Essen und Krimis - passt das zusammen, Carsten Sebastian Henn?
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Dienstag, 15. Oktober 2013 von Carsten Sebastian Henn


Essen und Krimis - passt das zusammen, Carsten Sebastian Henn?

»Es stimmt schon, Leichen sind an und für sich unappetitlich. Bei ihrem Anblick bekommt man nicht unbedingt Hunger.


Es sei denn man heißt Hannibal Lecter. Des einen Schweinebraten ist halt des anderen Menschenhirn. Die Verbindung von Kulinarik und Mord ist auf den ersten Blick ungewöhnlich bis psychopathisch. Trotzdem erfreue ich mich als Autor kulinarischer Kriminalromane geistiger Gesundheit. Nur selten lache ich wahnsinnig und spiele auf meiner Kirchenorgel im Keller.

Zu meiner Verteidigung: Tod und Essen liegen nah beieinander. Ist der Verstorbene unter der Erde,wird nämlich gespachtelt. Dann ist Leichenschmaus angesagt. Da steigt die Stimmung wie ein Luftballon, durch Aufnahme von Schnittchen, lecker Mettbrötchen (mit tüchtig Zwiebeln), glühend heißer Gulaschsuppe,sowie Gebäck und Kuchen. Früher gab es mit Gewürzen bestreute Gebildebrote, um böse Geister abzuwehren. In der Eifel wird zum Leichenschmaus der Birrebunnes gereicht, eine Torte aus Birnenmus – passend zum Anlass pechschwarz. Aber nich tnur Torte, das Kulinarische an sich ist immer eine Feier des Lebens. Obwohl ironischerweise fast ausschließlich Dinge gegessen werden, die tot sind (bis auf Austern) und teilweise sogar extra für das lecker Essen ermordet wurden. 

Sie liegen also nah beieinander, Tod und Leben, und sogar Mord und Genuss –manchmal auch im Roman. Wobei ein Metzgerkrimi in der Regel blutiger ist als einer mit Tee, einem Getränk, das Geduld bei der Zubereitung erfordert. Pralinen sind eine Feier des Augenblicks, kulinarische Sternschnuppen, Käse ein Lebensmittel, das vermählt werden will, mit Brot, mit Trauben, mit Feigensenf. Das prägt einen Roman, der sich um sie dreht, wie auch den Täter, der in ihm mordet. Mit anderen Worten: Knödelliebhaber morden anders. Und manchmal, aber nur manchmal, morden sie sogar appetitlich.«


Die letzte PralineDie letzte Praline

Ein kulinarischer Krimi

Die Hauptstadt der Schokolade hält den Atem an! Während der Weltmeisterschaft der Chocolatiers im belgischen Brügge wird eine von Kopf bis Fuß in Schokolade gehüllte Frauenleiche gefunden. Kulinaristik-Professor Adalbert Bietigheim, der als Juryvorsitzender des Wettbewerbs nach Brügge gereist ist, findet schon bald heraus, dass einer der Chocolatiers der Mörder sein muss. Wird Bietigheim ihn rechtzeitig ausfindig machen können, bevor er selbst als überlebensgroßes Praliné endet?
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Kapitel 1

Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen…

…nämlich viel zu schnell zu Ende.

Die Dampflok hielt schnaubend und mit quietschenden Bremsen im Bahnhof der westflandrischen Stadt Brügge, der wie eine Insel des Lichts im Dunkel der herbstlichen Nacht aufgetaucht war.

Natürlich dampfte der Zug nicht, schließlich war dies das 21. Jahrhundert, doch für Prof. Dr. Dr. Adalbert Bietigheim, Inhaber von Deutschlands einzigem Lehrstuhl für Kulinaristik, fühlte es sich so an. Schließlich strahlte Brügge Tradition und Historie aus, wie eine gute Tasse Tee Wärme und Wohlgefühl. Gerade war ihm allerdings nicht nach Tee, und das wollte wirklich etwas heißen. Gerade war ihm nach Zorn, gerechtem Zorn. Kaum aus dem Zugabteil gestiegen, ging Adalbert forschen Schrittes zur Lok, seinen Foxterrier Benno von Saber ungestüm bellend im Schlepptau. Mit dem goldenen Knauf seines Gehstocks pochte er erbost an die Scheibe des Führerhauses. Das Fenster wurde zur Seite geschoben.

Von einem mampfenden Mann, eine Tasse heißen Tee in der Hand – Bietigheim erschnupperte eine Feld-Wald-und-Wiesen-Schwarzteebeutelmischung. So einer war das also.

»Goedenavond«, grüßte der Mampfer ihn.

Belgisch, oder korrekter das belgische Niederländisch, war eine von Bietigheims leichtesten Übungen. Eng verwandt mit dem Niederdeutschen, seiner Meinung nach eine rustikale Unterform. Passte zu dem Burschen.

»Anderthalb Stunden zu spät! Für solch eine läppische Strecke! Jetzt ist es mitten in der Nacht, schon nach elf Uhr. Denken Sie, ich habe meine Zeit gestohlen?«

»Nein.«

»Habe ich auch nicht. Da hätte ich ja zu Fuß von Hamburg aus kommen können!«

»Bestimmt ein schöner Spaziergang.«

»Jetzt werden Sie mal nicht frech!«

Der Lokführer biss in eine Stulle. »Zurzeit werde ich nur satt.« Er lehnte sich hinaus und bot Bietigheim seinen Tee an. »Auch einen Bissen? Oder einen Schluck? Ist gut für die Nerven, irre gesund.«

»Erzählen Sie mir nichts über Tee! Ich bin Professor Dr. Dr. Adalbert Bietigheim!«

»Sie kommen mir irgendwie bekannt vor. Sind Sie nicht Fernsehkoch?«

»Professor!«

»Ich hab Sie mal irgendwo gesehen – da waren Sie aber viel netter.«

»Das kann nicht sein. Ich bin nicht nett. Ich bin Gelehrter!«

Der Lokführer nahm noch einen Schluck und lächelte zufrieden. »Genießen Sie den Abend. Ist es nicht ein wundervoller Abend? So warm, und die Sterne. Herrlich. Ich fahre jetzt nach Hause zu meiner Frau und lege die Füße hoch. Und morgen beginnt die Weltmeisterschaft der Chocolatiers. Die sollten Sie sich anschauen, Schokolade ist nämlich auch gut für die Nerven.«

Er schloss das Fenster und wandte sich ab.

Adalbert schlug noch einige Male mit seinem Spazierstock dagegen, doch es wurde nicht mehr geöffnet.

Die Nacht funkelte sternenklar über ihm, und der Wind blies eine angenehm kühle, salzige Brise von der nahen Nordseeküste über die Bahngleise. Brügge meinte es gut mit Bietigheim. Seinen ledernen Koffer in der Hand, wandte er sich von der Lok ab und machte sich auf den Weg zum Hotel. Wie immer trug er einen Maßanzug von einem der besten Schneider der Londoner Einkaufsstraße Savile Row sowie handgenähte Budapester Schuhe aus Vigevano. Seine rote Seidenfliege lockerte er für den Spaziergang nur wenige Millimeter. Nur eine Viertelstunde zu Fuß, für einen Hamburger ein Klacks. Womit Adalbert Bietigheim jedoch nicht gerechnet hatte, war, dass es zwar nur ein kurzes Stück Weg, doch eine Reise in der Zeit war. Je näher er dem mittelalterlichen Zentrum der Stadt kam, das von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden war, desto mehr wurde die Uhr zurückgedreht, um Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte. Brügge war fraglos das größte Freilichtmuseum Belgiens. Die Altstadt war von Wallanlagen mit Windmühlen und Kanälen umgeben, die von keinem Krieg und durch keinen großen Brand zerstört worden waren.

Jetzt, kurz vor Mitternacht, waren nur ganz vereinzelt Menschen unterwegs, Brügge war eine Stadt der Schatten und, mehr noch, der Dunkelheit, die sich in den engen Gassen wohlfühlte und Passanten auflauerte. Es hätte nur noch gefehlt, dass Bodennebel durch die Stadt kroch, doch auch so spürte Benno von Saber die unheimliche Stimmung und hielt sich nahe bei Adalbert Bietigheim, als sie über das Kopfsteinpflaster gingen.

Als Bietigheim in die Lendestraat einbog, gingen plötzlich sämtliche Lichter aus. Stromausfall. Das passierte wohl öfter. Ohne elektrischen Strom war die Illusion perfekt: Er befand sich im Mittelalter. Im wortwörtlich dunklen Mittelalter, in dem das Funkeln der Sterne und das Leuchten des Mondes um so vieles heller erschienen. Schon nach kurzer Zeit flackerte Kerzenlicht in einigen Häusern auf. Hier war man anscheinend gut vorbereitet.

Der salzige Geruch der Nordsee war innerhalb der alten Befestigungsanlagen kaum mehr wahrzunehmen, stattdessen schien es, als habe sich der Duft von Schokolade tief in das Mauerwerk geprägt, welches nun eine süßliche Note verströmte.

Adalbert war nicht überrascht, als plötzlich ein Nachtwächter mit weitem Umhang, Schlapphut, Signalhorn, Hellebarde und Laterne um die Ecke bog. Viel mehr verwunderte ihn die neumodisch gekleidete Gruppe hinter diesem.

»Guten Abend, Herr Professor.« Der Nachtwächter zog den Hut und verbeugte sich tief.

Verdutzt nickte Adalbert. Kannte er den Mann? Nun ja, dieser kannte zumindest ihn. Merkwürdig.

Bietigheim ging weiter, seine Schritte hallten durch die menschenleeren Gassen, bis endlich der Grote Markt mit dem stolzen Belfried an der Südseite vor ihm auftauchte. Es war zweifellos einer der schönsten Plätze Europas, 110 Meter lang und 68 Meter breit, neun Straßen trafen auf ihn, wie Adern in ein pumpendes Herz. Auf der Westseite stand das Haus Craenenburg mit dem gleichnamigen Café, die Ostseite des Marktes prägte das neogotische Provinzialratsgebäude mit der Wohnung des Gouverneurs von Westflandern, und die Nordseite schließlich bot wundervoll farbige, alte Zunfthäuser – und fast in jedem ein Restaurant.

Plötzlich war der Spuk vorbei, und mit einem Schlag gingen die Lichter wieder an. Adalbert schirmte seine Augen gegen den Schein der Straßenlaterne über ihm ab. Ein junges Pärchen schlenderte auf den Professor zu, er hatte seinen Arm um sie gelegt, das leichte Torkeln deutete auf übermäßigen Alkoholkonsum hin, vermutlich belgisches Bier. Der junge Mann hatte einen Glatzkopf und trug trotz der Kühle der Nacht nur ein Harley-Davidson-T-Shirt, sie ein Pailettenkleid – und sie sang. Adalbert konnte sich verhört haben, aber es klang wie »smakelijk chocolade, verleidelijk chocolade« 3 leckere Schokolade, verführerische Schokolade. Und obwohl ihre Stimme auch ganz leicht torkelte, klang sie wunderschön und ließ das düstere Brügge sogleich viel heimeliger erscheinen.

»Guten Abend, Professor Bietigheim. Schön, dass Sie da sind!«, sagte der Mann.

»Und das ist der kleine Benno von Saber«, ergänzte die junge Frau, bevor sie sich hinkniete und den Foxterrier am Köpfchen kraulte. »Du bist ja so ein süßer kleiner Teufel.«

Sie hatte lange braune Haare und ein sehr hübsches, ein wenig puppenhaftes Gesicht mit ausdrucksstarken Augen. Ihre Haut war leicht gebräunt – fast wie Vollmilchschokolade.

Ihr Begleiter rief plötzlich in Richtung des Platzes: »Er ist hier! Der Professor ist hier!«

Aus den dunklen Ecken lösten sich Gestalten, und plötzlich war Adalbert Bietigheim von gut zwanzig Menschen umringt, die ihn willkommen hießen.

»Wir freuen uns so, Sie zu sehen!«, sagte eine ältere Frau, die ihrer gemütlichen Körperfülle zufolge jeden Tag einen Klotz Butter, dick mit Margarine bestrichen und Sahne besprüht, aß, umarmte Adalbert und drückte ihm einen feuchten Kuss auf die Wange. Ja, gab es denn so was!? Was sollte dieser Rummel? Hatte sich etwa seine Aufklärung der Teemordserie bis nach Brügge herumgesprochen oder dass er es war, der das Rätsel um den Käsemörder im Burgund gelöst hatte? Oder hatten sie alle seine bahnbrechende Abhandlung über »Belgisches Bier – Vom Brauen als Kunst und Resteverwertung von Obst« gelesen? Wie auch immer, verdient hatte er diese Bewunderung mit Sicherheit. Und mehr als das! Aber diese Knutscherei musste trotzdem nicht sein.

Bietigheim löste sich aus der Umarmung, zog den ebenfalls heftig beschmusten Benno zu sich und ging über den beeindruckenden Marktplatz Brügges in Richtung Belfried.

Dann sah er es.

Vor dem Rathaus hing ein riesiges Banner zur »Weltmeisterschaft der Chocolatiers« mit dem Konterfei des Vorsitzenden der internationalen Jury: ihm selbst. Gezeichnet als Comicfigur, die gütig lächelnd in eine Tafel Schokolade biss. Wie ein netter Onkel, der den Kinderchen Süßes schenkt. Daneben Benno von Saber mit Kochmütze mit Kochlöffel in der Pfote. Solch eine Verdrehung der Tatsachen! Schokolade war doch nicht zum Vergnügen da! Und dies war immerhin eine Weltmeisterschaft, also eine ernst zu nehmende Angelegenheit! Fast schon eine Art Krieg. Statt Waffen schwangen die Gegner Schneebesen, statt mit Patronen erledigten sie den Gegner mit Kakaobutter, aber ansonsten: völlig gleich.

Adalbert Bietigheim dampfte innerlich. Und dann dampfte er ab zum Hotel, schnellsten Schrittes, niemanden, der ihn erkannte, eines Blickes würdigend.

Das »Relais Bourgondisch Cruyce« lag in der Wollestraat und galt als erstes Haus am Platz. Eine echte Schönheit. Das kleine, alte Luxushotel war direkt an einen der Kanäle gebaut, die die Stadt durchzogen. Sie wurden Reien genannt, wegen des im Mittelalter kanalisierten Flüsschens Reie, auf dem die Waren zum Meeresarm Het Zwin transportiert worden waren. Das Hotel war eines der ältesten Gebäude Brügges, seine hölzerne Front eines der meistfotografierten Motive der Stadt.

Adalbert hielt Benno die Tür auf und schlug mit solch einer Kraft auf die Tischglocke, dass sie eigentlich in dem Tresen hätte versinken müssen.

»Professor Bietigheim ist eingetroffen und wünscht, auf sein Zimmer gelassen zu werden!«, verkündete er lautstark. »Sein getreuer Hund ist ebenfalls im Hotel!« Er warf Benno einen stolzen Blick zu, während dieser sich ausgiebig am Ohr kratzte.

»Oh, Sie sind es! Herzlich willkommen im >Relais Bourgondisch Cruyce<. Wir freuen uns sehr, dass Sie hier sind.«

»Ich mich auch. Denn der Tag war lang, und ich möchte möglichst schnell nächtigen. Die Schlüssel bitte.« Er streckte die Handfläche auffordernd über den Tresen.

Die junge, rotlockige Rezeptionistin legte ein Anmeldeformular hinein. »Das Chocomuseum hat ein sehr schönes Zimmer für Sie reservieren lassen.«

»Welche Kategorie?«, fragte Adalbert, während er das Formular akribisch mit seinem Füllfederhalter ausfüllte.

»De luxe.«

»Ich darf annehmen, dass dies die höchste ist?«

»Äh…nun ja, eigentlich nicht.«

»Dann erhöhen Sie. Geben Sie mir Ihr schönstes freies Zimmer. Der Veranstalter zahlt.«

»Wir hätten aber nur noch eine Suite mit Marmorbadezimmer, >Rouge Royal<, für 450 Euro die Nacht.«

»Gerade gut genug.« Er pustete über die Tinte und reichte das Formular zurück.

Endlich übergab sie ihm den Schlüssel.

 

Forsch schloss Bietigheim die Suite auf, Benno rannte als Erster hinein und bellte vorsorglich in alle Ecken. Hm, ja, sah aus wie bei Königs zu Hause. Himmelbett, Stilmöbel, Ralph-Lauren-Bettwäsche, es lag sogar eine ganze Tafel Edelschokolade auf dem spitzenbedeckten Kopfkissen. Es war die Schokolade zur Weltmeisterschaft, und da deren Thema »Schokolade & Wein« lautete, war sie auf Bietigheims Wunsch hin mit moselanischem Riesling aus St. Aldegund angereichert worden. Er brach sich flugs einen Riegel ab und ließ ihn mit geschlossenen Augen am Gaumen schmelzen. Wundervoll! Nichts war besser für die Seele. Die Lieblingsspeise der Schlaraffen.

Adalbert ließ Benno etwas Wasser in einen mitgebrachten goldenen Napf ein, sortierte penibel seine Kleidung in die Schränke, stellte seine handgefertigten Lederschuhe ordentlich nebeneinander vor die Tür zum Wienern, glättete mit dem Reisebügeleisen seine – passend zum Anlass – vollmilchschokoladenbraun gepunktete Fliege, zog sein knielanges Nachthemd an – ein Familienerbstück seines Großvaters – und öffnete das Fenster, um hinaus auf den Kanal zu blicken. Tief atmete er die kühle Nachtluft Brügges ein, während Benno sich neben ihm auf die Hinterläufe stellte, die Pfoten auf das Fensterbrett und seine Nase in den leichten Wind streckte.

Morgen würde die Weltmeisterschaft der Chocolatiers mit der Vorstellung der für die Endausscheidung nominierten Top Ten im Schokoladenmuseum der Stadt beginnen. Noch sah hier alles ganz friedlich aus – das würde sich bald ändern.

Ein einsames Ruderboot glitt völlig unbeleuchtet durch den Kanal vor seinem Fenster, ganz eng ans Ufer gedrückt, wo es nicht auffiel. Der Ruderer machte kaum Geräusche – und ließ langsam etwas ins schwarze Nass gleiten, das sofort versank, bevor er selbst wieder in den Schatten der Stadt verschwand.

Müllentsorgung auf Belgisch, dachte Bietigheim.

Bestimmt eine jahrhundertealte Tradition.

 

Das Glockenspiel des Belfried weckte Adalbert Bietigheim um sechs Uhr früh sanft aus seinen Träumen. Zu seinen Füßen hatte Benno sich auf den Rücken gedreht, seine Beine zuckten, er jagte wohl Kaninchen oder seinen eigenen Stummelschwanz. Adalbert nahm eine kalte Dusche, seifte dabei die Körperteile in der korrekten Reihenfolge ein, kleidete sich an und begab sich zum Frühstück. Er beanspruchte selbstverständlich den schönsten Platz am Fenster mit Blick auf den Kanal, obwohl dieser eigentlich für einen Stammgast reserviert war, und setzte zudem durch, dass Benno von Saber auf dem Stuhl neben ihm Platz nehmen durfte. Keine Widerrede! Die Zeitung wurde ihm – wie gewünscht gebügelt – an den Tisch gebracht.

»De Standaard« berichtete auf der Titelseite über die Weltmeisterschaft – obwohl die Regierung mal wieder kriselte und die Flamen ihre Unabhängigkeit lautstark forderten. Aber Schokolade ging in Belgien nun mal vor. Auf der Titelseite: die Chocofee, neue Galionsfigur des Schokoladenmuseums und nun auch der Weltmeisterschaft. Sie trug ein Kostüm, für den der Ausdruck >Hauch von Nichts< erfunden worden war. Ein schulterfreies Negligé aus weißer, fast völlig transparenter Seide, mit Spitzenbesatz in Blütenform am oberen Ende, das von braunen Lederriemen auf ihrem schönen Körper gehalten wurde. Der Stoff gab alles darunter preis – auch dass es darunter kaum weiteren Stoff gab. In ihrem voluminös toupierten braunen Haar steckten unzählige Kakaoblüten, die aussahen wie rosa-weiße Lilien. Auf ihrer Brust eine weitere große Kakaoblüte sowie eine Brosche mit zwei Astern, als Armreifen Rosen und um die Hüfte ein Band aus Orchideen. Das Gesicht…es kam ihm bekannt vor…puppenhaft schön…das war doch…aber ja…tatsächlich! Die junge Frau vom Vorabend! Die Sängerin, welche Benno gleich so ins Herz geschlossen hatte.

Dem Bericht zufolge würde sie heute die Vorstellung der zehn besten Chocolatiers der Welt übernehmen. Die Teilnehmer waren schon seit einer Woche hier, hatten Zeit gehabt, sich aneinander zu gewöhnen, ans Englische, das während der Weltmeisterschaft von allen gesprochen werden musste, und alle ihre zum Teil exotischen Zutaten zu organisieren. Adalbert würde sich gleich auf den Weg zum Schokoladenmuseum machen – aber erst nach einem ausgiebigen Frühstück, bei dem nicht gehetzt wurde, sonst konnte man es auch gleich sein lassen.

 

Der Ort des offiziellen Startschusses, das Schokoladenmuseum, lag in der Wijnzakstraat 2 am Sint-Jansplein, einem Platz im Stadtzentrum. Es war nicht zu übersehen. Für ein Gebäude dieses Alters – errichtet worden war es im Jahr 1480 – war seine vierstöckige Bauweise in Brügge eine echte Seltenheit. Bietigheim hatte sich selbstverständlich im Vorfeld informiert, weshalb er wusste, dass hier einst eine Weinstube existiert hatte, die Fässer lagerte und weiterverkaufte – wie passend.

Ein roter Teppich war bereits vor dem Eingang ausgerollt worden, und eine flämische Musikkapelle in Tracht stand daneben und rauchte Zigaretten, als gelte es, den gesamten Platz einzunebeln. In den Rauch trat eine Frau wie eine Erscheinung. Ach was, keine Frau, ein Weib! Eine Matrone, eine…Walküre! Blond gelocktes Haar, breite Schultern, ein imposanter Busen, eine herrische Haltung. Sie trug zwar ein rotes Brokatkleid, das aussah wie eine Gardine, doch sie trug es wie ein Kettenhemd. Sie breitete die Arme aus und schloss Adalbert in dieselben, drückte ihm Küsse mit der Wucht von Backpfeifen auf die Wangen und stellte sich erst danach vor. Es war Josephine-Charlotte Baels, die Organisatorin, die Gastgeberin, die Herrin der Weltmeisterschaft. Belgiens erste Dame der Schokolade, Gründerin des Museums, eine direkte Nachfahrin von Jean Neuhaus, der 1912 im Keller seiner Brüsseler Apotheke Creme in eine Schokoladenhülle füllte – und damit die belgische Praline erfand. Diese Frau war fleischgewordene Schokoladengeschichte.

»Treten Sie ein in die gute Stube. Aber putzen Sie sich vorher bitte die Schuhe ab!«

Eine Frau, die Wert auf Sauberkeit legte, war eine Frau nach Adalberts Geschmack!

Doch als er eintreten wollte, hinderte ihn einer der livrierten Lakaien daran und blickte streng auf Benno. »Hunde sind im Museum nicht erlaubt.«

»Das ist kein Hund, das ist Benno von Saber. Sein Stammbaum ist länger und edler als der Ihrige. Er ist mein Personal Assistant und weiß sich sehr wohl zu benehmen.« Ohne den Hanswurst eines weiteren Blickes zu würdigen, marschierte Adalbert hinein, Personal Assistant Benno mit stolz erhobenem Kopf an seiner Seite.

Die Grandezza des alten Hauses war unübersehbar, doch es war viel kleiner und enger als erwartet, verschachtelt und verwinkelt, wie die Altstadt Brügges. Die Walküre nahm seine Hand und führte ihn das Treppenhaus empor.

»Gestern gab es bereits eine kleine Zusammenkunft der Top Ten, ein letztes Mal unbeschwert zusammen sein, bevor der Wettkampf startet. Es ging bis spät in die Nacht, unsere bezaubernde Chocofee war auch zugegen, und einige lokale Berühmtheiten durften natürlich ebenfalls nicht fehlen. Wie schade, dass Sie nicht dabei waren!«

»Professionelle Distanz«, antwortete Bietigheim. »Man darf sich mit den Wettbewerbern nicht gemein machen, schließlich muss man sie bewerten und kritisieren. Ich bin ihr Richter – und für einige der Henker.«

Madame Baels lächelte. »Oh, là, là, Professor Bietigheim. Das soll hier doch kein Schlachtfest werden!«

»Obwohl der Schotte Edward Macallan einige seiner Pralinen mit Blut anrührt.«

»Hören Sie mir bloß auf mit Macallan! Solch ein Krawallbruder!«

Sie führte ihn lautstark durch die verschiedenen Etagen des Museums, in denen Herstellung und Historie der Schokolade ausführlich dargestellt wurden. Es gab sogar einen künstlichen Kakaobaum. Eine ganze Horde Putzfrauen war unterwegs, um alles auf Hochglanz zu polieren und die Spuren der nächtlichen Feier zu beseitigen – Madame Baels trieb sie mit harschem Ton an. Bietigheim dagegen schenkte die Herrin des Hauses ihr süßestes Lächeln. »Sie sehen, hier oben ist bereits alles très chic, nur in unserer Versuchsküche müssen die Damen noch ordentlich ran, da muss natürlich auch alles tippitoppi sein!« Den letzten Teil des Satzes sagte sie so laut, dass die Putzfrauen ihn nicht überhören konnten. Auch nicht die Putzfrauen aus dem Nachbarhaus.

»Haben Sie schon die Wettquoten gesehen?«

»Die…was haben Sie gesagt, Gnädigste?«

»In England bei den Buchmachern ist Urs Egeli, der Schweizer Chocolatiermeister, haushoher Favorit. Pierre Cloizel aus Frankreich folgt dahinter und mit etwas Abstand Edward Macallan. Wunschdenken, wenn Sie mich fragen. Macallan ist bloß ein verrückter Außenseiter, Egeli dagegen ein Großmeister, und Cloizel will die Krone unbedingt, ohne Frage. Und er hat immerhin ein französisches Schokoladenimperium hinter sich.«

»Ich weiß nicht, ob Sie es wussten, aber einst waren es die Spanier, welche die Schokolade nach Frankreich brachten«, setzte Adalbert an, der diese überwältigende Frau von Anfang an mit seinem Wissen zu überwältigen gedachte. »Es war 1615, als die spanische Infantin Anne von Österreich den französischen König Ludwig XIII. ehelichte. Erst dank ihr fand die Schokolade den Weg vom spanischen Königshof, wo sie schon Mode war, in die Grande Nation. Im Jahre 1659…«

»…wurde dann ein Königliches Privileg für den Vertrieb einer >Komposition, die sich Schokolade nennt, als Getränk, Pastillen oder in Dosen< an den Franzosen David Chaillon ausgestellt. Wie könnte ich dies nicht wissen, mein lieber Professor Bietigheim?«

Zunder und Donner, was für ein Weib. Schön und klug!

»Wissen Sie denn, dass auch Ludwig XIV. eine spanische Königstochter…«

»…ehelichte? Natürlich. Maria-Theresia. Durch sie wurde Schokolade in Versailles erst richtig en vogue. Dreimal die Woche wurde Kakao serviert. Die kleine Küstenstadt Bayonne wurde aufgrund von Juden, die vor der Inquisition nach Frankreich flohen, zum Zentrum der Schokoladenwelt, und 1780…«

»…wurde dort die erste mechanisierte Schokoladenfabrik errichtet! Potztausend. Sie sind eine Frau ganz nach meinem Geschmack, wenn ich das sagen darf.«

»Aber immer gern.« Sie lächelte verschmitzt und hakte sich bei ihm ein. »Und nun kommen wir in den inspiriertesten Teil unserer Ausstellung. Kunst aus Schokolade! Ihnen werden die Augen übergehen – auch weil Sie unbändigen Appetit bekommen werden.«

Benno sah sich um – Appetit hatte er augenscheinlich jetzt schon. Die Frage war nur, in welche Schokolade er zuerst beißen sollte. Sein Köpfchen schoss ständig von einer zur anderen Seite.

Die hohen Decken und die weißen Wände des großen Raums wirkten majestätisch und bildeten den perfekten Rahmen. Ein großes, mannshohes Schokoei mit Schleife kündete von der Eröffnung des Museums 2004, doch was folgte, waren keine Weihnachtsmänner und Osterhasen, sondern wahre Kunstwerke. Die Skulpturen waren teils sehr realistisch, teils abstrakt und erinnerten an Rodin, Giacometti oder Henry Moore. Für Adalberts Geschmack alles viel zu modern.

Eine junge Frau lief aufgeregt hinein. Sie trug ein schokoladenbraunes Etuikleid, schokoladenbraune Ballerinas, ihre Haare waren dunkel wie hundertprozentige Schokolade, und ihre Zähne waren…blendend weiß. Ihr Namensschild wies sie als Mareijke Dovendaan aus.

»Madame Baels! Unsere Chocofee ist nirgends zu finden. Dabei sollte Bea schon seit einer Stunde hier sein. Und sonst ist sie immer pünktlich. Wir müssen ihr doch noch das Kostüm anziehen und sie schminken, das schaffen wir schon gar nicht mehr vor der Pressekonferenz!«

»Haben Sie versucht, Bea auf dem Telefon zu erreichen?«

»Natürlich, Madame Baels. Seit einer Stunde, Festnetz und Handy. Habe auch bei ihren Eltern angerufen und in dem Studio, wo sie ihr Album aufnimmt. Sie ist nirgendwo. Und keiner weiß was.«

Madame Baels tststste. Und wie sie das machte. Laut und vorwurfsvoll, wie es nur die Besten hinbekamen. Dann musterte sie ihre Mitarbeiterin. »In diesem Fall ziehen Sie halt das Kostüm an. Hopphopp!«

»Aber wir haben Bea angekündigt! Und sie sollte doch das Lied zur Weltmeisterschaft singen.«

»Playback!«

Professor Adalbert Bietigheim tippte Madame Baels sachte auf die Schulter, doch diese reagierte nicht.

»Aber es gibt doch auch ein Fotoshooting neben ihrer Schokoladenskulptur. Da fällt auf, dass ich nicht sie bin.«

»Abgesagt!«

Bietigheim versuchte es abermals, diesmal fester, denn er hatte etwas entdeckt. Es war groß. Und ziegenkäseweiß.

»Und sie sollte sich ins Goldene Buch der Stadt eintragen!«

»Meinetwegen fälschen Sie die Unterschrift, merkt sowieso kein Mensch.«

Bietigheim griff nun zu drastischeren Maßnahmen. Er schüttelte Madame Baels an der Schulter.

Endlich drehte sie sich um. Ihr Blick herrisch, wie der einer nordischen Göttin.

Bietigheim schmolz dahin wie Schokolade im Hochsommer.

»Ich bin mir ja nicht sicher«, begann er, »also nicht völlig. Aber ich glaube, dass dieser Mann hier, nun ja, dass er, wie soll ich es sagen, normalerweise anders aussieht. Gesünder.«

Im Raum war ein Mann aufgetaucht. Eine Bergkette von einem Mann. Mindestens Alpen, vielleicht sogar Himalaja. Beim heiteren Beruferaten hätte bei ihm niemand auf Chocolatier getippt, eher auf Mammutmetzger. Doch es war, wie Bietigheim wusste, Franky van der Elst, der belgische Kandidat. Seine blasse Haut war stets gerötet, seine Schweinsäuglein leicht glasig. Er hatte ungefähr die Ausmaße von Bietigheims altem Freund, dem Rocker Pit Kossitzke, doch bei diesem lagen mächtige Muskeln unter dem Speckmantel, wogegen bei van der Elst vor allem eines unter dem Speck lag: noch mehr Speck.

Van der Elst war blass. Wo auch immer sein Blut steckte, es war nicht zu sehen. Er zeigte in Richtung der Demonstrationschocolaterie, in welcher vor den Augen der Besucher und geschützt durch eine deckenhohe Plexiglasscheibe Pralinen und Schokoladen erzeugt werden konnten.

»Die Skulptur«, stotterte er. »Die gehört da nicht hin.«

»Mein lieber van der Elst«, erwiderte Madame Baels genervt. »Skulptur hin oder her, wir haben gerade ganz andere Sorgen.«

Bietigheim blickte um die Ecke in die Chocolaterie und ging ein paar Schritte näher. Er schreckte zurück. Dann machte er eiligst kehrt und ergriff Madame Baels' Hand. Sie war groß, fleischig und mit festem Griff. Atemberaubend, diese Frau! Nur widerwillig ließ sie sich mitziehen.

»Diese Skulptur, von der Mijnheer van der Elst spricht…also, sie ist wohl gar keine. Nicht im eigentlichen Sinne.«

Er zog Madame Baels vor die Plexiglasfront.

»Was reden Sie denn da, Herr Professor? Fangen Sie nicht auch noch…«

Doch weiter kam sie nicht, denn ein Schrei aus der Kehle Mareijke Dovendaans zerriss die Luft. Und sie hörte erst auf zu schreien, als Madame Baels ihr eine scheuerte.

Erst danach erblickte die Museumsleiterin den Grund des Schreckens und verhinderte nur durch beherztes Pressen der Hand auf ihren Mund eine ähnlich lautstarke Gefühlsäußerung.

Auf der riesigen Marmorplatte der Chocolaterie, auf welcher sonst die Schokoladenmasse bewegt wurde, um sie kontrolliert und gleichmäßig abzukühlen, lag etwas definitiv Abgekühltes. Eine tote Frau. Sie war nackt, soweit man dies sagen konnte, da ihr ganzer Körper, auch ihr Gesicht und ihre Haare, von Schokolade überzogen waren. Ihr Mund stand offen und war bis zu den Lippen mit Kuvertüre gefüllt worden.

»Sechzigprozentige Madagaskar-Kuvertüre von Walrhano, würde ich meinen«, sagte Bietigheim, der den besonderen Farbton sofort wiedererkannt hatte. »Gehe ich recht in der Annahme, dass wir die Chocofee hiermit gefunden haben?«

»Absolut, Professor«, sagte Madame Baels, um Atem ringend.

Dann fiel sie in Ohnmacht.

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