Bücher zweiter Weltkrieg
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Ein Moment der Hoffnung in Italiens

dunkelster Stunde

 

Nicoletta Giampietro im Gespräch

Über die Arbeit an ihrem Roman „Niemand weiß, dass du hier bist“, dessen Verbindung zu ihrer Familiengeschichte und die Erkenntnisse der Recherche.

Ihr Roman spielt in den 1940er Jahren in Siena. Sie sind in Mailand geboren und aufgewachsen. Wie sind Sie darauf gekommen, die Geschichte in die Toskana zu verlegen?

Die Familie Giampietro gehört ursprünglich altem italienischem Landadel an, aus der heutigen Region Basilicata, in Süditalien. Meine direkten Vorfahren großväterlicherseits ließen sich jedoch vor mehreren Generationen in Siena nieder. Sie besaßen dort einige Palazzi, die der Familie im Laufe der Zeit verloren gingen. Bis auf ein Haus am Rande der Altstadt. Und in diesem wunderschönen, etwas unheimlichen Haus spielt mein Roman. Rund um das Haus ist Siena heute weniger stark von Touristen überlaufen und dadurch ursprünglicher geblieben. Die schönsten Erinnerungen an meine Kindheit führen mich in dieses Haus zurück. Als meine Schwester und ich klein waren, haben wir immer zu Allerheiligen unsere Großtanten Maria und Lillì dort besucht. Wir liebten diese Stadt, die so viel schöner war und so viel besser roch als das graue Mailand, wo wir wohnten.

Das Buch speist sich also aus der Geschichte ihrer Familie?

Ja und nein. Meine Familie und ihre Erzählungen waren für viele Figuren und Episoden der Geschichte Vorbild. Besonders die ungewöhnliche Kindheit meines Vaters Guido. 1933 hatte er gerade die erste Klasse der Grundschule abgeschlossen, als mein Großvater, Offizier der Pioniere, von Neapel nach Rom versetzt wurde. Während des Umzugs sollte mein Vater in Siena bei seinem Großvater und den zwei Tanten Maria und Lillì den Sommer verbringen. Weil sie ihn so gerne bei sich hatten, wurden aus den wenigen Wochen vier Jahre. Er sah seine Eltern nur zweimal im Jahr. Als kleines Mädchen hat mich das fasziniert und entsetzt zugleich. Wie konnten sie ihm so etwas antun? Es gab schließlich keine Notwendigkeit, noch herrschte Frieden. Mein Vater hat immer felsenfest behauptet, nicht darunter gelitten zu haben. Ganz geglaubt habe ich ihm das nicht, und im Roman spielt die Trennung der Hauptfigur Lorenzo von seinen Eltern eine wichtige Rolle.

Und inwiefern lösen Sie sich vom biografischen Vorbild?

Mein Vater ist nicht Lorenzo! Ich habe mir die schriftstellerische Freiheit genommen, über die Geschichte meiner Familie hinauszugehen. Anfangs hat mich die Tatsache beeindruckt, dass meine Familie während der deutschen Besatzung für einige Wochen einen jungen jüdischen Arzt aus Polen versteckt hat, Igio Steinwurzel. Er überlebte den Krieg und heiratete später die beste Freundin von Zia Lillì. Diese Episode beeinflusste den Roman, hat mich aber auch dazu gebracht weiter zu recherchieren.

Die meisten jüdischen Familien von Siena konnten fliehen oder sich verstecken, auch dank der Hilfsbereitschaft eines Teils der Bevölkerung – und des Präfekten Giorgio Chiurco, der sie warnen ließ. Doch eine Familie schlug alle Warnungen in den Wind und wurde nach Ausschwitz deportiert. Auch Ferruccio, der dreizehnjährige Sohn der Familie. Als meine jüngste Tochter diese Geschichte hörte, war sie schockiert. Aus unserer gemeinsamen Auseinandersetzung wurde schließlich der Kern des Romans geboren. Es ging mir dabei auch darum, einen hoffnungsvollen Gegenpunkt zu setzen.

Was hat Sie bei der Recherche beeinflusst?

Einmal war da natürlich der große Schatz an Anekdoten meiner Familie. Beispielsweise zogen meine Großeltern 1937 mit ihren zwei Kindern nach Tripolis. Libyen war damals italienische Kolonie. Einige Erinnerungen meines Vaters habe ich in den Roman einfließen lassen: Mein Opa hatte dort einen Militärburschen, M’barek, der auch im Haushalt half. Auf ihm basiert die Roman-Figur Hakim. Als sie schließlich nach Siena zurückkehrten, lebte im Haushalt die wunderbare alte Haushälterin Cesira, die von allen sehr geliebt wurde. Auch sie hat Eingang in den Roman gefunden.
Viele andere Episoden im Roman gehen auf historische Tatsachen zurück. Oft, wie zum Beispiel bei der Vergeltungsaktion der Deutschen an dem Dorf Sant’Ansano, habe ich aus schriftstellerischen Gründen Namen und Details geändert.

Die Recherche wurde für mich zu einer wahren Entdeckungsreise. Es war nicht leicht, gute, vor allem objektive Fachliteratur über diese Zeit zu finden. Ich war erstaunt, wie wenig in den vergangenen Jahrzehnten über den italienischen Faschismus, die Zeit der Besatzung und dem damit verbundenen Bürgerkrieg geforscht wurde. Und ich war empört zu entdecken, wie viel in meiner Jugend in Italien verschwiegen, verdreht, behauptet und gelogen wurde, nur um sich nicht offen und ehrlich mit dieser Zeit auseinanderzusetzen. Das Fehlen dieser Auseinandersetzung ist eine der Wurzeln der verheerenden Probleme, mit denen Italien in den folgenden Jahrzehnten, und zum Teil heute noch zu kämpfen hat.

Niemand weiß, dass du hier bistNiemand weiß, dass du hier bist

Roman

Eine große, hoffnungsvolle Geschichte über Mut und Freundschaften, die größer sind als jede Ideologie. Atmosphärisch, warm und voller erzählerischer Kraft.Siena, 1942. Der zwölfjährige Lorenzo soll den Krieg bei seinem Großvater und seiner Tante überstehen. Noch ist es in der Toskana friedlich. Auf den weiten Plätzen der verwinkelten Stadt freundet er sich mit Franco an, der seine glühende Verehrung für den Duce teilt. Die Begeisterung bekommt erste Risse, als er Daniele kennenlernt. Daniele ist Jude. Als die Deutschen die Stadt besetzen und beginnen, jüdische Familien zu deportieren, kann Lorenzo nicht zusehen. Doch seine Entscheidung bringt nicht nur seine Freundschaft mit Franco in Gefahr, sondern auch seine Familie und ihn selbst.
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