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College Romance

College Romane und High School Romance

Liebesromane, die an einem College spielen. Diese prickelnden New-Adult-Reihen entführen an amerikanische Colleges, in denen auch sportliche Bad Boys nicht fehlen dürfen. Vom ersten Kuss bis zur leidenschaftlichen Verführungen - in diesen Romance Romanen ist alles geboten.

Ein Künstler-College und jede Menge Herzklopfen

Blick ins Buch
Chasing DreamsChasing Dreams

Roman

Ein College voller junger Künstler und jede Menge Herzklopfen – New Adult aus deutscher FederSchon früh musste die Tänzerin Yuna lernen, mit ihrer Andersartigkeit umzugehen. Sie ist athletischer als andere Mädchen, weniger zierlich, und fühlt sich mehreren Kulturen zugehörig. Nur beim Tanzen ist sie vollkommen frei. Am Montana Arts College für künstlerisch Begabte verfolgt Yuna deshalb ihren Traum vom klassischen Ballett – ihre modernen Choreografien behält sie vorerst für sich. Im Campuscafé lernt sie den verschlossenen Barista Miles kennen, der sofort von Yunas Ausstrahlung, ihren kontrollierten, eleganten Bewegungen fasziniert ist. Beide sind auf ihre Weise Außenseiter, denn Miles hat jahrelang unter dem Pflegesystem gelitten, seine Gefühle in Bildern verarbeitet. Miteinander können sie endlich sie selbst sein. Wäre da nicht Milesʼ Vergangenheit, die sie einzuholen droht.„Julia K. Stein hat dieses einzigartige Talent, mich gleichzeitig zum Lachen, Fluchen und Weinen zu bringen. Intelligent, voller Gefühl und mit so viel originellem Witz schreibt sie sich mit jedem neuen Buch in mein Leserherz!“ Spiegel-Bestsellerautorin Stella TackDas Zentrum der Reihe bildet das Montana Arts College, ein prestigeträchtiges College mit Schwerpunkt in den darstellenden Künsten. In der Abgeschiedenheit Montanas sollen die Studenten sich auf die Ausbildung ihrer Talente in Tanz, Schauspiel, Film und Kreativem Schreiben konzentrieren. Doch die Natur am Rande der Rocky Mountains ist gewaltiger, die Gefühle intensiver – und das führt nicht nur zu ausdrucksstarker Kunst, sondern auch zu intensivem Funkenflug zwischen den Studenten …Perfekte Lektüre für alle LeserInnen von Sarah Sprinz, Ava Reed und Sophie Bichon.Julia K. Stein kommt aus dem Ruhrgebiet und hat in Bonn, Berkeley und an der amerikanischen Ostküste studiert, einen Magister der Philosophie erworben und über Literatur promoviert. Seit vielen Jahren schreibt sie erfolgreich Bücher für Jugendliche und Erwachsene, arbeitet als Dozentin, moderiert Branchenveranstaltungen und spricht und schreibt auf Youtube und Instagram über das kreative Leben.

Eins
Yuna


Die neuesten TikTok-Charts dröhnen mir in den Ohren. Studierende aller Jahrgänge mit roten Plastikbechern drängeln sich vorbei und checken sich gegenseitig ab. Wenn ich den Bechern zu nahe komme, zieht mir ein penetrantes Kirscharoma in die Nase. Wahrscheinlich soll der zuckrige Duft Alkohol vertuschen, aber so intensiv, wie die Bowle riecht, könnte er problemlos Zyankali überdecken. Schreiend unterhalten sich alle Neuankömmlinge über die Musik hinweg, aufgeregt, glücklich, dass sie hier sind. Auffällige Klamotten, sexy Tops und aufgedrehte Stimmen. Kurz: Alles weist darauf hin, dass ich hier nichts verloren habe. In meiner natürlichen Umgebung befindet sich normalerweise mindestens eine Ballettstange. Musik gibt es zwar auch, sogar „live“, allerdings meist von einer älteren Dame aus der Slowakei am Klavier vorgetragen. Und hinter den Fenstern sind keine Berge oder Wiesen zu sehen wie hier, sondern – zumindest vom Ballettstudio aus – der Central Park, der jetzt ungefähr eintausendachthundert Meilen östlich liegen dürfte. Ich stehe zusammengequetscht in einer Ecke mit Hazel, dem Mädchen aus dem Schauspielprogramm, das bei der Anmeldung hinter mir stand. Mit einer Mischung aus Flehen und Drohen hat sie mich weichgeklopft mitzukommen: „Die ›New-Game-Fresher-Party‹ ist der Auftakt zu allem. Es gibt niemanden, der nicht kommt. Lass mich nicht allein, du bist die Einzige, die ich hier kenne!“ Das beruhte zu dem Zeitpunkt auf Gegenseitigkeit, wir waren ja erst eine Stunde vorher angekommen, später als die meisten anderen. Also hatte ich vorhin meine Sachen in den kleinen Schrank geräumt und mein Bett bezogen, ein paar anderen, die schon in „meinem Haus“ eingezogen waren, kurz zugewunken, bevor ich wieder aufgebrochen bin.
Und jetzt vibriert mein Magen so stark von den aggressiven Beats, die aus den extrapotenten Lautsprechern dringen, dass ich befürchte, gleich seekrank zu werden. Es ist ungefähr achtzig Grad, und einige zeigen ähnlich viel Haut wie in der Sauna. Ich tippe auf Tänzer, die sind natürlich stolz auf ihre Körper, in die sie so viel Arbeit gesteckt haben. Aber Personen mit exhibitionistischer Veranlagung gibt es auf einem College für darstellende Künste natürlich einige.
Ich streife meine Lieblingsstrickjacke von der Schulter, die ihre besten Tage schon lange hinter sich hat, und stopfe sie in meine Umhängetasche. Der Raum ist voll, was wohl das Zeichen einer guten Party ist, aber es drängen tatsächlich immer noch mehr Leute herein. Der DJ, ein Student, der mit Kopfhörern hinter einem altmodischen Mischpult steht und betont busy herumwirbelt, wechselt das Tempo und blendet kurz in ein anderes Lied.
Jetzt wird der Beat zusätzlich von gerappten Schimpfwörtern begleitet, die direkt aus der South Bronx stammen könnten. Ich glaube, ich bin allerdings die Einzige hier, die jemals dort war. Die Studenten kommen von überallher, einige sogar aus Europa oder Asien, aber gewiss nicht aus der South Bronx. Normalerweise habe ich nichts gegen laute Musik, aber ich vermute, hier soll vor allem das Vernunftzentrum im Gehirn ausgeschaltet werden, um das Stammhirn ans Steuer zu lassen. „Get the fuck out of my way, you fucking dirty puss, he cummed all on my gown“, singt der DJ noch mal laut ins Mikro mit.
„So viele Schimpfwörter in einem einzigen Satz muss man erst mal schaffen“, bemerke ich.
„Solche Lieder waren an meiner Highschool komplett verboten“, schreit Hazel schmerzhaft laut zurück in mein Ohr. „Cool. Sollen wir uns was zu trinken besorgen?“
„Klar“, brülle ich zurück. „Willst du was holen? Ich warte hier und halte den Platz frei?“, schlage ich vor. Wobei nicht ganz klar ist, welchen „Platz“ ich genau frei halte, aber sich durch die Menge zu drängeln erscheint mir noch weniger erstrebenswert, und jeder Quadratmeter muss definitiv verteidigt werden.
Für einen Moment sehe ich Nervosität in Hazels Blick. Dann scheint sie sich zu sammeln. Sie nickt. „Was möchtest du denn?“
„Irgendetwas“, erwidere ich und lächele ihr beruhigend zu. Sie wirkt aufgeregter als ich, bevor ich auf die Bühne muss. Vielleicht ist sie von Natur aus immer hibbelig.
„Möchtest du was von dieser Willkommensbowle?“, fragt sie und zupft ihren Jeansrock weiter nach unten.
„Du siehst gut aus, wirklich. Der Rock ist nicht zu kurz“, bestätige ich ihr. „Er verdeckt deinen Po, was hier nicht selbstverständlich ist.“ Ich deute auf ein Mädchen neben uns, dessen Shorts komplett unter ihrem T-Shirt verschwindet, sodass nicht klar ist, ob sie überhaupt eine Hose trägt.
„Ist er zu lang?“, fragt sie und sieht noch verunsicherter aus.
„Er ist perfekt“, sage ich.
Sie blickt mich dankbar an. „Also Bowle?“
„Die Bowle, die sie allen direkt am Eingang andrehen wollen?“ So penetrant, wie die älteren Studenten, die diese Party organisiert haben, jedem Neuankömmling die Bowle einflößen wollen, bin ich mir sicher, dass jede Menge harter Alkohol drin ist. Dabei sind die meisten hier unter einundzwanzig, aber vielleicht schaut da in Montana niemand so genau hin. Ich schüttele den Kopf.
„Bier?“, fragt sie eifrig und fährt dabei durch ihre feinen dunklen Haare, um sie neu zu arrangieren. Sie hält ihren Arm hoch, an dem ein dunkelrotes Band klebt, das bestätigt, dass sie Alkohol trinken darf, und zwinkert mir zu. „Das haben die eigentlich an alle verteilt.“ Sie hat große Augen und auffallend gerade Augenbrauen. Sie ist hübsch mit einem fast puppenartigen Gesicht und kann bestimmt mit dreißig noch Teenager spielen, was in ihrem Beruf wahrscheinlich von Vorteil ist. Zudem ist sie ungefähr einen Kopf kleiner als ich. Auf ihrem T-Shirt steht: „Ich bin nicht verrückt, ich probe meinen Dialog.“ Ich glaube, sie ist ziemlich stolz, hier zu sein.
Ich nicke. „Klar. Bier ist gut.“ Ich mag kein Bier, aber ich will es nicht unnötig kompliziert machen. „Ich warte hier“, füge ich auf ihren fragenden Blick hinzu. Sie dreht sich um und schiebt sich durch die Menge Richtung Bar. Sie kommt aus einer Kleinstadt in Ohio und hat mich schon zweimal gefragt, ob ihr Look nach Kleinstadt aussieht, als ich erzählt habe, dass ich aus New York komme. Dabei fühle ich mich definitiv nicht wie das coole Großstadtmädchen mit Fashion-Sense. New York kennt halt jeder, ihr Kuhdorf aus Ohio, wie sie es selbst genannt hat, nicht.
Die Leute kommen an diesen verlassenen Ort an der Grenze von Montana zu Idaho, weil das Montana College of Performing Arts, auch Montana Arts College genannt oder kurz MCPA, einfach eines der besten Colleges ist, wenn man etwas in Tanz, Film oder Schauspiel erreichen will. Ich bin hier, weil man im Ballettprogramm des MCPA neben dem Collegeabschluss eine der besten Tanzausbildungen der USA bekommt. Aber vor allem, weil ich vor anderthalb Jahren, bei dem letzten Wettbewerb, an dem ich teilgenommen habe, ein Stipendium gewonnen habe, das ich nie eingelöst hätte, wenn alles normal verlaufen wäre. Ich hätte New York nie verlassen. Ich liebe New York. Und meine Eltern vermisse ich auch. Die Musik dröhnt, und links neben mir lacht sich eine Gruppe über einen Witz kaputt. Vielleicht demonstrieren sie auch nur, dass sie ihn verstanden haben. Ich fühle mich so unglaublich fehl am Platz. Und dann denke ich an New York, aber anders, als ich eigentlich wollte, ich denke daran, wie mein Gesicht zum letzten Mal an Maxwells Schulter gelegen hat, seine Hand unter meinem Shirt. Ich weiß noch genau, wie es war, wenn er mit seinen Fingern seitlich an meinem Busen entlanggefahren ist, unauffällig unter meiner dicken Jacke, schließlich saßen wir häufig auf einer öffentlichen Bank in der Nähe des Apple-Ladens an der Upper East Side, viele Subwaystationen weg von zu Hause. Sonst wären wir wieder weitergegangen, jedenfalls, wenn es nach mir gegangen wäre. Aber es war nie leicht gewesen, einen geeigneten Ort zu finden zwischen dem Training und der Schule. Anfangs hatte es ewig gedauert, bis Maxwell überhaupt bei meinem Busen angelangt war, und jede Sekunde davon hatte sich ziemlich gut angefühlt. Es gefiel uns beiden, als wir endlich weitergingen, nur hatte ich selten Zeit. Dann hatte er leise in meine Haare geflüstert. „Es tut mir so leid, aber ich glaube, das geht nicht mehr mit uns.“ Was er meinte, war: Ich glaube, ich möchte hier lieber mit Seraphina sitzen und ihren Busen anfassen. Seraphina hatte immer Zeit und wohnte ebenfalls an der Upper East. Nur wusste ich das damals noch nicht, und ich weiß nicht, ob es deshalb mehr oder weniger wehgetan hat. Maxwell hatte einen passenden Zeitpunkt gewählt: genau zwei Wochen nach meiner Diagnose, auch wenn das „nichts damit zu tun hatte“ und er mir lieber nicht den Grund erklären wollte, weil das „würde mich ohnehin nur verletzen“. Er war so rücksichtsvoll.
Hazel ist in der Menge verschwunden. Vielleicht sucht sie nach jemandem mit ausgeprägterem Party-Vibe, weil sie spürt, dass ich hier nicht alt werde. Mit mir hat sie jemanden, zu dem sie zurückkommen kann, um nicht allein herumzustehen. Aber für ein paar Dinge waren die letzten anderthalb Jahre auch gut. Allein auf einer Party herumzustehen schreckt mich wirklich nicht mehr. Ich habe kein Problem damit, ihr Party-Anker zu sein, außer dass der Anker hier bald gelichtet wird und ich nach Hause gehen werde. Ich will morgen trainieren. Ich muss trainieren, denn meine alte Form habe ich noch nicht zurück. Ich bin erst heute angekommen, weil ich noch einen Arzttermin in New York hatte, und die sind seit anderthalb Jahren heilig. „Sie sind gesund“, hat der Arzt mir bestätigt. „Vergessen Sie einfach, dass Sie jemals krank waren.“ Sehr lustig. Ein Vergessens-Serum hatte er nämlich nicht. Morgen wird das Training ohnehin schlimm, weil meine Beine sich erst mal wieder lockern müssen, nach dieser ewig langen Busfahrt im Greyhound mit den Leuten neben mir, die zwar alle paar Stunden gewechselt, aber immer verlässlich gestunken haben. Nur die Nuance hat gewechselt, mal mehr nach Schweiß, mal mehr nach in Alufolie eingewickeltem Taco, mal nach zu dick aufgetragenem Billig-Aftershave. Allein bei dem Gedanken muss ich mich schütteln.
„Hi, habe ich dich nicht schon mal gesehen?“ Die Musik ist minimal leiser geworden, vielleicht hatten noch andere Studenten Angst um ihr Gehör. Neben mir steht ein Typ, dicke hellbraune Haare, eine scharfe Narbe auf der rechten Wange, die nicht entstellend, aber irgendwie auffällig ist, vielleicht, weil der Rest an ihm so makellos ist. Ja, ich habe ihn schon mal gesehen.
„Klar, hey“, sage ich, weil ich seinen Namen vergessen habe.
Jetzt blinzelt er verwirrt.
„Ah, sorry“, sagt er dann. Sein Ausdruck verrät ihn. Er hat keine Ahnung, wer ich bin. Das war gerade nur ein Spruch gewesen. „Wir wohnen im gleichen Haus“, erinnere ich ihn. Dort sind wir uns vorhin im Flur über den Weg gelaufen. Vielleicht ist er auch einer der Typen, die dunkelhaarige Mädchen verwechseln, weil sie nur bei den Blondinen genauer hinschauen.
„Klar weiß ich, dass du aus meinem Haus bist“, stellt er dann fest, stolz über seinen Geistesblitz. „Natürlich habe ich dich erkannt.“
„Natürlich“, bestätige ich ironisch.
Er erinnert mich an bestimmte Typen aus New York, dieser bewusst verkommene Harvard-Club-Chic: beige Hosen, ein teures Hemd, das lässig aus der Hose hängt, und, nun ja, seine rot unterlaufenen Augen sprechen Bände. Vielleicht hat er mich auch nicht wiedererkannt, weil er so neben sich steht.
„Du hast mir deinen Namen aber immer noch nicht verraten. Ich bin Nate. Filmprogramm.“
„Yuna“, erwidere ich. „Klassischer Tanz“, imitiere ich seine Art, sich inklusive Studienschwerpunkt vorzustellen. Machen viele hier so. Jeder verpasst sich sein Studienfachlabel, das habe ich in den wenigen Stunden, seit ich hier bin, schon gelernt.
Ich warte darauf, dass er so was sagt wie „hübscher Name“.
„Hübscher Name“, bemerkt Nate.
Bingo. Manchmal ist meine Menschenkenntnis echt unschlagbar. Er zieht die Worte beim Sprechen. Er ist bekifft, wahrscheinlich auch betrunken. Sein Atem riecht nach irgendetwas Hochprozentigem. Vielleicht ist es auch die ominöse Begrüßungsbowle.
„Ich hoffe wirklich, dass das Studium hier hält, was es verspricht, wenn man dafür schon in dieses Nest kommt. Ich meine, die einzigen Partys, die es hier gibt, sind die auf dem Campus?“ Er schüttelt in demonstrativer Fassungslosigkeit den Kopf.
„Ich bin auch weniger zum Partyfeiern gekommen als zum Tanzen“, erwidere ich.
„Du klingst ein bisschen wie meine alte französische Gouvernante“, erwidert Nate schmunzelnd.
Ich fürchte, er hat recht. Schlimmer ist: Ich fühle mich auch wie eine französische Gouvernante. Aber ich bin es gewohnt, der Party-Pooper zu sein, das kann jede Tänzerin.
„Keine Sorge, ich mag das. Hast du auch eine kleine Peitsche in der Handtasche?“ Er wackelt mit den Augenbrauen.
Ich verziehe das Gesicht. „Hat dir schon mal jemand gesagt, dass dein Humor ziemlich einfach gestrickt ist?“
„Nicht nur mein Humor, ich bin einfach gestrickt. Ist ja nichts Schlechtes“, sagt Nate. „Frauen mögen das.“
„Wie kommst du darauf?“
„Ich mache Studien darüber, welche Tinder-Bios am besten funktionieren. Und das Ergebnis ist eindeutig.“
Ich verdrehe die Augen.
„Hey, auf Tinder kann man auch einfach so nette Leute kennenlernen.“
„Klar, auf Tinder findet man Freunde, genauso, wie man auf Youporn was über Filmschnitt und Kameraeinstellungen lernen kann.“
Er grinst, und tatsächlich bildet sich ein Grübchen in seiner Wange, das ihn viel jungenhafter erscheinen lässt.
„Hey, hey, hey, das hast du gesagt. Ich bin schockiert.“
„Und, welches sind deine erfolgreichsten Bios?“
Nate denkt nicht lange nach. „Suche Badass Girl. Good Ass schon vorhanden.“
„Nicht dein Ernst. Und darauf antworten Leute?“
Er nickt nachdrücklich. „Richtig gut lief auch der hier: Ich mag safe Sex. Ich binde dich fest, dann fällst du nicht herunter.“
„Ich verliere den Glauben an die Menschheit.“
„Dann sollte ich dir nicht sagen, dass ich habe mommy issues auch gut abging.“
„Ich habe Angst zu fragen, was deine aktuelle Bio ist.“
Er holt sein Telefon heraus, tippt kurz und hält es mir unter die Nase. Unter einem vorteilhaften Foto von Nate mit einem sehr süßen Hund steht:
Vorteile:

Teile mein Netflix-Passwort.
Kann mit der Zunge eine Schleife binden.
Kann 11 Hotdogs auf einmal essen.
Mag Haustiere.
Keine Angst vor Spinnen.

Nachteile:
Hyperaktiv.
Esse 11 Hotdogs auf einmal.
Klaue möglicherweise dein Haustier.
Brauche viel Raum beim Schlafen.

„Du hast einen Hund?“
„Nein, der ist von einem Freund. Tiere klappen gut. Aber am MCPA läuft Tinder nicht. Hier muss man wahrscheinlich oldschool Leute treffen.“ Er zuckt mit den Schultern.
Irgendwie klingen der Akzent und die Art, wie er redet, vertraut. Ich habe eine Vermutung. „Woher kommst du?“
„New York“, sagt er tatsächlich, und es schwingt ein bisschen Arroganz mit. Er glaubt wohl, aus der coolsten Stadt der Welt zu kommen und mit einem Landei zu sprechen.
„Ach wirklich“, sage ich beeindruckt. „Das ist ja total cool.“
Er fährt sich durch die Haare. „Ja, ich kann mir noch nicht richtig vorstellen, drei Jahre hier zu verbringen. Weißt du, die meisten haben Vorurteile, was die Menschen dort angeht. Aber New Yorker sind viel freundlichere Menschen, als ihr Ruf vermuten lässt.“ Er kneift die Augen zusammen, als wollte er scharf stellen. „Wobei mir diese Party ganz gut gefällt.“ Er lächelt mich an, dann gleitet sein Blick wieder über die vielen kurzen Röcke und kleinen Oberteile und bleibt an einem nackten Oberschenkel in unserer nächsten Umgebung kleben.
„Aber wenn du in New York wohnst und es so magst, wieso bist du nicht dort zur Filmhochschule gegangen?“
Er reißt seinen Blick vom Oberschenkel los und mustert mich interessiert mit seinen hellen Augen, als wollte er prüfen, ob ich irgendwelche versteckten Absichten mit dieser Frage verfolge.
„Es war keine Option“, erwidert er vage.
Alles klar. So kann man es auch formulieren, wenn man abgelehnt wird. Aber ich sage es nicht laut. Er wirkt nicht wie jemand, der schon viele Ablehnungen im Leben eingesteckt hat. Ein Typ, der an uns vorbeigeht, stolpert und fällt fast auf mich drauf, dabei verschüttet er seinen Drink zum Teil auf Nates Hose. Nate reißt ihn nach hinten zu sich und schiebt ihn in die Waagerechte. „Pass doch auf, du Arschloch“, sagt er.
Er hält den schlaksigen, blonden Typ fest im Arm vor seiner Brust.
„Du kannst mich jetzt wieder loslassen, außer du stehst auf mich“, sagt der Typ unbeirrt, formt einen Kussmund und zwinkert Nate zu. Der verdreht die Augen und lässt ihn los.
„Falls du mal was Neues ausprobieren willst, melde dich einfach.“ Der Typ wendet sich mir zu. „Heeeeey, ich wollte mich eigentlich dir kurz vorstellen. Ich war wohl zu stürmisch.“ Er grinst. Ich lächele etwas unsicher.
Nate wirft mir einen prüfenden Blick zu, und ich zucke leicht mit den Schultern. Dann wendet er sich an den Typen. „Ich glaube, das kommt nicht so gut, wenn man innerhalb von dreißig Sekunden mit zwei Leuten flirtet. Das wirkt wahllos, Alter.“ Er klopft ihm zum Abschied auf die Schulter und schiebt ihn zur Seite. Hat er mich vorher angeschaut, um abzuchecken, ob ich Interesse an dem Typ habe, als würden wir hier im Team arbeiten?
„Ich glaube, ich bin der Einzige hier, der eine klare sexuelle Orientierung hat“, bemerkt Nate. „He/him auf der ganzen Linie.“ Und so ganz unrecht hat er möglicherweise nicht. Das Montana Arts College gilt als der liberalste Ort in ganz Montana.
„Vielleicht gibt es ja eine Selbsthilfegruppe für reiche, weiße Heterojungs“, schlage ich vor.
„Hey, du kannst ja richtig lustig sein, wenn du den Gouvernanten-Vibe ablegst.“
„Die Party ist nicht viel anders als in New York. Und wenn man viel Gras raucht, ist es bestimmt egal, ob man in New York ist oder hier.“
Immerhin ist er nicht zu bekifft, um aufzuhorchen, und er blickt mich mit neuem Interesse an. „Du wirkst nicht bekifft“, stellt er fest. „Meinst du etwa mich?“
Ich hebe meine Augenbrauen leicht an.
„Warte mal, du kommst auch aus New York? Hast du mich gerade auflaufen lassen und mich von den Vorzügen des Großstadtlebens erzählen lassen, obwohl du sie selbst kennst? Halt, kennen wir uns etwa von dort? Muss es mir unangenehm sein?“ Den letzten Satz begleitet ein selbstgefälliges Grinsen. Er nimmt noch einen Schluck aus seinem Glas.
„Kann es sein, dass du ein kleines bisschen von dir selbst eingenommen bist? Wohnst du zufällig Upper East? Ich war dort in der Ballettschule, vielleicht bin ich dir auf dem Weg zur Subway begegnet. Ich komme aus Queens.“ Ich kann mir gut vorstellen, dass er noch nie in Queens gewesen ist. An meinem Haus ist er höchstens mal auf dem Weg zum Flughafen vorbeigefahren, um in die Karibik oder sonst wohin zu fliegen. Jungs wie er kommen nicht nach Queens, die verlassen ihr goldenes Viertel nur für die Clubs im Village oder, wenn sie sich nach Abenteuer fühlen, Lower East Side.
Er wirkt beinahe ein wenig verlegen. Er weiß nicht so recht, woran er bei mir ist, und blickt mich fast entschuldigend an.
„Ich bin nicht so oft in Queens“, sagt er. „Wobei man hier wahrscheinlich auch aus New Jersey kommen kann und als New Yorker gilt, und wir wissen beide, dass New Jersey nicht zu New York gehört.“
Ich muss unwillkürlich lächeln. Meine Güte, ich vermisse zwar nicht die Partys, aber bei seinen Worten wird es eng in meiner Brust. Ich vermisse mein Zuhause jetzt schon.
Er kneift noch mal die Augen zusammen. Auf seinen Schläfen glänzen feine Schweißperlen. „Du bist ganz schön breit“, bemerke ich.
Sein Kopf schnellt zu mir herum. „Ist es so auffällig?“
Ich zucke mit den Schultern. Für andere vielleicht nicht, aber ich kenne es von Maxwell. „Ich muss gleich nach Hause“, erkläre ich. Vielleicht will ich klarmachen, dass ich nicht interessiert bin. Nicht, dass er wirklich Interesse gezeigt hat. Aber er weckt keine guten Erinnerungen in mir. Er erinnert mich zu sehr an Maxwell.
„Du meinst, es gibt keine Zigarette danach für uns?“, fragt er mit leidendem Gesichtsausdruck. So richtig enttäuscht wirkt er nicht. Er hat natürlich schon gemerkt, dass ich nicht brauchbar bin, um eine ausgelassene Party mit ihm zu feiern.
„Meine Freundin kommt aus Ohio, da zieht die New-York-Nummer mit Sicherheit mega“, kann ich mir nicht verkneifen hinzuzufügen, um ihn zu trösten.
„Kann es sein, dass du dich über mich lustig machst?“, fragt er. Doof ist er nicht.
„Kann sein, muss aber nicht sein.“ Ich zucke mit den Augenbrauen.
Er fährt sich durch die Haare. „Magst du sie mir vorstellen?“
Ich verdrehe die Augen. Er hat es natürlich ernst genommen. Vielleicht keine gute Idee, ihm Hazel vorzustellen. Aber ich weiß, dass Hazel sehr gern ein paar Leute treffen will, deshalb hat sie mich hierhergebracht. Sie wollte nur nicht kommen, ohne jemanden zu kennen. Wenn ich beide vorstelle, sind alle zufrieden, und ich kann ohne schlechtes Gewissen gehen. „Logisch. Sie ist zur Bar gegangen und nie wieder zurückgekommen, möglicherweise ist dir also jemand zuvorgekommen. Aber so weit kann dein Mitbewerber noch nicht sein.“
„Das klingt vielversprechend“, erwidert Nate. Irgendwie ist ein seltsames Einverständnis zwischen uns entstanden, als hätten wir geklärt, dass er der saufende Feiertyp ist und ich die disziplinierte Ballerina bin. Wir werden definitiv nicht kichernd gemeinsam im Bett landen, Friend-Zone. Wobei ich so weit jetzt noch nicht gehen würde, eher Leben-und-leben-lassen-Zone. Trotzdem ist er im Moment der mir vertrauteste Mensch an diesem ganzen College.
Wir drängen uns zwischen den aufgedrehten, sich laut unterhaltenden Studenten Richtung Bar vor. Die Musik hat jetzt einen besseren Rhythmus. Ich mag laute Musik, und ich liebe es, wenn sie den Körper übernimmt, die unterschiedlichen Vibrationen von Klassik und Pop, Hip-Hop. Ich gehöre definitiv nicht zu den Tänzerinnen, die nur Klassik hören.
Studenten stehen in Gruppen zusammen, schwer zu sagen, wer neu angekommen ist und wer schon länger hier ist. Es liegt so viel Energie in der Luft, Gelächter, Flirt, alle möchten sich von ihrer besten Seite zeigen oder von einer brandneu entworfenen, um schnell Freunde für eine großartige gemeinsame Collegezeit zu finden. Meine Agenda ist ein bisschen anders. Vor allem nicht ablenken lassen, volle Konzentration aufs Training, Sichtbarkeit nur im Tanzstudio. Ich werde sowieso nie wirklich dazugehören zu den Studenten, die hier die beste Zeit ihres Lebens haben wollen. Wenn die Krankheit mir nicht dazwischengekommen wäre, wäre ich schon lange in einer Kompanie. Jetzt ist es eben ein Umweg über dieses Tanzcollege, doch das Ziel ist das gleiche. Im Außenseitersein bin ich ziemlich gut. Wenn deine Eltern einen koreanischen Shop in Queens betreiben, deine Großmutter Mexikanerin ist und du an der Waganowa-Ballettakademie in New York mit einem Haufen Upperclass-Ballerinen getanzt hast, beherrscht man das. Der Unterschied ist, dass es diesmal kein Gefühl ist, sondern zu hundert Prozent stimmt. Ich habe nämlich ein paar Dinge in meiner Bewerbung weggelassen. Streng genommen, könnte man es auch als Lüge bezeichnen. Wie zum Beispiel fast ein ganzes Jahr, in dem ich gar nicht getanzt habe. Wenn man schon als schwache Ballerina anfängt, kann man die Karriere gleich vergessen, vor allem, wenn man sowieso schon in so vielerlei Hinsicht aus dem Rahmen fällt wie ich. Ich werde also freundlich und unsichtbar außerhalb des Tanzstudios sein. Früher habe ich mir eingebildet, dass ich irgendwann dazugehöre, wenn ich nett bin. Das bilde ich mir nicht mehr ein. Ich muss auch nicht dazugehören. Ich muss nur die Beste sein, sobald ich im Studio bin. Meine alte Ballettlehrerin Catherine in New York hat gesagt: „Erfolg ist einfach. Mach es ihnen unmöglich, dich zu übersehen.“
Die Lieder wechseln, ich erkenne ein paar echte Tänzer in der Gruppe der Tanzenden, die sich in einer Ecke gebildet hat. Sie können es natürlich nicht lassen, irgendwelche komischen Verrenkungen zu machen, um zu demonstrieren, wie gelenkig sie sind. Aber irgendwie beruhigt es auch. Montana und New York mögen völlig unterschiedlich sein, aber Tänzer sind überall gleich.
Okay, Hazel ist nirgends zu sehen. Ich hoffe, sie sucht mich jetzt nicht an der Stelle, wo wir gerade standen. Zum Glück bin ich groß, was als Ballerina ein Nachteil, als Partybesucherin aber ein Vorteil ist. Mein Blick trifft auf den des Typen hinter der Bar. Eine Lampe über dem Tresen strahlt aus einem komischen Winkel in seine Augen, sodass sie ein wenig überblau wirken, wie die Augen eines Huskys. Unsere Blicke hängen für einen Moment aneinander, über das Meer der Leute um uns herum hinweg. Sein Blick ist klar, ganz anders als bei Nate, der neben mir am Tresen hängt. Dann schaut der Barkeeper wieder weg und erledigt eine andere Bestellung, und ich schaue schnell zur Seite, weil mir plötzlich bewusst wird, dass ich ihn gerade etwas creepy angestarrt habe.
„Ich habe mir einen doppelten Moscow Mule bestellt. Ich würde dir natürlich auch einen bestellen, aber ich habe das dunkle Gefühl, dass du den nicht willst.“ Nate schenkt mir ein träges Lächeln. Trotz seines pseudoverwahrlosten Stils ist er attraktiv mit seinem klassischen Profil und den hohen Wangenknochen. Ich kann verstehen, warum Mädchen auf ihn abfahren. Früher hätte ich ihn auch attraktiv gefunden. Die Mädchen aus der Ballettschule standen auf solche Typen, da hing ein ganzer Lebensstil dran: Man tanzt bis Ende dreißig, dann Kinder und Sektfrühstück am Park mit den Freundinnen. Anschließend Kleider mit der Kreditkarte vom Familien-Trustfund für den nächsten Charity-Ball shoppen. Ab vierzig dann Pilates mit Personaltrainer statt Ballett. Ich blicke von Nate zurück zum Barkeeper, der mich abwartend und etwas genervt anschaut. Ich bemühe mich, diesmal nicht in seine Augen zu starren, die ohne das Licht wieder etwas normaler aussehen. Wie er sich wohl vorstellen würde? Schauspielprogramm? Design? Oder ist er einer der Studenten, die hier einen Abschluss in Englisch, Geschichte oder sogar Business machen? Er wirkt jedoch nicht so, als wollte er reden. Er will nur Bestellungen aufnehmen. Ein paar andere fixieren ihn schon demonstrativ mit Blicken und warten, bis sie endlich an der Reihe sind.
„Ich nehme ein Wasser. Mit Kohlensäure“, sage ich zu ihm.
Ich entdecke Hazel ganz in der Nähe. Sie unterhält sich mit einem anderen Mädchen mit feuerroten Haaren und einer auffälligen Blumenranke auf dem Oberarm, die in ihrem ausgeschnittenen Top perfekt zur Geltung kommt.
Hazel sieht sie mit großen Augen und leicht geöffneten Lippen so bewundernd an, als wäre sie das perfekteste Wesen, das sie je gesehen hat.
„Hazel“, rufe ich, allerdings nicht laut genug, um die Musik zu übertönen. In dem Moment schaut sie zu mir rüber, und ich gebe ihr ein Zeichen, dass sie zu mir kommen soll und ich mit ihr sprechen will. Sie blickt zur Rothaarigen zurück, die aber schon wieder mit jemand anderem spricht und Hazels bewundernde Blicke wohl nicht vermisst. Hazel kommt also herüber, und weil Nate in seinem teuren, lässig verknitterten Hemd neben mir sie anlächelt und dabei vollständig abcheckt, springt ihr Blick hektisch zwischen ihm und mir hin und her.

Ich schaue wieder zum Barkeeper. Er lächelt nicht, aber er sieht auch nicht unfreundlich aus. Er wirkt, als hätte er die Situation mit Hazel und Nate richtig erfasst. Quatsch. Diese Augen irritieren mich, wahrscheinlich denkt er gerade an etwas völlig Unspektakuläres wie die nächste Bestellung. Er füllt ein Glas mit Wasser und schiebt es vor mich.
„Mit besonders großen Eiswürfeln. Und extrastarker Kohlensäure. Partywasser.“
Sein linker Mundwinkel verzieht sich zu einem angedeuteten Lächeln und lenkt die Aufmerksamkeit auf seine geschwungenen Lippen. Seine Augen sind auch ohne das Licht ziemlich durchdringend. Er ist blond und hat im Gegensatz zu Nate gar nichts vom Upper-Class-Boy. Er trägt ein T-Shirt und darüber ein nicht zugeknöpftes, kariertes Hemd. Er sieht aus wie jemand aus der Gegend. Oder so, wie ich mir die Leute aus der Gegend so vorstelle. Aber ich höre jetzt auf, ihn anzustarren wie ein Groupie, nur weil er mir das Wasser mit einem kleinen Witz überreicht hat.
„Danke“, sage ich betont knapp, doch er hat sich schon dem nächsten Studenten zugewandt, um eine Bestellung aufzunehmen. Ein süßlicher Alkoholgeruch holt mich in die Wirklichkeit zurück. Er kommt von Hazel, die einen Becher mit der gefährlichen Bowle in der Hand hat. Ich hoffe, ich bilde mir nur ein, dass ihr Blick noch glasiger wirkt. Immerhin scheint ihre Unsicherheit ebenfalls weniger geworden zu sein.
„Ich wollte dich jemandem vorstellen“, erkläre ich ihr und wende mich zu Nate, der lässig am Tresen lehnt. Ich vermute allerdings, er nutzt diesen auch zur Stabilisierung seines Gleichgewichts.
„Das ist Hazel, Schauspielprogramm. Das ist Nate, Filmprogramm.“ Ich bin wie meine Mutter, wenn sie mir die netten koreanischen Söhne ihrer Freundinnen vorstellt. „Hey, vielleicht werdet ihr so ein Producer-Schauspieler-Team wie Ridley Scott und Russel Crowe. Oder Woody Allen und Diane Keaton. Dann möchte ich bitte, dass später im Abspann erwähnt wird, dass ich euch einander vorgestellt habe.“
Wenn ich mich nicht täusche, sind Hazels Wangen noch erhitzter als vorhin. Nate checkt sie weiter ab, aber ich bin mir nicht sicher, ob er das nicht entweder macht, um Hazel zu verunsichern, oder aus reiner Höflichkeit.
Hazel ist jedenfalls sofort interessiert, vor allem, als sie hört, dass er aus New York kommt. Nate ist charmant, auch wenn er betrunken ist, hat er das noch voll drauf.
„Ich hab’s dir doch gesagt“, raune ich Nate zu, als Hazel kurz abgelenkt ist, weil sie glaubt, jemanden aus ihrer Heimatstadt zu sehen.
Nate grinst und hebt seine Hand zum High Five.
„Der Typ war natürlich nicht der, der ich dachte“, erklärt Hazel, als sie zurückkommt. „Was ist los?“, fragt sie ein wenig nervös, so als ob sie Angst hat, etwas verpasst zu haben.
„Nichts“, beruhige ich sie. „Ich habe ihm ehrlicherweise vorher gesagt, dass du New York cool findest und wahrscheinlich mehr mit ihm flirten würdest als ich.“ Ich sage das so leise, dass Nate es nicht hören kann, auch wenn es ihn kaum stören würde. Ich stupse sie an, aber sie lacht zum Glück darüber. Wir sind vielleicht doch mehr auf einer Ebene, als ich anfangs dachte.
„Okay. Wenn es für dich in Ordnung ist, würde ich jetzt nach Hause gehen. Ich habe morgen früh Training.“ Das stimmt so halb. Es gibt kein offizielles Training, es ist mein eigener Plan.
„Am Wochenende?“, fragt Hazel.
Ich beuge mich noch weiter zu ihr und betrachte sie genau. Trotz des Bechers Bowle ist sie noch wesentlich nüchterner als Nate. „Der Typ flirtet jetzt mit dir, und wenn du ihm die Chance gibst, geht er mit dir ins Bett. Ich kenne solche Typen aus New York, nett, aber nichts für große Gefühle. Willst du mit mir nach Hause?“
Sie schüttelt den Kopf.
„Kann ich dich mit gutem Gewissen hierlassen, und es passiert nichts, was du nicht willst?“
„Glaub mir, ich bin froh, wenn überhaupt mal was passiert. Um mich brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ich mache nichts, was ich nicht will. Danke, dass du dich um mich gekümmert hast.“ Sie drückt kurz meinen Arm. Ein warmes Gefühl durchströmt mich. Hazel ist vielleicht unerfahren und überbehütet aufgewachsen, aber sie ist nicht so naiv, dass sie nicht weiß, dass sie naiv ist. Sie ist in Ordnung.
Nate hängt immer noch am Tresen, scannt geduldig die Menge. In seinem Zustand läuft die Zeit etwas langsamer.
„Okay, ich lass euch jetzt allein“, erkläre ich. „Ich wünsche euch einen schönen Abend.“ Nate hebt lässig eine Hand. Bei allem demonstrativen Abchecken von Hazel habe ich den Eindruck, dass sie ihn nicht ernsthaft interessiert. Vielleicht, weil er denkt, dass Hazel leichte Beute sein würde? Letztlich steht er wahrscheinlich eher auf die Hard-to-get-Mädchen. Die Ballerinen, mit denen ich in New York getanzt habe, beherrschen dieses Spiel perfekt. Und es ist nicht so, dass ich mir das nicht abschauen konnte in den letzten Jahren. Nur ist das eine Mal, als ich versucht habe, genauso zu sein, so schiefgegangen, dass ich zumindest aus dem Grund froh bin, New York hinter mir gelassen zu haben. Leute wie dieser Nate enden mit arroganten Bitches, die dann zu anstrengenden Upper-East-Side-Diven werden – nicht mit unschuldigen Kleinstadtmädchen wie Hazel.
Okay, wahrscheinlich bilde ich mir etwas zu sehr ein, alles durchschaut zu haben. Wäre meine Menschenkenntnis wirklich so gut, wäre ich schließlich nicht selbst gegen die Wand gefahren. Nach meiner Verabschiedung drehe ich mich ein letztes Mal um. Der Student im karierten Hemd hinter dem Tresen ist mir mit Blicken gefolgt. Vielleicht auch nicht. Er tut es auf jeden Fall nicht demonstrativ. Im Gegenteil, jetzt schaut er wieder weg. Irgendwie spüre ich jedoch diesen Blick in meinem Bauch. Mein Kopf brummt von der Musik, den vielen Leuten. Draußen schlägt mir die kühle Abendluft entgegen, und gierig sauge ich sie ein. Nachdem die Tür hinter mir zugefallen ist und die Musik abrupt abgeschnitten, herrscht totale Stille. So eine tiefe Stille, die sich bis in die Ferne zieht, gibt es in New York gar nicht. Wenn New York zu Ende ist, kommen die Vororte. Hier in Montana werden Stimmen meilenweit getragen, weil keine Hindernisse im Weg liegen. So eine Stille habe ich noch nie erlebt, und sie macht mich nervös. Ich bin froh, dass ich auch nach ein paar Hundert Metern noch die Musik der Party höre, wenn die Tür kurz aufgeht. Ich hole schnell mein Handy raus und notiere, was ich heute getrunken und gegessen habe. Als ich fertig bin, ist es immer noch still. Dieser Nate kann sich das wahrscheinlich gar nicht vorstellen, aber ich liebe Queens viel mehr als die Upper East Side. Es ist nicht chic, aber ich mag die Ecke, wo wir wohnen, und wenn das Rauschen der Autos im Sommer durch die Fenster schallt, fühlt man sich auf jeden Fall nicht allein. Ich mag die vielen Hispanics, die Menschen, die ihre kleinen Läden und Imbisse betreiben, die kargen Sportplätze, wo man trotzdem so viel Spaß haben kann, und den koreanischen Deli-Shop meiner Eltern mit den Stammgästen. Mein Herz zieht sich zusammen bei dem Gedanken an zu Hause. Nein, natürlich, ich weiß, dass ich froh sein sollte, dass ich nicht in New York bin, sondern in Appleby, Montana. Genau auf der Grenze zu Idaho. No Man’s Land. Big Sky Country. The Gem State. Montana College of Performing Arts.



Zwei
Miles


Geradezu niedlich, dass diese reichen Studenten sich die Party mit ein paar Getto-Beats untermalen lassen, um sich verruchter zu fühlen. Ich habe sie noch nie auf einer Party erlebt. Sie sind aufgeregt wie junge Welpen in der Hoffnung auf Futter. Sie bezahlen Tausende und Abertausende von Dollar, um hier studieren zu dürfen. Tanz, Schauspiel, diese Dinge, aus denen Träume sind. Sie wollen auf die Bühne. Ich will alles, nur nicht auf eine Bühne. „Fuck the dirty bitches“, singt Rapper Q. Und die Studis drehen auf, weil sie Dinge mitsingen, die sonst nie über ihre Lippen kommen würden. Es ist kochend heiß hier drin, weil die Klimaanlage irgendein Problem hat, aber ich glaube, die merken das alle nicht mal, so vollgepumpt mit Flirt-Hormonen, wie sie gerade sind.
Die Mädchen spielen ihr Spiel mit unglaublich viel Inbrunst und Überzeugung. Hey, ihr müsst euch gar nicht so anstrengen. Ich garantiere euch, dass die Jungs hier das Gleiche wollen. Ihr könnt einfach Klartext reden und dann gemeinsam nach Hause gehen! Dann kann ich nämlich auch nach Hause, mich juckt es in den Fingern, zurückzufahren. Oder in den Füßen. Die kleben allerdings am Boden, weil ein paar Besoffene Bier oder Bowle verschüttet haben. Ich weiß, dass hier die meisten ihre Armbänder, die ihnen das Trinken von Alkohol erlauben, nicht auf ehrliche Weise bekommen haben. Aber ich bin nicht der Babysitter, und wenn man in diesem Staat mit vierzehn Jahren eine Waffe besitzen und mit sechzehn heiraten darf, kann man wohl auch mit achtzehn Alkohol trinken.
Dieser Typ mit seinen Moscow Mule und dem weißen Leinenhemd nervt. Vorurteile sind da, um sich an ihnen zu orientieren, oder nicht? Der Typ findet sich geil, und wenn man sich selbst geil findet, stehen die Chancen gut, dass andere das auch tun. Oft genug erlebt. Ich will’s dem Mädchen neben ihm zuflüstern. Ich versuche die ganze Zeit herauszufinden, ob sie indianische oder asiatische Wurzeln hat. Eigentlich bin ich ganz gut in so was, weil ich zeitweise in Stadtgebieten gewohnt habe, wo jede nur erdenkliche Hautfarbe und ethnische Mischung zu finden war. Ich könnte sie stundenlang anschauen, aber dass sie sich mit diesem Hochstapler abgibt, ist deprimierend. Zum Glück habe ich keine Zeit, ständig hinzuschauen, weil die Studenten trinken, als wäre es das letzte und nicht das erste Mal für die Studienanfänger. Käme auch etwas komisch rüber. Aber wenn ich richtig einschätze, wie sie dasteht, legt sie nicht ihre ganze Energie in den Flirt, was für sie spricht. Sie ist selbst mehr wie ein Zuschauer. Hoffe ich zumindest. Ich gebe Sunnyboy einen weiteren Moscow Mule mit besonders viel Alkohol. Viel Spaß damit. Wenn er sich das weiter in dem Tempo reinkippt, bekommt er sowieso nichts mehr auf die Reihe, und mit einem total Weggetretenen haben dann auch die Mädchen keine Lust mehr. Das dürfte sogar noch stärker sein als diese widerliche Bowle, die sich die Studenten reinziehen wie Biolimonade. Keine Ahnung, ich fühle mich mindestens zwanzig Jahre älter als alle anderen, auch wenn hier wahrscheinlich sogar einige sind, die älter sind als ich. Das passiert mir häufiger, seit ich in Appleby lebe.

„Kannst du noch mal ein neues Fass von hinten holen?“, brüllt Matt mir ins Ohr, weil die Musik gerade so laut ist, als wären das keine Zwanzigjährigen, sondern Senioren mit Hörschaden. „It’s time for the nigga roll call. Show your middle finga, bitch“, singt eine Rapperin mit verärgerter Stimme. Leute, kriegt euch mal wieder ein.
Ich nicke ihm zu. Er ist in Ordnung. Matt hatte vorhin Rückenschmerzen, und mir macht es nichts aus, die schweren Dinger zu schleppen. Ich verlasse meinen Posten hinter dem Tresen, den wir vorhin erst provisorisch aufgebaut haben. Ich freue mich schon auf eine Dusche später, der Tag war lang. Und die Temperatur ist in der letzten Stunde um fünf Grad gestiegen.
Matt ist mein Boss im Books & Beans, dem Campuscafé, wo ich normalerweise jobbe. Und ich weiß jetzt wieder, warum ich die Studenten nicht dabei sehen will, wie sie Party machen. Es hinterlässt kein gutes Gefühl. Ich dränge mich an den verschwitzten Körpern vorbei und spüre dabei einige Blicke auf mir. Jeder schaut hier heute jeden an. Die Studenten zum Herbstsemester sind frisch angekommen, und alle sind im Check-up-Mode. Die älteren Semester sind da, angeblich, um die Neuen willkommen zu heißen, aber ganz ehrlich, die begutachten das Frischfleisch, „darstellende Künste“ hin oder her, da interessiert sich gerade niemand wirklich für. Der vertraute Geruch von Gras steigt mir in die Nase. Klar, dass sich einige erst mal zudröhnen, Papa hat ja das Studium schon bezahlt, da kann man sein Gehirn auch ausschalten. Okay, das ist unfair, vielleicht bin ich einfach neidisch.
Der Beat wird tiefer. Das Lied kenne ich, und es erinnert mich leider sofort an den Club in Chicago, wo ich mit Olivia war. Olivia. Der verbotene Gedanke. In mir breitet sich sofort dieses durchdringende Ziehen aus, ein merkwürdiger Schmerz, der definitiv nicht eingebildet ist. Diese Sehnsucht ist unerträglich, und doch hat sie sich wieder eingeschlichen. Ich möchte mich am liebsten schlagen für diesen Gedanken, obwohl das genauso wenig hilft, alles schon probiert. Inzwischen ist die Musik nur noch dumpf im Hintergrund, weil ich in den Flur gegangen bin, wo wir die Bierfässer gestapelt haben. Ich umfasse ein silbernes Fass, gehe in die Knie und hebe es hoch. Es liegt angenehm kalt in meinen Armen, dann hebe ich es mit Schwung auf die Schulter. Jetzt bemerke ich erst das Pärchen, das ein paar Meter weiter entfernt steht und anscheinend versucht, sich gegenseitig zu verschlingen. Sie bemerken mich garantiert nicht. Hektisch werfen die beiden ihre Münder hin und her, um herauszufinden, wer die Oberhand hat – wie in einem Kampf. Ich verdränge die Gedanken, die in mir hochsteigen, die Sehnsucht, die Bilder, die vor meinen Augen flackern, Olivia mit nach oben gestreckten Armen auf meinem Bett, ihre zu einem Strahl gebündelten Haare auf meinem Kissen. Bilder, die eine Welt zeigen, die so weit weg ist, die ich so vermisse.
Mit der Schulter stoße ich die Tür auf, sofort wird die Musik wieder laut.
„Ohh, du bist sooo stark“, ruft ein Mädchen mit feuerroten Haaren und einem knallrot geschminkten Mund laut genug, dass ich es noch über die Musik hinweg verstehe. Sie denkt, ich bin einer von ihnen. Für einen Moment bin ich perplex und weiß gar nicht, was ich sagen soll. Sie klimpert demonstrativ mit ihren Wimpern.
„Ich hatte gehofft, dass es jemand merkt“, erwidere ich dann.
Sie lacht, wirft dabei den Kopf nach hinten und zeigt ihre hyperweißen Zähne. Ich gehe schnell weiter. Es kommt mir falsch vor. Als würde ich mich hier einschleichen und vorgeben, etwas zu sein, was ich nicht bin. Am liebsten würde ich ihr sagen: Hey, ich bin kein Student. Du willst mich nicht kennenlernen. Ich bin nicht da, um jemanden kennenzulernen. Ich bin nur zu jung dafür, dass sich mein Leben in meinem Gesicht abgezeichnet haben könnte, aber alle Jugend an mir ist fake.
Das Fass ist scheißschwer. Das schöne Mädchen mit den auffallenden Augen steht immer noch in der Nähe des Tresens. Sie steht besonders aufrecht, als würde sie sich nach oben strecken, was ihr einen eleganten, stolzen Ausdruck verleiht. Sie ist groß und trägt ein schwarzes, eng anliegendes Shirt, ihre glatten dunklen Haare fallen nach vorn. Ich weiß nicht, warum, aber sie strahlt Kraft aus, Power.
Sie dreht sich in meine Richtung, als ich mich mit dem Fass an ihr vorbeischieben muss, und ich bemerke ihre Gegenwart viel zu genau, als würde eine Lupe auf sie gerichtet sein. Whatever. Andere Frauen sollten mich nicht interessieren. Ich bin vergeben.
Plötzlich sehne ich mich weg von dieser Party und bereue noch mal, dass ich angenommen habe, als Matt mich um Hilfe gebeten hat. Ich hätte auch sagen können, dass ich auf der Ranch gebraucht werde. Dass ich die Arbeitsaufträge der Murphys nicht ablehnen kann, weil sie mir Kost und Logis gewähren. Er hätte das geglaubt, auch wenn die Murphys mich immer ermutigen auszugehen. Ich sage gelegentlich, dass ich weggehe. Dann setze ich mich in den Pick-up und fahre eine Weile herum und höre Musik. Wenn ich zurückkomme, sind sie zufrieden, und ich bin es auch.
Drei Stunden später lässt Matt mich gehen, weil er den Rest allein schafft. Ich verspreche ihm, dafür morgen die Frühschicht im Books & Beans zu übernehmen, damit er ein bisschen länger schlafen kann. Er ist nicht jemand, der mich die lästigen Arbeiten machen lässt, er ist in Ordnung. Ich mag es, ihm zu helfen, er kommt aus der Gegend und ist selbst erst fünfundzwanzig, hat aber schon zwei Kinder und eine tolle Frau. Alles ist bei ihnen so harmonisch, kaum vorstellbar, dass man ein Leben führen kann, das so unkompliziert ist und wie aus einem Bilderbuch.
Draußen auf dem Parkplatz hinter dem Eclectic House, wo die Party stattgefunden hat, steht mein Pick-up. Nie werde ich den Moment vergessen, als Ellen Murphy mir das Auto gezeigt hat. Sie hat sich für die Roststellen entschuldigt und die vielen Beulen. „Aber es fährt, und du kannst es benutzen, so viel du willst. Es ist von Rich, und er braucht es nicht mehr, will es aber auch nicht verkaufen. Betrachte es wie dein eigenes.“ Ich hätte fast losgeheult. Auf dem Beifahrersitz liegt Spike und wartet auf mich. Er ist eine ziemlich wilde Hundemischung. Da ist alles drin, was die Straßen Chicagos zu bieten hatten. Seine Schäferhundohren sind gespitzt, sein Fell ist braun mit schwarzen Flecken, und nur am Bauch ist es weich. Auf dem Rücken ist es rauer, Regen perlt problemlos ab. Er blickt mich aus seinen wachen Augen an, als ich die Tür öffne. Sein linkes Auge wirkt größer, weil sich direkt darum ein schwarzer Sprenkel schließt. Er ist mir an einem Abend in Chicago einfach gefolgt. Er war voller Ungeziefer, ich wusste, dass sie ihn einschläfern würden, wenn er einmal im Hundeauffanglager landen würde. Wenn man so wenig nach Golden Retriever aussieht wie er, kann einem das passieren. Keine Ahnung, Tiere mögen mich schon immer, aber er hatte wirklich einen Narren an mir gefressen, nachdem ich nur einen Tag lang nett zu ihm war. So ausgehungert war er nach jemandem, der ihn weder gehauen noch ihm Befehle gegeben hat, einfach, um jemand anderen noch unter sich zu haben. Und irgendwie wollte ich ihn dann nicht enttäuschen. Nicht einen Tag nett sein und ihn anschließend fallen lassen. Jetzt blinzelt er mich an, und sein Schwanz schlägt auf den Beifahrersitz. Er hat geschlafen. Ich kraule ihn hinter den Ohren, und er lehnt seinen Kopf gegen meine Hand. Ich mag nicht zugeben, wie sehr ich den Hund liebe. Sonst bekommt er vielleicht Angst und haut ab. Ich habe keinen Schimmer, woher er kommt, wer seine Eltern sind. Vielleicht denkt er, dass wir etwas gemeinsam haben.
Vielleicht gibt es irgendeinen großen Plan, und Spike und ich sollten uns treffen. Ja, vielleicht werde ich spirituell und führe bald eine dieser fucking Dankbarkeitslisten in einem rosa Tagebuch. Ich mag mein Leben gerade. Es passiert nichts. Wenn Olivia kommt, wird sie überrascht sein. Ich kann es nicht erwarten. Genauso wenig kann ich erwarten zu schauen, was sie macht, wenn ich nach Hause komme. Früher fand ich Social Media bescheuert, jetzt bin ich froh über die Tanzvideos auf TikTok mit ihren Freundinnen.
„Alles klar? Party zu Hause?“, sage ich zu Spike, während ich den Motor aufheulen lasse und den Gang einlege. Spike wedelt mit dem Schwanz und sieht mich an. Er denkt, dass ich ihn gerettet habe, dabei ist es umgekehrt. Vielleicht wäre ich sonst das geworden, was alle anderen von mir erwartet haben.

„Julia K. Stein hat dieses einzigartige Talent, mich gleichzeitig zum Lachen, Fluchen und Weinen zu bringen. Intelligent, voller Gefühl und mit so viel originellem Witz schreibt sie sich mit jedem neuen Buch in mein Leserherz!“ 


Spiegel-Bestsellerautorin Stella Tack

Prickelnde College-Romance und New York Times-Bestseller

Blick ins Buch
The Deal – Reine VerhandlungssacheThe Deal – Reine Verhandlungssache

Roman

Sie lässt sich auf einen Deal mit dem College Bad Boy ein ...Hannah Wells ist verknallt. Doch während die gewissenhafte Einser-Studentin für gewöhnlich nicht auf den Mund gefallen ist, bringt sie ihrem Schwarm gegenüber leider kein Wort heraus. Sie ist ... verzweifelt. Warum sonst hätte sie sich auf das Angebot von Garrett Graham, dem selbstverliebten, kindischen und vor allem sturen Captain des Eishockey-Teams einlassen sollen? Der Deal: Sie gibt ihm Nachhilfe, damit er die Abschlussprüfung besteht, und er steigert Hannahs Popularität und damit auch ihre Attraktivität, indem er so tut, als wäre sie sein Date. Traurig aber wahr: Der Plan könnte aufgehen.„Eindeutig der beste College-Roman seit Langem! Ich habe viel gelacht, geweint, geschwärmt und geschmachtet. Extrem empfehlenswert!“ Aestas Book Blog 

Kapitel 1

Hannah

Er weiß gar nicht, dass es mich gibt.

Ich werfe Justin Kohl zum tausendsten Mal in fünfundvierzig Minuten einen verstohlenen Blick zu, und er ist so wunderschön, dass es mir die Kehle zuschnürt. Wobei ich mir vielleicht ein anderes Adjektiv für ihn ausdenken sollte. Meine männlichen Freunde behaupten nämlich, dass kein Mann als schön bezeichnet werden will.

Aber es gibt einfach kein anderes Wort, um seine markanten Gesichtszüge und seine gefühlvollen braunen Augen zu beschreiben. Er trägt heute eine Baseballkappe, aber ich weiß genau, was sich darunter versteckt: dichtes dunkles Haar, das so seidig wirkt, dass man am liebsten mit den Fingern hindurchfahren möchte.

In den fünf Jahren seit der Vergewaltigung hat mein Herz nur für zwei Männer geschlagen.

Der erste hat mich sitzen gelassen.

Und der zweite nimmt mich einfach nicht wahr.

Frau Professor Tolbert steht am Pult des Hörsaals und hält eine Standpauke. Die dritte in sechs Wochen.

Schließlich haben siebzig Prozent des Kurses in ihren Zwischenprüfungsklausuren eine Drei plus oder schlechter bekommen.

Und ich? Ich habe mal wieder eine Eins gekriegt. Und ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass mich die große, rot umkreiste Eins auf meiner Klausur nicht schockiert hätte. Im Grunde habe ich einfach nur Unmengen an Schwachsinn runtergeschrieben, um die Seiten zu füllen.

Philosophische Ethik wäre eigentlich ein Kinderspiel gewesen. Der Professor, der es normalerweise unterrichtete, hat immer hirnlose Multiple-Choice-Tests ausgeteilt, und seine Abschlussarbeit bestand darin, dass man einen persönlichen Aufsatz über ein moralisches Dilemma inklusive Lösungsvorschläge schreiben musste.

Aber zwei Wochen vor Semesteranfang ist Professor Lane an einem Herzinfarkt gestorben. Ich habe gehört, dass ihn seine Putzfrau auf dem Badezimmerboden gefunden haben soll – nackt. Armer Kerl.

Glücklicherweise (und das meine ich jetzt total sarkastisch) ist Pamela Tolbert eingesprungen, um Lanes Kurs zu übernehmen. Sie ist neu an der Briar University, und sie ist die Sorte Professorin, die will, dass man sich mit dem Stoff auseinandersetzt und eine Verbindung dazu aufbaut. Wenn dies ein Film wäre, dann wäre sie die junge, ambitionierte Lehrerin, die in einer Problemschule auftaucht und die ganzen unmotivierten Trottel inspiriert. Und plötzlich legt jeder seine Waffen nieder, um zum Stift zu greifen. Und im Abspann würde man erfahren, dass es die Kinder wundersamerweise nach Harvard geschafft haben. Hilary Swank hätte den Oscar schon so gut wie sicher.

Aber das ist nun mal kein Film, und das Einzige, was Tolbert in den Studenten hervorgerufen hat, ist Hass. Sie scheint aber noch immer nicht zu kapieren, warum keiner in ihrem Kurs Glanzleistungen abliefert.

Ein kleiner Hinweis: Sie stellt Fragen, über die man eine ganze verdammte Abschlussarbeit schreiben könnte.

„Ich bin bereit, jeden, der schlechter als Drei minus war, eine Nachprüfung machen zu lassen.“ Tolbert rümpft ihre Nase, als wäre ihr völlig schleierhaft, warum das überhaupt notwendig ist.

Was hat sie gerade gesagt? Sie ist „bereit“! Ja klar. Es haben sich nämlich schon jede Menge Studenten bei ihren Betreuern über sie beschwert, und ich nehme an, dass die Hochschulleitung sie dazu gezwungen hat, jedem eine zweite Chance zu geben. Es wirft kein gutes Licht auf Briar, wenn in einem Kurs über die Hälfte der Studenten durchfällt – insbesondere, wenn es sich dabei nicht nur um die schlechten handelt. Auch Einserkandidaten wie Nell, die schmollend neben mir sitzt, haben die Zwischenprüfung vergeigt.

„Noch ein paar Infos für diejenigen, die sich dazu entschließen, die Nachprüfung abzulegen: Es wird der Durchschnitt aus den beiden Noten ermittelt. Und wenn jemand beim zweiten Mal noch schlechter sein sollte als beim ersten Mal, dann zählt nur die erste Note“, beendet Tolbert ihre Erklärungen.

„Ich kann einfach nicht glauben, dass du eine Eins hast“, flüstert Nell mir zu.

Sie sieht so unglücklich aus, dass ich fast Mitleid für sie empfinde. Nell und ich sind nicht die besten Freundinnen, aber wir sitzen seit September nebeneinander und haben uns dadurch zwangsläufig besser kennengelernt. Sie macht gerade ihr Vorbereitungsjahr fürs Medizinstudium und kommt aus einer sehr ehrgeizigen Familie, die sie teeren und federn würde, wenn sie von ihrer Note in der Zwischenprüfung Wind bekämen.

„Ich verstehe es auch nicht“, flüstere ich zurück. „Ernsthaft, lies meine Antworten. Nichts als wirres Zeug.“

„Das mache ich tatsächlich.“ Jetzt klingt sie sehr eifrig. „Ich würde nur zu gerne wissen, was man braucht, um von dieser Tyrannin eine Eins zu bekommen.“

„Ich scanne die Klausur ein und maile dir heute Abend die Datei“, verspreche ich ihr.

Sobald Tolbert uns entlassen hat, werden Laptops zugeklappt und Notizblöcke in die Rucksäcke gesteckt. Die enttäuschten Studenten springen von ihren Plätzen auf, um möglichst schnell den Hörsaal zu verlassen.

Justin Kohl steht neben der Tür und redet mit jemandem. Mein Blick durchbohrt ihn wie die Klinge eines Messers. Er ist wunderschön.

Habe ich schon erwähnt, wie schön er ist?

Meine Handflächen werden ganz feucht, als ich sein hübsches Profil begutachte. Er ist neu an der Uni, und ich habe keine Ahnung, wo er vorher war. Obwohl er schon nach kürzester Zeit zum Star des Footballteams geworden war, ist er nicht wie die anderen Sportstudenten an der Uni. Er stolziert nicht mit einem Grinsen über den Campus, als wäre er Gottes Geschenk an die Menschheit, und er hält auch nicht jeden Tag ein anderes Mädchen im Arm. Ich habe gesehen, wie er mit seinen Teamkameraden gelacht und herumgewitzelt hat, aber er hat eine intelligente Ausstrahlung, die mich zu der Vermutung bringt, dass er mehr auf dem Kasten hat. Und darum will ich ihn unbedingt kennenlernen.

Ich mache mir normalerweise nichts aus Sportlern, aber dieser hier hat mich in ein total verwirrtes Nervenbündel verwandelt.

„Du starrst ihn ja schon wieder an.“

Nells neckender Tonfall lässt meine Wangen erröten. Sie hat schon mehr als einmal mitbekommen, wie ich Justin anstarre, und sie ist einer der wenigen Menschen, die von meiner Schwärmerei für ihn wissen.

Auch meiner Mitbewohnerin Allie habe ich von Justin erzählt. Aber sonst niemandem. Die meisten meiner Freunde studieren Musik- oder Theaterwissenschaften. Ich nehme an, das macht uns zu Künstlern. Oder vielleicht sogar zu Emos. Mit Ausnahme von Allie, die seit dem ersten Semester eine On-off-Beziehung mit einem Studenten aus einer Verbindung pflegt, haben meine Freunde großen Spaß daran, die Elite von Briar zu verarschen. Ich mache da meistens nicht mit (Lästern ist unter meinem Niveau), aber um ehrlich zu sein: Die meisten beliebten Studenten sind komplette Idioten.

Ein typisches Beispiel ist Garrett Graham, der andere Sportstar in unserem Kurs. Der Trottel läuft herum, als gehörte ihm die Uni. Das tut sie wahrscheinlich auch irgendwie. Er muss nur mit dem Finger schnippen, und schon hängt ein Mädchen an seiner Seite. Oder springt auf seinen Schoß. Oder steckt ihm die Zunge in den Hals.

Aber heute sieht er gar nicht aus wie der Macker vom Campus. Fast jeder ist gegangen, auch die Professorin, aber Garrett bleibt auf seinem Stuhl sitzen und umklammert krampfhaft seine Klausur.

Wahrscheinlich ist er durchgefallen, aber mein Mitleid mit dem Kerl hält sich in Grenzen. Briar ist für zwei Dinge bekannt: Eishockey und Football. Die Sportler, die die Uni hervorbringt, werden fast alle zu Profis. Und während ihrer Zeit an der Uni bekommen sie alles auf dem Silbertablett serviert – inklusive Noten.

Das lässt mich vielleicht etwas rachsüchtig erscheinen, aber ich verspüre einen Anflug von Triumph, als ich erkenne, dass Tolbert auch den Captain unseres meisterlichen Eishockeyteams durchfallen lässt – genau wie alle anderen.

„Wollen wir uns einen Kaffee holen?“, fragt Nell und packt ihre Bücher zusammen.

„Ich kann nicht. Ich habe in zwanzig Minuten Probe.“ Ich stehe auf. „Geh schon mal vor. Ich muss erst noch auf den Stundenplan schauen. Ich habe vergessen, wann mein nächstes Seminar ist.“

Eine weitere „Sonderzulage“ in Tolberts Kurs: Neben unserer wöchentlichen Vorlesung müssen wir zweimal pro Woche an einem dreißigminütigen Tutorium teilnehmen. Zum Glück wird es von der Assistentin Dana geleitet, die über all die Eigenschaften verfügt, die Tolbert fehlen. Zum Beispiel Humor.

„Okay“, sagt Nell. „Bis später.“

„Bis dann“, rufe ich ihr nach.

Beim Klang meiner Stimme hält Justin im Türrahmen inne und dreht seinen Kopf in meine Richtung.

Oh. Mein. Gott.

Ich kann die Röte unmöglich aufhalten, die mir ins Gesicht schießt. Es ist das erste Mal, dass sich unsere Blicke treffen, und ich habe keine Ahnung, wie ich reagieren soll. Hallo sagen? Winken? Lächeln?

Letztlich entscheide ich mich für ein knappes Kopfnicken. Cool und lässig, wie es sich für eine kultivierte Studentin gehört.

Mein Herz macht einen Sprung, als sich sein Mund zu einem leichten Grinsen verzieht. Er nickt zurück – und verschwindet.

Ich starre auf den leeren Türrahmen. Mein Puls rast wie verrückt. Nach sechs Wochen, in denen wir im stickigen Hörsaal die gleiche Luft geatmet haben, hat er mich endlich bemerkt.

Ich wünschte, ich wäre mutig genug, ihm zu folgen. Ihn vielleicht zu fragen, ob er einen Kaffee trinken will. Oder essen gehen. Oder zum Brunchen. Moment – gehen Leute in unserem Alter überhaupt zum Brunchen?

Aber meine Füße kleben an dem glänzenden Laminatboden fest.

Weil ich ein Feigling bin. Ja, ein totaler Angsthase. Ich habe Angst davor, dass er Nein sagen könnte. Aber noch mehr Angst habe ich vor einem Ja.

Als ich mit dem Studium angefangen habe, war ich in guter Verfassung. Ich hatte meine Probleme einigermaßen überwunden und mein Schutzschild gesenkt. Ich war wieder bereit, mit jemandem auszugehen, und das habe ich auch getan. Ich habe mich mit mehreren Typen verabredet, aber abgesehen von meinem Exfreund Devon hat es keiner von ihnen geschafft, dass mein Körper auf ihn reagiert hätte – keiner bis auf Justin Kohl. Und das macht mich wahnsinnig.

Kleine Schritte.

Richtig, kleine Schritte. Das war der Lieblingsratschlag meiner Therapeutin. Und ich kann nicht leugnen, dass mir diese Strategie sehr geholfen hat. Konzentrier dich auf die kleinen Erfolge, hat Carole immer gesagt.

Mein heutiger Erfolg: Ich habe Justin zugenickt, und er hat mich angelächelt. Bei der nächsten Vorlesung lächle ich vielleicht zurück. Und bei der danach komme ich vielleicht auf die Sache mit dem Kaffee oder dem Essengehen oder dem Brunch zu sprechen.

Ich atme tief ein, während ich den Gang entlanglaufe, und klammere mich an dem Erfolgsgefühl fest, so winzig es auch sein mag.

Kleine Schritte.

 

Garrett

Ich bin durchgefallen.

Ich hab’s vermasselt.

Fünfzehn Jahre lang hat Lane Einser verteilt wie Pfefferminzbonbons. Und in dem Jahr, in dem ich den Kurs besuche? Da hört plötzlich sein Herz auf zu schlagen, und ich muss mich mit Pamela Tolbert rumschlagen.

Jetzt ist es offiziell. Diese Frau ist meine Erzfeindin. Allein der Anblick ihrer ausladenden Handschrift – die jeden freien Zentimeter auf den Seitenrändern meiner Klausur ausfüllt – bringt mich dazu, dass ich die Blätter am liebsten in kleine Fetzen reißen würde.

In den meisten meiner anderen Kurse habe ich Einser. Aber jetzt bekomme ich eine Sechs in Philosophischer Ethik. Zusammen mit der Drei plus in Spanischer Geschichte ergibt das einen Notendurchschnitt von Drei minus.

Ich brauche aber eine Drei plus, um Eishockey spielen zu dürfen.

Normalerweise habe ich kein Problem damit, meinen Notendurchschnitt oben zu halten. Auch wenn viele Leute das glauben, bin ich kein dummer Sportstudent. Aber es macht mir nichts aus, wenn die Leute das denken. Insbesondere Frauen. Es törnt sie wahrscheinlich an, mit dem großen, muskulösen Höhlenmenschen rumzumachen, der nur für eine Sache gut ist. Und da ich nicht auf der Suche nach etwas Ernstem bin, kommt es mir gerade sehr gelegen, immer wieder auf Mädchen zu treffen, die nur das eine wollen. Dadurch habe ich mehr Zeit für Eishockey.

Aber es wird bald kein Eishockey mehr geben, wenn mein Notendurchschnitt nicht besser wird. Das Schlimmste an Briar ist, dass unser Direktor Perfektion erwartet – akademisch und sportlich. Während andere Schulen Sportlern gegenüber nachsichtiger sind, herrscht in Briar eine absolute Null-Toleranz-Politik.

Diese verdammte Professorin. Als ich vor Kursbeginn mit ihr gesprochen und sie um ein paar Extrapunkte gebeten habe, hat sie mir in ihrer nasalen Stimme geantwortet, dass ich die Tutorien besuchen und mich der Lerngruppe anschließen solle. Beides hatte ich bereits getan. Wenn ich also kein Genie finde, das sich eine Maske mit meinem Gesicht aufsetzt und für mich diese Nachprüfung schreibt, dann bin ich verloren.

Ich bringe meine Frustration durch ein hörbares Stöhnen zum Ausdruck und sehe aus dem Augenwinkel, wie jemand erschrocken zusammenzuckt.

Ich erschrecke ebenfalls, weil ich dachte, ich wäre mit meinem Elend ganz allein. Das Mädchen, das normalerweise immer in der letzten Reihe sitzt, hat sich schon wieder umgedreht. Die Kleine geht die Treppen hinunter und aufs Pult von Frau Professor Tolbert zu.

Mandy?

Marty?

Ich kann mich nicht an ihren Namen erinnern. Wahrscheinlich, weil ich sie nie danach gefragt habe. Eigentlich ist sie ganz süß. Sogar sehr viel süßer, als ich gedacht habe. Hübsches Gesicht, dunkles Haar, geiler Körper – verdammt, warum ist mir dieser Körper nicht schon früher aufgefallen?

Aber jetzt fällt er mir auf. Die engen Jeans schmiegen sich über ihren knackigen Hintern, der förmlich nach Berührung schreit, und ihr Sweatshirt mit V-Ausschnitt gibt den Blick auf einen ziemlich beeindruckenden Vorbau frei. Ich habe allerdings keine Zeit, diesen erfreulichen Anblick zu genießen, denn sie erwischt mich dabei, wie ich sie anstarre, und wirft mir einen finsteren Blick zu.

„Ist alles in Ordnung?“, fragt sie mich schnippisch.

Ich hole tief Luft und murmle etwas vor mich hin. Im Moment steht mir nicht der Sinn danach, mich mit jemandem zu unterhalten.

Sie zieht ihre dunklen Augenbrauen hoch und schaut mich fragend an. „Entschuldigung, was für eine Sprache war das?“

Ich nehme meine Klausur in die Hand und schiebe den Stuhl zurück. „Ich sagte, es ist alles in Ordnung.“

„Dann ist ja gut.“ Sie zuckt mit den Schultern und geht weiter die Treppen hinunter.

Während sie einen Blick auf den Stundenplan wirft, ziehe ich meine Hockeyjacke über, stecke meine erbärmliche Zwischenprüfungsklausur in den Rucksack und mache ihn zu.

Die Dunkelhaarige geht wieder auf ihren Platz zurück. Mona? Molly? Irgendetwas mit M, aber mehr fällt mir nicht ein. Sie hält ihre Klausur in der Hand, aber ich mache mir nicht die Mühe, einen Blick darauf zu werfen, weil ich annehme, dass sie durchgefallen ist, wie alle anderen.

Ich lasse sie vorbei, bevor ich auch auf den Mittelgang trete. Ich könnte jetzt sagen, dass das der Gentleman in mir ist, aber das wäre gelogen. Ich will mir einfach noch einmal ihren Hintern ansehen, weil der verdammt sexy ist. Und ein zweiter Blick darauf kann ja nicht schaden. Ich folge ihr die Treppen hinauf Richtung Ausgang und bemerke erst jetzt, wie winzig sie ist. Ich bin eine Stufe unter ihr und kann ihr immer noch auf den Kopf sehen.

Gerade als wir bei der Tür angekommen sind, stolpert sie ohne ersichtlichen Grund, und ihre Bücher fallen auf den Boden.

„Mist, ich bin so ein Tollpatsch.“

Sie kniet sich hin, und ich tue dasselbe. Entgegen meiner vorherigen Behauptung kann ich nämlich sehr wohl ein Gentleman sein, wenn ich will. Und für einen Gentleman gehört es sich eben, ihr dabei zu helfen, ihre Bücher aufzuheben.

„Ach, das brauchst du nicht. Ich komme schon klar, danke“, meint sie.

Aber ich halte schon ihre Klausur in der Hand, und mir klappt die Kinnlade herunter, als ich ihre Note sehe.

„Wahnsinn! Du hast eine Eins?“, frage ich sie verblüfft.

Sie lächelt mich bescheiden an. „Verrückt, oder? Ich war mir hundertprozentig sicher, dass ich durchgefallen bin.“

„Das ist ja irre!“ Ich komme mir vor, als hätte ich Stephen Hawkins persönlich getroffen und als hielte er mir die Geheimnisse des Universums direkt unter die Nase. „Darf ich mir deine Antworten durchlesen?“

Sie zieht erneut die Augenbrauen hoch. „Das ist ziemlich dreist, findest du nicht? Wir kennen uns doch überhaupt nicht.“

Ich verdrehe die Augen. „Ich verlange ja nicht, dass du dich ausziehst, Baby. Ich will nur einen Blick auf deine Klausur werfen.“

„Baby? Nicht nur dreist, sondern auch noch ziemlich überheblich.“

„Ist dir ›Miss‹ lieber? Ich würde ja deinen Namen benutzen, aber ich weiß nicht, wie du heißt.“

„Natürlich weißt du das nicht.“ Sie seufzt. „Ich heiße Hannah.“ Dann macht sie eine bedeutungsvolle Pause. „Garrett.“

Okay, mit dem M lag ich ziemlich daneben.

Und mir entgeht auch nicht, wie sie meinen Namen betont. So als wollte sie sagen: Ha, aber ich weiß, wie du heißt, du Arschloch!

Sie sammelt ihre restlichen Bücher ein und steht auf, aber ich gebe ihr ihre Klausur nicht zurück. Stattdessen stehe ich ebenfalls auf und fange an, sie durchzublättern. Als ich ihre Antworten lese, rutscht mir das Herz noch tiefer in die Hose. Wenn es diese Art von Analyse ist, die Tolbert will, dann bin ich verloren. Ich weiß schon, warum mein Hauptfach Geschichte ist. Ich bin gut, was Fakten angeht – schwarz und weiß. Dies und das ist zu jener Zeit der und der Person widerfahren, und hier ist das Ergebnis.

Hannahs Antworten konzentrieren sich auf theoretischen Bullshit und darauf, wie die Philosophen auf die verschiedenen moralischen Probleme reagieren würden.

„Danke.“ Ich gebe ihr die Klausur zurück und stecke meine Daumen in die Gürtelschlaufen meiner Jeans. „Hör mal. Könntest du … würde es dir etwas ausmachen …“ Ich zucke mit den Schultern. „Du weißt schon …“

Ihre Lippen kräuseln sich, als würde sie versuchen, nicht zu lachen. „Nein, ehrlich gesagt weiß ich nicht, was du meinst.“

Ich hole tief Luft. „Würdest du mir Nachhilfe geben?“

In ihren grünen Augen – dem dunkelsten Grün, das ich je gesehen habe, umgeben von dichten schwarzen Wimpern – blitzt zunächst Überraschung und dann Skepsis auf.

„Ich bezahl dich auch“, füge ich hastig hinzu.

„Ach nein, ich erwarte nicht, dass du mich bezahlst. Aber …“ Sie schüttelt den Kopf. „Tut mir leid, ich kann nicht.“

Ich versuche meine Enttäuschung zu verbergen. „Komm schon, tu mir den Gefallen. Wenn ich die Nachprüfung versaue, sinkt mein Notendurchschnitt in den Keller. Bitte!“ Ich setze ein unschuldiges Grinsen auf, bei dem meine Wangengrübchen zu sehen sind. Das bringt normalerweise jedes Mädchen zum Schmelzen.

„Funktioniert das?“, fragt sie neugierig.

„Was?“

„Dieses Grinsen. Hilft es dir dabei, das zu bekommen, was du willst?“

„Immer“, antworte ich, ohne zu zögern.

„Fast immer“, korrigiert sie mich. „Weißt du, es tut mir leid, aber ich habe wirklich keine Zeit dafür. Ich springe sowieso schon zwischen Arbeit und Uni hin und her, und kurz vor dem Auswahlkonzert habe ich noch weniger Zeit.“

„Auswahlkonzert?“, wiederhole ich verständnislos.

„Stimmt ja, wenn es nicht gerade um Eishockey geht, hast du nichts auf dem Radar.“

„Wer ist jetzt überheblich? Du kennst mich doch gar nicht.“

Sie seufzt. „Mein Hauptfach ist Musik, okay? Und die musische Fakultät veranstaltet jedes Jahr zwei Auswahlkonzerte, eines im Winter und eines im Frühling. Der Gewinner erhält ein Stipendium im Wert von fünftausend Dollar. Das ist eine ziemlich große Sache. Wichtige Menschen aus der Branche kommen aus dem ganzen Land hierher, um zuzusehen. Agenten, Musikproduzenten, Talentscouts … Also, so gern ich dir auch helfen würde …“

„Das würdest du nicht“, murmle ich. „Du siehst so aus, als würdest du im Moment nicht einmal gerne mit mir reden.“

Sie zuckt mit den Schultern. „Ich muss jetzt zu meiner Vorlesung. Tut mir leid, dass du durchfallen wirst, aber falls es dir damit besser geht: Das Problem haben die anderen auch.“

Ich kneife die Augen zusammen. „Du nicht.“

„Ich kann nichts dafür. Tolbert scheint auf meinen Quatsch zu stehen. Da habe ich Glück.“

„Dieses Glück will ich auch haben. Bitte, Meisterin, bring mir diesen Quatsch bei.“

Ich bin kurz davor, vor ihr auf die Knie zu fallen und sie anzuflehen, aber sie geht schon Richtung Tür. „Du weißt, dass es eine Lerngruppe gibt, oder? Ich kann dir die Nummer geben.“

„Da bin ich schon drin“, murmle ich.

„Oh. Dann kann ich leider nichts mehr für dich tun. Viel Glück bei der Nachprüfung. Baby.“

Sie lässt mich frustriert zurück. Unglaublich. Jedes Mädchen an der Uni würde seinen Arm abhacken, um mir helfen zu können. Nur diese Frau rennt davon, als hätte ich sie gerade gebeten, eine Katze zu töten, damit wir sie Satan opfern können.

Und jetzt bin ich wieder da angekommen, wo ich war, bevor mir Hannah ohne M einen winzigen Hoffnungsschimmer gezeigt hat.

Total im Arsch.

 

Kapitel 2

Garrett

Meine Mitbewohner sind sturzbetrunken, als ich nach der Lerngruppe nach Hause komme. Auf dem Kaffeetisch liegen unzählige leere Bierdosen und eine fast leere Flasche Jack Daniels, von der ich weiß, dass sie Logan gehört. Seine Philosophie lautet nämlich: Bier ist was für Weicheier. Das sind seine Worte, nicht meine.

Im Moment spielen Logan und Tucker gerade eine Partie Ice Pro gegeneinander. Ihre verschwommenen Blicke sind auf den Flatscreen gerichtet, während sie wie wild auf ihren Controllern herumdrücken. Als Logan mich im Türrahmen bemerkt, ist er kurz abgelenkt, was er schon im nächsten Moment bereut.

„Ich mach dich fertig!“, schreit Tucker, als sein Verteidiger an Logans Torwart vorbei ins Netz schießt und der neue Punktestand aufleuchtet.

„Ach, verdammt!“ Logan drückt auf Pause und blickt mich finster an. „Wegen dir hab ich mich täuschen lassen, Garrett.“

Ich antworte nicht. Jetzt bin ich es nämlich, der abgelenkt wird – von dem wilden Rumgemache zweier halb nackter Menschen in der Wohnzimmerecke. Dean geht wieder mal voll zur Sache. Barfuß und mit nacktem Oberkörper fläzt er auf einem Sessel, während eine Blondine – nur mit schwarzem Spitzen-BH und Höschen bekleidet – rittlings über ihm sitzt und sich an ihm reibt.

Dean grinst mich über die Schulter des Mädchens an. „Garrett! Wo warst du denn, Mann?“, lallt er.

Bevor ich seine betrunkene Frage beantworten kann, geht er wieder dazu über, die Blondine zu küssen.

Aus irgendeinem Grund macht Dean mit Mädchen überall lieber rum als in seinem Schlafzimmer. Kaum drehe ich mich um, ist er schon wieder dabei, ein Mädchen zu verführen. Auf der Arbeitsplatte in der Küche, auf der Couch im Wohnzimmer, auf dem Tisch im Esszimmer – der Typ hat es schon in jeder Ecke des Hauses getrieben, in dem wir vier wohnen. Er ist eine männliche Hure und hat absolut kein Problem damit.

Zugegeben, ich bin auch kein Mönch, genauso wenig wie Logan und Tucker. Eishockeyspieler sind eben coole Typen. Wenn wir nicht auf dem Eis sind, findet man uns meistens in Begleitung einer süßen Cheerleaderin – oder gleich mit zweien. Oder sogar mit dreien, zumindest wenn man Tucker heißt und gerade Silvester ist.

„Ich simse dir schon seit einer Stunde“, informiert mich Logan.

Er lehnt sich mit seinen breiten Schultern nach vorne und nimmt die Whiskeyflasche vom Tisch. Logan ist einer der besten Verteidiger, mit denen ich je zusammengespielt habe. Und er ist mein bester Freund. Sein Vorname ist John, aber alle nennen ihn Logan, weil er dann leichter von Tucker zu unterscheiden ist, der heißt nämlich auch John mit Vornamen. Glücklicherweise ist Dean einfach nur Dean, weshalb wir ihn nicht mit seinem komplizierten Nachnamen anreden müssen: Heyward-Di Laurentis.

„Jetzt mal im Ernst, wo warst du?“, murmelt Logan.

„Lerngruppe.“ Ich nehme mir ein Bud Light vom Tisch und öffne es. „Was ist das denn für eine Überraschung, von der du mir die ganze Zeit geschrieben hast?“

Wenn ich mir die Grammatik seiner SMS anschaue, weiß ich immer genau, wie betrunken Logan ist. Und heute Abend muss er ziemlich betrunken sein, da ich einen auf Sherlock Holmes machen musste, um seine kryptischen Nachrichten zu entziffern. „Übrschng“ sollte Überraschung bedeuten. Aber BDAH war schon schwerer zu entschlüsseln. Ich denke, es sollte „Beweg deinen Arsch hierher“ bedeuten. Aber wer weiß das schon bei Logan?

Er grinst mich von der Couch aus so breit an, dass es an ein Wunder grenzt, dass sein Kiefer nicht ausgerenkt wird. Dann zeigt er mit dem Finger an die Decke und sagt: „Geh nach oben und finde es selbst heraus!“

Ich kneife die Augen zusammen. „Warum? Wer ist da oben?“

Logan kichert. „Wenn ich es dir sagen würde, wäre es ja keine Überraschung mehr.“

„Warum nur habe ich das Gefühl, dass du gerade etwas ausheckst?“

„Großer Gott“, mischt sich Tucker ein. „Du hast wirklich ein Vertrauensproblem, Garrett.“

„Sagt das Arschloch, das mir am ersten Tag des Semesters einen lebenden Waschbären ins Schlafzimmer gesetzt hat.“

Tucker grinst. „Ach, komm schon. Bandit war doch echt cool. Er war dein Willkommen-zurück-Geschenk.“

Ich strecke ihm den Mittelfinger entgegen. „Ja klar, allerdings bin ich dein Geschenk ja nur schwer wieder losgeworden.“ Drei Typen von der Schädlingsbekämpfung mussten einrücken, um den Waschbären wieder aus meinem Zimmer zu kriegen.

„Los, komm schon“, meint Logan. „Geh einfach nach oben. Vertrau mir, du wirst uns später danken.“

Der wissende Blick, den sie austauschen, macht mich misstrauisch. Zumindest ein bisschen. Und ich werde meinen Argwohn ganz sicher nicht komplett ablegen, nicht bei diesen drei Idioten.

Auf meinem Weg nach oben nehme ich zwei weitere Dosen Bier mit. Ich trinke während der Saison nicht viel, aber der Coach hat uns diese Woche freigegeben, damit wir für die Zwischenprüfungen lernen können. Und es bleiben immer noch zwei Tage übrig. Meine Teamkollegen, die Glückspilze, scheinen kein Problem damit zu haben, zwölf Bier zu trinken und am nächsten Tag trotzdem wie Champions zu spielen. Aber ich? Schon der kleinste Rausch führt bei mir zu Kopfweh, und dann rutsche ich auf dem Eis herum wie ein Kleinkind mit seinem ersten Paar Schlittschuhe.

Wenn wir wieder zurück im alten Rhythmus sind und sechs Tage die Woche trainieren, wird sich mein Alkoholkonsum wieder auf die übliche Eins-zu-fünf-Grenze beschränken. Ein Bier an Abenden mit Training, fünf nach einem Spiel. Ohne Ausnahmen.

Ich habe vor, die Zeit, die mir noch bleibt, richtig auszukosten.

Gewappnet mit den beiden Bierdosen gehe ich nach oben in mein Zimmer. Es ist das größte Schlafzimmer des Hauses. Ich war mir nicht zu fein, die Ich-bin-euer-Captain-Karte auszuspielen. Und die Diskussion mit meinen Teamkollegen hat sich mehr als gelohnt. Ich habe sogar ein eigenes Bad!

Meine Tür steht halb offen, was mich sofort misstrauisch macht. Vorsichtig blicke ich zum Türrahmen hinauf, um sicherzugehen, dass dort oben kein Eimer mit Blut oder etwas anderes Charmantes steht. Dann drücke ich die Tür ganz auf. Sie schwingt zur Seite, und ich schleiche langsam ins Zimmer, wobei ich auf jeden Angriff vorbereitet bin.

Und schon werde ich angegriffen.

Allerdings eher visuell, denn das Mädchen auf meinem Bett sieht aus, als wäre es einem Victoria’s-Secret-Katalog entsprungen.

Ich bin auch nur ein Kerl. Nicht einmal von der Hälfte der Dinger, die sie anhat, kenne ich den Namen. Ich sehe weiße Spitze, rosa Schleifen und jede Menge Haut. Und ich bin glücklich.

„Das hat aber lang gedauert.“ Kendall schenkt mir ein verführerisches Lächeln, das sagt: Ich werde dich glücklich machen, großer Junge. Mein gutes Stück reagiert sofort und wird unter der Jeans immer dicker. „Ich hätte dir nur noch fünf Minuten gegeben, bevor ich gegangen wäre.“

„Dann bin ich ja gerade noch rechtzeitig gekommen.“ Mein Blick schweift über ihr sexy Outfit, und ich sage gedehnt: „Hey, Baby, ist das alles für mich?“

Ihre blauen Augen verdunkeln sich verführerisch. „Das weißt du doch, du Hengst.“

Ich bin mir darüber im Klaren, dass wir uns anhören wie zwei Charaktere aus einem Billigporno. Aber wenn ein Mann in sein Schlafzimmer kommt und eine Frau dort vorfindet, die so aussieht? Dann ist er dazu bereit, jede schmutzige Szene nachzuspielen, die sie will. Auch wenn das bedeutet, dass er sich als Pizzabote verkleiden muss, der einer sexsüchtigen älteren Frau eine Lieferung bringt.

Kendall und ich sind uns im Sommer zum ersten Mal nähergekommen, aber eher aus Bequemlichkeit als aus einem anderen Grund. Wir waren in den Ferien beide in der Gegend und sind ein paarmal in die Bar gegangen. Das eine gab das andere, und ehe ich michs versah, machte ich mit einem heißen Mädchen aus einer Studentenverbindung rum. Aber das hatte sich vor den Zwischenprüfungen wieder gelegt, und außer ein paar heißen SMS hatte ich bis heute nichts mehr von Kendall gehört.

„Ich dachte, du willst vielleicht noch ein bisschen Spaß haben, bevor das Training wieder beginnt“, sagt sie und spielt mit ihren manikürten Fingern an der winzigen rosa Schleife an der Mitte ihres BHs herum.

„Da liegst du ganz richtig.“

Ein Lächeln legt sich auf ihre Lippen, und sie kniet sich aufs Bett. Verdammt, ihre Brüste quellen förmlich aus diesem Spitzending hervor, das sie anhat. Sie zeigt mit dem Finger auf mich. „Komm her.“

Ich verschwende keine Zeit und gehe auf sie zu. Wie schon gesagt, ich bin auch nur ein Kerl.

„Ich glaube, du bist ein bisschen overdressed“, bemerkt sie, packt mich am Hosenbund und öffnet den Knopf. Sie zieht den Reißverschluss nach unten, und nur eine Sekunde später springt ihr mein Schwanz in die erwartungsvolle Hand. Ich habe schon seit Wochen keine Wäsche mehr gewaschen und trage deshalb keinen Slip. Dem hitzigen Blick in ihren Augen nach zu urteilen, macht es sie total an, dass ich keine Boxershorts anhabe.

Als sie ihre Finger um meinen besten Freund schließt, entfährt mir ein Stöhnen. Es gibt wirklich nichts Schöneres als die Hand einer Frau, die an deinem Schwanz herummacht.

Falsch. Jetzt kommt Kendalls Zunge ins Spiel, und sie fühlt sich noch viel besser an als ihre Hand.

Eine Stunde später rollt sich Kendall neben mir zusammen und legt ihre Hand auf meine Brust. Ihre Unterwäsche und meine Klamotten sind über den Boden verstreut, außerdem liegen dort zwei leere Kondompackungen und die Tube Gleitgel, die wir gar nicht gebraucht haben.

Das Gekuschel ist mir irgendwie unangenehm, aber ich kann sie ja schlecht zur Seite schieben und vor die Tür setzen. Nicht, wenn sie sich mit ihrer Verführung so viel Mühe gegeben hat.

Aber das finde ich ebenfalls bedenklich.

Frauen ziehen sich doch für einen One-Night-Stand nicht so teure Unterwäsche an, oder? Ich glaube nicht, und Kendalls Worte bestätigen meinen unangenehmen Verdacht.

„Ich habe dich vermisst, Baby.“

Mein erster Gedanke: Scheiße.

Mein zweiter: Warum?

In der ganzen Zeit, die wir uns gesehen haben, hat Kendall kein einziges Mal versucht, mich näher kennenzulernen. Wenn wir keinen Sex haben, redet sie ohne Unterbrechung über sich selbst. Im Ernst, ich glaube nicht, dass sie mir auch nur eine persönliche Frage gestellt hat, seit wir uns kennen.

„Äh …“ Ich ringe nach Worten. „Ich hatte viel zu tun. Du weißt schon, die Zwischenprüfungen.“

„Ja, das weiß ich. Wir gehen auf dieselbe Uni, und ich musste auch lernen. Hast du mich vermisst?“

Verdammte Scheiße. Was soll ich darauf antworten? Ich werde sie nicht anlügen, weil ihr das nur noch mehr Hoffnungen machen wird. Aber ich kann auch kein Arschloch sein und ihr sagen, dass ich nicht einmal an sie gedacht habe, seit wir uns zum letzten Mal gesehen haben.

Kendall setzt sich auf und kneift ihre Augen zusammen. „Diese Frage lässt sich mit Ja oder Nein beantworten, Garrett. Hast du mich vermisst?“

Mein Blick schweift zum Fenster. Jawohl, ich befinde mich im ersten Stock und denke ernsthaft darüber nach, aus dem verdammten Fenster zu springen, um mich vor dieser Konversation zu drücken.

Aber mein Schweigen spricht Bände, und plötzlich springt Kendall vom Bett auf, ihre blonden Haare fliegen in alle Richtungen, und sie sammelt ihre Klamotten zusammen. „O mein Gott! Du bist so ein Arschloch! Du machst dir rein gar nichts aus mir, stimmt’s, Garrett?“

Ich stehe auf und greife nach meiner Jeans. „Ich mache mir schon etwas aus dir“, protestiere ich. „Aber …“

Wütend zieht sie ihren Slip an. „Aber was?“

„Aber ich dachte, wir wären uns einig darüber, dass wir nichts Ernstes wollen.“ Ich werfe ihr einen vielsagenden Blick zu. „Das habe ich dir von Anfang an gesagt.“

Ihr Gesichtsausdruck wird sanfter, und sie beißt sich auf die Unterlippe. „Ich weiß, aber ich … ich habe gedacht …“

Ich weiß genau, was sie gedacht hat – dass ich mich bis über beide Ohren in sie verlieben würde und aus unserem One-Night-Stand eine richtige Beziehung werden könnte.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, warum ich am Anfang einer Affäre überhaupt noch Regeln aufstelle. Meiner Erfahrung nach beginnt keine Frau eine Affäre und glaubt, dass es nur eine Affäre bleiben wird. Sie mag etwas anderes sagen und sich sogar selbst davon überzeugen, dass eine Affäre ohne jegliche Verantwortung für sie in Ordnung geht. Aber tief in ihrem Innern hoffen und beten alle Frauen, dass es zu etwas Festem wird.

Und dann komme ich, der Bösewicht in ihrer persönlichen romantischen Komödie, und lasse die Seifenblase platzen. Auch wenn ich ihr immer meine wahren Absichten genannt und ihr nicht für eine Sekunde falsche Hoffnungen gemacht habe.

„Ich lebe fürs Eishockey“, sage ich missmutig. „Ich trainiere sechs Tage die Woche, habe zwanzig Spiele im Jahr – oder mehr, wenn wir in die Nachsaison kommen. Ich habe keine Zeit für eine Freundin, Kendall. Und du verdienst weitaus mehr, als ich dir bieten kann.“

Sie blickt mich unglücklich an. „Ich will mehr als eine Bettgeschichte. Ich will deine Freundin sein.“

Ein weiteres Warum legt sich auf meine Lippen, aber ich beiße mir auf die Zunge. Wenn sie auch nur ein bisschen Interesse an mir gezeigt hätte, und zwar nicht nur an meinem Körper, dann würde ich ihr vielleicht glauben. Aber die Tatsache, dass sie das nie getan hat, bringt mich zu dem Schluss, dass sie nur mit mir zusammen sein will, weil ich eine Art Statussymbol für sie bin.

Ich schlucke meinen Frust hinunter und versuche es mit noch einer Entschuldigung. „Es tut mir leid, aber so sieht es im Moment bei mir aus.“

Als ich den Reißverschluss meiner Jeans schließe, konzentriert sie sich wieder darauf, ihre Klamotten anzuziehen. Obwohl das Wort Klamotten leicht übertrieben ist. Alles, was sie anhat, sind ihre Unterwäsche und ein Mantel. Das erklärt auch, warum Logan und Tucker wie Idioten gegrinst haben, als ich nach Hause gekommen bin. Wenn ein Mädchen im Mantel vor deiner Tür steht, dann weißt du verdammt gut, dass sie nicht viel drunter haben kann.

„Dann kann ich mich nicht mehr mit dir treffen“, sagt sie schließlich und blickt mir in die Augen. „Sonst entwickle ich nur mehr Gefühle für dich.“

Dagegen habe ich nichts einzuwenden. „Aber wir hatten Spaß, oder?“

Nach einem kurzen Moment lächelt sie. „Ja, wir hatten Spaß.“

Sie kommt auf mich zu und stellt sich auf die Zehenspitzen, um mich zu küssen. Ich erwidere ihren Kuss, allerdings nicht mit der gleichen Leidenschaft wie zuvor. Ich halte den Kuss für unverfänglich. Höflich. Die Affäre ist beendet, und ich werde sie nicht wieder heißmachen.

Ihre Augen funkeln schelmisch. „Lass es mich wissen, wenn du deine Meinung über feste Freundinnen änderst.“

„Du bist die erste Person, die ich anrufen werde“, verspreche ich ihr.

„Gut.“

Sie gibt mir einen Kuss auf die Wange und geht zur Tür hinaus. Ich bleibe zurück und wundere mich, wie einfach das war. Ich hatte mich schon auf einen Streit eingestellt, aber abgesehen von ihrer anfänglichen Wut hat Kendall die Situation wie ein Profi gemeistert.

Wenn nur alle Frauen so umgänglich wären wie sie.

Ja, das war definitiv eine Anspielung auf Hannah.

Sex regt immer meinen Appetit an, also gehe ich nach unten und suche nach etwas zum Essen. Es freut mich zu sehen, dass noch Reis mit Hühnchen von Tucker übrig ist, unserem Koch. Wir anderen können kein Wasser zum Kochen bringen, ohne es zu verbrennen. Tucker hingegen ist in Texas bei seiner alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, die ihm das Kochen beigebracht hat, als er noch in den Windeln steckte.

Ich setze mich in die Essecke und schiebe mir ein Stück Hühnchen in den Mund, als Logan nur mit Boxershorts bekleidet ins Zimmer kommt.

Er runzelt die Stirn, als er mich sieht. „Hey, ich habe nicht damit gerechnet, dich heute Nacht noch einmal zu sehen. Ich dachte, du wärst MFB.“

„MFB?“, frage ich mit vollem Mund. Logan liebt es, Akronyme zu verwenden, in der Hoffnung, dass wir sie als Slang einführen werden. In den meisten Fällen habe ich allerdings keine Ahnung, wovon er redet.

Er grinst. „Mit Ficken beschäftigt.“

Ich verdrehe die Augen und stecke mir eine Gabel Reis in den Mund.

„Ernsthaft, ist Blondie schon weg?“

„Ja.“ Ich schlucke runter, bevor ich weiterrede. „Sie kennt die Regeln.“ Die Regeln lauten: keine Freundin, keine Übernachtung.

Logan legt seine Unterarme auf die Arbeitsplatte, und seine blauen Augen leuchten, als er das Thema wechselt. „Ich kann es gar nicht erwarten, bis wir am Wochenende gegen St. Anthony’s spielen. Hast du schon gehört? Braxtons Sperre ist aufgehoben.“

Damit weckt er meine Aufmerksamkeit. „Echt jetzt? Er spielt am Samstag wieder?“

„Klar.“ Logans Gesichtsausdruck wird richtig schadenfroh. „Ich freu mich schon darauf, das Gesicht dieses Arschlochs am Boden zu sehen.“

Greg Braxton ist der Star von St. Anthony und ihr bester Linksaußen. Menschlich gesehen ist er ein Haufen Scheiße. Der Kerl hat eine sadistische Ader, und die lebt er auch auf dem Eis aus. Als unsere Mannschaften in der Vorrunde gegeneinander angetreten sind, hat er einen unserer jüngsten Spieler mit einem gebrochenen Arm ins Krankenhaus geschickt. Deshalb wurde er für drei Spiele gesperrt, auch wenn er meiner Meinung nach eine lebenslange Sperre vom Universitätseishockey verdient hätte.

„Du musst ihn fertigmachen. Ich werde dir helfen“, verspreche ich.

„Darauf verlasse ich mich. Ach ja, und nächste Woche kommt Eastwood zu uns.“

Ich sollte unserem Spielplan wirklich mehr Beachtung schenken. Eastwood College ist auf Platz zwei in unserer Liga (nach uns, versteht sich), und unsere Spiele sind immer ein harter Brocken.

Und plötzlich kommt mir, dass ich gegen Eastwood gar nicht auf dem Eis stehen werde, wenn ich die Nachprüfung in Ethik nicht bestehe.

„Verdammt“, murmle ich.

Logan nimmt sich ein Stück Hühnchen von meinem Teller und schiebt es sich in den Mund. „Was ist los?“

Ich habe meinen Teamkollegen bis jetzt noch nichts von meinen Noten erzählt, weil ich gehofft hatte, dass meine Zwischenprüfung einigermaßen gut ausfallen würde. Aber jetzt muss ich die Katze wohl aus dem Sack lassen.

Seufzend berichte ich Logan von meiner Sechs in Ethik und davon, was das für das Team bedeuten könnte.

„Leg den Kurs ab“, sagt er sofort.

„Das kann ich nicht. Die Frist habe ich verpasst.“

„Verdammt.“

„Genau.“

Wir tauschen deprimierte Blicke aus, und dann setzt sich Logan auf den Stuhl neben mir und fährt sich mit der Hand durchs Haar. „Dann musst du besser werden, Mann. Lern, was das Zeug hält, und zeig es dieser Kuh. Wir brauchen dich, Garrett.“

„Ich weiß.“ Frustriert greife ich nach meiner Gabel und lege sie dann wieder hin, weil mir der Appetit vergangen ist. Es ist mein erstes Jahr als Captain, was eine große Ehre für mich ist, wenn man bedenkt, dass ich noch zu den Jüngeren gehöre. Ich sollte in die Fußstapfen meines Vorgängers treten und mein Team zur nächsten nationalen Meisterschaft führen. Aber wie kann ich das machen, wenn ich nicht mit ihnen auf dem Eis stehe?

„Ich habe eine Tutorin aufgetrieben“, versichere ich meinem Teamkollegen. „Sie ist echt ein Genie.“

„Gut. Bezahl ihr, was immer sie will. Ich kann dir ein bisschen unter die Arme greifen, wenn du willst.“

Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Wow, du würdest mir mit Geld aushelfen? Dir scheint es wirklich wichtig zu sein, dass ich spiele.“

„Verdammt wichtig. Alles für den Traum, Mann. Du und ich in den Trikots der Bruins, weißt du noch?“

Ich muss zugeben, dass ist ein verdammt schöner Traum. Darüber reden Logan und ich, seit wir im ersten Jahr an der Uni zu Mitbewohnern wurden. Ich habe nie daran gezweifelt, nach dem Abschluss ein Profi-Eishockeyspieler zu werden. Und auch nicht daran, dass Logan einer wird. Dieser Kerl ist schneller als der Blitz und ein richtiges Tier auf dem Eis.

„Schau zu, dass du deine Note aufbesserst“, befiehlt er mir. „Ansonsten trete ich dir in den Arsch.“

„Beim Coach wird es noch mehr wehtun.“ Ich bringe ein Lächeln zustande. „Keine Sorge, ich schaff das schon.“

„Gut.“ Logan klaut mir noch ein Stück Hühnchen, bevor er aus der Küche verschwindet.

Ich schlinge den Rest meines Essens hinunter und gehe dann nach oben zu meinem Telefon. Es ist Zeit, Hannah ohne M mal ein bisschen unter Druck zu setzen.

 

Kapitel 3

Hannah

Ich finde wirklich, du solltest am Ende des Stücks ein E singen«, beharrt Cass. Er klingt wie eine kaputte Platte, die am Ende unseres Duetts immer dieselbe sinnlose Leier abspielt.

Ich bin Pazifistin und halte nichts davon, Fäuste zum Lösen von Problemen einzusetzen. Organisierte Kämpfe finde ich barbarisch. Und beim Gedanken an Krieg wird mir übel, aber trotzdem bin ich ganz kurz davor, Cassidy Donovan ins Gesicht zu schlagen.

„Das ist mir zu tief.“ Meine Stimme klingt beherrscht, aber die Verärgerung ist wohl nicht zu überhören.

Cass fährt sich frustriert mit der Hand durchs lockige dunkle Haar und wendet sich an Mary Jane, die unbeholfen auf der Klavierbank umherrutscht. „Du weißt, dass ich recht habe, Mary Jane“, fleht er sie an. „Es würde doch viel imposanter klingen, wenn Hannah und ich auf demselben Ton enden würden, statt zweistimmig zu singen.“

„Nein, es ist viel eindrucksvoller, wenn wir zweistimmig bleiben“, entgegne ich.

Ich weiß genau, was Cassidy vorhat. Er will, dass ich mich am Ende des Lieds an seine Tonlage anpasse. Seit wir beschlossen haben, beim Auswahlkonzert ein Duett zu singen, hört er nicht mit diesem Quatsch auf. Er tut alles, um seine Stimme in den Vordergrund zu stellen und meine in den Hintergrund.

Hätte ich gewusst, was für eine verdammte Diva Cass ist, dann hätte ich niemals zugestimmt, ein Duett mit ihm zu singen. Aber dieser Idiot hat beschlossen, sein wahres Gesicht erst nach den Proben zu zeigen, und jetzt ist es zu spät für einen Rückzieher. Ich habe schon zu viel Zeit in dieses Duett investiert, und ehrlich gesagt liebe ich das Stück. Mary Jane hat einen unglaublichen Song geschrieben, und ein Teil von mir will sie auf keinen Fall im Stich lassen. Außerdem weiß ich, dass die Fakultät Duette besser findet als Soloauftritte. Bei den letzten Auswahlkonzerten haben die Gewinner des Stipendiums immer Duette gesungen. Die Jury steht total auf komplexe Harmonik, und Mary Janes Stück ist voll davon.

„Was ist, Mary Jane?“, fordert Cass sie auf.

„Äh …“

Ich kann sehen, wie die kleine Blondine unter seinem Blick dahinschmelzt. So eine Wirkung hat Cass nun mal auf Frauen. Er ist unglaublich hübsch, und seine Stimme ist einfach phänomenal. Aber leider ist er sich dieser beiden Vorzüge nur allzu bewusst und hat keine Probleme damit, sie zu seinem Vorteil einzusetzen.

„Vielleicht hat Cass recht“, murmelt Mary Jane. Sie meidet den Blickkontakt zu mir, während sie mir in den Rücken fällt. „Lass es uns doch einmal so probieren, wie Cass es vorgeschlagen hat, Hannah, und dann sehen wir, was besser klingt.“

Verdammt! Ich würde am liebsten laut schreien, beiße mir aber auf die Zunge. Genau wie ich musste sich auch Mary Jane in den letzten Wochen immer wieder mit den unfassbaren Forderungen von Cass und seinen „brillanten“ Ideen auseinandersetzen. Und ich kann es ihr nicht wirklich übel nehmen, dass sie sich um einen Kompromiss bemüht.

„Na gut“, murmle ich widerwillig. „Lasst es uns versuchen.“

Cassidys Augen leuchten triumphierend auf, aber es hält nicht lange an, denn nachdem wir das Lied noch einmal gesungen haben, ist klar, dass sein Vorschlag Mist ist. Die Tonlage ist viel zu tief für mich, und anstatt seinen grandiosen Bariton hervorzuheben, klingt mein Part so unbeholfen, dass mein Gesang die Aufmerksamkeit des Publikums auf meine Stimme lenken wird statt auf seine.

„Ich denke, Hannah sollte bei ihrem ursprünglichen Schlusston bleiben“, sagt Mary Jane und beißt sich auf die Lippen, als hätte sie Angst vor seiner Reaktion.

Dieser Kerl mag zwar arrogant sein, aber dumm ist er nicht. „Na gut“, sagt er schnippisch. „Wir machen es so, wie du willst, Hannah.“

Ich grinse ihn mit zusammengebissenen Zähnen an. „Danke.“

Zum Glück ist die Probe um. Ich will so schnell wie möglich hier raus, packe meine Sachen zusammen und schlüpfe in meine Jacke. Je weniger Zeit ich mit Cass verbringen muss, desto besser.

Ich kann ihn einfach nicht ausstehen.

Ironischerweise singen wir ein zutiefst emotionales Lied.

„Morgen um die gleiche Zeit?“ Er sieht mich erwartungsvoll an.

„Nein, morgen sind wir um vier Uhr dran, schon vergessen? Ich arbeite Dienstagabend.“

Missbilligend blickt er mir ins Gesicht. „Du weißt schon, dass wir längst viel besser wären, wenn dein Zeitplan nicht so … unflexibel wäre.“

Ich runzle die Stirn. „Das sagt der Typ, der sich weigert, am Wochenende abends zu proben. Ich hätte nämlich samstags und sonntags Zeit.“

Er presst seine Lippen zusammen und verschwindet wortlos.

Idiot.

Hinter mir höre ich ein lautes Seufzen. Ich drehe mich um. Mary Jane sitzt immer noch am Klavier und sieht unglücklich aus.

„Es tut mir leid, Hannah“, sagt sie. „Als ich euch beide gefragt habe, ob ihr dieses Stück singen wollt, wusste ich nicht, dass Cass so schwierig ist.“

Mein Ärger verfliegt sofort. „Ach, das ist doch nicht deine Schuld“, versichere ich ihr. „Ich habe auch nicht gewusst, was für ein Idiot er ist. Aber er ist ein hervorragender Sänger, und darauf sollten wir uns konzentrieren, finde ich.“

„Und du bist eine hervorragende Sängerin. Deshalb habe ich mich für euch beide entschieden. Ich könnte mir niemanden vorstellen, der das Stück besser mit Leben füllen könnte, weißt du?“

Ich lächle sie an. Sie ist wirklich ein nettes Mädchen und noch dazu eine der talentiertesten Songwriterinnen, die ich je getroffen habe. Jedes Stück, das im Auswahlkonzert musiziert wird, muss von jemandem komponiert werden, der im Hauptfach Songwriting studiert. Und schon bevor Mary Jane auf mich zugegangen ist, hatte ich beschlossen, sie zu fragen, ob ich eines ihrer Lieder singen darf.

„Ich verspreche dir, wir werden das Beste aus deinem Lied herausholen. Ignorier einfach die blöden Wutausbrüche von Cass. Ich denke, er streitet einfach gern.“

Sie lacht. „Ja, wahrscheinlich. Bis morgen dann.“

„Punkt vier Uhr.“

Ich winke ihr zum Abschied zu und gehe nach draußen.

Was mir an Briar besonders gut gefällt, ist der Campus. Zwischen den alten, mit Efeu bewachsenen Gebäuden verlaufen Kopfsteinpflasterwege, die von schmiedeeisernen Bänken und von Ulmen gesäumt sind, die sich im Wind wiegen. Die Universität ist eine der ältesten im Land, und auf ihrer Absolventenliste stehen Dutzende einflussreicher Leute, darunter auch mehrere Politiker und Geschäftsführer großer Unternehmen.

Aber das Beste an dieser Uni ist die Sicherheit. Im Ernst, die Kriminalitätsrate ist gleich null. Das hat wahrscheinlich etwas damit zu tun, dass unserem Dekan das Wohlergehen seiner Studenten total wichtig ist. Die Universität investiert jede Menge Geld in die Sicherheit – in Form von strategisch platzierten Kameras und Sicherheitskräften, die vierundzwanzig Stunden am Tag durch die Anlage laufen. Nicht, dass es hier wie im Gefängnis wäre oder so. Die Sicherheitskräfte sind freundlich und unauffällig. Ich bemerke sie kaum, wenn ich auf dem Campus unterwegs bin.

Mein Wohnheim liegt nur fünf Minuten zu Fuß vom Probenraum entfernt, und ich atme erleichtert auf, als ich durch die massiven Eichenholztüren des Bristol House gehe. Es war ein langer Tag, und ich will nur noch duschen und dann ins Bett gehen.

Das Apartment, das ich mir mit Allie teile, gleicht eher einer Suite als einem normalen Wohnheimzimmer. Das ist einer der Vorteile, wenn man kein Neuling mehr ist. Wir haben zwei Schlafzimmer, ein kleines Wohnzimmer und eine noch kleinere Küche. Der einzige Nachteil ist das Gemeinschaftsbad, das wir uns mit vier anderen Mädchen auf dem Stockwerk teilen müssen, aber zum Glück ist keine von uns eine Chaotin. Die Toiletten und Duschen sind also normalerweise geschleckt sauber.

„Hey, du kommst aber spät.“ Meine Mitbewohnerin steckt ihren Kopf in mein Schlafzimmer und zieht an dem Strohhalm, der aus ihrem Glas ragt. Sie trinkt etwas Grünes und Dickflüssiges, das absolut widerlich aussieht. Aber mittlerweile habe ich mich an diesen Anblick gewöhnt. Allie macht seit zwei Wochen eine Saftkur, was bedeutet, dass ich jeden Morgen von dem Lärm ihres Mixers geweckt werde, wenn sie ihre ekligen Flüssigmahlzeiten für den Tag zubereitet.

„Ich hatte Probe.“ Ich kicke meine Schuhe in die Ecke und werfe meine Jacke aufs Bett. Dann ziehe ich mich bis auf die Unterwäsche aus, obwohl Allie noch im Türrahmen steht.

Am Anfang war ich noch zu schüchtern, mich vor ihr umzuziehen. Als wir uns im ersten Semester ein Doppelzimmer teilten, zog ich mich die ersten Wochen unter der Bettdecke aus oder wartete, bis Allie das Zimmer verlassen hatte. Aber im Wohnheim gibt es keine Privatsphäre, und früher oder später muss man das akzeptieren. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie peinlich es mir war, als ich zum ersten Mal die nackten Brüste meiner Mitbewohnerin sah. Allie hat wirklich null Schamgefühl, und als sie merkte, wie ich sie anstarrte, hat sie mir zugewinkt und grinsend gesagt: „Die muss man nicht verstecken, oder?“

Danach habe ich mir nicht mehr die Mühe gemacht, mich unter der Decke umzuziehen.

„Also, hör zu …“

Ihre Einleitung macht mich skeptisch. Ich wohne jetzt seit zwei Jahren mit Allie zusammen. Lange genug, um zu wissen, dass nach diesen Worten normalerweise etwas kommt, was ich nicht hören will.

„Hmmm?“, sage ich und nehme meinen Bademantel vom Haken an der Tür.

„Mittwochabend ist doch diese Party im Sigma-Haus, richtig?“ Ihre blauen Augen funkeln mich unnachgiebig an. „Und du wirst mitkommen.“

Ich stöhne laut auf. „Eine Verbindungsparty? Auf gar keinen Fall.“

„Auf jeden Fall.“ Sie verschränkt ihre Arme vor der Brust. „Die Zwischenprüfungen sind vorbei. Das funktioniert also nicht mehr als Ausrede. Und außerdem hast du mir versprochen, dass du dieses Jahr mehr unter Leute gehen wirst.“

Das stimmt, aber … ich hasse Partys.

Ich wurde auf einer Party vergewaltigt.

Gott, wie ich dieses Wort hasse. Vergewaltigung. Es ist eines der wenigen Worte, die sofort starke körperliche Empfindungen auslösen. Wie ein markerschütternder Schlag ins Gesicht oder eiskaltes Wasser, das einem über den Kopf geschüttet wird. Ich tue mein Bestes, um diesem Wort keine Kontrolle über mein Leben zu geben. Ich habe das, was mir passiert ist, verarbeitet. Wirklich.

Ich weiß, dass es nicht meine Schuld war. Ich weiß, dass ich es nicht provoziert oder heraufbeschworen habe. Der Vorfall hat mir nicht die Fähigkeit geraubt, anderen Menschen zu vertrauen, oder mich dazu gebracht, Angst vor jedem Mann zu haben, der mir über den Weg läuft. Eine mehrjährige Therapie hat mir dabei geholfen zu erkennen, dass die Schuld allein bei ihm liegt. Mit ihm hat etwas nicht gestimmt. Nicht mit mir. Niemals mit mir. Und die wichtigste Lektion, die ich gelernt habe, ist die, dass ich kein Opfer, sondern eine Überlebende bin.

Aber das heißt keineswegs, dass der Übergriff mich nicht verändert hätte. Es gibt einen Grund, warum ich immer Pfefferspray in meiner Handtasche und eine Kurzwahltaste für den Notruf auf meinem Telefon habe, wenn ich nachts alleine unterwegs bin. Es gibt einen Grund, warum ich in der Öffentlichkeit keinen Alkohol trinke und mich von niemandem auf ein Getränk einladen lasse – nicht einmal von Allie. Es könnte ja sein, dass sie mir unabsichtlich ein Glas gibt, in das jemand etwas hineingetan hat.

Und es gibt einen Grund, warum ich nicht gerne auf Partys gehe. Wahrscheinlich ist das meine Form von posttraumatischer Belastungsstörung. Ein Geräusch, ein Geruch oder ein total harmloser Anblick lassen die Erinnerungen wieder in mir aufsteigen. Ich höre laute Musik, Geschnatter und raues Gelächter. Ich rieche abgestandenes Bier und Schweiß. Ich bin mitten in einer Menschenmenge. Und plötzlich bin ich wieder fünfzehn Jahre alt und auf Melissa Mayers Party, gefangen in meinem persönlichen Albtraum.

Allies Stimme wird weich, als sie mein gequältes Gesicht sieht. „Das hatten wir doch schon, Hannah. Es wird so sein wie immer. Ich werde dich keinen Moment aus den Augen lassen, und keine von uns wird einen einzigen Tropfen Alkohol trinken. Versprochen.“

Schuldgefühle steigen in mir hoch. Schuldgefühle und Bedauern – und ein bisschen Ehrfurcht. Sie ist wirklich eine unglaubliche Freundin. Sie müsste nicht nüchtern bleiben und den ganzen Abend aufpassen wie ein Schießhund, nur damit ich mich besser fühle. Aber sie tut es trotzdem jedes Mal, wenn wir zusammen ausgehen. Und dafür liebe ich sie von ganzem Herzen.

Aber ich hasse die Tatsache, dass sie es machen muss.

„Okay“, gebe ich nach. Nicht nur um ihretwillen, sondern auch um meinetwillen. Ich habe ihr versprochen, mehr unter Leute zu gehen, aber ich habe auch mir selbst versprochen, dieses Jahr neue Dinge auszuprobieren. Um nicht immer diese verdammte Angst vor allem Unbekannten zu haben. Eine Verbindungsparty ist vielleicht nicht das, was ich unter Riesenspaß verstehe, aber wer weiß, vielleicht genieße ich es ja sogar.

Allies Gesicht hellt sich auf. „Juhu! Und ich musste nicht einmal meinen Trumpf ziehen.“

„Was für einen Trumpf?“, frage ich skeptisch.

Ein Grinsen legt sich um ihre Mundwinkel. „Justin wird auch dort sein.“

Mein Puls geht schneller. „Woher weißt du das?“

„Weil Sean und ich ihn im Speisesaal getroffen haben und er gesagt hat, dass er auch hingeht. Wahrscheinlich haben ein paar von den Sportidioten sowieso vorgehabt, zu kommen.“

Ich blicke sie finster an. „Er ist kein Sportidiot.“

„Ach, wie süß. Du verteidigst einen Footballspieler. Du hast wohl eine rosarote Brille auf.“

„Ha ha.“

„Im Ernst, Hannah, das ist doch total verrückt. Ich meine, versteh mich nicht falsch. Ich bin vollkommen deiner Meinung, dass man sich Hals über Kopf in jemanden verlieben kann. Wie lange ist es jetzt her, seit Devon Schluss gemacht hat? Ein Jahr? Aber ich verstehe nicht, wie gerade du auf einen Sportler stehen kannst.“

Ich spüre Unbehagen in mir aufsteigen. „Justin ist … er ist nicht wie die anderen. Er ist anders.“

„Sagt das Mädchen, das noch nie ein Wort mit ihm gewechselt hat.“

„Er ist anders“, beharre ich. „Er ist ruhig und ernsthaft. Und so, wie es aussieht, baggert er nicht wie seine Teamkollegen jedes Mädchen an. Ach ja – und er ist klug. Ich habe letzte Woche gesehen, wie er Hemingway gelesen hat.“

„Wahrscheinlich musste er das für die Uni lesen.“

„Musste er nicht.“

Sie kneift die Augen zusammen. „Woher willst du das wissen?“

Ich spüre, wie meine Wangen rot werden. „Eine Mitstudentin hat ihn vor ein paar Tagen im Kurs gefragt, wer sein Lieblingsautor ist. Und er hat gesagt: Hemingway.“

„O mein Gott! Jetzt belauschst du schon seine Gespräche? Du spinnst wirklich.“ Allie seufzt laut auf. „Na gut, aber am Mittwochabend wirst du dich mit diesem Kerl richtig unterhalten.“

„Vielleicht“, sage ich unverfänglich. „Wenn sich die Möglichkeit ergibt …“

„Ich werde dafür sorgen, dass sich die Möglichkeit ergibt. Glaub mir. Wir werden dieses Verbindungshaus nicht verlassen, bevor du nicht mit Justin geredet hast. Und wenn du nur zu ihm gehst und sagst: ›Hey, wie geht’s?‹ Du wirst mit ihm reden.“ Sie schnipst mit dem Finger in die Luft. „Verstanden?“

Ich kichere.

„Verstanden?“, wiederholt sie streng.

Nach kurzem Zögern atme ich tief ein und gebe mich geschlagen. „Verstanden.“

„Gut. Und jetzt geh schnell duschen, damit wir noch ein paar Folgen von Mad Men schauen können, bevor wir ins Bett gehen.“

„Eine Folge. Ich bin zu geschafft für mehr.“ Ich grinse sie an. „Verstanden?“

„Verstanden“, murmelt sie, als sie aus meinem Schlafzimmer geht.

Ich kichere in mich hinein, während ich meine restlichen Duschsachen zusammensuche, aber da werde ich schon wieder abgelenkt. Aus meiner Tasche erklingt ein Miauen. Ich habe dieses Geräusch für Textnachrichten eingestellt, weil es mich genug nervt, um meine Aufmerksamkeit zu erregen.

Ich lege meinen Waschbeutel auf die Kommode, wühle in meiner Handtasche und bringe schließlich mein Handy zum Vorschein. Dann lese ich die Nachricht auf dem Display.

Hallo, hier ist Garrett. Wollte nur die Termine für die Nachhilfe vereinbaren.

Ach, du meine Güte.

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Dieser Kerl ist hartnäckig. Das muss ich ihm lassen. Seufzend antworte ich ihm, nur ganz knapp und alles andere als freundlich.

Ich: Woher hast du meine Nummer?

Er: Stand in der Nummernliste der Lerngruppe.

Verdammt. Ich habe mich zu Beginn des Semesters für die Lerngruppe eingeschrieben. Aber das war, bevor Cass entschieden hat, dass wir montags und mittwochs ausgerechnet in der Zeit proben müssen, wenn die Lerngruppe stattfindet.

Bevor ich antworten kann, kommt eine weitere Nachricht. Und wer immer auch gesagt hat, dass es unmöglich ist, den Tonfall einer Person aus einer Textnachricht herauszulesen, liegt komplett falsch. Garretts Tonfall ist nämlich überaus gereizt.

Er: Wenn du in die Lerngruppe gegangen wärst, hätte ich dir nicht schreiben müssen.

Ich: Du musst mir überhaupt nicht schreiben. Ich fände es sogar besser, wenn du das bleiben lassen würdest.

Er: Was muss ich tun, damit du Ja sagst?

Ich: Gar nichts.

Er: Toll. Dann machst du es also umsonst.

Ich kann ein Seufzen nicht unterdrücken.

Ich: Nein.

Er: Wie wär’s mit heute Abend? Ich könnte um acht.

Ich: Geht nicht. Ich hab die Spanische Grippe. Total ansteckend. Ich hab dir soeben das Leben gerettet!

Er: Ich weiß deine Fürsorge zu schätzen. Aber ich bin immun gegen Epidemien, die von 1918 bis 1919 40 Mio. Menschen ausgerottet haben.

Ich: Warum kennst du dich so gut mit Epidemien aus?

Er: Mein Hauptfach ist Geschichte, Baby. Ich weiß jede Menge unnütze Fakten.

Und schon wieder dieses „Baby“. Ich glaube, ich muss dem ein Ende setzen, bevor er mit seiner Flirterei weitermacht.

Ich: War nett, mit dir gechattet zu haben. Viel Glück bei deiner Nachprüfung.

Als einige Sekunden vergehen, ohne dass Garrett antwortet, gebe ich mir einen mentalen Klaps auf die Schulter, weil ich ihn so erfolgreich losgeworden bin.

Ich will gerade zur Tür hinausgehen, als ich eine Bildnachricht bekomme. Entgegen besseren Wissens lade ich sie herunter, und einen Moment später füllt eine nackte Brust mein Display. Jawohl. Ich rede über braun gebrannte Haut, wohlgeformte Muskeln und das heißeste Sixpack, das ich je gesehen habe.

Ich kann nicht anders, als laut zu schnauben.

Ich: Was soll das denn? Hast du mir etwa gerade ein Foto von deinem Oberkörper geschickt?

Er: Ja. Hat es funktioniert?

Ich: Was? Mich abzustoßen? Das hat funktioniert!

Er: Dass du deine Meinung änderst. Ich versuche nur, dich auf den Geschmack zu bringen.

Ich: Gute Idee, bring einfach jemand anderen auf den Geschmack. PS: Ich werde das Foto auf my-bri posten.

Damit meine ich MyBriar, das Äquivalent unserer Uni zu Facebook, in dem fünfundneunzig Prozent der Studenten registriert sind.

Er: Mach nur. Viele Mädchen werden froh sein, es zu sehen.

Ich: Lösch meine Nummer, du Spinner. Das meine ich ernst.

Ich will nicht mehr auf die Antwort warten. Also werfe ich mein Handy einfach aufs Bett und gehe duschen.

Sexy, romantisch und absolut süchtigmachend - Der New-Adult-Hit aus den USA!

Blick ins Buch
Wait for You Wait for You

Roman

Du bist bereit, alles zu riskieren. Aber bist du auch bereit, alles zu verlieren?Avery Morgansten zieht von Texas nach West Virginia, um auf ein kleines College zu gehen, wo niemand sie kennt. Sie will ein neues Leben beginnen, fern von ihrer schmerzhaften Vergangenheit. Neben neuen Freunden macht sie an ihrem ersten Tag auf dem College auch Bekanntschaft mit dem unverschämt charmanten Cameron, der so gar nicht in ihr neues, ruhiges Leben passt – und keine Gelegenheit auslässt, sie um ein Date zu bitten. Avery erteilt ihm einen Korb nach dem anderen, doch so schnell gibt Cam nicht auf ...

Kapitel 1 Es gab zwei Dinge im Leben, die mir eine Höllenangst einjagten. Eines davon war, mitten in der Nacht aufzuwachen und festzustellen, dass ein Geist sein durchsichtiges Gesicht direkt vor meines geschoben hatte und mich anstarrte. Ziemlich unwahrscheinlich, aber trotzdem ein irre beängstigender Gedanke. Das Zweite war, zu spät ein volles Klassenzimmer zu betreten.

Ich hasste es, zu spät zu kommen.

Ich fand es fürchterlich, wenn die Leute sich umdrehten und mich anstarrten, wie sie es immer taten, wenn ich ein Klassenzimmer auch nur eine Minute nach Unterrichtsbeginn betrat.

Deswegen hatte ich mir am Wochenende auf der Karte bei Google Maps den Weg zwischen meinem Apartment in University Heights und dem Parkplatz für Pendelstudenten immer wieder angesehen und genau eingetrichtert. Und ich war den Weg zusätzlich am Sonntag zweimal abgefahren, um sicherzustellen, dass Google mich nicht in die Irre führte.

Exakt eins Komma neun Kilometer.

Fünf Minuten mit dem Auto.

Ich war sogar eine Viertelstunde zu früh aufgebrochen, damit ich zehn Minuten vor Kursbeginn um neun Uhr zehn ankam.

Nicht berechnet hatte ich allerdings den langen Stau am Stoppschild. Denn Gott bewahre, dass in dieser historischen Stadt tatsächlich eine Ampel errichtet wurde. Und ich hatte auch nicht erwartet, dass es auf dem Campus keinen einzigen Parkplatz mehr geben würde. Ich hatte vor dem Bahnhof parken müssen, der an den Campus angrenzte, und somit kostbare Minuten damit verschwendet, in meinen Taschen nach Vierteldollarmünzen für die Parkuhr zu graben.

„Wenn du schon darauf bestehst, ans andere Ende des Landes zu ziehen, dann geh wenigstens in eines der Wohnheime. Sie haben dort doch Wohnheime, oder?“ Die Stimme meiner Mom stieg in meinen Gedanken auf, als ich vor dem Robert-Byrd-Wissenschaftsgebäude anhielt und um Atem rang, weil ich den steilsten, unangenehmsten Hügel aller Zeiten hochgerannt war.

Natürlich hatte ich mich nicht in einem Wohnheim einquartiert. Weil ich genau wusste, dass meine Eltern irgendwann wie aus dem Nichts auftauchen würden, um sofort Urteile zu fällen und alles zu kommentieren. Ich hätte mir lieber selbst einen Faustschlag verpasst, als einen unschuldigen Beobachter diesen Qualen auszusetzen. Stattdessen hatte ich mir mein wohlverdientes Blutgeld zunutze gemacht und mir eine Dreizimmerwohnung neben dem Campus gemietet.

Mr und Mrs Morgansten waren darüber alles andere als erfreut.

Und diese Tatsache machte mich sehr glücklich.

Aber im Moment bereute ich meine kleine Rebellion, denn als ich aus der feuchten Hitze des Augustmorgens in das klimatisierte Ziegelgebäude eilte, war es bereits elf Minuten nach neun, und mein Astronomiekurs fand im ersten Stock statt. Und warum zur Hölle hatte ich Astronomie gewählt?

Vielleicht, weil mir von dem Gedanken, noch einen Biologiekurs durchzustehen, kotzübel wurde? Jep. Das war’s.

Ich raste die breite Treppe hinauf, stürzte durch die Flügeltür und knallte direkt gegen eine Mauer.

Ich stolperte rückwärts und wedelte mit den Armen wie ein durchgeknallter Schülerlotse. Meine übervolle Tasche rutschte von meiner Schulter und raubte mir das Gleichgewicht. Meine Haare fielen mir ins Gesicht und ein kastanienbrauner Schleier versperrte mir die Sicht auf alles um mich herum, während ich gefährlich ins Schwanken geriet.

Oh mein Gott, jetzt fiel ich. Ich konnte es nicht verhindern. In meinem Kopf tobten Visionen von gebrochenen Hälsen. Das wäre so was von scheiße …

Etwas Starkes, Hartes legte sich um meine Hüfte und fing mich aus meinem freien Fall auf. Meine Tasche knallte auf den Boden, und teure Bücher und Stifte verstreuten sich über den glänzenden Boden. Meine Stifte! Meine wunderbaren Stifte rollten überall herum! Eine Sekunde später wurde ich gegen eine Wand gedrückt.

Die Wand war seltsam warm.

Die Wand lachte leise in sich hinein.

„Hoppla“, sagte eine tiefe Stimme. „Alles okay, Süße?“

Die Wand war so absolut keine Wand. Es war ein Kerl. Mein Herzschlag setzte aus, und für eine beängstigende Sekunde lang spürte ich eine schreckliche Enge in der Brust, die verhinderte, dass ich mich bewegen oder auch nur einen klaren Gedanken fassen konnte. Ich wurde fünf Jahre zurückgeworfen. Festgehalten. Konnte mich nicht bewegen. Die Luft schoss schmerzhaft aus meiner Lunge, während ein Kribbeln meinen Nacken hochwanderte. Jeder Muskel meines Körpers zog sich zusammen.

„Hey.“ Die Stimme wurde sanfter und ein leichter Ton von Besorgnis war zu erkennen: „Geht es dir gut?“

Ich zwang mich dazu, tief durchzuatmen – einfach zu atmen. Ich musste atmen. Ein. Aus. Ich hatte das in den letzten fünf Jahren wieder und wieder geübt. Ich war nicht mehr vierzehn. Ich war nicht dort. Ich war hier, am anderen Ende des Landes.

Zwei Finger legten sich unter mein Kinn und schoben meinen Kopf nach oben. Erstaunlich blaue Augen, die von dichten schwarzen Wimpern umrahmt wurden, fixierten meinen Blick. Das Blau war lebendig und elektrisierend. Es stand in einem solchen Kontrast zu den schwarzen Pupillen, dass ich mich fragte, ob die Farbe echt sein konnte.

Und dann war mir plötzlich alles klar.

Ein Kerl hielt mich im Arm. Mich hatte noch nie ein Kerl im Arm gehalten. Dieses eine Mal zählte ich nicht, weil es entsetzlich gewesen war. Ich stand eng an ihn gedrückt, Schenkel an Schenkel, meine Brust an seiner. Als tanzten wir. Ich wusste nicht, wie mir geschah, als ich den Duft seines Rasierwassers einatmete. Wow. Es roch gut und teuer, wie seines …

Plötzlich stieg Wut in mir auf, ein süßes und vertrautes Gefühl. Die Wut verdrängte die alte Panik und die Verwirrung. Ich klammerte mich verzweifelt daran fest und fand meine Sprache wieder. „Lass. Mich. Los.“

Mr Blaue Augen ließ sofort den Arm sinken. Ich war nicht auf den Verlust meiner Stütze vorbereitet gewesen, also kippte ich kurz nach links, konnte mich aber fangen, bevor ich über meine Tasche stolperte. Keuchend wie nach einem Dauerlauf schob ich mir die Haarsträhnen aus dem Gesicht und schaffte es endlich, mir Mr Blaue Augen ganz genau anzuschauen.

Süßer Himmel, Mr Blaue Augen war …

Er war auf eine Art atemberaubend, die Mädchen dazu brachte, Dummheiten zu machen. Er war groß, gut einen oder zwei Köpfe größer als ich. Seine Schultern waren breit, aber seine Hüften schmal. Der Körper eines Athleten – wie der eines Schwimmers. Lockige schwarze Haare fielen über seine Stirn und bis auf die ebenfalls dunklen Augenbrauen. Breite Wangenknochen und ausdrucksstarke Lippen machten das Gesamtpaket, das die Mädchen zum Anschmachten verführte, vollkommen. Und diese saphirfarbenen Augen, heiliger Strohsack …

Wer hätte gedacht, dass sich in einem Ort namens Shepherdstown jemand mit diesem Aussehen versteckte?

Und ich war über ihn gestolpert. Wortwörtlich. Wie nett. „Es tut mir leid. Ich hatte es eilig, in meinen Kurs zu kommen. Ich bin spät dran und …“

Seine Mundwinkel hoben sich, als er sich hinkniete und anfing, meine Sachen einzusammeln. Für einen Moment wollte ich weinen. Ich spürte, wie sich langsam Tränen in meiner Kehle bildeten. Inzwischen war ich wirklich zu spät dran und konnte auf keinen Fall noch in den Kurs gehen. Und das am ersten Tag. Versagt.

Ich beugte mich zu ihm herunter und ließ meine Haare nach vorne fallen, um mein Gesicht zu verstecken, während ich meine Stifte einsammelte. „Du musst mir nicht helfen.“

„Kein Problem.“ Er hob ein Blatt Papier hoch, dann sah er auf. „Astronomiegrundkurs? Da will ich auch hin.“

Super. Jetzt würde ich den Kerl, den ich im Flur fast umgebracht hatte, das gesamte Semester über sehen müssen. „Du verspätest dich“, sagte ich dürftig. „Es tut mir wirklich leid.“

Nachdem inzwischen alle meine Bücher und Stifte wieder eingeräumt waren, stand er auf und gab mir meine Tasche. „Ist okay.“ Sein schiefes Grinsen wurde breiter und enthüllte ein Grübchen in seiner linken Wange. Auf der rechten allerdings passierte nichts. „Ich bin es gewöhnt, dass Mädchen sich mir an den Hals werfen.“

Ich blinzelte, weil ich erst vermutete, ich hätte Mr Blaue Augen falsch verstanden. Denn er hatte doch sicherlich nicht so einen platten Spruch gebracht.

Doch, hatte er. Und er war noch nicht fertig. „Aber dass sie mir jetzt schon auf den Rücken springen, ist neu. Hat mir irgendwie gefallen.“

Ich spürte, wie meine Wangen anfingen zu glühen, aber ich riss mich zusammen. „Ich habe weder versucht, auf deinen Rücken zu springen, noch habe ich mich dir an den Hals geworfen.“

„Hast du nicht?“ Das schiefe Grinsen blieb. „Was für eine Schande. Falls es so gewesen wäre, hätte das diesen Tag zum besten Semesterbeginn aller Zeiten gemacht.“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, während ich meine schwere Tasche fest umklammert hielt und an meine Brust drückte. Zu Hause hatte nie ein Junge mit mir geflirtet. Die meisten hatten in der Highschool nicht einmal gewagt, in meine Richtung zu schauen. Und die, die sich getraut hatten, hatten sicherlich nicht geflirtet.

Mr Blaue Augen senkte seinen Blick auf das Blatt in seiner Hand. „Avery Morgansten?“

Mein Herz machte einen Sprung. „Woher kennst du meinen Namen?“

Er legte den Kopf schräg, und sein Lächeln wurde breiter. „Er steht auf deinem Stundenplan.“

„Oh.“ Ich schob mir ein paar Strähnen aus meinem glühenden Gesicht. Der Kerl gab mir meinen Stundenplan zurück, und ich schob ihn in meine Tasche. Dann fummelte ich noch ein bisschen peinlich berührt an meinem Tragegurt herum.

„Ich heiße Cameron Hamilton“, sagte Mr Blaue Augen. „Aber alle nennen mich Cam.“

Cam. Ich sagte mir den Namen ein paarmal im Kopf auf, und er gefiel mir. „Danke noch mal, Cam.“

Er beugte sich vor und hob einen schwarzen Rucksack hoch, den ich bis jetzt gar nicht bemerkt hatte. Dabei fielen ihm einige dunkle Locken ins Gesicht. Er schob sie zurück, als er sich wieder aufrichtete. „Na, dann lass uns mal unseren großen Auftritt starten.“

Meine Füße verschmolzen förmlich mit dem Boden, als Cam sich umdrehte und die paar Schritte zur geschlossenen Tür von Raum 205 ging. Er griff nach der Klinke, dann sah er abwartend über die Schulter zurück.

Ich konnte es nicht. Es hatte überhaupt nichts mit der Tatsache zu tun, dass ich den vielleicht attraktivsten Kerl auf dem Campus gerammt hatte. Ich konnte jetzt einfach nicht in den Kurs gehen, wo alle sich umdrehen und mich anstarren würden. In den letzten fünf Jahren hatte ich ständig im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gestanden, und ich hatte genug davon. Mein Magen verkrampfte sich, und ich trat einen Schritt zurück, weg vom Kursraum und von Cam.

Er drehte sich um und runzelte die Stirn, während er mich gleichzeitig neugierig betrachtete. „Du läufst in die falsche Richtung, Süße.“

Mir schien, ich war mein halbes Leben lang in die falsche Richtung gelaufen. „Ich kann nicht.“

„Was kannst du nicht?“ Er trat einen Schritt auf mich zu.

Und ich rannte weg. Ich wirbelte einfach herum und lief los, als ginge es bei diesem Rennen um den letzten Tropfen Wasser in der Wüste. Gerade als ich diese verdammte Flügeltür aufstieß, hörte ich, wie er meinen Namen rief. Aber ich lief weiter.

Mit heißem Kopf rannte ich die Treppe nach unten. Als ich aus dem Gebäude stürzte, war ich völlig außer Atem. Meine Beine bewegten sich weiter, bis ich mich schließlich auf eine Bank vor der benachbarten Bibliothek setzte. Die Morgensonne wirkte schrecklich grell, als ich den Kopf hob und die Augen zukniff.

Oh Mann.

Was für eine Art, einen ersten Eindruck in einer neuen Stadt, einer neuen Schule – einem neuen Leben – zu hinterlassen. Ich war über tausendfünfhundert Kilometer gereist, um neu anzufangen … und jetzt hatte ich innerhalb weniger Minuten alles versaut.

 

 

Kapitel 2 Zu diesem Zeitpunkt hatte ich zwei Möglichkeiten: entweder, das Ganze abzuhaken und meinen verheerenden Versuch, den ersten Kurs meiner Collegekarriere zu besuchen, einfach hinter mir zu lassen, oder nach Hause zu fahren, ins Bett zu kriechen und mir die Decke über den Kopf zu ziehen. Ich sehnte mich danach, Letzteres zu tun, aber das passte einfach nicht zu mir.

Wäre ich jemand gewesen, der einfach weglief und sich versteckte, hätte ich die Highschool niemals überlebt.

Ich kontrollierte schnell, ob das breite Silberarmband an meinem linken Handgelenk richtig saß. Ich hätte die Highschool tatsächlich fast nicht überlebt.

Mom und Dad hatten einen Anfall gekriegt, als ich sie über meine Pläne informiert hatte, am anderen Ende des Landes zu studieren. Wäre es um Harvard, Yale oder Sweet Briar gegangen, hätten sie über nichts anderes mehr geredet. Aber ein College, das nicht zu den Eliteuniversitäten gehörte? Was für eine Schande. Meine Eltern verstanden es einfach nicht. Das taten sie nie. Nie im Leben würde ich das College besuchen, auf das sie damals selbst gegangen waren. Außerdem wollte ich mich auch nicht an einer Uni einschreiben, wo die Hälfte der Country-Club-Mitglieder von zu Hause ihre Kinder hinschickte.

Ich wollte an einen Ort, an dem ich kein höhnisches Grinsen sehen musste oder das bösartige Flüstern hören, das immer noch von den Lippen der Leute tropfte wie Säure. An einen Ort, an dem niemand von meiner Geschichte gehört hatte. Verschiedene Versionen der Wahrheit waren zu Hause wieder und wieder erzählt worden, bis ich mich manchmal selbst fragte, was eigentlich an diesem Halloweenabend vor fünf Jahren wirklich geschehen war.

Doch hier spielte nichts davon eine Rolle. Niemand kannte mich. Niemand vermutete etwas. Und auch an Sommertagen, an denen ich kein langärmliges Shirt tragen konnte, wusste niemand, was unter dem breiten Silberarmband versteckt lag.

Es war meine Entscheidung gewesen hierherzukommen. Und es war genau das Richtige für mich.

Meine Eltern hatten damit gedroht, mir den Zugang zu meinem Treuhandfonds zu sperren. Das fand ich ziemlich lächerlich. Ich besaß mein eigenes Geld – Geld, über das die beiden ab dem Moment, in dem ich achtzehn geworden war, nicht mehr verfügen konnten. Geld, das ich verdient hatte. In ihren Augen hatte ich sie natürlich wieder einmal enttäuscht. Doch wäre ich in Texas und in der Nähe dieser Leute geblieben, wäre ich heute schon tot.

Ich warf einen kurzen Blick auf die Zeitanzeige meines Handys, dann stand ich auf und schwang mir meine Tasche über die Schulter. Zumindest würde ich nicht zu spät zu meinem Geschichtskurs kommen.

Geschichte wurde im Gebäude für Geisteswissenschaften unterrichtet, am Fuße des Hügels, den ich gerade erst im Laufschritt erklommen hatte. Ich wanderte über den Parkplatz hinter dem Byrd-Gebäude und überquerte die überfüllte Straße. Überall um mich herum bewegten sich Studenten in kleinen Gruppen. Viele kannten sich offensichtlich schon. Doch statt mich ausgeschlossen zu fühlen, empfand ich ein wunderbares Freiheitsgefühl, als ich zu meinem Kurs ging, ohne erkannt zu werden.

Ich verdrängte jeden Gedanken an mein morgendliches Totalversagen, betrat Whitehall und stieg die erste Treppe rechts nach oben. Die Flure im ersten Stock waren voller Studenten, die darauf warteten, dass die Türen der Unterrichtsräume sich öffneten. Ich schob mich zwischen lachenden Gruppen hindurch und wich Leuten aus, die offensichtlich noch nicht ganz wach waren. Dann entdeckte ich eine leere Stelle gegenüber von meinem Raum und setzte mich im Schneidersitz an die Wand. Aufgeregt rieb ich die Hände an den Jeans, weil ich bald schon in Geschichte sitzen würde. Die meisten Leute wären von einem Geschichtsgrundkurs zu Tode gelangweilt, aber für mich war es der erste Kurs in meinem Hauptfach.

Und wenn ich Glück hatte, konnte ich in fünf Jahren in einem stillen, kühlen Museum oder einer Bibliothek arbeiten und uralte Texte oder Artefakte katalogisieren. Nicht gerade der glamouröseste Job der Welt, aber für mich wäre er perfekt.

Besser als das, was ich früher immer werden wollte, nämlich professionelle Tänzerin in New York.

Noch etwas, worüber Mom enttäuscht sein konnte. All dieses Geld, das ab dem Zeitpunkt, ab dem ich laufen konnte, in Ballettstunden geflossen war, hatte sich nach meinem vierzehnten Geburtstag in eine totale Fehlinvestition verwandelt.

Allerdings vermisste ich die beruhigende Wirkung, die das Tanzen immer auf mich gehabt hatte. Doch ich konnte mich nicht dazu bringen, es jemals wieder zu tun.

„Mädel, wieso sitzt du da auf dem Boden?“

Ich riss den Kopf hoch, dann verzogen sich meine Lippen zu einem Lächeln, als ich das breite Grinsen auf Jacob Masseys karamellfarbenem, knabenhaft gut aussehendem Gesicht entdeckte. Wir hatten uns im Orientierungskurs für Erstsemester letzte Woche angefreundet, und wir besuchten den nächsten Kurs zusammen, genauso wie Kunst dienstags und donnerstags.

Ich sah mir die teuren Jeans an, die er trug, und erkannte den Designerschnitt. „Hier unten ist es sehr gemütlich. Du solltest dich zu mir setzen.“

„Zur Hölle, nein. Ich will mir doch meinen hübschen Hintern nicht beschmutzen, indem ich mich auf diesen Boden da setze.“ Er lehnte sich mit der Hüfte an die Wand neben mir und grinste. „Warte mal. Was machst du überhaupt schon hier? Ich dachte, du hättest erst um neun einen Kurs.“

„Daran erinnerst du dich?“ Wir hatten uns letzte Woche ungefähr eine halbe Sekunde lang über unsere Stundenpläne unterhalten.

Er zwinkerte mir zu. „Ich habe ein phantastisches Gedächtnis für vollkommen nutzlose Fakten.“

Ich lachte. „Gut zu wissen.“

„Also hast du geschwänzt? Du böses, böses Mädchen.“

Ich zuckte ein wenig zusammen und schüttelte den Kopf. „Na ja, ich kam zu spät und ich hasse es, nach Stundenbeginn in ein Klassenzimmer zu kommen. Also nehme ich an, dass meine erste Stunde am Mittwoch stattfindet, wenn ich den Kurs bis dahin nicht ganz schmeiße.“

„Schmeißen? Mädel, sei nicht dämlich. Astronomie ist ein Kinderspiel. Ich hätte den Kurs auch belegt, wenn er nicht nach ungefähr zwei Sekunden voll gewesen wäre, weil sich die ganzen älteren Studenten, die kurz vor dem Abschluss stehen, eingetragen haben.“

„Nun, du hast auch nicht, während du zum Kurs gehetzt bist, fast einen Kerl umgebracht – einen Kerl, der zufällig auch diesen ach so lockeren Kurs besucht.“

„Was?“ Jacob riss interessiert die dunklen Augen auf und machte Anstalten, sich hinzuknien. Dann erregte jemand anders seine Aufmerksamkeit. „Hey! Brittany! Schaff deinen Hintern hier rüber!“

Ein ziemlich kleines, blondes Mädchen hielt abrupt mitten im Flur an und drehte sich mit roten Wangen zu uns um. Dann lächelte sie, als sie Jacob auf und ab springen sah. Sofort kam sie zu uns herüber.

„Brittany, das ist Avery.“ Jacob strahlte. „Avery, das ist Brittany. Sagt hallo.“

„Hallo“, sagte Brittany mit einem kleinen Winken.

Ich winkte zurück. „Hallo.“

„Avery will mir gerade erzählen, wie sie fast einen Kerl auf dem Flur hier im College umgebracht hat. Ich dachte, du willst die Geschichte vielleicht auch hören.“

Ich verzog das Gesicht, aber die Neugierde, die in Brittanys braunen Augen aufflackerte, war auch irgendwie witzig. „Erzähl“, meinte sie und lächelte.

„Nun, ich habe natürlich niemanden umgebracht“, erklärte ich mit einem Seufzen. „Aber ich war nah dran, und es war so unglaublich peinlich.“

„Peinliche Geschichten sind immer die besten“, verkündete Jacob und kniete sich vor mich.

Brittany lachte. „Das stimmt.“

„Spuck’s aus, Schwester.“

Ich schob mir eine Strähne hinters Ohr und senkte meine Stimme, damit nicht der gesamte Flur von meiner Erniedrigung erfuhr. „Ich war zu spät dran für meinen Astronomiekurs und bin durch die Flügeltür im ersten Stock gerannt. Ich habe nicht aufgepasst, wo ich hinlief, und habe diesen armen Kerl fast in Grund und Boden gerammt.“

„Ach du Schande.“ Brittany schaute mich mitfühlend an.

„Genau. Und ich meine, ich habe ihn echt fast umgeknockt. Ich habe mein gesamtes Zeug fallen lassen. Überall flogen Bücher und Stifte rum. Ziemlich heftig.“

Jacob war sichtlich angeregt von meiner Geschichte. „War er heiß?“

„Was?“

„War der Kerl heiß?“, wiederholte er, während er sich mit einer Hand durch die kurzen Haare fuhr. „Denn wenn er heiß war, hättest du die Situation zu deinem Vorteil nutzen sollen. Vielleicht verliebt ihr euch total, und dann kannst du allen erzählen, dass du ihn angebumst hast, bevor er dich tatsächlich gebumst hat.“

„Oh mein Gott.“ Ich fühlte eine vertraute Hitze in meinen Wangen aufsteigen. „Ja, er sah wirklich gut aus.“

„Oh nein“, meinte Brittany, die anscheinend als Einzige erkannte, dass die ganze Situation durch den gut aussehenden Kerl nur noch peinlicher wurde. Wahrscheinlich brauchte man eine Vagina, um das zu verstehen, denn Jacob schien die Info nur noch mehr zu begeistern.

„Also, wie sah dieser gut aussehende Schnuckel denn nun aus? Ich brauche Details.“

Ein Teil von mir wollte den Mund halten, weil ich mich allein beim Gedanken an Cam schon wieder unwohl fühlte. „Ähm … na ja, er war ziemlich groß und gut gebaut, würde ich sagen.“

„Woher willst du wissen, dass er gut gebaut war? Hast du ihn auch befummelt?“

Ich lachte, als Brittany den Kopf schüttelte. „Ich bin wirklich in ihn reingelaufen, Jacob. Und er hat mich aufgefangen. Ich habe ihn nicht absichtlich befummelt, aber es wirkte, als hätte er einen guten Körper.“ Ich zuckte mit den Achseln. „Auf jeden Fall hatte er dunkle, lockige Haare. Länger als deine, irgendwie verwuschelt, aber auf …“

„Verdammt, Mädel, wenn du jetzt erklärst, dass sie auf eine Mir-ist-egal-dass-ich-so-unverschämt-sexy-bin-Art verwuschelt waren, dann will ich diesen Kerl auch treffen.“

Brittany kicherte. „Ich liebe solche Haare.“

Ich fragte mich, ob mein Gesicht wirklich so rot leuchtete, wie es sich anfühlte. „Ja, so ungefähr sah das aus. Er war wirklich atemberaubend, und seine Augen waren so blau, dass sie …“

„Moment“, keuchte Brittany und riss ihre eigenen Augen dabei auf. „Waren seine Augen so blau, dass sie schon fast künstlich wirkten? Und roch er richtig gut? Ich weiß, dass das jetzt unheimlich und seltsam klingt, aber beantworte die Fragen bitte trotzdem.“

Das war in der Tat unheimlich und seltsam, aber auch wirklich witzig. „Ja auf beide Fragen.“

„Heilige Scheiße.“ Brittany lachte laut auf. „Weißt du seinen Namen?“

Langsam fing ich an, mir Sorgen zu machen, weil auch Jacob plötzlich aussah, als würde ihm etwas dämmern. „Ja, warum?“

Brittany stupste Jacob mit ihrem Ellbogen an, dann senkte sie die Stimme. „Heißt er Cameron Hamilton?“

Mir fiel die Kinnlade in den Schoß.

„Er war es!“ Brittanys Schultern zuckten. „Du hast Cameron Hamilton angerempelt?“

Jacob lächelte nicht. Er starrte mich einfach nur … ehrfürchtig? … an. „Ich bin gerade so unglaublich neidisch auf dich. Ich würde meinen linken Hoden dafür geben, mit Cameron Hamilton zusammenzustoßen.“

Ich verschluckte mich beinahe an meinem Lachen. „Wow. Das ist ziemlich ernst.“

„Cameron Hamilton ist ernst, Avery. Du hast ja keine Ahnung. Du bist ja nicht von hier“, erklärte Jacob.

„Aber du bist auch ein Erstsemester. Woher weißt du von ihm?“, fragte ich, weil Cam zu alt wirkte, um noch im ersten Semester zu sein. Er musste sich bereits dem Ende seines Studiums nähern.

„Alle auf dem Campus kennen ihn“, antwortete er.

„Aber du bist noch nicht mal eine Woche auf dem Campus!“

Jacob grinste. „Ich komme rum.“

Ich lachte, während ich gleichzeitig den Kopf schüttelte. „Ich kapier es nicht. Ja, er ist … heiß, aber was soll’s?“

„Ich war mit Cameron auf der Schule“, erklärte Brittany mit einem kurzen Blick über die Schulter. „Ich meine, er war zwei Jahre älter als ich, aber auf der Highschool war er DER Star. Alle wollten in seiner Nähe oder mit ihm zusammen sein. Und hier ist es so ziemlich dasselbe.“

Trotz der Tatsache, dass Brittanys Worte mich auch an jemand anderen erinnerten, wurde ich neugierig. „Also seid ihr beide von hier?“

„Nein. Wir kommen aus der Gegend um Morgantown und Fort Hill herum. Ich habe keine Ahnung, warum er sich für dieses College entschieden hat statt für die West Virginia University in Morgantown. Ich habe es getan, weil ich mal rauskommen wollte, statt wieder dieselben langweiligen Leute zu sehen.“

Das konnte ich gut verstehen.

„Auf jeden Fall kennt man Cameron auf dem Campus.“ Jacob klatschte in die Hände. „Er lebt in einer eigenen Wohnung, schmeißt angeblich die weltbesten Partys und …“

„In der Highschool hatte er einen gewissen Ruf“, schaltete Brittany sich ein. „Einen Ruf, den er sich redlich verdient hatte. Versteh mich nicht falsch, Cameron war immer ein wirklich cooler Typ. Sehr nett und witzig, aber damals war er das ›Flitt‹ in männliches Flittchen. Inzwischen scheint er sich ein wenig beruhigt zu haben, aber ihr wisst ja, die Katze und das Mausen …“

„Okay.“ Ich fummelte an meinem Armband herum. „Gut zu wissen. Aber eigentlich spielt es keine Rolle. Ich meine, ich bin im Flur mit ihm zusammengestoßen. Mehr weiß ich nicht über Cam.“

„Cam?“ Brittany blinzelte.

„Ja?“ Ich stand auf und nahm meine Tasche. Bald würden die Türen geöffnet.

Brittany runzelte die Stirn. „Leute, die er nicht kennt, nennen ihn Cameron. Nur seine Freunde nennen ihn Cam.“

„Oh?“ Jetzt runzelte ich die Stirn. „Er hat sich mir als Cam vorgestellt, also bin ich davon ausgegangen, dass jeder ihn so nennt.“

Brittany sagte nichts dazu. Und um ehrlich zu sein, in meinen Augen war das keine große Sache. Cam/Cameron/Wer-auch-immer war einfach nur höflich gewesen, nachdem ich ihn umgerannt hatte. Der Fakt, dass er ein geläuterter Party-Playboy war, hieß für mich nichts anderes, als mich weit, weit von ihm fernzuhalten.

Die Türen schwangen auf, und der Flur füllte sich mit Studenten. Unsere kleine Gruppe wartete, bis der größte Andrang vorbei war, dann gingen wir hinein und suchten uns drei Plätze in der hintersten Reihe aus, mit Jacob zwischen uns Mädchen. Als ich meinen Ordner für fünf Fächer, der so riesig war, dass ich damit jemanden hätte erschlagen können, herauszog, packte Jacob meinen Arm.

In seinem Blick tanzten der Schalk und die Aussicht auf Unheil. „Du kannst Astronomie nicht hinschmeißen. Um dieses Semester lebend durchzustehen, muss ich durch dich leben und mindestens dreimal die Woche alles über Cam hören.“

Ich lachte leise. „Ich werde den Kurs nicht schmeißen …“, auch wenn ein Teil von mir das wollte, „… aber ich bezweifle, dass ich dir irgendwas zu erzählen haben werde. Es ist ja nicht so, als würden wir noch mal miteinander reden.“

Jacob ließ meinen Arm los, lehnte sich zurück und schaute mich an.

„Berühmte letzte Worte, Avery.“

 

Der Rest des Tages verlief sehr zu meiner Freude bei Weitem nicht so ereignisreich wie der Morgen. Keine weiteren Unfälle mit nichts ahnenden heißen Typen, und auch keine anderen peinlichen Vorfälle. Obwohl ich die Geschichte beim Mittagessen zu Jacobs Vergnügen noch mal erzählen musste, war ich froh, dass er und Brittany ungefähr zur selben Zeit freihatten wie ich. Ich hatte mich eigentlich darauf eingestellt, den Großteil des Tages als Einzelgängerin zu verbringen, also war es unerwartet nett, sich mit Leuten in meinem Alter zu unterhalten.

Gesellig sein verlernte man offensichtlich genauso wenig wie Rad fahren.

Und abgesehen von Jacobs unnötigem Ratschlag, dass ich absichtlich gegen Cam rennen sollte, wenn ich ihn das nächste Mal sah, gab es auch keine unangenehmen Momente. Am Ende des Tages hatte ich Cam wirklich so gut wie vergessen.

Bevor ich den Campus verließ, ging ich noch bei der Finanzverwaltung vorbei, um mich für einen Studentenjob auf dem Campus zu bewerben. Ich brauchte das Geld nicht, aber der Zeitaufwand würde mich ablenken. Ich absolvierte ein volles Wochenpensum – achtzehn Stunden –, aber trotzdem blieb eine Menge Freizeit. Ein Job auf dem Campus schien mir eine gute Idee. Aber im Moment gab es keine freien Stellen. Mein Name landete auf der Warteliste.

Der Campus war sehr schön, auf eine idyllische, friedliche Art, und völlig anders als die weitläufigen Gelände der großen Universitäten. Er lag zwischen dem Fluss Potomac und der kleinen historischen Altstadt von Shepherdstown und wirkte fast wie ein Postkartenmotiv. Riesige, altehrwürdige, mit Türmchen ausgestattete Bauten wechselten sich mit moderneren Gebäuden ab. Überall standen Bäume. Die Luft war frisch und sauber, und alles, was man brauchte, befand sich in Fußnähe. An schöneren Tagen konnte ich tatsächlich laufen oder zumindest auf dem westlichen Campus parken, um die Kosten für die Parkuhr zu sparen.

Nachdem ich meine Daten für die Warteliste abgegeben hatte, schlenderte ich zurück zu meinem Auto und genoss dabei die warme Brise. Anders als heute Morgen, als ich zu spät dran gewesen war, nahm ich mir diesmal die Zeit, mir die Häuser auf dem Weg zum Bahnhof anzuschauen. Bei drei Häusern hintereinander saßen massenweise Collegejungs auf der Veranda. Das war wohl die hiesige Version eines Verbindungswohnheims.

Ein Kerl mit Bier in der Hand sah auf. Er lächelte, drehte sich dann aber um, als ein Football aus der offenen Tür und gegen seinen Rücken flog. Ich hörte die Flüche.

Definitiv Verbindungsbrüder.

Aufrechten Ganges eilte ich an den Häusern vorbei. Dann erreichte ich eine Kreuzung, trat auf die Fahrbahn und wäre fast von einem silbernen Truck gerammt worden – es war einer dieser riesigen Pick-ups, vielleicht ein Tundra. Er sauste die schmale Straße entlang, die ich überqueren musste. Mein Herz fing an zu rasen, als der Fahrer auf die Bremse trat und mir mit dem Wagen den Weg versperrte.

Verwirrt trat ich auf den Gehweg zurück. Wollte der Fahrer mich anschreien?

Das getönte Beifahrerfenster fuhr nach unten, und fast wäre ich umgekippt.

Cameron Hamilton grinste hinter dem Lenkrad hervor, eine Baseballkappe verkehrt herum auf dem Kopf. Schwarze Strähnen lockten sich auf seiner Stirn. Und er trug kein Hemd – überhaupt kein Hemd. Aus meiner Position konnte ich nur seine Brust erkennen, aber die war ziemlich chic anzuschauen. Muskeln – der Mann war echt muskulös. Und er hatte eine Tätowierung. Auf Cams linker Brust brannte eine Sonne, deren Strahlen sich in leuchtenden Rot- und Orangetönen über seine Schulter nach hinten zogen.

„Avery Morgansten, so treffen wir uns wieder.“

Er war die letzte Person, die ich sehen wollte. Ich war doch wirklich der größte Pechvogel der Weltgeschichte. „Cameron Hamilton … Hi.“

Er lehnte sich herüber, wobei er einen Arm über das Lenkrad legte. Klarstellung. Er hatte auch einen wirklich schicken Bizeps. „Wir müssen damit aufhören, uns so zu treffen.“

Wahrere Worte waren selten gesprochen worden. Ich musste unbedingt damit aufhören, auf seinen Bizeps zu starren … und auf seine Brust … und auf sein Tattoo. Hätte nie gedacht, dass eine Sonne so … sexy … sein könnte. Wow. Das war ziemlich peinlich.

„Du rennst gegen mich, ich überfahre dich fast“, führte Cam aus. „Es ist, als wäre eine Katastrophe zwischen uns schon vorprogrammiert.“

Ich hatte keine Ahnung, was ich dazu sagen sollte. Mein Mund war trocken und meine Gedanken vollkommen wirr.

„Wo willst du hin?“

„Zu meinem Auto“, zwang ich heraus. „Meine Parkuhr läuft bald ab.“ Das stimmte nicht unbedingt, weil ich ziemlich viele Münzen eingeworfen hatte, damit ich keinen Strafzettel bekam. Aber das musste er ja nicht wissen. „Also …“

„Na, dann spring rein, Süße. Ich kann dich mitnehmen.“

Ich spürte, wie Blut aus meinen Gesicht in andere Teile meines Körpers strömte. Sehr seltsam und verwirrend. „Nein. Ist okay. Ich stehe direkt auf dem Hügel. Wirklich nicht nötig.“

Das schiefe Grinsen erschien und enthüllte dieses einzelne Grübchen. „Kein Problem. Ist ja wohl das Mindeste, was ich tun kann, nachdem ich dich fast umgefahren hätte.“

„Danke, aber …“

„Hey! Cam!“ Bierjunge sprang von der Veranda und joggte den Bürgersteig entlang, wobei er mir einen kurzen Blick zuwarf. „Was hast du vor, Mann?“

Vom Verbindungsbruder gerettet.

Cam wandte den Blick nicht von mir ab, aber sein Grinsen verrutschte etwas. „Nichts, Kevin. Ich versuche hier nur, mich zu unterhalten.“

Ich winkte Cam einmal kurz zu, dann eilte ich um Kevin und die Motorhaube des Trucks herum. Ich sah mich nicht um, aber ich konnte Cams Blicke in meinem Rücken spüren. Über die Jahre hatte ich ein Talent dafür entwickelt zu spüren, wenn jemand außerhalb meines Blickfeldes mich anstarrte.

Ich zwang mich dazu, nicht zum Bahnhof zu rennen, weil zweimal am Tag vor dem selben Kerl wegzulaufen einfach jedes akzeptable Maß von Seltsamkeit überschritt. Selbst für mich.

Mir fiel erst auf, dass ich die ganze Zeit den Atem angehalten hatte, als ich hinter meinem Lenkrad saß und der Motor brummte.

Himmel.

Ich ließ meinen Kopf auf das Lenkrad fallen und stöhnte. Vorprogrammierte Katastrophe? Ja, das konnte ich mir gut vorstellen.

Fesselnd, amüsant und sexy – eine moderne Cinderella-Story!

Blick ins Buch
Paper Princess Paper Princess

Die Versuchung

Sie sind reich, sie sind mächtig und verdammt heiß! Kannst Du ihnen widerstehen?Ellas Leben war bisher alles andere als leicht, und als ihre Mutter stirbt, muss sie sich auch noch ganz alleine durchschlagen. Bis ein Fremder auftaucht und behauptet, ihr Vormund zu sein: der Milliardär Callum Royal. Aus ihrem ärmlichen Leben kommt Ella in eine Welt voller Luxus. Doch bald merkt sie, dass mit dieser Familie etwas nicht stimmt. Callums fünf Söhne – einer schöner als der andere – verheimlichen etwas und behandeln Ella wie einen Eindringling. Und ausgerechnet der attraktivste von allen, Reed Royal, ist besonders gemein zu ihr. Trotzdem fühlt sie sich zu ihm hingezogen, denn es knistert gewaltig zwischen ihnen. Und Ella ist klar: Wenn sie ihre Zeit bei den Royals überleben will, muss sie ihre eigenen Regeln aufstellen …„Leidenschaftlich, sexy und voller Gefühl.“ ―Buch VersumDie Paper-Reihe - New Adult mit SuchtfaktorElla Harpers Leben verändert sich schlagartig, als der Multimillionär Callum Royal behauptet, ihr Vormund zu sein. Aus ihrem ärmlichen Leben kommt Ella in eine Welt voller Luxus. Die Familie mit den fünf attraktiven Brüdern hat einige Geheimnisse zu verbergen ...

1. Kapitel


„Ella, der Direktor möchte dich in seinem Büro sprechen“, verkündet Miss Weir mir, noch ehe ich das Klassenzimmer betreten habe. Aber der Matheunterricht beginnt doch gleich!
Ich werfe einen Blick auf meine Armbanduhr. „Ich bin heute gar nicht zu spät!“
Es ist eine Minute vor neun, und meine Uhr geht auf die Sekunde genau. Wahrscheinlich ist sie das Kostbarste, was ich besitze. Meine Mom hat gesagt, dass mein Dad sie mir sozusagen vererbt hat. Eine Armbanduhr, ein bisschen Sperma. Mehr gab es da nicht zu holen.
„Darum geht’s nicht. Nicht dieses Mal.“ Sie sieht mich ungewöhnlich liebevoll an, und auf einmal wird mir ganz schlecht vor Sorge. Eigentlich ist Miss Weir eine richtig harte Nuss, und genau das schätze ich an ihr. Sie will einfach nur Mathematik unterrichten und nicht irgendwelchen Mist über Nächstenliebe oder so. Wenn die mich so mitleidig ansieht, muss das, was mich beim Direktor erwartet, richtig, richtig übel sein.
„Na schön.“ Als hätte ich irgendeine Wahl! Ich nicke und mache mich auf den Weg.
„Ich schicke dir die Hausaufgaben zu!“, ruft sie mir nach. Anscheinend denkt sie, dass ich nicht zum Unterricht zurückkomme. Aber eigentlich kann der Besuch beim Direx auch nicht schlimmer werden als das, was ich schon hinter mir habe.
Ehe ich mich für die elfte Klasse an der George-Washington-Highschool eingeschrieben habe, habe ich bereits alles verloren, was mir wichtig war. Selbst wenn Mr Thompson herausgefunden hat, dass ich theoretisch gar nicht im Einzugsgebiet der Highschool lebe, kann ich immer noch flunkern, um Zeit zu schinden. Und falls ich dann die Schule wechseln muss – so what? Ist doch halb so wild.
„Na, wie geht’s, wie steht’s, Darlene?“
Die grauhaarige Schulsekretärin sieht kaum von ihrem People-Magazin auf. „Setz dich doch, Ella. Mr Thompson ist gleich bei dir.“
Jepp, Darlene und ich duzen uns. Ich bin erst einen Monat an der G.-W.-High und habe schon viel zu viel Zeit hier im Direktorat verplempert, weil ich immer wieder zu spät gekommen bin. Aber so was kann passieren, wenn man jede Nacht bis drei Uhr morgens ackern muss.
Ich verrenke mir den Hals, um durch die offenen Vorhänge in Mr Thompsons Büro zu linsen. Irgendwer sitzt auf dem Besucherstuhl, aber ich kann nur einen ausgeprägten Kiefer und dunkelbraunes Haar erkennen. Das exakte Gegenteil von mir. Ich bin so blond und blauäugig, wie man nur sein kann. Das habe ich, laut meiner Mom, meinem Dad zu verdanken, dem großzügigen Samenspender.
Thompsons Gast erinnert mich an die Businessleute von außerhalb, die meiner Mom eine Menge Kohle dafür gezahlt haben, einen Abend lang so zu tun, als wäre sie ihre Freundin. Manche Kerle stehen darauf tatsächlich mehr als auf richtigen Sex. Das weiß ich natürlich alles nur von meiner Mom. So weit ist es mit mir zum Glück noch nicht gekommen, und ich hoffe auch, dass mir das erspart bleibt. Deswegen brauche ich dringend meinen Highschool-Abschluss. Dann kann ich aufs College, meinen Abschluss machen und hinterher ein … stinknormales Leben führen.
Andere Kids träumen davon, eine Weltreise zu machen, einen schnellen Flitzer zu kaufen oder ein großes Haus zu haben. Und ich? Ich hätte gern eine eigene Wohnung. Einen Kühlschrank voller Essen, einen geregelten, gut bezahlten Job – am liebsten einen, der in etwa so spannend wie die Buchhaltung eines Bleistiftproduzenten ist.
Die zwei Männer reden und reden. Eine Viertelstunde ist bereits verstrichen, und sie kommen immer noch nicht zum Punkt.
„Hey, Darlene? Ich verpasse gerade meinen Matheunterricht. Ist es okay, wenn ich später noch mal wiederkomme, wenn Mr Thompson Zeit für mich hat?“
Ich versuche, das so nett wie möglich zu sagen. Aber wenn man jahrelang keine echten Erwachsenen um sich hatte – meine etwas flatterhafte, wundervolle Mom kann man nicht richtig mitzählen –, dann ist es wirklich schwer, Erwachsenen gegenüber die nötige Unterwürfigkeit rüberzubringen. Die erwarten sie nämlich von jemandem, der noch nicht mal Alkohol trinken darf. Streng genommen.
„Nein, Ella, Mr Thompson kommt gleich.“
Tatsächlich öffnet sich in diesem Moment die Tür, und der Direktor stolziert heraus. Mr Thompson ist vielleicht einen Meter fünfzig groß und sieht aus, als hätte er gerade erst seinen Highschool-Abschluss gemacht. Irgendwie schafft er es dennoch, ein gewisses Verantwortungsbewusstsein auszustrahlen.
Er winkt mich zu sich. „Miss Harper, kommen Sie doch rein.“
Aber Don Juan sitzt noch in seinem Zimmer!
„Sie haben doch schon Besuch.“ Mann, die Sache sieht ziemlich verdächtig aus, und mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich mich schleunigst verkrümeln sollte! Aber wenn ich jetzt abhaue, riskiere ich, dass der Plan scheitert, den ich die letzten Monate über so sorgfältig ausgetüftelt habe.
Thompson dreht sich um und sieht zu Don Juan, der sich gerade erhebt und mir mit seiner riesigen Pranke zuwinkt.
„Sicher, wegen ihm bist du ja auch hier!“
Widerwillig schlüpfe ich an Mr Thompson vorbei und bleibe kurz hinter der Tür stehen. Der Direx zieht die Vorhänge zu und schließt die Tür. Jetzt bin ich wirklich nervös!
„Setzen Sie sich, Miss Harper.“
Pah, das könnte ihnen so passen! Ich verschränke die Arme und bleibe stehen.
Mr Thompson lässt sich seufzend auf einen Stuhl sinken. Er weiß, wann es keinen Sinn hat, mit mir zu diskutieren. Paradoxerweise macht mich das noch unruhiger, weil ich befürchte, dass er mich erst mal schonen will. Vielleicht, weil mir noch Schlimmeres bevorsteht.
Er greift nach einem Blatt Papier auf seinem Schreibtisch. „Ella Harper, das ist Callum Royal.“ Er macht eine bedeutungsvolle Kunstpause.
Unterdessen starrt Royal mich an, als hätte er noch nie zuvor ein Mädchen gesehen. Mir fällt auf, dass durch meine verschränkten Arme meine Brüste zusammengedrückt werden. Schnell lasse ich die Arme wieder sinken, sodass sie unbeholfen an mir herabbaumeln.
„Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr Royal.“ Es ist bestimmt jedem hier im Raum klar, dass ich das ganz und gar nicht so meine. Der Klang meiner Stimme reißt ihn glücklicherweise aus seiner Hypnose. Er macht einen riesigen Schritt nach vorn, und ehe ich’s mich versehe, hat er meine Hand schon zwischen seine Pranken genommen.
„Gütiger Himmel. Du siehst aus wie er.“ Er flüstert so leise, dass nur ich ihn hören kann. Dann schüttelt er meine Hand, als fiele ihm plötzlich wieder ein, wo er ist. „Bitte, nenn mich doch Callum.“
Irgendwie klingt seine Stimme komisch. So als hätte er Mühe, auch nur einen geraden Satz rauszukriegen. Ich ziehe meine Hand weg, was gar nicht so einfach ist, weil der Kerl mich einfach nicht loslassen will. Erst als Mr Thompson sich laut räuspert, gibt er mich frei.
„Was soll das hier werden?“, frage ich. Mein Ton ist ein bisschen patzig, aber das scheint hier niemanden zu kümmern.
Mr Thompson fährt sich nervös mit der Hand durchs Haar.
„Ich weiß nicht, wie ich es am besten sagen soll, also rede ich nicht lang um den heißen Brei herum: Mr Royal hat mir gesagt, dass Ihre Eltern beide von uns gegangen sind und er jetzt Ihr Vormund ist.“
Kurz schwanke ich. Nur eine Millisekunde, ehe der Schock sich in Empörung verwandelt.
„Bullshit!“ Das Schimpfwort ist raus, ehe ich mich selbst bremsen kann. „Meine Mutter hat mich doch zum Unterricht angemeldet! Ihre Unterschrift steht auf den Anmeldeformularen.“
Mein Herz rast wie ein Presslufthammer, weil ich die Unterschrift selbst gefälscht habe. Anders ging’s leider nicht, wenn ich die Kontrolle über mein Leben behalten wollte – eigentlich bin ich ja sowieso schon die Erwachsene in der Familie gewesen, seit ich fünfzehn war.
Man muss Mr Thompson zugutehalten, dass er mir die Fälschung nicht vorwirft. „Die Dokumente besagen, dass Mr Royal Ihr rechtmäßiger Vormund ist.“
„Ach ja? Na, er lügt aber. Ich habe diesen Typen noch nie gesehen, und wenn Sie mich jetzt mit ihm mitgehen lassen, stehen bestimmt die Cops demnächst hier auf der Matte. Weil ein Mädchen der G.-W.-High miesen Menschenhändlern zum Opfer gefallen ist.“
„Du hast recht, wir kennen uns noch nicht“, wirft Royal ein. „Das ändert aber nicht das Geringste an der Tatsache.“
„Lassen Sie mal sehen.“ Ich springe zu Mr Thompsons Schreibtisch und reiße ihm die Dokumente aus der Hand. Eilig überfliege ich sie, ohne wirklich etwas aufzunehmen. Ein paar Worte wie Vormund oder verschieden und Erbe springen mir ins Auge, aber das ist mir völlig schnuppe. Mr Royal ist ein Fremder. Basta.
„Wenn Ihre Mutter mal hier vorbeischauen würde, könnten wir vielleicht alles in Ruhe klären“, schlägt Mr Thompson beschwichtigend vor.
„Ja, Ella. Wenn du deine Mutter nächstes Mal mitbringst, dann ziehe ich meinen Anspruch natürlich zurück.“
Auch wenn Royal sich bemüht, sanft wie ein Lämmchen zu klingen, ist seine Stimme doch hart wie Stahl. Er weiß Bescheid.
Ich wende mich wieder an den Direx, weil ich mit ihm leichteres Spiel habe.
„Diesen Wisch hier hätte sogar ich im Computerraum fälschen können. Würde nicht mal Photoshop dafür brauchen.“ Ich knalle den Papierstapel vor ihm auf den Tisch. Offenbar beginnt er ein wenig zu zweifeln, und das sollte ich ausnutzen. „Ich muss zurück zum Unterricht. Das Halbjahr hat doch gerade erst begonnen, und ich will nichts verpassen.“
Er leckt sich unentschlossen die Lippen, und ich starre so überzeugend wie möglich auf ihn hinunter. Ich habe keinen Dad. Und ich habe ganz bestimmt keinen Vormund. Wenn dem so wäre – wo war er dann mein Leben lang? Wieso ist er uns nicht zu Hilfe gekommen, als meine Mutter versucht hat, irgendwie genug für uns beide zu verdienen, mit dem Krebs gekämpft und im Hospizbett bitterlich geweint hat, weil sie mich nicht allein zurücklassen wollte? Wo, bitte schön, war er da?!
Thompson seufzt. „Na schön, Ella. Dann geh zurück zum Unterricht. Mr Royal und ich haben sowieso noch einiges zu besprechen.“
„Diese Dokumente hier sind echt“, schaltet sich Royal wieder ein. „Mr Thompson, Sie kennen mich und meine Familie. Ich wäre hier doch nicht aufgetaucht, wenn es nicht wahr wäre! Wieso sollte ich das tun?“
„Es gibt eine Menge Perverslinge auf dieser Welt“, zische ich giftig. „Und die lassen sich auch irgendwelche Märchen einfallen, um an ihr Ziel zu kommen.“
„So, Ella, das reicht jetzt.“ Mr Thompson klingt langsam etwas ungeduldig. „Mr Royal, diese Nachricht kommt für jeden von uns überraschend. Sobald wir Ellas Mutter kontaktiert haben, klärt sich bestimmt alles.“
Royal passt die Verzögerung überhaupt nicht in den Kram. Er wiederholt seine abgedroschenen Argumente und betont noch mal, wie furchtbar wichtig er ist und dass ein Royal niemals lügen würde. Ich erwarte schon fast, dass er uns gleich mit George Washington und der alten Geschichte vom Kirschbaum kommt. Als die zwei die Diskussion fortsetzen, schlüpfe ich aus dem Zimmer.
„Bin noch schnell auf der Toilette, Darlene!“, schwindle ich. „Danach gehe ich gleich wieder in den Unterricht.“
„Lass dir Zeit“, meint Darlene leichthin. „Ich gebe deiner Lehrerin Bescheid.“
Aber ich gehe nicht auf die Toilette. Und ich gehe auch nicht zurück in den Unterricht. Stattdessen flitze ich zur Bushaltestelle und fahre mit der Linie G bis zur Endstation. Von dort aus brauche ich zu Fuß noch mal eine halbe Stunde bis zu meiner Wohnung, die ich für lumpige fünfhundert Dollar im Monat gemietet habe. Es gibt ein Schlafzimmer, ein schmuddeliges Bad und eine Wohnküche, die nach Schimmel riecht. Aber die Bude ist relativ günstig, und die Vermieterin akzeptiert Bargeld und hat auch keine Hintergrundrecherchen angestellt, ehe sie mir die Wohnung vermietet hat.
Ich habe keine Ahnung, wer dieser Callum Royal sein soll, aber sein Erscheinen in Kirkwood ist überflüssig wie ein Pickel. Diese Dokumente waren nicht gefälscht. Sie waren echt. Aber ich werde mein Leben auf keinen Fall in die Hände eines Fremden legen, der einfach so aus dem Nichts auftaucht.
Mein Leben gehört mir. Ich lebe, wie ich will, und habe die Kontrolle darüber.
Ich kippe meine Schulbücher aus dem Rucksack und fülle ihn mit Kleidung, Kosmetikartikeln und meinen letzten Ersparnissen: tausend Dollar. Mist. Ich muss dringend an Kohle kommen, um aus der Stadt verschwinden zu können. Ich bin so was von pleite. Es hat mich ja schon zwei Tausender gekostet, um hierherzuziehen – die Bustickets, die erste und zweite Monatsmiete und die Kaution haben einiges an Geld gefressen. Es ist verdammt ärgerlich, dass ich eine Miete quasi umsonst bezahlt habe, aber ich muss nun mal dringend weg. Hier kann ich nicht bleiben.
Wieder haue ich ab. Wie gut ich das kenne. Meine Mom und ich waren auch ständig auf der Flucht. Vor ihren Liebhabern, ihren perversen Chefs, dem Sozialamt, vor der Armut. Erst im Hospiz sind wir eine längere Zeit am Stück geblieben, und das nur, weil sie im Sterben lag. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Universum mich dazu verdammt hat, unglücklich zu sein.
Ich sitze auf der Bettkante und versuche, vor Frust, Zorn und, okay, ich gebe es zu: Angst, nicht laut loszuheulen. Ich gönne mir fünf Minuten Selbstmitleid, dann greife ich zum Telefon. Scheiß aufs Universum.
„Hey, George. Ich habe über dein Angebot nachgedacht, im Daddy G’s zu arbeiten. Ich würd’s gern annehmen.“
Ich habe eine Weile im Miss Candy’s gearbeitet, einer Table-Dance-Bar, in der ich an der Stange getanzt und mich bis auf meinen G-String und Nippel-Pasties ausgezogen habe. Man verdient nicht übel, aber auch nicht richtig viel. George hat die letzten Wochen über auf mich eingeredet, um mich davon zu überzeugen, im Daddy G’s, einem richtigen Striplokal, aufzutreten. Ich habe mich nie darauf eingelassen, weil ich keine Notwendigkeit dafür gesehen habe. Jetzt schon.
Glücklicherweise habe ich den tollen Körper meiner Mutter geerbt. Lange Beine. Wespentaille. Mein Busen ist nicht riesig, aber George sagt immer, dass ihm meine spitzen kleinen Brüste gefallen, weil sie so jugendlich wirken. Tja, von wegen wirken. Aber auf meinem Ausweis steht nun mal, dass ich vierunddreißig bin und nicht Ella, sondern Margaret Harper heiße. So wie meine tote Mutter. Ganz schön gruselig, wenn man genauer drüber nachdenkt.
Mit siebzehn hat man nicht die größte Auswahl an Teilzeitjobs, von denen man noch dazu die Miete bezahlen kann. Schon gar nicht im legalen Bereich. Man kann Drogen verticken. Anschaffen gehen. Strippen. Ich habe mich für Letzteres entschieden.
„Ey, Mädchen, das sind ja super Neuigkeiten!“, johlt George. „Heute Abend ist eine richtig große Show, und du könntest die dritte Tänzerin sein. Du kannst eine katholische Schulmädchen-Uniform anziehen, darauf fahren die Kerle total ab.“
„Wie viel gibt es?“
„Wovon?“
„Kohle, George. Wie viel Kohle.“
„Fünfhundert plus Trinkgeld. Wenn du noch ein paar private Lapdances machst, kriegst du dafür jeweils hundert.“
Shit. Ich könnte in nur einer Nacht richtig Asche machen. Ich schiebe all meine Angst und mein Unbehagen beiseite. Nein, jetzt ist nicht der richtige Moment für moralische Bedenken.
„Mache ich. Buch so viele Auftritte wie möglich für mich.“

 



2. Kapitel


Das Daddy G’s ist ein richtiges Drecksloch, aber es ist immer noch um einiges netter als viele andere Clubs hier in der Stadt. Auch wenn das irgendwie so klingt wie: Hier, nimm dir doch ein Stück von diesem vergammelten Hühnchen! Es ist nicht ganz so grün und schimmelig wie der Rest! Na ja. Geld ist Geld.
Ich hatte noch den ganzen Tag an Callum Royals Auftritt in der Schule zu knabbern. Wenn ich einen Laptop inklusive Internetzugang hätte, hätte ich ihn längst gegoogelt. Leider ist mein alter Computer kaputt, und ich habe nicht genug Geld für einen Ersatz. Ich wollte mich dafür auch nicht in die Bibliothek setzen. Klingt vielleicht bescheuert, aber irgendwie hatte ich Angst, Royal auf der Straße in die Arme zu laufen.
Wer ist er nur? Und wieso hält er sich für meinen Vormund? Mom hat ihn mir gegenüber nicht ein einziges Mal erwähnt. Einen Moment lang habe ich mich tatsächlich gefragt, ob er mein Vater sein könnte. Aber in den Unterlagen stand, dass der ebenfalls tot ist. Und solange meine Mom mich in dieser Hinsicht nicht angelogen hat, hieß er auch nicht Callum, sondern Steve.
Steve. Irgendwie kam mir das immer vor wie ein Fantasiename:
Erzähl mir von meinem Daddy, Mom!
Ähm, dein Daddy, ähm … hieß Steve!
Aber ich will auch nicht davon ausgehen, dass meine Mom mich angelogen hat. Wir waren schließlich immer ehrlich zueinander.
Ich verdränge den Gedanken an Callum Royal, so gut ich kann, weil ich das bei meinem ersten Auftritt im Daddy G’s wirklich nicht gebrauchen kann. Hier sitzen auch so schon genug Säcke mittleren Alters herum.
Der Club ist wirklich gesteckt voll. Scheinbar ist die Katholische-Schulmädchen-Nacht hier eine richtig große Nummer. Alle Tische und Sitznischen im Hauptsaal sind besetzt, aber die VIP-Lounge im ersten Stock ist noch vollkommen verlassen. Eigentlich ist das nicht weiter überraschend. In Kirkwood, diesem kleinen Tennessee-Kaff vor Knoxville, gibt es nun mal nicht viele VIPs. Es ist eine Arbeiterstadt, und die Einwohner gehören eher der Unterschicht an. Wenn du mehr als vierzigtausend Dollar im Jahr verdienst, dann giltst du schon als gemachter Mann. Genau deswegen wohne ich hier. Die Miete ist niedrig, und die staatliche Schule ist auch ganz okay.
Die Umkleide liegt im hinteren Teil des Clubs, und als ich sie betrete, herrscht schon großer Trubel. Halb nackte Frauen sehen mich an, ein paar nicken mir zu, ein paar lächeln, ehe sie sich wieder aufs Schminken oder ihre Strapse konzentrieren.
Eine kommt auf mich zu.
„Cinderella?“, fragt sie.
Ich nicke. Diesen Shownamen habe ich im Miss Candy’s benutzt, weil er mir damals passend erschien.
„Ich bin Rose. George hat mich gebeten, dich heute Abend einzuarbeiten.“
In jedem Club gibt es eine Mutterhenne – eine ältere Frau, der klar ist, dass sie den Kampf gegen Zeit und Schwerkraft verloren hat, und die sich auf andere Weise nützlich macht. Im Miss Candy’s war das Tina, eine alternde Blondine, die mich vom ersten Moment an unter ihre Fittiche genommen hat. Hier ist es die alternde rothaarige Rose, die diesen Part übernimmt und mich jetzt zu der Kleiderstange mit den Kostümen führt.
Als ich nach der Schulmädchenuniform greifen will, winkt sie ab. „Die ist für später. Nimm mal das hier.“
Ehe ich’s mich versehe, hat sie mich auch schon in ein schwarzes Lack-Korsett und ein schwarzes Spitzenhöschen gesteckt.
„Darin soll ich tanzen?“ Das Korsett ist so fest geschnürt, dass ich kaum atmen kann. Und wie soll ich das selbst aufbekommen?
„Mach dir nicht zu viele Gedanken“, rät sie mir. „Wackel einfach mit deinem Hintern und rutsch an Mr VIPs Stange auf und ab, und alles ist bestens.“
Ich sehe sie verblüfft an. „Ich dachte, ich gehe jetzt raus auf die Bühne.“
„Oh, hat George es dir nicht gesagt? Du bist für einen Private-Dance in der VIP-Lounge gebucht.“
Was? Das ist doch mein erster Abend hier! Im Miss Candy’s hat man immer erst ein paarmal auf der Bühne getanzt, ehe man privat gebucht werden konnte.
„Scheint ein Stammkunde aus deinem ehemaligen Club zu sein“, vermutet Rose, die bemerkt hat, wie verwirrt ich bin. „Richie Rich ist hier hereinstolziert, als gehörte ihm der Club! Er hat George fünf Hunderter in die Hand gedrückt und ihm gesagt, dass er dich rüberschicken soll.“ Sie zwinkert mir zu. „Wenn du es geschickt anstellst, kannst du bestimmt noch ein paar Scheinchen mehr rausschlagen.“
Und weg ist sie, springt zu einer anderen Tänzerin, während ich vollkommen bedröppelt dastehe und mich frage, ob das alles ein riesiger Fehler war.
Ich tue gern so, als wäre ich eine richtig toughe Nuss, und bis zu einem gewissen Punkt stimmt das ja auch. Ich bin arm und hungrig. Ich wurde von einer Stripperin großgezogen. Ich weiß, wie man jemandem eine verpasst, wenn es nötig ist. Aber ich bin trotzdem erst siebzehn! Manchmal kommt es mir so vor, als wäre ich ein bisschen zu jung für das Leben, das ich führe. Dann sehe ich mich um und denke: Ich gehöre hier nicht her.
Dennoch bin ich hier. Ich bin hier, ich bin ziemlich im Arsch, und wenn ich das normale Leben führen will, nach dem ich mich so sehr sehne, dann muss ich jetzt raus und auf Mr VIPs Stange auf- und abrutschen, wie Rose es so nett formuliert hat.
Im Flur kommt mir George entgegen. Er ist ein stämmiger Typ mit Vollbart und warmen Augen. „Hat Rose dir von dem Kunden erzählt? Er wartet schon auf dich.“
Ich nicke und versuche, den Kloß in meinem Hals runterzuschlucken. „Ich muss doch nichts Besonderes machen, oder? Nur einen ganz gewöhnlichen Lapdance.“
Er gluckst. „Mach, was immer du willst, aber wenn der Kerl dich anfasst, dann wird ihn unser guter alter Bruno windelweich schlagen.“
Ich bin sehr erleichtert, dass die Regel des Nicht-Anfassens auch hier gilt. Für schleimige Typen zu tanzen, ist sehr viel angenehmer, wenn klar ist, dass sie dich nicht antatschen dürfen.
„Das wird schon, Mädchen.“ Er tätschelt meinen Arm. „Und falls er dich fragen sollte, dann bist du vierundzwanzig, okay? Hier arbeitet niemand über dreißig.“
Und unter zwanzig?, hätte ich ihn fast gefragt. Aber ich presse die Lippen zusammen. Eigentlich muss ihm klar sein, dass ich in Bezug auf mein Alter mächtig geschummelt habe. Das macht hier garantiert jede Zweite. Und es kann ja sein, dass mein Leben bis jetzt hart war, aber ich sehe nun mal niemals aus wie vierunddreißig. Mit ein bisschen Make-up gehe ich vielleicht als einundzwanzig durch – gerade so.
George verschwindet in der Umkleide, und ich hole noch mal tief Luft, ehe ich den Flur hinuntergehe.
Im Hauptsaal empfängt mich schon die sexy Musik mit dem stampfenden Bass. Die Tänzerin auf der Bühne hat gerade ihre Bluse aufgeknöpft, und als die Kerle ihren durchsichtigen BH sehen, drehen sie völlig durch. Dollarscheine regnen auf die Bühne hinab, und genau darauf konzentriere ich mich jetzt. Auf das Geld. Scheiß auf den Rest.
Trotzdem macht mich der Gedanke daran, die G.-W.-High und all die Lehrer, denen ihr Job wirklich am Herzen zu liegen scheint, zu verlassen, richtig fertig. Aber ich werde schon eine andere Schule in einer anderen Stadt finden. Eine Stadt, in der Callum Royal mich nicht …
Ich bleibe abrupt stehen und wirble herum.
Zu spät. Callum kommt bereits quer durch die VIP-Lounge auf mich zu und packt mich mit festem Griff am Oberarm.
„Ella“, sagt er leise.
„Lassen Sie mich los!“ Ich versuche, so gleichgültig wie möglich zu klingen, zittere aber heftig, als ich versuche, ihn abzuschütteln.
Er lässt mich nicht los, bis eine andere Gestalt in schwarzem Anzug und mit breiten Schultern aus dem Schatten hervortritt. „Hier wird niemand angefasst“, sagt der Security-Mann streng.
Royal lässt meinen Arm los, als bestünde er aus glühender Lava. Er sieht Bruno finster an und wendet sich dann wieder an mich, wobei er versucht, nicht in meinen Ausschnitt zu gucken. „Wir sollten uns mal unterhalten.“ Sein Whiskeyatem wirft mich fast um.
„Ich habe Ihnen nichts zu sagen“, erwidere ich kühl. „Ich kenne Sie gar nicht.“
„Ich bin immerhin dein Vormund!“
„Nein. Sie sind einfach irgendein Fremder, der mich davon abhält, meinen Job zu machen.“ Jetzt klinge ich wunderbar herablassend.
Er öffnet kurz den Mund und schließt ihn dann wieder. „Okay. Dann ab an die Arbeit.“
Was?!
Er lässt sich auf die Couch plumpsen und lehnt sich zurück.
„Dann biete mir mal was für mein Geld.“
Mein Herz rast. Auf keinen Fall! Ich werde für diesen Mann nicht tanzen.
Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie mein neuer Chef die Lounge betritt und mich erwartungsvoll ansieht.
Ich versuche, so selbstbewusst wie möglich auf Royal zuzuschlendern.
„Schön. Ganz wie Sie wollen!“
Kurz spüre ich einen dicken Kloß im Hals, aber hier wird nicht geheult. Das habe ich zum letzten Mal am Sterbebett meiner Mutter getan, und ich habe nicht vor, es jetzt zu wiederholen.
Callum Royal sieht mich seltsam gequält an, als meine Hüften im Takt der Musik zu kreisen beginnen, fast wie von allein. Ich habe schon immer gern getanzt. Als ich noch jünger war, hat meine Mom ihre letzten Ersparnisse zusammengekratzt, um Ballett- und Jazzunterricht für mich zu finanzieren, drei Jahre lang. Als das Geld alle war, hat sie mich selbst unterrichtet. Sie hat sich Videos angesehen oder heimlich Tanzkurse im Sportverein besucht, ehe sie sie rausgeworfen haben, um dann zu Hause ihr Wissen an mich weiterzugeben.
Ich bin ziemlich gut darin, aber ganz sicher nicht so naiv zu denken, dass ich eine große Tanzkarriere hinlegen werde. Ich strebe eher was Vernünftiges an, Jura oder Wirtschaft oder so. Irgendwas, womit sich ordentlich Geld verdienen lässt. Das mit dem Tanzen ist reine Träumerei.
Ich tanze immer weiter und höre plötzlich, wie Royal aufstöhnt. Allerdings nicht so, wie die anderen Männer es tun. Sondern traurig.
„Er würde sich gerade im Grabe umdrehen“, meint er mit rauer Stimme.
Ich ignoriere ihn. Tue so, als wäre er nicht da.
„Das ist nicht richtig“, sagt er gepresst.
Ich werfe mein Haar zurück und will mich gerade daranmachen, mein Korsett aufzuschnüren, weil ich spüre, wie Bruno mich beobachtet. Für einen zehnminütigen Tanz gibt es hundert Kröten, und zwei habe ich schon herumbekommen, ohne mich auszuziehen. Noch acht Minuten. Das kriege ich hin.
Royal allerdings nicht. Er packt mich am Arm und ruft: „Nein! Steve hätte das nicht gewollt!“
Ich habe nicht mal Zeit zu verstehen, was er da gesagt hat, weil er mich da schon über seine Schulter geworfen hat, als wäre ich eine Spielzeugpuppe.
„Aus dem Weg!“, ruft er, als Bruno auf ihn zukommt. „Dieses Mädchen hier ist gerade mal siebzehn! Sie ist minderjährig, und ich bin ihr Vormund. Glauben Sie mir, wenn Sie noch einen Schritt näher kommen, hetze ich jeden Cop in Kirkwood auf Sie. Und die sorgen dafür, dass Sie und all die anderen Perversen hier im Kittchen landen, weil Sie Minderjährige strippen lassen.“
Bruno mag zwar so aussehen, aber er ist nicht bescheuert. Tatsächlich macht er Callum Royal Platz.
Ich bin da weniger kooperativ. Stattdessen prügle ich auf Royals Rücken ein und zerre an seinem teuren Designeranzug. „Lassen Sie mich runter!“, brülle ich.
Macht er aber nicht. Niemand hält ihn auf, als er auf den Ausgang zustürmt. Die Männer im Publikum sind viel zu beschäftigt damit, die Tänzerin anzugaffen und zu johlen. Ich sehe, wie George zu Bruno tritt und der ihm wütend etwas erklärt, aber dann sind sie auch schon weg, und ich spüre die kühle Abendluft. Obwohl wir draußen sind, denkt Callum Royal nicht daran, mich abzusetzen. Er rennt über den Parkplatz, dessen Teeroberfläche rissig ist. Ich sehe seine schicken Schuhe im Licht der Laterne glänzen, dann höre ich das Klirren eines Schlüsselbundes und ein lautes Piepen. Und schon befinde ich mich auf einem lederbezogenen Autositz, während eine Tür mit einem lauten Rumms zugeworfen wird. Der Motor wird gestartet.
O mein Gott. Dieser Typ entführt mich!

High School Romance

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