen behagte dem Professor überhaupt nicht. Er reiste lieber mit dem Zug, auch wenn er dadurch länger unterwegs war und die üblichen Verspätungen zu un­­vermeidlichen Beschimpfungen des Personals führten. Er genoss diese Reisen. In der ersten Klasse, im Handyverbotsbereich. Stets buchte er zwei Plätze nebeneinander, damit er nicht in ein Gespräch verwickelt würde. Am liebsten hätte er ein ganzes Abteil für sich allein gehabt, doch trotz eindringlicher Appelle an den Kanzler der Universität Hamburg sparte dieser weiterhin am falschen Ende.
Die Direktverbindung ab Wien war leider vor einigen Jahren eingestellt worden, doch es gab einen Zug über Villach nach Udine, von wo Regionalzüge im Stundentakt fuhren. Den Triester Bahnhof verließ er an diesem Herbsttag schnell, denn Benno musste ein erstes Geschäft in Italien erledigen. Die Transaktion führte er auf der Piazza della Libertà durch, wo eine bronzene Statue der Kaiserin Elisabeth von Österreich an die Herrschaft der Habsburger erinnerte. Sissi, dachte der Professor und lüftete vor ihr seinen weißen Borsalino, wie schön, Sie hier zu treffen, strahlende Herrscherin der Region, die früher als Österreichisches Küstenland bekannt war. Nachdem er seine Pfeife gestopft und entzündet hatte, schlug der Professor den Weg zum Molo Audace ein, denn er war vor Kurzem zu der Ansicht gekommen, es sei höflich, sich einer Stadt vorzustellen, wenn man sie als Gast besuchte.
Als symbolischen Klingelknopf hatte er die große Windrose auserkoren, die sich am Ende des breiten Molo Audace befand, der weit ins Meer reichte. Mit jedem Meter vom Ufer fort schob sich das Gebirge hinter der Stadt ins Sichtfeld, der Karst, wo ganz nah die Grenze zu Slowenien verlief. Die Stadt war wie eine Auster in die Ausläufer der steinigen, kalkhaltigen Hochlandschaft gewachsen, bis sie zur einen Seite nur noch vom Meer und zur anderen von steilen Felsen umgeben war. Triest war eine Stadt, die ihre Würde behalten hatte, die nicht dem Wahn des ständigen Wachstums verfallen war, eine Stadt, die trotz ihrer Größe mit den über zweihunderttausend Einwohnern und ihrer prachtvollen Geschichte Bescheidenheit ausstrahlte. An Geld mangelte es ihr nicht, das war unverkennbar, doch sie protzte nicht damit.
Langsam wich das Röhren der Motoren dem Meeresrauschen, und das Schwappen der Wellen am großen Pier drang an die Ohren des Professors, in denen der Wind pfiff. An der Windrose angekommen, drehte er sich um und verbeugte sich vor Triest. »Gestatten, Prof. Dr. Dr. Dr. Adalbert Bietigheim und sein treuer Gefährte Benno von Saber. Einst verließ ich dich als junger Student, nun kehre ich als Mann zurück.«
Eine umstehende, japanische Touristengruppe be­­klatsch­­te die Aktion und fotografierte eifrig. Was der Professor mit einem entschiedenen »Shashin wa arimasen!« bedachte. Dann wandte er sich der Windrose zu, die alle Winde Triests zeigte: Bora, Libeccio, Scirocco oder Maestrale. Für jede Jahreszeit hatte Triest Winde, sie trieben einen durch die Stadt wie einen tumbleweed in einem Wildwestfilm.
Adalbert hatte sich darauf gefreut, Giulia auf Schloss Duino zu treffen, doch er musste in die Gerichtsmedizin. Eine Leiche war aufgetaucht, und Giulia befürchtete, dass es ihr vermisster Ehemann sei. Sie hatte Adalbert gebeten, ihr zur Seite zu stehen bei der Leichenschau, ihr eine Schulter zu sein, ein Halt.
Adalbert sog die frische Meeresbrise tief in seine Lungen. Er würde für Giulia Maria Tergeste so da sein, wie ihn alle Welt kannte: einfühlsam und verständnisvoll.

»Betatschen Sie nicht mit Ihren ungewaschenen Pfoten meinen Rassehund!«, herrschte er eine junge Mutter an, die sich mitsamt ihrer Tochter zu Benno gekniet hatte. »Er beißt und hat die Tollwut und die Pocken und heute auch Lepra. Ist das deutlich genug?«

»Warum hat ein so unhöflicher Mensch wie Sie nur solch einen süßen Hund?«

»Weil dieser Hund einen überlegenen Intellekt hat!«
Benno rollte sich auf den Rücken und präsentierte sein für Streicheleinheiten aller Art empfangsbereites Bäuchlein, doch die Mutter erhob sich empört und nahm ihre Tochter an der Hand. Noch während das Mädchen mitgezogen wurde, blickte es traurig in Richtung Benno, der traurig Richtung Tochter blickte.
Der Professor beugte sich zu ihm. »Sie wird sicherlich klebrige Finger gehabt haben. Von Popcorn oder Lollis. Unschön für dein Fell. Kleinkinder sind absolut nicht reinlich. Nachher holst du dir irgendeine Krankheit, mein Freund.« Als der Professor den beiden nachblickte, fiel ihm ein Schwarzafrikaner in farbenfroher, traditioneller Tracht auf. Er stand gut zweihundert Meter entfernt mitten auf dem Molo Audace. Zuerst hielt der Professor ihn für eine Statue, denn unbeweglich wie Stein stand er dort. Aber auf dem Pier gab es keine Statuen. Fixierte der Mann ihn etwa? Der Professor drehte sich um, doch hinter ihm stand niemand, den er sonst anschauen konnte.
Adalbert hatte keinerlei Lust, sich anstarren zu lassen. Das würde er sofort klären. Da Benno an seiner Seite war, konnte ihm nichts passieren! Tief in seinem Inneren wusste der Professor zwar, dass sein Foxterrier für eine kleine Bestechung in Form eines Wurstzipfels jede Verteidigung seines Herrchens umgehend einstellen würde, doch er schob den Gedanken fort. Schnellen Schrittes machte er sich auf zu dem Schwarzafrikaner.
Dieser bewegte sich nicht, starrte einfach weiter. Nun war sich der Professor sicher, dass er das beobachtete Objekt war. Kurz entschlossen ließ er Benno von der Leine.
»Fass, du Stolz deines Stammbaums!«
Benno lief wie der Wind los in Richtung des Mannes, bog dann jedoch kurz vorher zu dem kleinen Mädchen mit seiner Mutter ab, die sich beide wahnsinnig freuten. Der Professor meinte zu sehen, wie die Rotzgöre ihm die Zunge herausstreckte. Als er zurück zum Schwarzafrikaner blickte, war dieser in der Menschenmasse verschwunden, die sich beständig auf dem Molo bewegte.
Er hatte es wohl mit der Angst zu tun bekommen! Zufrieden zog er die Taschenuhr an der Silberkette aus seiner Westentasche und blickte auf das Ziffernblatt mit römischen Zahlen. Leider blieb keine Zeit mehr für einen ersten Caffè, auf den er sich doch so gefreut hatte. Einen, der aromatisch das Röstige eines herben Kakaos mit der dunklen Fruchtigkeit der Brombeere vereinte, der zupackend und gleichzeitig geschmeidig über den Gaumen glitt und dabei das Feuer seiner Röstung noch in sich trug. Einen Caffè hier in der Stadt, wo es den besten Kaffee Italiens und damit den besten Kaffee der Welt gab. Hier, wo der Kaffeeverbrauch höher als sonst irgendwo in Italien war. Doch nun stand etwas viel Dunkleres an, ein Rendezvous mit einer Leiche.  
Gerichtsmedizinische Gebäude mussten nicht schön sein, doch dieses war selbst für den Tod eine Beleidigung. Es gab Müllverbrennungsanlagen, die mehr Würde ausstrahlten als dieser graue, heruntergekommene, fast völlig fensterlose Klotz, der nicht wirkte, als habe ihn ein Architekt erbaut, sondern als sei er der feuchte Traum einer Betonmischmaschine. Nicht der richtige Ort, um der zauberhaften Giulia Maria Tergeste wieder in die rehbraunen Augen zu blicken. Er hatte immer davon geträumt, ihr bei einem Wiedersehen einen Strauß Lavendel zu überreichen, denn sie liebte dessen Duft. Doch Blumen schienen ihm in der Gerichts­medizin deplatziert, deshalb hatte er ein Lavendelparfüm aufgelegt. Ein männliches. Soweit das bei Lavendel möglich war.
Sein Atem wurde kurz, er brauchte wirklich dringend einen Kaffee. Aber einen richtigen. Keinen aus der Gerichtsmedizin. Er würde nichts trinken, was hier aufgebrüht wurde. Es war schon schlimm genug, dass er die Luft einatmen musste. In der Gerichtsmedizin roch es stets nach frisch gereinigter Leiche.
Der Professor hatte mittlerweile Übung darin, Benno ins Gebäude hineinzuschleusen. Foxterrier hatten dafür eine praktische Größe. Bei einem Irischen Wolfshund würde es keine Möglichkeit geben, ihn unauffällig unter dem Mantel zu verstecken, ohne dass es aussah, als würde man bald Drillinge gebären.
Die Leiche befand sich im Keller, und wie die Dame am Empfang sagte, sei Signora Tergeste bereits da und erwarte ihn. Nachdem Adalbert die Treppe hinuntergegangen war, setzte er Benno auf den Boden. »Nicht bellen, wenn ich bitten darf.« Benno bellte freudig und wedelte mit dem Schwanz. Für ihn musste es so nah bei etlichen Knochen natürlich toll sein. Aber er würde keinen bekommen. Da waren Gerichtsmediziner strikt. Bietigheim hatte es mehrfach versucht.
Wenn die Zimmernummern fortlaufend waren, würde Giulia um die nächste Ecke warten. Seine Butterblume.
Adalbert erinnerte sich noch sehr gut an diese wundervoll proppere junge Frau, deren Haut stets wie eine Speckschwarte glänzte. Ihr wallendes blond gelocktes Haar floss weit über ihre Schultern.
Er hielt den Atem an und bog um die Ecke.
Da stand sie.
Irgendwie.
Giulia war kaum wiederzuerkennen. Schlanke Fesseln, schmale Hüfte, es fehlte die komplette Auspolsterung. Jetzt hatte sie eine dieser Figuren, denen junge Männer nachpfiffen. Männer, die noch nichts vom Leben und der weiblichen Schönheit wussten, denen windschnittige Aerodynamik und Parkett schonende Leichtigkeit wichtiger waren als lebensfrohe Opulenz. Giulias Haare waren auf einen Pagenschnitt gestutzt, sie sah damit aus wie eines dieser Models in den Modekatalogen. Wie hatte das nur passieren können?
Als sie Adalbert sah, lief sie zu ihm und fiel ihm schluchzend in die Arme. Der Ärger über ihr Aussehen war sofort verflogen. Adalbert strich ihr über den Rücken, den Kopf und sprach in ihr Ohr: »Er wird es sicher nicht sein. Wir finden deinen Mann lebend. Verlier die Hoffnung nicht, ich bin ab jetzt für dich da.«
Sie nahm sein Gesicht in die Hände und gab ihm einen zärtlichen Kuss. Er schmeckte salzig von ihren Tränen, Giulias Lippen waren sanft und zärtlich, genau wie damals.
Eine wichtige Sache hatte sich also nicht geändert.
Sie schmeckte auch ein wenig nach einem sehr guten, bitterschokoladigen Caffè. Doch es wäre unverschämt, sie in Ermangelung eines Caffès mit vergleichbarer Geschmacksvielfalt um einen zweiten Kuss zu bitten.
»Lass uns direkt reingehen, ich will es hinter mich bringen. Wenn ich noch länger hier draußen warten muss, werde ich verrückt.« Sie hakte sich bei ihm unter, und Adalbert streckte automatisch die Brust heraus.
Religionen sahen zum Teil verlockende Himmel für die Menschen vor, doch in der Gerichtsmedizin Triest gab es weder zweiundsiebzig Jungfrauen noch einen lächelnden Petrus. Stattdessen eine nicht lächelnde Dottoressa Claudia Gerini. Die Wangen der aschfahlen Frau waren eingefallen wie die Wände einer Kirchenruine. Die grauen Augen saßen tief in den Höhlen, ihre Hände schienen nur aus Sehnen, Knochen und nachlässig darüber gespannter Haut zu bestehen. Sie hatte sicherlich manchmal Mühe festzustellen, wo die Leichen aufhörten und sie selber anfing. Der Professor hatte schon gehört, dass Hundehalter ihren Vierbeinern immer ähnlicher sehen – falls es bei Gerichts­medizinern ein ähnliches Phänomen gab, würde es mit den Nachwuchskräften sicher schwierig werden.

Der Professor streckte ihr die Hand entgegen. »Professor Dr. Dr. Dr. Adalbert Bietigheim, sehr erfreut.«
Dottoressa Gerini hob die linke Augenbraue und musterte den Professor, als wäre er für ihren Geschmack nicht tot genug. Seine Hand ließ sie ungeschüttelt.
Der Professor zog sie zurück. »Höflichkeit kostet nichts, doch sie ist so viel wert. Aber wer ständig unter Toten ist, vergisst vielleicht das menschliche Einmaleins.«
Dottoressa Gerini wies auf die Leiche vor sich, über der ein blütenweißes Laken lag. »Ich möchte Sie vorwarnen, Signora Tergeste. Es ist ein ungewöhnlicher Anblick. Sie werden sich Zeit nehmen müssen mit der Identifizierung. Vermutlich ist sie überhaupt nicht möglich. Ich hatte Ihnen das ja schon am Telefon gesagt, aber Sie haben ja darauf bestanden, die Leiche zu sehen.«
Giulia ergriff Adalberts Hand und drückte ganz fest zu, als die Dottoressa das Laken zurückschlug.
Auf den ersten Blick sah das Gebilde nicht menschlich aus, eine verkrümmte Form, in sich selbst Schutz suchend. Giulia straffte ihren Körper. »Hat er noch …?«
»Davon gehe ich aus«, antwortete die Dottoressa, »an­­sonsten wäre die Leiche nicht in dieser angespannten Form aufgefunden worden.«
»Wie lange …?«
»Bei den angenommenen Temperaturen, denen der Tote ausgesetzt war, ist von nur wenigen Minuten auszugehen. Die Bewusstlosigkeit trat vermutlich recht schnell ein.« Recht schnell, dachte der Professor, wie wundervoll un­­genau Sprache doch sein konnte. Recht schnell, in einer Situation, in der jede Sekunde pure Pein und fassungslose Angst bedeutet hatte.
»Der Kopf befindet sich hier.« Die Dottoressa deutete auf einen leicht hervorstehenden Teil. »Es hat einige Zeit gedauert, bis wir das herausfanden. Wir werden versuchen, über die Zähne eine eindeutige Identifikation zu erreichen.«
Giulia ging die Schritte hin zum Kopf so zögerlich, als könne der Boden unter ihr bei jedem Schritt einbrechen. Adalbert spürte mehrmals, wie sie die Kraft verließ, sie zu fallen drohte, doch immer stützte er sie.
Der Kopf war nur rudimentär menschlich. Als habe ein Kleinkind ihn aus grobem, schwarzem Ton geformt. Die Zähne prangten vor wie bei einer grotesken Maske.
Giulia schaffte es nicht, einen Blick auf das breite Grinsen des Toten zu werfen, doch der Professor ging ganz nah heran, nahm sogar seine Lupe zu Hilfe. Manche Menschen meinten viel über einen anderen zu wissen aufgrund von dessen Händedruck, oder behaupteten, der Glanz eines Schuhs sage ihnen alles über die Reinlichkeit des Gegenübers. Doch beides oblag der Kontrolle des Menschen, es war Teil ihrer sozialen Verkleidung, Teil dessen, was sie sein wollten. Das Essen jedoch erfolgte unbewusst, essen war immer zu einem Teil animalisch, egal, wie herausgeputzt das Silberbesteck, wie gestärkt die weißen Tisch­decken. Beim Essen gab sich der Mensch preis. Einige wurden zu Schweinen am Trog, andere zu scheu knabbernden Raubtieren. An Zähnen ließ sich enorm viel über einen Menschen und seine Eigenarten ablesen. Ob er sanft oder hart zubiss, ob er rauchte oder Kaffee trank oder wie er es mit der Zahnhygiene hielt. Manche Gebisse verrieten auch etwas über Unfälle ihres Besitzers oder Prügeleien. Die Zähne des Toten waren fast befremdlich makellos, es waren die Zähne eines Pedanten. Die Färbungen durch Kaffee waren fortgebleicht, das zeugte von Eitelkeit. Und es schien sich um einen Zahnknirscher zu handeln, was auf große Nervosität hinwies.
Der Professor lehnte sich zu der Dottoressa und flüsterte: »War es eine Selbstentzündung?«

»Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen«, antwortete sie.
»Plato zu zitieren ist nicht immer die passende Antwort«, erwiderte der Professor.
Die Gerichtsmedizinerin hob beide Augenbrauen. Anerkennend. Dem Professor stieg ein Geruch in die Nase, den er nicht genau zuordnen konnte. Er war ihm bekannt, gut sogar, doch es erging ihm wie manchmal bei Filmen, wenn er partout nicht darauf kam, aus welchem Film er einen Schauspieler kannte. Es machte ihn rasend. Genau wie jetzt.
Die Hand von Giulia Maria Tergeste wies zitternd auf etwas an der Brust des Toten. Zuerst erkannte der Professor nichts, doch als er den Kopf senkte, um es besser sehen zu können, blitzte an der Stelle etwas auf.
Dottoressa Gerini sah es auch und brach es mit einer Pinzette aus der verkohlten Masse. Das geschmolzene Stück Metall ließ Tränen aus Giulia fließen.
Der Professor erkannte die Umrisse einer Kaffeebohne, mit der typischen Längsfurche in der Mitte, der sogenannten Naht.
»Das ist von Niccolò«, sagte Giulia zitternd. »Es ist das Metallemblem seiner Barista-Gilde. Eine Kaffeebohne, hinter der Dampf aufsteigt. Er trug es immer an der rechten Brust.«
Dann konnte der Professor sie nicht mehr halten, ihre Trauer zog sie zu Boden.  

 

Es war keine Option, Giulia allein zu lassen. Zwar verlangte der Körper des Professors nach Koffein wie ein Vogeljunges nach dem Gewürge der Eltern, doch sein Geist besiegte das Fleisch. Adalbert redete sich ein, dass er die Ruhe selbst sei. Dieses Verlangen nach Kaffee tangierte ihn gar nicht. Da stand er drüber.
Das Taxi, in dem er mit Giulia saß, hielt an einer roten Ampel. Der Professor blickte aus dem Seitenfenster. »Halten Sie gefälligst nicht vor jedem Café!«, herrschte er den alten Taxifahrer an, der einen Backenbart trug, als sei er ein Fossil des Österreichischen Kaiserreichs. »Und kurbeln Sie Ihr Fenster hoch, der Geruch ist ja unerträglich. Sie unsensibler Mensch!«
Er lächelte zu Giulia, die an seiner Schulter lehnte. Ihr Blick war leer, sie schien nichts mitbekommen zu haben. »Wie lange benötigen Sie denn noch bis Schloss Duino?« »Nur viermal halten vor Cafés, und wir sind da.« Er prustete in seinen Bart.
»Finden Sie es nicht auch erstaunlich«, erwiderte der Professor, »dass sich Trinkgeld manchmal genauso schnell verflüchtigt wie der Dampf eines Caffès?« »Ich glaube, mir fällt gerade eine kürzere Route ein.« »Das glaube ich auch.« Giulia drückte seinen Oberarm sanft. »Danke, dass du mich schnell nach Hause bringst.« Er legte seine Hand auf ihre. »Gern, Butterblume.« An ihre andere Seite hatte sich Benno gekuschelt und sein Kinn auf den Oberschenkel gelegt. Ihr Atem beruhigte sich, und irgendwann sprach sie wieder. »Unser Schloss hat sich kaum verändert, seit du dort gelebt hast.« Sie hob den Kopf und blickte ihn an. »Erinnerst du dich noch?« Der Professor erinnerte sich an das in die Jahre gekommene Schloss und sein Zimmer, einen spartanisch eingerichteten, zugigen Raum, dessen einziger Luxus in einem Fenster zum Meer bestand.
Allerdings samt atemberaubendem Ausblick auf den Golf von Triest. Mehr Luxus brauchte kein Mensch. Der Taxifahrer schmatzte. »Wer schmatzet, der furzet auch«, bemerkte der Professor. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er damit den Taxifahrer ermutigte, dem einen das andere folgen zu lassen. »Kaffeebohnen mit Schokoladenüberzug«, sagte er, noch lauter schmatzend. »Gibt nichts Besseres. Außer einem Kaffee aus frisch gemahlenen Bohnen.« »Her damit«, verlangte der Professor. »Nur für den Fahrer«, erwiderte der Backenbart genüsslich. Er musste an diese Leckerei kommen! Benno hatte Apportieren leider noch nicht gelernt. Das heißt, manchmal apportierte er versehentlich etwas, am liebsten geschmierte Frühstücksstullen. Er apportierte sie allerdings nicht zum Professor, sondern vom Professor fort. Es lag also noch einiges an Hundetraining vor ihnen. Deshalb musste der Professor es mit einer dreisten Lüge versuchen. »Meine Begleitung benötigt etwas Aufputschendes.« Der Taxifahrer reichte die Tüte nach hinten. »Nehmen Sie ruhig.«
Jetzt würde er den herrlich bitteren Geschmack einer Kaffeebohne an seinem Gaumen wahrnehmen! »Danke«, sagte Giulia, steckte sich eine Schokobohne in den Mund und die anderen in ihre lederne Handtasche. Dann blickte sie hinaus, und ihre Züge entspannten sich etwas. »Wir sind endlich da.«   Schloss Duino hockte auf steilen Felsen, ein Adler in seinem Horst. Doch das stolze Tier hatte an Glanz verloren, sein Gefieder war alt und grau, an manchen Stellen gar kahl. Doch seine Eleganz würde es nie einbüßen. Auf einem anderen Felsen erhob sich sein Vorgänger, heute nur noch eine Ruine, die Mauern ragten wie Zahnstümpfe in die Höhe. Der kleine Weg dorthin war mit rot-weißem Absperrband überspannt, Metallgitter verhinderten zudem, dass jemand das einsturzgefährdete Mauerwerk betrat.
Wind blies ihnen von der Adriaküste entgegen, doch Giulia hielt dagegen, als wolle sie so rasch wie möglich hinter die schützenden Mauern. Auch die Schritte des Professors wurden zügiger, führten ihn vorbei an dem Weg hinab in die Katakomben des Schlosses und den rechteckig angelegten Garten mit Springbrunnen.
Er erinnerte sich daran, wie erwartungsfroh er während seines Auslandssemesters dorthin gegangen war, weil drinnen Giulia sein konnte. Warum Benno allerdings so schnell lief, blieb dessen Geheimnis – bis der Professor sah, dass jemand die Tonne mit den Küchenabfällen unverantwortlicherweise nicht mit einem Vorhängeschloss gesichert hatte. Für einen Terrier war alles darunter keine echte Herausforderung. »Ich will zu ihm«, sagte Giulia, ihre Stimme wie eine zerbrochene Porzellantasse, die sie mit den Händen zusammenhielt.
»Deinem Vater? Wie geht es ihm?« »Ich will zu meinem Niccolò.« Giulia zeigte ihm ihr Gesicht nicht mehr. Seit dem Ende der Taxifahrt sah er nur noch ihren Hinterkopf mit dem leicht zitternden blonden Haar, wenn ein Weinkrampf sie wieder durchschüttelte. Adalbert folgte ihr durch die verwinkelten Gänge des Schlosses und wusste, dass er den Weg allein nicht zurückfinden würde. Sie endeten vor einer dunklen, hölzernen Doppeltür, deren Schnitzereien einen Barista bei der Arbeit zeigten. Er wirkte wie ein Alchemist in seinem Büro, umringt von allerlei dampfenden Espressomaschinen und Säcken mit Kaffeebohnen, die fremdländische Aufschriften zierten. Giulia strich zärtlich über das Gesicht des Mannes, der im Zentrum stand. »Er hat sich die Tür von mir zu unserer Hochzeit für sein Zimmer gewünscht.« »Ein prachtvolles Präsent. Was hat er dir geschenkt?« Jetzt drehte Giulia sich endlich wieder zu ihm. »Einen vollendeten Espresso.« Sie fuhr sich mit der Zungenspitze langsam über die Lippen. »Er hat tagelang an dem richtigen Mahlgrad, dem Härtegrad des Wassers und dessen optimaler Menge gearbeitet. Ich habe ihn die ganze Zeit kaum gesehen. Das war unsere Hochzeitsreise.« Giulia lächelte. »Er ist nicht wie andere Männer.« Nein, wirklich nicht, dachte der Professor.
Dann öffnete sich die Tür oder besser das Tor. Es gab den Blick auf genau die Welt frei, die er zuvor auf den Schnitzereien gesehen hatte, nur größer, moderner – und chaotischer. Insgesamt sieben chromglänzende Espressomaschinen, die von fünf elektrischen Kaffeemühlen erdrückt zu werden schienen, die ihrerseits von zwei großen Wasserfiltrationsanlagen bedrängt wurden.
Der Raum war groß, fast ein Saal, und doch zu klein für seinen Inhalt. Giulia zögerte einzutreten. »Ich durfte hier nie rein, als er noch …« Adalbert nahm sachte ihre Hand. »Er würde es verstehen, und mehr noch, es würde ihn freuen, dass du ihm auf diese Art nah sein willst. Komm!« Benno war längst hineingeflitzt und sprang auf den Schreibtisch, der vor nicht allzu langer Zeit Essbares beherbergt haben musste. Ein paar Krümel gab es für ihn noch aufzuschlabbern. Sie betraten den Raum, so still wie eine Kapelle. Licht strömte von drei Seiten herein, das Meer war in der Tiefe zu hören, wie es sich am harten Fels brach. An der Wand hingen Infotafeln zum Thema Kaffee, Brühkurven, eine Landkarte mit Diagrammen der Kaffee produzierenden Länder, Bilder von ungewöhnlichen Kaffeezubereitungsarten wie Karlsberger Kanne oder Aeropress. Und etliche Fotos des Bewohners dieses Labors. Ein kleines zeigte einen Jungen auf einem Fischerboot. Adalbert erinnerte sich, dass Niccolòs Stiefvater damals als Gärtner hier gearbeitet hatte, ein ungemein verlässlicher Angestellter.
Niccolò selbst war dagegen ein Lausebengel gewesen, dem der alte Marchese den Aufenthalt im Schloss untersagt hatte – was es für ihn nur noch reizvoller machte, sich hineinzuschleichen. Die Fotos daneben zeigten chronologisch den reifer werdenden Niccolò; auf einem mit befreitem, offenem Lachen, weil er gerade einen kleinen, gebrauchten Röster erstanden hatte. Etwas an dem Foto zog den Professor in den Bann, und er besah es sich genauer. Und fuhr zusammen. »Ein schöner Mann, nicht wahr?« Giulia wandte sich ab, als Tränen in ihr aufstiegen, doch diesmal tröstete der Professor sie nicht, denn ein Detail faszinierte ihn über alle Maßen. »Hast du noch mehr Fotos von ihm?« »Natürlich, wieso?« »Es müssen aktuelle sein!« Sie blickte sich im Raum um, doch dieser bildete in Fotos und Bildern nur die Vergangenheit ab. »Auf deinem tragbaren Telefon vielleicht?« »Vom letzten Urlaub, den wir zusammen … wir waren in Wien.«
Sie zog ihr Smartphone aus der Tasche.
»Warum willst du Fotos von Niccolò sehen?«
»Nahaufnahmen, Porträts. Lächelnd oder lachend.«
Giulia zeigte ihm einige, die sie im Prater aufgenommen hatten, zwei aus Sissis Appartements, als Niccolò Späße gemacht hatte, und eines im Wiener Café Central, wo er mit dem Besitzer wegen eines Streits über Geisha-Bohnen aneinandergeraten war. »Größer«, forderte Adalbert. »Den Mund.« Dann konnte er es glasklar erkennen. Adalbert packte Giulia an den Schultern. »Du musst mir jetzt genau zuhören, auch wenn es dir am Anfang merkwürdig vorkommt, ja?«
Sie nickte. »Gut. Man vermutet, dass Amalgam seit der Tang-Dynastie zur Füllung von Zähnen verwendet wird. Heute ist eine Legierung aus vierzig Prozent Silber, nicht mehr als zweiunddreißig Prozent Zinn, dreißig Prozent Kupfer, fünf Prozent Indium, drei Prozent Quecksilber und maximal zwei Prozent Zink üblich. Einige Bestandteile davon haben einen niedrigen Schmelzpunkt. Wie wir auf diesem Foto von Niccolò sehr klar erkennen können, hatte er rechts oben die Nummern vierzehn und fünfzehn be­­füllt. Ich habe mir das Gebiss des Gerösteten genau angesehen. Nummer vierzehn und fünfzehn wiesen bei ihm keinerlei Löcher auf. Der Mann in der Gerichtsmedizin ist fraglos tot. Und genauso fraglos ist er nicht dein Mann.« Giulia küsste ihn, diesmal stürmisch, fast leidenschaftlich. Doch Adalbert wusste, dass dieser Kuss nicht ihm galt. Er war nur das Lichtdouble für Niccolò, der sich zurzeit im Schatten befand. Ein wundervoller Kuss war es trotzdem. »Ich muss es Vater sagen!«   Marchese, zu Deutsch Markgraf, war die dritthöchste Stufe in Italiens Adel. An erster Stelle stand der Principe, der Fürst, danach kam der Herzog, genannt Duca. Giulias Vater war die Manifestation eines wehrhaften Adeligen, ein Mann, bei dem man sich tatsächlich vorstellen konnte, das in seinen Adern fließende Blut musste eine andere Farbe haben. Hochgewachsen, hagere Wangenknochen wie aus Marmor gemeißelt, eine Stimme, die tief und selbstsicher keine Widerworte zuließ. So hatte der Professor den Marchese Giacomo Montezumolo in Erinnerung. Als er nun hinter Giulia durch die Tür in den Grünen Salon eilte, fand er einen Greis vor, der in einem Krankenbett lag. Das metallene Ungetüm war ein Störenfried zwischen all den Antiquitäten und Ölmalereien, eine Verhöhnung des warmen, schmeichelnden Lichts der Adriasonne. Viele Stunden hatte Adalbert hier früher verbracht, da es als Studierzimmer der Schlossbewohner genutzt worden war.
Der Marchese hatte hier gelesen, niemals Romane, die galten für ihn als Zeitverschwendung, nein, er las Sach­bücher, am liebsten über die vergangener Epochen, er las in Latein und Altgriechisch, er las, um zu verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhielt. »Niccolò ist nicht tot!«, rief Giulia. »Adalbertus hat es herausgefunden. Wegen der Zähne, also der Plomben, sie sind nicht da. Er ist ein Genie! Du hattest völlig recht, dass ich ihn um Hilfe bitten sollte.« Es war also gar nicht Giulias Idee gewesen. Adalbert verspürte den Wunsch, den Salon zu verlassen. Doch der Marchese streckte die Arme aus, um ihn zu begrüßen. »Lass dich ansehen. Ein paar Tage älter siehst du aus und Jahrzehnte weiser. Schön, dich hierzuhaben.« Der Professor reichte ihm die Hände und küsste ihn auf die Wange. »Schön, Sie zu sehen, Marchese. Wenn nur die Umstände angenehmer wären.«
Der alte Mann winkte ab. »Je älter man wird, desto größer die Chance, gute Freunde nur unter unangenehmen Umständen wiederzusehen. Komm, setz dich zu mir auf die Bettkante.« Benno hatte wohl gedacht, die Einladung gelte ihm, und sprang hinauf, drehte drei Runden um die eigene Achse und ließ sich dann ins weiche Plumeau sinken. »Du hast ja einen echten Wachhund mitgebracht!« Der Marchese lächelte und strich dem Foxterrier über das Köpfchen. »Eher ein Schlafhund«, sagte der Professor. Er hörte, wie Giulia im Hintergrund telefonierte und die frohe Botschaft an Niccolòs Stiefvater weitergab. »Weißt du, wir können der Polizei in dieser Angelegenheit nicht trauen. Ein durch und durch korrupter Haufen von Bürokraten, die alle nur eigene Interessen verfolgen. Wir brauchen jemanden von außen, der nicht Teil dieses fest verwobenen Filzes ist. Ich wusste, du bist der Einzige, der uns bei Niccolòs Verschwinden helfen kann.« »Das hätten Sie nicht immer gedacht.« Der Marchese schmunzelte. »Nein, aber du hast dich verändert. Du bist nicht mehr der linkische Junge von einst, mit dem Kopf tief versunken in Büchern, als bestünde die Welt nur aus Papier, als fändest du alles Wichtige in Form von Tinte statt in den Augen einer Frau.« Wie gut, dass keiner seiner Studenten in diesem Augenblick anwesend war, dachte Adalbert. Sie wären aus dem Lachen nicht mehr herausgekommen. Die Vergangenheit war für ihn ein Kapitel, dessen Druckertinte längst getrocknet war. Den linkischen jungen Mann gab es schon lange nicht mehr, und seine Welt bestand neben literarischen auch aus ganz handfesten Genüssen. Wie einem Caffè, fiel ihm ein. Oder bildete er sich ein, dass es solch einen Genuss gab? Es fühlte sich an, als habe er schon so lange keinen mehr getrunken, dass ein heißer Caffè durchaus dem Reich der Legenden angehören mochte. »Andere Dinge ändern sich leider nie«, sagte der Marchese und wies auf die lindgrün gestrichene Wand gegenüber. Bild an Bild hing dort eng beieinander, wie man es aus alten Museen kannte, bei denen jeder Quadratzentimeter genutzt wurde, um die Schätze zu präsentieren. Doch in der Mitte der Wand stach ein zugezogener samtroter Vorhang ins Auge, so groß wie zwei DIN-A4-Blätter. Und erinnerte den Professor an ein Verbrechen, das er niemals hatte aufklären können. »Die Elfte ist nie wieder aufgetaucht?«, fragte Adalbert. »Nein«, antwortete der Marchese matt, trat zu dem Vorhang und zog ihn auf. Dahinter befand sich nur leere Wand, sie klaffte wie eine offene Wunde inmitten der Farben- und Formenpracht. »Aber ich hoffe noch. Weil ich ein dummer, alter Mann bin, der die Leerstelle nicht ertragen kann. Wir haben eine Pflicht gegenüber Rilke, seine Worte zu bewahren.« Der Dichter hatte einst hier gelebt und die erste seiner berühmten Duineser Elegien verfasst – zehn waren es offiziell geworden. Die unbekannte elfte hatte einst hier an dieser Wand gehangen, sein Text über die Magie des Kaffeegenusses. Sie zu lesen hatte kaum länger gedauert, als einen Espresso zu trinken, doch sie war genauso konzentriert, ebenso voller Bitterkeit und Tiefe. Für diese Elegie war der Dichter 1926, in seinem letzten Lebensjahr, nach Schloss Duino zurückgekehrt, nur für eine Nacht, doch dem Text nach zu urteilen, musste sie magisch gewesen sein. Wie alle seine Elegien konnte der Geist manche Zeile nicht erfassen, sondern nur das Herz. »Es ist ein Trauerspiel, dass es keine Abschriften davon gibt«, sagte der Professor. »Wer hätte damit rechnen können, dass hier etwas gestohlen wird? Wir waren Narren, unwissende Narren!« Der Marchese fasste sich schmunzelnd an die Stirn. »Und ich bin immer noch ein Narr, dich ohne einen Kaffee zu begrüßen.« Er klatschte in die Hände, dreimal schnell, dann nach kurzer Pause noch zweimal. Wenig später erschien ein junges Dienstmädchen in weißer Schürze, ein Silbertablett mit einer Espressotasse balancierend. »Marchese, ich verehre Sie zutiefst!« Der Professor setzte den porzellanen Tassenrand an die Lippen. Als heißer Kaffee endlich seine Geschmackspapillen berührte, war es wie eine Erlösung. Sein Verlangen wurde hitzig befriedigt, der Espresso mundete nach gerösteten Walnussschalen, nach Pflaumen und exotischen Gewürzen. Ein Schluck reichte, und der Atem des Professors wurde tief und zufrieden. Er fühlte sich wundervoll willkommen. Giulia trat neben ihn, in der Hand einen Fotoapparat. »Schau, Adalbertus, Niccolòs Stiefvater hat mir noch ein Bild von seinem Sohn geschickt, auf dem fast das gesamte Gebiss zu sehen ist.« Sie zeigte es Adalbert, der es nur flüchtig betrachtete. Niccolò hatte den Mund tatsächlich so weit aufgerissen, dass es für eine zahnärztliche Ferndiagnose gereicht hätte. Doch dann wurde er auf etwas aufmerksam. Das Foto zeigte fünf Personen, drei Männer und zwei Frauen, alle in dunklen Anzügen, mit weißem Hemd und schwarzer Fliege. Allen gleich war auch ein metallenes Emblem auf der linken Brust, am Herzen, das eine Arabica-Bohne vor Dampf darstellte. »Was hat es damit auf sich?«, fragte Adalbert und deutete darauf. »Das ist doch der Metallanstecker, den wir auch in der Gerichtsmedizin gesehen haben. Das Zeichen der besten Barista von Triest. Eigentlich nur ein Spaß, den sich Niccolò und die vier anderen geleistet haben. Aber sie sind wirklich die legendärsten Barista der Stadt.« »Sonst trägt keiner dieses Emblem?« »Nein, sie haben es sich eigens anfertigen lassen.« »Ich brauche die Namen der anderen vier.« »Warum?«, fragte Giulia, die immer noch strahlte, weil Niccolò nicht tot war und sie die ganze Welt umarmen wollte. »Weil einer davon der Name unseres Toten ist.«  



Kapitel 2

Der Professor benötigt keine Anstandsdame

Adalbert Bietigheim stieg aus dem Bus und stellte die beiden schweren Lederkoffer ab. Dann strich er sein volles Haar zurück und nestelte am Cordsakko. Er wollte schließlich einen guten ersten Eindruck machen. Vor ihm lag das be­rühmte Schloss Duino, wo er während seines Auslandssemesters wohnen durfte. Offiziell gehörte es dem Geschlecht derer zu Thurn und Taxis, doch in Wirklichkeit lebte Marchese Montezumolo mit seiner Familie hier. Auf Empfehlung der Hamburger Kaufmannsfamilie zu Trömmsen nahmen sie ihn, den recht mittellosen, aber vielversprechenden Studenten, bei sich auf. Er würde jede Minute zum Lernen verwenden und sich von keinem wunderschönen Ausblick ablenken lassen, das war er seinen Gönnern schuldig! Adalbert war kaum zehn Meter gegangen, da kam ihm eine junge Frau entgegen. Sie musste ungefähr in seinem Alter sein und lächelte ihn so warmherzig an, dass sogar die südliche Sonne ein wenig neidisch werden konnte. »Du musst Adalbert sein!« Sie gab ihm Küsse auf die Wangen. »Freu mich so, dass du da bist. Endlich passiert mal was! Und ich habe jemanden, mit dem ich abends Triest unsicher machen kann.« »Und du bist …?« »Ach, ich Dummerchen«, sie lachte. »Hab ja ganz vergessen, mich vorzustellen.« Sie knickste formvollendet. »Giulia Montezumolo, die Tochter des Hauses. Und deine Anstandsdame.« Sie lachte wieder. Und duftete köstlich nach Lavendel. »Ich benötige keine Anstandsdame«, erwiderte Adalbert. »Ich bin allein der Wissenschaft verpflichtet.« »Du sprichst aber hochgestochen. Find ich lustig. Komm, ich führ dich durchs Schloss.« Sie hakte sich bei ihm unter. »Also das neue, das alte machen wir ein andermal. Wenn wir uns besser kennen. Da ist es sehr einsam, und ich weiß ja nicht, was du für einer bist.« »Ich benehme mich stets angemessen.« »Angemessen kann man so oder so interpretieren.« Sie ging vor und drehte sich dann um, wobei ihre blonden Locken wild durch die Luft flogen. »Wollen wir zuerst in die düsteren, feuchten Katakomben steigen, wo du mich vor Spinnen und den Geistern der Verstorbenen beschützen kannst, oder meinem langweiligen Vater die Ehre erweisen?« Adalbert musste nicht überlegen. »Letzteres wäre wohl angebracht.« Obwohl Giulia eine Schnute zog, fuhr er fort: »Ich möchte dem Marchese meinen Dank aussprechen und ihm eine Flasche Wein aus meiner Heimat übergeben. Einen hervorragenden Trollinger!« »Vater kennt sich sehr gut aus mit Weinen, da wird er sich freuen.« Der Wein war ihm von einem Mitglied seiner weit verstreuten Sippe empfohlen worden. Das bunte Etikett mit einer gezeichneten, vollbusigen Frau und der Drehverschluss bezeugten diesem zufolge die hohe Qualität des Inhalts. »Dann hier entlang«, sagte Giulia. »Rilkes Lieblingszimmer zeige ich dir später und auch die Sammlung historischer Instrumente mit dem Pianoforte, auf dem Franz Liszt während seines Aufenthalts musiziert hat.« Sie gingen durch das Schloss, bis sie an eine lindgrün gestrichene Holztür kamen, an die sie klopfte. Von drinnen schallte es laut: »Herein, Herrgott noch mal.« Sie beugte sich zu Adalbert, ganz nah an sein Ohr, sodass ihre Locken sein Gesicht berührten und leicht kitzelten. »Er ist nicht gut drauf, die Jagd heute Nacht war nicht erfolgreich.« Giulia öffnete die Tür, und Adalbert sah einen hochgewachsenen Mann, der eine Flinte polierte. Der Lauf der Waffe war auf ihn gerichtet. »Sie sind also das Bürschchen aus Deutschland?« Adalbert verbeugte sich. »Hamburg, um genau zu sein. Die kosmopolitische unter den deutschen Städten, eine bedeutende Hafenstadt wie Triest …« »Jajaja, genug der Anwanzerei. Zudem kenne ich Hamburg. Oder trauen Sie mir das nicht zu?« »Ähm, doch, selbstverständlich. Ich dachte nur …« »Beim Studieren können Sie gerne denken, aber hier geht es um Manieren. Dass ich Sie in meinem Haus beherberge, verdanken Sie einer sehr alten Freundschaft. Wissen Sie eigentlich, was für eine Ehre es ist, hier nächtigen zu dürfen?« »Selbstverständlich, es ist …« »Nichts wissen Sie!«, fuhr der Marchese ihm über den Mund. »Von dem hier weiß niemand etwas. Denn wenn es jemand wüsste, wären wir in Gefahr.« Er wies auf eine Wand mit unzähligen Bildern, deren zentrales durch einen roten Samtvorhang geschützt war. Der Marchese zog diesen so zärtlich zur Seite, als entblöße er den Busen einer Frau. Zum Vorschein kam ein handgeschriebenes Stück Papier in einem goldenen Rahmen, leicht vergilbt, doch die Schrift von wundervoller Eleganz, die Buchstaben auf sanften Wellen tanzend, fast melodisch wirkte es. Die Unterschrift des Verfassers sah dagegen aus wie dichter Wald, in den es keinen Weg hinein und hinaus gab. »Rilke suchte lange Zeit nach einem geeigneten Ort, um die Elegien zu schreiben. Eine Vielzahl von Briefen belegt, welch hohe Bedeutung er den äußeren Schaffensbedingungen beimaß.« Der Marchese schien die Worte mehr zu dem Manuskript als zu Adalbert zu sprechen. »Während eines Besuches auf diesem Schloss spazierte er an den Klippen vorbei, da hörte er im Wind eine Stimme, die ihm die Worte ›Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? zurief. Davon inspiriert, begann er seine erste Elegie mit ebendiesen Worten. Und Jahre später sprach der Wind hier wieder zu ihm.« Seine Fingerspitzen näherten sich dem Papier, wollten es berühren, doch dann zuckte er zurück, wie erschreckt von sich selbst. Ernst sah er Adalbert an. »Können Sie das lesen? Und übersetzen? Angemessen übersetzen?« Adalbert nahm das Manuskript näher in Augenschein und erschauderte. Es stammte von Rainer Maria Rilke, eine Duineser Elegie, keine Frage, doch dem Text zufolge keine, die der Welt bekannt war. »Ist das etwa eine unveröffentlichte …« »Habe ich Sie gebeten, Fragen zu stellen oder zu rezitieren?« Ein trockenes Räuspern drang aus Adalberts Kehle.   Kaffeebaum, seit wie lange schon ist’s mir bedeutend, wie du die Blüte beinah ganz überschlägst und hinein in die zeitig entschlossene Frucht, ungerühmt, drängst dein reines Geheimnis. Wie der Fontäne Rohr treibt dein gebog’nes Gezweig abwärts den Saft und hinan: und er springt aus dem Schlaf, fast nicht erwachend, ins Glück seiner süßesten Leistung. Nur wir vergessen so leicht, was der lachende Nachbar uns nicht bestätigt oder beneidet. Sichtbar wollen wir die Tasse mit Caffè heben, wo doch das sichtbarste Glück uns erst zu erkennen sich giebt, wenn wir es innen verwandeln.   Der Marchese blickte ihn lange an. »Noch klingt Ihr Italienisch, als führten Sie einen groben Säbel statt eines feinen Floretts. Aber das werden wir Ihnen schon austreiben!« Er trat näher, überragte Adalbert dabei um einen guten Kopf. »Und wehe, Sie kommen auf dumme Gedanken, was meine Tochter angeht. Dann werfe ich Sie eigenhändig die Klippen hinab.« »Ach, Papa«, maulte Giulia. »Mach ihm doch nicht solch eine Angst.« Sie wandte sich an Adalbert, der es bevorzugte zu schweigen. »Papa macht nur Spaß, das ist so seine Art.« Die Flasche Trollinger würde hoffentlich das Eis brechen, dachte Adalbert. Auch wenn es meterdick war. »Hier, ein Geschenk aus meiner Heimat. Ein wohlfeiler Wein, generös aus in badischer Sonne gereiften Trauben gewonnen. Für einen Kenner wie Sie!« Der Marchese warf einen kurzen Blick auf den Wein. »Wollen Sie mich beleidigen? Ein Trollinger mit Schraubverschluss? Ist das hanseatischer Humor? Dann zeige ich Ihnen, was Triester ist!« Er warf die Flasche ansatzlos aus dem geöffneten Fenster. »Ich bin nicht wenig dazu angetan, Sie gleich wieder meines Hauses zu verweisen. Trollinger! Da saufe ich ja lieber Bier!« So etwas Beschämendes wie heute würde Adalbert nie wieder passieren! Und wenn er sich dafür eingehend mit Alkohol beschäftigen müsste! Er würde sich eintrinken, bis ihm nichts mehr fremd war, was aus Trauben gepresst wurde. »Ich werde es wiedergutmachen«, sagte Adalbert und verbeugte sich, wobei er sich Schritt für Schritt rückwärts in Richtung Tür bewegte. »Wenn Sie gestatten, würde ich mich gerne auf mein Zimmer zurückziehen, um die italienische Sprache und den Wein zu studieren.« »Der erste kluge Satz von Ihnen, Hanseat. Tun Sie das, von mir aus die ganze Nacht durch.« Genau so machte Adalbert es. Die ganze Nacht durch paukte er Italienisch, unterbrochen nur von der Lektüre eines Weinlexikons von einem gewissen Hugh Johnson. Es war eine besondere Hölle, über faszinierende Weine zu lesen und sie nicht zeitgleich trinken zu können. Aber gleich morgen würde er sich in einer Triester Weinhandlung eindecken. Ab morgen würde Wein in seinen Adern fließen! Das würde sicher Eindruck beim Marchese machen.   Der Professor hatte Quartier im Grandhotel Duchi D’Aosta an der Piazza Grande bezogen. Von seinem Fenster aus blickte er nun auf den Fundort der Leiche. Warum war sie nur an diesem öffentlichen Ort abgeladen worden? Warum solch ein Zeichen setzen? Als wollte der Täter ganz Triest diesen Mord mitteilen. Dafür ging er das große Risiko ein, beobachtet zu werden. Die Polizia würde sicher Anwohner der angrenzenden Häuser zu der fraglichen Nacht befragen, vielleicht hatte dieser Jemand gerade seinen Hund ausgeführt oder nicht schlafen können und gedankenver­loren auf den Platz geblickt, als es geschehen war. Hatte der Täter die Leiche getragen oder von einem Wagen abge­laden? Im ersten Fall konnte das Verbrechen nur in der Nähe stattgefunden haben. Die Mordmethode, dachte der Professor, während er seine Brille putzte, mochte ein wortwörtliches Zeichen sein. Jemand wurde angeschwärzt. Oder es sollte die Schwärze der Seele des Opfers zeigen. Adalberts Blick wanderte am Rathaus empor. Die Fassade im eklektischen Stil sorgte für Monumentalität, daraus erhob sich der Uhrenturm mit zwei Mohren in Bronze, die die Stunden schlugen. Adalbert erinnerte sich, im Volksmund heißen sie Michez und Jachez. Eine verkohlte Leiche unter zwei Mohren, die dieser die Stunde schlugen. War dies etwa eine Kampfansage an ganz Triest? So oder so musste er den Täter dringend zu Fall bringen. Dafür drehte er sich nun rasant um und schritt auf die fünf Fotos zu, die er an eine vehement angeforderte Pinnwand gespießt hatte. Sie zeigten die Mitglieder der Vereinigung von Triests besten Barista. Ihr Name lautete Figli del vapore, Kinder des Dampfs. Eine Art Geheimbund oder nur ein Kreis von Freunden? Was verband die fünf, was machte ihre Vereinigung aus? Die Fragen häuften sich zu Beginn eines neuen Falles immer, als stünde man im Wald und kehre Blätter auf einen Haufen, doch die Bäume hörten einfach nicht auf, neue zu verlieren. Zuerst galt es, die wichtigste Frage zu klären: Wer war der oder die Tote? Nur Nummer 1 schied bisher aus.   Nummer 1: Niccolò Tergeste. Der Forscher. Giulias Mann war bekannt dafür, dass niemand so lange, so intensiv, pedantisch und klug an Kaffeerezepten arbeitete. Er wusste genau, welche Mühle mit welchem Mahlgrad und welcher Menge für welche Röstung ideal war. Cafés zahlten ihm hohe Summen, damit er ihre Maschinen perfekt einstellte. Es gab kein Kaffee produzierendes Land, das er geschmacklich nicht erforscht hatte. Von den Riesen Brasilien und Indonesien bis zur Wiege des Kaffees in Äthiopien. Niccolò war ein Forscher, dem kein Geschmack fremd war, ja der Kaffeesorten suchte, sie jagte, koste es, was es wolle.   Nummer 2: Giacomo Altare. Das Wunderkind. Gerade einmal einundzwanzig Jahre alt, spielte Giacomo Altare auf den Espressomaschinen wie ein großer Meister auf einem Piano. Altare war für die Leichtigkeit seiner Bewegungen berühmt, er vollführte das Aufbrühen eines Kaffees als einen perfekten Tanz – und das, obwohl er mit seinen properen Wangen wie eine kleine Putte wirkte, ein kleiner Knabe, der aus dem Himmel auf die Erde gefallen war. Altare bevorzugte extrem leicht geröstete Bohnen, sogenannte Blond Roasts. Seine Kaffees waren nichts für Traditionalisten, erinnerten sie doch manchmal sehr an Tee. Doch Altare liebte gerade das Fruchtige, die Säure und Frische.   Nummer 3: Mario Rocchetta. Der Schweigsame. Ein groß gewachsener, ernster Mann, immer im schwarzen Anzug, der seine Haare mit Pomade nach hinten gestrichen trug und neben seiner Arbeit als Barista melancholische Lyrik schrieb. Im Gegensatz zu Niccolò ging es ihm nicht um die Vielfalt beim Espresso; er verfolgte ein klassisches, italienisches Ideal, das eine dunkle Röstung und eine herrliche Crema vorsah. Rocchetta näherte sich diesem Ideal an, indem er selbst Kaffees berühmter Röstereien vermählte, sie cuvéetierte wie ein großer Winzer seine Weine. Im Gegensatz zu den meisten Triester Cafés gab es bei ihm nur Espresso, der in Triest Nero genannt wurde, und Cappuccino, der hier als Caffelatte bezeichnet wurde. Doch diese beiden waren von einer Tiefe und seidigen Textur, dass sie wie die Essenz des Kaffees wirkten, wie dessen reine, dunkle Seele.   Nummer 4: Carlotta Antinori. Das Phantom. Von ihr wusste der Professor nur den Namen – weder, wo sie arbeitete, noch, was sie auszeichnete. Auf den wenigen Fotos, die sie zeigten, hielt sie sich stets im Hintergrund, wandte meist sogar den Kopf ab. Ihre langen dunklen Haare ließ sie ins Gesicht fallen wie einen Vorhang, der nie einen Blick auf die eigentliche Bühne gestattete. Es wurde gemunkelt, dass ihre Eltern enormen Reichtum besäßen und sie eigentlich nicht arbeiten müsste.   Nummer 5: Elisabetta d’Adda. Die Künstlerin. Die Meisterin der Latte Art. Niemand trank ihre Kreationen, ohne vor der Zerstörung ein Foto zu schießen. Schablonen kamen bei ihr nicht vor, es war nur der Schwung ihrer Hand, die Kühnheit ihres Fingerspiels, die zu japanischen Tuschezeichnungen gleichenden Kakaopulvermeisterwerken führte und von ihr in einer Geschwindigkeit aufgebracht wurden, dass der Caffè trotzdem mit perfekter Temperatur an den Tisch kam. Sie gab Kurse für ihre Kunst, doch ihr Können ließ sich nicht erlernen. Es war ihr in die Wiege gelegt. Elisabetta war eine atemberaubende Schönheit. Wallende, schwarze Korkenzieherlocken, große, dunkelbraune Augen, die manchen an perfekte Kaffeebohnen erinnerten, gertenschlank gewachsen mit Beinen, die stets in High Heels endeten. Manch einer kam nicht in erster Linie wegen ihrer atemberaubenden Latte Art ins Café.   Der Professor musste zugeben, bei jedem von ihnen ausnehmend gerne eine Tasse trinken zu wollen. Umso bedauerlicher, dass es bei einem davon nicht mehr möglich wäre. Die Frage, bei wem, musste schnell beantwortet werden. Doch er war allein und konnte nicht fünf Personen gleichzeitig aufsuchen. Er brauchte Hilfe. Adalbert sah Benno an. »Ja, mein Guter, ich weiß, dass ich deine habe. Auch die deiner Spürnase. Aber ich brauche mehr. Ich brauche ein Paar Fäuste und jemanden, der weiß, wie man sie einsetzt.« Während er auf die Piazza Grande blickte, über die der Maestral Müll trieb, den er aus Abfalleimern geraubt hatte, stieg ihm der ungewöhnliche Geruch aus der Gerichtsmedizin wieder in die Nase. Diesmal erkannte er ihn. Es war der von frisch geröstetem Kaffee.   Wenige Minuten später sah der Professor den Telefonhörer an, als fände er dort eine Erklärung für das Verhalten seiner wissenschaftlichen Hilfskraft Rena Balingen. »Haben Sie meine Worte akustisch nicht verstanden, oder findet sich der Fehler in Ihrem Intellekt?« »Überhäufen Sie mich nicht gleich mit Komplimenten, sonst werde ich noch übermütig.« Rena lachte. »Also, ich soll tatsächlich Pit anrufen und ihm klarmachen, was für einen großen Gefallen Sie ihm damit erweisen, dass er zu Ihnen nach Triest kommen darf?« »So ist es. Er hat immer solch eine Freude, mich zu unterstützen.« »Aber er hilft Ihnen doch!« »Papperlapapp. All diese Morde hätte ich auch ohne ihn aufgeklärt. Seine pure Anwesenheit hat meine Arbeit lediglich etwas beschleunigt. Wenn Menschen diesen groben Klotz sehen, wirkt es ungleich attraktiver, sich einem humanistisch gebildeten Menschen wie mir anzuvertrauen.« »Oh, das wird er bestimmt gerne hören.« »Ein kleiner Urlaub wird ihm guttun, eine Familie mit kleinem Kind kann ja sehr fordernd sein.« »Soso.« »Habe ich damit nicht etwa recht?« »Unbedingt.« »Und Triest ist eine wahrlich wunderschöne Stadt. Direkt am Meer gelegen, angenehm windig. Kulinarisch vielfältig. Mir fällt gerade kaum ein passenderer Ort für ihn ein.« »Das denke ich mir.« »Rufen Sie ihn bitte umgehend an.« »Sie sollten das unbedingt selbst machen. So enthusiastisch, wie Sie gerade alles erzählt haben, kann ich das nicht.« »Nein, das wäre gar keine gute Idee.« »Wieso?« »Dann würde er sich fälschlicherweise genötigt fühlen, da er trotz meiner brillanten Argumentation einen Eigennutz meinerseits vermuten würde. Ungerechtfertigterweise.« »Natürlich.« »Wenn Sie ihm allerdings die guten Gründe vortragen, wird er bei mir anfragen, ob er mich besuchen kommen darf.« »Und müsste dann Ihnen dankbar sein.« »Die Menschheit sollte generell dankbar sein, das schließt Pit selbstverständlich mit ein. Ich wäre bereit, ihn hier willkommen zu heißen. Am besten sehr bald.« »Um zu urlauben.« »Ich werde ihm das Gefühl geben, dass er nicht ganz un­­nütz ist. Kleine Botengänge und dergleichen. Der Mensch will schließlich eine Aufgabe haben. Deshalb mache ich ihm ja diese Freuden, obwohl ich die Aufgaben viel besser selbst erledigen könnte. Aber ich bin eben großzügig, ein Menschenfreund.« »Er wird sich sicher sofort auf den Weg machen.« »Davon gehe ich aus.« »Sonst noch Wünsche, wen oder was ich Ihnen schicken soll?« »Höre ich da etwa einen zynischen Unterton?« »Nein, den hören Sie nicht.« »Den mag ich nämlich ganz und gar nicht.« »War keiner da. Ich hab mich nur verschluckt.« »Das ist ausnahmsweise gestattet.« Rena gluckste. »Sie sind echt eine Nummer, Professor.« »Und wir beide wissen, welche!« Es war nicht nötig, das Offensichtliche auszusprechen. Er war die Eins. »Senden Sie mir zudem Leckerlis für Benno, Sie wissen, welche.« »Sie meinen die Kalbsleberwurst von Hamburgs bestem Metzger, oder?« »Benno muss bei Kräften für die Mörderjagd sein.« »Ich leg für Sie noch etwas Minzschokolade bei.« »Was? Sie unverfrorene, unverschämte …« Aber da hatte Rena schon lachend aufgelegt. Also wirklich! Ging man so mit einer Respektsperson wie ihm um? Ihn foppen mit dem, was er zutiefst verabscheute? Er musste nach seiner Rückkehr ein ernstes Wort mit ihr sprechen. Vor allem über die Charakterschwäche der Menschen, die Minze kulinarisch schätzten.   Am nächsten Tag um die Mittagszeit war Adalbert von einer Sache überzeugt: Das Telefon wurde maßlos überschätzt. Für ein echtes, vollständiges Gespräch mussten Menschen einander in die Augen schauen. Ein Gespräch, bei dem man dem studierten Gegenüber sagte, was der wissen wollte. Ein Gespräch, bei dem man eine einfache Frage beantwortete. Nachdem er sich und Benno bei einem ausgiebigen Frühstück gestärkt hatte – selbstverständlich mit italienischer Vollwertnahrung für Hunde, also Parmaschinken –, hatte er frohgemut die Cafés der Figli-del-vapore-Barista ab­­telefoniert. Und höflich verlangt zu erfahren, ob der Mitarbeiter anwesend sei – und falls nicht, solle man ihm bitte die private Telefonnummer aushändigen, er sei von der Universität der Hansestadt Hamburg und benötige diese für wissenschaftliche Nachforschungen. Einer hatte gelacht, zwei sofort aufgelegt und der letzte gefragt, ob er auch die Konfektionsgröße von Elisabetta d’Adda wissen wolle oder gleich Unterwäsche von ihr käuflich erwerben. Da hatte dann der Professor aufgelegt. Also würde er in persona auftreten und seine Persönlichkeit wirken lassen. Er würde die Informationen in eloquenten Gesprächen aus den am Telefon so unhöflichen Menschen herausdrücken. Sie würden beim Anblick von ihm und Benno an seiner Seite direkt zugänglicher sein. Er hatte kurz darüber nachgedacht, ihn ein wenig hungern zu lassen, da dessen bettelnder Blick dann noch herzerweichender war, aber selbst bei der Ermittlungsarbeit gab es Grenzen. Wenn es um das Wohlbefinden seines Vierbeiners ging, waren sie fraglos erreicht. Er begann im Caffè degli Specchi, dem Café der Spiegel an der Piazza Grande. Es versetzte einen beim Eintreten zurück in die Zeit, als Triest Teil der K.-u.-k.-Monarchie war. Doch als er nach Elisabetta d’Adda fragte, der van Gogh des Milchschaums, schlug ihm nur Missmut entgegen. »Nicht schon wieder einer«, sagte die junge Bedienung mit der gepiercten Augenbraue. Dem Professor bereitete es Schmerzen, sich so etwas anzuschauen; er stach sich eher selten etwas durch die Haut. »Wie meinen Sie das?« »Eben hat schon einer nach Eli gefragt.« »Ach, ja? Wer denn?« »Sehe ich aus wie eine Touristeninfo?« »Nein.« »Eben.« »Sie sehen aus wie jemand, der Pech mit dem Denken hat. Ich sorge mich um Elisabetta. Wenn Sie mir nicht sagen, wer sie sucht, könnte Schlimmes passieren.« »Ich darf nicht über Eli reden, da war der Chef sehr deutlich. Und glauben Sie nicht, ich hätte überhört, dass Sie mich eben beleidigt haben. Raus mit Ihnen. Sofort.« »Sie handeln unlogisch!« Der Professor hob Benno hoch, doch der wollte sich lieber aus dem Griff aalen, als treuherzig zu gucken. »Unlogisch zu sein ist mein gutes Recht. Würden wir Menschen alle logisch handeln, kämen manche Politiker nie ans Ruder. Und wenn Sie mir noch eine einzige weitere Frage stellen, prügel ich Sie eigenhändig raus.« Der Professor hatte ohnehin vor zu gehen.   Mario Rocchettas Wirkungsstätte war das Antico Caffè San Marco. Seit 1914 existierte es an der viel befahrenen Via Battisti, wo Vespas wie Bienenschwärme entlangrasten. Doch sobald man die Schwelle übertrat, teilte sich die Welt in ein lärmiges gehetztes Draußen und ein Innen, in dem die Zeit ganz langsam zu verrinnen schien. Deshalb hatte sich seit Gründung des Cafés auch alles nur in Zeitlupentempo verändert. Die prachtvolle, goldene Jugendstileinrichtung der Räume mit ihren hohen Decken war nahezu original erhalten, dazu dunkles Mobiliar, der abgetretene Holzfußboden, die vom Zigarettenrauch vergilbten Wände. Wie eine alte Melodie erklang das Sprotzeln von der langen Theke. Adalbert konnte sich vorstellen, dort einen der Dichter sitzen zu sehen, die dem San Marco seinen Ruf als Literatencafé eingetragen hatten: Italo Svevo, James Joyce oder Umberto Saba. Ein Teil des Cafés war heute eine Buchhandlung, und Adalbert beschloss, ein Werk zu erstehen, das vom Duft des exquisiten Kaffees durchdrungen sein musste. Ein olfaktorisches Mitbringsel aus Triest. Doch vor das Vergnügen hatte das Schicksal die Arbeit gesetzt, deshalb steuerten Adalbert und Benno nun den Tresen an, hinter dem wie altertümliche Dampfmaschinen die Apparaturen zur Kaffeezubereitung standen – sowie eine junge Dame mit blonden, streng in ein Haarband eingespannten Locken, die eine davon gerade auffauchen ließ. Mario Rocchetta war nirgends zu sehen. »Buon giorno, un capo in b, bitte.« Der Professor hatte beschlossen, sich an die Triester Kaffeeterminologie zu halten, er war ja fast ein Einheimischer. Ein Capo war ein Espresso mit einem Schuss Milch. Wollte man ihn aus einem kleine Glas genießen, fügte man »in b« hinzu, von bicchiere für Glas. »Gerne, bringe ich Ihnen an den Tisch.« »Ich würde es bevorzugen, wenn Mario Rocchetta meinen Caffè zubereiten würde. Bitte nehmen Sie es nicht persönlich, junge Dame, aber ich habe schon so viel über seine Künste gehört.« Sie blickte nicht auf, diesen Satz hatte sie wahrscheinlich schon oft hören müssen. »Mario ist heute leider nicht da, aber wir alle bereiten den Capo in seinem Sinne zu.« Sie drehte ihm den Rücken zu und verschwand in einem Hinterraum. Aus diesem erklang dann: »Nehmen Sie ruhig schon Platz, ich bringe Ihnen den Caffè.« Das Gespräch war wohl beendet. Der Professor wählte einen besonders schönen Platz nahe dem Eingang, von dem sich das Café wunderbar überschauen ließ und er sofort erkennen konnte, wenn Mario Rocchetta auftauchte. Als der Professor sich setzte, hallte eine Stimme durch den saalartigen Raum. »Um Himmels willen!« Benno schreckte auf und bellte, der Professor drehte sich um. Ein älterer Herr stakste auf ihn zu und zeigte mit dem Gehstock in seine Richtung. »Wie können Sie es wagen, sich dort hinzusetzen?« Adalbert suchte mit den Augen, wen der Alte wohl meinen mochte, doch hinter ihm war niemand zu sehen. Als er sich wieder umdrehte, wäre er beinahe mit der Nase gegen das straßenschmutzige Ende des Gehstocks gestoßen. »Haben Sie denn gar keinen Respekt, Sie unverfrorener Bursche!« Es war ein Reflex, als Adalbert zu Benno »Fass!« sagte – worauf dieser sich auf den Rücken drehte und eine Rolle machte. Das würde wohl nichts werden mit der Wachhundprüfung. Die übermütige Rolle endete am Bein des alten Mannes, der so überrascht war, dass er ins Schwanken geriet und das Gleichgewicht verlor. »Sie haben es zwar nicht verdient, aber ich helfe Ihnen selbstverständlich auf, wie es der Anstand gebietet.« Der Alte wehrte sich, doch Adalbert griff ihm beherzt unter die Arme. »Ehrlich gesagt hatte ich nicht erwartet, dass mein Foxterrier sich irgendwie bewegt. Normalerweise schadet er Knochen nur, wenn sie vom Metzger stammen.« Als er wieder auf den Beinen stand, rückte er den Stuhl des Professors so nah an den Tisch, dass dieser sich nicht mehr setzen konnte. »Der gehört Claudio Magris!« »Dem Schriftsteller? Aber hier liegt keine Jacke, und kein Caffè steht auf dem Tisch.« »Dieser Platz ist immer für ihn reserviert. Hören Sie, immer!« »Er wird ihn sicherlich gern einer anderen Geistesgröße wie mir überlassen«, antwortete der Professor, zog den Stuhl wieder hervor und setzte sich. »Sie … also, Sie …«, japste der Alte. »Ja, ich bin es tatsächlich. Professor Dr. Dr. Dr. Adalbert Bietigheim, Deutschlands einziger Inhaber eines Lehrstuhls für Kulinaristik, Verfasser unzähliger hoch beachteter wissenschaftlicher Arbeiten sowie des humoristischen Werkes Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, manchmal muss es Kaviar sein. Wünschen Sie ein Autogramm? Ich bin mir nicht sicher, ob ich Ihnen eines zuerkennen sollte.« Die blonde Bedienung brachte den Kaffee. »Kannst gehen, Elio. Claudio ist zurzeit in Rom.« Sie stellte den Capo in b so sanft auf den Tisch, dass die Oberfläche kaum schwappte. Währenddessen verzog sich der literarische Sittenwärter grummelnd. »Wann könnte ich Mario Rocchetta denn einmal leibhaftig erleben?« »Da bin ich überfragt, habe ihn schon ein paar Tage nicht mehr gesehen. Vielleicht ist er krank.« »Oh, wie schade. Wissen Sie, ich bin Journalist und re­­cherchiere zum Thema Barista. Wie könnte ich ihn denn für ein kurzes Interview erreichen? Selbstverständlich werde ich Ihr Café im Artikel lobend erwähnen.« Die Bedienung grinste, dann drehte sie sich um. »Chef! Hier ist der Spinner, von dem du erzählt hast.« »Der immer doppelt Grappa in seinen Caffè haben will?« »Nein, der von heute Morgen, der Marios Nummer wollte. Jetzt behauptet er, ein Journalist zu sein.« Mit rotem Kopf erschien der Chef in der Tür zur Küche. »Schmeiß ihn sofort raus!« Er hielt inne und setzte dann hinzu: »Aber erst soll er zahlen!« Adalbert zählte in aller Ruhe Kleingeld ab und legte jede Münze einzeln auf den Tisch, dann zog er sich langsam den Mantel an und setzte seinen Borsalino auf, rückte ihn nach links, dann nach rechts, bevor er zufrieden nickte, Bennos Leine nahm und das Antico Caffè San Marco schlendernd verließ. Er hatte erfahren, was er wollte. Mario Rocchetta war ebenfalls verschwunden. Die Frage war nur, wie lange schon und ob es für ihn üblich war, längere Zeit zu fehlen. Kaum war er drei Schritte gegangen, als die Kellnerin hinter ihm aus dem Eingang trat. »Sekunde! Ich kenne Sie nicht, aber Sie haben dem alten Elio wieder aufgeholfen, nachdem er gefallen war. Sie können kein schlechter Mensch sein.« Atemlos kam sie vor ihm zu stehen. »Ich mache mir Sorgen um Mario, er ist schon seit Tagen nicht aufgetaucht, das sieht ihm gar nicht ähnlich. Mario kommt immer und stets pünktlich. Er würde seine Espressomaschinen nie so lange ohne guten Grund alleine lassen. Selbst Urlaub macht er keinen, für ihn ist jede perfekte Tasse, die er aufbrüht, ein Glücksmoment.« »Susanna! Kommst du langsam mal wieder rein? Mach die Zigarette aus!«, schallte es von drinnen. »Hier ist die Adresse.« Sie steckte ihm einen Zettel zu. »Und sagen Sie mir, wenn Sie etwas herausgefunden haben. Enttäuschen Sie nicht mein Vertrauen, Sie merkwürdiger Mann.«   Der Professor blickte auf den faltbaren Stadtplan. Mario Rocchettas Adresse lag eine halbe Stunde strammen Schrittes entfernt. Adalbert blickte zu Benno. »Wenn ich dein Bäuchlein so sehe, wird dir ein wenig Bewegung guttun!« Benno tat so, als habe er nichts gehört. Kluger Hund. Diese Technik wandte auch der Professor an, wenn der Dekan sich über die Spesen seiner Kulinaristik-Recherchen beschwerte. Doch helfen würde es dem Foxterrier diesmal nicht. Triests Puls schlug ohne Hetze, trotz der vollen Straßen ertönte kaum ein Hupen, der Lindwurm aus Autos und Rollern wand sich träge durch die engen Straßen und Gassen. Im Durchschnitt alle fünf Minuten begegnete ihm jemand mit einem kleinen weißen Hund, die es hier in der Gegend billiger geben musste. So wusste Adalbert nach fünf weißen Hunden, dass er bald da sein musste. Er befand sich in einem Teil Triests, der vor allem vom Hafen geprägt war, die Gebäude waren rein nach Nutzen erbaut und gepflegt worden, also gar nicht. An einer dieser trostlosen grauen Wände hingen nebeneinander ein gutes Dutzend Plakate. Die meisten warben für den bevorstehenden internationalen Latte-Art-Wettbewerb auf dem Triester Kastell. Abgebildet war Elisabetta d’Adda – Titelverteidigerin und Favoritin. Ein kleineres zog den Blick des Professors wegen einer darauf abgebildeten dampfenden Tasse Kaffees an. Die darüber gebeugte Dame mit weit aufgerissenen Augen irritierte ihn allerdings. Sie sah eher schwedisch als italienisch aus und blickte tief in die Tasse. Dabei hielt sie die Handflächen darüber, als sei sie ein wärmender Bollerofen. Darüber stand:   Signora Ulrica Arfvidsson liest Ihre Zukunft aus dem Kaffeesatz.Adresse: Via Roma 17Nur nach Anmeldung!   Und klein darunter:   Ausschließlich Vorkasse   Der Professor hatte sich mit der Kaffeedomantie selbstverständlich auseinandergesetzt und sie als Humbug abgespeichert. Kulturhistorisch war sie dennoch interessant, entstanden in einer Zeit, als Kaffee wertvoll war und die kostbare Substanz nicht nur Geschmack, sondern auch einen Blick in das Kommende versprach. Als er den sechsten kleinen weißen Hund entdeckte, war Adalbert angekommen. Er hatte ein merkwürdiges Gefühl und sah sich um. Die Via Valdirivo verlief schnurgerade, bis der Talkessel endete und das schroffe Gebirge begann. Triest ließ einen nie vergessen, wie begrenzt der Lebensraum war. Die Häuser standen eng beieinander, jeden Zentimeter Land nutzend, und wuchsen höher hinauf als bei anderen Städten dieser Größe, die sich ausbreiteten, als sei die Erde unendlich. Adalbert sondierte die Gesichter, fragte sich, ob eines ihn fixierte oder bewusst wegschaute oder ob das Kribbeln, das er verspürte, von einem davon verursacht wurde. Doch jeder auf der Straße schien mit sich selbst beschäftigt oder seinem Handy, das manche so fest in den Händen hielten, als würde ein Loslassen das Ende ihres Lebens bedeuten. Wahrscheinlich fiel ein so gut gekleideter Mann wie er einfach auf, besonders im modebewussten Italien. Und es waren nur die bewundernden Blicke der Damen und die neidischen der Herren, die er gespürt hatte. Erst als er wieder nach vorne blickte, bemerkte der Professor, dass Benno eine kleine, schwarze Katze mit Glöckchen anbellte, die gerade vor ihm buckelte und dann fauchend davonlief. Worauf Benno ausgesprochen zufrieden mit sich zu sein schien. Mario Rocchetta lebte in einem Haus, das für den Professor einen architektonischen Niesanfall darstellte. Fünf Etagen in die Höhe, die Fenster so klein wie Schießscharten, die Farbe wie etwas, das man ins Taschentuch schniefte. Je schneller er es nicht mehr von außen sehen musste, desto besser. Er drückte den kupfernen Klingelknopf so fest, als hätte der Druck seines Fingers Einfluss auf die Geschwindigkeit, mit der sich die Tür öffnete. Was sie nicht tat. Rocchetta wohnte der Klingelleiste nach in der obersten Etage. Fassadenklettern kam nicht infrage. Der Herbstwind pfiff scharf am Haus vorbei. Er trug Gerüche vom Hafen mit sich. Dort musste gerade ein Fischkutter entladen haben, denn der Professor kam sich vor, als hätte ihn ein Wal verschluckt. Ein weiterer guter Grund, endlich hineinzugelangen. Sollte er einfach alle Klingeln betätigen, so wie als Kind, wenn er Klingelmäuschen spielte? Aber welche Peinlichkeit, wenn er sich dafür erklären musste! Er selbst hasste Klingelmäuschen. Es war weiß Gott kein harmloses Vergnügen, wenn der solcherart Schikanierte gerade in der Badewanne saß, sich aus dieser wundervollen Wärme erheben, in einen Bademantel werfen und den Holzbodenflur nässend zur Wohnungstür stolpern musste, um aufzudrücken. Für niemanden. Nein, diesen Weg konnte er nicht einschlagen, wollte er auch zukünftig mit gerechtem Zorn über Klingelmäuschen schimpfen. So wartete er weiter im Inneren des Wals. Eine geschlagene Viertelstunde. In der er immer wieder erfolglos den Klingelknopf drückte. Schließlich trat ein kleiner Junge mit Werbeprospekten neben ihn, betätigte alle zwanzig Klingelknöpfe in einem Rutsch und drückte gleich darauf die summende Tür auf. Der Professor überlegte kurz, während drinnen wütende Rufe erklangen, und schlüpfte dann hinterher. Partizipieren war in Ordnung. So war das ungehörige Kind wenigstens zu etwas nütze. In der obersten Etage erwartete den Professor eine Überraschung: Die Tür von Rocchettas Wohnung war nur angelehnt. Der Professor verharrte, um keinen Laut zu verursachen, doch er hörte von innen nichts. War derjenige noch in der Wohnung, der die Tür geöffnet hatte? Er würde die Schuhe ausziehen und, ohne einen Mucks zu verursachen, eintreten, flach atmen und Zimmer für Zimmer durchsuchen. Leise klappte er den Korkenzieher seines Schweizer Offiziersmessers aus, der bei einem Gegner seiner Meinung nach noch mehr Angst verursachte als die große Klinge. Sachte drückte er gegen die Tür, sie schwang, ohne einen Laut zu verursachen, nach innen auf. Ein langer Flur war zu sehen, die weißen Wände bilderlos, jedoch vollgeschrieben mit Lyrik. Adalbert wartete einige Sekunden, ob sich etwas regte, dann trat er ein – wobei die größte Mühe darin bestand, den heftig an der Leine ziehenden Benno zu halten. Nachdem er einige der Zeilen überflogen hatte, fiel ihm zweierlei auf. Sie waren auf Deutsch verfasst und wiesen große sprachliche Ähnlichkeit zu Rilke auf, obwohl sie eindeutig nicht von diesem stammten, denn weder im 19. noch Anfang des 20. Jahrhunderts gab es Smartphones und Flachbildfernseher. Signiert waren die Texte mit dem Kürzel MaRo. Rechts ging es zum Badezimmer der kleinen Wohnung, die Tür stand ebenfalls offen, auch dort waren alle Wände vollgeschrieben, hier jedoch mit blauer Farbe. Es folgte das Schlafzimmer mit rot vollgeschriebenen Wänden und gegenüber die Küche. Adalbert konnte nicht widerstehen, einen Blick in den Kühlschrank zu werfen, das kulinarische Kurzzeitgedächtnis jedes Haushalts. Rocchettas wies nur wenige Erinnerungen auf: H-Milch, Hartkäse, ein wenig Salat und Bananen – wo ein Mindesthaltbarkeitsdatum stand, war dieses seit mindestens zwei Tagen abgelaufen. Vor dem Professor lag der letzte Raum, das Wohnzimmer. Nun hieß es, besonders vorsichtig zu sein, er musste sich einen Moment sammeln, bevor es zu einer möglichen Konfrontation kam. Doch Benno nutzte diesen kurzen, konzentrierten Moment und riss sich los, um voraus in den Raum zu rennen. Schnell sprang der Professor hinterher, wobei er mit seinen Seidensocken auf dem glatten Parkettboden ins Schlittern geriet und vor einem großen Ohrensessel zum Stehen kam. In dem jemand saß. Wer die Person war, konnte er durch das Gegenlicht nicht erkennen. Der Professor änderte seinen Blickwinkel und erkannte nun, dass der- oder diejenige eine aufgeschlagene Zeitung vor dem Gesicht hielt. »Ich verlange zu erfahren, wer Sie sind!« Der Professor erhielt keine Antwort. »Ich spaße nicht und bin durchaus bereit, die Waffe in meiner Hand anzuwenden.« »Begrüßt man so einen alten Freund?« Die Zeitung sank, und Pits grinsendes Gesicht erschien. Er stand auf und drückte den Professor so heftig an sich, dass diesem die Luft wegblieb. Pit war gute zwei Meter groß und wirkte ebenso breit, was nicht nur an seiner Körperfülle, sondern auch an dem vielen schwarzen Leder mitsamt martialischen Nieten lag. Seine weiße Haarpracht hatte sich gänzlich am Kinn versammelt, wo sie fröhlich spross und buschte. »Was machen Sie denn schon hier?«, fragte Bietigheim. »Ach, ich bin gestern schon eingetroffen. Na, du kleiner Räuber.« Der Professor war erleichtert, dass Pit damit Benno meinte, den er nun vom Boden hob und in den Arm nahm. »Wieso denn gestern schon? Ich habe doch gestern erst Rena gesagt, sie solle Sie … nun ja, ich habe eben erst gestern mit ihr telefoniert. Sind Sie neuerdings prophetisch?« »Rena hatte mir vorher schon von dem Brief erzählt, und da habe ich mich auf den Weg gemacht. Wusste, dass Sie mich brauchen.« »Unsinn, ich brauche niemanden.« »Ich kann auch wieder gehen.« Er zog die Augenbrauen fragend empor. »Jetzt sind Sie ja schon da. Es wäre unhöflich von mir, Sie nicht helfen zu lassen, auch wenn ich Ihre Hilfe nicht benötige. Und jetzt verraten Sie mir, wieso Sie hier in dieser Wohnung sind, über diese kann Ihnen Rena kaum etwas gesagt haben.« Pit setzte sich mitsamt Benno in den Ohrensessel. »Nö, aber die Namen der fünf mutmaßlichen Opfer. Also hab ich mich auf deren Spur gesetzt und mich in deren Cafés umgehört, wollte mit einer Erfolgsmeldung bei Ihnen aufkreuzen.« »Tja, danach sieht es wohl nicht aus.« Adalbert wollte seinen Hund zurück. Dieses ungenierte Sichfremdkraulen­lassen verletzte ihn doch ein wenig. »Oh doch, sehr wohl!« Pit hielt die Tageszeitung empor, es war Il Piccolo. »Manchmal ist die beste Methode zu lesen. Erste Seite!« Die Überschrift lautete:   Leiche identifiziert! Es ist der 21-jährige Giacomo Altare   Das Wunderkind war also tot. So ein junges Leben einfach ausgelöscht. Adalbert musste sich an den Esstisch setzen. Erst nach einigem tiefen Durchatmen las er weiter.   (Triest) Giacomo Altare wurde mit Benzin angezündet und verbrannt. Ob er zu diesem Zeitpunkt noch lebte, ist zum jetzigen Zeitpunkt der polizeilichen Ermittlungen unklar. Der junge Barista hatte Spielschulden. Es wird vermutet, dass sein Tod damit in Zusammenhang stand. Da die Verbrennung nicht auf der Piazza dell Unità d’Italia stattfand, wo die Leiche aufgefunden wurde, geht die Polizia von einer Gewalttat aus, die an anderer Stelle stattgefunden haben muss. Sachdienliche Hinweise sind direkt an die Questura weiterzugeben.   »Mit Benzin angezündet? Das ist eine tolldreiste Lüge!« Der Professor schlug auf die Zeitung, als könne er sie mit einer Backpfeife zur Vernunft bringen. »Und da sind Sie hundertprozentig sich …« Pit unterbrach sich selbst. »Vergessen Sie die Frage. Ich hab vergessen, mit wem ich rede.« Der Professor hob den Zeigefinger. »Wenn Kaffee frisch geröstet ist, sollte man ihn nicht direkt mahlen und genießen. Er muss erst ausdünsten, das Öl tritt dann aus den Bohnen, sie erhalten einen verführerischen Glanz. Nun, mein Besuch in der Gerichtsmedizin kam dem Prozess der Röstung gleich, viel Hitze, im Übertragenen, wirkte auf mein Hirn ein. Nun ölt es aus!« »Sehr appetitlich. Ich sehe Ihr ölendes Hirn geradezu vor mir.« »Die Leiche hatte einen Duft, nur schwer auszumachen wegen der fortgeschrittenen Verkohlung, Benzin war es sicher nicht. Nein!« Er hob den Finger noch höher. »Sondern?« »Sondern …« Der Professor machte es spannend. »Grillkohle?« Wie ein einziges Wort einen so bedeutenden Moment zerstören konnte. »Unsinn! Es war Kaffee. Giacomo Altare ist in einem Röster zu Tode gekommen. Und selbst in Triest wird es nicht viele geben, die groß genug sind, um einen Menschen dort einzufüllen.« »Niemand kann so wunderbar blumig beschreiben wie Sie.« »Ich weiß«, antwortete der Professor. »Und nun lassen Sie uns diese Wohnung gemeinsam auf den Kopf stellen. Ich habe so ein Gefühl, dass es nicht bei einer Leiche bleiben wird.« »Das glaube ich auch«, erwiderte Pit und stand auf, sich die Ärmel hochkrempelnd. »Seit wann haben Sie denn Gefühle?« Pit schlug auf sein Herz. »Immer noch komplett aus Granit. Trotzdem bin ich mir sicher, dass es nicht bei einer Leiche bleibt.« »Und warum?« »Weil meine Ermittlungen etwas ergeben haben.« »Nun reden Sie doch nicht so schrecklich um den heißen Brei herum! Halten Sie es wie ich, und bringen Sie es auf den Punkt!« »Niccolò Tergeste ist nicht der einzige entführte Barista.« »Natürlich nicht, auch Mario Rocchetta scheint entführt.« Pit hob seine Faust und öffnete sie, fünf Finger zeigend. »Falsch. Alle Mitglieder der Figli del vapore sind entführt. Seit Tagen ist niemand von ihnen gesehen worden. Und es wird noch merkwürdiger: Es gibt keinerlei Lösegeldforderungen.«

Über den Autor

Carsten Sebastian Henn, geboren 1973 in Köln, arbeitet als Schriftsteller, Weinjournalist und Restaurantkritiker – in dieser Funktion ist er auch regelmäßig im Fernsehen präsent. In St. Aldegund an der Mosel besitzt er einen Steilstweinberg mit uralten Rieslingreben, zuhause im Rheinland hält er Hühner und Bienen (und zwei Katzen halten sich ihn).

Der mehrfach ausgezeichnete Autor ist ausgebildeter und geprüfter Barista der renommierten »Specialty Coffe Association« (SCA). Wenn er einmal nicht seiner Leidenschaft fürs Kochen nachgeht, ist er auf der Suche nach neuen Gaumenfreuden

Dienstag, 23. Oktober 2018 von Carsten Sebastian Henn


Essen und Krimis - passt das zusammen, Carsten Sebastian Henn?

»Es stimmt schon, Leichen sind an und für sich unappetitlich. Bei ihrem Anblick bekommt man nicht unbedingt Hunger.


Es sei denn man heißt Hannibal Lecter. Des einen Schweinebraten ist halt des anderen Menschenhirn. Die Verbindung von Kulinarik und Mord ist auf den ersten Blick ungewöhnlich bis psychopathisch. Trotzdem erfreue ich mich als Autor kulinarischer Kriminalromane geistiger Gesundheit. Nur selten lache ich wahnsinnig und spiele auf meiner Kirchenorgel im Keller.

Zu meiner Verteidigung: Tod und Essen liegen nah beieinander. Ist der Verstorbene unter der Erde,wird nämlich gespachtelt. Dann ist Leichenschmaus angesagt. Da steigt die Stimmung wie ein Luftballon, durch Aufnahme von Schnittchen, lecker Mettbrötchen (mit tüchtig Zwiebeln), glühend heißer Gulaschsuppe,sowie Gebäck und Kuchen. Früher gab es mit Gewürzen bestreute Gebildebrote, um böse Geister abzuwehren. In der Eifel wird zum Leichenschmaus der Birrebunnes gereicht, eine Torte aus Birnenmus – passend zum Anlass pechschwarz. Aber nich tnur Torte, das Kulinarische an sich ist immer eine Feier des Lebens. Obwohl ironischerweise fast ausschließlich Dinge gegessen werden, die tot sind (bis auf Austern) und teilweise sogar extra für das lecker Essen ermordet wurden. 

Sie liegen also nah beieinander, Tod und Leben, und sogar Mord und Genuss –manchmal auch im Roman. Wobei ein Metzgerkrimi in der Regel blutiger ist als einer mit Tee, einem Getränk, das Geduld bei der Zubereitung erfordert. Pralinen sind eine Feier des Augenblicks, kulinarische Sternschnuppen, Käse ein Lebensmittel, das vermählt werden will, mit Brot, mit Trauben, mit Feigensenf. Das prägt einen Roman, der sich um sie dreht, wie auch den Täter, der in ihm mordet. Mit anderen Worten: Knödelliebhaber morden anders. Und manchmal, aber nur manchmal, morden sie sogar appetitlich.«


Die letzte PralineDie letzte Praline

Ein kulinarischer Krimi

Die Hauptstadt der Schokolade hält den Atem an! Während der Weltmeisterschaft der Chocolatiers im belgischen Brügge wird eine von Kopf bis Fuß in Schokolade gehüllte Frauenleiche gefunden. Kulinaristik-Professor Adalbert Bietigheim, der als Juryvorsitzender des Wettbewerbs nach Brügge gereist ist, findet schon bald heraus, dass einer der Chocolatiers der Mörder sein muss. Wird Bietigheim ihn rechtzeitig ausfindig machen können, bevor er selbst als überlebensgroßes Praliné endet?
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Kapitel 1

Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen…

…nämlich viel zu schnell zu Ende.

Die Dampflok hielt schnaubend und mit quietschenden Bremsen im Bahnhof der westflandrischen Stadt Brügge, der wie eine Insel des Lichts im Dunkel der herbstlichen Nacht aufgetaucht war.

Natürlich dampfte der Zug nicht, schließlich war dies das 21. Jahrhundert, doch für Prof. Dr. Dr. Adalbert Bietigheim, Inhaber von Deutschlands einzigem Lehrstuhl für Kulinaristik, fühlte es sich so an. Schließlich strahlte Brügge Tradition und Historie aus, wie eine gute Tasse Tee Wärme und Wohlgefühl. Gerade war ihm allerdings nicht nach Tee, und das wollte wirklich etwas heißen. Gerade war ihm nach Zorn, gerechtem Zorn. Kaum aus dem Zugabteil gestiegen, ging Adalbert forschen Schrittes zur Lok, seinen Foxterrier Benno von Saber ungestüm bellend im Schlepptau. Mit dem goldenen Knauf seines Gehstocks pochte er erbost an die Scheibe des Führerhauses. Das Fenster wurde zur Seite geschoben.

Von einem mampfenden Mann, eine Tasse heißen Tee in der Hand – Bietigheim erschnupperte eine Feld-Wald-und-Wiesen-Schwarzteebeutelmischung. So einer war das also.

»Goedenavond«, grüßte der Mampfer ihn.

Belgisch, oder korrekter das belgische Niederländisch, war eine von Bietigheims leichtesten Übungen. Eng verwandt mit dem Niederdeutschen, seiner Meinung nach eine rustikale Unterform. Passte zu dem Burschen.

»Anderthalb Stunden zu spät! Für solch eine läppische Strecke! Jetzt ist es mitten in der Nacht, schon nach elf Uhr. Denken Sie, ich habe meine Zeit gestohlen?«

»Nein.«

»Habe ich auch nicht. Da hätte ich ja zu Fuß von Hamburg aus kommen können!«

»Bestimmt ein schöner Spaziergang.«

»Jetzt werden Sie mal nicht frech!«

Der Lokführer biss in eine Stulle. »Zurzeit werde ich nur satt.« Er lehnte sich hinaus und bot Bietigheim seinen Tee an. »Auch einen Bissen? Oder einen Schluck? Ist gut für die Nerven, irre gesund.«

»Erzählen Sie mir nichts über Tee! Ich bin Professor Dr. Dr. Adalbert Bietigheim!«

»Sie kommen mir irgendwie bekannt vor. Sind Sie nicht Fernsehkoch?«

»Professor!«

»Ich hab Sie mal irgendwo gesehen – da waren Sie aber viel netter.«

»Das kann nicht sein. Ich bin nicht nett. Ich bin Gelehrter!«

Der Lokführer nahm noch einen Schluck und lächelte zufrieden. »Genießen Sie den Abend. Ist es nicht ein wundervoller Abend? So warm, und die Sterne. Herrlich. Ich fahre jetzt nach Hause zu meiner Frau und lege die Füße hoch. Und morgen beginnt die Weltmeisterschaft der Chocolatiers. Die sollten Sie sich anschauen, Schokolade ist nämlich auch gut für die Nerven.«

Er schloss das Fenster und wandte sich ab.

Adalbert schlug noch einige Male mit seinem Spazierstock dagegen, doch es wurde nicht mehr geöffnet.

Die Nacht funkelte sternenklar über ihm, und der Wind blies eine angenehm kühle, salzige Brise von der nahen Nordseeküste über die Bahngleise. Brügge meinte es gut mit Bietigheim. Seinen ledernen Koffer in der Hand, wandte er sich von der Lok ab und machte sich auf den Weg zum Hotel. Wie immer trug er einen Maßanzug von einem der besten Schneider der Londoner Einkaufsstraße Savile Row sowie handgenähte Budapester Schuhe aus Vigevano. Seine rote Seidenfliege lockerte er für den Spaziergang nur wenige Millimeter. Nur eine Viertelstunde zu Fuß, für einen Hamburger ein Klacks. Womit Adalbert Bietigheim jedoch nicht gerechnet hatte, war, dass es zwar nur ein kurzes Stück Weg, doch eine Reise in der Zeit war. Je näher er dem mittelalterlichen Zentrum der Stadt kam, das von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden war, desto mehr wurde die Uhr zurückgedreht, um Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte. Brügge war fraglos das größte Freilichtmuseum Belgiens. Die Altstadt war von Wallanlagen mit Windmühlen und Kanälen umgeben, die von keinem Krieg und durch keinen großen Brand zerstört worden waren.

Jetzt, kurz vor Mitternacht, waren nur ganz vereinzelt Menschen unterwegs, Brügge war eine Stadt der Schatten und, mehr noch, der Dunkelheit, die sich in den engen Gassen wohlfühlte und Passanten auflauerte. Es hätte nur noch gefehlt, dass Bodennebel durch die Stadt kroch, doch auch so spürte Benno von Saber die unheimliche Stimmung und hielt sich nahe bei Adalbert Bietigheim, als sie über das Kopfsteinpflaster gingen.

Als Bietigheim in die Lendestraat einbog, gingen plötzlich sämtliche Lichter aus. Stromausfall. Das passierte wohl öfter. Ohne elektrischen Strom war die Illusion perfekt: Er befand sich im Mittelalter. Im wortwörtlich dunklen Mittelalter, in dem das Funkeln der Sterne und das Leuchten des Mondes um so vieles heller erschienen. Schon nach kurzer Zeit flackerte Kerzenlicht in einigen Häusern auf. Hier war man anscheinend gut vorbereitet.

Der salzige Geruch der Nordsee war innerhalb der alten Befestigungsanlagen kaum mehr wahrzunehmen, stattdessen schien es, als habe sich der Duft von Schokolade tief in das Mauerwerk geprägt, welches nun eine süßliche Note verströmte.

Adalbert war nicht überrascht, als plötzlich ein Nachtwächter mit weitem Umhang, Schlapphut, Signalhorn, Hellebarde und Laterne um die Ecke bog. Viel mehr verwunderte ihn die neumodisch gekleidete Gruppe hinter diesem.

»Guten Abend, Herr Professor.« Der Nachtwächter zog den Hut und verbeugte sich tief.

Verdutzt nickte Adalbert. Kannte er den Mann? Nun ja, dieser kannte zumindest ihn. Merkwürdig.

Bietigheim ging weiter, seine Schritte hallten durch die menschenleeren Gassen, bis endlich der Grote Markt mit dem stolzen Belfried an der Südseite vor ihm auftauchte. Es war zweifellos einer der schönsten Plätze Europas, 110 Meter lang und 68 Meter breit, neun Straßen trafen auf ihn, wie Adern in ein pumpendes Herz. Auf der Westseite stand das Haus Craenenburg mit dem gleichnamigen Café, die Ostseite des Marktes prägte das neogotische Provinzialratsgebäude mit der Wohnung des Gouverneurs von Westflandern, und die Nordseite schließlich bot wundervoll farbige, alte Zunfthäuser – und fast in jedem ein Restaurant.

Plötzlich war der Spuk vorbei, und mit einem Schlag gingen die Lichter wieder an. Adalbert schirmte seine Augen gegen den Schein der Straßenlaterne über ihm ab. Ein junges Pärchen schlenderte auf den Professor zu, er hatte seinen Arm um sie gelegt, das leichte Torkeln deutete auf übermäßigen Alkoholkonsum hin, vermutlich belgisches Bier. Der junge Mann hatte einen Glatzkopf und trug trotz der Kühle der Nacht nur ein Harley-Davidson-T-Shirt, sie ein Pailettenkleid – und sie sang. Adalbert konnte sich verhört haben, aber es klang wie »smakelijk chocolade, verleidelijk chocolade« 3 leckere Schokolade, verführerische Schokolade. Und obwohl ihre Stimme auch ganz leicht torkelte, klang sie wunderschön und ließ das düstere Brügge sogleich viel heimeliger erscheinen.

»Guten Abend, Professor Bietigheim. Schön, dass Sie da sind!«, sagte der Mann.

»Und das ist der kleine Benno von Saber«, ergänzte die junge Frau, bevor sie sich hinkniete und den Foxterrier am Köpfchen kraulte. »Du bist ja so ein süßer kleiner Teufel.«

Sie hatte lange braune Haare und ein sehr hübsches, ein wenig puppenhaftes Gesicht mit ausdrucksstarken Augen. Ihre Haut war leicht gebräunt – fast wie Vollmilchschokolade.

Ihr Begleiter rief plötzlich in Richtung des Platzes: »Er ist hier! Der Professor ist hier!«

Aus den dunklen Ecken lösten sich Gestalten, und plötzlich war Adalbert Bietigheim von gut zwanzig Menschen umringt, die ihn willkommen hießen.

»Wir freuen uns so, Sie zu sehen!«, sagte eine ältere Frau, die ihrer gemütlichen Körperfülle zufolge jeden Tag einen Klotz Butter, dick mit Margarine bestrichen und Sahne besprüht, aß, umarmte Adalbert und drückte ihm einen feuchten Kuss auf die Wange. Ja, gab es denn so was!? Was sollte dieser Rummel? Hatte sich etwa seine Aufklärung der Teemordserie bis nach Brügge herumgesprochen oder dass er es war, der das Rätsel um den Käsemörder im Burgund gelöst hatte? Oder hatten sie alle seine bahnbrechende Abhandlung über »Belgisches Bier – Vom Brauen als Kunst und Resteverwertung von Obst« gelesen? Wie auch immer, verdient hatte er diese Bewunderung mit Sicherheit. Und mehr als das! Aber diese Knutscherei musste trotzdem nicht sein.

Bietigheim löste sich aus der Umarmung, zog den ebenfalls heftig beschmusten Benno zu sich und ging über den beeindruckenden Marktplatz Brügges in Richtung Belfried.

Dann sah er es.

Vor dem Rathaus hing ein riesiges Banner zur »Weltmeisterschaft der Chocolatiers« mit dem Konterfei des Vorsitzenden der internationalen Jury: ihm selbst. Gezeichnet als Comicfigur, die gütig lächelnd in eine Tafel Schokolade biss. Wie ein netter Onkel, der den Kinderchen Süßes schenkt. Daneben Benno von Saber mit Kochmütze mit Kochlöffel in der Pfote. Solch eine Verdrehung der Tatsachen! Schokolade war doch nicht zum Vergnügen da! Und dies war immerhin eine Weltmeisterschaft, also eine ernst zu nehmende Angelegenheit! Fast schon eine Art Krieg. Statt Waffen schwangen die Gegner Schneebesen, statt mit Patronen erledigten sie den Gegner mit Kakaobutter, aber ansonsten: völlig gleich.

Adalbert Bietigheim dampfte innerlich. Und dann dampfte er ab zum Hotel, schnellsten Schrittes, niemanden, der ihn erkannte, eines Blickes würdigend.

Das »Relais Bourgondisch Cruyce« lag in der Wollestraat und galt als erstes Haus am Platz. Eine echte Schönheit. Das kleine, alte Luxushotel war direkt an einen der Kanäle gebaut, die die Stadt durchzogen. Sie wurden Reien genannt, wegen des im Mittelalter kanalisierten Flüsschens Reie, auf dem die Waren zum Meeresarm Het Zwin transportiert worden waren. Das Hotel war eines der ältesten Gebäude Brügges, seine hölzerne Front eines der meistfotografierten Motive der Stadt.

Adalbert hielt Benno die Tür auf und schlug mit solch einer Kraft auf die Tischglocke, dass sie eigentlich in dem Tresen hätte versinken müssen.

»Professor Bietigheim ist eingetroffen und wünscht, auf sein Zimmer gelassen zu werden!«, verkündete er lautstark. »Sein getreuer Hund ist ebenfalls im Hotel!« Er warf Benno einen stolzen Blick zu, während dieser sich ausgiebig am Ohr kratzte.

»Oh, Sie sind es! Herzlich willkommen im >Relais Bourgondisch Cruyce<. Wir freuen uns sehr, dass Sie hier sind.«

»Ich mich auch. Denn der Tag war lang, und ich möchte möglichst schnell nächtigen. Die Schlüssel bitte.« Er streckte die Handfläche auffordernd über den Tresen.

Die junge, rotlockige Rezeptionistin legte ein Anmeldeformular hinein. »Das Chocomuseum hat ein sehr schönes Zimmer für Sie reservieren lassen.«

»Welche Kategorie?«, fragte Adalbert, während er das Formular akribisch mit seinem Füllfederhalter ausfüllte.

»De luxe.«

»Ich darf annehmen, dass dies die höchste ist?«

»Äh…nun ja, eigentlich nicht.«

»Dann erhöhen Sie. Geben Sie mir Ihr schönstes freies Zimmer. Der Veranstalter zahlt.«

»Wir hätten aber nur noch eine Suite mit Marmorbadezimmer, >Rouge Royal<, für 450 Euro die Nacht.«

»Gerade gut genug.« Er pustete über die Tinte und reichte das Formular zurück.

Endlich übergab sie ihm den Schlüssel.

 

Forsch schloss Bietigheim die Suite auf, Benno rannte als Erster hinein und bellte vorsorglich in alle Ecken. Hm, ja, sah aus wie bei Königs zu Hause. Himmelbett, Stilmöbel, Ralph-Lauren-Bettwäsche, es lag sogar eine ganze Tafel Edelschokolade auf dem spitzenbedeckten Kopfkissen. Es war die Schokolade zur Weltmeisterschaft, und da deren Thema »Schokolade & Wein« lautete, war sie auf Bietigheims Wunsch hin mit moselanischem Riesling aus St. Aldegund angereichert worden. Er brach sich flugs einen Riegel ab und ließ ihn mit geschlossenen Augen am Gaumen schmelzen. Wundervoll! Nichts war besser für die Seele. Die Lieblingsspeise der Schlaraffen.

Adalbert ließ Benno etwas Wasser in einen mitgebrachten goldenen Napf ein, sortierte penibel seine Kleidung in die Schränke, stellte seine handgefertigten Lederschuhe ordentlich nebeneinander vor die Tür zum Wienern, glättete mit dem Reisebügeleisen seine – passend zum Anlass – vollmilchschokoladenbraun gepunktete Fliege, zog sein knielanges Nachthemd an – ein Familienerbstück seines Großvaters – und öffnete das Fenster, um hinaus auf den Kanal zu blicken. Tief atmete er die kühle Nachtluft Brügges ein, während Benno sich neben ihm auf die Hinterläufe stellte, die Pfoten auf das Fensterbrett und seine Nase in den leichten Wind streckte.

Morgen würde die Weltmeisterschaft der Chocolatiers mit der Vorstellung der für die Endausscheidung nominierten Top Ten im Schokoladenmuseum der Stadt beginnen. Noch sah hier alles ganz friedlich aus – das würde sich bald ändern.

Ein einsames Ruderboot glitt völlig unbeleuchtet durch den Kanal vor seinem Fenster, ganz eng ans Ufer gedrückt, wo es nicht auffiel. Der Ruderer machte kaum Geräusche – und ließ langsam etwas ins schwarze Nass gleiten, das sofort versank, bevor er selbst wieder in den Schatten der Stadt verschwand.

Müllentsorgung auf Belgisch, dachte Bietigheim.

Bestimmt eine jahrhundertealte Tradition.

 

Das Glockenspiel des Belfried weckte Adalbert Bietigheim um sechs Uhr früh sanft aus seinen Träumen. Zu seinen Füßen hatte Benno sich auf den Rücken gedreht, seine Beine zuckten, er jagte wohl Kaninchen oder seinen eigenen Stummelschwanz. Adalbert nahm eine kalte Dusche, seifte dabei die Körperteile in der korrekten Reihenfolge ein, kleidete sich an und begab sich zum Frühstück. Er beanspruchte selbstverständlich den schönsten Platz am Fenster mit Blick auf den Kanal, obwohl dieser eigentlich für einen Stammgast reserviert war, und setzte zudem durch, dass Benno von Saber auf dem Stuhl neben ihm Platz nehmen durfte. Keine Widerrede! Die Zeitung wurde ihm – wie gewünscht gebügelt – an den Tisch gebracht.

»De Standaard« berichtete auf der Titelseite über die Weltmeisterschaft – obwohl die Regierung mal wieder kriselte und die Flamen ihre Unabhängigkeit lautstark forderten. Aber Schokolade ging in Belgien nun mal vor. Auf der Titelseite: die Chocofee, neue Galionsfigur des Schokoladenmuseums und nun auch der Weltmeisterschaft. Sie trug ein Kostüm, für den der Ausdruck >Hauch von Nichts< erfunden worden war. Ein schulterfreies Negligé aus weißer, fast völlig transparenter Seide, mit Spitzenbesatz in Blütenform am oberen Ende, das von braunen Lederriemen auf ihrem schönen Körper gehalten wurde. Der Stoff gab alles darunter preis – auch dass es darunter kaum weiteren Stoff gab. In ihrem voluminös toupierten braunen Haar steckten unzählige Kakaoblüten, die aussahen wie rosa-weiße Lilien. Auf ihrer Brust eine weitere große Kakaoblüte sowie eine Brosche mit zwei Astern, als Armreifen Rosen und um die Hüfte ein Band aus Orchideen. Das Gesicht…es kam ihm bekannt vor…puppenhaft schön…das war doch…aber ja…tatsächlich! Die junge Frau vom Vorabend! Die Sängerin, welche Benno gleich so ins Herz geschlossen hatte.

Dem Bericht zufolge würde sie heute die Vorstellung der zehn besten Chocolatiers der Welt übernehmen. Die Teilnehmer waren schon seit einer Woche hier, hatten Zeit gehabt, sich aneinander zu gewöhnen, ans Englische, das während der Weltmeisterschaft von allen gesprochen werden musste, und alle ihre zum Teil exotischen Zutaten zu organisieren. Adalbert würde sich gleich auf den Weg zum Schokoladenmuseum machen – aber erst nach einem ausgiebigen Frühstück, bei dem nicht gehetzt wurde, sonst konnte man es auch gleich sein lassen.

 

Der Ort des offiziellen Startschusses, das Schokoladenmuseum, lag in der Wijnzakstraat 2 am Sint-Jansplein, einem Platz im Stadtzentrum. Es war nicht zu übersehen. Für ein Gebäude dieses Alters – errichtet worden war es im Jahr 1480 – war seine vierstöckige Bauweise in Brügge eine echte Seltenheit. Bietigheim hatte sich selbstverständlich im Vorfeld informiert, weshalb er wusste, dass hier einst eine Weinstube existiert hatte, die Fässer lagerte und weiterverkaufte – wie passend.

Ein roter Teppich war bereits vor dem Eingang ausgerollt worden, und eine flämische Musikkapelle in Tracht stand daneben und rauchte Zigaretten, als gelte es, den gesamten Platz einzunebeln. In den Rauch trat eine Frau wie eine Erscheinung. Ach was, keine Frau, ein Weib! Eine Matrone, eine…Walküre! Blond gelocktes Haar, breite Schultern, ein imposanter Busen, eine herrische Haltung. Sie trug zwar ein rotes Brokatkleid, das aussah wie eine Gardine, doch sie trug es wie ein Kettenhemd. Sie breitete die Arme aus und schloss Adalbert in dieselben, drückte ihm Küsse mit der Wucht von Backpfeifen auf die Wangen und stellte sich erst danach vor. Es war Josephine-Charlotte Baels, die Organisatorin, die Gastgeberin, die Herrin der Weltmeisterschaft. Belgiens erste Dame der Schokolade, Gründerin des Museums, eine direkte Nachfahrin von Jean Neuhaus, der 1912 im Keller seiner Brüsseler Apotheke Creme in eine Schokoladenhülle füllte – und damit die belgische Praline erfand. Diese Frau war fleischgewordene Schokoladengeschichte.

»Treten Sie ein in die gute Stube. Aber putzen Sie sich vorher bitte die Schuhe ab!«

Eine Frau, die Wert auf Sauberkeit legte, war eine Frau nach Adalberts Geschmack!

Doch als er eintreten wollte, hinderte ihn einer der livrierten Lakaien daran und blickte streng auf Benno. »Hunde sind im Museum nicht erlaubt.«

»Das ist kein Hund, das ist Benno von Saber. Sein Stammbaum ist länger und edler als der Ihrige. Er ist mein Personal Assistant und weiß sich sehr wohl zu benehmen.« Ohne den Hanswurst eines weiteren Blickes zu würdigen, marschierte Adalbert hinein, Personal Assistant Benno mit stolz erhobenem Kopf an seiner Seite.

Die Grandezza des alten Hauses war unübersehbar, doch es war viel kleiner und enger als erwartet, verschachtelt und verwinkelt, wie die Altstadt Brügges. Die Walküre nahm seine Hand und führte ihn das Treppenhaus empor.

»Gestern gab es bereits eine kleine Zusammenkunft der Top Ten, ein letztes Mal unbeschwert zusammen sein, bevor der Wettkampf startet. Es ging bis spät in die Nacht, unsere bezaubernde Chocofee war auch zugegen, und einige lokale Berühmtheiten durften natürlich ebenfalls nicht fehlen. Wie schade, dass Sie nicht dabei waren!«

»Professionelle Distanz«, antwortete Bietigheim. »Man darf sich mit den Wettbewerbern nicht gemein machen, schließlich muss man sie bewerten und kritisieren. Ich bin ihr Richter – und für einige der Henker.«

Madame Baels lächelte. »Oh, là, là, Professor Bietigheim. Das soll hier doch kein Schlachtfest werden!«

»Obwohl der Schotte Edward Macallan einige seiner Pralinen mit Blut anrührt.«

»Hören Sie mir bloß auf mit Macallan! Solch ein Krawallbruder!«

Sie führte ihn lautstark durch die verschiedenen Etagen des Museums, in denen Herstellung und Historie der Schokolade ausführlich dargestellt wurden. Es gab sogar einen künstlichen Kakaobaum. Eine ganze Horde Putzfrauen war unterwegs, um alles auf Hochglanz zu polieren und die Spuren der nächtlichen Feier zu beseitigen – Madame Baels trieb sie mit harschem Ton an. Bietigheim dagegen schenkte die Herrin des Hauses ihr süßestes Lächeln. »Sie sehen, hier oben ist bereits alles très chic, nur in unserer Versuchsküche müssen die Damen noch ordentlich ran, da muss natürlich auch alles tippitoppi sein!« Den letzten Teil des Satzes sagte sie so laut, dass die Putzfrauen ihn nicht überhören konnten. Auch nicht die Putzfrauen aus dem Nachbarhaus.

»Haben Sie schon die Wettquoten gesehen?«

»Die…was haben Sie gesagt, Gnädigste?«

»In England bei den Buchmachern ist Urs Egeli, der Schweizer Chocolatiermeister, haushoher Favorit. Pierre Cloizel aus Frankreich folgt dahinter und mit etwas Abstand Edward Macallan. Wunschdenken, wenn Sie mich fragen. Macallan ist bloß ein verrückter Außenseiter, Egeli dagegen ein Großmeister, und Cloizel will die Krone unbedingt, ohne Frage. Und er hat immerhin ein französisches Schokoladenimperium hinter sich.«

»Ich weiß nicht, ob Sie es wussten, aber einst waren es die Spanier, welche die Schokolade nach Frankreich brachten«, setzte Adalbert an, der diese überwältigende Frau von Anfang an mit seinem Wissen zu überwältigen gedachte. »Es war 1615, als die spanische Infantin Anne von Österreich den französischen König Ludwig XIII. ehelichte. Erst dank ihr fand die Schokolade den Weg vom spanischen Königshof, wo sie schon Mode war, in die Grande Nation. Im Jahre 1659…«

»…wurde dann ein Königliches Privileg für den Vertrieb einer >Komposition, die sich Schokolade nennt, als Getränk, Pastillen oder in Dosen< an den Franzosen David Chaillon ausgestellt. Wie könnte ich dies nicht wissen, mein lieber Professor Bietigheim?«

Zunder und Donner, was für ein Weib. Schön und klug!

»Wissen Sie denn, dass auch Ludwig XIV. eine spanische Königstochter…«

»…ehelichte? Natürlich. Maria-Theresia. Durch sie wurde Schokolade in Versailles erst richtig en vogue. Dreimal die Woche wurde Kakao serviert. Die kleine Küstenstadt Bayonne wurde aufgrund von Juden, die vor der Inquisition nach Frankreich flohen, zum Zentrum der Schokoladenwelt, und 1780…«

»…wurde dort die erste mechanisierte Schokoladenfabrik errichtet! Potztausend. Sie sind eine Frau ganz nach meinem Geschmack, wenn ich das sagen darf.«

»Aber immer gern.« Sie lächelte verschmitzt und hakte sich bei ihm ein. »Und nun kommen wir in den inspiriertesten Teil unserer Ausstellung. Kunst aus Schokolade! Ihnen werden die Augen übergehen – auch weil Sie unbändigen Appetit bekommen werden.«

Benno sah sich um – Appetit hatte er augenscheinlich jetzt schon. Die Frage war nur, in welche Schokolade er zuerst beißen sollte. Sein Köpfchen schoss ständig von einer zur anderen Seite.

Die hohen Decken und die weißen Wände des großen Raums wirkten majestätisch und bildeten den perfekten Rahmen. Ein großes, mannshohes Schokoei mit Schleife kündete von der Eröffnung des Museums 2004, doch was folgte, waren keine Weihnachtsmänner und Osterhasen, sondern wahre Kunstwerke. Die Skulpturen waren teils sehr realistisch, teils abstrakt und erinnerten an Rodin, Giacometti oder Henry Moore. Für Adalberts Geschmack alles viel zu modern.

Eine junge Frau lief aufgeregt hinein. Sie trug ein schokoladenbraunes Etuikleid, schokoladenbraune Ballerinas, ihre Haare waren dunkel wie hundertprozentige Schokolade, und ihre Zähne waren…blendend weiß. Ihr Namensschild wies sie als Mareijke Dovendaan aus.

»Madame Baels! Unsere Chocofee ist nirgends zu finden. Dabei sollte Bea schon seit einer Stunde hier sein. Und sonst ist sie immer pünktlich. Wir müssen ihr doch noch das Kostüm anziehen und sie schminken, das schaffen wir schon gar nicht mehr vor der Pressekonferenz!«

»Haben Sie versucht, Bea auf dem Telefon zu erreichen?«

»Natürlich, Madame Baels. Seit einer Stunde, Festnetz und Handy. Habe auch bei ihren Eltern angerufen und in dem Studio, wo sie ihr Album aufnimmt. Sie ist nirgendwo. Und keiner weiß was.«

Madame Baels tststste. Und wie sie das machte. Laut und vorwurfsvoll, wie es nur die Besten hinbekamen. Dann musterte sie ihre Mitarbeiterin. »In diesem Fall ziehen Sie halt das Kostüm an. Hopphopp!«

»Aber wir haben Bea angekündigt! Und sie sollte doch das Lied zur Weltmeisterschaft singen.«

»Playback!«

Professor Adalbert Bietigheim tippte Madame Baels sachte auf die Schulter, doch diese reagierte nicht.

»Aber es gibt doch auch ein Fotoshooting neben ihrer Schokoladenskulptur. Da fällt auf, dass ich nicht sie bin.«

»Abgesagt!«

Bietigheim versuchte es abermals, diesmal fester, denn er hatte etwas entdeckt. Es war groß. Und ziegenkäseweiß.

»Und sie sollte sich ins Goldene Buch der Stadt eintragen!«

»Meinetwegen fälschen Sie die Unterschrift, merkt sowieso kein Mensch.«

Bietigheim griff nun zu drastischeren Maßnahmen. Er schüttelte Madame Baels an der Schulter.

Endlich drehte sie sich um. Ihr Blick herrisch, wie der einer nordischen Göttin.

Bietigheim schmolz dahin wie Schokolade im Hochsommer.

»Ich bin mir ja nicht sicher«, begann er, »also nicht völlig. Aber ich glaube, dass dieser Mann hier, nun ja, dass er, wie soll ich es sagen, normalerweise anders aussieht. Gesünder.«

Im Raum war ein Mann aufgetaucht. Eine Bergkette von einem Mann. Mindestens Alpen, vielleicht sogar Himalaja. Beim heiteren Beruferaten hätte bei ihm niemand auf Chocolatier getippt, eher auf Mammutmetzger. Doch es war, wie Bietigheim wusste, Franky van der Elst, der belgische Kandidat. Seine blasse Haut war stets gerötet, seine Schweinsäuglein leicht glasig. Er hatte ungefähr die Ausmaße von Bietigheims altem Freund, dem Rocker Pit Kossitzke, doch bei diesem lagen mächtige Muskeln unter dem Speckmantel, wogegen bei van der Elst vor allem eines unter dem Speck lag: noch mehr Speck.

Van der Elst war blass. Wo auch immer sein Blut steckte, es war nicht zu sehen. Er zeigte in Richtung der Demonstrationschocolaterie, in welcher vor den Augen der Besucher und geschützt durch eine deckenhohe Plexiglasscheibe Pralinen und Schokoladen erzeugt werden konnten.

»Die Skulptur«, stotterte er. »Die gehört da nicht hin.«

»Mein lieber van der Elst«, erwiderte Madame Baels genervt. »Skulptur hin oder her, wir haben gerade ganz andere Sorgen.«

Bietigheim blickte um die Ecke in die Chocolaterie und ging ein paar Schritte näher. Er schreckte zurück. Dann machte er eiligst kehrt und ergriff Madame Baels' Hand. Sie war groß, fleischig und mit festem Griff. Atemberaubend, diese Frau! Nur widerwillig ließ sie sich mitziehen.

»Diese Skulptur, von der Mijnheer van der Elst spricht…also, sie ist wohl gar keine. Nicht im eigentlichen Sinne.«

Er zog Madame Baels vor die Plexiglasfront.

»Was reden Sie denn da, Herr Professor? Fangen Sie nicht auch noch…«

Doch weiter kam sie nicht, denn ein Schrei aus der Kehle Mareijke Dovendaans zerriss die Luft. Und sie hörte erst auf zu schreien, als Madame Baels ihr eine scheuerte.

Erst danach erblickte die Museumsleiterin den Grund des Schreckens und verhinderte nur durch beherztes Pressen der Hand auf ihren Mund eine ähnlich lautstarke Gefühlsäußerung.

Auf der riesigen Marmorplatte der Chocolaterie, auf welcher sonst die Schokoladenmasse bewegt wurde, um sie kontrolliert und gleichmäßig abzukühlen, lag etwas definitiv Abgekühltes. Eine tote Frau. Sie war nackt, soweit man dies sagen konnte, da ihr ganzer Körper, auch ihr Gesicht und ihre Haare, von Schokolade überzogen waren. Ihr Mund stand offen und war bis zu den Lippen mit Kuvertüre gefüllt worden.

»Sechzigprozentige Madagaskar-Kuvertüre von Walrhano, würde ich meinen«, sagte Bietigheim, der den besonderen Farbton sofort wiedererkannt hatte. »Gehe ich recht in der Annahme, dass wir die Chocofee hiermit gefunden haben?«

»Absolut, Professor«, sagte Madame Baels, um Atem ringend.

Dann fiel sie in Ohnmacht.

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