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Der blinde MörderDer blinde Mörder

Der blinde Mörder

Roman

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Der blinde Mörder — Inhalt

Kanada, in den 1930er Jahren: Laura, fünfzehnjährige Tochter eines Fabrikanten, verfällt einem Gewerkschaftsagitator. Doch auch für ihre Schwester Iris verkörpert er das romantische Ideal eines Mannes. Als Laura einige Jahre später von seinem Tod erfährt, begeht sie Selbstmord. Zurück bleibt ein Manuskript mit dem Titel »Der blinde Mörder«, das Laura postum berühmt macht. Aber ist sie wirklich die Autorin? Iris versucht Jahre später, sich rückblickend Klarheit über die Geschehnisse zu verschaffen.

Erschienen am 02.10.2017
Übersetzer: Brigitte Walitzek
704 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-31348-3
Erschienen am 03.07.2017
Übersetzer: Brigitte Walitzek
704 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97744-9

Leseprobe zu »Der blinde Mörder«

Die Brücke

Zehn Tage nach Kriegsende lenkte meine Schwester Laura ein Auto von einer Brücke. Auf der Brücke wurde gebaut: Laura fuhr mitten durch die Absperrung. Das Auto stürzte dreißig Meter in die Tiefe, krachte durch die Bäume mit ihren fedrigen neuen Blättern, ging in Flammen auf und blieb in dem seichten Bach am Grund der Schlucht liegen. Brückenteile stürzten darauf herab. Außer ein paar verkohlten Überresten blieb nicht viel von ihr übrig.

Ein Polizist informierte mich über den Unfall: das Auto gehörte mir, sie hatten mich über das Nummernschild [...]

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Die Brücke

Zehn Tage nach Kriegsende lenkte meine Schwester Laura ein Auto von einer Brücke. Auf der Brücke wurde gebaut: Laura fuhr mitten durch die Absperrung. Das Auto stürzte dreißig Meter in die Tiefe, krachte durch die Bäume mit ihren fedrigen neuen Blättern, ging in Flammen auf und blieb in dem seichten Bach am Grund der Schlucht liegen. Brückenteile stürzten darauf herab. Außer ein paar verkohlten Überresten blieb nicht viel von ihr übrig.

Ein Polizist informierte mich über den Unfall: das Auto gehörte mir, sie hatten mich über das Nummernschild ausfindig gemacht. Der Ton des Polizisten war respektvoll: zweifellos wusste er, wer Richard war. Er sagte, vielleicht habe sich ein Reifen in einer Straßenbahnschiene verklemmt, oder die Bremse habe versagt, aber er fühlte sich auch verpflichtet, mir mitzuteilen, dass zwei Zeugen – ein Anwalt im Ruhestand und ein Bankkassierer, beide glaubwürdig – angegeben hatten, den Vorfall beobachtet zu haben. Sie hatten ausgesagt, Laura habe das Steuer scharf und absichtlich herumgerissen und das Auto so beiläufig, wie man von einem Bürgersteig heruntertritt, über den Rand der Brücke hinausgelenkt. Durch die weißen Handschuhe, die sie getragen hatte, hatten sie ihre Hände auf dem Steuerrad deutlich sehen können.

Es waren nicht die Bremsen, dachte ich. Sie hatte ihre Gründe. Nicht dass diese Gründe je dieselben Gründe wie die anderer Leute gewesen wären. In dieser Hinsicht war sie absolut skrupellos.

»Wahrscheinlich wollen Sie, dass jemand sie identifiziert«, sagte ich. »Ich komme, sobald ich kann.«Wie aus weiter Entfernung hörte ich, wie ruhig meine Stimme klang. In Wahrheit bekam ich die Worte kaum über die Lippen; mein Mund war taub, mein ganzes Gesicht war starr vor Schmerz, als wäre ich gerade beim Zahnarzt gewesen. Ich war wütend auf Laura, weil sie getan hatte, was sie getan hatte, und auf den Polizisten, weil er angedeutet hatte, dass sie es getan hatte. Ein heißer Wind blies um meinen Kopf, hob meine Haare an und wühlte in ihnen, quirlte sie wie Tinte in Wasser.

»Ich fürchte, es wird eine gerichtliche Untersuchung geben, Mrs. Griffen«, sagte er.

»Natürlich«, sagte ich. »Aber es war ein Unfall. Meine Schwester war noch nie eine gute Fahrerin.«

Ich konnte mir das glatte Oval von Lauras Gesicht vorstellen, ihren ordentlich festgesteckten Haarknoten, das Kleid, das sie sicherlich getragen hatte: ein Hemdblusenkleid mit einem kleinen runden Kragen, in einer gedämpften Farbe – marineblau oder stahlgrau oder krankenhausflurgrün. Büßerfarben – weniger wie etwas, was sie sich ausgesucht hatte, als vielmehr wie etwas, worin sie eingesperrt worden war. Ihr feierliches Halblächeln; die erstaunt hochgezogenen Augenbrauen, als bewundere sie eine Aussicht.

Die weißen Handschuhe: eine Pontius Pilatus-Geste. Sie wusch ihre Hände in Unschuld. Wusch mich von sich ab. Uns alle.

Woran hatte sie gedacht, als das Auto von der Brücke segelte und im nachmittäglichen Sonnenlicht schwebte, glitzernd wie eine Libelle in dem einen Augenblick des Atemanhaltens vor dem Sturz? An Alex, an Richard, an Falschheit, an unseren Vater und seinen Ruin; an Gott vielleicht und ihren unheilvollen Dreieckspakt? Oder an den Stapel billiger Schulhefte, die sie an ebendiesem Morgen versteckt haben musste, in der Kommodenschublade mit meinen Strümpfen, wohl wissend, dass niemand anderes als ich sie finden würde?

Als der Polizist fort war, ging ich nach oben, um mich umzuziehen. Für den Gang ins Leichenschauhaus würde ich Handschuhe brauchen, und einen Hut mit einem Schleier. Etwas, was die Augen verdeckte. Möglicherweise würden Reporter da sein. Ich würde mir ein Taxi rufen müssen. Außerdem musste ich Richard warnen, der in seinem Büro war: er würde eine Betroffenheitsbekundung parat haben wollen. Ich ging in mein Ankleidezimmer: Ich würde Schwarz brauchen, und ein Taschentuch.

Ich zog die Schublade auf, ich sah die Hefte. Ich löste die Küchenschnur, mit der sie zusammengebunden waren. Meine Zähne klapperten, mein ganzer Körper war eiskalt. Ich musste einen Schock haben, entschied ich.

Und dann musste ich an Reenie denken, damals, als wir noch klein waren. Reenie war diejenige gewesen, die uns immer verpflastert hatte, bei Abschürfungen und Schnittwunden und sonstigen kleineren Verletzungen: Mutter ruhte sich vielleicht aus oder tat sonstwo gute Werke, aber Reenie war immer da. Sie hob uns hoch und setzte uns auf den weiß emaillierten Küchentisch, neben den Pastetenteig, den sie gerade ausrollte, oder das Hühnchen, das sie zerteilte, oder den Fisch, den sie ausnahm, und gab uns ein Stück Kandiszucker, damit wir den Mund zumachten. Sag mir, wo es wehtut, sagte sie. Hör auf zu heulen. Beruhig dich und sag mir wo.

Aber manche Menschen können nicht sagen, wo es wehtut. Sie können sich nicht beruhigen. Sie können niemals aufhören zu heulen.

 

Toronto Star, 26. Mai 1945

TODESFALL WIRFT FRAGEN AUF

Exklusiv für den Star

 Laut gerichtlicher Leichenschau ist der tödliche Unfall, der sich letzte Woche auf der Brücke an der St. Clair Avenue ereignete, auf menschliches Versagen zurückzuführen. Miss Laura Chase, 25, war am Nachmittag des 20. Mai in westlicher Richtung unterwegs, als ihr Auto die Absperrung durchbrach, die eine Baustelle auf der Brücke abriegelte, in die darunterliegende Schlucht stürzte und in Flammen aufging. Miss Chase war augenblicklich tot. Ihre Schwester, Mrs. Richard E. Griffen, die Gattin des bekannten Industriellen, sagte aus, Miss Chase habe unter heftigen Kopfschmerzen gelitten, die ihr Sehvermögen beeinträchtigten. Auf weitere Befragung hin verneinte sie jede Möglichkeit von Trunkenheit, da Miss Chase nie Alkohol zu sich genommen habe.

Nach Meinung der Polizei könnte ein Reifen, der sich in einer freiliegenden Straßenbahnschiene verklemmt hatte, zu dem Unfall beigetragen haben. Fragen nach der Hinlänglichkeit der städtischen Sicherheitsvorkehrungen wurden aufgeworfen, nach der sachkundigen Zeugenaussage von Straßenbauingenieur Gordon Perkins allerdings wieder fallen gelassen.

Der Unfall bewirkte neuerliche Proteste über den Zustand der Straßenbahnschienen in diesem Teil der Straße. Mr. Herb T. Jolliffe als Vertreter der Gemeinde teilte Reportern des Star mit, dies sei nicht der erste Unfall, der auf vernachlässigte Schienen zurückzuführen sei. Der Stadtrat solle sich mit diesem Problem befassen.

Margaret Atwood

Über Margaret Atwood

Biografie

Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit. Ihr »Report der Magd« wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation. Bis heute stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und...

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