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Club der letzten WünscheClub der letzten Wünsche

Club der letzten Wünsche

Roman

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Club der letzten Wünsche — Inhalt

Die Gewinnerin des diesjährigen Piper-Awards auf Wattpad

»Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich im Kindergarten Würmer gegessen und anderen Kindern meine Schippe über den Schädel gezogen, und jetzt lag ich in einem Krankenhaus mit einem Tumor in meiner Lunge.« Jesslyn wird sterben. Aber nicht, bevor sie nicht unter freiem Himmel geschlafen, das Meer gesehen, sich verewigt hat. Und nicht, bevor sie nicht die ganz, ganz große Liebe getroffen hat. Gemeinsam mit ihren Freunden erfüllt sich Jesslyn ihre letzten großen Wünsche.

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.02.2017
288 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30984-4
€ 7,99 [D], € 7,99 [A]
Erschienen am 01.02.2017
288 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97486-8

Leseprobe zu »Club der letzten Wünsche«

Prolog

Die Gegenwart

Ich wünschte mir, die Sonnenstrahlen könnten meine Eingeweide wärmen. Am liebsten würde ich meine Finger in meinen Bauch graben, daran ziehen und das Fleisch entzweien, sodass die Wärme der Sonne bis in mein Innerstes dringen kann. Ich wünschte mir, ich könnte Wärme atmen.

Ich halte den Stift fest umklammert, als wäre er mein Anker. Ich will etwas auf das leere Blatt schreiben, das sich in meiner anderen Hand in der leichten Meeresbrise wiegt, doch ich weiß nicht mehr, was ich schreiben wollte.

Irgendwo in der Ferne schlägt der [...]

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Prolog

Die Gegenwart

Ich wünschte mir, die Sonnenstrahlen könnten meine Eingeweide wärmen. Am liebsten würde ich meine Finger in meinen Bauch graben, daran ziehen und das Fleisch entzweien, sodass die Wärme der Sonne bis in mein Innerstes dringen kann. Ich wünschte mir, ich könnte Wärme atmen.

Ich halte den Stift fest umklammert, als wäre er mein Anker. Ich will etwas auf das leere Blatt schreiben, das sich in meiner anderen Hand in der leichten Meeresbrise wiegt, doch ich weiß nicht mehr, was ich schreiben wollte.

Irgendwo in der Ferne schlägt der Rumpf eines Anglerbootes gegen den Steg, und Wasser schwappt an den Strand. Ich kann es hören, ganz deutlich. Es klingt, als würde die Welt eine Melodie für mich spielen. Doch das darf sie noch nicht; nicht jetzt. Ich muss schreiben.

Der grasbewachsene Hang und das türkisblaue Meer dahinter sehen so idyllisch aus, dass es mir wehtut. Vielleicht verdiene ich das alles nicht. Vielleicht verdiene ich keine Schönheit, keine eigene Melodie. Vielleicht verdiene ich es auch nicht, den letzten Punkt auf meiner Liste abzuhaken.

Ich spüre, wie sich die Spitze des Stiftes auf das Blatt senkt und wie von selbst zu schreiben beginnt, umgeben von der Musik dieses Ortes, die mit jedem weiteren Wort anschwillt. Buchstaben schwärzen die Zeilen, meine Ohren dröhnen, und mein Kopf wird ganz taub.

Ich setze den Stift ab, und es ist still. So still, dass die Schritte, die sich mir im weichen Gras nähern, ohrenbetäubend laut wirken. Ich umklammere das Blatt, mit letzter Kraft, während mich Erleichterung durchschwemmt.

Ich habe es geschafft.

Eine Hand legt sich auf meine Schulter, und die Wärme, die von ihr ausgeht, lässt mir die Tränen in die Augen steigen. Sie ist wunderbar warm, und ich bin so kalt. So kalt wie die Gischt, die sich am Strand aufbauscht und wie schimmernder Tüll die blauen Wellen ziert.

»Jess.« Mein Name hallt traurig in der Schweigsamkeit der Natur; die Laute verzerren sich im endlosen Echo.

Ich schüttele den Kopf. Nein. Nein, so will ich ihn nicht hören – so klingt mein Name, als wäre das hier ein Abschied.

Die Hand greift nach meinem Blatt, doch ich zucke zurück und drücke es schützend gegen meinen Oberkörper. Ich muss es behalten, auch wenn es wehtut.

»Noch nicht«, höre ich meine Stimme wie das Krächzen eines Raben. »Noch nicht, noch nicht, noch nicht.« Lass es mich festhalten, will ich ihm sagen, nur für einen kurzen Augenblick.

Die Antwort klingt hart und weich zugleich: »Lass los.«

Nur noch einen Augenblick …

 

Kapitel 1

22. August

Es war fast zwei Monate nach meinem Schulabschluss. Draußen neigte sich der Sommer dem Ende zu, und die Parks und Cafés der Stadt quollen über vor gut gelaunten Touristen und Eis essenden Kindern, die ihre letzten Ferientage genossen. Braun gebrannte Menschen räkelten sich auf den Liegen der Swimmingpools, ihre strassbesetzten Bikinis und aufgehellten Zähne strahlten mit der Sonne um die Wette. Dort, wo ich mich allerdings befand – in einem Behandlungsraum im St. Jones Hospital –, leuchtete rein gar nichts, außer vielleicht das Kalkweiß der Wände, die sich hinter, vor und neben mir auftürmten.

Meine Mutter, die scheinbar eingenickt war, hatte eine schlimmere Fahne als Amy Winehouse zu ihren besten Zeiten, und ich konnte wegen der langen Sitzerei meinen Po nicht mehr spüren. Konnte Pofleisch abfallen? Es fühlte sich jedenfalls so an …

Stöhnend rutschte ich auf dem Polster hin und her und gab ihr dabei einen nicht ganz unbeabsichtigten Hieb mit dem Ellenbogen. Sie erwachte aus ihrem Koma und setzte sich kerzengerade im Stuhl auf. Ihr braunes Haar war an einer Seite platt gedrückt, und an ihrem Mundwinkel konnte ich einen glänzenden Spuckefaden erkennen. Mir wurde beim Anblick meiner eigenen Mutter tatsächlich kotzübel.

»Du sabberst«, bemerkte ich und zog eine angewiderte Miene.

»Bitte was?«, lallte sie.

»DIR LÄUFT SPUCKE AUS DEM MUND!«

»Ah.« Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen.

Ich rümpfte die Nase. Der Geruch, den sie verströmte – eine Mischung aus abgestandenem Bier und Schweiß –, ließ unweigerlich das Bild einer Bahnhofsunterführung vor meinem inneren Auge entstehen. Plötzlich wurden meine gehässigen Gedanken aber unterbrochen, als ein unerschütterlicher Hustenreiz meinen ganzen Körper erbeben ließ. Vor Schmerzen presste ich die Hand gegen meine Kehle.

Als ob man sie gerufen hätte, stolzierte in diesem Moment eine große, schlanke und hochstirnige Ärztin in das Behandlungszimmer. Hätte ich gewusst, dass ich halb verrecken musste, damit sie endlich auftauchte, hätte ich mir die ganze Warterei sparen können.

Die grimmige Ärztin warf mir einen eisigen Blick zu, der zu sagen schien: »Wenn du schon meine Luft atmest, schleudere nicht auch noch deine Bakterien hier herum.« Während ich mich bemühte, meine ächzende Lunge wieder halbwegs unter Kontrolle zu bekommen, musterte sie mich abschätzig. Dann zückte sie das Stethoskop, das ihr um den Hals hing, und ich zog mir automatisch das T-Shirt über den Kopf, damit sie mir den Brustkorb abhören konnte. Rasselnd atmete ich immer wieder ein und aus, dabei warf ich einen verstohlenen Blick auf das Schildchen, das an ihrem Kittel hing. »Dr. Diebel«, stand dort in krakeliger Schrift.

Arrogante Schlange, dachte ich und fühlte ihre kalten, groben Finger auf meiner Haut.

 

Alles hatte vor ein paar Wochen begonnen, wenige Tage nach meiner Abschlussfeier. Zunächst war es nur eine harmlose Erkältung gewesen, die sich dann jedoch erschreckend rasant in heftige Schmerzen in meiner Brust verwandelt hatte. Bisher hatte mein Motto immer gelautet: »Es gibt nichts, was sich nicht mit Schnaps und Schmerztabletten lösen lässt, außer vielleicht Herpes, denn den Scheiß wird man nie wieder los.« Doch mein Zustand wurde trotz reichlich Alkohol einfach nicht besser. Als ich dann auch noch Blut zu husten begann, hatte ich keine andere Wahl mehr, als eine Klinik aufzusuchen.

 

»Streck den Arm aus!«, befahl Doktor Diebel. Menschen wie sie waren einer der Gründe dafür, warum ich es hasste, zum Arzt zu gehen. Ihr Ton ließ vermuten, dass sie kein Nein gelten lassen würde. Die Augen zu Schlitzen verengt, funkelte sie mich düster an.

»Natürlich, Feldwebel Diebel!« Mit der rechten Hand salutierte ich scherzhaft vor ihr, wofür ich einen bitterbösen Blick kassierte. Schließlich reichte ich ihr dann doch meinen Arm, den sie grob umfasste, um mir eine wirklich anormal große Spritze in die weiche Stelle über meiner Armbeuge zu jagen. Mit einem kurzen, aber stechenden Schmerz durchdrang die Nadelspitze meine Haut, und sofort schoss das Blut in den Behälter.

Die dicke tiefrote Brühe schwappte in dem Gefäß hin und her, während die Ärztin nach getaner Arbeit die restlichen Utensilien in einer Schublade verstaute. Ich betrachtete die Flüssigkeit fasziniert, auch wenn sie mich unweigerlich an Dinge erinnerte, die ich schon lange aus meinem Kopf verbannt hatte.

Mit schnellen geübten Fingern stellte mir Doktor Diebel eine Überweisung an den weiterbehandelnden Arzt aus und reichte sie mir. »Du gehst jetzt in den dritten Stock, dort werden Röntgenaufnahmen von deiner Lunge gemacht«, sagte sie und würdigte mich keines weiteren Blickes mehr. Sie drehte sich einfach um, und das schien ihr Signal für »Verzieht euch aus meinem Behandlungszimmer, aber dalli!« zu sein.

Ich konnte förmlich hören, wie mir der Geduldsfaden riss.

»Oh, natürlich«, flötete ich mit zuckersüßer Stimme, »entschuldigen Sie, dass ich Ihre kostbare Zeit so lange in Anspruch genommen habe.« Dann ergriff ich die Hand meiner Mutter und zerrte sie hinter mir her auf die Tür zu. Doktor Diebels Stimme ließ mich jedoch beim Herunterdrücken der Klinke innehalten.

»Meine Güte, was sind Sie nur für ein armes Ding«, zischelte sie.

Als ich mich umdrehte, fixierten ihre blauen Augen mich und meine Mutter, die nun wieder klarer zu werden schien. Ich straffte meine Schultern und sah die Ärztin ruhig an.

»Entschuldigen Sie«, begann ich sanft, »ich glaube, das habe ich nicht ganz verstanden.«

Sie hob geringschätzig eine ihrer Augenbrauen.

»Finden Sie nicht, dass Sie sich für Ihr Alter ziemlich unpassend verhalten?«

»Finden Sie nicht, dass Sie für jemanden, der so viel mit Menschen zu tun hat, ziemlich wenig Einfühlungsvermögen besitzen?«, hielt ich stand und schenkte ihr ein übertrieben warmes Lächeln. »Aber das ist schon in Ordnung. Sie sollten nur wissen, dass ich immer und absolut unpassend bin. Auf – Gott behüte mich – Nimmerwiedersehen!«

Dann ließ ich die angemessen dumm aus der Wäsche guckende Doktor Diebel zurück, machte auf dem Absatz kehrt und schlug die Tür hinter mir zu. Meine Mutter, die mir aus dem Behandlungsraum hinterhereilte, ließ einen empörten Japser hören.

»Was ist nur in dich gefahren, Jesslyn?«, rief sie, nun schon viel weniger lallend.

Doch ich hielt nicht an, sondern schlenderte gelassen und mit einem triumphierenden Grinsen auf den Lippen den Flur entlang in Richtung der Aufzüge.

 

Kapitel 2

Immer noch der 22. August

Für die Röntgenaufnahmen musste ich meinen Oberkörper komplett entkleiden und meinen nackten Busen dann gegen eine Metallplatte drücken. Die Schwester, die bei den Aufnahmen assistierte, war zwar nett, erkundigte sich für meinen Geschmack aber etwas zu häufig danach, ob alles in Ordnung sei.

Als ich da also stand und meine immer noch nackten Brüste gegen die immer noch kalte Metallplatte drückte, fragte sie gefühlt zum hundertsten Mal in lieblichem Ton: »Ist es sehr kalt, Liebes?«

Zu gerne hätte ich in diesem Moment einen fiesen Spruch abgelassen, so wie ich es immer tat. Doch sie war die erste Person an diesem Tag, bei der ich mir nicht zehn verschiedene Weisen überlegte, wie ich sie mit ihrer dämlichen Krankenhausuniform erdrosseln könnte. Also antwortete ich nur: »Die Finger von Doktor Diebel waren eindeutig kälter – und von denen habe ich auch keine harten Nippel bekommen.« Sie lachte, auch wenn ich mir sicher war, dass sie es nur aus Höflichkeit tat.

Nachdem alle Aufnahmen gemacht waren, durfte ich mich wieder anziehen. Ich begab mich auf Anweisung der netten Schwester in einen Nebenraum, in dem meine Mutter bereits saß und an einem Plastikbecher mit dampfendem Kaffee nippte. Uns wurde gesagt, dass der Arzt uns holen würde, sobald die Bilder entwickelt worden seien. Also warteten wir. Wieder einmal.

Die Aussicht darauf, nochmals stundenlang auf einem dieser schrecklichen Krankenhausstühle zu sitzen, ließ meinen ohnehin schon geschundenen Hintern unangenehm kribbeln, und so begann ich, ungeduldig im Zimmer herumzutigern. Doch schnell wurde auch das langweilig, weshalb ich mich dazu entschied, eine der Toiletten, die sich draußen auf dem Gang befanden, aufzusuchen, um mich frisch zu machen. Während ich mir die Hände wusch, betrachtete ich mich in dem kleinen Spiegel, der über dem Spülbecken angebracht war.

Ich stellte fest, dass ich schrecklich ausgemergelt aussah. Meine glatten braunen Haare, die ich in einem zerzausten Pferdeschwanz trug, wirkten glanzlos und dünn, mein Gesicht hager, und die blauen Augen hatten schon vor langer Zeit ihr Strahlen verloren. Das Einzige, was in meinem Gesicht noch funkelte, waren die Piercings, die das Deckenlicht reflektierten. Angewidert von mir selbst, verließ ich die Toilette wieder und begab mich zurück in das Wartezimmer, wo ich mich ans Fenster stellte, sodass ich auf die Stadt hinter der Scheibe blicken konnte – die Stadt, in der ich mich so unsagbar fremd fühlte.

 

Wir waren hierhergezogen, weil meine Mom es nicht mehr mit meinem Dad ausgehalten hatte. Wenn ich sie nun so ansah, war ich mir mittlerweile unsicher, ob es nicht vielleicht andersherum gewesen sein konnte. Jedenfalls hatten wir zuvor in einem großen Haus auf dem Land gewohnt, bis ich ungefähr zwölf war. Noch Jahre später tauchte dieses Haus in meinen Träumen auf, und ich sehnte mich eine sehr lange Zeit danach.

Ich hatte mir gewünscht, dass alles wieder wie früher wurde. In unserem alten Zuhause schien alles in Ordnung gewesen zu sein: das mit Mom und Dad, und das mit mir. Dort waren wir glücklicher und unbeschwerter. Na ja, so wirklich konnte ich es meiner Mutter jedoch nicht verübeln, dass sie aus dem Haus rauswollte, in dem mein Vater seine Kollegin gevögelt hatte, während sie und ich meinen Gramps besuchten.

Anfangs war ich furchtbar sauer auf meinen Vater gewesen – immerhin hatte er unsere Familie zerstört. Doch je älter ich wurde, umso eher erkannte ich, dass Menschen fehlbar waren und Dummheiten begingen, oftmals ohne sich bewusst zu machen, wen sie damit verletzten. Dass sie sich ihr Leben dadurch vor allem selbst schwer machten, wurde den meisten erst klar, wenn sie mit den Konsequenzen ihrer Taten und ihrem schlechten Gewissen konfrontiert wurden. Mein Vater konnte leider nicht damit umgehen.

Vielleicht wäre alles anders gelaufen, wenn ich ihm rechtzeitig gesagt hätte, dass ich ihm verziehen hatte. Doch dann war es bereits zu spät, und ich musste am eigenen Leib erfahren, wie es war, mit den Auswirkungen meiner Handlungen zu leben. Und so hatte ich begonnen, mich für diesen, aber auch für alle meine anderen Fehler selbst zu hassen.

 

»Sind Sie die berühmte Jesslyn Bender?«, eine tiefe Stimme drang an mein Ohr, und ich fuhr herum.

Im Türrahmen auf der gegenüberliegenden Seite des Raums stand ein großer, schlaksiger junger Mann in einem knittrigen Kittel. Auf seinem Kopf herrschte ein braunes Haar-Wirrwarr, und grüne Augen funkelten belustigt hinter einer Brille hervor. Es passierte ziemlich selten, dass ich jemanden auf Anhieb derart sympathisch fand.

»Wenn Sie Autogramme wollen, besprechen Sie das mit meinem Manager«, antwortete ich gespielt unbeeindruckt und betrachtete dabei meine lackierten Nägel in Hollywood-Manier. Doch dann schenkte auch ich ihm ein Lächeln.

Der Arzt bedeutete uns, ihm in sein Büro zu folgen. Als wir an seinem Schreibtisch Platz nahmen, begann er sofort in seinen Unterlagen zu kramen. Auf dem riesigen, massiven Schreibtisch vor uns herrschte heilloses Durcheinander, ähnlich wie auf seinem dichten Lockenkopf.

»Ich bin übrigens Doktor Tommens«, stellte er sich vor, während er nach einer Akte griff, aus der er ein paar schwarz-blaue Röntgenaufnahmen hervorzog. Die Brille zurechtrückend, betrachtete er die Bilder intensiv, legte sie dann aber kopfschüttelnd wieder beiseite.

»Wussten Sie, dass bereits drei Abteilungen von Ihnen sprechen, Miss Bender? Sie haben einen ganz schönen Rummel veranstaltet!« Er grinste mich breit an. »Sehr erfrischend, muss ich zugeben.«

»Einen Rummel veranstalten ist meine Spezialität.«

»Das reicht jetzt, Jesslyn!«, ermahnte meine Mutter mich, und ich konnte ihre bohrenden Seitenblicke spüren.

Mit einem zynischen Lächeln auf den Lippen drehte ich mich zu ihr um. »Ich vergaß, dass du ja von uns allen hier am besten weißt, wo deine Grenzen liegen.« Nicht wissend, was sie darauf erwidern sollte, verschränkte meine Mom mit einem empörten Schnauben die Arme vor der Brust.

»Ähm, nun ja …«, räusperte sich Doktor Tommens verlegen. Dieser kurze, aber scharfe Austausch war ihm sichtlich unangenehm. Ich hatte den Eindruck, dass er auf einmal wesentlich lauter und nervöser auf seinem Tisch herumkramte. »Ah, hier ist sie ja endlich!« Triumphierend und sichtlich erleichtert hielt er kurze Zeit später eine braune, aus Pappe angefertigte Akte in die Höhe.

Er schlug die Unterlagen auf, und von diesem Moment an haftete mein Blick an seinem nun hoch konzentrierten Gesicht. Seine grünen, von dichten Wimpern gesäumten Augen zuckten über die Papiere, ein Finger lag an seinem zugekniffenen Mund. Je länger er las, desto finsterer wurde seine Miene. Bittere Galle stieg mir den Hals hinauf, als ich sah, wie er sich durch die wirren Haare fuhr. Am liebsten hätte auch ich meine Finger in die weich aussehenden braunen Locken gegraben. Irgendwie hatte es den Anschein, als wirkte es beruhigend auf ihn.

Plötzlich sprang Doktor Tommens auf, strich sich den weißen Kittel am Bauch glatt und ging hinüber zu der leuchtenden Tafel, an der er ein paar Röntgenaufnahmen anbrachte. Die Sohlen seiner Schuhe quietschten auf dem Linoleumfußboden. Still beobachteten wir, wie er die Bilder minutenlang in Augenschein nahm, bevor er sich wieder in seinen gepolsterten Sessel setzte und die Hände vor sich auf dem Tisch faltete. Er wirkte um Jahre gealtert, jetzt wo sein Ausdruck so ernst und versteinert war.

Mein Blick flog zurück zu den Aufnahmen an der Tafel und blieb an der grauen Masse hängen, die anscheinend meine Lungenflügel darstellen sollte. Fasziniert huschten meine Augen über die vielen Verästelungen, dann über die Bronchien, die deutlich zu erkennen waren, und stolperten schließlich über einen Schatten, der irgendwie fehl am Platz wirkte. Ich wollte am liebsten »Hey, Doc, da hat wohl jemand Tinte auf meinen Röntgenaufnahmen ausgeschüttet« sagen, doch die Worte blieben mir in der Kehle stecken.

 

Mein ganzes Leben lang hatte ich so getan, als wäre Schmerz eine Art Nebenwirkung des Lebens. Dass er einfach dazugehörte und man ihn in Kauf nehmen musste. So hatte ich es getan, als meine Eltern sich trennten und wir in diese dämliche Stadt zogen, und auch, als mein Vater uns gestand, dass er ein Kind – einen Jungen – mit seiner langjährigen Affäre gezeugt hatte. Dieser erste richtig große Schmerz hatte sich zum Glück gelegt, als sich herausstellte, dass dieser Junge mein inniger Seelenverwandter war.

Auch später hatte sich jegliches Leid irgendwie verflüchtigt, nachdem ich gemerkt hatte, dass man dafür nur die Unterstützung entsprechender Mittel brauchte. Meine Mutter hatte mir das ja schließlich den Rest meiner kläglichen Jugend vorgemacht. Und so hatte ich die meiste Zeit damit verbracht, nach Dingen zu suchen, die das Leid in mir zumindest temporär vertreiben konnten. Es war mir egal, ob ich damit anderen Menschen oder gar mir selbst Schaden zufügte.

In dem Augenblick jedoch, als ich diesen kleinen Schatten auf der Röntgenaufnahme sah, machte sich ein beklemmendes Gefühl in mir breit. Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass ich für all die schlimmen Dinge irgendwann eine Quittung bekommen musste. Obwohl ich keineswegs gläubig oder abergläubisch war, erschien mir das seltsam plausibel.

 

»Miss Bender«, setzte Doktor Tommens nun mit belegter Stimme an, »ich muss Ihnen leider mitteilen, dass der Befund in Ihrem Fall relativ eindeutig ist. Dieser Fleck, den Sie da auf den Röntgenbildern sehen können, ist mit aller Wahrscheinlichkeit ein Tumor.«

Ich schluckte, nicht fähig, irgendetwas zu sagen. Wo war meine große Klappe nur, wenn man sie mal ernsthaft brauchte? Ich hörte meine Mutter neben mir nach Luft schnappen.

»Wir werden anhand einer Gewebeprobe feststellen, ob er bösartig ist oder nicht …« Doktor Tommens’ Stimme verlor sich, und meine Gedanken schweiften wieder ab. Eine Erinnerung blitzte auf, zwar verschwommen, doch von unfassbar starken Emotionen begleitet.

 

Meine Mom und ich waren vor nicht allzu langer Zeit in die kleine Wohnung in der Stadt gezogen und saßen eines Abends in einem Diner. Während ich meinen Milchshake trank und Pommes in diesen dippte – eine Eigenart, die mir auch noch bis nach meinem Schulabschluss erhalten bleiben würde –, telefonierte meine Mom mit meinem Dad. Ich lauschte ihrer zornigen Stimme. Seit einer halben Stunde stritten sich die beiden bereits. Meine Mutter hatte sich so in Rage geredet, dass ihr nicht einmal auffiel, wie der Burger, der vor ihr auf dem Tisch stand, kalt wurde. Genauso wenig störten sie die entsetzten Blicke der anderen Gäste, wenn sie meinen Dad laut als »verfickten Hurenbock« oder »elenden Wichser« bezeichnete.

»Der Tag, an dem du für deine Untaten bestraft wirst, wird mein Freudentag sein. Denn so wird es passieren, das schwöre ich dir. Jeder bekommt irgendwann, was er verdient«, hatte sie den Hörer angeschrien, bevor sie auflegte und das Handy wutentbrannt auf den Tisch warf.

 

Jeder bekommt irgendwann, was er verdient.

Während Doktor Tommens weiter auf mich einredete, hallten die Worte meiner Mutter in mir nach.

»Es besteht die Chance, dass der Tumor nicht bösartig ist und es sich mit einer OP, bei der das schlechte Gewebe entfernt wird, erledigt hat, Jesslyn«, beschwichtigte er mich, wahrscheinlich weil er bemerkt hatte, dass ich nicht ganz bei der Sache war.

»Natürlich könnte es auch andersherum sein, aber du bist noch so jung und dein Körper so wehrhaft, dass …« Anscheinend versuchte er, mir Hoffnung zu machen, doch ich war gedanklich schon wieder bei meiner Mutter im Diner.

Jeder bekommt, was er verdient.

Wie hätte es anders sein können? Es war so weit: Das war meine Quittung. Auch ich bekam nun endlich, was ich verdiente.

 

Kapitel 3

25. September

Würgend saß ich auf der eiskalten Krankenhauspritsche und beförderte mein ohnehin schon spärliches Frühstück in eine silberne Metallschale, die mir Schwester Bonnie netterweise hinhielt. Als mein Magen nichts mehr hergab, wischte ich mir mit dem Handrücken über den Mund. Angewidert verzog ich das Gesicht, als mir der säuerliche Gestank von frischem Erbrochenem in die Nase stieg.

»Sind das Möhren?«, fragte ich mit gerunzelter Stirn und betrachtete mein halb verdautes Morgenmahl. »Ich hatte doch gar keine Möhren.«

Bonnie schenkte mir einen mitleidigen Blick und stellte die Schale beiseite.

»Es wird dir gleich wieder besser gehen«, versicherte sie. »Sobald die Medikamente gegen die Übelkeit anschlagen, wirst du dich nicht mehr so schlecht fühlen.«

Keine Ahnung, wie oft mir das in den letzten Tagen schon gesagt wurde. Irgendwann hatte ich aufgehört zu zählen und angefangen, einfach nur dumm zu lächeln und wie ein hirnloser Automat zu nicken.

Doktor Tommens’ Hoffnungen hatten sich nach etlichen Gewebeproben, einer Computertomografie und anderem Untersuchungsquatsch restlos beseitigt: Der Tumor, den man in meiner Lunge entdeckt hatte, war bösartig.

Seitdem die Ärzte das wussten, belästigten sie mich ständig mit Gesprächen über Behandlungsmöglichkeiten, Krebsstadien und anderem Blabla. Mich interessierte das alles aber nicht. Jedes Mal, wenn jemand mit mir reden wollte, schirmte ich meine Ohren mit den Händen ab und begann aus vollem Halse zu singen, bis derjenige aufgab und stattdessen meine Mutter über alles Wichtige informierte. Im Grunde belief sich mein Wissen, was meine Krankheit betraf, deshalb auf genau zwei Punkte: 1) dass ich krank war und 2) wann ich zur Chemo erscheinen musste. Das hatte zu reichen.

Ich blickte an mir hinab auf die Stelle in der Nähe meines Schlüsselbeins, an der mein Portkatheter saß und mich mit dem Zeug versorgte, das den Krebs in mir abtöten sollte. Bisher hatte ich noch nicht gemerkt, dass die Chemo gegen irgendetwas half, außer gegen Übergewicht. Vielleicht würde ich den Tumor dadurch ja irgendwann auskotzen? Jedenfalls verursachte die klare Flüssigkeit nichts als Schmerzen und Übelkeit.

Während mein Magen sich wieder verkrampfte und Bonnie die Schale bereithielt, dachte ich an den Tag zurück, an dem mir dieser Port eingesetzt wurde.

 

Es war derselbe Tag, an dem ich mir auch meine Birne kahl rasiert hatte. Nicht nur, weil ich zugegebenermaßen ziemlich scharf mit einer Glatze aussah – das tat ich, echt und wahrhaftig, wie eine heiße Punkerin –, sondern weil ich nicht darauf warten wollte, bis mein Haar mir büschelweise ausfiel und mein Spiegelbild mich an einen Wellensittich in der Mauser erinnern würde.

»Was zur Hölle machst du da?«, hatte meine Mutter damals entsetzt gerufen, als sie mich, bewaffnet mit einer Rasiermaschine, im Bad meines Krankenhauszimmers vorfand.

»Na, wonach sieht es wohl aus?«, hatte ich geantwortet und die surrende Maschine wieder an meiner Kopfhaut angesetzt. Meine langen braunen Haare fielen wie Regen auf den Boden des kleinen Badezimmers.

»Du bist so unsensibel, Jesslyn!«, rief sie und zog ein verletztes Gesicht.

Ich reckte aufsässig eine Faust in die Luft. »Jawohl!«, untermalte ich meine Geste, und sie zog beleidigt von dannen.

Als kein Haar mehr auf meinem Schädel zu sehen war, entsorgte ich meine einstmals wallende Mähne im Mülleimer und betrachtete mich dann zufrieden im Spiegel. Theatralisch wie eh und je, Miss Bender!, hatte mich mein Unterbewusstsein gelobt und lächelnd einen Daumen in die Höhe gehalten.

Seitdem ich gezwungenermaßen im Krankenhaus wohnen musste, sah ich meine Mom kaum noch und, wenn überhaupt, nur für kurze Zeit. Sie schien nicht damit klarzukommen, dass ich mich so ignorant gegenüber meiner Krankheit verhielt. Mir war das ganz lieb, denn durch ihre immer häufiger ausbleibenden Besuche sparte ich mir eine Menge Kraft für die Chemotherapie.

 

»Gut, das wäre für heute erledigt, Jess!«, verkündete Bonnie in diesem Moment und riss mich aus meinen Gedanken. Sie ergriff die reichlich gefüllte Metallschale, entleerte sie und kam dann zu mir zurück. Ich rutschte währenddessen von der Liege und hinein in den bereitstehenden Rollstuhl.

Die Ärzte hatten zwar angeboten, mir die Chemo auf meinem Zimmer zu verabreichen – wahrscheinlich weil sie die anderen Patienten meinen Launen nicht aussetzen wollten –, jedoch hatte ich mich, ohne viel darüber nachzudenken, dagegen entschieden. Ich wollte einfach nicht im selben Bett kotzen, in dem ich auch schlief. Also bekam ich meine Infusionen in einem Behandlungszimmer mit ein paar anderen kranken Leuten.

Bei einer meiner ersten Sitzungen hatte ein Mädchen, das viel zu bleich war, um überhaupt lebendig zu sein, mich angesprochen. Ich gruselte mich etwas vor ihr, denn ich hatte die Befürchtung, bald selbst so auszusehen. Aber ich war höflich geblieben und hatte ein wenig mit ihr geplaudert. Sie schien wirklich schrecklich krank. Ihre Mutter saß heulend neben ihr, während sie tapfer ihre Infusion bekam. Erleichterung durchströmte mich, als ich schließlich gehen konnte. Ich wollte alles andere, als Freundschaften in einem Behandlungszimmer zu schließen, in dem es nach Tod, Erbrochenem und Hoffnungslosigkeit stank. Später sah ich dieses Mädchen bei einer weiteren Sitzung – sie war noch bleicher, ihre Haut schien beinahe durchsichtig –, danach kam sie nie wieder an diesen trostlosen Ort. Als ich abends im Bett lag, verbot ich mir jeglichen Gedanken an sie.

Bonnie schob mich in meinem Rollstuhl durch die Gänge, während andere Patienten an uns vorbeiliefen und mich bedauernd anschauten. Ihre Blicke störten mich, um ehrlich zu sein, nicht sonderlich. Ich hatte nie viel auf die Meinung anderer Menschen gegeben.

Bevor ich hierhergekommen war, hatten Leute mir lediglich Verachtung entgegengebracht. Ich war immer nur das nichtsnutzige, freche Gör, wegen dem sie mitten in der Nacht geweckt wurden, weil die Polizei es nach Hause brachte; das kleine Flittchen, das ihre Kinder verdarb, oder das Miststück, das in Bars aushalf und in versifften Kneipen sang, weil es nach dem Abschluss keine großen Pläne für die Zukunft hatte. Ihr oberflächliches Mitgefühl zu ignorieren, fiel mir deshalb nun umso leichter.

Im Aufzug dudelte dieselbe ermüdende Musik wie immer, und mein Zimmer roch nach Desinfektionsmittel, wie es das jeden Tag tat. Nichts war hier vertraut oder einladend, die Räume dienten einfach nur dem Zweck, einen Schlafplatz für die Patienten zu schaffen, und nicht, um Geborgenheit zu vermitteln.

Ich hatte ein Einzelzimmer bekommen. Vermutlich wussten die Leute hier, dass kein Mensch es länger als vierundzwanzig Stunden mit mir aushalten würde – manchmal war es eben doch von Vorteil, ein ätzendes Miststück zu sein. Während mich Bonnie in Richtung meines Bettes schob, dachte ich an all die Patienten, die vor mir dort gelegen haben mussten, und fragte mich, ob sie noch lebten oder schon rastlos durch die Flure des Krankenhauses spukten. Obwohl mir der Gedanke vielleicht hätte Angst machen sollen, tat er das nicht. Vielmehr führte er mir auf absurde Weise vor Augen, dass ich selbst in meinem sterilen Zimmer, in meinem frisch bezogenen Bett, umgeben von Bakterien, Tod und Verderben war und dass ein kleines Stück davon auch in mir heranwuchs.

Bonnie half mir dabei, mich hinzulegen, deckte mich zu und gab mir ein paar Schmerzmittel, obwohl ich keine verlangt hatte. Sie war bis jetzt die Einzige, die mich nicht ständig mit Fragen löcherte oder mich mit langen Predigten über meine Krankheit nervte. Dafür war ich ihr sehr dankbar.

»Ruh dich jetzt aus, Kleines«, sagte sie sanft und verschwand.

Ich blieb zurück, starrte an die Decke und fragte mich, warum die Wände in Krankenhäusern nur so weiß sein mussten. Weiß kam mir so unendlich tot vor.

 

Kapitel 4

Es ist kalt draußen. Vom Himmel rieselt es feine, weiche Flocken, und ich bin wieder ein kleines Mädchen. Ich öffne den Mund, um ein paar der zarten Eiskristalle mit der Zunge aufzufangen. Als ich es schaffe, kichere ich und lasse mich rückwärts in einen großen Schneehaufen fallen. Vor mir ist das Haus – unser Haus. Es ist groß und sticht mit seiner dunkelroten Farbe deutlich aus dem blassen Weiß hervor. Ich strample mit den Armen und Beinen und erzeuge einen Schneeengel, so wie mein Dad es mir gezeigt hat. Er kommt bald von der Arbeit, und ich will warten, bis sein Auto in Sicht ist.

»Jesslyn, mein kleiner Hase, du erkältest dich noch!«, ruft meine Mom aus dem Küchenfenster, und als ich aufblicke, lächelt sie mir warm zu.

Ich winke ihr, kämpfe mich aus dem Schnee und stehe auf. Unser Vorgarten ist über und über mit dem weißen Pulver bedeckt. Es glitzert in der Sonne wie Tausende kleiner Diamanten. Obwohl meine Mom es mir verboten hat, stopfe ich mir rasch ein wenig davon in den Mund und spüre, wie es in Sekundenschnelle dahinschmilzt. Bevor ich es aber ein weiteres Mal tun kann, knirscht der festgefrorene Schnee auf der Straße, und ein schwarzer Wagen fährt langsam in die Einfahrt.

»Daddy!«, kreische ich und renne auf den aus dem Auto steigenden Mann zu.

Er trägt einen dunklen Anzug und hält einen Koffer in der Hand, den er erschrocken fallen lässt, als ich mich in seine Arme werfe. Doch dann lacht er und wirbelt mich durch die Luft.

»Hallo, mein Schatz«, sagt er fröhlich und setzt mich dann wieder ab. »Du bist ja schon ganz durchgefroren. Komm, wir gehen rein zu Mommy!«

Gemeinsam betreten wir das Haus. Der große Eingangsbereich ist erhellt von Lichterketten, und im Wohnzimmer steht ein riesiger Weihnachtsbaum, der mit roten und goldenen Kugeln geschmückt ist. Sie glitzern und funkeln, sodass ihr Bild vor meinen Augen verschwimmt. Der Tisch ist bereits gedeckt, und Mom sagt uns, dass wir unsere Hände waschen gehen sollen. Mein Dad und ich veranstalten ein Wettrennen zum Badezimmer und liefern uns beim Händewaschen eine kleine Wasserschlacht. Danach setzen wir uns alle an den Tisch und essen. Das Besteck klappert an den Tellerrändern, und die Baguettekruste knuspert in meinem Mund. Das Essen schmeckt gut, doch keiner von uns sagt ein Wort. Es ist so unangenehm still. Zu still.

Ich schaue auf. Das Gesicht meiner Mom ist ernst, und mein Dad sieht wütend aus. Seine Hand klammert sich auffällig fest um sein Messer, und an seinem Hals tritt eine dicke Ader hervor. Plötzlich öffnen beide den Mund. Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig, mir meine Ohren abzuschirmen, bevor sie anfangen, sich zu streiten. Ich singe, um das Geschrei, das ich noch dumpf durch meine Handflächen hören kann, vollständig auszublenden. Tränen kullern mir heiß über die Wangen, doch ich singe mein Lied unermüdlich weiter, so laut ich kann. Ich weine und singe – und dann werde ich aus der Szene gerissen.

Unser wunderschön erleuchtetes Wohnzimmer weicht einem kalten Vorhof in einer grauen trostlosen Stadt. Um mich herum türmen sich riesige Hochhäuser auf. Wie Unkraut sprießen sie aus dem Boden und werfen große, kalte Schatten auf mich und meine Mom.

Ich bin jetzt etwas älter, und die Haare meiner Mom sind an einigen Stellen schon grau. Ich kann riechen, dass sie Alkohol getrunken hat.

Schweigend blicken wir beide das Hochhaus vor uns an, und ich spüre Tränen auf meinem Gesicht. Dann schnappe ich mir eine Kiste zu meinen Füßen und betrete langsam das muffige, dunkle Treppenhaus. Der Gang in den siebten Stock ist unglaublich anstrengend – körperlich, aber auch seelisch. Ich kann spüren, wie mein Herz mit jedem Schritt schwerer wird. Doch ich beiße die Zähne zusammen und erklimme weiter Stufe um Stufe, bis ich an einer Tür ankomme, in der ein dicker alter Mann lehnt und mir den Schlüssel für unser neues Zuhause überreicht.

Die Wohnung ist klein, dunkel und stinkt nach Zigarettenqualm. Das Zimmer, das von nun an meins sein wird, gleicht einer Abstellkammer. Ich stelle die Kiste ab und lasse mich auf den Boden sinken. Der Gedanke an Dad, an alles, was vorgefallen ist, lässt mir die Tränen in die Augen steigen. Mein Herz und alles andere, was zu mir gehört, tun unendlich weh.

Meine Mom betritt schnaufend nach mir die Wohnung. Als sie mich sieht, schnaubt sie missbilligend.

»Hör auf zu heulen«, zischt sie, zündet sich immer noch atemlos eine Zigarette an und bläst milchigen Rauch in mein neues Zimmer. »Das hast du alles deinem Vater zu verdanken.«

Ich ziehe die Nase hoch, dann stehe ich auf und gehe zum Fenster. Alles, was ich von dort aus sehen kann, sind Hochhäuser – überall nur Hochhäuser. Während die Welt vor meinen Augen verschwimmt, denke ich wieder an meinen Dad und daran, dass ich ihn für immer verloren habe.

Tamy Fabienne Tiede

Über Tamy Fabienne Tiede

Biografie

Tamy Fabienne Tiede, geboren 1997, lebt in Frankfurt (Oder) und schlägt sich mit Büchern sowie Kaffee die Nächte um die Ohren. Ihr Zimmer ist eine Bibliothek und sie selbst ein zertifizierter Bücherwurm. Sie ist die Gewinnerin des zweiten Piper-Awards #erzaehlesuns auf der Schreibplattform Wattpad....

Kommentare zum Buch

großartige Autorin, großartiges Buch!
Sophie am 09.01.2017

Tamy ist ein fantastischer Mensch und ich durfte schon vor einer Weile, als ihr Buch bei wattpad veröffentlicht wurde, in den Genuss kommen, es zu lesen. Emotional, authentisch, lebenshungrig und einfach ehrlich beschreibt sie Jesslyns Leben und Sterben. wer das nicht liest, ist doof!

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