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Puppenspiele

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Thriller

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Puppenspiele — Inhalt

Eine rote Narbe über dem Herzen und ein Spiegel in der Hand. Welche Botschaft steckt hinter der Inszenierung, die der Serienkiller mit seinen jungen Opfern veranstaltet? Christian Beyer und sein Team decken bei ihren Ermittlungen ein skrupelloses Spiel um Geld, Macht und Fortschritt auf, das jetzt seinen tödlichen Tribut fordert.

€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erschienen am 10.12.2013
336 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98025-8

Leseprobe zu »Puppenspiele«

Leseprobe

TEIL I

MACHTSPIELE

23. Februar 2009:
Hamburg.

Kurz vor Mitternacht betrat Clarissa Wedekind die Bar »20up« des Hamburger »Riverside«-Hotels. Es war ein Montagabend und die Bar nicht so gut besucht wie an Wochenenden, an denen man einen Platz reservieren musste, um die spektakuläre Aussicht auf den Hafen zu genießen. Nicht mal ein Dutzend Gäste besetzten die Poleposition an der verglasten Frontseite.

Clarissa ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Sie würde sich nach links auf einen Barhocker an einem der Stehtische setzen, so weit weg von [...]

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Leseprobe

TEIL I

MACHTSPIELE

23. Februar 2009:
Hamburg.

Kurz vor Mitternacht betrat Clarissa Wedekind die Bar »20up« des Hamburger »Riverside«-Hotels. Es war ein Montagabend und die Bar nicht so gut besucht wie an Wochenenden, an denen man einen Platz reservieren musste, um die spektakuläre Aussicht auf den Hafen zu genießen. Nicht mal ein Dutzend Gäste besetzten die Poleposition an der verglasten Frontseite.

Clarissa ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Sie würde sich nach links auf einen Barhocker an einem der Stehtische setzen, so weit weg von den anderen Gästen wie nur möglich. Das fröhliche Getue von Menschengruppen war Clarissa zuwider. Doch zuerst ging sie zur Fensterfront und warf einen Blick auf den Hafen in etwa neunzig Meter Tiefe. Schließlich hatte sie nur wegen des viel gerühmten Panoramas in diesem Hotel eingecheckt. Über die Zimmer ließ sich nichts Bemerkenswertes sagen, es sei denn, man wollte das Bemühen und gleichzeitige Scheitern der Innenarchitekten kommentieren. Der Blick von hier oben jedoch war tatsächlich beeindruckend. Ein großes Kreuzfahrtschiff wurde gerade mit unglaublicher Behutsamkeit in ein Dock eingefädelt. Das Dock war so schmal, dass dem Schiff auf beiden Seiten anscheinend nur wenige Zentimeter blieben, um nicht die Mauern zu touchieren. Vor allem die männlichen Gäste starrten wie gebannt auf das sich bietende Schauspiel und bestaunten die Fähigkeiten des Kapitäns mit angeberischem Halbwissen über Umkehrschub und Wendegetriebe.

Schlepper, Dickschiffe, Docks und Containerterminals waren beleuchtet von unzähligen weißen, orangefarbenen und roten Lichtern, deren Spiegelungen auf der dunklen, kaum bewegten Wasseroberfläche der Elbe sanft und glitzernd schaukelten.

Wenige Meter von Clarissa entfernt stand eine sehr hübsche, sehr junge, sehr blonde Frau eingehakt am Arm eines anscheinend gut situierten älteren Herrn, der vermutlich ihre Brillantohrringe bezahlt hatte. Sie betonte ihre jugendlich-romantische Seite, indem sie immer wieder aufstöhnte: »Mein Gott, ist das schön!« Clarissa war sich sicher, dass die junge Frau ihrem väterlichen Begleiter wenig später mit ähnlichen Worten einen Orgasmus vorspielen würde. »Schau doch, Hartmut, die vielen Lichter! Als würden Sterne im Wasser schwimmen«, ereiferte sich die Blondine in einem Anfall verbaler Sensitivität.

Clarissa wusste, dass empfindsame Gemüter bei derartigem Anblick in Verzücken gerieten. Für sie war das Glitzern jedoch nur eine Frage der Lichtbrechung und das Panorama lediglich ein beleuchteter Hafen, in dem sich tätowierte Kerle mit ölverschmierten Fingern rund um die Uhr die Knochen wund rieben. Clarissa hatte nichts übrig für die Poesie der Nacht. Sie nahm das Hamburger Postkartenmotiv mit interesselosem Wohlgefallen zur Kenntnis, wandte sich den Stehtischen zu und bestellte einen achtzehn Jahre alten schottischen Single Malt. Clarissa trank selten Alkohol, sie bevorzugte einen klaren Kopf. Doch heute gab es etwas zu feiern. Die letzte Runde der Fusionsverhandlungen mit dem konkurrierenden hanseatischen Unternehmen war zu ihrer vollen Zufriedenheit verlaufen. Sobald in einigen Wochen die Verträge unterzeichnet sein würden, konnte Clarissa mit ihrer Wahl zur Vorstandsvorsitzenden des global operierenden und börsennotierten Kosmetikkonzerns »Aglaia« rechnen, für den sie in Düsseldorf seit mehr als fünfzehn Jahren arbeitete – zuerst als Chemikerin in der Forschung, inzwischen in der Chefetage. Dann würde sie endlich da sein, wo sie von Anfang an hinwollte: ganz oben.

Der Single Malt schmeckte wunderbar nach trockenem, würzigem Küstenwhisky voller Seeluft und Torf, sodass Clarissa kurz geneigt war, wenigstens ihrer Zunge eine poetische Ader zuzugestehen. Sie hatte den Whisky noch nicht ausgetrunken, als ein junger Mann an ihren Stehtisch trat. Mit einem entschuldigenden Lächeln nahm er ihr Glas und schnupperte dezent daran.

»Ein schottischer Single Malt. Rauchig, salzig, sehr torfig. Ich vermute ein Talisker von der Isle of Skye oder ein Lagavulin von der Isle of Islay? Ja, es ist ein Lagavulin! Da kommen selbst Sherry-Fässer kaum gegen den kräftigen Grundton an.«

»Mussten Sie den Kellner bestechen, oder hat er Ihnen die Information freiwillig rausgerückt?«, fragte Clarissa halbwegs amüsiert. Mit einem kurzen Blick hatte sie festgestellt, dass der junge Mann nicht nur äußerst attraktiv war, sondern auch gepflegt bis in die Fingerspitzen. Er trug seinen maßgeschneiderten Anzug mit angenehmer Lässigkeit und einen edlen, aber nicht protzigen Chronograf.

»Ich habe lediglich zehn Euro investiert. Was für ein Idiot, dieser Kellner! Ein gutes Entrée bei einer Frau wie Ihnen ist unbezahlbar. Darf ich mich vorstellen?« Er deutete eine kleine Verbeugung an, die keineswegs aufgesetzt oder peinlich wirkte. »Stephan Wöhler, Atomphysiker auf 400-Euro-Basis.«

Clarissa lachte: »Dafür bekommen Sie nicht mal einen Ihrer Manschettenknöpfe.«

Sie bot Stephan einen Platz an. Er bedankte sich höflich und bestellte zwei Lagavulin.

»Was machen Sie hier, Herr Atomphysiker? Die Aussicht bewundern?«

Stephan deutete mit dem Kinn unauffällig auf die junge Frau an der Fensterfront: »Und in konvulsivische Zuckungen geraten wegen des bunten Geglitzers, das wie ein Sternenhimmel auf der Elbe liegt? Ich könnte der Dame etwas über Lichtbrechungen erzählen, aber ich fürchte, das interessiert sie nur in Bezug auf Diamanten. Nein, ich arbeite in Genf bei CERN, das ist eine geschlossene Anstalt für Wissenschaftler. Ich bin bis morgen in Hamburg, weil ich mit einem Kollegen bei DESY, ebenfalls eine geschlossene Anstalt, supersymmetrische Materiezustände diskutiert habe. DESY und CERN arbeiten gemeinsam am derzeit leistungsfähigsten Teilchenbeschleuniger der Welt, dem Large Hadron Collider oder kurz LHC. Aber ich will Sie nicht langweilen. Erzählen Sie bitte von sich, das ist weitaus interessanter!«

Clarissa hätte Stephan aufklären können, dass ihr sowohl CERN als auch DESY durchaus geläufig waren. Doch ihr stand nicht der Sinn nach wissenschaftlichem Austausch, zumal sich mit dem jungen Mann hervorragend flirten ließ. Nach fünfzehn Minuten war Clarissa äußerst angetan von Stephan und seiner auf hohem Niveau geführten Konversation. Nach einer weiteren Stunde nahm sie ihn mit aufs Zimmer. Ihr war sehr wohl bewusst, dass Stephan vermutlich Ende zwanzig und damit knappe dreißig Jahre jünger war als sie. Aber sie ging dank ihrer hervorragenden Kontakte zur Schönheitsindustrie noch gut als Mittvierzigerin durch. Außerdem zwang sie ihn schließlich zu nichts. Im Gegenteil: Stephan hatte ein beeindruckendes Spektrum an charmanter Verführungskunst aufgeboten, bis er sie so weit hatte. Nun wollte sie in vollen Zügen genießen.

Die Nummer war hart, schnell und mechanisch, doch Clarissa störte sich nicht daran. Bei einem so jungen Mann erwartete sie keine erotische Raffinesse noch obszöne Spielereien, mit denen sich so manch älterer Liebhaber über seine mangelnde Standfestigkeit hinwegtröstete. Stattdessen bekam sie junges, festes Fleisch und sorglose, um nicht zu sagen rücksichtslose Männlichkeit. Außerdem roch er gut.

Nach knappen zwanzig Minuten ging Clarissa ins Bad, um sich frisch zu machen. Entspannt betrachtete sie ihren nackten Körper im Spiegel. Das Hochgefühl, begehrt zu werden, hatte ihre durchtrainierte schmale Linie noch zusätzlich gestrafft. Sie lächelte, fühlte sich erhaben wie die Königin von Saba. Auf den erfolgreichen Tag war unverhofft eine aufregende Nacht gefolgt. Sie wusch sich, frisierte ihr Haar mit den Fingern, puderte ihre Nase, sprühte etwas Chanel auf ihr Dekolleté und ging zurück ins Zimmer. Ob sich die schnelle Nummer noch einmal wiederholen ließe?

Doch in den wenigen Minuten ihrer Abwesenheit war die Stimmung umgeschlagen. Alle Lampen brannten, ihr helles Licht zerstörte jegliche Intimität, die Zimmertemperatur schien sich durch einen unerklärlichen Temperatursturz halbiert zu haben. Stephan saß vollständig angezogen in einem der beiden Sessel und nippte an einem Whisky, den er sich offensichtlich aus der Minibar genehmigt hatte. Seine ganze Haltung drückte plötzliche Distanz aus. Zum Bett und zu Clarissa. Irritiert sah sie in seine Augen. Sie waren kalt. Der betörende Charme wie ausgeknipst.

Clarissa verstand. Wie konnte sie nur so blöd gewesen sein! Das Gefühl von Erhabenheit war in Sekunden zerplatzt, von Königin keine Spur mehr. Sie war nur noch eine Frau, die sich auf einen Schlag ihres Alters, ihrer Müdigkeit und ihrer Nacktheit bewusst wurde. Fröstelnd nahm sie den Bademantel, der auf dem Sessel neben Stephan lag, und zog ihn über.

»Ich vermute, du willst Geld?«, fragte sie kühl. Es war nicht das erste Mal, dass Clarissa mit einem Gigolo im Bett gewesen war. Doch normalerweise wurde mit offenen Karten gespielt. Eine eindeutige Geschäftsvereinbarung zu beiderseitigem Vorteil. Stephan jedoch hatte sie getäuscht. Und sie war auf ihre eigene Eitelkeit hereingefallen. Auf ihre Hoffnung, dass sie immer noch eine sehr attraktive Frau war, die selbst so junge Männer wie diesen hier in den Bann ziehen konnte. Dass sie mit ihrem erlesenen Stil, ihrer Intelligenz und Erfahrung jedem noch so hübschen Mäuschen aus irgendeiner Bar meilenweit überlegen war. Irrtümer. Wunschdenken. Clarissa riss sich zusammen. Wenn sie schon so unsanft aus ihrem dummen Ausflug in die Welt der Illusionen herauskatapultiert wurde, wollte sie wenigstens ihre Würde bewahren.

Ohne sich irgendeine Regung anmerken zu lassen, zog Clarissa ihr Krokodilleder-Portemonnaie aus ihrer Krokodilleder-Handtasche. »Wie viel?«

Stephan sah sie kalt lächelnd an. Der Temperatursturz musste mit diesem Lächeln zusammenhängen. »Eine Million.«

Clarissa lachte laut auf und steckte ihre Geldbörse wieder in die Handtasche: »Bist du verrückt? Für diese schäbige Nummer?«

Stephan faltete entspannt die Hände in seinem Schoß und schlug die Beine übereinander. »Du wirst mir die Million geben. Soll ich dir sagen, warum?«

»Ich bin gespannt«, gab Clarissa spöttisch zurück.

Er sagte es ihr.

Clarissa rannte ins Badezimmer und übergab sich. Entsetzliche Minuten später kam sie ins Zimmer zurück. Und überwies mit ihrem Laptop per Onlinebanking eine Million auf Stephans Schweizer Nummernkonto.

3. Februar 2009:
Tübingen.

Der Wasserkessel auf dem Gasherd fing mit einem schrillen Ton an zu pfeifen. Als Elisabetha Stamminger, genannt Liesel, in die Wohnküche geschlurft kam, war das Fenster zum Hinterhof schon vollständig beschlagen. Mit einem selbst gehäkelten Topflappen zog Liesel den Kessel vom Feuer und öffnete das Fenster. Sie brühte sich einen Darjeeling auf und ließ am Tisch sitzend ihren Blick auf der Kanne ruhen, solange der Tee zog – fast wäre sie dabei eingenickt. Doch dann hörte sie Stimmen von unten. Sarah hatte wohl Besuch und ebenfalls das Fenster geöffnet. Durch den winzigen Hinterhof konnte man jedes Wort aus den anderen Wohnungen verstehen. Liesel empfand das nicht als Belästigung, sondern als unterhaltsames Hörspiel, das sie mit ihren vierundsiebzig Jahren in das Leben der jungen Menschen um sie herum einband.

Außer Liesel wohnten nur Studenten im Haus. Ihr gegenüber, ganz oben im dritten Stock, waren es die zwei hübschen Schwestern aus Speyer. Von denen bekam sie aber relativ wenig mit, weil ihre Zimmer nach vorne zur Straße lagen. Unten im Erdgeschoss lebte der Türke Memet, der Arzt werden wollte. Das Studium des weiblichen Körpers betrieb er auch privat höchst intensiv und an ständig wechselnden Fallbeispielen. Ein Mal in der Woche kam Memet zu Liesel, um ihren Blutdruck zu überprüfen. Ansonsten lebte Liesel eher zurückgezogen.

Überhaupt war es im letzten Jahrzehnt in der Studentenhochburg Tübingen ruhig geworden. Heutzutage lief keiner mehr hinter einem her und forderte mit strenger Stimme, aus der Kirche aus- und in den Spartakusbund einzutreten. Liesel gehörte nicht zu den Alten, die behaupteten, dass früher alles besser war. Aber bunter war es gewesen. Vor allem in den Sechzigern und Siebzigern. Auch wenn Liesel damals nicht mitmarschiert war. Sie kümmerte sich da schon mit ihrem – leider viel zu früh verstorbenen – Erwin um ihren kleinen Blumenladen in der Altstadt. Aber sie hatte es insgeheim aufregend gefunden, was um sie herum so passierte. Liesel mochte die jungen Leute. Auch heute noch. Obwohl ihr deren Dauerbeschäftigung mit den Computern fremd war. Sie las lieber Bücher. Am liebsten Krimis.

Direkt unter Liesel, da wohnte Sarah. Sarah war ihr Augenstern. Sie studierte Völkerkunde und war ein äußerst liebenswürdiges Mädchen von dreiundzwanzig Jahren. Sarah hatte Liesel sogar angeboten, die Wohnungen zu tauschen, damit Liesel nicht mehr in den dritten Stock hinaufsteigen musste. Aber Liesel hatte dankend abgelehnt. Sie wohnte nun schon dreiundvierzig Jahre in der Wohnung und war gewissermaßen mit jedem Kratzer im alten Porzellanspülbecken verwachsen.

Die Stimmen von unten aus Sarahs Wohnung wurden lauter. Sarah klang aufgeregt. Erst gestern hatte Sarah bei Liesel gesessen und sie um Rat gefragt. Ihr Freund, den sie erst seit sechs Wochen kannte, wollte sie heiraten und gemeinsame Kinder. Am liebsten sofort. Sarah war hin- und hergerissen. Einerseits hatte sie die Nase voll von den kurzlebigen Beziehungen ihrer letzten drei Jahre. Andererseits flößte ihr das Tempo des jungen Mannes Angst ein. Er hieß Frank und war erst vor wenigen Wochen in Tübingen aufgetaucht. Er wollte irgendeine Dozentur an der Uni übernehmen. Jedenfalls hatte sich dieser Frank Hals über Kopf in Sarah verliebt.

Das spontane Gefühl konnte Liesel gut verstehen. Das Drängen des jungen Mannes auf eine sofortige Familiengründung gefiel ihr aber nicht. Sarah war viel zu jung zum Heiraten. Liesel war insgeheim sogar überzeugt, dass Sarah viel zu jung war, um von »kurzlebigen Beziehungen« die Nase voll zu haben. Sie hatte Sarah geraten, sich Zeit zu lassen. Ihr Herz zu prüfen.

Sarah hatte sie ganz offen angeblickt und vermutet, dass Liesel etwas gegen Frank habe. Liesel hatte sich ein wenig ertappt gefühlt. Zweifellos, dieser Frank war ein Mann wie aus dem Bilderbuch. Hübsch wie der junge Hotte Buchholz. Aber die zwei, drei Mal, die Liesel ihm im Hausflur begegnet war, da war es ihr kalt den Rücken runtergelaufen, egal, wie warm er sie angelächelt hatte. Als sie das Sarah gestand, hatte Sarah mit ernstem Blick genickt. Als wüsste sie genau, wovon Liesel sprach.

Und jetzt stritt sich Sarah mit Frank. Heftig. Liesel konnte jedes Wort verstehen.

»Das geht mir zu schnell, Frank. Wir kennen uns kaum! Und ich finde es nicht okay, dass du mich unter Druck setzt!«

»Entweder man weiß, was man will, oder man weiß es nicht. Ich will ein Kind!«

»Du sagst das so … so wie … ›ich will Vanilleeis‹.«

»Weißt du denn, was du willst?« Auch Franks Ton war schärfer geworden.

»Ja … Nein! Nein, ich weiß es nicht! Lass uns doch erst mal sehen, wie sich unsere Gefühle füreinander entwickeln.«

»Gefühle! Wichtige Entscheidungen trifft man mit dem Kopf!«

Liesel hatte fast ein schlechtes Gewissen, weil Sarah anscheinend auf ihren Rat hörte und deswegen diesen Zwist vom Zaun brach.

Inzwischen schrie Sarah: »Dann trennen wir uns eben! Glaub bloß nicht, dass ich wegen dir heule! Du bist kalt wie ein Fisch – absolut herzlos!«

Franks Antwort kam so leise, dass Liesel sie kaum verstand. Dennoch erschrak sie über seinen Ton bis ins Mark.

»Das wirst du nie wieder zu mir sagen, hörst du? Nie wieder!«

Das Fenster unter Liesel wurde geschlossen. Sie hörte nur noch einen kurzen Wortwechsel, konnte aber nichts mehr verstehen. Dann war es still.

Liesel nippte an ihrem Tee und dachte an Erwin. Was hatte sie sich mit ihm gestritten! An die vielen nichtigen Gründe konnte sich Liesel nicht mehr erinnern. Nur an die Versöhnungen. Die waren noch intensiver als die Auseinandersetzungen gewesen.

Nach etwa einer halben Stunde hörte sie unten die Wohnungstür zuschlagen. Liesel stand auf und bereitete ihr Abendbrot zu. Nachdem sie gegessen hatte, überkam sie eine leichte Unruhe. Aus Sarahs Wohnung war nichts zu hören. Keine Musik, nichts. Vielleicht saß Sarah allein auf ihrem Sofa und weinte? Liesel wollte nicht aufdringlich sein. Doch nach einer weiteren Stunde ging sie hinunter und klingelte. Sarah machte nicht auf. Ob sie mit Frank zusammen weggegangen war? Liesel klingelte wieder. Und klopfte. Sarah war eine junge Frau, die noch schnell etwas einkaufen gegangen sein konnte. Oder mit ihrem Freund im Restaurant saß. Kein Grund zur Besorgnis. Doch Liesel war beunruhigt. Sie wusste nicht wieso. Sie stieg die Treppe hoch und holte Sarahs Wohnungsschlüssel. Liesel und Sarah hatten die Schlüssel schon vor einem knappen Jahr ausgetauscht. Zum Blumengießen während des Urlaubs und für den Fall der Fälle. Sie fühlte, dass dies der Fall der Fälle war.

Als sie vorsichtig rufend Sarahs Wohnung betrat, roch sie als Erstes den scharfen Geruch von Allzweckreiniger. Es war gerade geputzt worden. Alles sah sauber und aufgeräumt aus. Bis auf das Sofa im Wohnzimmer. Da lag Sarah. Ein großes Küchenmesser steckte in ihrer Brust.

Liesel wankte mit letzter Kraft nach oben in ihre Wohnung, nahm zitternd ihre Tropfen gegen Bluthochdruck. Dann rief sie die Polizei. Kurz darauf beschrieb sie den Beamten den jungen Mann, der aussah wie Hotte Buchholz aber Frank hieß und an der Uni als Dozent anfangen sollte. In den darauffolgenden Tagen stellte sich allerdings heraus, dass an keiner einzigen Tübinger Fakultät irgendein Frank eine Stelle antreten sollte. Es gab keine Spur von ihm. Nirgends. Als hätte es den jungen Mann nie gegeben.

15. August 2009:
Hamburg.

Hauptkommissar Christian Beyer wuchtete den großen Koffer auf das Laufband. Wenige Minuten später hatten Anna und Pete für ihren Flug in die USA eingecheckt. Es blieb noch ausreichend Zeit für einen Kaffee oder ein Bier, bevor die beiden durch die Sicherheitskontrolle mussten und Christian in Hamburg zurückbleiben würde. Pete gab vor, einige Zeitschriften und Bücher für den langen Flug kaufen zu wollen und zog los, um Anna und Christian Abschied nehmen zu lassen. Es war ein Abschied für vier Wochen. Pete, ein ehemaliger Profiler vom FBI, hatte im Hauptsitz in Quantico einen Lehrauftrag für drei Monate bekommen. Anna ging vier Wochen mit, um ihrer Zusatzausbildung zur forensischen Psychologin den letzten Schliff zu verleihen. Offiziell begrüßte Christian die beruflichen Pläne seiner Lebensgefährtin. Schließlich hatte sie ihn bei den letzten drei Fällen schon mit großem Fachwissen und gutem Gespür unterstützt. Die Reise bekam lediglich einen heiklen Beigeschmack für ihn, wenn er daran dachte, dass Anna, bevor sie sich in ihn verliebt hatte, Petes Affäre gewesen war. Des smarten, attraktiven und den Frauen sehr zugeneigten Pete, der nun mit Anna für einen langen Monat in Quantico leben würde.

Als Christian vor einigen Jahren als Leiter der neu gegründeten Soko Bund einen Kindermörder jagte, hatte ihm das BKA den Profiler Pete Altmann aufs Auge gedrückt. Christian war von Anfang an gegen Pete gewesen. Das hatte vor allem an seiner heimlichen Eifersucht wegen dieser Psychologin Anna Maybach gelegen, die er Pete nicht gönnte. Seinen Kollegen gegenüber hatte Christian seine deutliche Antipathie jedoch damit begründet, Pete gewissermaßen als Aufpasser vom BKA ungern in sein eingespieltes Team einbinden zu wollen. Die erste Sonderkommission in Deutschland mit länderübergreifenden Kompetenzen galt damals als Experiment, um reisende Serienkiller nicht durch föderalistisches Gerangel und Kompetenzstreitigkeiten durch die Lappen gehen zu lassen. Inzwischen war Christians Truppe durch diverse spektakuläre Erfolge etabliert und stieß nur noch selten auf das zu Anfangszeiten deutliche Misstrauen bei den lokalen Mordkommissionen, denen die Soko Bund bei schwierigen Fällen vom BKA zur Unterstützung zugeteilt wurde. Längst war auch das Verhältnis zwischen Christian und Pete geklärt. Die beiden respektierten sich als Kollegen und waren sogar trotz aller charakterlichen Gegensätze fast so etwas wie Freunde geworden. Fast. Außerdem lag die Affäre zwischen Anna und Pete schon lange auf dem Dachboden der Vergangenheit und zerfiel dort zu dem Staub alter Erinnerungen.

Kein Grund, sich Sorgen zu machen, dachte Christian.

»Kein Grund, sich Sorgen zu machen«, sagte Anna lächelnd beim Kaffee und zwirbelte ihr halblanges braunes Haar auf dem Hinterkopf mit einem Gummi zusammen. Sie wusste, warum Christian so schweigsam war.

»Ich ärgere mich nur, dass ich jetzt keinen Profiler in der Truppe habe. Eine beschissene Planung! Weiß der Himmel, warum ich Pete drei Monate Sonderurlaub genehmigt habe!«

»Du bist früher sehr gut ohne Profiler ausgekommen. Wie hast du sie so gerne genannt? Nutzloses, arrogantes Pack, das nichts als bescheuerte Theorien von sich gibt und von der Praxis keine Ahnung hat?« Anna erlaubte Christian nur zu gerne, seine miese Stimmung auf beruflichen Unbill zurückzuführen. Auch sie war keine Freundin sentimentaler Abschiedsszenen.

Kurz darauf sah Christian zu, wie Anna mit Pete an ihrer Seite durch die Sicherheitskontrolle ging. Er wandte sich abrupt um, verließ das Flughafengebäude, stieg in den Dienstwagen, den er mit einem Einsatzschild direkt vor dem Terminal geparkt hatte, und fuhr für einen Hüter der Gesetze recht aggressiv nach Hause – zu Annas kleiner Stadtvilla im Generalsviertel, wo er seit knapp zwei Jahren mit ihr lebte.

Es war unnatürlich still. Selbst wenn Anna stumm auf dem Sofa gesessen und gelesen hätte, wäre es nicht so still gewesen. Christian wurde sich einmal mehr bewusst, dass Annas Anwesenheit die Luft immer zum Knistern brachte. Da gab es einen unhörbaren Grundton, eine kaum merkliche Schwingung, die ihn spüren ließ, dass er nicht allein war. So wie jetzt. Er würde sich wieder daran gewöhnen müssen, zumindest für vier Wochen. Bevor er Anna kennengelernt hatte, war er sehr lange allein gewesen. Daran hatten auch seine gelegentlichen Affären nichts geändert. Diese unverbindlichen Liebschaften während und nach seiner Ehe hatten ihm nur noch deutlicher vor Augen geführt, wie abgeschottet er innerlich war. Doch hatte es ihn damals nicht gestört. Im Gegenteil. Seine Einsamkeit war ein selbst gewählter Zustand gewesen, geboren aus einem unüberwindbaren Misstrauen der Liebe gegenüber. Erst Anna hatte diese Mauern in Schutt und Asche gelegt. Seitdem fühlte Christian sich als ein ganzer Mensch. Sie fehlte ihm jetzt schon.

Christian warf seine Cordjacke in die Ecke und ging in die Küche, um einen anständigen Nachschub an Bier kalt zu stellen. Sein bester Freund und langjähriger Kollege Volker Jung wollte zum wöchentlichen Schachspiel vorbeikommen. Christian hatte sich gerade eine Flasche geöffnet, als es klingelte. Vor der Tür stand allerdings nicht nur der glatzköpfige Volker in seiner ganzen Größe von knapp zwei Metern, sondern auch Eberhard Koch, der Tatortspezialist der Soko Bund.

»Skat spielt man zu dritt. Schach nur zu zweit«, sagte Christian zur Begrüßung.

»Ich freue mich auch, dich zu sehen«, erwiderte Eberhard, wegen seiner Kochkünste und des passenden Nachnamens nur »Herd« genannt. »Deine schlechte Laune wird gleich noch mieser, pass auf.«

»Wir spielen nämlich kein Schach. Und auch keinen Skat. Wir spielen Räuber und Gendarm. In Berlin«, fügte Volker hinzu.

Wenige Stunden zuvor:
Berlin.

»Hey, Kalle, komm ma rüber, wir haben hier ’ne Lieferung!«

Kalle hob verwundert den Blick von seinen Exportlisten und schlurfte durch die Halle nach vorne zur Rampe. Dort stand sein Kollege, ein kleiner dunkelhaariger Mann mit wolligem Brusttoupet, in das sich eine Kette mit Goldkreuz eingenistet hatte. Er nannte sich Chico, weil er bei den Damen vom Kiez gegenüber gern als Latin Lover gelten wollte. Dabei war er waschechter Berliner, was man selbst hörte, wenn er noch so verbissen das R rollte.

»Wir kriegen heute keine Lieferung. Nix bestellt«, sagte Kalle unwirsch, wobei er sich auf seiner Eingangsliste vergewisserte. Bei Kalle hatte alles seine Ordnung.

Nichtsdestotrotz stand vor der Rampe ein Lieferwagen der weltweiten Post-Logistik samt uniformiertem Fahrer, der gerade eine große, hochkant stehende Kiste auf die Rampe wuchtete und wütende Blicke zu Kalle und Chico warf, die keine Anstalten machten, ihm zu helfen. Die Kiste war etwa anderthalb Meter hoch und einen Meter breit und aus massiven, vernagelten Holzlatten gezimmert.

»Da steht’s«, sagte der Fahrer und hielt Kalle einen zerknitterten Wisch mit Kaffeefleck unter die Nase. »Ne Wachsfigurenspende für Madame Tussauds Horrorkabinett. Könnt ihr mir jetzt endlich den Empfang quittieren?«

»Wir stellen unsere Figuren selbst her. Außerdem haben wir hier kein Horrorkabinett. Nur Stars aus Politik und Kultur. Merkel, Wowereit, Britney Spears, Michael Jackson, Tom Cruise …«

»Also doch ’n Horrorkabinett. Sogar ’n ganz finsteres.« Das Grinsen des Fahrers verschwand bei einem Blick auf die Uhr. »Jetzt unterschreib mal, ich hab heute noch jede Menge Touren vor mir.«

Kalle kratzte sich unschlüssig am Hinterkopf. »Das ist bestimmt für London. Die haben dort so ’ne Art Folterkammer.«

»Ruf doch ma oben an«, riet Chico. Kalle schlurfte zum Telefon. Er sprach kurz mit der Verwaltung und kam dann zur Rampe zurück. Die Kiste stand immer noch da, aber Lieferwagen und Fahrer waren weg.

»Hast du quittiert?«, fuhr Kalle seinen Kollegen scharf an.

»Mann, der Typ musste weg. Was hat der Chef denn gesagt? Nicht annehmen?«

»Annehmen. Gucken, was drin ist.«

»Na, also«, grinste Chico. »Alles richtig gemacht.«

»Eben nicht! Du hast kein Recht zu quittieren, das mach ich, klar?!«

Chico nickte devot. Immerhin war Kalle schon sechzehn Jahre in dem Laden. Chico hingegen war erst ein knappes Jahr da, hatte also ganz klar die Fresse zu halten. Er holte eine Sackkarre, mit der sie die große Kiste vorsichtig nach hinten in den Lagerraum brachten.

Kalle griff zu einem Brecheisen, Chico tat es ihm nach. Mit gewohnter Umsicht lösten sie die vordere Holzfront aus ihrer Vernagelung. Jede Menge Putzwolle kam ihnen entgegen. Sie nahmen das Dämmmaterial weg und besahen sich die in Klarsichtfolie eingepackte Figur, die zum Vorschein kam. Es war eine junge Frau in sitzender Stellung, mit feinen Drähten auf einen Stuhl fixiert. In ihrer linken Hand hielt sie eine Spiegelscherbe. Die Figur war komplett nackt, hatte keinerlei Körperbehaarung appliziert und trug auch keine Perücke. Das einzig Auffallende an ihr war eine große, wulstige rote Narbe in der Herzgegend mit schwarzen Fäden darin vom Zusammennähen. Ansonsten war sie weiß, ganz weiß, von Kopf bis Fuß mit Theaterschminke bedeckt. Sie sah unwirklich aus, nicht wie ein Mensch, sondern eher wie die einfallslose Vision eines Aliens aus einem zweitklassigen Hollywoodfilm.

»Die ist garantiert für London, so was brauchen wir hier nicht. Außerdem ist sie nicht gut gemacht. Sieht nicht echt aus. Die Haut ist viel zu kalkig. Und die Augen sind total glasig. Zeig ma den Lieferschein, wer schickt denn so ’n Mist?«, sagte Kalle. Chico reichte ihm den Zettel.

»Was ist das denn für ein Chaos?« Kalle schüttelte den Kopf. Das hatte er in sechzehn Jahren noch nicht erlebt. Kein Absender, nur ein Vermerk mit »Spende«. Kalle stand kopfschüttelnd vor der Figur und blickte sie ratlos an. »Was machen wa jetzt damit? Ich ruf ma den Chef runter.«

Auch Peter Jensen, der Verwaltungschef von Madame Tussauds, stand ratlos da, sowohl vor der Figur als auch vor dem Lieferschein. Er wollte schon wieder nach oben gehen, um London anzurufen und nachzufragen, als Chico innerhalb der Klarsichtfolie zu Füßen der Figur einen Umschlag entdeckte.

»Guck ma, Chef, da is noch ’n Lieferschein!« Gemeinsam mit Kalle entfernte er vorsichtig die Folie von der Figur. Die Folie knisterte, als würde man einen Blumenstrauß auswickeln. Kalle und Chico arbeiteten sich von oben nach unten vor. Aus der Folie waberte ein leichter Geruch von Konservierungsmittel.

Chico drehte angewidert den Kopf weg. »Was war ’n das für ’n Amateur? Die stinkt!«

Beim Auswickeln streifte Kalle mit seiner Hand den wächsernen Oberschenkel des gelieferten Ausstellungsstückes. Erschrocken fuhr er zurück. Weit zurück. Kalle fing an zu zittern.

Chico bemerkte das und beruhigte ihn sofort: »Hast nix kaputt gemacht, alles noch dran an der Puppe.«

Doch Kalle schüttelte den Kopf und starrte die Figur an. »Nee, Scheiße, Chico, halt die Fresse! Scheiße, Chef! Nee, nee! Scheiße! Die ist echt! Die Puppe ist echt! Das ist kein Wachs, ganz sicher nicht! Das is ’ne Leiche, Leute!«

Chico erblasste sichtlich unter seiner künstlich gezüchteten Bräune. Dem Impuls der Neugier folgend, streckte er die Hand aus. Seine Fingerspitzen näherten sich dem nackten Schenkel der Frau.

»Nicht anfassen!«, zischte Jensen entsetzt.

Diese Warnung war unnötig. Chicos Hand stoppte etwa drei Zentimeter bevor seine Fingerspitzen die Haut hätten berühren können. Seine Hand war wie in der Luft fixiert, ganz so als umgäbe eine Art Kraftfeld die Frau, das nicht zu durchdringen war. Die Aura des Todes. Chicos Hand fing leicht zu zittern an, und Kalle bemerkte, wie sich die schwarzen Haare auf Chicos Unterarm aufrichteten. Kalle legte beruhigend seine Hand auf Chicos ausgestreckten Arm. Erst jetzt konnte Chico ihn wieder senken.

»Bist du sicher, Kalle?«, flüsterte Jensen.

Kalle nickte nur. Jensen nahm sein Handy aus der Brusttasche seines Hemdes und rief die Polizei an. Eine halbe Stunde später wimmelte es in Kalles Hoheitsbereich von Beamten. Chico, Kalle und Jensen ließen ihre Personalien sowie erste Aussagen über das Geschehen von einer hübschen jungen Polizistin aufnehmen, die in Chico wieder alle Lebensgeister weckte. Andere Beamte sperrten das Gebiet um die Kiste samt Inhalt und die Rampe herum ab, sicherten die Spuren und machten Fotos. Inzwischen hatten sich fast alle Mitarbeiter von Madame Tussauds eingefunden. Die Ausstellung war geschlossen, und die Besucher zum Gehen aufgefordert worden. Einige der Mitarbeiter freuten sich über den verfrühten Feierabend und zogen sich ins Privatleben zurück. Die meisten jedoch standen hinter der Absperrung und versuchten, einen Blick in die Lagerhalle zu erhaschen. Sie wussten nur, dass eine Leiche aufgetaucht war, die genaueren Umstände waren nicht bekannt. Doch auch an Kalle oder Chico kamen sie nicht heran. Deswegen zerstreuten sich schließlich die Angestellten in der Hoffnung, morgen bei der ersten Kippenpause auf dem Hof en détail informiert zu werden.

Der Leiter der Berliner Mordbereitschaft, Hauptkommissar Dietmar Striebeck, traf kurz nach seinen Kollegen von der Spurensicherung ein. Grübelnd stand Striebeck vor der geöffneten Kiste, Auge in Auge mit der Leiche.

»Was für ein Mist!« Er stand kurz vor der Pensionierung und freute sich auf seine Datscha am Müritzsee, wo er mit seiner Frau Elena beim abendlichen Grillen von pommerschen Würstchen die Sonnenuntergänge genießen wollte. Weit weg von seinem ehemals so geliebten Berlin der Kodderschnauzen und Schrebergärten, das er in den letzten, von kosmopolitischem Getue geprägten Jahren nicht mehr wiedererkannte. Raus aus der Berliner Luft, die im Sommer nicht mehr nach Holzkohle roch und nach Fassbrause schmeckte, sondern nur nach Coffee to go mit Zimt oder Vanille und Fudge Brownies mit Macadamianüssen. Dietmar Striebeck war ein frustrierter und müder Mann, der seine Ruhe haben wollte. Ein kranker Killer passte nicht ins Konzept seiner bevorstehenden Zivilisationsflucht. Was er hier vor sich sah, war schmutzig, widerwärtig und pervers und würde demzufolge auch großes Interesse bei den Medien wecken.

Vorsichtig zog sich Striebeck seine Schutzhandschuhe über, griff in die Kiste und zog zu Füßen der Leiche den Umschlag hervor. Normalerweise hätte er die Kiste samt Inhalt unangetastet in die Rechtsmedizin bringen lassen, damit nicht das kleinste Hautschüppchen verloren ging. Aber in Striebeck keimte ein böser Verdacht, den er überprüfen wollte. Sofort. Striebeck öffnete den unbeschrifteten Umschlag und entnahm vorsichtig den Bogen Papier. Nur eine einzige Zeile stand darauf geschrieben:

Menschen! Das dritte Geschlecht ist in der Welt.

Er fluchte leise. Das hatte er befürchtet. Sorgfältig faltete er das Papier wieder zusammen, steckte es zurück in den Umschlag und diesen dann in die Papiertüte zur Beweissicherung, die ihm sein junger, ehrgeiziger Kollege Ali Cenkel reichte. Striebeck griff nach seinem Telefon und rief das BKA an. Als er aufgelegt hatte, fuhr Ali ihn an: »Was soll das? Wir schaffen das auch ohne Hilfe! Das ist unser Fall!«

Striebeck schüttelte den Kopf: »Ich habe keine Lust, diese Scheiße allein auszubaden. Die hier ist kein Einzelstück. Hast du nicht mitbekommen, was im April in München los war?«

Ali stutzte kurz und ärgerte sich, weil er den Zusammenhang nicht sofort erkannt hatte.

»Das hier ist ein Fall für Christian Beyer«, sagte Striebeck.

»Dieser Typ von der Soko Bund?« Ali hatte die Einrichtung der bundesweit operierenden Sonderkommission und ihre bisherigen Fälle mit großem Interesse verfolgt.

»Genau der.«

Ali überlegte. Sollte Striebeck doch am Müritzsee mit seiner Alten verschimmeln. Beyer und seine Soko – vielleicht war das gar nicht schlecht. Bundesweit. Ein bisschen wie das FBI. Und er konnte dabei sein. »Kennst du Beyer?«, fragte er Striebeck.

Striebeck nickte: »Vor Jahren mal mit ihm zu tun gehabt. Ein harter Hund. Falls du dich bei ihm einschleimen willst … Wenn er eintrifft und sich alles ansieht, schätzt er es sehr, wenn er sofort über den Stand der Dinge informiert wird.«

Während die Soko Bund auf dem Weg nach Berlin war, kümmerte sich Striebeck um den sauberen ersten Abschluss der Fundortsicherung, Zeugenbefragung und die sofortige Dokumentation des ersten Befundes. Er schickte zwei Beamte zur Zentrale der Post, um eventuell etwas über den Auftraggeber der Lieferung herauszufinden. Die Chancen waren gering. Striebeck ging nicht davon aus, dass der Mörder so blöd gewesen war, seinen Auftrag mit korrektem Absender zu versehen. Aber jede noch so unbedeutsam scheinende Information konnte wichtig sein. Und mit viel Glück erinnerte sich irgendjemand an den Mann mit der auffallend großen Holzkiste und konnte eine Beschreibung abgeben. Ali setzte er auf den Fahrer an, der die Kiste geliefert hatte. Er sollte ihn auftreiben und ohne Vorwarnung seine Fragen stellen. Eine gute Stunde später war Ali zurück. Aus dem geschockten Fahrer war keinerlei verwertbare Information herauszuholen gewesen. Er war lediglich mit dem Grauen beschäftigt, den halben Tag unwissentlich eine Frauenleiche in seinem Lieferwagen quer durch Berlin chauffiert zu haben, bis er sie laut Tourplan schließlich bei Madame Tussauds abgeliefert hatte.

Es war kurz nach neun Uhr abends, als Christian, Herd und Volker in Berlin eintrafen. Sie hatten den Zug genommen. Die Bahn war auf der Strecke Hamburg – Berlin schneller als jedes Auto, selbst wenn Verkehrsrowdy Volker am Steuer gesessen hätte. Am Lehrter Bahnhof trafen sie sich mit Karen Kretschmer, die sich wegen eines Ärztekongresses in der Hauptstadt befand. Karen, eine vierunddreißigjährige Hamburger Rechtsmedizinerin, arbeitete seit Jahren mit Christians Soko zusammen. Sie war am Institut für Rechtsmedizin der Hamburger Universitätsklinik angestellt, konnte sich aber je nach Bedarfslage von ihren alltäglichen Arbeiten befreien lassen, um ausschließlich Christian und seinen Spezialfällen zur Verfügung zu stehen. Die Soko schätzte Karens Arbeit über alle Maßen, denn sie war nicht nur eine extrem konzentrierte Medizinerin, der kein noch so winziges Detail entging. Sie hatte auch ein Gespür für – wie Karen es gerne nannte – die »Seele eines Verbrechens«, die sie aus den geschundenen Körpern der Opfer herauslas wie aus einem geöffneten Buch. Außerdem sah sie atemberaubend gut aus mit ihren hüftlangen goldblonden Haaren, der perfekten Figur und den ebenmäßigen Gesichtszügen einer klassischen Schönheit. Christian und sein Team amüsierten sich jedes Mal, wenn Kollegen aus einer anderen Stadt Karens Bekanntschaft machten und ihren ganzen Charme aufboten, um sie zu beeindrucken. Was stets gründlich schiefging. Karen ließ alle Bewerber unterkühlt abperlen oder machte sich einen Spaß daraus, sie mit ihrem grenzwertigen Pathologenhumor abzuschrecken. Manch junger Polizist war schon kotzend aus Karens gekacheltem Obduktionsraum gerannt, weil sie ihm plötzlich blutige Innereien unter die Nase gehalten hatte.

Zu viert zwängten sie sich in ein Taxi vom Lehrter Bahnhof zur Prachtallee Unter den Linden. Unterwegs informierte Volker Karen über die wenigen Details des Falles, die ihnen bislang bekannt waren. Als sie bei Madame Tussauds ankamen, ging gerade die Julisonne hinter dem Brandenburger Tor unter. Das Berliner Wahrzeichen leuchtete vor kobaltblauem Himmel. Die Quadriga, im Berliner Volksmund »Retourkutsche« genannt, wurde von der Westseite her rotgolden angestrahlt und wirkte von der Ostseite wie ein mächtiger Schattenriss von vergangenem Glanz und Gloria.

Ein Beamter nahm die Gruppe in Empfang und führte sie zum Ort des Geschehens, wo Striebeck müde auf sie wartete. Christian und er begrüßten sich wortkarg, aber respektvoll. Dann stellten beide ihre Mannschaft vor. Striebecks Spurensicherung unterbrach ihre Arbeit und zog sich bis auf Weiteres zur Zigarettenpause auf den Hof zurück, wo sich eine junge, noch unerfahrene Staatsanwältin übergab, die selbst erst vor einer halben Stunde am Fundort eingetroffen war.

Wie immer hielt sich Christian nicht lange mit Freundlichkeiten auf. Mit langsamen Schritten näherte er sich der Kiste. Die Leiche der jungen Frau war unangetastet. Die Klarsichtfolie lag zusammengeknittert wie achtlos aufgerissenes Geschenkpapier zu ihren Füßen. Christian nahm zuerst den Gesamteindruck des Bildes in sich auf und speicherte ihn ab, mitsamt den noch undefinierbaren Gefühlen, die das Arrangement hervorrief. Er hatte schon vieles in seinem Leben gesehen. Vergewaltigte und zerstückelte Frauen. Missbrauchte Kinder. Zu Tode Gefolterte. Viele seiner Kollegen ertrugen ihren Beruf nur, wenn sie die Leichen emotionslos als Spurenträger betrachteten. Er konnte das nicht. Er sah immer auch den Menschen. Hier und heute jedoch fiel ihm das schwer. Die Frau, die mit Drähten fixiert auf einem Stuhl vor ihm in der Kiste saß, war ihrer Menschlichkeit beraubt. Die gewalttätige Degradierung des Opfers zu einer Art Ausstellungsstück erweckte Abscheu in ihm. Er spürte, wie immer, wenn er vor einem Verbrechen stand, das Aufsteigen eines grimmigen Jagdinstinkts. Es begann stets mit einer gewissen Mattigkeit, als würde er vor der Krankheit der Welt kapitulieren müssen und steigerte sich dann in ein heißkaltes Fieber, in dem er keine Ruhe fand, bis er die Krankheit besiegt hatte. Bis zum nächsten Ausbruch.

Herd, Volker und Karen hielten sich abseits. Sie kannten Christian. Nicht so Ali. In dem Bemühen, keine Zeit zu verlieren und erste Punkte bei dem neuen Boss zu sammeln, stellte er sich neben ihn und fasste ihm präzise die bisherigen Erkenntnisse zusammen: die Aussagen von Kalle und Chico, die Auffindesituation, die Aussage des Lieferanten …

Christian würdigte Ali zuerst keines Blickes und versuchte, seine Konzentration bei der Leiche zu halten. Nachdem Ali ihn jedoch zwei Minuten mit verbalem Sperrfeuer belegt hatte, wandte Christian sich nach ihm um: »Halt endlich die Klappe. Ich arbeite.«

Christian wusste, dass er sich unkollegial verhielt. Seine Truppe würde mit den Berlinern mehr oder weniger Hand in Hand arbeiten müssen, und der junge Beamte hatte mit den besten Absichten gehandelt. Doch das war Christian jetzt egal. Für den ersten Kontakt mit einem Verbrechen brauchte er seine Ruhe, da interessierten ihn die Befindlichkeiten eines Kollegen herzlich wenig. Deswegen hatte er bei vielen Polizisten in Hamburg und darüber hinaus den Ruf eines arroganten Arschlochs. Nicht ganz zu Unrecht.

Beleidigt wich Ali ein paar Meter zurück und stellte sich zu Striebeck und den anderen.

»Christian hasst es, wenn man ihn bei der ersten Tuchfühlung stört. Aber das kannst du ja nicht wissen«, meinte Herd zu Ali.

Ali warf Striebeck einen wütenden Blick zu. Striebeck grinste nur.

Nach wenigen stillen Minuten kam Christian zurück zu seinen Leuten und nickte ihnen zu. Herd, Volker und Karen begannen mit ihrer Arbeit. Herd fotografierte und vollzog die bisherige Arbeit der Berliner Spurensicherung nach, denn er wusste, dass Christian sich ungern auf andere verließ. Auch das wirkte unkollegial auf Striebecks Team, das sich überprüft und gegängelt fühlte. Herd versuchte, die Berliner so gut es ging einzubinden und die Situation, die ihm aus anderen Städten nur allzu bekannt war, mit einigen Scherzen zu entschärfen. Es gelang ihm nicht vollständig. Volker ging mit Ali die Notizen der ersten Zeugenvernehmungen durch und wählte aus, welche zu einer zweiten Befragung ins Präsidium gebeten werden sollten. Karen besah sich die Leiche, bevor sie zur Obduktion abtransportiert wurde.

Striebeck reichte Christian ein Paar Handschuhe und die Beweismittelsicherungstüte, in der die Nachricht verpackt war.

»Weißt du, ob die in München eine ähnliche Botschaft bekommen haben?«, fragte Christian.

Striebeck nickte. »Ich kenne aber nicht den Wortlaut. Ich habe noch nicht mit den Kollegen dort gesprochen. Wollte dir Strategie und Zeitpunkt überlassen.«

Christian winkte Volker zu sich heran. »Wir zwei, auf nach München. Karen bleibt hier für die Obduktion. Wenn sie fertig ist und ein paar Stunden geschlafen hat, kommt sie auch nach München, um sich die Leiche dort anzusehen. Falls sie glaubt, dass sich das lohnt. Die Entscheidung liegt bei Karen. Herd bleibt ebenfalls hier, der Tatort in München ist kalt.«

»Deswegen wundere ich mich, dass du überhaupt hinwillst«, warf Striebeck ein. »Was soll das bringen?«

Christian zuckte mit den Schultern: »Vermutlich nichts. Man wird sehen. Ich verschaffe mir gerne einen persönlichen Eindruck.« Er wandte sich an Ali: »Kümmere dich bitte um die Tickets für Volker und mich. Volker sagt dir Genaueres.«

»Bin ich eure Sekretärin?«, gab Ali empört zurück.

»Sekretärin?« Christian zog nur die Augenbrauen hoch, wandte sich ab und überwachte mit Karen den Abtransport der Kiste.

Volker grinste Ali an: »Vorauszusetzen, dass ein Mensch, der Sekretariats- oder Assistenzaufgaben übernimmt, auf jeden Fall weiblich zu sein hat, ist sexistisch und frauenfeindlich. Wir aber sind eine Truppe, die Frauen liebt und verehrt. Nun zum Business: Ich fliege morgen früh mit der ersten Maschine nach München, brauche also hier in Berlin ein Hotel, um ein paar Stunden zu schlafen. Christian nimmt den nächsten Nachtzug, braucht also ein Schlafabteil. Kleiner Tipp: Frag ihn nicht, warum er nicht fliegen will.«

Damit wandte sich auch Volker von Ali ab und ging seiner Arbeit nach. Ali blickte ihm wütend hinterher. Er wusste jetzt, dass er nicht zu Beyers Truppe gehören würde.

München.

Die einzige City Night Line zwischen Berlin und München war schon um zwanzig nach zehn Uhr abends losgefahren. Da hatte Christian sich gerade die Leiche angesehen. Also saß er statt in einem Schlafwagen in einem normalen ICE und versuchte, seine knapp ein Meter neunzig so gut es ging auf dem Sitzplatz in der ersten Klasse zu verstauen und ein wenig Schlaf zu finden. Es gelang ihm leidlich. Er wurde alle anderthalb Stunden wach und dachte voller Neid an Volker, Herd und Karen, die in weichen Berliner Hotelbetten schlummerten. Christian verfluchte seine Flugangst. Doch wenn er sich vorstellte, am nächsten Morgen in einen dieser fliegenden Särge steigen zu müssen, versöhnte er sich mit seiner Entscheidung für die Bahn. Und schlief eine weitere Stunde.

Als der Zug nach einer gefühlten Ewigkeit in München eintraf, taten Christian alle Knochen weh, und sein Nacken spannte schmerzhaft. Seine Laune war auf dem Nullpunkt. Das einzig Erfreuliche war eine SMS von Anna, die ihn liebevoll informierte, nach einem ruhigen Flug gut in Washington gelandet zu sein. Sie arbeitete immer noch subtil daran, seine Flugangst zu beschwichtigen. Wie oft hatte sie schon versucht, ihn zu einem dieser »Wir erklären euch wie ein Flugzeug funktioniert, und – schwupps! – ist die Angst verflogen«-Kurse bei der Lufthansa zu überreden. Doch Christian zeigte sich stur. Für ihn waren diese Kurse nichts als Gehirnwäsche durch Industrie-Schamanen, die nur eins zum Ziel hatten: ihm etwas auszureden, was er für äußerst vernünftig und höchst natürlich hielt. Der Mensch war nicht zum Fliegen geschaffen, sonst hätte die Natur ihm Flügel gegeben. Annas Argument, dass nach dieser Logik der Mensch auch nicht zum Fahren geschaffen war, sonst hätte er Räder und womöglich eine Gangschaltung, wischte der begeisterte Fahrradfahrer Christian als spitzfindig vom Tisch. Seitdem ließen sie das Thema.

Christian verließ innerlich und äußerlich zerknittert den Zug und setzte sich in das Bahnhofscafé, in dem er sich mit Volker verabredet hatte. Volker würde in etwa einer halben Stunde mit der S8 vom Flughafen am Hauptbahnhof eintreffen. Der Kaffee schmeckte nach Spülmittel mit Bitterstoffen und hob Christians Laune keineswegs. So war er denn auch extrem ungehalten, als Volker mit erheblicher Verspätung auftauchte.

»Hast du noch ’ne Stewardess gepoppt?«, knurrte Christian.

»Drei.« Volker ließ sich niemals aus der Ruhe bringen.

Übermüdet verzichtete Christian auf weitere Unhöflichkeiten und zahlte sein Spülwasser. Mit einem Taxi fuhren sie zum Polizeipräsidium in der Ettstraße. So wenig wie Christian gestern einen Blick für das Brandenburger Tor im Abendrot gehabt hatte, so wenig interessierte ihn nun die nahe gelegene Frauenkirche im Licht der Morgensonne.

Sie wurden von Hauptkommissar Udo Zeiner empfangen, einem etwa sechzigjährigen Mann mit schütterem Haar, gedrungenem Körper und feinen roten Verästelungen auf den Nasenflügeln. Zeiner begrüßte seine Gäste knapp und bot ihnen Platz an. »Ihr interessiert euch für den Fall bei Zirkus Krone im April? Mein Kollege, mit dem ihr telefoniert habt, meinte, letzte Nacht wäre in Berlin eine ähnliche Leiche aufgetaucht.«

Volker griff in seine Laptoptasche und zog einen USB-Stick hervor, den er Zeiner reichte: »Hier sind Fotos vom Fundort und von der Leiche sowie die erste Zusammenfassung der bisher bekannten Fakten.«

Zeiner überflog das Material und nickte. »Sieht in der Tat so aus, als suchten wir den Gleichen.« Er klickte ein paarmal auf der Tastatur seines Laptops herum und drehte den Bildschirm so, dass seine Besucher daraufsehen konnten. Die Leiche einer Frau, etwa Mitte zwanzig, stand in einer großen Holzkiste. Sie war nackt, weiß geschminkt und völlig haarlos. In der Herzgegend befand sich eine schlecht zusammengenähte Narbe. Ihre Glieder waren mit Drähten an den Innenseiten der Kiste fixiert, sodass sie nicht umkippen oder beim Bewegen der Kiste herausfallen konnte. Ihr linker Arm war ebenfalls mit Draht in eine erhobene, angewinkelte Stellung gebracht worden. In der Hand hielt sie einen kleinen Spiegel. Der Kopf neigte sich dem Spiegel zu. Die Augen waren geöffnet.

»Künstlerisch ambitioniert wie die Körperwelten von Gunther von Hagen. Und genauso krank, falls euch meine Meinung interessiert«, kommentierte Zeiner.

»Wie ist der Stand der Ermittlungen?«, wollte Christian wissen. Diskussionen über Ästhetik interessierten ihn nicht.

»Nicht anders als im April. Nur um ein paar Akten fetter.« Zeiner wirkte verbittert. »Wir haben nichts herausgefunden. Nichts über den Täter. Das Opfer hieß Mira Weininger, 25 Jahre alt, Jura-Studentin. Sie wurde betäubt, aufgeschnitten, konserviert. Keine sexuellen Übergriffe, die sich nachweisen ließen. Abgesehen vom Ausbluten und der Entnahme des Herzens, keine Zeichen von Gewaltausübung. Die Leiche wirkte, wie unser Rechtsmediziner sagte, recht pfleglich behandelt. Das war keine Tat im Affekt. Alles war akribisch geplant. Den Rest erseht ihr aus den Akten.«

»Bevor wir uns da durchwühlen … Gab es einen Brief in der Kiste?«, fragte Volker.

Zeiner stutzte: »Dann darf ich annehmen, dass die in Berlin auch eine Nachricht haben?« Er klickte wieder auf der Tastatur herum. »Wir haben die Details aus ermittlungstechnischen Erwägungen nicht an die Presse gegeben.«

»Genauso werden wir es weiter halten. Auch in Berlin«, versicherte Christian.

Zeiner zeigte auf den Bildschirm. Zu sehen war ein Scan der Nachricht, wie in Berlin mit unauffälliger Typo auf einem normalen DIN-A4-Bogen ausgedruckt:

Verstopft euch die Ohren, damit ihr den Schrei nicht hört!

»Was haltet ihr davon?«, fragte Christian.

Zeiner zuckte mit den Schultern. »Wir haben über Mögliches und Unmögliches nachgedacht. Aber es bleibt alles im Bereich reiner Spekulation. Vielleicht ist es besser, ihr sucht nach eurem eigenen Ansatz.«

»Könnt ihr bitte alle Dateien und Unterlagen zu unserem Büro in Hamburg schicken? Oder mailen.«

»Das meiste haben wir im Computer erfasst, auch Fotos von den Asservaten.« Er wandte sich an Volker: »Ich kann alles Verfügbare sofort auf dein Laptop senden. Den Rest bekommt ihr kopiert nach Hamburg.«

Volker gab ihm seine Mailadresse.

Christian wandte sich ebenfalls an Volker: »Die Fakten aus Berlin können auch schon mal nach Hamburg zu Daniel.«

»Ist erledigt. Habe ich heute Nacht schon vom Hotel in Berlin aus geschickt.«

Christian nickte zufrieden. Daniel arbeitete als Rechercheur der Soko Bund. Der ehemalige Hacker war zwar kein Kriminalist, noch mochte er auf Tuchfühlung mit Verbrechen und Verbrechern gehen, aber er kam an alle Informationen heran, die irgendwo durch das World Wide Web sausten oder auf Computern gespeichert waren. Dass er dabei nicht immer nur legale Pfade beschritt, akzeptierten seine Kollegen stillschweigend und ergebnisorientiert.

»Ich würde gerne mit der Mutter des Opfers sprechen«, sagte Christian zu Zeiner.

»Würde mich wundern, wenn ihr mehr erfahrt als das, was schon in den Akten steht. Aber bitte. Unsere Sekretärin wird euch die Adresse geben und einen Termin machen.« Zeiner wirkte leicht verschnupft.

Volker versuchte, ihn zu beschwichtigen: »Manchmal ist der persönliche Eindruck hilfreich.«

Zeiner reagierte mit kühlem Blick, sah auf die Uhr, erhob sich und komplimentierte seine Gäste hinaus. »Ihr habt euch sicher mehr von eurem Besuch hier versprochen. Tut mir leid. Wenn ihr mich jetzt bitte entschuldigen wollt? Ich habe gleich eine Konferenz wegen eines anderen Falles. Wir bleiben selbstverständlich in Kontakt und tauschen unsere Erkenntnisse aus.«

»Vielleicht gelingt es uns ja gemeinsam, den Kerl zu fassen.« Auch Christian hatte die plötzliche Spannung bemerkt.

Pünktlich zur Teestunde waren Christian und Volker in der Villa Weininger am Starnberger See geladen. Über München hatte sich ein Unwetter zusammengebraut. Es entlud sich in Starkregen, Blitz und Donner, als sie aus dem Taxi stiegen. Nach den zwanzig Metern Kiesauffahrt zum Hauseingang waren sie komplett durchnässt. Auf ihr Klingeln öffnete eine elegante Dame von gepflegten Anfang siebzig.

»Sie sind nass«, konstatierte sie vorwurfsvoll, als hätten die beiden sich böswillig verschworen, das Parkett der Weininger-Villa aufzuweichen. »Würden Sie bitte Ihre Schuhe ausziehen?«

Brav bückten sie sich und kamen der Aufforderung nach. Christian bemerkte, dass sein linker großer Zeh die Socke durchbohrt hatte. Verstohlen blickte er nach Volkers Fußbekleidung. Einwandfrei.

Frau Weininger bat ihren Besuch in den Salon. Wohlerzogen warteten Christian und Volker, bis ihnen Platz angeboten wurde und die Dame des Hauses den ihren eingenommen hatte. Nach einer kleinen Vorstellungsrunde eröffnete Martha Weininger mit hochmütigem Ton die Konversation: »Wie Sie sich denken können, bin ich die Großmutter von Mira. Sie verzeihen, wenn meine Tochter Sybille nicht anwesend ist. Aber seit Miras Tod ist sie psychisch sehr angeschlagen. Aufregung ist kontraproduktiv. Sie müssen mit mir vorliebnehmen.«

»Wir sind Ihnen sehr dankbar, dass Sie uns Ihre Zeit opfern«, erwiderte Christian.

»Zwei Hamburger Kommissare. Gehe ich recht in der Annahme, dass wieder etwas passiert ist?«

Christian nickte. »Wir vermuten, dass zwischen dem Tod Ihrer Enkelin und einem erneuten Leichenfund ein Zusammenhang besteht.«

»Woraus schließen Sie das?«

»Frau Weininger, mir wäre es erheblich lieber, wenn wir die Fragen stellen könnten.«

Die Frau ließ sich abgesehen von einem schmallippigen Zucken um die Mundwinkel keinerlei Regung anmerken. »Tun Sie das.«

Christian lehnte sich zurück und warf Volker einen auffordernden Blick zu. Ihm war diese Frau zu sperrig und zu arrogant. Christian wusste, wenn er das Gespräch weiterführte, würde es unweigerlich konfrontativ werden.

»Was war Mira für ein Mensch?«, begann Volker mit sanfter Stimme.

Die Frau schien sich sofort zu entspannen. Sie faltete die Hände im Schoß und blickte durch das Fenster zum Garten hinaus. »Sie war einfach wunderbar. Hübsch, wohlerzogen, äußerst klug und liebenswert.«

»Wieso hatte sie dann keinen Freund? Zumindest steht das so in den Akten«, warf Christian ein. Volker sah ihn sofort warnend an. Christian gab ihm insgeheim recht. Auch wenn die Frau ihm auf die Nerven ging, war es unklug, sie zu provozieren. Es verhärtete die Fronten, statt die Zeugin zu öffnen.

Entsprechend pikiert fiel die Antwort von Martha Weininger aus: »Wenn Sie glauben, dass erst ein Sexualpartner das Leben einer Frau vervollkommnet, dann mag das an Ihrer androzentristischen Mentalität liegen. Wir hingegen haben Mira zu einer selbstbewussten und unabhängigen jungen Frau erzogen!«

Christian wollte etwas antworten, doch Volkers eisiger Blick hielt ihn davon ab. Er lenkte Frau Weiningers Aufmerksamkeit wieder auf sich. »Die Münchner Kollegen haben keine Anhaltspunkte gefunden, warum ausgerechnet Ihre Enkelin dem Täter zum Opfer fiel. Sie hatte keine Feinde, war überall beliebt, pflegte nur den besten Umgang. Haben Sie vielleicht eine Idee, wieso Mira ins Visier geraten ist? Vor allem, wenn man die grauenvollen Umstände der Tat bedenkt.«

»Sie meinen, weil Mira als Lieferung für eine nicht existierende Freakshow beim Zirkus deklariert wurde?«

Volker nickte.

»Der Täter, zweifelsohne ein Mann, muss sehr gestört sein. An Mira war nichts, was eine solche Tat auch nur im Entferntesten begründen könnte, nicht mal bei einem sehr kranken Gehirn. Es ist absolut ausgeschlossen, dass die Tat irgendetwas mit Mira zu tun hatte. Meine Tochter und ich sind überzeugt, dass sie zufällig gewählt wurde.«

»Wie sieht das der Vater von Mira?«, mischte sich Christian erneut ein, obwohl er aus den Akten wusste, dass Sybille Weininger unverheiratet war.

Martha Weiningers Lippen wurden wieder von säuerlicher Abschätzigkeit gekräuselt. »Meine Tochter ist nicht verheiratet und war es auch nie.«

»Das ist keine Antwort auf meine Frage«, insistierte Christian unterkühlt.

»In diesem Haushalt werden Männer nicht benötigt. Und das ist gut so.«

»Dann hat Ihre Tochter Mira gewissermaßen alleine großgezogen?« Volker versuchte die Wogen mit sanfter Stimme wieder zu glätten.

»Mich übersehen Sie dabei wohl, junger Mann!«

Plötzlich ging die Tür zum Salon auf. Eine unscheinbare, um nicht zu sagen unattraktive, kleine Frau mit birnenförmiger Figur kam mit bleicher Miene herein. Sie stellte sich schüchtern als Sybille Weininger vor. Sybille hatte absolut nichts von der gestrafften Grandezza ihrer Mutter, sondern wirkte eher wie die graue, gramgebeugte Zugehfrau der Hausherrin.

Genauso sprach Martha Weininger auch mit ihrer Tochter: »Was machst du hier unten? Ich habe dir gesagt, du sollst dich ausruhen!«

Sybille Weininger gab den Besuchern eine schlaffe und kalte Hand. »Sie haben über Mira gesprochen?«

Christian wollte Sybille Weininger über den Grund ihres Besuchs aufklären, doch da erhob sich Martha Weininger und schritt ein: »Meine Tochter ist absolut nicht in der Verfassung, diese schrecklichen Ereignisse zu repetieren. Wenn ich Sie also bitten dürfte!«

Martha Weiningers auffordernde Kopfbewegung wies zur Tür. Christian beherrschte sich nur mit Mühe und wandte sich, Martha ignorierend, an Sybille Weininger: »Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn wir ein paar Worte mit Ihnen wechseln könnten.«

Doch Sybille erwies sich folgsam wie ein Kleinkind: »Meine Mutter hat recht. Ich gehe lieber wieder auf mein Zimmer.«

Mit dem gleichen kraftlosen Gang, mit dem sie den Salon betreten hatte, schlurfte Sybille Weininger wieder hinaus und verschmolz im Flur mit dem Schatten, den die dunkel getäfelten Wände auf die Eichendielen warfen. Martha Weininger blickte ihre Gäste mit leichtem Triumph an. Denen blieb nichts anderes übrig, als Sybille auf den Flur zu folgen, wieder in die durchnässten Schuhe zu steigen und sich einigermaßen höflich zu verabschieden.

»Als die ›junger Mann‹ zu dir gesagt hat, meinte sie wohl eher ›Kakerlake‹. Das war eine Suffragette der knallharten Schule«, wetterte Christian, als sie am Straßenrand standen und er per Handy ein Taxi bestellte. Es regnete immer noch in Strömen.

»Du weißt, dass du ein beschissener Berserker bist?«, fragte Volker in einem gleichmütigen Tonfall. Er war der Einzige, der mit Christian so reden durfte.

»Ja.« Genau wie seine Kollegen besuchte Christian brav jede Fortbildung in Vernehmungstechnik. Von Anna hatte er zudem eine Menge gelernt über neurolinguistisches Programmieren, über Rapport, Pacing, Matching, Leading und jede Menge anderen nützlichen Kram. Doch wenn er jemandem gegenübersaß, der ihm zutiefst zuwider war, gingen seine Gefühle mit ihm durch und er begann unkontrolliert zu provozieren. »Ich war unprofessionell und komplett idiotisch. Beim nächsten Zeugen, den ich am liebsten erwürgen möchte, halte ich einfach meine Klappe und überlasse ihn dir.«

»Dann wäre das ja geklärt«, meinte Volker und winkte das Taxi heran, das am Ende der Allee auftauchte. Kaum saßen sie im Wagen, meldete sich Karen bei Christian. Sie hatten die Berliner Leiche identifiziert. Die Mutter der Toten wollte dringend mit dem Chef des Ermittlungsteams reden.

»Wohin soll’s denn jetzt gehen?«, fragte der Taxifahrer ungeduldig.

»Zum Bahnhof«, sagte Volker. »Und dann zum Flughafen.«

»Gleich zum Flughafen«, korrigierte Christian.

Das Reisen war eines der wenigen Dinge, die er an seinem Job hasste. Dabei hätte ihm gerade die Notwendigkeit des Reisens klar vor Augen stehen müssen, als er zum Chef der bundesweiten Sonderkommission ernannt wurde. Schließlich war die Grundidee, die hinter der Soko Bund stand, reisenden Mördern das Handwerk zu legen, ohne Zeit- und Reibungsverluste durch ständig wechselnde Zuständigkeiten in den einzelnen Bundesländern. Christian war damals von der Sinnfälligkeit dieses Konzepts so überzeugt gewesen, dass er nicht bedacht hatte, seinen mobilen Kunden auch mit dem Flugzeug hinterherhetzen zu müssen. Bei dem Gedanken, mal wieder in einen dieser fliegenden Särge zu steigen und dem sicheren Tod durch einen winzigen Fehler in der Technik oder einen depressiven Piloten oder irgendeinen blöden Vogelschwarm ins Auge zu sehen, bei dem ihm Stahlteile die Eingeweide zerfetzen würden, begann er jetzt schon zu schwitzen. Aber er wollte nicht erst mitten in der Nacht in Berlin eintreffen und das Gespräch mit der Mutter des neuen Opfers Striebeck überlassen. Der Fall in Berlin war brandheiß. Es galt, keine Zeit zu verlieren.

Berlin.

Die Landung war mit einem simulierten Absturz vergleichbar. Seit Wochen schon fegten ungewöhnlich heftige Sommerstürme über Deutschland. In einen davon geriet die Maschine bei ihrem Anflug auf Berlin. Böen von etwa neun Beaufort warfen die Boeing von einer Seite zur anderen, sodass die Tragflächenspitzen den Asphalt zu streifen drohten, und hoben die Maschine kurz vor Bodenkontakt wieder in die Luft, um sie dann wie mit einem gezielten Fausthieb auf der Landebahn niederzustrecken. Etwa die Hälfte der Passagiere, darunter selbst hartgesottene Vielflieger, schrie bei der unsanften Landung auf. Christian krallte sich mit geschlossenen Augen und angehaltenem Atem in seine Armlehnen, die Knöchel weiß vor Anstrengung, das Hemd komplett durchgeschwitzt.

Nach einer stummen Taxifahrt wurden sie von Striebeck im Polizeipräsidium empfangen. Es war inzwischen fast zehn Uhr abends. Man sah Striebeck an, dass er in den letzten vierundzwanzig Stunden kaum geschlafen hatte. Er sah fast so elend aus wie Christian, der die Überreste seiner Todesangst noch im Flughafengebäude in die Keramik gespuckt hatte. In Striebecks stickigem Büro saß Herd und telefonierte mit Daniel in Hamburg. Karen fehlte. Sie hatte die vergangene Nacht und weite Teile des Tages mit der Obduktion der Leiche und den dazugehörigen Untersuchungen verbracht und war ins Hotel gefahren, um sich für ein paar Stunden hinzulegen.

Striebeck öffnete die Fenster, um die vom ausgiebigen Regen frisch gewaschene Luft hereinzulassen. Er bot Christian und Volker Platz an, was bei den engen Räumlichkeiten und mangelnden Sitzgelegenheiten gar nicht so einfach war. Volker drehte einen leeren Papierkorb aus Metall um und nutzte ihn als Hocker. Selbst so niedrig sitzend wirkte er noch wie ein Furcht einflößender Riese.

»Die junge Frau aus unserer Holzkiste hieß Catrin Rahnberg, 23 Jahre alt. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften an der Freien Universität Berlin.« Striebeck wandte sich an Christian. »Ihre Mutter hat sie gestern Morgen als vermisst gemeldet. Sie sitzt seit zwei Stunden im Nebenzimmer und wartet auf dich. Irgendeine Labertasche hier im Präsidium hat ihr gesteckt, dass die Soko Bund an dem Fall dran ist.«

»Hat Karen schon ihre Obduktionsergebnisse vorgelegt?«, wollte Christian wissen.

»Der Bericht ist noch nicht fertig geschrieben. Aber sie hat gesagt, dass die Todesursache eine Überdosis Narkosemittel ist, das Herz post mortem entfernt und die Leiche dann mit einem speziellen Stoff konserviert wurde. Den Rest erfährst du von ihr. Sie wollte von dir im Hotel angerufen werden, wenn ihr eingetroffen seid.«

Christian winkte ab: »Wir wecken sie, wenn wir selbst im Hotel sind. Das kann noch dauern. Wie ist die Mutter? Was weiß sie?«

»Ich habe ihr nur gesagt, dass ihre Tochter erstickt wurde. Sie weiß weder von dem fehlenden Herzen noch von der Nachricht auf dem Zettel. Das wollte ich dir überlassen. Karen hat die Leiche über den Zahnbefund identifiziert. Trotzdem wollte die Frau ihre Tochter sehen. Sie hat darauf bestanden. Wir haben ihr nur das Gesicht gezeigt, der Körper war abgedeckt.«

Christian nickte: »Gut. Wir halten vorerst ein paar Details zurück, um die Schmeißfliegen von der Presse soweit es geht auszubremsen und um falsche Geständnisse von den üblichen Irren ausschließen zu können. Kann man mit der Mutter vernünftig reden? Oder ist sie hysterisch?«

Striebeck schüttelte den Kopf: »Dann würden wir sie wohl kaum allein irgendwo rumsitzen lassen. Sie heißt Petra Rahnberg, Professorin für Literaturwissenschaften an der Humboldt. Sehr gefasst, sehr klar im Kopf, sehr bestimmt.«

Christian wusste sofort, was Striebeck gemeint hatte, als er Petra Rahnberg im geräumigeren Nebenzimmer gegenüberstand. Sie war eine attraktive Frau Anfang fünfzig und strahlte die unterkühlte Schönheit von Catherine Deneuve aus. Alles an ihr war perfekt, jedes Haar lag an seinem Platz, keine Träne hatte die dezent aufgetragene Wimperntusche verwischt.

»Frau Rahnberg, ich bin Christian Beyer und leite die Untersuchung.« Auch Volker stellte sich vor. Striebeck war mit Herd in seinem Büro geblieben, um Frau Rahnberg nicht durch ein zu großes Aufgebot zu irritieren. Christian allerdings gewann schnell den Eindruck, dass Frau Rahnberg sich nicht so leicht irritieren ließ.

Bevor er auch nur die erste Frage stellen konnte, hatte sie das Heft schon in der Hand: »Ich hoffe, das Fernbleiben von Hauptkommissar Striebeck deutet nicht darauf hin, dass ich ihn gekränkt habe. Ich halte es allerdings für sinnvoll, wenn ich direkten Kontakt zum Leiter der Ermittlungen habe. Selbstverständlich erwarte ich, über jeden einzelnen Schritt und Fortschritt auf dem Laufenden gehalten zu werden, und zwar ohne Zeitverzögerung.«

»Solange es im Rahmen der Ermittlungen möglich ist, gewiss, Frau Rahnberg«, erwiderte Christian reserviert.

»Sie dürfen mich Professor Rahnberg nennen. Als Erstes würde ich gerne wissen, wieso der Leiter der Ermittlungen im Mordfall meiner Tochter zuerst einmal nach Bayern fährt, statt sich hier vor Ort um alles Notwendige zu kümmern. Herr Striebeck war so unfreundlich, mir darüber keine Auskunft zu geben.«

Christian begann innerlich zu schäumen. Die war ja noch schlimmer als die Großmutter in München! Er warf Volker einen auffordernden Blick zu. Wenn er noch zwei, drei weitere Sätze mit dieser Frau wechseln musste, würde er unweigerlich explodieren. Der Flug hatte seine Nerven schon genug zerschlissen.

»Frau Professor«, begann Volker mit seinem geheimnisvoll dunklen Blick. Er sah Frau Rahnberg unverwandt in die Augen. Sein Lächeln verschwand, und zurück blieb das Dunkel, in dem schon viele Zeugen die Fassung verloren hatten. Volker war dafür berühmt, selbst Steine zum Sprechen zu bringen, auch wenn niemand wusste, wie genau er das anstellte. »Ich will Ihnen den gebührenden Respekt erweisen, gleichzeitig aber auch die Distanz bitte ein wenig aufheben dürfen. Es sei denn, diese Distanz hilft Ihnen beim Kontrollieren Ihrer Trauer. Und Wut. Und Verzweiflung. Wenn wir uns gegenseitig helfen wollen, den Mörder Ihrer Tochter zu finden, dann müssen wir uns vertrauen.«

»Müssen wir das?« Frau Professor Rahnbergs standfestes Selbstbewusstsein trudelte langsam in die Tiefe von Volkers Blick.

Christian bewunderte seinen Kollegen einmal mehr für dessen einfühlsames und verlogenes »wir«. Volker konnte einfach gut mit Frauen. Obwohl er seit Jahren allein lebte. Aber möglicherweise lag es genau daran. Volkers Geduld wurde nicht auf der Streckbank des Alltags überdehnt.

Frau Rahnberg nickte nachdenklich und schwieg ein paar Sekunden. Die Stille im Raum war fast greifbar. Dann räusperte sich Frau Rahnberg: »Wie kann ich Ihnen helfen? Was kann ich tun?« Volker hatte im Schnelldurchlauf »Der Widerspenstigen Zähmung« aufgeführt. Zumindest fürs Erste.

»Wir waren in München, weil dort im April ein Mord begangen wurde, der dem an Ihrer Tochter außerordentlich ähnelt. Es ist im Bereich des Möglichen, dass es sich um den gleichen Täter handelt.«

Christian stimmte Volker zu: »Wir müssen überprüfen, ob es eine wie auch immer geartete Verbindung Ihrer Tochter zu dem Opfer in München gab. Dabei ist wichtig, dass wir genauestens über ihr Umfeld Bescheid wissen, über ihre Kontakte und ihre Lebensgewohnheiten.«

»Wie heißt das Opfer in München?«, fragte Petra Rahnberg leise.

»Mira«, sagte Volker. »Sie war zwei Jahre älter als Catrin. Mehr darf ich Ihnen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen.«

»Fragen Sie die Mutter von Mira nach einem Thorsten.«

»Wer ist das? Was wissen Sie über diesen Thorsten?« Christian erinnerte sich nicht, dass in den Münchner Akten der Name erwähnt wurde.

»Viel zu wenig. Den Nachnamen kenne ich nicht. Meine Tochter hat mir vor etwa einer Woche von ihm erzählt. Sie hat ihn auf dem Campus kennengelernt und war begeistert von ihm. Er war neu in der Stadt und sollte im Fachbereich Geowissenschaften als Dozent anfangen. Kommissar Striebeck hat das schon überprüfen lassen. Es war eine Lüge. Wie vieles andere wohl auch.«

»Was hat Ihre Tochter noch von ihm erzählt?«

»Alles, was sie wusste. Ich war eine innige Vertraute für Catrin.« Nun schimmerte doch eine Anflug von Tränen in Frau Rahnbergs Augen. »Dieser Thorsten … Groß, schlank, sehr attraktiv, sehr männlich … Wenn meine Tochter groß sagt, meint sie mindestens einen Meter fünfundachtzig. Schöne gepflegte Hände, schwarze Haare, blaue Augen, höflich, charmant, klug … Sie ist zweimal mit ihm ausgegangen, leider weiß ich nicht, wohin. Vorgestern Abend wollte sie zu mir zum Essen kommen. Sie kam nicht. Zuerst dachte ich, sie hat ein aufregendes Rendezvous. Mit diesem Thorsten. Aber sie hat sich nicht gemeldet, um abzusagen. War nicht erreichbar. Das passte nicht zu ihr. Catrin ist ein sehr zuverlässiger Mensch.«

»Hatte Catrin vielleicht eine Freundin, die diesen Thorsten mal mit ihr gesehen haben könnte?«

»Ich habe sie schon alle angerufen. Leider nein. Catrins ehemals beste Freundin hat ihr den letzten Lover ausgespannt. Seitdem ist … war Catrin eher zurückhaltend beim Vorstellen ihrer neuen Eroberungen.«

»Was ist mit Catrins Vater?«, fragte Christian. Er wusste nicht wieso, aber Frau Professor war ihm plötzlich sympathisch. Vielleicht weil sie nun hinter ihren Schutzwall aus kühler Arroganz blicken ließ.

Frau Rahnbergs kurzfristig verletzlich wirkende Miene verschloss sich jedoch schnell wieder. »Ich bin geschieden. Mein Mann lebt seit elf Jahren mit seiner neuen Familie in Neuseeland. Er hat keinerlei Kontakt zu Catrin.«

Kurz darauf verabschiedete sich Professor Rahnberg. Sie hatte nichts Wesentliches mehr hinzufügen können. Sie steckte die Handynummern von Christian und Volker ein und ging.

Christian, Volker und Herd fuhren zu ihrem Hotel in Charlottenburg. Es war ein kleines Hotel mit altmodisch eingerichteten, aber großzügig geschnittenen Zimmern. Herd hatte das Hotel ausgesucht, weil sich direkt gegenüber auf einem kleinen, begrünten Platz ein Irish Pub befand. Dort machten sie ihre erste Station und trafen sich mit Karen, die sie auf der Fahrt telefonisch aus dem Bett geklingelt hatten.

»Mann, seht ihr scheiße aus!«, war Karens lapidare Begrüßung. Sie selbst sah wie immer hinreißend aus. Ausgeschlafen und unglaublich perfekt. Karen setzte sich. Die Bar war nur spärlich besucht. Im Hintergrund standen ein paar verlorene Gäste mit Schlagseite und diskutierten die Schiedsrichterentscheidungen einer Fußballspielwiederholung, die auf einem großen Bildschirm gezeigt wurde. Christian und sein Team waren gewissermaßen unter sich. Als vier Guinness in sprudelnder Frische vor ihnen standen, begann Karen ihren Bericht, wie immer ohne jegliche Unterstützung durch Notizen und in einer für Laien verständlichen Sprache: »Das Grundsätzliche hat euch Striebeck sicher schon weitergegeben. Ich mach’s kurz: Das Opfer wurde betäubt mit Isofluran. Das war eine Zeit lang das am häufigsten benutzte Narkosemittel, ist es aber nicht mehr wegen der Nebenwirkungen. Wie dem auch sei. Durch eine Überdosis Isofluran kam es bei dem Opfer zu einer tödlichen Atemdepression.«

»Das heißt, sie ist erstickt, ohne es mitzubekommen?«, fragte Herd dazwischen.

Karen nickte: »So könnte man sagen. Kein Hinweis auf einen Kampf oder sexuelle Gewalt. Das Herz wurde nach dem Tod entfernt. Interessant hierbei ist, dass die Narbe recht stümperhaft zugenäht wurde, was auf einen Laien hindeutet. Ich vermute, hindeuten soll. Denn bei der Entnahme des Herzens wurde kein einziger überflüssiger Schnitt gemacht, alles andere als das Gemetzel eines Laien. Auf fundierte medizinische Kenntnisse lässt außerdem die Konservierung der Leiche schließen. Vor wenigen Jahren haben die Spanier eine neue Gruppe von Mitteln zusammengerührt, die das Konservieren von Leichen zu allen möglichen Zwecken erheblich vereinfacht. Unser Mann hat ›complucad tanas‹ benutzt …«

Volker unterbrach sie: »Bingo. Genau das Gleiche hat der Rechtsmediziner in München herausgefunden. Es ist derselbe Mörder, gar kein Zweifel.«

Karen nickte. »Vermutlich. Complucad ist ein wunderbares Mittel, um für einige Tage zu konservieren. Nicht toxisch für den Konservator, stinkt nicht … Einfaches Einreiben der Leiche genügt. Früher musste man zur Konservierung in aufwendigen Verfahren alle Innereien herausholen, das Blut komplett und sauber ausspülen, um dann …«

»Kannst du mir bitte die Details ersparen? Ich will mein Guinness genießen!« Herd war nie sonderlich interessiert an den Feinheiten von Karens Job. Er weigerte sich strikt, sie in der Hamburger Rechtsmedizin auch nur zu besuchen. Die geöffneten Körper, die er an manchen Tatorten vorfand, reichten ihm vollkommen.

»Du vermutest also einen Arzt oder so was Ähnliches hinter unserem Täter?«, fragte Christian.

»Wer weiß? Ein Arzt, ein Pfleger, ein Pathologe, ein Tierpräparator, ein künstlerischer Metzger, ein Hobbychirurg … Christian, du weißt selbst, wie unseriös solche Festlegungen sind. Fertigkeiten kann man sich aneignen, Informationen über alles Mögliche und Unmögliche sind heutzutage allgemein zugänglich. Gib mal im Internet das Schlagwort ›Konservierung‹ ein, da kannst du ’ne Menge lernen. Und an die Mittel, die er benutzt hat, kann man auf den verschiedensten Wegen kommen. Hersteller, Zwischenhändler, Krankenhäuser, Universitäten …«

»Wenn man sie kennt«, gab Volker zu bedenken.

»Genau das! Euer Mann mag kein Profi sein. Aber er kennt sich aus. Er kennt sich sogar gut aus«, bestätigte Karen.

»Okay, danke fürs Erste, Karen.« Christian bestellte noch vier Guinness und blickte in die Runde: »Was wissen wir also bislang?«

»Zwei Frauen, Anfang/Mitte zwanzig. Studentinnen. Keine optisch auffälligen Übereinstimmungen. Aber beide hübsch, begabt, unauffälliges Sozialverhalten«, begann Herd.

»Zwei Großstädte. Der gleiche Modus Operandi«, fügte Volker hinzu.

»Saubere Ausführung, keine Zeugen, bislang keine verwertbaren Spuren. Ein umsichtiger, planender, organisierter Mörder«, ergänzte Christian.

»Zwei alleinerziehende Mütter aus gehobenen Kreisen. Die Opfer Einzelkinder«, sagte Herd.

»Guter Punkt«, bestätigte Christian. »Okay, weiter: Was haben wir für Fragen? Außer: Wer ist Thorsten? Und: Kannte auch Mira einen Thorsten?«

»Ich kümmere mich morgen darum«, sagte Volker.

»Wieso kennt er sich so gut aus, und wo bekommt er seine Chemikalien her?«, wollte Karen wissen.

»Wo präpariert er die Leichen? In seiner Wohnung? Hat er eine in Berlin und eine in München? Das wäre eher ungewöhnlich, oder?«, fragte Herd.

»Vielleicht in einem Hotel?«, stellte Karen zur Debatte.

»Kein Mensch bestellt sich eine solch riesige Holzkiste in ein Hotelzimmer. Viel zu auffällig«, gab Volker zu bedenken.

»Wo kriegt man solche Holzkisten? Bei Speditionen.« Herd machte ein paar Notizen in ein kleines Buch, das er stets bei sich trug.

»Wie sucht er seine Opfer aus? Zufällig? Wohl kaum, dazu sind sich die beiden zu ähnlich. Zwar nicht äußerlich, aber vom Profil her«, sinnierte Christian.

»Besteht eine Verbindung zwischen den Opfern? Gibt es eine vordeliktische Täter-Opfer-Verbindung, und wenn ja, welche?«, fragte Volker.

Christian mochte diese Art von knappem Brainstorming. Sein Team war schnell, erfahren und aufeinander eingespielt. Nur Anna fehlte. Oder Pete. Ein Profiler eben. Christian hätte das vor einem oder zwei Jahren noch ganz anders gesehen. Aber die letzten Fälle hatten ihn eines Besseren belehrt. Serienkiller zeichneten sich immer durch eine kranke Psyche aus. Das Motiv zu verstehen hieß, dem Täter ein entscheidendes Stück näherzurücken.

Christian überlegte laut: »Was bedeutet der Spiegel, den das Münchner Opfer in der Hand hielt? Die Spiegelscherbe bei der Berlinerin? Was bedeuten die Sätze, die bei den Opfern lagen? Was will er damit sagen?«

Herd nickte. »Daniel sitzt dran und recherchiert. Ein erstes, vorläufiges Ergebnis zu der Nachricht in Berlin hat er mir schon gesimst.« Herd klickte auf seinem Handy herum und las vor: »›Das dritte Geschlecht‹ bezeichnet Intersexualität, bzw. Transsexuelle. Hermaphroditen, Kastraten in Europa, Eunuchen in Indien … Hilft das? Details und Historie später per Mail. Daniel. – Er hat also bislang noch nicht mehr herausgefunden als Striebecks Leute und ich bei unserem ersten Surf im Internet. Ziemlich mager.«

»Aber eine Richtung. Das würde zu den Lieferadressen passen: die Freakshow und das Horrorkabinett. Zu der Aufmachung der Leichen passt es auch. Durch die Komplettrasur sahen beide Frauen nicht mehr sehr weiblich aus.«

Herd nickte: »Sie hatten was Androgynes, auch durch den weißen Puder, das stimmt. Sie sahen aus wie unheimliche Puppen. Hatten die beiden Mädchen was mit Transsexualität oder Transsexuellen zu tun? In den Münchner Akten steht nichts. Und unser Berliner Opfer scheint ja, zumindest nach bisherigem Erkenntnisstand, das übliche heterosexuelle Liebesleben geführt zu haben.«

»Wenn es um so was geht, warum operiert er ihnen dann das Herz heraus? Das Herz ist nichts Geschlechtsspezifisches. Sexuelle Übergriffe gab es auch nicht«, gab Karen zu bedenken.

»Vielleicht ist er impotent. Ein Eunuch«, mutmaßte Volker.

Die vier schwiegen und tranken synchron von ihren Bieren.

Christian räusperte sich: »Eine andere Frage haben wir auch noch nicht ausgesprochen: Wann und wo wird er wieder zuschlagen? Denn das wird er.«

Erneutes Schweigen und synchrones Trinken. Zumindest in dem Punkt war man sich einig.

»So viele Fragen«, sagte Volker.

»Und so wenige Antworten.« Herd sah betrübt in sein halb leeres Glas.

»Außer, dass er jung ist, groß, schlank, attraktiv und anscheinend unter falschem Namen als falscher Akademiker durch die Unis tourt«, ergänzte Volker.

»Das ist nicht viel«, meinte Herd.

»Aber mehr als nichts. Es ist ein Anfang«, sinnierte Christian und trank sein Bier aus.

Luxemburg.

Niklas stand in der Küche und ließ heißes Wasser ins Nirosta-Spülbecken laufen. Dann legte er die OP-Klammern, Messer und Skalpelle ins Wasser. Er trug rosa Gummihandschuhe. Er mochte den Geruch der Gummihandschuhe nicht sonderlich, er war banal. Aber nur mit den Handschuhen konnte er in das fast kochende Wasser fassen. Gründlich reinigte er alles Metall vom getrockneten Blut und klebenden Gewebeteilchen. Dann desinfizierte und polierte er seine Werkzeuge, bis sie wieder blinkten und mit keiner noch so modernen Technik Spuren eines Kontakts mit einem menschlichen Körper nachgewiesen werden konnten. Seine Gründlichkeit war keine reine Sicherheitsmaßnahme. Niklas mochte es sauber. Er mochte es perfekt. In seinem CD-Player lief Tom Waits’ Song »Dead and lovely«. Darin ging es um ein Mädchen, das glaubte, die Welt im Griff zu haben. Bis sie auf einen jungen Mann trifft.

He had a bullet proof smile, he had money to burn

She thought she had the moon in her pocket

But now she’s dead, she’s so dead

Forever dead and lovely now

Die Letzte war ihm gut gelungen. Fast perfekt. Nach seiner Umformung sah sie endlich wahrhaftig aus. Er hatte ihr wahre Schönheit gegeben. Seine Schönheit. Er hatte sie ihr gezeigt. Doch sie wollte es nicht sehen. Deswegen der Spiegel. Als Unterstützung. Was er an den Menschen am meisten hasste, war ihre Tendenz zu leugnen. Er hatte gedacht – er hatte gehofft –, die von seinem Schlag, die müssten doch anders sein. Wissend. Sehend. Oder wenn sie unwissend waren und er ihnen die Wahrheit brachte, dann müssten sie froh sein. Dankbar. Zuerst irritiert. Gewiss, das war er ja auch gewesen, damals. Aber letztlich: froh. Es galt nur einen Schritt zu machen, einen kleinen Schritt. Grenzen waren dazu da, dass man sie ignorierte. Übertrat. Um sich grenzenlos zu fühlen – frei. Freiheit war Größe. Größe war Macht. Macht war alles. Warum verstanden sie das nicht? Wo sie doch angeblich so intelligent waren. So besonders. Aber sie waren undankbar. Dumm. Gewöhnlich. Das war das Schlimmste. Dass sie nicht waren wie er. Er war ungewöhnlich. Zufrieden summte er den Songtext mit: But now she’s dead, forever dead, forever dead and lovely now …

Natürlich war es mal wieder eine aufwendige und vor allem gänzlich unnötige Spielerei gewesen, die Kiste zu zimmern und das Gesamtpaket an eine schräge Adresse zu schicken. Aber diesen kleinen Spaß wollte er sich gönnen. Wenn es denn wirklich nur reiner Sarkasmus war. Er musste aufpassen. Niklas überprüfte sich selbst immer und immer wieder. Kontrolle war das Wichtigste. Denn Fehler waren nicht nur lächerlich. Sie waren gefährlich. Nachdem er sein Werkzeug sicher und sauber verstaut hatte, ging er ins Wohnzimmer und legte sich aufs Sofa. Kein Licht, kein Fernseher störten seine Konzentration. Nur leise Musik. Die rostige Stimme von Tom Waits, die ihn entspannte und gleichzeitig bündelte.

Er musste alles noch einmal durchgehen. Sein Bedürfnis, die Leichen in einem sinnfälligen Kontext zur Schau zu stellen, durfte ihn nicht unvorsichtig werden lassen. Einige waren schon erwischt worden, weil sie das Licht der Öffentlichkeit suchten, Kontakt zu ihren Jägern aufnahmen, und Nachrichten hinterließen, die auf ihre Fährte führten. Eitelkeit. Eine der sieben Todsünden. Er durfte in diese Falle nicht tappen.

Niklas dachte an den gestrigen Abend. Er war zum Bebildern seiner düsteren Gedanken nach Luxemburg Stadt gefahren und in eine Diskothek gegangen. Es war wie immer, wenn er in Bars oder Diskotheken ging. Er stellte sich an den Tresen, orderte einen Drink und ließ träge seinen Blick schweifen. Die Frauen sahen ihn an. Egal, ob sie in männlicher Begleitung waren oder nicht. Einige sahen ihn verstohlen an, andere offen gierig. Wie immer dauerte es nicht lange, bis eine zu ihm kam und ihn zu einem Drink einlud. Vermutlich ging es so schnell, weil sie fürchteten, dass eine Konkurrentin ihnen zuvorkommen könnte. Gut aussehende Männer wie er, jung, sportlich, zurückhaltend und damit geheimnisvoll, waren dünn gesät. Sie kamen zu ihm, die Frauen. Sehnsüchtig. Hoffnungsvoll. Bereit. Er wusste, was sie wollten. Er konnte es ihnen geben. Alles. In Hülle und Fülle. Er hatte mehr, als sie wollten. Mehr als sie ertragen konnten.

Sie kamen zu ihm. Baggerten. Er wurde unhöflich. Sie waren beleidigt. Diese Schnallen hatten ja keine Ahnung, wie nett es von ihm war, sie zu ignorieren! Niklas verspürte absolut kein Verlangen, sich an den offenkundigen Angeboten zu delektieren und sich dadurch mit den anderen Anwärtern auf schnellen Sex gemeinzumachen. Das war unter seinem Niveau. Unendlich weit darunter. Wie fast alles. Wie fast alle.

Da gab es die gewöhnlichen Frauen. Die in den Diskotheken. Die ihn anbaggerten. Sie standen nicht zur Debatte. Sie fragten viel, erwarteten noch mehr und verdienten nichts. Subalterne Wesen. Dann gab es die Nutten. Sie fragten nichts. Erwarteten nichts. Und bekamen, was sie verdienten. Und dann gab es die wenigen anderen. Die auf seiner Liste. Erwarteten schlimmstenfalls zu wenig. Verdienten bestenfalls alles. Aber fragten falsch.

Everything has it’s price

Everything has it’s place

What’s more romantic

Than dying in the moonlight?

Niklas lag auf seinem Sofa und hörte Tom Waits. Mehr gab es nicht zu tun für ihn in dieser Nacht. Doch bald. Bald würde er es wieder versuchen. Aber jetzt wollte er entspannen. Seiner Enttäuschung nachschmecken. Und der Strafe, die er für seine Enttäuschung verhängt hatte. Er fragte sich gewissenhaft, ob die Strafe ihn mehr zufriedenstellte als die Erfüllung seines Wunsches es hätte tun können.

Er musste aufpassen. Sich selbst immer und immer wieder überprüfen. Er durfte seine Ziele nicht aus den Augen verlieren. Auch wenn ihm das zwischenzeitliche Scheitern noch so großes Vergnügen bereitete.

17. August 2009:
Düsseldorf.

Clarissa Wedekind durchquerte energischen Schrittes das Vorzimmer und betrat ihr Büro. Sie legte ihre Unterlagenmappe aus Krokodilleder auf den Tisch, ging zum Fenster und sah lächelnd hinaus. Es war ein sonniger Vormittag, nicht mal zwölf Uhr, doch für sie hatte der Tag seinen Höhepunkt schon erreicht. Sie war bei Rüdiger Roth, dem derzeitigen Vorstandsvorsitzenden des Konzerns, zu Hause zum Arbeitsfrühstück eingeladen gewesen. Es war bestens gelaufen. Der alte Roth hatte ihr volle Unterstützung zugesagt und würde all seine Kontakte nutzen, um Clarissa den Weg zu seiner Nachfolge zu ebnen. Jetzt konnte kaum noch etwas schiefgehen. Ihr einzig ernst zu nehmender Konkurrent um die absolute Führungsposition war Uwe Dietrich, ein hervorragender Volkswirtschaftler, der sich zäh nach oben gebissen hatte und ebenso wie sie mit harten Bandagen kämpfte. Sie gingen kollegial, fast freundschaftlich miteinander um. Doch eins war ihnen beiden bewusst: Hinter der entspannten Fassade wurde aufgerüstet. Clarissa hatte auf der Suche nach Angriffspunkten ein Dossier über Dietrich angelegt, das jedem Datenschutzgesetz spottete. Sicher tat er das Gleiche mit ihr. Wer von ihnen beiden auch nur einen Fehler machte, war aus dem Rennen. Natürlich würden sich weder Clarissa noch Dietrich die Blöße geben, den Gegner persönlich ans Messer zu liefern. Dafür gab es Handlanger. Aber dass keiner von ihnen auch nur eine Sekunde zögern würde, die Schmutzwäsche des anderen an die Öffentlichkeit zu zerren, war ebenso klar.

Clarissa wandte sich vom Fenster ab und setzte sich zufrieden an ihren Schreibtisch aus schwarzer Walnuss. Wenn Roth sie unterstützte, konnte sie sich getrost zurücklehnen. Der alte Mann hatte im Konzern und bei den Aktionären immer noch große Macht. Clarissa rief mit einem Knopfdruck ihre persönliche Assistentin herein. Tanja kam wie gewohnt innerhalb von Sekunden, die geöffnete und vorsortierte Post des Morgens unter dem Arm.

»Tanja, würden Sie bitte einen Blumenstrauß an Rüdiger Roths Frau schicken, mit Dank und Blabla für den schönen Brunch. Dezent, aber edel – wie immer.«

»Wird erledigt, Frau Wedekind. Die heutigen Termine sind auf Ihrem Computer. Und hier ist die Post. Das Päckchen wurde eben von einem Kurier gebracht mit dem Vermerk ›privat‹. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun? Kaffee, frisch gepresster Mangosaft?«

Clarissa blätterte durch die Briefumschläge. »Beides. Ist die Sitzung mit den Abteilungsleitern vorbereitet?«

»Selbstverständlich. Herr Hansen aus der Forschung wird einen PowerPoint-Vortrag halten.«

»Will sich die Wurst wieder wichtigmachen?«

Tanja war schmunzelnd auf dem Weg nach draußen zu Kaffee und Mangosaft, als Clarissa das Päckchen öffnete. Doch Clarissas Schrei und ein lautes Poltern stoppten sie abrupt. Tanja drehte sich erschrocken um. Clarissa war aufgesprungen und hatte dabei ihren Schreibtischstuhl umgeworfen. Sie starrte entsetzt auf den Inhalt des Päckchens, den Tanja von ihrer Position aus nicht sehen konnte.

»Wer hat das gebracht?« Clarissas Stimme schien plötzlich heiser und brüchig.

»Ein Kurier. Absender steht nicht drauf. Wegen des Vermerks ›privat‹, habe ich es nicht geöffnet. Stimmt was nicht?«

Clarissa löste ihren Blick von dem Päckchen und starrte Tanja an, als würde sie sie zum ersten Mal in ihrem Leben sehen. Dann fasste sie sich wieder, hob den Stuhl auf und setzte sich hin. Mit beherrschter Stimme sagte sie: »Vergessens Sie’s. Nur ein geschmackloser Scherz.«

»Soll ich es entsorgen?« Tanja war verunsichert. Noch nie hatte sie gesehen, dass ihre Chefin die Beherrschung verlor, nicht mal für den Bruchteil einer Sekunde.

Mit einer wedelnden Handbewegung lehnte Clarissa ab. »Darum kümmere ich mich.«

»Wie Sie wünschen.« Tanja ging hinaus und schloss die Tür leise hinter sich.

Clarissa zog vorsichtig das Päckchen zu sich heran. Mit spitzen Fingern entnahm sie den Zettel, der beigepackt war und entfaltete ihn. Es standen nur zwei Worte darauf: Innere Werte.

Dann blickte Clarissa wieder auf das zweifelhafte Geschenk, das man ihr zugedacht hatte. Perfekt vakuumiert in einer dicken, durchsichtigen Plastikfolie. Sie hatte keine Ahnung, was es bedeuten sollte. Eine Drohung? Eine perverse Liebeserklärung? Clarissa war Biochemikerin. Deswegen wusste sie genau, was da vor ihr lag. Es war ein menschliches Herz.

20. August 2009:
Berlin.

Catrin Rahnbergs Beerdigung fand an einem schwülen Spätnachmittag auf dem Friedhof Grunewald-Forst statt. Kein noch so schwaches Lüftchen regte sich. Den Vögeln war es zu heiß zum Singen auf diesem idyllischsten der Friedhöfe Berlins, der in den kommenden fünfzig Jahren an die Natur zurückgegeben werden soll. Diese Vorstellung hatte Petra Rahnberg gut gefallen, und so inszenierte sie Catrins Beerdigung als eine Hommage an das Leben in seinem ständigen Wechsel von Werden und Vergehen. In der einigermaßen kühlen Kapelle wurde »Gracias a la vida« von Joan Baez gespielt. Die Trauerrede hielt Petra Rahnberg. Sie erinnerte an Catrins mutigen und spontanen Charakter, ihren Charme und ihre Klugheit, an all ihre liebenswerten Eigenschaften. Sie erzählte Anekdoten aus Catrins Kindheit und beschwor die schönsten und innigsten Momente herauf, die sie mit ihr verbunden hatten und immer verbinden würden. Als Petra Rahnberg bemerkte, dass unter den Trauergästen die Tränen flossen, lächelte sie wehmütig: »Ihr alle habt Catrin gemocht oder gar geliebt. Deswegen wisst ihr so gut wie ich, Catrin hätte gewollt, dass wir fröhlich nach vorne blicken, auch wenn wir sie noch so schmerzlich vermissen. Lasst uns diesen schweren Tag in ihrem Sinne begehen.« Die Tränen, vor allem unter Catrins Freundinnen, flossen nach diesen Worten umso heftiger.

Der Trauermarsch setzte sich Richtung Grabstätte in Bewegung, Christian und Volker schlossen sich diskret an. Herd war schon nach Hamburg zurückgefahren und fräste sich dort mit Daniel zum x-ten Mal durch den Berg der Münchner Akten. Striebecks junger Kollege Ali hielt sich irgendwo auf dem Friedhofsgelände auf und machte aus pietätvoller Entfernung Fotos von der anwesenden Trauergemeinde und eventuellen fremden Zaungästen. Es kam gelegentlich vor, dass Mörder die Beisetzung ihrer Opfer beobachteten, um die Empfindungen, die sie bei deren gewaltsamem Ableben gefühlt hatten, noch einmal zu intensivieren. Christian wollte nicht die geringste Chance verstreichen lassen, zumal sie mit den Ermittlungen in den letzten Tagen kaum vorwärtsgekommen waren. Die Herkunft der Holzkisten hatte über keinen der üblichen Lieferanten geklärt werden können. Vielleicht waren sie vom Täter persönlich gezimmert worden. Es gab keine Fingerabdrücke noch sonstige Spuren wie Haare, Hautpartikel oder etwas anderes Verwertbares. Die Befragungen im Freundeskreis von Catrin hatten keinerlei Hinweise ergeben. Dieser Thorsten war in ihrem Leben aufgetaucht wie ein Phantom und genauso wieder abgetaucht. Keiner außer Catrin hatte ihn gesehen, noch gab es eine Beschreibung, die Petra Rahnbergs Angaben ergänzte. Wie die Mutter schon vermutet hatte, war Catrin bei ihren Freundinnen wenig mitteilsam über ihre neue Bekanntschaft gewesen. Auch über die Bedeutung der den Leichen beigelegten Nachrichten rätselten sie weiterhin.

Christian war frustriert. Er wusste, wie entscheidend die Erkenntnisse der ersten achtundvierzig Stunden für einen Erfolg waren. Nun fürchtete er, auf Dauer mit leeren Händen dazustehen, ebenso wie die Münchner, die schon seit April am Fall Mira Weiniger verzweifelten. Leider hatten auch Rahnbergs Informationen die Münchner keinen Schritt weitergebracht. Weder Sybille noch Martha Weininger wussten etwas über die männlichen Bekanntschaften Miras. Und auch in Miras Freundeskreis gab es auf die Fragen nach einem Thorsten nur ratloses Kopfschütteln als Antwort.

In den letzten Tagen hatte Christian mehrfach mit Anna telefoniert und sie zu ihrer Interpretation der geheimnisvollen Nachrichten befragt. Aber auch sie hatte mit dem ›dritten Geschlecht‹ nicht mehr anzufangen gewusst als Daniel. Außerdem schien die Botschaft, die in München beigepackt worden war, in eine ganz andere Richtung zu zielen als die Botschaft in Berlin. Nur in welche, wusste keiner. Anna hatte spekuliert, dass der Täter vielleicht projizierte, also Sachverhalte über sich selbst auf seine Opfer übertrug. Schließlich gab es im Leben der beiden getöteten jungen Frauen keinerlei Zusammenhang zu einem ›dritten Geschlecht‹. Die Projektionsthese hielt Christian allerdings für einen Irrweg. Dieser Thorsten war von Catrin als gut aussehend, sehr männlich und eindeutig heterosexuell beschrieben worden. Das klang herzlich wenig nach einer Verwirrung der eigenen Geschlechtszugehörigkeit.

Als der Sarg von Catrin Rahnberg in die Graböffnung hinabgelassen worden war, warfen ihre Freunde und Freundinnen statt Erde oder Blumen persönliche Gegenstände in die Grube: Schokolade, Stofftiere, eine CD, ein Armreif, ein Gedichtband, sogar ein Cheeseburger war dabei. Unterdessen sang eine junge Frau mit Akkordeonbegleitung voller Inbrunst Edith Piafs »Je ne regrette rien«.

Christian beobachtete häufig die Beerdigungen von Opfern und blieb dabei ungerührt und professionell. Die Stimmung bei dieser Beisetzung jedoch bewegte ihn. Er hatte das Gefühl, er hätte Catrin gemocht, wenn er sie gekannt hätte. Irgendwie mochte er sogar die arrogante Professorin, wenn er sie jetzt so ansah in ihrer bemüht aufrechten Haltung. Petra Rahnberg besaß trotz allem noch die Kraft, Catrins weinenden Freundinnen mit kleinen Gesten Trost zu spenden. Christian empfand Respekt vor ihr.

Nach der Beisetzung und einigen Minuten stummen Gedenkens bestiegen die Gäste ihre Autos, um zum nahe gelegenen Haus von Frau Rahnberg zu fahren, wo eine Gartenparty stattfinden sollte. Petra Rahnberg stand noch etwas länger am Grab und ließ sich von Kollegen und entfernten Bekannten kondolieren. Als auch sie sich auf den Weg zu ihrem Auto machte, trat ihr ein fetter, stark schwitzender Mann in den Weg, der sich bislang ebenso wie Christian und Volker dezent im Hintergrund gehalten hatte.

»Frau Professor Rahnberg, verzeihen Sie mir bitte, dass ich Sie zu einem so unpassenden Zeitpunkt anspreche. Ich bin Jochen Kratz vom Berliner Morgenecho. Ich habe Ihnen schon mehrfach aufs Band gesprochen …« Er streckte ihr seine feuchte Hand hin.

Petra Rahnberg übersah sie. »… und ich habe nicht zurückgerufen. Was schließen Sie daraus?«, unterbrach sie ihn mit dem ihr eigentümlichen Hochmut.

»Hören Sie mich bitte nur ganz kurz an. Ich habe Informationen über den Tod Ihrer Tochter, die man Ihnen bislang vorenthalten hat.«

Petra Rahnberg hatte dem Journalisten schon den Rücken zugewandt, um zu gehen, doch nun drehte sie sich wieder nach ihm um: »Welche?«

»Sie werden verstehen, dass ich Informationen gerne tauschen möchte.«

»Sagen Sie mir, was Sie wissen!«

»Und wer garantiert mir, dass Sie mir auch behilflich sein werden?«

»Niemand.«

Christian und Volker standen bei Striebeck neben dessen Dienstwagen und beobachteten aus der Ferne das Gespräch zwischen Petra Rahnberg und dem Mann.

»Weißt du, wer das ist?«, fragte Christian.

»Jochen Kratz vom Morgenecho.«

»Das ist die Zeitung, die direkt nach dem Mord ein Foto von der leeren Holzkiste mit dem Stuhl drin veröffentlicht hat, oder?«

Striebeck nickte: »Das Foto hatte er garantiert von einem Angestellten bei Madame Tussauds. Sah aus wie mit einem Handy geschossen.«

»Über die mangelhafte Abriegelung des Fundortes haben wir schon gesprochen. Wieso redet unsere Professorin auf der Beerdigung ihrer Tochter mit einem Schmierfinken von der Presse?«

»Jochen Kratz ist keiner von der ganz schlimmen Sorte. Er hält sich immer an die Fakten und manipuliert seine Leser nicht«, warf Striebeck ein. »Dass Frau Rahnberg mit ihm redet, ist allerdings kein gutes Zeichen. Kratz hat hervorragende Kontakte, vermutlich auch in Polizeikreisen.«

»Du meinst Informanten, die durch Weitergabe von zurückgehaltenen Fakten ihr Gehalt aufbessern und unsere Ermittlungen torpedieren?« Christians Laune verschlechterte sich zusehends.

Striebeck konnte keine Antwort geben, denn Petra Rahnberg näherte sich eilig, hielt vor Volker an und versetzte ihm mit beiden Händen einen Stoß, der für ihn so unerwartet kam, dass er nach hinten taumelte und sein kahl rasierter Schädel gegen den Stamm einer Buche schlug.

»Wir müssen uns gegenseitig vertrauen? Dann definieren Sie mir Ihr Verständnis von ›gegenseitig‹!«

Sie wandte sich an Christian: »Und wie kommen Sie dazu, mir zu verschweigen, dass meiner Tochter das Herz entfernt wurde? Genau wie bei dem Opfer in München?«

Christian wollte Volker ein Zeichen geben, den Journalisten für ein kleines, formloses Gespräch einzukassieren. Es war nicht nötig. Striebeck war schon auf dem Weg zu Kratz.

»Frau Rahnberg, was genau hat Ihnen der Journalist gesagt?«

»Es gibt also noch etwas, das Sie mir bislang verschwiegen haben?«

Christian war beruhigt. Anscheinend war noch nichts von den merkwürdigen Botschaften durchgesickert. Das mit dem Herzen hätte er Petra Rahnberg sowieso gesagt. Zumal es in München im April auch in den Zeitungen gestanden hatte.

»Wir wollten Sie schonen. Und ich denke, gerade jetzt und hier ist nicht der richtige Zeitpunkt …«

»Wenn Sie das bitte mir überlassen würden! Was gibt es sonst noch, was mir vorenthalten wurde?«

»Man hat Ihnen als Todesursache Ersticken genannt. Catrin ist allerdings nicht mit einem Kissen oder Ähnlichem erstickt worden. Der Mörder hat ihr eine Überdosis Narkotika verabreicht, was in letzter Konsequenz zum Atemstillstand führte.«

Nun schwankte Petra Rahnberg doch leicht. Sie stützte sich an der Buche ab, gegen die sie Volker geschubst hatte. Ihre Stimme zitterte ein wenig: »Der Journalist hat gesagt, das Herz wäre erst nach Catrins Tod entfernt worden. Stimmt das?«

»Sie hat nicht gelitten.«

Frau Rahnberg atmete tief durch und straffte sich wieder: »Ich werde mich etwa zwei, drei Stunden um meine Trauergäste kümmern. Danach komme ich ins Polizeipräsidium. Ich erwarte, dass Sie anwesend sind und mir alle Unterlagen über den Tod meiner Tochter zeigen. Ich will die Fotos sehen und den Autopsiebericht lesen.«

Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging zu ihrem Auto. Christian und Volker sahen ihr hinterher. Volker rieb sich den verbeulten Hinterkopf: »Starke Frau.« Christian nickte. Er begann Petra Rahnberg zu mögen.

Düsseldorf.

Clarissa Wedekind saß auf der Dachterrasse ihres Düsseldorfer Penthouses am Hofgarten mit Blick auf den Fluss und die Kö. Die Sonne ging blutrot unter, der Rhein schien in Flammen. Doch wie so oft fand Clarissa keinen Gefallen an der prachtvollen Aussicht, sie konnte nicht begreifen, was gerade mit ihrem Leben geschah. Punktgenau, kurz bevor sie den letzten Klimmzug zur höchsten Machtposition ausführen konnte, schien ihr alles aus den Händen zu gleiten, die Anstrengungen der letzten Jahre zu vernichten. Clarissa wusste, dass sie sich unterwegs jede Menge Feinde geschaffen hatte. Sie war mit Gegnern nie zimperlich umgegangen. Aber das hier war etwas anderes. Es war etwas Persönliches. Clarissa ahnte, worum es ging. Doch sie wollte es nicht wahrhaben. Alles, nur das nicht. Was wollte er von ihr? Sie hatte ihm das Geld gegeben. Wollte er mehr? Wollte er sie zerstören? Und wo hatte er das Herz her, das in diesem Päckchen war? Clarissa verbot sich jede Spekulation über die letzte, quälende Frage. Bei manchen Fragen kannte man die Antworten besser nicht. Vielleicht irrte sie sich. In allem. Und nicht er hatte ihr das Herz geschickt, sondern irgendein anderer Idiot. Vielleicht wurde sie langsam verrückt.

Während Clarissa über ihre Ungewissheit langsam in Wut geriet, verschwand das glühende Abendrot und wich einer dunklen Wolkenwand, die sich über Düsseldorf breitete wie eine zu schwere Daunendecke. Wind kam auf. Clarissa bemerkte es erst, als die leere Gießkanne mit lautem Scheppern umfiel und sie aus ihren düsteren Vorahnungen riss. Erste, dicke Regentropfen fielen. Sie lehnte den Kopf nach hinten und ließ ihr Gesicht von den Tropfen kühlen. Doch auch davon wurde ihr nicht wohler.

Sie ging hinein und zog die Terrassentür hinter sich zu. Der Wind wurde stärker und peitschte die Regentropfen gegen die Glasscheiben. Clarissa goss sich zwei Fingerbreit Cognac ein und sah sich um: Penthouse mit Concierge-Service rund um die Uhr. Alles vom Feinsten. Ihre Einrichtung war edel, stilsicher und repräsentativ. Vor drei Jahren war sogar eine Redakteurin von einer Architekturzeitschrift hier gewesen und hatte eine Homestory über die erfolgreiche Wissenschaftlerin und Managerin gemacht. Spätestens da hatte Clarissa gewusst, dass es für sie kein Halten mehr geben würde auf dem Weg nach oben. Und sie würde sich auch jetzt definitiv keine Knüppel zwischen die Beine werfen lassen, von nichts und niemandem!

Clarissa atmete tief durch, stellte entschieden das Glas ab und griff zum Telefon.

»Hallo, Herbert, ich bin’s. Clarissa.«

»Clarissa, wie schön! Ist lange her.«

»Ich brauche deine Hilfe.«

»Offiziell oder inoffiziell?«

»Die Angelegenheit ist heikel. Sehr heikel.«

»Verstehe. Dringend?«

»Sehr dringend.«

»Dann komm morgen Abend zu mir. Gegen acht.«

»Danke. Bis dann.«

Clarissa legte auf und griff nach ihrem Cognac. Angespannt wollte sie einen Schluck nehmen, sah dann aber angewidert auf den Alkohol und stellte das Glas beiseite. Sie brauchte keinen Nerventrost, sondern einen klaren Kopf. Sie musste nachdenken. Was genau sie Herbert sagen würde. Und was genau sie von ihm wollte.

Berlin.

Jochen Kratz saß im Großraumbüro seiner Zeitung und konzentrierte sich auf die Arbeit. Seinen Artikel hatte er schon in Druck gegeben. Aber er war nicht zufrieden. Also ging er auch nicht nach Hause. Das Gerede der anwesenden Kollegen der Nachtschicht, ihr Gehacke auf den Tastaturen, das ständige Telefonklingeln, die Gerüche aus Kaffee, Pommes und Currywurst, die sich in dem überhitzten Raum vermengten – all das nahm Jochen Kratz nicht wahr. Er ging alle Informationen durch, die er über den April-Mord in München hatte sammeln können, und versuchte, sie in einen sinnvollen Zusammenhang zu den Geschehnissen in Berlin zu setzen.

Jochen nahm seine Arbeit als Kriminalreporter ernst. Er liebte sie. Schon als Kind hatte er unbedingt Detektiv oder Kommissar werden wollen. Doch sein ausgeprägter Hang zur Fettleibigkeit hatte der Sportprüfung bei der Polizei diametral entgegengestanden. Also hatte Jochen ein paar Semester Jura studiert und sich dabei zu Tode gelangweilt. Schließlich volontierte er beim Morgenecho. Mit dem einen Ziel: der beste Kriminalreporter Deutschlands zu werden. Jochen verachtete die meisten seiner Kollegen, die sich regelmäßig an den Tatorten versammelten. Die einen interessierten sich weder für die Tat noch für die Hintergründe oder die Opfer. Sie interessierten sich nur für die Auflage ihrer Zeitung und dass sie möglichst schnell wieder ins Bett kamen, nachdem sie ein paar müde Zeilen geschunden hatten. Die anderen waren sensationslüsterne Arschlöcher, ebenfalls nur interessiert an der Auflage und daran, ihren Namen möglichst groß auf der Titelseite zu sehen. Dafür verdrehten sie auch gerne mal Tatsachen, nahmen Vorverurteilungen bei Verdächtigen vor und hetzten die Öffentlichkeit gegen wen oder was auch immer. Es gab nur einen Kollegen, den Jochen schätzte, das war Nico vom Radio. Nico war ein hochsensibler freier Journalist, der unbedingt Kulturredakteur werden wollte. Da es in der Kultur aber keine freien Stellen gab, hielt er sich als Kriminalreporter über Wasser und versuchte, sich beim Sender seine Sporen zu verdienen, auf dass man ihn irgendwann einmal gnädig in die Kultur holen würde, wo er dann endlich Theater, Ballett und Ausstellungen besprechen konnte. Nico wurde jedes Mal übel, wenn er eine Leiche sah. Jochen machte das nichts aus. Wenn er an einem Fundort war, sah er das Gesamtbild. Die Leiche verschwand im Dekor.

Jochen betrachtete eingehend das ausgedruckte Handy-Foto von der Holzkiste mit dem leeren Stuhl darin, das er Chico von Madame Tussauds abgekauft hatte. Die Plastikfolie lag noch auf dem Boden der Kiste. Leider hatte Chico kein Foto von der Leiche machen können. Zuerst hatte sein Kollege neben ihm gestanden, dann war der Verwaltungsdirektor dabei, und schließlich hatte die Polizei den Ort abgeriegelt. Die Reporter waren auf besonderen Befehl eines Hamburger Sonderermittlers nicht vorgelassen worden. Jochen wusste inzwischen, wer der Hamburger war. Und er wusste auch, wenn Christian Beyer und sein Team angefordert wurden, dann fürchtete die Polizei, es mit einem Serientäter zu tun zu haben. Normalerweise sprach man erst ab der dritten Leiche von einer Reihe. Deswegen fragte sich Jochen, ob er irgendetwas verpasst hatte. Er vermutete jedoch eher, dass schon die zweite Leiche hier in Berlin genügt hatte, um Beyer auf den Plan zu rufen. Die Fälle standen so deutlich in Verbindung, dass es sich um ein und denselben Täter handeln musste. Zudem waren die Umstände der Taten derart bizarr, dass der Wiederholungszwang eines krankhaften Hirns zu befürchten stand. Chico hatte Jochen von dem weißen Puder auf der Leiche und der Komplettrasur erzählt. Jochen hätte es zu gerne gesehen. Außerdem war er brennend daran interessiert zu erfahren, was in dem beigelegten Brief gestanden hatte. Chico wusste es nicht. Und Jochen hatte keine Ahnung, wie er da rankommen sollte.

Er grinste. Hauptkommissar Striebeck hatte ihn heute auf dem Friedhof heftig ins Gebet genommen und versucht, den Namen seines Informanten aus ihm herauszupressen. Vergeblich. Aber es war klar gewesen, dass Striebeck eine undichte Stelle bei der Polizei vermutete. Davon träumte Jochen bislang nur. Ihm war leider kein extra Bestechungs-Budget bewilligt worden. Jochen besah wieder das Foto. Im Geiste setzte er die weiß gepuderte Leiche einer jungen Frau in die Kiste. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass das Ganze einer Theaterinszenierung gleichkam. Er griff zum Telefon: »Hey, Nico vom Radio, Lust auf ein spätes Bier?«

Ein paar Kilometer weiter im Polizeipräsidium weinte Petra Rahnberg über den Fotos ihrer toten Tochter. Christian war aus Prinzip gegen dieses absolut unübliche Zugeständnis gewesen. Doch Frau Rahnberg hatte einen dermaßen selbstbewussten Auftritt hingelegt, dass er sich schließlich zum Nachgeben genötigt sah. Sie weinte still, die Tränen flossen ihr die Wangen herunter. Kein Schluchzen kam ihr über die Lippen. Christian, Volker und Striebeck saßen stumm daneben und warteten. Als sie die Fotos zurückgegeben hatte, schloss Christian die Akten sorgsam. Frau Rahnberg nahm einen Schluck aus dem Wasserglas, das Striebeck vor sie hingestellt hatte. »Was haben Sie noch?«, fragte sie.

»Frau Professor Rahnberg …«, begann Christian gewichtig.

»Nennen Sie mich Petra.«

»Gerne. Petra, es wird Ihnen sicher einleuchten, dass die Polizei bei schwierigen Mordfällen gern das ein oder andere Detail nicht an die Öffentlichkeit dringen lässt. Das hat ermittlungsbedingte Gründe.«

»Ich will alles wissen. Alles.«

»Wie ist Ihr Kontakt zu diesem Journalisten?«

»Kratz? Ich habe ihn heute erst kennengelernt. Er wird von mir nichts erfahren, was die Ermittlungen auch nur im Geringsten behindern könnte.«

»Das Problem ist, dass ich gerne entscheiden würde, was behindern könnte und was nicht.«

»Verstehe. Ich werde mich daran halten.«

»Gut, ich verlasse mich auf Sie. Was ich Ihnen jetzt zeige, gehört zur obersten Geheimhaltungsstufe.« Christian reichte Petra eine Kopie des Briefes, der bei der Leiche gelegen hatte.

Petra las ihn und schüttelte irritiert den Kopf. »Was hat das zu bedeuten?«

»Wir haben gehofft, das könnten Sie uns sagen …«, warf Striebeck ein.

»Das dritte Geschlecht ist gemeinhin eine Bezeichnung für Transsexuelle und Kastraten. Ich sehe keinerlei Zusammenhang zu meiner Tochter.«

»So weit waren wir auch schon«, merkte Christian enttäuscht an.

»Gab es in München auch eine solche Nachricht?«

Christian reichte ihr eine Kopie aus den Akten.

»Auch damit kann ich nichts anfangen. Sie?«

Christian und Striebeck schüttelten den Kopf. Nur Volker rührte sich nicht.

»Was hat die Mutter des Opfers in München dazu gesagt?«

»Es ist ihr ein Rätsel. Ich konnte leider nicht mit ihr persönlich sprechen. Sie ist immer noch … sehr geschwächt.«

Petra Rahnberg schwieg eine Weile. Dann erhob sie sich müde, gab allen die Hand und verabschiedete sich. »Ich danke Ihnen, meine Herren, dass Sie so spät noch auf mich gewartet haben. Und für Ihre Offenheit. Bitte halten Sie es weiter so und informieren Sie mich, sobald es etwas Neues gibt. Sei es auch noch so unbedeutend.«

Jochen saß mit Nico vom Radio vor einem Bier in Berlin Mitte und zeigte ihm die Kopie des Holzkistenfotos. Nico warf nur einen kurzen Blick darauf. »Kenne ich. War in deiner Zeitung.«

»Jaja. Aber nun stell dir mal die nackte, völlig enthaarte, weiß gepuderte Leiche einer jungen Frau vor, der man das Herz herausgeschnitten hat. Die Narbe ist blutrot, die Augen sind geöffnet. Blau. Alles andere rein weiß, von Kopf bis Fuß. Wie sieht das für dich aus?«

»Widerlich. Angst einflößend. Krank.« Nico nahm sein Bier und trank es in einem Zug leer, als steckte die Vision, die Jochen gerade heraufbeschworen hatte, quer in seiner Kehle.

Doch Jochen ließ nicht locker. »Jetzt sieh mal kurz von deiner Panik vor Leichen ab. Betrachte nur das Bild, das ich dir beschrieben habe. Denk nicht an den Menschen, sieh dir das Bild an.«

Nico schloss die Augen. »Ich weiß, was du meinst. Ganz weiß, nur ein roter Farbfleck, der Aufmerksamkeit erzeugt und die blauen Augen. Die völlig glatte Struktur nackter Haut in einer grob gezimmerten Holzkiste. Die Befestigung mit Draht … Wenn ich das als Foto oder Installation sehen würde – ohne echten Körper selbstredend – würde es mich wohl faszinieren.«

»Und wie würdest du die Installation interpretieren, großer Kritiker?«

»Gibt es einen hilfreichen Titel für das Werk?«

Jochen zuckte bedauernd die Achseln. »Das vermute ich. Aber den kennen wir nicht. Nur zwei Adressaten: das Horrorkabinett von Madame Tussauds und die Freakshow vom Zirkus Krone. Wobei der Absender garantiert gewusst hat, dass beides nicht existiert.«

»Deswegen ist es eine Botschaft«, ergänzte Nico. Es erschreckte ihn gehörig, plötzlich mit den Augen eines Kulturliebhabers an einen Mord heranzugehen. Mord war schließlich das krasse Gegenteil – destruktiv in seinem ganzen Wesen, statt schöpferisch.

»Und was will die uns sagen?«, hakte Jochen ungeduldig nach. Nico war wirklich sehr langsam. Entschieden besser in der Oper aufgehoben als auf den Bühnen der wirklichen Welt.

Nico bestellte Bier nach. »Es gab mal einen Film … Uralt. Von Ted Browning. Der heißt ›Freaks‹ und spielt in einer entsprechenden Kuriositätenshow bei einer Art Zirkus. Diese Freakshows waren damals weitverbreitet.«

»Und worum geht’s da?«

»Ein Zwerg, heute würde man Kleinwüchsiger sagen, verliebt sich in eine normal große Trapezkünstlerin. Diese macht sich über ihn und seine Freak-Freunde lustig. Bis sie hört, dass der Zwerg reich ist. Da heiratet sie ihn und versucht ihn zu vergiften. Die Freaks aber bekommen das mit, retten ihren Kumpel und verstümmeln aus Rache die Trapezkünstlerin, die schließlich selbst Teil der Freakshow wird.«

»Willst du damit sagen, unser Mörder ist ein Zwerg? Oder eine ganze, gemeingefährliche Bande von Zwergen? Eine Art Mini-Mafia?« Jochen musste so lachen, dass sein Körperfett in Wellen um ihn herum wogte.

Nico war beleidigt: »Warum sagen bloß immer alle ›unser‹ Mörder? Das ist nicht meiner! Ich will mit dem Herrn nichts zu tun haben! Auch nicht, wenn er nur ein Meter zwanzig groß ist!«

Jochens Handy klingelte. Er musste hinausgehen, in der Bar hatte er kaum Empfang. Außerdem war es zu laut. Als er zurückkam, hatte Nico sein zweites Bier leer getrunken und schien nun etwas mittiger in sich selbst zu ruhen.

»Das war die Mutter des Berliner Opfers«, verkündete Jochen zufrieden.

»Was will die von dir?«

»Namen und Adresse der Mutter des Münchner Opfers. Wenn ich ihr das besorge, bekomme ich alle Infos von ihr exklusiv. Zu einem von ihr gewählten Zeitpunkt, aber immerhin.«

»Warum fragt sie nicht die Bullen nach der Münchnerin?«

»Sie hat ihre Gründe, sagt sie.«

»Mein Cousin ist beim Münchner Abendblatt.«

Jochen hielt ihm sein Handy hin. »Ruf ihn an und frag ihn!«

»Der ist Kulturredakteur. Kultur, verstehste?! Obwohl der Idiot Madonna nicht von der Mona Lisa unterscheiden kann.«

»Dann soll er seine Kollegen fragen! Los, ruf an!«

Nico sah vorwurfsvoll auf die Uhr, nahm aber das Handy. Das Telefonat währte nur kurz, denn sogar sein dämlicher Cousin hatte den Namen sofort parat. Ganz München wusste, wer die im April ermordete Mira W. gewesen war. Nämlich die Tochter von Sybille Weininger, einer künstlerisch gescheiterten Malerin, und nicht zuletzt die Enkelin der Großindustriellen Martha Weininger, die mit eisenharter und äußerst erfolgreicher Hand das Stahlbau-Familienunternehmen nach dem frühen Selbstmord ihres Mannes zu ihrem ganz privaten Wirtschaftswunder gelenkt hatte. Kurz darauf waren Namen und Adresse bei Petra Rahnberg.

Christian fand keine Nachtruhe. Er lag in seinem Hotelzimmer zwischen verstreuten Dokumenten auf dem Bett, stand auf, ging hin und her, sah aus dem Fenster in den von Wolken verhangenen Himmel, rauchte eine Zigarette, legte sich wieder hin. Wieder und wieder ging er die bisherigen Einzelheiten des Falls durch, wieder und wieder rief er Anna an. Ihr Handy war ausgeschaltet. Vermutlich saß sie in irgendeinem FBI-Seminar und ließ sich von Pete und anderen jungen »special agents« ausbilden. Christian versuchte, nicht daran zu denken. Er hasste jedes Aufkeimen von Eifersucht, fühlte sich dabei albern und dumm wie damals als pubertierender Schüler mit Pickelfresse.

Zum x-ten Mal nahm er sich die Zeugenaussagen vor und bedauerte das völlige Fehlen irgendeiner Auffälligkeit, von heißer Spur ganz zu schweigen. Zum x-ten Mal besah er sich die Opferprofile: Beide Frauen waren jung, hübsch, klug, Einzelkinder von alleinerziehenden Müttern aus besseren Kreisen. Doch darüber hinaus gab es keinerlei sichtbare Verbindung zwischen ihnen. Mira und Catrin hatten sich nicht gekannt, nicht einmal flüchtig, ebenso wenig ihre Familien. Dass das Motiv des Mörders in den Biografien oder sozialen Beziehungen der Opfer begründet liegen könnte, schloss Christian erst einmal aus. Es musste, wie so oft, im Mörder selbst liegen. Was hatte es mit den Spiegeln auf sich? Wollte er den jungen Frauen Arroganz vorwerfen oder Eitelkeit? War er in sie verliebt gewesen? Hatten sie ihm »sein Herz gestohlen«, und er nahm nun das ihre als Rache?

Christian griff zum Telefon. Einmal mehr hätte er gerne Annas Sicht der Dinge gehört. Aber ihr Handy war immer noch abgeschaltet. Genervt packte Christian die Akten zusammen, zog sich nackt aus und legte sich schlafen. Es dauerte keine Minute, bis er zu schnarchen begann.

Kaum hatte er eine Viertelstunde geschlafen, rief Anna zurück. Christian war so froh, ihre warme Stimme zu hören, dass er seinen Fall vollkommen vergaß. Anna plauderte angeregt, erzählte von den Seminaren, von einer texanischen Agentin, mit der sie das karge Zimmer teilte und die ein fanatischer Waffennarr war, von der Body Farm, einem Gelände, auf dem das FBI unter realen Bedingungen wissenschaftliche Studien zu dem Verwesungsprozess von Leichen unternahm und und und. Christian hörte einfach nur zu und lächelte. Doch kaum kam Anna zum Ende und befragte Christian ein wenig außer Atem nach seinem Befinden und den Ermittlungen, da rief im Hintergrund jemand auf Englisch nach ihr. Hastig entschuldigte sie sich und vertröstete Christian auf das nächste Telefonat. Sie hatte gerade noch Zeit, ihm ein sanftes »Ich liebe dich« ins Ohr zu hauchen, dann war sie weg. Christian sank in sein Kissen zurück und dachte an Annas Duft, die Wärme ihrer Haut, ihre Lachfalten um die Augen und die Art, wie sie die Arme um ihn schlang, wenn sie morgens wach wurde und ihn an sich zog. Friedlich schlief er wieder ein.

21. August 2009:
Bonn.

Clarissa Wedekind fuhr gegen sieben Uhr abends mit ihrem BMW Z8 die Auffahrt vor Herbert Ackermanns Villa hinauf. Sie hatte Herbert seit mindestens fünf Jahren nicht gesehen. Dennoch war er der einzige Mann, von dem sie in dieser kniffligen Situation Hilfe erhoffte. Ackermann war etwas über siebzig, aber immer noch hellwach, von großer Entschiedenheit und hohem Durchsetzungsvermögen. Außerdem pflegte er beste Kontakte. Auch solche, mit denen man keinen Staat machen konnte. Früher hatte Ackermann wortwörtlich »Staat gemacht«: Er war in den Achtzigern Leiter des BND gewesen, bis ihn gewisse politische Strömungen und einige kleine bis mittelgroße Ungereimtheiten in seiner Amtsführung aus dem Posten spülten. Voller Zorn und Enttäuschung hatte er sich damals von seinen politischen Überzeugungen losgesagt und der freien Wirtschaft zugewandt, wo Überzeugungen eher hinderlich waren. Seitdem schützte er nicht mehr den Staat und seine Bürger vor inneren und äußeren Feinden, sondern nur noch den Bürger, und zwar den zahlungskräftigen. Ackermann hatte einen privaten Sicherheits-Service aufgebaut, der nun schon seit Jahrzehnten von hochkarätigen Politikern, Stars und Wirtschaftsmagnaten auf verschiedenste Weise genutzt wurde. Vor wenigen Jahren hatte er die Firma an seinen Sohn weitergereicht und sich in den Ruhestand zurückgezogen.

Er begrüßte Clarissa galant mit einem Handkuss und führte sie in die Bibliothek. Clarissa legte ab und setzte sich in einen der schweren Klubsessel. Der Raum roch nach Leder, alten Büchern und vanilligem Pfeifentabak.

»Immer noch eine Vorliebe für 18-jährigen Single Malt?«, fragte Herbert, wartete die Antwort nicht ab und schenkte zwei Fingerbreit in zwei bereitstehende schwere Kristallgläser. Er setzte sich Clarissa gegenüber, sie lächelten sich stumm an, prosteten sich zu und tranken.

»Lange her«, sagte Herbert nach dem ersten Schluck.

Clarissa wusste nicht genau, ob er ihre letzte Begegnung bei einem offiziellen Treffen der früheren Bonner Hautevolée meinte, die bei dem Umzug nach Berlin vergessen worden war. Oder ihre heftige Affäre, die noch weitaus länger zurücklag. Sie wollte es aber auch nicht wissen. Ihr stand der Sinn nicht nach Nostalgie.

»Was kann ich für dich tun, meine Liebe? Ich nehme nicht an, dass du hier bist, um mit mir zu schlafen.«

Clarissa überging die Anspielung: »Ich werde erpresst.«

»Aha«, sagte Herbert, nahm einen Schluck von seinem Whisky und forderte Clarissa mit einer Handbewegung auf, weiterzureden.

»Er hat mich im Februar in Hamburg in einem Hotel abgepasst und abkassiert.«

»Persönlich?«

Clarissa nickte.

»Das ist ungewöhnlich. Womit erpresst er dich?«

»Wie wohl bei den meisten Erpressungsopfern mit etwas, über das ich nicht reden möchte.«

»Es gibt also einiges über dich, was ich nicht weiß. Spannend! Wie viel hast du gezahlt? Nur, damit ich die Größenordnung deines Geheimnisses einschätzen kann.«

»Eine Million.«

Herbert pfiff leise durch die Zähne. »Dann steht dir das Wasser wohl bis zum Hals, meine Liebe.«

Clarissa blieb kühl: »Ich werde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit demnächst zur Vorstandsvorsitzenden des Konzerns gewählt. Da kommt jede noch so kleine Irritation ungelegen.«

»Was weißt du über ihn?«

»So gut wie nichts. Wie er aussieht. Und dass er den falschen Namen Stephan Wöhler plus eine erfundene Biografie als Atomphysiker angegeben hat.«

»Der hat sich ja richtig Mühe mit dir gegeben. Scheint etwas Persönliches zu sein.«

»Das sind Erpressungen doch immer, oder?« Clarissa gingen Herberts scheinbar harmlose Bemerkungen auf die Nerven. Aber wenn er ihr helfen sollte, musste sie ihm Rede und Antwort stehen. Bis zu einer gewissen Grenze.

»Eben nicht, meine Liebe. Die typische Erpressung ist von rein finanziellen Motiven bestimmt. Dabei bleibt der Erpresser normalerweise hübsch im Hintergrund und plaudert mit seinem Opfer nicht über phantasievolle berufliche Werdegänge. Der Kerl war sich wohl sicher, dass du nicht zur Polizei gehen würdest.«

»Vermutlich weiß er Bescheid über meine Ambitionen, was den Vorstandsvorsitz betrifft. Das ging durch die Fachpresse. Er kann sich also denken, dass ich keinerlei Risiken eingehen werde, was meinen Ruf in der Öffentlichkeit betrifft.«

Herbert betrachtete Clarissa nachdenklich. Es war klar, dass sie um den wunden Punkt herumredete.

»Warum kommst du erst jetzt zu mir? Statt gleich im Februar? Hat er sich wieder gemeldet und will mehr Geld?«

Clarissa hielt seinem forschenden Blick stand. »Ich habe eine Art Drohung per Post erhalten und bin mir ziemlich sicher, dass sie von ihm ist. Von Geld war nicht die Rede. Noch nicht.«

»Sag ich doch: etwas Persönliches. Aber wenn du nicht reden willst … Würdest du mir diesen Drohbrief zeigen?«

»Habe ich entsorgt.«

»Das war unklug.«

Clarissa nippte schweigend an ihrem Whisky.

»Okay.« Herbert entließ sie für den Moment. »Komm morgen Abend wieder her. Dann wird Thomas Howela da sein. Er wird sich darum kümmern.«

»Wer ist das?«

»Er war früher bei der Abwehr, mehr musst du nicht wissen.«

»Ist er zimperlich?«

»Er war bei der Abwehr.«

»Diskret?«

»Er war bei der Abwehr.«

»Ist er gut?«

»Bei guter Bezahlung ist er gut. Bei bester Bezahlung ist er der Beste, den du kriegen kannst.«

»Geld spielt keine Rolle.«

Herbert nickte zufrieden. »Es wäre hilfreich, wenn du morgen die ein oder andere Information für Howela hättest. Er braucht irgendeinen Ansatzpunkt.«

»Wird er bekommen.« Clarissa prostete Herbert zu.

22. August 2009:
Tübingen.

Liesel Stamminger saß in ihrer Wohnküche und tunkte sich zum Frühstück etwas Weißbrot in die warme Milch. Wie jeden Morgen hatte ihr junger Nachbar Memet Brötchen aus der Bäckerei gegenüber mitgebracht und sie samt seiner Tageszeitung vor Liesels Tür gelegt, bevor er zur Universitätsklinik ging. Memets Tageszeitung war das Berliner Morgenecho, denn Memet war Berliner und hatte von seinen Kumpels dort zum Abschied, beim Umzug ins Schwäbisch Ländle, seine heimatliche Gazette im Jahresabo geschenkt bekommen. Liesel bekam die Zeitung immer einen Tag nach Erscheinen, aber das störte sie nicht weiter. Sie fand es schick, eine Zeitung aus der Hauptstadt zu lesen.

Die große Weltpolitik und das ewige innenpolitische Gehacke interessierten Liesel genauso wenig wie der Wirtschaftsteil. Sie mochte am liebsten Vermischtes oder Klatsch und Tratsch. In Berlin passierte von all dem weitaus mehr als im provinziellen Tübingen. Da qualmte es in der S-Bahn, da wurde eine Kassiererin gekündigt, weil sie Pfandmarken im Wert von einem Euro dreißig unterschlagen haben sollte, da beschädigte eine psychisch kranke Frau Kunstwerke in einer Ausstellung und bespuckte die Besucher. Berlin war aufregend. Liesel hatte immer mal nach Berlin gewollt, aber Erwin hatte nicht durch die Zone reisen wollen. Und als plötzlich die Mauer wegfiel, war Erwin tot und Liesel allein. Allein verreisen war nicht nach ihrem Geschmack, genauso wenig wie sie sich Heizdecken auf irgendeiner bescheuerten Kaffeefahrt andrehen lassen würde. Memet hatte ihr schon mehrfach fest versprochen, sie in den nächsten Semesterferien mal mit nach Berlin zu nehmen. Dann würde seine Mutter sogar mit ihr in eine Moschee gehen. Allerdings war bislang immer etwas dazwischengekommen, denn Memet arbeitete in den Ferien stets an der Uniklinik, um sein Studium zu finanzieren.

Liesel blätterte nach vorne. Auch sie pflegte die rätselhafte Angewohnheit, eine Zeitung von hinten nach vorne zu lesen. Auf der zweiten Seite prangte in großen Lettern die Überschrift: »Der Mörder, der die Herzen stiehlt«. Voller Neugier las Liesel den spannend geschriebenen Bericht eines Reporters namens Jochen Kratz. Es ging um zwei Morde an jungen Frauen, einer Studentin in München, einer in Berlin. Der bislang unbekannte Mörder, vermutlich ein junger Mann, hatte der Berlinerin das Herz herausgeschnitten. Ebenso war es dem Opfer in München im April ergangen.

Liesel Stamminger spürte, wie ihr eigenes Herz zu klopfen begann. Jeden Tag dachte sie daran. Fragte sich, ob sie es hätte verhindern können, wenn sie nicht einfach so am Küchentisch gesessen hätte wie jetzt. Dagesessen und zugehört hatte sie und vermutet, dass sich das junge Paar sicher wieder versöhnen werde. Wenn sie hinuntergegangen wäre und sich eingemischt hätte in den Streit, würde Sarah noch leben. Sie hörte es noch allzu deutlich. Wie Sarah ihrem neuen Freund an den Kopf warf, dass er kein Herz habe. Und wie er bedrohlich flüsterte, dass sie das niemals, niemals wieder zu ihm sagen wird.

Liesel befiel die gleiche innere Unruhe, die sie an jenem Februartag verspürt hatte, als sie mit Sarahs Wohnungsschlüssel in der Hand die Treppe hinuntergestiegen war. Und Sarah tot auffand. Mit einem Messer im Herzen, und von dem Freund keine Spur.

Berlin.

Nach einer recht erholsamen Nacht nahm Christian mit Volker im Hotel ein kräftiges Frühstück zu sich. Er erzählte ihm von Annas ersten Seminaren in den USA und der Body Farm des FBI. Bis schließlich der Hotelchef zu ihnen an den Tisch trat und diskret darum bat, ihre Gesprächsthemen zu wechseln. Den Gästen neben ihnen, die Christian nicht einmal bemerkt hatte, war über ihrem Rührei schlecht geworden. Sie hatten sich beim Hotelmanager beschwert und ihm nahegelegt, die Polizei zu rufen, da der unheimliche Glatzkopf und der zerknitterte Mittfünfziger am Fensterplatz vermutlich gesuchte Mörder waren. Schließlich sprachen sie die ganze Zeit von vergrabenen und verfaulten Leichen. Christian vermutete, dass die Übelkeit wohl eher an dem lauwarmen und pappigen Großküchen-Ei gelegen haben mochte. Volker entschuldigte sich höflich für das unappetitliche Tischgespräch und seinen rüpelhaften Kollegen.

Christian ließ sich seine Rechnung fertig machen. Er plante, Berlin heute zu verlassen, um mit Herd von Hamburg aus die Koordination der weiteren Ermittlungen zu übernehmen. Außerdem brauchte er dringend frische Klamotten. Volker sollte als Christians Kontaktmann und Soko-Speerspitze hier vor Ort bleiben, um den sofortigen und steten Informationsfluss zu gewährleisten und Striebeck zu unterstützen.

Nach dem Frühstück fuhren sie ins Präsidium, wo Christian sich bis auf Weiteres verabschiedete. Striebeck schien wenig erfreut, ab sofort wieder der offizielle Ansprechpartner für Vorgesetzte, Presse und Staatsanwaltschaft zu sein.

Als Christian gerade gehen wollte, tauchte Petra Rahnberg mit dem völlig durchgeschwitzten Jochen Kratz im Präsidium auf. Es war noch nicht mal zehn Uhr morgens, aber die Augustsonne heizte der Stadt schon gehörig ein. Nach einer knappen Begrüßung berichtete Petra, dass sie mit Sybille Weininger in München telefoniert, aber nichts Wesentliches in Erfahrung gebracht hatte.

»Ihr Engagement in allen Ehren, Petra«, mahnte Christian. »Aber mir wäre es sehr recht, wenn sie diesbezügliche Aktivitäten zuerst mit mir oder jemandem vom Team abstimmen würden. Woher haben Sie überhaupt den Namen?«

»Das war nun wirklich nicht schwierig. In München weiß jeder, wer Mira W. war«, warf Jochen Kratz ein. »Prominente Familie. Und München ist ein Dorf.«

Christian wandte sich ungehalten an Kratz. »Darf ich erfahren, was Sie zu uns führt? Sind Sie jetzt der persönliche Sekundant von Frau Professor Rahnberg, oder wollen Sie nur ein wenig herumschnüffeln?«

Jochen Kratz lächelte: »Es ist bekannt, das Sie mit meinem Berufsstand auf Kriegsfuß stehen. Ich hoffe, ich kann Sie durch eine konstruktive Zusammenarbeit davon überzeugen, dass wir nicht alle Schmeißfliegen sind.«

»Was faseln Sie da von Zusammenarbeit? Ich werde den Teufel tun …«

Entschlossen unterbrach Petra Rahnberg Christians Unhöflichkeiten: »Himmel noch mal, Kommissar Beyer! Jetzt hören Sie Herrn Kratz doch erst mal zu, bevor Sie Ihre dämlichen Vorurteile pflegen!«

Christian blickte verdutzt zu Petra Rahnberg. Er war es nicht gewöhnt, dass jemand so mit ihm sprach. Im Augenwinkel sah er, wie Volker grinste.

»Okay, ich bin ganz Ohr.« Christian gab nach und lehnte sich abwartend in Striebecks wackligem Drehstuhl zurück.

»Heute Morgen bekam ich eine Information, die sich mit etwas Glück als heiße Spur in ihrem Fall herausstellen könnte.«

»Ich bin immer noch ganz Ohr.« Christian dauerte die Kunstpause des fetten Journalisten zu lang.

»Schön«, gab Kratz ungerührt zurück. »Folgender Deal: Ich gebe Ihnen meine Info, und Sie betrachten mich sozusagen als Hofberichterstatter in dieser Angelegenheit. Kein Wort zu meinen Kollegen von der Konkurrenz.«

»Was halten Sie von folgendem Deal: Sie geben uns die Info ohne Bedingungen, oder Sie haben eine Klage wegen unterlassener Hilfeleistung am Hals.«

Kratz tupfte sich lächelnd den Schweiß von der Stirn: »Ich habe ein paar Semester Jura studiert. Mal für Laien: Sie verklagen mich wegen irgendeinem Dünnsinn, scheitern, und ich gebe Ihnen als guter Staatsbürger trotzdem die Info. Nur wird bis dahin viel Zeit vergangen sein, und meine Information wird etwa so lauten: Mich hat jemand angerufen, der hat jemanden am Landwehrkanal gesehen, der eine große Holzkiste auf einer Sackkarre spazieren fuhr.«

Christian sah zu Petra Rahnberg: »Der nasse Lappen hier ist genauso ein Schmierfink wie alle aus seiner Zunft. Wieso lassen Sie sich mit ihm ein?«

»Der Zweck heiligt die Mittel.«

Christian überlegte kurz: »Also gut, Herr Kratz. Mir kann’s ja egal sein, wer von euch seine Scheiße zuerst druckt. Was haben Sie?«

»In unserer Zeitung wurde ein Foto von der Holzkiste und dem darin befindlichen Stuhl veröffentlicht …«

»Ich wüsste zu gern, wer das Foto am Fundort geschossen und an die Presse verscherbelt hat«, warf Striebeck sauer ein.

Kratz lächelte nur: »Heute Morgen rief mich ein verunsicherter älterer Herr an. Er vermietet eine möblierte Wohnung über eine bekannte Mitwohnzentrale an kurzfristige Mieter. Damit kann man seine Rente ganz gut aufbessern.«

Christian verspürte ein gewisses Kribbeln. »Wieso hat der bei Ihnen angerufen und nicht bei der Polizei, wenn er etwas zu sagen hat?«

»Wir haben das Foto veröffentlicht, nicht die Polizei. Und wenn die Mitwohnzentrale zwei Anzeigen bei uns umsonst schalten darf, spart der rüstige Rentner einen Jahresbeitrag an Verwaltungsgebühr.«

»Verstehe. So läuft das. Weiter!«

»Er hatte vor dem Mord für vier Wochen einen Mieter, der die Wohnung in einem tadellos geputzten Zustand verlassen hat. Der Vermieter, ein Rudi Niemann, sieht sich seine Bude immer an, noch bevor das Putzteam von der Mitwohnzentrale zur Endreinigung kommt. Das konnte er abbestellen. Die Wohnung sah aus, als hätte ein Bazillenphobiker jede Ecke mit der Zahnbürste geschrubbt. Seltsamerweise fehlte ein Stuhl. Ikea, Marke Börje. Genau so einer, wie der bei uns in der Zeitung abgebildete.«

Christian saß inzwischen kerzengerade. »Und wie hieß der reinliche Mieter?«

»Er hat im Vertrag den Namen Thorsten Brinken angegeben. Angeblich wohnhaft in Amsterdam. Gesehen hat ihn der Vermieter nicht. Da müsste man mit der Mitwohnzentrale sprechen, die haben das Formale erledigt. Er hat übrigens die Miete für den Monat bar bezahlt.«

Kratz reichte Christian einen Zettel: »Hier habe ich alles notiert. Adresse und Rufnummer der Mitwohnzentrale, Adresse der gemieteten Wohnung, Name und Adresse des Vermieters. Zudem Name des Mieters und holländische Adresse, soweit sie echt sein sollten. Darf ich davon ausgehen, dass Sie mich mitnehmen, wenn Sie in die Wohnung fahren? Was Sie sicher so schnell wie möglich tun wollen.«

»Sie dürfen. Solange Sie vollkommen unsichtbar vor der Tür stehen bleiben, absolut stumm sind und sich bei Ihren Veröffentlichungen vorerst an das halten, was ich freigebe.« Christian reichte den Zettel an Striebeck und Volker weiter. Er hatte inzwischen vergessen, dass er nach Hamburg fahren wollte, und er verschwendete auch keine Gedanken mehr an frische Wäsche.

»Alles klar. Ich habe übrigens mit Herrn Niemann in einer Stunde einen Termin vor der Wohnung. Leider ist die Bude schon wieder vermietet. Eventuell vorhandene Spuren sind bestimmt nicht mehr auszumachen«, merkte Kratz an.

»Wir werden sehen.« Christian deutete auf den Zettel: »Saubere Arbeit.«

Zum ersten Mal grinsten Kratz und Christian sich an.

Petra Rahnberg fuhr nervös nach Hause. Sie wartete auf einen ausführlichen Bericht von Kratz und versprach, sich so lange zu gedulden.

Dann setzte sich die Maschinerie in Bewegung. Volker telefonierte mit Daniel in Hamburg, um ihn sofort auf verfügbare Daten über Thorsten Brinken anzusetzen. Striebeck wies einen Kollegen in die erforderliche Recherche ein. Kurz darauf war klar, dass es in Amsterdam keinen Thorsten Brinken gab. Die Adresse war frei erfunden. Also wurde die Suche auf alle Thorsten Brinken, Brink und Brinker oder Ähnliches in Deutschland erweitert. Das würde dauern. In der Zwischenzeit schickte Striebeck einen Beamten zur Mitwohnzentrale. Christian und Volker machten sich mit Kratz auf den Weg zu der Mietwohnung. Die Spurensicherung würde ihnen auf dem Fuße folgen.

Erst gegen Abend versammelten sich alle wieder. Ausgehungert gingen sie gemeinsam von Striebecks Büro aus in ein nahe gelegenes Steakhouse, wo sie sich gegenseitig im Bestellen von schwergewichtigen Fleischportionen überboten. Kratz gewann. Er nahm ein Rib Eye von sechshundert Gramm.

Abgesehen davon, dass sie alle Hunger hatten und das Bedürfnis, den Tag mit einem kühlen Bier hinunterzuspülen, ging es bei dem üppigen Essen auch darum, Leere zu füllen. Am Morgen waren noch große Hoffnungen auf einen entscheidenden Schritt vorwärts genährt worden. Nun hatte sich Enttäuschung breitgemacht. Die Spurensicherung war auf Unmengen von Fingerabdrücken gestoßen – vermutlich alle vom Vermieter und dem Pärchen, das das Apartment vor wenigen Tagen bezogen hatte und nun vorerst in ein Hotel umquartiert worden war. Der Mieter namens Thorsten Brinken hatte nicht mal ein Fitzelchen seiner Anwesenheit hinterlassen. Zurzeit lief immer noch eine groß angelegte Suche nach Zeugen, die diesen Brinken möglicherweise ein Gesicht geben konnten. Die Formalien bei der Mitwohnzentrale hatte er per Mail erledigt. Er war nur zur Schlüsselübergabe aufgetaucht. Die Angestellte der Mitwohnzentrale beschrieb ihn als groß, vermutlich mittelblond, unrasiert und attraktiv. Mehr konnte sie nicht sagen. Sie hatte sich mit ihm in einem Biergarten getroffen, wo er ihr mit Sonnenbrille und Baseballcap getarnt seine Unterlagen übergeben hatte. Auch die bisher vernommenen Nachbarn konnten nichts Erhellendes zur Personenbeschreibung beitragen. Nur zwei Frauen war er aufgefallen, wobei die eine ihn als dunkelhaarig und die andere ihn als definitiv blond beschrieb. Die Sonnenbrille und die Mütze trug er anscheinend immer. Nun waren Beamte dabei, die umliegenden Kioske, Geschäfte und Kneipen zu durchforsten, um vielleicht noch ergänzende Aussagen zu bekommen. Diese Befragungen würden sich noch den ganzen morgigen Tag hinziehen. Vermutlich ebenfalls ohne Ergebnis. Sie wussten alle, dass die Chancen äußerst gering waren. Zeugen sahen grundsätzlich nur das Unangepasste, das aus ihrer eigenen Wahrnehmungswelt hervorstach. Genau das vermied jedoch jeder halbwegs intelligente Täter. Oder die Zeugen sahen das, was sie erwarteten, und dabei sah dann jeder etwas gänzlich anderes.

»Rätselhaft nur, dass ein so vorsichtiger Mensch einfach einen Stuhl klaut«, sagte Striebeck kauend.

»Dafür wird es eine Erklärung geben. Vermutlich eine ganz banale«, mutmaßte Volker.

Christian nickte: »Fehler machen sie alle. Selbst die Klügsten. Sonst würden wir nie einen fassen.«

Der Rest der Steak-Völlerei verlief weitgehend schweigend ab. Jeder war in seine Gedanken über den alltäglichen Frust der Polizeiarbeit versunken.

Bonn.

Als Clarissa an diesem Abend in der Ackermann-Villa eintraf, wurde ihr von Herberts Frau Irene geöffnet. Irene gehörte genau zu der Sorte Gattinnen, die sich Clarissa immer geweigert hatte zu werden: Die eigenen Lebensträume hatten sie zugunsten der Karriere ihres Mannes begraben, der aufgrund seiner Geschlechtszugehörigkeit die besseren Chancen hatte, sich am Markt durchzusetzen. Auch wenn die Frau häufig die höhere Intelligenz und bessere Bildung besaß. Dann gebaren die Frauen, zogen den vielversprechenden Nachwuchs auf und wenn der aus dem Haus war, schufen sie sich künstlichen Terminstress zwischen Schönheitschirurgie und Wohltätigkeitsbällen, während sich ihre Männer längst den Sekretärinnen in ihren Vorzimmern widmeten. Wenn Clarissa gelegentlich die traurigen Lebensrealitäten dieser Gattinnen auf einer Party bedauerte, warf man ihr Neid oder die gehässige Reproduktion billiger Klischees vor und verwies auf eine stadtbekannte Düsseldorfer Vorzeige-Ehe, in der die traditionelle Rollenverteilung seit Jahrzehnten harmonisch funktionierte. Clarissa wusste es besser: Sie selbst hatte den Vorzeige-Ehemann mehrfach in ihrem Bett beherbergt. Ebenso wie sie auch Herbert Ackermann kurzfristig eine außerhäusige Heimstatt geboten hatte. Irene Ackermann wusste vermutlich darüber Bescheid. Wie die meisten Ehefrauen. Sie waren weder blöd noch blind, sie sahen nur bewusst darüber weg.

Irene und Clarissa begrüßten sich dennoch wie alte Freundinnen mit den üblichen Wangenküsschen und ein paar Sätzen über gemeinsame Bekannte. Dann führte Irene Clarissa zur Bibliothek. Thomas Howela war schon anwesend. Er saß Herbert gegenüber in einem der ledernen Klubsessel und nippte an einem Cognac.

Howela machte einen überraschend unauffälligen Eindruck. Er war Ende fünfzig, das mittelblonde, mit grauen Fäden melierte Haar schütter, der Blick ausdruckslos, die Figur gedrungen. Er steckte in einem mittelmäßigen, grauen Anzug, seine Schuhe wirkten weder neu noch abgetreten. Nichts an ihm stach hervor, außer vielleicht der Siegelring mit dem Achat, den er am kleinen Finger der linken Hand trug und in den verschnörkelt seine Initialen eingraviert waren. Insgesamt wirkte Howela wie ein an seiner Umwelt völlig desinteressierter Buchhalter. So erhob er sich auch wenig engagiert aus seinem Sessel, als Clarissa eintrat und von Herbert vorgestellt wurde. Die Herren setzten sich, als Clarissa Platz genommen und von Herbert ihren Single Malt bekommen hatte.

»Ich habe Herrn Howela schon über die Eckdaten deines Problems in Kenntnis gesetzt«, eröffnete Herbert ohne große Umschweife das Gespräch.

»Und?« Clarissa wandte sich an Howela. »Können Sie da was tun?«

»Ich hoffe doch sehr, Frau Wedekind. Allerdings wäre es notwendig, noch zusätzliche Informationen über den Sachverhalt von Ihnen zu bekommen.«

»Was wollen Sie wissen?«

Howelas bislang scheinbar gelangweilt herumschweifender Blick fixierte Clarissa plötzlich mit erstaunlicher Konzentration. In diesem Blick lag eine derartig schamlose Direktheit und Wucht, dass Clarissa fast erschrak. Sie begriff auf einen Schlag, dass dieser Mann, der sich perfekt als uncharismatisches Etwas in einer Ecke zu tarnen wusste, von enormer Präsenz sein konnte – wenn er wollte. Obwohl er ihr einfach nur in die Augen sah, hatte sie das Gefühl, er würde sie unanständig befummeln. Sein Blick machte sie an. Sie spürte, dass er es bemerkte, was für Clarissa der Gipfel der Unverschämtheit war. Und sie noch mehr anmachte.

»Haben Sie den Mann vorher schon einmal gesehen? Bevor er in Hamburg an Sie herangetreten ist?«

»Noch nie.«

»Sie wollen darüber reden, womit er Sie erpresst?«

»Keineswegs.«

»Ich muss alles über diesen Mann wissen. Alles, was Ihnen aufgefallen ist und mir irgendwie weiterhelfen könnte.«

Clarissa beschrieb aufs Genaueste das äußere Erscheinungsbild von Stephan Wöhler. Sie konnte sogar die exklusiven Hersteller seiner Manschettenknöpfe und seiner Uhr nennen. »Außerdem hat er ganz offensichtlich eine höhere Bildung genossen. Er kann sich kultiviert ausdrücken, bewegt sich sehr selbstsicher – sogar in meiner Gegenwart. Das tun die wenigsten Männer.«

»Warum sollte er unsicher sein? Er hat sie in der Hand.«

»Das haben bei Clarissa schon viele Männer geglaubt«, warf Herbert trocken ein.

»Im Moment sind die Trümpfe auf seiner Seite. Ich will, dass Sie das ändern!« Clarissas Tonfall ließ keinen Zweifel an ihrer Entschlossenheit aufkommen.

»Was genau wünschen Sie, dass ich tue, wenn ich den Herrn finde?«

»Sie bringen ihn mir. Ich will mit ihm reden. Dann sehen wir weiter.«

Howela nickte. »Herr Ackermann meinte, Sie hätten einen Tipp für mich. Wo fange ich mit der Suche an? In Hamburg?«

Clarissa zog einen Zettel aus ihrer Handtasche und reichte ihn Howela: »Sie beginnen in Hamm. Das hier ist der Name seiner Mutter und die Anschrift des Krankenhauses, wo sie ihn 1982 geboren hat.«

Verblüfft sah Herbert zu Clarissa: »Du kennst seine Mutter?«

»Nein. Ich habe sie nie gesehen.«

Howela sah auf den Zettel: »Beatrix Kowalski. Eine Polin oder polnisch-stämmig?«

»Soweit ich das weiß, war sie Deutsche. Wo ihre Eltern oder Großeltern herkamen, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis. Vor gut zwei Jahren hat sie sich das Leben genommen, das habe ich recherchiert. Aber das tut nichts zur Sache. Sie hat ihren Sohn direkt nach seiner Geburt zur Adoption freigegeben. Da müssen Sie ansetzen. Wo ist das Baby damals gelandet? Wie wurde er genannt? Was ist aus ihm geworden?«

»Ich werde ausreichend finanzielle Mittel benötigen, um bürokratische Hindernisse zu beseitigen.«

»Finden Sie ihn. Koste es, was es wolle.« Clarissa reichte ihm ihre Visitenkarte. »Die handgeschriebene Nummer auf der Rückseite ist mein privates Handy. Meine private E-Mail habe ich ebenfalls notiert. Ich erwarte jeden Abend noch vor zehn Uhr einen schriftlichen Tagesbericht. Bei besonderen Vorkommnissen können Sie mich jederzeit unter der angegebenen Privatnummer erreichen.«

»Wenn Sie es wünschen, komme ich gerne auch persönlich bei Ihnen vorbei und erstatte Bericht.«

Wieder hatte er diesen unverschämt präsenten Blick, mit dem er Clarissa ohne eine Spur von Lächeln fixierte. Sie gab sich unbeteiligt. Howela versprach, sein Möglichstes zu tun und verabschiedete sich.

Herbert und Clarissa blieben zurück.

»Was ist das für eine Geschichte mit der Mutter, Clarissa?«

»Dein Single Malt schmeckt hervorragend. Aber es ist kein Islay, richtig?«

»Du wirst mich hoffentlich nicht in irgendeine üble Scheiße reinziehen, oder?«

Clarissa dachte an das Päckchen, das ihr Tanja auf den Schreibtisch gelegt hatte. War das tatsächlich erst zwei Tage her? Sie wusste, dass sie mit Howela darüber sprechen musste. Der Mann, den er in ihrem Auftrag suchte, war möglicherweise gefährlich. Noch konnte Clarissa nicht richtig einschätzen, was das mit dem Herzen überhaupt sollte. Und wo es herkam. Sie vermutete jedoch, dass es nichts Gutes zu bedeuten hatte. Und sie wusste, Herbert würde nicht sehr erfreut sein, wenn er etwas davon hörte.

»Das würde ich nie tun, Herbert, und das weißt du.«

Herbert prostete ihr gestisch zu. Eines wusste er ganz sicher: Clarissa konnte lügen, ohne mit der Wimper zu zucken.

23. August 2009:
Hamburg.

Am Abend des nächsten Tages traf Christian in Hamburg ein. Er verabredete sich mit Herd und Daniel auf eine Fischsuppe und ein Bier im »Odysseus« in Eimsbüttel. Christian hatte keine Lust, mit seinem deprimierenden Zwischenbericht in ihre deprimierende Einsatzzentrale in der Schanzenstraße zu kommen. Die alten Räume, die sie vor Jahren dort bezogen hatten, waren weder ansprechend, noch sonderlich funktional oder gar klimatisiert. Sie hatten die Altbauwohnung bei Gründung der Soko Bund vom Drogendezernat übernommen, das von dort aus eine Zeit lang die Kleindealer am gegenüberliegenden S-Bahnhof überwacht hatte. Als die Soko Bund ihre ersten Erfolge verbuchen konnte, bot der Polizeipräsident, ein eingeschworener Gegner Christians, der Truppe gezwungenermaßen die Rückkehr in die repräsentativen Räume des Präsidiums an. Mit Klimaanlage und Cola-Automaten auf dem Flur. Doch Christian und seine Männer zeigten sich stur und blieben in ihrer Butze, fernab von den Annehmlichkeiten des modernen, sternförmigen Hauptgebäudes. Und fernab von manchen missgünstigen Kollegen und Vorgesetzten.

Trotz des fortgeschrittenen Abends waren es immer noch annähernd dreißig Grad. Feuchtheiße Luft beschwerte Hamburg, kein Lüftchen regte sich. Christian setzte sich nach draußen und gab seine Bestellung auf. Es dauerte nicht lange, bis Herd und Daniel eintrafen. Yvonne, die von allen gemochte Teilzeitsekretärin der Truppe, war auch dabei. Christian hatte sie bei Gründung der Soko eingestellt, weil sie jung, schlau und liebenswert frech war. Inzwischen studierte Yvonne Psychologie und war fest entschlossen, wie ihr großes Vorbild Anna zu werden. Keiner der Soko hatte ein Problem damit, dass Yvonne ihre Arbeitszeiten selbstständig nach ihrem Vorlesungsplan gestaltete. Sie hatte den Laden im Griff, und wenn sie da war, gab es immer frischen Kaffee, Hackbrötchen mit Zwiebeln und gute Laune.

Christian fasste die mageren Ergebnisse der bisherigen Suche nach einem nicht existierenden Thorsten Brinken zusammen. Wie erwartet konnten bislang keine Zeugen aufgetrieben werden, die eine hilfreiche Aussage gemacht hatten. Auch Karens vorläufige Ergebnisse der Autopsie waren nicht durch neue Details ergänzt worden. Das einzig Dynamische an der Untersuchung war Frau Professor Petra Rahnberg, die vor allem Volker, an dem sie einen Narren gefressen zu haben schien, mit permanenten Anrufen und Nachfragen unter Druck setzte.

Trotz Christians mäßiger Laune über das Stocken der Ermittlungen schienen seine Kollegen recht zufrieden und grinsten ihn entspannt an. »Wir haben was«, eröffnete Herd den Hamburger Bericht. »Wird dir gefallen.«

»Zuerst ich!«, drängelte sich Yvonne vor. Sie schlug einen kleinen Block auf und fasste zusammen: »Ich habe in den letzten beiden Tagen zwei Anrufe bekommen von einer Elisabetha Stamminger aus Tübingen. In ihrem Haus wurde am 3. Februar diesen Jahres eine junge Studentin von ihrem Freund erstochen. Frau Stamminger hat von dem Mordfall in Berlin in der Zeitung gelesen und ist fest überzeugt, dass der Tübinger Täter und der Berliner identisch sind. Und sie hat gelesen, dass der berühmte Hamburger Kommissar Beyer den Fall bearbeitet. Deswegen hat sie sich bis in unsere Butze in der Schanze durchtelefoniert.«

Yvonne sah von ihrem Block auf. »Allerdings ist Frau Stamminger über siebzig Jahre alt und liest zu viele Krimis. Sagen zumindest die von der Tübinger Kripo. Die habe ich nämlich angerufen und gefragt, ob sie die Stamminger kennen. Tun sie – sie nennen sie aber nur Miss Marple und würden sie am liebsten einweisen lassen, weil sie ihnen mit ihren Theorien die Haustür einrennt. Sie sagen, der Fall in Tübingen hätte absolut null mit denen in Berlin oder München zu tun. Es war ein Mord im Affekt, ein Streit unter Liebenden. Nix mit Theaterschminke oder Konservierung und so. Gar nix, alles ganz normal.«

»Haben Sie den Täter?«, fragte Christian.

»Noch nicht. Aber bald, da waren sie ganz zuversichtlich. Ich habe die Akten angefordert. Du kannst sie dir ja ansehen, wenn du magst.«

Christian nickte seufzend: »In Berlin haben sich auch jede Menge angeblicher Zeugen gemeldet. Die Besitzerin eines Ladens für Spezialkosmetik erzählte ganz aufgeregt von einem Kunden, der ihr äußerst unheimlich erschien und viel weiße Schminke gekauft hatte. Klar war der gestört! Er war Künstler! Ein Performance-Künstler, der mit einer lebenden Kuh auf die Bühne kommt, ihr die schwarzen Flecken wegschminkt, und dann mit der Albinokuh den Kudamm rauf und runter spaziert. Fragt mich nicht nach dem künstlerischen Nährwert!«

Yvonne lachte.

Christian schüttelte erschöpft den Kopf: »Es ist einfach verdammt deprimierend, wie viel wertvolle Zeit wir immer damit vergeuden müssen, solch schwachsinnigen Hinweisen nachzugehen. Sonst hab ihr nichts?«

Daniel klappte sein Laptop auf, das er wie immer bei sich hatte und als künstliche Extension seines Körpers betrachtete. »Ich habe mich ein wenig in den Servern von deutschen Mitwohnzentralen herumgetrieben, allen voran bei den Fuzzis, die die Berliner Bude an Brinken vermietet hat. Wie wir alle wissen, ist der Mensch ein Gewohnheitstier und wiederholt gerne erfolgreiche Handlungen. Ich habe die Daten in der Münchner Filiale gecheckt. Vier bis acht Wochen vor dem Münchner Mord. Junger Mann, alleinstehend. Die Liste war glücklicherweise nicht allzu lang. Kein Thorsten Brinken, aber …«

»Wir haben alle, die infrage kamen, überprüft«, warf Herd engagiert ein.

Daniel klickte auf seinem Laptop herum. »Und einen gefunden, der nicht existiert. Zumindest nicht in Deutschland. Gleiches Muster wie in Berlin. Die Ausweispapiere müssen gefälscht gewesen sein. Unter der angegebenen Meldeadresse residiert eine Firma, die Kloschüsseln herstellt.«

»Bingo!« Christian war hocherfreut.

»Er nannte sich in München Frank Niklas Stein, gab bei der Mitwohnzentrale sein Alter mit 29 an und behauptete, Politologe an der Uni zu sein. Alles erstunken und erlogen. Außer das mit dem Alter vielleicht, das weiß ich natürlich nicht. Noch nicht«, gab Daniel frustriert zu. Er hasste es, wenn er irgendetwas nicht herausbekam, selbst wenn er es nicht herausbekommen konnte. Das Wort »unmöglich« hatte er zu seinen Hackerzeiten aus seinem Vokabular verbannt.

»Habt ihr schon mit Kommissar Zeiner in München gesprochen?«, fragte Christian.

Herd verneinte. »Wir sind erst vor einer Stunde mit der Überprüfung der Namensliste durch gewesen und wollten zuerst mit dir reden.«

Christians Telefon klingelte. Zu seinem Bedauern war es nicht Anna, sondern der aufgeregt klingende Striebeck: »Christian, ein Riesenfortschritt! Ich habe heute noch mal mit der Mitwohnzentrale gesprochen, weil ich auf die Idee kam, dass unser Mann in München vielleicht auch … Ich habe alle Unterlagen gewälzt, eine Heidenarbeit … Hat sich aber gelohnt! Er …«

»… hat unter dem Namen Frank Niklas Stein was angemietet in der …«, Christian blickt kurz auf Daniels Laptop, »… Georgenstraße 17.«

Marina Heib

Über Marina Heib

Biografie

Marina Heib, geboren in St. Ingbert/ Saarland, lebt als Schriftstellerin und Drehbuchautorin in Hamburg. Ihre Kriminalromane um Kommissar Beyer, seine bundesweit ermittelnde Soko und die Psychologin Anna Maybach garantieren absolute Hochspannung.

Weitere Titel der Serie »Christian-Beyer-Reihe«

Der Hamburger Kommissar Christian Beyer und seine Sonderermittler werden in Marina Heibs Krimiserie mit grausamen Verbrechen konfrontiert.

Pressestimmen

Stern

Herausragend in Deutschlands Krimiwelt.

Hamburger Morgenpost

Bei Marina Heib gefriert einem das Blut in den Adern.

Kommentare zum Buch

Das Buch war wieder einmal ein Volltreffer
Mordsbücher am 19.02.2017

Das Buch war wieder einmal ein Volltreffer und ganz nach meinen Geschmack.   Die ersten Seiten sind etwas zäh aber ab dem zweiten Kapitel möchte man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Die Autorin schafft es den Leser zu fesseln und keine Langeweile aufkommen zu lassen. In dem Buch geht es um einen jungen Mann, er wird auch der Herzensammler genannt. Ein Mord nach dem anderen. Keiner kann ihn stoppen, bis man dahinter kommt, nach welchen Kriterien er seine Mordopfer aussucht. Es sind Frauen in verschieden Städten, keiner weiß von dem anderen aber eines verbindet sie.   Was, möchte ich natürlich nicht verraten…   Bewertung: Sehr gut !!!

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