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Moshé FeldenkraisMoshé Feldenkrais

Moshé Feldenkrais

Der Mensch hinter der Methode

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Moshé Feldenkrais — Inhalt

Die weltweit erste Biografie über Moshé Feldenkrais

Die Feldenkrais-Methode ist weltberühmt, doch der Mensch, nach dem sie benannt wurde, nahezu unbekannt. Zu seinen Schülern zählten David Ben-Gurion, Moshé Dayan, Margaret Mead und Yehudi Menuhin. Der promovierte Ingenieur entdeckte, was Gehirnforscher erst seit wenigen Jahren belegen können: dass Körper und Geist eine Einheit bilden, dass es eine »Muskulatur der Seele« gibt und das Gehirn durch bestimmte Bewegungsabläufe beeinflusst werden kann. Christian Buckard erzählt die abenteuerliche Geschichte des charismatischen Forschers – ein Jahrhundertleben.

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 03.07.2017
368 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31092-5
€ 11,99 [D], € 11,99 [A]
Erschienen am 14.09.2015
320 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7842-1

Leseprobe zu »Moshé Feldenkrais«

1  |  Kopfstand in Zion

 

An einem Septembermorgen des Jahres 1957 legen sich die Journalistin Tikvah Weinstock und ein Fotograf am Strand des israelischen Badeorts Herzliya auf die Lauer. Ihr Auftrag ist es, ein Foto von David Ben-Gurion, dem siebzigjährigen Staatsgründer und Premierminister, zu schießen. Ein besonderes Foto soll es werden, denn die Zeitung Maariv hat erfahren, dass sich der notorisch unsportliche Ben-Gurion angewöhnt hat, am Strand gegenüber dem Hotel Ha-Sharon auf dem Kopf zu stehen. Um 9:30 Uhr, nach zwei Stunden Wartezeit, erspähen [...]

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1  |  Kopfstand in Zion

 

An einem Septembermorgen des Jahres 1957 legen sich die Journalistin Tikvah Weinstock und ein Fotograf am Strand des israelischen Badeorts Herzliya auf die Lauer. Ihr Auftrag ist es, ein Foto von David Ben-Gurion, dem siebzigjährigen Staatsgründer und Premierminister, zu schießen. Ein besonderes Foto soll es werden, denn die Zeitung Maariv hat erfahren, dass sich der notorisch unsportliche Ben-Gurion angewöhnt hat, am Strand gegenüber dem Hotel Ha-Sharon auf dem Kopf zu stehen. Um 9:30 Uhr, nach zwei Stunden Wartezeit, erspähen die Journalisten die Gestalt des stämmigen und weißhaarigen Ben-Gurion, der in Begleitung seiner beiden Leibwächter das Hotel verlässt. Der Premierminister trägt leichte Baumwollkleidung. Er hat offensichtlich noch nicht vor, zum Strand hinunterzugehen. Zuerst steht ein Morgenspaziergang der energischen Art auf dem Programm. In einem Restaurant am Strand weiß man Bescheid: Ben-Gurion wird erst gegen Mittag an den Strand gehen.

Kurz nachdem der Premierminister gegen 12:00 Uhr ins Hotel zurückgekehrt ist, tritt seine Ehefrau Pola vor den Eingang. Dann marschiert sie zum Strand hinunter. Die Journalisten wagen es, sich der Frau im Badeanzug zu nähern. »Das mit dem Kopfstand«, erzählt sie,

ist wirklich eine ungewöhnliche Sache. Die Idee dahinter ist, dass beim Kopfstand Herz und Lungen besser durchblutet werden. Diese Methode stammt von Dr. Feldenkrais. Er ist Spezialist, wenn es um die Beziehung zwischen Körper und Geist geht. Er sagt, dass man über das Gehirn jeden Muskel des Körpers bewegen kann. Ben-Gurion ist sicher, dass Feldenkrais ihm sehr geholfen hat. Ich selbst mache keinen Kopfstand. Dafür ist mein Kopf zu klein. Ich bin schon froh, wenn ich auf den Beinen stehen kann.

Im November des vorangegangenen Jahres hatte das noch anders geklungen. Da war die resolute gelernte Krankenschwester Pola noch überzeugt gewesen, dass Dr. Moshé Feldenkrais – den sie »Mr. Hokuspokus« nannte – nur die wertvolle Zeit ihres vielbeschäftigten und leidgeplagten Ehemanns verschwende. Schon in seiner Jugend hatte Ben-Gurion unter Rückenschmerzen gelitten, doch seit einigen Jahren traten Anfälle von Lumbago, dem sogenannten Hexenschuss, in immer kürzeren Abständen auf. Die Schmerzen waren mitunter so schlimm, dass er das Bett hüten musste. Nicht genug damit, war Ben-Gurion 1955 zeitweise unfähig gewesen, vom Bett aufzustehen, ohne sofort von Schwindel gepackt zu werden. Auch wenn diese Schwindelanfälle schließlich verschwunden waren, so hatte der Premierminister aufgrund des Lumbago doch zunehmend Schwierigkeiten, in ein Auto zu steigen, und konnte sich vor aller Augen nur noch mit Mühe aus seinem Stuhl in der Knesset erheben. Auf Auslandsreisen erhielt er Spritzen, damit er nicht unter den Schmerzen zusammenbrach. Keiner seiner Ärzte hatte ihm dauerhaft helfen können. Schmerzmittel und ein Stützkorsett, das war die einzige Therapie, die ihnen eingefallen war. Und als ihn Anfang November 1956 ein neuer schlimmer Anfall von Lumbago ans Bett fesselte, war Ben-Gurions Energie mehr denn je gefordert: Die israelische Armee kämpfte sich Richtung Suezkanal vor, um die Meerenge von Tiran wieder für israelische Schiffe passierbar zu machen und um gegen die Terroristen vorzugehen, die von Gaza aus fast wöchentlich Israelis ermordeten. Die Aktion war in Koordination mit Großbritannien und Frankreich geplant worden, doch drängte der US-Präsident die Israelis zum Rückzug, und die Sowjetunion drohte mit einer Intervention im Nahen Osten, sogar mit der Bombardierung von Paris und London. Und ausgerechnet in dieser angespannten politischen Situation war Ben-Gurion unfähig, auch nur das Haus zu verlassen. Jetzt plagten ihn nicht nur Rückenschmerzen, er litt sogar an einer Lungenentzündung.

Ben-Gurions Freund, Professor Aharon Katzir, besuchte den Premierminister in dessen Haus auf dem Keren-Hakayemet-Boulevard und schlug ihm vor, sich an Dr. Feldenkrais zu wenden. Ben-Gurion erinnerte sich, dass er den Namen schon einmal gehört hatte: Einige Jahre zuvor hatte er einen Brief erhalten, in dem ihm ein besorgter Bürger ebenfalls geraten hatte, einen »Dr. Feldenkrais« um Hilfe zu bitten. Er hatte den Brief nicht ernst genommen und weggeworfen. Etwas anderes war es jedoch, wenn Professor Katzir, einer der angesehensten Wissenschaftler Israels, überzeugt von Feldenkrais’ Methode war. Vor wenigen Jahren, so konnte Katzir Ben-Gurion erzählen, sei Feldenkrais extra aus London nach Israel geflogen, um den angeblich unheilbar kranken Bruder eines gemeinsamen Bekannten erfolgreich zu behandeln. Auch Israels berühmteste Schauspieler Aharon Meskin und Chanah Rovinah sowie Katzir selbst nahmen schon seit Jahren bei Feldenkrais Unterricht. Und welche Wahl hatte der Premierminister schon, da doch die Schulmedizin mit seinem Fall heillos überfordert schien? Entgegen den Warnungen Polas und seiner Ärzte teilte Ben-Gurion dem besorgten Katzir schließlich mit, dass er vielleicht bereit sei, dem promovierten Ingenieurwissenschaftler Feldenkrais eine Chance zu geben.

Wenige Tage später erschien Katzir wieder in Ben-Gurions Tel Aviver Haus. In seiner Begleitung befand sich ein mittelgroßer, breitschultriger Mann mit freundlichem, breitem Gesicht und den kräftigen Händen eines Bauarbeiters. Offensichtlich war er nicht nur ein Mann des Geistes, sondern auch der Tat. Und obwohl der Mann fließend Hebräisch sprach, verriet sein Akzent, dass er – wie Ben-Gurion selbst – ein osteuropäischer Jude war.

Ben-Gurion war ein Mann, der stets ohne Umschweife zur Sache kam: »Ich habe das größte Vertrauen in Aharon«, sagte er zu Feldenkrais, »aber wie willst du mich davon überzeugen, dass deine Methode wirklich gut ist?« Moshé Feldenkrais akzeptierte Ben-Gurions Skepsis und antwortete ruhig: »Ich kann viele Namen von Leuten nennen, die du kennst und die bei mir gelernt haben. Dann kannst du überlegen, wen davon du befragen möchtest. Oder ich gebe dir Dankes- und Lobesbriefe von anderen ziemlich berühmten Menschen, die bei mir gelernt haben. Oder ich gebe dir meine Bücher zum Lesen. Oder aber du entscheidest dich dafür, meine Methode direkt von mir zu lernen.«

»Und wie lange müsste ich bei dir lernen?«

»Da du kein junger Mann mehr bist und dein Gesundheitszustand auch nicht allzu gut ist, bräuchtest du schon siebzig Unterrichtsstunden«, räumte Feldenkrais ein. »Wenn du aber gar nicht erst vorhast, wirklich alle Termine einschließlich des letzten wahrzunehmen, dann rate ich dir, gar nicht erst mit dem Unterricht anzufangen. Aber«, so fügte er hinzu, »vielleicht bist du ja auch schon zu alt, um dich zu ändern.«

Dieser letzte Satz war eine gezielte Provokation, denn Fel­denkrais war zutiefst überzeugt davon, dass Menschen jeden Alters dazulernen und sich verbessern können. Und vielleicht hatte er instinktiv gespürt, was Ben-Gurion wirklich Sorgen bereitete: die vermeintlich unaufhaltbaren und naturbedingten körperlichen und geistigen Verfallserscheinungen des Alters; das Gefühl, so viel tun zu müssen und gemessen an der Größe der Aufgaben kaum noch Zeit dafür zu haben. Ungeachtet seiner Erfolge stand auch der 52-jährige Feldenkrais selbst zu diesem Zeitpunkt erst am Anfang seiner Pionierarbeit. Auch er musste befürchten, dass ihm keine Zeit mehr bliebe, seine ambitionierten Träume zu verwirklichen. Aber vielleicht würde er einen entscheidenden Schritt weiterkommen, wenn es ihm gelang, Ben-Gurion als Schüler zu gewinnen? Dass er dem Staatsgründer helfen konnte, sich selbst zu helfen, daran dürfte Feldenkrais keine Sekunde gezweifelt haben. Und eine Ehre würde es sowieso sein, Ben-Gurion als Schüler zu haben: Mochten viele Israelis auch über den »Alten« schimpfen und seine Politik kritisieren, so war der weißhaarige Ben-Gurion doch derjenige, der das Unmögliche möglich gemacht und den jüdischen Staat gegründet hatte. Ein sozialistischer Messias in kurzen Khakihosen. Ein Vater, gegen den man rebelliert. Aber eben doch ein Vater.

Ben-Gurion erklärte sich einverstanden, es mit Feldenkrais zu probieren. Er schlug vor, jeden Tag eine Stunde Unterricht bei ihm zu nehmen. Moshé bezweifelte, dass er über zwei Monate lang jeden Tag Zeit für den Premierminister haben würde, doch Ben-Gurion ließ diesen Einwand nicht gelten: »Ich habe jeden Tag Zeit, dich zu sehen, und ich bin genauso beschäftigt wie du!« Noch Jahre später schwärmte Feldenkrais:

Seine eigenen Fähigkeiten zu verbessern, das erfordert Zeit. Ohne die Beherrschung der Zeit gibt es kein Wissen, keine Liebe und keine Verbesserung des Könnens. Das Erste, was mich bei unserem Kennenlernen völlig verblüffte, war, wie viel freie Zeit sich Ben-Gurion nimmt. Dieser Mann, der ja wirklich nicht wenig zu tun hat, findet jeden Tag noch viele Stunden Zeit zu lernen und zu lesen. […] Seine Fähigkeit, die Arbeit liegen zu lassen und sich augenblicklich einer anderen Sache zuzuwenden, ist wirklich ganz erstaunlich. Das muss man gesehen haben.

Schon wenige Tage nach ihrer ersten Begegnung wurde Feldenkrais Zeuge, wie souverän und lässig sich Ben-Gurion Zeit nahm: Während Levi Eshkol und andere Minister im Salon seines Hauses auf einen Anruf des US-Präsidenten Eisenhower warteten, erschien Moshé zur verabredeten Unterrichtsstunde. Sofort gingen Ben-Gurion und sein Lehrer zum »Feldenkrais-Unterricht« in den ersten Stock. Überraschungen waren ja ohnehin nicht zu erwarten: Der amerikanische Präsident, der sich weigerte, Israel Waffen zu liefern, würde ja nur wieder einmal fordern, dass die israelische Armee sich aus den besetzten Gebieten in Ägypten zurückziehen solle. Natürlich rief Eisenhower genau während der Unterrichtsstunde an, und natürlich unterbrach Ben-Gurion seine Lektion für keine Sekunde. Erst nachdem er und Felden­krais ihre Arbeit beendet hatten, ließ er sich erzählen, was der US-Präsident gesagt hatte. Dann ging Ben-Gurion zu seinen Ministern und teilte es ihnen mit.

Ben-Gurions Vertrauen in Feldenkrais Können war spätestens restlos gesichert, nachdem dieser zum Entsetzen Polas und der Ärzte eines Tages vorgeschlagen hatte, einen Fieberanfall des Premiers durch bestimmte Bewegungsabläufe zu senken – und es geschafft hatte.

Doch so eifrig und vertrauensvoll Ben-Gurion auch bei der Sache war, nach zwei Monaten Feldenkrais-Unterricht schien ihm immer noch nicht ganz klar zu sein, worin der Sinn dieser vorsichtigen und langsamen Bewegungsabläufe bestand, zu denen Moshé ihn aufforderte. »Feldenkrais kam wieder vorbei, um mir die Muskeln zu strecken«, notierte Ben-Gurion am 1. Januar 1957 in sein Tagebuch. Immerhin: Dank Moshé war der »Alte« bald seine Rückenschmerzen los. Ebenso wie seine chronische Heiserkeit, die von einer Überanstrengung der Stimme verursacht worden war. Der Premierminister wurde geradezu »süchtig nach dem Feldenkrais-Unterricht«. Eine Rolle dürfte dabei auch gespielt haben, dass Ben-Gurion inzwischen von Moshé erfahren hatte, bei dem Unterricht gehe es eigentlich weniger um bewegliche Körper als vielmehr um bewegliche Gehirne. »Was Ben-Gurion am meisten bedrückte, war, dass sein Gedächtnis schlechter wurde«, erinnert sich Zeev Zachor. »Sein Gedächtnis war so etwas wie eine politische Waffe. Er war immer in der Lage gewesen, sich daran zu erinnern, was Leute gesagt hatten. Wörtlich! Und in seinen Siebzigern spürte er, dass sein Gedächtnis nachließ. Und so begann er Bücher zu lesen, über die Funktionsweise des Gehirns, über das Gedächtnis, er machte sich da wirklich schlau.«

Am Anfang der Behandlung hatte Feldenkrais Ben-Gurion versprochen, mit Hilfe seiner Methode »nicht nur Freude am Zionismus, sondern am eigenen Körper« zu finden. Abwesenheit von Schmerz war zwar schon ein wichtiger Schritt auf diesem Weg, doch Moshé wollte mehr erreichen. Seit langem schon war er davon überzeugt, dass nur derjenige wirklich gesund ist, der es schafft, seine geheimen Träume zu verwirklichen. Und bald fand Feldenkrais in Gesprächen mit Ben-Gurion heraus, dass dieser immer schon davon geträumt hatte, einen Kopfstand zu machen. Ein Wunsch, der vielleicht auch durch Ben-Gurions Interesse am Buddhismus und seine enge Freundschaft mit dem burmesischen Premierminister U Nu verstärkt wurde. Allerdings traute sich der Mann, der den ersten jüdischen Staat in Eretz Israel, im Land Israel, nach 2000 Jahren Exil gegründet hatte, nicht zu, einen Kopfstand zu machen. Er traute sich nicht einmal zu, mit beiden Füßen gleichzeitig von einem Hocker zu springen. Mit anderen Worten: David Ben-Gurion hatte, was den eigenen Körper betraf, ein eher kümmerliches Selbstbild. Zwar war er schon als Kind keiner Prügelei aus dem Weg gegangen, doch was sportliche Aktivitäten betraf, hatte er sich nie hervorgetan. Und als Ben-Gurion dann 1906 nach Eretz Israel gekommen war, hatte er harte körperliche Arbeit verrichtet, die er aber – geschwächt von Malaria und Hunger – nicht lange durchgehalten hätte. Das Angebot, für die linke Tageszeitung Achdut zu schreiben, rettete ihm wahrscheinlich das Leben. Und so hatte er seit 1910 vor allem mit dem Kopf gearbeitet und den Rest seines Körpers notgedrungen mit durchs Leben geschleppt. Kein Wunder also, dass er sich im Alter von siebzig Jahren nicht vorstellen konnte, wozu er – ungeachtet seines Alters und der jahrzehntelangen Unterforderung seines Körpers – tatsächlich in der Lage war.

Ben-Gurion glaubte Feldenkrais zwar, dass dieser in der Lage sei, ihm den Kopfstand beizubringen, aber würde er diesen Erfolg auch überleben? Diese Frage kam nicht von ungefähr, denn als bekannt wurde, dass es in Feldenkrais’ Unterricht mittlerweile darum ging, den Regierungschef auf den Kopf zu stellen, lief das medizinische Establishment Amok. Führende Ärzte warnten Ben-Gurion, dass es seinen sicheren Tod bedeute, wenn er ungeachtet seines chronisch hohen Blutdrucks einen Kopfstand mache. Ben-Gurions Feldenkrais-Unterricht wurde plötzlich zur Frage der nationalen Sicherheit, mehr noch, es ging um die Zukunft des jüdischen Staates! Als Ben-Gurion seinen Freund fragte, was er über die Warnungen der Ärzte denke, antwortete dieser:

Ich könnte dir sagen, dass das Risiko für mich größer ist als für dich. Denn wenn du während des Unterrichts stirbst, was kümmert es dich dann, was nach deinem Tod passiert? Doch ich werde nicht sterben, sondern bis an mein Lebensende mit einem Makel herumlaufen, die Leute werden sagen: Seht, das ist der Mann, der Ben-Gurion ermordet hat! Außerdem würde ich bestimmt im Gefängnis landen, denn sowohl du als auch ich wurden ja gewarnt.

Und dann erklärte Feldenkrais Ben-Gurion, warum es für diesen wichtig sei, auf dem Kopf zu stehen: »Du kannst Leuten Befehle erteilen, und du kannst einen Staat errichten«, sagte er, »aber seit deiner Kindheit bist du nicht mehr wirklich gewachsen, weil du eben nie etwas mit deinen Füßen oder Händen getan hast, woran du Spaß gehabt hättest!«

Natürlich sei Ben-Gurion großartiger als jeder andere Mensch, räumte Feldenkrais ein, aber eben nicht in seinem tiefsten Inneren. Er habe jetzt die Chance, ein größerer und sogar noch großartigerer Ben-Gurion zu werden. »Das will ich dir geben. Und deswegen, gehe und mache es.« Die Antwort des Premierministers war klar: »Ani ma‹amin lecha. Ich glaube dir.« Der Glaube seines Schülers reichte Feldenkrais allerdings nicht: Wenn Ben-Gurion nicht zuerst begreifen und dann tun konnte, solle er zuerst tun und dadurch begreifen! Und so würde er beispielhaft erleben, dass er viel mehr konnte, als er sich je zugetraut hatte!

Es spricht für Feldenkrais, dass er das gesundheitliche Risiko für den alten Mann nicht leugnete. Jahrzehnte später beteuerte Feldenkrais, er habe Ben-Gurion zwei Jahre lang behutsam und Schritt für Schritt darin unterrichtet, auf dem Kopf zu stehen. Dies war eine leichte Übertreibung, denn bereits am 4. Juli 1957 notierte Ben-Gurion in sein Tagebuch: »Heute begannen wir mit den ersten Schritten zum Erlernen des Kopfstands.«

Zwei Monate übte Ben-Gurion bereits den Kopfstand, als er schließlich in Begleitung von Pola und »Mr. Hokuspokus« nach Herzliya aufbrach, um dort im Hotel Ha-Sharon sein Verjüngungs- und Gesundheitsprogramm fortzusetzen. Die strenge Diät, die er dort absolvieren wollte, ging allerdings nicht auf das Konto seines Lehrers, denn Feldenkrais hielt grundsätzlich nichts von Diäten. Genauso wenig sah er es ein, mit dem Rauchen aufzuhören. Prinzipien waren nie seine Sache gewesen. Prinzipien und ein offener Geist – das passte seiner Überzeugung nach nicht zusammen. Und so war es sein einziges Prinzip, keine Prinzipien zu haben: »Wer nach Prinzipien lebt, der ruiniert das Leben seiner Mitmenschen!« Ein Widerspruch, mit dem Moshé gut leben und noch besser arbeiten konnte.

Christian Buckard

Über Christian Buckard

Biografie

Christian Buckard, geboren 1962, freier Autor, studierte Judaistik und Niederländische Philologie in Jerusalem, Amsterdam und Berlin. 2004 veröffentlichte er eine Biographie über Arthur Koestler, 2012 erhielt er den Deutsch-Französischen Journalistenpreis. Christian Buckard lebt in Berlin.

Pressestimmen

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»Jedem Interessenten, der Feldenkrais gemacht hat oder daran interessiert ist, ist das Buch ohne Vorbehalt als Hintergrundlektüre zu empfehlen.«

Inhaltsangabe

Inhalt

 

01 | Kopfstand in Zion

02 | Die grünen Hügel von Kremenez

03 | Im Weltenbrand

04 | Moshés Weg ins Freie

05 | Junge Menschen, altes Land

06 | Überleben, leicht gemacht

07 | Zwischen Zelt und Schulbank

08 | Alles auf Anfang

09 | Monsieur Feldenkrais

10 | Rasende Atome und fallende Judoka

11 | Auf der Flucht

12 | Rettung in den Blitz

13 | Entdeckungen in Schottland

14 | Moshé öffnet die Fenster

15 | Belsize Grove Nummer 8

16 | Falling in Love

17 | Moshé kehrt heim

18 | Dr. Feldenkrais, Tel Aviv

19 | Moshés großer Plan

20 | New York, New York

21 | Die ersten dreizehn Studenten

22 | In die Welt hinaus

23 | Ein Guru wider Willen

24 | Ende und Anfang

Epilog

Nachwort Lea Wolgensinger

       

Anmerkungen

Zeittafel

Literatur

Dank

Register

Bildnachweis          

Kommentare zum Buch

Moshe Feldenkrais - Der Mensch hinter der Methode
Silke Billig am 26.08.2016

Lieber Christian! Ich wollte nur schnell eine Zeile aus dem kanadischen Outback schicken und Sie wissen lassen, wie sehr ich Ihr Buch genossen habe. Obwohl ja mittlerweile im englischsprachigen Raum die erste Hälfte von Moshes Biografie von Mark Reese bzw. seiner Witwe erschienen ist, finde ich Ihr Buch weitaus unterhaltsamer und lesbarer. Um ehrlich zu sein, habe ich es in 24 Stunden regelrecht verschlungen. Ich bin seit 17 Jahren Feldenkrais-Lehrerin und habe mich gefreut, nochmals an bestimmte Prinzipien erinnert zu werden. Moshes Arbeit ist ja so umfangreich, dass man da schon mal den ein oder anderen Aspekt aus den Augen verlieren kann... Nochmals herzlichen Dank und Glückwunsch zu den Auszeichnungen, die Sie meiner Meinung nach mehr als verdient haben! Silke Billig Sechelt, BC, Kanada

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