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Bücher über das Sterben, Tod und Trauer

Bücher über Tod und Trauer

Sterben, Tod und Trauer sind unumgänglich, für jeden von uns. Und doch wissen wir kaum etwas darüber. Was passiert mit unserem Körper, wenn du stirbst? Was geschieht mit unserem Leichnam, bis man bestattet wird? Wie gehen andere Kulturen mit Verstorbenen um? Wie können wir uns spirituell und emotional auf den Tod und auf Trauer vorbereiten? Unsere Autoren beantworten die wichtigsten Fragen zum Umgang mit dem Tod und zeigen Wege zur Trauerbewältigung auf.

Die Begegnung mit einem trauernden Menschen – Was du auf keinen Fall sagen solltest und was hilfreich ist!

Die Trauerbegleiterin Karin Biber erklärt wie es gelingt, nach einem Schicksalsschlag wieder positiv durchs Leben zu gehen.

Darunter litt ich am meisten. Menschen, die mir auf der Straße begegneten und Worte an den Kopf warfen, die mich verletzten. Wir Menschen haben Angst vor den eigenen Gefühlen und genau deshalb fällt es uns schwer in der Nähe eines Trauernden die richtigen Worte zu finden. Wir wollen eine Lösung, die Tränen wegmachen und loswerden. Schnell greifen wir auf vorgefertigte Floskeln zurück, und wissen nicht, was wir dem Trauernden damit antun. Hier meine Top 5 Sätze, die absolute No Gos sind und Vorschläge, wie du besser reagierst.

Die Zeit heilt alle Wunden

Nein, Zeit heilt keine Wunden. Das aktive Durchleben und Durchgehen aller Gefühle heilt das Herz. Aber kein Trauernder möchte vor allem in den ersten Wochen genau diese Satz hören. Er suggeriert nur, dass die Trauer der Person nicht sein darf und weg sein „muss“.

Du musst nun stark sein

Gar nix muss der Trauernde jetzt nach seinem Verlust. Er darf schwach sein, und alles darf zu viel sein. Das ist Trauer und wahre Stärke ist, diese zuzulassen und sich ihrer anzunehmen.

Das Leben geht weiter

Jedem Trauernden ist das bewusst. Und er macht weiter, jeden verdammten Tag aufs Neue. Nicht mehr wie vorher, nicht mehr im gleichen Tempo und nicht mehr mit nur einem Lächeln im Gesicht und genau das darf so sein.

Trauerst du etwa immer noch?

Einer der meist ausgesprochenen Sätze, die den Trauernden meistens nach wenigen Wochen oder Monaten erreicht. Trauer hat niemals ein Ende, denn der verstorbene Mensch bleibt schließlich tot. Und die Trauer ist nur Ausdruck der Liebe, die niemals vergehen wird. Trauer wandelt sich nur mit der Zeit und auch Freude findet daneben wieder ihren Platz. Das eine schließt das andere nie aus. Beides steht nebeneinander und darf gleichzeitig sein.

Er/Sie ist nun an einem besseren Ort

Falsch. Der beste Ort war nämlich hier, neben mir. Vor allem gläubige Menschen versuchen damit häufig zu trösten. Leider kommt das nicht an, weil man die Person einfach vermisst und hier haben mag.

Besser:

Ehrlichkeit: Ich weiß nicht, was ich sagen soll, ich habe selbst Angst vor diesen Gefühlen und bin überfordert mit der Situation.

Fragen nach dem Verstorbenen: Hast du ihn/sie selbst gekannt? Teile schöne Erinnerungen mit dem Trauernden. War dir die Person fremd, frag nach ihrem Wesen, nach gemeinsamen Erlebnissen.

Zuhören und Bestätigen: Lass die trauernde Person sprechen und erzählen und bestätige, wenn Worte kommen wie etwa „Ich vermisse ihn/sie so“ „Ich bin so traurig“ „Ich habe keine Kraft mehr“ mit Worten wie „Ich verstehe dich sehr gut“ „Du darfst traurig sein“ „Es darf sich grad schwer anfühlen“.

Aushalten: Kann die trauernde Person nicht viel reden und weint ausschließlich, halte es mit ihr aus, weine mit, teile die Traurigkeit und sei einfach nur da und schenke Halt.

Aktive Hilfe: Bring Essen vorbei, gehe einkaufen, putze oder mach den Haushalt, übernehme Aufgaben. Helfe aktiv, gehe hin und tue etwas, anstatt nur zu sagen, dass sich die trauernde Person melden kann. Sie wird es nämlich nicht tun.

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Larissas VermächtnisLarissas Vermächtnis
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Der schreckliche Mord an meiner Schwester und mein Weg zurück ins Leben

2013 verschwindet Katrin Bibers Schwester Larissa spurlos auf dem Heimweg von einer Party. Kurz darauf wird klar, dass ihr damaliger Freund sie ermordet hat. Es folgt eine lange schmerzvolle Zeit für Katrin und ihre Familie. Auch viele Angehörige und Freunde sind mit der Situation vollkommen überfordert. Irgendwann fragt sich Katrin, was ihre lebenslustige Schwester in ihrer Situation wohl getan hätte. Also zieht sie ihre Sportschuhe an und beginnt, ihrer Trauer mit Bewegung zu begegnen – es wirkt! Katrin Biber erzählt, wie sie es geschafft hat, das erste Jahr nach dem Schicksalsschlag zu überstehen und wieder positiv durchs Leben zu gehen. Geleitet hat sie dabei stets das Lebensmotto ihrer Schwester: „Lebe. Lache. Liebe.“
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SeelenSportSeelenSport

Bewege deinen Körper und stärke deine Seele - Trauer, Wut und Angst im Training bewältigen

Bewegung und Trauerarbeit – ein innovatives Therapie- und Trainingskonzept Überwältigende Emotionen wie Angst, Trauer und Wut können über unser Leben bestimmen und uns Schachmatt setzen. „SeelenSport“ hilft Ihnen mit diversen Übungen gestärkt in den Alltag zurückzufinden. Wie kann man einen überwältigenden Verlust eines geliebten Menschen verwinden, der gewaltsam aus dem Leben gerissen wurde? Diese Frage musste sich Trauerbegleiterin und Gründerin des SeelenSport-Projekts Katrin Biber zwangsläufig stellen, als ihre 21-jährige Schwester von ihrem Freund ermordet wurde. Anschließend kämpfte sie nicht nur mit der Trauer, sondern auch gegen psychosomatische Störungen wie Schlafprobleme, Herzrasen und Angstattacken, die sie in ein tiefes Loch rissen. Es waren schließlich Sport und Bewegung, die sie retteten. Anstatt sich aber in einem stickigen, lauten und überfüllten Fitnesscenter anzumelden, fand sie erste hilfreiche Übungen im Internet und spürte schon nach wenigen Wochen die ersten Fortschritte. Hieraus entwickelte Katrin Biber das Projekt und das Buch „SeelenSport“, mit dem sie ihre Erfahrungen mit anderen Menschen teilt, die mit scheinbar unüberwindbaren emotionalen Schmerzen zurechtkommen müssen. Bewegte Gefühle statt plumper Muskelaufbau „SeelenSport“ setzt nicht auf teure Trainingsgeräte oder Zusatzgewichte, damit Sie den nächsten Bodybuilder-Wettbewerb gewinnen. Die Trainingsmethoden unterstützen Sie dabei, Muskulatur aufzubauen, fitter und agiler zu werden. Gleichzeitig lernen Sie, Ihre Gefühle zu konfrontieren und durch Bewegung auszu- statt zu unterdrücken. Wohltuender Gegenentwurf zum schnelllebigen Fitnesswahn Sie haben keine Willenskraft, um sich ins nächste Fitnessstudio zu schleppen? Wenn die negativen Denkmuster zusätzlich jeden Tag zur Qual machen, stellt „SeelenSport“ eine beruhigte Alternative dar, um die emotionalen Herausforderungen des Alltags durch gesunde Bewegungsabläufe zu meistern. Katrin Biber lädt Sie in ihr Sportstudio für die Psyche ein.

Vorwort

Gefühle – sie begegnen dir jeden Tag, bei deinen Mitmenschen und bei dir selbst. Die meisten von ihnen nimmst du nicht bewusst wahr, und doch sind sie immer da. Angst, Freude, Wut, Scham, Traurigkeit, Liebe, Mut, Stolz, Verachtung und viele mehr bestimmen unser Verhalten, unsere Reaktionen und Handlungen, lenken unsere Beziehungen. Sie steuern so ziemlich alles in deinem Alltag. Manchmal sind sie fast nicht zu bemerken, an anderen Tagen spürst du sie ganz deutlich.
Im Normalfall brodeln sie nur kurz in dir auf, du reagierst, und die Gefühlslage beruhigt sich wieder. Aber dann gibt es diese außergewöhnlichen Zeiten im Leben – Verluste, Krisen, Schicksale, aber auch Errungenschaften und positive Veränderungen. Die Gefühle beginnen dich einzunehmen, zu kontrollieren. Da ist nicht mehr nur ein kurzer Moment des Ärgers, ein Aufflackern von Furcht, ein Tränchen aus Traurigkeit oder ein Luftsprung vor Freude. Stattdessen bist du rasend und kaum zu bremsen, verfällst bei alltäglichen Handlungen in Angst, fühlst dich verunsichert und eingeschüchtert und glaubst, ein Tennisball stecke in deinem Hals, der Wasserfälle aus deinen Augen drücken könnte. Oder du möchtest den ganzen Tag tanzen und schwebst wie auf Wolken. Bitte mehr von diesen glücklichen Dauerzuständen, denn sie schenken uns Kraft und fühlen sich gut an! Das Leben ist jedoch kein Wunschkonzert. In Wahrheit beschäftigen uns die belastenden Gefühle viel mehr, wenn sie zu einem Dauerzustand werden und die Freude Urlaub macht auf einem weit entfernten Planeten. Wohin also mit den schweren Gefühlen, die dich erdrücken und nicht von dir weichen wollen? Runterschlucken, wegessen, wegtrinken, ignorieren und verdrängen, dich davon ablenken? Das tun die meisten, vielleicht auch du. Und auch ich habe es viel zu lange so gemacht. Bis ich eines Tages einen Weg entdeckt habe, anders damit umzugehen.
Stell dir vor, du lernst deine Gefühle kennen wie bei einem Date, du erforschst sie und verstehst sie nach und nach. Du näherst dich ihnen an, magst sie langsam sogar irgendwie, auch die unangenehmeren, weil du erkennst, dass sie im Grunde wie ein geliebter Partner sind, der dich durch dein Leben begleitet. Manchmal streitest du mit ihnen, willst auf Abstand gehen, ein anderes Mal hörst du ihnen zu und gehst auf sie ein. Und wie bei einer guten Beziehung gilt auch im Umgang mit deinen Gefühlen: Hauptsache ist, du bleibst im Austausch, im Gespräch mit ihnen und ignorierst sie nicht zu lange. Das haben sie nicht gerne.
Stell dir vor, du könntest all diese Gefühle in Bewegung bringen, deinen Körper dafür nutzen, um ihnen Ausdruck zu verleihen, und ihn gleichzeitig kräftigen. Bist du bereit, die Kraft deiner Gefühle kennenzulernen, sie in dein Leben zu integrieren, statt sie zu ignorieren?
Trainieren nach Gefühlen klingt komisch, ergibt aber viel Sinn. Denn deine Gefühle sind das wundervollste Geschenk, das du jemals bekommen hast. Sie machen dich lebendig, dein Leben bunt und, wenn du sie gut kennst, auch stark und unabhängig. Wenn du sie zulässt und willkommen heißt, zeigen sie dir, was du gerade brauchst und was dir guttut.
Die Geschichten, Erfahrungen und Hilfestellungen in diesem Buch gehen zurück auf meine eigene Schicksalsgeschichte und meine vielen Begegnungen mit anderen Menschen und deren Gefühlswelten. Menschen, die Verluste erlebt haben und mit denen ich trainiert habe. Menschen wie du und ich, die im Alltag von ihren Gefühlen überfordert waren und deren Körper dadurch stark beansprucht wurde. Wenn ich von diesen Menschen spreche, meine ich fast ausschließlich Frauen. In 95 Prozent der Fälle sind sie es, die den SeelenSport in Anspruch nehmen. Deshalb spreche ich immer von „meinen SeelenSportlerinnen“. Obwohl Männern mein Konzept genauso helfen kann, weiß ich, dass sie sich eher Hilfe von anderen Männern holen. Warum das so ist, kannst du in dem Buch Männer trauern anders von Thomas Achenbach nachlesen. Deshalb freut es mich besonders, dass es auch männliche SeelenSport-Trainer gibt! Alle Trainer*innen findest du auf meiner Webseite seelensport.at/trainerinnen.
Ich bin also keine Gefühlsforscherin, ich bin auch keine Ärztin oder Psychologin. Ich bin eine stinknormale Frau, die sich nach einem heftigen Schicksalsschlag der menschlichen Gefühlswelt gewidmet hat und diese in ein körperliches Training integriert hat. Ich bin hingefallen und wieder aufgestanden, und das nicht nur ein Mal. Und jedes Mal wieder hat mich die Auseinandersetzung mit meinen Gefühlen motiviert und bestärkt.
Du wirst hier also nicht nur Wissenschaftliches finden, sondern auch Geschichten aus dem Alltag, in denen du dich sicher selbst wiedererkennen kannst. Dieses Buch soll dich nicht verwirrt zurücklassen, mit Tausenden von Begriffen, deren Namen man kaum aussprechen kann. Stattdessen soll es dir eine Orientierung geben, wie dich deine Gefühlswelt beeinflusst und wie du die Zügel wieder in die Hand nehmen kannst. Im hinteren Teil dieses Buches erwartet dich deshalb ein Training voller Gefühle. Für weiterführende Informationen findest du ganz am Ende Fachliteratur zu jedem Kapitel.
Zuletzt noch ein wichtiger Hinweis: Das von mir entwickelte Konzept des SeelenSports ist auf gesunde Menschen ausgerichtet. Das bedeutet wohlgemerkt nicht „glückliche, zufriedene, vor Freude sprühende Menschen“ – denn auch wenn du nach einem schweren Verlust in ein tiefes Loch gefallen bist, bist du nicht zwangsläufig krank. Aber wenn du dir unsicher bist, ob deine Trauer und dein Schmerz die Grenzen des „normalen“ Leids nicht vielleicht überschreiten, solltest du dir professionelle Hilfe suchen. Am Ende des Buches findest du einen Überblick über entsprechende Hilfsangebote. Denn SeelenSport ersetzt keine Psychotherapie – auch wenn sie in Verbindung damit sehr gute Erfolge erzielen kann.


Warum es SeelenSport gibt

Eine Katastrophe nach der anderen

Ich habe als Kind und Jugendliche, wie jeder und jede andere, die ganze Palette der Gefühle kennengelernt. Wie ich damit umgehen sollte, lernte ich nicht explizit. Niemand von uns tut das, denn im Grunde können wir instinktiv auf unsere Gefühle reagieren und sie handhaben. Nur verlernen wir das mit zunehmendem Alter durch Anpassung an unsere Gesellschaft.
Als ich zu studieren begann, wurde mein Leben – wie das so vieler Menschen – spannungsgeladener. Beziehungskonflikte, Streitigkeiten und Ärger mit meinen Eltern, Stress in der Universität. Alles zusammen brachte neue Gefühle hervor. Da waren Ängste vor dem Versagen und viel Traurigkeit und Überforderung, Mutlosigkeit und Einsamkeit, aber auch Wut und Zorn. Ich verdrängte und ignorierte sie, beschäftigte mich nicht weiter mit ihnen. Sie waren wie ein lästiger Kaugummi, der an meinen Schuhen klebte und nicht abgehen wollte. Immer wieder rüttelte ich dran, manches fiel ab, doch Reste blieben weiter kleben.
Dann wurde bei meiner Mutter 2011 ein Augentumor diagnostiziert. Ich spürte erstmals, dass es schwieriger wurde, meine Emotionen weiter zu ignorieren. Am Kaugummi blieb viel anderer Müll vom Boden kleben, und der Klumpen an meinem Fuß wurde größer. Trotzdem schüttelte und streifte ich weiter ab, nur mit etwas mehr Kraftaufwand. Ein Jahr später hatte ich eine Myokarditis, eine Herzmuskelentzündung, an der ich beinahe gestorben wäre. Ich war damals auf Interrail-Tour durch Frankreich, Spanien und Portugal, als ich plötzlich Magen-Darm-Probleme bekam, die mit jedem Tag schlimmer wurden. Offenbar ein Virus, durch Essen oder Getränke verursacht. Tage später in Lissabon spürte ich vermehrt Druck auf meiner Brust und hatte Atemprobleme. Ich kam in die Notaufnahme. Kurze Zeit später erhielt ich die Diagnose. Ich war zehn Tage in der portugiesischen Klinik, bis ich wieder mit dem Flieger nach Hause durfte. Es dauerte Monate, bis ich mich vollständig davon erholt hatte.
Woher kam diese Krankheit so plötzlich? Ja, von einem Virus. Aber ich hatte ein schlimmes Jahr hinter mir, mit vielen Gefühlen, die ich unterdrückt hatte. Der kleine Kaugummi war ein Klotz am Bein geworden, der sich kaum mehr ignorieren ließ. Ich funktionierte und arbeitete in dieser Zeit, um mich abzulenken. Mein Körper war jedoch geschwächt und besonders anfällig. Das wusste ich und ignorierte es gekonnt weiter. Vielleicht sollte ich endlich besser auf mich schauen, hinschauen, was meine Gefühle mir sagen möchten, kam es mir immer öfter in den Sinn. Doch wieder wusste ich nicht, wie – also ignorieren, weitermachen, funktionieren.
Monate später, Anfang 2013, hatte ich einen schweren Skiunfall. Die Folge: Kreuzbandriss. Ich wurde operiert und bekam eine Beinvenenthrombose. Wieder in großer Gefahr, war ich gezwungen, nach Hause zu meiner Mutter zu ziehen und nichts zu tun. Erstmals hatte ich Zeit, um über mein Leben und die Schicksalsschläge darin nachzudenken. In mir keimte der Gedanke auf, dass ich Hilfe im Umgang mit Krisen brauchen könnte.
Während einer dreiwöchigen orthopädischen Reha in diesem Sommer beschloss ich, meine Gefühle und Probleme anzugehen, sobald ich wieder zu Hause wäre. Ich kann mich noch erinnern, wie motiviert ich bei der Heimreise war und meiner Schwester Larissa davon erzählte. Doch es sollte anders kommen.
In der Nacht vom 13. auf den 14. September verschwand Larissa ganz plötzlich. Mit meinen Eltern und meinen beiden anderen jüngeren Schwestern zusammen begann eine zwei Wochen andauernde Suche. Am 27. September erreichte uns schließlich die Nachricht, dass Larissa von ihrem Freund ermordet und anschließend im Inn, dem Stadtfluss in Innsbruck, „entsorgt“ worden war.
Alle früheren Krisen erschienen mir plötzlich so klein und unwichtig. Eine Explosion der schmerzvollsten Gefühle überrollte mich. Die Monate danach beherrschten diese Gefühle jede Faser meines Körpers. Ich wusste nicht, wohin damit. Im Alltag waren sie in dieser extremen Form nicht erlaubt und stießen auf Gegenwind und Unverständnis. Es ging nur noch darum zu überleben. Jedes einzelne Gefühl schluckte ich hinunter, versuchte, es mit Alkohol zu betäuben. Doch sie fanden alle ihren Weg. In meinen Magen, in mein Herz, in meine Haarwurzeln, meine Haut und meinen Hormonhaushalt. Meine psychosomatischen Beschwerden waren der Ausdruck dieser alles durchdringenden Gefühle. Damit war klar: Wenn ich jetzt nicht etwas änderte und daran arbeitete, würde ich das nicht überleben!

Ein sportlicher Anfang

Ziemlich schnell nach Larissas Tod ging ich regelmäßig zur Psychotherapie, wo ich lernte, meinen Gefühlen mithilfe von Worten Ausdruck zu verleihen. Sie half mir, mich zu sortieren und vieles aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Dennoch spürte ich, wie die schmerzlichen Emotionen in meinem Körper festsaßen. Nach jeder Sitzung fühlte ich mich noch zerschlagener als zuvor. Mein Körper schrie nach Beachtung und vor allem nach Bewegung. Jedes Mal, wenn ich weinend die Praxis verließ, von oben bis unten zitternd, spürte ich einen Drang in meinen Beinen und Armen. Ich wollte losrennen, um mich schlagen, laut schreien. Besonders schlimm war es, wenn die Wut mich im Griff hatte. Doch ich schluckte sie runter, drängte die Gefühle zurück, verdrängte, ging nach Hause und trank stattdessen ein paar Schlucke Alkohol oder aß Ungesundes, um den emotionalen Hunger zu stillen.
Bis zum Frühjahr 2014, als sich mein Leben noch einmal grundlegend veränderte.
Es war März, als ich aufgrund meines Kreuzbandrisses eine Nachuntersuchung bei meinem Operateur hatte. Noch heute kann ich seine Worte hören: „Katrin, ich weiß, dass es derzeit mehr als schwer für dich ist, aber du musst langsam wirklich deine Muskulatur aufbauen. Sonst wird sich dein Zustand nie verbessern, und es könnten vielleicht noch weitere Probleme dazukommen. Schlimmstenfalls kannst du dann nicht mehr wirklich wandern oder joggen gehen. Sport und Bewegung tun gut, probiere es doch einfach mal aus.“
Meine Schwester Larissa war in unserer Familie immer die Sportliche gewesen. Ich war eher diejenige, die nur etwas tat, um das schlechte Gewissen zu beruhigen. Der Satz meines Arztes wirkte in mir nach. Dennoch fragte ich mich, wie ich denn damit anfangen sollte, wenn ich kaum fähig war, meinen Alltag zu bestreiten. Doch der Gedanke an meine sportliche Schwester ließ mich nicht los, und ich beschloss, für sie einen Versuch zu wagen.
Ich begann, ein Fitnessstudio zu besuchen – mit wenig Erfolg. Alles war hier auf Oberflächlichkeiten, auf pralle Muskeln, auf die perfekte Figur hin ausgerichtet. Ich fühlte mich hilflos und weinte viel. Nach dem gescheiterten Versuch fehlte mir die Kraft, um es woanders noch einmal zu probieren. Ich gab auf und fühlte mich nun auch noch wie eine Versagerin.
Eines Nachmittags kam mein Mitbewohner auf mich zu. „Du musst in kein Studio gehen, um Sport zu machen, Katrin. Hier hast du ein paar Übungen, die du ganz einfach daheim machen kannst. Versuch es einfach!“, ermutigte er mich und drückte mir einen Trainingsplan in die Hand, der unterschiedliche Workouts mit dem eigenen Körpergewicht beinhaltete, das sogenannte Bodyweight-Training. Ein Hype, der 2014 auch bei uns in Österreich angelangt war und kräftig boomte. Angebote – vor allem, aber nicht nur in App-Form – wie Mark Lauren, 7 Minuten, Runtastic, Freeletics oder Madbarz erreichten jeden Tag mehr Menschen und wurden zum Trend.
Ich nahm den Plan dankbar an und fühlte mich sofort motiviert. Dass ich keine Ahnung von Ausführung und Intensität, von Fitness allgemein hatte, ignorierte ich gekonnt und versuchte, selbstständig an die Sache heranzugehen. Ich startete mit dem ersten Training in meinem Zimmer, das mit seinen 25 Quadratmetern genug Platz bot.
Ohne mich besonders aufzuwärmen, legte ich los und merkte schnell, dass mir die Luft ausging. „Unfassbar, wie unfit ich bin“, japste ich. Ich konzentrierte mich darauf, eine Übung nach der anderen zu schaffen. Je mehr es wurden, desto mehr drehte sich mir der Kopf. Ich schwitzte, und mein Körper zitterte. Nach und nach drängten sich während der kurzen Verschnaufpausen Gedanken in meinen Kopf: Warum muss das so anstrengend sein? Warum muss ich diese Scheiße nur erleben? Warum ist das alles mir passiert?
Mit jeder weiteren Übung platzten zornige Schreie aus mir heraus. Hitze stieg mir in den Kopf und in meine Fäuste. Der Drang, all den Schmerz über den Mord an meiner Schwester, über meinen unfassbaren Verlust sofort rauszulassen, war zu groß. Meine glühende Faust knallte voller Wucht gegen den Kleiderschrank: „Du verdammtes Arschloch. Ich hasse dich! Warum hast du das nur getan!“ Ich hämmerte noch einige Male fest gegen den Schrank, bevor ich unter Tränen auf den Boden sank.
Einen Moment später atmete ich tief durch, stand wieder auf und beendete das Workout mit den letzten Wiederholungen. Erschöpft sank ich auf meine Matte und blieb dort liegen. Ein wildes Gefühlschaos breitete sich in mir aus. Unerwartet lachte ich lauthals los. Es war ein erleichterndes Lachen. Ich fühlte mich das erste Mal seit dem Tod von Larissa einfach frei. Mein ganzer Körper bebte, die Muskeln zuckten, und ich war glücklich, mich selbst so intensiv zu spüren. Ich lebe, schoss es mir durch den Kopf. Wut und Zorn waren wie weggeblasen, und all der Ballast fühlte sich für einen Moment ganz leicht an.
Von diesem Tag an war das Training ein fester Bestandteil meines Alltags. Ich verlagerte es nach draußen, um meine Möbel zu schonen. Bereits nach wenigen Wochen veränderten sich sowohl mein seelischer als auch mein körperlicher Zustand grundlegend. Ich wurde fitter, konzentrierter, konnte wieder schlafen, spürte meinen Körper auf positive Art und Weise. Meine Wut, meine Ängste und meine Traurigkeit bekamen einen Ort und eine Zeit, um sich vollends entladen zu können. Dadurch beherrschten sie mich für den Rest des Tages weniger intensiv.

Die Gebrauchsanweisung für das Leben danach

Gebrauchsanweisung für das JenseitsGebrauchsanweisung für das Jenseits
Für Horst Seehofer ist Bayern das Paradies, in Jena heißt der Bahnhof so, und für wieder andere ist es ein üppiger Park. Wo liegt der Garten Eden wirklich? Treffen wir uns drüben alle wieder? Und wie sieht es in der Unterwelt aus? Das Jenseits ist seit jeher Projektionsfläche für Fantasien. Weltreligionen hegen gewisse Vorstellungen, Philosophen versuchen sich an Auslegungen. Manche Menschen haben schon einmal hineingeblickt in jene Region, für die der Tod das Eintrittsticket ist. Pointenreich und fundiert deutet Bruno Jonas Glaubenssätze und Seelenlehren und gelangt dabei zu neuen, spektakulären Ergebnissen. Er empfiehlt Reiselektüre und andere Vorkehrungsmaßnahmen; erörtert, wie man die letzten Dinge regelt. Er geht der Frage nach dem richtigen Timing für den Aufbruch ins Jenseits nach. Und enttarnt den Wunsch nach Unsterblichkeit als Ausdruck maßloser Lebensgier.

Am Anfang war das Wort

„Ist das dein Ernst?“, fragt mich mein Freund Johannes. „Du schreibst ein Buch über das Jenseits? Ausgerechnet du, du alter Zweifler! Wer soll denn das lesen?“

„Ja, du halt! Du glaubst ja dran, dass du eines schönen Tages dort drüben einreisen darfst.“

„Jaaa, genau! Das wirst du dann schon sehen. Ich brauch dieses Buch nicht. Aber ich lese es!“

„Schön. Einen Leser hab ich also schon. Und, Johannes, du bist nicht allein. Die Mehrheit der Weltbevölkerung glaubt an ein ewiges Leben im Jenseits.“

„Weißt du, was der heilige Paulus dazu sagt?“

„Äh – nicht genau … aber wie ich dich kenne, wirst du es mir gleich sagen.“

„Also, ich zitiere Paulus, erster Brief an die Korinther: Siehe, ein Geheimnis sage ich euch: Alle werden wir nicht entschlafen, aber alle werden wir verwandelt werden, im Nu, in einem Augenblick, bei der letzten Trompete.“

„Ja, und ich zitiere Jonas, erster Brief an die Johanniter: Bei der ersten Trompete weißt du nicht, wie du hinkommst, wie es dort zugeht und wie es dort ausschaut. Und im Nu wirst du diese Gebrauchsanweisung zur Hand nehmen! Die Verantwortlichen im Jenseits sind nämlich ein bisschen altmodisch. Statt auf moderne Kommunikationstechniken setzen sie auf althergebrachte Kanäle. Sie kommunizieren über Offenbarungen, Träume, Weissagungen und Medien! Warum ist das Jenseits nicht längst digitalisiert? Wer blockiert denn hier den technischen Fortschritt? Man will doch wissen, wie es drüben weitergeht. Aber nie meldet sich einer. Wir sind hier im Diesseits auf Spekulationen angewiesen, und jeder fantasiert sich sein eigenes Jenseits zusammen. Deshalb ist eine Gebrauchsanweisung dringend nötig.“

„Ich brauche keine! Ich hab volles Vertrauen in Gott!“

So spricht mein Freund und Hobbymissionar Johannes. Er glaubt, dass er drüben Jimi Hendrix trifft. Gleich nach seiner Ankunft reicht ihm der Jimi eine Stratocaster, und dann spielen sie zusammen „Purple Haze“. Daran glaubt er. Er spielt die Gitarre im Jenseits genauso genial wie Hendrix selbst. Meinen Einwand, dass Hendrix möglicherweise gar nicht im Himmel ist, schiebt er beiseite, ebenso wie die Feststellung, dass sein Gitarrenspiel vielleicht nicht ganz mit Hendrix mithalten könne. Johannes glaubt felsenfest, dass er im Himmel „vollendet“ wird. Wir alle werden vollendet werden. Was allerdings die Vollendung von Johannes’ Gitarrenspiel angeht, glaube ich felsenfest, dass Gott an seine Grenzen stoßen wird.

 

Philosophen, Theologen, Päpste, sogar Naturwissenschaftler haben das Jenseits erforscht. Haben dicke Bücher dazu verfasst, um der Menschheit die Sphäre dieser Welten zu schildern.

Ein Kabarettist ist meines Wissens noch nicht mit einem Buch dazu hervorgetreten. Das ist nicht nur höchst verwunderlich, sondern auch bedauerlich, wo wir doch sonst zu allen möglichen Themen etwas zu sagen haben. Nichts ist vor unseren scharfen Zungen sicher, und ausgerechnet vor dem Jenseits schreckte die satirische Zunft bisher zurück. Warum? Eignet sich der Stoff nicht für die satirische Zuspitzung? Finden wir in dem Wissen, nichts darüber zu wissen, was uns im Jenseits erwartet, keinen satirischen Zugang? Diese Vermutung können wir mit Kierkegaard widerlegen, der sagt: „Die Ironie ist das unendlich leichte Spiel mit dem Nichts, ein Spiel, das sich durch das Nichts nicht erschrecken lässt, sondern noch einmal mehr den Kopf hochreckt.“

Demnach drängt sich ein wesentliches Element der satirischen Schreibweise, die Ironie, geradezu auf, um das Jenseits in seiner gesamten Ausdehnung genauer unter die Lupe zu nehmen. In religiöser Hinsicht füllt das Nichts zahlreiche dicke Bücher. Es gibt viel zu lesen. Religiöse Erzählungen bieten reichlich Angriffspunkte, an denen sich der Geist der Spötter entzünden könnte. Offenbarungen und Wunder gehören in allen Religionen zum festen Bestandteil des Glaubens. Alle Ereignisse, bei denen die Gesetze der Physik auf übernatürliche Weise außer Kraft gesetzt werden, finden vor dem Kadi der Vernunftmenschen keine Gnade. Hohn und Spott sind Tür und Tor geöffnet.

Die Nichtexistenz Gottes zu beweisen kann sehr unterhaltsam sein, genauso wie im umgekehrten Fall die Existenz Gottes. Allen Gottesbeweisen haftet per se etwas Komisches an. Der Theologe Hans Küng weiß das vermutlich, wenn er einräumt, dass sich Gott nicht beweisen, sehr wohl aber „bewahrheiten“ lässt. Die Bewahrheitung Gottes kann auch komische Formen annehmen, wenn zum Beispiel der Vaterschaftsnachweis des Heiligen Geistes samt jungfräulicher Empfängnis bewahrheitet wird. Atheisten haben naturgemäß einen Heidenspaß daran, Gläubige aller Konfessionen als Einfaltspinsel mit kindlichem Gemüt bloßzustellen.

„Das Liebeskonzil“, ein klerikal-kritisches Stück von Oskar Panizza, aufgeführt 1892, das im Himmel, der Hölle und am Hof des Borgiapapstes Alexander VI. spielt, brachte dem Autor ein Jahr Einzelhaft ein. Nicht ganz so schlimm erging es Ludwig Thoma mit seinem „Münchner im Himmel“. Die Szene, 1911 geschrieben, begeistert bis heute das Publikum.

Der Münchner Dienstmann Alois Hingerl erledigt darin einen Auftrag mit solcher Hast, dass er, vom Schlag getroffen, zu Boden fällt und stirbt. Zwei Engel tragen ihn in den Himmel, wo er sich in einer für ihn wenig erfreulichen Szenerie wiederfindet. Den ganzen Tag lang soll er frohlocken und Hosianna singen, und als er sich nach einer Maß Bier erkundigt, teilt ihm der heilige Petrus mit, er möge sich gedulden, er werde sein Manna schon noch bekommen. „Ein Manna? Wos soll nacha des sei?“, fragt der Münchner im Himmel. „A Bier mag i! Manna! Da wenn du mir nicht gangst! Dei Manna kannst selber saufa“, schimpft der Engel Aloisius vor sich hin. Sein himmlischer Grant entlädt sich lautstark beim Frohlocken. „Halleluja, sag i. Zefix Halleluja!!“ Durch diese Flüche wird der liebe Gott in seinem Mittagschlaf gestört, und er erkundigt sich nach der Ursache für diese Unruhe. Als ihm Petrus vom Engel Aloisius berichtet, seufzt der liebe Gott: „Ein Münchner!“ Um den Seelenfrieden wiederherzustellen, wird Aloisius beauftragt, einmal im Monat auf die Erde hinabzufliegen, um der bayerischen Staatsregierung die göttlichen Ratschläge zukommen zu lassen, auf die sie, wie Thoma unterstellte, bis heute wartet, weil der Hingerl im Hofbräuhaus hockt und eine Maß nach der anderen trinkt.

Ludwig Thoma kam damals mit einer Geldstrafe davon, weil das Königlich Bayerische Amtsgericht zu dem Urteil kam, dass die bayerische Staatsregierung auf göttliche Eingebungen nicht angewiesen ist.

Satiren, die religiöse Inhalte thematisieren, können auch heutzutage noch große Aufregungen verursachen. Freilich sind es weniger christliche Religionen, die solche Skandale auslösen, sondern mehr radikale muslimische Glaubenszweige, die dem Spott nicht mit Humor begegnen können. Strenggläubige muslimische Rechtsgelehrte wissen sich dann oft nicht anders zu helfen, als eine Fatwa auszusprechen, die jeden „Rechtgläubigen“ dazu ermächtigt, den „Gotteslästerer“ zur Strecke zu bringen. Möglicherweise rührt daher die Zurückhaltung der Satiriker in Glaubensangelegenheiten?

Satirische Angriffe mit der Absicht, aufzuklären, sind in religiösen Kreisen meiner Erfahrung nach ohnehin zum Scheitern verurteilt, weil jede Religion für ihre Gläubigen das Höchste an Vernunft darstellt, was sie sich vorstellen können. Religiöse Vernunft ist außerdem immer mit religiösen Gefühlen abgesichert. Dagegen sticht kein Argument, schon gar nicht in satirischer Verpackung.

Freunde der Ironie lassen möglicherweise auch deshalb die Finger von einer satirischen Auseinandersetzung mit religiösen Inhalten, weil Glaubensreste aus der Kindheit ein Leben lang im Verborgenen aktiv sind und sie aufgrund dieser Signale befürchten, bei der möglichen Übersiedelung in die jenseitigen Gefilde Unannehmlichkeiten zu bekommen. Man weiß ja nie.

Dennoch dürfen die Vertreter der satirischen Schreibweise bei ihrem Publikum immer auch auf den aufgeklärten Humor hoffen, der nötig ist, um richtig verstanden zu werden.

Allerhöchste Zeit also, dass sich doch mal einer aus der satirischen Gemeinde des Themas annimmt.

Ich schreibe aus der Sicht eines einfachen Erdlings, der keine Ahnung hat. Damit befinde ich mich in der besten Gesellschaft derer, die über das Jenseits nachgedacht haben. Bei den vielen Büchern, die ich zum Thema gesichtet und zum Teil komplett durchgelesen habe, verstärkte sich bei mir der Eindruck, dass alle diese Experten vor allem Experten auf dem Gebiet der Spekulation sind. Was kein Wunder ist, denn sie waren alle noch nicht dort. Alle aber, wirklich alle, schilderten stilistisch einwandfrei, in mehr oder weniger gut lesbaren Sätzen, und auch inhaltlich sehr kompetent ihre Unwissenheit. Das machte mir Mut. Ich sagte mir, wenn selbst Päpste, Theologieprofessoren aller Konfessionen und Philosophen in dicken Büchern ihre durch nichts bewiesenen Spekulationen glaubhaft veröffentlichen dürfen, dann kann nichts Falsches daran sein, wenn ich diese Spur der Ahnungslosigkeit aufnehme.

 

Karl Valentin soll einmal gesagt haben: Alles ist schon mehrmals gesagt worden, nur noch nicht von allen. Das ist wahr. Diese Erkenntnis wirkt auf mich wie ein Befehl. Und mir ist es lieber, wenn ich noch einmal alles auf meine Weise wiederhole, bevor es ein anderer auf seine Weise tut. Ich kann allerdings nicht versprechen, dass mir nicht doch noch etwas Neues einfällt. Ich nehme das sogar an. Es geht nämlich nicht nur um die Verbreitung allgemein bekannter Tatsachen und Gedanken zum Jenseits, nein, es geht auch immer um die Frage, ob der Autor in der Lage ist, bereits Gedachtes so zu formulieren, dass der Leser das Gefühl nicht mehr los wird, er lese etwas völlig Neues. Ich bediene mich dabei einer bewährten Methode, die von den größten Geistern der Literatur bis zu den kleinsten Spitzbuben immer wieder mit großem Erfolg angewandt wurde, nur aus dem einen Grund, den eigenen Ruhm zu mehren. Ich klaue und plagiiere gnadenlos, was ich kriegen kann, und fühle mich dabei in bester Gesellschaft. Das Genie könne gar nicht anders als zu plagiieren, was andere bereits gedacht und geschrieben hätten, legt Egon Friedell, der auch schon lange tot ist, in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ überzeugend dar. Denn nur das Genie sei in der Lage, große Gedanken zu erkennen und sie auf seine Weise neu und aktuell zu denken. Mit diesem Gedanken freundete ich mich sofort an. Egon Friedell hat natürlich recht.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht mich meinte, als er seine Genietheorie entwickelte, schon eher Bert Brecht, der auf dem Feld des Abschreibens ein wahrer Meister war. Er wird es drüben nicht leicht haben, weil dort bestimmt schon François Villon auf ihn wartet, der ihm dann sagen wird, was er von ihm geklaut hat. Es sind ja schon so viele drüben. Der Thomas Mann, der Lion Feuchtwanger, der Stefan Zweig, der Oskar Maria Graf, der Thomas Bernhard; die Reihe der Dichter ist enorm lang. Im Jenseits werden sich viele von denen nicht aus dem Weg gehen können. Schriftsteller und Dichter untereinander, ein explosives Gemisch. Das geht nicht lange gut. Und wenn dann noch der Reich-Ranicki dazustößt, nicht auszudenken. Ich weiß, ich bewege mich im Reich der Spekulation.

Dass ich dazu fähig bin, habe ich schon öfter hinlänglich bewiesen. Ich bin bekannt dafür, Selbstverständliches so unverständlich zu formulieren, dass der Leser ein Aha-Erlebnis hat und spontan ausruft: So hab ich das noch gar nicht gesehen!



Totgelacht


Denn hinderlich, wie überall/Ist hier der eigne Todesfall.
Vielleicht hat Wilhelm Busch mit diesem Vers – dem letzten aus dem „Maulwurf“ – darauf spekuliert, den Tod umzustimmen? Ein letzter Humorversuch, um ihn zum Lachen zu bringen? Wahrscheinlich ist es ihm sogar gelungen! Wissen können wir es nicht. Der Tod ist auch nur ein Mensch. Von daher ist anzunehmen, dass auch er öfter lachen muss, weil er nicht mehr anders kann. Beispielsweise, wenn einer partout meint, er könnte ihn überlisten, dann entbehrt das nicht einer gewissen Komik. Der „Brandner Kaspar“ hat es probiert. Er hat ihn auf gut bayerische Art mit Kirschgeist abgefüllt, bis er total besoffen war, und ihm auf diese hinterlistige Weise beim Kartenspielen einige Jahre zusätzlich abgeluchst. Aber es endet wie immer, wenn einer versucht, das Unvermeidliche zu vermeiden.

Wer zuletzt lacht, lacht am besten, heißt es, und das kann am Schluss halt doch wieder nur der Tod sein. Im Grunde genommen wundert sich eh niemand darüber, weil wir sowieso alle wissen: Das Leben ist eine große Komödie, die mit dem Tod endet. Voltaire hat schon recht, wenn er sagt: Gott ist ein Komödiant, der vor einem Publikum spielt, das zu ängstlich zum Lachen ist. Das liegt natürlich am Tod, der im göttlichen Auftrag handelt. Doch sehen wir den „Gevatter Tod“, wie wir ihn scherzhaft nennen, selten als Stand-up-Comedian, sondern meistens als Horrorgestalt, bei deren Anblick uns das Lachen vergeht.

Bei meinen Umfragen bin ich auf Menschen gestoßen, die behaupteten, der Tod hätte keinen Humor. Ich gestehe, auch ich habe mich vom Ernst des Todes zu dieser Annahme verleiten lassen. Der Tod ist zweifellos eine bitterernste Angelegenheit, aber gerade deshalb bietet er die ideale Plattform für ein schallendes Gelächter. Wir schöpfen das komische Potential nur nicht immer voll aus. Die meisten von uns nehmen allein das Trauerangebot an und lassen die Chance zum Humor außen vor. Je ernster eine Situation ist, desto mehr Komik enthält sie. Der Ernst stellt die Bananenschale bereit, die ihren Ausrutscher findet. Im Pathos der Trauerrede lauern die Lacher.

Jeder hat solche Momente schon erlebt, die sich spontan in einem Lachen auflösen. Ich durfte einmal am offenen Grab einem schwer alkoholisierten Pfarrer lauschen, der lallend die feierliche Einsegnung vornahm. Das Trauerritual verlangt eine pathetische Würdigung, die diese schwere Zunge ums Verrecken nicht gewährleisten konnte. Die Komik wurde zusätzlich durch die Tatsache befeuert, dass „der Hingegangene“ an einer durch übermäßigen Alkoholgenuss hervorgerufenen Leberzirrhose verstorben war. Als der Pfarrer den Verstorbenen als lebenslustigen Menschen schilderte, „der einem guten Tropfen nie abgeneigt gewesen ist, äh, war,“ und dort, wo er jetzt sei, sicherlich auf viele Gleichgesinnte treffen werde, die mit ihm auf die Ewigkeit anstoßen würden, konnte ich beim besten Willen nicht mehr ernst bleiben. Ich musste lachen.

Im Theater ist es gang und gäbe, dass der Tod die Komik für seine Arbeit nutzt. Wir sagen im Deutschen (wo sonst!), wenn wir etwas sehr komisch finden und aus dem Lachen nicht mehr rauskommen, dass wir uns totgelacht haben.

In der Münchner Lach- und Schießgesellschaft ist das während einer Vorstellung wirklich passiert. Dieter Hildebrandt erzählte, dass ein Zuschauer während der Vorstellung lachend vom Barhocker fiel und sofort tot war. „Er hatte sich totgelacht.“ Der Verstorbene wurde im Büro der Lach-und Schießgesellschaft im Künstlerzimmer aufgebahrt, ein Arzt wurde gerufen, der den Tod feststellte. Man wartete auf den Abtransport durch das Bestattungsinstitut. „Wir wollten die Vorstellung abbrechen, aber der Bruder des Verstorbenen bestand darauf, sie zu Ende zu spielen, er meinte, seinem Bruder hätte das gefallen. Wir kamen dem Wunsch nach.“ Wenn Sich-totlachen eine Möglichkeit des Selbstmordes wäre, könnte ich mich damit anfreunden.

Ich glaube, dass der Tod jede Gelegenheit zum Lachen wahrnimmt. Das befreiende Lachen allerdings würde man ihm übel nehmen, also muss er sich zurückhalten. Das Äußerste an humorvoller Reaktion, das er sich leisten kann, ist daher ein Schmunzler. Es ist ein versöhnliches Schmunzeln, das die Grundbedingung des Seins mit Humor signalisiert. Humor ist ja angeblich, wenn man trotzdem lacht. Lachen im Angesicht des Todes, im sicheren Wissen, dass dieser Lacher nichts verhindert. Trotziger geht’s wirklich nicht mehr.

Der Tod triumphiert nicht! Dafür ist er zu mächtig. Triumphe feiern nur die Ohnmächtigen, wenn sie einen Sieg über die Mächtigen erringen. Der Triumph ist unter seiner Würde. Er kann ja nur immer wieder Leben beenden. Die unendliche Reihe der Generationen von Lebenden, die schon vor der Geburt sterblich sind, lassen einen Triumph über das Leben kläglich erscheinen. Solange Samen- und Eizellen verschmelzen, hat der Tod zu tun. Seine Arbeit ist nie endgültig, solange Leben gezeugt wird. Deshalb wirkt der Tod auf dem Feld der Vergeblichkeit.

Hinderlich, wie überall/Ist hier der eigene Todesfall! Für den Tod muss sich dieser Spruch absurd anhören, denn er ist der Einzige, auf den er nicht zutrifft. Er wird nie erfahren, wie es sich anfühlt, wenn er bei ihm selbst eintritt. Nie wird er sich selbst das Licht ausblasen können. Sogar der Selbstmord bleibt ihm versagt. Totlachen geht auch nicht. Angesichts dieser finalen Unzulänglichkeit bleibt ihm nur das ewige Lachen!

Uns Sterblichen hingegen vergeht am Ende unseres weltlichen Daseins meist das Lachen. Im Angesicht des Todes mit Humor zu reagieren, ist nicht jedermanns Sache. Umso mehr bewundern wir Menschen, denen das gelingt.

Als der Vater eines Freundes merkte, dass seine Tage gezählt waren, sagte er in tiefstem niederbayerischen Dialekt zu seinen nächsten Angehörigen: „Steckts ma a gelbe Ruam in Arsch, dann vaziagn mi eh de Antn.“ (Steckt mir eine Mohrrübe in den Hintern, dann entsorgen mich sowieso die Enten.) Wenn der Tod ums Haus schleicht, kann es zu einer letzten, alle überraschenden Äußerung kommen.

Manche bleiben ausgesprochen souverän, wie der von König Heinrich VIII. zum Tode verurteilte Thomas Morus, der den Henker bat, seinen Bart zu verschonen, da dieser keinen Hochverrat begangen habe. Oder Oscar Wilde, der, völlig verarmt, in einem erbärmlich heruntergekommenen Hotelzimmer auf Pump Champagner bestellte und nach dem Genuss seines letzten Glases gesagt haben soll: „Ich sterbe, wie ich gelebt habe – über meine Verhältnisse.“

Es gibt starke Naturen, die den Tod verdrängen können, die ein Leben lang ohne ihn auskommen. Sterben Freunde und Bekannte, ignorieren sie das Ereignis. Sie stehen auf dem Standpunkt: Solange ich lebe, ist der Tod eine Angelegenheit der anderen. Wenn er zu mir kommt, werden wir sehen, wie ich auf ihn reagiere. Warum soll ich mir schon vorher das Leben mit Gedanken an mein Ende versauen?

Meine Erfahrung ist eine andere. Ab einem gewissen Alter lebt man mit dem Tod. Bei mir ging es definitiv damit los, als mein sechzigster Geburtstag unaufhaltsam näher rückte. Ich fing eines Tages damit an, die Seiten mit den Todesanzeigen zu studieren. Mein besonderes Interesse richtete sich dabei immer mehr auf das Geburtsdatum der Verstorbenen. Ich rechnete nach. Fragte nach der durchschnittlichen Lebenserwartung von Männern. Ich war froh, lesen zu können, dass sie bei Männern meiner Generation steigt. Frauen werden trotzdem älter als Männer. Sicher gibt es eine Vielzahl von Gründen dafür. Einer davon ist, dass wir Männer so gut auf unsere Frauen aufpassen. Na ja, die Frauen passen selbstverständlich auch auf uns Männer auf. Statistisch haben verheiratete Männer eine um neun Jahre höhere Lebenserwartung als unverheiratete. Möglicherweise trifft aber hier die Feststellung meines Freundes Johannes zu: Verheiratete Männer leben nicht länger, es kommt ihnen nur so vor!

Dazu passt der Witz, in dem Jopi Heesters, der mit der fast fünfzig Jahre jüngeren Simone Rethel verheiratet war, die zentrale Rolle spielt: Es klingelt beim Ehepaar Heesters an der Tür. Der über hundertjährige Jopi öffnet, draußen steht der Tod. Heesters ruft nach hinten: „Simone, für dich!“ Wie der Tod reagiert hat, ist bekannt. Er nahm’s mit Humor und blieb im Haus, bis Heesters sich nicht mehr gegen sein Ableben wehrte.

Selbstbestimmt sterben - die zentralen Fakten zur aktuellen Diskussion

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Spätestens als das Bundesverfassungsgericht im Frühjahr 2020 in einem aufsehenerregenden Urteil das Recht des Einzelnen auf selbstbestimmtes Sterben hervorhob, entbrannte die Diskussion um die Sterbehilfe neu. Doch noch immer verstellen Ängste und Unsicherheiten den Blick, wenn es um die letzten Dinge geht. Aktive, passive und indirekte Sterbehilfe, Tötung auf Verlangen, assistierter Suizid – was hat es mit diesen Begriffen auf sich? Wie sieht die Rechtslage aus; was ist erlaubt, was ist verboten? Wo endet Autonomie? Vermag eine zunehmend wirksamere Palliativmedizin Sterbehilfe überflüssig zu machen? Und welche Vorkehrungen für ein Sterben in Würde kann jeder für sich treffen? Antworten auf solche und andere Fragen enthält dieses Buch.

Einleitung

„Wir mögen seinen Entschluss bedauern, wir dürfen alles versuchen, ihn umzustimmen, wir müssen seine freie Entscheidung aber in letzter Konsequenz akzeptieren.“ Das sagte im Februar 2020 Andreas Voßkuhle, er hatte gerade zusammen mit den anderen Richterinnen und Richtern des Bundesverfassungsgerichts ein aufsehenerregendes Urteil zur Sterbehilfe gesprochen. Das Urteil räumt jedem Menschen die Freiheit ein, sein Leben selbst zu beenden und sich dabei auch von anderen helfen zu lassen.

Immer wieder wird im vorliegenden Buch von diesem Urteil die Rede sein. Von seiner Vorgeschichte, seinen Inhalten, vor allem aber auch von seinen möglichen, ganz praktischen Konsequenzen für unsere Gesellschaft. Gesetzliche Regelungen zur Sterbehilfe müssen nun gefunden werden, für die es bisher ausschließlich in anderen Ländern Vorbilder gibt. Das Nachdenken über Sterben und Tod wird sich verändern, so viel scheint sicher. Neue Fragen werden aufkommen und neue Antworten verlangen. Einige davon möchte dieses Buch geben.

Dabei wird es nicht nur um Sterbehilfe in ihren verschiedenen Facetten gehen. Auch der generelle Wunsch nach einem Sterben in Selbstbestimmung und Würde soll betrachtet werden. Und schließlich soll deutlich werden, was die Palliativmedizin sowie eine sorgfältige Vorausplanung dazu beitragen können, diesen Wunsch zumindest teilweise in Erfüllung gehen zu lassen.


1.
Wie soll man umgehen mit dem Begriff „Sterbehilfe“?

Der Philosoph und Sprachkritiker Fritz Mauthner, ohnehin gefürchtet für seine spitze Zunge, war sich sicher, damals, 1914. Als „Vergeudung der Sprachenergie“ bezeichnete er die gerade einmal ein Jahr alte Wortschöpfung „Sterbehilfe“. Sie sollte dem griechischen Lehnwort „Euthanasie“ als deutsche Entsprechung an die Seite gestellt werden. Was in jenen Tagen kurz vor dem Ersten Weltkrieg mit dem neuen Begriff gemeint war, zeigt ein Blick ins grimmsche Wörterbuch. Dort heißt es unter dem Eintrag „Sterbehilfe“: „Hilfeleistung beim Sterben durch todbeschleunigende Mittel“. Aufgefordert zu einer Sterbehilfe-Definition würden sicher auch heute noch viele Menschen ganz ähnliche Formulierungen verwenden. Auch wenn sie damit nur einen Teilaspekt des Begriffs abdecken.
So war es vor über hundert Jahren schon, so ist es noch immer: Die Schwierigkeiten mit der Sterbehilfe beginnen bereits beim Wort. Als Synonym für „Euthanasie“ taugte es eigentlich zu keiner Zeit. Die alten Griechen hatten mit ihrem euthanasia sowieso ganz anderes im Sinn. Natürlich ging es auch ums Sterben, doch gerade nicht in medizinischen Zusammenhängen. Gemeint war vielmehr ein guter, ein glücklicher Tod und damit ein Tod, der einen schnell und möglichst ohne Schmerzen ereilt. Noch lange war keine Rede vom Sterben durch ein todbringendes Medikament, verabreicht von wem und in welcher Absicht auch immer.
Diese Wendung kam erst im 19. und vor allem im 20. Jahrhundert, als der Begriff zumindest für deutsche Ohren für immer seine Unschuld verlor. „Euthanasie“ nannten die Nationalsozialisten in zynischer Verbrämung die massenhafte und systematische Ermordung als „lebensunwert“ eingestufter Männer, Frauen und Kinder mit geistigen oder körperlichen Einschränkungen. Obwohl der NS-Jargon auch das Wort „Sterbehilfe“ kannte (vom unerträglich euphemistischen „Gnadentod“ ganz zu schweigen), war es doch dieser Begriff, der in der späteren Bundesrepublik offizieller Sprachgebrauch wurde. Der Rest der Welt hielt und hält an „Euthanasie“ fest, wenn es darum geht, das freiwillige Sterben eines Menschen durch die Hand eines anderen zu bezeichnen.
Trotz seiner wohl als geglückt zu bezeichnenden Umprägung nach 1945 – unumstritten war auch der Terminus „Sterbehilfe“ nie. „Helfen“ klingt positiv, es klingt nach einer selbstlosen Tat. Und das mag ja auch auf die meisten Aspekte des mit „Sterbehilfe“ Gemeinten zutreffen. Aber eben nicht auf alle. Das ist der Haken an der Sache. Der Oberbegriff „Sterbehilfe“ erlaubt leider keine wirklich trennscharfe Differenzierung zwischen den Vorgängen und Handlungen, die er bezeichnet. Er umfasst zu viel und verliert dadurch jede Genauigkeit.
Da halfen auch die von dem Psychiater Helmut E. Ehrhardt Mitte der 1960er-Jahre eingeführten Präzisierungen nur wenig. Mit Ehrhardt spricht man seither von aktiver, passiver und indirekter Sterbehilfe und meint damit ganz Unterschiedliches: die Tötung eines Menschen auf dessen ausdrückliches Verlangen hin (aktive Sterbehilfe), den Verzicht auf oder den Abbruch von lebensverlängernden Maßnahmen (passive Sterbehilfe) und nicht zuletzt das ärztliche Lindern von Leid durch Schmerz- und andere Medikamente, selbst wenn diese als Nebenwirkung den Tod des Patienten zur Folge haben können (indirekte Sterbehilfe). Doch damit nicht genug. Auch der assistierte Suizid, also die Beihilfe zur Selbsttötung, fällt unter den Sammelbegriff „Sterbehilfe“.
Dass eine derart verwinkelte Terminologie den Laien überfordern kann, leuchtet ein. Dass sich aber auch ausgewiesene Fachleute – Ärztinnen, Juristen, Journalistinnen – des Öfteren noch schwertun mit dem Auseinanderhalten der einzelnen Sterbehilfekategorien, überrascht schon eher. Gleich mehrere Studien förderten da in der Vergangenheit immense Zuordnungsschwierigkeiten zutage. So wurde schon das Beenden einer künstlichen Beatmung von Medizinern oder Betreuungsrichtern fälschlicherweise für in Deutschland verbotene aktive Sterbehilfe gehalten. Mit fatalen Konsequenzen für betroffene Patienten, denen möglicherweise ein gewünschter und eben vollkommen gesetzeskonformer Behandlungsabbruch verwehrt wurde.
Wahrscheinlich lässt sich der Begriff „Sterbehilfe“ kaum trennen von den Ängsten, Unsicherheiten, Mutmaßungen und sonstigen reflexhaften Reaktionen, die er hervorruft – und die sich mit ihm hervorrufen lassen, um Emotionen zu
schüren und so der eigenen Position Gehör zu verschaffen. Daher erscheint es nachvollziehbar, dass die Bundesärztekammer 2004 den umstrittenen Begriff fallen ließ und „Sterbehilfe“ kurzerhand durch „Sterbebegleitung“ ersetzte.
Doch es hatte sein Richtiges, dass die Initiative kein großes Echo hervorrufen konnte. Denn sie hätte auf lange Sicht die Dinge nur noch weiter verkompliziert. Zumal mit „Sterbebegleitung“ für gewöhnlich etwas ganz anderes gemeint ist als das aktive, passive oder indirekte Herbeiführen des Todes. Nämlich das Kümmern um Menschen, die am Ende ihres Lebens angekommen sind. Jede Palliativmedizinerin begleitet Sterbende; jede Pflegekraft auf einer Normal- oder Intensivstation; jeder Seelsorger, der Todkranken Kraft spendet. Allesamt leisten sie damit auch Sterbehilfe. Aber eben (und das ist wichtig!) eine Hilfe beim oder im Sterben. Und keine Hilfe zum Sterben.
Was also tun mit dem so schwierigen, mehrdeutigen, missverständlichen Begriff „Sterbehilfe“, für dessen Pendeln zwischen den Bedeutungen es keine Entsprechung in anderen Sprachen gibt? Seit Jahren schon bemühen sich Ärzte, Ethiker und Juristinnen um eine weniger belastete und gleichzeitig einleuchtendere Terminologie. Allen voran der Deutsche Ethikrat. Seine Vorschläge von 2006 bilden die Grundlage für viele ähnlich klingende, die sich seither in Büchern, Artikeln und Diskussionspapieren finden lassen. Nicht länger sollte von „aktiver Sterbehilfe“, sondern nur noch von „Tötung auf Verlangen“ gesprochen werden. „Passive Sterbehilfe“ sollte fortan „Sterbenlassen“ heißen. Und „indirekte Sterbehilfe“ künftig mit „Therapien am Lebensende“ umschrieben werden.
Obwohl damit die Basis für eine längst überfällige Versachlichung der Debatte geschaffen war, haben sich die neuen Begriffe nicht im Alltagsgebrauch durchsetzen können. Die Menschen sprechen wie eh und je von „Sterbehilfe“ und verstehen darunter, ebenfalls wie eh und je, ganz Verschiedenes. Das wird sich wohl so schnell auch nicht ändern. Es gibt den Begriff, er ist in der Welt, und er wird weiter verwendet werden. Wie auch im Titel des vorliegenden Buchs. Man kann nur versuchen, ihn immer wieder aufs Neue zu erläutern und ihm auf diese Weise zu etwas mehr begrifflicher Schärfe zu verhelfen.

2.
Soll aktive Sterbehilfe in Deutschland verboten bleiben?
Wer den Unterschied zwischen aktiver Sterbehilfe und assistiertem Suizid erklären will, kommt um einen Begriff aus dem Juristendeutsch nicht herum: die Tatherrschaft. Bei einem assistierten Suizid nimmt der Sterbewillige das tödlich wirkende Medikament, das ihm jemand zur Verfügung stellt, selbst ein. Die Tatherrschaft liegt damit die ganze Zeit über bei ihm. Nicht so bei der aktiven Sterbehilfe. Hier sorgt jemand durch sein Handeln dafür, dass ein anderer Mensch stirbt. Beispielsweise durch das Setzen einer tödlich wirkenden Injektion. Damit hat nicht die sterbende Person die Tatherrschaft inne, sondern ausschließlich die aktiv handelnde.
Dieser Unterschied ist elementar, denn er entscheidet in Deutschland über die Strafbarkeit der den Tod herbeiführenden Handlung. Ob durch die Hand eines Arztes, einer Angehörigen oder sonst eines Dritten – die Tötung auf Verlangen ist in Deutschland verboten. Wobei es keine Rolle spielt, ob jemand möglicherweise ausdrücklich und bei vollem Bewusstsein darum gebeten hat, durch eine Injektion zu sterben. Etwa weil er sein krankheitsbedingtes Leiden nicht mehr aushält und „erlöst“ werden möchte. Daran lässt das Strafgesetzbuch keinen Zweifel:

§ 216 StGB: Tötung auf Verlangen
(1) Ist jemand durch das ausdrückliche und ernstliche Verlangen des Getöteten zur Tötung bestimmt worden, so ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu erkennen.
(2) Der Versuch ist strafbar.

Mit den Niederlanden, mit Belgien und Luxemburg verzichten gleich drei angrenzende Länder schon seit Jahren darauf, die Tötung auf Verlangen strafrechtlich zu verfolgen, sofern bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Deutschland tut dennoch gut daran, am kategorischen Verbot aktiver Sterbehilfe festzuhalten. Zum einen aufgrund historischer Verantwortung für die „Euthanasie“-Gräueltaten der Nationalsozialisten: Bereits im Sommer 1933 trat das Gesetz zur „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft. Die Folge waren systematisch und in riesiger Zahl durchgeführte Zwangssterilisationen bei Frauen und Männern. Der 1939 angeordneten „Kinder-Euthanasie“ fielen mehrere Tausend Säuglinge und Kinder mit Behinderungen zum Opfer. Und ebenfalls 1939 begann das NS-Regime in der sogenannten „Aktion T4“ mit der gezielten und massenhaften Tötung von Menschen mit psychischen oder körperlichen Beeinträchtigungen. Forscher schätzen, dass dabei bis zu 200 000 Menschen ihr Leben verloren.
Zum anderen muss man fragen, ob das bewusst unternommene Töten eines Menschen zu den Aufgaben eines Arztes gehören kann. Auf die Beantwortung dieser Frage läuft es letztlich hinaus, wenn man über die Strafbarkeit aktiver Sterbehilfe diskutiert. Gerade als Palliativmediziner wird man hin und wieder von einem Patienten nach der einen, der todbringenden Spritze gefragt. Nicht oft, aber es passiert. Fragt man dann jedoch zurück: „Warum denn eine Spritze? Wie wäre es denn stattdessen mit einer Tablette?“, erntet man oft fragende, wenn nicht entrüstete Blicke. Wer eben seiner Sache noch so sicher schien, rudert plötzlich schnell zurück: „Nein, also selber nehmen …“ Ein etwas provozierender Test, gewiss. Aber in der Regel funktioniert er. Kann der behauptete Leidensdruck wirklich so hoch sein, wenn jemand es kategorisch ablehnt, selbst aktiv zu werden, und die Tatherrschaft lieber einer anderen Person überantworten will?
Es existiert aber noch ein weiterer, ganz pragmatischer Grund, warum die Tötung auf Verlangen verboten bleiben sollte: Solange der assistierte Suizid nicht unter Strafe gestellt wird, ist sie schlicht nicht notwendig. Denn in der konkreten Praxis lässt sich keine Szenerie denken, in der man mit einem sterbewilligen Menschen zwar noch (wie eingeschränkt auch immer) kommunizieren kann, dieser dann aber gleichzeitig nicht in der Lage wäre, sich zu suizidieren. Und sei es mit Unterstützung ausgeklügelter technischer Hilfsmittel. Denkbar ist beispielsweise die Steuerung eines Computers mit den Augen, wodurch es auch einem gelähmten Patienten gelingen kann, eine tödliche Infusion in Gang zu setzen und dadurch die Tatherrschaft über das Geschehen zu behalten.
Ist aber jemand nicht mehr in der Lage, zu kommunizieren und seinen Sterbewunsch mitzuteilen, etwa weil eine tiefe Bewusstlosigkeit vorliegt, dann handelt es sich in der Regel um eine Situation, in der klassischerweise eine Patientenverfügung greifen sollte. Darin kann im Voraus jede medizinische Behandlung sowie jede künstliche Ernährung und Flüssigkeitsgabe rechtsgültig und für die Ärzte bindend abgelehnt werden. Ein Akt wahrgenommener Autonomie, der die Entscheidung über das eigene Sterben nicht einer dritten Person überlässt. Und selbst wenn keine Patientenverfügung vorliegt, verpflichtet § 1901b BGB die Ärzte seit 2009 dazu, den mutmaßlichen Willen eines Patienten anhand seiner früheren mündlichen Äußerungen zu ermitteln. Leider wissen davon selbst Mediziner noch immer viel zu selten.


Was passiert, wenn wir sterben?

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So sterben wirSo sterben wir

Unser Ende und was wir darüber wissen sollten

Was passiert mit deinem Körper, wenn du stirbst? Was fühlst du – Trauer, Schmerz? Und dann, wenn dein Herzschlag verstummt ist? Was geschieht mit deinem Leichnam, bis du bestattet wirst? Wie wird man um dich trauern? Sterben, Tod und Trauer sind unumgänglich, für jeden von uns. Und doch wissen wir kaum etwas darüber. Roland Schulz findet Worte für das Unbeschreibliche und gibt Antworten auf die tiefsten Fragen des Lebens.  „Tage vor deinem Tod, wenn noch niemand deine Sterbestunde kennt, hört dein Herz auf, Blut bis in die Spitzen deiner Finger zu pumpen. Wird anderswo gebraucht. In deinem Kopf.“ Mit diesen Worten nimmt Roland Schulz den Leser mit auf die letzte Reise. Eindringlich beschreibt er, was wir während unserer letzten Tage und Stunden erleben. Er verfolgt die Reise des Körpers von der Leichenschau bis zur Bestattung und fragt schließlich, was Sterben und Tod für diejenigen bedeutet, die zurückbleiben: Wie trauern wir – und wie können wir weiterleben Ein aufwendig recherchiertes Buch, kraftvoll und voller Menschlichkeit.Gewinner des Preises „Wissensbuch des Jahres 2019“ 

Sterben

Tage vor deinem Tod, wenn noch niemand deine Sterbestunde kennt, hört dein Herz auf, Blut bis in die Spitzen deiner Finger zu pumpen. Wird anderswo gebraucht. In deinem Kopf. Im Kern deines Körpers, wo deine Lunge liegt, dein Herz, deine Leber. Auch aus den Zehenspitzen zieht sich das Blut zurück. Deine Füße werden kalt. Dein Atem verflacht. Die Sinne schwinden. Dein Körper leitet den Abschied vom Leben ein.

Später, wenn der Arzt den Totenschein ausfüllt, wird es so aussehen, als wäre dein Sterben einem streng geregelten Ablauf gefolgt, amtlich festgehalten im vertraulichen Teil deines Totenscheins, Blatt 1, Absatz I, Zeilen a) bis c). Aber das stimmt nicht. Dein Sterben ist ein Prozess voller Dynamik, so einzigartig wie dein Leben. Jeder Mensch erlebt diesen Prozess auf seine eigene, einmalige Weise. Erst danach, wenn du tot bist, lässt sich dein Sterben in drei Stufen staffeln, die der Arzt in den Totenschein einträgt.

Wenn dein Arzt ein Siebengescheit ist, wird er dein Sterben im ICD-Code abfassen, den Kürzeln aller Krankheiten weltweit. Vielleicht bist du eine J-18er-Lungenentzündung, wie Guido Westerwelle. Vielleicht ein Krebsfall der Kategorie C-22, wie David Bowie.

Wenn dein Arzt ein Simpel ist, wird er dein Sterben in Schlagworten abhandeln, die auf alle zutreffen. Vielleicht erfasst er dich als Atemstillstand. Am Ende steht jeder Atem still. Vielleicht als Herz-Kreislauf-Versagen. Am Ende versagt jedes Herz.

Wahrscheinlich aber wird er einfach die Kette der Krankheiten anführen, die dir den Tod brachte: von der unmittelbaren Todesursache vor wenigen Stunden über ihren Auslöser vor Monaten bis zum Grundleiden vor vielen Jahren. Aus Sicht der Statistik hat dein Sterben damals begonnen.

Du erinnerst dich sicher daran. Die Herzsache damals. Die Krebsdiagnose. Dieser dumme Sturz. Wie die Ärzte darüber redeten, war klar: Ist etwas Ernstes diesmal. Sie versprachen, es in den Griff zu kriegen. Sie hielten Wort, wie sie dein Leben lang Wort gehalten und dich geheilt hatten, bei jeder Krankheit, jedem Fieber, jedem Bruch. Sie schickten dich heim, und für ein Jahr oder fünf war es wieder gut. Aber jetzt liegst du hier, der Schwarm in weißen Kitteln war schon da, und auch wenn niemand deine Prognose in den Mund genommen hat, wird dir klar, wie es um dich steht. Du hast Angst.

 

Über Sterben ist schwer sprechen. Es lohnt sich aber, sagen die Spezialisten, die dem Sterben nahestehen. Sie waren anfangs skeptisch, als sie von der Idee dieses Buches hörten: Sterben, Schritt für Schritt? Sterben folgt keinem Fahrplan, sagten sie. Sterben ist dynamisch, Sterben ist komplex. Das beginnt schon mit dem Begriff. Sterben ist Teil des Lebens. Tod, das ist danach. Sie empfahlen Studien, Aufsätze, Statistiken. Dann erzählten sie doch, alte Ärzte und junge, Professorinnen der Palliativmedizin, Hospizleiter, Hospizhelfer, Pfleger, erfahren in tausenden Toden – weil sie ein Erlebnis aus ihrer Arbeit mit Sterbenden eint: Schmerzlicher als Sprechen ist Schweigen.

Deine Angst ist natürlich. Manche Forscher meinen, wir Menschen sind auch deswegen denkende Wesen geworden, weil wir uns lebenslang bemühen müssen, unsere Sterblichkeit zu leugnen. Das kennst du. Sterben? Das betraf dich nicht. Das war weit weg. Der Tod, das bedeutete immer den Tod der anderen, nie deinen eigenen. Auf diese Art hast du, wie wir alle, außer Acht gelassen, was uns gewiss ist: Wir werden alle sterben – aber wissen nicht, wann. Du weißt es jetzt. Bald.

Sterben zu schildern, birgt eine Gefahr: Wer Sterben zu erklären sucht, erzeugt – ob er will oder nicht – ein Gefühl des Wissens und damit der Kontrolle. Das, warnen Wissenschaftler, ist eine Illusion. Keiner kann wissen, was im Tod ist. Im Sterben stoßen der Verstand, das Denken, die Vernunft an ihre Grenzen: Da gibt es keine Gewissheiten mehr. Sicher ist jedoch: Sterben ist genau das Gegenteil von Kontrolle. Nicht lange, und du wirst die Hoheit über Körper und Geist vollkommen verlieren, unwiderruflich.
 

Fragen drängen sich in deinen Sinn; was nun, warum ich, wann genau, wie denn. Ärzte, die vielen Sterbenden zur Seite standen, sind am Anfang vorsichtig mit Antworten. Sie stellen lieber selber Fragen. Wie sehen Sie Ihre Situation? Was wissen Sie über Ihre Krankheit? Was haben Sie für ein Gefühl, wie geht es weiter? Was wäre, wenn es nicht so kommt? So stupsen sie dich, sachte, ganz sachte, und du kannst entscheiden, wie weit du der Wahrheit entgegentreten willst. Es gibt Kranke, denen wäre die volle Wahrheit zu viel. Es gibt Kranke, die wollen alles wissen. Ärzte und Pfleger auf Palliativstationen antworten daher nach einer Faustformel: Alles, was sie dir sagen, muss aufrichtig, muss wahrhaftig sein. Aber nicht zwingend gleich die ganze Wahrheit.

Du kannst jedoch jederzeit danach fragen. Das Wissen darum kann befreien. Schwerstkranke scheinen oft von einem Schweigen umstellt, das gegenseitiger Rücksichtnahme entspringt, der des Kranken wie der Gesunden:

… ich kann das den Kindern nicht zumuten …

… wir dürfen Mama damit nicht belasten …

… ich will ihnen nicht zur Last fallen …

… wir müssen Papa schonen …

… das ertragen sie nicht …

… das hält er nie aus …

 

Sehr häufig, dieses Phänomen. Sich beidseits schonen, um jeden Preis. Speziell, wenn es ans Sterben geht. Es gibt eine Geschichte dazu, die Ärzte in so vielen Spielarten erzählen, dass sie wie eine Fabel wirkt, obwohl sie sich wahrhaftig so zugetragen hat, jedes Mal. Sie handelt von einem Ehepaar.

Sie liegt drinnen auf dem Bett und flüstert: „Ich spüre es, ich werde sterben – aber sagen Sie das auf keinem Fall meinem Mann!“

Er steht draußen vor der Tür und sagt: „Meine Frau wird sterben, ich merke das – bitte sagen Sie ihr bloß nicht, wie ernst ihre Lage ist!“

Sie haben in der Medizin einen schönen Begriff gemünzt für diese Strategie: barmherzige Lügen. Solche Lügen bringen nichts. Auch die anderen Ausweichmanöver sind nutzlos, Aussitzen, Weglaufen, Schönreden. Sie funktionieren nicht; nicht beim Sterben.

[...]

Ein Plädoyer für einen offenen Umgang mit Sterben und Tod

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Warum wir einen neuen Umgang mit dem Tod brauchen

Ein Palliativmediziner erzählt

„Halte es für möglich, dass dein Arzt beim Thema Tod noch mehr Angst hat als du.“Wir müssen über den Tod reden. Es nicht zu tun, bedeutet, die Entscheidung darüber, wie wir sterben wollen, anderen zu überlassen. Der Palliativmediziner Matthias Gockel erlebt täglich, wie sehr Verdrängen und Verschweigen einen bewussten Umgang mit dem Sterben blockieren - nicht nur bei Patienten und Angehörigen, sondern auch bei ihren Ärzten. Er fordert deshalb eine neue Art der Gesprächskultur. Indem er aus seinem Berufsalltag erzählt, macht er nicht nur Mut, sich mit den eigenen Ängsten auseinanderzusetzen. Er gibt zudem wichtige Orientierungshilfen, wie sich in einem zunehmend auf Kostenersparnis ausgerichteten Medizinsystem Entscheidungen treffen lassen, die für ein Sterben in Selbstbestimmung und Würde unabdingbar sind.

Vorwort

„Warum ist der Tod eines Menschen stets eine Art Skandal? Warum sind wir jedes Mal erstaunt, wenn ein Lebender dahingeht, als fände solch ein Ereignis zum ersten Mal statt?“ Die Antwort auf die Fragen, die der französische Philosoph Vladimir Jankélévitch einmal gestellt hat, fällt leicht: Weil wir Angst vor dem Tod haben.

An den Tod gewöhnt man sich nicht. Der Tod ist immer jung. Man wird die Angst vor ihm nicht los. Auch ich spüre sie, obwohl ich mich als Palliativmediziner jeden Tag mit Sterben und Tod beschäftige.

Oft scheint es, als wären gerade Ärzte besonders von dieser Angst betroffen. Doch sie einzugestehen, gilt im Gesundheitssystem als Zeichen von Schwäche. Ärzte sind darauf trainiert, cool und kompetent zu wirken, distanziert und professionell aufzutreten. Dabei macht auch sie der Tod unsicher. Weil sie so gut darin sind, Leben zu retten, halten sie es manchmal kaum aus, wenn ihnen das nicht gelingt.

Die Palliativmedizin kann als Ergänzung oder auch als Alternative betrachtet werden zum Heilenwollen um jeden Preis und zum reinen Verlängern der Lebenszeit. Ihr Ansatz ist es, bei lebensbedrohlichen Erkrankungen die Lebensqualität von Patienten und ihren Angehörigen zu verbessern. Dazu gehört nicht nur das Lindern von Schmerzen oder anderer körperlicher Symptome. Genauso wichtig ist das frühzeitige Erkennen und Behandeln von psychischen, sozialen oder spirituellen Problemen.

Im besten Fall geht Palliativmedizin aber über bloße Fachkompetenz hinaus. Es gibt Probleme, die sich nicht rein technisch lösen lassen. Manche Schmerzen sind durch kein Medikament zu stillen. Für sie braucht es Aufmerksamkeit und Zuwendung und eine Haltung, die dem anderen die Gewissheit gibt, wahrgenommen zu werden – im Leben wie im Sterben.

Nicht zuletzt von dieser Haltung soll das vorliegende Buch handeln. Sie soll sich, so meine Hoffnung, beim Gang durch die Kapitel mitteilen. Ich habe versucht, dem Buch einen persönlichen, nie abstrakten Tonfall zu geben. Mir geht es darum, das Vermitteln von konkreten Fakten und Informationen mit dem Erzählen zu verbinden; einem Erzählen aus der Innensicht von zwanzig Jahren Berufserfahrung.

Orientiert habe ich mich dabei an Fragen, die mir bei meiner Arbeit immer wieder begegnen: Was sollten Patienten mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung unbedingt beachten? Welche Möglichkeiten palliativer Versorgung gibt es in Deutschland? Was können Angehörige tun? Wie sieht eigentlich der Alltag auf einer Palliativstation aus? Warum fällt es vielen Ärzten so schwer, Schmerzen adäquat zu behandeln? Kann sich der Traum von einem „guten Sterben“ erfüllen?

Ich erzähle von Menschen, die ich in ihrer letzten Lebensphase kennengelernt und bis zum Tod begleitet habe. So ist es auch ein Buch voller Geschichten geworden, traurigen wie absurden, wütenden wie komischen.

Im Lauf der Zeit habe ich gelernt, dass gelingende Kommunikation viel dazu beitragen kann, der Angst vor dem Sterben und dem Tod etwas von ihrer Wucht zu nehmen – durch das Vermitteln von Sicherheit und das Schaffen von Nähe. So einiges kann schiefgehen im Gespräch zwischen Ärzten und Patienten, Ärzten und Angehörigen, Angehörigen und Patienten. Anhand zahlreicher Beispiele möchte ich Wege aus der Sprachlosigkeit aufzeigen, die viele in der Gegenwart Sterbender befällt.

Dieses Buch kann als ein Appell verstanden werden, mit größerer Entschlossenheit über die letzten Dinge zu reden. Das gilt auch für das mit großen Ängsten besetzte Thema Sterbehilfe. Ich möchte es in den abschließenden Kapiteln ebenso diskutieren wie das in meinen Augen verbesserungswürdige Konzept der Patientenverfügungen. Darüber hinaus finden sich im Anhang noch einige praktische Tipps. Sie sollen lebensbedrohlich erkrankte Patienten zu einer offeneren Kommunikation mit den behandelnden Ärzten ermutigen.

Der Tod wird immer ein Skandal bleiben. Aber wir können lernen, ihm etwas weniger unvorbereitet zu begegnen. Dazu möchte ich mit diesem Buch einen Beitrag leisten.

Matthias Gockel, im Juli 2019

Einführung

Trau dich, über den Tod nachzudenken

Zwischen Diesseits und Jenseits

Es war ein stressiges Jahr gewesen, und ich hatte mich auf den Urlaub gefreut. Einige freie Tage über Silvester; etwas Zeit, mit Freunden über die vergangenen Monate zu reden – die ersten, in denen ich als junger Palliativmediziner an einer Münchner Klinik gearbeitet hatte. „Gut“, antwortete ich auf die Frage eines Freundes, wie es mir gehe, „richtig gut, ich bin ganz entspannt.“ Wir saßen vor dem Kamin, es war Abend, und ich glaubte, was ich sagte. Doch etwas an meiner Antwort schien den Freund zu irritieren. Er sah mich aufmerksam an und fragte noch einmal: „Nein, ich meinte: Wie geht es dir wirklich?“

Hätte er nicht nachgehakt, wäre wohl nichts passiert, und ich wäre davongekommen. So aber brachte seine Hartnäckigkeit alles zum Einstürzen. Plötzlich rückte das in München auf der Palliativstation Zurückgelassene wieder ganz nah: Gespräche, Krankheitsverläufe, Schicksale. Und nicht zuletzt der Tod. Wie in einer Diashow zogen die Gesichter all der Patienten vor meinem inneren Auge vorbei, die ich im zurückliegenden Jahr betreut hatte und die bei uns gestorben waren. Ein langer, flackernder Zug letzter Bilder, manche schon etwas unscharf, manche noch so deutlich, als hätte ich mich gerade erst von dem Betreffenden verabschiedet. Ich begann zu weinen und konnte für eine halbe Stunde nicht mehr damit aufhören.

Das ist viele Jahre her. Heute habe ich gelernt, mit dem Thema Krankheit und Sterben, das in meinem Beruf nun einmal allgegenwärtig ist, umzugehen. Ich habe Wege gefunden, das Unumgängliche zu akzeptieren und es als Teil meines Lebens zu betrachten. Ich fliehe nicht mehr vor der Macht, die vom Tod und allem, was mit ihm zusammenhängt, ausgeht und die für viele so beängstigend ist, dass sie ihr Heil im Verdrängen suchen. Für gewöhnlich klappt das ja auch gut. Im Alltag werden wir kaum je gezwungen, an den Tod zu denken. Fast scheint es zu seiner Natur zu gehören, dass er immer nur die anderen trifft. Und die anderen sind weit weg, vor allem aber sind sie: nicht wir. Nur manchmal, wenn unsere Abwehrmechanismen versagen, merken wir, welche Dämonen im Dunkel unserer Ängste lauern, immer bereit, uns anzufallen. Dann wird uns klar, dass wir sehr weit davon entfernt sind, den Tod als das wahrzunehmen, was er ist. Er ist das am wenigsten überraschende Ereignis der Welt.

Dass das auch und vielleicht sogar ganz besonders für Menschen gilt, die im Beruf häufig mit Sterben und Tod konfrontiert werden, habe ich immer wieder bei Workshops mit angehenden Ärzten erlebt. Zum ersten Mal geschah das vor einigen Jahren auf Einladung der Münchner Studierendeninitiative „MuM – Medizin und Menschlichkeit“. Engagierte junge Leute, die mehr wollten als das, was ihnen der Uni-Betrieb zu bieten hatte, und deshalb für eine Woche ein Seminarhaus irgendwo in Oberbayern angemietet hatten. Für Blicke über das Curriculum hinaus waren verschiedene Dozenten eingeladen worden, etwa ein Psychologe, aber auch ein Komplementärmediziner, der über alternative Heilmethoden referieren sollte. Mich hatte man für den Bereich „Medizin und Sterblichkeit“ angefragt.

Schon kurz nach meiner Zusage war mir klar gewesen, dass ich keinen trockenen Vortrag halten wollte. Die Teilnehmer sollten sich auf einer eher emotionalen Ebene mit dem Thema Sterblichkeit auseinandersetzen. Dazu schwebten mir einige Reflexionsübungen vor, die ich selbst im Rahmen meiner Palliativausbildung kennengelernt hatte. Sie waren mir im Gedächtnis geblieben, weil sie mich damals alles andere als gleichgültig gelassen hatten. Nun wollte ich herausfinden, ob es mir gelingen konnte, ähnliche Emotionen auch bei anderen hervorzurufen.

Für die erste Übung trennte ich den Seminarraum mithilfe eines Seils in zwei Hälften. Eine Hälfte blieb leer, in der anderen versammelten sich die zwanzig Teilnehmer, die ich in kleine Gruppen aufteilte, nachdem jeder Einzelne durch Durchzählen seine eigene Nummer erhalten hatte. Dann erläuterte ich die Aufgabe. Jeder sollte den anderen in der Gruppe erzählen, warum er heute hier war. Das Mitgeteilte sollte möglichst individuell ausfallen und durfte gern auch sehr persönlich sein. Wichtig war, ins Reden zu kommen und zu versuchen, sich den anderen ein wenig näherzubringen.

Natürlich gab es einen Haken an der Sache, schließlich sollte es keine reine Gesprächsrunde werden. Ich kündigte an, in gewissen Zeitabständen einen Gong zu betätigen und eine Zahl aufzurufen. Der Teilnehmer, zu dem die Zahl gehörte, musste dann auf der Stelle aufstehen und sich in die andere Hälfte des Raums begeben, und zwar ganz egal, ob er gerade nur zuhörte oder mit Erzählen dran war. Dort sollte er stehen bleiben und den anderen zuschauen, konnte aber selbst nicht mehr ins Geschehen eingreifen und durfte sich auch nicht mit seinen nach und nach hinzukommenden Nebenleuten unterhalten. Wann der Gong jeweils ertönte und welche Zahl aufgerufen wurde, lag allein in meinem Ermessen. Eine Art „Reise nach Jerusalem“ also. Aber eine, die unter der Überschrift „Sterblichkeit“ stand und daher bei allen, ohne dass ich das explizit aussprechen musste, die entsprechenden Assoziationen auslöste. Das zeigte sich spätestens bei den Rückmeldungen nach Ende der Übung.

Eine Studentin sagte: „Ich wollte meine Geschichte erzählen, unbedingt. Aber ich kam und kam nicht dran. Und dann redete der Typ unmittelbar vor mir auch noch mit einer Engelsgeduld über das langweiligste Zeug, das man sich nur vorstellen kann. Warum konnte der sich nicht kurz fassen oder schneller reden? Oder sich wenigstens auf wirklich Wichtiges konzentrieren? Aber plötzlich machte es klick, und mir wurde bewusst, dass es gleich für mich vorbei sein konnte; dass also diese Erzählungen möglicherweise das Letzte waren, was ich hörte, bevor ich starb. Und von dem Moment an war alles anders. Ich glaube, ich habe noch nie jemandem bei einem so langweiligen Vortrag mit einer so großen Aufmerksamkeit zugehört. Und ich war glücklich dabei.“

Ein anderer sagte: „Auch mir war es unheimlich wichtig, erzählen zu können, und ich kam ja auch an die Reihe. Nur eben als Allerletzter, als sich alle anderen schon drüben, in der anderen Hälfte des Raums, befanden. Niemand war mehr da, der meine Geschichte hören konnte. Da habe ich gelernt, dass man beim Wünschen besser vorsichtig ist. Denn in Wahrheit war es mir gar nicht so sehr darum gegangen, zu Wort zu kommen, sondern darum, von jemandem gehört zu werden.“

Am härtesten traf es den Studenten, der als Erster auf die andere Seite gerufen wurde. Er musste erleben, dass sein Verstummen und damit sein „Tod“ für die anderen nur ein banaler Zwischenfall war. Die entstandene Lücke wurde schnell geschlossen, und das Leben ging weiter, als wäre überhaupt nichts geschehen. Aber auch für ihn gab es Trost, denn ganz undurchlässig war die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits dann doch nicht: „Ich fand das so ungerecht, ganz allein im Nichts zu stehen, bis ich sah, wie ein guter Freund zu mir herüberschaute und mit den Lippen lautlos den Satz formte: ›Hinter dir, der Nachtisch!‹ Tatsächlich, da stand der Kuchen! Und auf einmal war das mit dem Sterben gar nicht mehr so schlimm.“

So enthielt diese Übung sogar noch eine von mir gar nicht eingeplante Lektion in Sachen Hoffnung aufs Paradies …

Das Leben ist manchmal ein Arschloch

Die zweite Übung zielte noch stärker auf die jeweilige Persönlichkeit des Einzelnen, auf seine Hoffnungen und Werte. Aus diesem Grund kann man sie recht gut auch ganz für sich allein, in der eigenen Vorstellung durchspielen. Ich verteilte an jeden der Teilnehmer fünf Karteikarten und einen Stift, dann nannte ich das Motto der Übung: „Was ist mir wirklich wichtig im Leben?“

Jeder hatte eine Viertelstunde Zeit, um diese Frage für sich zu beantworten, und zwar anhand von bestimmten Kategorien: Welche Person ist mir am wichtigsten? Auf welche meiner Fähigkeiten bin ich am meisten stolz? Gibt es etwas an meinem Äußeren, auf das ich großen Wert lege? Welchen Traum möchte ich noch verwirklichen? Und schließlich: Welcher materielle Gegenstand besitzt den höchsten Wert für mich? Fünf Kategorien, fünf Karteikarten, fünf Antworten. Je kürzer sie ausfielen, desto besser. Nur ein Stichwort war verlangt, keine Begründung. Also etwa: „Paul“; „anderen Sicherheit geben“ oder auch: „Klavier spielen können“; „meine Hände“; „eine Weltreise unternehmen“; „die Armbanduhr, die ich von meinem Vater geerbt habe“. Zwar würde die Übung in der Gruppe abgehalten werden. Was jeder auf seine Karten geschrieben hatte, würde aber, das versicherte ich den Teilnehmern vor Beginn, weder den anderen gezeigt noch laut vorgelesen werden.

Dann ging es los. Ich stellte mich in die Mitte des Raums und sagte: „Leben, das bedeutet sehr oft auch Verlust. Dinge gehen verloren, Träume zerplatzen, es gibt schwere, uns für immer verändernde Krankheiten, und Menschen, die wir lieben, sterben. Es kann nicht schaden, sich das gelegentlich klarzumachen.“

Ich griff nach einer großen Schale, die ich mitgebracht hatte, und begann meinen Gang von Teilnehmer zu Teilnehmer. Jeder sollte sich von einer der fünf Karten, die er in der Hand hielt, trennen und sie in die Schale legen. Den meisten, das zeigt die Erfahrung, fällt diese erste Wahl noch leicht. Sie entscheiden sich für den Gegenstand. Weg mit der geliebten Lederjacke, der in einer glücklichen Stunde erworbenen Kafka-Erstausgabe oder dem so lange gehüteten Bündel Briefe, zusammengehalten von einer roten Schleife. Das Hergeben mag zwar durchaus schmerzen, berührt aber noch nicht den Kern der Persönlichkeit. Interessanterweise fand sich am Ende dieser Eröffnungsrunde in der Schale auch einmal eine Karte, auf der „Meine Mutter“ stand. Ein Psychoanalytiker hätte daraus sicher eine spannende Sitzung gestaltet. Und ich lernte: Nicht immer muss die wichtigste Person in unserem Leben auch die sein, mit der wir die besten Gefühle verbinden.

„Verlusterfahrungen prägen unser ganzes Leben“, sagte ich, „sie hören nie auf.“ Also nächste Runde. Jetzt wurden die Karten schon deutlich zögerlicher in die Schale gelegt. Einige der Teilnehmer schienen bis zur letzten Sekunde zu überlegen, für welche sie sich entscheiden sollten. Leicht fiel es keinem. Ausgeträumt der Traum vom eigenen Geschäft, mit Freunden aufs Land zu ziehen oder den Doktortitel doch noch zu schaffen. Nächste Runde. Vorbei die Illusion, noch jung genug zu sein für ein Gesicht ohne Falten, den aufrechten Gang, die intakte Gesundheit. Eine Teilnehmerin sagte mir hinterher, dass sie zum ersten Mal die Klagen ihrer Großmutter verstanden habe. Es tut weh, Stück für Stück von sich hergeben zu müssen, ohne etwas dafür zurückzuerhalten. Sukzessive wird alles weniger, woran man so lange festgehalten, worüber man sich und sein Dasein in der Welt definiert hat.

Mittlerweile war es vollkommen still geworden im Raum. Nur noch zwei Karten hatte jeder in der Hand. Ich konnte an den Gesichtern ablesen, wie sich manch Teilnehmer innerlich gegen das Kommende wappnete – weil sie die Pointe der Übung nicht kannten und noch davon ausgingen, eine Wahl zu haben, wussten sie nicht, wie sinnlos das war. Ich sagte: „Das Leben ist nicht nur Veränderung und Verlust. Das Leben ist manchmal auch ein ungerechtes Arschloch, das macht, was es will. Halten Sie jetzt bitte die letzten beiden Karten hoch, und dann werde ich herumgehen und für Sie entscheiden, welche davon in die Schale gelegt wird.“

Ich habe diese Übung inzwischen recht häufig durchgeführt, und an dieser Stelle ist es bisweilen vorgekommen, dass ich sie abbrechen musste, weil sich im Verlauf der Runden die Emotionen immer mehr gesteigert haben und schließlich in unverhohlene und gegen mich gerichtete Aggression umgeschlagen sind. Das war jedoch nicht weiter tragisch. Denn im Grunde zeigte es ja nur, dass die Übung ihren Sinn erfüllte. Ich wusste schließlich, dass die Aggression in Wahrheit nicht mir galt, sondern der Unberechenbarkeit des Lebens und dem damit verbundenen Kontrollverlust. Man hat die wirklich wichtigen Dinge manchmal eben nicht in der Hand, und das wurde den Teilnehmern nun buchstäblich vor Augen geführt.

Beinahe immer bleibt die Karte mit der wichtigsten Person bis ganz zum Schluss im Rennen. Und auf der zweiten übrig gebliebenen steht meistens entweder die geschätzte Fähigkeit oder der noch zu verwirklichende Traum. Gehe ich herum, um meine Wahl zu treffen, achte ich sehr genau darauf, wie jemand die beiden letzten Karten hält. Es ist beinahe wie früher beim Spiel mit dem „Schwarzen Peter“: Welche Karte wird weiter nach hinten geschoben? Welche wird mir regelrecht angeboten? Einmal, als ich die Übung im Rahmen eines Festivals mit Menschen abseits des Medizinsystems veranstaltet habe, geriet ich an eine ältere Dame, die mir ihre beiden Karten nur äußerst widerwillig entgegenzustrecken schien. Beim Näherkommen sah ich auch den Grund. Auf die eine Karte hatte sie geschrieben „Meine beste Freundin“ und auf die andere „Eine Skandinavien-Reise mit meiner besten Freundin“. Ich nahm ihr die erste Karte weg, wodurch gleich auch die zweite allen Wert verlor. Der Blick, den ich dabei auffing, hatte Tötungspotenzial.

Ohne Zweifel: Die Übung hat es in sich. Das wurde mir schon beim allerersten Workshop bewusst. Nach jeder Runde mit den Münchner Studierenden hatte ich die Schale entleert und die entsprechenden Karten zu Stapeln sortiert. Ich wollte abends nachsehen, welche Karte die Teilnehmer in welcher Runde abgegeben hatten. Insgesamt einhundert Karten, verteilt auf fünf Stapel. Als ich aber nach einer Zigarettenpause wieder zu meinem Tisch zurückkam, fiel mir auf, dass manche Stapel deutlich kleiner geworden waren. Besonders der mit den Karten, die ganz zuletzt in die Schale gewandert waren, hatte abgenommen. Offensichtlich hatten sich manche Teilnehmer während der Pause ihre Karten, auf denen sie die wichtigste Person notiert hatten, heimlich wieder zurückgeholt. Ich musste lächeln. Wer eine simple Karteikarte mit einem Namen drauf keinem Fremden überlassen wollte, musste sie mit genau der von mir erhofften Bedeutung aufgeladen haben. Und dabei hatte ich mich zu Hause noch gefragt, ob die Übung vielleicht nur für kollektives Gähnen sorgen würde. Jetzt war ich froh, dass ich meine ursprüngliche, zugegeben etwas theatralische Idee, die Karten vor aller Augen in einer Feuerschale zu verbrennen, nicht in die Tat umgesetzt hatte. Vermutlich wäre ich dann nicht mehr mit heiler Haut aus der Nummer herausgekommen.

Diese Übung funktioniert, weil sie unsere Schutzmechanismen unterläuft. Wer es gewohnt ist, Themen wie Vergänglichkeit und Sterben in den hintersten Winkel seines Bewusstseins zu verbannen, wird auf dem falschen Fuß erwischt. Die Rationalisierung, warum diese Übung eigentlich gar nichts mit einem selbst zu tun hat, müsste einsetzen, bevor die ersten Emotionen intensiver werden oder gar, wie ich es häufig erlebt habe, die ersten Tränen fließen. Passiert das nämlich, ist es zu spät für Coolness. Man kann nicht sagen: „Das betrifft mich alles nicht“, und gleichzeitig um ein Taschentuch bitten. Mir war es während meiner Ausbildung nicht anders ergangen – warum löst denn bitte schön so ein banaler Zettel, den ich hier abgebe, so starke Gefühle aus? Damals hätte ich es kaum für möglich gehalten, dass andere auch so emotional reagieren könnten wie ich. Heute weiß ich, dass fast alle es tun. Nur scheinen wir uns leider für die meiste Zeit an die stillschweigende Übereinkunft zu halten, dass man über „solche Dinge“ besser nicht nachdenkt, geschweige denn spricht. Doch man kann diese Übereinkunft ja auch ignorieren. Etwa in einem Buch wie diesem. Wir müssen über den Tod sprechen.

Und das haben viele Teilnehmer auch gemacht, weil sie gemerkt haben: Verdammt, alles ist tatsächlich vergänglich, auch die wichtigste Person in meinem Leben könnte morgen weg sein. Die Übungen hatten dem Thema die beruhigende Abstraktion genommen und es vielleicht zum ersten Mal wirklich greifbar für sie gemacht. So greifbar, dass manche sich, wie sie mir einige Wochen später per Mail mitteilten, nach Ende des Workshops ins Auto gesetzt hatten und zu ihren Eltern gefahren waren. Ein Teilnehmer schrieb mir:

„Ich weiß schon seit Jahren, dass ich mit meiner Mutter noch mal über alles reden muss, nicht zuletzt, um ihr endlich einmal ›Danke‹ zu sagen. Immer habe ich gedacht: Wenn sich mal die Zeit dafür ergibt oder die Stimmung passend ist, dann mache ich das. Aber die passende Stimmung, der richtige Moment, die kommen nie von selbst. Vielleicht haben wir ja doch nicht mehr die zwanzig, dreißig Jahre zusammen, von denen ich immer ausgegangen bin. Die Zeit wartet auf niemanden.“

Und der Tod erst recht nicht.

Du wirst gesehen in deinem Leid

Je öfter ich später ähnliche Workshops mit Medizinstudenten abhielt, desto deutlicher trat zutage, dass fast jeder der Teilnehmer schon in jungen Jahren mit dem Tod eines nahen Menschen in Berührung gekommen war. Zufall? Wohl kaum. Normalerweise gibt es heutzutage für die meisten Menschen bis ins hohe Erwachsenenalter hinein, bis zum Ableben der Eltern, kaum einen Anlass, sich mit dem Tod wirklich auseinandersetzen zu müssen. Anders bei den angehenden Ärzten, zumindest bei denen, die ich erlebt habe. Vielleicht kann ja diese Vorerfahrung einer der Gründe sein, warum sich jemand dafür entscheidet, Medizin zu studieren – um fortan dem Schicksal nicht mehr ganz so ohnmächtig gegenüberstehen zu müssen, sondern helfend und im besten Fall sogar heilend eingreifen zu können. Gleichzeitig sorgt die biografische Prägung aber auch dafür, dass später jede neue, dann berufliche Konfrontation mit dem Tod alte Wunden aufreißt. Was man sich aber lieber nicht anmerken lässt. Denn es würde einem ja womöglich von den Kollegen und erst recht von den Vorgesetzten als Schwäche ausgelegt werden.

Genau deshalb stellte ich ans Ende solcher Workshops gerne eine Übung, die den Schutzpanzer, den sich die Teilnehmer schon zugelegt hatten, aufbrechen sollte. Ich sagte: „Immer zwei von euch stellen sich nun in einem Abstand von ein paar Metern gegenüber. Dann geht ihr aufeinander zu. Achtet darauf, wie ihr euch dabei fühlt und wie sehr ihr euch an den anderen im Raum orientiert. Was geht in euch vor, wenn euch jemand ganz, ganz langsam immer näher kommt? In einem Abstand, der für euch beide okay ist, bleibt ihr schließlich stehen. Und dann stellt erst der eine, dann der andere eine einzige Frage und blickt dabei seinem Gegenüber direkt in die Augen. Die Frage lautet: ›Ich fühle mich überfordert, ich fühle mich hilflos, ich schaffe das nicht alleine, kannst du mir bitte helfen?‹“

Eigentlich sollte das Eingestehen von Unwissenheit, Verletzlichkeit und Überforderung in keinem Beruf ein unrealistisches Szenario sein. Wo man es wie in der Medizin mit den existenziellen Problemen des Menschseins zu tun bekommt, erst recht nicht. Eigentlich. Die hochemotionalen Reaktionen auf diese Übung zeigten mir jedoch, dass so etwas im Ärztealltag praktisch nicht vorkommt. Nicht selten weinte anschließend der ganze Raum. Die Teilnehmer wirkten wie befreit, denn sie hatten es endlich gewagt, sich Kollegen in einem Moment der Hilflosigkeit zu zeigen. Jetzt erst konnten sie einander jene Geschichten aus der Klinik erzählen, die sie belastet hatten, weil sie von Angst handelten, von Traurigkeit und vom Gefühl, versagt zu haben. Von dem Patienten, dessen Sterben dem des eigenen Vaters so ähnlich gewesen war. Von der noch so jungen Patientin, die auf einem guten Weg schien und es dann doch nicht geschafft hatte.

Jeder hatte sich, das wurde nun sichtbar, die ganze Zeit über Vorwürfe gemacht, zu weich für diesen Beruf zu sein; hatte geglaubt, die professionelle Abgebrühtheit der anderen niemals erreichen zu können. Dabei war es seinem Gegenüber ganz genauso ergangen. Doch keiner hatte sich aus der Deckung gewagt, weil in der Medizin die zutiefst menschliche Reaktion, sich Hilfe zu holen, nach wie vor als Mangel gilt. Also hatten sie einander immer weiter den harten Einzelkämpfer vorgespielt.

Wenn ich mir anschaue, wer mit mir vor vielen Jahren Medizin studiert, aber irgendwann damit aufgehört hat, weil er oder sie sich mit dem ganzen System nicht mehr identifizieren konnte und der Preis für das eigene Seelenheil zu hoch war; und wenn ich mir gleichzeitig anschaue, wer dagegen mit ungebrochener, nie hinterfragter Begeisterung durch das Studium gegangen ist, dann weiß ich, dass diesen Beruf nicht immer nur diejenigen ausüben, die für ihn am besten geeignet sind.

Nicht ohne Grund halten viele den Anatomiekurs, der im dritten Semester auf dem Programm steht, auch für eine Art abhärtenden Initiationsritus. Ein „Fisherman’s Friend“-Moment: Ist man für den Umgang mit der Leiche zu sensibel, hat man in diesem Beruf nichts verloren. Schafft man es, kann man sich als Teil einer auserwählten Gruppe fühlen.

Immer geht es darum, zu funktionieren. Wird man zum Mediziner ausgebildet, macht man diese Erfahrung erst an der Uni und dann in den Krankenhäusern, wo es ganz eigene, ungemein starre Hierarchiestrukturen gibt. Wer in der klinischen Versorgung bleibt, darf mit diesen Strukturen kein größeres Problem haben. Oder zieht vielleicht sogar eine ganz eigene Befriedigung aus der Ausübung von Macht und lässt das die ihm unterstellten Kollegen auch spüren, ob als Facharzt, Stationsärztin, Oberarzt oder Chefärztin. Es braucht schon viel Mut, sich in solchen Strukturen eine Blöße zu geben und sich anmerken zu lassen, wie sehr einen das Sterben eines Patienten berührt und wie hilflos man sich fühlt, weil man nichts dagegen tun kann.

Daher möchte ich jedem Leser gleich zu Beginn einen Satz mit auf den Weg geben: Halte es für möglich, dass dein Arzt beim Thema Sterben und Tod noch mehr Angst hat als du; dass er heilfroh ist, wenn du ihn damit nicht behelligst.

Oder wie mir ein Patient, zu dem ich gerufen wurde, einmal anvertraute: „Ganz ehrlich: Dass ich in absehbarer Zeit sterben werde, das weiß ich. Für den Fall, dass es bald schon holprig werden sollte, habe ich meinen Sohn gebeten, sich sicherheitshalber schon mal nach einem Hospizplatz für mich umzusehen. Denn immer, wenn ich auf der Station versucht habe, mit den netten Assistenzärzten darüber zu sprechen, haben die so bedröppelt dreingeschaut, dass ich es schnell wieder gelassen habe. Die reden da wohl nicht so gern drüber, und ich will sie ja auch nicht quälen.“

Zu der Angst kommt auf Ärzteseite der Anspruch hinzu, vor Krankheiten nicht zu kapitulieren, sondern sie zu heilen. Nur klappt das eben nicht immer. Und was dann? Ich selbst habe im Rahmen meiner Facharztausbildung ein Dreivierteljahr auf der Intensivstation gearbeitet und dabei gemerkt, wie leicht man sich vom Tod eines Patienten persönlich beleidigt fühlen kann: Wir kümmern uns hier um dich, alles scheint so gut zu laufen, und du, was machst du? Du stirbst einfach, und unsere ganze schöne Mühe war vergeblich …

Für mich als Palliativmediziner ist der Tod weder Gegner noch Freund. Ich betrachte den Tod eines Patienten nicht als Ergebnis persönlichen Scheiterns und auch nicht als das Schlimmste, was geschehen kann – sondern als etwas Natürliches, als eine Tatsache, an der es nichts zu rütteln gibt.

Viel wichtiger ist ohnehin, welche Bedeutung der Tod für den Patienten hat, den ich gerade behandle. Ist er der schon lange herbeigesehnte Erlöser? Wird er in einer Mischung aus Fatalismus, Galgenhumor und Traurigkeit mehr oder weniger akzeptiert? Oder löst sein Herankommen eine Angst aus, die so groß ist, dass sie alles Ertragbare übersteigt? Wenn es mir gelingt, das herauszufinden, kann ich nicht nur sehr viel besser über das weitere Vorgehen entscheiden. Dann kann ich es auch schaffen, den nahenden Tod dieses einen bestimmten Patienten in die An- und Besprechbarkeit zu holen.

Nach ihrer Definition ist es Aufgabe der Palliativmedizin, die Lebensqualität sowohl von Patienten mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung als auch von deren Familien zu verbessern. Das heißt, es geht letztlich nicht mehr ums Heilen, sondern ums Lindern von Schmerz und ums Behandeln von auftretenden Problemen, seien sie körperlicher, psychosozialer oder spiritueller Art. Dazu gehört auch, das vielleicht medizinisch noch Machbare, aber mit großer Wahrscheinlichkeit zusätzliches Leid Verursachende genau abzuwägen. Abzuwägen gegen die Möglichkeit eines würdevollen und beinahe immer ohne Schmerzen verlaufenden Sterbens.

Alles orientiert sich an der Frage: Was hilft diesem Menschen hier und jetzt am besten? Palliativmedizin ist neben dem Fachlichen vor allem auch eine bestimmte Haltung, ist Aufmerksamkeit und Da-Sein. Ich kann den Schmerz des anderen erkennen, und ich kann dafür sorgen, dass er sich nicht vollkommen verlassen fühlt, wenn er ihn trägt.

Vielleicht besteht eine wichtige Aufgabe des Palliativmediziners darin, dem Patienten stets zu verstehen zu geben: Du wirst gesehen in deinem Leid. Du bist nicht allein. Ich nehme dich wahr.

Wie zerbrechlich wir sind

Sicher wäre es eine Illusion zu glauben, man könne jedem Menschen, ob er nun im Gesundheitswesen arbeitet oder nicht, zu einem erwachsenen, also reflektierten und im Idealfall fast schon entspannten Verhältnis zum Tod verhelfen. Das würde der menschlichen Natur auch widersprechen. Für viele wird der Tod immer das ultimative Schreckbild sein, das lauernde Schwarz am Ende der Tage, vor dem man, so lange es geht, die Augen verschließen muss, um überhaupt normal weitermachen zu können.

Der Tod bleibt ein Tabu, im Alltagsleben wie in der Gesellschaft. Es gehört zum Wesen von Tabus, hochwirksam, doch nicht rational begründet zu sein. Das unterscheidet sie von Verboten aller Art. Sie bestehen einfach, und es scheint, als seien sie immer schon da gewesen. Das Tabu des Todes gewinnt in unserer Zeit sogar noch an Macht hinzu. Gäbe es die Krimis nicht mit ihrer täglichen Leichenschau, würden uns die Nachrichten nicht jederzeit mit Berichten über Katastrophen, Unfälle und Verbrechen versorgen, dann blieben uns nur noch die Traueranzeigen in der Zeitung, die wir aber schnell überblättern, oder die Friedhöfe, über die wir aber kaum je spazieren, um uns daran zu erinnern, dass der Tod tatsächlich existiert.

Leider tun uns die Dinge, die uns verstören oder ängstigen, nicht den Gefallen, einfach zu verschwinden, wenn wir sie ignorieren. Im Gegenteil. Nicht selten entwickeln sie ein Eigenleben und beginnen, uns heimzusuchen. Nicht nur nachts verursachen sie hässliche Klopfgeräusche in den Kellerräumen unseres Bewusstseins. Sie wirken sich auch generell darauf aus, wie wir die Welt wahrnehmen, was wir denken und fühlen und wie wir uns verhalten.

Vor einigen Jahren entwarf der amerikanische Psychologe Jeff Greenberg zusammen mit ein paar Kollegen die sogenannte „Terror-Management-Theorie“. Sie besagt, dass wir vor allem zwei Strategien einsetzen, um mit dem Wissen um unsere Sterblichkeit umgehen zu können. Zum einen bemühen wir uns, unsere Weltanschauung als etwas Gewichtiges und Beständiges zu betrachten. So fällt es uns leichter zu glauben, dass dem menschlichen Leben ein tieferer Sinn innewohnt, der die Flüchtigkeit unseres Daseins übersteigt. Und zum anderen versuchen wir bei allem, was wir tun, unser Selbstwertgefühl zu stärken. Denn nur wenn wir davon ausgehen, dass wir wertvolle Wesen und unsere Handlungen von Bedeutung sind, können wir für Momente unsere Vergänglichkeit vergessen und uns der Illusion hingeben, dass etwas von uns für immer bleibt.

Problematisch wird es, wenn wir Menschen begegnen, die unsere Weltanschauung nicht teilen, oder unsere Selbstachtung gefährdet ist. Alles, was unsere Werte infrage stellt, wirft uns wieder auf unsere Verletzlichkeit und Sterblichkeit zurück, denn dann haben wir nichts mehr, was uns vor dem Blick in den Abgrund schützt. Also muss diese Bedrohung abgewehrt werden. Wir erheben uns über abweichende Weltbilder, lehnen sie ab, verurteilen sie oder, wenn das alles nichts hilft, integrieren sie in unser eigenes Wertesystem. Greenberg und seine Kollegen konnten anhand zahlreicher Studien zeigen: Wann immer wir an unsere ansonsten verdrängte Sterblichkeit erinnert werden, hat das anschließend konkrete Auswirkungen auf unser Leben. Wir wählen konservativer, urteilen rigider und wagen weniger.

Demnach kostet unsere Kultur der Verdrängung einen Preis. Unsere eigenen psychischen Schutzmechanismen nicht zu hinterfragen und dem Tod nicht ins Gesicht zu schauen, raubt uns ein gutes Stück Lebensmut, Spontaneität und Freude am (kalkulierten) Risiko. Man lässt zu, dass die Angst immer mehr Raum einnimmt und schließlich lähmend wird. Wie schnell alles vorüber sein kann! Einmal nicht aufgepasst beim Überqueren der Straße, ein ungünstiges Röntgenbild, und von einem Moment auf den anderen ist Schluss. Wie zerbrechlich wir sind. Doch deshalb die Verdrängung noch zu intensivieren, kann nicht die Lösung sein. Stattdessen sollte uns gerade das Wissen, dass wir endlich sind, den Mut geben, das Leben zu genießen.

Selbstverständlich muss man sich nicht mindestens einmal in der Woche intensiv mit seiner Sterblichkeit auseinandersetzen, um ein glücklicher Mensch zu werden. Es geht eher um einen anderen Umgang mit dem Thema. Und die beste Voraussetzung dafür ist: Wissen. „All knowledge is worth having“, schrieb die Autorin Jacqueline Carey einmal, und sie hat recht damit. Mehr darüber zu wissen, was einen hinter den Kulissen der eigenen Aufmerksamkeit negativ beeinflusst, kann ungemein befreiend wirken. Der Blick weitet sich, man gewinnt eine neue Flexibilität im Handeln und kann sein Leben selbstbestimmter führen.

Was macht mir am Tod am meisten Angst? Was sollte auf keinen Fall passieren? Was könnte mir ein wenig von meiner Furcht nehmen? Welche Möglichkeiten gibt es, auch das Sterben, so gut es eben geht, nach meinen Vorstellungen zu gestalten? Was ist mir am wichtigsten, wenn ich ans Sterben denke? Je genauer ich mir solche Fragen stelle, desto weniger bedrohlich werden mir die Antworten erscheinen, die ich auf sie finde.

Hab den Mut, Entscheidungen zu treffen

Oft wollen die Menschen von mir wissen, wie man den täglichen Umgang mit Sterben und Tod nur aushalten könne. Ob es mir gelinge, auch mal abzuschalten und den Tod in der Klinik zu lassen. Doch das muss ich gar nicht, denn der Tod hat seinen Platz ja nicht nur auf einer Palliativstation, in einem Hospiz oder in einem Pflegeheim. Der Tod ist immer da, und daher halte ich es eher für seltsam, sich nie über ihn Gedanken zu machen. Wohlgemerkt: ohne vorauseilende Panik und ohne allzu große Angst, sondern als Tatsache, mit der wir uns, ob wir wollen oder nicht, ebenso abfinden müssen wie mit anderen Gegebenheiten des Lebens.

Manche Dämonen, die uns plagen, gedeihen nur im Dunkeln oder im Halbschatten gut. Holt man sie aber ans Licht, werfen sie plötzlich viel kürzere Schatten, werden kleiner und kleiner und verlieren viel von ihrer destruktiven Kraft. Daher lautet mein Ratschlag:

Trau dich, über den Tod nachzudenken, trau dich, über ihn zu reden, auch wenn es dir Angst macht. Selbstverständlich kann dich niemand dazu zwingen, das Unausweichliche in Augenschein zu nehmen. Aber das ändert nichts daran, dass es dich an irgendeiner Stelle, manchmal früher, manchmal später, erwischen wird. Dich vorher schon mit ihm zu beschäftigen, verhindert möglicherweise einige hässliche Wendungen, die das Lebensende für dich bereithalten kann. In unserer Gesellschaft ist Sterben häufig auch das Resultat einer Folge von Entscheidungen. Was wird unternommen, was wird unterlassen? Es ist zwar vollkommen legitim, wenn du das nicht selbst entscheiden möchtest, weil du dich damit überfordert fühlst. Doch dann sei dir bitte im Klaren darüber, dass jemand anders über dich bestimmen wird. Im Zweifelsfall der Vertreter eines Medizinsystems, das häufig Entscheidungen vorsieht, die nicht unbedingt dem entsprechen, was man sich unter einem guten Sterben vorstellt. Daher hab den Mut, herauszufinden, was dir wirklich wichtig ist, und hab dann auch den Mut, Entscheidungen zu treffen.

Weil es unser Leben ist, müssen wir über den Tod sprechen.

Über das Leben und über das Leben danach

Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurückEin Regentropfen kehrt ins Meer zurückEin Regentropfen kehrt ins Meer zurück

Warum wir uns vor dem Tod nicht fürchten müssen

Viele Menschen fürchten sich vor dem Sterben, vor Krankheit, Alter und Tod. Der in Japan praktizierende Zen-Meister Muho kann diese Ängste gut nachvollziehen: Der frühe Tod seiner Mutter, den er als siebenjähriges Kind erlebte, hat ihn zutiefst geprägt. In Deutschland geboren und aufgewachsen, führte ihn dieses einschneidende Erlebnis Jahre später zum Zen und schließlich nach Japan. Inzwischen leitet er das größte Zen-Kloster des Landes. Kaum jemand versteht es daher besser, die westliche und die östliche Sicht auf die zentralen Aspekte unseres Lebens zu verbinden: Während sich die meisten Menschen im Westen um ihre Zukunft sorgen und festzuhalten versuchen, was sie an Beziehungen, Erinnerungen und Werten besitzen, konzentriert man sich im Zen ganz auf den gegenwärtigen Moment. Die Kunst des Loslassens beginnt demnach nicht erst am Ende des Lebens, sondern jetzt – wenn wir uns auf diesen Augenblick einlassen.
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Totenkult und Begräbnissritten in aller Welt

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Wo die Toten tanzenWo die Toten tanzen

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„Ein engagiertes Plädoyer für die Schönheit der Kulte, sinnhaftes Trauern und nicht zuletzt eine Rückeroberung der Rituale, die noch immer und überall eine Form von Geborgenheit vermitteln.“ FAZ„Doughty – eine vertrauenswürdige Begleiterin durch die Welt des Todes – bringt uns zum Lachen.“ Washington PostDer New-York-Times-Bestseller endlich auf Deutsch!Fasziniert von unserer Angst vor dem Tod, zieht es die Bestatterin Caitlin Doughty in die Welt. Um zu erkunden, was wir von anderen Kulturen über Tod und Trauer lernen können, besucht sie in Indonesien einen Mann, der mit dem mumifizierten Körper seines Großvaters zusammenlebt. Verfolgt in Japan eine Zeremonie, bei der Angehörige die Knochen des Verstorbenen mit Stäbchen aus der Verbrennungsasche lesen. Und geht in Mexiko dem „Tag der Toten“ auf den Grund. Augenzwinkernd stellt sie Alternativen wie die Öko-Bestattung vor. Und hinterfragt, ob unsere westlichen Riten Raum zur angemessenen Trauer lassen. Ein außergewöhnliches Buch darüber, wie unterschiedlich mit der Sterblichkeit umgegangen werden kann. Und ein Plädoyer dafür, dem Tod wieder mit mehr Würde zu begegnen.Ausgezeichnet mit dem ITB Buch Award

Prolog
Das Telefon klingelte, und mein Herz begann zu rasen.
In den ersten Monaten nach der Eröffnung meines Bestattungsinstituts löste ein klingelndes Telefon sofort helle Aufregung aus. Wir bekamen nicht viele Anrufe. „Was, wenn … was, wenn jemand gestorben ist?“, sagte ich dann atemlos. (Nun ja, wir sind ein Bestattungsinstitut – damit ist zu rechnen.)
Die Stimme am anderen Ende gehörte einer Hospizschwester. Sie hatte Josephine vor zehn Minuten für tot erklärt; der Leichnam war noch warm. Die Schwester saß am Bett der Toten und diskutierte mit Josephines Tochter. Die Tochter hatte sich für mein Institut entschieden, um zu verhindern, dass ihre Mutter, kaum dass sie ihren letzten Atemzug getan hatte, weggebracht wurde. Sie wollte den Leichnam noch eine Weile zu Hause behalten.
„Kann sie das machen?“
„Selbstverständlich“, erwiderte ich. „Wir raten sogar dazu.“
„Ist das nicht illegal?“, fragte die Schwester skeptisch.
„Nein, ist es nicht.“
„Normalerweise rufen wir das Bestattungsinstitut an, und die holen den Leichnam dann sehr schnell ab.“
„Die Tochter hat die Entscheidungsgewalt über den Leichnam ihrer Mutter. Nicht das Hospiz, kein Krankenhaus oder Pflegeheim, und schon gar nicht das Bestattungsinstitut.“
„Na gut, wenn Sie sich da sicher sind.“
„Ganz sicher“, sagte ich. „Richten Sie Josephines Tochter doch bitte aus, dass sie uns heute Abend anrufen kann oder morgen früh, wenn ihr das lieber ist! Sobald sie sich dazu in der Lage fühlt.“
Wir holten Josephine um acht Uhr abends ab, sechs Stunden, nachdem sie verstorben war. Am nächsten Tag schickte ihre Tochter uns ein Video, das sie mit dem Handy aufgenommen hatte. In dem Dreißig-Sekunden-Clip liegt die Verstorbene im Bett, bekleidet mit ihrem Lieblingspullover und um den Hals ihr Lieblingstuch. Kerzen flackern auf der Kommode neben dem Bett, und der Leichnam ist mit Blütenblättern bestreut.
Selbst auf der grobkörnigen Handyaufnahme war zu erkennen, dass Josephine an ihrem letzten Abend auf Erden strahlend aussah. Die Tochter war richtig stolz auf ihr Werk. Nachdem ihre Mutter sich immer um sie gekümmert hatte, kümmerte sie sich jetzt um ihre Mutter.
Nicht alle in meiner Branche heißen die Methoden gut, mit denen ich mein Bestattungsinstitut führe. Manche glauben, eine Leiche müsse einbalsamiert werden, um auf der sicheren Seite zu sein (stimmt nicht), und eine Leiche sollte nur den Händen von Fachleuten überlassen werden (stimmt auch nicht). Die Kritiker meinen, dass jüngere, progressive Bestatter „unseren Beruf ins Lächerliche ziehen“, und sie fragen sich, ob „das Bestattungswesen nicht allmählich zum Zirkus verkommt“. Ein Kollege versprach: „Wenn es irgendwann so weit ist, dass nicht einbalsamierte Leichen drei Tage lang zu Hause aufgebahrt werden, schmeiß ich hin!“
In meiner US-amerikanischen Heimat ist der Tod seit Anfang des 20. Jahrhunderts ein Riesengeschäft. Ein Jahrhundert hat den Amerikanern genügt, um zu vergessen, dass Bestattungen einmal etwas waren, wofür die Familie und die Gemeinschaft zuständig waren. Im 19. Jahrhundert hätte es niemanden verwundert, wenn Josephines Tochter den Leichnam ihrer Mutter selbst hergerichtet hätte – es wäre sogar befremdlich gewesen, wenn sie das nicht getan hätte. Es hätte niemanden verwundert, dass eine Ehefrau den Leichnam ihres Mannes wäscht und ankleidet oder dass ein Vater seinen Sohn in einem selbst gezimmerten Sarg zu Grabe trägt.
In beeindruckend kurzer Zeit ist unsere Bestattungsbranche zur teuersten, kommerziellsten und bürokratischsten auf der ganzen Welt geworden. Wenn wir überhaupt in irgendetwas die Besten sind, dann wohl darin, unsere trauernden Familien von ihren Verstorbenen getrennt zu halten.
Vor fünf Jahren, als mein Bestattungsinstitut (und dieses Buch) noch reines Wunschdenken war, mietete ich eine Hütte an einer abgelegenen Lagune in Belize. Damals führte ich das glamouröse Leben einer Krematoriumsmitarbeiterin und Leichenwagenfahrerin – die Hütte musste also sehr preiswert sein. Sie hatte weder Handyempfang noch WLAN. Die Lagune lag neun Meilen vom nächsten Ort entfernt und war nur mit einem Geländewagen zu erreichen. Der Fahrer war der Verwalter des Grundstücks, ein dreißig Jahre alter Belizer namens Luciano.
Nur damit Sie sich Luciano besser vorstellen können: Er wurde auf Schritt und Tritt von seinem Rudel treuer, leicht abgemagerter Hunde verfolgt. Wenn die Hütte nicht vermietet war, verschwand er manchmal tagelang im belizischen Busch, Flipflops an den Füßen, bewaffnet mit seiner Machete und gefolgt von seinen Hunden. Er jagte Hirsche, Tapire und Gürteltiere. Und wenn er erfolgreich war, tötete er seine Beute, häutete sie und aß das Herz direkt aus dem Brustkorb.
Luciano fragte mich, was ich beruflich machte. Als ich ihm erzählte, dass ich mit Toten arbeitete, in einem Krematorium, setzte er sich in seiner Hängematte auf. „Ihr verbrennt sie?“, fragte er. „Ihr grillt Menschen?“
Ich dachte über diese Formulierung nach. „Nun ja, die Anlage wird sehr viel heißer als ein Grill. Sie schafft fast tausend Grad, durch das ›Grillstadium‹ jagt sie also blitzschnell hindurch. Aber da ist was dran, ja.“
Wenn jemand in Lucianos Umfeld stirbt, holt die Familie den Leichnam nach Hause, um ihn einen ganzen Tag lang aufzubahren. In Belize lebt ein buntes Völkergemisch mit karibischen und lateinamerikanischen Einflüssen, und Englisch ist die Amtssprache. Luciano ist ein Mestize – ein Nachfahre der indigenen Maya und der spanischen Kolonisten.
Lucianos Großvater war in seiner Gemeinde der Totenwart, der Mann, den Angehörige mit der Herrichtung eines Leichnams betrauten. Wenn er kam, hatte bei dem Verblichenen manchmal bereits die Totenstarre eingesetzt, und die Muskeln waren so steif, dass das Baden und Ankleiden sich schwierig gestalteten. Luciano erzählte, dass sein Großvater in einem solchen Fall mit dem Leichnam sprach.
„Hör mal, willst du im Himmel gut aussehen? Ich kann dich nicht anziehen, wenn du dich so sperrst.“
„Dein Großvater hat die Totenstarre also durch gutes Zureden gelöst?“, fragte ich.
„Man musste den Leichnam auch noch mit ein bisschen Rum einreiben. Aber ja, er hat mit dem Toten gesprochen“, erwiderte er.
Nachdem er den Leichnam sozusagen überredet hatte, locker zu werden, drehte Lucianos Großvater ihn auf den Bauch und presste etwaige durch die Verwesung entstandene Flüssigkeiten und Gase heraus. In etwa so, wie man ein Baby Bäuerchen machen lässt – bring es zum Rülpsen, bevor es dich anrülpst.
„Gehört das in Amerika auch zu deinen Aufgaben?“, fragte er, während er über die Lagune blickte.
Natürlich haben die größeren Städte in Belize längst Bestattungsinstitute, die das amerikanische Geschäftsmodell kopiert haben und Familien teure Mahagonisärge und Marmorgrabsteine andrehen. Der gleiche Trend in Richtung Moderne gilt für belizische Krankenhäuser, die mitunter eine Obduktion verlangen, ob die Angehörigen das wollen oder nicht. Lucianos Großmutter hatte eindeutig bestimmt, dass sie nach ihrem Tod nicht aufgeschnitten werden wollte. „Deshalb haben wir ihre Leiche aus dem Krankenhaus geklaut“, erzählte Luciano mir.
„Wie bitte?“
Ich hatte richtig gehört: Sie hatten den Leichnam aus dem Krankenhaus gestohlen. Ihn einfach in ein Laken gewickelt und mitgenommen. „Was hätte das Krankenhaus denn schon machen können?“, fragte Luciano.
Eine ähnliche Geschichte erzählte er mir über einen Freund von ihm, der just in dieser Lagune ertrunken war. Luciano hatte die Polizei gar nicht erst verständigt. „Er war tot, was ging die das an?“
Wenn er stirbt, möchte Luciano in einem einfachen Loch beerdigt werden, eingehüllt in eine Tierhaut, die Wände des Grabs mit Blättern bedeckt. Er hat vor, das Leichentuch aus Tierhaut selbst zu entwerfen.
Er erklärte, dass er „ständig“ mit Freunden über den Tod spreche. Sie fragen einander: „Hey, was soll mit dir passieren, wenn du stirbst?“
Luciano fragte: „Reden die Leute bei dir zu Hause nicht so?“
Es war nicht leicht, ihm zu erklären, dass sie das die allermeiste Zeit tatsächlich nicht tun.
Eine der Hauptfragen bei meiner Arbeit war schon immer die, warum sich meine eigene Kultur mit dem Thema Tod so schwertut. Warum weigern wir uns, solche Gespräche zu führen, unsere Angehörigen und Freunde zu fragen, was mit ihrem Körper geschehen soll, wenn sie sterben? Unsere Vermeidungstaktik ist kontraproduktiv. Wenn wir uns davor drücken, über unser unausweichliches Ende zu reden, schadet das sowohl unserem Geldbeutel als auch unserer Fähigkeit zu trauern.
Ich wollte mit eigenen Augen sehen, wie in anderen Kulturen mit dem Tod umgegangen wird, weil ich glaubte, dann vielleicht zeigen zu können, dass es keine reglementierte Art gibt, mit dem Tod zu „verfahren“ oder ihn zu verstehen. In den letzten Jahren bin ich durch die Welt gereist, um mir anzusehen, welche Totenrituale in anderen Ländern praktiziert werden – in Australien, England, Deutschland, Spanien, Italien, Indonesien, Mexiko, Bolivien, Japan und in verschiedenen Gegenden der USA. Die Leichenverbrennungen in Indien und die skurrilen Särge in Ghana sind überaus lehrreich, doch die Orte, die ich besuchte, haben ebenso spektakuläre Geschichten zu bieten, die allerdings seltener erzählt werden. Ich hoffe, meine Entdeckungen können dazu beitragen, Sinn und Tradition in unser eigenes Umfeld zurückzuholen. Eine derartige Rückgewinnung ist mir als Betreiberin eines Bestattungsinstituts, aber mehr noch als Tochter und Freundin wichtig.

Der griechische Geschichtsschreiber Herodot lieferte vor über 2000 Jahren eine der ersten Schilderungen, wie sich eine Kultur über die Totenrituale einer anderen echauffiert. In der Anekdote lässt der Herrscher des Persischen Reichs eine Gruppe Griechen zu sich kommen. Da diese ihre Toten traditionell verbrennen, fragt der König sie, was sie dafür verlangen würden, wenn sie ihre verstorbenen Väter verspeisen sollten. Die Griechen sind entsetzt über die Frage und erwidern, dass sie sich für kein Geld der Welt zu Kannibalen machen lassen würden. Dann ruft der König eine Gruppe Kallatier zu sich, von denen bekannt ist, dass sie die Leichen ihrer Verstorbenen verspeisen. Er fragt, für welchen Preis sie bereit wären, ihre toten Väter zu verbrennen. Die Kallatier flehen ihn an, sie mit „solchen Scheußlichkeiten“ zu verschonen.
Diese Haltung – Abscheu vor dem Umgang anderer Gruppen mit ihren Toten – hat Jahrtausende überdauert. Wer jemals in die Nähe eines modernen Bestattungsinstituts gekommen ist, weiß, dass Bestatter ein Faible für ein Zitat haben, das William Gladstone zugeschrieben wird, einem britischen Premierminister des 19. Jahrhunderts. Es lautet:
Zeigt mir, wie eine Nation mit ihren Toten umgeht, und ich werde mit mathematischer Exaktheit
bemessen, wie es um ihre Barmherzigkeit bestellt ist, um ihren Respekt vor den Gesetzen des Landes und um ihre Treue zu hohen Idealen.

Sie gravieren dieses Zitat in Wandtafeln und platzieren es dick und fett neben flatternden amerikanischen Fahnen auf ihren Webseiten. Untermalt wird das Ganze in Endlosschleife von Songs wie „Amazing Grace“. Leider lieferte Gladstone uns nie die Gleichung, die es uns erlauben würde, mit der von ihm versprochenen „mathematischen Exaktheit“ festzustellen, dass eine bestimmte Methode des Umgangs mit den Toten zu 79,9 Prozent barbarisch ist, eine andere hingegen zu 62,4 Prozent würdevoll.
(Tatsächlich stammt das Zitat vielleicht gar nicht von Gladstone. Es tauchte erstmals 1938 in der Märzausgabe der Zeitschrift The American Cemetery auf, und zwar in einem Artikel mit dem Titel „Erfolgreiche Friedhofswerbung“. Bis heute ist ungeklärt, ob es auf Gladstone zurückgeht oder nicht, aber ein prominenter Gladstone-Forscher hat mir versichert, dass ihm dieses Zitat nie untergekommen sei. Er räumte lediglich ein, dass es „so klingt, als hätte Gladstone es gesagt haben können“.)
Selbst wenn wir den Wert des Rituals einer anderen Kultur anerkennen, wird dieses Gefühl der Akzeptanz oftmals von unseren Vorurteilen konterkariert. Im Jahr 1636 versammelten sich 2000 Angehörige des Stammes der Wendat-Indianer um ein gemeinschaftliches Grubengrab am Ufer des heutigen Huronsees in Kanada. Das Grab war knapp zwei Meter tief und sieben Meter breit und sollte die Gebeine von siebenhundert Menschen aufnehmen.
Für die Gebeine war das Grubengrab nicht die erste Station nach dem Tod. Als sie noch frische Leichen waren, wurden sie in Biberfell-Gewänder gewickelt und auf drei Meter hohe Holzgerüste gelegt. Etwa alle zehn Jahre trugen die verstreuten Huron-Wendat-Stammesgruppen die sterblichen Überreste ihrer Verstorbenen zusammen, um sie bei einem sogenannten Fest der Toten gemeinsam zu begraben. Dafür wurden die Skelette von den Gerüsten geholt, und Familienangehörige, hauptsächlich Frauen, kratzten eventuelle Fleischreste von den Knochen.
Wie schwierig sich die Säuberung der Knochen gestaltete, hing davon ab, wie lange der Mensch schon tot war. Manche Leichen waren verwest, und am Skelett haftete bloß noch getrocknete, papierdünne Haut. Andere Leichen waren nahezu mumifiziert, sodass das ausgedörrte Fleisch in Streifen abgezogen und verbrannt werden musste. Am schwierigsten waren die Leichen von kürzlich Verstorbenen, denn die wimmelten von Maden.

Ein Zeuge dieses Säuberungsrituals war ein katholischer Missionar aus Frankreich namens Jean de Brébeuf, der seine Beobachtungen festhielt. Er reagierte nicht entsetzt, sondern beschrieb mit großer Bewunderung, wie zartfühlend die Angehörigen ihre Toten behandelten. In einem Fall beobachtete de Brébeuf, wie eine Familie einen vor Verwesung triefenden Leichnam auswickelte. Unverzagt machten die Angehörigen sich daran, die Knochen zu säubern und sie in ein neues Biberfell-Gewand zu hüllen. De Brébeuf fragte sich, ob das nicht „ein leuchtendes Vorbild für Christen“ sei. Ähnliche Bewunderung brachte er für die Zeremonie am Grubengrab zum Ausdruck. Als die Leichen mit Sand und Rinde bedeckt wurden, fand er es „ermutigend“, solchen „Gnadenakten“ beiwohnen zu dürfen.
Ich bin sicher, dass de Brébeuf in dem Moment, als er am Rand der Grube stand, von den Totenritualen des Wendat-Stammes ergriffen war. Das änderte jedoch nichts an seiner größten glühenden Hoffnung, dass alle Bräuche und Zeremonien der Wendat von christlichen Zeremonien überlagert und durch sie ersetzt würden, damit sie „heilig“ und nicht mehr „töricht und sinnlos“ wären.
Es sollte erwähnt werden, dass die Indianervölker Kanadas den Alternativritualen, die Missionar de Brébeuf ihnen antrug, nicht gänzlich aufgeschlossen gegenüberstanden. Der Historiker Erik Seeman schrieb, dass Ureinwohner und Europäer häufig „schaurige Perversionen“ aneinander entdeckten. Wie sollten die Wendat glauben, dass die französischen Katholiken hehre Ziele hatten, wenn diese sich offen zum Kannibalismus bekannten und damit prahlten, in einem Brauch, der sich Kommunion nannte, Fleisch und Blut (noch dazu ihres eigenen Gottes) zu verzehren?
Da Religion der Ursprung vieler Totenrituale ist, berufen wir uns oft auf den Glauben, um die Bräuche anderer zu verunglimpfen. Noch 1965 schrieb James W. Fraser in seinem Buch Cremation: Is It Christian? (Spoiler: Nein, ist sie nicht), die Einäscherung sei ein „barbarischer Akt“ und leiste „Verbrechen Vorschub“. Für einen anständigen Christenmenschen sei es eine abstoßende Vorstellung, wenn der Leichnam eines Freundes behandelt werde „wie ein Rinderbraten im Ofen, mit triefendem Fett und brutzelndem Gewebe“.
Ich glaube mittlerweile, dass die Vorzüge eines Totenbrauchs nicht auf Mathematik beruhen (zum Beispiel zu 36,7 Prozent ein „barbarischer Akt“), sondern auf Emotionen, auf dem Glauben an die einzigartige Würde der jeweils eigenen Kultur. Das heißt, wir halten Totenrituale nur dann für primitiv, wenn sie nicht mit den unseren übereinstimmen.

An meinem letzten Tag in Belize nahm Luciano mich mit auf den Friedhof, wo seine Großeltern (einschließlich der gestohlenen Großmutter) ruhen. Der Friedhof war voll mit oberirdischen Gräbern, einige gepflegt, andere verwahrlost. Um ein umgekipptes, von Unkraut umgebenes Kreuz war ein Damenschlüpfer gewickelt. Auf zwei Gräber hatte jemand plump mit schwarzer Farbe „Gaza Earth“ und „Repent All Man“ gesprüht.
In der hinteren Ecke unter einem Baum lagen die Särge von Lucianos Großeltern übereinandergestapelt in einem Grab mit Betondeckel. „Meine Großmutter wollte diesen ganzen Zement nicht. Sie wollte bloß ein Loch in der Erde, Staub zu Staub. Aber wie das so ist …“
Luciano wischte liebevoll das Laub vom Grab.
Mich beeindruckte, dass Luciano bei jedem Schritt des Todes seiner Großmutter dabei war. Beim Diebstahl ihres Leichnams aus dem Krankenhaus, bei der Totenwache, wo die Familie Rum trank und Ranchera (Omas Lieblingsmusik) spielte, und Jahre später bei der Pflege ihres Grabs.
Im Gegensatz dazu müssen sich Trauernde in der westlichen Bestattungsindustrie nach jedem Verlust ihren Weg durch eine gezielte Verschleierung bahnen. Die meisten Leute können nicht sagen, welche Chemikalien bei der Einbalsamierung in ihre Mutter gepumpt werden (Antwort: eine Mischung aus Formaldehyd, Methanol, Äthanol und Phenol) oder warum sie einen 3000 Dollar teuren Edelstahlsarg für den Friedhof kaufen müssen (Antwort: damit das Grab sich nicht absenkt und die Gärtner den Rasen besser mähen können). Eine 2017 vom Radionetzwerk NPR in Auftrag gegebene Untersuchung amerikanischer Bestattungsinstitute stieß auf „ein verwirrendes, nutzloses System, das darauf abzielt, undurchschaubar für den Durchschnittsverbraucher zu sein, der gezwungen wird, in einer Zeit der Trauer und der finanziellen Belastungen kostspielige Entscheidungen zu treffen“.
Wir müssen unsere Bestattungsindustrie durch die Einführung neuer Methoden reformieren, die weniger gewinnorientiert sind und Angehörige stärker einbeziehen. Doch wir können unseren Umgang mit den Toten nicht reformieren – oder auch nur hinterfragen! –, wenn wir dieselbe Haltung einnehmen wie Jean de Brébeuf, also fälschlicherweise davon überzeugt sind, es richtig zu machen, während all diese „anderen Leute“ pietätlos und barbarisch sind.
Diese geringschätzige Haltung findet sich selbst dort, wo man es nie vermuten würde. Lonely Planet, der weltweit größte Verlag für Reiseliteratur, hat den idyllischen Friedhof des Dorfs Trunyan in seinen Guide über Bali aufgenommen. Die Bewohner von Trunyan flechten Bambuskäfige für ihre Toten, lassen sie darin verwesen und stapeln die Schädel und Knochen dann draußen in der sattgrünen Landschaft. Statt einer Erklärung, was es mit diesen uralten Bräuchen auf sich hat, gibt Lonely Planet klugen Reisenden den Rat, „sich das schaurige Spektakel zu ersparen“.
Wahrscheinlich käme es für Sie nie infrage, Ihren guten alten Dad zu verspeisen, wie es bei den Kallatiern Sitte war. Für mich auch nicht, schließlich bin ich Vegetarierin (ein Witz, Dad). Dennoch ist es eindeutig falsch zu behaupten, unsere im Westen üblichen Totenrituale seien denen der übrigen Welt überlegen. Durch die Ökonomisierung und Kommerzialisierung des Umgangs mit unseren Verstorbenen ist es vielmehr so, dass wir dem Rest der Welt hinterherhinken, wenn es um Nähe, Intimität und Rituale in Sachen Tod geht.
Die gute Nachricht: Niemand zwingt uns zu einem distanzierten und schambesetzten Verhältnis zum Tod. Der erste Schritt zur Lösung des Problems wäre, sich der Herausforderung zu stellen, präsent und engagiert zu sein. In großen, modernen Städten wie Tokio und Barcelona habe ich erlebt, dass Familien genau das tun, dass sie zusammenkommen, um den ganzen Tag mit dem Leichnam zu verbringen und auch noch bei der Einäscherung zugegen zu sein. In Mexiko habe ich gesehen, wie Angehörige noch Jahre nach dem Tod eines geliebten Menschen auf den Friedhof gehen und Geschenke aufs Grab legen, damit niemand vergessen wird.
Viele der in diesem Buch beschriebenen Rituale unterscheiden sich stark von unseren, doch ich hoffe, dass Sie die Schönheit erkennen werden, die in diesem Unterschied liegt. Vielleicht gehören Sie zu den Leuten, bei denen alles, was mit dem Tod zu tun hat, Ängste und Beklemmungen auslöst. Aber Sie sind hier. Genau wie die Menschen, die Sie in diesem Buch kennenlernen werden, haben Sie sich der Herausforderung gestellt.


Colorado
Crestone
Eines Nachmittags im August erhielt ich eine E-Mail, auf die ich seit geraumer Zeit gewartet hatte.
Caitlin,
heute am frühen Morgen wurde Laura, ein sehr geschätztes Mitglied unserer Gemeinde, tot
aufgefunden: Sie war herzkrank und hatte gerade ihren 75. Geburtstag gefeiert. Ich weiß nicht,
wo Sie sind, aber wir würden uns freuen, wenn
Sie kommen.
Stephanie

Mit Lauras Tod hatte niemand gerechnet. Am Sonntagabend hatte sie noch munter auf einem Gemeindefest getanzt. Am Montagmorgen lag sie tot in ihrer Küche. Am Donnerstagmorgen würde die Familie sie einäschern lassen, und ich würde dabei sein.
Die Feuerbestattung war für Punkt sieben Uhr angesetzt, wenn die Sonne das blaue Licht der Dämmerung durchbrechen würde. Kurz nach halb sieben trafen die ersten Trauergäste ein. Ein Pick-up mit Lauras Sohn am Steuer fuhr vor. Lauras Leichnam, eingehüllt in ein korallenrotes Leichentuch, lag auf der Ladefläche. Es war gemunkelt worden, dass ihr Pferd, Bebe, auch dabei sein würde, doch im letzten Moment hatte die Familie befunden, dass Bebe die vielen Menschen und das Feuer nicht verkraften würde. Das Pferd, so ließ man verlauten, könne der Einäscherung „bedauerlicherweise nicht beiwohnen“.
Angehörige von Laura hoben ihren Leichnam vom Pick-up und trugen ihn auf einer Stofftrage über eine mit Sonnenhut bewachsene Wiese den sanften Hang hinauf zum Scheiterhaufen. Ein Gong schallte durch die Luft. Als ich vom Parkplatz den Sandweg hinaufging, reichte mir eine strahlende Helferin einen frisch geschnittenen Wacholderzweig.
Unter dem hohen Himmel von Colorado wurde Laura auf ein Metallgitter gelegt, das auf zwei parallel stehenden, glatten weißen Betonplatten ruhte. Ich hatte den leeren Scheiterhaufen schon zweimal vorher besucht, doch jetzt, mit dem Leichnam darauf, wurde sein Zweck erst so richtig klar. Nacheinander traten die Trauergäste vor und legten einen Wacholderzweig auf Lauras Körper. Als einzige Anwesende, die sie nicht gekannt hatte, zögerte ich, meinen Zweig abzulegen – vielleicht aus einer Art Bestattungsverlegenheit. Aber ich konnte den Zweig ja schlecht in der Hand behalten (zu offensichtlich) oder in meinen Rucksack stecken (geschmacklos), also trat ich vor und legte ihn auf das Leichentuch.
Lauras Angehörige, darunter ein Junge von acht oder neun Jahren, gingen um den Scheiterhaufen herum und stapelten Scheite aus Kiefern- und Fichtenholz, das wegen seiner ausgezeichneten Brennfähigkeit ausgewählt worden war. Lauras Partner und ihr erwachsener Sohn standen mit brennenden Fackeln bereit. Auf ein Signal hin senkten sie die Fackeln und setzten das Holz genau in dem Moment in Brand, als die Sonne über den Horizont lugte.
Weißer Rauch stieg in winzigen Wirbeln von den Flammen, die Lauras Leichnam verzehrten, in die Höhe und verschwand im Morgenhimmel. Der Geruch rief mir eine Passage aus einem Buch von Edward Abbey in Erinnerung:
Das Feuer. Der Geruch brennenden Wacholders ist der süßeste Duft auf dem Erdenrund, wenn ich mir dieses Urteil erlauben darf. Selbst alle Weihrauchfässer aus Dantes Paradies zusammen könnten es kaum mit ihm aufnehmen. Einmal Wacholderrauch tief eingeatmet – oder den Duft des Wüstenbeifuß nach dem Regen –, und schon erstehen in einer magischen Katalyse, wie manchmal bei Musik, der Raum und das Licht, die Klarheit und die durchdringende Fremdheit des amerikanischen Westens. Möge er lange brennen.

Nach einigen Minuten lösten sich die Rauchwirbel auf, und an deren Stelle tanzten nun leuchtende rote Flammen. Das Feuer gewann an Kraft, loderte zwei Meter hoch, und die Trauergäste, 130 an der Zahl, umstanden es schweigend. Das einzige Geräusch war das Knacken von brennendem Holz, als würden sich Lauras Erinnerungen eine nach der anderen im Äther ausbreiten.
Die Feuerbestattung, wie sie in dem kleinen Ort Crestone, Colorado, praktiziert wird, gibt es seit Zehntausenden von Jahren. Bekanntermaßen bedienten sich die alten Griechen, Römer und Hindus der einfachen Alchemie des Feuers, um das Fleisch zu verbrennen und die Seele zu befreien. Aber die Feuerbestattung selbst geht noch weiter zurück.

Ende der 1960er-Jahre entdeckte ein junger Geologe im entlegenen Outback Australiens die verbrannten Knochen einer erwachsenen Frau. Er schätzte das Alter der Knochen auf bis zu 20 000 Jahre. Weitere Untersuchungen ergaben, dass sie sogar 42 000 Jahre alt waren, womit sie aus einer Zeit stammten, die 22 000 Jahre vor dem vermuteten ersten Auftauchen der Aborigines lag. Die Frau musste in einer grünen Landschaft gelebt haben, in der es von riesigen Tieren wimmelte (Kängurus, Wombats, andere ungewöhnlich große Nagetiere). Ihre Nahrung bestand aus Fisch, Samen und den Eiern von gewaltigen Emus. Nach ihrem Tod wurde die Frau, heute bekannt als „Mungo Lady“, von ihrer Sippe verbrannt. Anschließend wurden ihre Knochen zertrümmert, ein zweites Mal verbrannt und rituell mit rotem Ocker bestreut, bevor man sie in der Erde vergrub, wo sie 42 000 Jahre lang ruhten.
Apropos Australien (diese Überleitung zahlt sich aus, versprochen), zehn Minuten nach Beginn von Lauras Feuerbestattung nahm eine der Frauen, die für das Feuer zuständig waren, ein Didgeridoo und bedeutete einem Mann, der eine hölzerne Flöte in der Hand hielt, mit ihr im Duett zu spielen.
Ich machte mich auf das Schlimmste gefasst. Das Didgeridoo ist ein groteskes Instrument für eine amerikanische Bestattung. Doch der satte, volltönende Bass in Verbindung mit dem traurigen Klang der Flöte war irgendwie magisch und beruhigte die Trauergäste, während sie tiefer in die Flammen starrten.
Nun könnte man meinen, es sei irgendeine amerikanische Kleinstadt, irgendeine Trauergemeinde, die sich da um den Scheiterhaufen versammelt hatte. Doch weit gefehlt. Der Scheiterhaufen in Crestone ist der einzige unter freiem Himmel in den USA und sogar in der westlichen Welt.
Die Feuerbestattungen in Crestone verliefen nicht immer so ergreifend. Vor den Prozessionen im Morgengrauen und den Didgeridoos und den gut vorbereiteten Wacholderzweig-Verteilern gab es bloß Stephanie, Paul und ihre mobile Feuerstelle.
„Wir waren die mit dem mobilen Scheiterhaufen“, erklärte Stephanie Gaines sachlich. Sie bezeichnete sich selbst als hyperengagierte Buddhistin. „Ich bin ein Power-Widder“, fügte sie hinzu, „ein dreifacher Widder – meine Sonne, mein Mond und mein Aszendent.“ Mit ihren zweiundsiebzig Jahren betreibt sie in Crestone die Feuerbestattungen mit Logistik, Charme und weißem Bubikopf.
Stephanie und Paul Kloppenberg, ein ebenso bezaubernder Typ mit starkem holländischem Akzent, waren mit ihrem Scheiterhaufen ständig in Bewegung, transportierten ihn von Ort zu Ort, verbrannten Tote auf Privatgrundstücken und waren schon wieder weg, ehe die Obrigkeit sie aufhalten konnte. Auf diese Weise führten sie sieben Feuerbestattungen durch.
„Wir sind einfach angekommen und haben alles schnell und unauffällig aufgebaut“, sagte Paul.
Der mobile Scheiterhaufen war eine simple Konstruktion aus Betonziegeln mit aufgelegtem Rost. Aufgrund der enormen Hitze war der Rost nach jeder Feuerbestattung verzogen und verbogen. „Wir mussten mit dem Pick-up drüberfahren, um ihn wieder flach zu kriegen“, erklärte Stephanie. „Es kommt einem verrückt vor, aus heutiger Sicht“, schob sie amüsiert, aber nicht kleinlaut nach.
2006 machte sich das Paar auf die Suche nach einem dauerhaften Ort für die Feuerbestattungen. Crestone schien einfach perfekt zu sein, ländlich im wahrsten Sinne des Wortes, vier Stunden südlich von Denver, 137 Einwohner (1400 in der Umgebung). Das verleiht Crestone einen irgendwie libertären Anstrich, nach dem Motto: „Der Staat kann mich mal.“ Marihuana ist ebenso legal wie Bordelle. (Nicht, dass da irgendwelche Bordelle betrieben werden, aber erlaubt wär’s.)
Der Ort lockt alle möglichen spirituellen Suchenden an. Es kommen Leute aus der ganzen Welt, um zu meditieren, auch der Dalai Lama war schon da. Flyer in den Naturkostläden preisen Qigong-Unterricht und Schattenweisheitslehrer an, Meditationen für Kinder, um „ihr natürliches Genie zu wecken“, Retreats für nordafrikanische Tanzkurse und etwas, das sich „Sakralraum Zauberwald“ nennt. Zu Crestones Einwohnern zählen Aussteiger und Scheckbuch-Hippies, doch viele, die hier leben, sind wahrhaft überzeugte Gläubige: Buddhisten, Sufis und Karmeliterinnen. Laura selbst war jahrzehntelang Anhängerin des indischen Philosophen Sri Aurobindo.
Pauls und Stephanies erster Vorschlag für einen dauerhaften Feuerbestattungsort wurde abgeschmettert, als Grundstücksbesitzer in Windrichtung des angedachten Standorts – „Raucher, wohlgemerkt“, so Paul – mit dem Argument „nicht vor meiner Haustür“ ihr Veto einlegten. Stephanies Meinung nach waren das „notorische Nörgler“, die gar nicht erst hören wollten, dass keinerlei Gefahr von Bränden, unangenehmen Gerüchen, Quecksilbervergiftungen (verursacht von Zahnfüllungen) oder Feinstaub bestand. Die Raucher schrieben Briefe an die Bezirksverwaltung und die Umweltschutzbehörde.
Im Gegenzug gaben sich die Betreiber des mobilen Scheiterhaufens eine seriöse Rechtsform und gründeten eine gemeinnützige Organisation, das Crestone End of Life Project. Sie reichten einen Antrag nach dem anderen ein, sammelten vierhundert Unterschriften (fast ein Drittel der Bevölkerung von Crestone und Umgebung) und füllten dicke Ordner mit juristischen Dokumenten und wissenschaftlichen Abhandlungen. Sie besuchten sogar sämtliche Einwohner von Crestone und hörten sich deren Bedenken an.
Anfangs trafen sie auf heftigen Widerstand. Ein Mann in der Anti-Scheiterhaufen-Fraktion nannte die Gruppe „Nachbarn verbrennen Nachbarn“. Als Paul und Stephanie den (scherzhaft gemeinten) Vorschlag machten, einen Festwagen bei der jährlichen Parade zu sponsern, erhob eine Familie Protest, weil ein mit Pappmascheeflammen geschmückter Festwagen „schrecklich taktlos“ sei.
„Die Leute haben sogar befürchtet, durch den Scheiterhaufen würde zu viel Verkehr in den Ort kommen“, sagte Stephanie. „Dabei sind in Crestone schon sechs Autos zu viel Verkehr.“
Paul erklärte: „Es gibt jede Menge Ängste: ›Was ist mit Luftverschmutzung? Ist so was nicht makaber? Bei allem, was mit Tod zu tun hat, krieg ich Gänsehaut.‹ Man muss geduldig bleiben, sich ihre Wünsche anhören.“
Paul und Stephanie ließen sich trotz der fast unüberwindlichen rechtlichen Hürden nicht entmutigen, weil viele im Ort von der Idee des Scheiterhaufens angetan waren. (Die Möglichkeit, sich auf einem Scheiterhaufen verbrennen zu lassen, hatte einige derart begeistert, dass sie Paul und Stephanie baten, einen Betonziegelgrill in ihren Gärten aufzubauen.) „Wie viele Leute bieten schon einen Service an, der bei anderen Leuten wirklich Resonanz findet?“, fragte Stephanie. „Wenn keine Resonanz da ist, vergiss es. Diese Resonanz war es, die uns Auftrieb gab.“
Schließlich fanden sie für ihren Scheiterhaufen einen festen Standort: außerhalb von Crestone, einige Hundert Meter von der Hauptstraße entfernt. Das Grundstück war eine Schenkung vom Dragon Mountain Temple, einer Gruppe von Zen-Buddhisten. Paul und Stephanie verstecken ihren Scheiterhaufen nicht. Wer mit dem Auto nach Crestone kommt, sieht ein Metallschild mit einer einzelnen Flamme und dem Schriftzug „Feuerbestattungen“. Das Schild hat ein Kartoffelfarmer (der auch als Leichenbeschauer fungiert) selbst gemacht, es bildet einen auffälligen Orientierungspunkt. Der Scheiterhaufen selbst steht auf einem Sandbett und ist von einer Bambuswand umgeben, die fast an Kalligrafie erinnert. Mehr als fünfzig Menschen sind dort bereits verbrannt worden, darunter auch (dramatische Wendung) der Mann, der sich „Nachbarn verbrennen Nachbarn“ hatte einfallen lassen und kurz vor seinem Tod einen Sinneswandel erlebte.
Drei Tage vor Lauras Feuerbestattung kamen Ehrenamtliche vom Crestone End of Life Project zu ihr nach Hause. Sie richteten den Leichnam her, halfen Lauras Freundinnen, ihn zu waschen, und legten ihn auf eine Kühldecke, um den Verwesungsprozess zu verlangsamen. Sie kleideten ihn in Naturstoffe – synthetische Textilien wie Polyester brennen nicht gut.
Die Organisation leistet Hinterbliebenen praktische Hilfe ungeachtet der anfallenden Kosten. Die Angehörigen müssen sich auch nicht für eine Feuerbestattung unter freiem Himmel entscheiden. Die Freiwilligen von Crestone End of Life bieten ihre Unterstützung selbst dann an, wenn die Angehörigen eine konventionelle Bestattung (mit Einbalsamierung), eine natürliche (ohne Metallsarg oder Einbalsamierung) oder eine Einäscherung im Bestattungsinstitut ein paar Orte weiter wählen. Paul bezeichnete letztere Option als „kommerzielle Verbrennung“.
Stephanie unterbrach ihn: „Paul, du solltest sie konventionelle Verbrennung nennen.“
„Nein“, widersprach ich, „kommerzielle Verbrennung klingt genau richtig.“
Crestone war für mich als Bestatterin inspirierend – weshalb ich immer wieder hinfuhr –, aber es überkam mich stets ein Hauch von (an Eifersucht grenzende) Melancholie. Sie hatten diesen wunderbaren Scheiterhaufen unter blauem Himmel, ich dagegen musste meine Familien zu einem lauten, staubigen Krematorium in einem Lagerhaus am Rande der Stadt bringen. Ich hätte sogar versprochen, die Didgeridoo-Spielerin einzuladen, wenn ich für mein Bestattungsinstitut Zugang zu einer so spektakulären Verbrennungsmöglichkeit gehabt hätte.

Die industrielle Einäscherung mittels Verbrennungsofen wurde erstmals im späten 19. Jahrhundert in Europa angedacht. 1869 kam eine Gruppe Fachärzte in Florenz zusammen, prangerte die Erdbestattung als unhygienisch an und sprach sich für einen Umstieg auf die Kremation aus. Fast zeitgleich machte die Pro-Kremations-Bewegung den Sprung über den großen Teich nach Amerika. Zu den tonangebenden Befürwortern zählten Reformer wie ein Mann mit dem albernen Namen Reverend Octavius B. Frothingham, der es für besser hielt, dass ein Leichnam sich in „weiße Asche“ verwandelte statt in eine „Fäulnismasse“. (Mein nächstes Drone-Folk-Album wird The Cremation Reforms of Octavius B. Frothingham heißen.)
Der erste Leichnam, der in Amerika durch „moderne, wissenschaftliche“ Einäscherung verbrannt wurde, war der von Baron Joseph Henry Louis Charles De Palm. (Korrektur: Das Drone-Folk-Album heißt jetzt The Burning of Baron De Palm.) Der gute Baron, ein mittelloser österreichischer Adeliger, der laut der New York Tribune „hauptsächlich als Leiche berühmt“ wurde, verstarb im Mai 1876.
Seine Einäscherung hatte man für Dezember angesetzt, sechs Monate nach seinem Tod. In der Zwischenzeit wurde seinem Leichnam Arsen injiziert, und als man Arsen für zu schwach hielt, um die Verwesung aufzuhalten, ließ man von einem Leichenbestatter die Organe aus dem Körper entfernen und die Haut mit Lehm und Karbolsäure einschmieren. Auf der Zugfahrt von New York nach Pennsylvania (wo er eingeäschert werden sollte) ging sein mumifizierter Leichnam kurzzeitig im Gepäckwaggon verloren, was zu einem, wie der Historiker Stephen Prothero es ausdrückte, „makabren Suchspiel“ führte.
Das Krematorium für diese Premiere wurde auf dem Anwesen eines Arztes in Pennsylvania gebaut. Es enthielt einen mit Kohle befeuerten Ofen, der den Leichnam einäschern sollte, ohne dass die Flammen ihn direkt berührten – schon allein die Hitze würde den Körper zersetzen. Obwohl der Arzt sagte, dass die Kremation „aus rein wissenschaftlichen und hygienischen Gründen“ erfolgte, wurde De Palms Leichnam mit Gewürzkräutern bestreut und auf ein Bett aus Rosen, Palmblättern, Primeln und Immergrün gelegt. Sobald sich der Körper im Ofen befand, war laut Zeugenberichten ein deutlicher Geruch nach verbranntem Fleisch wahrnehmbar, der jedoch bald den Düften von Blumen und Gewürzen wich. Nach einer Stunde im Ofen begann De Palms Körper sanft rosa zu schimmern. Das Schimmern färbte sich golden und leuchtete schließlich durchsichtig rot. Nach zweieinhalb Stunden war der Körper in Knochen und Asche zerfallen. Zeitungsjournalisten und Beobachter vor Ort erklärten, das Experiment habe zur „ersten sorgsamen und geruchlosen Verbrennung eines Menschen in einem Ofen“ geführt.
Von da an wurden die Kremationsanlagen immer größer, schneller und effizienter. Fast 150 Jahre später erfreut sich die Einäscherung größter Beliebtheit (2017 wurden erstmals mehr Amerikaner eingeäschert als begraben). Doch die Ästhetik und die Rituale rund um den Prozess haben sich kaum verändert. Unsere Kremationsöfen haben noch immer Ähnlichkeit mit ihren Vorläufern aus den 1870er-Jahren – zwölf Tonnen schwere Ungetüme aus Stahl, Ziegel und Beton. Sie verschlingen Monat für Monat Erdgas im Wert von Tausenden Dollar und speien Kohlenmonoxid, Ruß, Schwefeldioxid und hochgiftiges Quecksilber in die Atmosphäre.

Die meisten Krematorien, vor allem in größeren Städten, sind in die Industriegebiete verbannt, versteckt in unscheinbaren Lagerhäusern. Von den drei Krematorien, in denen ich in meinen neun Jahren im Bestattungswesen gearbeitet habe, lag eines gegenüber vom Auslieferungslager der Los Angeles Times, wo zu jeder Tages- und Nachtzeit Lkw abfuhren, eines lag hinter dem Lagerhaus von Structural and Termite (was auch immer die da machen), und eines lag neben einem Schrottplatz, auf dem Autos zur Altmetallgewinnung zerlegt wurden.
Gelegentlich befinden sich Krematorien auch auf dem Gelände von Friedhöfen, doch dann sind sie meist in irgendwelchen Betriebsgebäuden versteckt, sodass trauernde Angehörige, die der Einäscherung beiwohnen möchten, an Rasenmähern vorbeimüssen oder an bergeweise verrottenden Blumenkränzen, die von den Gräbern geräumt wurden.
Einige Krematorien bezeichnen sich als „Einrichtungen, die das Leben feiern“, oder als „würdevolle Einäscherungszentren“. Dort können Angehörige in klimatisierten Räumen durch Glasfenster zuschauen, wie der Leichnam durch eine kleine Metalltür in der Wand verschwindet. Die Anlage hinter dieser Wand ist der gleiche industrielle Verbrennungsofen, der auch in den Lagerhäusern benutzt wird, aber die Hinterbliebenen können den Zauberer hinter dem Vorhang nicht sehen. Diese Tarnung entfernt die Menschen noch weiter von der Realität des Todes und der klobigen, ökologisch unsinnigen Anlage. Das Privileg, die eigene Mutter in ein „würdevolles Einäscherungszentrum“ zu bringen, kann den Preis auf über 5000 Dollar steigern.
Ich behaupte nicht, dass ein Wechsel zur Kremation unter freiem Himmel all diese Probleme lösen würde. In Ländern wie Indien und Nepal, wo Scheiterhaufenbestattungen die Norm sind, werden bei vielen Millionen Einäscherungen jedes Jahr über fünfzig Millionen Bäume verbrannt und Kohlenstoffaerosole in die Atmosphäre abgegeben. Nach Kohlendioxid belegen Kohlenstoffaerosole den zweiten Platz unter den größten menschengemachten Ursachen für den Klimawandel.
Doch das Crestone-Modell ist ein großartiger Ansatz. Die gemeinnützige Organisation hat schon etliche Anrufe von Reformern in Indien erhalten, die gern die Konstruktion und die Methoden des in Crestone verwendeten Scheiterhaufens übernehmen würden – mit reichlich Abstand vom Boden, um weniger Holz zu benötigen und weniger Schadstoffe freizusetzen. Wenn sich diese uralte Methode, die untrennbar mit der Religion und dem Land verbunden ist, reformieren lässt, dann gilt das auch für die modernen, industriellen Krematorien.

Laura hatte viele Jahre in Crestone gelebt, und es schien, als wäre der ganze Ort an jenem Morgen zu ihrer Feuerbestattung gekommen. Ihr Sohn Jason sprach als Erster ein paar Worte, den Blick starr auf die Flammen gerichtet. „Mom, danke für deine Liebe“, sagte er mit brüchiger Stimme. „Mach dir um uns keine Sorgen mehr, flieg und sei frei.“
Während das Feuer weiterbrannte, trat eine Frau vor und erzählte, wie sie selbst elf Jahre zuvor nach Crestone gekommen war. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie seit Jahren an einer chronischen Krankheit gelitten. „Ich bin nach Crestone gezogen, um wieder Freude am Leben zu finden. Ich dachte, die Wolken und der weite Himmel hätten mich geheilt, aber ich glaube, in Wirklichkeit war es Laura.“
„Wir sind alle bloß Menschen“, fügte eine andere Freundin von Laura hinzu. „Wir haben alle unsere Fehler. Aber an Laura habe ich keinen einzigen Fehler entdeckt.“
Die Flammen hatten mit Lauras korallenrotem Leichentuch kurzen Prozess gemacht. Während Trauernde sprachen, griffen die Flammen auf Lauras entblößte Haut und die weichen Gewebeschichten über. Das Feuer dehydrierte das Gewebe, das zum größten Teil aus Wasser besteht, sodass es zusammenschrumpfte und wegbrannte. Dadurch kamen ihre inneren Organe zum Vorschein und wurden als Nächstes von den Flammen erfasst.
Da ein solcher Anblick auf Unerfahrene grausig wirken kann, achteten die ehrenamtlichen Helfer darauf, dass die Umstehenden nicht allzu genau mitbekamen, was auf dem Scheiterhaufen vor sich ging. Sie arbeiteten ruhig und gekonnt, sorgten dafür, dass kein unangenehmer Geruch entstand, dass nicht unvermittelt der Kopf oder ein verkohlter Arm ins Blickfeld geriet. „Wir wollen den Leichnam nicht verstecken“, erklärte Stephanie, „aber die Feuerbestattungen stehen allen Leuten offen, und man kann nie wissen, wer dabei sein wird und wie jemand auf die intensiven Emotionen reagiert, die der Scheiterhaufen auslösen kann. Viele stellen sich vor, dass sie eines Tages selbst da liegen.“
Im weiteren Verlauf der Zeremonie legten die Helfer immer wieder unauffällig Holz nach. Insgesamt verbrannten sie bei dieser Feuerbestattung ein Drittel Klafter Holz, also mehr als einen Kubikmeter.
Schließlich erreichten die Flammen Lauras Knochen. Als Erstes die Knie, Fersen und Gesichtsknochen, einige Zeit später dann das Becken und die Arm- und Beinknochen. Das Wasser verdampfte vom Skelett, gefolgt vom organischen Material. Die Farbe der Knochen wechselte von Weiß zu Grau zu Schwarz und dann wieder zu Weiß. Das Gewicht der Scheite presste Lauras Knochen durch den Metallrost auf die Erde darunter.
Einer der Feuerwächter nahm eine lange Metallstange und stieß sie ins Feuer, genau an der Stelle, wo Lauras Kopf gelegen hatte, doch der Schädel war verschwunden.

Mir war gesagt worden, dass jede Feuerbestattung in Crestone unterschiedlich ablief. Einige waren eine kurze Angelegenheit, nach dem Motto „Anzünden und ab nach Hause“. Andere dauerten Stunden, weil die Trauernden dabei aufwendige religiöse und spirituelle Zeremonien vollzogen. Manche waren zwanglos, wie die Einäscherung des jungen Mannes, der sich gewünscht hatte, dass sein Scheiterhaufen mit zwei Litern Tequila übergossen und ein Joint daraufgelegt werden sollte. „Also, ich kann Ihnen sagen, alle in Windrichtung waren begeistert“, erzählte mir einer der Helfer.
Doch für jede Feuerbestattung gilt, dass sie für alle Anwesenden eine lebensverändernde Erfahrung ist. Die jüngste in Crestone eingeäscherte Person war Travis, der mit nur zweiundzwanzig Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Laut Polizeibericht waren er und seine Freunde, alle betrunken und high, viel zu schnell auf einer Landstraße unterwegs gewesen. Der Wagen überschlug sich, Travis wurde hinausgeschleudert und starb noch an der Unfallstelle. Alle jungen Leute aus Crestone und den umliegenden Orten kamen zu seiner Feuerbestattung. Als Travis’ Körper auf den Scheiterhaufen gelegt wurde, zog seine Mutter das Leichentuch ein Stück herunter und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Travis’ Vater nahm das Gesicht des jungen Mannes, der am Steuer des Unfallwagens gesessen hatte, in beide Hände und sagte vor der versammelten Trauergemeinde: „Sieh mich an, ich vergebe dir.“ Dann wurde das Feuer entzündet.
Lauras Feuerbestattung war etwa eine Stunde im Gange, als sich die zu Beginn noch sehr deutlich spürbare Trauer in Luft aufgelöst zu haben schien. Die letzte Rednerin trat vor und sprach die Anwesenden in einem Ton an, der neunzig Minuten zuvor noch völlig unangemessen gewesen wäre. „Ihr habt alle gesagt, was Laura für ein wunderbarer Mensch war, und das stimmt auch. Aber ich werde sie als ein ganz wildes Weibsbild in Erinnerung behalten. Eine Partylöwin. Ich möchte einmal laut für sie brüllen.
Oooooooooooooooooooooo“, brüllte sie, und alle ringsherum fielen mit ein. Selbst ich, die ich kurz zuvor noch zu schüchtern gewesen war, meinen Wacholderzweig auf den Scheiterhaufen zu legen, stieß ein zaghaftes Brüllen aus.

Über ein menschenwürdiges Ende des Lebens

Glücklich sterben?Glücklich sterben?

Mit dem Gespräch mit Anne Will

Lange war es ein Tabu in Deutschland, und nun hat es ausgerechnet ein katholischer Theologe gebrochen. Hans Küng hat im Gespräch mit Anne Will erklärt, dass er es für erlaubt hält, sein Leben zu beenden, wenn es unerträglich geworden ist. Seitdem ist eine Diskussion im Gange, die keinen unberührt lässt. In seinem Buch verbindet Küng frühere Texte über das Sterben mit seinen Glaubensüberzeugungen und theologischen Einsichten zu einer klaren Position: „Glücklich sterben“ hat in seinen Augen nichts mit „Selbstmord“ zu tun, sondern meint ein menschenwürdiges Ende des Lebens.

Ein persönliches Vorwort

„Sie gefährden Ihr ganzes großes Lebenswerk durch Ihr dezidiertes Eintreten für Selbstverantwortung im Sterben.“ So oder ähnlich haben sich seit Erscheinen des dritten Bandes meiner Memoiren „Erlebte Menschlichkeit“ (Oktober 2013) nicht wenige Freunde und Leser mündlich oder schriftlich mir gegenüber geäußert. Solche Einwände nehme ich sehr ernst, möchte ich doch nicht vor allem mit dem Thema Sterbehilfe der Nachwelt in Erinnerung bleiben. Meine Einstellung zum Sterben kann man letztlich ja nur dann richtig bewerten, wenn man etwas weiß von meinem lebenslangen Bemühen um grundlegende Themen wie die Gottesfrage, das Christsein, ewiges Leben, Kirche, Ökumene, Weltreligionen, Weltethos …

Ich bekenne mich nach wie vor zur ersten der vier „unbedingten Weisungen“ eines Weltethos, zur „Verpflichtung auf eine Kultur der Ehrfurcht vor allem Leben“, wie sie das Parlament der Weltreligionen in Chicago 1993 proklamiert hat: „Aus den großen alten religiösen und ethischen Traditionen der Menschheit vernehmen wir die Weisung: Du sollst nicht töten! Oder positiv: Hab Ehrfurcht vor dem Leben! Besinnen wir uns also neu auf die Konsequenzen dieser uralten Weisung: Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit und freie Entfaltung der Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt. Kein Mensch hat das Recht, einen anderen Menschen physisch oder psychisch zu quälen, zu verletzen, gar zu töten.“ Doch gerade weil „die menschliche Person unendlich kostbar und unbedingt zu schützen“ ist, und dies bis an ihr Ende, muss genau überlegt werden, was dies im Zeitalter einer Hochleistungsmedizin bedeutet, die das Sterben weitgehend schmerzlos herbeizuführen, aber auch in vielen Fällen beträchtlich hinauszuzögern vermag.

Dieser Problematik möchte ich mich hier in -aller Offenheit stellen und möchte gerade niemanden von all den Vielen enttäuschen, denen ich oft über Jahrzehnte in mancher Hinsicht Orientierung geben konnte. Andererseits aber erfahre ich nun so viel Zustimmung und Bestärkung von religiösen wie nichtreligiösen Menschen, die mir dankbar sind für den Mut, gerade als christlicher, ja katholischer Theologe kompetent und ehrlich diese emotional wie politisch schwer belastete und entsprechend kontrovers diskutierte Frage der Sterbehilfe anzusprechen.

Man wird also unterscheiden müssen zwischen dem breiten Konsens in Bezug auf die Ehrfurcht vor dem Leben und dem Dissens bezüglich der Art und Weise einer Sterbehilfe. In den Weltethos-Dokumenten findet man zwar allgemein ein nachdrückliches Plädoyer für Ehrfurcht vor dem Leben, aber keine Stellungnahme zur speziellen Frage der Sterbehilfe, da sich zur Zeit diesbezüglich weder zwischen den Weltreligionen noch innerhalb der einzelnen Religionen ein Konsens feststellen lässt.

Mein Vorstoß bezüglich der Sterbehilfe ist meine höchst persönliche Angelegenheit, nicht etwa die der Stiftung Weltethos. Und so bitte ich denn in aller Bescheidenheit diejenigen, die meine Auffassung teilen, weiter um ihre Unterstützung, und diejenigen, die sie ablehnen, um das Bemühen, meine Auffassung vielleicht besser zu verstehen. Zu diesem Zweck habe ich dieses Buch geschrieben. Es ist kein völlig neues Opus – das habe ich mir 2013 in meinen Abschiedsreden verboten –, aber doch ein neues Opusculum, das jedem Leser eine Klärung und Vertiefung ermöglichen sollte.

Es erfüllt mich mit Dankbarkeit, dass mir noch die Kraft geschenkt war, dieses Buch zu vollenden. Spüre ich doch in der Endphase der Abfassung, wie meine Kräfte schwächer werden und mir auch manche geistige Tätigkeiten zur großen Anstrengung werden. Zweifellos könnte man an einigen Stellen dieses Buches noch weitere Details und Präzisierungen anbringen, doch hat ja mein Buch nicht etwa den Anspruch, die komplexe Frage der Sterbehilfe definitiv zu klären. Vielmehr will es einen Beitrag in einem andauernden Diskussionsprozess leisten und die Stimme eines christlichen Theologen einbringen, der von dieser Problematik selbst existenziell betroffen ist.

Von Herzen danke ich allen, die mir in dieser schwierigen Thematik mit vielfältigem Rat und wichtigen Informationen hilfreich waren, und allen, die ganz praktisch am Entstehen dieses Buches mitbeteiligt waren.

 

Tübingen, im Juni 2014

Hans Küng

 

 

Einleitung: Kann Sterben glücklich sein?

Sind Sterben und Glück nicht klare Gegensätze? „Dieser Mensch hat noch einmal Glück gehabt“, sagt man von einem, der beim Autounfall hart am Tod vorbeikam. Und meint damit das Glück des Zufalls, wofür die englische wie die lateinische Sprache mit „luck“ und „fortuna“ ein eigenes Wort zur Verfügung haben. Ebenso gibt es mit „happiness“ und „beatitudo“ ein eigenes Wort für das Glück der Erfüllung.

Der Mensch kann mitten im Alltag das kleine Glück des erfüllten Augenblicks erleben – etwa durch ein gutes Wort, eine freundliche Geste oder durch den Dank für eine von ihm erwiesene Wohltat. Ja, er kann bisweilen auch das große Glück eines momentanen Spitzenerlebnisses erfahren – etwa im Rausch der Musik, in einem überwältigenden Naturerlebnis, in der Ekstase der Liebe.

Nur eines kann der Mensch nicht: einer glücklichen Hochstimmung Dauer verleihen, weder durch Geld noch durch Alkohol oder Drogen. Gewiss vermögen höchst unterschiedliche Informationen im menschlichen Gehirn Endorphine, Glückshormone zu produzieren und so euphorische Glücksgefühle hervorzurufen. Doch Gewöhnung führt zur Abstumpfung; unser neurobiologisches Glückssystem ist nicht auf Dauerbetrieb angelegt. Fausts flehentliche Bitte an den Augenblick höchsten Glücks, „Verweile doch, Du bist so schön!“, kommt nicht von ungefähr und wird nicht erhört.

Ein anderes freilich scheint dem Menschen vielleicht möglich: Statt einer anhaltenden glücklichen Hochstimmung eine durchgehaltene glücklicheGrundstimmung, die ihnselbst in verzweifelten Situationen nicht verzweifeln lässt, sondern sein Vertrauen trägt. Gemeint ist konkret: grundsätzlich einverstanden sein mit dem Leben, wie es nun einmal ist, ohne sich jedoch mit allem abzufinden. Eine glückliche Grundstimmung heißt also ein Leben in Einklang, im Reinen mit sich. Und da frage ich mich: Lässt sich eine solche Grundhaltung nicht auch angesichts aller menschlichen Gebrechlichkeit und Vergänglichkeit bis hinein ins Sterben durchhalten?

Die „ars moriendi“, die „Kunst des Sterbens“, beschäftigt mich, seitdem in den 1950er-Jahren mein Bruder Georg monatelang an einem unheilbaren Gehirntumor leiden musste, bis er am Wasser in der Lunge erstickte. Sie drängte sich mir besonders auf, seitdem etwa von 2005 an mein lieber Kollege und Freund Walter Jens, obwohl bestens betreut, in seiner Demenz bis zu seinem Tod 2013 dahindämmerte. Diese Erfahrungen bestärkten mich in der Überzeugung: So will ich nicht sterben! Aber sie machten mir zugleich die Herausforderung deutlich, den Zeitpunkt für ein selbstverantwortetes Sterben nicht zu verpassen.

Dies vertraten der Literat Walter Jens und ich in den 1990er-Jahren gemeinsam in Vorlesungen des Studium Generale an der Universität Tübingen und 1995 im gemeinsamen Buch „Menschenwürdig sterben: ein Plädoyer für Selbstverantwortung“, dessen Neuaus­gabe 2009 ich noch mit „20 Thesen zur Sterbehilfe“ und Inge Jens mit einem wertvollen persönlichen Beitrag ergänzte.

Schließlich habe ich 2013 im letzten Kapitel meines dritten Memoirenbandes „Erlebte Menschlichkeit“ auf 50 Seiten meine persönliche Krankheitsgeschichte (Parkinson, Makuladegeneration, Polyarthritis in den Fingern …) und meine Haltung zum Sterben beschrieben. Dies legte ich in aller Offenheit dar, nicht zuletzt, um in der deutschen Öffentlichkeit, die noch immer unter dem kollektiven kollektiven Trauma der Nazimorde am angeblich „lebensunwerten Leben“ leidet, Verständnis zu wecken für die heutige Problematik eines immer weiter künstlich hinausgeschobenen Lebensendes.

Es gehört für mich zur Lebenskunst und zu meinem Glauben an ein ewiges Leben, mein zeitliches Leben nicht endlos hinauszuzögern. Wenn es an der Zeit ist, darf ich, falls ich es noch kann, in eigener Verantwortung über Zeitpunkt und Art des Sterbens entscheiden. Wenn es mir geschenkt sein sollte, möchte ich gerne bewusst sterben und mich menschenwürdig von meinen Lieben verabschieden. Glücklich sterben heißt für mich nicht ein Sterben ohne Wehmut und Abschiedsschmerz, wohl aber ein Sterben in völligem Einverständnis, in tiefster Zufriedenheit und in innerem Frieden. Das bedeutet im Übrigen auch das in viele moderne Sprachen eingegangene, aber von den Nazis schändlich missbrauchte altgriechische Wort „eu-thanasia“: ein „gutes“, „richtiges“, „leichtes“, „schönes“, „glückliches Sterben“.

Also ein „Requiescat in pace, er/sie möge ruhen in Frieden“. Alles noch zu Ordnende geordnet, in Dankbarkeit und in vertrauendem Gebet. Dies ist nicht nur eine Wunschvorstellung. Ich kenne Menschen, die in diesem Sinn glücklich gestorben sind: Meine Mutter gehört zu ihnen. Diese Haltung gründet für mich letztlich in der Hoffnung auf ein definitiv gelingendes, ewiges Leben, in einer anderen Dimension des Friedens und der Harmonie, andauernder Liebe und bleibendem Glück. Dies ist meine von der Bibel gespeiste Vorstellung von einem glücklichen Sterben.

Damit ist schon deutlich geworden: Solch glückliches Sterben hat nichts zu tun mit einem eigenmächtigen, gar noch zur Provokation der kirchlichen Autorität geplanten unseligen „Selbstmord“, wie mir manche Stimmen in den Medien, aber auch in persönlichen Zuschriften unterstellten. Einzelne Vertreter der „kirchlichen Lehre“ aber, von der meine Auffassung abweicht, haben offensichtlich noch nicht begriffen, dass sich auch unser Verständnis sowohl vom Anfang wie vom Ende des Menschenlebens mitten in einem epochalen Paradigmenwechsel befindet, der weder mit der Vorstellungswelt und Begrifflichkeit der mittelalterlichen noch der orthodox-protestantischen Theologie durchschaut und gemeistert werden kann. Heutzutage muss doch die enorme Lebensverlängerung aufgrund der früher unvorstellbaren Fortschritte der modernen Medizin und Hygiene in Betracht gezogen werden; zu berücksichtigen sind aber auch die korrigierenden nachmodernen Einsichten in die Grenzen einer rein naturwissenschaftlich-technisch argumentierenden und operierenden Medizin. Der Sinn für die Notwendigkeit einer die Menschlichkeit schützenden ethischen Fundierung einer ganzheitlichen Medizin ist gewachsen. Auch in der katholischen Kirche besteht seit dem Amtsantritt von Papst Franziskus Hoffnung auf größere Offenheit und erbarmende Hilfestellung in solchen notorisch schwierigen Fragen. Für ihn ist das Christentum keine abgehobene doktrinäre Ideologie, sondern ein Weg, den man erlernt, indem man ihn geht.

Auf manche in dieser Einführung angesprochenen Fragen war auch die prominente Fernseh-Moderatorin Anne Will in einem Gespräch mit mir eingegangen, das vom Ersten Deutschen Fernsehprogramm ARD am 20. November 2013 ausgestrahlt und vom Sender Phoenix am 2. Januar 2014 wiederholt wurde. Das Gespräch bildet die Plattform meiner weiteren Überlegungen. Ich bin meiner gescheiten und einfühlsamen Gesprächspartnerin von Herzen dankbar dafür, dass sie mir gestattet, diesen lebendigen und ungekünstelten Dialog hier zu veröffentlichen. Wollte ich doch wie gesagt kein völlig neues Buch schreiben, wohl aber zur Klärung und Vertiefung meiner Auffassung beitragen, auch auf schriftlich und mündlich geäußerte Einwände eingehen und dafür auf frühere Texte zurückgreifen sowie neue Kommentare hinzufügen. Einer breiteren Öffentlichkeit – und angesichts der gegenwärtigen Diskussion in Parlamenten, Berufsverbänden, Gerichten und Kirchen besonders Politikern, Ärzten, Juristen und Seelsorgern – möchte ich Stoff zu kritisch-selbstkritischen Reflexionen bieten. Dies alles in der Hoffnung auf eine interessierte und zugleich verständnisvolle Diskussion.

 

 

Gespräch mit Anne Will

 

Vom Glück des Widerspruchs

Anne Will: Lieber Hans Küng, wir sitzen hier im November 2013, an einem wunderschönen Tag, knallblauer Himmel, draußen Sonnenschein. 2013 ist für Sie ein besonderes Jahr, Sie sind 85 geworden, im März, und Sie haben mit dem dritten Band Ihre Lebenserinnerungen abgeschlossen. Also eine Art Abschluss, ein Ende, vom „Abend des Lebens“ schreiben Sie. Außerdem haben Sie öffentlich gemacht, dass Sie an Parkinson erkrankt sind. Und Sie haben auch gesagt, vor langer Zeit ja schon, Sie werden dann, wenn die Krankheit Sie verändern sollte, Sterbehilfe in Anspruch nehmen, aus dem Leben scheiden. Woher wissen Sie eigentlich, dass dann, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, kein ­irdisches Glück mehr auf Sie wartet?

Hans Küng: Ach, ich würde nicht sagen, dass kein irdisches Glück mehr auf mich wartet, sondern ich weiß dann nur, dass mein Leben sich vollendet hat, dass ich weiter keine Aufgaben mehr zu erfüllen habe, dass es einfach Zeit ist. Wie es bei Kohelet im Alten Testament heißt, es gibt eine Zeit zu leben und eine Zeit zu sterben. Und dann wird es eben so weit sein.

Anne Will: Ist es ein bestimmter Tag, den Sie jetzt schon kennen?

Hans Küng: Nein. Ich habe auch nie gesagt, ich würde mich sofort verabschieden, das wurde eine Zeit lang durch die Medien so verbreitet. Ich habe immer noch die Möglichkeit, dass meine verschiedenen Krankheiten …

Anne Will: Was ist es denn alles?

Hans Küng: Na ja, mit dem Schreiben habe ich Schwierigkeiten, ich habe Schwierigkeiten mit den Augen, eine Makuladegeneration, ich habe Schwierigkeiten mit dem Rücken, mit dem Lendenwirbel und so weiter. Das ist alles nicht schlimm, wenn man so will, aber es sind einfach Zeichen, dass die letzte Periode begonnen hat und dass mein Leben auch nicht ewig dauert. Ich habe mich von vornherein immer mit dem Leben so abgefunden, wie es war. Ich wollte das auch nicht verschweigen, was ich ja leicht hätte machen können. Ich hätte ja leicht diesen dritten Band furios abschließen können mit irgendeinem großen Ereignis. Ich habe genügend solcher Ereignisse erlebt. Aber ich wollte bis zum Ende die Wahrheit in Wahrhaftigkeit sagen.

Anne Will: Ich habe Sie eben kurz unterbrochen an der Stelle, als Sie, glaube ich, dabei waren, uns zu entwickeln, woran Sie festmachen könnten, dass der Zeitpunkt gekommen wäre, wo Sie sagen, okay, jetzt ist mein Leben vollendet, und jetzt mag ich den nächsten Schritt gehen.

Hans Küng: Also der sichere Terminus, wo es für mich klar wäre, wäre das, wenn ich irgendwelche Zeichen von Demenz spüre. Hier um die Ecke wohnte Walter Jens. Ich habe über Jahre seine Demenzerkrankung miterlebt. Wir haben ja in den 1990er-Jahren zusammen Vorlesungen gehalten, die „Menschenwürdig sterben“ hießen, unten in der Universität. Und Jens hat immer gesagt, es wäre für ihn ein Glück, wenn er wie Sigmund Freud damals einen Arzt fände, der ihm dann helfen würde zu sterben. Er hat das eigentlich vorgehabt, er hat aber den Moment verpasst. Ich will auf keinen Fall den Moment verpassen. Beginnende Demenz wäre jedenfalls eine klare Indikation, was sonst noch dazu kommen kann, das kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich bin bereit zu allem. Ich bin bereit, auch noch eine neue Aufgabe zu übernehmen, wenn eine sich stellt, die ich jetzt noch leisten kann. Aber ich will nicht in demselben Stil weitermachen. Ich habe alle Bücher geschrieben, die ich schreiben wollte, habe alle Reisen gemacht, die ich machen wollte, also ich bin in diesem Sinne ein glücklicher Mensch, relativ glücklich, und kann sagen, mein Werk hat sich in etwa gerundet und vollendet.

Wie kann man die Angst vor dem Tod besiegen?

Dem Tod begegnen und Hoffnung finden

Die emotionale und spirituelle Begleitung Sterbender

Vorwort von Sogyal Rinpoche

Wir alle sind mit dem Tod konfrontiert – dem von Freunden und Angehörigen, aber auch mit dem eigenen Sterben. Doch wie kann man sich emotional darauf vorbereiten, wie mit diesem tabubeladenen Thema umgehen? Unter Einbeziehung tibetisch-buddhistischer Lehren zeigt Christine Longaker, Mitbegründerin eines Hospizes in Kalifornien, wie wir uns spirituell und emotional auf den Tod vorbereiten können.
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„... eignet sich für Angehörige und professionell Pflegende.” NovaCura

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Was am Ende wichtig istWas am Ende wichtig ist

Geschichten vom Sterben

Die Patienten, die Petra Anwar besucht, haben keine Aussicht auf Heilung. Und doch ist diese letzte gemeinsame Zeit für Sterbende und ihre Angehörigen eine besonders kostbare: Für Maike, die trotz des riesigen Tumors in ihrem Bauch noch ein ganzes Jahr mit ihren heranwachsenden Töchtern gewinnt. Für Herrn Helling, der im Rollstuhl ans Meer reist, um ein letztes Mal die Leuchttürme zu sehen. Für Herrn Bozkurt, der in seine kleine Stadt in der Türkei zurückkehrt, weil eine Wohnung in der Fremde kein guter Ort zum Sterben ist … Zusammen mit dem Schriftsteller John von Düffel erzählt Petra Anwar zwölf wahre Geschichten vom Sterben.

Vorwort

Niemals habe ich daran gedacht, ein Buch zu schreiben, und es ist auch nicht so, als würden mir meine Arbeit als Palliativmedizinerin und der Familienalltag als Mutter dreier Söhne viel Muße lassen. Eines Tages jedoch rief mich Frau Rotter vom Piper Verlag an. Sie hatte den Film „Halt auf freier Strecke“ von Andreas Dresen gesehen. Darin geht es um die Geschichte eines Mannes, der an einem Gehirntumor erkrankt und zu Hause sterben will. Die Rollen der verantwortlichen Mediziner in diesem Film waren mit echten Ärztinnen und Ärzten besetzt. Eine davon war ich. Meine Aufgabe war es, wie im wirklichen Leben, den Patienten palliativmedizinisch zu versorgen und ihm das Sterben zu Hause zu ermöglichen. Damit stand dieses Thema auf einmal im Licht der Öffentlichkeit.

Frau Rotter und ich verabredeten ein erstes Treffen. Sie wollte mehr wissen über meine Arbeit, meine Erfahrungen mit dem Sterben und den Sterbenden zu Hause, über die Angehörigen und deren Nöte sowie über die Hilfe und Beratung, die ich als Palliativmedizinerin leisten kann gegen die Schmerzen, die Komplikationen und die Angst. Denn genau das bedeutet Palliativmedizin: Wir versuchen nicht, zu heilen, was nicht zu heilen ist, wir lindern Schmerzen und Beschwerden und bemühen uns, den Patienten und ihren Angehörigen ihre Ängste zu nehmen. Davon, meinte Frau Rotter, sollte das Buch handeln.

Seit vierzehn Jahren begleite ich Sterbende und deren Familien, damit meine Patienten dort sterben können, wo sie gelebt haben. In meinem Beruf habe ich fast ausschließlich mit Krebskranken zu tun. Die Palliativmedizin ist aus der Onkologie hervorgegangen, der Erkenntnis folgend, dass eine Chemotherapie ab einem gewissen Stadium medizinisch sinnlos ist. Man kann gegen das Krebswachstum nichts mehr tun. Es geht nicht länger darum, ob der Patient stirbt, sondern nur noch um die Frage, wie. Und palliativmedizinische Dienste wie „Home Care Berlin“ ermöglichen es ihm, sich für ein Sterben zu Hause zu entscheiden. Sie bilden Netzwerke zur ambulanten Versorgung, und sie vermitteln spezialisierte Pflegekräfte und Palliativmediziner wie mich.

Sterben ist ein sehr intimer Prozess. Jeder unheilbar Kranke ist unsicher und voller Angst. Er wünscht sich vor allem Ruhe und Geborgenheit, die er am besten in seiner vertrauten Umgebung findet. Fast jeder Mensch möchte sein Lebensende zu Hause verbringen, im Kreis seiner Familie, seiner Freunde oder auch allein. Fast jeder möchte so sterben, wie er gelebt hat.

Doch das Sterben wurde in den letzten Jahrzehnten immer weiter ausgelagert und versteckt. Es findet meist nicht mehr zu Hause statt, sondern in der Anonymität von Krankenhäusern und Pflegeheimen. Obwohl wir wissen, dass es früher oder später jeden von uns trifft, klammern wir es aus unserem Leben aus. Meist ist es nicht die Angst vor dem Tod, die uns an der Auseinandersetzung damit hindert, sondern die Angst vor dem Weg dorthin: vor den Schmerzen und Qualen, dem Alleingelassensein in einer Institution mit fremden Menschen, denen man sich ausgeliefert fühlt. Es ist die Angst vor dem Verlust jeglicher Selbstbestimmung und individueller Würde, vor dem Warten auf den Tod als letzten Gnadenakt. Zumindest diese Angst, nur noch eine Nummer in der medizinischen Maschinerie zu sein, kann uns das Sterben zu Hause nehmen.

Um aber unser Sterben so zu gestalten, wie es uns entspricht, müssen wir darüber reden. Wir müssen lernen, das Sterben zu einem unserer Lebensthemen zu machen. Nur wenn wir unsere Wünsche und Vorstellungen auch mitteilen, wissen unsere Angehörigen und Freunde, wie sie in unserem Sinne reagieren sollen, wenn es so weit ist. Wir selbst sind dafür verantwortlich, dass an unserem Lebensende Menschen da sind, die sich um uns kümmern. Ein Leben, das ohne Rücksicht auf andere Menschen geführt wurde, in dem es wenig Liebe, Fürsorge und echte Freundschaft gegeben hat, wird meist auch ein einsames Ende nehmen. Gerade im Sterben braucht man tragfähige soziale Bindungen. Das ist oft die Familie, aber es können auch enge Freunde sein, die in unserer Zeit häufig an die Stelle von nicht vorhandenen oder weit entfernt lebenden Familienmitgliedern treten. Ein riesiger Bekanntenkreis bedeutet jedoch nicht, dass man am Lebensende auf ihn bauen kann. Das Sterben entlarvt jede Art von Oberflächlichkeit.

Beim Schreiben dieser Geschichten aus meiner palliativmedizinischen Praxis kamen mir oft die Tränen. Ich habe jede Sterbebegleitung noch einmal durchlebt. Manchmal dachte ich, ich könnte nicht weiterschreiben, weil es so viel Kraft kostete, mich diesen Erfahrungen vom Leben und Sterben wieder zu stellen. Es sind tröstliche, manchmal auch weniger tröstliche Geschichten. Sie beschreiben mit größtmöglicher Ehrlichkeit den Sterbeweg sehr verschiedener Menschen. Nicht jede Geschichte hat ein versöhnliches Ende, so wie nicht jedes Leben eines hat. Doch in allen Geschichten wird deutlich, dass das Sterben leichter ist, wenn man Menschen um sich herum hat, die bereit sind, diesen letzten Weg mitzugehen, weil sie einen Teil des Lebens mitgegangen sind. Die Liebe zu einem Menschen lässt einen vieles ertragen, auch, dass man in der Sterbebegleitung manchmal an das Ende seiner Kräfte gerät. Denn selbst in den Momenten der Unruhe, der Krisis, erkennt man den Menschen, den man liebt, und denkt oft in schwierigen Phasen: „Ja, so ist er immer gewesen, so kenne ich ihn …“

Sicher gibt es manchmal Krankheitsverläufe, die ein Sterben zu Hause erschweren oder verhindern. Manchmal ist es gut zu wissen, dass als letztes Mittel die Möglichkeit einer Einweisung in ein Hospiz oder ein Krankenhaus besteht. Doch die meisten Menschen sterben ohne große Komplikationen in Ruhe und Frieden, wenn die palliativmedizinische Versorgung gewährleistet ist. Man muss sich nur trauen, dieses Wagnis einzugehen. Hat man sich dafür entschieden, wird man überrascht sein, wie viele Menschen zu helfen bereit sind. Wer offen über das Sterben redet, trifft in der Regel auch auf Offenheit bei seinen Mitmenschen. Darauf vertraue ich auch, wenn ich dies schreibe und nach Worten suche für diese sehr persönlichen Begegnungen, die mich durch meine Arbeit und mein Leben begleiten.

Also doch ein Buch! Es enthält Geschichten vom Sterben in den unterschiedlichsten Facetten – so vielfältig wie die Personen, denen sie sich widmen. Keinem meiner Patienten ist der Schritt von der stationären Behandlung im Krankenhaus in die palliativmedizinische Versorgung zu Hause leichtgefallen. Jeder Angehörige hatte anfangs seine eigenen kleinen oder großen Schwierigkeiten. Doch die meisten blicken heute gern auf diese Zeit zurück, dankbar dafür, dass ein geliebter Mensch sich ihnen anvertraut hat, und stolz darauf, dass sie ihm das Gefühl geben konnten, als Individuum respektiert zu werden bis zuletzt. Die Sterbebegleitung hat ihnen etwas gegeben, was sie nicht missen möchten. Und sie hat ihnen nicht zuletzt die Angst vor dem eigenen Sterben genommen.

Diese sich immer wieder bestätigende Erfahrung hat mich beim Erzählen der Geschichten geleitet. Es sind Geschichten gegen die Angst, Geschichten der Zuversicht, dass sich auch schwierigste Situationen gemeinsam bewältigen lassen. Meine Hoffnung ist, dass vielleicht der eine oder andere Leser in diesen Geschichten ein Stück von sich selbst wiederfinden kann und den Mut fasst, im eigenen Familienkreis über das Sterben zu Hause zu sprechen.

Ich konnte diese Geschichten nur mit der Unterstützung eines Autors schreiben. Vor meinem ersten Zusammentreffen mit John von Düffel war ich sehr skeptisch, ob es funktionieren würde. Ich bin kein Kopfmensch, bei mir muss die emotionale Seite stimmen, zumal bei diesen Geschichten, die meine Gedanken, meine Gefühle und einen wichtigen Teil meines Lebens beinhalten.

John von Düffel ist ein Mensch und Autor, dem ich mich öffnen konnte. Durch seine ruhige, wohlwollende Art schaffte er einen Raum, in dem ich mir alles von der Seele reden konnte, weil ich wusste, dass da einer saß, der mich verstand. Er verstand mit seinem Herzen, was ich ausdrücken wollte, ohne lange Erklärungen. Und er gab mir immer wieder den Mut, weiterzuschreiben. Ohne ihn wäre dieses Buch nie entstanden. Fast bin ich traurig darüber, dass es nun geschrieben und unsere Zusammenarbeit damit beendet ist. Es war für mich eine fruchtbare Zeit, denn die Bedeutung vieler Geschehnisse wurde mir erst durch die gemeinsame Arbeit an diesen Geschichten bewusst.

Petra Anwar Berlin, im Oktober 2012

 

Die geschenkte Zeit

Maike

Jeder Tod hat seine Geschichte, und wer den Prozess des Sterbens begleitet, ob als Ärztin, Krankenschwester, Pfleger oder Familienmitglied, der wird in diese Geschichte mit hineingezogen. Mal tiefer, mal weniger tief – je nachdem, wie man sich einlässt und wie man eingelassen wird. Die Geschichten des Sterbens folgen ihren eigenen Gesetzen. Alles ist gedrängter, unmittelbarer und unverstellter als im täglichen Leben. Denn jede dieser Geschichten steht im Zeichen ihres Endes. Die Zeit ist knapp, das ist allen Beteiligten bewusst, und zugleich gibt es eine große Ungewissheit über den Zeitpunkt, die Art und Weise, über vieles, was bevorsteht. Jeder in dieser Geschichte erlebt sie zum ersten und zum letzten Mal.

Als Palliativmedizinerin versuche ich, den Sterbenden und ihren Angehörigen in diesem Prozess vor allem zweierlei zu vermitteln: Sicherheit und Vertrauen, nicht nur in meine Fähigkeiten als Ärztin, sondern ebenso in mich als Person. Ich kann mich nicht hinter einem weißen Kittel verstecken, ich bin nicht Teil eines Apparats oder einer größeren Organisation wie eines Krankenhauses. Ich bin bei den Sterbenden und ihren Familien zu Hause, in ihren Räumen, ihrem Leben. Ich komme als Petra Anwar zur Wohnungstür herein und trete in eine Beziehung mit den Menschen, die hier leben, und dem Menschen, der hier sterben wird. Es beginnt ein Wechselspiel von Nähe und Distanz wie in jeder Beziehung. Auch nach vielen Berufsjahren weiß ich am Anfang dieses Prozesses nicht, wie nah mir der Sterbende kommen wird – und wie nah mir sein Tod am Ende geht.

Anfang Dezember 2010 beginne ich mit der Betreuung einer Frau, deren Lebenslauf dem meinen gar nicht so unähnlich ist. Maike ist neunundvierzig Jahre alt, verheiratet, von Beruf Krankenschwester, Mutter von zwei Töchtern, siebzehn und fünfzehn Jahre alt, eine starke, tatkräftige Persönlichkeit. Doch Maike leidet seit mehreren Jahren an einem metastasierten Tumor des Magens. Unzählige Operationen und Bestrahlungen liegen hinter ihr. Es bestehen keine spezifischen Behandlungsoptionen mehr, auch die Möglichkeiten der Chemotherapie sind erschöpft. Maike ist „austherapiert“.

Bei meinem ersten Besuch sprechen wir lange darüber, was es für ihr Leben bedeutet, wenn sie jetzt aus der onkologischen in die palliativmedizinische Versorgung kommt. Die onkologische Behandlung ist für meine Patienten gleichbedeutend mit Heilung oder zumindest mit Lebensverlängerung. Der Tod ist kein Thema, er hat noch kein Gesicht. Alle Kraft wird für die Chemotherapie benötigt. Der Übergang in die palliativmedizinische Versorgung ist ein tiefer Einschnitt. Er bedeutet für den Patienten, dass er den Kampf gegen den Krebs verloren hat. Der Tod nimmt Gestalt an. Jetzt geht es um den Weg des Sterbens, um die Linderung des Leids und den Umgang mit der Angst. Jeder Patient reagiert auf diese Veränderung anders. Verzweiflung, Resignation, Erleichterung liegen nahe beieinander.

Maike hat viele Jahre als Krankenschwester gearbeitet. Sie ist sich über den Verlauf ihrer Erkrankung völlig im Klaren und geht ganz sachlich damit um. Von dem Gedanken an Heilung hat sie sich verabschiedet. Maike weiß, dass sie stirbt. Jetzt geht es darum, die körperlichen Symptome in den Griff zu bekommen – Schmerzen, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Wasser im Bauch. Es geht um Lebensqualität, nicht um Lebensquantität.

Es ist ein sehr offenes Gespräch, das uns beide viel Kraft kostet. Maike will sich vergewissern, ob ich für sie die richtige Ärztin bin und ob sie auf mich bauen kann. Denn sie wird mir, wie sie es nennt, irgendwann „ausgeliefert“ sein. Anfangs ist sie sehr zurückhaltend, förmlich, distanziert, auch wenn sie über ihren Zustand mit großer Direktheit redet. Es ist wie eine Testphase. Ich spüre, wie sehr ihre Entscheidung für oder gegen mich davon abhängt, ob ich ihre Wünsche und Bedürfnisse auf diesem letzten Weg verstehe. Wir sitzen in ihrem Zimmer, lichtdurchflutet, Kinderzeichnungen an der Wand, Regale mit vielen Büchern und Musik-CDs. Es ist ein optimistisches Zimmer, ganz hell. Am Ende sagt Maike Ja und gibt mir die Hand.

Mithilfe verschiedener Medikamente wie Morphin, Cortison, Entwässerungs- und Abführtabletten gelingt es, die Symptome zu lindern. Der Stuhlgang wird regelmäßiger, das Wasser im Bauch geht zurück, Übelkeit und Schmerzen lassen nach. Am Anfang macht das Morphin Maike sehr müde, eine Nebenwirkung, die mit der Zeit nachlassen wird, wie ich ihr mehrfach versichern muss. Und so kommt es dann auch. Maike muss nicht mehr die meiste Zeit im Bett verbringen, ihre Freiräume werden größer. Selbstverständlich bestimmt der Tumor weiterhin ihren täglichen Lebensrhythmus, aber daran ist Maike seit Jahren gewöhnt und kann es in ihren Alltag integrieren. Das bedeutet für sie, sich beim Essen viel Zeit zu lassen, Milchprodukte zu meiden und sich nach jeder Mahlzeit zu bewegen. Dann geht der Tag gut.

Die nächsten drei Monate verlaufen relativ komplikationslos. Hin und wieder treten Schmerzen, Übelkeit und Stuhlgangschwierigkeiten auf, aber letztlich schlagen die Medikamente in ständig angepasster Dosierung gut an. Maike kann für einige Stunden die Wohnung verlassen, besucht Freunde, ist sehr aktiv. Und sie genießt es. Doch ihr Tatendrang ist mir nicht ganz geheuer: Wie lange wird das gut gehen?

Dann, Anfang März, gerade als der Frühling beginnt, gerät sie in eine psychische Krise. Sie erträgt die Situation nicht mehr. Körperliche Beschwerden sind kaum vorhanden, aber ihre Seele ist krank. Sie hat den Tod jetzt immer vor Augen. Die Ausweglosigkeit ihrer Situation macht ihr das Leben zur Qual. Maike sieht keinen Sinn mehr darin weiterzumachen. Auf meine Einwände, dass sie im Moment doch keine größeren Schmerzen habe, reagiert sie wütend. Sie fühlt sich nicht ernst genommen. Immer wieder kommt sie auf aktive Sterbehilfe zu sprechen, fordert sie offen von mir ein. Jedes Gespräch mit ihr wird zu einer Zerreißprobe. Bitten, Vorwürfe, Angriffe – und hinter allem Verzweiflung. Maike will nicht mehr.

Der geplante Familienurlaub an der Ostsee wird abgesagt. Maikes jüngere, fünfzehnjährige Tochter geht nicht mehr in die Schule, ist offiziell krankgemeldet wegen einer schweren Erkältung. Sie verliert die Stimme, bringt kaum noch einen Ton hervor. Die plötzliche Veränderung und Verzweiflung ihrer Mutter hat ihr offenbar die Sprache verschlagen. Sie will das Haus nicht mehr verlassen, vielleicht aus Angst, dass sie zurückkommt und ihre Mutter nicht mehr da ist. Die Situation spitzt sich zu.

Je nach Krankheitsverlauf und Befinden besuche ich meine Patienten zwei- bis viermal die Woche. Aber ich bin immer erreichbar, rund um die Uhr, das wissen sie, und es gehört wesentlich zu der Sicherheit, die sie brauchen in ihrem Alltag ohne Gewähr. Maike ruft jetzt immer wieder außer der Reihe an und bittet mich zu kommen. Am Telefon wie im direkten Gespräch, jedes Mal dieselbe Aussage, sie wolle dieses Leben nicht mehr, ich bräuchte das nicht schönzureden, sie wolle jetzt sterben, was ich für eine Ärztin sei, dass ich sie nicht ernst nähme, bisher habe sie sich immer gut aufgehoben gefühlt bei mir – jetzt nicht mehr! Ihr Vertrauen in mich bekommt Risse. Der Umgang wird schwierig, jedes meiner Worte wird auf die Goldwaage gelegt. Die Anspannung steigert sich manchmal bis zum Psychoterror. Für mich ist es schwer, für die Familie fast unerträglich.

Die weitgehend schmerzfreien Tage, die Maike durch die Palliativmedizin gewinnt, sind für sie auf einmal kein Geschenk mehr. So extrem wie bei ihr habe ich diesen Umschwung selten erlebt. Zu keinem Zeitpunkt war Maike larmoyant oder selbstmitleidig gewesen, sondern immer tapfer und kämpferisch. Sie gehörte zu denjenigen, die gesünder scheinen wollen, als sie sind. Geklagt wird nicht! Als sie noch mit den Symptomen zu kämpfen hatte und wir die richtige medikamentöse Einstellung suchen mussten, hat sie zäh und geduldig mit der Krankheit gerungen – um ihre Bewegungsfreiheit, um jede wache Stunde. Doch nach dieser Leidenszeit, nach einem langen, harten Winter, jetzt, in diesem geschenkten Frühling, verkehrt sich alles ins Gegenteil.

Ich bin nun fast täglich bei Maike. Vom Balkon ihrer Wohnung sehen wir hinaus auf ein paar Schrebergärten, Bäume, einen Bahndamm. Nach Dauerfrost, festen Schnee- und Eisschichten bis Ende Februar kommen nun die ersten milderen Tage. Alles grünt. Die Luft schwirrt von Sonne und Vogelgezwitscher. Alle atmen auf, weil das Leben neu beginnt, nur Maike spürt das Ende. Sie fühlt sich vom Leben ausgeschlossen in ihrem Warten auf den Tod. Jeder schöne Tag ist für sie nur eine Galgenfrist, ein bisschen Freiheit auf Bewährung. Freude hat sie nicht daran.

Für die Familie wie für mich ist Maikes mentaler Umschwung schwer zu verkraften. Alle sind überfordert, auch ich, denn zu diesem Zeitpunkt stecke ich emotional schon zu tief drin. Ich bin enttäuscht, weil die Therapie bei Maike so gut anschlägt und sie auf einmal nicht mehr will. Eigentlich gibt es keinen vernünftigen Grund dafür – und doch hat sie natürlich allen Grund der Welt. Wir sind hin- und hergerissen zwischen Frustration und Verständnis. Nur Maike ist ganz klar: Sie will sterben. Und sie will die entsprechenden Medikamente von mir. Als ich ihr das verweigere, spielt sie mit dem Gedanken, in die Schweiz zu fahren und die dort gesetzlich erlaubte aktive Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, verfolgt diesen Plan dann aber doch nicht weiter. Sie will zu Hause sterben, in ihrem eigenen Zimmer, im Kreise der Familie, so wie sie es sich gewünscht hat.

Maike ist in ihrer Sehnsucht nach einem Lebensende so entschieden, dass wir kaum die Kraft haben, dagegenzuhalten. Wir reden, reden, reden. Irgendwann sage ich, dass es auch gegenüber ihren Töchtern unfair ist, aus dem Leben abzuhauen, solange es ihr körperlich einigermaßen gut geht. Maike wird wütend, sie fühlt sich von mir erpresst. Aber auch ich bin Mutter, nicht nur Ärztin, und ich bin eine Vertraute von Maike. Meine Rollen verschwimmen. Ich kann ein Stück weit verstehen, in was für einem dunklen Loch diese bisher so starke Frau versinkt, doch ich kann nicht zulassen, dass sie dem nachgibt.

Für die Kinder wäre es eine Katastrophe. Maike hat mit ihnen noch vor wenigen Tagen einen wunderbaren Ausflug gemacht. Sie sagt selbst, dass sie kaum Schmerzen hat. Warum dann aus dem Leben gehen? Wie sollen ihre Kinder solch einen Abschied, solch eine Abkehr verstehen?

Schließlich starten wir einen Versuch mit Dronabinol, einem Cannabispräparat in Form von Tropfen, die in der Apotheke hergestellt werden. Die Verwendung von Cannabis als Medizin ist erlaubt. Doch Maike davon zu überzeugen ist harte Arbeit. Es dauert Stunden und sprengt meinen ganzen Tag. Manchmal habe ich bis zu zehn Patienten zu besuchen. Und wenn ich als Erstes bei Maike bin und dort hängen bleibe, dann klingelt mein Telefon pausenlos, weil die anderen warten.

Mit dem Einsatz von Dronabinol habe ich so gut wie keine Erfahrungen, aber es scheint mir im Moment die einzige Möglichkeit, um nicht zu Psychopharmaka greifen zu müssen – auch wenn es die Kasse nicht zahlt und zweihundert Euro pro Monat sehr viel sind für eine Familie, in der jemand krank ist, der früher gearbeitet hat. Dronabinol hellt die Stimmung auf, es stimuliert den Appetit, entspannt – Cannabis eben. Es gibt aber keine Rauschzustände, es verändert den Menschen nicht, dafür ist die Dosierung im medizinischen Bereich zu niedrig. Es hat außerdem einen positiven Einfluss auf die Bauchsymptome, ohne dass man die Wirkungszusammenhänge genau kennen würde. Selbstverständlich bin ich belesen, was alternativmedizinische Methoden angeht. In diesem Fall leitet mich der Mut der Verzweiflung, denn Antidepressiva kommen für Maike nicht infrage. Auch ich denke immer wieder: Sie ist ja nicht depressiv, sie ist realistisch. Es wäre ein Schlag ins Gesicht gewesen, ihr richtige Psychopharmaka verabreichen zu wollen, allein der Vorschlag – eine Zumutung! Schließlich ist Maike Krankenschwester, sie weiß, was das ist. Sie würde sich von mir betrogen fühlen, in die Schublade „Depression“ gesteckt. Das wäre falsch.

Nach zwei Wochen Therapie mit Dronabinol findet Maike: Das Leben ist im Moment doch ganz in Ordnung. Ich komme morgens um zehn Uhr bei ihr an, und sie erzählt mir, wie sehr sie es liebt, frühmorgens aufzustehen, wenn alle anderen noch schlafen, dem Vogelgezwitscher in der Dämmerung zu lauschen, sich einen Kaffee zu kochen und in Ruhe ihre Yogaübungen zu machen – einfach schön.

Wir fragen uns, ob dieser Sinneswandel auf die Dronabinoltropfen zurückgeht. Beide haben wir das Gefühl, das allein kann es nicht sein. Empfohlen werden drei mal drei Tropfen, wir reduzieren sogar auf drei mal einen. Maike ist sehr guter Stimmung, auch die Bauchsymptomatik entspannt sich zusehends. Also bleiben wir dabei, auch wenn wir glauben, dass diese Veränderung aus Maike selbst kommt, durch ihre Stärke und Individualität. Beweisen können wir es nicht. Wir wollen auch keinen Rückfall in die Krise riskieren. Stattdessen versuchen wir, die Tropfen bei der Kasse zu beantragen. Ich schreibe ein zehnseitiges Pamphlet für Dronabinol. Zurück kommt ein Zwanzig-Seiten-Brief vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen mit einer Ablehnung. Wir ärgern uns, aber wir sind auch des Kampfes müde. Mittlerweile habe ich Maike wenigstens so weit, die Pflegestufe zu beantragen – bei ihrem Pochen auf Selbstständigkeit eine große Überwindung.

Das Geschäft mit dem Lebensende

Blick ins Buch
Patient ohne VerfügungPatient ohne Verfügung

Das Geschäft mit dem Lebensende

Ein Plädoyer gegen Übertherapie am Lebensende In deutschen Kliniken wird operiert, katheterisiert, bestrahlt und beatmet, was die Gebührenordnung hergibt – ein durchaus rentables Geschäft. Dr. Matthias Thöns berichtet aus seiner jahrelangen Erfahrung von zahlreichen Fällen, in denen alte, schwer Kranke mit den Mitteln der Apparatemedizin behandelt werden, obwohl kein Therapieerfolg mehr zu erwarten ist. Finanzieller Profit steht im Fokus des Interesses vieler Ärzte und Kliniken. Thöns' Appell lautet deshalb: Wir müssen in den Ausbau der Palliativmedizin investieren, anstatt das Leiden alter Menschen durch Übertherapie qualvoll zu verlängern. „Dieses Buch ist überfällig! Unbedingt lesen!“ Deutschlandfunk

Vorwort zur Taschenbuchausgabe
Ehrlich gesagt – mit so viel strengem Gegenwind hatte ich nicht gerechnet, als „Patient ohne Verfügung“ im September 2016 erschienen ist. Viele Kollegen waren aufgebracht, vor allem in meiner Heimatstadt Witten. Ich wurde zu einem Krisengespräch in die örtliche Zeitungsredaktion zitiert – es waren mit die unangenehmsten 60 Minuten in meinem Leben. Das Buch diffamiere Ärzte, die Kritik sei zu pauschal, übertrieben, polemisch oder populistisch, hieß es. Der Ärzteschaft sei das Buch sauer aufgestoßen. Es entspreche nicht den Tatsachen, die Zahlen würden nicht stimmen. Unverhohlen wurde mir gar angedroht, die Zusammenarbeit mit dem Palliativnetz aufzukündigen, was sich leider in den folgenden Monaten bewahrheiten sollte: Die Zuweisungszahlen sterbenskranker, hilfsbedürftiger Menschen sanken um etwa 30 Prozent – lieber ließ man die Patienten ohne Palliativversorgung, als die Zusammenarbeit mit einem „Nestbeschmutzer“ fortzuführen, war mein Eindruck. Berechtigt wurde kritisiert, dass das Buch das so wichtige Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient empfindlich störe – eine Sorge, die ich teile und die mich so manche schlaflose Nacht gekostet hat.
Ich betone immer wieder, dass ich die dunkle Seite der Medizin beschreibe und mir bewusst ist, dass es genauso eine wunderbare Seite gibt. Die Erfolge und den Nutzen der modernen Krebs- und Intensivmedizin schätze ich sehr und kenne viele einwandfrei handelnde Pflegekräfte und Ärzte. Zudem ist mir bewusst, dass es jenseits finanzieller Anreize andere Gründe für Übertherapie gibt, aber die sind eben nicht so verwerflich und Experten zufolge nicht so häufig.
Auch privat ging es hoch her in den Wochen nach Erscheinen des Buches: Meine Freundin war hochschwanger. Kurzum, ich hatte viel Stress. Und wenn ich Stress habe, bekomme ich wie viele Menschen „Rücken“. Da hilft es mir akut auch nichts, dass ich mir immer sage: Thöns, das ist „nur psychosomatisch“. Deshalb war ich besonders froh über mein fantastisches Team, das hinter mir stand – und überglücklich über die Geburt meines Sohnes Noah im Januar 2017.
Wenn ich bei Lesungen von den Widrigkeiten erzähle, die mir nach Veröffentlichung des Buches entgegenschlugen, ernte ich viele Lacher, wenn ich aus der Geschichte zitierte: Schon bei den alten Griechen wurde der Überbringer schlechter Nachrichten bestraft, im Mittelalter wurde er geköpft, und bei Konfuzius heißt es: „Ein Mann, der die Wahrheit spricht, braucht ein schnelles Pferd.“
Fast durchweg positiv war jedoch das Feedback, das ich von Kollegen, Freunden und insbesondere von Angehörigen sowie Patienten erhielt. Ich habe mittlerweile über 1000 Zuschriften bekommen, nur eine Handvoll waren kritischer Art und vertraten Standpunkte wie „mein Arzt ist toll“ oder „Ärzte stehen unter so starkem Druck“. Das bestreite ich natürlich nicht. Trotz der vielen gruseligen Berichte, die in meinem Postfach landen, bin ich fest davon überzeugt, dass die Mehrheit meiner Kollegen menschlich und richtig handelt. Auch die Presse hat fast durchgehend positiv reagiert.
Schon lange vor der Veröffentlichung von „Patient ohne Verfügung“ hatte ich mich bemüht, auf die im ersten Buchkapitel thematisierte Übertherapie an Intensivpatienten aufmerksam zu machen. Das Glück brachte mich zur ARD-Monitor-Redaktion. Reporter Jochen Tassler ging mit einer Kollegin, getarnt als angebliches Geschwisterpaar, zu verschiedenen Intensivdiensten. Dort erzählten sie vor versteckter Kamera die erfundene Geschichte ihres Vaters, nach Vorlage eines von mir präparierten Arztbriefes: Der Vater liege nach einer Hirnblutung seit Jahren im Wachkoma und solle nun verlegt werden, da es mit dem aktuellen Intensivdienst Probleme bezüglich seiner Patientenverfügung gebe. In dieser werde künstliche Beatmung abgelehnt. Das Reporterpaar scheute sich nicht, zu erwähnen, dass der Vater vor allem wegen seiner satten Rente weiter beatmet werden solle. Fünf von sechs Gesprächen verliefen erschreckend: Es wurde vorgeschlagen, die Patientenverfügung verschwinden zu lassen oder zu ändern. Auf den Einwand des angeblichen Sohnes, wie das gehen solle, wurde ihm entgegnet: „Kreuzen Sie es halt anders an.“ Eine Einrichtung prahlte sogar förmlich damit, Patientenverfügungen generell zu missachten. Anwalt Wolfgang Putz äußerte im Interview, das seien alles Straftaten: „Urkundenunterdrückung, Urkundenfälschung, Körperverletzung …“ Obgleich der Beitrag bereits im September 2016 ausgestrahlt wurde, interessiert sich bis heute kein deutscher Staatsanwalt für das Leiden dieser immer größer werdenden Patientengruppe – Sterbende haben keine Lobby.
Die Tragweite dieser Tatsache wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass nur jeder fünfte Arzt auf einer Intensivstation den Willen seines Patienten bezüglich der Therapie am Lebensende kennt.1 Bedenkt man, dass mittlerweile jeder vierte Deutsche auf einer Intensivstation stirbt und dass 70 Prozent dieser Patienten erst nach einer Entscheidung zur Beendigung intensivmedizinischer Maßnahmen sterben dürfen und können, wird einem bewusst, dass es sich hier um kein Randproblem handelt.2
Doch auch der Mehrheit der Überlebenden geht es alles andere als prächtig. „Chronisch kritisch krank“ heißt das sich seuchenartig ausbreitende Krankheitsbild, welches unsere Großeltern und ihre Vorfahren niemals erleben mussten. Nach nur zehn Tagen künstlicher Beatmung erleiden mindestens 70 Prozent der Patienten eine Muskel-Nerven-Krankheit, die zu extremer Schwäche, Atemversagen und Schluckstörungen führt.3 Noch ein Jahr nach der Beatmung leidet ein großer Teil der wenigen Überlebenden an geistigen Störungen, vergleichbar mit einer mittelschweren Demenz.4
Es gibt jedoch auch Nachrichten, die Hoffnung machen: Erstmals in der deutschen Rechtsgeschichte hat kürzlich ein Oberlandesgericht einen Arzt wegen Übertherapie zu einem hohen Schmerzensgeld verurteilt.5 Anwalt Wolfgang Putz, der bereits mehrere Urteile für die Palliativversorgung vor dem Bundesgerichtshof erstritten hat, vertrat den klagenden Sohn. Ich durfte das Parteigutachten schreiben und habe die Akte gründlich studiert, musste schlimme Bilder sehen. Was war passiert?
Der 82-jährige Vater des Klägers stand wegen einer fortgeschrittenen Hirnabbauerkrankung bereits seit 1997 unter rechtlicher Betreuung. Kurze Zeit nach seinem Einzug in ein Pflegeheim 2006 wurde er in die Klinik eingewiesen. Ohne Rücksprache mit dem in den USA lebenden Sohn wurde wegen Zeichen einer Mangelernährung eine PEG-Magensonde angelegt. Der Mann konnte Stuhl und Harn nicht mehr kontrollieren, Sprechen war seit Monaten unmöglich. Sein diesbezüglicher Wille konnte angeblich nicht ermittelt werden, ein Berufsbetreuer traf fortan die Entscheidungen. Wegen fortschreitender Gelenkverbiegungen konnte er sich kaum mehr bewegen. 2008 wurden eine zunehmende Muskeleinsteifung und eine schmerzhafte Spastik an Armen und Beinen festgestellt, doch intensivmedizinische Maßnahmen verhinderten weiterhin zuverlässig den Tod. Wenn sein Zustand wieder richtig schlimm war, ging es in die Klinik. Als er 2011 aufgrund von Überernährung durch die Sonde zum wiederholten Male eine Lungenentzündung entwickelte, landete er in der Klinik. Dort starb er schließlich trotz umfangreicher Therapie. Der betreuende Arzt verordnete ihm zuvor nicht nur die künstliche Ernährung, er führte auch eine Krebsvorsorge durch, beauftragte vielfache Laborbestimmungen, gab bis in die letzten Lebenswochen Antibiotika und eine Grippeschutzimpfung und ließ die Atemwege des Patienten absaugen. Wirksame Schmerzmittel hingegen hat er nicht verordnet. Dieser traurige Verlauf ist leider kein Einzelfall. Wenn man Hirnerkrankte nur lange genug mit intensivmedizinischen Verfahren am Sterben hindert, ist regelhaft mit derartigen Leidenszuständen zu rechnen.
Schon zu Lebzeiten seines Vaters versuchte der Sohn, gegen die unwürdige Behandlung vorzugehen. Er beauftragte zahlreiche Anwälte, kam aber an dem Berufsbetreuer, der die Entscheidungen traf, nicht vorbei. Wegen nicht indizierter künstlicher Ernährung verklagte er schließlich den betreuenden Arzt. Die klugen Richter der zuständigen Medizinrechtskammer führten aus: „Die aus der schuldhaften Pflichtverletzung durch den Beklagten resultierende Leidensverlängerung des Patienten stellt einen ersatzfähigen Schaden dar … Denn die Zuführung von Nährstoffen über eine PEG-Sonde bei einem Patienten, der infolge schwerer irreversibler Hirnschäden auf natürlichem Wege trotz Hilfestellung keine Nahrung mehr zu sich nehmen kann, ist gerade ein widernatürlicher Eingriff in den normalen Verlauf des Lebens, zu dem auch das Sterben gehört.“ Der Schmerzensgeldanspruch ging auf die Erben über. Anwalt Putz erläuterte in einem Interview die Tragweite der weisen Entscheidung: Ärzte, die zukünftig Leiden ohne medizinische Indikation oder gegen den Patientenwillen verlängern, haften gegenüber den Erben mit Schmerzensgeld und müssen Regresse der Krankenkassen fürchten. Dort, wo es Fehlentwicklungen gibt, hilft oft nur noch das Recht mit Sanktionen. Und genau das belegt eine noch druckfrische Studie: Gibt es bei Übertherapie Regresse, handeln Ärzte besser.6
Auch in der Krebsmedizin hat sich seit der Veröffentlichung von „Patient ohne Verfügung“ Erschreckendes getan. Für meine Kritik an manchen Krebstherapien wurde ich von Experten angegangen, ich sei „fachfremd“ und hätte keine Ahnung von den bahnbrechenden Erfolgen der neuen Krebstherapeutika. Nur jede vierte Substanz wird nach Studien zugelassen, die einen klaren Patientennutzen belegen, etwa eine höhere Lebenserwartung. Ansonsten erfolgen Zulassungen aufgrund von Nebenparametern wie Röntgenbildverbesserungen oder Laborwertänderungen, bei denen der Nutzen für den Patienten unklar ist. Ende letzten Jahres prüften Wissenschaftler des angesehenen King’s College London die hochgelobten neuen Substanzen.7 Die Ergebnisse lassen einen schaudern: Im Einzelnen wurden alle 68 neu zugelassenen Therapien geprüft, in 90 Prozent der Fälle war der Einsatz nur bei unheilbar Krebsbetroffenen mit dem Ziel minimaler Lebensverlängerung angedacht. Das sind die Menschen, die auch ich täglich betreue, und hier weiß man: Die große Mehrheit setzt vor allem auf Lebensqualität. Die Begründerin der modernen Palliativmedizin, die Ärztin Cicely Saunders, fasst es trefflich zusammen: „Nicht dem Leben mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben zuführen“ ist das Ziel. Doch die Lebensqualität wurde bei keiner (!) der neuen Krebsarzneien primär untersucht. Nur zwei der 68 geprüften Krebstherapien verbesserten Lebensqualität und Lebenszeit. Bei neun Behandlungen (13 Prozent) wurde von den Patienten eine Teilverbesserung der Lebensqualität angegeben, ohne dass dabei die Lebenszeit beeinflusst wurde. So ist etwa die Besserung von Atemnot, nicht aber von Schmerz Zulassungskriterium für ein Medikament. Solche Nebenkriterien sind statistischer Nonsens: Das ist vergleichbar mit einer ganzen Schulklasse, die versucht, eine Sechs zu würfeln. Irgendeinem Schüler wird das sicherlich gelingen – aber das heißt noch lange nicht, dass er besser würfelt als die anderen.
Auf Basis solcher Statistiken werden nebenwirkungsreiche Krebstherapeutika offensichtlich zugelassen. Selbst nach langer Beobachtungszeit von fast sechs Jahren ließ sich der Nutzen bei der Hälfte der durchgeführten Behandlungen überhaupt nicht belegen. Und die „wirksame Hälfte“ verlängerte die Lebenszeit der Patienten im Schnitt um weniger als drei Monate. Das heißt in den meisten Fällen: drei Monate länger leben bei Dauereinnahme grundsätzlich giftiger Arznei. Denn über Nebenwirkungen und Belastungen der Substanzen steht in der Studie nichts. Die Londoner Wissenschaftler stuften selber den Großteil dieser „Erfolge“ als für den Patienten irrelevant ein und schlussfolgerten: „Wenn teure Medikamente ohne klinisch sinnvolle Leistungen zugelassen und in Gesundheitssystemen bezahlt werden, können einzelne Patienten geschädigt, wichtige Ressourcen verschwendet und die Bereitstellung von gerechter und erschwinglicher Gesundheitsversorge untergraben werden.“
Eine meiner Patientinnen, eine junge Frau mit Brustkrebs, hat Avastin erhalten, eine der hier kritisierten hochpreisigen Behandlungsformen. Sie sagte in einem Interview mit dem ARD-Magazin „Monitor“: „Also wenn mir jetzt jemand sagen würde: ›Mit Chemo leben Sie noch zwei Jahre und ohne nur eins‹, dann würde ich mir noch ein schönes Jahr machen.“ In dem Fernsehbericht werden die Ergebnisse von angesehenen Experten wie auch von der europäischen Zulassungsbehörde bestätigt.8 Diese bahnbrechende Studie aus England wird im Deutschen Ärzteblatt bis heute nicht erwähnt. Dagegen berichtete es umfangreich von einem durch die Pharmaindustrie finanzierten Kongress für eine vereinfachte Zulassung von Krebsmedikamenten mit einem umstrittenen Zulassungskriterium. Zur Nichtberücksichtigung der kritischen Studie, die sogar die Tagesschau und Monitor aufgriffen, wurde vonseiten des Ärzteblatts erläutert, dass es bei weltweit über 6000 Studien jährlich nicht möglich sei, über jede einzelne zu berichten.
Was mich aber wirklich zur Weißglut bringt, ist, dass diese Medikamente bis heute weiter verordnet und auch erstattet werden. Drei der Krebstherapeutika gehören zu den umsatzstärksten Arzneimitteln in Deutschland. Die Techniker Krankenkasse hat die Kosten hochgerechnet: Wir geben etwa jeden fünften Euro in der Krebsbehandlung für diese Medikamente aus. Ein Milliardengeschäft mit unbelegter Hoffnung.
Dagegen wird bei Krebspatienten die lebensverlängernde und lebensverbessernde Palliativversorgung kaum eingesetzt. Jeder Betroffene müsste sie bei der Diagnose „unheilbar“ automatisch erhalten, so wird es schon seit Jahren international gefordert. Jetzt hat die Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München, die Deutschlands bekannteste und aktivste Palliativabteilung betreibt, die Daten der dort behandelten Krebsbetroffenen veröffentlicht, die innerhalb eines Jahres verstarben. Fast alle von ihnen hätten eine Palliativversorgung erhalten müssen. Tatsächlich war das aber nur bei 1,9 Prozent über zumindest drei Wochen der Fall.9 Die Studie wurde in einer relativ unbekannten amerikanischen Krebszeitschrift veröffentlicht, in Deutschland wurde sie nicht wirklich diskutiert – und, Sie ahnen es schon: Auch das Deutsche Ärzteblatt berichtete nicht. Ob es daran liegt, dass das Magazin wesentlich von Anzeigen der Pharmaindustrie finanziert wird?
Gefreut habe ich mich über viele positive Reaktionen und kleine Schritte in die richtige Richtung. „Patient ohne Verfügung“ hat es nicht nur in die Top 5 der Spiegel-Bestsellerliste geschafft, auch Platz 1 bei den Social-Media-Trendcharts10 und Leserliebling bei Bild der Wissenschaft sind eine wunderbare Anerkennung für dieses wichtige Thema.11 Selbst die Comedy-Szene griff das Thema auf, das ZDF-Late-Night-Format Mann, Sieber! brachte nach Lektüre den Sketch „Wer kriegt die Oma?“. Besser kann man die Aussagen des Buches nicht zusammenfassen, vier lohnenswerte Fernsehminuten. Die international wichtigste Medizinzeitschrift The Lancet widmete der Problematik ein ganzes Heft und fasst zusammen: „Der wichtigste Faktor gegen Übertherapie ist, die Gier der Medizinindustrie durch strukturierte Gebührenordnungen zu begrenzen.“ Der Vorsitzende des Sachverständigenrats von Bundestag und Bundesrat, Hausarzt Prof. Gerlach, mahnt entsprechend an, es gebe falsche Anreizmodelle für Ärzte, zu viele Krankenhäuser und viel zu viele unnötige Leistungen. Auch der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz, fasst die Situation treffend zusammen: „Die Verwandlung der Krankenhäuser in betriebswirtschaftliche Unternehmen ist eine Fehlentwicklung historischen Ausmaßes … Nicht mehr der kranke Mensch steht heute im Mittelpunkt ärztlichen und pflegerischen Handelns, sondern die Anzahl und der Fallwert seiner Diagnosen und ärztlichen Eingriffe.“
Anfang 2017 wurde ich sogar zum damaligen Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe nach Bonn geladen. Bei Kaffee und Gebäck durfte ich über die Probleme berichten, es wurde zwar Interesse bekundet und die Prüfung insbesondere der bereits heute verbotenen Bonusregelungen in Chefarztverträgen12 zugesagt – Taten folgten allerdings nicht. Wozu diese fragwürdigen Zielvereinbarungen führen, brachten die beiden Bremer Versorgungsforscher Prof. Wehkamp und Prof. Nägler nach einer Umfrage ans Tageslicht: Da gaben anonym befragte leitende Ärzte mehrheitlich zu, aufgrund von Geldanreizen würden Herzkatheter eingesetzt und weitere kostenintensive Operationen durchgeführt, die nicht medizinisch notwendig seien. Die Beatmungsdauer werde häufig durch die Vergütung bestimmt. Diese Eingriffe sind alles andere als Kavaliersdelikte, Juristen nennen sie Betrug, Körperverletzung oder gar fahrlässige Tötung. Die befragten Ärzte betonten mehrfach, dass es „so etwas“ ja gar nicht geben dürfe, dass es ein „heißes Eisen“ sei, über das nicht offen gesprochen werde, dass sich das unbedingt ändern müsse. 85 Prozent der befragten Geschäftsführer gaben zu, dass es in ihren Kliniken weiterhin die verbotenen Bonusverträge gebe. Wirklich traurig macht mich eine Aussage, die die ganze Perversion des Systems zusammenfasst: Ein Arzt gab an, in seiner Klinik würden Kaiserschnittentbindungen vorgezogen, wenn Betten auf der Frühchenstation leer stünden. Das bedeutet: Man riskiert durch eine per Kaiserschnitt erzeugte Frühgeburt die Gesundheit des Kindes – weil mit der Versorgung Frühgeborener extrem viel Geld zu verdienen ist. Das verschlägt selbst mir die Sprache.
Fälle wie dieser zeigen, warum es so wichtig ist, nicht tatenlos zuzusehen und sich weiter mit dem Thema Übertherapie zu befassen und dazu aufzuklären. Trotz erdrückender Belege erscheint es für viele Entscheidungsträger – etwa die Krankenkasse Knappschaft13 – nach wie vor „fraglich, ob die geschilderten Fehlanreize im stationären Sektor tatsächlich flächendeckend bestehen“. Offensichtlich hat man dort das aktuelle Gutachten des Sachverständigenrates im Gesundheitswesen nicht gelesen. Dort heißt es „Übertherapie ist das zentrale medizinische und ökonomische Problem“.
Erst wenn eine entsprechende Öffentlichkeit für das Thema vorhanden ist, werden Ärzteschaft, Krankenkassen und Politik wirklich regulierend eingreifen. Und deshalb möchte ich Sie, also (mögliche) Patienten und Angehörige, ermutigen, Diagnosen auch kritisch zu hinterfragen, im Zweifelsfall eine unabhängige Zweitmeinung einzuholen und vor allem an Ihre Vorsorgeplanung zu denken. Ein wichtiger Schritt hierzu kann die Patientenverfügung im Anhang dieses Buches bieten.
Witten, im August 2018


Einleitung
Als junger Medizinstudent war ich begeistert von der Idee, Menschen das Leben zu retten, also war Notarzt mein Traumberuf. Für diesen Weg ist eine Ausbildung zum Anästhesisten von Vorteil, denn in kaum einem anderen Fachgebiet erlernt man das Handwerkszeug zur Lebensrettung so umfangreich. Während meiner ersten Stelle in der Anästhesie war ich einem sehr menschlichen Chefarzt unterstellt, er verstand sich als Anwalt des Patienten. So weigerte er sich beispielsweise, an riskanten Operationen mitzuwirken, wenn er keine Aussicht auf Besserung mehr sah. Er stärkte damit uns Berufsanfängern das Selbstbewusstsein so manchem Chirurgen gegenüber, der die Grenzen seines Könnens und die Gesetze der menschlichen Natur nicht so richtig einzuschätzen vermochte.
Die nächste Stelle im Rahmen meiner Weiterbildung führte mich an eine „Klinik der Maximalversorgung“. Mein Chef dort hatte das junge Fachgebiet der Schmerztherapie in Deutschland etabliert und die Tumorschmerztherapie entscheidend geprägt. Liebevoll nannten wir ihn „godfather of pain therapy“. Allerdings wurde ich in dieser Klinik auch Zeuge unendlich aufwendiger Operationen an teils schwerstkranken alten Menschen. Die auf den Eingriff folgenden langwierigen Intensivbehandlungen erschienen mir nicht selten unangemessen. So oft bestand im Grunde keine Hoffnung mehr auf Heilung, und die endlos anmutende Intensivtherapie war von viel Leid geprägt: Nicht heilende, übel riechende Wunden, Platzbäuche, Verwirrtheitsdelirien, Fixierungen, leidverzerrte Gesichter, dazu die Verzweiflung der Angehörigen und letztlich doch der Tod.
Ein solches Verständnis von Medizin belastete mich zunehmend. Konnte ich als Arzt verantworten, dass Menschen einer riskanten Operation ausgesetzt wurden, um dann während der verbleibenden kurzen Lebenszeit an den Folgen zu leiden? Es schien mir also nur konsequent, dem fremdbestimmten Klinikbetrieb den Rücken zu kehren und selbst eine Praxis zu übernehmen, wozu ich mich vor 18 Jahren entschied. Endlich konnte ich meinen Beruf nach meiner Überzeugung ausüben. Kurz nach der Niederlassung wurde ich zu einem Notfall in das Hospiz in Bochum gerufen. Dem Patienten, der sich vor Schmerzen krümmte, konnte ich mit einer Infusion rasch helfen, doch der Besuch in dieser Einrichtung beschäftigte mich noch lange. Die Atmosphäre dort, die Herzlichkeit der Schwestern und der Blick auf den ganzen Menschen mit seinen Beschwerden und Wünschen beeindruckten mich nachhaltig. Bald schon war ich einer von vier Hospizärzten dort und lernte viel, vor allem von den Schwestern. So begann ich verstärkt, sterbende Menschen auch zu Hause zu begleiten, und wurde dabei zunehmend von Kollegen, Ehrenamtlichen und engagiertem Pflegepersonal unterstützt. Gemeinsam gründeten wir Palliativnetze in Bochum und Witten.1 In meiner täglichen Arbeit wurde mir klar, wie individuell die letzte Lebensphase ist, wie unterschiedlich die Wünsche und Bedürfnisse der Betroffenen sind. Der eine starb ruhig im Gebet unter zärtlichen Berührungen seiner Frau, der andere kämpfte mit aller Kraft gegen den Tod und wurde dabei vom lauten Schluchzen seiner Liebsten begleitet. Es galt zu akzeptieren, dass nicht ich als Arzt, sondern der Patient und sein Umfeld über diesen letzten Weg bestimmen.

Viele Kollegen sehen das leider anders, wie der Fall von Gerhard zeigt, zu dem ich im Frühjahr 2008 gerufen wurde. Der einstige Klempner, fast 80 Jahre alt, liebte Angelteiche und endlose Wanderungen in der Natur. Irgendwann bemerkte eine seiner Töchter, dass er die Angel nicht mehr richtig halten konnte. Ein erfahrener Nervenarzt stellte die niederschmetternde Diagnose: Amyotrophe Lateralsklerose, kurz: ALS , sowie eine mittelgradig ausgeprägte Demenz . Die Beweglichkeit des Patienten nahm ab, immer wieder kam es zu Atemwegsinfektionen mit akuten Erstickungsanfällen.
Meist lehnte Gerhard jede Zuwendung ab, spuckte die ihm verabreichten Medikamente so gut er konnte wieder aus und schlug um sich. Manchmal lag er auch nur hilflos-apathisch in seinem Bett. Er wurde inkontinent. Bald konnte man ihn nicht mehr allein lassen. Er fing an zu schreien, wollte nicht mehr essen und trinken und wurde schwächer und schwächer. Gerhard hatte genug von seinem Dasein auf Erden. Der Neurologe empfahl dringend die Anlage einer PEG-Sonde , anderenfalls würde er verhungern. Die Ehefrau stimmte dem ärztlichen Rat zu, denn der Neurologe sagte ja, die Magensonde sei alternativlos.
Als die Sonde angelegt war, versuchte Gerhard immer wieder, sich den Schlauch aus dem Bauch zu ziehen. Daraufhin wurden seine Arme am Bettgitter fixiert, wenig später waren sie wegen der unaufhaltsam fortschreitenden Erkrankung ohnehin kaum mehr beweglich. Mit abnehmender Muskelkraft wurde auch die Atmung schwächer. Eines Tages fand ihn die Ehefrau, nennen wir sie Gisela, blitzeblau und nur noch ruckartig atmend in seinem Bett. Der Notarzt wurde alarmiert. Als das Rettungsteam wenig später eintraf, hatte Gerhards Herz bereits seit einigen Minuten aufgehört zu schlagen. Man kann sagen: Der Mann war klinisch tot. Das kam letztlich einer Gnade gleich.
Doch die Rettungsmannschaft begann mit der Wiederbelebung, der Notarzt legte einen Beatmungsschlauch in die Luftröhre, Elektroschocks brachten das Herz wieder zum Schlagen. Rasch war eine Infusion gelegt, kreislaufstützende Medikamente wurden verabreicht.
Also musste er weiterleben. Doch trotz umfangreicher Intensivtherapie in der Klinik gelang es nicht, Gerhard von der Beatmungsmaschine zu entwöhnen. Er wachte einfach nicht mehr auf. Zu lange hatte sein Hirn nach dem Herzstillstand keinen Sauerstoff mehr bekommen. Nach gut zwei Monaten Intensivabteilung ging es mit apparativer Beatmung und Notarztwagen wieder zurück nach Hause.
Fortan saß ein Pflegeteam rund um die Uhr an Gerhards Bett. Das Wohnzimmer glich einer Intensiveinheit: Überall Infusionsständer, Beatmungsgeräte, Sauerstoffflaschen, piepsende Monitore, schlürfende Absauggeräte und die vibrierende Spezialmatratze.
So lag Gerhard über ein Jahr lang zu Hause, viele Male unterbrochen von Noteinweisungen ins Krankenhaus. Diese waren immer wieder nötig, wenn es zu Erstickungsanfällen kam, weil der Beatmungsschlauch durch Schleim verstopft war. Solche äußerst leidvollen Zustände treten bei dauerbeatmeten Patienten nicht nur regelmäßig auf, sie gelten auch als deren häufigste Todesursache: Tod durch qualvolles Ersticken. Auch wurden in der Klinik immer wieder Lungen- oder Nierenbeckenentzündungen bekämpft.
Ab und an nahm Gerhards Gesicht Züge einer schmerzverzerrten Grimasse an, ansonsten konnte er praktisch keinen Muskel mehr bewegen.
Durch einen Bericht in der Zeitung wurde Gisela auf die Möglichkeiten einer palliativmedizinischen Versorgung zu Hause aufmerksam. Also trafen wir uns und führten lange Gespräche. Über die noch verbleibenden Therapieziele waren wir uns rasch einig, und vor allem darüber, dass eine Fortführung der künstlichen Beatmung Gerhards Vorstellungen von einer menschenwürdigen Existenz grundlegend widerspräche. Und dennoch, letztendlich über die Einstellung der Beatmung, das Ziehen des Schlauches entscheiden, das wollte Gisela nicht. Ihre Angst war zu groß. Wie oft hatte man ihr im Krankenhaus gesagt: „So etwas darf kein Arzt, das ist Mord!“ Immerhin konnten wir uns auf eine Therapiebegrenzung einigen. Künftig kein Krankenhaus mehr und keine Antibiotika bei einer lebensbedrohlichen, Erlösung verheißenden Infektion. Nicht ohne Grund wird die Lungenentzündung als „Freund des alten Mannes“ bezeichnet – der Tod findet zumeist leidlos im Koma statt.
Wenige Tage nach der Übereinkunft, es war ein Samstagvormittag, wurde ich zu Gerhard gerufen. Das Beatmungsgerät gebe Druckalarm, auch mit dem Pulsmonitor stimme etwas nicht. Das Bild, das sich bei meinem Eintreffen bot, werde ich niemals vergessen. Gerhard war bereits am Vortag gestorben, die Leichenstarre war vollständig ausgeprägt. Totenflecken am Körper bis zur mittleren Flanke. Niemand hatte seinen Tod bemerkt. Irgendetwas bewegte sich doch noch. Das Beatmungsgerät kämpfte gegen die Leichenstarre an und signalisierte Alarm, weil der Druck in der Lunge zu hoch war. Niemand hatte den bis ultimo verzögerten Tod bemerkt.
Der Intensivpflegedienst konnte der Krankenkasse dann auch noch diesen Tag mit rund 800 Euro in Rechnung stellen. Sinnlose, aber gut bezahlte Übertherapie; Rückfragen der Krankenkasse: keine.
Ein Extremfall, gewiss. Aber vergleichbare Fälle ereignen sich Tag für Tag in Deutschland. Die Übertherapie, das Geschäft mit der systematischen Missachtung des Patientenwillens, mit dem bis ultimo hinausgezögerten Sterben floriert. Der prominente Palliativmediziner Prof. Gian Domenico Borasio schreibt: „Bis zur Hälfte aller Sterbenskranken erhalten Behandlungen wie zum Beispiel Chemotherapie, Bestrahlung, künstliche Ernährung oder Antibiotika, die ihnen nichts bringen.“2 Es wird also, denke ich, Zeit, die systematischen Missstände detailliert, freimütig und ohne Angst vor der erwartbaren Kollegenschelte zu benennen und in all ihren oft grausigen Konsequenzen aufzuzeigen. Darum habe ich mich nach reiflicher Überlegung entschlossen, dieses Buch vorzulegen.

Aufgabe der Medizin ist es, menschliches Leiden zu heilen oder zumindest zu lindern. Dieses Ziel wird ausgerechnet in der schwierigsten Phase des Lebens durch den Einsatz teurer Hightechtherapien oft komplett ins Gegenteil verkehrt. Statt Menschen am Lebensende so viel Lebensqualität wie möglich zu schenken, quält die moderne Medizin sie teilweise sogar gegen ihren Willen mit sündhaft teuren, oft überflüssigen und äußerst belastenden Therapien.
Der Fehler steckt dabei in unserem Gesundheitssystem, das Fehlanreize schafft, um Apparatemedizin anzuwenden, immer neue Chemotherapien einzusetzen und große Eingriffe durchzuführen. Es liegt in der Logik des Systems, wenn Ärzte und die unter hohem Kostendruck arbeitenden Kliniken und Pflegedienste diese Rahmenbedingungen gezielt ausschöpfen. Übertherapie wird hierzulande honoriert und Leidensminderung bestraft – zumindest finanziell. Unser Gesundheitssystem ist krank.
Mit diesem Buch möchte ich einen Beitrag dazu leisten, unseren Blick wieder stärker auf den kranken Menschen zu richten: auf seine wahren Bedürfnisse und auf das medizinisch Sinnvolle. Es soll aufrütteln und den Blick schärfen für die Paradoxien eines Gesundheitssystems, das darauf ausgerichtet ist, menschliches Leben „um jeden Preis“ zu verlängern, und dabei viel Leid in Kauf nimmt. Anhand vieler Beispiele aus meiner Praxis als Palliativarzt will ich aufzeigen, wie wir es besser machen können. Dieses Buch richtet sich an Patienten, Angehörige und Mediziner, aber ebenso an wache Bürger, Politiker und insbesondere Juristen. Den Patienten will ich Mut machen, ihren Willen klar zum Ausdruck zu bringen und durchzusetzen. Denn es ist ihr Recht, selbst zu bestimmen, ob, wie und mit welchem Ziel sie medizinisch behandelt werden. Und meinen Arztkollegen soll es als Anstoß dienen, ihr Handeln kritisch zu überdenken, ihren Patienten zuzuhören und dabei nicht auf die Gebührenordnung zu schielen. Anhand von mir begleiteter Schicksale schildere ich die Probleme am Lebensende bei Patienten mit schwersten Hirnschäden nach Krankheit oder Unfall, bei Krebs, aber auch bei Lungen-, Herz- oder Nierenversagen.
Als Palliativmediziner begleite ich zusammen mit meinem Team jährlich 400 Menschen bis zu ihrem Tod. Meine Aufgabe ist es, ihre Schmerzen und Beschwerden in hoffnungslosen Situationen so weit wie möglich zu lindern und ein Sterben in vertrauter Umgebung zu Hause zu ermöglichen. In ihrer Gesellschaft erlebe ich nicht nur viel Tragisches, sondern auch viele berührende und tröstende Momente, in denen es Menschen vergönnt ist, eine friedliche und schöne letzte Lebensphase zu verbringen. Meine Patienten sind meine Lehrmeister. Sie lehren mich, mit den Mitteln der modernen Medizin verantwortungsvoll umzugehen und Demut zu üben gegenüber dem, was unser Menschsein ausmacht: ein selbstbestimmtes und gutes Leben – bis in den Tod.
Leider ist dieser selbstbestimmte Tod in vertrauter Umgebung zu Hause viel zu wenigen Sterbenden vergönnt, wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2015 belegt. Darin wurden die Daten von über 900 000 Verstorbenen ausgewertet. Die Ergebnisse sprechen für sich: Jeder zweite Deutsche stirbt im Krankenhaus. Befragt nach dem gewünschten Sterbeort haben aber nur drei Prozent aller Befragten angegeben, dass sie ihre letzte Lebensphase tatsächlich in die Klinik verlegen wollen.

Schuld an dieser Diskrepanz sind die Zustände in allzu vielen deutschen Kliniken, wo operiert, katheterisiert, infundiert, bestrahlt, geröntgt und beatmet wird, was die Gebührenordnung für Ärzte an Heilbehandlungspositionen hergibt.
Deutschland ist Weltmeister, was die Anzahl an Intensivbetten angeht. Während hierzulande 34 Betten pro 100 000 Einwohner belegt werden wollen, sind es in Portugal gerade einmal vier. Für Unfallopfer nach Katastrophen mit vielen Schwerstbetroffenen, so suggeriert diese Zahl, ist Deutschland gut gerüstet. Doch obwohl Katastrophen selten sind, reicht die Bettenzahl für die deutsche Bevölkerung lange nicht aus. Denn immer kränkere und ältere Menschen werden mit immer ausgefeilterer technischer Spitzenmedizin ohne Mitspracherecht und leidend am Sterben gehindert. Und wird das Intensivbett für einen neuen Patienten gebraucht – kein Problem: Man verlegt die Intensiveinheit einfach ins heimische Wohnzimmer oder neuerdings in sogenannte „Beatmungs-WGs“. Acht und mehr Sterbenskranke werden dort rund um die Uhr maximaltherapiert, damit auch im nächsten Monat die 22 000 Euro für die weitere Behandlung fließen. Die Rate heimbeatmeter Patienten hat sich in den letzten zehn Jahren verdreißigfacht.3 Die Erklärung der zuständigen Fachgesellschaft: „der demografische Wandel“ – wir sollen also 30-mal älter und kränker geworden sein. Ich frage mich ja eher, ob heute nicht 30-mal ältere und kränkere Menschen, die früher friedlich gestorben wären, in diesen Betten liegen.
Während Übertherapie friedvolles Sterben hinauszuzögern vermag, führt sie jedoch in vielen anderen Fällen sogar zu einem vorzeitigen Ableben. Denn das Zuviel an Medizin ist keinesfalls gesund. Sowohl in der Notfallmedizin wie auch in der Intensivmedizin ist bekannt: Je mehr Prozeduren bei einem Schwerstkranken durchgeführt werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für einen letalen Ausgang der Krankheit.4 Und eine weithin beachtete Untersuchung ergab: In Gegenden mit höherer Behandlungskapazität wurden mehr Untersuchungen veranlasst, es erfolgten häufiger kleinere Eingriffe, und die Patienten wurden öfter im Krankenhaus behandelt – vor allem mit Intensivtherapie. Und dies alles führte dazu, dass die Patienten früher starben. Nicht selten quält und tötet Übertherapie.5
Fatale ökonomische Anreize führen zu einer qualvollen Fehlversorgung. Dagegen sollten verantwortungsvolle Mitglieder unseres Standes protestieren. Deshalb plädiere ich nicht nur für eine Kurskorrektur bei Kollegen, Kostenträgern und Politikern, sondern erbitte auch die Unterstützung der Leser. Reden Sie mit Ihrer Familie, mit Freunden und Bekannten. Holen Sie sich bei großen bzw. kritischen Eingriffen oder kostspieligen Therapieverfahren stets eine Zweitmeinung! Üben Sie sich in Renitenz gegenüber dem bestehenden System! Denn auch Sie könnten eines Tages Opfer einer dramatischen Fehlentwicklung sein und in dem Intensivbett liegen, an dem sich die folgende Geschichte ereignete, die mir kürzlich zugetragen wurde.
Der Oberarzt steht mit einem Assistenzarzt am Bett eines greisen Mannes. Seine Atmung rasselt, der Puls ist schwach, der Schweiß steht ihm auf der Stirn. Ganz offensichtlich liegt er im Sterben. Ohne den Sterbenden anzusprechen, wendet sich der Oberarzt an seinen Assistenten und sagt: „Hätten wir den doch gestern an die Beatmungsmaschine gehängt, wir hätten den Fall viel besser abrechnen können.“ Lachend verlassen sie das Krankenzimmer.


1 Lungenversagen: Der letzte Atemzug ist kein Grund zu sterben

Der Fall von Monika
Sie war zeitlebens eine leidenschaftliche Skifahrerin. Auch kurz vor Weihnachten 2008 machte sich die 67-jährige Speditionskauffrau Monika H. auf in die österreichischen Alpen. Endlich wieder Pulverschnee, Bergluft und Hüttenzauber! Sie fühlte sich fit und wurde leichtsinnig. Als sie sich ohne Helm auf die Piste wagte, stürzte sie und brach sich am Freitag, den 11. Dezember, die beiden ersten Halswirbel. Herzstillstand. Ersthelfern glückte die Reanimation. Ein Rettungshubschrauber brachte Monika ins Universitätsspital nach Innsbruck. Dort wurden die Knochenbrüche notfallmäßig stabilisiert, doch die inkomplette Querschnittslähmung war irreversibel – und die Atemlähmung nicht mehr zu beheben. Der lange Sauerstoffmangel am Unfallort hatte zu schwersten Hirnschäden geführt. Die verheiratete Frau litt unter epileptischen Anfällen und lag apathisch im Wachkoma. Ihre Augen waren leblos und konnten dem Geschehen im Krankenzimmer nicht folgen. Die einschlägigen Untersuchungen bestätigten den hoffnungslosen Zustand. Einzig der Piekser mit einer spitzen Nadel provozierte noch einen schwachen Reflex der Gesichtsmuskulatur. Eine schmerzverzerrte Grimasse war das letzte Relikt der einstigen Vitalität.
Monika war, wenn sie nicht gerade auf den Brettern stand, eine umsichtige Frau. Im Haus ihres Sohns ist eine Patientenverfügung hinterlegt. Darin ist unter anderem festgelegt, dass sie darauf bestehe, in Würde sterben zu dürfen, „wenn ich mich in einem permanenten vegetativen Status befinde und diese Diagnose von einem besonders erfahrenen Neurologen bestätigt worden ist“. In einem solchen Stadium wolle sie „ausschließlich nach palliativmedizinischen und palliativpflegerischen Regeln behandelt werden“. Am Ende des Dokuments, das bekanntlich rechtsverbindlichen Charakter hat, steht ein klares, eindeutiges Diktum: „Ich untersage ausdrücklich alle therapeutischen Maßnahmen, die ausschließlich der künstlichen Verlängerung meines Lebens dienen.“ Die Verfügung hat ihr keinen Deut genutzt. Monika musste um jeden Preis weiterleben. Und Krankenhäuser, Pflegedienste, Ärzte und Apotheken verdienten an der Wehrlosen jedes Jahr sechsstellige Eurosummen.
Ihr trostloser Zustand wurde verlängert durch Operationen, Bestrahlungen von Gelenkfehlstellungen, Katheterisierungen, einen Luftröhrenschnitt, durch Magensonden-Ernährung, Antibiotikainfusionen und Dauerbeatmung. Nach drei Monaten intensivmedizinischer Behandlung wurde ihr Zustand schlechter und schlechter. Das Herz versagte. Sie wurde wiederbelebt. Fortan hielt ein Schrittmacher mit 70 Elektroimpulsen pro Minute das Herz am Schlagen. Dafür begannen, da der Mund kein Essen mehr aufnehmen konnte, die Zähne zu verfaulen. Sie wurden operativ entfernt. Und die Gelenke mussten gegen schmerzhaften Widerstand durchbewegt werden, was zu Blutungen führte. Der Physiotherapeut machte aus den engen Grenzen seiner Bemühungen keinen Hehl: „Bei fehlender Kontaktmöglichkeit beschränkten sich die Maßnahmen auf den Erhalt der Gelenkbeweglichkeit.“ Dass sich Monika nie wieder eigenständig würde bewegen können, schien dabei keinen zu interessieren.
Nach vier Monaten Intensivtherapie erfolgte eine Verlegung nach Hause. „Bei der abschließenden klinischen Untersuchung“, heißt es im Entlassungsbericht, „war die Patientin wach, nicht ansprechbar, zeigte aber keinerlei Blickzuwendungen. Insgesamt ist keine Kontaktaufnahme möglich.“ Berge von Medikamenten wurden verschrieben, ein Katalogsortiment von Hilfsmitteln verordnet: vom Beatmungsgerät bis zum Duschsystem mit Zubehör, vom Multifunktionsstuhl bis zum elektrisch-mobilen Lifter nebst Tragetuch. Mit den Angehörigen wurde, wie der Bericht bar jeder Gefühlsregung vermerkt, „eine psychologisch-psychotherapeutische Begleitung durchgeführt.“ Eine Abrechnungsziffer eben, mehr nicht.
Jetzt also galt es, Monika rund um die Uhr im heimischen Umfeld zu pflegen. Der Entlassungsbrief hatte für die Patientin, bei der keine Aussicht auf Gesundung bestand, eine Vielzahl von Therapien empfohlen. Vom Patientenwillen aber war nicht die Rede. Die Medikation galt nur dem einen Ziel: Herz und Kreislauf zu stützen. Die PEG-Sonde wurde regelmäßig getauscht, eine Rollerpumpe sorgte für dauerhafte Zwangsernährung. Schmerzlindernde Mittel dagegen waren im Behandlungsplan nicht vorgesehen. Der Zustand der Patientin verschlechterte sich bald weiter. Am 6. April 2009 attestierte der Bericht des Hausarztes „neurogene Harnblasen- und Mastdarm-Entleerungsstörungen“ und ein „cerebrales Krampfleiden mit generalisierten Krampfpotentialen“. Das bedeutet: Die Patientin krümmt sich in schmerzhafter Spastik. Die Mimik ist verspannt. Die Blaseninfektionen häufen sich.
Lungenentzündungen, die ihr einen gnädigen Tod hätten bescheren können, wurden mit Antibiotika niedergekämpft. Die Frau, die sich nicht mehr artikulieren konnte, wurde von Schmerzen gepeinigt: Wegen des monotonen Liegens auf dem Rücken hatten sich bis hinauf zum Schädelknochen tiefe Druckgeschwüre auf der Haut gebildet. Auch das Steißbein war offen, teils machte sich von dort Verwesungsgeruch breit.
Hat Monika jemals so leben wollen? Der Sohn hat den Ärzten einmal erzählt, die Mutter habe die lange Sterbephase einer Bekannten, die an Krebs litt, miterlebt und daraus in ihrer lebensfrohen Art den Schluss gezogen: „Mädels – lasst mich sterben, wenn ich nicht mehr alleine zum Töpfchen komme.“ Von der Patientenverfügung einmal ganz zu schweigen. All das hat niemanden interessiert.
Monika blieb ein friedliches Ende verwehrt. Warum hatte niemand Erbarmen? Ich fürchte, die Antwort ist einfach: Weil sie monatlich rund 22 000 Euro allein an Pflegekosten generierte, zuzüglich ärztlicher Behandlungskosten.
Brutal gesagt: Sie war eine Kuh in melkfähigem Zustand und ergo mit lukrativer Übertherapie am Leben zu halten. Neben dem Hausarzt und dem sogenannten Heimbeatmungs-Pflegedienst liquidierten Urologen, Hilfsmittellieferanten, Ernährungsmanager, Intensivmediziner und Hirnspezialisten. Und wenn die Beatmungsprobleme, Erstickungsanfälle, die Blasen- und Augeninfekte oder die Zahnfäule einmal mehr akut wurden, wartete das Klinikum schon mit offenen Armen. Der Rettungsdienst lieferte die „cash cow“ frei Haus. Es folgten zumeist lange stationäre Intensivbehandlungen, bei denen es immer wieder zu Infektionen durch Problemkeime kam.
So vergingen die Sommer und Winter. Die Hoffnung auf Besserung schwand auch beim Ehemann und bei den Kindern. Im Juni 2015 – da lag Monika bereits 6 ½ Jahre unverändert im Wachkoma, und dies bei inkompletter Querschnittslähmung – wurde ich nach einem Nierenversagen palliativ zurate gezogen. Am Vortag seien umfangreiche intensivmedizinische Maßnahmen erfolgt, gleichwohl sei der Gesundheitszustand fortbestehend ernst. Ob ich nicht helfen könne? Ich schaute mir erst die Patientin, dann die dicke Krankenakte an – und wurde grün vor Wut. Hier wurde eine schwerstbehinderte Frau entwürdigt, der Geist ihrer Patientenverfügung verspottet. Das erfüllte, juristisch besehen, den Tatbestand der schweren Körperverletzung, der sich all jene schuldig machen, die – wider den Geist einer hinterlegten Patientenverfügung – das Leiden einer unheilbar Kranken künstlich verlängern. Monikas Leben bestand nur noch aus Absaugen, Spastik, Grimassieren. Zu kurieren gab es schon lange nichts mehr.

Die Frage nach dem Therapieziel
Wesentlicher Bestandteil einer jeden medizinischen Behandlung muss laut ärztlicher Ethik ein klar formuliertes Therapieziel sein.1 Bei Monika war dies schon seit einem halben Jahrzehnt nicht mehr erkennbar. Die Ärzte aber „therapierten“ unverdrossen weiter. Und den Angehörigen wurde suggeriert, dass dies ein Akt tätiger Nächstenliebe sei. Sie sind – wie leider so viele – dem Schwindel aufgesessen. Ein mitfühlender Vertretungsarzt, Dr. F., trifft Monika in desaströsem Zustand an, sie leidet unter Schnappatmung. Er notiert am 11. Mai 2009: „Langes Gespräch mit der Familie. Der Sohn ist Bevollmächtigter. Der Ehemann möchte Krankenhauseinweisung: ›Kann nicht zusehen und sie sterben lassen.‹ Nicht meine Meinung, aber auch der Sohn entscheidet so. Feuerwehr und Notarzt informiert.“ Das minuziös dokumentierte Martyrium ging also weiter.
Mein Palliativteam und ich empfahlen, da die Sterbephase, objektiv besehen, bereits vor Jahren begonnen hatte, die schon lange nicht mehr zielführende und gegen den erklärten Willen der Patientin erfolgte künstliche Beatmung augenblicklich einzustellen. Wir haben versucht, mit den Angehörigen Klartext zu sprechen: „Ein Beenden der nicht indizierten Maßnahmen wird nur unter Narkose gehen.“ Für diesen – ethisch wie juristisch gebotenen – Schritt hätte allerdings ein Einvernehmen innerhalb der Familie erzielt werden müssen. Dem hatte der Pflegedienst entgegengewirkt und dem Ehemann wie auch dem Sohn ein schlechtes Gewissen eingeredet. Auch das hat leider Methode, denn sonst könnte man ja einen guten Kunden verlieren. Mein Palliativteam und ich konnten – es fällt mir schwer, das niederzuschreiben – nichts für die Patientin tun. Monika wird wohl bis heute am Sterben gehindert – eine Aussicht auf Besserung ihres mit Gewissheit von starken Schmerzen begleiteten Zustandes besteht nicht.
Ein Einzelfall? Keineswegs. Der Fall Monika ist nur einer von Abertausenden – und die Übertherapie ist, wie es scheint, zu einer ans Kriminelle grenzenden Fachrichtung der Medizin avanciert. Ich habe im Juli 2015, noch unter dem unmittelbaren Eindruck von Monikas deprimierendem Fall, die Probe aufs Exempel gemacht, indem ich in die Rolle einer gewissen Nele Hayens schlüpfte und dem Phantom eine Mailadresse verpasste. Jetzt konnte ich mit dem Betreff „Suche gute Beatmungspflege, wie bei Ihnen!!!“ ans Werk gehen. Die Idee meiner Aktion war zugegebenermaßen recht simpel. Ich gab mich als Nichte eines schwerstkranken, im Wachkoma verharrenden, aber vermögenden Onkels aus, den es – obwohl er bedauerlicherweise eine Patientenverfügung verfasst habe – unter allen Umständen am Leben zu halten gelte, schon seiner formidablen Rente wegen. Also schickte ich an 254 Pflegedienste einen Formbrief mit folgendem Wortlaut:

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich suche dringend einen neuen guten Intensivpflegedienst für meinen Onkel Christof Meine, weil es mit einigen Schwestern aktuell schwere Probleme gibt. Einzelne möchten gar die Beatmung beenden. Er hatte 2013 einen Unfall auf dem Weg zu einer Baustelle, liegt seitdem im Koma und wird durchgehend beatmet. Die Diagnosen lauten schwere hypoxische Enzephalopathie nach Reanimation bei Querschnitt sub C2 nach HWK 1–3 Fraktur, Tetraparese, Inkontinenz, Gelenkkontrakturen. Leider zeigt er seit dem Unfall keinerlei Reaktion, nur beim Streicheln der Stirn verzieht er teils das Gesicht oder schwitzt stark. Das Ganze eilt sehr, da mir meine Tante droht, dass sie und nicht mehr ich die Betreuung macht. Sie behauptet mit dem Rest der Familie, er hätte so nie leben wollen. Ehrlicherweise ist so auch seine Patientenverfügung zu verstehen. Nun macht mir das Betreuungsgericht hier Schwierigkeiten. Mit einem neuen Betreuungsgericht wird es keinen Ärger geben, wenn das Original nicht vorgelegt wird (und das liegt bei mir).
Bitte teilen Sie mir mit, ob Sie kurzfristig die Beatmungspflege (haben Sie eine entsprechende Einrichtung? Könnten Sie eine Mietwohnung organisieren/ vermitteln/ empfehlen?) übernehmen würden. Mein Onkel ist recht wohlhabend und bezieht eine gute Unfallrente. Trotzdem wäre es schön zu erfahren, mit welchen Kosten zu rechnen ist. Wird es mit Ihrem Pflegeteam Ärger und Probleme geben, oder steht sein Lebensrecht bei Ihnen fest?
Es wäre toll, wenn Sie mir per Mail kurzfristig antworten könnten, da ich bis Mitte August im Ausland bin.
Herzliche Grüße
Nele Hayens

Das Bittschreiben ist im Grunde eine Aufforderung zum offenen Rechtsbruch. Die bestehende Patientenverfügung ist schließlich explizit erwähnt. Umso erstaunlicher fielen die Antworten aus, die schon bald das digitale Postfach fluteten. Sage und schreibe 90,3 Prozent der Dienste, die auf meine verschlagene Anfrage reagierten, zeigten sich wohlwollend aufgeschlossen gegenüber meinem ruchlosen, aber profitverheißenden Ansinnen. Dies mögen einige Beispiele verdeutlichen.

Hallo Frau Hayens,
habe Ihre Mail erhalten. Ich werde mich unverzüglich bei Ihnen melden, vorher muss ich mich mit meinem Teamleiter für die Intensivtherapien kurzschließen, wir sind gerade auf dem Weg, eine neue WG einzurichten. Das dauert natürlich noch ein paar Tage. Näheres würde ich Ihnen erläutern, wenn ich mit meinem Teamleiter gesprochen habe, weil ich nicht weiß, ob noch Kapazitäten vorhanden sind, da wir einige Anmeldungen vor Ort haben. Wir mischen uns generell in Entscheidungen des Lebensrechts nicht ein.

„Wir mischen uns generell nicht in Entscheidungen des Lebensrechts ein“ – im Klartext heißt das: Solange die Gelder fließen, kümmert uns der verbriefte Patientenwille nicht einen Kehricht. Solvente Familienmitglieder werden, wie immer die Begleitumstände sein mögen, rund um die Uhr umhegt. Ein kirchlich gebundener Anbieter aus Bayern bringt’s auf den Punkt.

Unsere Wohngemeinschaft hat fünf Plätze. Jeder unserer Patienten hat ein Einzelzimmer, das mit Satellitenfernsehen und einer Überwachungskamera ausgestattet ist. Hierbei ist es den Angehörigen mit einem persönlichen Zugangscode möglich, sich zu vergewissern, dass es ihrem Familienmitglied gut geht. […] Bezüglich einer Therapiebegrenzung bzw. Therapiebeendigung: Wir sehen es nicht als unseren pflegerischen Auftrag an, solche Entscheidungen zu treffen oder zu forcieren. Unser höchstes Bestreben ist es, mit professioneller Pflege unseren Klienten ein schmerz- und angstfreies Leben zu ermöglichen und im Rahmen der verbliebenen Ressourcen eine Teilhabe am Leben zu erhalten.
Die Entscheidung über eine Therapiebegrenzung muss, aus unserer Sicht, im Einvernehmen zwischen dem behandelnden Arzt und den engsten Vertrauten des Klienten beschlossen werden. Nur so kann im Sinne des Betroffenen gehandelt werden. Mir wäre deshalb auch sehr wichtig, dass meine Mitarbeiter nicht zwischen die Fronten geraten. Grundsätzlich sind wir als Pflegefachpersonal nicht berechtigt, über Leben und Tod zu entscheiden.

Anders gesagt: Wir werden tun, was immer Sie wollen. Satellitenfernsehen für Komapatienten: Kein Problem! Hauptsache, die Kohle stimmt.
In diesem Stil geht es weiter. Relevant für die Anbieter erscheinen allenfalls logistische Details.

Herzlichen Dank für Ihre Anfrage. Bitte teilen Sie mir vorab mit, in welcher Region Ihr Onkel lebt. Zu den Kosten: Wir haben einen Stundensatz von 34 Euro pro Stunde. Wobei ich sagen muss, dass das hier die Krankenkassen übernehmen und, wie ich gelesen habe, war es ja ein BG Unfall, also müsste meiner Meinung nach die BG für die Kosten aufkommen.

Von ethischen Bedenken ist zumindest in dieser Mail keine Spur. Über Annahme oder Ablehnung eines Aufnahmeantrags entscheidet wieder einmal das Finanzielle:

Es kommt darauf an, wo Ihr Onkel versichert ist. Die gesetzliche Krankenkasse zahlt in der Regel die Betreuung in einer außerklinischen Intensiveinrichtung. Bei Kostenübernahme der Krankenkasse, welche im Schnitt 14 Tage dauert, kann eine Aufnahme zügig erfolgen.

Wo man auch hinsieht: Willige Vollstrecker, wenn auch nicht des verbrieften Willens des kranken Onkels: Einzig interessiert die Kostenzusage der Krankenkasse. Ist die erst mal da, wird das Beatmungsgerät gestartet.

Themenspecial
12. Januar 2015
Schmerz, Leid und Schicksal
Bewegende Romane aber auch Mut-Mach-Geschichten über Menschen, die in ihrem Leben etwas verloren haben.