Symptome von Demenz
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Mittwoch, 14. Mai 2014 von Piper Verlag


Symptome von Demenz

Von anfänglicher Antriebslosigkeit über Hilflosigkeit im Alltag bis hin zur Bettlägerigkeit. Demenz ist eine Krankheit, die sich in einem stetigen Wandel befindet - die Erkrankte und Angehörige immer mehr einnimmt.


Ganz zu Beginn einer demenziellen Erkrankung steht der Verlust von Kraft, Energie und Spontaneität. Das empfinden die meisten aber nicht gleich als ungewöhnlich oder unnormal, sondern schreiben es dem Alter oder außergewöhnlichen Belastungen zu.

Bald darauf kommen leichte Gedächtnisstörungen und Gemütsschwankungen hinzu, die Betroffenen lernen und reagieren langsamer. Sie meiden alles Neue und bevorzugen das, woran sie gewöhnt sind und was sie kennen. Ihr fortschreitender Gedächtnisverlust
beginnt, sich auf den Alltag auszuwirken: Sie sind durcheinander, vergessen schnell und beurteilen Situationen falsch.


Im darauf folgenden Zeitraum können Demenzkranke zwar einige Aufgaben noch alleine erfüllen, brauchen aber vielleicht schon Hilfe bei der Bewältigung anspruchsvollerer Angelegenheiten. Morgendliches Waschen und Anziehen klappt vielleicht noch ganz gut, wenn die Kleidung schon bereitliegt, aber die korrekte Einnahme von Medikamenten zum richtigen Zeitpunkt gelingt nicht mehr ohne Unterstützung. 

Sprache und Auffassungsgabe werden langsamer, und die Betroffenen vergessen oft mitten im Satz, was sie sagen wollten. Sie können sich außerhalb des Hauses verirren oder vergessen, Rechnungen zu bezahlen.

Wenn Menschen mit Demenz spüren, dass sie die Kontrolle verlieren, können sie depressiv, irritiert und unruhig werden. An Ereignisse, die
lange zurückliegen, erinnern sie sich gut, aber das, was gerade erst passiert ist, können sie sich nur schwer merken.

Ihre zeitliche und örtliche Orientierung geht verloren. Wenn der Gedächtnisverlust fortschreitet, erfinden Demenzkranke Worte und neigen zum sogenannten Konfabulieren: Wenn sie Lücken in ihrer Erinnerung spüren, füllen sie diese mit objektiv falschen Begebenheiten oder Informationen, die sie in dem Moment aber für wahr und real halten.

Bald erkennen sie auch bekannte Gesichter nicht mehr, anerzogene Verhaltensmuster verlieren sich: Höfliche Umgangsformen etwa weichen einer frappierenden Offenheit, die verletzend und in der Öffentlichkeit auch peinlich wirken kann. Auch das sexuelle Verhalten kann sich ändern.

Im Endstadium können die Betroffenen nicht mehr kauen und schlucken. Sie haben Gleichgewichtsstörungen und zunehmend Schwierigkeiten beim Gehen. Ihr Gedächtnis ist nur noch sehr schwach und sie erkennen niemanden wieder. Sie verlieren die Kontrolle über Blase und Stuhlgang, benötigen intensive Pflege. Die mittlerweile oft Bettlägerigen erkranken an Infektionen wie Lungenentzündungen oder an anderen Krankheiten. Diese oder Organversagen führen schließlich zum Tod.
 

Quelle
Alzheimer Forschung Initiative e. V.: »Was sind die einzelnen Stadien der Alzheimer-Krankheit?« www.alzheimer-forschung.de/alzheimerkrankheit/faq.html


Blick ins Buch
Wir lieben dich, auch wenn du uns vergisst

Wie wir besser mit demenzkranken Menschen leben

Demenz ist eine Volkskrankheit. Schon heute leiden 1,3 Millionen Menschen in Deutschland darunter, Tendenz steigend. Sophie Rosentreter hat jahrelang ihre demente Großmutter gepflegt und noch zahllose glückliche Momente mit ihr erlebt. Sie fordert Aufklärung und ein Umdenken: Wir müssen lernen, dass Demenz ein normaler Teil des Alterns ist, und die betroffenen Menschen zurück in die Mitte unserer Gesellschaft holen.
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Vorwort

 


Viel zu häufig wird das Thema Demenz auf seine medizinischen Aspekte beschränkt, dabei tritt die soziale Seite mittlerweile immer deutlicher hervor und wird immer wichtiger. Die enorm großen Aufgaben, mit denen uns die Demenz konfrontiert, werden wir daher nur bewältigen, wenn wir unsere humanen und zivilgesellschaftlichen Kräfte mobilisieren.

Das ist aber gar nicht so einfach, denn die Demenz eignet sich zum Entwurf von Horrorszenarien. Das ist ein Missbrauch, denn tatsächlich steckt im Thema Demenz eine schöne Aufforderung an uns alle: Wir brauchen eine wärmende Gesellschaft, in der auch die Menschen mit Demenz ihren Platz »am gemeinsamen Herdfeuer« finden. Die Menschen mit Demenz erinnern uns an Fehlentwicklungen: zunehmende Einsamkeit, zunehmende Hektik, zunehmende Innovationsbesessenheit, zunehmender Konkurrenzdruck. Wir alle können das kaum noch ertragen. Die Menschen mit Demenz machen uns deutlich, wie unbewohnbar unsere Gesellschaft zu werden droht.


Das Buch, das Sie, liebe Leserinnen und Leser, in der Hand halten, ist ein vorzügliches, ein besonders gelungenes Beispiel für die neuen Töne, die angeschlagen werden müssen, wenn von Demenz die Rede sein soll.


Es ist kenntnisreich und zukunftsweisend. Sophie Rosentreter und Marion Seigel wissen, wovon sie reden. Inmitten der vielen veröffentlichten Erfahrungsberichte, der professionellen Demenzliteratur und der Demenzratgeber, die ihr Recht haben und das Thema Demenz endlich in die öffentliche Diskussion bringen, ist dieses Buch ein weißer Rabe: Es verbindet die drei genannten, aber bislang getrennten Bereiche. So ist ein hilfreiches Buch entstanden, dem zu wünschen ist, dass es viele in die Hand nehmen. Der Fortgang ist dann ohnehin klar: Wer das Buch aufschlägt, wird weiterlesen.

 

Prof. Dr. Dr. Reimer Gronemeyer
Theologe und Soziologe an der Universität Gießen und erster Vorsitzender der Aktion Demenz e.V.

 

Einleitung

 


Den Titel dieses Buches trage ich seit dem Sommer 2010 mit mir herum. Damals war ich in einem Pflegeheim und schaute mit einer kleinen Gruppe an Demenz erkrankter Damen einen meiner Filme an. Ich saß neben einer Frau mit weit fortgeschrittener Demenz. Sie hatte starke Wortfindungsstörungen und
war vollkommen auf die Hilfe von Pflegekräften angewiesen. Da saß ich also an ihrer Seite, hielt ihre Hand, als eine andere Frau zum Fernseher ging, um die Ziege zu streicheln, die gerade zu sehen war. Für mich war das ein unglaublich bewegender Moment, und die Dame neben mir spürte wohl, dass ich mit
meiner Aufmerksamkeit nicht mehr ganz bei ihr war. Deshalb erschrak ich fast, als sie plötzlich mit lauter, klarer Stimme sprach: »Komm her, wo soll ich hin?« Sie klang dabei ebenso hilflos wie drängend. Treffender kann man den Zustand, in dem sich Menschen mit Demenz befinden können, kaum beschreiben.
Und sie brauchen uns, damit sie ihren Platz finden. Diesen Menschen helfen zu können, ist für mich zur Berufung geworden.

Ich habe selbst die Demenzerkrankung meiner Oma Ilse erlebt und mit ihr durchlebt. Meine Schwierigkeiten, mit ihr zu kommunizieren, als sie schon ihre Sprache verloren hatte, haben mich dazu gebracht, für Menschen mit Demenz Beschäftigungsmöglichkeiten zu finden, die es vorher noch nicht gab. Ich habe
angefangen, Filme ganz speziell für Menschen mit Demenz zu produzieren und daraus ein interaktives Beschäftigungskonzept zu entwickeln. Das hilft inzwischen auch vielen Menschen dabei, einen Weg in die Welt ihrer demenzkranken Angehörigen zu finden.

Und das ist enorm schwer, denn unser heutiges Altersbild ist geprägt von Erwartungen, die eigentlich gar nicht zum Altwerden passen: Wir sprechen von »jungen Alten« oder »best agern«, und die haben gefälligst ein permanentes Anti-Aging-Programm zu absolvieren: sportlich aktiv, immer auf Achse, unternehmungslustig.

Die Fallhöhe ist deshalb enorm, wenn ein alter Mensch und seine Angehörigen dann mit der Realität konfrontiert werden: abnehmende körperliche Leistungsfähigkeit, altersbedingte Erkrankungen, chronische Schmerzen. Diese völlig natürlichen Begleiterscheinungen des Alters empfi nden heutige »Senioren« angesichts der übersteigerten Erwartungshaltung viel stärker als Verlust von Lebensqualität, als das früher der Fall war.

Nimmt neben der körperlichen auch noch die geistige Leistungsfähigkeit rapide ab, ist das Entsetzen besonders groß. Wenn die Demenz kommt, geht die Lebensqualität. So stellen wir uns das jedenfalls vor. Deshalb begegnen uns in den Medien dann auch Schlagzeilen wie »Horror Demenz« (SWR), »Abschied auf Raten« (Stern, WAZ), »Dämon Demenz« (Ruhr Nachrichten), »Die unheimliche Krankheit« (SWR).

Aber wie erlebt ein Mensch mit fortgeschrittener Demenz sein Dasein? Fühlt er sich womöglich doch zufriedener, als wir es uns vorstellen können? Diesen Eindruck gewinnen oft diejenigen, die den Betroffenen jeden Tag nahe sind.

So jedenfalls, wie wir in unserer Gesellschaft heute mit diesem Rückgang geistiger und körperlicher Fähigkeiten umgehen, passiert vor allem eines: Wir stigmatisieren die Betroffenen sowie ihre Angehörigen und lassen sie allein damit.

Stattdessen müssen wir dringend neue Wege einschlagen und Denkweisen ändern. Wir müssen lernen, die altersbedingte Abnahme vieler Fähigkeiten als etwas Normales anzunehmen. Alt und/oder demenziell verändert sein, ist ein ebenso unvollkommenes Dasein wie Kind sein, Jugendlicher sein, Erwachsener sein. Wir müssen nicht nur die Betroffenen anhören und ihre Situation verbessern, sondern auch ihre Angehörigen auffangen und uns um sie kümmern. Wir müssen ganz neue Konzepte für Quartiere in Großstädten ebenso wie für kleine Gemeinden entwickeln.

Seit meiner ersten Begegnung mit Dr. Jens Bruder, dem Mitbegründer der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, am Grab meiner Großmutter Ilse habe ich das große Glück, Menschen zu begegnen, die das Gleiche machen wie ich: Sie suchen neue Wege, um die Situation für Menschen mit Demenz, ihre Angehörigen, ehrenamtlich Betreuende und professionell Pflegende zu verbessern. Nur so haben wir alle eine gesellschaftliche Zukunft: Die wachsende Zahl von Demenzbetroffenen und die immer weniger werdenden Nachkommen.

 

Sophie Rosentreter
Hamburg, Mai 2012

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