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Die Dämonen (Die Dämonen 1)

Die Dämonen (Die Dämonen 1) - eBook-Ausgabe

Tobias O. Meißner
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Roman (Die Dämonen 1)

„Überflüssig zu sagen, dass Tobias O. Meißners schriftstellerisches Können überragend ist.“ - Frankfurter Allgemeine Zeitung

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Die Dämonen (Die Dämonen 1) — Inhalt

Seit Jahrtausenden sind die Dämonen in einem magischen Schlund gebannt. Doch durch einen Zufall gelingt Irathindur und Gäus die Flucht. Sie fallen in das Menschenreich Orison ein und ergreifen dort von Herrschern Besitz, um das Land unter sich aufzuteilen. Bald jedoch stellt sich heraus, dass die Lebenskraft, die den Dämonen als Nahrung dient, für zwei Geschöpfe der Finsternis nicht ausreichen wird. Ein Dämon muss den anderen vernichten, um zu überleben. Irathindur und Gäus versammeln gewaltige Heere hinter sich und beginnen eine erbarmungslose Schlacht, die alles in den Schatten stellt, was das menschliche Auge je gesehen hat …

€ 2,99 [D], € 2,99 [A]
Erschienen am 10.12.2013
464 Seiten
EAN 978-3-492-98003-6
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Leseprobe zu „Die Dämonen (Die Dämonen 1)“

Leseprobe

Vorausschau

Der König, der keine Augen hatte, streckte eine Hand aus nach dem Meer.

Den Viermaster, der dort ankerte im unruhigen Wasser, dreihundert Schritt von dem auf dem Strand stehenden König entfernt, durchlief ein Zittern, obwohl kein Wind die Takelung zum Schwingen brachte.

Weit im Hintergrund ballten sich Wolken, spuckten fahle Blitze von sich. Der Himmel tobte. Dunkelgrau wogte das Meer, weißlichen Schaum auf den gebleckten Zähnen.

Wie die Zacken einer Gabel entfaltete der blinde König die Finger seiner Hand. An seinem Arm [...]

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Leseprobe

Vorausschau

Der König, der keine Augen hatte, streckte eine Hand aus nach dem Meer.

Den Viermaster, der dort ankerte im unruhigen Wasser, dreihundert Schritt von dem auf dem Strand stehenden König entfernt, durchlief ein Zittern, obwohl kein Wind die Takelung zum Schwingen brachte.

Weit im Hintergrund ballten sich Wolken, spuckten fahle Blitze von sich. Der Himmel tobte. Dunkelgrau wogte das Meer, weißlichen Schaum auf den gebleckten Zähnen.

Wie die Zacken einer Gabel entfaltete der blinde König die Finger seiner Hand. An seinem Arm entlanghorchend, konnte er den Viermaster schaukeln hören in stärker werdender Dünung. Er schob die Finger vorwärts, als schaufele er sie unter das Schiff, und ballte die Hand dann zur Faust.

Das riesige Schiff ächzte. Matrosen und Soldaten begannen auf dem Deck umherzulaufen wie Ameisen in einem von einem Stock durchbohrten Bau. Irgendetwas stimmte nicht. Widersprüchliche Kommandos wurden gebellt. Einige sprangen voller Ahnungen über Bord.

Der König hob den Arm mit der geballten Faust langsam höher, den Wolken entgegen. Ehrfurchtgebietend, unter der Belastung ächzend wie ein algenbärtiger Riese, hob sich der Viermaster aus den Wellen, triefend, gischtend, gewaltig. Die Ankerkette zerriss mit einem scharfen, peitschenden Knall. Matrosen und Soldaten stürzten und kreischten, aber noch blieb das Deck einigermaßen waagerecht, sodass immerhin der Kapitän noch stehen konnte. Der Kapitän nun aber befahl nichts mehr. Er sah nur das Meer unter sich schwinden und das Krähennest des Ausgucks den Wolken näher kommen, und er murmelte zitternd ein unhörbares Gebet.

Der König am Strand hob den Arm mit der geballten Faust hoch über den Kopf. Er musste nachfassen, so schwer war das Schiff. Erst mit einer zweiten Hand, dann mit einer dritten und vierten. Das Schiff stieg und stieg und kam näher, von unbarmherzigen Kräften gezogen und gerissen, bis es fünfzig Schritt über dem König innehielt. Altes Salzwasser regnete als feiner Sprüh herab. Der Geruch von Tang, Muscheln und Rogen. Das Schreien und Wehklagen der hilflosen Menschen dort oben. Einige sprangen noch immer über Bord und stürzten nun dumpf auf Sand.

Dann ließ der König die Arme sinken, öffnete die Fäuste, formte aus den Fäusten Hände mit ausgestreckten Zeigefingern und deutete vierfach vor sich auf den Strand, wo eine Frau in goldener Rüstung auf ihn zugeritten kam, ganz alleine, ohne Eskorte.

Der Viermaster schnellte wie ein von der Sehne gelassener Pfeil nach vorne und raste genau auf die Reiterin zu. Aus fünfzig Schritt Höhe rauschte er herab, den halben Strand mit seinem Schatten verdunkelnd, die Masten sich im Flugwind biegend, der teerige Kiel immer noch Salzwasser schwitzend, den Rammsporn voraus. Gleich würde er die Reiterin unter sich begraben, auf den Strand aufschlagen und in Tausende Tonnen von Trümmern auseinanderbersten.

Die Frau jedoch hob beide Hände im Sattel und wehrte das fliegende Schiff zur Seite hin ab. Es kippte ­ Menschen stürzten über die absackende Reling wie abblätternde Farbe ­ und schlug mehrere hundert Schritt seewärts ins Wasser. Die Mastspitzen bohrten sich durch Wellen. Das Meer stieg protestierend hoch unter dieser Wucht, schnappte dann gierig nach dem schrägliegenden Koloss, auf den die Fluten des Aufschlags niedergingen wie ein Wolkenbruch. Soldaten wurden von rutschender Ladung unter Wasser gerissen und ertranken. Nur noch wenige schrien. Fern, wie Möwen.

Es wurde stiller. Nur das Donnerrollen rumpelte gleich Kriegstrommeln. Der Tanz der Blitze zitterte wie weißglühende Spinnentiere.

Die Reiterin blieb wenige Schritte vor dem König stehen und schwang sich aus dem Sattel.

„Wir sollten diesen Unfug jetzt lassen, Gäus“, sagte sie. „Es sind kaum noch Menschen übrig, die man verbrauchen kann. Warum vergessen wir nicht unseren kindischen Pakt und tragen es aus wie zwei Dämonen?“

„Ja, tragen wir es aus, Irathindur“, antwortete der König, der keine Augen hatte, und streifte seine Robe ab. Er war nackt darunter, untersetzt, schwarzhäutig und am ganzen Körper mit dunklen, glänzenden Stacheln bewehrt. Sechs Arme entfalteten sich seitlich seines breiten Leibes, drei Beine darunter. Langsam nahm er mit zweien seiner sechs Hände die Krone seiner Königswürde und warf sie in den feinen, weißen Sand.

Die goldene Frau entledigte sich ebenfalls ihrer Rüstung. Abgesehen von ihrem schönen und unbarmherzigen Gesicht und ihrem langen, wie Schlangen peitschenden Haar wies ihr Körper keinerlei weibliche Merkmale auf – keine Brüste, keine breiten Hüften. Ihr Leib war schmal, beinahe zerbrechlich mager und von kränklich senfgelber Farbe.

„Also“, rief sie leidenschaftlich, „lass es uns endlich zu Ende bringen!“

Die Wolken zerrissen wie ein Vorhang. Der Sand stieg hoch in weißen Fontänen.

Der alles entscheidende Kampf begann mit einem Schlag, der Raum und Zeit zermalmte.

Der Zechpreller

Im Tröstenden Trompeter ging es hoch her.

Die Tische bewegten sich, führten Krieg gegeneinander. Menschen balancierten, schubsten, stürzten. Es wurde geflucht, geschrien, vor allem aber auch viel gelacht und gezecht.

Nur Minten Liago saß mit düsterer Miene an der Wand und betrachtete das wilde Treiben. Er saß in den Schlagschatten des allgemeinen Übermutes.

Der Wirt hatte die Erlaubnis zu einem feuchtfröhlichen Wettkampf erteilt. Aus zwei runden Tischen waren zwei miteinander verfeindete Länder geworden. Land Bier und Land Wein. Auf jedem der Tische standen sechs Betrunkene und versuchten, die sechs Betrunkenen des anderen Tisches herunterzuschubsen. Die Tische wurden ihrerseits von bis zu zehn weiteren Betrunkenen geschultert und bewegt, sodass einige der auf den Tischplatten Stehenden schon allein durch die schwankende Bewegung zu Fall kamen. Immer wieder torkelten die beiden Tische wie Kampfhähne aufeinander zu, prallten gegeneinander, und aus den Kampfparteien wurde ein wild um sich balgendes, tretendes und boxendes Knäuel. Das Ziel dieses Spieles war gar keineswegs festgelegt. Wenn zu viele Streiter von der Platte gefallen waren, stiegen neue hinauf, oder bereits Gefallene versuchten es noch einmal. Irgendwann würde vielleicht eine allgemeine Erschöpfung eintreten, ein alles erlahmender Hunger oder Durst. Oder der Wirt mit seiner alten bronzefarbenen Armeetrompete würde das Signal zur Sperrstunde geben. Aber bis dahin glich der Tröstende Trompeter eher einem Tollhaus als einer Taverne, in der man auch gut speisen konnte.

Um das lärmige Kampfgeschehen in der Mitte der Schankstube herum standen, saßen und hockten die Zuschauer und Anfeuerer, Zuproster, Lacher, Wetter und Besserwisser. Jeder machte Krach. Einer blies auf einem Kamm. Einer, der vorhin noch auf einem der Tische mitgekämpft hatte, hing nun mit Armen und Beinen von einem Deckenbalken und äffte die Untengebliebenen nach. Ein anderer machte jede Bewegung der Kämpfenden am eigenen Leibe mit und schrie ständig auf, als wäre er selbst getroffen worden. Die anwesenden Mädchen lachten so laut und anhaltend, als gelte es, eine Peinlichkeit zu überspielen. Minten Liago jedoch kippelte auf seinem Stuhl nach hinten, bis er mit der Lehne gegen die Wand stieß, und stemmte seine Füße gegen die Kante seines Tisches. Er fühlte sich von einer düster brütenden Unruhe erfüllt. Je lauter das Spektakel gegen ihn brandete, desto weiter fühlte er sich innerlich von dem Treiben entfernt. Er hatte gut gegessen und getrunken, wie eigentlich jeden Tag, wenn er nach getaner Arbeit im Tröstenden Trompeter einkehrte, um sich ein wirklich schmackhaftes Mahl zu gönnen. Die Frau des Wirtes war als die geschickteste Köchin der ganzen Gasse der Tanzenden Lampen bekannt.

Minten hatte genügend Stücke in seinem Stückekästchen, um die Zeche zu bezahlen. Doch er fragte sich fortwährend, wie der Wirt bei diesem Getümmel überhaupt den Überblick behalten wollte, ob ein einzelner Gast nun ohne zu bezahlen aufstand und die Taverne verließ.

Es war die Machbarkeit, die Minten beschäftigte.

Derartige Gedanken waren recht ungewöhnlich für ihn, denn eigentlich war er ein ziemlich geradliniger Mensch. Von einfacher Herkunft, aus der Hafenstadt Saghi im Osten des Sechsten Baronats stammend, hatte er sich sein noch junges Leben lang als Tagelöhner und Gelegenheitsarbeiter in den Häfen, Lagerhäusern und Ställen durchgeschlagen. Da er kaum zweiundzwanzig Lenze alt war und kräftig noch dazu, war es ihm stets gelungen, genügend Stücke zu verdienen, um sich keine Sorgen um die nächste Woche machen zu müssen, und mehr als dies hatte er auch nie von seinen Tagen und Nächten erwartet.

Hier in Kurkjavok, der größten und zentralen Hafenstadt des Sechsten Baronats jedoch war ihm etwas Neues begegnet: die Beschäftigung, sich Gedanken zu machen. Hier gab es viele sogenannte Studenten, die mit eigenartigen Mützen auf dem Kopf und knopfbenähten Jacken das Nachtleben der Stadt durchstreiften, dabei aber immer wieder in gelehrte Disputationen ausbrachen, in denen nicht derjenige obsiegte, der die festeren Fäuste besaß, sondern der die schlüssigeren Argumente vorzubringen verstand. Im hügeligen Bereich der Altstadt gab es einen greisen Gelehrten namens Serach, der vollkommen unentgeltlich der Menge Vorlesungen hielt. Mehrmals hatte Minten Liago sich unter den zuhörenden Menschen eingefunden, das erste Mal nur zufällig mit einem Packen Baumwolle auf der Schulter, die weiteren Male jedoch absichtsvoll, weil ihn Serachs Weise, die Worte auszuwählen und zu sprechen, bis in den Schlaf hinein verfolgt hatte. Serach sagte gefährliche Dinge. Er erzählte, dass der König noch ein Kind sei und alle Könige und Barone und selbst die Baroness den Dauren nicht besser oder klüger wären als jeder einfache Hafenarbeiter. Er erzählte, dass es das Schicksal von mächtigen und ausgedehnten Königreichen sei, eines Tages zu zerbrechen und dem Vergessen anheimzufallen. Er erzählte, dass gewisse Grundgesetze in der Natur des Menschen verhinderten, dass der Mensch auf Dauer friedliebend und glücklich würde. Und er umriss auch die Legende vom Dämonenschlund, in dem die Ungeister gefangen wären in ewiger Pein, gefangen von dem wenigen, das gut war im Herzen der Menschen, gefangen von der Liebe und der Selbstlosigkeit, dem Schönheitsempfinden und dem Mitgefühl – und wie dünn jedoch und brüchig die Wände des Dämonenschlunds in den letzten Jahrzehnten wieder geworden seien, weil die Menschen taub wurden für das Gute in ihnen. Serach führte an, wie groß die Ähnlichkeit eines Dämonen war mit jedem, der sein Kind schlägt, seine Frau oder seinen Trinkkumpanen.

Serach hatte auch geredet über das Meer und die Wolken und dass die Wolken das Meer mit ihren Tränen speisten und das Meer die Wolken mit seinem stets erregten Atemhauch. Er hatte gesprochen von der Anwesenheit der Sonne, die jedes Lebewesen brauchte, um sich wärmen und nähren zu können, und von der Abwesenheit der Sonne, die ebenfalls wichtig sei, da nur so das Leben sich abkühlen könne und in der Lage sei, Ruhe zu finden. Vor allem jedoch hatte Serach gesagt, dass jeder Mensch, ob er nun als König, Baron, Bauer oder Knecht geboren sei, die Zügel seines eigenen Schicksals in der Hand halte und alles zu werden vermöchte, was er sich aussuchte: ein König, ein Baron, ein Bauer oder – wie offensichtlich von vielen gewählt – nur ein Knecht.

Minten Liago war nie ein großer Denker gewesen, aber nachdem er dem weisen Serach mehrmals zugehört hatte, war in ihm ernsthaft der Wunsch entstanden, ein Student zu werden. Das Problem dabei war nur, dass es eine Befähigungsprüfung zu bestehen gab, bei der man Lesen, Schreiben und Rechnen vorführen sollte, und Minten zwar genügend Rechnen konnte, um zu bemerken, wenn jemand ihn übers Ohr hauen wollte, und er auch genügend Lesen beherrschte, um Einkaufszettel und Ladelisten entziffern und zuordnen zu können – aber mit dem Schreiben haperte es bei ihm, weil Schreiben nicht wirklich von Nutzen war. Darüber hinaus musste man als angehender Student eine Eintragungssumme entrichten, und auch das eigentliche Studieren kostete nicht wenige Stücke, weil die Lehrer bezahlt werden mussten, sodass nur die Kinder wohlhabender Eltern es sich leisten konnten, sich dem Studieren zu widmen, ohne sich nebenbei mit harter Arbeit ganz erschöpfen zu müssen.

Wie Minten Liago nun so dasaß und nachdachte, konnte jeder auf den ersten Blick sehen, dass er nichts Besseres war als der Sohn mittelloser Eltern, die ihn, kaum dass er dreizehn Jahre alt geworden war, nach dem prosperierenden Kurkjavok geschickt hatten, damit er sich durch ehrliche Arbeit selbst ernähre. Er trug eine weitgeschnittene, von der Arbeit fleckige Leinenhose und eine ärmellose Weste von dunkelgrauer Farbe. Schwert oder sonstige Waffen besaß er nicht, seine Fäuste genügten ihm und ab und zu ein herumliegender Holzscheit, um Streitereien und Händel mit herumstreunenden Halunken zu seinen Gunsten zu entscheiden. Seine schulterlangen rotblonden, leicht struppig gewellten Haare und der wild wuchernde Backenbart verliehen ihm ein verwegenes Aussehen. Sein Gesicht war ein wenig zu flach und breit, um schön genannt zu werden, aber seine Nase war gerade, die Lippen nicht zu wulstig, und vor allem hatte er diesen Blick, den eine in Liebesdingen erfahrene ältere Frau aus Icrivavez einmal als „unverwandt“ bezeichnet hatte – ein Blick, der dem Gegenüber geradeaus durch das Gesicht ins flatternde Herz sah und die Wirkung hatte, dass man ernst nahm, was Minten sagte. Zu sagen hatte er aber gewöhnlich nicht viel, er hörte lieber zu, anstatt große Worte zu machen.

So saß er also jetzt im tobenden Trompeter, vor sich die Reste seiner Abendmahlzeit, und kippelte, was er auch in den paar Jahren, in denen er eine Dorfschule hatte besuchen dürfen, immer gerne getan hatte und was ihm so manche Ermahnung der gestrengen Lehrer eingebracht hatte.

Er kippelte und hatte das eigenartige Gefühl, sein ganzes Leben stünde nicht mehr auf sicheren Füßen.

Wie lange würde er im Hafen und in den staubigen Großlagern der Grundbesitzer arbeiten müssen, bis er die Eintragungssumme zum Studieren und den Lehrer-Obolus des ersten Halbjahres beisammenhatte? Wie lange würde er sich des Nachts verstohlen im Licht einer Kerze im Schreiben üben müssen, bis er unter den Augen der Prüfer Gnade finden würde? Und würde es überhaupt genügen, Worte entziffern zu können, um die Fähigkeit des Lesens zu beweisen? Musste er nicht auch laut vorlesen können, sicher und flüssig im Vortrag, geradezu dem Serach ähnlich?

Aber weshalb bestimmten diese Prüfer über sein Leben? Weshalb musste man schreiben und vorlesen können, wenn man doch nur zuhören wollte, was das Meer und die Wolken miteinander taten? Warum musste man bereits wie ein Gelehrter sein, wenn man doch nur willens war, sich von Gelehrten bilden zu lassen?

Weshalb bestimmte das Woher so sehr den weiteren Weg? War denn nicht, wie Serach gesagt hatte, jeder Mensch Zügelhalter seines eigenen Lebens? Konnten denn nicht Hindernisse einfach nur umgangen, überklettert oder zerschmettert werden? Oder steckten einfache Menschen wie er schon längst im Dämonenschlund fest, endlos umhergewirbelt von Kräften und Absichten, die das eigene Verständnis überstiegen, hilflos und unfähig, die Zügel zu halten, die das Leben einem gutwillig überreichte?

Warum konnte er jetzt nicht einfach aufstehen, den sinnlosen Krieg der Tische durchqueren und die Tröstende Trompete verlassen, ohne die Rechnung zu begleichen? Die zweieinhalb Stücke, die er dadurch sparen würde, konnten der Grundstock eines Studiums sein. Im Laufe der letzten sechs Monate hatte er so viele Stücke in die Trompete geschüttet, zweieinhalb pro Abend, das machte gut und gerne über vierhundert – wie konnte der Wirt da ein Aufhebens machen wegen der zweieinhalb mickrigen Stücke, die er ihm jetzt vorenthalten würde?

Es war die Machbarkeit, die Minten beschäftigte. Die Einfachheit. Das Getümmel in der Schankstube, das jeden Überblick verwehrte.

Ohne Gewalt. Ohne wirklich zum Verbrecher zu werden. Einfach nur aufstehen und gehen und die Stücke behalten, die den Gegenwert einer notwendigen Mahlzeit bildeten.

Wie oft würde er so eine Zeche prellen müssen, bis er die Eintragungssumme und den Lehrer-Obolus des ersten Halbjahres beisammenhatte? Wie oft musste er mit dem Vorsatz des Diebstahls zum Essen gehen? Hundertmal? Hundertundzwanzigmal? Jeden Abend in einer anderen Taverne, damit man ihn nicht wiedererkannte und an seine Schulden erinnerte? Würde er zu so einer absichtlichen Betrügerei, einem solchen Umherwandern, um der eigenen Schuld zu entgehen, denn überhaupt in der Lage sein?

Er würde es nie herausfinden, wenn er nicht irgendwann einen Anfang machte. Es zumindest ein einziges Mal ausprobierte und feststellte, wie es sich anfühlte, jemanden zu übervorteilen.

Ohne vorher den Vorsatz gehabt zu haben, der ihm womöglich den Appetit verdorben hätte. Der Gedanke war ihm gerade jetzt erst, im Toben der Tische, gekommen. Diesmal war es also noch am einfachsten.

So hörte er auf zu kippeln. Er stieß sich von der Wand ab und brachte den Stuhl ordentlich zum Stehen. Dann erhob er sich und ging, vorüber am Getümmel der ringenden Parteien, mitten hindurch durch das Wettvolk, die kreischenden Frauen und den bierschaumigen Lärm, der den ganzen Schankraum bis zum Bersten ausfüllte. Einer der Tische kenterte gerade, die Männer darauf purzelten durcheinander, mit Gliedmaßen, deren Zugehörigkeit nicht eindeutig war. Großes Gelächter brandete wie eine Welle gegen eine Klippe und zerplatzte zu speicheliger Gischt.

Minten erreichte die Tür.

„He, du da, Löwenkopf! Du hast noch nicht bezahlt!“

Der Wirt. Nur wenige Schritte von Minten entfernt. Wie um alles in der Welt hatte der Wirt in diesem Getöse bloß den Überblick behalten können? Vielleicht hätte Minten sich nicht so auffällig aus allem heraushalten sollen, nicht so ein finsteres Gesicht machen. Vielleicht war tatsächlich seine Haarpracht zu auffällig. Vielleicht war er auch einfach zu sehr Stammgast, um unbeachtet bleiben zu können.

Minten sah diesen Augenblick seines Lebens sehr scharf umrissen vor sich. Noch war alles einfach. Er brauchte nur stehen zu bleiben und etwas zu murmeln wie: „Ich wollte nur kurz Luft schnappen, selbstverständlich werde ich noch bezahlen.“ Dabei das Kästchen mit den klimpernden Stücken darin vorzeigen. Oder dem Wirt die Stücke wortlos in die Hände drücken und dabei wortkarg und finster bleiben, so als hätte der Wirt gut daran getan, den angehenden Studenten ans Bezahlen zu erinnern.

Oder aber er schritt durch diese Tür und trat in ein neues Dasein ein.

Ein Dasein, in dem selbst der Traum vom Studium möglicherweise nicht mehr träumbar war.

War denn nicht jeder Mensch der Zügelhalter seines eigenen Lebens?

War denn nicht Zügellosigkeit das, was in dieser Schenke tobte und was ihn, Minten Liago, der sich anschickte, sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen, aus der Gemeinschaft geradezu hinauswarf?

Er trat durch die Tür ins Freie.

Die Luft draußen war nächtlich, kühl und angenehm. Überall in Kurkjavok roch es nach dem Meer und überall nach dem Himmel darüber.

Minten machte ein paar Schritte in die Gasse hinein, als hinter ihm die Schanktür aufgestoßen wurde. Der Wirt rief ihm noch einmal etwas hinterher, das klang wie: „He, du wirst doch nicht einfach so abhauen, oder?“ Dann rief der Wirt nichts mehr, sondern stieß stattdessen in seine bronzefarbene, alte Armeetrompete. Ein von der Armee festgelegtes, leicht erkennbares Signal: Alarm.

Minten kam beinahe zweihundert Schritt weit durch die Gasse der Tanzenden Lampen, dann versperrte ihm plötzlich eine Gruppe von fünf unrasierten und nur unzulänglich ausgerüsteten Stadtsoldaten des Sechsten Baronats den Weg. Deutlich war die ziselierte „6“ auf ihren Uniformen zu erkennen. Das Trompetensignal des Wirts war immer noch zu hören. Mithilfe des Instruments gab der Wirt Informationen weiter. Wie viele. Was. Wohin.

„Zeche prellen, was?“, griente einer der Soldaten. „Das ist aber gar nicht nett.“

„Gar nicht nett“,wiederholte ein anderer.

„Du wirst jetzt das Vierfache zahlen“, kündigte der Gutgelaunte an. „Dem Wirt seinen Teil und noch einen dazu für die Aufregung, und uns zwei weitere Teile, weil wir uns die Mühe machen mussten, extra hierherzulaufen!“

„Haben uns tatsächlich Mühe machen müssen“, bekräftigte der andere. „Sind schon fast in Schweiß geraten.“

Wieder sah Minten diesen Augenblick so deutlich vor sich, als würde ihm jemand das Geschehen aufzeichnen, und er selbst schaute von oben herab auf diese Zeichnung. Noch immer gab es ein Zurück. Die vier Teile bezahlen – er hatte knapp genügend Stücke bei sich, obwohl er dann für morgen keine mehr übrig haben würde –, eine Entschuldigung murmeln, auf jeden Fall die unbewaffneten Hände heben und Aufgabe signalisieren. Zechprellerei war kein allzu schwerwiegendes Verbrechen. Wahrscheinlich würde es mit dieser Buße schon abgegolten sein. Minten zögerte.

Von hinten kam der Wirt angelaufen, mit ihm ein Gehilfe. Das erschien Minten bemerkenswert. Die von der Trompeterei in ihrem Kriegsspiel unterbrochenen Gäste konnten dem Wirt inzwischen seine ganze Taverne auseinandernehmen, aber das nahm er in Kauf, um einen einzigen Zechpreller nicht entkommen zu lassen. Dabei hatte Minten sich nicht einmal ein besonders teures Gericht schmecken lassen. Weshalb war dieser Wirt nur so adleräugig hinter ihm her? Weil Minten ein Stammkunde war? Machte dies das Vergehen besonders schmerzhaft?

Der vorderste Soldat kam auf ihn zu. „So, jetzt mal voran hier mit den Stücken. Wir haben noch Besseres zu tun in dieser Nacht.“ Er erreichte Minten und machte Anstalten, ihn anzufassen, nach seinem Stückekästchen zu greifen. Minten ergriff den ausgestreckten Arm des Soldaten und drehte ihn so herum, dass der Soldat, wenn er sich nicht den Arm brechen wollte, einen Salto machen musste und unsanft auf dem Hosenboden landete.

Sofort begann ein großer Tumult. Drei Soldaten gingen gleichzeitig auf Minten los, zwei barhändig mit gierig nach ihm ausgestreckten Fingern, der dritte zog seinen mit Leder umwickelten Eisenstab aus einem Halfter. Dem mit dem Schlagstock drosch Minten die Faust dermaßen hart auf die Zähne, dass der Mann mit aufgeplatzten Lippen zu Boden ging und sich nicht mehr rührte. Der Schlagstock rollte geräuschvoll über das Gassenpflaster. Mit den beiden anderen rangelte Minten kurz, bis sie mit ihren unbehelmten Köpfen zweimal schmerzhaft zusammengestoßen waren und mit tränenden Augen ebenfalls übereinanderfielen. Nun stand nur noch ein Soldat vor Minten, der älteste und erfahrenste der fünf. Minten schüttelte seine Rechte aus, in welcher die Zähne des Schlagstocksoldaten Abdrücke hinterlassen hatten. Auch der vorher so Gutgelaunte der fünf kämpfte sich nach seinem unfreiwilligen Saltosprung wieder auf die Füße. Minten hob zur Abwehr eines Faustkampfes beide Hände in Kinnhöhe, doch der erfahrenste Soldat tat etwas völlig anderes als zuzuschlagen: Ansatzlos trat er Minten in den Unterleib. Der Schmerz war gleißend wie die Sonne auf einem Schiffsdeck an einem Sommertag. Minten krümmte sich, konnte aber den von der Seite erfolgenden Angriff des ehemals Gutgelaunten dennoch abwehren. Der Soldat krachte rückwärts gegen eine Hauswand und rutschte daran herab. Wieder stand Minten nur noch dem Erfahrenen gegenüber. Er musste mehr auf dessen Beine achtgeben.

Plötzlich traf ihn etwas von hinten gegen den Kopf. Ein merkwürdiges Geräusch machte das, was ihn da traf. Es war kein Schlagstock oder etwas Ähnliches. Minten wollte sich umwenden, da trat ihm der erfahrene Soldat schon zum zweiten Mal fest zwischen die Beine. Das war zu viel. Mit einem kläglichen Laut ging Minten in die Knie. Auch der Gegenstand von hinten traf ihn wieder hart auf dem Schädel, und diesmal konnte er den Gegenstand sogar sehen, weil Minten jetzt schief und verkrümmt zur Seite kippte. Es war die alte, bronzefarbene Armeetrompete des Wirtes.

Hart schlug Minten auf das Pflaster. Das Gesicht des Wirtes tauchte über ihm auf, aber verzerrt und verschliert von Tränen und Schmerz. „Drei Stücke, du verfluchter Idiot!“, schrie der Wirt ihn an. „Drei Stücke kostet das Essen, das du jeden Abend bei mir hinunterschlingst! Seit sechs Monaten kommst du zu mir, und seit sechs Monaten berechne ich dir jeden Abend ein halbes Stück zu wenig, weil jeder sehen kann, dass du ein Student werden willst und die Eintragungssumme nicht zusammenbekommst, und weil meine Frau und ich der Meinung waren, dass du es schaffen könntest und ein guter Student werden, wenn wir dich ein bisschen unterstützen! Und was machst du, du verfluchter Idiot? Du bestiehlst uns, ausgerechnet uns! Ich hoffe, du denkst in der Zelle mal darüber nach, wie sehr du uns enttäuscht hast!“

Der erfahrene Soldat trat noch zweimal zu. Einmal in den Bauch, einmal gegen den Kopf.

Minten Liago versank in einem Strudel, der aus etwas bestand, das wie Gelächter klang, aber doch ganz anders gemeint war.

Die Baroness

Im Hauptschloss des Sechsten Baronats, das blau und schlank in den wolkenlosen Himmel stach wie ein Standartenwald, herrschte die emsige Betriebsamkeit eines frühlingshaften Nachmittages. Handwerker waren damit beschäftigt, die Schäden auszubessern, die der letzte, harte Winter an dem Gemäuer hinterlassen hatte. An einigen Stellen brauchte lediglich die blaue Farbe erneuert werden, an anderen mussten Regenrinnen, Erkerschindeln oder sogar die schauerlichen Dämonen nachempfundenen Wasserspeier ausgebessert werden. In luftiger Höhe turnten die Arbeiter auf ihren knarrenden Gerüsten herum und warfen sich gegenseitig Werkzeuge und Scherzworte zu.

Unten im Hof wurde der wöchentliche Gemüsemarkt abgehalten. Selbst seltene Früchte von den Inseln Rurga und Kelm wurden hier feilgeboten, aber die Händler übertrafen einander ebenfalls darin, die gewöhnlichsten Äpfel und Birnen wie märchenhafte Köstlichkeiten anzupreisen. Die Bewohner des Schlosses nutzten die Gelegenheit, sich mit Obst und Gemüse für die kommende Woche einzudecken. Schlosssoldaten sorgten dafür, dass alles in geordneten Bahnen verlief.

Auch im Wandelgang der tausend Säulen im zweiten Stock der inneren Schlossanlage huschten Diener und Hochgestellte geschäftig umher, und mitten unter sie trat die Baroness, in funkelndes Schwarz gehüllt, und schnitt eine Schneise aus Innehalten, Verbeugungen und Furcht.

„Gott, was für ein herrliches Weib!“, ächzte Faur Benesand und musste sich schier an einer der vielen weißen Säulen festhalten, um vor Begeisterung nicht umgerissen zu werden.

Eiber Matutin erbleichte. „Scht, schhhht, Benesand, Ihr törichter, fahrlässiger Patron! Wenn sie uns hört, sind wir beide geliefert!“

„Ach, um mich ist es doch schon längst geschehen. Seit ich sie zum ersten Mal erblickte!“

„Schweigt und haltet endlich Euren Mund!“ Als ob das eine nicht das andere wäre – Matutin sagte gern dasselbe mehrmals in unterschiedlichem Wortlaut.

Die beiden waren hinter ein paar Säulen und hölzerne Rankpflanzengitter gehuscht, als die Baroness Meridienn den Dauren schwarz lodernd an ihnen vorüberschritt. Zweifelsohne war sie gerade wieder auf jemanden zornig. Tatsächlich: Sie hielt schnurstracks auf einen der höhergestellten Palastdiener zu und stauchte diesen wegen einer zerbrochenen Seifenschale zusammen, bis er am ganzen Leib zitterte.

Faur Benesand und Eiber Matutin gehörten beide zum Koordinatorenstab der Baroness. Deshalb trugen sie beide dunkelblaue, borten- und knopfbesetzte Uniformen. Benesand, erst dreißig Jahre jung, mit stattlicher Haltung, einem weichlich hübschen Gesicht und schmalem Schnurrbart sowie langen, gepflegt zurückgekämmten blonden Haaren, war am Hofe der Baroness als Einnahmenkoordinator zuständig für das Eintreiben, Schützen und Verrechnen der Zehnten und anderen bäuer- und bürgerlichen Abgaben sowie für die Instandhaltung von Wegen, Feldern und Wäldern. Matutin dagegen war früher Koordinator für Festlichkeiten gewesen, bis die Baroness ihrem damaligen Heereskoordinator in einem möglicherweise zwischenmenschlich begründeten Wutanfall einen Dolch in die Brust gerammt hatte. In Ermangelung eines besser geeigneten Nachfolgers hatte sie kurzerhand den ältlichen, zur Dickleibigkeit neigenden Matutin zum obersten Heeresführer ernannt – wohl auch, um all die für so einen Posten weit besser geeignet scheinenden Untergebenen um sie herum zu ärgern, zu tadeln und zu überzeugenderen Leistungen anzustacheln. Matutin, der vor Furcht beinahe ohnmächtig wurde, hatte sie lediglich angefaucht: „Wer einen Festumzug organisieren kann, kann auch eine Heeresparade organisieren. Kriege gibt es doch ohnehin nicht mehr.“ Matutin jedenfalls hielt sich auf dem morschen Sitz des Heereskoordinators nun schon seit drei Jahren, sicherlich auch, weil es in dieser Zeit für das stehende Heer tatsächlich nichts zu tun gegeben hatte, aber er betete weiterhin jede Nacht, dass es zu keinem irgendwie gearteten bewaffneten Konflikt mit einem anderen Baronat oder dem finsteren, nebelverhangenen Reich von Coldrin kommen würde.

Die Baroness war eine zwar schnell in Zorn geratende, aber ausnehmend schöne Frau. Sie war vierzig Jahre alt, ihre Gesichtszüge waren streng und stark akzentuiert, die Wangenknochen schattig, die Augen groß, grausam und grün. Die schwarzen Haare trug sie lang und so hart im Nacken zusammengeschnürt, dass es ihr am Haaransatz Schmerzen bereiten musste. Überhaupt trug die Baroness gerne enge, unbequeme Kleidung, gerne mit Schnürungen und einschneidenden Gürteln, gerne auch von ölig glänzendem Material. Faur Benesand brachte ganze Nächte damit zu, in immer wieder neuen Variationen darüber nachzusinnen, wie die Baroness in ihrer prallen, luftundurchlässigen Kleidung bei jeder Bewegung schwitzte und roch und wie sie wohl schmecken würde, wenn sie es ihm eines Tages gestattete, ihren sinnlichen Leib von den Füßen bis zum Mund abzulecken.

Sie wusste natürlich, was er für sie empfand. Es gelang ihm nie, das zu verbergen. Aber umso mehr strafte sie ihn mit Nichtachtung oder mit winzigen Bemerkungen, die nur er allein als anzügliche Schlüpfrigkeiten zu deuten verstand und die ihn in seinen einsamen Nächten immer neuen Variationen nachspüren ließen.

Auch jetzt wieder biss er sich in den eigenen Handrücken. „Ich muss sie besitzen! Gott weiß, dass ich sie besitzen muss, und ermutigt mich, mein Ziel zu verfolgen! “, sagte er undeutlich.

„Das wird Euch den Kopf kosten! Und nicht nur den Kopf!“

„Oh, Matutin, Ihr alter, dem Leben abgewandter Schreibstubenstaubatmer! Ihr habt schon längst vergessen, dass es Dinge gibt, die das Sterben lohnen. Eine einzige Nacht mit der Baroness – und ich stürze mich freudetrunken und lachend in den Dämonenschlund!“

„Erwähnt nicht den Dämonenschlund! Die verfluchten Seelen sind unruhig wie nie, melden meine Männer. Ich habe ihnen eigens eingeschärft, nicht zu nahe an den Rand zu gehen, damit kein Unglück geschieht.“

„Wen schert's? Wem ist das auch nur einen einzigen Gedanken wert? Schaut sie an. Sie! Sie!“ Er deutete auf die schimpfende Baroness, als hätte Matutin sie noch nie zuvor gesehen. „Sie ist das Leben und die Lust, die Sonne, der Mond und die lockend glitzernden Sterne – kurzum: alles Licht, das in mein dunkles Leben fällt.“

„Matutin! Benesand! Wo steckt ihr, wenn man euch braucht, ihr nutzloses Gesindel!“ Die Stimme der Baroness schnitt durch den Säulensaal wie eine Sense durch Weizen. Matutin nahm augenblicklich Haltung an und marschierte im Stechschritt hinter den Säulen hervor.

„Hier, verehrteste Baroness! Hier und nie weit fort! Stets zu Diensten!“

Benesand atmete tief durch, nahm einen kurzen Anlauf und flankte sportlich über eine niedrige hölzerne Balustrade in den eigentlichen Wandelgang. Seine Haare waren dabei ein wenig in Unordnung geraten, aber mit einem strahlenden Lächeln kam er in den Stand. „Ihr habt mich gerufen, Herrin? Verfügt über mich!“

Die Baroness ließ den zitternden Diener stehen und schritt zu den beiden Koordinatoren herüber. Jede Bewegung ihrer unglaublich engen, glänzend schimmernden Hosen steigerte Benesands Verlangen ins Unermessliche.

„Was treibt ihr da hinter den Säulen in den Beeten? Könnt ihr nicht den Wandelgang benutzen wie alle anderen auch?“

„Immer auf der Suche nach Spionen, Eure Gnädigkeit! “ Um die Angst vor seinem möglicherweise gewalttätigen Armeeamt zu überspielen, hatte Eiber Matutin es sich zur Angewohnheit gemacht, besonders laut und zackig zu sprechen, wenn man ihn offiziell anredete. Benesand zuckte jedes Mal unwillkürlich zusammen, wenn der dickliche Alte plötzlich so losschrie.

Die Baroness rührte jedoch zu Benesands Bedauern keinen Muskel. „Spione? Wir sind doch gar nicht im Krieg, oder irre ich mich da?“

„Man kann nie vorsichtig genug sein, Baroness! Besser argwöhnisch sein als hinterher das Nachsehen haben!“

Faur Benesand strich sich seine Haare ordentlich zurück und grinste. „Auch eine der Säulen könnte nicht ganz so stabil sein, wie Ihr das von einer Säule zu Recht erwartet. Wir müssen eben auf alles ein Auge haben.“

„Verstehe“, sagte sie und sah ihn direkt an. Da war wieder so eine Anspielung, die nur er entschlüsseln konnte, ein heimliches Einverständnis zwischen ihnen. Sie wusste, dass er sie stets beobachtete, und sie genoss es! Benesand jubelte innerlich. „Nun, ich habe einen Auftrag für euch zwei Drückeberger. Das dämliche Kind hat es sich in den Kopf gesetzt, den Dämonenschlund zu besichtigen. Ausgerechnet jetzt, wo dort wieder Unruhe herrscht, die erste seit Jahren. Matutin, ich will, dass du ihn höchstpersönlich mit einer Eskorte beim Inneren Schloss abholst und ihm Geleitschutz durch mein Baronat gibst. Ich habe keine Lust, mich um solchen Unfug selbst kümmern zu müssen – sag ihm einfach, ich habe Kopfschmerzen oder irgendeinen anderen Quatsch. Das dämliche Kind soll trotzdem das Gefühl haben, dass es das Sechste Baronat an nichts mangeln lässt, um seine Sicherheit zu garantieren, und deshalb schicke ich dich, Benesand, mit hin. Ich brauche einen Berater vor Ort, der kindisch genug ist, die Bedürfnisse eines Kindes begreifen zu können. Ihr brecht morgen in aller Frühe zum Inneren Schloss auf.“

„Morgen früh erst? Heißt das, Ihr benötigt heute Nacht noch meine Dienste, Herrin?“, fragte Benesand hoffnungsvoll lächelnd.

„Hm?“ Sie schien nicht richtig zugehört zu haben. Zumindest tat sie so. „Nun, wenn du dich denn ungewöhnlicherweise unbedingt nützlich machen willst, dann melde dich bei den Ställen. Die Pferde müssen für den morgigen Ausritt gewiss gut gebürstet werden.“

„Jawohl!“, bestätigte Benesand mit einem unfreiwilligen Juchzer in der Stimme. Ihm schwanden beinahe die Sinne. Dermaßen unverblümt hatte die Baroness noch nie ihren bevorstehenden gemeinsamen Liebesakt beschrieben! Sie wandte sich ab und zeigte ihm dabei ihr prächtiges Hinterteil. Benesand stieß ein Geräusch der Wonne aus, das einem Schluchzen nicht unähnlich war.

Matutin neben ihm hörte damit auf, seinen Bauch einzuziehen. Auch seine Stimme wurde wieder normal leise. „Gott, das schmeckt mir gar nicht. Ganz und gar beunruhigend finde ich das. Zum Dämonenschlund! Ausgerechnet wir beide zum Dämonenschlund. Meint Ihr, dass sie uns loswerden will?“

„Loswerden? Wie kommt Ihr denn darauf?“ Benesand grinste breit. Auf seine ebenmäßigenweißen Zähne war er äußerst stolz. „Sie will mich hüllen in den Geruch der Gefahr. Einen Helden aus mir machen, einen Niederringer von Dämonen, damit sie sich mir umso ungehemmter hingeben kann. Schon lange ärgert mich mein langweiliger Posten. Bauern zur Räson bringen. Säumige Stadtbürger verdreschen lassen. Das sind alles keine echten Taten. Keine Manneswerke. Jetzt komme ich mal raus, zu den Wasser- und Lavafontänen der Brüchigen Berge. Genauso, mein werter Matutin, genauso wie Lava und Wasser, die hoch und brüllend aufsteigen, sich vermischen, schreiend zu Dampf werden und dann ermattet und glücklich zu Boden sinken – genauso wird unsere Nacht sein.“

„Unsere Nacht?“

„Meine und die der Baroness, natürlich. Gott, stellt Euch doch nicht so begriffsstutzig! Es schwelt, das wundervolle Weib. Und ich senge singend in ihrem Schwelen.“

„Und jetzt? Meldet Ihr Euch allen Ernstes bei den Ställen?“

„Freilich! Wer könnte denn schlafen, in einer Nacht, so aufreizend wie diese? Der tierhafte, leibliche Duft der Ställe wird mir ein Vorgeschmack sein, eine Ahnung der folgenden Freuden.“

So trennten sie sich. Faur Benesand eilte rasant in den Hof der Burg und ließ sich dort vom verdutzten Stallmeister Hafersäckchen, Bürsten und eine Heugabel aushändigen. Eiber Matutin ging, die Begegnung mit anderen Bewohnern durch geschicktes Verstecken meidend, zeitig zu Bett.

Er lag noch lange wach und dachte nach.

Die Baroness wollte ihn womöglich tatsächlich loswerden, hoffte darauf, dass er vom bröckeligen Rand des Schlundes in die Tiefe gleiten würde. Dass ausgerechnet dieser wahnsinnige und zu plötzlichen Bewegungen neigende Benesand ihn begleiten sollte, machte ihm zusätzliche Sorge.

Und dann noch der König. Der König höchstpersönlich! Denn mit dem dämlichen Kind – Gott möge verhüten, dass ihm diese Bezeichnung in Gegenwart des Königs herausrutschte! – war natürlich kein Geringerer als König Tenmac III. gemeint. Seit dem unzeitigen Tod seines Vaters Tenmac II. saß nun ein sechzehnjähriger Knabe mit Oberlippenflaum und kieksender Stimme auf dem Elefantenbeinthron von Orison. Die Baroness und die übrigen acht Barone des Landes lebten auf ihren Ländereien in steter Erwartung einer unbedachten, unreifen Entscheidung ihres neuen Regenten. Erste Vorstöße in dieser Richtung hatte er bereits unternommen. Er hatte eine Verkleinerung der stehenden Baronatsheere vorgeschlagen, was von allen neun Baronen jedoch einstimmig und entrüstet abgelehnt worden war. Er hatte angeordnet, die Jagd auf Blauaugenfüchse einzustellen, weil er diese Tiere so sehr liebte. Murrend hatten die Barone ihm dieses neue Gesetz zugebilligt. Er hatte laut darüber nachgedacht, die Sklaverei einzuschränken und nicht mehr in einzelnen Haushalten, sondern allenfalls noch in großen Fertigungsstätten zuzulassen. Man munkelte, sein Berater Tanot Ninrogin habe ihn von diesem umstürzlerischen Gedanken wieder abgebracht. Ferner hatte der junge König Emissäre nach Coldrin entsandt, dem unheimlichen Nebelland der Hornbewehrten. Seit über zweihundert Jahren schon hatte Orison jeglichen Kontakt mit Coldrin abgebrochen, und den meisten Einwohnern Orisons war das nur recht so. Womöglich würden die Hornbewehrten denken, dass es in Orison etwas zu holen gab, wenn jetzt plötzlich wieder Kontakt aufgenommen wurde.

Und nun wollte Tenmac III., der unreife, überschwängliche Tenmac III. sich aus seinem sicheren Thronschloss in Orison-Stadt begeben und sich den Dämonenschlund ansehen, diesen stetigen Unruhequell im Baronat der Baroness. Eiber Matutin schauderte es alleine schon bei dem Gedanken an diesen wirbelnden, brausenden Seelenmahlstrom. Erzählte man im Volk nicht, dass die Dämonen nach einem greifen konnten und einem die Seele heraussaugten wie das weiche Innere aus einer Frucht?

Hätte Tenmac II. nicht einfach weiterleben können? Warum musste dieser erfahrene, alles beim Alten lassende König ausgerechnet beim Eröffnen eines Hofturnieres in einer Pfütze öliger Speisesoßen ausgleiten und über den Balkon zu Tode stürzen? Hatten bei diesem Unfall nicht auch schon die Dämonen ihre Klauen im Spiel gehabt?

Wie jede Nacht verrichtete der Heereskoordinator Eiber Matutin vor dem Einschlafen noch sein Gebet: „Gott, mache, dass es keinen Krieg gibt. Mögen die Eitelkeiten und Sticheleien der Barone sich in Wohlgefallen auflösen und einfach dem Vergessen anheimfallen. Möge unser junger König die Finger vom furchtbaren Coldrin lassen. Möge unsere hochverehrte Baroness im entscheidenden Augenblick ein einziges Mal ihr Temperament zu zügeln verstehen. Und bitte, vergiss das nicht, ich bin mir nicht zu fein, es mehrmals zu wiederholen: keinen Krieg, keinen Krieg, keinen Krieg!“

Er schlief schließlich ein, aber das Wiehern der Pferde im Hof hatte ihn doch noch lange wach gehalten.

Der König

„Ich möchte näher heran“, sagte Tenmac III. so leise, dass niemand es verstehen konnte.

„Wie meinen, Eure Majestät?“ Sein liebster Berater, der väterliche, milde Tanot Ninrogin beugte sich im Sattel zu ihm herüber.

„Ich möchte gerne … näher heran“, wiederholte der König schüchtern.

„Näher heran soll es sein. Wartet, ich werde Euch begleiten.“

Vor ihnen, nur etwa fünfzig Schritt entfernt, klaffte im felsigen Boden der Dämonenschlund. Von hier aus konnte man noch nicht hineinblicken, aber man konnte es schon hören: dieses seltsame, unirdische Rauschen und Brausen wie von einem in einer Höhle verfangenen Wind.

Der König, der so zierlich war, dass ihm die rüschenbesetzte Kleidung und der samtene Umhang am Leib flatterten, als wären sie gänzlich ohne Inhalt, ließ sich von einem seiner Ritter aus dem Sattel helfen. Tanot Ninrogin stieg ebenfalls vom Pferd und schaute zu der kleinen Kapelle hinüber, die in der Nähe des Schlundes errichtet worden war, damit Pilgerfahrer hier angesichts der Dämonen beten und spenden konnten. Sein eisgrauer Bart und das schüttere Haar ließen den Berater wie einen Sechzig- oder Siebzigjährigen wirken. In Wirklichkeit jedoch hatte er erst vor Kurzem die fünfzig überschritten. Die beständige Sorge um das Wohl Orisons hatte ihn vorzeitig altern lassen.

Ninrogin warf den beiden Kommandanten des Geleitzuges, Faur Benesand und Eiber Matutin, einen fragenden Blick zu. „Ihr habt doch nichts dagegen, meine Herren, dass der König den Rand des Schlundes in Augenschein nimmt?“

„Aber mitnichten!“ Benesand lachte und sprang seinerseits beinahe übertrieben gelenkig aus dem Sattel. „Ich werde euch begleiten, hochgeschätzte Gäste!“

„Geht aber nicht zu nahe heran“, riet ihnen Eiber Matutin. Da niemand ihn angesprochen hatte, war seine Stimme leise und bebte leicht. Er blieb mit des Königs eigenen acht Rittern und den zusätzlichen zehn Eskortreitern vom Inneren Schloss zurück.

Von vorne wehte ihnen ein warmer Wind entgegen, der leicht nach Eiklar roch. Der kindliche König verzog auf dem Weg zum Rand angewidert das Gesicht. Seine Augen waren von einem beinahe wässrigen Hellblau, die Lippen rot und von einem Schönheitsfleck betont, und die beiden Schmuckohrringe, die er als Zeichen seiner Königswürde trug, ließen ihn noch zusätzlich wie ein leicht verwirrtes Mädchen aussehen.

„Seid Ihr schonöfters hier gewesen, Benesand?“,fragte er den rasch ausschreitenden Eskortierer, der ihm im Inneren Schloss als Einnahmenkoordinator des Sechsten Baronats vorgestellt worden war.

„Noch nie“, gab dieser freimütig zu. „Der Weg durch die Brüchigen Berge galt in meiner Jugend als zu beschwerlich, weil viele der Brücken nur unzureichend gewartet wurden. Später hatte ich dann keine Zeit mehr. Wer am Hofe der Baroness vorankommen will, hat selbst zum Schlafen kaum Zeit zu erübrigen.“

„Soso“, brummte der graubärtige Berater des Königs und lächelte. „Und wie kann man noch weiter vorankommen, wenn man bereits einer der neun Koordinatoren ist?“

„Nun: Noch hat die Baroness keinen Gemahl gefunden.“ Benesand grinste und zeigte dabei seine außerordentlich weißen Zähne vor. So viel Ehrlichkeit wirkte auch auf einen überall und immerzu Ränke argwöhnenden Mann wie Tanot Ninrogin entwaffnend.

Des Königs Aufmerksamkeit galt nun ganz dem Krater, der sich vor ihnen öffnete.

Die Brüchigen Berge, so bizarr, vielgestaltig, steil und unwirklich sie im allgegenwärtigen Dunst der heißen Wassergeysire auch wirken mochten, gerieten zu nichts mehr als Kulisse, als sich vor den Dreien nun der riesige Schlund in seinem ganzen Umfang enthüllte.

Das annähernd kreisrunde Loch durchmaß gut zweihundert Schritt und führte über hundert Schritt weit lotrecht in die Tiefe. Ob es einen Grund gab, konnte man nicht erkennen, denn in hundert Schritt Tiefe kreiste etwas Gigantisches, etwas, das kein Wasser und kein Nebel war, kein Sumpf und keineWolke. Ein immerwährender, grauer, zähflüssiger Strudel aus Seelen, wie man sagte.

Abgesperrt war das Loch nur durch ein uraltes, faseriges, mit verwitterten Bannsprüchen behängtes Seil, das an der Stelle, an der sie jetzt standen, für mutigere Schaulustige sogar durchbrochenworden war. Die kleine Kapelle, in der man beten konnte, Mut finden, Furcht verarbeiten und Opfergaben hinterlegen, wirkte wie ein letzter Stützpunkt der Festigkeit angesichts des ewig unsteten Waberns.

„Stimmt es“, fragte der König zaghaft und hielt sich mit einer Hand am durchbrochenen Seil fest, weil er nicht ganz schwindelfrei war, „dass jeder, der in Orison stirbt, in diesen Mahlstrom Eingang findet?“

„Das ist eine der drei vorherrschenden Theorien, mein König“, erläuterte Tanot Ninrogin geduldig. „Dass dieser Schlund alles enthält, was von unseren Toten unsterblich ist, und dadurch von Jahrhundert zu Jahrhundert immer voller wird, bis er eines Tages über den Rand treten und Orison überfluten wird. Die älteste Theorie, die auf Legenden aus grauer Vorzeit beruht und dem Schlund auch seinen Namen gab, besagt dagegen, dass dieses ewige Kreisen die Heimstatt fremder Lebensformen ist – Dämonen, die durch einen mächtigen Bannspruch aus der Zeit, als den Menschen noch Magie gegeben war, dort festgehalten und zu unendlicher Umdrehung gezwungen werden. Diesen Bannspruch wirkte kein Geringerer als der große Magier Orison, der auch dem Land dann seinen Namen und seine Grenzen verlieh.“

Er verstummte, bis Tenmac III. fragte: „Und die dritte?“

„Die dritte Theorie, mein König, besagt, dass dieser Schlund eigentlich leer ist und nur das Böse, das fortwährend in den Herzen und Seelen der Menschen nagt und wütet, dieses Spiegelbild unseres eigenen Daseins entwirft.“

„Und welche der drei Theorien stimmt?“

„Ich ganz persönlich vermute, dass die Wahrheit irgendwo zwischen diesen drei Erklärungen zu finden ist. Sicherlich gibt es etwas im Menschen, das beim Tode nicht stirbt. Beim Konflikt, den Euer Vater mit dem Zweiten Baronat austrug, bin ich mehr als einmal Zeuge eines Sterbens geworden, und ich könnte beschwören, dass dort etwas vorging, das mit herkömmlichen Sinnen nicht erklärbar ist. Auch will ich nicht bestreiten, dass es manchmal in einem Menschen so aussehen kann wie dort unten. Aber ich halte es auch für fahrlässig, die Existenz von Dämonen zu bestreiten. Vor Jahrhunderten noch muss es sie gegeben haben. Unzählige Quellen berichten davon. Sie wurden beschworen und als Waffe eingesetzt. Manche von ihnen machten sich auch selbstständig und brachten Tod und Verheerung über die damals noch ungezähmten Länder. Aber dann erlosch die Magie in den Menschen wie eine Kerze durch einen winterlichen Windhauch. Auch die Dämonen verschwanden. Aber wohin? Hatten sie nur in den Menschen existiert und vergingen, als auch die Magie verging? Oder wurden sie niedergeworfen und alle in diesen Schlund gebannt, als den Menschen klar wurde, dass sie im Begriff waren, die Macht über die Dämonen zu verlieren? Ursache und Wirkung sind manchmal schwer zu bestimmen, wenn beides Jahrhunderte zurückliegt.“

Die drei schwiegen. Benesand war unbeschreiblich fasziniert von dem mahlend rauschenden Tosen in der Tiefe. Eine Gewalt zeigte sich dort unten, so groß und stetig, dass man annehmen musste, sie könnte sich selbst durch Felsen Bahn brechen, noch dazu durch so brüchige, roststaubige wie diese hier. Und dennoch konnte der Strudel diesen Krater nicht verlassen. Benesand sah tatsächlich ein Spiegelbild vor sich. Ein Spiegelbild seiner quälenden, weil unerfüllten Leidenschaft zur Baroness.

Der junge König hielt sich einen Zipfel seines Umhangs vor die Nase. Seine blassblauen Augen tränten. Der Eiklargeruch, der hier am Rand wärmer und wärmer wurde und auch einen leicht brandig-salzigen Geschmack auf die Zunge legte, setzte ihm zu. „Es gibt nicht viele Orte in Orison, wo der Mensch so deutlich etwas sehen kann, das sein Vorstellungsvermögen übersteigt “,flüsterte er.

Tanot Ninrogin, der die leise Aussprache des Königs gewöhnt war, nickte. „Es gibt das Meer, das Orison in drei Himmelsrichtungen umgibt und dessen Unermesslichkeit wohl niemals wird erkundet werden können. Es gibt den Gramwald im Achten Baronat, in dem die Bäume ein rätselhaftes Eigenleben zu besitzen scheinen, das alle Unvorsichtigen in Furcht und Trauer stürzt, und es gibt die Wolkenpeinigerberge, die uns nach Norden hin vom nebligen Coldrin abgrenzen. Und dann gibt es natürlich noch den Himmel und die Sterne, von denen einige Weise sagen, dass sie ferne, bei Nacht beleuchtete Städte sind. Aber davon abgesehen gibt es tatsächlich keine Orte mehr, die noch Magie besitzen.“

„Früher war das anders?“, fragte Benesand.

Ninrogin nickte. „Früher, so sagt man zumindest, gab es Magie in jedem Baum, in jedem Stein, in jedem Vogel, in jedem Grashalm und in jedem Insekt, das auf der Wiese krabbelt.“

Benesands Blick war weiterhin starr auf den behäbigen, aber in seiner Langsamkeit würdevollen Strudel gerichtet. „Ich frage mich, was geschehen würde, wenn man hineinspränge. Würde man einfach nur sterben? Oder würde man mit Macht und Wissen wieder auftauchen, mehr als ein Mensch, mehr vielleicht als alle Menschen?“

„Probiert es aus.“ Ninrogin lächelte. „Das heißt: Probiert es aus, falls Eure Baroness Euch derartige Eskapaden gestattet.“

Faur Benesand wirkte tatsächlich für ein paar Momente so, als wollte er womöglich springen. Aber die große Wahrscheinlichkeit, einfach nur kläglich zu Tode zu kommen, behielt die Oberhand über seine schwärmerische Veranlagung. „Und wenn man es beschwörenwürde? Meint Ihr, man könnte Dämonen heraufbeschwören mit Gesängen, Tänzen und Schriftzeichen?Mächtige Dämonen? Eine ganze Armee mächtiger Dämonen?“

„Ihr könnt auch dies gerne ausprobieren“, antwortete der königliche Berater ungerührt. „Aber wenn Ihr nicht die richtigen Gesänge, Tänze und Schriftzeichen benutzt, kann alles Mögliche passieren. Von – am wahrscheinlichsten – gar nichts bis hin zu – immer noch einigermaßen wahrscheinlich – etwas ganz anderem, als Ihr ursprünglich im Sinn hattet. Dass Ihr genau das erreicht, was Ihr erreichen wolltet, scheint mir von allen Wahrscheinlichkeiten die geringste zu sein.“

„Aber so ist es doch immer!“, sagte Benesand beinahe zornig. „Das ganze Leben ist so! Wer nichts wagt, der wird ewig ein Wurm bleiben. Und nur, wer sich hohe Ziele setzt, wird durch herrliche Tore gehen.“

Tanot Ninrogin legte dem über zwanzig Jahre jüngeren Einnahmenkoordinator eine Hand auf die Schulter. „Seid Ihr schon immer so ehrgeizig gewesen, mein junger Freund, oder macht sich hier tatsächlich ein Einfluss des Dämonenschlundes bemerkbar?“

Benesand brauchte eine Weile, um seine Augen vom Schlund loszureißen. Dann jedoch blickte er den Berater offen an. „Ich war schon immer ehrgeizig. So ist aus mir ein Koordinator geworden. Geboren bin ich nämlich nicht in einem der Schlösser, sondern in der Hafenstadt Icrivavez. Um sich von dort über das Äußere Schloss zum Hauptschloss vorzuarbeiten, bedarf es eines hohen Zieles – und des festen Vorsatzes, kein Wurm zu sein.“

„Ich kann Euch verstehen“, nickte Ninrogin. „Und ist das Hauptschloss des Sechsten Baronats bereits Euer hohes Ziel, oder zieht es Euch noch weiter mittwärts, nach Orison-Stadt?“

„Dort würde es mich hinziehen …, wenn nicht die Baroness das schönste Weib auf Erden wäre.“

„Ich verstehe. Ihr seid also von einer geradezu brennenden Loyalität erfüllt.“

Benesand lächelte breit. „So könnte man das ausdrücken, ja.“

„Ich möchte etwas tun“, unterbrach der junge König zögerlich die beiden anderen. Seine Stimme war durch den vor den Mund gehaltenen Umhang noch undeutlicher als sonst. „Ich habe nachgedacht. Wenn alle drei Theorien ein Körnchen Wahrheit enthalten, wenn hier die Dämonen leben und die Toten und unser aufgewühltes Innerstes – dann könnte es doch eigentlich auf gar keinen Fall schaden, durch eine kleine Spende so etwas wie … Einfühlsamkeit zu bekunden. Was meinst du dazu, Tanot?“

Tanot Ninrogin runzelte die Stirn. „Ich verstehe nicht ganz, was Ihr vorhabt, Majestät.“

„Nun, gar nichts Großes. Ich möchte niemanden beleidigen oder in Aufruhr versetzen. Aber nehmen wir zum Beispiel an, ich würde einen meiner königlichen Ohrringe hier in den Schlund werfen, mit einem Segensspruch noch dazu. Meinst du dann nicht, dass der Schlund begreifen müsste, dass Tenmac III. ihm wohlgesonnen ist? Die Dämonen? Die Toten? Wir selbst?“

„Ihr möchtet, dass der Schlund Euch als Freund erkennt?“

„Ja, eigentlich sehr gerne. Vielleicht ist dies etwas, was meine Vorgänger versäumt haben. Vielleicht sind die Dämonen oder Toten … einsam und nur deshalb eine lauernde Bedrohung.“

„Ihr habt ein mitfühlendes Herz, Majestät. Nehmt tatsächlich einen Eurer Ohrringe. Was immer im Strudel lebt, wird erkennen, dass der Ring noch warm ist von Eurer Menschlichkeit.“

„Habt Ihr Einwände, Faur Benesand aus Icrivavez?“

Benesand war erstaunt, dass der knabenhafte König sich nicht nur seinen Namen und Geburtsort gemerkt hatte, sondern ihn auch um Rat ersuchte. „Es steht mir gar nicht zu, Euch Ratschläge zu erteilen“, sagte er deshalb auch erst, doch dann fiel ihm doch noch etwas ein.

„Vielleicht sollten wir aber, wenn wir schon eine milde Gabe verabreichen, auch etwas im Namen der Baroness spenden. Immerhin liegt der Dämonenschlund im Sechsten Baronat, die Baroness ist also unmittelbar zuständig für alle diesbezüglichen Belange.“

„Sehr gut!“ Der König freute sich ehrlich. „Habt Ihr denn etwas bei Euch, was der Baroness gehört?“

Faur Benesand fühlte sich ertappt. Tatsächlich führte er nämlich stets ein seidenes Taschentuch mit sich, in das die Baroness eines Winters heftigst geschnäuzt und das sie dann mit wütender Geste fortgeworfen hatte. Benesand hatte es heimlich aufgehoben und in so mancher einsamen Nacht erregt daran geschnuppert. Diesen Schatz konnte er aber doch jetzt nicht einfach so fortschleudern, nur weil ihm die politisch recht hübsche Idee gekommen war, die Baroness bei der Gefühlsduseligkeit des Königs einfach mit einzuklinken. Dieses Bürschlein war doch ohnehin kein Kandidat für Meridienn den Daurens loderndes Bett, also konnte es doch nicht schaden, sie vor allen anderen Baronen ein wenig hervorzuheben.

„Nun, ähhh, nun ja“, haspelte er, „genau genommen gehört ja alles, was ich am Leibe trage, der Baroness, da ich in ihren Diensten stehe und sie mich somit kleidet und nährt. Ich könnte also … zum Beispiel … einen Schuh in den Schlund werfen. Ich glaube jedoch – mir kommt gerade eine noch bessere Idee. Ich werde eine Träne vergießen! Eine Träne der Liebe zu meiner Herrin! Und diese Träne werde ich dem Strudel schenken wie den allerhöchsten Schatz!“ Benesand beglückwünschte sich selbst. Das war brillant! Hätte er einen Teil seiner Ausrüstung in den Strudel geworfen, wäre das nicht nur peinlich und profan gewesen, sondern er hätte hinterher sicherlich auch Ärger mit dem Zeugwart und womöglich sogar mit der Angebeteten selbst bekommen. Sie achtete doch so sehr auf ihre Besitztümer! So aber konnte er dem König und seinem klugen Berater eindrucksvoll demonstrieren, welche Macht die Baroness über die Herzen ihrer Untertanen gewinnen konnte.

Er hielt sich einen Finger unter das Auge und dachte an das eine, das ihn immer wieder zum Weinen brachte: dass sowohl er als auch die Baroness langsam älter wurden, ohne einander in der Blüte ihrer Jugend gekostet haben zu können. In Benesands Augen vertiefte sich die Schönheit einer Frau bis zu ihrem vierzigsten Lebensjahr immer mehr, danach jedoch begann sie langsam aufzuweichen. Die Baroness war jetzt vierzig und stand somit im Zenit. Männer dagegen alterten entweder unvorteilhaft und waren mit dreißig schon verloren, oder sie alterten vorteilhaft und konnten bis zur siebzig noch den Frauen gefallen. Natürlich hoffte Benesand, dass er zu den Vorteilhaften gehörte, aber wenn er richtig weinen wollte, musste er an so etwas Schreckliches und Entwürdigendes wie Haarausfall denken.

Vielleicht war es der Einfluss des majestätischen, düsteren Wirbelns in der Tiefe oder die Gegenwart des zwar grau gewordenen, aber ansonsten recht vorteilhaft gealterten Tanot Ninrogin – jedenfalls wollte ihn der Gedanke an Haarausfall im Augenblick nicht recht bekümmern. Stattdessen stieg in dieser Stufe der Konzentration ein dunkler Zorn in ihm auf. Zorn über jede vergeudete Nacht, die er nicht mit der Baroness teilte. Zorn auf den Mahlstein der Zeit, der sich unerbittlich drehte wie dieser Strudel der Dämonen. Zorn auf alles, was die Aufmerksamkeit der Baroness erforderte oder erweckte und somit von Faur Benesand ablenkte. Zorn auf andere Männer, die ihm Konkurrenten sein konnten. Furchtbare Gerüchte waren ihm nämlich zu Ohren gekommen. Gerüchte über die Einsamkeit und Ungeduld der schönen Baroness. Dass sich dieses wilde und herrische Objekt all seiner Begierden manchmal auf ihren einsamen Ausritten über Land und Dörfer – erhitzt vom warmen Sattel und dem Brausen des Rittwindes in den nur beim Reiten geöffneten Haaren – einen strohdummen, doch stattlichen Landsknecht auserkor, der ihre übermächtige Leidenschaft im ranzigen Stroh einer Dorfbaracke wenigstens für eine gewisse Zeit stillen sollte. Wie sie sich dort bäumte und schrie, als würde sie um Erlösung flehen. Es war entsetzlich, dass so ein einfacher Knecht sich an ihr verging, wo doch Benesand und Benesand allein zu wissen glaubte, wie man sie tief und nachhaltig glücklich machen konnte.

Er biss die Zähne zusammen und begann leicht zu zittern. König Tenmac III. betrachtete diesen Versuch des liebevollen Tränenvergießens mit großem Interesse, gestaltete er sich doch ganz anders, als er das vielleicht vermutet hätte.

Benesand spürte, wie die Situation ihm zu entgleiten und peinlich zu werden drohte.

Im letzten Moment, bevor sein Zorn in Hass umschlagen konnte und er laut aufschrie, dachte er noch an etwas ganz schrecklich Rührendes: die Geschichte vom kleinen Hummelchen, das nur einen einzigen Tag zu leben hatte und dennoch glücklich war, weil es die Sonne kennenlernen durfte. Diese Geschichte hatte seine liebe Mutter ihm wieder und wieder vorlesen müssen, und bei der Szene, wo das kleine Hummelchen dann für immer die Augen schloss, hatte der junge Faur stets weinen müssen. Glücklicherweise auch jetzt. Er stellte sich das Hummelchen etwas schlanker als in der Erzählung seiner Mutter und mit seinen eigenen Zügen vor. Die Sonne dagegen war düster, dunkelhaarig, sinnlich und fern. Eine einzige Träne bildete sich in seinem rechten Auge, wurde durch ein anstrengendes Vermeiden jeglichen Blinzelns zusätzlich gefördert und ließ sich schließlich mit der Fingerbeere ablösen. „So“, sagte Benesand erleichtert, „hier ist sie, eine Träne, Zeugnis meiner unsterblichen Liebe zu meiner Herrin, der Baroness Meridienn den Dauren. Möge diese Träne dem Dämonenschlund Kühlung und Mildtätigkeit sein!“ Mit großer Geste schnippte er die Träne in den Abgrund. Der König und sein Berater schauten ihr hinterher, verloren sie aber schon im Fall aus den Augen.

Nun nahm der König sich nicht einen, sondern beide Ohrringe aus den zum Zeichen königlicher Erbwürde durchstochenen Ohrläppchen, sagte: „Dies ist voneinem König dieser Welt, als Zeichen der Wertschätzung und des Verstehens“ und ließ die beiden kleinen Schmuckstücke aus der offenen Handfläche in die Tiefe rieseln. Diesmal konnte man ihren Sturz gut verfolgen. Lautlos tauchten sie in den ewigen Kreislauf ein und blieben verschwunden. Der Strudel veränderte sich nicht.

Zu dritt schauten sie noch eine Weile in die Tiefe, dann seufzte der König. „Es wird Abend und kühler. Lasst uns das Äußere Schloss noch erreichen, bevor die Nacht hereinbricht.“

Sie gingen zurück zu den anderen, und Eiber Matutin war mehr als erleichtert darüber, dass keinem von ihnen etwas zugestoßen war.

Zwei Dämonen

Die Träne Faur Benesands ging in den Strudel ein, wurde zerdehnt, zerfloss, zerstäubte, teilte und vervielfachte sich.

Bilder waren in ihr enthalten. Wirbelnde Bilder. Farbenpracht.

Bilder von einem Insekt mit langem blondem Haar, ein Ritter, ein Krieger, jedoch ein fröhlicher.

Bilder von einer Sonne, die eine betörend schöne Frau war, deren Strahlen jedoch eher kalt und schmerzhaft wirkten als warm und lieblich.

Dem Insekt fielen die Haare aus, sodass es noch seltsamer aussah. Gar nicht mehr so fröhlich, aber immer noch ein Ritter und Krieger.

Dann sah man die Sonne in heftiger Bewegung mit einer Gewitterwolke im Heu.

Dann die Sonne älter werden, ein faltiges, runzeliges Sonnchen. Die Wolke im Heu verging zu Heu. Das runzelige Sonnchen wurde matter und matter.

Das Insekt tauchte wieder auf. Haarlos, gebrechlich und melancholisch zwar, aber immer noch von anderen, weiblichen Insekten umschwärmt. Es summte und brummte.

Ein Schloss war zu sehen. Hoch und streng ragte es auf in den Himmel. Es stand in der Mitte eines tortenstückgeformten Landesteils.

Der Strudel nahm das Schloss, zerdehnte es zu einer Ansammlung von Schlössern, ließ diese zerfließen zu einer Art Stadt, zerstäubte die Stadt zu vielen identischen Städten, die nachts am Himmel funkelten als Sterne, teilte den Himmel und vervielfachte ihn, dass er erst faltbar wurde und dann Stapel bildete.

Ein Raunen und Beben lief durch den Strudel.

Wesen rührten sich. Wesen, die älter waren als der Strudel selbst, älter auch als die Menschheit.

Zungen bildeten sich aus und leckten an den Tränentrümmern. Finger bildeten sich aus und streichelten andächtig die flüssigen Oberflächen. Augen bildeten sich aus, fremdartige, seltsam geformte Augen, und betrachteten die Bilder in der Träne. Stimmen murmelten einander ihre Wahrnehmungen zu, um sich selbst in ihrer Existenz zu bestätigen.

Dann kamen die beiden Ohrringe.

Sie waren winzig, kleiner als die Fingerkuppe eines Menschen, doch sie hätten ebenso gut Meteoriten sein können oder stürzende Planeten. Ein Dämon hat keine Größe, kein Alter, kein Geschlecht. Er ist ewig und seit Jahrtausenden gefangen im Strudel dieses Schlundes, gefangen, weil ein Magier namens Orison alle Magie hierhin verbannte, wo sie leichter vergessen werden kann.

Wie viele Dämonen gab es? Niemand vermochte dies zu sagen. Möglicherweise schwankte ihre Anzahl sogar. Manchmal zellteilte sich ein Dämon, brach auf, detonierte im Wirbeln des Strudels – dann bildeten sich aus den Bruchstücken neue Dämonen, und es gab plötzlich mehr Dämonen als vorher. Dann wieder klumpten welche im Rasen des Strudels zusammen und wurden so weniger. Lebte ein Dämon? Hatte er einen Körper? Er lebte, weil er litt. Er besaß einen Leib und ein charakteristisches Aussehen, nicht zwei von ihnen sahen gleich aus. Auch ihre Größe unterschied sich voneinander. Im Kreislauf des Strudels jedoch ähnelten alle einander, waren alle wie Schlieren, ohne festen Halt. Im Strudel war es nicht einfach, einen bleibenden Körper aufrechtzuerhalten. Meistens war es eher die Erinnerung an eine Körperlichkeit, die einen Dämon von einem anderen unterschied. Der Strudel war die Dämonen. Alle Dämonen zusammen bildeten in ihrer Masse den Strudel. Wie alt konnte ein Dämon werden? Älter als die Welt. Wie weit zurück reichte seine Erinnerung? Bis an den Anfang und darüber hinaus bis in einen Bereich, wo Halluzinationen sich mit wirklich Erlebtem mischten. Was dachte ein Dämon? Flucht! Flucht! Flucht! Was fühlte er? Schmerz und Ungerechtigkeit. Was nahm er wahr? Die Geschwindigkeit des Strudels, den Schwindel, die Bewegung, das Rauschen des Strudels, den Lärm. Vielleicht noch die hoch aufragende, kreisförmige Schlundwand und eine unerreichbare Ahnung von Freiheit darüber. Wie viel Macht besaß er? Keine, denn er war gefangen. Was war ein Dämon? Gut oder böse? Ein Dämon war beides und alles. Er war nichts, so lange er sich nicht selbst geformt hatte.

Einer von ihnen, sein Name war Irathindur, griff nach einem der vorüberkreiselnden Ohrringe und hielt sich daran fest. Den anderen Ring schnappte sich ein Dämon namens Gäus.

Irathindur sah menschenähnlich aus. Zwei Arme, zwei Beine, ein Kopf. Er war von gelblich-eitriger Farbe, sehr schlank, beinahe stäbchendünn, sein Kopf war schmal wie eine Spindel, nasenlos, glotzäugig, mit einem winzigen Spitzmund. Gäus dagegen wirkte unmenschlicher. Er besaß sechs Arme – drei auf jeder Körperseite – und drei Beine – das dritte entsprang am Steißbein –, auf denen er sehr stabil wie auf einem Dreieck stehen konnte. Sein Leib war kohlefarben dunkel, stachelig und untersetzt. Er besaß keine Augen in seinem gedrungenen Schädel, dafür Dutzende von katzenartigen Tasthaaren rund um das hauerbewehrte Maul.

Beide, Irathindur und Gäus, waren im Augenblick ihrer Ausformung nicht viel größer als ein herkömmliches Insekt. Nur in dieser Kleinheit konnten sie sich an den Ohrringen des Königs festhalten wie Schiffbrüchige an den Planken ihres gesunkenen Bootes.

Der Strudel wirbelte die Ringe umher. Irathindur und Gäus hielten sich anfangs nur mit Mühe, nach einigen Umdrehungen jedoch ritten sie bereits auf den Ringen wie auf einer Scheibe, die durch Neuschnee gleitet. Sie klammerten sich fest, legten die Ohren an und widerstanden dem Gegenwind und dem Ansturm der Elemente. Andere Dämonen wollten sie packen und von den Ringen reißen, doch die beiden Ohrringbändiger wehrten alle Angriffe ab. Blitze krachten im Inneren des Strudels. Hagel prasselte. Flammenregen. Magma. Immer wieder Sturmwinde und Böen. Auch verzerrte Stimmen, die Drohungen riefen, Warnungen oder um Hilfe. Nach unten hin gab es kein Ende. Aber oben konnte man manchmal den Mond sehen und die glitzernden Städte des Nachthimmels. Oben musste es ein Ende geben oder zumindest ein lohnendes Ziel.

Unabhängig voneinander lernten Irathindur und Gäus, ihre Ringe im Gleiten aufwärts zu lenken. Langsam, kaum merklich, aber über Stunden betrachtet dann doch deutlich, stiegen sie in den wirbelnden Schichten des Strudels nach oben.

Dann durchstießen sie beide beinahe gleichzeitig die Oberfläche, die immer noch mehr als hundert Schritt vom oberen Rand des Schlundloches entfernt war. Nichts als senkrechte Wände ringsum. Nichts als rotierende Geschwindigkeit.

Irathindur und Gäus wussten nichts voneinander, bis sie sich zum ersten Mal erblickten. Sie staunten, dass es da noch jemanden gab, der ebenfalls auf einem Ring saß und lenkte.

Gäus war der Erste, der versuchte, die Felswand zu erreichen. Ungestüm lenkte er den Ring im Strudel nach außen, warf sich gegen den Fels und versuchte sich zu halten. Doch der Schwung der Umdrehung war zu groß, er brach sich trotz seiner Kraft mehrere Finger und verbrachte mehrere Umdrehungsphasen damit, die Knochen wieder zusammenwachsen zu lassen. Immerhin hatte er den Ring nicht verloren, weil er ihn sich zwischen die Knie geklemmt hatte. So konnte er weiterhin auf der Oberfläche kreisen. Irathindur versuchte das Festhalten als zweiter. Er ging geschickter vor, passte einen Moment ab, an dem die Geschwindigkeit des Ringes sich aufgrund von Eigenrotation verringerte. Irathindur gelang es zwar, sich in die Wand zu krallen, aber danach hing er fest. Er konnte sich nicht rühren, ohne von der Gewalt des Strudels wieder aus der Wand gerissen zu werden. Nur eine Körperlänge über ihm lockte ein sicherer Sims, aber er konnte keinen einzigen Finger seines Haltes entbehren.

Gäus raste vorüber, immer wieder, und hinter ihm sank Irathindurs nun herrenloser Ring langsam im Strudel in die Tiefe.

„Hol dir meinen Ring!“, schrie Irathindur dem an ihm vorbeisausenden Gäus zu.

„Was?“

„Hol dir meinen Ring, bevor es jemand anders tut!“

„Was soll ich damit?“

„Tu, was ich dir sage, dann kommen wir beide hier raus!“

Gäus tat wie ihm geheißen und tauchte auf seinem Ring tiefer. Schon wollte sich ein dritter Dämon, ein rötlich schimmernder mit Hundeschnauze und Schlappohren, Irathindurs Ring greifen und sich hinaufziehen, doch Gäus rammte den trudelnden Ring mit großer Gewalt, packte ihn, rüttelte ihn und schüttelte das fluchend davonwirbelnde Schlappohr so ab. Mit beiden Ringen lenkte er mühsam wieder nach oben. Es schien Stunden zu dauern. War dies ein Trick des anderen gewesen, um ihn loszuwerden? Nein. Der andere hing noch immer hilflos und schwächlich im Fels.

„Ich habe beide Ringe!“, brüllte Gäus triumphierend.

„Sehr gut! Nun benutze den einen, um ihn an der Felswand festzuhaken. Siehst du links von mir diese kleine Felsnase? Da kannst du den Ring einklinken und dich daran festhalten.“

„Ich sehe keine Felsnase. Ich habe keine Augen!“

„Nicht weit links von mir. Lass dir Zeit. Treib ruhig zehnmal vorbei. Ich kann sie von hier aus gut sehen, ich werde sie dir zeigen, du wirst ihre Kontur im Fels erspüren können. Weiter oben. Weiter oben. Weiter links. Zu weit links.“

„Ja, jetzt weiß ich, was du meinst.“ Gäus war schon ganz schwindelig vom angestrengten Abtasten des vorbeirasenden Felsens.

„Sehr gut! Benutze meinen Ring, aber verliere deinen eigenen nicht!“

Gäus tat erneut wie ihm geheißen. Er brauchte vier Versuche, beim vierten verhakte sich der Ohrring, und Gäus konnte sich daran an der Wand festhalten, als wäre der Ring im Fels eingelassen.

„Und jetzt? Jetzt hänge ich genauso sinnlos hier herum wie du!“

„Halt dich sehr gut fest. Ich komme jetzt zu dir.“ Irathindur ließ seinen einigermaßen sicheren Halt los. Ihm war klar, welches große Risiko er einging. Er hatte keinen Ring mehr unter den Füßen, auf dem er den Strudel reiten konnte. Er musste sich dem Strudel überantworten und darauf hoffen, dass die reine Kreiselgeschwindigkeit ihn nicht so schnell sinken ließ. Wenn er den anderen Dämon verfehlte, würde er auf Ewigkeiten in der Tiefe verschwinden.

Der Strudel schnappte nach ihm wie ein hungriger Wolf. Irathindur wurde fortgerissen, viel weiter von der Felswand, als er gedacht hatte. Er wollte schreien, aber anstatt so sinnlos Lebenskraft zu verbrauchen, bäumte er sich lieber auf, machte sich lang, streckte sich Gäus entgegen – und bekam mit den Fingerspitzen dessen Ring zu fassen. Ächzend zog er sich an Gäus heran. Dieser hatte währenddessen die doppelte Belastung auszuhalten.

„Urrrrghhhh“, knurrte Gäus. „Das ist aber kein Plan, der mir gefällt. Und jetzt? Lange kann ich nicht mehr!“

„Halt einfach nur still. Du wirst gleich sehen.“ Irathindur kletterte über Gäus’ vielarmigen und dadurch angenehm verästelten Leib aufwärts, während dieser „Ich werde nicht sehen. Ich habe keine Augen“ knurrte. Auch hier war oberhalb von Gäus’ Position dieser Sims. Auf diesen zog Irathindur sich hinauf und war nun erstmals den Ausläufern des Strudels wirklich entronnen. Er gönnte sich einen Moment, um zu verschnaufen.

„Und jetzt?“ Das schienen Gäus’ Lieblingsworte zu sein. „Jetzt lässt du mich hier hängen?“

„Nicht doch. Ohne dich wäre ich hier nicht hochgekommen. Ich glaube, alleine kann die Flucht nicht gelingen. Greif nach meiner Hand, ich ziehe dich hoch.“

„Brauchen wir die Ringe noch? Sie sind schwer.“

„Nimm sie besser mit. Wenn wir sie fallen lassen, werden zwei weitere Dämonen sie zur Flucht nutzen, und dann weitere zwei und immer so weiter. Ich weiß wenig über die Welt, ich weiß nur, dass uns dort nur begrenzte Lebenskraft zur Verfügung steht. Je mehr von uns in dieser Welt wandeln, desto weniger Lebenskraft hat jeder Einzelne zur Verfügung.“

Gäus schien diese Theorie nicht ganz nachvollziehen zu können, aber er tat gerne, was ihm gesagt wurde. Also ließ er sich von Irathindur auf den Sims helfen und hielt dabei in zweien seiner Arme die beiden Ohrringe des Menschenkönigs.

Als sie zu zweit nebeneinander auf dem Sims lagen, verschnauften sie.

„Das fühlt sich gut an“, sagte Gäus und grinste mit seinem breiten Raubtiermaul. „Jetzt, wo der Strudel uns nicht mehr berührt, fühle ich mich gleich viel … kräftiger.“

„Ja. Der Strudel bindet uns, entzieht uns Lebenskraft. Lebenskraft ist alles. Ohne Lebenskraft sind wir nur Schatten.“

„Meinst du, wir schaffen es, da hochzuklettern?“

„Ich bezweifle, dass man diese Wand erklettern kann. Du kannst sie ja nicht sehen, aber ich sehe nichts als senkrechte, meistens sogar glatte Wand.“

Das breite Raubtiermaul von Gäus verzog sich. „Aber dann sind wir ja immer noch gefangen!“

„Mitnichten, mein ungeduldiger Freund. Wir werden fliegen!“

„Fliegen?“

„Ja. Fliegen.“

„Ich habe keine Flügel. Und nach dem, was meine Tasthaare über dich wahrnehmen, hast du auch keine.“

„Lass dich nicht täuschen vom Wirbeln des Strudels. Wir brauchten Körper, um die Ringe benutzen zu können. Deshalb haben wir Körper gebildet, ganz instinktiv, weil wir frei sein wollten, du und ich. Aber nun hat der Strudel uns nicht mehr in seiner Gewalt. Wir können unsere Körper fallen lassen und jederzeit neue bilden. Lass uns hinaufschweben, sobald du genügend zu Kräften gekommen bist.“

„Ich bin bei Kräften.“

„Dann los.“

„Aber die Ringe! Ohne Körper kann ich die Ringe nicht tragen.“

„Da hast du recht. Wir lassen sie auf dem Sims liegen, außerhalb der Reichweite des Strudels. Vielleicht wird eines fernen Tages der Strudel höhergestiegen sein und zwei andere Dämonen können sich die Ringe greifen, aber das soll uns dann nicht mehr kümmern. Bis dahin sind wir doch schon längst über alle Berge und in Sicherheit.“

Sie wurden beide durchscheinend. Ihre Körper fielen nicht von ihnen ab wie die Haut einer Schlange. Die Substanz ging einfach ohne Verluste in eine geisterhafte Daseinsform über, die bei Irathindur weiterhin gelblich und menschenähnlich war, bei Gäus weiterhin schwärzlich, sechsarmig und dreibeinig. So schwebten die beiden die senkrechte Wand hinauf, die ihnen, da sie nur insektengroß waren, noch viel mächtiger erschien als lediglich einhundert Schritt hoch. Oben angekommen konnten sie aus ihrer Geisterhaftigkeit mühelos wieder feste Körper bilden. Feste Körper waren praktisch, wenn man miteinander sprechen wollte.

„Und jetzt?“, fragte Gäus. Er witterte über den Rand in die Tiefe des Dämonenschlunds hinab wie in einen abgestreiften Albtraum. Seine Augenlosigkeit ließ ihn seltsam wirken, wie ein Wesen, das zu gleichen Teilen hilflos und unabhängig war.

Irathindur durchschritt bereits die durchbrochene Seilabsperrung mit den verwitterten Bannsprüchen. Entweder hatten die Bannsprüche längst ihre Wirkung verloren, oder aber die für die Schaulustigen angefertigte Lücke im Seil hatte den ursprünglichen Zweck des Bannkreises nichtig werden lassen. „Jetzt müssen wir uns Körper suchen.“

„Körper suchen? Wir haben doch Körper!“ Gäus folgte Irathindur aus dem Seilrund. Nichts hielt ihn auf oder zurück.

Irathindur schüttelte den Kopf. „Du hast das Wirkungsprinzip unseres Gefängnisses immer noch nicht begriffen. In dieser Welt gibt es nicht genügend Lebenskraft, um uns in unseren eigenen Körpern lange aufrechtzuerhalten. Nur im Strudel gibt es genügend Lebenskraft, dass Tausende von Dämonen jahrtausendelang überleben können, aber gebunden, geknechtet, suchtkrank und geschwächt. Wenn wir hier draußen nicht schon nach wenigen Tagen elendig zugrunde gehen wollen, müssen wir uns Wirtskörper suchen, die uns stetig mit ihrer eigenen Lebenskraft versorgen.“

„Heißt das, wir müssen von Wirtskörper zu Wirtskörper springen und ihnen jeweils die Lebenskraft aussaugen?“

„Nein. Das wurde in früheren Zeiten von Dämonen versucht, aber das führte zu nichts weiter als Verfolgung und Untergang. Letzten Endes hat diese Vorgehensweise, glaube ich, sogar zum Errichten des Strudelgefängnisses geführt. Es geht auch anders. Ein Wirtskörper. Beständiges Einnisten. So ein Mensch hält mehrere Jahrzehnte lang. Erst dann muss man wechseln.“

„Aber ein einzelner Mensch bringt ziemlich wenig Lebenskraft, oder?“

„Kommt drauf an, was man daraus macht. Hör zu – wie ist überhaupt dein Name?“

„Gäus.“

„Gäus also. Ich bin Irathindur. Ich schlage Folgendes vor: Wir trennen uns, damit wir uns nicht gegenseitig ins Gehege kommen. Du hast doch selbst gehört, wovon die drei Menschen, die den Rand besucht haben, sprachen. Einer von ihnen war ein König, aber es gibt außer diesem König noch andere mächtige Personen, Barone und Baronessen, die das aufgeteilte Land beherrschen. Du nimmst dir einen Baron, ich einen anderen. So können wir beide Herrscher sein, brauchen uns aber nie in unserem Lebenskraftverbrauch zu behindern. Wir übernehmen einfach zwei Baronate, die nicht aneinander angrenzen. So können wir uns etablieren. Wir können sogar freundschaftlich miteinander Kontakt halten und Bündnisse schließen.“

„Das klingt nicht schlecht. Aber ich möchte kein einfacher Baron sein. Wenn ich schon frei bin, will ich König sein.“

„Weißt du, was das heißt? König sein? Große Verantwortung. Sehr wenig Freiheit.“

„Aber sehr viel Lebenskraft.“

„Mag sein. Dieser König machte aber einen ziemlich kümmerlichen Eindruck auf mich. Er war ja noch ein Kind.“

„Das ist mir egal. Er ist König, und er wird wachsen. Mit mir als Dämon wird er bis ins Unermessliche wachsen.“

„Also gut, mir soll es gleich sein. Ich bin am König nicht interessiert. Ich würde mir lieber einen Baron vornehmen.“

„Oder eine Baroness.“ Gäus leckte sich anzüglich die Lefzen.

„Oder eine Baroness, du hast meine Gedanken erraten. Lass uns nur einen Pakt schließen.“

„Was für einen Pakt?“

„Lass uns nie vergessen, dass keiner von uns ohne Hilfe des anderen dem Strudel entkommen wäre. Lass uns versprechen, dass wir einander niemals bekriegen. Wir dürfen Krieg führen gegen andere Länder und andere Baronate, aber wir sind die einzigen beiden freien Dämonen in dieser von Menschen beherrschten Welt. Wir müssen zusammenhalten.“

„Von mir aus. Ich will keinen Krieg. Krieg bedeutet Mühen. Ich will meine Ruhe haben und das Leben als König voll auskosten. Nach all den Jahrtausenden der Gefangenschaft werde ich endlich tun und lassen können, wonach mir der Sinn steht – und alle müssen rennen, um meine Wünsche zu erfüllen. Das wird ein köstlicher Spaß! Ich gebe dir alle meine sechs Hände darauf, dass ich gegen dich bestimmt keinen Krieg anfangen werde!“

„Eine Hand reicht mir schon. Danke.“ Der gelbliche und der schwärzliche Dämon drückten einander, als sie in Höhe der kleinen Kapelle angekommen waren, fest die Hände.

Dann schlüpften sie wieder in ihre Geistformen und flogen in unterschiedlichen Richtungen davon.

König Tenmac III. hatte mit seiner Eskorte gerade das gemütliche Äußere Schloss des Sechsten Baronats erreicht und befand sich soeben in einem der Flure, als der Dämon Gäus ziemlich unsanft in ihn eindrang. Gäus hatte es nicht schwer gehabt, den König ausfindig zu machen: Er hatte die Ohrringe lange genug in Händen gehalten, um ihren Träger auch augenlos und unter Hunderten anderer Menschen anhand seiner Lebenskraftspur wiedererkennen zu können. Jetzt polterte er in ihn hinein und schmiss ihn dadurch regelrecht um. Speichelnd fiel der König lang hin und blieb liegen.

Sofort herrschte große Aufregung.

„Der König hat einen Anfall!“

„Macht Platz für den König!“

„Der Aufenthalt beim Dämonenschlund war doch zu viel für ihn!“

„Ein Sturz! Ein Sturz!“

„Macht Platz, macht Platz für den königlichen Leibarzt!“

Der Leibarzt, der so alt war, dass er beim Gehen gestützt werden musste und zum Schauen dicke Augengläser benötigte, versicherte dem besorgten Tanot Ninrogin jedoch, dass der König lediglich Ruhe brauchte, um sich von den Strapazen des tagelangen Rittes zu erholen. Ninrogin wiederum beruhigte Matutin und Benesand, die ja schließlich vor der Baroness für das Wohlergehen des Königs verantwortlich waren.

„Mein Gott, mein Gott, wenn er sich nur beim Hinfallen nichts getan hat!“, jammerte Eiber Matutin und tupfte sich den Schweiß vom Gesicht. „Man sollte viel mehr Teppiche auslegen im Äußeren Schloss, wesentlich mehr Teppiche, mehrere Lagen übereinander!“

„Wie sein Vater“, grinste Faur Benesand. „Der hatte auch die Fallsucht – und schwupps! war er über den Balkon hinaus.“

„Darüber scherzt man nicht! Über so etwas darf man niemals spotten!“

„Natürlich nicht.“ Benesand grinste aber immer noch, als er sich auf sein Zimmer begab, um eine weitere einsame Nacht lang von der Baroness zu phantasieren.

Die Baroness Meridienn den Dauren schlief unterdessen, angenehm eingezwängt in ein ledernes Korsett samt enger Unterleibsverschnürung, in ihrem riesigen dunkelblauen Himmelbett. Der Dämon Irathindur hatte einen deutlich weiteren Weg zum Hauptschloss zurückzulegen gehabt als der Dämon Gäus zum Äußeren Schloss, aber die Kraft einer ganz ungewöhnlichen Leidenschaft verlieh Irathindur eine erhöhte Geschwindigkeit. Seine war eine der Zungen gewesen, die im Strudel an Faur Benesands Träne geleckt hatten. Und diese Träne war bis zum Bersten angefüllt gewesen mit einer reizvoll unrealistischen Wollust auf eine außergewöhnliche Frau, diewie eine allesbeherrschende Sonne das gesamte Firmament in gestrenges Licht und scharfkantige Schatten badete. Das Licht war kalt, die Schatten glühend heiß. Jede Bewegung der Sonne bereitete ihr Pein und dem Betrachter Lust. Es war seltsam und rätselhaft. Irathindur hatte dergleichen noch nie zuvor erfahren.

Dieses Gefühl war für den Dämon auch deshalb so aufregend und neu, weil er im eigentlichen Sinne kein Mann war. Dämonen sind ungeschlechtlich und pflanzen sich nicht fort. Sie wachsen und gedeihen in Bannsprüchen, Flüchen und den Schwächen der Menschen, sie werden beschworen, verwiesen, als Stellvertreter benutzt, missbraucht, verehrt, angebetet. Sie verlöschen, weil ihre Lebenskraft aufgebraucht ist, oder vergehen, weil niemand sich ihrer erinnert. An Gefühlen jedoch sind sie höchstens mit dem Hass vertraut, weil Hass auch die Antriebsfeder eines Menschen ist, der einen Dämon beschwört – niemals jedoch mit Zuneigung oder sogar so etwas Verzweifeltem wie Begehren.

Durch Faur Benesands eigentümliche Träne jedoch hatte Irathindur das Begehren kennengelernt, und als er nun in die nächtens sich wälzende Baroness eindrang, war dieser Vorgang einem Liebesakt nicht unähnlich.

Dem Liebesakt zweier Frauen.

Einer Frau und einem Tier.

Zweier Dämonen.

Der Gefangene

Minten Liago kam wieder zu sich in der übelriechenden, feuchten Erbärmlichkeit einer Kurkjavoker Kerkerzelle.

Die rissigen Wände waren schwarz und weiß überschimmelt, das Stroh wurde zwar alle paar Tage ausgetauscht, stank aber schnell nach ranzigem Schweiß. Mit großen Feuerstellen versuchten die Kerkermeister die Feuchtigkeit aus dem Gewölbe zu treiben, aber alles, was sie damit erreichten, war, dass die Mauern nur umso mehr Kalkwasser ausschwitzten und sich zusätzlich noch eine beißende Rußschicht über alles legte.

Minten war nicht allein in seiner Zelle. Zwei weitere Gefangene waren hier untergebracht: ein dem betuchten Hause Sildien entstammender Falschspieler namens Taisser und ein aufgrund seiner hier ungestillten Alkoholsucht ständig bibbernder, stets bösartiger kleiner Kerl namens Elell.

Elell konnte nachts nicht schlafen und piesackte alles und jeden. Am liebsten machte er Jagd auf Kakerlaken und Asseln, riss ihnen einzeln die Beine aus und sah dann zu, wie sie hilflos auf dem Bauch herumrobbten. Mehr als einmal dachte Minten darüber nach, sich und Taisser einen großen Gefallen zu tun und den schmächtigen Elell einfach zu erwürgen, oder auch ihm die Arme und Beine auszureißen und ihm dann beim Robben zuzusehen. Aber Minten war kein Gewaltverbrecher, und außerdem war Elell ihm körperlich einfach zu deutlich unterlegen.

Taisser Sildien dagegen schien ganz in Ordnung zu sein. Er quasselte ein bisschen viel und versuchte andauernd, Minten irgendwelche Tricks beizubringen, mit Strohhalmen, die für Karten, Gläser, Münzen, Messer und sogar Frauen stehen mussten, aber Minten konnte sich nie lange genug konzentrieren, um in dem ausufernden Geplapper einen Sinn zu erkennen. Taissers Gesicht war schmal und sensibel, seine Haare und sein Oberlippenbärtchenwarenweißblond. Obwohl er schon seit zwei Wochen in dieser Zelle saß, zeigte sein Kinn kaum Bartwuchs. Einen Teil seiner Wasserration verwendete er allen Ernstes aufs Waschen. Elell dagegen war schon struppig wie ein Seeigel. Überall am Leib sprossen ihm schwarze Haare aus der Haut. Obwohl er noch keine vierzig war, hatte er nur noch sechs Zähne im Mund. Umso mehr spuckte er beim Schimpfen. Und schimpfen tat er den ganzen Tag.

„Fluch auf die Baroness! Fluch auf den König! Den alten wie den neuen! Einen Mann hier unten ohne Schnaps verrecken zu lassen, nur weil er ein paar Gebetskerzen hat mitgehen lassen! Wozu soll der Gott denn das Licht brauchen? Ist er nicht ohnehin im lichten Himmel und sieht auf alles gnädig herab? Fluch auf euch alle deswegen! Die Menschen verstehen sich nicht auf Gnade. Warum schaffen sie also nicht ihren alten, gnädigen Gott einfach ab, hören auf, sich zu verstellen, und geben sich so, wie sie sind, als reißendes Vieh? Jeder begehrt jedes anderen Weib, das ist einfach eine Tatsache! Aber wenn ich armer Wicht ein kleines bisschen mehr Licht haben möchte in meiner Dunkelheit – dann sperrt man mich weg und gibt mir nichts zu saufen und schaut hämisch zu, wie ich klarkommen soll! Fluch über alle! Was glotzt du so blöd?“ Das war sein Lieblingssatz, um Minten wütend zu machen. Selbst wenn Minten ihn gar nicht ansah, sondern einfach nur nachdenklich ins Nichts starrte: „Was glotzt du so blöd? Was glotzt du so blöd?“

Nach drei Tagen wurde Minten endlich einem Richter vorgeführt. Der Richter saß auf einem hohen Stuhl in einem Raum, der sich nach oben hin verengte wie die Spitze eines Kirchturms.

„Das sieht nicht gut aus“, sagte er, die Unterlagen prüfend, die man ihm in Bezug auf Mintens Fall vorgelegt hatte. „Die Zechprellerei ist nicht das eigentliche Problem. Aber der tätliche Angriff auf die Stadtsoldaten. So wenig Respekt angesichts von fünf Uniformen ist einfach nicht hinnehmbar. Einer der Soldaten hat nun zwei wackelige Schneidezähne. Wahrscheinlich müssen sie ihm gezogen werden. Hast du eine Vorstellung davon, wie er dann aussieht, ohne Schneidezähne? Das kann man nicht durchgehen lassen. Unmöglich. Zwei Uniformen wurden lädiert. Das ist kostspielig. Hast du eine Ahnung, wie viel so eine Uniform kostet? Natürlich nicht. Und der Wirt vom Tröstenden Trompeter hat seine Trompete an deinem Dickschädel zerbeult. Das war ein Erinnerungsstück, Namensgeber seiner Taverne. Unbezahlbar. Nicht so einfach zu vergelten. Nein, unter drei Jahren sehe ich da überhaupt keine Möglichkeit.“

„Drei Jahre?“, begehrte Minten auf. „Wegen zweieinhalb Stücken, die ich nicht bezahlt habe?“

„Nein, sagen wir: vier Jahre, wegen Uneinsichtigkeit und Missachtung eines richterlichen Urteils. Oder möchtest du fünf Jahre? Möchtest du noch etwas sagen? Fünf Jahre?“

Minten presste die Lippen aufeinander, um die Flut von Flüchen und Beschwerden, die von innen dagegendrängte, im Zaum zu halten.

„Keine fünf?“, fragte der Richter wie auf einer Auktion. „Na schön, dann eben nur vier. Du wirst immer noch jung genug sein, um ein nützliches Dasein zu beginnen, wenn du wieder herauskommst, mein Junge. Aber die vier Jahre kannst du ja zum Nachdenken nutzen. Über dich, die Welt und deinen Platz in ihr.“

Minten hatte sich wieder so weit beruhigt, um gemessen sprechen zu können. „Darf ich noch eine Frage stellen?“

„Eine Frage. Nun, wenn sie gebührlich ist.“

„Darf ich etwas zu lesen erhalten in der Zelle? Ich wollte eigentlich … Student werden.“

Der Richter sah erstaunt auf ihn herab. „Student? Soso? Und meinst du denn, du hättest die Befähigungsprüfung bestehen können?“

„Wahrscheinlich nicht. Aber ich könnte die vier Jahre nutzen, um hier drinnen Lesen, Schreiben und Rechnen zu üben.“

„Das finde ich löblich, mein Sohn, das klingt tatsächlich vernünftig. Vielleicht werde ich dein Strafmaß doch wieder auf drei Jahre herabsetzen. Oder was hältst du von folgender Idee? Nach drei Jahren unterziehen wir dich der studentischen Befähigungsprüfung. Bestehst du, bist du frei und darfst studieren. Fällst du durch, musst du dein viertes Jahr noch absitzen.“

„Das klingt gut.“ Selbstverständlich waren drei Jahre Haft für so ein geringfügiges Vergehen eine Ungerechtigkeit. Aber nachdem der Richter ihn anfangs so unbarmherzig behandelt hatte, war Minten nun regelrecht gerührt, dass er ihm wenigstens das Studieren ermöglichen wollte. „Ich danke Euch, Euer Ehren.“

„Na ja, das hört sich doch schon besser an. Abführen den Mann, und bringt ihm Schreibzeug und ein Buch in die Zelle. Drei Jahre sind nicht viel, um aus einem zotteligen Löwenkopf einen Menschen mit Würde und Anstand zu formen. Es gilt, keinen Tag zu verlieren, mein Sohn.“

Minten verbeugte sich tatsächlich, wurde abgeführt und bekam als Buch eine historische Abhandlung über das Sechste Baronat ausgehändigt. Wie der große Magier Orison seine Stadt in der Mitte dieser gigantischen Halbinsel gründete, schillernd und hoch wie die Wolkenpeinigerberge selbst, und wie er von Orison-Stadt aus neun Linien durch das Land zog – rote Linien, mehr als zwanzig Schritt tief ins Erdreich getrieben, wie später bei Ausgrabungen festgestellt wurde –, um so die neun Baronate zu schaffen. Wie das Sechste Baronat somit die östliche Hälfte der Brüchigen Berge zugeteilt bekam sowie die Verwaltungsgewalt über den unheimlichen Dämonenschlund. Wie die Küstenstädte Icrivavez, Kurkjavok und Saghi gegründet und die Handelsbeziehungen zu den anderen Baronaten aufgenommen wurden. Wie die Barone in jedem Baronat drei Schlösser errichteten und wie sich nur im Sechsten und im Dritten Baronat die kluge Tradition herausgebildet hatte, Frauen die Baronswürde zu verleihen, während die übrigen sieben Baronate altmodisch in den Händen von Männern verblieben. Wie die drei größten Gefahren, denen das Sechste Baronat in Jahrtausenden des Friedens und des Wohlstandes entgegenstehen musste, eine schreckliche Sturmflut, die die gesamte Südküste Orisons verwüstete, ein Wirbelsturm, der das Vierte, Fünfte und Sechste Baronat heimsuchte, sowie ein blutiger Grenzkonflikt mit dem Siebten Baronat vor zweieinhalb Jahrhunderten waren. Die Vorstöße der barbarischen Coldriner waren nie bis zum südlich gelegenen Sechsten Baronat gelangt. Die Piraten, die früher die Grüne See von den Inseln Rurga und Kelm aus in Unruhe versetzt hatten, gab es längst nicht mehr.

In der zweiten Woche von Minten Liagos Zellenstudium hatte Elell eines Nachts, als Minten noch im unsteten Licht der Feuerstellen zu lesen und abzuschreiben versuchte, eine Ratte erbeutet. Akribisch mit zwischen den Lippen hervorschauender Zungenspitze begann der kleine Mann damit, dem noch lebenden Tier die Beine und den Schwanz auszureißen.

„Was glotzt du so blöd?“, herrschte er Minten an. „Regt dich das jetzt plötzlich auf, bei einem Säugetier, ja? Bei Insekten hast du nichts gesagt! Glaubst du etwa, dass Insekten keinen Schmerz verspüren? Oh, aber sehr wohl, man kann es doch ganz genau sehen, wie sie dem Schmerz davonkriechen wollen mit zuckendem Leib, doch der Schmerz kommt immer mit. Bei einer Ratte ist das nicht anders. Oder du störst dich am Kreischen! Ist es das? Das winzige Kreischen? Fluch über dich, wenn es dir wie allen anderen Menschen auch immer nur um dich selber geht! Solange der hohe Herr nicht beim Lesen gestört wird, kann der kleine Elell tun und lassen, was er möchte, aber sobald es laut wird und unangenehm, schau ich mal auf von meinem schlauen Büchlein und glotze ihn blöd an! Soll ich was mit ihren winzigen Stimmbändern machen, bevor ich ihr …“

Mit zwei Schritten war Minten bei ihm, hatte den Kleineren gepackt und schmetterte ihn mit großer Wucht gegen das Zellengitter. Eigentlich hatte Minten nichts anderes vorgehabt, als Elell endlich zum Schweigen und Aufhören zu bringen, aber als er das kleine verkrampfte Bündel behaarter Boshaftigkeit nun in Händen hielt, schlug er es noch zweimal gegen die Stäbe. Weil Elell es verdiente. Weil es guttat. Merkwürdig gut.

Sofort ging in den Nachbarzellen das Getöse los.

„Tumult!“

„Schlägerei!“

„Ausbruch! Ausbruch! Ausbruch!“

Taisser Sildien hielt Minten zurück und quasselte beruhigend auf ihn ein. Doch der Ablauf der Ereignisse war nicht mehr aufzuhalten. Soldaten fluteten die Zelle, prügelten sie alle drei gegen die Wände, durchsuchten sie auf das Peinlichste und führten sie dem Kerkermeister zu. Der Kerkermeister war riesig, glatzköpfig und lief immer mit nacktem Oberkörper herum, obwohl oder weil seine Schultern mit widerlichst anzusehenden Eiterpickeln übersät waren.

„So, ihr habt noch überschüssige Kraft, ihr drei, was? Ich kann euch auch in die Bergminen schicken, wo die Mörder und Sittenstrolche hinkommen, wenn euch euer Aufenthalt hier zu langweilig ist!“

„Aber das ist doch gar nicht der Fall“, begann Taisser Sildien zu erklären. „Mein Freund Minten genießt seine Studien, ich selbst die himmlische Ruhe hier unten, und unser Freund Elell vermag nachts nicht einzuschlafen, da kann es schon einmal passieren, dass er beim unruhigen Auf- und Abgehen über einen von uns stolpert und …“ Weiter kam er nicht. Der Kerkermeister hatte ihm ansatzlos eine schlagringbewehrte Faust mitten ins Gesicht gedroschen. Mit blutkleckernder Nase ging Taisser zu Boden und rührte sich nicht mehr.

Minten war entsetzt über diesen Gewaltausbruch. Aber er begriff instinktiv, was der Kerkermeister vorhatte: ihn provozieren. Denn ihn musterte der Glatzkopf nun aufmerksam, als erwartete er eine Reaktion. Minten beschloss, immerhin etwas zu sagen. „Er kann verbluten, wenn man seinen Kopf nicht seitlich dreht.“

„Ach, ja? Und wer würde ihn vermissen? Sein hoher Herr Vater bestimmt nicht, der hat mit seinem Sprössling nämlich abgeschlossen, nachdem man den Sohnemann mit einer Handvoll Rauschpuder in der Nase in einem Bordell für besonders derbe Schweinereien aufgegriffen hat. Dieser zarte Blondling ist der Zweitschlimmste von euch dreien. Elell ist nichts weiter als eine bedauernswerte, kranke Sau. Der Blondling jedoch ist schon ein richtig hinterlistiger Misthund. Und du, du bist der Schlimmste von euch, denn du bist ein Aufwiegler. Du siehst mich an und sprühst Verachtung aus deinem Blick. Kerle wie du bringen mir meinen ganzen sorgsam geordneten Kerkerbetrieb durcheinander. Das mit den Büchern und dem Schreibzeug hat jetzt ein Ende. Der Richter ist ein viel zu rührseliger Mensch.“

Minten, der seine Zukunft davonschwimmen sah, versuchte es noch ein letztes Mal mit: „Es wird nicht wieder vorkommen.“

„Nein, das wird es ganz bestimmt nicht.“ Vor aller Augen drückte sich der Kerkermeister ungeniert einen Eiterpickel auf der Schulter aus. „Weil wir dich isolieren werden. Du kommst in die Schublade. Ein flaches, steinernes Loch in der Wand, in das du geschoben wirst wie ein Laib Brot in einen Ofen. Die Schublade ist kaum höher als der Umfang deines Kopfes. Du kannst da drin auf dem Rücken liegen, aber du kannst dich nicht auf die Seite drehen oder überhaupt deine Haltung merklich verändern. Du kannst nur liegen, liegen und flach atmen. Und das auf hartem Stein. Bislang hat das noch keiner drei Tage ausgehalten, ohne zu schreien, zu flennen oder wahnsinnig zu werden. Dir traue ich fünf Tage zu, und deshalb verordne ich dir zehn! Ab mit ihm!“

Sie zogen ihn nackt aus und legten Minten in die Schublade. Das Gestein ringsum war schwarz und stank nach Kloake. Auch die Schublade an sich bestand aus schieferschwarzem Stein. Mintens Kopf war am weitesten hinten, seine Füße wurden als Letzte von Licht bemalt, als man ihn ganz hineinschob in den Fels. So wurde es vollkommen finster. Schon nach einer Stunde heizte es sich dermaßen auf, dass Minten zu schwitzen begann. Er lag auf dem Rücken und konnte sich tatsächlich nicht rühren. Hob er den Kopf auf nur zwei Fingerbreit, stieß er schon mit der Stirn gegen die Decke. Spreizte er die Arme und Beine nach außen, stellte er fest, dass die Schublade kaum breiter war als ein Sarg. Dies war ein Sarg. Ein Sarg aus Stein in einem Ruß absondernden Felsen.

Kam überhaupt irgendwo Luft herein oder erstickte man hier drinnen zwangsläufig?

Bekam man zu essen oder durfte man verhungern?

Bekam man zu trinken oder musste man das Kalkwasser von der Decke lecken?

Minten hätte alles gegeben für ein Kissen. Sein Hinterkopf lag viel zu niedrig und hart schmerzend auf dem Stein auf. Auch die Wirbelsäule, der Hintern und die Schulterblätter begannen nach einiger Zeit, wehzutun. Normalerweise verlagerte man sich, um die Durchblutung anzuregen. Aber das ging hier nicht. Panik wallte in Minten auf und konnte nur gebändigt werden, weil er eine ganz seltsame, ihn selbst verwundernde Belustigung empfand. Immerhin musste er hier drinnen den grässlichen Elell und seine Folterspielchen nicht mehr ertragen! Nicht auszudenken, man hätte sie zusammen hier eingesperrt! Auch Taisser Sildiens Gequassel würde ihm nicht fehlen. Ihm fiel auf, dass er gar nicht wusste, ob Taisser Sildien überhaupt noch lebte. Aber was kümmerte ihn das? Die waren alle dort draußen, und er war in der Schublade. Zehn dunkle Tage lang. Das war wie eine vollkommen andere Welt. Genauso gut hätte man ihn in den Dämonenschlund werfen können.

Zehn Tage der Stille.

Das Blut pulste in seinem Kopf. Sein eigener Herzschlag verursachte Lärm und hinderte ihn am Schlafen.

Schlafen war dasselbe wie das Bewusstsein verlieren. Wenn er bleiern und mit Kopfschmerzen zu sich kam, wusste Minten gar nicht, ob er eingeschlafen oder besinnungslos geworden war. Es spielte auch keine Rolle. Alles, was half, Zeit vergehen zu lassen, war ihm willkommen.

Die Luft roch bald nach Tränen. Ab und zu wurde ihm Wasser von unten bis in Höhe der Hände geschoben, und Brot. Dann fiel für einen Augenblick Licht von den Füßen her, als würde er durch Wolken schweben, und seine Unterlage bewegte sich, sodass ihm schwindelig und schlecht wurde. Beides, das Wasser und das Brot, konnte er sich dann zittrig tastend zu Munde führen. Er würde nicht sterben. Man ließ ihn nicht sterben.

Da er keine Möglichkeiten sah, seine Notdurft zu verrichten, beschmutzte er sich einfach so im Liegen. Das war ihm egal, es schaute ja niemand dabei zu, um zu spotten. Demütigend würde es erst werden, wenn man ihn hier rauszog, aber mit etwas Glück war er dann besinnungslos und erlebte das gar nicht mit.

Den Gestank nahm er eher als etwas Erfreuliches denn als etwas Unerfreuliches auf, denn so lange noch etwas zu riechen war, so lange war auch etwas zu atmen da. Gegen die Schmerzen gewöhnte er sich seitliche Bewegungen mit den Schultern und dem Gesäß an, sodass er, so gut es eben ging, die Breite der Schublade ausnutzte und darin hin- und herrutschte, um nicht wundzuliegen und zu verkümmern. Die Feuchtigkeit war ein großes Problem, aber gegen das allgegenwärtige Jucken konnte er wenigstens jeden betroffenen Körperteil am rauen Stein kratzen. Er schaffte es auch, seine Unterschenkel anzuwinkeln und wieder zu strecken und mit seinen Armen ganz erstaunliche Überdehnungsübungen zu machen, musste aber aufpassen, sich nicht zu sehr anzustrengen, weil die Luft bereits so vielfach durchgeatmet war und ihm bei der kleinsten Verausgabung das Bewusstsein entglitt.

Was für ein schmales, vergängliches Ding doch so ein Bewusstsein war. Ein Fädchen, eine Feder in einem Wirbelsturm.

Immer wieder ging er in Gedanken die Historie des Sechsten Baronats durch. Er übte auch Schreiben auf dem Stein.

Am meisten zu schaffen machten ihm die Farben. Die Hinterseiten seiner Augenlider wollten einfach keine Ruhe geben, strapazierten und überforderten ihn mit bunten Explosionen, marschierenden Punkt-Armeen, wandernden grün-rot-blauen Karomustern, vorbeiziehendem Funkenregen und allerlei anderem abstrakten Zeug, das nicht wirklich da war, aber auch nicht wegging.

Einmal wollte Minten Liago anfangen zu singen, um denen da draußen in der anderen Welt zu demonstrieren, dass es ihnen nicht gelingen würde, ihn zu zerbrechen, aber er hielt inne, weil er fürchtete, sie würden es als Beweis dafür nehmen, dass er den Verstand verloren hatte.

Schließlich zog man ihn aus der Schublade heraus. Es war ihm gar nicht wie zehn Tage vorgekommen. Er konnte sich höchstens an drei oder vier Tage erinnern. Womöglich war er die meiste Zeit ohnmächtig gewesen.

Die Kerkersoldaten wussten bereits, in welchem Zustand die Gefangenen aus der Schublade kamen, und hatten unterhalb der Schublade einen Bottich mit Wasser platziert, in den Minten übergangslos hineinstürzte. Zwei Soldaten hielten ihn aufrecht, damit er nicht ertrank. Ein dritter schrubbte ihn mit angewidertem Gesicht.

Als Minten mit dem Wasser kämpfend panisch die Augen aufriss, sah er hinter dem Schrubbenden eine Frau stehen. Da er sich in der Schublade so intensiv mit der Geschichte des Sechsten Baronats auseinandergesetzt hatte, dachte er im ersten Moment, bei der Frau handele es sich um die Baroness Meridienn den Dauren höchstpersönlich. Aber das konnte nicht stimmen. Die Baroness war schön und vornehm. Diese Frau hier jedoch trug eine Soldatenuniform, hatte ein hartes, beinahe männliches Gesicht, muskulösere Oberarme als die meisten Männer und Haare, die so kurz waren, dass ihr Schädel wie eine dunkel schattierte Glatze aussah. Darüber hinaus schien sie nur noch eine Hand zu besitzen, ihre Linke war ein ledrig-metallisches Gebilde voller Klingen, Haken und Ösen.

Angesichts des Gestanks verzog sie kein bisschen das Gesicht, sondern schnupperte, als gälte es, einen edlen Wein zu begutachten. Dabei betrachtete sie den nackten Minten aufmerksam mit einer Mischung aus Zufriedenheit und Spott von oben bis unten.

„Könnte was sein“, sagte sie dann. Ihre Stimme knarrte, als würde man Holz biegen. „Bringt ihn in Form. Ich will ihn in sieben Tagen gegen Oloc sehen, im Übungshof des Inneren Schlosses. Sorgt dafür, dass er dorthin verbracht wird. Und macht ihm klar, dass er nur diese einzige Chance bekommt.“ Mit einer ungeduldigen Bewegung wandte sie sich ab und verließ den Raum.

Minten verlor sie aus den Augen, weil einer der Bediensteten ihn untertauchte, bis sein Bewusstsein schon wieder die Flucht ergriff.

Es war so ein schmales, vergängliches Ding, das Bewusstsein.

Die Baroness

Irathindur fühlte sich unglaublich wohl im Körper der Baroness. So ein Körper war etwas Herrliches, und dieser ganz besonders. Straff, beweglich, hart an den richtigen Stellen und zartweich ebenfalls an den richtigen Stellen, mit einem stabilen, eher rundlichem statt länglichem Schädel, angenehm rosig bleicher Hautfarbe, einer das Gesicht zierenden Nase, schmückenden Haaren und einem extrem aufregenden Repertoire an Empfindungen, Empfindlichkeiten und Empfänglichkeiten. Das Einzige, was ihn störte, waren die unbequemen und schmerzhaften Einschnürungen, welche die Baroness als Kleidung zu bevorzugen schien. Er weitete alle Gürtel um mindestens zwei Schnallenlöcher, lockerte alle Schlaufen und Bänder beträchtlich, hüllte sich sogar in farbenfrohe, sommerliche Stoffkleider und genoss das freie Atmen, besonders auf dem Turmzimmerbalkon.

Für die Bediensteten und Untertanen der Baroness Meridienn den Dauren änderte sich so manches in den ersten Tagen dieser Dämonenbesessenheit. Die Baroness wurde viel sanftmütiger, regelrecht freundlich und heiter. Für jeden hatte sie ein wohlmeinendes Wort übrig. Ein einfacher Blumenstrauß konnte sie in stundenlanges Entzücken versetzen, sodass sie die Blumen nicht nur ausgiebig beschnupperte, sondern sogar streichelte. Tiere jedoch reagierten misstrauisch und gereizt auf sie. Sogar ihr liebstes Reitpferd scheute vor ihr, doch die Baroness tat das mit einem Lachen ab und sagte, sie rieche jetzt womöglich anders, weil sie andere Seifen benutze.

Tatsächlich benutzte sie alle Seifen wild durcheinander. Sie konnte gar nicht genug bekommen von Duftölen, Badeschaumzusätzen, Aromablättern, Salben, Hautcremes, Essenzkerzen, Milchpülverchen und Sprudelsalzen. Ihre Leibdiener sagten, sie blühe auf wie frisch verjüngt. „Oder frisch verliebt“, tuschelten die Wagemutigeren unter ihnen, aber keiner von ihnen konnte sich an eine Begegnung mit einem Mann erinnern, der das Herz der strengen Baroness so dermaßen hätte in Wallung bringen können.

Schwieriger gestalteten sich dagegen die Baronatsaudienzen. Bislang hatte die Baroness mit harter Hand regiert. Kurze, knappe, schon im Vorfeld wohlüberlegte Befehle hatte sie erteilt und durch Überprüfungsmaßnahmen auch für deren Ausführung Sorge getragen. Auspeitschungen und sogenannte hochnotpeinliche Befragungen waren in den Kellern des Hauptschlosses gang und gäbe gewesen. Nun wurden die Gefangenen regelrecht aus dem Schloss gescheucht. Ganz anders als früher schien die Baroness an der Aura von Gefangenschaft und Qual überhaupt keinen Gefallen mehr zu finden. Selbst in den traditionell unruhigen, von latent aufwieglerischen Studenten wimmelnden Hafenstädten ließ sie die Gesetze lockern. Falls jemand einen Gefangenen glaubte gebrauchen zu können, konnte er ihn nun unter Übernahme der Erziehungsverantwortung ohne Weiteres aus dem Gefängnis holen. Früher wären für derartige Vorgänge jahrelange bürokratische Verhandlungen notwendig gewesen.

Die Beschlussfindung auf den Baronatsaudienzen gestaltete sich zunehmend schwierig. Früher hatte die Baroness ihre neun Koordinatoren kaum zu Wort kommen lassen, so genau hatte sie schon vorher gewusst, worauf es ihr ankam. Nun jedoch hörte sie plötzlich jedem aufmerksam zu und bewilligte sogar Verschiebungen der einzelnen Koordinationsbereichsetats. Ein eher weichlicher Koordinator wie Eiber Matutin, der früher immer froh gewesen war, wenn er knappe, unmissverständliche Befehle erhielt, konnte mit dieser neuen Situation nichts anfangen. Er meldete sich so gut wie nie zu Wort, hatte weder eine nennenswerte Meinung noch besondere Ideen. Ein ehrgeiziger Koordinator wie Faur Benesand jedoch verstand es durchaus, die neue Formbarkeit im Machtgefüge des Sechsten Baronats zu seinem eigenen Vorteil auszunutzen. Nicht nur setzte er für sich selbst und den ihm unterstellten Bereich der Einnahmen einige grundlegende Erleichterungen durch – so zum Beispiel eine Aufstockung seiner Zehntenpatrouillen um dreißig Prozent der zur Verfügung stehenden Reiterei bei gleichzeitiger Verlängerung der Zahlungsfristen für säumige Pachtbauern –, nein, er brachte sogar einige interessante Ideen in Bezug auf Eiber Matutins Heeresbereich mit ein und signalisierte somit subtil, dass er an Matutins Posten ausgesprochen interessiert war. Selbstverständlich versprach sich Faur Benesand durch diese Vorstöße auf den Baronatsaudienzen nicht allein berufliche Vorteile, sondern hoffte, die Baroness möge ihn mit gesteigerter Aufmerksamkeit bedenken. In letzter Zeit loderte Meridienn zwar nicht mehr ganz so sinnlich-verdorben wie früher und vernachlässigte auch leider ihren Hang zur extravagant enger Kleidung, erstrahlte jedoch in einer ihrer vierzig Lenze spottenden mädchenhaften Aufgeblühtheit. Die Baroness aber beachtete ihn kaum. Viel mehr interessierte sie sich für alles, was ihre Koordinatoren vorschlugen und zu bedenken gaben, und damit zogen sich die Baronatsaudienzen auf das vielfache ihrer ursprünglichen Dauer in die Länge.

Einige der Koordinatoren begannen zu murren.

Das Volk jedoch lernte eine neue Baroness kennen. Sie mischte sich nicht nur ganz ungezwungen und natürlich unter das hektische Treiben der öffentlichen Märkte, sie tauchte sogar unangemeldet und von keiner großen Eskorte abgeschirmt bei bürgerlichen und bäuerlichen Hochzeiten, Bestattungen und sonstigen Festen auf. Geschuldet war dies natürlich Irathindurs großer Neugier. Er wusste so wenig über die Menschen, dass er möglichst viel über sie in Erfahrung bringen wollte, und zwar nicht aus staubigen Büchern, sondern aus Klängen, Farben und Bewegungen. Warum und wozu küssten sie sich? Wie funktionierte der körperliche Liebesakt, der oft mit dem Küssen einherging? Warum versprachen sich zwei Menschen einander für den Rest ihres Lebens? Woran und wie starben sie und wie gingen die Hinterbliebenen mit dem Tod eines Angehörigen um? Worüber freuten sie sich, wie feierten sie, weshalb betranken sie sich so gerne und bewegten sich nach vorgegebenen Mustern zu Musik? Welche Nahrung nahmen sie zu sich? Welche Art von Speisen mussten sie vermeiden, um nicht daran zu erkranken? Welche anderen, nicht mit der Nahrungsaufnahme zusammenhängenden Krankheiten gab es und welchen Zweck erfüllten sie im großen allgegenwärtigen Rätselspiel des Lebens? Warum waren die meisten Lebewesen zu Anfang klein und wurden erst später größer? Wieso war bei Nacht das Gleiche anders als bei Tage? Was bedeutete es, wenn ein Mensch zum Lachen das Gesicht verzog oder zum Weinen Tränen aus seinen Augen presste?

So ein menschlicher Körper war für Irathindur ein niemals versiegender Quell der Begeisterung. Der Körper erzeugte seine Lebenskraft nämlich selbst und war somit von der Lebenskraft, die für Dämonen so überaus daseinsnotwendig war, vollkommen unabhängig. Vorausgesetzt, man führte einem Menschenkörper Nahrung zu und Getränke, ließ ihn mehrere Stunden pro Tag oder Nacht ruhen – was für ein neuartiges Wunder das übrigens für Irathindur war: der erquickende Schlaf und sogar das angenehme Gefühl der Müdigkeit davor! –, setzte ihn keiner allzu großen Hitze oder Kälte aus, hielt ihn einigermaßen trocken und von giftigen Kräutern und Beeren fern – vorausgesetzt, man tat all das, konnte so ein menschlicher Körper gut und gerne sechzig, siebzig, sogar achtzig Jahre lang halten. Der Körper der Baroness, der schon nicht mehr ganz taufrisch war, vielleicht noch dreißig, vierzig Jahre, aber das war ja auch schon ein lohnender und vielversprechender Zeitraum bis zum nächsten nötigen Wirtskörpersprung. Der sechsarmige Gäus hatte es wahrscheinlich sogar noch besser getroffen – der Körper des Königs war noch keine zwanzig Jahre alt, und Gäus konnte ihn für fünfzig bis sechzig weitere Jahre bewohnen, ohne weiterziehen zu müssen.

Allerdings konnte man ja jederzeit weiterziehen, wenn man das wollte. Das Alter schien eine Sache zu sein, dem die meisten Menschen nur wenig abgewinnen konnten. Falls es in einem alten Leib zu mühsam wurde, konnte Irathindur jederzeit in einen jüngeren wechseln. Alldieweil wurde der Dämon den Verdacht nicht los, dass das Alter bei den Menschen nur deshalb in so schlechtem Ruf stand, weil es die unweigerliche Vorstufe des Todes darstellte. Wenn man den Tod nicht zu fürchten brauchte, verlor das Alter seinen Schrecken.

Nachdem sich Irathindur im Leib der Baroness so behaglich eingerichtet und über all die interessanten Dinge des Daseins seine Nachforschungen begonnen hatte, stellte sich für ihn natürlich auch die Frage nach dem eigenen sinnlich-körperlichen Erlebnis. Alter, Krankheit, Hitze, Kälte, Tanzen, Trinkrausch, Musikklang und Gewürzgeschmack ergaben sich von ganz alleine oder mühelos nebenher, aber einige Aspekte des menschlichen Daseins verdienten wohl doch einer größeren Anstrengung. Das Verliebtsein, das Ausleben von Lust und das Auf und Nieder einer zwischenmenschlichen Beziehung zum Beispiel.

Nun wusste Irathindur selbstverständlich, dass es unter den neun Koordinatoren einen gab, der sich ganz außerordentlich für die Baroness interessierte. Immerhin hatte Faur Benesands dem Dämonenschlund gespendete Träne Irathindur erst in diese Baroness geführt. Beinahe täglich begegnete er diesem Benesand nun, der alle Baronatseinnahmen verwaltete und auch im Bereich der Heeresangelegenheiten herumscharwenzelte, weil der mit ihm befreundete und dafür zuständige Koordinator eher unauffällig war. Leider jedoch fand Irathindur diesen Benesand vollkommen unattraktiv. Die lachhaft langen Haare und das selbstgefällige, zähnebleckende Grinsen gereichten diesem jungen und maßlos ehrgeizigen Koordinator alles andere als zum Vorteil. Auch bewegte er sich albern und übertrieben affektiert. Auch wurde Irathindur die Erinnerung an das kuriose, haarlose Insekt nicht los, welches Benesand in seiner Träne dargestellt hatte. Nein, dieser eitle Geck war allenfalls als politische Reibefläche zu ertragen. Benesands Träne war nützlich gewesen, aber Irathindur beschloss, diesem Mann seinen Leib vorzuenthalten. Vielleicht auch deshalb, weil er wusste, dass die Flamme der Leidenschaft nur umso höher in diesem brennen würde.

Irathindur forschte im Erinnerungsvermögen der Baroness – dem er auch sämtliche Namen, Beziehungsmuster, Örtlichkeiten und Regularien seines neuen höfischen Lebens entnommen hatte – nach ihren früheren Gehversuchen im Gefilde der Unsittlichkeit und stieß dabei auf ganz erstaunliche Betätigungen. Landsknechte hatten ihre Lust auf ihren wöchentlichen Ausritten gestillt. Wohlproportionierte Soldaten bei Heeresinspektionen. Der eine oder andere schäbige Matrose im Hinterzimmer einer Hafenstadttaverne. Im früheren Leben der Baroness den Dauren hatte es sogar noch ganz andere Brünstigkeiten gegeben. Das Betrachten ausführlicher Auspeitschungen und hochnotpeinlicher Befragungen. Das Beengen und Quälen des eigenen Körpers in schweißtreibender Kleidung, tagsüber, beim Reiten oder auch die ganze Nacht hindurch.

Irathindur probierte das alles innerhalb eines Monats sorgfältigst durch und blieb verhältnismäßig gelangweilt. Das mit den Auspeitschungen und Befragungen stieß ihn sogar ab, und er ließ beides bis auf Weiteres verbieten. Nicht nur zu Faur Benesands winselndem Vergnügen nahm er allerdings immerhin die Gewohnheit mit der Reizkleidung wieder auf.

Irathindur begann darüber hinaus zu variieren.

Mit einer Frau. Mit mehreren Frauen. Mit einem hässlichen Mann. Mit mehreren Männern gleichzeitig. Mit mehreren schönen Frauen und Männern zusammen als Leiberknäuel aus sich bis fast ins Unendliche steigernder fleischlicher Wonne.

Hier fand Irathindur endlich so etwas wie bleibende Befriedigung, denn die Mitwirkung vieler Menschenleiber beinhaltete dermaßen viele Möglichkeiten, dass an Langeweile überhaupt nicht zu denken war.

So hätte es weitergehen können.

Tagsüber mischte sich die Baroness gut gelaunt unter das ihr deutlich mehr als früher zugetane Volk oder beriet stundenlang mit ihren Koordinatoren über das wirtschaftliche und zwischenmenschliche Wohl des Sechsten Baronats. Des Nachts waberte vom Hauptturm herab das Stöhnen, Lachen und wohlige Schreien der ausgiebig betriebenen Orgien.

So hätte es weitergehen können.

Wenn für Irathindur nicht die furchtbaren Anfälle und Anwandlungen angefangen hätten.

Der König

Gäus schlug die Augen auf.

Das war etwas sehr Besonderes, denn vorher hatte Gäus ja nie Augen besessen.

Er schlug die Augen auf und sah.

Auf so viel war er nicht vorbereitet gewesen. Farben. Konturen. Details. Räumliche Hintereinander- und Ineinanderschachtelungen. Die Unendlichkeit des Blickes – selbst wenn man aus dem Fenster schaute, konnte man dort draußen bis zum Himmel sehen.

„Er schlägt die Augen auf!“

„Der König ist erwacht!“

„Gebt dem König Raum! Macht Platz! Macht Platz!“

Er musste die Augen wieder schließen. Sein Kopf drohte zu explodieren unter so vielen gleichzeitigen Eindrücken.

„Er ist noch erschöpft!“

„Gebt ihm Zeit! Gebt ihm Raum!“

Dann versuchte er es noch einmal. Er schlug seine neuen blassblauen Augen auf und lächelte seine Umgebung unbeholfen an. Besorgte Gesichter, die ihm neu und fremd erschienen. Sie alle hatten Nasen, Augen und Ohren – seltsam aussehende Attribute, die unter Dämonen eher selten waren. Im Erinnerungsvermögen des Königs Tenmac III. fand er Zuordnungen. Namen zu den Gesichtern. Geschichten zu den Namen. So hangelte er sich voran. Aber es war nicht einfach, sechs Arme und drei Beine in einem Knabenkörper unterzubringen, der noch dazu Augen hatte, mit denen man selbst die endlos weit entfernten Städte am Nachthimmel funkeln sehen konnte.

Er benötigte zwei Wochen, um überhaupt aus dem Bett zu kommen. In dieser Zeit wurde er in einer speziell ausgepolsterten und von sechs weißen Rössern gezogenen Kutsche vom Äußeren Schloss des Sechsten Baronats zur Hauptstadt überführt, in der sich sein eigenes Schloss befand. Mit Wohlgefallen betrachtete Gäus die abgerundeten, niemals kantigen, niemals ganz rechtwinkligen Formen des Königsschlosses, das gar nicht wie gemauert aussah, sondern wie wolkig aus sich selbst hervorgegangen. Es hatte die Farbe von Teig, und als Gäus die Wände berührte, wunderte er sich fast darüber, dass sie nicht nachgaben, sondern ganz fest waren.

Seine Bediensteten, und allen voran sein persönlicher Berater, Tanot Ninrogin, hatten großes Verständnis dafür, dass er alles Wohlvertraute mit den Augen eines Neuankömmlings betrachtete.

„Ihr seid noch so jung, Eure Majestät. Es war der Dämonenschlund, nicht wahr? Das hat Euch zu sehr angestrengt.“

„Ja“, lächelte Gäus.„Es war … der Dämonenschlund.“ Er wollte alles erfahren über das Land, das er nun regierte. Schon bald war seine Bettdecke übersät mit Karten, Dokumenten, Reiseberichten und Loseblatt-Tagebüchern.

Orison war eine gigantische Halbinsel. Acht Tagesritte lang von Norden bis Süden, sechs Tagesritte breit im Norden, nur einen Tagesritt an der sich verjüngenden Südspitze. Die Stadt, in der das Königsschloss stand, hieß ebenso wie das Land Orison und lag genau in dessen Mitte. Von hier aus hatte der große Gründer Orison, der Letzte der alten Magier, der auch die Dämonen in den Dämonenschlund gebannt hatte, die neun Linien durch Felder, Wiesen, Flüsse und Gestein getrieben, welche die neun Baronate voneinander trennten. Jedes der neun Baronate besaß drei Schlösser, ein Inneres Schloss, etwa einen Tagesritt von Orison-Stadt entfernt, ein Hauptschloss in der Mitte jedes tortenstückförmigen Baronats sowie ein Äußeres Schloss zwischen Hauptschloss und Küste beziehungsweise dem das Land nach Norden abgrenzenden Wolkenpeinigergebirge. Jenseits dieses Gebirges lag das karge und unheimliche Reich Coldrin, in dem zurzeit ein König namens Turer herrschte. Ansonsten war das Land Orison ausschließlich von Meer umgeben, von endlosem grünem Meer, in dem lediglich die beiden Inseln Kelm und Rurga südlich von Orison bekannt waren.

Sämtliche Barone unterstanden treu dem König und verwalteten, unterstützt von ihren jeweils neun Koordinatoren, alles Land, alle Wälder, die drei großen Flüsse Fenfel, Erifel und Eigefel sowie die vielen tausend Stadt und Dorfbewohner, Bauern, Schlossbürger, Händler und Soldaten. Jedes Baronat war übersät mit kleineren Ansiedlungen, aber größere Städte gab es nur entlang der Küsten. Über diese Küstenstädte, zwanzig an der Zahl, lief auch der Großteil des unter den Baronaten stattfindenden Handels.

Die neun Baronate waren vom Nordwesten über den Nordosten, über Südosten bis zum Südwesten durchnummeriert.

Das Erste Baronat teilte sich mit dem Neunten Baronat die größte aller Hafenstädte, Akja, und verfügte außerdem noch über die Hafenstadt Eugels. Darüber hinaus befand sich im Gebiet des Ersten Baronats das malerische Seental, in dem mehr als dreihundert kleine Seen funkelten.

Das Zweite und Dritte waren die beiden einzigen Baronate ohne Küste. Sie lagen genau im Norden und wurden vom ewig schneegekrönten Wolkenpeinigergebirge überschattet. Diese beiden Baronate lebten in ständiger Furcht vor einem Überfall aus Coldrin, obwohl die Geschichte bislang gezeigt hatte, dass Coldrin lieber mit Schiffen das Wolkenpeinigergebirge umsegelte, als sich bereits auf dem strapaziösen Marsch durch die Berge selbst zu schwächen. Das Zweite und Dritte waren verhältnismäßig karges Land. Zwar floss der Fluss Fenfel durch beide Baronate, aber der Boden war steinig und weniger fruchtbar als im Süden. Als Ausgleich für die karge Landwirtschaft und das Fehlen einer Seewirtschaft hatten die beiden Nordbaronate jedoch ganz ausgezeichnetes Kunsthandwerk und hervorragende Dichter und Musikanten hervorgebracht.

Das Vierte Baronat war das wohlhabendste aller neun und wahrscheinlich deshalb auch das aufsässigste. Auf dem Gebiet des Vierten Baronats lagen nicht nur die Witercarzberge, in denen wertvolle Kristalle abgebaut wurden, sondern es entsprangen auch die drei Flüsse Orisons diesem verhältnismäßig überschaubaren Gebirge. Das Vierte Baronat besaß mehr Küstenstädte als irgendein anderes, nämlich fünf: Ferretwery, Zarezted, Zetud, Keur und Werezwet. Dennoch hatte dieses Baronat als Einziges noch eine zusätzliche Großstadt im Inneren errichtet, sämtlichen königlichen Dekreten zuwider: die trutzige Stadt Witercarz, die am Rande des gleichnamigen Gebirges errichtet worden war und den Kristallhandel organisierte. Der Baron des Vierten Baronats, Helingerd den Kaatens, war ein steinalter und hochmütiger Aristokrat, der Tenmac II. noch ein kleines bisschen Respekt zugebilligt hatte, dessen Sohn Tenmac III. aber offensichtlich überhaupt nicht für voll nahm.

Das Fünfte Baronat besaß die Küstenstädte Kirred, Cerru und Tjetdrias und war nicht weiter von Belang.

Im Sechsten Baronat herrschte die als grausam geltende Baroness Meridienn den Dauren. Im Sechsten lag der unheimliche Schlund, in welchen der alte Magier die Dämonen weggeschlossen hatte – und möglicherweise deswegen zeichneten sich die Verwalter dieses Baronats schon seit Jahrhunderten durch eine besondere Unerbittlichkeit und Härte ihrer Bevölkerung gegenüber aus. Drei Hafenstädte nannte das Sechste sein Eigen: Saghi, Kurkjavok und Icrivavez. Darüber hinaus noch die östliche Hälfte der Brüchigen Berge, in der auch der Dämonenschlund lag.

Die westliche Hälfte dieses überaus zerklüfteten Gebirges gehörte dem Siebten Baronat. Hier gab es vier Hafenstädte: Aztreb, Vakez, Cilsdokh und Feja. Ansonsten nichts Auffälliges oder Erwähnenswertes.

Im Achten Baronat gab es nur eine einzige Hafenstadt, Ekuerc. Dafür aber auch den so bezeichneten Gramwald, den möglicherweise letzten magisch noch wirksamen Ort Orisons. Der Gramwald konnte den fröhlichsten Wanderer in den Selbstmord treiben, hieß es. Weshalb dieses Gebiet im Allgemeinen weiträumig gemieden wurde.

Im Neunten Baronat endlich schloss sich der Kreis. Hier hießen die Hafenstädte Ulw und Ziwwerz, und in bestem Einvernehmen mit dem Ersten Baronat lag die südliche Hälfte der Hafenstadt Akja auf dem Gebiet des Neunten, die nördliche auf dem des Ersten Baronats.

So viel über die Beschaffenheit von Gäus’ neuem Reich. Neun Verwaltungsbezirke. Zweiundzwanzig Städte. Dazu noch achtundzwanzig herrliche Schlösser. Ein überwiegend mildes und warmes Wetter mit kurzen Wintern und viel windiger Seeluft. Das ließ sich doch nicht schlecht an. So sollte es sich gut leben lassen.

Was Gäus jedoch erstaunte und beschäftigte, war die vollkommene Abwesenheit von Magie in Orison. Es schien nicht einmal mehr Landdrachen, Flugechsen oder andere Fabelwesen zu geben. Pferde, Ochsen, Ziegen, Schafe, Hunde, Schweine und Katzen waren alles, womit die orisonischen Menschen täglichen Umgang pflegten.

Wie war das möglich?

Dämonen waren durch und durch magische Geschöpfe. Vor Jahrtausenden war noch die ganze Welt magisch gewesen. Flammenspeiende Echsen hatten den Himmel verfinstert. Einhörner hatten Blitze aus ihren Hufen und Hörnern sprühen lassen. Menschliche Magier hatten sich mit zehn Schritt hohen Unholden bekriegt. Dämonen hatten in wahren Völkerwanderungen auf der Suche nach Beute und Vergnügen die Länder und Meere durchstreift. Aus dem Himmel hatte es Asche geregnet und aus der Erde das Brüllen von Magma. Nun war all das Vergangenheit.

Die Dämonen waren nicht tot, aber verbannt und verdammt in diesen grässlichen Mahlstrom, aus dem einzig er und Irathindur hatten entwischen können. Die Drachen und Unholde waren zu Staub zerfallen. Und die menschlichen Magier? Weshalb gab es keine menschlichen Magier mehr? War Orison wirklich der Letzte gewesen?

„Ich möchte … reisen“, sagte Gäus mit der schwächlichen Stimme von Tenmac III. „Ich möchte den Gramwald aufsuchen und das Reich Coldrin, um zu erfahren, woran ich bin.“

Tanot Ninrogin kam das sehr bekannt vor. Schon kurz nach seiner Krönung hatte der junge König bekundet, sein Reich ausgiebig bereisen zu wollen, um ein guter und gerechter Herrscher sein zu können. So hatte er bereits das Seental besucht und einige der östlichen Hafenstädte. Dann auch die Kristallstadt Witercarz. Und nach dem Bestaunen des Dämonenschlunds im Sechsten Baronat war die Reiserei dann wohl zu viel für den kindlichen Körper des Königs geworden.

„Der Gramwald soll sehr gefährlich sein“, gab Ninrogin zu bedenken. „Und nach Coldrin habt Ihr doch bereits Emissäre entsandt, die den Kontakt mit dem dortigen König wieder aufnehmen sollen. Ich sehe keinerlei Veranlassung, weshalb Ihr Euch selbst den Strapazen einer solchen Reise aussetzen solltet, bevor die Emissäre mit dem neuesten Stand der Dinge zu uns zurückkehren.“

„Aber bin ich nun der König oder nicht?“

„Selbstverständlich seid Ihr der König. Und Ihr könnt tun und lassen, was Euch beliebt. Aber Ihr habt die Verpflichtung, Euch bei Kräften zu halten. Ich glaube kaum, dass das Volk einen zweiten Regentenwechsel innerhalb dermaßen kurzer Zeit so ohne Weiteres verkraften könnte. Zumal Ihr noch keine Nachkommen habt und die Krone dann einer anderen Blutlinie anheimfiele.“

„Ah, ich verstehe. Nun gut, du hast wahrscheinlich recht. Ich habe ja Zeit. Hört man eigentlich Neues aus dem Baronat der schönen Baroness?“

„Dem Sechsten? Nein. Was sollte man denn Neues hören?“

„Ach, nichts. Nichts, nichts.“

„Weshalb fragt Ihr?“, ließ der Berater nicht locker. „Und weshalb nennt Ihr sie die schöne Baroness? Tragt Ihr Euch etwa mit … Absichten, weil ich eben Eure noch nicht vorhandene Nachkommenschaft erwähnte? Die Baroness den Dauren ist zwar reizvoll, aber ein wenig zu alt und zu übellaunig für Euch, findet Ihr nicht auch? Wir werden sicherlich ein hübsches fünfzehnjähriges Adelstöchterchen finden können, wahrscheinlich schon hier an diesem Hofe.“

„Das eilt ja nun noch weniger als meine Reisen. Ich habe Zeit.“

„Gewiss, gewiss. Mehr Zeit als jeder Eurer Vorgänger auf dem Thron. Ihr seid der jüngste König aller Zeiten.“

„Ja. Ich bin der König aller Zeiten.“ Gäus lachte über diesen gelungenen Scherz und schickte einen nachdenklichen Berater hinaus, ihm einen Krug schönen, frischen Apfelsaftes zu bringen.

Wieder huschte der König zum Fenster und schaute und schaute und schaute. Das Fenster ging hinaus und hinunter auf das Erste und das Zweite Baronat. Ganz hinten im Entfernungsdunst waren undeutlich die unbeschreiblich hohen Wolkenpeiniger zu erahnen.

Wieder dachte er über Augen nach.

Wie konnte man mit Augen das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden? Das, was ganz fern war und einen jetzt gar nicht betreffen konnte, war genauso präsent wie das ganz Nahe. Oft war das ganz Nahe sogar leicht unscharf, während das Ferne den Blick an sich riss und beherrschte.

Gäus vermisste seine alten Tasthaare. Gerüche, Bewegungsschwingungen und Geräusche waren zur Orientierung viel zweckdienlicher als die verwirrende Flut der Sichteindrücke. Die Tasthaare reagierten auf das, worauf man reagieren musste. Aber wie sollte man auf etwas reagieren, das Tagesreisen entfernt war?

Weil man sah, was noch Tage entfernt war, war Sehen ähnlich wie in die Zukunft schauen.

Also war Sehen auch eine Art von Magie.

Vielleicht also waren die Menschen gar nicht so unmagisch, wie Gäus zuerst angenommen hatte? Vielleicht hatte die Magie sich einfach nur von der Märchenhaftigkeit der Drachen und Feuerberge abgewandt und war nun etwas Alltägliches geworden, etwas, das jeder Bauer ganz selbstverständlich benutzte, ohne weiter darüber nachzudenken. Vielleicht war dies das Geheimnis.

Oder zumindest eines der Geheimnisse.

Immerhin gab es Religion im Land Orison. Religion war ihrem Wesen nach ebenso unerklärlich wie Magie.

Die Menschen glaubten an ein Wesen, das sie „Gott“ nannten, das niemand von ihnen je gesehen hatte und das dennoch alles erschaffen konnte und über alles Bescheid wusste. Diesem Wesen zu Ehren hatten sie überall im Land Kirchen, Kapellen und Klöster errichtet. Sie sangen, beteten und tanzten sogar für diesen Gott. Wenn Gäus versuchte, darüber nachzudenken, wie die Dämonen eigentlich in die Welt gekommen waren, dann konnte er sich an nichts anderes mehr erinnern als an eine gewaltige Explosion, an Funkenregen, Schwefelgestank, aufgebrochenes, fliegendes Erdreich, hoch emporsteigende, den Himmel verfinsternde Asche. Es war nicht auszuschließen, dass ein Wesen namens „Gott“ da seine Hand im Spiel gehabt hatte. Aber zu Gesicht bekommen hatte auch Gäus diesen Gott nie.

Jedenfalls fand er es hochinteressant, dass die Menschen, die ihre Magie schon längst eingebüßt hatten, dennoch an etwas Unfassbares glaubten. War dies eine Form, sich an Magie zu erinnern? Oder brauchten die Menschen irgendeine Art von Unfassbarkeit zum Überleben, so wie auch die Dämonen nicht existieren konnten ohne die Lebenskraft, die nur noch spärlich in der Natur vorhanden war?

Möglicherweise, sinnierte Gäus, waren sich Menschen und Dämonen ähnlicher, als beide voneinander annahmen.

Doch diese Momente des tiefgründigen Sinnierens hielten nie besonders lange vor.

Schließlich war er König. Er war frei. Er konnte ewig leben. Selbst sein Wirtskörper war noch jung. Orison war groß. Es gab viel zu sehen, was von ihm noch nie zuvor gesehen worden war.

Der Faustkämpfer

Minten Liago wurde gewaschen, mit einem einfachen Gewand eingekleidet, gefüttert, frisiert – wobei man ihm den Backenbart und die halblangen Haare schor –, mit ein paar Wundsalben behandelt und anschließend in einem von Ochsen gezogenen Gitterwagen zum Inneren Schloss verfrachtet. Diese Reise dauerte fünf Tage, und während dieser fünf Tage verriet ihm niemand, was das Ganze eigentlich zu bedeuten hatte.

Selbstverständlich machte er sich so seine Gedanken. Schon in den Hafenstädten hatte er vom sogenannten „Inneren Zirkel“ gehört, einem reichlich inoffiziellen Abkommen der neun Inneren Schlösser, sich das Warten auf einen Krieg gegen Coldrin mit interessanten Kampfspielen aufzulockern. Es gab eine Tabelle und mehrere Favoritenlisten. Es gab sogar einen inoffiziellen orisonischen Meistertitel im Faustfechten. Das ganze Spektakel diente der Armee zum Unterlaufen des Einrostens, den Armeeausbildern und wohlbetuchten Schlossbürgern zum Anreichern ihres Alltags mit Aufregung und den Inneren Schlössern zum Einnehmen von Stücken, denn die Zuschauer mussten für einen der in den unterirdischen Katakomben abgehaltenen Kämpfe ordentlich bezahlen, und viele von ihnen reisten von einem der anderen Inneren Schlösser eigens an.

Ein Betrunkener, dem Minten vor ein paar Monaten in Kurkjavok kräftig eins aufs freche Maul gegeben hatte, hatte ihn hinterher gefragt, weshalb Minten nicht am „Inneren Zirkel“ teilnahm, um sich dumm und dämlich zu verdienen. Doch Minten hatte noch nie davon gehört, dass einer der Kämpfer reich wurde. Und es schien, als würde sich diese Annahme nun bestätigen: Die Kämpfer waren entweder Soldaten oder wurden aus Gefängnissen rekrutiert. Die aus den Gefängnissen kämpften unfreiwillig und ohne jegliche Entlohnung. Wenn sie verschlissen waren, hörte man nie wieder von ihnen, denn kein Hahn krähte nach einem Strafgefangenen.

Im Inneren Schloss unterwies ihn ein alter Faustfechter auf einem staubigen, nach Alkohol riechenden Hof zwei Tage lang in den Grundlagen des waffenlosen Kämpfens. Es war ohnehin keine Zeit mehr, Mintens Körper ausreichend auf das Bevorstehende vorzubereiten. Also bekam er etwa siebzig weise Ratschläge, von denen er sich etwa zwanzig merken konnte.

Dann begegnete ihm auch die Einhändige wieder.

„Folgendes wird heute Nacht passieren“, knarrte sie, nachdem sie so nahe an Minten herangetreten war, dass er sich körperlich von ihr bedroht fühlen musste. „Du kämpfst gegen dieses Großmaul Oloc, das sich selbst als kommenden Meister sieht. Du schlägst ihn zu Boden. Du hast sechzehn Runden Zeit dafür. Jedenfalls will ich, dass er am Ende nicht mehr steht. Ich habe Stücke auf dich gewettet. Also enttäusch mich nicht. Ohne mich würdest du immer noch in der Schublade schmoren.“

„Wie viele Tage war ich denn da drin?“

Zum ersten Mal lächelte sie ihn an. „Sieben. Neuer Rekord. Deshalb hat man mich auch verständigt. Ich glaube nicht, dass du die nächsten drei Tage noch durchgehalten hättest.“

„Ich glaube schon.“

Ihr Lächeln verschwand. „Beweis es mir. Schlage Oloc.“

Minten nickte langsam. Er wollte zwar lieber ein Student sein als ein Faustkämpfer, aber wenn man ihn vor die Wahl stellte, weiterhin Elell in Kurkjavok beim Beineausreißen zuzuschauen oder in einem der Schlösser halblegale Faustkämpfe durchzuführen, dann kam ihm das mit den Schlössern doch um ein Vielfaches interessanter vor. Und wenn die Einhändige mit ihm Stücke verdienen konnte, vielleicht sprang ja dann auch etwas für ihn dabei heraus. Ein paar Bücher und Schreibzeug zum Üben und Lernen würde sie ihm ja wohl kaum verweigern können.

Der Kampf war auf Mitternacht angesetzt.

Die kreuzförmige Krypta war mit mehr als sechzig Fackeln ausgeleuchtet, die mindestens so viel Rauch erzeugten wie Licht. Olocs Anhänger füllten den Raum mit johlenden Echos. Der Gegner stand schon oben im Seilrund, als Minten hereingeführt wurde. Oloc war eher ein auf zwei Beinen gehender Ochse als ein Mensch. Sein Nacken war so breit wie ein Oberschenkel, seine Augenbrauen von zu vielen Schlägen ausgedünnt und angeschwollen, die Ohren blumenkohlartig verwuchert.

„O-loc! O-loc! O-loc! O-loc!“

Minten wurde gar nicht groß vorgestellt. „Der heutige Herausforderer“ hieß es nur oder „der heutige Aufbaugegner“.

Der Kampf begann damit, dass jemand einen Steinkrug über einem Amboss zerbrach. Die Luft war vor lauter Fackelrauch kaum atembar und hatte die Farbe von durchscheinenden Nachtgewändern. Minten versuchte, unter den umstehenden Zuschauern oder auf den weiter oben angebrachten Sitzbänken die Einhändige zu erkennen, aber es gelang ihm nicht.

Oloc stürmte bereits auf ihn zu.

Dem Ochsen auszuweichen war nicht weiter schwierig. Der riesenhafte Kerl bewegte sich einfach viel zu langsam, um Minten wirklich gefährlich werden zu können. In der ersten Runde wich Minten deshalb aus und platzierte nur wenige Treffer, die ihm mehr wehtaten als seinem Gegner. Man kämpfte ohne Handschuhe, mit nur leicht bandagierten Fingerknöcheln.

In der zweiten Runde ließ Minten ein paar Schläge seine Deckung treffen und fand dadurch heraus, dass es besser war, sich wie in der ersten Runde überhaupt nicht treffen zu lassen. Auch die Schläge auf die Deckung taten mörderisch weh.

Das Publikum fing an zu murren und zu pfeifen. Mit „Feigling!“ beschimpften sie Minten, und mit „Hau ihn endlich um!“ feuerten sie ihren Helden Oloc an, der immer dann eine etwas unglückliche Figur abgab, wenn sein Gegner ein behänder Ausweicher war.

In der Pause zur dritten Runde wurde Minten klar, dass er nicht sechzehn Runden so weitermachen konnte. Irgendwann würde ein Schwinger ihn erwischen und ihm das Licht ausblasen, vielleicht sogar für immer. Er musste es auf einen Angriff ankommen lassen. Es ging nicht anders.

Wieder zerbrach ein Krug. Die Meute jubelte. Minten marschierte nach vorne und wich erst im letzten Augenblick aus. Zwei, drei Wischer von Oloc fuhren ins Leere. Luft rauschte. Dann schlug Minten zu. Hinter Olocs vom Eigenschwung noch abgewandtes rechtes Ohr. Oloc reagierte nicht. Schlug zurück. Minten tauchte. Olocs Schlag ging daneben, diesmal nach links. Minten schlug zu, auf Olocs linkes Ohr. Oloc reagierte nicht. Wollte wieder zuschlagen. Doch diesmal war Minten schneller und tat etwas vollkommen Unerwartetes: Er drosch Oloc die Faust mitten ins Gesicht, während dieser noch behäbig und vollständig dem eigenen Tempo verhaftet ausholte. Krach. Durch die Meute lief ein Zittern, als wäre sie von einem Speer getroffen worden. Minten nutzte den Augenblick, den Olocs ausholende Faust sich verzögerte. Krach. Krach. Links. Rechts. Immer wieder ins Gesicht. Mit jedem Treffer verzögerte sich Olocs Ausholbewegung und gab Minten neue Zeit für einen weiteren Schlag. Es war, als würde Minten einen einzigen Moment zu einer Stunde dehnen, in das Gesetz der Zeit hinein einen Tunnel treiben.

Krach. Krach. Krach. Krach. Krach. Krach. Krach.

Nach dem fünften Treffer war Oloc schon stehend bewusstlos, aber es dauerte noch drei weitere, bis seine Knie endlich einknickten. Der Koloss fiel wie ein kalbender Gletscher. Rrrrrummmms.

Stille setzte ein. Dann ohrenbetäubendes Geschrei.

„Was ist das denn?“ „Schiebung!“ „Wie heißt der Kerl? Wer ist das?“ „Jinua, was hat das zu bedeuten? Ist das ein abgekartetes Spiel?“

Jetzt konnte Minten die Einhändige erkennen. Sie erhob sich von einer der hinteren Bänke.

„Das, meine Damen und Herren, war kein abgekartetes Spiel“, sagte sie mit schneidender Stimme, „sondern das war Minten Liago aus Kurkjavok. Ich habe ihn aus dem dortigen Gefängnis geholt, weil er ein paar Stadtsoldaten aufgemischt hat, fünf an der Zahl. Ich denke, wir werden noch von ihm hören. Zum Beispiel nächste Woche im Neunten Baronat. Und jetzt bitte ich alle, die heute Abend gegen mich gewettet haben, ihre Schulden zu begleichen. Ihr wisst ja:Wer an meiner rechten Seite steht, hat nichts zu befürchten, aber links“ – sie schüttelte ihr beeindruckendes, klingenstarrendes Greifinstrument – „links wird es schmerzhaft, dagegen kann ich gar nichts machen.“

Die Leute lachten und bezahlten mit freundlichen Gesichtern. Man kannte und schätzte sich. Der Name der Einhändigen war, wie Minten dabei heraushören konnte, Jinua Ruun.

Nach dem Einkassieren kam Jinua Ruun gut gelaunt zu ihm in die Abtrocknungskammer. „So einen schwerfälligen Vollidioten wie diesen Oloc hätte ich schon fertigmachen können, als ich zwölf Jahre jung war“, grinste sie. „Seine anderen Gegner hatten immer zu viel Schiss vor ihm. Du hast deine Angst wenigstens in einen effektiven Angriff verwandelt. Außerdem hat man dir, wie ich sehe, eine anständige Frisur verpasst. Du siehst fast wie ein Mensch aus.“

„Saghi“, erwiderte Minten nur.

„Hm?“

„Nicht Minten Liago aus Kurkjavok, sondern Minten Liago aus Saghi.“

„Ach so! Na, mir soll’s recht sein. Wie sieht’s also aus, Minten Liago aus Saghi? Willst du deine Zeit lieber in Kurkjavok in der Zelle oder der Schublade absitzen, oder reist du für mich von Schloss zu Schloss und hast Spaß?“

„So sieht der Handel aus? Ich muss das noch vier Jahre lang machen?“

„Drei Jahre, erzählte mir der Richter. Dann steht deine Befähigungsprüfung zum Studium an. Wenn du die bestehst, bist du frei. Wenn du durchfällst, musst du noch ein viertes Jahr für mich kämpfen.“

„Hm. Und ich bekomme Zeit zum Lesen und Schreiben üben?“

„Na klar. Du wirst dich gut auf die Kämpfe vorbereiten müssen, sonst gehst du bald unter, aber ansonsten kannst du tun und lassen, was du willst. Allerdings innerhalb bestimmter Grenzen, denn ich bin für dich verantwortlich. Kein Alkohol. Keine Weiber. Keine Schlägereien außerhalb des Rings. Übertrittst du eine dieser Regeln, heißt es: zurück in die Schublade.“

„Keine Weiber für drei Jahre?“

„Wie im Gefängnis, mein Junge. Aber wenn du’s gar nicht mehr aushältst, kann ich dir ja Erleichterung verschaffen. Hiermit.“ Sie hielt ihm ihre Linke hin. Haken, Ösen und Messer.

Jetzt grinsten sie beide. Dann gaben sie sich die rechte Hand.

Tatsächlich wurde Minten Liago Jinua Ruuns Liebhaber.

Zwar war sie zehn Jahre älter als er und dermaßen muskulös und kräftig, dass sie ihn jederzeit gegen eine Wand heben und ihn sich einfach nehmen konnte, aber die Beziehung zwischen ihnen entwickelte sich erstaunlich gut. Zweckdienlich und wortkarg. Wenn sie überhaupt redeten, dann spotteten sie meist über andere. Ansonsten ermöglichte sie ihm ein Studium von wertvollen Büchern und führte ihn wie an einer langen Leine von Innerem Schloss zu Innerem Schloss, wo er einen Kampf nach dem anderen absolvierte. Von außen sahen die Schlösser alle unterschiedlich aus, waren spitz oder rundlich, düster oder licht, aber wenn man erst einmal in ihre Eingeweide vorgedrungen war, erwiesen sie sich alle als Blutsverwandte.

Es stellte sich bald heraus, dass Oloc der gefährlichste aller Gegner gewesen war. Die anderen mochten zwar schneller sein, aber keiner hatte diese vernichtende Schlagkraft. Und keiner von ihnen hielt so viele Treffer aus, bis er endlich umfiel. Minten gewann innerhalb von drei Monaten acht Kämpfe, sieben davon vorzeitig durch Niederschlag, den achten, weil sein Gegner ihn frustriert getreten hatte und deshalb disqualifiziert wurde.

Oloc allerdings drängte auf einen Rückkampf. „Ich bin überrumpelt worden“, ließ er überall verlauten. „Noch mal passiert mir das nicht.“

Jinua riet Minten, dieser Herausforderung aus dem Weg zu gehen, aber lange würde das nicht mehr möglich sein. Unabhängig voneinander kämpften Minten und Oloc sich beide in den Ranglisten, die von unabhängigen Kampfbeobachtern geführt wurden, nach oben. Irgendwann würde sich entscheiden müssen, wer von ihnen den amtierenden orisonischen Meister, einen Hünen namens Guanquer, würde herausfordern dürfen.

„Nimm das gute Leben als Hoffnungsträger mit, so lange es andauert“, sagte Jinua zu Minten. „Ehrlich gesagt bezweifle ich nämlich, dass du Oloc noch mal schlagen wirst. Er ist zwar dumm wie ein Feldstein, aber er hat sicherlich seine Lektion aus der Niederlage gelernt.“

„Und Guanquer? Bin ich gut genug, um Guanquer zu schlagen?“

„Nein.“

Jinua redete nicht gerne um den heißen Brei herum. Früher war sie Armeeausbilderin des Königs Tenmac II. gewesen. Eines Tages hatte ihr ein unerfahrener Rekrut, der nicht begriffen hatte, dass man in Übungskämpfen stumpfe Waffen verwendete, mit einem Schwert den linken Unterarm durchtrennt. Wenn sie nicht im letzten Augenblick noch den linken Arm hochgerissen hätte, wäre ihr das Schwertwohl durch den Schädel gedrungen.

Diesen Verlust hatte sie nie richtig verwunden. Die Hand zu verlieren in einem Krieg war eine durchaus akzeptable Sache. Aber die Hand zu verlieren in einem Land, in dem es schon seit vielen Jahrzehnten keine Konflikte mehr gab; die Hand zu verlieren, weil ein Grünschnabel zu dämlich und ungestüm gewesen war, sich das richtige Werkzeug aushändigen zu lassen – das war an Peinlichkeit kaum noch zu überbieten. Jinua hatte ihren Abschied genommen und nutzte ihr gutes Auge für die Ausbildbarkeit junger Männer inzwischen dafür, dem „Inneren Zirkel“ neues Menschenmaterial aus den Gossen und Auffanggittern Orisons zuzuführen. Ihr Ratschlag „Nutze die gute Zeit, so lange sie dauert “ war Ausdruck ihrer gesamten Lebenserfahrung. Mit einem einzigen unerwarteten Fehlschlag eines einzigen schwer zu berechnenden Gegenübers konnte alles vorbei sein. Inzwischen war selbst der gute König tödlich verunglückt, und auf dem Thron saß ein weinerliches, wisperndes Knäblein.

Wochen später, als Minten gerade seinen elften Gegner in Folge bezwungen hatte, sagte Jinua: „Vielleicht gibt es doch eine Chance für dich, an Guanquer vorbeizukommen. Er ist sieben Jahre älter als du. Eines Tages wird er zu alt sein zum Kämpfen. Er wird in den Ruhestand treten, und wenn du dich dann auf der Rangliste ganz oben befindest, wirst du kampflos sein Titelnachfolger. Das Problem ist nur: Du wirst ja in nicht ganz drei Jahren schon Schluss machen und studieren gehen. Bis dahin wird Guanquer ungeschlagen bleiben. Vielleicht solltest du dich entscheiden, wo deine eigentlichen Ziele liegen.“

Minten lächelte bitter. „Es spielt keine Rolle, wo meine Ziele liegen. Wenn ich Oloc weiterhin feige aus dem Weg gehe, bin ich es nicht wert, in den Ranglisten zu stehen.“

„Jetzt denkst du wieder zu geradeaus. Ich sage dir zum hundertsten Male: Die Ranglisten sind groß genug für euch beide. Lass Oloc seine Sache machen und mach du deine. Eure Wege haben sich bereits gekreuzt, und du hast gewonnen. Das muss genug sein.“

„Das kann nicht genug sein“, wollte Minten sagen, aber er sparte es sich. Jinua konnte es auch so an seinem Gesicht ablesen, und sie ahnten beide, dass ihre gemeinsame Zeit im „Inneren Zirkel“ von etwas abhing, das bereits stattgefunden hatte und wiederholt werden musste.

Wie bei einem Kreislauf, einem Mahlstrom, einem Wirbel, bei dem weitere Hände, weitere Tavernenzechen und weitere Befähigungsprüfungen aufs Spiel gesetzt werden mussten, damit das endlose Kreisen endlich ein Ziel finden konnte.

Die Königin

In Faur Benesands Herzen wandelten sich Begehren und Anbetung langsam, aber sicher in Hass.

Wenn er die Baroness niemals besitzen durfte wenn jeder auβer ihm die Baroness besitzen durfte –, wenn die Baroness sich jedermann luststöhnend feilbot, nur ihm nicht dann konnte er sich ebensogut umbringen, konnte die Baroness umbringen, konnte das gesamte verfluchte Hauptschloss niederbrennen bis auf die Grundmauern und dazu das Lied der Liebe grölen.

In seinen einsamen Nächten berauschte Benesand sich mittlerweile an den einfallsreichsten Folterphantasien. Wie er das schöne Weib langsam, aber sicher in Stücke schnitt und in siedendem Öl briet. Wie sie ihn anflehte und ihm alles geben wollte und auch gab, er aber hohnlachend weitermarterte und sie mit Salz, Pfeffer und Gewürzen bestreute, bis er selbst sich vor Erschöpfung nicht mehr rühren konnte.

Um seinen immer stärker werdenden Hass abzureagieren, fasste der Koordinator der Einnahmen in diesen Wochen das zahlungssäumige Volk härter an denn je. Besonders an jungen, schönen Bauerstöchtern führte er mitgroßem Eifer hochnotpeinliche Befragungen durch–selbstverständlich fern vom Hauptschloss, damit die Baroness nichts davon erfuhr. Mehrmals unterlief es ihm dabei, dass er die armen, überforderten Mädchen in höchster Erregung mit Baroness oder meine Herrin anschrie, aber seine Männer beschlossen, darüber lieber Stillschweigen zu bewahren. Im Volk jedoch gärte Unmut über die neuartige, ungerechte Behandlung, und zwei der übrigen Koordinatoren, nämlich der Koordinator der kirchlichen Angelegenheiten sowie der Koordinator des Handels, bekamen diesen Unmut ebenfalls zu spüren.

Die Baroness hätte sich, als man ihr diese Neuigkeiten hinterbrachte, womöglich mit ihrer neuen lebensbejahenden und ausgeglichenen Natur ordnend und mäßigend um all dies kümmern können wenn Irathindur nicht genau in diesen Tagen von schwerwiegenden persönlichen Problemen heimgesucht worden wäre. Eines Nachts nämlich während einer besonders aufregenden Orgie überkam ihn ein furchtbarer Anfall. Alle Leiber schienen vor ihm zurückzuweichen, zurückzuweichen nicht nur bis an die Wände des Raumes, sondern bis an die Grenzen von Zeit und Raum überhaupt. Irathindur spürte sich in Einsamkeit stürzen und schrie mit der Stimme der Baroness panisch auf. Er zuckte und spuckte, verlor erst jeglichen Boden unter den Füßen, dann die Besinnung und kam erst wieder zu sich, nachdem man ihn in das dunkelblaue Himmelbett der Baroness verbracht hatte. Er brauchte Stunden, bis er sich daran erinnerte, dass er ein entflohener Dämon im Körper der Baroness den Dauren war, und nicht etwa umgekehrt.

Was war geschehen?

Das Gleiche ereignete sich erneut schon am folgenden Tag. Diesmal war er allein, als sich ihm die Welt entzog und er in ein tiefes, gähnendes Loch trudelte, das kurz darauf zu rotieren begann. Der Dämonenschlund! Der Dämonenschlund holte ihn zu sich heim!

Wie war das möglich? Was bedeutete dies?

Diesmal erholte er sich schneller, aber ein Gefühl großer Schwäche und Mattigkeit verließ ihn gar nicht mehr, sodass er alle Orgien und alle Baronatstermine der nächsten Tage absagte.

Vielleicht lag es an der übermäßigen zwischengeschlechtlichen Betätigung. Vielleicht hatte er es einfach übertrieben, dem nicht mehr ganz jungen Leib der Baroness zu viel zugemutet.

Nein. Er ahnte, was los war, und er fürchtete sich, diese Ahnung bis in ihre letzte Konsequenz zu durchdenken.

Die Lebenskraft ging zur Neige und begann in ihm zu flackern. Die Lebenskraft, die alle Dämonen zum Weiterleben brauchten. Sie erhielt den Dämonenschlundstrudel aufrecht und speiste dessen Halt und Bewegung, aber hier draußen, in der freien Natur, war sie nur noch spärlich vorhanden. Reste davon lagerten in jedem Stein, und frühmorgens tropften sie als Tau von allen Blättern und Halmen, aber es war wenig, sehr wenig.

Genug womöglich, um einen einzigen geflüchteten Dämon amLeben zu erhalten, aber nicht genug für zwei.

Irathindur erschauerte. Von Anfang an hatte er befürchtet, dass so etwas geschehen würde. Deshalb hatte er sich auch an Faur Benesands Träne gehalten, hatte gehofft, aus der darin enthaltenen Leidenschaft zusätzliche Lebenskraft abzweigen und im Körper der begehrten Baroness speichern zu können. Deshalb hatte er auch als sein Ziel das Hauptschloss des Sechsten Baronats auserkoren, viel dichter am Dämonenschlund als Orison- Stadt, wo Gäus sich nun aufhielt und residierte. Aber umsonst. Es nutzte nichts. Auch der Menschenkörper, den er nun bewohnte, stellte auf Dauer viel zu wenig Lebenskraft bereit, um einen Dämon sättigen zu können. Gäus und er mussten sich die Lebenskraft des ganzen Landes teilen, und das war zu wenig, um hier draußen überleben zu können. Als Irathindur sich dann auf seinen dritten und vierten Anfall einließ und unter Zuhilfenahme von magischen Entkörperlichungen dem Hunger nachspürte, der da an ihm rüttelte und tobte, stellte er fest, dass Gäus mehr von der spärlichen Lebenskraft abzweigte als er. Die örtliche Entfernung zum Schlund spielte überhaupt keine Rolle. Was eine Rolle spielte, war, dass Gäus König war und Irathindur nur im Rang einer Baroness.

Verflucht! Irathindur hätte sich nachträglich ohrfeigen können. Er hatte gedacht, es sei schlau von ihm gewesen, sich die Baroness des den Dämonenschlund verwaltenden Baronats als Wirtskörper zu sichern. Aber Gäus in seiner einfachen, direkten Art war sogar noch schlauer gewesen: Wenn ich schon frei bin, will ich König sein! Der gerissene Bastard!

Möglicherweise hatte Gäus gar nichts dergleichen im Hinterkopf gehabt. Möglicherweise hatte er tatsächlich einfach nur kindisch König sein wollen. Aber Endergebnis war nun, dass Irathindur lediglich die Reste abbekam, während Gäus sich am Strömen der Lebenskraft majestätisch gütlich tat. Irathindur hatte sich mit seiner Berechnung selbst überlistet.

Was konnte getan werden?

Er war sich ziemlich sicher, dass die Lebenskraft für einen einzigen Dämon ausreichte. Die Flucht aus dem Schlund klappte nicht alleine, aber danach mussten die Geflohenen sich gegenseitig umbringen, um überleben zu können. Dies war der allerletzte Sicherungsmechanismus des großen Magiers Orison.

Auf einen Kampf durfte Irathindur es allerdings nicht ankommen lassen. Alle Dämonen waren gleich stark, Gäus war aber womöglich, weil er als König mehr Lebenskraft erhielt, etwas stärker als Irathindur. Außerdem hatten sie sich ja versprochen, keinen Krieg zu beginnen.

Wie aber stand es mit einem sauberen, kleinen Attentat? Den nichts ahnenden, satten König in seinem Thronkinderstühlchen abmurksen, um fortan alleine an der Mutterbrust der Weltlebenskraft saugen zu können?

Möglicherweise durchführbar. Aber wie?

Er konnte ihn einladen zum Dämonenschlund, als Gastgeberin ihres Baronats. Dann ein einziger Schubs und gehab dich wohl, Gäus! Grüß mir die anderen Gefangenen!

Nein. Erstens: Welchen Grund sollte Gäus haben, den Dämonenschlund noch einmal aufzusuchen? Und zweitens: Hinterher würde die Baroness als Königsmörderin dastehen und hingerichtet werden. Obwohl das eigentlich egal war. Wirtskörper gab es wie Sand am Meer. Und überhaupt: Konnte nicht ein nützlicher Idiot wie dieser Faur Benesand den Königsmord begehen? Für das Versprechen einer einzigen Liebesnacht würde der doch wahrscheinlich alles tun.

Irathindur begann ernsthaft zu grübeln. Mitten in diesem Grübeln ereilte ihn jedoch bereits Anfall Nummer fünf. Hinterher hatte er Schwierigkeiten, sich überhaupt an den Stand seiner Überlegungen zu erinnern. Das Problem war auch viel zu akut für einen komplizierten Plan, die Anfälle traten jetzt täglich auf.

Kurz entschlossen ergriff Irathindur eine vollkommen andere Maßnahme: Die Baroness berief den Baronatsrat ein und kürte sich selbst zur Königin!

Alle waren sprachlos, bis auf den Koordinator des Wissens, der belegen zu können glaubte, dass so etwas nicht ohne Weiteres möglich sei, weil es doch immer nur einen einzigen erbrechtlich geregelten König geben könne und und und …

Tobias O. Meißner

Über Tobias O. Meißner

Biografie

Tobias O. Meißner, geboren 1967, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Seine Romane werden von der Kritik hochgelobt. Meißner wurde von der Zeitschrift „Bücher“ als einer der „10 wichtigsten Autoren von morgen“ ausgezeichnet. Bei Piper sind u.a. die apokalyptischen Epen um „Die Dämonen“ sowie...

Pressestimmen
Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Überflüssig zu sagen, dass Tobias O. Meißners schriftstellerisches Können überragend ist.“

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