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Arschkarte

Roman

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Arschkarte — Inhalt

»Genial! Das lustigste Buch, seit es Männerromane gibt!«

Lars Niedereichholz (Mundstuhl)

 

Timo hat die Arschkarte gezogen. Seine Exfreundin Lena verbringt ihre Nächte ausgerechnet mit seinem Nachbarn, daran lassen die dünnen Wände keinen Zweifel. Die Arbeit in der Werbeagentur mit seinen neurotisch bis verrückten Kollegen macht es auch nicht besser. Eines ist sicher: Er braucht eine neue Frau. Gern auch erst mal nur für eine Nacht. Leider bringt ihn der Auftritt als heißblütiger Lover in einem Werbespot für Fußpilzcreme diesem Ziel nicht unbedingt näher. Doch als er schon alle Hoffnung aufgegeben hat, wird Timo klar, für wen sein Herz wirklich schlägt ...

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 14.09.2015
304 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30795-6
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 17.09.2014
304 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96875-1

Leseprobe zu »Arschkarte«

Teil eins

Ohropax – dann klappt’ s auch mit dem Nachbarn

Der Geschmack von Freiheit und Abenteuer

Frauen sind wie liebliche Weine – süß, aber sie verursachen Kopfschmerzen. Und dabei ist es völlig wurst, ob wir von billigen Tetra-Pak-Tussis oder edlen Jahrgängen sprechen. Kevin hat mit seiner Mandy genauso viel Stress wie Konrad mit seiner Mathilda. Frauen kosten Ressourcen, und das nicht zu knapp. Als Lena auszog, kam ich mir vor wie ein ausgebeuteter Tagebau, aus dem man höchstens noch einen trostlosen Baggersee machen kann, um sich darin zu [...]

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Teil eins

Ohropax – dann klappt’ s auch mit dem Nachbarn

Der Geschmack von Freiheit und Abenteuer

Frauen sind wie liebliche Weine – süß, aber sie verursachen Kopfschmerzen. Und dabei ist es völlig wurst, ob wir von billigen Tetra-Pak-Tussis oder edlen Jahrgängen sprechen. Kevin hat mit seiner Mandy genauso viel Stress wie Konrad mit seiner Mathilda. Frauen kosten Ressourcen, und das nicht zu knapp. Als Lena auszog, kam ich mir vor wie ein ausgebeuteter Tagebau, aus dem man höchstens noch einen trostlosen Baggersee machen kann, um sich darin zu ertränken.

Lena ist also weg. Beziehungstechnisch gesehen, sehr weit weg, immerhin ist sie vor einem Jahr und drei Monaten losmarschiert. Physisch betrachtet, hat sie es allerdings nur bis zur Wohnung meines direkten Nachbarn geschafft. Mit dem hat sie mich betrogen. Seitdem ist meine Wohnung vom Liebesnest zur masochistischen Folterkammer verkommen. Nicht nur, dass ich die beiden draußen viel zu oft Arm in Arm sehen muss. Noch schlimmer ist das, was ich drinnen hören muss. Sich jedes Mal einzureden, dass sie bestimmt nur laut aufstöhnt, weil sie sich den großen Zeh am Küchentisch gestoßen hat, funktioniert bloß ganz am Anfang. Irgendwann kann man nicht mehr ignorieren, dass der Küchentisch, das Stoßen und das Stöhnen doch anders zusammenhängen müssen. Richtig, man könnte sagen, meine derzeitige Wohnsituation ist semi- bis suboptimal. Vom »Wohnst du noch, oder lebst du schon?« zum »Lebst du noch, oder hängst du schon?«. Deshalb könnte man auch sagen : Dann zieh endlich aus, Timo! Aber das können die beiden dauer­geilen Turteltauben vergessen! Immerhin, ein Brief ist mir geblieben. Den hat Lena unter meiner Wohnungstür hindurchgeschoben, nachdem sie ihre Sachen gepackt hatte und drei Meter weiter gezogen war. Geöffnet hab ich ihn bis heute nicht. Interessiert mich null, was sie noch un­bedingt loswerden wollte. Kann sie behalten. Über das Trauerstadium bin ich schon lange hinaus. Prinzipiell zumindest. Nur manchmal lande ich wieder auf dem harten Boden der Singlerealität, springe in meinen Baggersee aus Selbstmitleid und ertränke die noch übrig gebliebenen grauen Zellen mit den bunten Erinnerungen an sie. An uns. Aber ich will nicht jammern. Ich will mich besaufen. Mit irgendeinem Fusel aus diesem auf edel getrimmten Supermarktregal, vor dem ich seit zehn Minuten stehe und auf die Deko starre. Als ob irgendjemand wegen so ein paar künstlicher Weintrauben in der Ecke bereit wäre, mehr für die edlen Tropfen ohne Nuss auszugeben. Für mich spielt Geld heute sowieso keine Rolle. Hauptsache, vergessen. Mit fünf Flaschen schwerem Roten stelle ich mich an Kasse fünf an. Konsequent war ich schon immer.

Ich komme mir unheimlich männlich und dramatisch vor. Ein Mann redet nicht, ein Mann schluckt’    s runter. Und das bestimmt nicht mit Milch. Kasse zwei und drei sind zwar auch geöffnet, und die Schlange an der drei ist sogar noch kürzer als an der zwei, aber das stra­tegische Anstellen hab ich schon lange aufgegeben. Ich stehe grundsätzlich da, wo es am längsten dauert, altes Thema. Selbst wenn ich die Schlange im letzten Moment noch wechsle, weil vorn wieder eine EC-Karte streikt, will an der anderen Kasse garantiert einer was umtauschen. Das ist wie damals bei dieser Kindersendung »1, 2 oder 3« mit Michael-Plopp-Schanze. Ich stehe immer genau da, wo das Licht nicht angeht.

Aber was soll’  s, so kann’  s nicht weitergehen. Ab jetzt lege ich in meinem Leben grundlegend den Schalter um. Das Schicksal kann mich mal. Es hat keinen Sinn, darauf zu hoffen, dass sich mein Leben von allein zum Gu­ten wendet. Freundin verloren, Freiheit gewonnen – wird Zeit, das auch zu nutzen. Mein neues Lebensmotto : Welcher du’  s heute kannst besorgen, die vertröste nicht auf morgen. Einem wilden und ungezügelten Singleleben steht nun nichts mehr im Wege. Ich stehe dem endlich nicht mehr im Wege. Ein einsamer Wolf auf der Jagd. Bereit, jede Menge junger Rehe aufzureißen. Vor mir liegt praktisch das Paradies voll tabulosem und hemmungs­losem Sex. Es kann quasi überall passieren. Allein auf dem Weg zur U-Bahn kreuzen schon regelmäßig drei bis fünf potenzielle Kandidatinnen mein Revier. Ich müsste mich nur an ihre Fährte heften. Die Jagdsaison ist eröffnet!

 

 

Für die Extraportion Wahnsinn

Hamburg-Eimsbüttel, U-Bahn Haltestelle Emilienstraße, Punkt neun Uhr. Streng genommen, müsste ich um diese Uhrzeit bereits im Büro aufschlagen. Aber erstens verweigern in meinem Schädel gerade drei Aspirin ihren Dienst, und zweitens zwänge ich mich ja nicht aus purem Vergnügen jeden Morgen in eine versiffte Blechwurst mit Leuten, gegen die ich unter normalen Umständen einen gerichtlichen Mindestabstand von hundert Metern erwirken würde. Ergo zählt das hier für mich schon zur Arbeit, und die beginnt wie jeden Morgen um Punkt neun.

Gestern Abend hing ich um Punkt neun schon längst auf halb sieben. Mit anderen Worten : Ich war lattenstramm. Und weil, neben dem Mittagessen, noch so einiges mehr aus mir rauswollte, hab ich die Sache mit Lena in einem Song verarbeitet und ihn gegen die Wand ge­grölt. Gebracht hat das natürlich wenig, von wegen the­rapeutische Wirkung und so. Aber zumindest fühlte ich mich dabei wieder mal sehr dramatisch. Als ob das irgendjemanden gekümmert hätte. Meine Ex am aller­wenigsten. Die hatte bestimmt was ganz anderes im Kopf. Schätzungsweise den Schwanz meines Nachbarn. Was mir durch den Kopf ging, gehörte noch vor Kurzem einem wirklich guten französischen Winzer. Und einem italienischen. Und einem aus der Pfalz. Da es mit diesem vereinten Europa zwischen den Synapsen beim Komponieren etwas hakte, habe ich mir die Melodie ausgeliehen. Welcher Song hätte sich als Vorlage für ein Stück über ein Miststück wie Lena auch besser geeignet als »Leyla«, diese Unplugged-Nummer von Eric Clapton?!

_______________

Lena

Mein Bett ist kälter als dein Kühlschrank,

Meine Hose klinisch tot.

Durch meine Wand hör ich : »Oh Gott, Frank!«

Manchmal klingste dumm wie Brot!

Lena, Nachbar-Sex-Blues,

Lena, reicht’  s nich’  , wenn ihr schmust?!

Lena, Frauen wie du sind leider viel zu rar.

Turnt ihr das halbe Kamasutra?

Hört ihr irgendwann mal auf?

Du kommst wohl gleich, er ist wohl schon da,

Nur ich geh die Wände rauf.

_______________

Das Tollste an der Sache ist : Lena und ihr Stecher haben von meinen kreativen Ergüssen nichts mitbekommen. Und das nicht etwa, weil sie sich lautstark anderen Er­güssen hingegeben hätten. Nein. Als ich nur noch lallte, hörte ich, wie ihre Wohnungstür aufgeschlossen wurde. Sie waren also bisher gar nicht da gewesen. Erschöpft schlief ich auf dem Wohnzimmerfußboden ein. Bekommt man Rotweinflecken eigentlich am besten mit Salz oder mit Zucker raus?

Jedenfalls bin ich jetzt in der U-Bahn noch zu heiser, um mich über irgendetwas zu beschweren. Ich nehme es einfach hin. Im Großen und Ganzen gleicht diese tägliche Tortur meinem Leben : In der Regel kommt es für mich knüppeldick. Egal, welchen Sitzplatz ich mir aussuche – nach spätestens drei Stationen ist es immer der neben der fettesten, keuchendsten, schwitzendsten Frau im Zug. Gern mit einer fetttriefenden Papiertüte vom Zuckerbäcker in der Hand. Zimtschnecke, Streuselkuchen, Croissant – nur das Nötigste eben, um es irgendwie bis zum zweiten Frühstück zu schaffen. Sie selbst gleicht eher einem fleischgewordenen Big Mac – paradoxerweise mit Doppel-Whopper-Kinn. Wie eine dicke, fette Gewitterwolke schiebt sie sich zwischen mich und die blonde Sonne zwei Sitzreihen weiter. Neben der sitze ich na­türlich nie! Stattdessen versuche ich verzweifelt, Luft in meine zwischen Fett und Fenster zusammengequetschten Lungenflügel zu ziehen. Der einzige Vorteil dieser beengten Lage : Mein Magen wird ebenfalls zusammengedrückt und damit auf mehr oder minder natürliche Weise ge­schlossen. So bleibt der Würgereflex angesichts des warmen Specks, der dabei an meine Rippen gepresst wird, ohne Folgen.

Das einzige Highlight dieser Fahrten – neben dem un­beschreiblichen Glücksgefühl beim Aussteigen, noch einmal davongekommen zu sein – ist Berater-Barbie. Zumindest wird sie von den anderen so genannt. Manche erinnert sie sogar an einen Pornostar aus den Neunzigern. Eine Einschätzung, die ich durchaus teile. Der fleischgewordene Traum meiner früh- bis postpubertären Phase. Außerdem finde ich sie unfassbar hübsch! Pamela Anderson mit Stil. Leider ist sie viel zu schüchtern, um mich anzusprechen. Unsere erste Gemeinsamkeit. Berater-Barbie alias Viviane arbeitet bei uns als Senior-Beraterin. Auf dem kurzen Fußweg Richtung Agentur tun wir beide immer so, als hätten wir den anderen gar nicht ge­sehen. Was natürlich ein sicheres Zeichen dafür ist, dass eine gewisse Spannung in der Luft liegt. Mit kurzen Stromstößen im kribbeligen Amperebereich, wenn sich unsere Blicke aus Versehen doch treffen und wir sofort wieder angestrengt weggucken. Das mit uns wird also bis zum Ende der Paarungszeit nichts.

Egal, schließlich bin ich auf eine andere schon viel länger scharf : Florentine. Florentine Lecque. Ein Name wie ein Versprechen auf Ekstase bis in den roten Bereich. Sie spielt in einer dieser Vorabend-Soaps mit, die nur Leute mit geregeltem Feierabend gucken können. 90-60-90, die jeden in unter drei Millisekunden auf 180 bringen. Bei meinem Job als Werbetexter ist es gar nicht so un­wahrscheinlich, dass ich ihr, zum Beispiel auf einem Dreh für einen Spot, irgendwann mal über den Weg laufen werde.

»Die ist doch garantiert dumm wie Brot«, meint mein Lieblingskollege Nils, als ich ihm beim Frühstück in der Agentur zum wiederholten Male von ihr vorschwärme.

»Woher willste das denn wissen? Die hat immerhin Abi und studiert nebenbei noch Kommunikationswissenschaften und Soziologie oder so«, protestiere ich.

»Sag ich doch, dumm wie Brot. Meinetwegen wie Vollkornbrot, wenn sie Soziologie studiert, aber dumm.«

»Auf dem Niveau bin ich nicht bereit, diese Unterhaltung fortzusetzen«, antworte ich affektiert und drehe ab in mein Büro. Zelle wäre das passendere Wort für dieses vergitterte und verdreckte Loch. Der Putz, soweit überhaupt noch vorhanden, bröckelt von den Wänden, Farbe scheint so knapp zu sein wie damals in der Zone, und die Scheiben sind im Laufe der Jahre praktisch zu Milchglas geworden. Ich öffne das Fenster und lasse mich auf meinen Stuhl fallen. Bei uns arbeitet vor zehn sowieso keiner. Frühstücken, Facebooken, Mailen, Kaffeekochen und online wie offline Chatten gehen vor. Mit müdem Kopf kann man sowieso nicht klar denken – kreativ sein schon gar nicht.

Gegen kurz vor zehn trudelt dann auch meine Kollegin Jule ein, mit der ich seit einem Jahr das Büro teile. Wir kommen ziemlich gut miteinander aus. Solange man akzeptiert, dass hier jeder irgendeine Macke mit sich durch die Gegend trägt, läuft’  s rund. Mein erster Büro­nachbar redete nicht mehr als unbedingt nötig und hing so dicht über dem Laptop wie jemand mit minus zehn Dioptrien, aber ohne ausreichend Plus auf dem Konto für eine anständige Brille. Seine Nachfolgerin telefonierte so oft mit ihrem »Chéri«, dass ich über deren Beziehung besser informiert gewesen sein dürfte als ihre beste Freundin.

Mein aktuelles Gegenüber dagegen ist liebenswert überspannt. Von ihr höre ich jeden Tag mindestens einmal etwas wie :

»Du, äh, kannst du das vielleicht übernehmen? Ich bin heut so whoohooo in meinem Kopf, da kann ich mich grad unmöglich drauf konzentrieren.«

Dank meiner tiefenentspannten Grundhaltung bin ich bislang mit allen wunderbar klargekommen. Wahrscheinlich bin auch ich so ein gestörter Kreativer, aber man selbst merkt das ja nicht. Zum Glück. »Sag mal, wann müssen die Sachen für Dr. Scheiß eigentlich raus?« Dr. Scheiler, Medikamente und Drogen aller Art, ist einer unserer größten Kunden. Bringt keinen Spaß, aber viel Geld. Zumindest meinen Chefs.

Fragend linse ich über meinen iMac. Apple ist in einer hippen Werbeagentur selbstverständlich Pflicht. Jede an­dere Marke wäre für 95 Prozent der Individualisten hier ein fristloser Kündigungsgrund. Microsoft ist unter ihrer Würde.

»Morgen um neun haben wir dazu die letzte Abstimmung«, entnehme ich ihrem mit Marmeladenbrötchen und Cola light gemixten Gemurmel. Mit diesem zucker- und geschmacksbefreiten Abwaschwasser fängt sie schon morgens vor der ersten Zigarette an. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass sie gar nicht erst aufhört und sich rund um die Uhr damit betankt. Na ja, was Karl Lagerfeld am Laufen hält, sollte bei ihr auch funktionieren.

»Kinder, wir haben Stress!« Christian, unser Creative Director, in Fachkreisen auch CD genannt, stürmt in unser Büro. Wie immer wirkt er etwas gehetzt. Manche sollten den Kaffee als Wachmacher besser weglassen, die sind für meinen Geschmack schon wach genug. Könnte aber auch vom Koks kommen, wer weiß. Es sollen ja noch vereinzelte 80er-Jahre-Klischees frei rumlaufen. Er jedenfalls läuft immer auf höchster Drehzahl, auch wenn er mal wieder keinen Gang eingelegt hat und nicht vorankommt.

»Der Funki für Dr. Scheiß muss übermorgen aufn Sender, und wir ham noch nix! Noch gar nix!! Ham wir total verpennt.« Wir? Wohl eher die Beratung. Aber egal, ausbaden muss es immer die Kreation. Ob Headlines, Copys oder Funkis – sind ja schnell geschrieben, glauben zu viele zu gern. Die weit aufgerissenen Augen lassen keinen Zweifel an seinem aktuellen Paniklevel. Jule fährt sich gestresst durchs Haar. Mir ist klar, was jetzt kommt.

»Kannst du das übernehmen, Timo? Ich hab im Augenblick so viel aufm Tisch, da muss ich mich erst sortieren.«

»Logisch.«

»Super, Leute, dann schreibt fix was runter. Wir stimmen das auf Zuruf ab, und dann geht’  s ins Studio.« Und schon ist er wieder weg.

Ich werfe einen Blick auf das Briefing. »Oah, nee, für Fußpilzsalbe? Im Radio?«

Jule fällt vor lauter Grinsen fast der letzte Marmeladenbissen aus dem Kauwerk. »Na, das ist doch endlich wieder was für deine Mappe. ’ ne echte Chance für dich als Junior.«

»Ja, du mich auch! Wenn ich mich damit irgendwo bewerbe, laden die mich höchstens zum Gespräch ein, um zu sehen, über wen sie da die ganze Zeit lachen. Und auf der Weihnachtsfeier erzählen sie sich dann : Ey, weißt du noch, der mit dem Fußpilzspot? Zu geil, oder?«

Ich brauche erst mal frisches Wasser aus unserem Bazillenspender. Das Hirn muss schwimmen, um Höchstleistung bringen zu können. Trotzdem hocke ich mit leerem Kopf über dem weißen Blatt Papier und denke an Füße. Aus dem Augenwinkel sehe ich was Blondes ins Büro zwei Milchglasscheiben weiter huschen. Scheiße, ich hab Berater-Barbie um ein paar Sekunden am Wasserspender verpasst. Gut, steh sowieso noch mehr auf die aus der Soap, aber ein netter Anblick ist es trotzdem jedes Mal.

Zurück zum Fußpilz. Wie immer mache ich mir zuerst eine Stichwortliste, klassisches Brainstorming. Ideen ge­hören aufgeschrieben, sonst wird daraus nichts. Gedankenketten bilden sich bei mir nicht im Kopf, die muss ich sehen. Und am Ende bin ich immer überrascht, über welche Stichpunkte ich letztlich auf die entscheidende Idee gekommen bin. Also : Füße, Zehen, großer Onkel, Küchentisch, Lena – falsche Richtung. Noch mal von vorn : Ferse, Haut, Hornhaut, Hühnerei, Überbein, Achillesferse. Achillesferse, das könnte was sein, hat zumindest eine doppelte Bedeutung.

»Die Achillesferse für jeden Fuß? Fußpilz!« oder so ähnlich. Nee, zu fußlahm. Weiter : Schuhe, Strümpfe, So­cken. Das ist es! Aus Socken lässt sich was zaubern.

_______________

Der Funkspot : One-Night-Stand

( Soundeffekt : Schlafzimmer-Musik )

Sie : »Nimm mich!«

Er : »Komm her!«

( Soundeffekt : Geknutsche, Stöhnen )

Sie : »Sag mal, willst du deine Socken etwa anbehalten?«

Er : »Äääähhhhhmmmm …«

Off-Sprecher : »Fußpilz? Kein Problem, mit Pilzo forte von Dr. Scheiler – dem besten Rezept für den empfindlichen Fuß. Dr. Scheiler – ohne Fußpilz ist das Leben geiler. )

Zu den riesigen Nebenwirkungen blablabla …«

_______________

Mit stolzgeschwellter Brust renne ich sofort ins Büro von meinem CD.

»Boah, ist das schlecht! Ist mir übel! Genau das Richtige, super! Timo, auf dich ist Verlass. Casten, aufnehmen, und weg mit dem Dreck!«

»Wie? Muss das vorher nicht noch mit dem Kunden abgestimmt werden?« Es scheint wirklich extrem eilig zu sein.

»Nee, Dr. Scheiler persönlich lässt uns völlig freie Hand, weil’ s so eilt. Er hat da vollstes Vertrauen. Zu Recht, wie ich finde«, grinst er und widmet sich wieder seinem Facebook-Account.

Zufrieden gehe ich zurück in mein Büro und überlege : Ob ich noch einen Jingle dazu schreibe? Eigentlich gibt es die heute ja nur noch von Provinzhändlern, die wer­betechnisch sowieso zwanzig Jahre hinterherhinken. So ge­sehen, würde es gut zu Dr. Scheiler passen. Wer jedenfalls ein Wort wie »Musterhausküchenfachgeschäft« von einer ewig hoffnungsvollen Nachwuchssängerin trällern lässt, muss schon ziemlich gar sein im Kopf. Zum Glück wird man mit schlechten Jingles meist nur im Radio be­lästigt. Die im Fernsehen hingegen liebe ich. Kult! »Waschmaschinen leben länger mit Calgon!«, ist so ein Klassiker. Und es wirkt. Warum und vor allem wie sollte man sich das sonst merken?

Oder der hier : »Mein Enkelsohn, der Fred, der ist so gerne Steak, drum brat ich ihm mal eins, mal zwei …« Weiter weiß ich nicht. Hat mir aber in der Schule zusammen mit meiner Sitznachbarin über eine ganze Deutschstunde hinweggeholfen, indem wir ihn immer wieder angestimmt haben. Aber weil ich mich nicht mehr an die Marke erinnern kann, würde ich sagen : jingletechnisch ein Hit, markentechnisch ein Flop.

Der hier hingegen hat auf ganzer Linie funktioniert : »Kaum steh ich hier und singe, kommen sie von nah und fern und fangen an zu knabbern, sie ham halt Ültje gern. Sie singen, und sie tanzen, sie lachen, und sie schreien und wollen noch mehr Ültje, die leckren Knabberein. Komm auch du, greif zu, komm auch du, greif zu!« Den Mann mit Fliege und Bauchladen sehe ich bis heute vor mir. Nie gegessen das Zeug, aber hübscher Song.

Langnese, McDonald’ s und Coca-Cola spielen natürlich in einer eigenen Liga. Ich krieg sofort Gänsehaut, wenn ich an den Typen denke, der sein kaputtes Motorrad die Schnellstraße entlangschiebt und dann bei McDonald’ s ankommt, untermalt von : »Stell dir mal vor, da gibt’ s einen Platz, du weißt schon wo, da schenkt man dir ein Lächeln und so : Einfach gut, McDooonald’ s ist einfach gut, nanananana na na na, alles klar für den Tag, McDonald’ s ist einfach gut.« Ich liebe es! Nur konnte ich mir nie den ganzen Text merken. Außer beim Milka-Spot mit dem Alm-Öhi und »It’ s cool man«. Den konnte ich schon nach dem dritten Mal auswendig. War zwar kein Jingle, aber in meiner Klasse trotzdem ein Hit. Und kurze Zeit später wurde das sogar zu einem Eurodance-Song verwurstet, insofern war es weit mehr als nur ein Jingle. Angesichts des knappen Timings wird die Welt auf einen Fußpilz-Hit aber wohl verzichten müssen.

Nach einer Stunde habe ich mir aus den Casting-Vorschlägen vom Tonmeister einen Sprecher und eine Sprecherin ausgesucht. Vier weitere Stunden später sitze ich bereits im Studio. Definitiv eine der angenehmsten Seiten meines Jobs. Man kommt mal raus, fühlt sich hinter den Reglern ein bisschen wie P. Diddy, nur ohne Kohle, und kriegt auch noch leckere Teilchen serviert. Marzi­pan-Rosinen-Schnecken, Schokocroissants, kleine Ame­ri­kaner – Kalorienbombenangriff. Kollateralschaden : Das Sixpack muss sterben. Okay, müsste sterben, wenn ich denn eins hätte.

»Hi, ich bin Timo. Ich hab das Ding geschrieben. Sorry dafür im Voraus. Einfach an die Kohle denken«, begrüße ich das Sprecherpärchen. Gute Laune verbreiten ist immer wichtig bei sensiblen Schauspielerseelchen, die eigentlich alle für den Hamlet geboren wurden. Oder für die Julia.

»Für dreihundert Euro nehm ich’ s dir nicht übel«, lacht Berthold, der männliche Part meines gleich in wilde Ekstase verfallenden Liebespärchens. Was muss der für eine schlimme Kindheit gehabt haben, bei dem Namen? Mit Schulhofsprüchen wie : »Bert, wo haste denn Ernie gelassen?« Wahrscheinlich konnte er damit überhaupt nichts anfangen, weil Eltern von einem Berthold grundsätzlich den Fernseher aus ihrem Bildungsbürgerhaushalt verbannen. Läuft doch nur Schund, der an allem schuld ist – von Gewalt bis Gehirnwäsche. Und so konnte Berthold bestimmt auch nicht bei fachkundigen Grundschulrezensionen über die letzte Folge »Knight Rider« mitreden. Arme Sau.

Die Sprecherin heißt tatsächlich Julia. Mit dem Schoko­croissant in den Backen kann sie zwar im Moment nichts sagen, nickt aber zustimmend. Zu was eigentlich? Hab meinen dummen Spruch von eben schon wieder vergessen.

»Gut, also, ihr spielt gleich ein Liebespaar, das wild übereinander herfällt. Nur bei ihm wuchert der Pilz zwischen den Zehen, und deshalb will er die Socken lieber anbehalten. Lohnt sich ja eh nicht, die Dinger für die zwei Minuten auszuziehen«, beginne ich mit meinen Regie­anweisungen. Ich denke, Spielberg macht es ähnlich. Brüder im Geiste.

»Vielleicht bringt er’ s ja länger als du«, grinst Julia, die ihr Schokocroissant mittlerweile durch eine Marzipanschnecke ersetzt hat.

»Das ist mir vorher noch nie passiert, das hab ich dir doch gestern Nacht gesagt«, versuche ich zu kontern.

»Das hättest du wohl gern«, stupst sie mich in die Seite.

Bill, der Tonmeister ( Typ angehender Weltrockstar, den die idiotischen Plattenmulti-Ignoranten bisher übersehen haben, mit Dreadlocks und abgefahrenem Shirt ), be­gleitet mein Traumpaar ins Aufnahmestudio und pe­gelt die Mikros ein. Seit Tokio Hotel wird das bei dem Vornamen Bill eh nichts mehr mit dem coolen Rockstar­image.

Wieder zurück, schaltet er das Mischpult ein und schaut mich an : »Gut, von mir aus kann’ s losgehn.«

Lässig hebe ich die Hand : »Okay, dann, Ton läuft, One-Night-Stand, die Erste – und bitte.«

Julias Takes klappen sofort. Nur Berthold kämpft etwas mit der Leidenschaft. Nach dem dritten Versuch breche ich ab : »Berti, geht das › Komm her ‹ noch etwas geiler? Das klingt noch ein bisschen wie so ’ n Lehrer, der einen Schüler tadelt, und weniger nach Ekstase. Also, weniger Lehrer, mehr Lude.«

Berthold gibt alles. Und schafft es im elften Versuch. Zufrieden lehne ich mich zurück. »Wahnsinn! Ich weiß nicht, wie’ s euch geht, aber ich würde das Zeug sofort kaufen. Dann brauchen wir jetzt nur noch das Off, und dann ab damit.«

Zurück in der Agentur, klingelt mein Telefon, am anderen Ende ist Nils :

»Hey, Timo, wird Zeit, dass du mal wieder unter Leute kommst. Eine Bekannte hat Besuch von ihrer Freundin aus Zürich, und wir wollen heute Abend an der Alster noch was trinken gehen. Und du bist dabei!«

»Ach was, bin ich das? Wie sieht die denn aus?«

»Welche von beiden?«

»Egal, die, die du mir übrig lässt.«

»Franzi? ’ ne glatte Zehn!«

»Ja sicher. Gehen wir zusammen hin?«

»Nee, ich muss die beiden vorher noch abholen. Würde vorschlagen, wir treffen uns am Alsterpavillon, so gegen acht, und dann gucken wir mal.«

»Läuft.«

»Super. Ich muss Schluss machen, hab ’ nen Kunden auf der anderen Leitung. Bis acht.«

Eine glatte Zehn aus Zürich. In Wirklichkeit also eine Sieben bis Acht, die in ihrem Schwyzerdütsch überall ein »li« ranhängt. Egal, Hauptsache, ich hab keine Zeit, an Lena zu denken.

Heiko Thieß

Über Heiko Thieß

Biografie

Heiko Thieß, geboren 1979, lebt als Single und Werbetexter in Hamburg. Nach unzähligen Songtexten, einigen Kurzgeschichten und einem frühen Roman – den man nach eigener Aussage niemandem guten Gewissens zumuten kann – hat er mit »Arschkarte« und »Dicke Eier« bereits zwei Romane um seinen...

Medien zu »Arschkarte«


Pressestimmen

Lübecker Nachrichten, Kultur Magazin

»Heiko Thieß bereichert mit ›Arschkarte‹ das Genre des Männerromans und präsentiert lässig großes Kino mit einem durchschnittlichen Helden.«

Lars Niedereichholz (Mundstuhl)

»Genial! Das lustigste Buch, seit es Männerromane gibt!«

Kommentare zum Buch

Arschkarte
pepponeh / LovelyBooks am 30.09.2015

Ein echtes Gute-Laune-Buch, das sicher nicht mein einziges von Heiko Thieß bleiben wird.Dieses Fazit ist ursprünglich auf www.lovelybooks.de erschienen.

Arschkarte
Betsy / LovelyBooks am 30.09.2015

Vorhang auf für die männliche Bridget Jones! Einfach herrlich! :)   Dieser Leseeindruck ist ursprünglich auf www.lovelybooks.de erschienen.

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