Trauerbücher
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Bücher über das Sterben, Tod und Trauer

Bücher über Tod und Trauer

Sterben, Tod und Trauer sind unumgänglich, für jeden von uns. Und doch wissen wir kaum etwas darüber. Was passiert mit unserem Körper, wenn du stirbst? Was geschieht mit unserem Leichnam, bis man bestattet wird? Wie gehen andere Kulturen mit Verstorbenen um? Wie können wir uns spirituell und emotional auf den Tod und auf Trauer vorbereiten? Unsere Autoren beantworten die wichtigsten Fragen zum Umgang mit dem Tod und zeigen Wege zur Trauerbewältigung auf.

Was passiert, wenn wir sterben?

Blick ins Buch
So sterben wirSo sterben wirSo sterben wir

Unser Ende und was wir darüber wissen sollten

Was passiert mit deinem Körper, wenn du stirbst? Was fühlst du – Trauer, Schmerz? Und dann, wenn dein Herzschlag verstummt ist? Was geschieht mit deinem Leichnam, bis du bestattet wirst? Wie wird man um dich trauern? Sterben, Tod und Trauer sind unumgänglich, für jeden von uns. Und doch wissen wir kaum etwas darüber. Roland Schulz findet Worte für das Unbeschreibliche und gibt Antworten auf die tiefsten Fragen des Lebens.  „Tage vor deinem Tod, wenn noch niemand deine Sterbestunde kennt, hört dein Herz auf, Blut bis in die Spitzen deiner Finger zu pumpen. Wird anderswo gebraucht. In deinem Kopf.“ Mit diesen Worten nimmt Roland Schulz den Leser mit auf die letzte Reise. Eindringlich beschreibt er, was wir während unserer letzten Tage und Stunden erleben. Er verfolgt die Reise des Körpers von der Leichenschau bis zur Bestattung und fragt schließlich, was Sterben und Tod für diejenigen bedeutet, die zurückbleiben: Wie trauern wir – und wie können wir weiterleben Ein aufwendig recherchiertes Buch, kraftvoll und voller Menschlichkeit.

Sterben

Tage vor deinem Tod, wenn noch niemand deine Sterbestunde kennt, hört dein Herz auf, Blut bis in die Spitzen deiner Finger zu pumpen. Wird anderswo gebraucht. In deinem Kopf. Im Kern deines Körpers, wo deine Lunge liegt, dein Herz, deine Leber. Auch aus den Zehenspitzen zieht sich das Blut zurück. Deine Füße werden kalt. Dein Atem verflacht. Die Sinne schwinden. Dein Körper leitet den Abschied vom Leben ein.

Später, wenn der Arzt den Totenschein ausfüllt, wird es so aussehen, als wäre dein Sterben einem streng geregelten Ablauf gefolgt, amtlich festgehalten im vertraulichen Teil deines Totenscheins, Blatt 1, Absatz I, Zeilen a) bis c). Aber das stimmt nicht. Dein Sterben ist ein Prozess voller Dynamik, so einzigartig wie dein Leben. Jeder Mensch erlebt diesen Prozess auf seine eigene, einmalige Weise. Erst danach, wenn du tot bist, lässt sich dein Sterben in drei Stufen staffeln, die der Arzt in den Totenschein einträgt.

Wenn dein Arzt ein Siebengescheit ist, wird er dein Sterben im ICD-Code abfassen, den Kürzeln aller Krankheiten weltweit. Vielleicht bist du eine J-18er-Lungenentzündung, wie Guido Westerwelle. Vielleicht ein Krebsfall der Kategorie C-22, wie David Bowie.

Wenn dein Arzt ein Simpel ist, wird er dein Sterben in Schlagworten abhandeln, die auf alle zutreffen. Vielleicht erfasst er dich als Atemstillstand. Am Ende steht jeder Atem still. Vielleicht als Herz-Kreislauf-Versagen. Am Ende versagt jedes Herz.

Wahrscheinlich aber wird er einfach die Kette der Krankheiten anführen, die dir den Tod brachte: von der unmittelbaren Todesursache vor wenigen Stunden über ihren Auslöser vor Monaten bis zum Grundleiden vor vielen Jahren. Aus Sicht der Statistik hat dein Sterben damals begonnen.

Du erinnerst dich sicher daran. Die Herzsache damals. Die Krebsdiagnose. Dieser dumme Sturz. Wie die Ärzte darüber redeten, war klar: Ist etwas Ernstes diesmal. Sie versprachen, es in den Griff zu kriegen. Sie hielten Wort, wie sie dein Leben lang Wort gehalten und dich geheilt hatten, bei jeder Krankheit, jedem Fieber, jedem Bruch. Sie schickten dich heim, und für ein Jahr oder fünf war es wieder gut. Aber jetzt liegst du hier, der Schwarm in weißen Kitteln war schon da, und auch wenn niemand deine Prognose in den Mund genommen hat, wird dir klar, wie es um dich steht. Du hast Angst.

 

Über Sterben ist schwer sprechen. Es lohnt sich aber, sagen die Spezialisten, die dem Sterben nahestehen. Sie waren anfangs skeptisch, als sie von der Idee dieses Buches hörten: Sterben, Schritt für Schritt? Sterben folgt keinem Fahrplan, sagten sie. Sterben ist dynamisch, Sterben ist komplex. Das beginnt schon mit dem Begriff. Sterben ist Teil des Lebens. Tod, das ist danach. Sie empfahlen Studien, Aufsätze, Statistiken. Dann erzählten sie doch, alte Ärzte und junge, Professorinnen der Palliativmedizin, Hospizleiter, Hospizhelfer, Pfleger, erfahren in tausenden Toden – weil sie ein Erlebnis aus ihrer Arbeit mit Sterbenden eint: Schmerzlicher als Sprechen ist Schweigen.

Deine Angst ist natürlich. Manche Forscher meinen, wir Menschen sind auch deswegen denkende Wesen geworden, weil wir uns lebenslang bemühen müssen, unsere Sterblichkeit zu leugnen. Das kennst du. Sterben? Das betraf dich nicht. Das war weit weg. Der Tod, das bedeutete immer den Tod der anderen, nie deinen eigenen. Auf diese Art hast du, wie wir alle, außer Acht gelassen, was uns gewiss ist: Wir werden alle sterben – aber wissen nicht, wann. Du weißt es jetzt. Bald.

Sterben zu schildern, birgt eine Gefahr: Wer Sterben zu erklären sucht, erzeugt – ob er will oder nicht – ein Gefühl des Wissens und damit der Kontrolle. Das, warnen Wissenschaftler, ist eine Illusion. Keiner kann wissen, was im Tod ist. Im Sterben stoßen der Verstand, das Denken, die Vernunft an ihre Grenzen: Da gibt es keine Gewissheiten mehr. Sicher ist jedoch: Sterben ist genau das Gegenteil von Kontrolle. Nicht lange, und du wirst die Hoheit über Körper und Geist vollkommen verlieren, unwiderruflich.
 

Fragen drängen sich in deinen Sinn; was nun, warum ich, wann genau, wie denn. Ärzte, die vielen Sterbenden zur Seite standen, sind am Anfang vorsichtig mit Antworten. Sie stellen lieber selber Fragen. Wie sehen Sie Ihre Situation? Was wissen Sie über Ihre Krankheit? Was haben Sie für ein Gefühl, wie geht es weiter? Was wäre, wenn es nicht so kommt? So stupsen sie dich, sachte, ganz sachte, und du kannst entscheiden, wie weit du der Wahrheit entgegentreten willst. Es gibt Kranke, denen wäre die volle Wahrheit zu viel. Es gibt Kranke, die wollen alles wissen. Ärzte und Pfleger auf Palliativstationen antworten daher nach einer Faustformel: Alles, was sie dir sagen, muss aufrichtig, muss wahrhaftig sein. Aber nicht zwingend gleich die ganze Wahrheit.

Du kannst jedoch jederzeit danach fragen. Das Wissen darum kann befreien. Schwerstkranke scheinen oft von einem Schweigen umstellt, das gegenseitiger Rücksichtnahme entspringt, der des Kranken wie der Gesunden:

… ich kann das den Kindern nicht zumuten …

… wir dürfen Mama damit nicht belasten …

… ich will ihnen nicht zur Last fallen …

… wir müssen Papa schonen …

… das ertragen sie nicht …

… das hält er nie aus …

 

Sehr häufig, dieses Phänomen. Sich beidseits schonen, um jeden Preis. Speziell, wenn es ans Sterben geht. Es gibt eine Geschichte dazu, die Ärzte in so vielen Spielarten erzählen, dass sie wie eine Fabel wirkt, obwohl sie sich wahrhaftig so zugetragen hat, jedes Mal. Sie handelt von einem Ehepaar.

Sie liegt drinnen auf dem Bett und flüstert: »Ich spüre es, ich werde sterben – aber sagen Sie das auf keinem Fall meinem Mann!«

Er steht draußen vor der Tür und sagt: »Meine Frau wird sterben, ich merke das – bitte sagen Sie ihr bloß nicht, wie ernst ihre Lage ist!«

Sie haben in der Medizin einen schönen Begriff gemünzt für diese Strategie: barmherzige Lügen. Solche Lügen bringen nichts. Auch die anderen Ausweichmanöver sind nutzlos, Aussitzen, Weglaufen, Schönreden. Sie funktionieren nicht; nicht beim Sterben.

[...]

Ein Plädoyer für einen offenen Umgang mit Sterben und Tod

Blick ins Buch
SterbenSterben

Warum wir einen neuen Umgang mit dem Tod brauchen

Ein Palliativmediziner erzählt

„Halte es für möglich, dass dein Arzt beim Thema Tod noch mehr Angst hat als du.“Wir müssen über den Tod reden. Es nicht zu tun, bedeutet, die Entscheidung darüber, wie wir sterben wollen, anderen zu überlassen. Der Palliativmediziner Matthias Gockel erlebt täglich, wie sehr Verdrängen und Verschweigen einen bewussten Umgang mit dem Sterben blockieren - nicht nur bei Patienten und Angehörigen, sondern auch bei ihren Ärzten. Er fordert deshalb eine neue Art der Gesprächskultur. Indem er aus seinem Berufsalltag erzählt, macht er nicht nur Mut, sich mit den eigenen Ängsten auseinanderzusetzen. Er gibt zudem wichtige Orientierungshilfen, wie sich in einem zunehmend auf Kostenersparnis ausgerichteten Medizinsystem Entscheidungen treffen lassen, die für ein Sterben in Selbstbestimmung und Würde unabdingbar sind.

Vorwort

„Warum ist der Tod eines Menschen stets eine Art Skandal? Warum sind wir jedes Mal erstaunt, wenn ein Lebender dahingeht, als fände solch ein Ereignis zum ersten Mal statt?“ Die Antwort auf die Fragen, die der französische Philosoph Vladimir Jankélévitch einmal gestellt hat, fällt leicht: Weil wir Angst vor dem Tod haben.

An den Tod gewöhnt man sich nicht. Der Tod ist immer jung. Man wird die Angst vor ihm nicht los. Auch ich spüre sie, obwohl ich mich als Palliativmediziner jeden Tag mit Sterben und Tod beschäftige.

Oft scheint es, als wären gerade Ärzte besonders von dieser Angst betroffen. Doch sie einzugestehen, gilt im Gesundheitssystem als Zeichen von Schwäche. Ärzte sind darauf trainiert, cool und kompetent zu wirken, distanziert und professionell aufzutreten. Dabei macht auch sie der Tod unsicher. Weil sie so gut darin sind, Leben zu retten, halten sie es manchmal kaum aus, wenn ihnen das nicht gelingt.

Die Palliativmedizin kann als Ergänzung oder auch als Alternative betrachtet werden zum Heilenwollen um jeden Preis und zum reinen Verlängern der Lebenszeit. Ihr Ansatz ist es, bei lebensbedrohlichen Erkrankungen die Lebensqualität von Patienten und ihren Angehörigen zu verbessern. Dazu gehört nicht nur das Lindern von Schmerzen oder anderer körperlicher Symptome. Genauso wichtig ist das frühzeitige Erkennen und Behandeln von psychischen, sozialen oder spirituellen Problemen.

Im besten Fall geht Palliativmedizin aber über bloße Fachkompetenz hinaus. Es gibt Probleme, die sich nicht rein technisch lösen lassen. Manche Schmerzen sind durch kein Medikament zu stillen. Für sie braucht es Aufmerksamkeit und Zuwendung und eine Haltung, die dem anderen die Gewissheit gibt, wahrgenommen zu werden – im Leben wie im Sterben.

Nicht zuletzt von dieser Haltung soll das vorliegende Buch handeln. Sie soll sich, so meine Hoffnung, beim Gang durch die Kapitel mitteilen. Ich habe versucht, dem Buch einen persönlichen, nie abstrakten Tonfall zu geben. Mir geht es darum, das Vermitteln von konkreten Fakten und Informationen mit dem Erzählen zu verbinden; einem Erzählen aus der Innensicht von zwanzig Jahren Berufserfahrung.

Orientiert habe ich mich dabei an Fragen, die mir bei meiner Arbeit immer wieder begegnen: Was sollten Patienten mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung unbedingt beachten? Welche Möglichkeiten palliativer Versorgung gibt es in Deutschland? Was können Angehörige tun? Wie sieht eigentlich der Alltag auf einer Palliativstation aus? Warum fällt es vielen Ärzten so schwer, Schmerzen adäquat zu behandeln? Kann sich der Traum von einem „guten Sterben“ erfüllen?

Ich erzähle von Menschen, die ich in ihrer letzten Lebensphase kennengelernt und bis zum Tod begleitet habe. So ist es auch ein Buch voller Geschichten geworden, traurigen wie absurden, wütenden wie komischen.

Im Lauf der Zeit habe ich gelernt, dass gelingende Kommunikation viel dazu beitragen kann, der Angst vor dem Sterben und dem Tod etwas von ihrer Wucht zu nehmen – durch das Vermitteln von Sicherheit und das Schaffen von Nähe. So einiges kann schiefgehen im Gespräch zwischen Ärzten und Patienten, Ärzten und Angehörigen, Angehörigen und Patienten. Anhand zahlreicher Beispiele möchte ich Wege aus der Sprachlosigkeit aufzeigen, die viele in der Gegenwart Sterbender befällt.

Dieses Buch kann als ein Appell verstanden werden, mit größerer Entschlossenheit über die letzten Dinge zu reden. Das gilt auch für das mit großen Ängsten besetzte Thema Sterbehilfe. Ich möchte es in den abschließenden Kapiteln ebenso diskutieren wie das in meinen Augen verbesserungswürdige Konzept der Patientenverfügungen. Darüber hinaus finden sich im Anhang noch einige praktische Tipps. Sie sollen lebensbedrohlich erkrankte Patienten zu einer offeneren Kommunikation mit den behandelnden Ärzten ermutigen.

Der Tod wird immer ein Skandal bleiben. Aber wir können lernen, ihm etwas weniger unvorbereitet zu begegnen. Dazu möchte ich mit diesem Buch einen Beitrag leisten.

Matthias Gockel, im Juli 2019

Einführung

Trau dich, über den Tod nachzudenken

Zwischen Diesseits und Jenseits

Es war ein stressiges Jahr gewesen, und ich hatte mich auf den Urlaub gefreut. Einige freie Tage über Silvester; etwas Zeit, mit Freunden über die vergangenen Monate zu reden – die ersten, in denen ich als junger Palliativmediziner an einer Münchner Klinik gearbeitet hatte. „Gut“, antwortete ich auf die Frage eines Freundes, wie es mir gehe, „richtig gut, ich bin ganz entspannt.“ Wir saßen vor dem Kamin, es war Abend, und ich glaubte, was ich sagte. Doch etwas an meiner Antwort schien den Freund zu irritieren. Er sah mich aufmerksam an und fragte noch einmal: „Nein, ich meinte: Wie geht es dir wirklich?“

Hätte er nicht nachgehakt, wäre wohl nichts passiert, und ich wäre davongekommen. So aber brachte seine Hartnäckigkeit alles zum Einstürzen. Plötzlich rückte das in München auf der Palliativstation Zurückgelassene wieder ganz nah: Gespräche, Krankheitsverläufe, Schicksale. Und nicht zuletzt der Tod. Wie in einer Diashow zogen die Gesichter all der Patienten vor meinem inneren Auge vorbei, die ich im zurückliegenden Jahr betreut hatte und die bei uns gestorben waren. Ein langer, flackernder Zug letzter Bilder, manche schon etwas unscharf, manche noch so deutlich, als hätte ich mich gerade erst von dem Betreffenden verabschiedet. Ich begann zu weinen und konnte für eine halbe Stunde nicht mehr damit aufhören.

Das ist viele Jahre her. Heute habe ich gelernt, mit dem Thema Krankheit und Sterben, das in meinem Beruf nun einmal allgegenwärtig ist, umzugehen. Ich habe Wege gefunden, das Unumgängliche zu akzeptieren und es als Teil meines Lebens zu betrachten. Ich fliehe nicht mehr vor der Macht, die vom Tod und allem, was mit ihm zusammenhängt, ausgeht und die für viele so beängstigend ist, dass sie ihr Heil im Verdrängen suchen. Für gewöhnlich klappt das ja auch gut. Im Alltag werden wir kaum je gezwungen, an den Tod zu denken. Fast scheint es zu seiner Natur zu gehören, dass er immer nur die anderen trifft. Und die anderen sind weit weg, vor allem aber sind sie: nicht wir. Nur manchmal, wenn unsere Abwehrmechanismen versagen, merken wir, welche Dämonen im Dunkel unserer Ängste lauern, immer bereit, uns anzufallen. Dann wird uns klar, dass wir sehr weit davon entfernt sind, den Tod als das wahrzunehmen, was er ist. Er ist das am wenigsten überraschende Ereignis der Welt.

Dass das auch und vielleicht sogar ganz besonders für Menschen gilt, die im Beruf häufig mit Sterben und Tod konfrontiert werden, habe ich immer wieder bei Workshops mit angehenden Ärzten erlebt. Zum ersten Mal geschah das vor einigen Jahren auf Einladung der Münchner Studierendeninitiative »MuM – Medizin und Menschlichkeit«. Engagierte junge Leute, die mehr wollten als das, was ihnen der Uni-Betrieb zu bieten hatte, und deshalb für eine Woche ein Seminarhaus irgendwo in Oberbayern angemietet hatten. Für Blicke über das Curriculum hinaus waren verschiedene Dozenten eingeladen worden, etwa ein Psychologe, aber auch ein Komplementärmediziner, der über alternative Heilmethoden referieren sollte. Mich hatte man für den Bereich „Medizin und Sterblichkeit“ angefragt.

Schon kurz nach meiner Zusage war mir klar gewesen, dass ich keinen trockenen Vortrag halten wollte. Die Teilnehmer sollten sich auf einer eher emotionalen Ebene mit dem Thema Sterblichkeit auseinandersetzen. Dazu schwebten mir einige Reflexionsübungen vor, die ich selbst im Rahmen meiner Palliativausbildung kennengelernt hatte. Sie waren mir im Gedächtnis geblieben, weil sie mich damals alles andere als gleichgültig gelassen hatten. Nun wollte ich herausfinden, ob es mir gelingen konnte, ähnliche Emotionen auch bei anderen hervorzurufen.

Für die erste Übung trennte ich den Seminarraum mithilfe eines Seils in zwei Hälften. Eine Hälfte blieb leer, in der anderen versammelten sich die zwanzig Teilnehmer, die ich in kleine Gruppen aufteilte, nachdem jeder Einzelne durch Durchzählen seine eigene Nummer erhalten hatte. Dann erläuterte ich die Aufgabe. Jeder sollte den anderen in der Gruppe erzählen, warum er heute hier war. Das Mitgeteilte sollte möglichst individuell ausfallen und durfte gern auch sehr persönlich sein. Wichtig war, ins Reden zu kommen und zu versuchen, sich den anderen ein wenig näherzubringen.

Natürlich gab es einen Haken an der Sache, schließlich sollte es keine reine Gesprächsrunde werden. Ich kündigte an, in gewissen Zeitabständen einen Gong zu betätigen und eine Zahl aufzurufen. Der Teilnehmer, zu dem die Zahl gehörte, musste dann auf der Stelle aufstehen und sich in die andere Hälfte des Raums begeben, und zwar ganz egal, ob er gerade nur zuhörte oder mit Erzählen dran war. Dort sollte er stehen bleiben und den anderen zuschauen, konnte aber selbst nicht mehr ins Geschehen eingreifen und durfte sich auch nicht mit seinen nach und nach hinzukommenden Nebenleuten unterhalten. Wann der Gong jeweils ertönte und welche Zahl aufgerufen wurde, lag allein in meinem Ermessen. Eine Art „Reise nach Jerusalem“ also. Aber eine, die unter der Überschrift „Sterblichkeit“ stand und daher bei allen, ohne dass ich das explizit aussprechen musste, die entsprechenden Assoziationen auslöste. Das zeigte sich spätestens bei den Rückmeldungen nach Ende der Übung.

Eine Studentin sagte: „Ich wollte meine Geschichte erzählen, unbedingt. Aber ich kam und kam nicht dran. Und dann redete der Typ unmittelbar vor mir auch noch mit einer Engelsgeduld über das langweiligste Zeug, das man sich nur vorstellen kann. Warum konnte der sich nicht kurz fassen oder schneller reden? Oder sich wenigstens auf wirklich Wichtiges konzentrieren? Aber plötzlich machte es klick, und mir wurde bewusst, dass es gleich für mich vorbei sein konnte; dass also diese Erzählungen möglicherweise das Letzte waren, was ich hörte, bevor ich starb. Und von dem Moment an war alles anders. Ich glaube, ich habe noch nie jemandem bei einem so langweiligen Vortrag mit einer so großen Aufmerksamkeit zugehört. Und ich war glücklich dabei.“

Ein anderer sagte: „Auch mir war es unheimlich wichtig, erzählen zu können, und ich kam ja auch an die Reihe. Nur eben als Allerletzter, als sich alle anderen schon drüben, in der anderen Hälfte des Raums, befanden. Niemand war mehr da, der meine Geschichte hören konnte. Da habe ich gelernt, dass man beim Wünschen besser vorsichtig ist. Denn in Wahrheit war es mir gar nicht so sehr darum gegangen, zu Wort zu kommen, sondern darum, von jemandem gehört zu werden.“

Am härtesten traf es den Studenten, der als Erster auf die andere Seite gerufen wurde. Er musste erleben, dass sein Verstummen und damit sein „Tod“ für die anderen nur ein banaler Zwischenfall war. Die entstandene Lücke wurde schnell geschlossen, und das Leben ging weiter, als wäre überhaupt nichts geschehen. Aber auch für ihn gab es Trost, denn ganz undurchlässig war die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits dann doch nicht: „Ich fand das so ungerecht, ganz allein im Nichts zu stehen, bis ich sah, wie ein guter Freund zu mir herüberschaute und mit den Lippen lautlos den Satz formte: ›Hinter dir, der Nachtisch!‹ Tatsächlich, da stand der Kuchen! Und auf einmal war das mit dem Sterben gar nicht mehr so schlimm.“

So enthielt diese Übung sogar noch eine von mir gar nicht eingeplante Lektion in Sachen Hoffnung aufs Paradies …

Das Leben ist manchmal ein Arschloch

Die zweite Übung zielte noch stärker auf die jeweilige Persönlichkeit des Einzelnen, auf seine Hoffnungen und Werte. Aus diesem Grund kann man sie recht gut auch ganz für sich allein, in der eigenen Vorstellung durchspielen. Ich verteilte an jeden der Teilnehmer fünf Karteikarten und einen Stift, dann nannte ich das Motto der Übung: „Was ist mir wirklich wichtig im Leben?“

Jeder hatte eine Viertelstunde Zeit, um diese Frage für sich zu beantworten, und zwar anhand von bestimmten Kategorien: Welche Person ist mir am wichtigsten? Auf welche meiner Fähigkeiten bin ich am meisten stolz? Gibt es etwas an meinem Äußeren, auf das ich großen Wert lege? Welchen Traum möchte ich noch verwirklichen? Und schließlich: Welcher materielle Gegenstand besitzt den höchsten Wert für mich? Fünf Kategorien, fünf Karteikarten, fünf Antworten. Je kürzer sie ausfielen, desto besser. Nur ein Stichwort war verlangt, keine Begründung. Also etwa: „Paul“; „anderen Sicherheit geben“ oder auch: „Klavier spielen können“; „meine Hände“; „eine Weltreise unternehmen“; „die Armbanduhr, die ich von meinem Vater geerbt habe“. Zwar würde die Übung in der Gruppe abgehalten werden. Was jeder auf seine Karten geschrieben hatte, würde aber, das versicherte ich den Teilnehmern vor Beginn, weder den anderen gezeigt noch laut vorgelesen werden.

Dann ging es los. Ich stellte mich in die Mitte des Raums und sagte: „Leben, das bedeutet sehr oft auch Verlust. Dinge gehen verloren, Träume zerplatzen, es gibt schwere, uns für immer verändernde Krankheiten, und Menschen, die wir lieben, sterben. Es kann nicht schaden, sich das gelegentlich klarzumachen.“

Ich griff nach einer großen Schale, die ich mitgebracht hatte, und begann meinen Gang von Teilnehmer zu Teilnehmer. Jeder sollte sich von einer der fünf Karten, die er in der Hand hielt, trennen und sie in die Schale legen. Den meisten, das zeigt die Erfahrung, fällt diese erste Wahl noch leicht. Sie entscheiden sich für den Gegenstand. Weg mit der geliebten Lederjacke, der in einer glücklichen Stunde erworbenen Kafka-Erstausgabe oder dem so lange gehüteten Bündel Briefe, zusammengehalten von einer roten Schleife. Das Hergeben mag zwar durchaus schmerzen, berührt aber noch nicht den Kern der Persönlichkeit. Interessanterweise fand sich am Ende dieser Eröffnungsrunde in der Schale auch einmal eine Karte, auf der „Meine Mutter“ stand. Ein Psychoanalytiker hätte daraus sicher eine spannende Sitzung gestaltet. Und ich lernte: Nicht immer muss die wichtigste Person in unserem Leben auch die sein, mit der wir die besten Gefühle verbinden.

„Verlusterfahrungen prägen unser ganzes Leben“, sagte ich, „sie hören nie auf.“ Also nächste Runde. Jetzt wurden die Karten schon deutlich zögerlicher in die Schale gelegt. Einige der Teilnehmer schienen bis zur letzten Sekunde zu überlegen, für welche sie sich entscheiden sollten. Leicht fiel es keinem. Ausgeträumt der Traum vom eigenen Geschäft, mit Freunden aufs Land zu ziehen oder den Doktortitel doch noch zu schaffen. Nächste Runde. Vorbei die Illusion, noch jung genug zu sein für ein Gesicht ohne Falten, den aufrechten Gang, die intakte Gesundheit. Eine Teilnehmerin sagte mir hinterher, dass sie zum ersten Mal die Klagen ihrer Großmutter verstanden habe. Es tut weh, Stück für Stück von sich hergeben zu müssen, ohne etwas dafür zurückzuerhalten. Sukzessive wird alles weniger, woran man so lange festgehalten, worüber man sich und sein Dasein in der Welt definiert hat.

Mittlerweile war es vollkommen still geworden im Raum. Nur noch zwei Karten hatte jeder in der Hand. Ich konnte an den Gesichtern ablesen, wie sich manch Teilnehmer innerlich gegen das Kommende wappnete – weil sie die Pointe der Übung nicht kannten und noch davon ausgingen, eine Wahl zu haben, wussten sie nicht, wie sinnlos das war. Ich sagte: „Das Leben ist nicht nur Veränderung und Verlust. Das Leben ist manchmal auch ein ungerechtes Arschloch, das macht, was es will. Halten Sie jetzt bitte die letzten beiden Karten hoch, und dann werde ich herumgehen und für Sie entscheiden, welche davon in die Schale gelegt wird.“

Ich habe diese Übung inzwischen recht häufig durchgeführt, und an dieser Stelle ist es bisweilen vorgekommen, dass ich sie abbrechen musste, weil sich im Verlauf der Runden die Emotionen immer mehr gesteigert haben und schließlich in unverhohlene und gegen mich gerichtete Aggression umgeschlagen sind. Das war jedoch nicht weiter tragisch. Denn im Grunde zeigte es ja nur, dass die Übung ihren Sinn erfüllte. Ich wusste schließlich, dass die Aggression in Wahrheit nicht mir galt, sondern der Unberechenbarkeit des Lebens und dem damit verbundenen Kontrollverlust. Man hat die wirklich wichtigen Dinge manchmal eben nicht in der Hand, und das wurde den Teilnehmern nun buchstäblich vor Augen geführt.

Beinahe immer bleibt die Karte mit der wichtigsten Person bis ganz zum Schluss im Rennen. Und auf der zweiten übrig gebliebenen steht meistens entweder die geschätzte Fähigkeit oder der noch zu verwirklichende Traum. Gehe ich herum, um meine Wahl zu treffen, achte ich sehr genau darauf, wie jemand die beiden letzten Karten hält. Es ist beinahe wie früher beim Spiel mit dem „Schwarzen Peter“: Welche Karte wird weiter nach hinten geschoben? Welche wird mir regelrecht angeboten? Einmal, als ich die Übung im Rahmen eines Festivals mit Menschen abseits des Medizinsystems veranstaltet habe, geriet ich an eine ältere Dame, die mir ihre beiden Karten nur äußerst widerwillig entgegenzustrecken schien. Beim Näherkommen sah ich auch den Grund. Auf die eine Karte hatte sie geschrieben „Meine beste Freundin“ und auf die andere „Eine Skandinavien-Reise mit meiner besten Freundin“. Ich nahm ihr die erste Karte weg, wodurch gleich auch die zweite allen Wert verlor. Der Blick, den ich dabei auffing, hatte Tötungspotenzial.

Ohne Zweifel: Die Übung hat es in sich. Das wurde mir schon beim allerersten Workshop bewusst. Nach jeder Runde mit den Münchner Studierenden hatte ich die Schale entleert und die entsprechenden Karten zu Stapeln sortiert. Ich wollte abends nachsehen, welche Karte die Teilnehmer in welcher Runde abgegeben hatten. Insgesamt einhundert Karten, verteilt auf fünf Stapel. Als ich aber nach einer Zigarettenpause wieder zu meinem Tisch zurückkam, fiel mir auf, dass manche Stapel deutlich kleiner geworden waren. Besonders der mit den Karten, die ganz zuletzt in die Schale gewandert waren, hatte abgenommen. Offensichtlich hatten sich manche Teilnehmer während der Pause ihre Karten, auf denen sie die wichtigste Person notiert hatten, heimlich wieder zurückgeholt. Ich musste lächeln. Wer eine simple Karteikarte mit einem Namen drauf keinem Fremden überlassen wollte, musste sie mit genau der von mir erhofften Bedeutung aufgeladen haben. Und dabei hatte ich mich zu Hause noch gefragt, ob die Übung vielleicht nur für kollektives Gähnen sorgen würde. Jetzt war ich froh, dass ich meine ursprüngliche, zugegeben etwas theatralische Idee, die Karten vor aller Augen in einer Feuerschale zu verbrennen, nicht in die Tat umgesetzt hatte. Vermutlich wäre ich dann nicht mehr mit heiler Haut aus der Nummer herausgekommen.

Diese Übung funktioniert, weil sie unsere Schutzmechanismen unterläuft. Wer es gewohnt ist, Themen wie Vergänglichkeit und Sterben in den hintersten Winkel seines Bewusstseins zu verbannen, wird auf dem falschen Fuß erwischt. Die Rationalisierung, warum diese Übung eigentlich gar nichts mit einem selbst zu tun hat, müsste einsetzen, bevor die ersten Emotionen intensiver werden oder gar, wie ich es häufig erlebt habe, die ersten Tränen fließen. Passiert das nämlich, ist es zu spät für Coolness. Man kann nicht sagen: „Das betrifft mich alles nicht“, und gleichzeitig um ein Taschentuch bitten. Mir war es während meiner Ausbildung nicht anders ergangen – warum löst denn bitte schön so ein banaler Zettel, den ich hier abgebe, so starke Gefühle aus? Damals hätte ich es kaum für möglich gehalten, dass andere auch so emotional reagieren könnten wie ich. Heute weiß ich, dass fast alle es tun. Nur scheinen wir uns leider für die meiste Zeit an die stillschweigende Übereinkunft zu halten, dass man über „solche Dinge“ besser nicht nachdenkt, geschweige denn spricht. Doch man kann diese Übereinkunft ja auch ignorieren. Etwa in einem Buch wie diesem. Wir müssen über den Tod sprechen.

Und das haben viele Teilnehmer auch gemacht, weil sie gemerkt haben: Verdammt, alles ist tatsächlich vergänglich, auch die wichtigste Person in meinem Leben könnte morgen weg sein. Die Übungen hatten dem Thema die beruhigende Abstraktion genommen und es vielleicht zum ersten Mal wirklich greifbar für sie gemacht. So greifbar, dass manche sich, wie sie mir einige Wochen später per Mail mitteilten, nach Ende des Workshops ins Auto gesetzt hatten und zu ihren Eltern gefahren waren. Ein Teilnehmer schrieb mir:

„Ich weiß schon seit Jahren, dass ich mit meiner Mutter noch mal über alles reden muss, nicht zuletzt, um ihr endlich einmal ›Danke‹ zu sagen. Immer habe ich gedacht: Wenn sich mal die Zeit dafür ergibt oder die Stimmung passend ist, dann mache ich das. Aber die passende Stimmung, der richtige Moment, die kommen nie von selbst. Vielleicht haben wir ja doch nicht mehr die zwanzig, dreißig Jahre zusammen, von denen ich immer ausgegangen bin. Die Zeit wartet auf niemanden.“

Und der Tod erst recht nicht.

Du wirst gesehen in deinem Leid

Je öfter ich später ähnliche Workshops mit Medizinstudenten abhielt, desto deutlicher trat zutage, dass fast jeder der Teilnehmer schon in jungen Jahren mit dem Tod eines nahen Menschen in Berührung gekommen war. Zufall? Wohl kaum. Normalerweise gibt es heutzutage für die meisten Menschen bis ins hohe Erwachsenenalter hinein, bis zum Ableben der Eltern, kaum einen Anlass, sich mit dem Tod wirklich auseinandersetzen zu müssen. Anders bei den angehenden Ärzten, zumindest bei denen, die ich erlebt habe. Vielleicht kann ja diese Vorerfahrung einer der Gründe sein, warum sich jemand dafür entscheidet, Medizin zu studieren – um fortan dem Schicksal nicht mehr ganz so ohnmächtig gegenüberstehen zu müssen, sondern helfend und im besten Fall sogar heilend eingreifen zu können. Gleichzeitig sorgt die biografische Prägung aber auch dafür, dass später jede neue, dann berufliche Konfrontation mit dem Tod alte Wunden aufreißt. Was man sich aber lieber nicht anmerken lässt. Denn es würde einem ja womöglich von den Kollegen und erst recht von den Vorgesetzten als Schwäche ausgelegt werden.

Genau deshalb stellte ich ans Ende solcher Workshops gerne eine Übung, die den Schutzpanzer, den sich die Teilnehmer schon zugelegt hatten, aufbrechen sollte. Ich sagte: „Immer zwei von euch stellen sich nun in einem Abstand von ein paar Metern gegenüber. Dann geht ihr aufeinander zu. Achtet darauf, wie ihr euch dabei fühlt und wie sehr ihr euch an den anderen im Raum orientiert. Was geht in euch vor, wenn euch jemand ganz, ganz langsam immer näher kommt? In einem Abstand, der für euch beide okay ist, bleibt ihr schließlich stehen. Und dann stellt erst der eine, dann der andere eine einzige Frage und blickt dabei seinem Gegenüber direkt in die Augen. Die Frage lautet: ›Ich fühle mich überfordert, ich fühle mich hilflos, ich schaffe das nicht alleine, kannst du mir bitte helfen?‹“

Eigentlich sollte das Eingestehen von Unwissenheit, Verletzlichkeit und Überforderung in keinem Beruf ein unrealistisches Szenario sein. Wo man es wie in der Medizin mit den existenziellen Problemen des Menschseins zu tun bekommt, erst recht nicht. Eigentlich. Die hochemotionalen Reaktionen auf diese Übung zeigten mir jedoch, dass so etwas im Ärztealltag praktisch nicht vorkommt. Nicht selten weinte anschließend der ganze Raum. Die Teilnehmer wirkten wie befreit, denn sie hatten es endlich gewagt, sich Kollegen in einem Moment der Hilflosigkeit zu zeigen. Jetzt erst konnten sie einander jene Geschichten aus der Klinik erzählen, die sie belastet hatten, weil sie von Angst handelten, von Traurigkeit und vom Gefühl, versagt zu haben. Von dem Patienten, dessen Sterben dem des eigenen Vaters so ähnlich gewesen war. Von der noch so jungen Patientin, die auf einem guten Weg schien und es dann doch nicht geschafft hatte.

Jeder hatte sich, das wurde nun sichtbar, die ganze Zeit über Vorwürfe gemacht, zu weich für diesen Beruf zu sein; hatte geglaubt, die professionelle Abgebrühtheit der anderen niemals erreichen zu können. Dabei war es seinem Gegenüber ganz genauso ergangen. Doch keiner hatte sich aus der Deckung gewagt, weil in der Medizin die zutiefst menschliche Reaktion, sich Hilfe zu holen, nach wie vor als Mangel gilt. Also hatten sie einander immer weiter den harten Einzelkämpfer vorgespielt.

Wenn ich mir anschaue, wer mit mir vor vielen Jahren Medizin studiert, aber irgendwann damit aufgehört hat, weil er oder sie sich mit dem ganzen System nicht mehr identifizieren konnte und der Preis für das eigene Seelenheil zu hoch war; und wenn ich mir gleichzeitig anschaue, wer dagegen mit ungebrochener, nie hinterfragter Begeisterung durch das Studium gegangen ist, dann weiß ich, dass diesen Beruf nicht immer nur diejenigen ausüben, die für ihn am besten geeignet sind.

Nicht ohne Grund halten viele den Anatomiekurs, der im dritten Semester auf dem Programm steht, auch für eine Art abhärtenden Initiationsritus. Ein „Fisherman’s Friend“-Moment: Ist man für den Umgang mit der Leiche zu sensibel, hat man in diesem Beruf nichts verloren. Schafft man es, kann man sich als Teil einer auserwählten Gruppe fühlen.

Immer geht es darum, zu funktionieren. Wird man zum Mediziner ausgebildet, macht man diese Erfahrung erst an der Uni und dann in den Krankenhäusern, wo es ganz eigene, ungemein starre Hierarchiestrukturen gibt. Wer in der klinischen Versorgung bleibt, darf mit diesen Strukturen kein größeres Problem haben. Oder zieht vielleicht sogar eine ganz eigene Befriedigung aus der Ausübung von Macht und lässt das die ihm unterstellten Kollegen auch spüren, ob als Facharzt, Stationsärztin, Oberarzt oder Chefärztin. Es braucht schon viel Mut, sich in solchen Strukturen eine Blöße zu geben und sich anmerken zu lassen, wie sehr einen das Sterben eines Patienten berührt und wie hilflos man sich fühlt, weil man nichts dagegen tun kann.

Daher möchte ich jedem Leser gleich zu Beginn einen Satz mit auf den Weg geben: Halte es für möglich, dass dein Arzt beim Thema Sterben und Tod noch mehr Angst hat als du; dass er heilfroh ist, wenn du ihn damit nicht behelligst.

Oder wie mir ein Patient, zu dem ich gerufen wurde, einmal anvertraute: „Ganz ehrlich: Dass ich in absehbarer Zeit sterben werde, das weiß ich. Für den Fall, dass es bald schon holprig werden sollte, habe ich meinen Sohn gebeten, sich sicherheitshalber schon mal nach einem Hospizplatz für mich umzusehen. Denn immer, wenn ich auf der Station versucht habe, mit den netten Assistenzärzten darüber zu sprechen, haben die so bedröppelt dreingeschaut, dass ich es schnell wieder gelassen habe. Die reden da wohl nicht so gern drüber, und ich will sie ja auch nicht quälen.“

Zu der Angst kommt auf Ärzteseite der Anspruch hinzu, vor Krankheiten nicht zu kapitulieren, sondern sie zu heilen. Nur klappt das eben nicht immer. Und was dann? Ich selbst habe im Rahmen meiner Facharztausbildung ein Dreivierteljahr auf der Intensivstation gearbeitet und dabei gemerkt, wie leicht man sich vom Tod eines Patienten persönlich beleidigt fühlen kann: Wir kümmern uns hier um dich, alles scheint so gut zu laufen, und du, was machst du? Du stirbst einfach, und unsere ganze schöne Mühe war vergeblich …

Für mich als Palliativmediziner ist der Tod weder Gegner noch Freund. Ich betrachte den Tod eines Patienten nicht als Ergebnis persönlichen Scheiterns und auch nicht als das Schlimmste, was geschehen kann – sondern als etwas Natürliches, als eine Tatsache, an der es nichts zu rütteln gibt.

Viel wichtiger ist ohnehin, welche Bedeutung der Tod für den Patienten hat, den ich gerade behandle. Ist er der schon lange herbeigesehnte Erlöser? Wird er in einer Mischung aus Fatalismus, Galgenhumor und Traurigkeit mehr oder weniger akzeptiert? Oder löst sein Herankommen eine Angst aus, die so groß ist, dass sie alles Ertragbare übersteigt? Wenn es mir gelingt, das herauszufinden, kann ich nicht nur sehr viel besser über das weitere Vorgehen entscheiden. Dann kann ich es auch schaffen, den nahenden Tod dieses einen bestimmten Patienten in die An- und Besprechbarkeit zu holen.

Nach ihrer Definition ist es Aufgabe der Palliativmedizin, die Lebensqualität sowohl von Patienten mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung als auch von deren Familien zu verbessern. Das heißt, es geht letztlich nicht mehr ums Heilen, sondern ums Lindern von Schmerz und ums Behandeln von auftretenden Problemen, seien sie körperlicher, psychosozialer oder spiritueller Art. Dazu gehört auch, das vielleicht medizinisch noch Machbare, aber mit großer Wahrscheinlichkeit zusätzliches Leid Verursachende genau abzuwägen. Abzuwägen gegen die Möglichkeit eines würdevollen und beinahe immer ohne Schmerzen verlaufenden Sterbens.

Alles orientiert sich an der Frage: Was hilft diesem Menschen hier und jetzt am besten? Palliativmedizin ist neben dem Fachlichen vor allem auch eine bestimmte Haltung, ist Aufmerksamkeit und Da-Sein. Ich kann den Schmerz des anderen erkennen, und ich kann dafür sorgen, dass er sich nicht vollkommen verlassen fühlt, wenn er ihn trägt.

Vielleicht besteht eine wichtige Aufgabe des Palliativmediziners darin, dem Patienten stets zu verstehen zu geben: Du wirst gesehen in deinem Leid. Du bist nicht allein. Ich nehme dich wahr.

Wie zerbrechlich wir sind

Sicher wäre es eine Illusion zu glauben, man könne jedem Menschen, ob er nun im Gesundheitswesen arbeitet oder nicht, zu einem erwachsenen, also reflektierten und im Idealfall fast schon entspannten Verhältnis zum Tod verhelfen. Das würde der menschlichen Natur auch widersprechen. Für viele wird der Tod immer das ultimative Schreckbild sein, das lauernde Schwarz am Ende der Tage, vor dem man, so lange es geht, die Augen verschließen muss, um überhaupt normal weitermachen zu können.

Der Tod bleibt ein Tabu, im Alltagsleben wie in der Gesellschaft. Es gehört zum Wesen von Tabus, hochwirksam, doch nicht rational begründet zu sein. Das unterscheidet sie von Verboten aller Art. Sie bestehen einfach, und es scheint, als seien sie immer schon da gewesen. Das Tabu des Todes gewinnt in unserer Zeit sogar noch an Macht hinzu. Gäbe es die Krimis nicht mit ihrer täglichen Leichenschau, würden uns die Nachrichten nicht jederzeit mit Berichten über Katastrophen, Unfälle und Verbrechen versorgen, dann blieben uns nur noch die Traueranzeigen in der Zeitung, die wir aber schnell überblättern, oder die Friedhöfe, über die wir aber kaum je spazieren, um uns daran zu erinnern, dass der Tod tatsächlich existiert.

Leider tun uns die Dinge, die uns verstören oder ängstigen, nicht den Gefallen, einfach zu verschwinden, wenn wir sie ignorieren. Im Gegenteil. Nicht selten entwickeln sie ein Eigenleben und beginnen, uns heimzusuchen. Nicht nur nachts verursachen sie hässliche Klopfgeräusche in den Kellerräumen unseres Bewusstseins. Sie wirken sich auch generell darauf aus, wie wir die Welt wahrnehmen, was wir denken und fühlen und wie wir uns verhalten.

Vor einigen Jahren entwarf der amerikanische Psychologe Jeff Greenberg zusammen mit ein paar Kollegen die sogenannte „Terror-Management-Theorie“. Sie besagt, dass wir vor allem zwei Strategien einsetzen, um mit dem Wissen um unsere Sterblichkeit umgehen zu können. Zum einen bemühen wir uns, unsere Weltanschauung als etwas Gewichtiges und Beständiges zu betrachten. So fällt es uns leichter zu glauben, dass dem menschlichen Leben ein tieferer Sinn innewohnt, der die Flüchtigkeit unseres Daseins übersteigt. Und zum anderen versuchen wir bei allem, was wir tun, unser Selbstwertgefühl zu stärken. Denn nur wenn wir davon ausgehen, dass wir wertvolle Wesen und unsere Handlungen von Bedeutung sind, können wir für Momente unsere Vergänglichkeit vergessen und uns der Illusion hingeben, dass etwas von uns für immer bleibt.

Problematisch wird es, wenn wir Menschen begegnen, die unsere Weltanschauung nicht teilen, oder unsere Selbstachtung gefährdet ist. Alles, was unsere Werte infrage stellt, wirft uns wieder auf unsere Verletzlichkeit und Sterblichkeit zurück, denn dann haben wir nichts mehr, was uns vor dem Blick in den Abgrund schützt. Also muss diese Bedrohung abgewehrt werden. Wir erheben uns über abweichende Weltbilder, lehnen sie ab, verurteilen sie oder, wenn das alles nichts hilft, integrieren sie in unser eigenes Wertesystem. Greenberg und seine Kollegen konnten anhand zahlreicher Studien zeigen: Wann immer wir an unsere ansonsten verdrängte Sterblichkeit erinnert werden, hat das anschließend konkrete Auswirkungen auf unser Leben. Wir wählen konservativer, urteilen rigider und wagen weniger.

Demnach kostet unsere Kultur der Verdrängung einen Preis. Unsere eigenen psychischen Schutzmechanismen nicht zu hinterfragen und dem Tod nicht ins Gesicht zu schauen, raubt uns ein gutes Stück Lebensmut, Spontaneität und Freude am (kalkulierten) Risiko. Man lässt zu, dass die Angst immer mehr Raum einnimmt und schließlich lähmend wird. Wie schnell alles vorüber sein kann! Einmal nicht aufgepasst beim Überqueren der Straße, ein ungünstiges Röntgenbild, und von einem Moment auf den anderen ist Schluss. Wie zerbrechlich wir sind. Doch deshalb die Verdrängung noch zu intensivieren, kann nicht die Lösung sein. Stattdessen sollte uns gerade das Wissen, dass wir endlich sind, den Mut geben, das Leben zu genießen.

Selbstverständlich muss man sich nicht mindestens einmal in der Woche intensiv mit seiner Sterblichkeit auseinandersetzen, um ein glücklicher Mensch zu werden. Es geht eher um einen anderen Umgang mit dem Thema. Und die beste Voraussetzung dafür ist: Wissen. „All knowledge is worth having“, schrieb die Autorin Jacqueline Carey einmal, und sie hat recht damit. Mehr darüber zu wissen, was einen hinter den Kulissen der eigenen Aufmerksamkeit negativ beeinflusst, kann ungemein befreiend wirken. Der Blick weitet sich, man gewinnt eine neue Flexibilität im Handeln und kann sein Leben selbstbestimmter führen.

Was macht mir am Tod am meisten Angst? Was sollte auf keinen Fall passieren? Was könnte mir ein wenig von meiner Furcht nehmen? Welche Möglichkeiten gibt es, auch das Sterben, so gut es eben geht, nach meinen Vorstellungen zu gestalten? Was ist mir am wichtigsten, wenn ich ans Sterben denke? Je genauer ich mir solche Fragen stelle, desto weniger bedrohlich werden mir die Antworten erscheinen, die ich auf sie finde.

Hab den Mut, Entscheidungen zu treffen

Oft wollen die Menschen von mir wissen, wie man den täglichen Umgang mit Sterben und Tod nur aushalten könne. Ob es mir gelinge, auch mal abzuschalten und den Tod in der Klinik zu lassen. Doch das muss ich gar nicht, denn der Tod hat seinen Platz ja nicht nur auf einer Palliativstation, in einem Hospiz oder in einem Pflegeheim. Der Tod ist immer da, und daher halte ich es eher für seltsam, sich nie über ihn Gedanken zu machen. Wohlgemerkt: ohne vorauseilende Panik und ohne allzu große Angst, sondern als Tatsache, mit der wir uns, ob wir wollen oder nicht, ebenso abfinden müssen wie mit anderen Gegebenheiten des Lebens.

Manche Dämonen, die uns plagen, gedeihen nur im Dunkeln oder im Halbschatten gut. Holt man sie aber ans Licht, werfen sie plötzlich viel kürzere Schatten, werden kleiner und kleiner und verlieren viel von ihrer destruktiven Kraft. Daher lautet mein Ratschlag:

Trau dich, über den Tod nachzudenken, trau dich, über ihn zu reden, auch wenn es dir Angst macht. Selbstverständlich kann dich niemand dazu zwingen, das Unausweichliche in Augenschein zu nehmen. Aber das ändert nichts daran, dass es dich an irgendeiner Stelle, manchmal früher, manchmal später, erwischen wird. Dich vorher schon mit ihm zu beschäftigen, verhindert möglicherweise einige hässliche Wendungen, die das Lebensende für dich bereithalten kann. In unserer Gesellschaft ist Sterben häufig auch das Resultat einer Folge von Entscheidungen. Was wird unternommen, was wird unterlassen? Es ist zwar vollkommen legitim, wenn du das nicht selbst entscheiden möchtest, weil du dich damit überfordert fühlst. Doch dann sei dir bitte im Klaren darüber, dass jemand anders über dich bestimmen wird. Im Zweifelsfall der Vertreter eines Medizinsystems, das häufig Entscheidungen vorsieht, die nicht unbedingt dem entsprechen, was man sich unter einem guten Sterben vorstellt. Daher hab den Mut, herauszufinden, was dir wirklich wichtig ist, und hab dann auch den Mut, Entscheidungen zu treffen.

Weil es unser Leben ist, müssen wir über den Tod sprechen.

Über das Leben und über das Leben danach

Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurückEin Regentropfen kehrt ins Meer zurückEin Regentropfen kehrt ins Meer zurück

Warum wir uns vor dem Tod nicht fürchten müssen

Viele Menschen fürchten sich vor dem Sterben, vor Krankheit, Alter und Tod. Der in Japan praktizierende Zen-Meister Muho kann diese Ängste gut nachvollziehen: Der frühe Tod seiner Mutter, den er als siebenjähriges Kind erlebte, hat ihn zutiefst geprägt. In Deutschland geboren und aufgewachsen, führte ihn dieses einschneidende Erlebnis Jahre später zum Zen und schließlich nach Japan. Inzwischen leitet er das größte Zen-Kloster des Landes. Kaum jemand versteht es daher besser, die westliche und die östliche Sicht auf die zentralen Aspekte unseres Lebens zu verbinden: Während sich die meisten Menschen im Westen um ihre Zukunft sorgen und festzuhalten versuchen, was sie an Beziehungen, Erinnerungen und Werten besitzen, konzentriert man sich im Zen ganz auf den gegenwärtigen Moment. Die Kunst des Loslassens beginnt demnach nicht erst am Ende des Lebens, sondern jetzt – wenn wir uns auf diesen Augenblick einlassen.
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Totenkult und Begräbnissritten in aller Welt

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Wo die Toten tanzenWo die Toten tanzen

Wie rund um die Welt gestorben und getrauert wird

„Doughty – eine vertrauenswürdige Begleiterin durch die Welt des Todes – bringt uns zum Lachen.“ Washington PostDer New-York-Times-Bestseller endlich auf Deutsch!Fasziniert von unserer Angst vor dem Tod, zieht es die Bestatterin Caitlin Doughty in die Welt. Um zu erkunden, was wir von anderen Kulturen über Tod und Trauer lernen können, besucht sie in Indonesien einen Mann, der mit dem mumifizierten Körper seines Großvaters zusammenlebt. Verfolgt in Japan eine Zeremonie, bei der Angehörige die Knochen des Verstorbenen mit Stäbchen aus der Verbrennungsasche lesen. Und geht in Mexiko dem „Tag der Toten“ auf den Grund. Augenzwinkernd stellt sie Alternativen wie die Öko-Bestattung vor. Und hinterfragt, ob unsere westlichen Riten Raum zur angemessenen Trauer lassen. Ein außergewöhnliches Buch darüber, wie unterschiedlich mit der Sterblichkeit umgegangen werden kann. Und ein Plädoyer dafür, dem Tod wieder mit mehr Würde zu begegnen.

Prolog
Das Telefon klingelte, und mein Herz begann zu rasen.
In den ersten Monaten nach der Eröffnung meines Bestattungsinstituts löste ein klingelndes Telefon sofort helle Aufregung aus. Wir bekamen nicht viele Anrufe. „Was, wenn … was, wenn jemand gestorben ist?“, sagte ich dann atemlos. (Nun ja, wir sind ein Bestattungsinstitut – damit ist zu rechnen.)
Die Stimme am anderen Ende gehörte einer Hospizschwester. Sie hatte Josephine vor zehn Minuten für tot erklärt; der Leichnam war noch warm. Die Schwester saß am Bett der Toten und diskutierte mit Josephines Tochter. Die Tochter hatte sich für mein Institut entschieden, um zu verhindern, dass ihre Mutter, kaum dass sie ihren letzten Atemzug getan hatte, weggebracht wurde. Sie wollte den Leichnam noch eine Weile zu Hause behalten.
„Kann sie das machen?“
„Selbstverständlich“, erwiderte ich. „Wir raten sogar dazu.“
„Ist das nicht illegal?“, fragte die Schwester skeptisch.
„Nein, ist es nicht.“
„Normalerweise rufen wir das Bestattungsinstitut an, und die holen den Leichnam dann sehr schnell ab.“
„Die Tochter hat die Entscheidungsgewalt über den Leichnam ihrer Mutter. Nicht das Hospiz, kein Krankenhaus oder Pflegeheim, und schon gar nicht das Bestattungsinstitut.“
„Na gut, wenn Sie sich da sicher sind.“
„Ganz sicher“, sagte ich. „Richten Sie Josephines Tochter doch bitte aus, dass sie uns heute Abend anrufen kann oder morgen früh, wenn ihr das lieber ist! Sobald sie sich dazu in der Lage fühlt.“
Wir holten Josephine um acht Uhr abends ab, sechs Stunden, nachdem sie verstorben war. Am nächsten Tag schickte ihre Tochter uns ein Video, das sie mit dem Handy aufgenommen hatte. In dem Dreißig-Sekunden-Clip liegt die Verstorbene im Bett, bekleidet mit ihrem Lieblingspullover und um den Hals ihr Lieblingstuch. Kerzen flackern auf der Kommode neben dem Bett, und der Leichnam ist mit Blütenblättern bestreut.
Selbst auf der grobkörnigen Handyaufnahme war zu erkennen, dass Josephine an ihrem letzten Abend auf Erden strahlend aussah. Die Tochter war richtig stolz auf ihr Werk. Nachdem ihre Mutter sich immer um sie gekümmert hatte, kümmerte sie sich jetzt um ihre Mutter.
Nicht alle in meiner Branche heißen die Methoden gut, mit denen ich mein Bestattungsinstitut führe. Manche glauben, eine Leiche müsse einbalsamiert werden, um auf der sicheren Seite zu sein (stimmt nicht), und eine Leiche sollte nur den Händen von Fachleuten überlassen werden (stimmt auch nicht). Die Kritiker meinen, dass jüngere, progressive Bestatter „unseren Beruf ins Lächerliche ziehen“, und sie fragen sich, ob „das Bestattungswesen nicht allmählich zum Zirkus verkommt“. Ein Kollege versprach: „Wenn es irgendwann so weit ist, dass nicht einbalsamierte Leichen drei Tage lang zu Hause aufgebahrt werden, schmeiß ich hin!“
In meiner US-amerikanischen Heimat ist der Tod seit Anfang des 20. Jahrhunderts ein Riesengeschäft. Ein Jahrhundert hat den Amerikanern genügt, um zu vergessen, dass Bestattungen einmal etwas waren, wofür die Familie und die Gemeinschaft zuständig waren. Im 19. Jahrhundert hätte es niemanden verwundert, wenn Josephines Tochter den Leichnam ihrer Mutter selbst hergerichtet hätte – es wäre sogar befremdlich gewesen, wenn sie das nicht getan hätte. Es hätte niemanden verwundert, dass eine Ehefrau den Leichnam ihres Mannes wäscht und ankleidet oder dass ein Vater seinen Sohn in einem selbst gezimmerten Sarg zu Grabe trägt.
In beeindruckend kurzer Zeit ist unsere Bestattungsbranche zur teuersten, kommerziellsten und bürokratischsten auf der ganzen Welt geworden. Wenn wir überhaupt in irgendetwas die Besten sind, dann wohl darin, unsere trauernden Familien von ihren Verstorbenen getrennt zu halten.
Vor fünf Jahren, als mein Bestattungsinstitut (und dieses Buch) noch reines Wunschdenken war, mietete ich eine Hütte an einer abgelegenen Lagune in Belize. Damals führte ich das glamouröse Leben einer Krematoriumsmitarbeiterin und Leichenwagenfahrerin – die Hütte musste also sehr preiswert sein. Sie hatte weder Handyempfang noch WLAN. Die Lagune lag neun Meilen vom nächsten Ort entfernt und war nur mit einem Geländewagen zu erreichen. Der Fahrer war der Verwalter des Grundstücks, ein dreißig Jahre alter Belizer namens Luciano.
Nur damit Sie sich Luciano besser vorstellen können: Er wurde auf Schritt und Tritt von seinem Rudel treuer, leicht abgemagerter Hunde verfolgt. Wenn die Hütte nicht vermietet war, verschwand er manchmal tagelang im belizischen Busch, Flipflops an den Füßen, bewaffnet mit seiner Machete und gefolgt von seinen Hunden. Er jagte Hirsche, Tapire und Gürteltiere. Und wenn er erfolgreich war, tötete er seine Beute, häutete sie und aß das Herz direkt aus dem Brustkorb.
Luciano fragte mich, was ich beruflich machte. Als ich ihm erzählte, dass ich mit Toten arbeitete, in einem Krematorium, setzte er sich in seiner Hängematte auf. „Ihr verbrennt sie?“, fragte er. „Ihr grillt Menschen?“
Ich dachte über diese Formulierung nach. „Nun ja, die Anlage wird sehr viel heißer als ein Grill. Sie schafft fast tausend Grad, durch das ›Grillstadium‹ jagt sie also blitzschnell hindurch. Aber da ist was dran, ja.“
Wenn jemand in Lucianos Umfeld stirbt, holt die Familie den Leichnam nach Hause, um ihn einen ganzen Tag lang aufzubahren. In Belize lebt ein buntes Völkergemisch mit karibischen und lateinamerikanischen Einflüssen, und Englisch ist die Amtssprache. Luciano ist ein Mestize – ein Nachfahre der indigenen Maya und der spanischen Kolonisten.
Lucianos Großvater war in seiner Gemeinde der Totenwart, der Mann, den Angehörige mit der Herrichtung eines Leichnams betrauten. Wenn er kam, hatte bei dem Verblichenen manchmal bereits die Totenstarre eingesetzt, und die Muskeln waren so steif, dass das Baden und Ankleiden sich schwierig gestalteten. Luciano erzählte, dass sein Großvater in einem solchen Fall mit dem Leichnam sprach.
„Hör mal, willst du im Himmel gut aussehen? Ich kann dich nicht anziehen, wenn du dich so sperrst.“
„Dein Großvater hat die Totenstarre also durch gutes Zureden gelöst?“, fragte ich.
„Man musste den Leichnam auch noch mit ein bisschen Rum einreiben. Aber ja, er hat mit dem Toten gesprochen“, erwiderte er.
Nachdem er den Leichnam sozusagen überredet hatte, locker zu werden, drehte Lucianos Großvater ihn auf den Bauch und presste etwaige durch die Verwesung entstandene Flüssigkeiten und Gase heraus. In etwa so, wie man ein Baby Bäuerchen machen lässt – bring es zum Rülpsen, bevor es dich anrülpst.
„Gehört das in Amerika auch zu deinen Aufgaben?“, fragte er, während er über die Lagune blickte.
Natürlich haben die größeren Städte in Belize längst Bestattungsinstitute, die das amerikanische Geschäftsmodell kopiert haben und Familien teure Mahagonisärge und Marmorgrabsteine andrehen. Der gleiche Trend in Richtung Moderne gilt für belizische Krankenhäuser, die mitunter eine Obduktion verlangen, ob die Angehörigen das wollen oder nicht. Lucianos Großmutter hatte eindeutig bestimmt, dass sie nach ihrem Tod nicht aufgeschnitten werden wollte. „Deshalb haben wir ihre Leiche aus dem Krankenhaus geklaut“, erzählte Luciano mir.
„Wie bitte?“
Ich hatte richtig gehört: Sie hatten den Leichnam aus dem Krankenhaus gestohlen. Ihn einfach in ein Laken gewickelt und mitgenommen. „Was hätte das Krankenhaus denn schon machen können?“, fragte Luciano.
Eine ähnliche Geschichte erzählte er mir über einen Freund von ihm, der just in dieser Lagune ertrunken war. Luciano hatte die Polizei gar nicht erst verständigt. „Er war tot, was ging die das an?“
Wenn er stirbt, möchte Luciano in einem einfachen Loch beerdigt werden, eingehüllt in eine Tierhaut, die Wände des Grabs mit Blättern bedeckt. Er hat vor, das Leichentuch aus Tierhaut selbst zu entwerfen.
Er erklärte, dass er „ständig“ mit Freunden über den Tod spreche. Sie fragen einander: „Hey, was soll mit dir passieren, wenn du stirbst?“
Luciano fragte: „Reden die Leute bei dir zu Hause nicht so?“
Es war nicht leicht, ihm zu erklären, dass sie das die allermeiste Zeit tatsächlich nicht tun.
Eine der Hauptfragen bei meiner Arbeit war schon immer die, warum sich meine eigene Kultur mit dem Thema Tod so schwertut. Warum weigern wir uns, solche Gespräche zu führen, unsere Angehörigen und Freunde zu fragen, was mit ihrem Körper geschehen soll, wenn sie sterben? Unsere Vermeidungstaktik ist kontraproduktiv. Wenn wir uns davor drücken, über unser unausweichliches Ende zu reden, schadet das sowohl unserem Geldbeutel als auch unserer Fähigkeit zu trauern.
Ich wollte mit eigenen Augen sehen, wie in anderen Kulturen mit dem Tod umgegangen wird, weil ich glaubte, dann vielleicht zeigen zu können, dass es keine reglementierte Art gibt, mit dem Tod zu „verfahren“ oder ihn zu verstehen. In den letzten Jahren bin ich durch die Welt gereist, um mir anzusehen, welche Totenrituale in anderen Ländern praktiziert werden – in Australien, England, Deutschland, Spanien, Italien, Indonesien, Mexiko, Bolivien, Japan und in verschiedenen Gegenden der USA. Die Leichenverbrennungen in Indien und die skurrilen Särge in Ghana sind überaus lehrreich, doch die Orte, die ich besuchte, haben ebenso spektakuläre Geschichten zu bieten, die allerdings seltener erzählt werden. Ich hoffe, meine Entdeckungen können dazu beitragen, Sinn und Tradition in unser eigenes Umfeld zurückzuholen. Eine derartige Rückgewinnung ist mir als Betreiberin eines Bestattungsinstituts, aber mehr noch als Tochter und Freundin wichtig.

Der griechische Geschichtsschreiber Herodot lieferte vor über 2000 Jahren eine der ersten Schilderungen, wie sich eine Kultur über die Totenrituale einer anderen echauffiert. In der Anekdote lässt der Herrscher des Persischen Reichs eine Gruppe Griechen zu sich kommen. Da diese ihre Toten traditionell verbrennen, fragt der König sie, was sie dafür verlangen würden, wenn sie ihre verstorbenen Väter verspeisen sollten. Die Griechen sind entsetzt über die Frage und erwidern, dass sie sich für kein Geld der Welt zu Kannibalen machen lassen würden. Dann ruft der König eine Gruppe Kallatier zu sich, von denen bekannt ist, dass sie die Leichen ihrer Verstorbenen verspeisen. Er fragt, für welchen Preis sie bereit wären, ihre toten Väter zu verbrennen. Die Kallatier flehen ihn an, sie mit „solchen Scheußlichkeiten“ zu verschonen.
Diese Haltung – Abscheu vor dem Umgang anderer Gruppen mit ihren Toten – hat Jahrtausende überdauert. Wer jemals in die Nähe eines modernen Bestattungsinstituts gekommen ist, weiß, dass Bestatter ein Faible für ein Zitat haben, das William Gladstone zugeschrieben wird, einem britischen Premierminister des 19. Jahrhunderts. Es lautet:
Zeigt mir, wie eine Nation mit ihren Toten umgeht, und ich werde mit mathematischer Exaktheit
bemessen, wie es um ihre Barmherzigkeit bestellt ist, um ihren Respekt vor den Gesetzen des Landes und um ihre Treue zu hohen Idealen.

Sie gravieren dieses Zitat in Wandtafeln und platzieren es dick und fett neben flatternden amerikanischen Fahnen auf ihren Webseiten. Untermalt wird das Ganze in Endlosschleife von Songs wie „Amazing Grace“. Leider lieferte Gladstone uns nie die Gleichung, die es uns erlauben würde, mit der von ihm versprochenen „mathematischen Exaktheit“ festzustellen, dass eine bestimmte Methode des Umgangs mit den Toten zu 79,9 Prozent barbarisch ist, eine andere hingegen zu 62,4 Prozent würdevoll.
(Tatsächlich stammt das Zitat vielleicht gar nicht von Gladstone. Es tauchte erstmals 1938 in der Märzausgabe der Zeitschrift The American Cemetery auf, und zwar in einem Artikel mit dem Titel „Erfolgreiche Friedhofswerbung“. Bis heute ist ungeklärt, ob es auf Gladstone zurückgeht oder nicht, aber ein prominenter Gladstone-Forscher hat mir versichert, dass ihm dieses Zitat nie untergekommen sei. Er räumte lediglich ein, dass es „so klingt, als hätte Gladstone es gesagt haben können“.)
Selbst wenn wir den Wert des Rituals einer anderen Kultur anerkennen, wird dieses Gefühl der Akzeptanz oftmals von unseren Vorurteilen konterkariert. Im Jahr 1636 versammelten sich 2000 Angehörige des Stammes der Wendat-Indianer um ein gemeinschaftliches Grubengrab am Ufer des heutigen Huronsees in Kanada. Das Grab war knapp zwei Meter tief und sieben Meter breit und sollte die Gebeine von siebenhundert Menschen aufnehmen.
Für die Gebeine war das Grubengrab nicht die erste Station nach dem Tod. Als sie noch frische Leichen waren, wurden sie in Biberfell-Gewänder gewickelt und auf drei Meter hohe Holzgerüste gelegt. Etwa alle zehn Jahre trugen die verstreuten Huron-Wendat-Stammesgruppen die sterblichen Überreste ihrer Verstorbenen zusammen, um sie bei einem sogenannten Fest der Toten gemeinsam zu begraben. Dafür wurden die Skelette von den Gerüsten geholt, und Familienangehörige, hauptsächlich Frauen, kratzten eventuelle Fleischreste von den Knochen.
Wie schwierig sich die Säuberung der Knochen gestaltete, hing davon ab, wie lange der Mensch schon tot war. Manche Leichen waren verwest, und am Skelett haftete bloß noch getrocknete, papierdünne Haut. Andere Leichen waren nahezu mumifiziert, sodass das ausgedörrte Fleisch in Streifen abgezogen und verbrannt werden musste. Am schwierigsten waren die Leichen von kürzlich Verstorbenen, denn die wimmelten von Maden.

Ein Zeuge dieses Säuberungsrituals war ein katholischer Missionar aus Frankreich namens Jean de Brébeuf, der seine Beobachtungen festhielt. Er reagierte nicht entsetzt, sondern beschrieb mit großer Bewunderung, wie zartfühlend die Angehörigen ihre Toten behandelten. In einem Fall beobachtete de Brébeuf, wie eine Familie einen vor Verwesung triefenden Leichnam auswickelte. Unverzagt machten die Angehörigen sich daran, die Knochen zu säubern und sie in ein neues Biberfell-Gewand zu hüllen. De Brébeuf fragte sich, ob das nicht „ein leuchtendes Vorbild für Christen“ sei. Ähnliche Bewunderung brachte er für die Zeremonie am Grubengrab zum Ausdruck. Als die Leichen mit Sand und Rinde bedeckt wurden, fand er es „ermutigend“, solchen „Gnadenakten“ beiwohnen zu dürfen.
Ich bin sicher, dass de Brébeuf in dem Moment, als er am Rand der Grube stand, von den Totenritualen des Wendat-Stammes ergriffen war. Das änderte jedoch nichts an seiner größten glühenden Hoffnung, dass alle Bräuche und Zeremonien der Wendat von christlichen Zeremonien überlagert und durch sie ersetzt würden, damit sie „heilig“ und nicht mehr „töricht und sinnlos“ wären.
Es sollte erwähnt werden, dass die Indianervölker Kanadas den Alternativritualen, die Missionar de Brébeuf ihnen antrug, nicht gänzlich aufgeschlossen gegenüberstanden. Der Historiker Erik Seeman schrieb, dass Ureinwohner und Europäer häufig „schaurige Perversionen“ aneinander entdeckten. Wie sollten die Wendat glauben, dass die französischen Katholiken hehre Ziele hatten, wenn diese sich offen zum Kannibalismus bekannten und damit prahlten, in einem Brauch, der sich Kommunion nannte, Fleisch und Blut (noch dazu ihres eigenen Gottes) zu verzehren?
Da Religion der Ursprung vieler Totenrituale ist, berufen wir uns oft auf den Glauben, um die Bräuche anderer zu verunglimpfen. Noch 1965 schrieb James W. Fraser in seinem Buch Cremation: Is It Christian? (Spoiler: Nein, ist sie nicht), die Einäscherung sei ein „barbarischer Akt“ und leiste „Verbrechen Vorschub“. Für einen anständigen Christenmenschen sei es eine abstoßende Vorstellung, wenn der Leichnam eines Freundes behandelt werde „wie ein Rinderbraten im Ofen, mit triefendem Fett und brutzelndem Gewebe“.
Ich glaube mittlerweile, dass die Vorzüge eines Totenbrauchs nicht auf Mathematik beruhen (zum Beispiel zu 36,7 Prozent ein „barbarischer Akt“), sondern auf Emotionen, auf dem Glauben an die einzigartige Würde der jeweils eigenen Kultur. Das heißt, wir halten Totenrituale nur dann für primitiv, wenn sie nicht mit den unseren übereinstimmen.

An meinem letzten Tag in Belize nahm Luciano mich mit auf den Friedhof, wo seine Großeltern (einschließlich der gestohlenen Großmutter) ruhen. Der Friedhof war voll mit oberirdischen Gräbern, einige gepflegt, andere verwahrlost. Um ein umgekipptes, von Unkraut umgebenes Kreuz war ein Damenschlüpfer gewickelt. Auf zwei Gräber hatte jemand plump mit schwarzer Farbe „Gaza Earth“ und „Repent All Man“ gesprüht.
In der hinteren Ecke unter einem Baum lagen die Särge von Lucianos Großeltern übereinandergestapelt in einem Grab mit Betondeckel. „Meine Großmutter wollte diesen ganzen Zement nicht. Sie wollte bloß ein Loch in der Erde, Staub zu Staub. Aber wie das so ist …“
Luciano wischte liebevoll das Laub vom Grab.
Mich beeindruckte, dass Luciano bei jedem Schritt des Todes seiner Großmutter dabei war. Beim Diebstahl ihres Leichnams aus dem Krankenhaus, bei der Totenwache, wo die Familie Rum trank und Ranchera (Omas Lieblingsmusik) spielte, und Jahre später bei der Pflege ihres Grabs.
Im Gegensatz dazu müssen sich Trauernde in der westlichen Bestattungsindustrie nach jedem Verlust ihren Weg durch eine gezielte Verschleierung bahnen. Die meisten Leute können nicht sagen, welche Chemikalien bei der Einbalsamierung in ihre Mutter gepumpt werden (Antwort: eine Mischung aus Formaldehyd, Methanol, Äthanol und Phenol) oder warum sie einen 3000 Dollar teuren Edelstahlsarg für den Friedhof kaufen müssen (Antwort: damit das Grab sich nicht absenkt und die Gärtner den Rasen besser mähen können). Eine 2017 vom Radionetzwerk NPR in Auftrag gegebene Untersuchung amerikanischer Bestattungsinstitute stieß auf „ein verwirrendes, nutzloses System, das darauf abzielt, undurchschaubar für den Durchschnittsverbraucher zu sein, der gezwungen wird, in einer Zeit der Trauer und der finanziellen Belastungen kostspielige Entscheidungen zu treffen“.
Wir müssen unsere Bestattungsindustrie durch die Einführung neuer Methoden reformieren, die weniger gewinnorientiert sind und Angehörige stärker einbeziehen. Doch wir können unseren Umgang mit den Toten nicht reformieren – oder auch nur hinterfragen! –, wenn wir dieselbe Haltung einnehmen wie Jean de Brébeuf, also fälschlicherweise davon überzeugt sind, es richtig zu machen, während all diese „anderen Leute“ pietätlos und barbarisch sind.
Diese geringschätzige Haltung findet sich selbst dort, wo man es nie vermuten würde. Lonely Planet, der weltweit größte Verlag für Reiseliteratur, hat den idyllischen Friedhof des Dorfs Trunyan in seinen Guide über Bali aufgenommen. Die Bewohner von Trunyan flechten Bambuskäfige für ihre Toten, lassen sie darin verwesen und stapeln die Schädel und Knochen dann draußen in der sattgrünen Landschaft. Statt einer Erklärung, was es mit diesen uralten Bräuchen auf sich hat, gibt Lonely Planet klugen Reisenden den Rat, „sich das schaurige Spektakel zu ersparen“.
Wahrscheinlich käme es für Sie nie infrage, Ihren guten alten Dad zu verspeisen, wie es bei den Kallatiern Sitte war. Für mich auch nicht, schließlich bin ich Vegetarierin (ein Witz, Dad). Dennoch ist es eindeutig falsch zu behaupten, unsere im Westen üblichen Totenrituale seien denen der übrigen Welt überlegen. Durch die Ökonomisierung und Kommerzialisierung des Umgangs mit unseren Verstorbenen ist es vielmehr so, dass wir dem Rest der Welt hinterherhinken, wenn es um Nähe, Intimität und Rituale in Sachen Tod geht.
Die gute Nachricht: Niemand zwingt uns zu einem distanzierten und schambesetzten Verhältnis zum Tod. Der erste Schritt zur Lösung des Problems wäre, sich der Herausforderung zu stellen, präsent und engagiert zu sein. In großen, modernen Städten wie Tokio und Barcelona habe ich erlebt, dass Familien genau das tun, dass sie zusammenkommen, um den ganzen Tag mit dem Leichnam zu verbringen und auch noch bei der Einäscherung zugegen zu sein. In Mexiko habe ich gesehen, wie Angehörige noch Jahre nach dem Tod eines geliebten Menschen auf den Friedhof gehen und Geschenke aufs Grab legen, damit niemand vergessen wird.
Viele der in diesem Buch beschriebenen Rituale unterscheiden sich stark von unseren, doch ich hoffe, dass Sie die Schönheit erkennen werden, die in diesem Unterschied liegt. Vielleicht gehören Sie zu den Leuten, bei denen alles, was mit dem Tod zu tun hat, Ängste und Beklemmungen auslöst. Aber Sie sind hier. Genau wie die Menschen, die Sie in diesem Buch kennenlernen werden, haben Sie sich der Herausforderung gestellt.


Colorado
Crestone
Eines Nachmittags im August erhielt ich eine E-Mail, auf die ich seit geraumer Zeit gewartet hatte.
Caitlin,
heute am frühen Morgen wurde Laura, ein sehr geschätztes Mitglied unserer Gemeinde, tot
aufgefunden: Sie war herzkrank und hatte gerade ihren 75. Geburtstag gefeiert. Ich weiß nicht,
wo Sie sind, aber wir würden uns freuen, wenn
Sie kommen.
Stephanie

Mit Lauras Tod hatte niemand gerechnet. Am Sonntagabend hatte sie noch munter auf einem Gemeindefest getanzt. Am Montagmorgen lag sie tot in ihrer Küche. Am Donnerstagmorgen würde die Familie sie einäschern lassen, und ich würde dabei sein.
Die Feuerbestattung war für Punkt sieben Uhr angesetzt, wenn die Sonne das blaue Licht der Dämmerung durchbrechen würde. Kurz nach halb sieben trafen die ersten Trauergäste ein. Ein Pick-up mit Lauras Sohn am Steuer fuhr vor. Lauras Leichnam, eingehüllt in ein korallenrotes Leichentuch, lag auf der Ladefläche. Es war gemunkelt worden, dass ihr Pferd, Bebe, auch dabei sein würde, doch im letzten Moment hatte die Familie befunden, dass Bebe die vielen Menschen und das Feuer nicht verkraften würde. Das Pferd, so ließ man verlauten, könne der Einäscherung „bedauerlicherweise nicht beiwohnen“.
Angehörige von Laura hoben ihren Leichnam vom Pick-up und trugen ihn auf einer Stofftrage über eine mit Sonnenhut bewachsene Wiese den sanften Hang hinauf zum Scheiterhaufen. Ein Gong schallte durch die Luft. Als ich vom Parkplatz den Sandweg hinaufging, reichte mir eine strahlende Helferin einen frisch geschnittenen Wacholderzweig.
Unter dem hohen Himmel von Colorado wurde Laura auf ein Metallgitter gelegt, das auf zwei parallel stehenden, glatten weißen Betonplatten ruhte. Ich hatte den leeren Scheiterhaufen schon zweimal vorher besucht, doch jetzt, mit dem Leichnam darauf, wurde sein Zweck erst so richtig klar. Nacheinander traten die Trauergäste vor und legten einen Wacholderzweig auf Lauras Körper. Als einzige Anwesende, die sie nicht gekannt hatte, zögerte ich, meinen Zweig abzulegen – vielleicht aus einer Art Bestattungsverlegenheit. Aber ich konnte den Zweig ja schlecht in der Hand behalten (zu offensichtlich) oder in meinen Rucksack stecken (geschmacklos), also trat ich vor und legte ihn auf das Leichentuch.
Lauras Angehörige, darunter ein Junge von acht oder neun Jahren, gingen um den Scheiterhaufen herum und stapelten Scheite aus Kiefern- und Fichtenholz, das wegen seiner ausgezeichneten Brennfähigkeit ausgewählt worden war. Lauras Partner und ihr erwachsener Sohn standen mit brennenden Fackeln bereit. Auf ein Signal hin senkten sie die Fackeln und setzten das Holz genau in dem Moment in Brand, als die Sonne über den Horizont lugte.
Weißer Rauch stieg in winzigen Wirbeln von den Flammen, die Lauras Leichnam verzehrten, in die Höhe und verschwand im Morgenhimmel. Der Geruch rief mir eine Passage aus einem Buch von Edward Abbey in Erinnerung:
Das Feuer. Der Geruch brennenden Wacholders ist der süßeste Duft auf dem Erdenrund, wenn ich mir dieses Urteil erlauben darf. Selbst alle Weihrauchfässer aus Dantes Paradies zusammen könnten es kaum mit ihm aufnehmen. Einmal Wacholderrauch tief eingeatmet – oder den Duft des Wüstenbeifuß nach dem Regen –, und schon erstehen in einer magischen Katalyse, wie manchmal bei Musik, der Raum und das Licht, die Klarheit und die durchdringende Fremdheit des amerikanischen Westens. Möge er lange brennen.

Nach einigen Minuten lösten sich die Rauchwirbel auf, und an deren Stelle tanzten nun leuchtende rote Flammen. Das Feuer gewann an Kraft, loderte zwei Meter hoch, und die Trauergäste, 130 an der Zahl, umstanden es schweigend. Das einzige Geräusch war das Knacken von brennendem Holz, als würden sich Lauras Erinnerungen eine nach der anderen im Äther ausbreiten.
Die Feuerbestattung, wie sie in dem kleinen Ort Crestone, Colorado, praktiziert wird, gibt es seit Zehntausenden von Jahren. Bekanntermaßen bedienten sich die alten Griechen, Römer und Hindus der einfachen Alchemie des Feuers, um das Fleisch zu verbrennen und die Seele zu befreien. Aber die Feuerbestattung selbst geht noch weiter zurück.

Ende der 1960er-Jahre entdeckte ein junger Geologe im entlegenen Outback Australiens die verbrannten Knochen einer erwachsenen Frau. Er schätzte das Alter der Knochen auf bis zu 20 000 Jahre. Weitere Untersuchungen ergaben, dass sie sogar 42 000 Jahre alt waren, womit sie aus einer Zeit stammten, die 22 000 Jahre vor dem vermuteten ersten Auftauchen der Aborigines lag. Die Frau musste in einer grünen Landschaft gelebt haben, in der es von riesigen Tieren wimmelte (Kängurus, Wombats, andere ungewöhnlich große Nagetiere). Ihre Nahrung bestand aus Fisch, Samen und den Eiern von gewaltigen Emus. Nach ihrem Tod wurde die Frau, heute bekannt als „Mungo Lady“, von ihrer Sippe verbrannt. Anschließend wurden ihre Knochen zertrümmert, ein zweites Mal verbrannt und rituell mit rotem Ocker bestreut, bevor man sie in der Erde vergrub, wo sie 42 000 Jahre lang ruhten.
Apropos Australien (diese Überleitung zahlt sich aus, versprochen), zehn Minuten nach Beginn von Lauras Feuerbestattung nahm eine der Frauen, die für das Feuer zuständig waren, ein Didgeridoo und bedeutete einem Mann, der eine hölzerne Flöte in der Hand hielt, mit ihr im Duett zu spielen.
Ich machte mich auf das Schlimmste gefasst. Das Didgeridoo ist ein groteskes Instrument für eine amerikanische Bestattung. Doch der satte, volltönende Bass in Verbindung mit dem traurigen Klang der Flöte war irgendwie magisch und beruhigte die Trauergäste, während sie tiefer in die Flammen starrten.
Nun könnte man meinen, es sei irgendeine amerikanische Kleinstadt, irgendeine Trauergemeinde, die sich da um den Scheiterhaufen versammelt hatte. Doch weit gefehlt. Der Scheiterhaufen in Crestone ist der einzige unter freiem Himmel in den USA und sogar in der westlichen Welt.
Die Feuerbestattungen in Crestone verliefen nicht immer so ergreifend. Vor den Prozessionen im Morgengrauen und den Didgeridoos und den gut vorbereiteten Wacholderzweig-Verteilern gab es bloß Stephanie, Paul und ihre mobile Feuerstelle.
„Wir waren die mit dem mobilen Scheiterhaufen“, erklärte Stephanie Gaines sachlich. Sie bezeichnete sich selbst als hyperengagierte Buddhistin. „Ich bin ein Power-Widder“, fügte sie hinzu, „ein dreifacher Widder – meine Sonne, mein Mond und mein Aszendent.“ Mit ihren zweiundsiebzig Jahren betreibt sie in Crestone die Feuerbestattungen mit Logistik, Charme und weißem Bubikopf.
Stephanie und Paul Kloppenberg, ein ebenso bezaubernder Typ mit starkem holländischem Akzent, waren mit ihrem Scheiterhaufen ständig in Bewegung, transportierten ihn von Ort zu Ort, verbrannten Tote auf Privatgrundstücken und waren schon wieder weg, ehe die Obrigkeit sie aufhalten konnte. Auf diese Weise führten sie sieben Feuerbestattungen durch.
„Wir sind einfach angekommen und haben alles schnell und unauffällig aufgebaut“, sagte Paul.
Der mobile Scheiterhaufen war eine simple Konstruktion aus Betonziegeln mit aufgelegtem Rost. Aufgrund der enormen Hitze war der Rost nach jeder Feuerbestattung verzogen und verbogen. „Wir mussten mit dem Pick-up drüberfahren, um ihn wieder flach zu kriegen“, erklärte Stephanie. „Es kommt einem verrückt vor, aus heutiger Sicht“, schob sie amüsiert, aber nicht kleinlaut nach.
2006 machte sich das Paar auf die Suche nach einem dauerhaften Ort für die Feuerbestattungen. Crestone schien einfach perfekt zu sein, ländlich im wahrsten Sinne des Wortes, vier Stunden südlich von Denver, 137 Einwohner (1400 in der Umgebung). Das verleiht Crestone einen irgendwie libertären Anstrich, nach dem Motto: „Der Staat kann mich mal.“ Marihuana ist ebenso legal wie Bordelle. (Nicht, dass da irgendwelche Bordelle betrieben werden, aber erlaubt wär’s.)
Der Ort lockt alle möglichen spirituellen Suchenden an. Es kommen Leute aus der ganzen Welt, um zu meditieren, auch der Dalai Lama war schon da. Flyer in den Naturkostläden preisen Qigong-Unterricht und Schattenweisheitslehrer an, Meditationen für Kinder, um „ihr natürliches Genie zu wecken“, Retreats für nordafrikanische Tanzkurse und etwas, das sich „Sakralraum Zauberwald“ nennt. Zu Crestones Einwohnern zählen Aussteiger und Scheckbuch-Hippies, doch viele, die hier leben, sind wahrhaft überzeugte Gläubige: Buddhisten, Sufis und Karmeliterinnen. Laura selbst war jahrzehntelang Anhängerin des indischen Philosophen Sri Aurobindo.
Pauls und Stephanies erster Vorschlag für einen dauerhaften Feuerbestattungsort wurde abgeschmettert, als Grundstücksbesitzer in Windrichtung des angedachten Standorts – „Raucher, wohlgemerkt“, so Paul – mit dem Argument „nicht vor meiner Haustür“ ihr Veto einlegten. Stephanies Meinung nach waren das „notorische Nörgler“, die gar nicht erst hören wollten, dass keinerlei Gefahr von Bränden, unangenehmen Gerüchen, Quecksilbervergiftungen (verursacht von Zahnfüllungen) oder Feinstaub bestand. Die Raucher schrieben Briefe an die Bezirksverwaltung und die Umweltschutzbehörde.
Im Gegenzug gaben sich die Betreiber des mobilen Scheiterhaufens eine seriöse Rechtsform und gründeten eine gemeinnützige Organisation, das Crestone End of Life Project. Sie reichten einen Antrag nach dem anderen ein, sammelten vierhundert Unterschriften (fast ein Drittel der Bevölkerung von Crestone und Umgebung) und füllten dicke Ordner mit juristischen Dokumenten und wissenschaftlichen Abhandlungen. Sie besuchten sogar sämtliche Einwohner von Crestone und hörten sich deren Bedenken an.
Anfangs trafen sie auf heftigen Widerstand. Ein Mann in der Anti-Scheiterhaufen-Fraktion nannte die Gruppe „Nachbarn verbrennen Nachbarn“. Als Paul und Stephanie den (scherzhaft gemeinten) Vorschlag machten, einen Festwagen bei der jährlichen Parade zu sponsern, erhob eine Familie Protest, weil ein mit Pappmascheeflammen geschmückter Festwagen „schrecklich taktlos“ sei.
„Die Leute haben sogar befürchtet, durch den Scheiterhaufen würde zu viel Verkehr in den Ort kommen“, sagte Stephanie. „Dabei sind in Crestone schon sechs Autos zu viel Verkehr.“
Paul erklärte: „Es gibt jede Menge Ängste: ›Was ist mit Luftverschmutzung? Ist so was nicht makaber? Bei allem, was mit Tod zu tun hat, krieg ich Gänsehaut.‹ Man muss geduldig bleiben, sich ihre Wünsche anhören.“
Paul und Stephanie ließen sich trotz der fast unüberwindlichen rechtlichen Hürden nicht entmutigen, weil viele im Ort von der Idee des Scheiterhaufens angetan waren. (Die Möglichkeit, sich auf einem Scheiterhaufen verbrennen zu lassen, hatte einige derart begeistert, dass sie Paul und Stephanie baten, einen Betonziegelgrill in ihren Gärten aufzubauen.) „Wie viele Leute bieten schon einen Service an, der bei anderen Leuten wirklich Resonanz findet?“, fragte Stephanie. „Wenn keine Resonanz da ist, vergiss es. Diese Resonanz war es, die uns Auftrieb gab.“
Schließlich fanden sie für ihren Scheiterhaufen einen festen Standort: außerhalb von Crestone, einige Hundert Meter von der Hauptstraße entfernt. Das Grundstück war eine Schenkung vom Dragon Mountain Temple, einer Gruppe von Zen-Buddhisten. Paul und Stephanie verstecken ihren Scheiterhaufen nicht. Wer mit dem Auto nach Crestone kommt, sieht ein Metallschild mit einer einzelnen Flamme und dem Schriftzug „Feuerbestattungen“. Das Schild hat ein Kartoffelfarmer (der auch als Leichenbeschauer fungiert) selbst gemacht, es bildet einen auffälligen Orientierungspunkt. Der Scheiterhaufen selbst steht auf einem Sandbett und ist von einer Bambuswand umgeben, die fast an Kalligrafie erinnert. Mehr als fünfzig Menschen sind dort bereits verbrannt worden, darunter auch (dramatische Wendung) der Mann, der sich „Nachbarn verbrennen Nachbarn“ hatte einfallen lassen und kurz vor seinem Tod einen Sinneswandel erlebte.
Drei Tage vor Lauras Feuerbestattung kamen Ehrenamtliche vom Crestone End of Life Project zu ihr nach Hause. Sie richteten den Leichnam her, halfen Lauras Freundinnen, ihn zu waschen, und legten ihn auf eine Kühldecke, um den Verwesungsprozess zu verlangsamen. Sie kleideten ihn in Naturstoffe – synthetische Textilien wie Polyester brennen nicht gut.
Die Organisation leistet Hinterbliebenen praktische Hilfe ungeachtet der anfallenden Kosten. Die Angehörigen müssen sich auch nicht für eine Feuerbestattung unter freiem Himmel entscheiden. Die Freiwilligen von Crestone End of Life bieten ihre Unterstützung selbst dann an, wenn die Angehörigen eine konventionelle Bestattung (mit Einbalsamierung), eine natürliche (ohne Metallsarg oder Einbalsamierung) oder eine Einäscherung im Bestattungsinstitut ein paar Orte weiter wählen. Paul bezeichnete letztere Option als „kommerzielle Verbrennung“.
Stephanie unterbrach ihn: „Paul, du solltest sie konventionelle Verbrennung nennen.“
„Nein“, widersprach ich, „kommerzielle Verbrennung klingt genau richtig.“
Crestone war für mich als Bestatterin inspirierend – weshalb ich immer wieder hinfuhr –, aber es überkam mich stets ein Hauch von (an Eifersucht grenzende) Melancholie. Sie hatten diesen wunderbaren Scheiterhaufen unter blauem Himmel, ich dagegen musste meine Familien zu einem lauten, staubigen Krematorium in einem Lagerhaus am Rande der Stadt bringen. Ich hätte sogar versprochen, die Didgeridoo-Spielerin einzuladen, wenn ich für mein Bestattungsinstitut Zugang zu einer so spektakulären Verbrennungsmöglichkeit gehabt hätte.

Die industrielle Einäscherung mittels Verbrennungsofen wurde erstmals im späten 19. Jahrhundert in Europa angedacht. 1869 kam eine Gruppe Fachärzte in Florenz zusammen, prangerte die Erdbestattung als unhygienisch an und sprach sich für einen Umstieg auf die Kremation aus. Fast zeitgleich machte die Pro-Kremations-Bewegung den Sprung über den großen Teich nach Amerika. Zu den tonangebenden Befürwortern zählten Reformer wie ein Mann mit dem albernen Namen Reverend Octavius B. Frothingham, der es für besser hielt, dass ein Leichnam sich in „weiße Asche“ verwandelte statt in eine „Fäulnismasse“. (Mein nächstes Drone-Folk-Album wird The Cremation Reforms of Octavius B. Frothingham heißen.)
Der erste Leichnam, der in Amerika durch „moderne, wissenschaftliche“ Einäscherung verbrannt wurde, war der von Baron Joseph Henry Louis Charles De Palm. (Korrektur: Das Drone-Folk-Album heißt jetzt The Burning of Baron De Palm.) Der gute Baron, ein mittelloser österreichischer Adeliger, der laut der New York Tribune „hauptsächlich als Leiche berühmt“ wurde, verstarb im Mai 1876.
Seine Einäscherung hatte man für Dezember angesetzt, sechs Monate nach seinem Tod. In der Zwischenzeit wurde seinem Leichnam Arsen injiziert, und als man Arsen für zu schwach hielt, um die Verwesung aufzuhalten, ließ man von einem Leichenbestatter die Organe aus dem Körper entfernen und die Haut mit Lehm und Karbolsäure einschmieren. Auf der Zugfahrt von New York nach Pennsylvania (wo er eingeäschert werden sollte) ging sein mumifizierter Leichnam kurzzeitig im Gepäckwaggon verloren, was zu einem, wie der Historiker Stephen Prothero es ausdrückte, „makabren Suchspiel“ führte.
Das Krematorium für diese Premiere wurde auf dem Anwesen eines Arztes in Pennsylvania gebaut. Es enthielt einen mit Kohle befeuerten Ofen, der den Leichnam einäschern sollte, ohne dass die Flammen ihn direkt berührten – schon allein die Hitze würde den Körper zersetzen. Obwohl der Arzt sagte, dass die Kremation „aus rein wissenschaftlichen und hygienischen Gründen“ erfolgte, wurde De Palms Leichnam mit Gewürzkräutern bestreut und auf ein Bett aus Rosen, Palmblättern, Primeln und Immergrün gelegt. Sobald sich der Körper im Ofen befand, war laut Zeugenberichten ein deutlicher Geruch nach verbranntem Fleisch wahrnehmbar, der jedoch bald den Düften von Blumen und Gewürzen wich. Nach einer Stunde im Ofen begann De Palms Körper sanft rosa zu schimmern. Das Schimmern färbte sich golden und leuchtete schließlich durchsichtig rot. Nach zweieinhalb Stunden war der Körper in Knochen und Asche zerfallen. Zeitungsjournalisten und Beobachter vor Ort erklärten, das Experiment habe zur „ersten sorgsamen und geruchlosen Verbrennung eines Menschen in einem Ofen“ geführt.
Von da an wurden die Kremationsanlagen immer größer, schneller und effizienter. Fast 150 Jahre später erfreut sich die Einäscherung größter Beliebtheit (2017 wurden erstmals mehr Amerikaner eingeäschert als begraben). Doch die Ästhetik und die Rituale rund um den Prozess haben sich kaum verändert. Unsere Kremationsöfen haben noch immer Ähnlichkeit mit ihren Vorläufern aus den 1870er-Jahren – zwölf Tonnen schwere Ungetüme aus Stahl, Ziegel und Beton. Sie verschlingen Monat für Monat Erdgas im Wert von Tausenden Dollar und speien Kohlenmonoxid, Ruß, Schwefeldioxid und hochgiftiges Quecksilber in die Atmosphäre.

Die meisten Krematorien, vor allem in größeren Städten, sind in die Industriegebiete verbannt, versteckt in unscheinbaren Lagerhäusern. Von den drei Krematorien, in denen ich in meinen neun Jahren im Bestattungswesen gearbeitet habe, lag eines gegenüber vom Auslieferungslager der Los Angeles Times, wo zu jeder Tages- und Nachtzeit Lkw abfuhren, eines lag hinter dem Lagerhaus von Structural and Termite (was auch immer die da machen), und eines lag neben einem Schrottplatz, auf dem Autos zur Altmetallgewinnung zerlegt wurden.
Gelegentlich befinden sich Krematorien auch auf dem Gelände von Friedhöfen, doch dann sind sie meist in irgendwelchen Betriebsgebäuden versteckt, sodass trauernde Angehörige, die der Einäscherung beiwohnen möchten, an Rasenmähern vorbeimüssen oder an bergeweise verrottenden Blumenkränzen, die von den Gräbern geräumt wurden.
Einige Krematorien bezeichnen sich als „Einrichtungen, die das Leben feiern“, oder als „würdevolle Einäscherungszentren“. Dort können Angehörige in klimatisierten Räumen durch Glasfenster zuschauen, wie der Leichnam durch eine kleine Metalltür in der Wand verschwindet. Die Anlage hinter dieser Wand ist der gleiche industrielle Verbrennungsofen, der auch in den Lagerhäusern benutzt wird, aber die Hinterbliebenen können den Zauberer hinter dem Vorhang nicht sehen. Diese Tarnung entfernt die Menschen noch weiter von der Realität des Todes und der klobigen, ökologisch unsinnigen Anlage. Das Privileg, die eigene Mutter in ein „würdevolles Einäscherungszentrum“ zu bringen, kann den Preis auf über 5000 Dollar steigern.
Ich behaupte nicht, dass ein Wechsel zur Kremation unter freiem Himmel all diese Probleme lösen würde. In Ländern wie Indien und Nepal, wo Scheiterhaufenbestattungen die Norm sind, werden bei vielen Millionen Einäscherungen jedes Jahr über fünfzig Millionen Bäume verbrannt und Kohlenstoffaerosole in die Atmosphäre abgegeben. Nach Kohlendioxid belegen Kohlenstoffaerosole den zweiten Platz unter den größten menschengemachten Ursachen für den Klimawandel.
Doch das Crestone-Modell ist ein großartiger Ansatz. Die gemeinnützige Organisation hat schon etliche Anrufe von Reformern in Indien erhalten, die gern die Konstruktion und die Methoden des in Crestone verwendeten Scheiterhaufens übernehmen würden – mit reichlich Abstand vom Boden, um weniger Holz zu benötigen und weniger Schadstoffe freizusetzen. Wenn sich diese uralte Methode, die untrennbar mit der Religion und dem Land verbunden ist, reformieren lässt, dann gilt das auch für die modernen, industriellen Krematorien.

Laura hatte viele Jahre in Crestone gelebt, und es schien, als wäre der ganze Ort an jenem Morgen zu ihrer Feuerbestattung gekommen. Ihr Sohn Jason sprach als Erster ein paar Worte, den Blick starr auf die Flammen gerichtet. „Mom, danke für deine Liebe“, sagte er mit brüchiger Stimme. „Mach dir um uns keine Sorgen mehr, flieg und sei frei.“
Während das Feuer weiterbrannte, trat eine Frau vor und erzählte, wie sie selbst elf Jahre zuvor nach Crestone gekommen war. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie seit Jahren an einer chronischen Krankheit gelitten. „Ich bin nach Crestone gezogen, um wieder Freude am Leben zu finden. Ich dachte, die Wolken und der weite Himmel hätten mich geheilt, aber ich glaube, in Wirklichkeit war es Laura.“
„Wir sind alle bloß Menschen“, fügte eine andere Freundin von Laura hinzu. „Wir haben alle unsere Fehler. Aber an Laura habe ich keinen einzigen Fehler entdeckt.“
Die Flammen hatten mit Lauras korallenrotem Leichentuch kurzen Prozess gemacht. Während Trauernde sprachen, griffen die Flammen auf Lauras entblößte Haut und die weichen Gewebeschichten über. Das Feuer dehydrierte das Gewebe, das zum größten Teil aus Wasser besteht, sodass es zusammenschrumpfte und wegbrannte. Dadurch kamen ihre inneren Organe zum Vorschein und wurden als Nächstes von den Flammen erfasst.
Da ein solcher Anblick auf Unerfahrene grausig wirken kann, achteten die ehrenamtlichen Helfer darauf, dass die Umstehenden nicht allzu genau mitbekamen, was auf dem Scheiterhaufen vor sich ging. Sie arbeiteten ruhig und gekonnt, sorgten dafür, dass kein unangenehmer Geruch entstand, dass nicht unvermittelt der Kopf oder ein verkohlter Arm ins Blickfeld geriet. „Wir wollen den Leichnam nicht verstecken“, erklärte Stephanie, „aber die Feuerbestattungen stehen allen Leuten offen, und man kann nie wissen, wer dabei sein wird und wie jemand auf die intensiven Emotionen reagiert, die der Scheiterhaufen auslösen kann. Viele stellen sich vor, dass sie eines Tages selbst da liegen.“
Im weiteren Verlauf der Zeremonie legten die Helfer immer wieder unauffällig Holz nach. Insgesamt verbrannten sie bei dieser Feuerbestattung ein Drittel Klafter Holz, also mehr als einen Kubikmeter.
Schließlich erreichten die Flammen Lauras Knochen. Als Erstes die Knie, Fersen und Gesichtsknochen, einige Zeit später dann das Becken und die Arm- und Beinknochen. Das Wasser verdampfte vom Skelett, gefolgt vom organischen Material. Die Farbe der Knochen wechselte von Weiß zu Grau zu Schwarz und dann wieder zu Weiß. Das Gewicht der Scheite presste Lauras Knochen durch den Metallrost auf die Erde darunter.
Einer der Feuerwächter nahm eine lange Metallstange und stieß sie ins Feuer, genau an der Stelle, wo Lauras Kopf gelegen hatte, doch der Schädel war verschwunden.

Mir war gesagt worden, dass jede Feuerbestattung in Crestone unterschiedlich ablief. Einige waren eine kurze Angelegenheit, nach dem Motto „Anzünden und ab nach Hause“. Andere dauerten Stunden, weil die Trauernden dabei aufwendige religiöse und spirituelle Zeremonien vollzogen. Manche waren zwanglos, wie die Einäscherung des jungen Mannes, der sich gewünscht hatte, dass sein Scheiterhaufen mit zwei Litern Tequila übergossen und ein Joint daraufgelegt werden sollte. „Also, ich kann Ihnen sagen, alle in Windrichtung waren begeistert“, erzählte mir einer der Helfer.
Doch für jede Feuerbestattung gilt, dass sie für alle Anwesenden eine lebensverändernde Erfahrung ist. Die jüngste in Crestone eingeäscherte Person war Travis, der mit nur zweiundzwanzig Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Laut Polizeibericht waren er und seine Freunde, alle betrunken und high, viel zu schnell auf einer Landstraße unterwegs gewesen. Der Wagen überschlug sich, Travis wurde hinausgeschleudert und starb noch an der Unfallstelle. Alle jungen Leute aus Crestone und den umliegenden Orten kamen zu seiner Feuerbestattung. Als Travis’ Körper auf den Scheiterhaufen gelegt wurde, zog seine Mutter das Leichentuch ein Stück herunter und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Travis’ Vater nahm das Gesicht des jungen Mannes, der am Steuer des Unfallwagens gesessen hatte, in beide Hände und sagte vor der versammelten Trauergemeinde: „Sieh mich an, ich vergebe dir.“ Dann wurde das Feuer entzündet.
Lauras Feuerbestattung war etwa eine Stunde im Gange, als sich die zu Beginn noch sehr deutlich spürbare Trauer in Luft aufgelöst zu haben schien. Die letzte Rednerin trat vor und sprach die Anwesenden in einem Ton an, der neunzig Minuten zuvor noch völlig unangemessen gewesen wäre. „Ihr habt alle gesagt, was Laura für ein wunderbarer Mensch war, und das stimmt auch. Aber ich werde sie als ein ganz wildes Weibsbild in Erinnerung behalten. Eine Partylöwin. Ich möchte einmal laut für sie brüllen.
Oooooooooooooooooooooo“, brüllte sie, und alle ringsherum fielen mit ein. Selbst ich, die ich kurz zuvor noch zu schüchtern gewesen war, meinen Wacholderzweig auf den Scheiterhaufen zu legen, stieß ein zaghaftes Brüllen aus.

Über ein menschenwürdiges Ende des Lebens

Glücklich sterben?Glücklich sterben?

Mit dem Gespräch mit Anne Will

Lange war es ein Tabu in Deutschland, und nun hat es ausgerechnet ein katholischer Theologe gebrochen. Hans Küng hat im Gespräch mit Anne Will erklärt, dass er es für erlaubt hält, sein Leben zu beenden, wenn es unerträglich geworden ist. Seitdem ist eine Diskussion im Gange, die keinen unberührt lässt. In seinem Buch verbindet Küng frühere Texte über das Sterben mit seinen Glaubensüberzeugungen und theologischen Einsichten zu einer klaren Position: „Glücklich sterben“ hat in seinen Augen nichts mit „Selbstmord“ zu tun, sondern meint ein menschenwürdiges Ende des Lebens.

Ein persönliches Vorwort

„Sie gefährden Ihr ganzes großes Lebenswerk durch Ihr dezidiertes Eintreten für Selbstverantwortung im Sterben.“ So oder ähnlich haben sich seit Erscheinen des dritten Bandes meiner Memoiren „Erlebte Menschlichkeit“ (Oktober 2013) nicht wenige Freunde und Leser mündlich oder schriftlich mir gegenüber geäußert. Solche Einwände nehme ich sehr ernst, möchte ich doch nicht vor allem mit dem Thema Sterbehilfe der Nachwelt in Erinnerung bleiben. Meine Einstellung zum Sterben kann man letztlich ja nur dann richtig bewerten, wenn man etwas weiß von meinem lebenslangen Bemühen um grundlegende Themen wie die Gottesfrage, das Christsein, ewiges Leben, Kirche, Ökumene, Weltreligionen, Weltethos …

Ich bekenne mich nach wie vor zur ersten der vier „unbedingten Weisungen“ eines Weltethos, zur „Verpflichtung auf eine Kultur der Ehrfurcht vor allem Leben“, wie sie das Parlament der Weltreligionen in Chicago 1993 proklamiert hat: „Aus den großen alten religiösen und ethischen Traditionen der Menschheit vernehmen wir die Weisung: Du sollst nicht töten! Oder positiv: Hab Ehrfurcht vor dem Leben! Besinnen wir uns also neu auf die Konsequenzen dieser uralten Weisung: Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit und freie Entfaltung der Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt. Kein Mensch hat das Recht, einen anderen Menschen physisch oder psychisch zu quälen, zu verletzen, gar zu töten.“ Doch gerade weil „die menschliche Person unendlich kostbar und unbedingt zu schützen“ ist, und dies bis an ihr Ende, muss genau überlegt werden, was dies im Zeitalter einer Hochleistungsmedizin bedeutet, die das Sterben weitgehend schmerzlos herbeizuführen, aber auch in vielen Fällen beträchtlich hinauszuzögern vermag.

Dieser Problematik möchte ich mich hier in -aller Offenheit stellen und möchte gerade niemanden von all den Vielen enttäuschen, denen ich oft über Jahrzehnte in mancher Hinsicht Orientierung geben konnte. Andererseits aber erfahre ich nun so viel Zustimmung und Bestärkung von religiösen wie nichtreligiösen Menschen, die mir dankbar sind für den Mut, gerade als christlicher, ja katholischer Theologe kompetent und ehrlich diese emotional wie politisch schwer belastete und entsprechend kontrovers diskutierte Frage der Sterbehilfe anzusprechen.

Man wird also unterscheiden müssen zwischen dem breiten Konsens in Bezug auf die Ehrfurcht vor dem Leben und dem Dissens bezüglich der Art und Weise einer Sterbehilfe. In den Weltethos-Dokumenten findet man zwar allgemein ein nachdrückliches Plädoyer für Ehrfurcht vor dem Leben, aber keine Stellungnahme zur speziellen Frage der Sterbehilfe, da sich zur Zeit diesbezüglich weder zwischen den Weltreligionen noch innerhalb der einzelnen Religionen ein Konsens feststellen lässt.

Mein Vorstoß bezüglich der Sterbehilfe ist meine höchst persönliche Angelegenheit, nicht etwa die der Stiftung Weltethos. Und so bitte ich denn in aller Bescheidenheit diejenigen, die meine Auffassung teilen, weiter um ihre Unterstützung, und diejenigen, die sie ablehnen, um das Bemühen, meine Auffassung vielleicht besser zu verstehen. Zu diesem Zweck habe ich dieses Buch geschrieben. Es ist kein völlig neues Opus – das habe ich mir 2013 in meinen Abschiedsreden verboten –, aber doch ein neues Opusculum, das jedem Leser eine Klärung und Vertiefung ermöglichen sollte.

Es erfüllt mich mit Dankbarkeit, dass mir noch die Kraft geschenkt war, dieses Buch zu vollenden. Spüre ich doch in der Endphase der Abfassung, wie meine Kräfte schwächer werden und mir auch manche geistige Tätigkeiten zur großen Anstrengung werden. Zweifellos könnte man an einigen Stellen dieses Buches noch weitere Details und Präzisierungen anbringen, doch hat ja mein Buch nicht etwa den Anspruch, die komplexe Frage der Sterbehilfe definitiv zu klären. Vielmehr will es einen Beitrag in einem andauernden Diskussionsprozess leisten und die Stimme eines christlichen Theologen einbringen, der von dieser Problematik selbst existenziell betroffen ist.

Von Herzen danke ich allen, die mir in dieser schwierigen Thematik mit vielfältigem Rat und wichtigen Informationen hilfreich waren, und allen, die ganz praktisch am Entstehen dieses Buches mitbeteiligt waren.

 

Tübingen, im Juni 2014

Hans Küng

 

 

Einleitung: Kann Sterben glücklich sein?

Sind Sterben und Glück nicht klare Gegensätze? „Dieser Mensch hat noch einmal Glück gehabt“, sagt man von einem, der beim Autounfall hart am Tod vorbeikam. Und meint damit das Glück des Zufalls, wofür die englische wie die lateinische Sprache mit „luck“ und „fortuna“ ein eigenes Wort zur Verfügung haben. Ebenso gibt es mit „happiness“ und „beatitudo“ ein eigenes Wort für das Glück der Erfüllung.

Der Mensch kann mitten im Alltag das kleine Glück des erfüllten Augenblicks erleben – etwa durch ein gutes Wort, eine freundliche Geste oder durch den Dank für eine von ihm erwiesene Wohltat. Ja, er kann bisweilen auch das große Glück eines momentanen Spitzenerlebnisses erfahren – etwa im Rausch der Musik, in einem überwältigenden Naturerlebnis, in der Ekstase der Liebe.

Nur eines kann der Mensch nicht: einer glücklichen Hochstimmung Dauer verleihen, weder durch Geld noch durch Alkohol oder Drogen. Gewiss vermögen höchst unterschiedliche Informationen im menschlichen Gehirn Endorphine, Glückshormone zu produzieren und so euphorische Glücksgefühle hervorzurufen. Doch Gewöhnung führt zur Abstumpfung; unser neurobiologisches Glückssystem ist nicht auf Dauerbetrieb angelegt. Fausts flehentliche Bitte an den Augenblick höchsten Glücks, „Verweile doch, Du bist so schön!“, kommt nicht von ungefähr und wird nicht erhört.

Ein anderes freilich scheint dem Menschen vielleicht möglich: Statt einer anhaltenden glücklichen Hochstimmung eine durchgehaltene glücklicheGrundstimmung, die ihnselbst in verzweifelten Situationen nicht verzweifeln lässt, sondern sein Vertrauen trägt. Gemeint ist konkret: grundsätzlich einverstanden sein mit dem Leben, wie es nun einmal ist, ohne sich jedoch mit allem abzufinden. Eine glückliche Grundstimmung heißt also ein Leben in Einklang, im Reinen mit sich. Und da frage ich mich: Lässt sich eine solche Grundhaltung nicht auch angesichts aller menschlichen Gebrechlichkeit und Vergänglichkeit bis hinein ins Sterben durchhalten?

Die „ars moriendi“, die „Kunst des Sterbens“, beschäftigt mich, seitdem in den 1950er-Jahren mein Bruder Georg monatelang an einem unheilbaren Gehirntumor leiden musste, bis er am Wasser in der Lunge erstickte. Sie drängte sich mir besonders auf, seitdem etwa von 2005 an mein lieber Kollege und Freund Walter Jens, obwohl bestens betreut, in seiner Demenz bis zu seinem Tod 2013 dahindämmerte. Diese Erfahrungen bestärkten mich in der Überzeugung: So will ich nicht sterben! Aber sie machten mir zugleich die Herausforderung deutlich, den Zeitpunkt für ein selbstverantwortetes Sterben nicht zu verpassen.

Dies vertraten der Literat Walter Jens und ich in den 1990er-Jahren gemeinsam in Vorlesungen des Studium Generale an der Universität Tübingen und 1995 im gemeinsamen Buch „Menschenwürdig sterben: ein Plädoyer für Selbstverantwortung“, dessen Neuaus­gabe 2009 ich noch mit „20 Thesen zur Sterbehilfe“ und Inge Jens mit einem wertvollen persönlichen Beitrag ergänzte.

Schließlich habe ich 2013 im letzten Kapitel meines dritten Memoirenbandes „Erlebte Menschlichkeit“ auf 50 Seiten meine persönliche Krankheitsgeschichte (Parkinson, Makuladegeneration, Polyarthritis in den Fingern …) und meine Haltung zum Sterben beschrieben. Dies legte ich in aller Offenheit dar, nicht zuletzt, um in der deutschen Öffentlichkeit, die noch immer unter dem kollektiven kollektiven Trauma der Nazimorde am angeblich „lebensunwerten Leben“ leidet, Verständnis zu wecken für die heutige Problematik eines immer weiter künstlich hinausgeschobenen Lebensendes.

Es gehört für mich zur Lebenskunst und zu meinem Glauben an ein ewiges Leben, mein zeitliches Leben nicht endlos hinauszuzögern. Wenn es an der Zeit ist, darf ich, falls ich es noch kann, in eigener Verantwortung über Zeitpunkt und Art des Sterbens entscheiden. Wenn es mir geschenkt sein sollte, möchte ich gerne bewusst sterben und mich menschenwürdig von meinen Lieben verabschieden. Glücklich sterben heißt für mich nicht ein Sterben ohne Wehmut und Abschiedsschmerz, wohl aber ein Sterben in völligem Einverständnis, in tiefster Zufriedenheit und in innerem Frieden. Das bedeutet im Übrigen auch das in viele moderne Sprachen eingegangene, aber von den Nazis schändlich missbrauchte altgriechische Wort „eu-thanasia“: ein „gutes“, „richtiges“, „leichtes“, „schönes“, „glückliches Sterben“.

Also ein „Requiescat in pace, er/sie möge ruhen in Frieden“. Alles noch zu Ordnende geordnet, in Dankbarkeit und in vertrauendem Gebet. Dies ist nicht nur eine Wunschvorstellung. Ich kenne Menschen, die in diesem Sinn glücklich gestorben sind: Meine Mutter gehört zu ihnen. Diese Haltung gründet für mich letztlich in der Hoffnung auf ein definitiv gelingendes, ewiges Leben, in einer anderen Dimension des Friedens und der Harmonie, andauernder Liebe und bleibendem Glück. Dies ist meine von der Bibel gespeiste Vorstellung von einem glücklichen Sterben.

Damit ist schon deutlich geworden: Solch glückliches Sterben hat nichts zu tun mit einem eigenmächtigen, gar noch zur Provokation der kirchlichen Autorität geplanten unseligen „Selbstmord“, wie mir manche Stimmen in den Medien, aber auch in persönlichen Zuschriften unterstellten. Einzelne Vertreter der „kirchlichen Lehre“ aber, von der meine Auffassung abweicht, haben offensichtlich noch nicht begriffen, dass sich auch unser Verständnis sowohl vom Anfang wie vom Ende des Menschenlebens mitten in einem epochalen Paradigmenwechsel befindet, der weder mit der Vorstellungswelt und Begrifflichkeit der mittelalterlichen noch der orthodox-protestantischen Theologie durchschaut und gemeistert werden kann. Heutzutage muss doch die enorme Lebensverlängerung aufgrund der früher unvorstellbaren Fortschritte der modernen Medizin und Hygiene in Betracht gezogen werden; zu berücksichtigen sind aber auch die korrigierenden nachmodernen Einsichten in die Grenzen einer rein naturwissenschaftlich-technisch argumentierenden und operierenden Medizin. Der Sinn für die Notwendigkeit einer die Menschlichkeit schützenden ethischen Fundierung einer ganzheitlichen Medizin ist gewachsen. Auch in der katholischen Kirche besteht seit dem Amtsantritt von Papst Franziskus Hoffnung auf größere Offenheit und erbarmende Hilfestellung in solchen notorisch schwierigen Fragen. Für ihn ist das Christentum keine abgehobene doktrinäre Ideologie, sondern ein Weg, den man erlernt, indem man ihn geht.

Auf manche in dieser Einführung angesprochenen Fragen war auch die prominente Fernseh-Moderatorin Anne Will in einem Gespräch mit mir eingegangen, das vom Ersten Deutschen Fernsehprogramm ARD am 20. November 2013 ausgestrahlt und vom Sender Phoenix am 2. Januar 2014 wiederholt wurde. Das Gespräch bildet die Plattform meiner weiteren Überlegungen. Ich bin meiner gescheiten und einfühlsamen Gesprächspartnerin von Herzen dankbar dafür, dass sie mir gestattet, diesen lebendigen und ungekünstelten Dialog hier zu veröffentlichen. Wollte ich doch wie gesagt kein völlig neues Buch schreiben, wohl aber zur Klärung und Vertiefung meiner Auffassung beitragen, auch auf schriftlich und mündlich geäußerte Einwände eingehen und dafür auf frühere Texte zurückgreifen sowie neue Kommentare hinzufügen. Einer breiteren Öffentlichkeit – und angesichts der gegenwärtigen Diskussion in Parlamenten, Berufsverbänden, Gerichten und Kirchen besonders Politikern, Ärzten, Juristen und Seelsorgern – möchte ich Stoff zu kritisch-selbstkritischen Reflexionen bieten. Dies alles in der Hoffnung auf eine interessierte und zugleich verständnisvolle Diskussion.

 

 

Gespräch mit Anne Will

 

Vom Glück des Widerspruchs

Anne Will: Lieber Hans Küng, wir sitzen hier im November 2013, an einem wunderschönen Tag, knallblauer Himmel, draußen Sonnenschein. 2013 ist für Sie ein besonderes Jahr, Sie sind 85 geworden, im März, und Sie haben mit dem dritten Band Ihre Lebenserinnerungen abgeschlossen. Also eine Art Abschluss, ein Ende, vom „Abend des Lebens“ schreiben Sie. Außerdem haben Sie öffentlich gemacht, dass Sie an Parkinson erkrankt sind. Und Sie haben auch gesagt, vor langer Zeit ja schon, Sie werden dann, wenn die Krankheit Sie verändern sollte, Sterbehilfe in Anspruch nehmen, aus dem Leben scheiden. Woher wissen Sie eigentlich, dass dann, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, kein ­irdisches Glück mehr auf Sie wartet?

Hans Küng: Ach, ich würde nicht sagen, dass kein irdisches Glück mehr auf mich wartet, sondern ich weiß dann nur, dass mein Leben sich vollendet hat, dass ich weiter keine Aufgaben mehr zu erfüllen habe, dass es einfach Zeit ist. Wie es bei Kohelet im Alten Testament heißt, es gibt eine Zeit zu leben und eine Zeit zu sterben. Und dann wird es eben so weit sein.

Anne Will: Ist es ein bestimmter Tag, den Sie jetzt schon kennen?

Hans Küng: Nein. Ich habe auch nie gesagt, ich würde mich sofort verabschieden, das wurde eine Zeit lang durch die Medien so verbreitet. Ich habe immer noch die Möglichkeit, dass meine verschiedenen Krankheiten …

Anne Will: Was ist es denn alles?

Hans Küng: Na ja, mit dem Schreiben habe ich Schwierigkeiten, ich habe Schwierigkeiten mit den Augen, eine Makuladegeneration, ich habe Schwierigkeiten mit dem Rücken, mit dem Lendenwirbel und so weiter. Das ist alles nicht schlimm, wenn man so will, aber es sind einfach Zeichen, dass die letzte Periode begonnen hat und dass mein Leben auch nicht ewig dauert. Ich habe mich von vornherein immer mit dem Leben so abgefunden, wie es war. Ich wollte das auch nicht verschweigen, was ich ja leicht hätte machen können. Ich hätte ja leicht diesen dritten Band furios abschließen können mit irgendeinem großen Ereignis. Ich habe genügend solcher Ereignisse erlebt. Aber ich wollte bis zum Ende die Wahrheit in Wahrhaftigkeit sagen.

Anne Will: Ich habe Sie eben kurz unterbrochen an der Stelle, als Sie, glaube ich, dabei waren, uns zu entwickeln, woran Sie festmachen könnten, dass der Zeitpunkt gekommen wäre, wo Sie sagen, okay, jetzt ist mein Leben vollendet, und jetzt mag ich den nächsten Schritt gehen.

Hans Küng: Also der sichere Terminus, wo es für mich klar wäre, wäre das, wenn ich irgendwelche Zeichen von Demenz spüre. Hier um die Ecke wohnte Walter Jens. Ich habe über Jahre seine Demenzerkrankung miterlebt. Wir haben ja in den 1990er-Jahren zusammen Vorlesungen gehalten, die „Menschenwürdig sterben“ hießen, unten in der Universität. Und Jens hat immer gesagt, es wäre für ihn ein Glück, wenn er wie Sigmund Freud damals einen Arzt fände, der ihm dann helfen würde zu sterben. Er hat das eigentlich vorgehabt, er hat aber den Moment verpasst. Ich will auf keinen Fall den Moment verpassen. Beginnende Demenz wäre jedenfalls eine klare Indikation, was sonst noch dazu kommen kann, das kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich bin bereit zu allem. Ich bin bereit, auch noch eine neue Aufgabe zu übernehmen, wenn eine sich stellt, die ich jetzt noch leisten kann. Aber ich will nicht in demselben Stil weitermachen. Ich habe alle Bücher geschrieben, die ich schreiben wollte, habe alle Reisen gemacht, die ich machen wollte, also ich bin in diesem Sinne ein glücklicher Mensch, relativ glücklich, und kann sagen, mein Werk hat sich in etwa gerundet und vollendet.

Wie kann man die Angst vor dem Tod besiegen?

Dem Tod begegnen und Hoffnung finden

Die emotionale und spirituelle Begleitung Sterbender

Vorwort von Sogyal Rinpoche

Wir alle sind mit dem Tod konfrontiert – dem von Freunden und Angehörigen, aber auch mit dem eigenen Sterben. Doch wie kann man sich emotional darauf vorbereiten, wie mit diesem tabubeladenen Thema umgehen? Unter Einbeziehung tibetisch-buddhistischer Lehren zeigt Christine Longaker, Mitbegründerin eines Hospizes in Kalifornien, wie wir uns spirituell und emotional auf den Tod vorbereiten können.
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„... eignet sich für Angehörige und professionell Pflegende.” NovaCura

Blick ins Buch
Was am Ende wichtig istWas am Ende wichtig ist

Geschichten vom Sterben

Die Patienten, die Petra Anwar besucht, haben keine Aussicht auf Heilung. Und doch ist diese letzte gemeinsame Zeit für Sterbende und ihre Angehörigen eine besonders kostbare: Für Maike, die trotz des riesigen Tumors in ihrem Bauch noch ein ganzes Jahr mit ihren heranwachsenden Töchtern gewinnt. Für Herrn Helling, der im Rollstuhl ans Meer reist, um ein letztes Mal die Leuchttürme zu sehen. Für Herrn Bozkurt, der in seine kleine Stadt in der Türkei zurückkehrt, weil eine Wohnung in der Fremde kein guter Ort zum Sterben ist … Zusammen mit dem Schriftsteller John von Düffel erzählt Petra Anwar zwölf wahre Geschichten vom Sterben.

Vorwort

Niemals habe ich daran gedacht, ein Buch zu schreiben, und es ist auch nicht so, als würden mir meine Arbeit als Palliativmedizinerin und der Familienalltag als Mutter dreier Söhne viel Muße lassen. Eines Tages jedoch rief mich Frau Rotter vom Piper Verlag an. Sie hatte den Film „Halt auf freier Strecke“ von Andreas Dresen gesehen. Darin geht es um die Geschichte eines Mannes, der an einem Gehirntumor erkrankt und zu Hause sterben will. Die Rollen der verantwortlichen Mediziner in diesem Film waren mit echten Ärztinnen und Ärzten besetzt. Eine davon war ich. Meine Aufgabe war es, wie im wirklichen Leben, den Patienten palliativmedizinisch zu versorgen und ihm das Sterben zu Hause zu ermöglichen. Damit stand dieses Thema auf einmal im Licht der Öffentlichkeit.

Frau Rotter und ich verabredeten ein erstes Treffen. Sie wollte mehr wissen über meine Arbeit, meine Erfahrungen mit dem Sterben und den Sterbenden zu Hause, über die Angehörigen und deren Nöte sowie über die Hilfe und Beratung, die ich als Palliativmedizinerin leisten kann gegen die Schmerzen, die Komplikationen und die Angst. Denn genau das bedeutet Palliativmedizin: Wir versuchen nicht, zu heilen, was nicht zu heilen ist, wir lindern Schmerzen und Beschwerden und bemühen uns, den Patienten und ihren Angehörigen ihre Ängste zu nehmen. Davon, meinte Frau Rotter, sollte das Buch handeln.

Seit vierzehn Jahren begleite ich Sterbende und deren Familien, damit meine Patienten dort sterben können, wo sie gelebt haben. In meinem Beruf habe ich fast ausschließlich mit Krebskranken zu tun. Die Palliativmedizin ist aus der Onkologie hervorgegangen, der Erkenntnis folgend, dass eine Chemotherapie ab einem gewissen Stadium medizinisch sinnlos ist. Man kann gegen das Krebswachstum nichts mehr tun. Es geht nicht länger darum, ob der Patient stirbt, sondern nur noch um die Frage, wie. Und palliativmedizinische Dienste wie „Home Care Berlin“ ermöglichen es ihm, sich für ein Sterben zu Hause zu entscheiden. Sie bilden Netzwerke zur ambulanten Versorgung, und sie vermitteln spezialisierte Pflegekräfte und Palliativmediziner wie mich.

Sterben ist ein sehr intimer Prozess. Jeder unheilbar Kranke ist unsicher und voller Angst. Er wünscht sich vor allem Ruhe und Geborgenheit, die er am besten in seiner vertrauten Umgebung findet. Fast jeder Mensch möchte sein Lebensende zu Hause verbringen, im Kreis seiner Familie, seiner Freunde oder auch allein. Fast jeder möchte so sterben, wie er gelebt hat.

Doch das Sterben wurde in den letzten Jahrzehnten immer weiter ausgelagert und versteckt. Es findet meist nicht mehr zu Hause statt, sondern in der Anonymität von Krankenhäusern und Pflegeheimen. Obwohl wir wissen, dass es früher oder später jeden von uns trifft, klammern wir es aus unserem Leben aus. Meist ist es nicht die Angst vor dem Tod, die uns an der Auseinandersetzung damit hindert, sondern die Angst vor dem Weg dorthin: vor den Schmerzen und Qualen, dem Alleingelassensein in einer Institution mit fremden Menschen, denen man sich ausgeliefert fühlt. Es ist die Angst vor dem Verlust jeglicher Selbstbestimmung und individueller Würde, vor dem Warten auf den Tod als letzten Gnadenakt. Zumindest diese Angst, nur noch eine Nummer in der medizinischen Maschinerie zu sein, kann uns das Sterben zu Hause nehmen.

Um aber unser Sterben so zu gestalten, wie es uns entspricht, müssen wir darüber reden. Wir müssen lernen, das Sterben zu einem unserer Lebensthemen zu machen. Nur wenn wir unsere Wünsche und Vorstellungen auch mitteilen, wissen unsere Angehörigen und Freunde, wie sie in unserem Sinne reagieren sollen, wenn es so weit ist. Wir selbst sind dafür verantwortlich, dass an unserem Lebensende Menschen da sind, die sich um uns kümmern. Ein Leben, das ohne Rücksicht auf andere Menschen geführt wurde, in dem es wenig Liebe, Fürsorge und echte Freundschaft gegeben hat, wird meist auch ein einsames Ende nehmen. Gerade im Sterben braucht man tragfähige soziale Bindungen. Das ist oft die Familie, aber es können auch enge Freunde sein, die in unserer Zeit häufig an die Stelle von nicht vorhandenen oder weit entfernt lebenden Familienmitgliedern treten. Ein riesiger Bekanntenkreis bedeutet jedoch nicht, dass man am Lebensende auf ihn bauen kann. Das Sterben entlarvt jede Art von Oberflächlichkeit.

Beim Schreiben dieser Geschichten aus meiner palliativmedizinischen Praxis kamen mir oft die Tränen. Ich habe jede Sterbebegleitung noch einmal durchlebt. Manchmal dachte ich, ich könnte nicht weiterschreiben, weil es so viel Kraft kostete, mich diesen Erfahrungen vom Leben und Sterben wieder zu stellen. Es sind tröstliche, manchmal auch weniger tröstliche Geschichten. Sie beschreiben mit größtmöglicher Ehrlichkeit den Sterbeweg sehr verschiedener Menschen. Nicht jede Geschichte hat ein versöhnliches Ende, so wie nicht jedes Leben eines hat. Doch in allen Geschichten wird deutlich, dass das Sterben leichter ist, wenn man Menschen um sich herum hat, die bereit sind, diesen letzten Weg mitzugehen, weil sie einen Teil des Lebens mitgegangen sind. Die Liebe zu einem Menschen lässt einen vieles ertragen, auch, dass man in der Sterbebegleitung manchmal an das Ende seiner Kräfte gerät. Denn selbst in den Momenten der Unruhe, der Krisis, erkennt man den Menschen, den man liebt, und denkt oft in schwierigen Phasen: „Ja, so ist er immer gewesen, so kenne ich ihn …“

Sicher gibt es manchmal Krankheitsverläufe, die ein Sterben zu Hause erschweren oder verhindern. Manchmal ist es gut zu wissen, dass als letztes Mittel die Möglichkeit einer Einweisung in ein Hospiz oder ein Krankenhaus besteht. Doch die meisten Menschen sterben ohne große Komplikationen in Ruhe und Frieden, wenn die palliativmedizinische Versorgung gewährleistet ist. Man muss sich nur trauen, dieses Wagnis einzugehen. Hat man sich dafür entschieden, wird man überrascht sein, wie viele Menschen zu helfen bereit sind. Wer offen über das Sterben redet, trifft in der Regel auch auf Offenheit bei seinen Mitmenschen. Darauf vertraue ich auch, wenn ich dies schreibe und nach Worten suche für diese sehr persönlichen Begegnungen, die mich durch meine Arbeit und mein Leben begleiten.

Also doch ein Buch! Es enthält Geschichten vom Sterben in den unterschiedlichsten Facetten – so vielfältig wie die Personen, denen sie sich widmen. Keinem meiner Patienten ist der Schritt von der stationären Behandlung im Krankenhaus in die palliativmedizinische Versorgung zu Hause leichtgefallen. Jeder Angehörige hatte anfangs seine eigenen kleinen oder großen Schwierigkeiten. Doch die meisten blicken heute gern auf diese Zeit zurück, dankbar dafür, dass ein geliebter Mensch sich ihnen anvertraut hat, und stolz darauf, dass sie ihm das Gefühl geben konnten, als Individuum respektiert zu werden bis zuletzt. Die Sterbebegleitung hat ihnen etwas gegeben, was sie nicht missen möchten. Und sie hat ihnen nicht zuletzt die Angst vor dem eigenen Sterben genommen.

Diese sich immer wieder bestätigende Erfahrung hat mich beim Erzählen der Geschichten geleitet. Es sind Geschichten gegen die Angst, Geschichten der Zuversicht, dass sich auch schwierigste Situationen gemeinsam bewältigen lassen. Meine Hoffnung ist, dass vielleicht der eine oder andere Leser in diesen Geschichten ein Stück von sich selbst wiederfinden kann und den Mut fasst, im eigenen Familienkreis über das Sterben zu Hause zu sprechen.

Ich konnte diese Geschichten nur mit der Unterstützung eines Autors schreiben. Vor meinem ersten Zusammentreffen mit John von Düffel war ich sehr skeptisch, ob es funktionieren würde. Ich bin kein Kopfmensch, bei mir muss die emotionale Seite stimmen, zumal bei diesen Geschichten, die meine Gedanken, meine Gefühle und einen wichtigen Teil meines Lebens beinhalten.

John von Düffel ist ein Mensch und Autor, dem ich mich öffnen konnte. Durch seine ruhige, wohlwollende Art schaffte er einen Raum, in dem ich mir alles von der Seele reden konnte, weil ich wusste, dass da einer saß, der mich verstand. Er verstand mit seinem Herzen, was ich ausdrücken wollte, ohne lange Erklärungen. Und er gab mir immer wieder den Mut, weiterzuschreiben. Ohne ihn wäre dieses Buch nie entstanden. Fast bin ich traurig darüber, dass es nun geschrieben und unsere Zusammenarbeit damit beendet ist. Es war für mich eine fruchtbare Zeit, denn die Bedeutung vieler Geschehnisse wurde mir erst durch die gemeinsame Arbeit an diesen Geschichten bewusst.

Petra Anwar Berlin, im Oktober 2012

 

Die geschenkte Zeit

Maike

Jeder Tod hat seine Geschichte, und wer den Prozess des Sterbens begleitet, ob als Ärztin, Krankenschwester, Pfleger oder Familienmitglied, der wird in diese Geschichte mit hineingezogen. Mal tiefer, mal weniger tief – je nachdem, wie man sich einlässt und wie man eingelassen wird. Die Geschichten des Sterbens folgen ihren eigenen Gesetzen. Alles ist gedrängter, unmittelbarer und unverstellter als im täglichen Leben. Denn jede dieser Geschichten steht im Zeichen ihres Endes. Die Zeit ist knapp, das ist allen Beteiligten bewusst, und zugleich gibt es eine große Ungewissheit über den Zeitpunkt, die Art und Weise, über vieles, was bevorsteht. Jeder in dieser Geschichte erlebt sie zum ersten und zum letzten Mal.

Als Palliativmedizinerin versuche ich, den Sterbenden und ihren Angehörigen in diesem Prozess vor allem zweierlei zu vermitteln: Sicherheit und Vertrauen, nicht nur in meine Fähigkeiten als Ärztin, sondern ebenso in mich als Person. Ich kann mich nicht hinter einem weißen Kittel verstecken, ich bin nicht Teil eines Apparats oder einer größeren Organisation wie eines Krankenhauses. Ich bin bei den Sterbenden und ihren Familien zu Hause, in ihren Räumen, ihrem Leben. Ich komme als Petra Anwar zur Wohnungstür herein und trete in eine Beziehung mit den Menschen, die hier leben, und dem Menschen, der hier sterben wird. Es beginnt ein Wechselspiel von Nähe und Distanz wie in jeder Beziehung. Auch nach vielen Berufsjahren weiß ich am Anfang dieses Prozesses nicht, wie nah mir der Sterbende kommen wird – und wie nah mir sein Tod am Ende geht.

Anfang Dezember 2010 beginne ich mit der Betreuung einer Frau, deren Lebenslauf dem meinen gar nicht so unähnlich ist. Maike ist neunundvierzig Jahre alt, verheiratet, von Beruf Krankenschwester, Mutter von zwei Töchtern, siebzehn und fünfzehn Jahre alt, eine starke, tatkräftige Persönlichkeit. Doch Maike leidet seit mehreren Jahren an einem metastasierten Tumor des Magens. Unzählige Operationen und Bestrahlungen liegen hinter ihr. Es bestehen keine spezifischen Behandlungsoptionen mehr, auch die Möglichkeiten der Chemotherapie sind erschöpft. Maike ist „austherapiert“.

Bei meinem ersten Besuch sprechen wir lange darüber, was es für ihr Leben bedeutet, wenn sie jetzt aus der onkologischen in die palliativmedizinische Versorgung kommt. Die onkologische Behandlung ist für meine Patienten gleichbedeutend mit Heilung oder zumindest mit Lebensverlängerung. Der Tod ist kein Thema, er hat noch kein Gesicht. Alle Kraft wird für die Chemotherapie benötigt. Der Übergang in die palliativmedizinische Versorgung ist ein tiefer Einschnitt. Er bedeutet für den Patienten, dass er den Kampf gegen den Krebs verloren hat. Der Tod nimmt Gestalt an. Jetzt geht es um den Weg des Sterbens, um die Linderung des Leids und den Umgang mit der Angst. Jeder Patient reagiert auf diese Veränderung anders. Verzweiflung, Resignation, Erleichterung liegen nahe beieinander.

Maike hat viele Jahre als Krankenschwester gearbeitet. Sie ist sich über den Verlauf ihrer Erkrankung völlig im Klaren und geht ganz sachlich damit um. Von dem Gedanken an Heilung hat sie sich verabschiedet. Maike weiß, dass sie stirbt. Jetzt geht es darum, die körperlichen Symptome in den Griff zu bekommen – Schmerzen, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Wasser im Bauch. Es geht um Lebensqualität, nicht um Lebensquantität.

Es ist ein sehr offenes Gespräch, das uns beide viel Kraft kostet. Maike will sich vergewissern, ob ich für sie die richtige Ärztin bin und ob sie auf mich bauen kann. Denn sie wird mir, wie sie es nennt, irgendwann „ausgeliefert“ sein. Anfangs ist sie sehr zurückhaltend, förmlich, distanziert, auch wenn sie über ihren Zustand mit großer Direktheit redet. Es ist wie eine Testphase. Ich spüre, wie sehr ihre Entscheidung für oder gegen mich davon abhängt, ob ich ihre Wünsche und Bedürfnisse auf diesem letzten Weg verstehe. Wir sitzen in ihrem Zimmer, lichtdurchflutet, Kinderzeichnungen an der Wand, Regale mit vielen Büchern und Musik-CDs. Es ist ein optimistisches Zimmer, ganz hell. Am Ende sagt Maike Ja und gibt mir die Hand.

Mithilfe verschiedener Medikamente wie Morphin, Cortison, Entwässerungs- und Abführtabletten gelingt es, die Symptome zu lindern. Der Stuhlgang wird regelmäßiger, das Wasser im Bauch geht zurück, Übelkeit und Schmerzen lassen nach. Am Anfang macht das Morphin Maike sehr müde, eine Nebenwirkung, die mit der Zeit nachlassen wird, wie ich ihr mehrfach versichern muss. Und so kommt es dann auch. Maike muss nicht mehr die meiste Zeit im Bett verbringen, ihre Freiräume werden größer. Selbstverständlich bestimmt der Tumor weiterhin ihren täglichen Lebensrhythmus, aber daran ist Maike seit Jahren gewöhnt und kann es in ihren Alltag integrieren. Das bedeutet für sie, sich beim Essen viel Zeit zu lassen, Milchprodukte zu meiden und sich nach jeder Mahlzeit zu bewegen. Dann geht der Tag gut.

Die nächsten drei Monate verlaufen relativ komplikationslos. Hin und wieder treten Schmerzen, Übelkeit und Stuhlgangschwierigkeiten auf, aber letztlich schlagen die Medikamente in ständig angepasster Dosierung gut an. Maike kann für einige Stunden die Wohnung verlassen, besucht Freunde, ist sehr aktiv. Und sie genießt es. Doch ihr Tatendrang ist mir nicht ganz geheuer: Wie lange wird das gut gehen?

Dann, Anfang März, gerade als der Frühling beginnt, gerät sie in eine psychische Krise. Sie erträgt die Situation nicht mehr. Körperliche Beschwerden sind kaum vorhanden, aber ihre Seele ist krank. Sie hat den Tod jetzt immer vor Augen. Die Ausweglosigkeit ihrer Situation macht ihr das Leben zur Qual. Maike sieht keinen Sinn mehr darin weiterzumachen. Auf meine Einwände, dass sie im Moment doch keine größeren Schmerzen habe, reagiert sie wütend. Sie fühlt sich nicht ernst genommen. Immer wieder kommt sie auf aktive Sterbehilfe zu sprechen, fordert sie offen von mir ein. Jedes Gespräch mit ihr wird zu einer Zerreißprobe. Bitten, Vorwürfe, Angriffe – und hinter allem Verzweiflung. Maike will nicht mehr.

Der geplante Familienurlaub an der Ostsee wird abgesagt. Maikes jüngere, fünfzehnjährige Tochter geht nicht mehr in die Schule, ist offiziell krankgemeldet wegen einer schweren Erkältung. Sie verliert die Stimme, bringt kaum noch einen Ton hervor. Die plötzliche Veränderung und Verzweiflung ihrer Mutter hat ihr offenbar die Sprache verschlagen. Sie will das Haus nicht mehr verlassen, vielleicht aus Angst, dass sie zurückkommt und ihre Mutter nicht mehr da ist. Die Situation spitzt sich zu.

Je nach Krankheitsverlauf und Befinden besuche ich meine Patienten zwei- bis viermal die Woche. Aber ich bin immer erreichbar, rund um die Uhr, das wissen sie, und es gehört wesentlich zu der Sicherheit, die sie brauchen in ihrem Alltag ohne Gewähr. Maike ruft jetzt immer wieder außer der Reihe an und bittet mich zu kommen. Am Telefon wie im direkten Gespräch, jedes Mal dieselbe Aussage, sie wolle dieses Leben nicht mehr, ich bräuchte das nicht schönzureden, sie wolle jetzt sterben, was ich für eine Ärztin sei, dass ich sie nicht ernst nähme, bisher habe sie sich immer gut aufgehoben gefühlt bei mir – jetzt nicht mehr! Ihr Vertrauen in mich bekommt Risse. Der Umgang wird schwierig, jedes meiner Worte wird auf die Goldwaage gelegt. Die Anspannung steigert sich manchmal bis zum Psychoterror. Für mich ist es schwer, für die Familie fast unerträglich.

Die weitgehend schmerzfreien Tage, die Maike durch die Palliativmedizin gewinnt, sind für sie auf einmal kein Geschenk mehr. So extrem wie bei ihr habe ich diesen Umschwung selten erlebt. Zu keinem Zeitpunkt war Maike larmoyant oder selbstmitleidig gewesen, sondern immer tapfer und kämpferisch. Sie gehörte zu denjenigen, die gesünder scheinen wollen, als sie sind. Geklagt wird nicht! Als sie noch mit den Symptomen zu kämpfen hatte und wir die richtige medikamentöse Einstellung suchen mussten, hat sie zäh und geduldig mit der Krankheit gerungen – um ihre Bewegungsfreiheit, um jede wache Stunde. Doch nach dieser Leidenszeit, nach einem langen, harten Winter, jetzt, in diesem geschenkten Frühling, verkehrt sich alles ins Gegenteil.

Ich bin nun fast täglich bei Maike. Vom Balkon ihrer Wohnung sehen wir hinaus auf ein paar Schrebergärten, Bäume, einen Bahndamm. Nach Dauerfrost, festen Schnee- und Eisschichten bis Ende Februar kommen nun die ersten milderen Tage. Alles grünt. Die Luft schwirrt von Sonne und Vogelgezwitscher. Alle atmen auf, weil das Leben neu beginnt, nur Maike spürt das Ende. Sie fühlt sich vom Leben ausgeschlossen in ihrem Warten auf den Tod. Jeder schöne Tag ist für sie nur eine Galgenfrist, ein bisschen Freiheit auf Bewährung. Freude hat sie nicht daran.

Für die Familie wie für mich ist Maikes mentaler Umschwung schwer zu verkraften. Alle sind überfordert, auch ich, denn zu diesem Zeitpunkt stecke ich emotional schon zu tief drin. Ich bin enttäuscht, weil die Therapie bei Maike so gut anschlägt und sie auf einmal nicht mehr will. Eigentlich gibt es keinen vernünftigen Grund dafür – und doch hat sie natürlich allen Grund der Welt. Wir sind hin- und hergerissen zwischen Frustration und Verständnis. Nur Maike ist ganz klar: Sie will sterben. Und sie will die entsprechenden Medikamente von mir. Als ich ihr das verweigere, spielt sie mit dem Gedanken, in die Schweiz zu fahren und die dort gesetzlich erlaubte aktive Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, verfolgt diesen Plan dann aber doch nicht weiter. Sie will zu Hause sterben, in ihrem eigenen Zimmer, im Kreise der Familie, so wie sie es sich gewünscht hat.

Maike ist in ihrer Sehnsucht nach einem Lebensende so entschieden, dass wir kaum die Kraft haben, dagegenzuhalten. Wir reden, reden, reden. Irgendwann sage ich, dass es auch gegenüber ihren Töchtern unfair ist, aus dem Leben abzuhauen, solange es ihr körperlich einigermaßen gut geht. Maike wird wütend, sie fühlt sich von mir erpresst. Aber auch ich bin Mutter, nicht nur Ärztin, und ich bin eine Vertraute von Maike. Meine Rollen verschwimmen. Ich kann ein Stück weit verstehen, in was für einem dunklen Loch diese bisher so starke Frau versinkt, doch ich kann nicht zulassen, dass sie dem nachgibt.

Für die Kinder wäre es eine Katastrophe. Maike hat mit ihnen noch vor wenigen Tagen einen wunderbaren Ausflug gemacht. Sie sagt selbst, dass sie kaum Schmerzen hat. Warum dann aus dem Leben gehen? Wie sollen ihre Kinder solch einen Abschied, solch eine Abkehr verstehen?

Schließlich starten wir einen Versuch mit Dronabinol, einem Cannabispräparat in Form von Tropfen, die in der Apotheke hergestellt werden. Die Verwendung von Cannabis als Medizin ist erlaubt. Doch Maike davon zu überzeugen ist harte Arbeit. Es dauert Stunden und sprengt meinen ganzen Tag. Manchmal habe ich bis zu zehn Patienten zu besuchen. Und wenn ich als Erstes bei Maike bin und dort hängen bleibe, dann klingelt mein Telefon pausenlos, weil die anderen warten.

Mit dem Einsatz von Dronabinol habe ich so gut wie keine Erfahrungen, aber es scheint mir im Moment die einzige Möglichkeit, um nicht zu Psychopharmaka greifen zu müssen – auch wenn es die Kasse nicht zahlt und zweihundert Euro pro Monat sehr viel sind für eine Familie, in der jemand krank ist, der früher gearbeitet hat. Dronabinol hellt die Stimmung auf, es stimuliert den Appetit, entspannt – Cannabis eben. Es gibt aber keine Rauschzustände, es verändert den Menschen nicht, dafür ist die Dosierung im medizinischen Bereich zu niedrig. Es hat außerdem einen positiven Einfluss auf die Bauchsymptome, ohne dass man die Wirkungszusammenhänge genau kennen würde. Selbstverständlich bin ich belesen, was alternativmedizinische Methoden angeht. In diesem Fall leitet mich der Mut der Verzweiflung, denn Antidepressiva kommen für Maike nicht infrage. Auch ich denke immer wieder: Sie ist ja nicht depressiv, sie ist realistisch. Es wäre ein Schlag ins Gesicht gewesen, ihr richtige Psychopharmaka verabreichen zu wollen, allein der Vorschlag – eine Zumutung! Schließlich ist Maike Krankenschwester, sie weiß, was das ist. Sie würde sich von mir betrogen fühlen, in die Schublade „Depression“ gesteckt. Das wäre falsch.

Nach zwei Wochen Therapie mit Dronabinol findet Maike: Das Leben ist im Moment doch ganz in Ordnung. Ich komme morgens um zehn Uhr bei ihr an, und sie erzählt mir, wie sehr sie es liebt, frühmorgens aufzustehen, wenn alle anderen noch schlafen, dem Vogelgezwitscher in der Dämmerung zu lauschen, sich einen Kaffee zu kochen und in Ruhe ihre Yogaübungen zu machen – einfach schön.

Wir fragen uns, ob dieser Sinneswandel auf die Dronabinoltropfen zurückgeht. Beide haben wir das Gefühl, das allein kann es nicht sein. Empfohlen werden drei mal drei Tropfen, wir reduzieren sogar auf drei mal einen. Maike ist sehr guter Stimmung, auch die Bauchsymptomatik entspannt sich zusehends. Also bleiben wir dabei, auch wenn wir glauben, dass diese Veränderung aus Maike selbst kommt, durch ihre Stärke und Individualität. Beweisen können wir es nicht. Wir wollen auch keinen Rückfall in die Krise riskieren. Stattdessen versuchen wir, die Tropfen bei der Kasse zu beantragen. Ich schreibe ein zehnseitiges Pamphlet für Dronabinol. Zurück kommt ein Zwanzig-Seiten-Brief vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen mit einer Ablehnung. Wir ärgern uns, aber wir sind auch des Kampfes müde. Mittlerweile habe ich Maike wenigstens so weit, die Pflegestufe zu beantragen – bei ihrem Pochen auf Selbstständigkeit eine große Überwindung.

Themenspecial
12. Januar 2015
Schmerz, Leid und Schicksal
Bewegende Romane aber auch Mut-Mach-Geschichten über Menschen, die in ihrem Leben etwas verloren haben.