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Das Hotel am DrachenfelsDas Hotel am Drachenfels

Das Hotel am Drachenfels

Roman

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Das Hotel am Drachenfels — Inhalt

Silvester 1904: Majestätisch thront das Luxushotel Hohenstein im sagenumwobenen Siebengebirge. Bekannt für seine rauschenden Feste, lädt es auch an diesem Abend zu einer glanzvollen Neujahrsfeier. Nur mit einem Gast hat Hotelier Maximilian Hohenstein nicht gerechnet: Konrad Alsberg, sein unehelicher Halbbruder, ist gekommen, um Anspruch auf die Hälfte des Hotels zu erheben. Doch noch ahnt niemand, dass dies nur der Auftakt eines dramatischen Jahres voller Geheimnisse und Intrigen sein wird …

Eine opulente Familiensaga für alle Fans von Downton Abbey

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.09.2016
544 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30790-1
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 01.09.2016
496 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97330-4

Leseprobe zu »Das Hotel am Drachenfels«

✯✯ 1 ✯✯

»Ich habe es immer schon gesagt!«, rief Karl seinem Bruder zu, während er sich aufs Pferd schwang. »Zur Ehe sind wahrlich andere geschaffen als ich.«

In hellem Grau wölbte sich der Morgenhimmel über den Wäldern. Alexander sah zu Karl, der die Zügel der tänzelnden Stute kurz hielt, sie einen Moment lang gewähren ließ, ehe er sie unter seinen Willen zwang. Auf die Art verfuhr Karl auch mit Frauen, nur bei Julia wollte es ihm nicht gelingen.

»Du tust ihr weh«, sagte Alexander und ließ offen, ob er Julia meinte oder die Stute, die unter Karls Händen [...]

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✯✯ 1 ✯✯

»Ich habe es immer schon gesagt!«, rief Karl seinem Bruder zu, während er sich aufs Pferd schwang. »Zur Ehe sind wahrlich andere geschaffen als ich.«

In hellem Grau wölbte sich der Morgenhimmel über den Wäldern. Alexander sah zu Karl, der die Zügel der tänzelnden Stute kurz hielt, sie einen Moment lang gewähren ließ, ehe er sie unter seinen Willen zwang. Auf die Art verfuhr Karl auch mit Frauen, nur bei Julia wollte es ihm nicht gelingen.

»Du tust ihr weh«, sagte Alexander und ließ offen, ob er Julia meinte oder die Stute, die unter Karls Händen gehorsam den Hals wölbte.

Die beiden Männer lenkten ihre Pferde auf einen Weg, dessen Boden noch ganz aufgeweicht war. In den frühen Morgenstunden hatte es geschneit, und graue Wolkenschlieren kündigten an, dass die Unterbrechung nur von kurzer Dauer sein würde. Wagen und Pferdehufe hatten das Weiß auf den Zufahrtswegen bereits in grauen Matsch verwandelt.

»Wo war Julia gestern Abend?«, fragte Alexander.

»Sie war spazieren – bei dieser Kälte! Und noch dazu nur im Abendkleid. Wüsste ich es nicht besser, würde ich denken, sie sei nicht recht bei Verstand.«

»Sie wirkt niedergeschlagen. Vielleicht fehlt es ihr einfach an Beschäftigung. Warum machst du ihr nicht noch ein Kind?«

Karl hob die Schultern. »Sie hat doch schon zwei, und geändert haben sich die Dinge mitnichten. Im Gegenteil, nach Valeries Geburt war sie geradezu schwermütig. Diese Strategie ist also von zweifelhaftem Wert.«

Sie trieben die Pferde in einen scharfen Trab und fielen wenig später in Galopp. Schneematsch spritzte unter den trommelnden Hufen auf.

»Sie ist ein anderes Leben gewöhnt«, nahm Alexander das Thema wieder auf, als sie die Pferde zügelten.

Karl blickte einen Moment lang schweigend zu Boden, dann sah er seinen Bruder an. »Dann hätte ihr Vater es sich besser überlegen müssen, wem er sie zur Frau gibt.« Wobei er einräumen musste, dass er es schlechter hätte treffen können. Julia von Landau war schon immer ein hübsches Mädchen gewesen – mit dunklem Haar, graugrünen Augen und nicht zuletzt einer hinreißenden Figur. Ihr Widerspruch konnte einem durchaus lästig werden, aber im Großen und Ganzen überwogen die Vorteile. Was Julia anging, so hätte sie es ebenfalls schlechter treffen können. Aber auch besser, das konnte Karl ohne das geringste Zögern eingestehen, denn er hatte keineswegs den Ehrgeiz, ein tadelloser Ehemann zu sein.

Sie passierten den Burghof, und Karl überlegte für einen Moment, eine kurze Rast einzulegen, denn noch zog es ihn nicht heim. Er entschied sich dann jedoch dagegen und trieb sein Pferd wieder in den Trab. Die morgendlichen Momente vollkommener Freiheit waren zu rar, zu kostbar.

Nachdem sie fast eine Stunde durch den Wald geritten waren, verließen sie das dichte Unterholz, und der Weg wurde wieder breiter. Vor ihren Augen erhob sich ein weißes, säulenbestandenes Haus mit Giebeln, Erkern, Balkonen, Mansarden, kleinen Türmchen und einer großen Veranda. Hohe, filigran wirkende Fenster durchbrachen die Fassade. Ruhig lag es da und verriet nichts von der emsigen Geschäftigkeit, die bereits lange vor Morgengrauen eingesetzt hatte, während die Gäste noch in tiefem Schlaf lagen. Das Hotel Hohenstein – nahe genug am Rhein, um den Gästen eine Anreise ohne Beschwerlichkeiten zu ermöglichen, und doch weit genug abgelegen, um das Bedürfnis der erholungssuchenden Gäste nach Idylle und Abgeschiedenheit zu stillen.

Als sich die Brüder dem Haus näherten, bemerkte Karl einen Mann, der im Schatten einer Baumgruppe stand und zum Hotel sah. Er hatte – unabsichtlich oder nicht – einen Platz gewählt, der ihn vor neugierigen Blicken vom Haus her schützte, jedoch nicht so versteckt war, dass man ihn fragwürdiger Absichten verdächtigen konnte. Seine Kleidung wirkte weltmännisch-elegant, der Mantel war nach neuester Mode geschnitten, die Hosen ebenfalls. Der Mann hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und trug einen steifen Hut auf seinem dunklen Haar. Er schien die Reiter gehört zu haben, denn er drehte sich zu ihnen um und musterte sie eingehend. Dann neigte er den Kopf und lächelte.

»Guten Morgen, die Herren.«

Karl und Alexander erwiderten den Gruß und zügelten die Pferde.

»Ein sehr schönes Anwesen«, sagte der Mann. »Das Hotel Hohenstein, nicht wahr?«

»Ja, es gehört unserem Vater, Maximilian Hohenstein«, antwortete Karl.

»Ah, Karl und Alexander Hohenstein, vermute ich?«

»Sie vermuten richtig.«

Der Mann nickte, unterließ es jedoch, sich seinerseits vorzustellen, was für Karl nur den Schluss zuließ, dass seine Kinderstube unzureichend gewesen sein musste. Gut gekleidet, aber keine Erziehung. Neureich, womöglich gar einer dieser Emporkömmlinge aus Amerika, da konnte es ja jeder Bauer zu etwas bringen, um sich hernach in seiner alten Heimat als reicher Herr aufzuspielen. Bis ihn dann seine Manieren, oder besser gesagt, das Fehlen selbiger enttarnte.

»Sind Sie Gast bei uns, oder können wir Ihnen in irgendeiner Weise behilflich sein?«

»Sie könnten mir sagen, wie ich am schnellsten zurück nach Königswinter komme. Ich gestehe, ich bin ordentlich durchgefroren und habe auf meinem Spaziergang wohl einige Umwege gemacht.«

Karl überließ es Alexander, eine genaue Wegbeschreibung zu liefern, und musterte den Mann. Süddeutsch gefärbter Dialekt und eine Haltung, die andeutete, dass der Mann in Karl und Alexander seinesgleichen zu erkennen schien. Der Mann bedankte sich.

»Es war mir ein Vergnügen«, antwortete Alexander mechanisch. »Einen schönen Aufenthalt wünsche ich Ihnen.« Gelegentlich kam er doch hervor, der höfliche Sohn eines Hoteliers. »Vielleicht begegnet man sich ja auf der einen oder anderen Feierlichkeit.«

Wieder lächelte der Mann. »Gewiss sogar.« Dann drehte er sich um und schlug den von Alexander beschriebenen Weg ein.

Die letzten Klavierklänge zerstoben in der Luft, beinahe gewaltsam, als hätten sie nur darauf gewartet, entfesselt zu werden, ehe sie erstarben. Johannas Hände ruhten auf den Tasten. Sie senkte den Kopf, die Augen geschlossen, und atmete tief ein. Der Sturm, den die Musik in ihr entfacht hatte, legte sich wieder.

Das Klappern von Hufen war zu hören, und Johanna erhob sich, um aus dem Fenster zu sehen. Ihre Brüder kehrten zurück, das hieß, es war bereits Zeit fürs Frühstück, und Johanna war noch nicht einmal angekleidet. Eilig verließ sie das Musikzimmer und lief in ihre eigenen Räumlichkeiten.

Sich für ein Kleid zu entscheiden, ging schnell, da war die passende Frisur schon aufwendiger. Nicht zum ersten Mal stellte Johanna sich vor, wie Karls weizenblondes Haar zu ihrem Gesicht wirken würde. Oder Alexanders nur um wenige Nuancen dunkleres. Ihr eigenes war kupferrot, was ihr großen Kummer bereitete. Die Hoffnung, es könne sich in ein Kastanienbraun verwandeln wie bei Julia, deren Haar als Kind auch rot gewesen war, hatte sie längst zu Grabe getragen. Seufzend öffnete sie ihren Haarknoten am Hinterkopf, und die dichten Strähnen fielen ihr glatt auf den Rücken. Aus Zeitgründen entschied sie sich für einen schlichten Zopf, zog ein hellblaues Tageskleid an und verließ ihr Zimmer.

Eine schwere Eichenholztür trennte den privaten Wohnbereich vom Hotelbetrieb. Karl und Julia bewohnten die Bel Étage, wobei die Mahlzeiten meist gemeinsam im großen Speisezimmer des Erdgeschosses in der Wohnung von Maximilian Hohenstein eingenommen wurden. Die Hotelküche verköstigte nicht nur die Gäste, sondern auch die Familie, sodass im Wohnbereich keine weitere Küche gebaut worden war.

Als Johanna das Speisezimmer betrat, war bereits die ganze Familie versammelt, lediglich die Kinder frühstückten zusammen mit ihrem Kindermädchen im Spielzimmer. An den beiden Schmalseiten der Tafel saßen Johannas Eltern, Maximilian Hohenstein und seine Gattin Anne. Zur Linken des Hausherrn hatten Karl und Julia ihren Platz, gegenüber saßen Alexander und Johanna. Das Frühstück wurde von den beiden Lakaien aufgetragen, streng überwacht durch den Hausverwalter, der neben der Tür zum Speisesaal stand. Kurz darauf erschien eines der Stubenmädchen mit einem silbernen Tablett, auf dem die Post lag. Drei Briefe, alle für Maximilian Hohenstein.

Johanna aß nur wenig und trank dafür umso mehr Kaffee, was ihre Mutter stets tadelte. Als sie gerade nach einer Scheibe Toast greifen wollte, schob ihr Vater seinen Stuhl mit einem Ruck zurück und erhob sich ungestüm. In der Hand hielt er einen der Briefe, sein Gesicht war aschfahl geworden.

»Albert«, er winkte den Ersten Lakai zu sich. »Schick einen der Botenjungen nach Bonn zu Herrn Rechtsanwalt Schürmann.«

Nun sah auch Karl vom Frühstück auf. »Sagte er nicht, er sei bis Januar verreist?«

Ihr Vater hielt inne, und seine Hand ballte sich in einer Faust um den Brief. »Ist die Kanzlei über die Feiertage nicht besetzt? Was ist mit seinem Sozius?«

»Der ist auf verspäteter Hochzeitsreise.«

Maximilian Hohenstein murmelte etwas über den Verfall einer Gesellschaft, in der keiner mehr arbeiten wollte, und wandte sich Richtung Tür.

»Was ist passiert?«, fragte nun auch Johannas Mutter.

»Nichts von Bedeutung. Ich muss nur rasch ein paar Briefe schreiben und etwas …« Der Rest des Satzes verlor sich in Gemurmel, als Maximilian Hohenstein raschen Schrittes aus dem Zimmer eilte.

Johanna sah Karl an, aber der zuckte nur mit den Schultern und widmete sich wieder seinem Frühstück. Sie selbst schlang den Toast sehr undamenhaft hinunter, spülte mit Kaffee nach und erhob sich ebenfalls. Noch ehe ihre Mutter Einwände erheben konnte – der Moment war gut abgepasst, denn mit vollem Mund sprach diese nie –, hatte Johanna das Speisezimmer bereits verlassen.

Betrat man das Hotel durch den Haupteingang, gelangte man zunächst in das weitläufige, in weißgoldenem Marmor gehaltene Vestibül, in dem sich auch die Rezeption befand. Clubsessel gruppierten sich um niedrige Tische, verborgen hinter Säulen und umgeben von Farnen und kleinen Palmen, sodass für wartende Gäste der Eindruck von privater Abgeschiedenheit entstand. In der Mitte stand ein marmorner Brunnen, in dem Wasser aus fein ziselierten Blütenkelchen floss.

Auch an diesem Morgen trafen neue Wintergäste ein, und täglich wurden weitere erwartet. Das Hotel war bis in den Februar hinein komplett ausgebucht. Pagen in dunkelgrünen Livreen luden Gepäck aus den Hoteldroschken, während die Angestellten an der Rezeption den Gästen ihre Zimmer zuwiesen. Zwei breite, geschwungene Treppen führten hinauf zur Galerie der Bel Étage.

Als Kinder hatten Johanna und Alexander das Hotel gründlich erforscht, natürlich ohne das Wissen ihres Vaters, der es nicht geduldet hätte, wenn die Ruhe der Gäste gestört worden wäre. Und was Maximilian Hohenstein sagte, war normalerweise Gesetz in der Familie, das hatte auch Karl feststellen müssen, der sich nach Jahren der Freiheit plötzlich in den Fesseln einer Ehe wiederfand, die er nicht gewollt hatte. Wenn Alexander nicht auf der Hut war, drohte ihm dasselbe Schicksal. Um sich selbst machte Johanna sich wenig Sorgen, sie wusste mit ihrem Vater umzugehen, auch wenn dieser der Meinung war, er gebe den Ton an.

Das Haus befand sich in emsiger Geschäftigkeit, um die große Silvesterfeier vorzubereiten. Es war der letzte Tag des Jahres, und feiern, das wusste Johanna, konnten ihre Eltern. Sie selbst würde in einem smaragdgrünen Abendkleid die breite Treppe hinunterschreiten, eine Prinzessin in Maximilian Hohensteins Königreich.

Draußen vor dem Hotel dagegen herrschte Stille. Das imposante Gebäude schmiegte sich in die dichten Wälder des Siebengebirges und wirkte um diese Jahreszeit, wenn man es aus der Ferne sah, wie eine weiße Perle auf rotbraunem Samt. Natürlich hatte man den Baumbestand in unmittelbarer Nähe des Hauses roden müssen, um den weitläufigen Garten anlegen zu können. Außerdem gab es hinter den Stallungen einen Auslauf für die Pferde, und an schönen Tagen brachten die Stallburschen sie an langen Hanfleinen durch den Wald zu einer Koppel, die auf einer Lichtung angelegt war. Ein Teil des angrenzenden Waldgebiets gehörte der Familie Hohenstein und wurde von den Urlaubern gerne für kleinere Ausflüge mit den Kindern genutzt.

An diesem frostigen Vormittag jedoch sah Julia Hohenstein nur Mabel Ashbee am Waldesrand stehen. Die Engländerin war in einen dicken Mantel gehüllt und starrte auf Wege, die von wirrem Geäst überspannt waren und sich in winterlicher Stille verloren. Seit ihre Tochter vor gut neunzehn Jahren in den Wäldern verschollen war, kehrte sie Jahr für Jahr mit ihrem Mann hierher zurück. Und immer stand sie am Jahrestag des Verschwindens am Wald und sah ins schattige Dunkel. Julia wusste, dass Freunde und Bekannte oftmals mit Ungeduld auf die fortwährende Trauer der Frau reagierten, aber sie mochte sich nicht vorstellen, wie es ihr erginge, wenn sie Valerie verlor und das Schicksal ihrer Tochter auch fast ein Vierteljahrhundert später noch im Ungewissen läge.

Ihr Bruder Philipp hatte sich in einem Brief angekündigt, und Julia freute sich auf sein Kommen. Eine vertraute Person in ihrem nahen Umfeld würde ihr guttun, gerade am Ende des Jahres, wenn Julia ihre Familie besonders vermisste. Anne Hohenstein, Karls Mutter, mochte ihre Schwiegertochter nicht, aber das beruhte auf Gegenseitigkeit. Und Julia spielte ihre Rolle tadellos, ließ keinen Zweifel daran, wer später die Hausherrin sein würde, und hatte zudem zwei Kinder zur Welt gebracht: einen Sohn als Erstgeborenen – beinahe jeder Mann hatte Karl auf die Schulter geklopft, als sie kurz nach ihrer Hochzeit schwanger geworden war, als seien die Momente lustvoller Verzückung eine grandiose Leistung seinerseits gewesen – und eine Tochter, die gleichfalls hinreißend war. Karl war zwar stolz auf seinen Sohn, bevorzugte aber seine Tochter, die er auf den Schultern herumtrug und überall als das schönste Mädchen in deutschen Landen pries. Dafür konnte man ihm schon so einiges verzeihen.

Natürlich bekam Julia mit, was die Leute so redeten, genauso wie sie die Blicke bemerkte, die die Stadtmädchen Karl und seinem Bruder Alexander zuwarfen. »Die reinste Landplage!«, riefen die Mädchen lachend, ihre zwinkernden Augen verrieten jedoch, dass ihnen diese Landplage gar nicht so unlieb war. Dieses Jahr trieben die beiden es wieder besonders schlimm, vor allem Karl, der über die Wiesen jagte und brachliegende Felder mit Pferdehufen aufwühlte. »Wie sein Vater früher«, stöhnten die Frauen und sorgten dafür, dass ihre Töchter nicht unbeaufsichtigt waren, wenn die hohe schlanke Gestalt des jungen Reiters auftauchte.

Julia hätte gerne gewusst, ob sich am Vorabend außer ihr noch jemand gefragt hatte, wo Karl in der einen Stunde gewesen war, in der er die Abendgesellschaft verlassen hatte, ehe er entspannt lächelnd wieder durch die Flügeltüren in den Salon getreten war. Sie hatte auf ihre Art reagiert und die Gesellschaft schweigend verlassen, hatte im Mondschatten der Bäume gestanden und erbärmlich gefroren. Aber sie musste Haltung wahren, und dies war die einzige Art, auf die ihr dies möglich war.

Von Weitem sah Julia Charles Avery-Bowes, amerikanischer Geschäftsmann und ebenfalls ein Stammgast des Hotels, den es Winter für Winter wieder hierher zog. Zwar war er in Begleitung seiner Ehefrau angereist, aber er ging immerzu allein spazieren. Niemanden verwunderte das mehr, Personal wie Gäste hatten sich bereits daran gewöhnt. Helena Avery-Bowes dagegen bekam man kaum zu Gesicht. Sie verließ ihr Zimmer fast nie, nahm auch die Mahlzeiten dort ein und ging ab und zu in den Abendstunden spazieren. Die Menschen ergingen sich bereits seit Jahren in den wildesten Vermutungen, einige behaupteten gar, sie sei ein Vampir.

Als Julia zum Haus zurückkehrte, trugen Dienstboten eine schwere Kiste in den Garten, wo später das Feuerwerk stattfinden würde. Julia mied den Hoteleingang und ging stattdessen durch die Tür, die zum privaten Familientrakt führte. Zur gleichen Zeit betrat Karl den Korridor von der gegenüberliegenden Seite und wirkte für einen Moment überrascht, als sei es ungewöhnlich, seine Ehefrau hier anzutreffen.

»Was hat deinen Vater so aufgeregt?«, fragte sie.

Karl zuckte mit den Schultern. »Irgendeine lästige Rechtsangelegenheit, er wollte nicht näher darauf eingehen.«

Unwillkürlich suchte sie seine Hemdbrust nach verräterischen Spuren ab. Karl schien es zu bemerken, denn ein spöttisches, kleines Lächeln spielte um seine Mundwinkel. Julia starrte auf seinen Hals. Dann auf seine Krawatte. Sie war tadellos gebunden gewesen beim Frühstück, nun war der Knoten locker, als hätte jemand daran herumgezerrt. Unwillkürlich stieg das Bild von Karl und einer anderen Frau in ihr auf, beide in leidenschaftlicher Umarmung verschlungen, die Hände einer anderen Frau festgekrallt in seinen Kragen. Wortlos zog Julia den Knoten an seiner Krawatte auf und band sie neu. Er musste wissen, wie sehr er sie mit seinem Verhalten demütigte. Sie hoffte nur, dass er es nicht schlimmer machte, indem er sich entschuldigte oder gar leugnete. Karl schwieg, beobachtete sie, während ihre weiß behandschuhten Hände die Krawatte banden. Ohne ihm in die Augen zu sehen, drehte Julia sich um und ging die Treppe hinauf.

 

✯✯ 2 ✯✯

Jahr für Jahr kam Frédéric de Montagney nach Königswinter und ließ bei seinen Aufenthalten nichts unversucht, um Johanna zu verführen. Diese gab sich gelangweilt, genoss aber in Wahrheit die hinreißende Aufmerksamkeit des Franzosen. So stand sie denn auch in dieser Nacht an seiner Seite, während man im Hotel Hohenstein das Jahr 1904 in einem rauschenden Fest verabschiedete.

Das Licht der Kronleuchter brach sich im Kristallglas, ließ den Diamantschmuck der Damen funkeln, verlieh dem Marmorboden einen warmen, cremegelben Schimmer. Die Kapelle spielte einen Tanz nach dem anderen, Herren wirbelten die Damen zu Walzerklängen durch den Festsaal, Gelächter war zu hören, das Klirren hauchdünner Gläser. Die Feier erstreckte sich bis in die beiden angrenzenden kleineren Säle, in denen die Gäste in Gruppen zusammenstanden und sich unterhielten. Büfetts waren auf langen, von weißen Tischtüchern bedeckten Tischen aufgebaut, Kellner in schwarzem Servierfrack trugen Tabletts durch die Menge und achteten darauf, dass es den Gästen an nichts fehlte.

Frédéric de Montagney war sicher der charmanteste Gast, den das Hotel beherbergte, und Johanna konnte nicht leugnen, dass sie sich von seinen fortwährenden Bemühungen um ihre Gunst geschmeichelt fühlte. Ihr Vater wäre von der Aussicht auf einen Schwiegersohn aus dem französischen Adel sicher hingerissen. Wobei Johanna nicht wusste, ob Frédéric wirklich eine Ehe anstrebte oder einfach nur auf der Suche nach Zerstreuung war. Auf jeden Fall konnte es nicht schaden, ihn ein wenig hinzuhalten.

Und dann war da noch Victor Rados, ein ungarischer Schriftsteller auf der Suche nach Inspiration im Siebengebirge, der es Johanna gegenüber ebenfalls nicht an Aufmerksamkeit fehlen ließ. Er kam meist schon im Spätherbst an und verbrachte seine Zeit mit langen Spaziergängen in der Umgebung. Johanna mochte seine Art zu sprechen, die warme, dunkle Stimme, den leichten ungarischen Akzent, der sein Deutsch brach. Seine Mutter stammte aus Österreich, und er kannte die Sprache von Kindsbeinen an. Wer von den Töchtern der Gäste nicht für Frédéric schwärmte, schwärmte für Victor. Er war durchaus anziehend, das war nicht zu leugnen, mit seinem schwarzen Haar, den dunklen Augen und dem gewandten Auftreten. Hätte Johanna nicht diese Schwäche für düstere Byron-Helden, hätte er durchaus im Rennen um ihre Gunst sein können. Byrons Gedicht über den Drachenfels hatte sie wieder und wieder gelesen, beseelt von dem Wunsch, sie hätte damals schon gelebt und es hätte ihr gegolten.

 

Nur eines fehlt des Rheines Strand:

In meiner deine liebe Hand!

 

Sie seufzte und sah zur Verandatür, durch die Karl und Julia in den Salon getreten waren. Augenscheinlich standen sie in bester Harmonie beieinander, lächelnd, Julias Hand leicht auf Karls Arm ruhend. Aber da war auch diese Starre in ihren Schultern, die Art, wie Julias Gesicht kaum merklich von ihm abgewandt war.

»So würden Sie bei der Aussicht auf eine Nacht mit mir nicht aussehen«, sagte Frédéric, und Johanna gab ihm mit dem Fächer einen Klaps auf den Arm.

»Und ich war der Meinung, die stellten Sie mir fortwährend in Aussicht.« Sie schenkte ihm ein Lächeln, das ihn im Ungewissen darüber ließ, worauf er hoffen durfte. An seinem Blick sah sie, dass es wirkte. Touché, dachte sie und wandte sich ab.

 

Noch vor Mitternacht verschwand das erste Schmuckstück. Als Julia bemerkte, wie sich eine der Damen an den Hals fasste, suchend zu Boden sah, ihren Begleiter ansprach und dieser nun ebenfalls den Kopf senkte, wusste sie, es war wieder so weit. Ein sich jährlich wiederholendes Ritual, wobei der Dieb stets so dreist war, seine Fingerfertigkeiten vor den Augen der Öffentlichkeit zu üben. Es schien, als wolle er beweisen, dass er jedem von ihnen ganz nahe war, und unwillkürlich berührte Julia ihre eigene Halskette, ein Geschenk von Karl zur Geburt ihres zweiten Kindes.

Maximilian Hohensteins Gesicht lief rot an, als ihm der Verlust des Schmuckstücks zugetragen wurde, und kurz darauf schwappte das Wort Diebstahl wie eine Welle durch den Salon. Wie jedes Jahr fürchteten die Hohensteins um ihr Renommee. Wer wollte schon in einem Hotel nächtigen, in dem ein Dieb sein Unwesen trieb? Allerdings schien dieser spezielle Dieb – von einer Diebin sprach seltsamerweise nie jemand, obwohl man die Dienstmädchen keineswegs von den Verdächtigungen ausnahm – die Leute zu faszinieren. Es wurde eifrig spekuliert; zahlreiche Gäste legten in dem Bestreben, dem Geheimnis auf die Schliche zu kommen, ein regelrecht detektivisches Gespür an den Tag.

Wer war nicht schon alles verdächtigt worden. Die Dienstboten sowieso, für sie war die Sache sehr unerfreulich, und noch in dieser Nacht stand ihnen wieder die Durchsuchung ihrer Quartiere bevor. Julia bemerkte, dass Maximilian bereits diskret entsprechende Anweisungen gab. Die Detektive, die er eingestellt hatte, um dergleichen Vorfälle zu verhindern, waren offenbar bestrebt, wenigstens diese Aufgabe auszuführen. Man munkelte, es könnte sogar ein Gast sein, aber das wurde wieder verworfen. Wer von den gutbetuchten Besuchern des Hotels hatte dergleichen denn nötig? Vielleicht der ungarische Schriftsteller, die waren bekanntlich arm. Doch Victor Rados entstammte einer sehr vermögenden Familie, damit entrückte er wieder der Aufmerksamkeit der achtsamen Beobachter. War es womöglich einer der Hohensteins selbst? Das jedoch brachten die Spekulanten nur flüsternd hervor und fügten sogleich hinzu, dass diese dergleichen erst recht nicht nötig hätten.

»Die Neue.« Maximilian nickte in Richtung einer jungen Frau, deren adrette Haube eine Spur zu kokett auf dem aschblonden Haar saß.

»Sie kann es nicht gewesen sein«, antwortete Karl. »Das würde ja bedeuten, sie schliche sich Jahr für Jahr hier ein.«

Aber Maximilian beobachtete sie dennoch aus leicht verengten Augen. Ein Diebstahl an ihrem ersten Abend war ihm offenkundig verdächtig. »Wer hat sie noch mal empfohlen?«

»Philipp von Landau.«

»Referenzen?«

»Die werden gut gewesen sein, sonst wäre sie nicht eingestellt worden.« Karl zuckte mit den Schultern, und Julia, die schweigend daneben stand, betrachtete die junge Frau. Diese ging mit einem Tablett durch die Menge, war geschickt und anstellig, aber auch ein wenig unsicher. Sie war nicht im Hause von Landau angestellt gewesen, und Julia fragte sich, von welcher Art die Referenzen waren, die Philipp dazu bewogen hatten, sie zu empfehlen.

Karl dachte offenbar dasselbe. »Ich habe sie bei euch nie gesehen.«

»Vielleicht kannte Philipp sie über einen Freund.«

Maximilian nickte abwesend, dann lächelte er und mischte sich wieder unter die Leute. Jede seiner Gesten deutete an, dass er die Situation unter Kontrolle hatte und es keinen Anlass zur Sorge gab. Dennoch hatte sich eine leise Vorsicht in die Gesellschaft geschlichen, man war auf der Hut.

Maximilian Hohenstein würde das Schmuckstück ersetzen, wie er es stets tat. Wobei nicht selten – mit Bedauern, aber dennoch nachdrücklich – betont wurde, der ideelle Wert übertreffe den materiellen bei Weitem, sodass die Bestohlenen das Haus Hohenstein oft reicher verließen, als sie es betreten hatten.

 

»Rück deine Haube gerade, Mädchen. Du wurdest als Dienstmädchen eingestellt, nicht als Kokotte.«

»Ja, Frau Hansen.« Henrietta stellte das Tablett ab und kam dem Befehl der Haushälterin nach. Eigentlich gehörte die Bewirtung der Gäste nicht zu ihren Aufgaben, aber drei der Kellner waren erkältet, und man konnte den Gästen nicht zumuten, von einem Diener mit roter, verquollener Nase bedient zu werden. Die Lakaien halfen nun aus, aber auf die Schnelle war es nicht mehr möglich gewesen, einen weiteren männlichen Dienstboten zu mieten, und so war der Hausverwalter auf die Notlösung verfallen, das Stubenmädchen servieren zu lassen.

»Jetzt sieh zu, dass du die nächsten Odöwre in den Salon trägst.«

Hors d’œuvre, lag es Henrietta auf der Zunge, aber sie schwieg, da sie ahnte, dass ihre Antwort als vorlaut gelten würde. Abgesehen davon konnte man die Häppchen kaum mehr als Appetitanreger bezeichnen, da das riesige Büfett bereits vor langer Zeit geplündert worden war. Sie nahm jedoch gehorsam das Tablett und ging zurück in den Salon. Auf dem Weg dorthin begegnete sie Alexander Hohenstein, dem jüngeren Sohn der Familie, der ihr unters Kinn griff und ihr sagte, sie habe Prachtaugen. Ein vielsagendes Zwinkern folgte, dann ließ er sie ihrer Wege gehen.

»Und ich dulde kein Anbandeln mit dem jungen Herrn Hohenstein«, fügte Frau Hansen hinzu, die das neue Hausmädchen auf dem Weg durch den Korridor nicht aus den Augen gelassen hatte. »Du wärst nicht die Erste, die mit einem dicken Bauch auf der Straße landet.«

Henrietta hatte von Alexander Hohensteins Abstechern in die Dienstbotenquartiere durchaus gehört. Auch sein Bruder schien trotz seiner hübschen Ehefrau der einen oder anderen Liebschaft nicht abgeneigt zu sein, wobei man munkelte, er hielte sich dabei eher an junge Frauen aus Bonn und Königswinter. Von Maximilian Hohenstein drohte keine Gefahr, der ging seine Affären sehr diskret ein und gewiss nicht im selben Haus, das seine Ehefrau bewohnte. Sie würde sich also hauptsächlich vor Alexander in Acht nehmen müssen. Solange er nur versuchte, sie zu verführen, machte sie sich keine Sorgen. Zwang er sich ihr jedoch auf, sah die Sache anders aus. Aber Philipp hatte versprochen, dass er im Januar kam. Sollte sie in Bedrängnis geraten, würde er den Hohenstein-Spross in die Schranken weisen.

Als sie mit dem Tablett den Salon betrat, atmete sie tief durch. Ihr widerstrebte die Unterwürfigkeit, die ihre Tätigkeit ihr aufzwang, und sie befürchtete, durch eine unbesonnene Handlung oder einen Fehler als Hochstaplerin enttarnt zu werden. Philipp hatte ihr zwar alles gesagt, was es zu wissen gab – und das war mehr, als Henrietta geahnt hatte –, aber sie hatte ein Ziel, das sie um jeden Preis erreichen wollte. Als die Nachricht vom Diebstahl durch den Saal geraunt wurde, war sie furchtbar erschrocken, denn an ihrem ersten Tag würde man sie wahrscheinlich als Erste verdächtigen. Frau Hansen hatte sie jedoch beruhigt, die Diebstähle traten jedes Jahr im Winter auf, weshalb sie gänzlich unverdächtig war.

Henriettas Blick fiel auf Maximilian Hohenstein, der sich elegant inmitten der Menge bewegte, huldvoll mal hierhin, mal dorthin lächelte. Selbst als sie an ihm vorbeiging, nahm er sie nicht wahr, das Tablett ja, die junge Frau, die es trug, nicht. In seiner Welt war sie nicht mehr als ein Möbelstück, sie war ihm keinen Blick wert, es sei denn, es gab einen Grund, sie zu tadeln.

 

Konrad Alsberg beobachtete die Flut der Gäste, die aus den erleuchteten Sälen hinaus in den Garten strömte. Auch das Personal hatte offenbar die Erlaubnis bekommen, dem Schauspiel beizuwohnen, und reihte sich hinter den Gästen auf. Beiläufig, als sei er ebenfalls ein Gast des Hauses, der einen abendlichen Spaziergang gemacht hatte, schlenderte er durch den Garten. Man bemerkte den fremden Herrn zwar, aber da das Hotel eine Ansammlung von Menschen war, die einander nicht kannten, und er elegante Abendgarderobe trug, kam niemand auf die Idee, ihn zu fragen, ob er eingeladen war oder nicht. Ohne das geringste Zögern mischte er sich unter die Menge.

Selten bekam Konrad ein Feuerwerk zu sehen, das aufwendiger und großartiger war als jenes, mit dem das Haus Hohenstein das Jahr 1905 begrüßte. In dem gerodeten Areal bestand offenbar auch nicht die Befürchtung, man könne den Wald in Brand setzen, und so fuhr man alles auf, was die moderne Feuerwerkskunst zu bieten hatte. Von allen Seiten hörte Konrad Ausrufe des Erstaunens. Sogar einige Kinder, denen man zum Jahresende offenbar die Zügel gelockert hatte, standen zusammen mit ihren Kindermädchen auf den Balkonen und lachten vor Entzücken, während das bunte Farbenspiel über ihre kleinen Gestalten wetterleuchtete.

Das Spektakel dauerte eine halbe Stunde, zurück blieb nur der Geruch nach Rauch und Schwefel. Obgleich alle Leute ihre Mäntel übergezogen hatten, schienen sie genug von der Kälte zu haben, denn frierend beeilte man sich, wieder ins Innere des Hauses zu gelangen.

Konrad sah sich um. Beeindruckend. Dabei war es nicht so, dass dies das erste Luxushotel war, das er betrat, aber es war das erste, das ihm gehörte. Lächelnd ging er zum Büfett, probierte einen Cracker mit Kaviar, wischte sich die Hände an einer Serviette ab, die ihm ein Diener beflissen reichte, und schlenderte durch den Saal. Kurzzeitig zog er in Erwägung, eine der Damen zum Tanz aufzufordern, um den Moment noch ein wenig auszukosten und Maximilian in seiner scheinbaren Unbekümmertheit zu beobachten, die nichts anderes sein konnte als vorgetäuscht, denn Konrad hatte sein Kommen angekündigt. Dann entschied er sich jedoch dagegen und ging auf den Hausherrn zu, der mit einem Lächeln dastand, das nur ein wahrhaft erfolgreicher Mann auf den Lippen führte. Erst sah Maximilian ihn nicht, dann jedoch rutschte ihm das Lächeln von den Lippen, die Farbe wich aus seinem Gesicht.

»Was für ein grandioses Schauspiel, Maximilian.«

Konrad neigte in spöttischem Respekt den Kopf.

»Wir haben uns nichts zu sagen«, antwortete Maximilian kalt und wandte seinen Blick ab.

Karl, der an der Seite seines Vaters stand, taxierte ihn, schien aber einen Moment zu brauchen, ehe er ihn einordnen konnte.

»Wir hatten bereits das Vergnügen«, sagte Konrad.

Nun sah Maximilian seinen Sohn an, als vermute er einen feindlichen Überläufer.

»Er fragte uns heute Morgen nach dem Weg«, erklärte Karl.

Maximilians Blick wurde keineswegs gnädiger.

»Darf ich erfahren, worum es geht?«, wollte Karl, nun an Konrad gewandt, wissen.

»Ich bin sozusagen das bestgehütete Geheimnis im Leben deines Vaters.«

Bei der persönlichen Anrede erschien eine kleine Falte zwischen Karls Brauen.

»Wir sind Halbbrüder, wir teilen uns einen Vater mit einer Schwäche für schöne Frauen.« Konrad lachte. »Und dein Großvater war der Meinung, wir sollten uns auch sein Erbe teilen.«

»Ich habe das Testament angefochten«, sagte Maximilian nun mit gepresster Stimme.

»Das ist mir bekannt, doch vergeblich, wie wir beide wissen.«

»Du hast dich all die Jahre nicht um das Hotel gekümmert, damit verlierst du jeden Anspruch.«

»Da würden dir meine Anwälte schwerlich zustimmen, deine eigenen vermutlich ebenfalls nicht, wenn sie etwas von ihrem Handwerk verstehen.«

»Und warum tauchst du genau jetzt auf?«

»Mir gefiel es in den Kolonien nicht mehr. Und da dachte ich mir, warum nicht endlich mal mein Erbe antreten?«

Karl schwieg immer noch und wirkte, als müsse er die Neuigkeit erst einmal verdauen.

»Nun gut, besprechen wir die Einzelheiten später. Ich brauche ein Zimmer.«

»Wir sind bis unter das Dach ausgebucht«, sagte Maximilian.

»Wenn ich mich richtig erinnere, steht mir ein ganzer Wohntrakt zu. Die zweite und dritte Etage.«

»In der Bel Étage wohnen wir.« Offenbar hatte Karl seine Stimme wiedergefunden. »Das Stockwerk darüber ist unbewohnt, es wird einige Zeit dauern, es wohnlich herzurichten.«

Wieder sah sein Vater ihn mit einem Blick an, als habe er einen Verräter in den eigenen Reihen erkannt.

»Oh, darum kümmere ich mich schon.« Konrad nickte ihm und Maximilian grüßend zu und verließ den Saal. Er schlenderte durch die hell erleuchtete Halle, von der aus ein hoher Türbogen in einen breiten Korridor führte. Ein dunkelhaariges Dienstmädchen mit einem Stapel Wäsche kam ihm entgegen, und er hielt es auf, um zu fragen, wo er die Haushälterin oder den Hausverwalter finden konnte.

»Die sind beide im Gesellschaftszimmer neben der Küche.« Das Mädchen beschrieb ihm den Weg. Er dankte ihr und verließ die Halle wieder, um in die Tiefen des Dienstbotenbereichs abzutauchen. Die Gänge wurden karger, und als er an einer hölzernen Hintertreppe vorbeikam, hörte er ein Kichern. Alexander Hohenstein hatte eines der Dienstmädchen aufgehalten und hielt es umschlungen, um ihm einen Kuss zu rauben. Das Mädchen wehrte sich halbherzig, lachte dabei aber immer wieder hell auf. Konrad räusperte sich vernehmlich, und Alexander gab das Mädchen frei, das mit hochrotem Gesicht seine Haube zurechtrückte und über den Korridor floh.

»Neigen wir zu Indiskretionen?« Konrad hob die Brauen.

»Fragt wer?« Alexander zeigte nicht das geringste Anzeichen von Verlegenheit, schien ihn jedoch erkannt zu haben, denn er wirkte überrascht.

»Wo finde ich das Gesellschaftszimmer?«

Der junge Mann musterte Konrads Abendgarderobe und lächelte ein wenig herablassend. »Das für Ihresgleichen liegt auf der entgegengesetzten Seite des Korridors im Bereich der gepflegten Langeweile. Falls Sie auf der Suche nach ein wenig Vergnügen sind, stimmt die Richtung.«

Konrad lachte leise, dankte ihm und setzte seinen Weg fort. Eine kräftige Frau in einem schwarzen Kleid, an dessen Taille ein Schlüsselbund befestigt war, trat eben aus der Küche und scheuchte zwei Lakaien samt Tabletts hinaus: »Beeilt euch ein wenig, die Herrschaften warten.« Dann bemerkte sie Konrad und straffte sich unwillkürlich. »Gnädiger Herr?«

»Ich bin auf der Suche nach der Haushälterin oder dem Hausverwalter.«

»Ich bin Frau Hansen, die Haushälterin. Gibt es ein Problem mit einem der Dienstboten?«

»Nein, keineswegs. Ich brauche ein Zimmer.«

Nun legte sich die Stirn der Frau in Dackelfalten. Das Ansinnen schien ihr seltsam, vor allem, da er dafür extra den Dienstbotentrakt aufsuchte. »Die Zuteilung der Zimmer ist Sache der Angestellten an der Rezeption. Unser Nachtportier …«

»Ich bin kein zahlender Gast«, unterbrach Konrad sie. »Ich benötige eines der Zimmer im privaten Haustrakt, in der zweiten Etage. Richten Sie eines her. Eine Grundreinigung wird um diese Uhrzeit schlechterdings nicht möglich sein, das sehe ich ein, sorgen Sie einfach dafür, dass ich dort schlafen kann.«

»Aber …«

»Morgen trifft mein Kammerdiener ein, auch er muss passend untergebracht werden. Und nun schicken Sie einen Pagen, der mein Gepäck ins Zimmer trägt.«

Frau Hansen holte tief Luft und stieß empört hervor: »Wer sind Sie, dass Sie hier Befehle geben, wie es nur den Herrschaften Hohenstein zusteht?«

»Ich bin Ihr neuer Dienstherr.«

 

✯✯ 3 ✯✯

Julia hörte das Jauchzen ihrer Kinder, noch ehe sie das Spielzimmer betrat. Gerade stoben der dreijährige Ludwig und seine um ein Jahr jüngere Schwester Valerie kreischend davon, während Karl ihnen auf allen vieren nachjagte. Seinen Gehrock hatte er achtlos über die Lehne eines Stuhls geworfen, seine Krawatte lag auf dem Boden daneben. Mit wildem Gelächter lief Valerie davon, während Karl so tat, als schaffe er es nicht, sie zu fangen. Dann richtete er sich auf, war mit zwei Schritten bei ihr und warf sie hoch in die Luft. Valeries Jauchzen wurde zu einem lauten Kieksen, als Karl sie durchkitzelte und wieder auf den Boden setzte. Während das Mädchen davonlief, stürzte sich Ludwig auf ihn und riss ihn fast zu Boden. Karl befreite sich und machte nun Jagd auf den Jungen, was Ludwig mit lautstarker Begeisterung und einem fortwährenden »Du kriegst mich nicht!« beantwortete.

An der Wand zur Linken standen das Kindermädchen und Frau Hansen, die Karl verliebte Blicke zuwarfen. »Als wäre es erst gestern gewesen, dass er hier herumgetollt ist«, sagte Frau Hansen, und das Kindermädchen nickte mit feuchten Augen. In dem Bild hatte sich vermutlich nur die Größe ihres Schützlings geändert.

Maximilian betrat den Raum nun ebenfalls und beobachtete das Treiben, doch sein Blick entbehrte jeglicher nostalgischen Verklärung. Karl erhob sich vom Boden und strich sich das Haar aus der Stirn. Die Kleinen klammerten sich an seine Beine. »Gnade, Kinder, ich kann nicht mehr.« Er war in der Tat ziemlich außer Atem.

»Noch einmal, Papa!«, bettelte Ludwig, und Valerie steuerte ebenfalls ein »Einmal!« bei.

Karl schien hart zu bleiben, doch dann beugte er sich in einer plötzlichen Bewegung hinunter, packte Valerie und warf sie wieder in die Luft. Das Kind kreischte vor Vergnügen.

»Jetzt ich, Papa!«, schrie Ludwig. »Jetzt ich!« Im nächsten Augenblick flog er Richtung Zimmerdecke. Julia wagte kaum, hinzusehen.

»So, das reicht jetzt.« Karl strich sich erneut das Haar zurück, ein vergebliches Unterfangen, denn einige Strähnen fielen ihm prompt wieder in die Stirn. Dann griff er nach seinem Gehrock, zog ihn über und hob seine Krawatte auf.

»Ah«, sagte Maximilian, »wie ich sehe, besinnst du dich langsam wieder darauf, wie alt du bist. Dann können wir uns ja endlich unserem Problem widmen.«

»Welchem Problem?« Karl drehte sich zu Julia, damit diese ihm die Krawatte binden konnte.

In Maximilians Blick mischten sich Unglauben und Fassungslosigkeit. »Konrad Alsberg, was sonst?«

»Das Testament ist unanfechtbar, dachte ich.«

»Stimmt, daher müssen wir uns etwas anderes überlegen.«

»Nun ja, wenn es unanfechtbar ist, wüsste ich nicht, welchen legalen Weg es geben sollte, ihm seinen Anteil streitig zu machen.«

»Hältst du diese Reaktion auf die Beschneidung deines Erbes für angemessen?«

Seit einer Woche wohnte Konrad Alsberg nun im Hotel, wobei ihn, abgesehen von den Dienstboten, die seinen Wohntrakt herrichteten, niemand zu Gesicht bekam. Er empfing Briefe, schickte den Botenjungen täglich mit Korrespondenz nach Königswinter und war ansonsten damit beschäftigt, sich wohnlich einzurichten. Inzwischen war sein Kammerdiener eingetroffen, ein angenehmer Mann um die vierzig, der sich mit dem übrigen Personal bestens verstand.

»Er kommandiert hier jeden herum, als hätte er das Recht dazu!«, ereiferte er sich.

»Aber er hat das Recht. Und wie du ja selbst sagtest, hast du bereits erfolglos versucht, ihm seinen Anteil streitig zu machen.«

Die Haushälterin steckte ebenso wie der Hausverwalter in einer Zwickmühle, denn obwohl sie den Hohensteins nicht in den Rücken fallen wollten, konnten sie Konrad Alsberg als rechtmäßigem Besitzer den Gehorsam nicht verweigern. Da Maximilian und Anne Hohenstein dies wussten, hielten sie das Personal aus dem Disput heraus. Schließlich wollte man nicht, dass die Gäste Anlass zur Unzufriedenheit hatten, wozu es unweigerlich kommen würde, wenn das Personal in den Zwist hineingezogen würde. Da war es besser, die Dinge erst einmal laufen zu lassen und abzuwarten, wie sich alles weiterentwickelte.

»Wir müssen ihn loswerden, egal wie.«

»Oh, sag das doch gleich.« Karl wandte sich an Julia. »Liebes, holst du mir bitte mein Jagdgewehr?«

Maximilian lief dunkelrot an und richtete den Zeigefinger auf seinen Sohn. »Ich warne dich, Karl, es ist mir bitterernst.«

»Was erwartest du von mir? Soll ich da erfolgreich sein, wo deine Anwälte gescheitert sind? Ist Konrad Alsberg nicht sogar selbst Jurist?«

»Ja, offiziell, er hat aber den deutschen Landen vor Jahren den Rücken gekehrt und sich in den Kolonien herumgetrieben. Vielleicht gibt es dort einen Punkt, wo wir ansetzen können, einen Skandal, der ihn hierher getrieben hat.«

»Welche Art von Skandal sollte das wohl sein, die ihn um sein Erbe bringt?«

»Was weiß denn ich? Sieh zu, dass du dich nützlich machst, oder ich überdenke, ob Alexander nicht doch der geeignetere Haupterbe wäre.«

Karl lachte spöttisch, aber Julia hörte den Missklang darin. »Sicher doch, Vater, ich werde tun, was ich kann, damit du das Hotel nicht in Alexanders fähige Hände legst.«

Es schien, als wolle Maximilian noch etwas sagen, besann sich jedoch anders und ließ seinen Sohn einfach stehen. Julia sah, wie es in Karl brodelte.

»Was wirst du tun?«, fragte sie vorsichtig.

Er hob in einer knappen Geste die Schultern. »Du weißt ja, wie oft ich schon mit meinen Ideen gescheitert bin, Vater hört mir ja kaum zu. Vielleicht bringt Konrad Alsberg endlich frischen Wind hier herein.«

»Also wirst du dich nicht gegen ihn stellen?«

»Ich werde mir anhören, was er zu sagen hat. Vater weiß seit Jahren, dass sie zu gleichen Teilen geerbt haben, und hat es nicht für nötig gehalten, auch nur einem von uns etwas davon zu erzählen. Als würde Konrad Alsberg verschwinden, wenn man ihn nur lange genug ignoriert.«

Julia hatte den Neuankömmling nur kurz gesehen und fand, dass er eine interessante Ausstrahlung hatte, gelassen, mondän. Äußerlich hatte er mit Maximilian nicht die geringste Ähnlichkeit. Karl kam nach seinem Vater, hatte – ebenso wie Alexander – dessen Augen, ein fast silbriges Eisblau, und helles Haar. Konrad Alsberg hingegen war dunkelhaarig und hatte braune Augen. Offenbar ein Erbe seiner Mutter, von der Julia nur wusste, dass der alte Hohenstein »sie aus irgendeiner Gosse gezogen hatte«, um bei Maximilians Worten zu bleiben, die freilich nicht für ihre Ohren bestimmt gewesen waren. Zudem war Konrad Alsberg jung, knapp zehn Jahre älter als Karl, was ihn in Maximilians Augen ebenfalls nicht befähigte, mit ihm das Hotel zu leiten. Es passte nicht in sein Weltbild, mit einem Mann gleichgestellt zu sein, der nicht nur ein Bastard war, sondern darüber hinaus kaum älter als seine Söhne, die er an der kurzen Leine führte.

»Wirst du Nachforschungen über ihn anstellen?«, fragte Julia.

»Ja.«

»Und dann?«

»Dann sorge ich dafür, dass er sich vor meinem Vater in Acht nimmt.«

Julias Lippen formten ein lautloses O, ihre Augen weiteten sich überrascht.

»Mein Vater würde es Nestbeschmutzung nennen.«

Es war ein seltsamer Moment beinahe kameradschaftlicher Übereinkunft, in dem ihre Blicke sich trafen und Julia wusste, dass er niemand anderem gegenüber so offen sprechen würde, dass er trotz aller Distanz, die zwischen ihnen herrschte, auf ihre eheliche Loyalität setzte. Sie neigte den Kopf leicht. »Und wie wollen wir es nennen?«

Ein kleines Lächeln umschattete seine Augen. »Das Knüpfen neuer Familienbande.«

 

Die meisten Gäste hatten sich zur Mittagsruhe begeben, das Essen war abgetragen worden, und das Personal nutzte die raren Momente der Ruhe, um sich im Gesellschaftszimmer der Dienstboten einzufinden. Die Kammerzofen der Damen Hohenstein hatten je einen Korb mit Näharbeit vor sich auf dem Schoß, die Zofe einer der weiblichen Gäste ließ sich erklären, wie man Erdbeersoße aus Seide entfernte, ohne dabei das Kleid zu beschädigen.

Das Personal teilte sich auf in Mitarbeiter, die für das Hotel zuständig waren, und solche, die die Familie bedienten. Die Haushälterin hielt Hof über das weibliche Personal, der Hausverwalter über das männliche. Es gab Lakaien, Zimmermädchen, Pagen, zwei Zofen, zwei Kammerdiener, Küchenmägde, Kutscher, Stallburschen, einen Stallmeister, Wäscherinnen, Weißzeugbeschließerinnen, Etagendiener und zwei Botenjungen, die Briefe für die Gäste nach Königswinter brachten sowie Besorgungen für sie erledigten. Zudem gab es zwei Stubenmädchen, die ausschließlich für die privaten Räume der Hohensteins zuständig waren. Der Concierge, die Kellner und die Rezeptionisten kamen in Schichten ins Hotel und wohnten größtenteils in Königswinter. Der leitenden Köchin, Frau Eichler, unterstanden drei Köche und denen wiederum vier Köchinnen.

Die beiden Lakaien unterhielten sich über einen Wanderzirkus, der in Bonn angekündigt war, und fragten die Küchenmägde und die Zimmermädchen, ob sie mit ihnen hingehen wollten.

»Nur in Begleitung von mir oder Frau Hansen«, mischte sich Herr Bregenz, der Hausverwalter, ein.

»Was ist mit dir?« Einer der Lakaien sah Henrietta über den Tisch hinweg an. Sie wusste nicht genau, ob es Albert oder Johannes war, sie verwechselte sie immerzu. Aber er war ein hübscher Bursche, kaum älter als sie und sehr schmuck in dem eleganten schwarzen Diener-Frack über einem blütenweißen Hemd und den Kniebundhosen.

»Ich weiß es noch nicht«, antwortete sie vage.

»Ach, komm schon, Henrietta, sei nicht so langweilig«, sagte nun auch einer der Pagen.

»Das Mädchen ist vernünftig.« Frau Hansen stemmte ihre massiven Ellbogen auf den Tisch. »Hat mehr Grips als ihre Vorgängerin.«

Ein Mädchen kicherte, wurde aber durch den strengen Blick der Haushälterin zur Ordnung gerufen.

»Was war denn mit ihr?«, fragte Henrietta.

»Wollte zu hoch hinaus«, erklärte Albert-Johannes. »Und hat eines Nachts vergessen, die Tür zu verschließen.« Er zwinkerte ihr zu.

»Wurde mit Herrn Alexander in der Wäschekammer erwischt«, fügte eine Küchenmagd hinzu.

»Zwischen den Bettlaken«, ergänzte eines der Zimmermädchen, was Gelächter zur Folge hatte.

Herr Bregenz schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Genug jetzt.«

Henrietta bemerkte, dass eines der Zimmermädchen dunkelrot anlief, vermutlich war ihre Vorgängerin nicht die Einzige, die sich einen Aufstieg an der Seite des jungen Herrn Hohenstein erträumte. Sie erhob sich und strich ihr Kleid glatt. Für Frau Hansen war dies offenbar das Zeichen, die Zimmermädchen und Lakaien ebenfalls hochzuscheuchen.

»An die Arbeit mit euch. Wenn die Herrschaften die Mittagsruhe beendet haben, wünschen sie Kaffee und Kuchen.«

Henrietta nutzte die Aufbruchstimmung und huschte in den Hof. Sie suchte in der Tasche ihrer Schürze nach Zigaretten und fand eine letzte. Ihre Suche nach Streichhölzern war jedoch weniger erfolgreich, und als sie bereits im Begriff war, die Zigarette frustriert zurück in die Tasche zu stecken, hörte sie zu ihrer Linken das vertraute Geräusch, mit dem ein Zündholz angestrichen wurde. Alexander Hohenstein hielt ihr das brennende Hölzchen hin, und sie nahm einen tiefen Zug von der Zigarette.

»Sie verraten mich nicht, oder?«, fragte sie. Ein rauchendes Stubenmädchen entsprach sicher nicht der Vorstellung von Frau Hansen, was gutes Benehmen anging.

»Aber nicht doch.« Alexander lehnte sich mit der Schulter an die Hauswand und zog ebenfalls eine Zigarette aus seiner Brusttasche. »Es gibt schlimmere Laster.«

Ja, das wusste sie durchaus, sie hatte lange genug auf der Straße gelebt, während sie auf den richtigen Moment gewartet hatte. Dieser Moment war schließlich in Person Philipp von Landaus in ihr Leben getreten. Vielleicht ahnte er, dass es etwas gab, das sie hierher getrieben hatte, einen Grund, warum sie gerade hierhin gewollt hatte und nicht in das Haus eines seiner Freunde oder gar das seiner Eltern in Königstein im Taunus.

Henrietta und Alexander rauchten schweigend, ein Einvernehmen, das seltsam erschien angesichts dessen, dass sie sich nicht kannten. Nach einem letzten Zug ließ Henrietta den Stummel ihrer Zigarette in den Kies fallen und sah die Glut langsam verglimmen. Als sie den Blick hob, bemerkte sie, wie Alexander sie ansah. So hatte auch Philipp sie angesehen, ehe sie das erste Mal mit ihm geschlafen hatte. Sie wollte dem jungen Hohenstein kein falsches Signal geben, kannte ihn aber nicht gut genug, um ihn einschätzen zu können.

»Ich habe noch zu tun. Entschuldigen Sie mich bitte?«

Er bedrängte sie nicht, sondern trat einen Schritt beiseite, um ihr den Weg freizugeben. Als sie fast an der Tür war, rief er sie noch einmal, und sie drehte sich zu ihm um.

»Ich kann warten«, sagte er.

Sie zögerte. »Dann lassen Sie sich die Zeit nicht allzu lang werden.« Sein leises Lachen begleitete sie, als sie ins Haus eilte.

»Oh, Johanna. So erwachsen?« Johanna wirbelte herum und blickte in das Gesicht Philipp von Landaus. Seit Julias Hochzeit hatten sie sich nicht gesehen, und nun tauchte er so unvermittelt vor ihr auf, Karls Freund aus Jugendtagen, gekleidet in die Uniform eines Offiziers der preußischen Armee.

»So erwachsen, wie man in vier Jahren eben werden kann«, antwortete Johanna mit einem kecken Lächeln.

»Wo sind alle? Ich bin angekommen und fand das Haus praktisch leer vor.« Er reichte ihr den Arm, und Johanna hakte sich bei ihm ein, als sei dies das Selbstverständlichste der Welt.

»Mama ist bei einer Freundin, Alexander und Papa sind irgendwo im Hotel unterwegs, Karl ist in Königswinter und Julia wollte mit den Kindern in den Wald.«

»Wie gut, dass ich nun da bin und dich aus der Einsamkeit erlöse.«

»Vielleicht habe ich insgeheim ja nur auf dich gewartet.« Johanna ging auf seinen scherzenden Tonfall ein, obwohl sie unter dem Blick seiner grauen Augen weiche Knie bekam.

»Ich wäre zutiefst geschmeichelt.« Sein Lächeln hatte etwas Hintergründiges, als wisse er um Geheimnisse, die Johanna nicht einmal erahnte. »Und nun erzähl mir, was es Neues gibt.«

»Letzter Stand der Dinge?«

»Weihnachten.«

»Oh.« Johanna verspürte die Sensationslust, die unweigerlich aufkam, wenn man eine große Neuigkeit als Erste verkünden durfte. »Ein zweiter Erbe ist aufgetaucht, ein unehelicher Bruder von Papa, der behauptet, das halbe Hotel gehöre ihm.«

Philipp hielt inne und sah sie an, die Augen vor Überraschung geweitet, was seine Ähnlichkeit mit Julia unterstrich. »In der Tat, ja? Davon, dass er nicht allein erbberechtigt ist, wusste ich nichts.«

»Das wusste niemand, er hat es tunlichst verschwiegen.«

»Und dieser … Bruder ist jetzt hier?«

»Ja, bisher haben wir ihn aber kaum zu Gesicht bekommen, er richtet sich gerade ein.«

Philipp grinste. »Das muss deinen Vater hart ankommen.«

»Uns alle. Na ja, so einigermaßen zumindest. Ich finde es ja eigentlich ganz spannend, einen so jungen Onkel zu haben. Du hättest ihn sehen sollen, wie er hier am Silvesterabend aufgetaucht ist. Die Damen haben sich die Hälse nach ihm verrenkt.«

»Konkurrenz für Alexander?«

»Na, das will ich nicht hoffen«, war Alexanders gut gelaunte Stimme zu hören. Er musste das Haus eben betreten haben, denn er trug noch Mantel, Hut und Handschuhe. »Wie ich sehe, liefert dir Johanna gerade eine schlüpfrige Version der Ereignisse?«

»Gar nicht wahr«, widersprach Johanna und überspielte ihre Enttäuschung darüber, dass Philipp sich nun ihrem Bruder zuwandte. Ihre Hand glitt aus seiner Armbeuge.

»Unser neuer Onkel wirkt nicht sehr onkelhaft.« Alexander zog seinen Mantel aus. »Ich weiß ehrlich gesagt noch nicht, was ich von all dem halten soll.«

»Immerhin hat das Auswirkungen auf das zu erwartende Erbe«, bemerkte Philipp.

»Auf Karls Erbe, ich bekomme ohnehin nur eine Rente ausgezahlt. Mein Vater ist nicht so generös wie mein Großvater.«

»Ich finde«, ergriff Johanna wieder das Wort, »Konrad ist nicht besonders freundlich hier aufgenommen worden.« Dabei blickte sie verstohlen zur Tür, als sei zu befürchten, ihr Vater könne dort als heimlicher Zuhörer stehen.

»Er dürfte nichts anderes erwartet haben«, entgegnete Alexander.

»Dass er geerbt hat, ist doch nicht seine Schuld«, platzte es unerwartet heftig aus Johanna heraus. »Hätte er es ausschlagen sollen? Hättest du das getan? Und er kann auch nichts dafür, dass er nicht dieselbe Mutter hat wie Vater. Vermutlich hatte er es nicht leicht.«

Alexander grinste. »Ein düsterer, byronscher Held?«

Zu ihrem Ärger spürte Johanna, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. »Du bist gemein.«

Philipp kam ihr zu Hilfe. »Sie hat ja gar nicht mal unrecht. Und nichts gegen Byron, ich schätze ihn ebenfalls sehr. Mein höchster Wunsch, hätt ich die Wahl, wär, hier zu bleiben allezeit. In diesem schönsten Erdental mein Leben lang in Seeligkeit.« Er zwinkerte Johanna zu.

Diese schmolz unter seinen Worten dahin. Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, erstarb jedoch unter Alexanders belustigtem Blick.

»Schwesterchen, warum gehst du uns nicht mit gutem Beispiel voran und nimmst unseren Onkel als Erste herzlich in die Familie auf?«

Johanna zögerte, dann hob sie das Kinn. »Ja, warum eigentlich nicht?«

»Keine Angst, dass Vater es dir übelnimmt?«

Dieses Mal dauerte das Zögern etwas länger. »Nein.« Das befürchtete sie in der Tat nicht, ihr Vater war ihr nie lange böse. Aber sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie Konrad Alsberg begegnen sollte.

Alexander wies mit der Hand zur Treppe. »Na dann, tu dir keinen Zwang an.«

»Lass sie doch in Ruhe«, sagte Philipp. »Warum übernimmst du es nicht als älterer Bruder, deinen Onkel zu begrüßen, wie es sich gehört?«

»Nein, lass nur, Philipp.« Johanna warf Alexander einen giftigen Blick zu. »Es wird Zeit, dass wenigstens einer von uns ein wenig Benehmen zeigt.«

Sie wandte sich ab und ging die Treppe hinauf. Die Blicke der beiden jungen Männer spürte sie noch so lange in ihrem Rücken, bis sie die erste Windung erreichte. Auf Karls Etage gab es eine Galerie, von wo aus sie Alexander und Philipp noch einmal sehen konnte. Sie hatten die Köpfe zurückgelegt und beobachteten sie. Ohne ihnen weiter Beachtung zu schenken, ging Johanna ein Stockwerk höher. Hier war sie seit Jahren nicht gewesen. Als Kind hatte sie die von Laken bedeckten Möbel spannend gefunden, und zusammen mit Alexander hatte sie in den stillen Räumen stundenlang gespielt und sich vor ihrem Kindermädchen versteckt.

Es war nicht ersichtlich, welche Räume bereits hergerichtet waren und welche nicht, und so spähte Johanna vorsichtig in jedes einzelne Zimmer. Der hübsche, holzgetäfelte Salon war offenbar wieder in Gebrauch. Parkett und Möbel glänzten und waren vermutlich in vielen Stunden Arbeit mit Wachs poliert worden. Gleiches galt für das Esszimmer. Die Vorhänge waren frisch gewaschen, Teppiche ausgerollt, die Kronleuchter glänzten, und jeder Winkel war sorgsam von Staub befreit. Das nächste Zimmer, dessen Tür sie nach einem unbeantworteten Klopfen öffnete, war das Schlafzimmer, welches, obwohl aufgeräumt, mehr von Konrad Alsberg verriet als die übrigen Räume. Er hatte einige Bilder aufgehängt, sepiafarbene Fotografien verschiedener Landschaften. Auf der Kommode rechts der Tür stand eine bronzene Schale, grob behauen, außerdem eine afrikanisch aussehende Skulptur aus schwarzem Holz.

»Suchst du mich?«

Johanna fuhr herum und stand ihrem Onkel gegenüber. »Äh … ja, ich … ich wollte …«

Er sah sie abwartend an, und Johanna beendete das unwürdige Gestammel, straffte sich und hob das Kinn. »Ich wollte dich in unserer Familie willkommen heißen.«

Überrascht hob er die Brauen, dann lächelte er. »Und ich nehme an, die Versuchung, dabei in meine Räumlichkeiten zu spähen, war zu groß?«

»Ich habe hier als Kind gespielt und konnte mir nicht recht vorstellen, wie es aussieht, wenn es bewohnt ist.«

»Und? Gefällt es dir?«

»Durchaus, ja.«

»Möchtest du einen Tee trinken? Oder lieber Kaffee?«

Kurz überschlug Johanna die Konsequenzen, die unweigerlich folgten, wenn jemand sie hier sah, im vertraulichen Beisammensein mit dem unerwünschten Verwandten.

Offenbar erahnte Konrad Alsberg ihre Bedenken. »Wenn dir Ärger droht …«

»Nein«, fiel sie ihm rasch und, wie sie zu spät bemerkte, nicht sonderlich höflich ins Wort. »Mir droht kein Ärger. Im Gegensatz zu meinen Brüdern weiß ich, wie man mit meinem Vater umgehen muss.«

Nun lachte er und wies ihr mit der Hand den Weg zu einem Raum, in den sie noch nicht gesehen hatte. Galant öffnete er die Tür und ließ ihr den Vortritt. Der Salon lag über Julias Morgenzimmer und war ebenso klein. Im Gegensatz zu dem größeren, den Johanna kurz zuvor gesehen hatte, flackerte hier ein Feuer im Kamin, und auf dem Tischchen, das zwischen zwei gemütlich aussehenden Sesseln stand, lag ein Buch, aus dem ein Lesezeichen ragte.

»Ich hoffe, ich habe dich nicht gestört«, sagte Johanna.

»Nein, ich war spazieren.« Konrad läutete, und kurz darauf erschien das neue Stubenmädchen. »Tee oder Kaffee?«, fragte er an Johanna gewandt.

»Kaffee bitte.«

Nachdem das Mädchen ihre Wünsche entgegengenommen hatte, verließ es das Zimmer.

»Hast du eine Wette verloren?«, fragte Konrad.

»Nein, ich war wohl nur etwas zu vorlaut und musste meinem Bruder beweisen, dass es nicht nur leeres Geschwätz war.«

Wieder lachte Konrad. »Ich bin leider ohne Geschwister aufgewachsen, solche Zwiste sind mir demnach fremd.«

»Na ja, an der Seite meines Vaters hättest du als Kind vermutlich auch nicht viel zu lachen gehabt.«

Das Stubenmädchen erschien kurze Zeit später mit einem Tablett, auf dem eine Kanne, zwei Tassen, ein Sahnekännchen, Zucker und ein Silberteller mit Kuchen standen. Sie stellte es auf dem Tisch ab, vergewisserte sich, dass die Herrschaften keine weiteren Wünsche hatten, und ging. Johanna wollte Kaffee einschenken, aber ihr Onkel kam ihr zuvor.

»Keine Umstände«, sagte er und befreite die Kanne von der wärmenden Hülle, »immerhin bist du mein Gast. Sahne? Zucker?«

»Ohne Zucker bitte.« Johanna nahm die Tasse aus hauchzartem Porzellan entgegen, der verlockender Kaffeeduft entstieg.

»Papa hat gesagt, du warst in den Kolonien.«

»Ja, in Deutsch-Südwestafrika.«

Johanna war in ihrem Leben nur wenig gereist. Warum durch die Welt reisen, hatte ihre Mutter stets gesagt, wenn die Welt zu einem kommt? Obwohl die meisten Gäste aus England kamen, hatten sie gelegentlich Besuch aus Indien und Amerika. Türkische Geschäftsmänner waren bereits bei ihnen abgestiegen, Männer, die in Australien ein Vermögen mit Opalen gemacht hatten, Familien aus Ägypten, Südafrika und den deutschen Kolonien. Aber Johanna hätte dennoch gerne mehr von der Welt gesehen als Brighton, Florenz und Paris. Und so lauschte sie gespannt, als ihr Onkel von seinem Leben in den Kolonien zu erzählen begann, von einer Welt, die zeitloser schien, bunter und auch grausam. Konrad war kein Romantiker, das ging aus seinen Schilderungen klar hervor, und doch erzählte er so lebendig, dass Johanna sich nichts sehnlicher wünschte, als all das auch sehen zu können. Sie war bei der zweiten Tasse Kaffee, als die Tür aufgestoßen wurde und ihr Vater in den Salon trat. Er deutete mit dem Finger auf sie. »Aufstehen.«

Die Tasse klirrte, als Johanna sie abstellte. »Es gibt keinen Grund, dich zu echauffieren.«

Er beachtete sie nicht, sondern wandte sich an seinen Halbbruder. »Und was dich angeht …«

»Ja?« Konrad wirkte in der Tat interessiert.

»Untersteh dich, dich hintenherum bei meinen Kindern einzuschmeicheln, denen du ihr Erbe streitig machst.«

»Papa.« Jetzt erhob Johanna sich. »Ich war es, die zu ihm gegangen ist, er war sicher nicht minder überrascht als du.«

Ihr Vater sah sie an, die Augen verengt. »Du fällst mir in den Rücken?«

»Nein, ich wollte nur für Familienfrieden sorgen.«

Sein Blick wurde sanfter. »Das ehrt dich, Liebes. Und nun verlasse diesen Salon.«

Johanna drehte sich zu ihrem Onkel um, der nun ebenfalls aufstand.

»Ich danke dir für deinen Besuch«, sagte er. »Und im Sinne des Familienfriedens solltest du wohl lieber tun, was dein Vater von dir verlangt.«

Johanna nickte, sah ihren Vater an, dann wieder ihren Onkel. »Es war sehr nett, vielen Dank.« Damit drehte sie sich um und rauschte an ihrem Vater vorbei aus dem Zimmer. Er sollte nur nicht glauben, dass sie freiwillig die Segel strich. Sie hörte, wie er die Tür schloss und ihr folgte.

»Johanna!«

Sie wandte sich zu ihm um, sah ihn an mit jenem verletzten Blick, der ihn unweigerlich weich werden ließ. Schwieg. Drehte sich schließlich wieder um und lief die Treppe hinunter, bis ganz nach unten, wo Alexander und Philipp immer noch beieinanderstanden. Sie sah ihren Bruder herausfordernd an.

»Und nun?«

»Respekt«, sagte er. Dann erblickte er seinen Vater, der Johanna mit nur wenigen Schritten Abstand folgte.

»War das etwa deine Idee?«, donnerte dieser.

Philipp hielt es offenbar für ratsam, die Halle zu verlassen, und Johanna tat es ihm gleich, nachdem sie Alexander ein zuckersüßes Lächeln geschenkt hatte.

»Philipp!« Julia kam die Treppe hinuntergelaufen und warf sich ihrem Bruder in die Arme. Philipp umschloss ihre Taille mit beiden Händen und wirbelte sie herum.

»Wo sind meine Nichte und mein Neffe?«, fragte er, nachdem er sie wieder auf den Boden gestellt hatte. Julia nahm seine Hand und zog ihn mit sich die Treppe hoch. »Ludwig hat schon den ganzen Morgen nach dir gefragt.«

»Ich vermute aber, das liegt weniger an meiner Person als vielmehr daran, dass er auf Geschenke hofft.«

In der Tat war die Frage nach einem Geschenk das Erste, womit Ludwig seinen Onkel bestürmte, als dieser das Zimmer betrat. Philipp lachte und setzte sich zu seinem Neffen auf den Boden. »Ich muss meine Koffer noch auspacken, darin sind deine Geschenke.«

Ludwig allerdings konnte nicht glauben, dass sein Onkel ihm nicht wenigstens eine Kleinigkeit mitgebracht hatte, und durchsuchte eifrig sämtliche Taschen des Uniformrocks seines Onkels. In einer der Taschen wurde das Kind fündig und zog eine Handvoll Münzen hervor, die es in die Tasche seines Matrosenanzugs stopfte.

»Ludwig!«, rief Julia. »Schämst du dich nicht?«

»Lass ihn nur«, antwortete Philipp augenzwinkernd. »Ich sehe schon, er schlägt nach der Familie seines Vaters.«

Julia musste lachen. »Also weißt du!«

»Mein Geschenk, Onkel Philipp«, bettelte Ludwig.

»Na komm, du Quälgeist.« Tobias hob seinen Neffen auf die Schultern. »Dann wollen wir doch mal sehen, was in meinen Koffern so zu finden ist.«

Das Durchwühlen der Gepäckstücke förderte in der Tat etliches für den Jungen zutage, insbesondere weil Julias Familie es sich nicht nehmen ließ, den erstgeborenen Enkel mit Geschenken zu überschütten. Valerie schnitt da vergleichsweise schlechter ab. Sie bekam eine Puppe, für die sie noch zu klein war, und einige hübsche Kleider für den Sommer. Philipp hatte ihr ein Medaillon mitgebracht, auf deren Rückseite ihre Initialen graviert waren.

»Wenn sie erwachsen ist und zu voller Schönheit erblüht, wird die Familie sie mit Schmuck nur so überhäufen, und dann kann ich damit angeben, dass sie das erste Schmuckstück ihres Lebens von mir bekommen hat«, sagte er.

Da Julia sich in Ruhe mit ihrem Bruder unterhalten wollte, entschieden sie, in das nahegelegene Königswinter zu fahren. Eine Kutsche brachte sie zum Markt, von wo aus sie ihren Weg zu Fuß fortsetzten.

Julias Hand lag in Philipps Armbeuge, als sie langsam durch die Straßen spazierten, die von stuckverzierten Gebäuden und hübschen Fachwerkhäuschen gesäumt war. Das Kopfsteinpflaster bedeckte rußiger Schneematsch, auf der Straße klebte das aufgeweichte Papier einer Varieté-Werbung. Schwere Wolken wälzten von der anderen Rheinseite heran, und die Luft schmeckte nach Schnee. Touristen schlenderten mit dem Baedeker in der Hand durch pittoreske Gassen, Paare gingen engumschlungen spazieren, eine Gruppe englischer Damen wich auf die Straße aus, um ihr eifriges Gespräch nicht unterbrechen zu müssen, während sie entgegenkommenden Spaziergängern Platz machte.

Als die Geschwister am Rhein angelangt waren, blieb Philipp stehen und drehte sich zu seiner Schwester. »Wie geht es dir?«

»Gut. Ich habe neue Zeichnungen gemacht. Möchtest du sie dir später ansehen?«

»Wie es dir geht, möchte ich wissen. Du bist blass.«

Julia biss sich auf die Lippen. »Du weißt doch, dass mir der Winter nicht so bekommt.«

»Was machen sie hier nur mit dir? Bei deinem letzten Besuch warst du so erschreckend dünn, dass Mama völlig entsetzt war. Seither macht sie sich Sorgen um dich.«

»Das braucht sie nicht.«

»Ach nein?« Philipp sah auf den Rhein, die Augen ungewohnt ernst. »Ich werde zusehen, dass es dir wieder besser geht, weil er dazu ja ganz offensichtlich nicht in der Lage ist.«

»Ich komme gut zurecht, Philipp.«

»Ja, das ist in der Tat nicht zu übersehen.«

»Es ist wirklich besser geworden.«

Sie spazierten weiter, und obwohl Philipp nach wie vor besorgt wirkte, kam seine gute Laune bald wieder zum Vorschein. Nachdem sie beinahe eine Stunde durch die Stadt gegangen waren, tranken sie in einer Konditorei Kaffee und aßen Kuchen. Auf dem Rückweg stießen sie auf der Rheinpromenade auf einen Maler, der versuchte, seine Werke an Touristen zu verkaufen. Philipp sah sich die Bilder an und kaufte zwei der am wenigsten gelungenen, was Julia befürchten ließ, er wolle eigentlich eine Almosengabe kaschieren. Ihr Bruder jedoch war reizend und charmant, und als er auch noch anfing, die Bilder herunterzuhandeln, hatte er das Herz des Malers endgültig gewonnen.

»Dein Bruder ist unwiderstehlich«, sagten Julias Freundinnen stets. Sie hatte dem nichts entgegenzusetzen. Später, als sie auf dem Heimweg waren, fragte sie Philipp, warum er ausgerechnet die misslungensten Bilder gekauft hatte.

»Ja, weißt du«, sagte Philipp gedehnt, »ich dachte mir, dein Mann freut sich sicher über ein Geschenk.«

Über Anna Jonas

Biografie

Anna Jonas wurde im Münsterland geboren, hat einen Teil ihrer Kindheit im hohen Norden verbracht und lebt seit ihren Studententagen in Bonn. Nach ihrem Germanistikstudium widmete sie sich dem Schreiben. Sie reist gerne und liebt das Stöbern in Bibliotheken, wo sie für ihre Romane intensive...

Weitere Titel der Serie »Hotel Hohenstein«

Die Schicksale und Lebenswege der Mitglieder der Familie Hohenstein, Besitzer eines Luxushotels im sagenumwobenen Siebengebirge, seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts.

Pressestimmen

Sempacher Woche (CH)

»Der unterhaltsame Gesellschaftsroman ist gespickt mit romantischen Gefühlsbeschreibungen und vielen opulenten Schilderungen der damaligen Hotelszene mit ihren Hierarchien.«

Kommentare zum Buch

Das Hotel Hohenstein am Drachenfels
Karin Wenz-Langhans am 16.11.2016

Das Jahr 1904 neigt sich dem Ende zu – auch dieses Jahr reisen wieder zahlreiche Stammgäste im exklusiven Hotel Hohenstein an, um gemeinsam in einem rauschenden Fest das alte Jahr ausklingen zu lassen. Da taucht plötzlich der Halbbruder des Familienoberhauptes Maximilian Hohenstein auf und macht den Anspruch auf sein Erbe geltend. Während Maximilian sich nicht mit der neuen Situation abfinden will, gehen seine drei Kinder offener mit Konrad und dessen Ideen für das Hotel um.   Anna Jonas nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise in das mondäne Hotel Hohenstein, idyllisch im Siebengebirge gelegen. Ihr gelingt es spielend, das Flair und die exklusive Atmosphäre des Hotels zu Anfang des letzten Jahrhunderts zu übermitteln. Auch die Besonderheiten der Gäste werden angerissen.   Im Mittelpunkt steht jedoch die Hoteliers-Familie Hohenstein: das Familienoberhaupt Maximilian und dessen Frau Anne, der mit strenger Hand die Geschicke des Hotels lenkt, sich aber Neuerungen gegenüber unzugänglich zeigt. Dagegen plant Maximilians Halbbruder Konrad einige Modernisierungen für das Hotel und rennt mit seinen Ideen beim ältesten Sohn Karl offene Türen ein.   Karl nimmt es mit der ehelichen Treue ganz und gar nicht ernst und auch sein Bruder Alexander lässt sich vom Leben treiben und verführt gerne die Dienstmädchen. Ihre Schwester Johanna, gerade zu einer jungen Frau erblüht und umschwärmt, träumt dagegen von einem byronschen Helden, der sie in seine Arme schließt.   Die Untreue der Hohenstein-Männer und ihre Folgen sind somit auch eines der Kernthemen des Romans. Und wie bestimmte einschneidende Ereignisse vielleicht ein Um- und Überdenken ihres Handelns auslösen können. Dabei ist der Roman durchaus auch gesellschaftskritisch, denn bei den Frauen wurden damals deutlich strengere Maßstäbe wie bei den Männern angelegt.   Gut gefallen hat mir, dass die Figuren vielschichtig dargestellt werden und sich im Laufe des Romans weiterentwickeln. Eine besondere Rolle nimmt das neue Stubenmädchen Henrietta ein, von der bald klar wird, dass sie einen bestimmten Plan im Hause Hohenstein verfolgt. Ich lag zwar mit meiner frühen Vermutung richtig, um wen es sich bei ihr handeln könnte, aber trotzdem konnte mich die Autorin am Ende mit einem bestimmten Detail ziemlich überraschen.   Bei der einen oder anderen Figur bleibt am Ende des Buches die Frage nach ihrem weiteren Werdegang vage, das stört aber nicht, denn die Autorin plant noch zwei weitere Bücher rund um das Hotel Hohenstein. Wie sie verraten hat, wird der nächste Teil Mitte der 1920er Jahre spielen. Ich bin schon sehr gespannt und freue mich auf das Buch. 

Downton bei Bonn
Eliza's Bücherparadies am 19.10.2016

Eine neue Familiensaga, die wahrhaft fürstlich daher kommt und sich mit den Großen wie Downton Abbey durchaus messen lassen kann, auch wenn ich bei diesem ersten Band der neuen Reihe von Anna Jonas noch ein paar kleine Kritikpunkte habe. Das Cover ist meiner Meinung nach wunderschön, es erinnert an die alten schwarz-weiß Fotografien, die meine Großeltern in ihrem Fotoalbum kleben haben, perfekt für diese Zeit. Das Buch umfasst die Geschichte der Familie Hohenstein und ihrer Bediensteten/Angestellten von einem Jahr, leider habe ich als Leser zwischendrin ein wenig die Orientierung verloren, wieviel Zeit eigentlich vergangen ist. Einzig die Jahreszeiten lassen einen Schluss über die verstrichene Zeit zu, ebenso wie Weihnachten und das Sylvesterfest, hier hätte ich mir einfach eine kurze Zeitangabe über dem Kapitel gewünscht. Neben den Familiengeheimnissen und Intrigen, spielt der Weg in die Industrialisierung eine wichtige Rolle in diesem Roman. Ein Hauptstreitpunkt der beiden Brüder ist der Einzug neuer Technologien in das Hotel, wie ein Telefon oder elektrisches Licht. Die Spannung in diesem Roman hat mir gut gefallen. Durch die vielen Aspekte die angesprochen werden, wird es eigentlich nicht langweilig. Was am Anfang noch dazu beiträgt, dass es sehr unterhaltsam, interessant und spannend ist, wirkt am Ende leider etwas zu viel. Nach meinem Empfinden haben zu viele Männer und Frauen in diesem Roman, der ja zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielt, eine Affäre, außereheliche Beziehung und uneheliche Kinder. Aber dies ist sicherlich auch mein subjektives Empfinden, vielen wird es beim Lesen vielleicht nicht mal auffallen, da ich mir aber bei solchen Romanen eine Figurenkonstellation aufzeichne, ist es mir aufgefallen. Nach meinem Empfinden und was ich bereits in anderen Romanen gelesen habe, war die Moral und Sittenstrenge eine andere zu dieser Zeit, aber es ist natürlich auch nicht ganz auszuschließen ;-) Was mir sehr gut gefallen hat, ist die Zeichnung der Figuren der Upper-Class, sowie die Verstrickungen zwischen dem Personal und den Herrschaften. Als sehr angenehm habe ich den Schreibstil der Autorin empfunden, man hat das Gefühl nur so durch die Seiten zu fliegen. Einige Szenen waren witzig, andere eher etwas beklemmend, eine wohldosierte Art zu Schreiben. Das Buch ist in drei große Teile gegliedert, in den Buchinnenklappen findet sich eine Karte mit den wichtigsten Orten und am Ende des Buches kann der Leser einen Blick in das Personenregister werfen. Trotz meiner Kritik, die mir die Autorin hoffentlich nicht zu übel nimmt, empfehle ich dieses Buch gerne weiter, denn ich habe es gerne gelesen und mich sehr gut unterhalten gefühlt. Ich bin sehr gespannt wie es mit Karl, Alexander und Johanna weitergeht und bin sehr erfreut, dass ein Folgeband schon in der Planung ist. Ein Roman für alle Fans von Familiensagas, von Downton Abbey und der schönen Stadt Bonn sowie dem Siebengebirge. Ein Buch mit noch „etwas Luft nach oben“, aber dennoch eine klare Leseempfehlung!

Kindheitserinnerung
Barbara Jochimsen am 03.09.2016

Ich selber bin in Kiel geboren mit Blick auf und am Drachenfels,Bonn-Mehlem /Königswinter großgeworden. Ich sammle seither Bücher von Autoren aus meinen Lebensräumen. Deswegen werde ich mir diesen Titel sicher holen..

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