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Gebrauchsanweisung für Dubai und die EmirateGebrauchsanweisung für Dubai und die Emirate

Gebrauchsanweisung für Dubai und die Emirate

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Gebrauchsanweisung für Dubai und die Emirate — Inhalt

Kamel und Ferrari, Schleier und Skihalle: In den Emiraten verschmelzen Tradition und Moderne. Felicia Englmann, die in Dubai Golf-Arabisch gelernt hat, stürzt sich in dieses Abenteuer der Gegensätze. Sie fährt mit der Abra über den Dubai Creek, genießt die Aussicht vom Burj Khalifa und besucht eine Klinik für Jagdfalken. Sie erklärt, wie man im Dubaier Straßenverkehr überlebt, was die Emirate unter Naturschutz verstehen und was man beim Moschee-Besuch beachten sollte. Sie stellt die bedächtige Metropole Abu Dhabi vor, deren quirlige Konkurrentin Dubai und trifft Emirate im Dornröschenschlaf; schreibt von der Selbstständigkeit der Frauen, die unter ihrer Verschleierung oft unterschätzt werden, und von einem Lebensgefühl, bei dem Scheitern nicht zum Konzept gehört.

Erschienen am 15.09.2014
240 Seiten, Flexcover mit Klappen
ISBN 978-3-492-27641-2
Erschienen am 15.09.2014
240 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96771-6

Leseprobe zu »Gebrauchsanweisung für Dubai und die Emirate«

Willkommen im Übermorgenland

Goldgräberstimmung in der Wüste. Unermesslicher Reichtum, himmelsstürmende Visionen und Bauprojekte, die die Welt noch nicht gesehen hatte : So machte Dubai Ende der Neunzigerjahre weltweit Schlagzeilen. Alles war möglich in Dubai. Nichts wie hin ! Wer in dieser Zeit nach Dubai reiste, brauchte den Mut zum Neuen, die Neugierde auf realen Größenwahn und bisweilen Beruhigungsmittel, um all die Eindrücke zu verarbeiten. Die Stadt brummte nicht vor Leben und Lebenslust, sie schrie, schrie aus vollem Hals, 24 Stunden am Tag. [...]

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Willkommen im Übermorgenland

Goldgräberstimmung in der Wüste. Unermesslicher Reichtum, himmelsstürmende Visionen und Bauprojekte, die die Welt noch nicht gesehen hatte : So machte Dubai Ende der Neunzigerjahre weltweit Schlagzeilen. Alles war möglich in Dubai. Nichts wie hin ! Wer in dieser Zeit nach Dubai reiste, brauchte den Mut zum Neuen, die Neugierde auf realen Größenwahn und bisweilen Beruhigungsmittel, um all die Eindrücke zu verarbeiten. Die Stadt brummte nicht vor Leben und Lebenslust, sie schrie, schrie aus vollem Hals, 24 Stunden am Tag. Künstliche Inseln werde man bauen, die größte Pyramide aller Zeiten, das höchste Haus der Welt, Lagunenlandschaften mitten in der Wüste.

Orientalische Exotik trifft westlichen Wirtschaftsaufschwung. Zehntausende hat es jährlich im großen Goldrausch des 20. Jahrhunderts an den Golf gezogen, weil sie dort ihr Glück und ihr Vermögen machen wollten, und das gewonnene Geld zum Teil auch gleich wieder ausgaben und vor lauter Lebensfreude verfeierten. Das Lebensgefühl in San Francisco, Los Angeles und Sacramento in den 1840er- und 1850er-Jahren muss ganz ähnlich gewesen sein. Es tanzt sich stets umso ausgelassener, wenn unter der eilig gebauten Tanzfläche unermessliche Schätze lagern, die man nur zu heben braucht. Wen interessierte schon das Morgen, wenn das Öl, das schwarze Gold des wilden Ostens, verbraucht ist ?

Niemand dachte, dass die Stadt jemals in Schwierigkeiten kommen könnte. Dass die Vereinigten Arabischen Emirate dann doch kein Land der unbegrenzten Möglichkeiten sind, zeigte die Finanzkrise. Nach einer kurzen Phase der Weltuntergangsstimmung und des Weltschmerzes aber hat sich die Metropole am Golf bestens erholt und ein wenig ihres Größenwahns abgestreift. Allerlei Visionen sind im Sande verlaufen, und man spricht nur noch ungern darüber. Lagunen in der Wüste ? War da was ? Quatsch. Das ist nur Angeberei. Das Leben geht auch ohne sie weiter.

Die Stadt tanzt seitdem immer noch, aber sie groovt mehr. Man hat gelernt, Unsinn als solchen zu erkennen und als solchen dennoch zu schätzen. So ist Dubai von der Goldgräbermetropole zu einem schicken Erwachsenenspielplatz geworden, auf dem es alles gibt, was Erwachsenen Freude macht : von der Naturerfahrung bis zur künstlichen Schneewelt, von einer Wasserrutsche durch ein Haifischbecken bis zum käuflichen Sex für jede Spielart, vom Shopping bis zum Sternerestaurant. Wie es eben gefällt.

Wer heute in die Vereinigten Arabischen Emirate reist, sollte drei Dinge unbedingt in seinem Gepäck haben : Sonnencreme, eine Kreditkarte und Geduld. Alles andere lässt sich vor Ort organisieren. Das Limit ist nur der Himmel, sagen die Dubaier – und lehnen sich erst mal zurück, weil morgen auch noch ein Tag ist, an dem das Wachstum der Stadt wie von selbst weitergeht.

Diese neue Gelassenheit hat der Stadt gutgetan. Sie bringt die Vielfalt Dubais zur Geltung. Diese blüht wie eh und je. Auch Abu Dhabi, die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, steht in voller Blüte. Die fünf kleineren Emirate holen gerade auf. Die Emirate sind ein Mosaik aus Kulturen und Entwicklungsstufen, aus urbanen Wunderwelten und kargsten Wüstenlandschaften. Wie die Emirate ist auch dieses Buch ein Mosaik, zusammengesetzt aus ganz unterschiedlichen Begegnungen, Stimmungen, Beobachtungen und Ereignissen. Die Emirate sind bunt, so bunt wie die Vielfalt ihrer Bewohner und ihrer unterschiedlichen Lebensentwürfe, wie der Gegensatz zwischen Meer, Stadt und Wüste, wie der zwischen den armen und den reichen Emiraten. Erst zusammen ergeben sie ein Bild. Das Bild vom Übermorgenland.

Wüste, Meer und Metropolen – Die Vereinigten Arabischen Emirate

Arabeske : Mit der Abra in die Zukunft

Nur ganz leicht schaukelt der kleine Kahn bei seiner Fahrt über den Creek, jenen Meeresarm, der Dubai in zwei Teile zerschneidet. Dunkelbraun und wenig lockend ist das Wasser hier zwischen den Vierteln Deira und Bur Dubai. Alle Passagiere bleiben daher gerne auf der sicheren Pritsche sitzen, wenn die Abra, der kleine Fährkahn, über die finsteren Fluten schippert. Die meisten Fahrgäste sind Männer, haben die Ellbogen auf die Knie gestützt, die dunklen Gesichter gesenkt, den Blick auf das Sonnenfunkeln über dem Wasser gerichtet oder ein paar Zentimeter unter die Oberfläche, in die Tiefen, wo die zerborstenen Träume mancher Einwanderer dem Meer entgegentreiben. Die Männer kommen von der Arbeit oder sind auf dem Weg dorthin und nutzen die paar Minuten der Überfahrt für einen Moment Ruhe.

Die Touristen an Bord heben den Blick, drehen sich hierhin und dorthin, fotografieren eifrig und schaffen es doch nie, das 360-Grad-Panorama um die Abra herum richtig einzufangen. Es sind gleißende Hochhäuser, das historische Kaufmannsviertel Bastakiya, der Regierungssitz des Scheichs, der Souq mit seinen schmuddeligen Außenwänden, die kleine Uferpromenade von Shindagha, die Kormorane auf den modrigen Holzpfählen, betoncharmante Hotels aus den Siebzigerjahren, der Gewürzmarkt, das Parkhaus im Stil eines Perlenhändlerpalasts, die hölzernen Dhows ( altbewährte Fährschiffe ), bereit für die Überfahrt in den Iran, hoch aufgeladen mit Kühlschränken, Autoreifen, Saftpaletten und Mikrowellen. Es sind der Stau an der Uferstraße und wieder die Hochhäuser, in deren glänzenden Fassaden sich die ganze Szenerie noch einmal spiegelt. Ein lebendiges Diorama der Stadt zwischen übermäßig Konserviertem, Überlebtem und Übermorgenland, voller Visionen eines besseren Morgen, durch das sich leicht schaukelnd die Abra bewegt und mit Dieselqualm und Tuckern darauf aufmerksam macht, dass dies eine ganz profane Überfahrt ist und kein Sightseeingtour.

Die Abras sind die Verbindung zwischen den beiden ältesten Vierteln Dubais, und mögen sie auch mit keuchenden Motoren ausgestattet sein, so sind sie doch archaisch geblieben. Aus Holz gezimmert, dunkel verwittert, mit niedriger Bordwand, zielstrebig gerecktem Vorsteven und einem kleinen Sonnendach über der Sitzfläche. Nur Schwimmen wäre altertümlicher. Und doch sind die Abras keine Folklore, sondern mittendrin in der summenden Millionenmetropole, eine geliebte Tradition, die es erst möglich macht, in wenigen Minuten von Vorgestern nach Übermorgen zu fahren, und dies ganz wörtlich.

Die Abra-Station in Bur Dubai liegt direkt am Souq, dem alten Markt, ein paar Gehminuten von dem aus Lehm gebauten ersten Scheichsitz entfernt. Hier wird zwar beim Einsteigen nicht gedrängelt, aber hektisch kann es schon werden. Pro Kahn gibt es nur 20 Sitzplätze, und auf den nächsten mag man nicht warten, sodass die Männer sehr zielstrebig auf die wackeligen Planken steigen und sich niederlassen, während die Besucher fragen, ob das auch die richtige Abra sei – und überhaupt, weshalb ihnen meist die schlechten Plätze an den Ecken und Stirnseiten bleiben. Wer trödelt oder innehält, um Fotos zu machen, wird vom Bootsführer zurechtgewiesen, denn die Abra-Überfahrt ist keine Spaßreise, sondern der schnellste Weg, um von einem Ufer zum anderen zu gelangen. Es gibt natürlich den ewig verstopften Autotunnel in Shindagha und die neuen Brücken im Landesinneren, zu denen man erst durch enge Straßen hinstauen muss, aber den Umweg über diese Wunder der Infrastrukturentwicklung macht niemand, der nur von hier nach dort möchte. Einen Dirham kostet die Fahrt, und wer die runde Münze nicht von selbst bereitlegt oder gar nur einen Schein dabeihat, wird schon wieder zurechtgewiesen, in Hindi oder Urdu oder gebrochenem Englisch, welche Sprache der Bootsführer eben gerade sprechen mag. Die zufällig auf der Abra versammelten Fahrgäste sind ein Querschnitt der Stadt : überwiegend Einwanderer aus Asien, ein paar weiße Gesichter, ganz selten ein einheimischer Emirati, der sich aus Lust an der Tradition an Bord begibt oder aus Bequemlichkeit lieber zwischen den Einwanderern sitzt und die Zeit der Überfahrt nutzt, um mit dem Handy zu telefonieren oder auch nur darauf herumzutippen. Es ist üblicherweise das neueste Smartphone-Modell, das aus der Hemdtasche gezogen wird.

Die Einheimischen erwecken den Anschein, als wäre das Schiffchen eine Wartebank am Flughafen und als wäre dieses Panorama eine weiße Wand. Doch gerade sie können sich daran erinnern, wie es hier gestern noch ausgesehen hat – vor dem Bau der Hochhäuser, des Parkhauses, der Siebzigerjahrebetonbauten, als der Creek die Lebensader einer Stadt war, die kaum Zukunft hatte, damals, vor dem Öl. Sie leben im Heute, wo der Creek seine Bedeutung als Achse der Stadt verloren hat und die Megaviertel mit ihren Megabauten nicht einmal in Sichtweite sind. Und sie fahren auf der Abra, weil sie ein Morgen planen für die Viertel am Creek – besonders weiter oben im Landesinneren –, trotz der Krise von 2008, die einige der Entwicklungspläne in den Creek gewaschen hat. Eine Zukunft mit noch mehr glitzernden Megabauten und einer neuen Brücke, die im Volksmund » Dubai Smile « heißt. Auch sie wird die Abras nicht ersetzen. Noch nicht. Auch unter ihren lächelnden Bögen werden einige weitere Träume und Visionen Richtung Meer treiben. Gestern, heute, morgen – im Creek fließt alles ineinander, und die Abra fährt darüber hinweg, neuen Ufern entgegen.

Der Sand der Zeit

Dubais Wurzeln reichen so tief in den Wüstensand, dass niemand mehr weiß, was der Name der Stadt eigentlich bedeutet. Die erste Siedlung entstand schon während der Bronzezeit am heute so emsig befahrenen Creek, aber ob sie seitdem ständig bewohnt war, ist fraglich. Wie überhaupt so vieles in der Geschichte der heutigen Emirate, die weit zurückreicht und doch so sehr vom Sand der Zeit verweht wurde, dass wenig von ihr erhalten geblieben ist.

In dieser Region ist das auch wenig überraschend, denn Sand und Salz machen den größten Teil der Landschaft aus. Im Süden, wo sich heute das größte Emirat Abu Dhabi erstreckt, besteht die Küste aus weitläufigen Salzmarschen, Mangrovenwäldern, Lagunen und vorgelagerten Inseln im flachen Wasser; im Hinterland wellen sich Sanddünen, die bis zu 300 Meter hoch werden – das » Leere Viertel «, wie es bis heute heißt, da es außer Sand und Hitze dort nichts gibt. Mit Ausnahme der großen und fruchtbaren Oasen Liwa und Al-Ain, die der Trockenheit trotzen. In den nördlichen Emiraten zieht sich ein Ausläufer des Hajar-Gebirges quer durchs Land, mit kleinen Quellen und Wasserläufen, wovon die nordöstlichen Küstenebenen profitieren, in denen Plantagenwirtschaft möglich ist. Dennoch sind über 80 Prozent der emiratischen Landfläche Wüste.

Sieben Emirate mit jeweils gleichnamiger Hauptstadt verteilen sich auf diesem Gebiet, das etwa so groß ist wie Bayern, Baden-Württemberg und das Saarland zusammen. In den drei größeren und reicheren Emiraten Abu Dhabi, Dubai und Sharjah leben etwa 85 Prozent der emiratischen Bevölkerung. Die kleineren Emirate Fujairah, Ras Al-Khaimah, Umm Al-Quwain und Ajman stehen sowohl bei Fläche als auch bei der Bevölkerungszahl, dem Pro-Kopf-Einkommen und der Entwicklung hinten an. Ajman, das kleinste Emirat, ist nur ein bisschen größer als das Stadtgebiet von Frankfurt am Main, dafür leben im Vergleich dazu nur halb so viele Bürger in Ajman.

Keine frühen Hochkulturen, keine legendären Herrscher, keine mittelalterlichen Großtaten sind in der emiratischen Geschichtsschreibung belegt. Die archäologischen Funde sprechen von nomadischen Hirten, die seit 8000 vor Christus gelegentlich vorbeizogen. Auf den Inseln vor Abu Dhabi haben sie ihre Spuren hinterlassen, ebenso am Jebel Al-Buhais, einem Berg in Sharjah. Eine etwas stetigere Besiedelung der Region verraten die Zeugnisse von der Bronzezeit an, etwa ab 3000 vor Christus. » Hafit-Kultur « nennen Forscher diese Siedler, nach dem Jebel Hafeet, einem Berg im Landesinneren. Bienenstockförmige Gräber aus Stein haben die Siedler dort hinterlassen, ein paar Scherben und Werkzeuge, die davon zeugen, dass es keine reichen Menschen waren, die sich in die Wüste wagten, keine wohlorganisierten wie in den benachbarten Reichen : dem der Sumerer im heutigen Irak, der Perser, der Ägypter und dem Reich Magan im heutigen Oman. Nicht einmal vergleichbar mit dem lebhaften Handelsplatz Dilmun im heutigen Bahrain, etwas den Golf hinauf. Einfachheit prägte das Leben der frühen Siedler, Wassermangel, Hitze, Armut. Daran würde sich auch in den kommenden Jahrtausenden wenig ändern.

Den Hafeet-Leuten folgten die Umm-An-Nar-Leute, benannt nach der Insel Umm An-Nar vor der Küste Abu Dhabis, wo eine britische Expedition in den Sechzigerjahren erstmals runde steinerne Grabmonumente aus jener Zeit fand. Auch in der Nähe des Jebel Hafeet, im Ortsteil Hili der Oasenstadt Al-Ain, wurden 1959 solche Gräber entdeckt, dazu Lehmhäuser und ein kleines Fort. Eine Oryxantilope und ein Händchen haltendes Paar sind als Relief über einem der Grabeingänge eingemeißelt, auf der Rückseite des Baus ist ein koitierendes Paar verewigt. Das kleine Steinbild ist leicht zu übersehen, denn gemessen an dem, was die Schauplätze antiker Hochkulturen an archäologischen Wunderwerken zu bieten haben, ist der Archäopark von Hili so bescheiden wie die Menschen, die einst die dort zu bestaunenden Gebäude errichteten. Für die modernen Emiratis ist das Steinbild aber eine Ikone geworden, zeigt es doch, dass ihre Kultur genau wie alle anderen der Region Jahrtausende alt ist, dass man liebevoll miteinander umgegangen und dass das kahle Land einst weithin von Tieren wie der mächtigen und heute seltenen Oryxantilope bewohnt worden war. Die archäologischen Funde aus der Bronzezeit, mögen sie auch noch so bescheiden sein, haben viel für das Selbstbewusstsein und Selbstverständnis der jungen emiratischen Nation getan, die sich dank der Funde nun auf eine Tradition berufen kann, die mehr war als nomadisches Leben oder elendes Hausen in aus Palmwedeln geflochtenen Hütten.

So sollte es nämlich die nächsten Jahrtausende über weitergehen. Während anderswo Hochkulturen kamen und gingen, blieb das Leben am Golf entbehrungsreich und einfach. Bewässerungssysteme, wie sie die Hili- und Umm-An-Nar-Leute schon benutzt haben, wurden nahezu unverändert weiterverwendet. Auch das Dromedar, das einhöckerige Kamel, ist ein Erbe aus der Umm-An-Nar-Zeit : Es wurde vor 2500 Jahren domestiziert und zum wichtigsten Nutztier der Region. Von Milch und Fleisch des Kamels, von Fischen und Meeresfrüchten, von Datteln und Getreide lebten die Leute an der Golfküste mehr schlecht als recht, sie aßen zudem Heuschrecken – so sich Schwärme in ihre Gegend verirrten – und Reptilien. Von kleinen Eidechsen, den Dhub, die verspeist wurden, könnte Dubai seinen Namen haben, oder sogar von den Heuschrecken, deren Gekrabbel yadub genannt wird. Vielleicht wurde aber auch erst der Dubai Creek ( Al-Khor ) nach den Kriechtieren benannt und dann die Stadt nach dem Creek.

Die frühen Emiratis hinterließen keine schriftlichen Zeugnisse, sodass niemand wirklich weiß, wer sie waren und was sie dachten, was ihnen wichtig war und woran sie glaubten. Nur Scherben und Klingen im Sand, zahllose Tonöfen, ein paar Gräber und ein paar Ortsnamen, deren Herkunft und Bedeutung niemand mehr kennt, erinnern an sie und erzählen ein wenig von ihrem entbehrungsreichen Leben als Siedler in einer der kargsten Regionen der Erde. Sie gründeten keine Königreiche und keine Imperien, bauten keine Paläste und Weltwunder, sondern lebten in Clans und Stämmen von dem Wenigen, das ihnen die Natur anbot.

In Al-Dur, heute im Emirat Umm Al-Quwain gelegen, befand sich die wohl größte Siedlung in der Antike. Ihre Bewohner lebten luxuriös in Steinhäusern, handelten mit Perlen, die sie vor der Küste fanden, leisteten sich Trinkgläser und andere Luxuswaren aus Ägypten, dem Römischen Reich und Syrien, und verehrten in einem Tempel eine Sonnengöttin. In der Siedlung Dibba, in der östlichen fruchtbaren Küstenebene am Arabischen Meer, beteten mehrere Tausend Menschen zum archaischen Gott Bajir.

Die traditionelle Kultur entwickelte sich im Lauf der Jahrhunderte nur wenig weiter. Im Mittelalter kamen Fremde und ließen sich um das Jahr 600, vielleicht auch schon früher, auf der fruchtbaren Insel Sir Bani Yas vor der Küste von Abu Dhabi nieder. Etwa 50 Männer waren es. Sie bauten Steinhütten und eine christliche Kirche. Diese gilt als die älteste bekannte Kirche der Region, und Ausgrabungen belegen, dass das Kloster auf Sir Bani Yas auch ein Gästehaus für Pilger und Reisende beherbergte, die sich auf dem Weg vom Schatt Al-Arab im Norden des Golfs in Richtung Indien befanden. Vermutlich war es eine nestorianische Gemeinde, eine in der Spätantike entstandene christliche Gemeinschaft des Orients, die sich hier ansiedelte, aber sie war nicht gekommen, um zu bleiben. Nur etwa 150 Jahre lang lebten die Mönche auf der Insel, bauten auf dem benachbarten Eiland Marawah sogar eine zweite Kirche, bevor sie diesen Außenposten der Christenheit wieder aufgaben. Über tausend Jahre sollten seine Ruinen danach im Sand ruhen.

Während das mittelalterliche Kloster sich in Auflösung befand, erlebte eine andere Religion ihren nachhaltigen Siegeszug in der Region : der Islam. Im Jahr 630, zwei Jahre vor seinem Tod, schickte der Prophet Mohammed erst ein Schreiben und dann Sendboten in den Oman und von dort in die Gegend der heutigen Emirate, um den Stämmen die neue Religion zu verkünden. Schnell wurde diese angenommen – doch nicht von allen und auch nicht dauerhaft. In Dibba beschloss der regierende Scheich Laquit bin Malik Al-Azdi, zur alten Religion zurückzukehren, und fand schnell zahlreiche Anhänger. Eine islamische Armee unter der Führung des Kalifen Abu Bakr bereitete dem ein Ende – 10 000 Ungläubige lagen nach der Schlacht erschlagen in der Ebene von Dibba. Ihre Gräber seien noch heute zu sehen, erzählen die Leute.

Islamische Geschichtsschreiber haben die Namen der Mitwirkenden und den Verlauf der Schlacht aus der Ferne dokumentiert, ebenso wie islamische Gelehrte und Reisende aus anderen Regionen die Nächsten sind, die uns die historischen Städte und Siedlungen der heutigen Emirate nennen. Nur lassen sich die Namen mittlerweile kaum noch Städten zuordnen. Sie sind vergessen, verweht, vergangen.

Dibba und die östliche Hafenstadt Julfar leuchten aus diesen Beschreibungen heraus, die Perlenbänke sind genannt, aber kein König, kein Herrscher über das wilde, scheinbar nutzlose Land. Im Jahr 1095 hielt der Geograf Abu Abdullah Al-Bakri den Ort » Dibei « ( Dubai ) als Erster für erwähnenswert, aber auch nicht mehr. Das mächtige Julfar, von dem so lange und so oft geschrieben wird, ist verweht, denn vermutlich ist es nicht identisch mit dem Julfar, das heute bei Ras Al-Khaimah auf der Landkarte eingezeichnet ist, sondern wanderte über die Jahrhunderte von hier nach da und dort, wie ein Nomade in der Wüste, der nichts als seinen Namen, seinen Stolz und sein Erbe mit sich trägt.

Während im Oman und im Jemen Kriege tobten, Städte erobert und zurückerobert wurden, blieb es einigermaßen ruhig an der Golfküste, von gelegentlich anlegenden Flotten und durchziehenden Armeen und Stammeskriegern abgesehen. Im Norden etablierte sich der Stamm der Al-Qawassim mit einem Händchen für den Handel und die Perlenfischerei, im Süden die Bani Yas, die in den Oasen von Liwa und der Küstensiedlung Abu Dhabi Landwirtschaft betrieben. Der Legende nach wurde Letzteres mit seiner Süßwasserquelle von Beduinen der Bani Yas entdeckt, die Oryxantilopen bis zur Wasserstelle nachgingen, weshalb Abu Dhabi » Vater der Gazelle « bedeutet. Ob dieses Märchen 500 oder 5000 Jahre alt ist, weiß nur der Sand. In Jumeirah zwischen Abu Dhabi und dem Dubai Creek wuchs ebenfalls ein Handelsstützpunkt heran, der später, wie Julfar, wieder untergehen sollte.

An der Küste von Fujairah, etwas südlich des Schlachtfeldes von Dibba, bauten die Bewohner um das Jahr 1450 eine Moschee aus Lehm und einen Wachturm. Diese haben überdauert, und das Gotteshaus ist heute das älteste der Emirate. Die deutlich größere und auch ältere Moschee an einem jener Orte, die zu ihrer Zeit den Namen Julfar trugen, ist untergegangen, als die Siedlung Julfar weiterzog.

1580 wies der venezianische Kaufmann Gasparo Balbi auf den Perlenhandelsplatz Dubai hin. Die großen Geschäfte aber machten Europas Kaufleute damals mit dem Gewürzhandel, mit Indien und den Ländern der Seidenstraße, von denen sie kostbare Stoffe bezogen. Überregional interessant wurde die Golfregion erst wieder im 17. Jahrhundert, als das portugiesische Weltreich dort Stützpunkte errichtete. Der Seeweg im Golf war eine wichtige Handelsverbindung geworden, da sie Indien mit dem Ende der Seidenstraße verband. Briten, Niederländer und Portugiesen segelten vermehrt durch den Golf.

Die Portugiesen erschienen in Gestalt des Eroberers Alfonso de Albuquerque an der Golfküste. Seine Mission lautete, dort ein Netz von Forts und Befestigungen zu errichten, das portugiesische Schiffe und die Seehandelsroute zwischen dem Osmanischen Reich und Indien sichern sollte. Die Al-Qawassim und sogar Händler waren wenig begeistert, ebenso wenig wie andere Stämme der Region. Dennoch zeigten sie Interesse an den voll beladenen Handelsschiffen. Bald schon wurde die Gegend » Piratenküste « genannt, auch von den Briten, Franzosen und anderen Mächten, die nach den Portugiesen ihre Claims am Golf absteckten.

Mit den Einheimischen gingen die portugiesischen Siedler – wie überall, wo sie auftauchten – wenig zimperlich um, und doch war ihre Herrschaft nicht von Dauer. Schon im 17. Jahrhundert gaben sie ihre Außenposten wieder auf, und die Emiratis lebten weiter wie zuvor. Julfar blieb ein wichtiger Handelshafen und Perlenfischerstützpunkt und war so etwas wie das Dubai der frühen Neuzeit : der Motor für die Wirtschaft in der Region. Aus Palmwedelhütten wurden feste Häuser. Als der Hafen schließlich versandete, entwickelte sich Ras Al-Khaimah zur bedeutendsten Siedlung, und die Händler vom Stamm der Al-Qawassim wurden immer reicher. Doch auch die Bani Yas bauten sich die ersten steinernen Paläste – kleine Sandburgen im Vergleich zu Schlössern wie Versailles, aber mächtige Trutzbauten in einer Region, in der seit Jahrhunderten die meisten Menschen in Zelten und Hütten lebten.

Die Briten schickten Kriegsschiffe nach Ras Al-Khaimah und Sharjah, zerstörten 1819 die Stadtbefestigungen und die Flotte, was das vorläufige Ende der Handelsmacht der Al-Qawassim bedeutete. Das Scheichtum Ras Al-Khaimah zerfiel; es entstanden die kleinen Emirate Ajman, Fujairah und Umm Al-Quwain. Die Briten hatten gewonnen, aber indirekt auch die Bani Yas, die jetzt die Vormachtstellung übernehmen konnten.

Ab 1820 schlossen die lokalen Stammesoberhäupter, die Scheichs, nach und nach Verträge mit den Briten. Sie akzeptierten Großbritannien als Schutzmacht und verzichteten im Gegenzug darauf, britische Schiffe zu kapern oder die Briten in der Region sonst wie zu belästigen. So wurde aus der » Piratenküste « die » Vertragsküste « ( englisch Trucial States ). Dubai und Abu Dhabi stellten sich von Anfang an gut mit den neuen Herren.

Die unbedeutende Fischersiedlung Dubai – ein paar Hütten, ein Scheichhaus aus Sandlehm, ein Fort aus Korallen und ein paar Hundert Einwohner – wuchs erst zum nennenswerten Handelsposten heran, als 1833 die Beduinen und Bauern vom Stamm der Bani Yas in den Oasen von Liwa Streit bekamen. Worum es im Detail ging, ist längst vergessen. Vielleicht wirklich nur um des Nachbars Ziege. Vielleicht auch schon bewusst darum, welche Familien vom Stamm der Bani Yas in Zukunft welche Machtsphären beherrschen sollten. Jedenfalls wanderte eine größere Beduinengruppe von Liwa nach Dubai und vertrieb auch gleich den Scheich der dort ansässigen Clans, obwohl er vom selben Stamm war. Die knapp 1000 Neuankömmlinge riefen Dubai als eigenes Scheichtum aus, unabhängig vom benachbarten Abu Dhabi. In Dubai herrschte jetzt ein Scheich aus der Familie Al-Maktoum ( aus Liwa eingewandert ), in Abu Dhabi einer aus der Familie Al-Nahyan. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Mit den Neuankömmlingen vergrößerte sich nicht nur die Bevölkerungszahl Dubais beträchtlich, auch der Reichtum wuchs. Die neuen Herren der Stadt riefen den Hafen als Freihandelszone aus – was ebenfalls bis heute gilt – und lockten so zahlreiche Kaufleute aus dem Iran an die arabische Seite der Golfküste, die dadurch Unmengen an Steuern sparten. Mit den persischen Kaufleuten der zweiten großen Einwanderungswelle kamen neue Gerichte, neue kulturelle Impulse und eine neue Architektur an den Creek. Windtürme, die eine sanfte Brise einfangen und ins Innere eines Hauses leiten, gelten heute als Ikonen der traditionellen Golf-arabischen Bauweise. Diese kamen allerdings erst um 1900 mit den Persern nach Dubai.

Die britische Schutzmacht hielt sich in stammesinternen Angelegenheiten zurück und sah davon ab, die ärmlichen Scheichtümer zu kolonisieren. Der Perlen- und Sklavenhandel in den Siedlungen, Kamele und Datteln sowie der Persienhandel waren für das Imperium nicht interessant genug, um sich zu engagieren. Nicht einmal für Bildung, Infrastruktur oder medizinische Versorgung der Einwohner. Diese waren jetzt ärmer denn je, denn seit der Erfindung der Zuchtperle und der Abschaffung der Sklaverei ( in weiten Teilen der Welt ) waren ihnen wichtige Einnahmequellen verloren gegangen. Die Emiratis aßen wieder gegrillte Heuschrecken und Eidechsen, wie in der Frühzeit und im Mittelalter. Britische Kriegsschiffe kreuzten im Golf. 1937 unterschrieb der Scheich von Dubai einen Prospektionsvertrag mit Großbritannien, in der Hoffnung, der Not ein Ende zu bereiten. Nach Erdölfunden in Saudi-Arabien, Bahrain und Kuwait hoffte man, auch hier auf den schwarzen Schatz zu stoßen. Der Zweite Weltkrieg kam dazwischen, die Länder am Golf blieben in ihrer Isolation. Während die Sowjetunion und die USA ihre Raumfahrtprogramme auflegten, gab es in den Trucial States keine befestigten Straßen, keinen elektrischen Strom ( außer aus Generatoren ), keine weiterführenden Schulen, kein modernes Staatswesen.

Erst 1950 eröffnete das erste Krankenhaus in Dubai. Geschätzte 70 Prozent der Bevölkerung konnten nicht lesen oder schreiben, als 1958 vor der Küste von Abu Dhabi das erste Öl entdeckt wurde. 1966 wurden die Exploratoren auch vor der Küste Dubais fündig. Die emiratische Ölzeit begann, und die globale Kolonialzeit endete. Großbritannien sah sich nicht in der Lage, die Länder am Golf weiter zu halten, sie zu schützen oder gar zu regieren. 1966 beschloss es deshalb auf eigene Initiative den Rückzug als Kolonial- und Schutzmacht der Region. Was zugleich bedeutete, dass die Öleinnahmen auch nicht in der britischen, sondern in den arabischen Kassen landeten. In den Kassen der Herrscher, die sich von den fremden Förderfirmen für das Öl bezahlen ließen.

Abu Dhabis Scheich Zayed bin Sultan Al-Nahyan ( 1918 –2004 ), auf dessen Herrschaftsgebiet die größten Ölreserven lagen, war ein kluger, weitsichtiger und auch unbeugsamer Herrscher, dessen Politik und Verhandlungsgeschick die Emiratis heute vieles zu verdanken haben. Er und seine Stammesgenossen wehrten mit britischer Hilfe in den 1950er-Jahren feindliche Übernahmeversuche des Oman und Saudi-Arabiens um die Oasenstadt Al-Ain ab und verbaten sich, dass fremde Firmen dort nach Öl suchten. Nach den Ölfunden auf seinem eigenen Gebiet ließ Zayed die Prospektoren und Vermarkter regelmäßig bei sich antanzen und achtete sorgfältig darauf, ordentlich bezahlt zu werden. Statt jedoch nur sich und seinen Günstlingen Paläste zu bauen, investierte der Scheich in Infrastruktur und spendierte seinen eigenen Leuten großzügig Häuser, Land, Baugrund, medizinische Versorgung und Bildung. Die anderen Scheichs taten es ihm nach.

Zayed war ein Mann des Friedens und sah, dass man nur gemeinsam weiterkommen konnte, jetzt, wo die Region von Großbritannien unabhängig werden würde. Er war eine Integrationsfigur und brachte 1968 alle Scheichs und Emire der Trucial States sowie aus Bahrain und dem Oman zusammen, um über die Zukunft der Region zu sprechen. Auch Dubais Scheich Rashid bin Saeed Al-Maktoum, in dessen Palast das Treffen stattfand, war einer derjenigen, die auf eine gemeinsame Zukunft drängten. Am 27. Februar 1968 verkündeten die Scheichs, dass man einen neuen Staat gründen werde : die Union Arabischer Emirate.

Zayed und Rashid verhandelten über den neuen Nationalstaat. Die Scheichtümer der Bani Yas würden darin wieder vereinigt sein. Sie arbeiteten eine gemeinsame Verfassung und damit eine gemeinsame Zukunft aus. Am 2. Dezember 1971 wurde die Union besiegelt. Auch die Nachfahren der Al-Qawassim und ihre Scheichtümer schlossen sich an : Sharjah, Umm Al-Quwain, Ajman und Fujairah. Ras Al-Khaimah unterschrieb den Unionsvertrag einige Wochen später, im Jahr 1972.

Der 2. Dezember ist heute der Nationalfeiertag des jungen Staates, der sich seit seiner Gründung vom Entwicklungsland zu einem der reichsten und fortschrittlichsten Länder der Welt entwickelt hat. Die Emirate freuen sich mittlerweile über ein Wirtschaftswachstum von jährlich etwa vier Prozent und haben auch die Finanzkrise von 2008, als es herbe Einbrüche im Tourismus und vor allem in der Baubranche und bei den Immobilienpreisen gab, bestens überstanden. 38 Prozent des Bruttoinlandsprodukts von 339 Milliarden US-Dollar wurden 2011 durch den Ölexport erwirtschaftet. Pro Kopf gerechnet, stehen die Emirate laut der Tabelle der Weltbank damit global auf Platz acht, einen Platz hinter den USA. Auf Platz eins befindet sich das Emirat Katar. Deutschland belegt Platz 17.

Nach dem Ölexport sind Bankwesen, Handel und Tourismus die anderen starken Standbeine. Der steigende Ölpreis trägt das Seine zu Stabilität und Wachstum bei, wenn auch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in China und Indien, den wichtigsten Handelspartnern der Emirate, den Aufschwung derzeit etwas bremsen. Das Bankwesen in den Emiraten gilt als eines der stabilsten der Welt, vom Öl ist noch genug vorhanden, und der Immobilienmarkt hat sich gesundgeschrumpft. Dass den Emiratis das Öl irgendwann ausgehen wird, haben sie selbst schon bemerkt. Deshalb nutzen sie die Segnungen des schwarzen Goldes, um nicht mehr nur in Infrastruktur und gutes Leben, sondern auch in die Ansiedlung von Zukunftsbranchen und Bildungszentren zu investieren. Die Zukunft der Emirate hat gerade erst begonnen. Ein Boomstaat, bestehend aus Boomtowns, gebaut auf dem Sand der Zeit.

Arabeske : Burj Khalifa

Händchen haltende indische Paare, Portugiesisch plappernde Frauen, deutsche Touristen, ein schreiendes Kleinkind, eine Großmutter im Sari, die sich an der Wand platt auf den Boden setzt. Alleinstehende Männer, die Selfies knipsen. Ältere arabische Männer, die wortlos an dem Getümmel vorbeischreiten, hinein in den klimatisierten Bereich. Das Interessanteste an der Aussichtsterrasse auf dem Burj Khalifa ist der Menschenmix und die Art und Weise, wie jeder für sich versucht, die einmalige Erfahrung aufzusaugen, mitzunehmen, zu konservieren. Man steht schließlich nicht jeden Tag auf dem höchsten Gebäude der Welt. Wenn auch nicht auf seiner Spitze in 828 Metern, aber immerhin » At the Top «, einem Stockwerk mit Rundumpanorama in 452 Metern Höhe.

Die Aussicht ist überraschend unspektakulär. An den meisten Tagen liegt so viel Staub und Dampf in der Luft, dass der Blick nicht einmal bis zum anderen Wahrzeichen Dubais, dem 15 Kilometer entfernten Hotel Burj Al-Arab reicht. Die Fahrt auf die Terrasse des Turms ist, gemessen am Aussichtsergebnis, eigentlich eine Enttäuschung, aber das würde niemand so sagen, der oben im Getümmel steht, denn die Aufregung reißt jeden Besucher mit, bei der Jagd nach dem schönsten Blick und dem besten Souvenirfoto. Dabei geht es weniger um das Panorama als vielmehr um das Wissen, gerade auf einem silbrig glänzenden Weltwunder zu stehen, zusammen mit all den anderen, mit denen man eben in der Schlange stand, durch glänzende Gänge zum edel gedimmten Lift schlurfte und begleitet von heroischer Musik in der recht vollen Kabine hinauffuhr.

Zu den Rekorden, die der Burj Khalifa derzeit hält, gehören : höchstes frei stehendes Gebäude der Welt, Gebäude mit den meisten Stockwerken, schnellste Aufzüge der Welt, Gebäude mit dem höchsten Restaurant, Nachtklub und Wohnbereich; überhaupt höchstes Ding, das die Menschheit je gebaut hat. Man muss es sich innerlich vorsagen, wenn man da oben im Getümmel steht, über den dunstverhangenen Golf und auf der anderen Seite in die staubige Wüste blickt und bei der Aussicht über die Hochhausschlucht der Scheich-Zayed-Road vergeblich versucht, die weiter entfernten Häuser am Creek oder die Skihalle auszumachen.

Jaja ! Ein Superlativ der Superlative ist dieser Burj Khalifa – mehr Dubai geht nicht. Seit der Megaturm 2010 eröffnet wurde, musste das Burj Al-Arab, zuvor das Wunder der Wunder, demütig in dessen Schatten treten. Dabei hätte dieses neue Wahrzeichen der Wahrzeichen seine Erbauer fast in den Ruin gestürzt, wäre um ein Haar zum Denkmal der Hybris einer Boomtown geworden.

Wenige Monate vor der Eröffnung ging den Erbauern, einer zu einem Drittel staatlichen Immobilienholding, das Geld aus. Die internationale Finanzkrise ging nicht einmal an Dubai spurlos vorüber. Die Druckwelle, die beim Platzen der hiesigen Immobilienblase entstand, hätte fast das neue Wahrzeichen umgerissen.

Finanzielle Hilfe in Milliardenhöhe kam aus dem Nachbar­emirat Abu Dhabi, das vernünftiger gewirtschaftet und sich nicht verhoben hatte an überdimensionierten Immobilienträumen. Dank der Hilfe des großen Nachbarn wurde das Weltwunder nicht nur fertig, sondern auch noch rechtzeitig eröffnet. Es heißt jetzt nicht wie geplant Burj Dubai ( Dubai-Turm ), sondern wurde nach dem großzügigen Geldgeber benannt : Scheich Khalifa bin Zayed Al-Nahyan, Sohn des Staatsgründers Zayed, Herrscher von Abu Dhabi und Staatsoberhaupt der Vereinigten Arabischen Emirate. Der Turm ist dadurch auch ein Wahrzeichen aller Emirate geworden, ein Symbol des gemeinsamen Himmelsstrebens, der gemeinsamen Interessen, Träume und Visionen ebenso wie ein Denkmal des bereits Erreichten.

Und doch ist der Burj Khalifa ein Monument, das sich entzieht. Steht man an seinem Fuß an der Promenade vor dem Einkaufszentrum, ist er eine schwindelig machende, silbern flirrende Himmelsleiter, die gar kein Ende zu haben scheint. Die Perspektive von unten fordert die menschlichen Sinne ebenso heraus wie die elektronischen, denn die Sucher der kleinen Kameras können das Wunder kaum einfangen. Wie soll es nur auf ein Foto passen und dann auch noch seine wahre Größe verraten ? Von etwas weiter weg betrachtet, von der Umgehungsstraße Emirates Road oder vom Jumeirah Beach aus gesehen, ragt die Nadel weit über die Skyline hinaus, aber nur, wenn sie die Sonne nicht gerade so reflektiert, dass sich die gleißende Fassade im Himmel auflöst.

Ist der Turm echt oder nur ein Spiegelbild, eine Fata Morgana, wie sie zu einer Wüstenstadt passen würde ? Die aus dem Nichts auftaucht, die Sinne verwirrt, um dann wieder zu verschwinden, bevor man sie begreift ? Womöglich reißt auch deshalb der Strom einheimischer Besucher auf der Aussichtsplattform nicht ab. Selbst die Emiratis müssen sich der tatsächlichen Existenz dieses Wahrzeichens versichern. Mit auf den Rücken verschränkten Armen aus dieser Höhe auf die eigene Stadt herabblicken und leise nicken. Gütig über die tobenden Horden hinwegsehen. Zurückdenken an die Zeit, als an derselben Stelle nur Wüste war. Diese alte Zeit – sie liegt erst ein paar Jahre zurück. Das ist das eigentliche Wunder.

Felicia Englmann

Über Felicia Englmann

Biografie

Felicia Englmann ist selbstständige Autorin, Politikwissenschaftlerin und Publizistin. Als Redakteurin für Münchner Tageszeitungen und Magazine hat sie über Kultur und kulturhistorische Themen berichtet. Von ihr erschienen u.a. der Band »Arabersaison« und die Reiseessays »Sorry, das haben wir...

Pressestimmen

Time2Travel

»Herausgekommen sind allerlei moderne, aber keineswegs erfundene ›Märchen aus 1001 Nacht‹, die von quirligen Metropolen ebenso berichten wie von Emiraten im Dornröschenschlaf.«

Inhaltsangabe

Willkommen im Übermorgenland

Wüste, Meer und Metropolen – Die Vereinigten Arabischen Emirate

Emiratis, Expats und Besucher – Die Menschen in den Emiraten

Kaffee, Scheichs und Schaulustige – Das öffentliche Leben in den Emiraten

Mode, Museen und Kamele – Private Freuden in den Emiraten

Wiedersehen im Übermorgenland

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