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Nicht ohne meine Eltern Nicht ohne meine Eltern - eBook-Ausgabe

Sandra Konrad
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Wie gesunde Ablösung all unsere Beziehungen verbessert – auch die zu unseren Eltern

„Wer Lust hat, seine Gefühle in puncto Eltern zu reflektieren und eigenen irrationalen Verhaltensweisen gegenüber Partnern, Geschwistern oder Kollegen auf den Grund zu gehen, kann mit diesem Buch einige Entdeckungen machen. Es bleibt nicht bei der Analyse des Ist-Zustands stehen, sondern gibt Übungen an die Hand, um sein Leben neu in die Hand zu nehmen.“ - KirchenZeitung

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Nicht ohne meine Eltern — Inhalt

Nach dem Longseller „Das bleibt in der Familie“ das neue Buch zu transgenerationalen Übertragungen der Expertin

Wie wir die wichtigste Aufgabe unseres Lebens lösen

Warum fühlen wir uns gegenüber unseren Eltern auch als Erwachsene so ohnmächtig? Warum werden wir im Austausch mit ihnen häufig wieder zum Kind? Viele Menschen sind mit ihren Eltern heillos verstrickt: Schuldgefühle und Enttäuschungen bestimmen aufgrund zu hoher gegenseitiger Erwartungen die Beziehung. Doch irgendwann ist es für uns alle an der Zeit, Abschied zu nehmen. Damit gemeint ist nicht der Bruch mit den Eltern, sondern die Ablösung von elterlichen Erwartungen und Aufträgen. Diese emotionale Abnabelung ist ein lebenslanger Prozess und eine der schwierigsten Aufgaben unseres Lebens. Denn erst, wenn wir unangemessene Abhängigkeits- und Schuldgefühle aktiv bearbeiten, können wir uns gesund von unseren Eltern lösen und glücklichere Beziehungen sowie ein eigenständiges Leben führen.

„Ablösung von den Eltern bedeutet keinen Verlust, sondern einen Gewinn: Die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben.“

Ärger über zu viel elterliche Einmischung, obwohl wir schon längst unser eigenes Leben führen, Enttäuschung über fehlende Unterstützung, ständige Schuldgefühle oder scheinbar unlösbare Konflikte – all das können Anzeichen dafür sein, dass wir mit den Eltern noch verstrickt sind.

Aber es gibt einen Ausweg aus frustrierenden Eltern-Kind-Beziehungen: unsere bewusste Ablösung. Ablösung bedeutet einerseits, weniger abhängig von den Eltern und deren Zustimmung zu werden und andererseits, unrealistische Erwartungen an sie aufzugeben. Wir lernen, auf unsere Bedürfnisse und unsere Grenzen zu achten und Schritt für Schritt Verantwortung für unser eigenes Leben zu übernehmen.

Dieses Buch hilft, unbewusste Verstrickungen zu erkennen und sich aus ihnen zu lösen. So können sich letztendlich all unsere Beziehungen zum Positiven verändern. Denn je reifer und geklärter das Verhältnis zu unseren Eltern ist, desto unbeschwerter wird auch jede andere Beziehung, die wir führen. Sich gesund abzulösen ist nicht immer einfach, lohnt sich aber unbedingt: Es ist der einzige Weg zu einem freien, selbstbestimmten Leben.

€ 24,00 [D], € 24,70 [A]
Erschienen am 30.03.2023
352 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-07194-9
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€ 5,99 [D], € 23,99 [A]
Erschienen am 30.03.2023
352 Seiten
EAN 978-3-492-60323-2
Download Cover
„Das Buch ist verständlich und alltagsnah geschrieben, greift unterschiedliche Situationen auf und regt dazu an, sich mit der eigenen Kindheit und den eigenen Familienstrukturen, vielleicht auch der Erziehung der eigenen Kinder tiefergehend zu beschäftigen.“
Stern online

Leseprobe zu „Nicht ohne meine Eltern“

EINS

Was ist gesunde Ablösung, und wie geht das?

„Ich möchte gern völlig abgelöst sein. Mich nicht mehr über meine Mutter ärgern, egal, wie sehr sie mich demütigt oder kränkt“, sagt die 32-jährige Noemi auf meine Frage, was ihr Ziel in der Therapie sei.

Völlig abgelöst zu sein – wünscht sich das nicht jede:r? Aber das, was Noemi und viele andere damit verbinden, nämlich immun zu sein gegen jede Art von Angriff, bis hin zu Entwürdigung, das hieße, gefühllos und verpanzert zu werden. Es hieße, alles über sich ergehen zu lassen, sich nicht zur Wehr zu setzen, [...]

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EINS

Was ist gesunde Ablösung, und wie geht das?

„Ich möchte gern völlig abgelöst sein. Mich nicht mehr über meine Mutter ärgern, egal, wie sehr sie mich demütigt oder kränkt“, sagt die 32-jährige Noemi auf meine Frage, was ihr Ziel in der Therapie sei.

Völlig abgelöst zu sein – wünscht sich das nicht jede:r? Aber das, was Noemi und viele andere damit verbinden, nämlich immun zu sein gegen jede Art von Angriff, bis hin zu Entwürdigung, das hieße, gefühllos und verpanzert zu werden. Es hieße, alles über sich ergehen zu lassen, sich nicht zur Wehr zu setzen, Verletzungen stoisch auszuhalten.

Gesunde Ablösung bedeutet das Gegenteil, nämlich im Kontakt mit den eigenen Gefühlen zu sein und so weit im Kontakt mit anderen bleiben zu können, dass Kommunikation, aber auch Grenzsetzung möglich ist. Psycholog:innen bezeichnen diese Fähigkeit auch als „Selbst-Differenzierung“.[1]

Gesunde Ablösung bedeutet, weder in Hass noch in starrer oder gar selbstverleugnender Loyalität mit den Eltern verbunden zu sein, sondern sich so weit befreit zu haben, dass wir wählen können, was wir verzeihen, was wir ablehnen und was wir loslassen möchten.

Ablösung ist kein einzelner Schritt, keine einmalige Entscheidung, es ist ein langer, oftmals ein lebenslanger Weg. Manche Streckenabschnitte sind einfach zu bewältigen, andere sind steiniger, einige scheinen sogar unüberwindbar, aber ich verspreche Ihnen, dass Sie auf Ihrem persönlichen Weg der Ablösung immer wieder an Ausblicke gelangen werden, die Sie bereichern, die Ihnen Luft zum Atmen geben und von denen aus Sie vieles mit mehr Abstand und deshalb klarer betrachten können.


Die natürlichste Sache der Welt – erwachsen zu werden – ist alles andere als einfach, Wachstumsschmerzen gehören auf dem Weg zu psychischer Reife dazu.

„Wer bin ich? Will ich das Richtige? Mache ich das Richtige? Werde ich geliebt, wenn ich meinen eigenen Weg gehe?“ sind einige der existenziellen Fragen, die sich uns allen stellen. Erst wenn wir verstehen, dass nur wir selbst uns die Antworten auf diese Fragen geben können, sind wir frei. Denn Freiheit heißt, Verantwortung zu übernehmen. Für die eigenen Gefühle. Für die eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Träume. Für das eigene Leben.


Phasen der Ablösung

Erwachsen werden hört sich so einfach an, fast scheint es vorgegebenen Schritten zu folgen: Wir werden volljährig, wir machen den Führerschein, wir ziehen aus, wir machen eine Ausbildung oder studieren, dann übernehmen wir einen mehr oder weniger verantwortungsvollen Job, wir finden eine:n nette:n Partner:in und bekommen vielleicht eigene Kinder. Wir sind erwachsen.

Aber was heißt erwachsen? Bedeutet es das Gleiche, wie abgelöst zu sein?

Ein Nachmittagsbesuch bei den Eltern reicht, und plötzlich sind wir wieder fünf, zehn oder fünfzehn Jahre alt. Der Vater schweigt, obwohl man eigentlich seinen Trost bräuchte, weil es im Job gerade nicht so rundläuft, und wir längst erwachsenen Kinder schwanken zwischen Wut und Weinen. Die Mutter macht sich Sorgen um unsere Zukunft, und anstatt zuzuhören, kritisiert sie uns und wirft uns vor, dass wir schon wieder alles falsch machen, zu zögerlich oder zu forsch waren, und wir längst erwachsenen Kinder schmollen und nehmen uns vor, ihr nie wieder etwas über unser Privatleben zu erzählen. Und wenn die Eltern dann noch die große Schwester loben, die nicht nur glücklich verheiratet ist und zwei wohlgeratene Kinder hat, sondern auch noch gerade ihren Traumjob ergattert hat, dann sehen wir rot, während uralte Ungerechtigkeits-, Wut- und Minderwertigkeitsgefühle wie eine Welle über uns zusammenbrechen.

Unser Alter hat nur wenig mit dem Grad der Ablösung zu tun. Selbstverständlich werden die meisten mit fortschreitendem Alter autonomer. Wir weihen unsere Eltern nicht mehr in jede unserer Entscheidungen ein, wir fragen nicht mehr um Erlaubnis, wir werden finanziell unabhängig. Aber emotional können wir noch an einer unsichtbaren Nabelschnur hängen, die uns schlimmstenfalls an eigenständigen Bewegungen hindert.

Dabei gilt die körperliche Abnabelung von der Mutter als erster natürlicher Schritt in die Selbstständigkeit. In unserer Kultur ist es oft der Vater, der nach der Geburt die Nabelschnur durchtrennt. Es ist mehr als nur ein symbolischer Akt – denn der Vater (bzw. die zweite Bindungsperson) ist fortan der bedeutsame Dritte, der dem Kind und der Mutter hilft, ihre Symbiose aufzugeben. Eine Triade, eine Dreierbeziehung entwickelt sich, indem das Kind zu beiden Elternteilen existenzielle Bindungen aufbaut. Im Idealfall gibt es weitere verlässliche Bindungspersonen, die dem Kind Sicherheit und Liebe geben und seinen Bindungsradius erweitern. Je sicherer ein Kind sich bei seinen Eltern fühlt, desto leichter fällt es ihm, seine Umwelt zu erkunden, also autonomer zu werden.

Mit dem Besuch einer Kindertagesstätte und später der Schule findet eine weitere wichtige Phase der Ablösung statt. Das Kind verbringt die Vormittage getrennt von den Eltern und erfährt mit anderen Bezugspersonen und Gleichaltrigen einen Zusammenhalt und Sinn, der über die Beziehung zu den Eltern hinausgeht.

Mit jedem fortschreitenden Jahr steigt die Selbstständigkeit: Das erste Mal bei Freunden übernachten, die erste Klassenfahrt, die ersten Geheimnisse, die erste Verliebtheit, der erste Kuss, der erste Sex, der erste Urlaub ohne die Eltern, die erste Beziehung, die erste eigene Wohnung, der erste eigene Job, das erste eigene Gehalt – all das sind weitere Meilensteine auf dem Weg der Ablösung.

Idealerweise unterstützen die Eltern das Kind auf seinem Weg, denn eine gesunde Bindung beruht sowohl auf dem verlässlichen Dasein der Eltern als auch auf deren altersgemäßem Loslassen, oder wie es etwas poetischer ausgedrückt in einem Sprichwort heißt: „Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“

 

„Psychosoziales Moratorium“ nannte der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Erik H. Erikson[i] die Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsenen-Identität, in der Kinder sich Schritt für Schritt von den Eltern und von ihrem Kindheits-Ich ablösen. Unsere Eltern stehen uns zwar noch zur Seite, sie beraten oder kontrollieren uns in unseren Entscheidungen, aber nicht sie, sondern wir müssen mit unseren Entscheidungen letztlich leben: Welchen Beruf wir ergreifen, welche Partner:innen wir wählen, welches Leben wir führen. In dieser Zeit der Selbstfindung können Orientierungsprobleme auftreten, zumal gerade in liberalen Demokratien viel Raum zum Experimentieren mit der eigenen Rolle gegeben wird, im Gegensatz zu traditionellen oder diktatorischen Gesellschaften, die eher festgelegte Rollen anbieten.

Laut Eriksons Stufenmodell müssen in jeder Lebensphase bestimmte Entwicklungsaufgaben bewältigt werden, die für unsere gesunde Persönlichkeitsentwicklung maßgeblich sind. Schauen wir uns die einzelnen Stufen genauer an:

 

Ur-Vertrauen vs. Ur-Misstrauen (1. Lebensjahr)

Im ersten Lebensjahr ist das Kind völlig abhängig von seinen Bezugspersonen, hier entscheidet sich, ob es ein gesundes Urvertrauen entwickelt oder aufgrund zu vieler Enttäuschungen eher misstrauisch durch die Welt gehen wird. Idealerweise wird das Kind ausreichend gut versorgt und macht die Erfahrung, dass zwischen der Welt und seinen persönlichen Bedürfnissen Übereinstimmung herrscht.

 

Autonomie vs. Scham und Zweifel (2. und 3. Lebensjahr)

Im zweiten und dritten Lebensjahr geht es um die Entwicklung von Autonomie; das Kind erlebt die ersten Emanzipationsschritte von der Mutter, es lernt, zu gehen, zu sprechen und seinen Stuhl zu kontrollieren. Was Freud als „anale Phase“ bezeichnete, ist die Zeit, in der das Kind lernt, Dinge festzuhalten oder loszulassen, und in der es erstmals auch mit Scham und Zweifeln konfrontiert wird. In diesem Lebensalter entwickelt das Kind auch Vorstellungen über das „Ich“ und „Du“, es stellt fest, dass es ein Individuum ist, getrennt von der Mutter und ihrer Brust. Idealerweise bewältigt das Kind diese Phase, indem die Autonomie gegenüber den Zweifeln und der Scham überwiegt.

 

Initiative vs. Schuldgefühl (4. und 5. Lebensjahr)

Im Alter zwischen vier und fünf Jahren erkundet das Kind seine Umgebung, die Realität und sich selbst immer ausführlicher und selbstständiger. Es stellt viele Fragen und probiert im Spiel verschiedene Rollen aus. In dieser Zeit beginnt das Kind, sich auch mit seinem Geschlecht auseinanderzusetzen und libidinöse Besitzansprüche an den gegengeschlechtlichen Elternteil zu richten – die „ödipale Phase“. Es bildet nun ein Gewissen aus und entwickelt Schuldgefühle. Idealerweise lernt das Kind in dieser Phase einerseits, Initiative zu ergreifen, und andererseits, mit seinen Schuldgefühlen umzugehen.

 

Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl (6. Lebensjahr bis Pubertät)

Ab dem sechsten Lebensjahr, also dem Eintritt der Schule bis zur Pubertät, geht es um das Austarieren von Werksinn und Minderwertigkeitsgefühlen. Neben dem Drang zum Spielen entwickelt das Kind einen Werksinn, also das Bedürfnis, etwas Nützliches zu leisten und zu lernen. Erfolgserlebnisse sind immens wichtig, um Minderwertigkeitsgefühlen entgegenzuwirken. In dieser Lebensphase können Fixierungen entstehen, die sich in Versagensängsten oder generellen Ängsten und sogar in einem überdauernden Mangel an Selbstbewusstsein ausdrücken können. Idealerweise dürfen sich Kinder in dieser Phase ausleben und werden angemessen gefördert, sodass sie ausreichend Erfolgserlebnisse haben, um ein stabiles Selbstbewusstsein aufbauen zu können.

 

Identität vs. Identitätsdiffusion (13. bis 20. Lebensjahr)

Das vorherrschende Thema ist nun Identität – wer bin ich? –, und zwar im Vergleich zu früher, im Vergleich zu anderen, im Vergleich zu Erwartungen, die von den Eltern, Freund:innen, der Gesellschaft an das Kind gerichtet werden. Jugendliche setzen sich mit ihrem und dem anderen Geschlecht auseinander, mit Rollenvorgaben und eigenen Bedürfnissen. Idealerweise setzt sich die Ich-Identität aus vielen guten Erfahrungen und einem gesunden Selbstvertrauen zusammen. Falls dies nicht der Fall ist, kommt es zu einer Identitätsdiffusion, also starken Unsicherheiten und Orientierungslosigkeit. Wem es nicht gelingt, eine stabile Ich-Identität zu entwickeln, der fühlt sich oft verloren und sucht Halt, zum Beispiel bei Gruppen, die über klare Strukturen verfügen. Misslingt die Bewältigung dieser Phase, hat dies grundlegende Auswirkungen auf das weitere Leben, denn wer nicht weiß, wer er/sie ist, der/die kann nur schwer echte Beziehungen zu anderen eingehen.

 

Intimität und Solidarität vs. Isolierung (Beginn des Erwachsenenalters)

Diese Lebensphase steht im Zeichen der Partnerfindung und Intimität; Erikson spricht von einem „Sich-verlieren und Sich-finden im Anderen“. Menschen mit gefestigter Ich-Identität können stabile und erfüllende Partnerschaften eingehen, da sie sich öffnen und gleichzeitig bei sich selbst bleiben können. Menschen ohne Ich-Identität droht Isolierung und das Gefühl der existenziellen Einsamkeit und Leere. Allerdings ist es für alle Menschen wichtig, auch Phasen des Alleinseins aushalten zu können, ohne in dieser Zeit Urvertrauen und Selbstvertrauen zu verlieren. Je besser die bisherigen Lebensstufen bewältigt wurden, desto eher gelingt diese Anforderung im frühen bis mittleren Erwachsenenalter.

 

Generativität vs. Selbstabkapselung (mittleres Erwachsenenalter)

Erikson versteht unter Generativität das Erziehen der nächsten Generation, denn in dieser Phase haben viele Menschen bereits Familien gegründet, oft aus dem Bedürfnis heraus, Werte für kommende Generationen zu schaffen, weiterzugeben und abzusichern. Auch kinderlose Menschen setzen sich in dieser Entwicklungsphase für andere ein, indem sie ihre Ressourcen, wie beispielsweise ihre Zeit, ihr Wissen oder finanzielle Unterstützung, an andere weitergeben. Idealerweise entwickeln wir die Fähigkeit zur Fürsorge, ohne uns selbst zu vernachlässigen. Misslingt diese Phase, weil zwischenmenschliche Beziehungen nicht gepflegt werden oder wir nur um uns selbst kreisen, führt dies oftmals zu Selbstabkapselung, Vereinsamung und Stagnation.

 

Ich-Integrität vs. Verzweiflung (reifes Erwachsenenalter)

In dieser letzten Phase geht es darum, das bisherige Leben so, wie es war, zu akzeptieren. Wem es nicht gelingt, sein Leben zu akzeptieren, wer enttäuscht und unzufrieden darauf blickt, bei dem stellen sich oftmals Lebensekel und/oder Depressionen ein. Idealerweise entwickeln wir uns in diesem Stadium zur vollen Reife und sind bereit, unseren einen und einmaligen Lebenszyklus als etwas zu akzeptieren, das sein musste und das zwangsläufig keinen Ersatz zuließ. Diese grundlegende Akzeptanz unseres Geworden-Seins lässt uns auch milde auf unser Lebensende blicken und reduziert unsere Todesangst – statt verzweifelt und verbittert mit dem, was ist, zu hadern, werden wir weise.

 

Wir sehen, dass jedes Alter eine weitere Entwicklungsaufgabe mit sich bringt. Gelingt es uns nicht, die in den jeweiligen Phasen auftauchenden Herausforderungen zu meistern, bleiben wir in unserer Entwicklung „stecken“. Jeder nicht vollzogene Entwicklungsschritt kann das weitere Leben belasten und in einer späteren Phase als Blockade wieder auftreten. Nehmen wir ein Kind, dessen Eltern seine Bedürfnisse nie prompt und feinfühlig genug beantwortet haben: Schlimmstenfalls wird daraus ein:e misstrauische:r Erwachsene:r mit einem schlechten Selbstwertgefühl, der oder die Schwierigkeiten hat, Scham- und Schuldgefühle zu regulieren. Minderwertigkeitsgefühle führen zu einer Identitätsschwäche und großen Schwierigkeiten, Beziehungen einzugehen, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Vielleicht geht dieser Mensch unglückliche Beziehungen ein, in denen er sich einsam und leer fühlt, oder er bleibt allein, kapselt sich ab und vereinsamt. Blickt er als alter Mensch auf sein Leben zurück, erfüllen ihn Bedauern und eine tiefe Enttäuschung, die zu Depressionen führen kann. Diese sehr düstere Beschreibung eines Lebens ist die Folge vieler nicht vollzogener Entwicklungsschritte, die bereits in der frühen Kindheit begannen.

Entwicklungsschwierigkeiten können auftreten, wenn die Eltern zu wenig loslassen, aber auch, wenn sie das Kind zu früh in die Selbstständigkeit schubsen. Lebens- und Bindungsängste sind oft die Folge.

Wenn ein Kind zu früh zu viel Verantwortung und Selbstständigkeit erhält, entwickelt sich oft eine Pseudo-Autonomie: Ein grandioses inneres Kind entsteht. Dieses grandiose innere Kind wehrt die reale Überforderung ab und sorgt dafür, dass wir uns mächtig und fähig fühlen. Gleichzeitig überschätzt es sich konstant und verhindert, dass wir in wirklichen Kontakt mit anderen und unseren eigenen Gefühlen treten. Denn Menschen, die eine Pseudo-Autonomie entwickelt haben, lehnen ihre weichen, bedürftigen Seiten oft ab. Ihre Glaubenssätze lauten: „Das schaffe ich allein. Ich brauche niemanden.“ Das stimmt natürlich nur bedingt. Und so entsteht in den Momenten, in denen sie andere brauchen und dies nicht äußern oder deren Hilfe sogar zurückweisen, eine tiefe Verzweiflung und das Gefühl, mutterseelenallein zu sein. Im Anschluss werden sie oft sehr wütend und machen dem Gegenüber bittere Vorwürfe, sei es auch nur versteckt im Inneren: „Du hättest doch sehen müssen, was ich brauche.“ Die Missverständnisse, Enttäuschungen und Beziehungsschwierigkeiten, die durch diese Pseudo-Autonomie entstehen können, liegen auf der Hand. So erklärt sich auch der folgende Satz von Donald Winnicott, einem der Pioniere der Bindungsforschung: „Für die Reife ist es notwendig, dass der Mensch nicht zu früh reif wird und nicht zu einem gefestigten Individuum wird, wenn er seinem Alter nach noch relativ abhängig sein sollte.“[ii]

 

Auch bei Menschen, die sich weigern, altersgemäß Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen, liegt eine deutliche Störung der Entwicklung vor. Sie verhalten sich oftmals kindisch – und tatsächlich agieren sie in jenen Momenten vorrangig mit ihren kindlichen Anteilen, die einst nicht ausreichend versorgt wurden und die sie heute unbewusst blockieren, die nächsten Reifeschritte zu gehen. So kann manch überfälliger Schritt in die Unabhängigkeit – wie beispielsweise aus dem Elternhaus auszuziehen, sich finanziell auf eigene Beine zu stellen, eine Partnerschaft einzugehen oder das eigene Leben grundsätzlich nach eigenen Vorstellungen zu führen – für die Betroffenen Furcht einflößend bis unmöglich erscheinen.

Schauen wir uns ein paar Meilensteine der Ablösung einmal genauer an: Was uns dabei im Weg stehen, aber auch, was uns helfen kann, sie zu bewältigen.


[1] Als differenziert werden Menschen bezeichnet, die emotional reif und unabhängig sind. Sie bewahren in engen wie in konfliktreichen Beziehungen ihr stabiles Selbst.

[i] Erikson 1966.

[ii] Winnicott 1978/2017.

Sandra Konrad

Über Sandra Konrad

Biografie

Dr. Sandra Konrad ist Diplom-Psychologin und arbeitet seit über 20 Jahren als systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin in eigener Praxis in Hamburg. In ihrer wissenschaftlichen und therapeutischen Arbeit untersucht sie transgenerationale Übertragungen – also den starken Einfluss der...

Sandra Konrad im Interview zum Buch

In Ihrem Buch geht es um die Abnabelung von den eigenen Eltern. Warum ist das auch für erwachsene Kinder noch ein Problem? 
Weil die emotionale Abnabelung von den Eltern ein lebenslanger Prozess und eine der schwierigsten Aufgaben unseres Lebens ist. Tatsächlich sind viele Erwachsene mit ihren Eltern noch unbewusst verstrickt. Sie geben ihren Eltern zu viel Macht, sie kreisen mit ihrem Denken und Fühlen noch sehr um die Eltern und sind insgesamt zu abhängig von ihnen und ihrer Zustimmung.  
Viele Menschen haben zudem elterliche Botschaften und Aufträge so verinnerlicht, dass sie sich blind von ihnen leiten lassen und schlimmstenfalls dadurch sehr unglücklich werden.  

Woran merkt man denn, dass man sich noch nicht gesund von den Eltern gelöst hat?  
Ärger über zu viel elterliche Einmischung, obwohl wir schon längst unser eigenes Leben führen, Enttäuschung über fehlende Unterstützung, ständige Schuldgefühle oder scheinbar unlösbare Konflikte – all das können Anzeichen dafür sein, dass wir mit den Eltern noch verstrickt sind.  
Glücklicherweise gibt es einen Ausweg aus frustrierenden Eltern-Kind-Beziehungen: Unsere bewusste Ablösung. 

Was kann passieren, wenn man sich nicht von seinen Eltern lösen kann? Haben Sie Extrembeispiele aus Ihrer Praxis? 
Unabgelöste Menschen leiden oft unter starken Schuldgefühlen den Eltern gegenüber. Oder sie sind ständig enttäuscht, dass die Eltern nicht so sind, wie sie es sich wünschen würden. Unsere kindlichen Anteile und Opfergefühle bestimmen dann unser Leben, wir fühlen uns ausgeliefert und machtlos. Das kann soweit gehen, dass Menschen regelrecht an ihrem Leben und ihrem Glück vorbeileben – sie wählen Partner:innen, Berufe oder Lebenswege, die den Eltern gefallen, für sie selbst aber gar nicht passend sind. Im Extremfall gelingen Menschen existenzielle Entwicklungsschritte nicht, wie beispielsweise der Auszug aus dem Elternhaus, die finanzielle Unabhängigkeit oder eine Partnerschaft einzugehen. Manche sind blockiert aufgrund verdeckter elterlicher Aufträge, die es ihnen verbieten, ein glücklicheres Leben als ihre Eltern zu führen.  
Aber auch nach außen hin vermeintlich erfolgreiche und im Leben stehende Menschen können innerlich noch nicht abgelöst sein und sehr darunter leiden. Oftmals ist diese Ablösungsthematik völlig unbewusst, besonders, wenn sie sich eher in Konflikten mit den Partner:innen oder Kindern, mit Geschwistern oder im Arbeitsumfeld zeigt. Andere Nahestehende werden dann anstelle der Eltern bekämpft oder es werden kindliche Sehnsüchte auf sie gerichtet, die eigentlich den Eltern gelten. Mangelnde Ablösung wirkt sich also negativ auf unser gesamtes Leben und all unsere Beziehungen aus.  

Ist Ablösung ein einseitiger Prozess? Oder müssen auch die Eltern sich lösen? 
Ablösung ist keine Einbahnstraße, auch für Eltern ist es wichtig, ihre Kinder altersangemessen loszulassen. Wer sein Kind liebt und ihm ein guter Bindungspartner ist, gibt ihm Sicherheit, fördert es aber gleichzeitig in seiner Selbstständigkeit. Gute Eltern geben ihren Kindern Wurzeln und Flügel, sie vertrauen ihren Kindern und stärken somit ihr Selbstvertrauen. Um den Ablösungsprozess der Kinder zu unterstützen, ist es übrigens hilfreich, sich selbst gesund von den Eltern abgelöst zu haben. Denn je abgelöster und reifer Eltern sind, desto eher können sie ihre Kinder in ihrer Autonomieentwicklung unterstützen. 

Was für eine Rolle spielt die Partnerwahl bei der Ablösung von den Eltern? 
Eine Liebesbeziehung einzugehen ist ein großer Ablösungsschritt, denn wir wählen nun selbst eine Bindungsperson aus, mit der wir unser Leben teilen und vielleicht sogar unsere eigene Familie gründen.  
Je unabgelöster wir sind, desto schwieriger gestaltet sich die Partnerwahl. Um die Eltern nicht verlassen oder enttäuschen zu müssen, bleiben manche entweder Single, oder sie wählen unbewusst immer wieder Menschen, die für sie unerreichbar sind, die sie zurückweisen oder die aus verschiedensten Gründen nicht in der Lage sind, eine ernsthafte Beziehung mit ihnen einzugehen. 
Und selbst, wenn es gelingt, eine Beziehung zu führen, vermeiden unabgelöste Menschen oft einen bedeutenden Entwicklungsschritt: Die Loyalität, die bisher vor allem der Herkunftsfamilie galt, nun auf den Partner oder die Partnerin ausweiten. Diese Loyalitätsverschiebung ist sowohl für viele unabgelöste Kinder, als auch für viele Eltern eine Herausforderung, mitunter gar eine Bedrohung. Besonders in symbiotischen und hohe Loyalität einfordernden Familien werden die Partner:innen der Kinder oft abgelehnt, wenn sie die alten Regeln und Gesetze infrage stellen. Diese Konflikte können zur Trennung des Paares führen – oder sie werden als Chance genutzt, sich gesünder von den Eltern abzugrenzen. Denn nicht wenige Menschen suchen sich unbewusst starke Partner:innen, die ihnen bei der Ablösung helfen.  

Was kann man tun, wenn die Eltern die Ablösung nicht zulassen? 
Da kann ich beruhigen – Eltern können die eigene Ablösung erschweren, aber sie können sie nicht verhindern, denn erwachsen sein bedeutet ja, Verantwortung für das eigene Leben zu tragen. Wenn Eltern Schwierigkeiten haben, ihre Kinder loszulassen, quälen sich die Kinder oft mit Schuldgefühlen. Oder sie werden so ohnmächtig und wütend auf die Eltern, dass sie überlegen, den Kontakt abzubrechen, um sich aus der Umklammerung zu befreien. Aber egal, ob die Eltern die Selbstständigkeit ihrer Kinder unterstützen oder sie zu stark an sich binden - Kinder sind nicht auf der Welt, um die Erwartungen der Eltern zu erfüllen. Wir werden geboren, um unser Leben zu führen, um unsere Geschichte zu schreiben.  

Pressestimmen
Stern online

„Das Buch ist verständlich und alltagsnah geschrieben, greift unterschiedliche Situationen auf und regt dazu an, sich mit der eigenen Kindheit und den eigenen Familienstrukturen, vielleicht auch der Erziehung der eigenen Kinder tiefergehend zu beschäftigen.“

Psychologie Heute

„Die Lektüre wird zu einem emotionalen Lehrstück.“

KirchenZeitung

„Wer Lust hat, seine Gefühle in puncto Eltern zu reflektieren und eigenen irrationalen Verhaltensweisen gegenüber Partnern, Geschwistern oder Kollegen auf den Grund zu gehen, kann mit diesem Buch einige Entdeckungen machen. Es bleibt nicht bei der Analyse des Ist-Zustands stehen, sondern gibt Übungen an die Hand, um sein Leben neu in die Hand zu nehmen.“

Magdeburger Volksstimme

„Wie man diese Verstrickung erkennen und sich aus ihr lösen kann, schildert die Autorin auf gut nachvollziehbare Weise. Ein Buch, das den Blick für neue Wege öffnet.“

Podcast „femtastics Deep Dive“

„Wir empfehlen das Buch wärmstens.“

Freundin

„Versöhnt bei Konflikten und öffnet die Augen.“

SAT 1 „Frühstücksfernsehen“

„Ein ganz ganz wichtiges Buch.“

Soul Sister

„Einfach lesenswert!“

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