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Moralische UnordnungMoralische Unordnung

Moralische Unordnung

Roman

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Moralische Unordnung — Inhalt

In ihrem Roman führt uns Margaret Atwood mitten hinein in ihr eigenes Leben: Sie erzählt die Geschichte von Nell, schildert deren kluge, lebenstüchtige, aber kühle Mutter, den Vater, einen Insektenforscher, und die viel jüngere, kapriziöse und psychisch labile Schwester. Als Nell das Elternhaus verlässt, verdient sie ihr erstes Geld als freie Lektorin. Sie lernt den Mann ihres Lebens, Tig, kennen, der aber noch mit Oona verheiratet ist und zwei Söhne hat. Von dieser Ehe kann Tig sich nur sehr langsam lösen, bis Oona Tig und Nell schließlich zusammenbringt, dann jedoch nicht aushält, was sie angerichtet hat.

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 02.10.2017
Übersetzt von: Malte Friedrich
256 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31349-0
€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 13.10.2014
Übersetzt von: Malte Friedrich
256 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7802-5

Leseprobe zu »Moralische Unordnung«

DIE SCHLECHTEN NACHRICHTEN

Es ist Morgen. Die Nacht erst einmal überstanden. Zeit für die schlechten Nachrichten. Ich stelle mir die schlechten Nachrichten als riesenhaften Vogel vor, mit Krähenflügeln und dem Gesicht meiner Lehrerin in der vierten Klasse samt dünnem Haarknoten, schlechten Zähnen, ewig gerunzelter Stirn, verkniffenem Mund und dem ganzen Rest. Dieser Vogel segelt im Schutz der Dunkelheit um die Welt, freudig überbringt er schlimme Neuigkeiten, er trägt einen Korb mit faulen Eiern, und bei Sonnenaufgang weiß er genau, wo er die fallen [...]

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DIE SCHLECHTEN NACHRICHTEN

Es ist Morgen. Die Nacht erst einmal überstanden. Zeit für die schlechten Nachrichten. Ich stelle mir die schlechten Nachrichten als riesenhaften Vogel vor, mit Krähenflügeln und dem Gesicht meiner Lehrerin in der vierten Klasse samt dünnem Haarknoten, schlechten Zähnen, ewig gerunzelter Stirn, verkniffenem Mund und dem ganzen Rest. Dieser Vogel segelt im Schutz der Dunkelheit um die Welt, freudig überbringt er schlimme Neuigkeiten, er trägt einen Korb mit faulen Eiern, und bei Sonnenaufgang weiß er genau, wo er die fallen lässt. Auf mich zum Beispiel.

Bei uns zu Hause kommen die schlechten Nachrichten in gedruckter Form an. Tig trägt die Zeitung die Treppe herauf. Tig heißt eigentlich Gilbert. Es ist unmöglich, Leuten, die eine andere Sprache sprechen, Spitznamen zu erklären – nicht, dass ich das oft tun muss.

»Sie haben den Chef der Übergangsregierung umgelegt«, verkündet Tig. Nicht, dass ihn die schlechten Nachrichten kaltlassen, ganz im Gegenteil. Er ist hager, er hat weniger Fett am Körper als ich und kann daher die Kalorien nicht so gut absorbieren, sie nicht so gut abfedern und in die Körpersubstanz aufnehmen – schlechte Nachrichten stecken voller Kalorien, sie erhöhen den Blutdruck. Ich kann das, er nicht. Er will sie so schnell wie möglich weitergeben – sie loswerden wie glühende Kohlen. Schlechte Nachrichten brennen ihm auf den Nägeln.

Ich liege noch im Bett. Ich bin nicht richtig wach. Ich habe mich noch ein bisschen herumgewälzt. Bis jetzt habe ich den Morgen genossen. »Nicht vor dem Frühstück«, sage ich. Ich füge nicht hinzu: »Du weißt doch, dass ich so was so früh nicht haben kann.« Früher habe ich das hinzugefügt, aber es hielt nur kurze Zeit vor. Wir sind schon lange zusammen, und so haben wir beide viele dieser kleinen Weisungen, dieser hilfreichen Andeutungen des anderen im Kopf – Vorlieben und Abneigungen, Wünsche und Tabus. Schleich dich nicht von hinten an, wenn ich lese. Lass die Finger von meinen Küchenmessern. Lass deine Sachen nicht überall herumliegen. Jeder glaubt, der andere müsste doch in der Lage sein, diese häufig wiederholten Instruktionen zu befolgen, aber sie neutralisieren einander: Wenn Tig mein Bedürfnis achten soll, von schlechten Nachrichten unbehelligt noch ein bisschen im Bett zu liegen, sollte ich da nicht sein Bedürfnis achten, Katastrophales auszuspucken, damit er es los wird?

»Oh, tut mir leid«, sagt er. Er wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu. Wie kann ich ihn nur so im Stich lassen? Ich weiß doch, dass ihm eine bösartige grüne Drüse oder Blase platzen wird und er eine Seelenperitonitis bekommt, wenn er mir die schlechten Nachrichten nicht auf der Stelle mitteilen kann. Und wenn das passiert, wird es mir noch leidtun.

Er hat recht, das würde mir leidtun. Ich hätte dann niemanden mehr, dessen Gedanken ich lesen kann.

»Ich steh jetzt auf«, sage ich, es soll möglichst tröstlich klingen. »Ich bin gleich unten.«

»Jetzt« und »gleich unten« haben nicht mehr dieselbe Bedeutung wie früher. Alles dauert länger als damals. Aber ich schaffe es noch immer – das Nachthemd auszuziehen, mich anzuziehen, die Schuhe zu schnüren, das Gesicht einzukremen, die Vitaminpillen zu schlucken. Der Regierungschef, denke ich. Die Übergangsregierung. Sie haben ihn umgebracht. In einem Jahr werde ich nicht mehr wissen, welcher Regierungschef gemeint war, welche Übergangsregierung, wer sie waren. Aber solche Dinge kommen immer häufiger vor. Alles ist Übergang, niemand kann mehr richtig regieren, und es gibt viele von ihnen, viele Sies. Sie wollen immer die Führer umlegen. Mit den besten Absichten, das behaupten sie jedenfalls. Die Führer haben auch die besten Absichten. Die Führer stehen im Scheinwerferlicht, die Killer zielen aus dem Dunkel; es ist leicht, jemanden abzuknallen.

Was die anderen Führer angeht, die Führer der führenden Länder, wie sie genannt werden, so führen die in Wirklichkeit gar nicht mehr, sie laufen hilflos im Kreis. Man sieht es ihren Augen an, so bleich gerändert wie die Augen von panischem Vieh. Man kann nicht führen, wenn einem niemand mehr folgt. Die Leute heben hilflos die Hände, um sich dann draufzusetzen. Sie wollen nur noch ihr eigenes Leben leben. Die Führer sagen immer wieder: »Was wir brauchen, ist eine starke Führung.« Dann stehlen sie sich davon, um einen Blick auf ihre Umfragewerte zu werfen. Schuld sind die schlechten Nachrichten, es gibt einfach zu viele. Die Führer sind dem nicht gewachsen.

Früher hat es doch auch schlechte Nachrichten gegeben, und wir haben es überlebt. Das sagen die Leute über alles, was vor ihrer Geburt geschah oder während sie noch am Daumen lutschten. Ich liebe diesen Ausdruck: Wir haben’s überlebt. Er hat absolut null zu bedeuten, wenn es um Dinge geht, die man gar nicht selbst erlebt hat. Es ist, als hätte man sich irgendeinem Wir-Club angeschlossen, als trüge man ein billiges Wir-Abzeichen, um Zugehörigkeit zu demonstrieren. Trotzdem – Wir haben’s überlebt – das macht Mut. Sofort sieht man einen Marsch oder eine Prozession vor sich, mit tänzelnden Pferden, mit zerrissenen und dreckigen Kostümen, als hätte man an einer Belagerung teilgenommen oder wäre vom Feind besetzt gewesen oder als hätte man einen Drachen getötet oder einen vierzig Jahre währenden Treck durch die Wildnis gemacht. Da darf ein bärtiger Anführer nicht fehlen, der das Banner trägt und nach vorne weist. Der Führer hat die schlechten Nachrichten als Erster gehört. Er kannte sie, er verstand sie, er wusste, was zu tun war. Greift sie in der Flanke an! Macht sie fertig! Nichts wie raus aus Ägypten! So müssen Führer sein.

»Wo bleibst du denn?«, ruft Tig die Treppe herauf. »Kaffee ist fertig.«

»Komm gleich«, rufe ich hinunter. So verständigen wir uns immer, quer durch Raum und Luft. Noch kommunizieren wir, bis auf weiteres. Das Noch wird nicht betont. Wir ignorieren es.       

Die Zeitformen, die uns jetzt definieren, sind: Vergangenheit, damals; Zukunft, noch nicht. Wir leben in einem kleinen Fenster dazwischen, im Raum, den wir erst vor kurzem als noch kennengelernt haben, und im Grunde ist dieses Fenster auch nicht kleiner als das irgendeines anderen. Natürlich gibt es hin und wieder diese kleinen Beschwerden – hier ein Knie, dort ein Auge –, aber bis jetzt sind es wirklich nur kleine Beschwerden. Wir kommen gut zurecht, solange wir uns auf eine Sache konzentrieren. Ich weiß noch, wie ich meine Tochter geneckt habe, damals, als sie ein junges Mädchen war. Ich tat damals so, als wäre ich alt. Ich lief gegen Wände, ließ Besteck fallen, täuschte Vergesslichkeit vor. Dann lachten wir beide. So witzig ist das nicht mehr.

Unsere Katze Drumlin, die jetzt tot ist, wurde mit siebzehn senil. Drumlin – warum haben wir sie eigentlich so genannt? Die andere Katze, die zuerst starb, hieß Moräne. Wir fanden es damals amüsant, unsere Katzen nach dem Schutt zu benennen, den Gletscher so mit sich schleppen, obwohl mir die Pointe inzwischen entgeht. Tig meinte, wir hätten Drumlin Müllhalde nennen sollen, aber es war schließlich auch seine Aufgabe, ihren Streukasten auszuleeren.

Wir werden wohl keine Katze mehr halten. Früher dachte ich – ich dachte in aller Ruhe darüber nach –, dass ich mir wieder eine Katze besorgen würde, wenn Tig tot wäre (denn Männer sterben früher, nicht wahr?), um Gesellschaft zu haben. Aber das kommt nun nicht mehr in Frage. Bis dahin bin ich sicher halb blind, die Katze könnte mir vor die Füße laufen, und ich würde über sie stolpern und mir das Genick brechen.

Die arme Drumlin schlich nachts im Haus herum und jaulte erbärmlich. Nichts und niemand konnte sie trösten: Sie suchte etwas, was sie verloren hatte, ohne zu wissen, was. (Es war ihr Verstand, wenn man bei Katzen überhaupt von Verstand sprechen kann.) Morgens sahen wir, dass sie Tomaten und Birnen angebissen hatte. Sie wusste offenbar nicht mehr, dass sie ein fleischfressendes Tier war, sie hatte vergessen, was sie eigentlich fressen musste. Das ist zu einem Bild meines zukünftigen Ichs geworden: In meinem weißen Nachthemd irre ich im dunklen Haus umher, jaulend suche ich etwas, doch was, habe ich vergessen. Ich weiß nur, dass ich es verloren habe. Eine unerträgliche Vorstellung. Ich schrecke nachts aus dem Schlaf und taste nach Tig, um sicherzugehen, dass er noch da ist, dass er noch atmet. So weit, so gut.

Als ich die Küche schließlich erreiche, duftet es nach Toast und Kaffee. Das überrascht mich nicht, denn das hat Tig ja vorbereitet. Der Duft hüllt mich ein wie eine Decke, selbst dann noch, als ich den Toast tatsächlich esse und den Kaffee tatsächlich trinke. Da auf dem Tisch liegen die schlechten Nachrichten.

»Der Kühlschrank macht seit einiger Zeit komische Geräusche«, sage ich. Wir achten nicht genug auf unsere Küchengeräte. Keiner von uns beiden. Am Kühlschrank klebt ein Foto von unserer Tochter, das vor einigen Jahren aufgenommen wurde; es strahlt auf uns herunter, wie das Licht eines Sterns, der sich entfernt. Sie ist mit ihrem eigenen Leben beschäftigt, anderswo.

»Guck mal in die Zeitung«, sagt Tig.

Da sind Bilder. Werden schlechte Nachrichten durch Bilder noch schlechter? Ich glaube ja. Bilder zwingen dich zum Hinsehen, ob du willst oder nicht. Da ist das ausgebrannte Auto, wie so oft jetzt, mit dem skelettartigen Rahmen aus verbogenem Stahl. Ein verkohlter Schatten hockt da drin. Auf Bildern wie diesen gibt es immer leere Schuhe. Und es sind die Schuhe, gegen die ich wehrlos bin. Wie traurig erscheint da dieser unschuldige alltägliche Vorgang – die Schuhe anzuziehen, in der festen Überzeugung, dass man sein Ziel erreichen wird.

Wir mögen die schlechten Nachrichten nicht, aber wir brauchen sie. Wir müssen Bescheid wissen, denn es könnte auch uns treffen. Eine Rotwildherde auf einer Wiese, die Köpfe gesenkt, friedlich grasend. Dann wuff wuff – Wildhunde im Wald. Köpfe hoch, Ohren aufgestellt. Zur Flucht bereit! Oder die Verteidigung der Moschusochsen. Wölfe kommen, ist die Nachricht. Schnell – einen Kreis bilden! Weibchen und Junge in die Mitte! Schnaufen und mit den Hufen auf dem Boden scharren! Seid bereit, den Feind mit den Hörnern zu durchbohren!

»Sie hören einfach nicht auf«, sagt Tig.

»Was für eine Sauerei«, sage ich. »Ich frag mich, wo die Sicherheitsbeamten waren.« Als Gott den Verstand verteilte, haben wir früher gesagt, standen einige ganz hinten, wir wissen auch, wer.

»Wenn jemand dich wirklich abmurksen will, dann murkst er dich ab«, sagt Tig. In dieser Hinsicht ist er Fatalist. Ich bin anderer Meinung, und wir verbringen eine vergnügliche Viertelstunde mit der Aufrufung unserer toten Zeugen. Er führt den Erzherzog Ferdinand und JohnF.Kennedy an; ich biete Queen Victoria (acht fehlgeschlagene Attentatsversuche) und Josef Stalin auf, der seiner eigenen Ermordung entging, indem er selbst alle umbrachte. Früher wäre ein Streit daraus geworden. Heute ist es ein Spiel wie Gin Rommee.

»Wir haben’s gut«, sagt Tig. Ich weiß, was er damit meint. Er meint uns beide, wie wir da immer noch in unserer Küche sitzen. Keiner von uns ist fort. Noch nicht.

»Ja, stimmt«, sage ich. »Pass auf, der Toast brennt an.«

So. Wir haben die schlechten Nachrichten hinter uns, wir haben uns ihnen gestellt, und alles ist in Ordnung. Wir haben keine Wunden davongetragen, wir bluten nicht, wir sind nicht verbrannt. Wir haben noch all unsere Schuhe. Die Sonne scheint, die Vögel singen, es gibt keinen Grund, sich nicht einigermaßen wohlzufühlen. Die schlechten Nachrichten kommen von weit her, meistens jedenfalls – die Explosionen, die Ölteppiche, die Völkermorde, die Hungersnöte und alles andere. Später werden noch mehr Nachrichten kommen. Das ist immer so. Damit beschäftigen wir uns, wenn es so weit ist.

Vor ein paar Jahren – wann? – waren Tig und ich in Südfrankreich, an einem Ort namens Glanum. Wir machten da Ferien oder so was in der Art. Eigentlich wollten wir uns die Irrenanstalt ansehen, in der van Gogh die Schwertlilien malte, und die haben wir auch gesehen. Glanum war ein Abstecher. Ich habe seit Jahren nicht mehr daran gedacht, aber jetzt finde ich mich dort wieder, im alten Glanum, bevor es im dritten Jahrhundert zerstört wurde, bevor es zum Ruinenhaufen verkam, den man gegen Eintritt besichtigen kann.

Es gibt geräumige Villen in Glanum; es gibt öffentliche Bäder, Amphitheater, Tempel, die Art von Gebäuden, welche die Römer auf Schritt und Tritt errichteten, damit sie sich zivilisiert und heimisch fühlten. Glanum ist sehr angenehm; eine Menge hochrangiger Heeresoffiziere verbringen hier ihren Lebensabend. Es ist durchaus multikulturell, durchaus abwechslungsreich: Wir schätzen das Neue, das Exotische, wenn auch weniger als die in Rom. Wir hier sind ein bisschen provinziell. Aber wir haben Götter aus allen Himmelsrichtungen – neben den offiziellen Göttern natürlich. Zum Beispiel haben wir einen kleinen Kybele-Tempel, in dem zwei Ohren ausgestellt sind. Sie sind ein Symbol des Körperteils, den man ihr zu Ehren eigentlich abschneiden müsste. Die Männer machen Witze darüber: Wenn man mit den Ohren davonkommt, hat man Glück gehabt. Besser ein Mann ohne Ohren als gar kein Mann.

Zwischen den römischen Häusern stehen ältere griechische, und es sind noch ein paar Griechen hier. Kelten kommen in die Stadt; einige von ihnen tragen Tuniken und Umhänge wie wir und sprechen ein ganz anständiges Latein. Wir pflegen jetzt einigermaßen freundlichen Umgang mit ihnen, seit sie ihre alte Gewohnheit der Kopfjägerei aufgegeben haben. Tig muss ein gewisses Maß an Geselligkeit einhalten, und so habe ich einmal einen der keltischen Anführer zum Abendessen eingeladen. Es war ein gesellschaftliches Risiko, wenn auch kein gravierendes: Unser Gast benahm sich ziemlich normal und war nur so angetrunken, wie es sich gehört. Er hatte merkwürdiges Haar – rötlich und gelockt –, und er trug seinen zeremoniellen Halsring aus Bronze, aber er benahm sich nicht wilder als einige andere Männer, die ich kenne. Seine Höflichkeit hatte allerdings etwas Unheimliches an sich.

Ich nehme gerade mein Frühstück ein – im Morgenraum mit dem Wandgemälde von Pomona und den Zephyren. Der Maler war nicht erstklassig – Pomona schielt ein bisschen und ihre Brüste sind enorm, aber man bekommt hier einfach nicht immer Erstklassiges. Was ich esse? Brot, Honig, getrocknete Feigen. Das frische Obst ist noch nicht reif. Kein Kaffee, das ist viel schlimmer. Ich glaube, der ist noch nicht mal erfunden. Ich trinke ein wenig gegorene Stutenmilch, das ist gut für die Verdauung. Ein treuer Sklave hat das Frühstück auf einem Silbertablett hereingebracht. Auf diesem Landsitz wurden die Sklaven gut ausgebildet: Sie sind still, diskret, tüchtig. Sie wollen natürlich nicht verkauft werden: es ist besser, ein Haussklave zu sein, als im Steinbruch zu arbeiten.

Tig kommt mit einer Schriftrolle herein. Tig ist eine Abkürzung von Tigris, ein Spitzname, den ihm seine früheren Truppen gegeben haben. Nur ein paar Vertraute nennen ihn Tig. Seine Stirn ist gerunzelt.

»Schlechte Nachrichten?«, frage ich.

»Die Barbaren sind eingefallen«, sagt er. »Sie haben den Rhein überquert.«

»Nicht vor dem Frühstück«, sage ich. Er weiß, dass ich schwerwiegende Dinge nicht gleich nach dem Aufstehen besprechen kann. Aber ich bin zu abrupt gewesen: Ich sehe seinen bekümmerten Gesichtsausdruck, und ich gebe nach. »Sie überqueren ständig den Rhein. Man sollte denken, dass sie es müde werden. Unsere Legionen werden sie besiegen. Das haben sie schon so oft getan.«

»Ich weiß nicht«, sagt Tig. »Wir hätten nicht so viele Barbaren ins Heer aufnehmen sollen. Auf die ist kein Verlass.« Er hat selbst lange Zeit im Heer gedient, also will es etwas heißen, wenn er sich Sorgen macht. Andererseits ist er ohnedies überzeugt, dass Rom sich auf einer Schlittenfahrt zur Hölle befindet, und mir ist aufgefallen, dass die meisten pensionierten Offiziere so denken: Ohne ihre Dienste kann die Welt einfach nicht funktionieren. Es ist nicht so, dass sie sich nutzlos fühlen; sie fühlen sich ungenutzt.

»Setz dich bitte«, sage ich. »Ich lass dir ein schönes Stück Brot und Honig kommen, mit Feigen.« Tig setzt sich hin. Die Stutenmilch biete ich ihm nicht an, obwohl sie ihm guttäte. Er mag es gar nicht, wenn man ihn an seine Gesundheit erinnert, die ihm in letzter Zeit einige Probleme bereitet. Oh, lass die Dinge noch eine Weile so, wie sie sind, bete ich schweigend.

»Hast du das gehört?«, sage ich. »Sie haben einen frisch abgeschlagenen Kopf gefunden. Er hing neben dem alten keltischen Votivbrunnen.« Irgendein entflohener Steinbrucharbeiter, der in die Wälder gelaufen ist, obwohl man sie, weiß der Himmel, oft genug gewarnt hat. »Glaubst du, sie fallen ins Heidentum zurück? Die Kelten?«

»In Wahrheit hassen sie uns«, sagt Tig. »Der Triumphbogen tut sein Übriges. Das ist taktlos – besiegte Kelten, römische Füße, die ihre Köpfe nach unten drücken. Ist dir aufgefallen, wie sie unsere Hälse anstarren? Wie gern würden sie da ein Messer ansetzen. Aber jetzt sind sie verweichlicht, an Luxus gewöhnt. Nicht wie die Barbaren im Norden. Die Kelten wissen, wenn wir untergehen, gehen sie mit unter.«

Er nimmt nur einen Bissen von dem schönen Brot. Dann steht er auf, läuft herum. Er ist rot im Gesicht. »Ich geh in die Bäder«, sagt er. »Werd mich da mal umhören.«

Klatsch und Gerüchte, denke ich. Zeichen, Voraussagen; Vogelflug, Schafeingeweide. Man weiß nie, ob die Nachrichten wahr sind, bis sie zuschlagen. Bis sie einem auf die Füße fallen. Bis man nachts hinüberlangt, und da ist kein Atem mehr. Bis man in der Dunkelheit jault, im weißen Nachthemd durch leere Räume läuft.

»Wir werden’s überleben«, sage ich. Tig sagt nichts.

Es ist ein so schöner Tag. Die Luft riecht nach Thymian, die Obstbäume blühen. Aber das bedeutet den Barbaren nichts; tatsächlich ziehen sie es sogar vor, an schönen Tagen einzumarschieren. Das macht ihre Beutezüge und Massaker sichtbarer. Wie ich gehört habe, füllen diese Barbaren auch Weidenkäfige mit Gefangenen und verbrennen sie als Opfer für ihre Götter. Doch noch sind sie sehr weit weg. Selbst wenn sie es schaffen, den Rhein zu überschreiten, selbst wenn sie nicht zu Tausenden erschlagen werden, selbst wenn sich der Fluss nicht mit ihrem Blut rötet, wird es lange dauern, bis sie hier sind. Vielleicht erleben wir es gar nicht mehr. Glanum ist nicht in Gefahr, noch nicht.

Margaret Atwood

Über Margaret Atwood

Biografie

Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit. Ihr »Report der Magd« wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation. Bis heute stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und...

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