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Unsere Nominierungen beim
Lovelybooks Leserpreis 2017

Montag, 20. November 2017 von Piper Verlag


DER LESERPREIS auf LovelyBooks.de ist der größte Publikumspreis im deutschsprachigen Raum. Bis zum 28. November konnte abgestimmt werden.

Nun stehen die Gewinner fest

Wir freuen uns riesig, dass unsere Autorin Erin Watt mit ihrer »Paper«-Reihe (Bände 1-3: »Paper Princess«, »Paper Prince«, »Paper Palace«) die ersten drei Plätze in der Kategorie »Erotische Romane« gewonnen hat.
Nominierungen für den Piper Verlag gab es in fast jeder Kategorie. Lesen Sie, auf welchen Plätzen die nominierten Titel gelandet sind.

Erotische Romane

Platz 1

Blick ins Buch
Paper Princess Paper Princess

Die Versuchung

Ellas Leben war bisher alles andere als leicht, und als ihre Mutter stirbt, muss sie sich auch noch ganz alleine durchschlagen. Bis ein Fremder auftaucht und behauptet, ihr Vormund zu sein: der Milliardär Callum Royal. Aus ihrem ärmlichen Leben kommt Ella in eine Welt voller Luxus. Doch bald merkt sie, dass mit dieser Familie etwas nicht stimmt. Callums fünf Söhne – einer schöner als der andere – verheimlichen etwas und behandeln Ella wie einen Eindringling. Und ausgerechnet der attraktivste von allen, Reed Royal, ist besonders gemein zu ihr. Trotzdem fühlt sie sich zu ihm hingezogen, denn es knistert gewaltig zwischen ihnen. Und Ella ist klar: Wenn sie ihre Zeit bei den Royals überleben will, muss sie ihre eigenen Regeln aufstellen …
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1. Kapitel


»Ella, der Direktor möchte dich in seinem Büro sprechen«, verkündet Miss Weir mir, noch ehe ich das Klassenzimmer betreten habe. Aber der Matheunterricht beginnt doch gleich!
Ich werfe einen Blick auf meine Armbanduhr. »Ich bin heute gar nicht zu spät!«
Es ist eine Minute vor neun, und meine Uhr geht auf die Sekunde genau. Wahrscheinlich ist sie das Kostbarste, was ich besitze. Meine Mom hat gesagt, dass mein Dad sie mir sozusagen vererbt hat. Eine Armbanduhr, ein bisschen Sperma. Mehr gab es da nicht zu holen.
»Darum geht’s nicht. Nicht dieses Mal.« Sie sieht mich ungewöhnlich liebevoll an, und auf einmal wird mir ganz schlecht vor Sorge. Eigentlich ist Miss Weir eine richtig harte Nuss, und genau das schätze ich an ihr. Sie will einfach nur Mathematik unterrichten und nicht irgendwelchen Mist über Nächstenliebe oder so. Wenn die mich so mitleidig ansieht, muss das, was mich beim Direktor erwartet, richtig, richtig übel sein.
»Na schön.« Als hätte ich irgendeine Wahl! Ich nicke und mache mich auf den Weg.
»Ich schicke dir die Hausaufgaben zu!«, ruft sie mir nach. Anscheinend denkt sie, dass ich nicht zum Unterricht zurückkomme. Aber eigentlich kann der Besuch beim Direx auch nicht schlimmer werden als das, was ich schon hinter mir habe.
Ehe ich mich für die elfte Klasse an der George-Washington-Highschool eingeschrieben habe, habe ich bereits alles verloren, was mir wichtig war. Selbst wenn Mr Thompson herausgefunden hat, dass ich theoretisch gar nicht im Einzugsgebiet der Highschool lebe, kann ich immer noch flunkern, um Zeit zu schinden. Und falls ich dann die Schule wechseln muss – so what? Ist doch halb so wild.
»Na, wie geht’s, wie steht’s, Darlene?«
Die grauhaarige Schulsekretärin sieht kaum von ihrem People-Magazin auf. »Setz dich doch, Ella. Mr Thompson ist gleich bei dir.«
Jepp, Darlene und ich duzen uns. Ich bin erst einen Monat an der G.-W.-High und habe schon viel zu viel Zeit hier im Direktorat verplempert, weil ich immer wieder zu spät gekommen bin. Aber so was kann passieren, wenn man jede Nacht bis drei Uhr morgens ackern muss.
Ich verrenke mir den Hals, um durch die offenen Vorhänge in Mr Thompsons Büro zu linsen. Irgendwer sitzt auf dem Besucherstuhl, aber ich kann nur einen ausgeprägten Kiefer und dunkelbraunes Haar erkennen. Das exakte Gegenteil von mir. Ich bin so blond und blauäugig, wie man nur sein kann. Das habe ich, laut meiner Mom, meinem Dad zu verdanken, dem großzügigen Samenspender.
Thompsons Gast erinnert mich an die Businessleute von außerhalb, die meiner Mom eine Menge Kohle dafür gezahlt haben, einen Abend lang so zu tun, als wäre sie ihre Freundin. Manche Kerle stehen darauf tatsächlich mehr als auf richtigen Sex. Das weiß ich natürlich alles nur von meiner Mom. So weit ist es mit mir zum Glück noch nicht gekommen, und ich hoffe auch, dass mir das erspart bleibt. Deswegen brauche ich dringend meinen Highschool-Abschluss. Dann kann ich aufs College, meinen Abschluss machen und hinterher ein … stinknormales Leben führen.
Andere Kids träumen davon, eine Weltreise zu machen, einen schnellen Flitzer zu kaufen oder ein großes Haus zu haben. Und ich? Ich hätte gern eine eigene Wohnung. Einen Kühlschrank voller Essen, einen geregelten, gut bezahlten Job – am liebsten einen, der in etwa so spannend wie die Buchhaltung eines Bleistiftproduzenten ist.
Die zwei Männer reden und reden. Eine Viertelstunde ist bereits verstrichen, und sie kommen immer noch nicht zum Punkt.
»Hey, Darlene? Ich verpasse gerade meinen Matheunterricht. Ist es okay, wenn ich später noch mal wiederkomme, wenn Mr Thompson Zeit für mich hat?«
Ich versuche, das so nett wie möglich zu sagen. Aber wenn man jahrelang keine echten Erwachsenen um sich hatte – meine etwas flatterhafte, wundervolle Mom kann man nicht richtig mitzählen –, dann ist es wirklich schwer, Erwachsenen gegenüber die nötige Unterwürfigkeit rüberzubringen. Die erwarten sie nämlich von jemandem, der noch nicht mal Alkohol trinken darf. Streng genommen.
»Nein, Ella, Mr Thompson kommt gleich.«
Tatsächlich öffnet sich in diesem Moment die Tür, und der Direktor stolziert heraus. Mr Thompson ist vielleicht einen Meter fünfzig groß und sieht aus, als hätte er gerade erst seinen Highschool-Abschluss gemacht. Irgendwie schafft er es dennoch, ein gewisses Verantwortungsbewusstsein auszustrahlen.
Er winkt mich zu sich. »Miss Harper, kommen Sie doch rein.«
Aber Don Juan sitzt noch in seinem Zimmer!
»Sie haben doch schon Besuch.« Mann, die Sache sieht ziemlich verdächtig aus, und mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich mich schleunigst verkrümeln sollte! Aber wenn ich jetzt abhaue, riskiere ich, dass der Plan scheitert, den ich die letzten Monate über so sorgfältig ausgetüftelt habe.
Thompson dreht sich um und sieht zu Don Juan, der sich gerade erhebt und mir mit seiner riesigen Pranke zuwinkt.
»Sicher, wegen ihm bist du ja auch hier!«
Widerwillig schlüpfe ich an Mr Thompson vorbei und bleibe kurz hinter der Tür stehen. Der Direx zieht die Vorhänge zu und schließt die Tür. Jetzt bin ich wirklich nervös!
»Setzen Sie sich, Miss Harper.«
Pah, das könnte ihnen so passen! Ich verschränke die Arme und bleibe stehen.
Mr Thompson lässt sich seufzend auf einen Stuhl sinken. Er weiß, wann es keinen Sinn hat, mit mir zu diskutieren. Paradoxerweise macht mich das noch unruhiger, weil ich befürchte, dass er mich erst mal schonen will. Vielleicht, weil mir noch Schlimmeres bevorsteht.
Er greift nach einem Blatt Papier auf seinem Schreibtisch. »Ella Harper, das ist Callum Royal.« Er macht eine bedeutungsvolle Kunstpause.
Unterdessen starrt Royal mich an, als hätte er noch nie zuvor ein Mädchen gesehen. Mir fällt auf, dass durch meine verschränkten Arme meine Brüste zusammengedrückt werden. Schnell lasse ich die Arme wieder sinken, sodass sie unbeholfen an mir herabbaumeln.
»Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr Royal.« Es ist bestimmt jedem hier im Raum klar, dass ich das ganz und gar nicht so meine. Der Klang meiner Stimme reißt ihn glücklicherweise aus seiner Hypnose. Er macht einen riesigen Schritt nach vorn, und ehe ich’s mich versehe, hat er meine Hand schon zwischen seine Pranken genommen.
»Gütiger Himmel. Du siehst aus wie er.« Er flüstert so leise, dass nur ich ihn hören kann. Dann schüttelt er meine Hand, als fiele ihm plötzlich wieder ein, wo er ist. »Bitte, nenn mich doch Callum.«
Irgendwie klingt seine Stimme komisch. So als hätte er Mühe, auch nur einen geraden Satz rauszukriegen. Ich ziehe meine Hand weg, was gar nicht so einfach ist, weil der Kerl mich einfach nicht loslassen will. Erst als Mr Thompson sich laut räuspert, gibt er mich frei.
»Was soll das hier werden?«, frage ich. Mein Ton ist ein bisschen patzig, aber das scheint hier niemanden zu kümmern.
Mr Thompson fährt sich nervös mit der Hand durchs Haar.
»Ich weiß nicht, wie ich es am besten sagen soll, also rede ich nicht lang um den heißen Brei herum: Mr Royal hat mir gesagt, dass Ihre Eltern beide von uns gegangen sind und er jetzt Ihr Vormund ist.«
Kurz schwanke ich. Nur eine Millisekunde, ehe der Schock sich in Empörung verwandelt.
»Bullshit!« Das Schimpfwort ist raus, ehe ich mich selbst bremsen kann. »Meine Mutter hat mich doch zum Unterricht angemeldet! Ihre Unterschrift steht auf den Anmeldeformularen.«
Mein Herz rast wie ein Presslufthammer, weil ich die Unterschrift selbst gefälscht habe. Anders ging’s leider nicht, wenn ich die Kontrolle über mein Leben behalten wollte – eigentlich bin ich ja sowieso schon die Erwachsene in der Familie gewesen, seit ich fünfzehn war.
Man muss Mr Thompson zugutehalten, dass er mir die Fälschung nicht vorwirft. »Die Dokumente besagen, dass Mr Royal Ihr rechtmäßiger Vormund ist.«
»Ach ja? Na, er lügt aber. Ich habe diesen Typen noch nie gesehen, und wenn Sie mich jetzt mit ihm mitgehen lassen, stehen bestimmt die Cops demnächst hier auf der Matte. Weil ein Mädchen der G.-W.-High miesen Menschenhändlern zum Opfer gefallen ist.«
»Du hast recht, wir kennen uns noch nicht«, wirft Royal ein. »Das ändert aber nicht das Geringste an der Tatsache.«
»Lassen Sie mal sehen.« Ich springe zu Mr Thompsons Schreibtisch und reiße ihm die Dokumente aus der Hand. Eilig überfliege ich sie, ohne wirklich etwas aufzunehmen. Ein paar Worte wie Vormund oder verschieden und Erbe springen mir ins Auge, aber das ist mir völlig schnuppe. Mr Royal ist ein Fremder. Basta.
»Wenn Ihre Mutter mal hier vorbeischauen würde, könnten wir vielleicht alles in Ruhe klären«, schlägt Mr Thompson beschwichtigend vor.
»Ja, Ella. Wenn du deine Mutter nächstes Mal mitbringst, dann ziehe ich meinen Anspruch natürlich zurück.«
Auch wenn Royal sich bemüht, sanft wie ein Lämmchen zu klingen, ist seine Stimme doch hart wie Stahl. Er weiß Bescheid.
Ich wende mich wieder an den Direx, weil ich mit ihm leichteres Spiel habe.
»Diesen Wisch hier hätte sogar ich im Computerraum fälschen können. Würde nicht mal Photoshop dafür brauchen.« Ich knalle den Papierstapel vor ihm auf den Tisch. Offenbar beginnt er ein wenig zu zweifeln, und das sollte ich ausnutzen. »Ich muss zurück zum Unterricht. Das Halbjahr hat doch gerade erst begonnen, und ich will nichts verpassen.«
Er leckt sich unentschlossen die Lippen, und ich starre so überzeugend wie möglich auf ihn hinunter. Ich habe keinen Dad. Und ich habe ganz bestimmt keinen Vormund. Wenn dem so wäre – wo war er dann mein Leben lang? Wieso ist er uns nicht zu Hilfe gekommen, als meine Mutter versucht hat, irgendwie genug für uns beide zu verdienen, mit dem Krebs gekämpft und im Hospizbett bitterlich geweint hat, weil sie mich nicht allein zurücklassen wollte? Wo, bitte schön, war er da?!
Thompson seufzt. »Na schön, Ella. Dann geh zurück zum Unterricht. Mr Royal und ich haben sowieso noch einiges zu besprechen.«
»Diese Dokumente hier sind echt«, schaltet sich Royal wieder ein. »Mr Thompson, Sie kennen mich und meine Familie. Ich wäre hier doch nicht aufgetaucht, wenn es nicht wahr wäre! Wieso sollte ich das tun?«
»Es gibt eine Menge Perverslinge auf dieser Welt«, zische ich giftig. »Und die lassen sich auch irgendwelche Märchen einfallen, um an ihr Ziel zu kommen.«
»So, Ella, das reicht jetzt.« Mr Thompson klingt langsam etwas ungeduldig. »Mr Royal, diese Nachricht kommt für jeden von uns überraschend. Sobald wir Ellas Mutter kontaktiert haben, klärt sich bestimmt alles.«
Royal passt die Verzögerung überhaupt nicht in den Kram. Er wiederholt seine abgedroschenen Argumente und betont noch mal, wie furchtbar wichtig er ist und dass ein Royal niemals lügen würde. Ich erwarte schon fast, dass er uns gleich mit George Washington und der alten Geschichte vom Kirschbaum kommt. Als die zwei die Diskussion fortsetzen, schlüpfe ich aus dem Zimmer.
»Bin noch schnell auf der Toilette, Darlene!«, schwindle ich. »Danach gehe ich gleich wieder in den Unterricht.«
»Lass dir Zeit«, meint Darlene leichthin. »Ich gebe deiner Lehrerin Bescheid.«
Aber ich gehe nicht auf die Toilette. Und ich gehe auch nicht zurück in den Unterricht. Stattdessen flitze ich zur Bushaltestelle und fahre mit der Linie G bis zur Endstation. Von dort aus brauche ich zu Fuß noch mal eine halbe Stunde bis zu meiner Wohnung, die ich für lumpige fünfhundert Dollar im Monat gemietet habe. Es gibt ein Schlafzimmer, ein schmuddeliges Bad und eine Wohnküche, die nach Schimmel riecht. Aber die Bude ist relativ günstig, und die Vermieterin akzeptiert Bargeld und hat auch keine Hintergrundrecherchen angestellt, ehe sie mir die Wohnung vermietet hat.
Ich habe keine Ahnung, wer dieser Callum Royal sein soll, aber sein Erscheinen in Kirkwood ist überflüssig wie ein Pickel. Diese Dokumente waren nicht gefälscht. Sie waren echt. Aber ich werde mein Leben auf keinen Fall in die Hände eines Fremden legen, der einfach so aus dem Nichts auftaucht.
Mein Leben gehört mir. Ich lebe, wie ich will, und habe die Kontrolle darüber.
Ich kippe meine Schulbücher aus dem Rucksack und fülle ihn mit Kleidung, Kosmetikartikeln und meinen letzten Ersparnissen: tausend Dollar. Mist. Ich muss dringend an Kohle kommen, um aus der Stadt verschwinden zu können. Ich bin so was von pleite. Es hat mich ja schon zwei Tausender gekostet, um hierherzuziehen – die Bustickets, die erste und zweite Monatsmiete und die Kaution haben einiges an Geld gefressen. Es ist verdammt ärgerlich, dass ich eine Miete quasi umsonst bezahlt habe, aber ich muss nun mal dringend weg. Hier kann ich nicht bleiben.
Wieder haue ich ab. Wie gut ich das kenne. Meine Mom und ich waren auch ständig auf der Flucht. Vor ihren Liebhabern, ihren perversen Chefs, dem Sozialamt, vor der Armut. Erst im Hospiz sind wir eine längere Zeit am Stück geblieben, und das nur, weil sie im Sterben lag. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Universum mich dazu verdammt hat, unglücklich zu sein.
Ich sitze auf der Bettkante und versuche, vor Frust, Zorn und, okay, ich gebe es zu: Angst, nicht laut loszuheulen. Ich gönne mir fünf Minuten Selbstmitleid, dann greife ich zum Telefon. Scheiß aufs Universum.
»Hey, George. Ich habe über dein Angebot nachgedacht, im Daddy G’s zu arbeiten. Ich würd’s gern annehmen.«
Ich habe eine Weile im Miss Candy’s gearbeitet, einer Table-Dance-Bar, in der ich an der Stange getanzt und mich bis auf meinen G-String und Nippel-Pasties ausgezogen habe. Man verdient nicht übel, aber auch nicht richtig viel. George hat die letzten Wochen über auf mich eingeredet, um mich davon zu überzeugen, im Daddy G’s, einem richtigen Striplokal, aufzutreten. Ich habe mich nie darauf eingelassen, weil ich keine Notwendigkeit dafür gesehen habe. Jetzt schon.
Glücklicherweise habe ich den tollen Körper meiner Mutter geerbt. Lange Beine. Wespentaille. Mein Busen ist nicht riesig, aber George sagt immer, dass ihm meine spitzen kleinen Brüste gefallen, weil sie so jugendlich wirken. Tja, von wegen wirken. Aber auf meinem Ausweis steht nun mal, dass ich vierunddreißig bin und nicht Ella, sondern Margaret Harper heiße. So wie meine tote Mutter. Ganz schön gruselig, wenn man genauer drüber nachdenkt.
Mit siebzehn hat man nicht die größte Auswahl an Teilzeitjobs, von denen man noch dazu die Miete bezahlen kann. Schon gar nicht im legalen Bereich. Man kann Drogen verticken. Anschaffen gehen. Strippen. Ich habe mich für Letzteres entschieden.
»Ey, Mädchen, das sind ja super Neuigkeiten!«, johlt George. »Heute Abend ist eine richtig große Show, und du könntest die dritte Tänzerin sein. Du kannst eine katholische Schulmädchen-Uniform anziehen, darauf fahren die Kerle total ab.«
»Wie viel gibt es?«
»Wovon?«
»Kohle, George. Wie viel Kohle.«
»Fünfhundert plus Trinkgeld. Wenn du noch ein paar private Lapdances machst, kriegst du dafür jeweils hundert.«
Shit. Ich könnte in nur einer Nacht richtig Asche machen. Ich schiebe all meine Angst und mein Unbehagen beiseite. Nein, jetzt ist nicht der richtige Moment für moralische Bedenken.
»Mache ich. Buch so viele Auftritte wie möglich für mich.«

 



2. Kapitel


Das Daddy G’s ist ein richtiges Drecksloch, aber es ist immer noch um einiges netter als viele andere Clubs hier in der Stadt. Auch wenn das irgendwie so klingt wie: Hier, nimm dir doch ein Stück von diesem vergammelten Hühnchen! Es ist nicht ganz so grün und schimmelig wie der Rest! Na ja. Geld ist Geld.
Ich hatte noch den ganzen Tag an Callum Royals Auftritt in der Schule zu knabbern. Wenn ich einen Laptop inklusive Internetzugang hätte, hätte ich ihn längst gegoogelt. Leider ist mein alter Computer kaputt, und ich habe nicht genug Geld für einen Ersatz. Ich wollte mich dafür auch nicht in die Bibliothek setzen. Klingt vielleicht bescheuert, aber irgendwie hatte ich Angst, Royal auf der Straße in die Arme zu laufen.
Wer ist er nur? Und wieso hält er sich für meinen Vormund? Mom hat ihn mir gegenüber nicht ein einziges Mal erwähnt. Einen Moment lang habe ich mich tatsächlich gefragt, ob er mein Vater sein könnte. Aber in den Unterlagen stand, dass der ebenfalls tot ist. Und solange meine Mom mich in dieser Hinsicht nicht angelogen hat, hieß er auch nicht Callum, sondern Steve.
Steve. Irgendwie kam mir das immer vor wie ein Fantasiename:
Erzähl mir von meinem Daddy, Mom!
Ähm, dein Daddy, ähm … hieß Steve!
Aber ich will auch nicht davon ausgehen, dass meine Mom mich angelogen hat. Wir waren schließlich immer ehrlich zueinander.
Ich verdränge den Gedanken an Callum Royal, so gut ich kann, weil ich das bei meinem ersten Auftritt im Daddy G’s wirklich nicht gebrauchen kann. Hier sitzen auch so schon genug Säcke mittleren Alters herum.
Der Club ist wirklich gesteckt voll. Scheinbar ist die Katholische-Schulmädchen-Nacht hier eine richtig große Nummer. Alle Tische und Sitznischen im Hauptsaal sind besetzt, aber die VIP-Lounge im ersten Stock ist noch vollkommen verlassen. Eigentlich ist das nicht weiter überraschend. In Kirkwood, diesem kleinen Tennessee-Kaff vor Knoxville, gibt es nun mal nicht viele VIPs. Es ist eine Arbeiterstadt, und die Einwohner gehören eher der Unterschicht an. Wenn du mehr als vierzigtausend Dollar im Jahr verdienst, dann giltst du schon als gemachter Mann. Genau deswegen wohne ich hier. Die Miete ist niedrig, und die staatliche Schule ist auch ganz okay.
Die Umkleide liegt im hinteren Teil des Clubs, und als ich sie betrete, herrscht schon großer Trubel. Halb nackte Frauen sehen mich an, ein paar nicken mir zu, ein paar lächeln, ehe sie sich wieder aufs Schminken oder ihre Strapse konzentrieren.
Eine kommt auf mich zu.
»Cinderella?«, fragt sie.
Ich nicke. Diesen Shownamen habe ich im Miss Candy’s benutzt, weil er mir damals passend erschien.
»Ich bin Rose. George hat mich gebeten, dich heute Abend einzuarbeiten.«
In jedem Club gibt es eine Mutterhenne – eine ältere Frau, der klar ist, dass sie den Kampf gegen Zeit und Schwerkraft verloren hat, und die sich auf andere Weise nützlich macht. Im Miss Candy’s war das Tina, eine alternde Blondine, die mich vom ersten Moment an unter ihre Fittiche genommen hat. Hier ist es die alternde rothaarige Rose, die diesen Part übernimmt und mich jetzt zu der Kleiderstange mit den Kostümen führt.
Als ich nach der Schulmädchenuniform greifen will, winkt sie ab. »Die ist für später. Nimm mal das hier.«
Ehe ich’s mich versehe, hat sie mich auch schon in ein schwarzes Lack-Korsett und ein schwarzes Spitzenhöschen gesteckt.
»Darin soll ich tanzen?« Das Korsett ist so fest geschnürt, dass ich kaum atmen kann. Und wie soll ich das selbst aufbekommen?
»Mach dir nicht zu viele Gedanken«, rät sie mir. »Wackel einfach mit deinem Hintern und rutsch an Mr VIPs Stange auf und ab, und alles ist bestens.«
Ich sehe sie verblüfft an. »Ich dachte, ich gehe jetzt raus auf die Bühne.«
»Oh, hat George es dir nicht gesagt? Du bist für einen Private-Dance in der VIP-Lounge gebucht.«
Was? Das ist doch mein erster Abend hier! Im Miss Candy’s hat man immer erst ein paarmal auf der Bühne getanzt, ehe man privat gebucht werden konnte.
»Scheint ein Stammkunde aus deinem ehemaligen Club zu sein«, vermutet Rose, die bemerkt hat, wie verwirrt ich bin. »Richie Rich ist hier hereinstolziert, als gehörte ihm der Club! Er hat George fünf Hunderter in die Hand gedrückt und ihm gesagt, dass er dich rüberschicken soll.« Sie zwinkert mir zu. »Wenn du es geschickt anstellst, kannst du bestimmt noch ein paar Scheinchen mehr rausschlagen.«
Und weg ist sie, springt zu einer anderen Tänzerin, während ich vollkommen bedröppelt dastehe und mich frage, ob das alles ein riesiger Fehler war.
Ich tue gern so, als wäre ich eine richtig toughe Nuss, und bis zu einem gewissen Punkt stimmt das ja auch. Ich bin arm und hungrig. Ich wurde von einer Stripperin großgezogen. Ich weiß, wie man jemandem eine verpasst, wenn es nötig ist. Aber ich bin trotzdem erst siebzehn! Manchmal kommt es mir so vor, als wäre ich ein bisschen zu jung für das Leben, das ich führe. Dann sehe ich mich um und denke: Ich gehöre hier nicht her.
Dennoch bin ich hier. Ich bin hier, ich bin ziemlich im Arsch, und wenn ich das normale Leben führen will, nach dem ich mich so sehr sehne, dann muss ich jetzt raus und auf Mr VIPs Stange auf- und abrutschen, wie Rose es so nett formuliert hat.
Im Flur kommt mir George entgegen. Er ist ein stämmiger Typ mit Vollbart und warmen Augen. »Hat Rose dir von dem Kunden erzählt? Er wartet schon auf dich.«
Ich nicke und versuche, den Kloß in meinem Hals runterzuschlucken. »Ich muss doch nichts Besonderes machen, oder? Nur einen ganz gewöhnlichen Lapdance.«
Er gluckst. »Mach, was immer du willst, aber wenn der Kerl dich anfasst, dann wird ihn unser guter alter Bruno windelweich schlagen.«
Ich bin sehr erleichtert, dass die Regel des Nicht-Anfassens auch hier gilt. Für schleimige Typen zu tanzen, ist sehr viel angenehmer, wenn klar ist, dass sie dich nicht antatschen dürfen.
»Das wird schon, Mädchen.« Er tätschelt meinen Arm. »Und falls er dich fragen sollte, dann bist du vierundzwanzig, okay? Hier arbeitet niemand über dreißig.«
Und unter zwanzig?, hätte ich ihn fast gefragt. Aber ich presse die Lippen zusammen. Eigentlich muss ihm klar sein, dass ich in Bezug auf mein Alter mächtig geschummelt habe. Das macht hier garantiert jede Zweite. Und es kann ja sein, dass mein Leben bis jetzt hart war, aber ich sehe nun mal niemals aus wie vierunddreißig. Mit ein bisschen Make-up gehe ich vielleicht als einundzwanzig durch – gerade so.
George verschwindet in der Umkleide, und ich hole noch mal tief Luft, ehe ich den Flur hinuntergehe.
Im Hauptsaal empfängt mich schon die sexy Musik mit dem stampfenden Bass. Die Tänzerin auf der Bühne hat gerade ihre Bluse aufgeknöpft, und als die Kerle ihren durchsichtigen BH sehen, drehen sie völlig durch. Dollarscheine regnen auf die Bühne hinab, und genau darauf konzentriere ich mich jetzt. Auf das Geld. Scheiß auf den Rest.
Trotzdem macht mich der Gedanke daran, die G.-W.-High und all die Lehrer, denen ihr Job wirklich am Herzen zu liegen scheint, zu verlassen, richtig fertig. Aber ich werde schon eine andere Schule in einer anderen Stadt finden. Eine Stadt, in der Callum Royal mich nicht …
Ich bleibe abrupt stehen und wirble herum.
Zu spät. Callum kommt bereits quer durch die VIP-Lounge auf mich zu und packt mich mit festem Griff am Oberarm.
»Ella«, sagt er leise.
»Lassen Sie mich los!« Ich versuche, so gleichgültig wie möglich zu klingen, zittere aber heftig, als ich versuche, ihn abzuschütteln.
Er lässt mich nicht los, bis eine andere Gestalt in schwarzem Anzug und mit breiten Schultern aus dem Schatten hervortritt. »Hier wird niemand angefasst«, sagt der Security-Mann streng.
Royal lässt meinen Arm los, als bestünde er aus glühender Lava. Er sieht Bruno finster an und wendet sich dann wieder an mich, wobei er versucht, nicht in meinen Ausschnitt zu gucken. »Wir sollten uns mal unterhalten.« Sein Whiskeyatem wirft mich fast um.
»Ich habe Ihnen nichts zu sagen«, erwidere ich kühl. »Ich kenne Sie gar nicht.«
»Ich bin immerhin dein Vormund!«
»Nein. Sie sind einfach irgendein Fremder, der mich davon abhält, meinen Job zu machen.« Jetzt klinge ich wunderbar herablassend.
Er öffnet kurz den Mund und schließt ihn dann wieder. »Okay. Dann ab an die Arbeit.«
Was?!
Er lässt sich auf die Couch plumpsen und lehnt sich zurück.
»Dann biete mir mal was für mein Geld.«
Mein Herz rast. Auf keinen Fall! Ich werde für diesen Mann nicht tanzen.
Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie mein neuer Chef die Lounge betritt und mich erwartungsvoll ansieht.
Ich versuche, so selbstbewusst wie möglich auf Royal zuzuschlendern.
»Schön. Ganz wie Sie wollen!«
Kurz spüre ich einen dicken Kloß im Hals, aber hier wird nicht geheult. Das habe ich zum letzten Mal am Sterbebett meiner Mutter getan, und ich habe nicht vor, es jetzt zu wiederholen.
Callum Royal sieht mich seltsam gequält an, als meine Hüften im Takt der Musik zu kreisen beginnen, fast wie von allein. Ich habe schon immer gern getanzt. Als ich noch jünger war, hat meine Mom ihre letzten Ersparnisse zusammengekratzt, um Ballett- und Jazzunterricht für mich zu finanzieren, drei Jahre lang. Als das Geld alle war, hat sie mich selbst unterrichtet. Sie hat sich Videos angesehen oder heimlich Tanzkurse im Sportverein besucht, ehe sie sie rausgeworfen haben, um dann zu Hause ihr Wissen an mich weiterzugeben.
Ich bin ziemlich gut darin, aber ganz sicher nicht so naiv zu denken, dass ich eine große Tanzkarriere hinlegen werde. Ich strebe eher was Vernünftiges an, Jura oder Wirtschaft oder so. Irgendwas, womit sich ordentlich Geld verdienen lässt. Das mit dem Tanzen ist reine Träumerei.
Ich tanze immer weiter und höre plötzlich, wie Royal aufstöhnt. Allerdings nicht so, wie die anderen Männer es tun. Sondern traurig.
»Er würde sich gerade im Grabe umdrehen«, meint er mit rauer Stimme.
Ich ignoriere ihn. Tue so, als wäre er nicht da.
»Das ist nicht richtig«, sagt er gepresst.
Ich werfe mein Haar zurück und will mich gerade daranmachen, mein Korsett aufzuschnüren, weil ich spüre, wie Bruno mich beobachtet. Für einen zehnminütigen Tanz gibt es hundert Kröten, und zwei habe ich schon herumbekommen, ohne mich auszuziehen. Noch acht Minuten. Das kriege ich hin.
Royal allerdings nicht. Er packt mich am Arm und ruft: »Nein! Steve hätte das nicht gewollt!«
Ich habe nicht mal Zeit zu verstehen, was er da gesagt hat, weil er mich da schon über seine Schulter geworfen hat, als wäre ich eine Spielzeugpuppe.
»Aus dem Weg!«, ruft er, als Bruno auf ihn zukommt. »Dieses Mädchen hier ist gerade mal siebzehn! Sie ist minderjährig, und ich bin ihr Vormund. Glauben Sie mir, wenn Sie noch einen Schritt näher kommen, hetze ich jeden Cop in Kirkwood auf Sie. Und die sorgen dafür, dass Sie und all die anderen Perversen hier im Kittchen landen, weil Sie Minderjährige strippen lassen.«
Bruno mag zwar so aussehen, aber er ist nicht bescheuert. Tatsächlich macht er Callum Royal Platz.
Ich bin da weniger kooperativ. Stattdessen prügle ich auf Royals Rücken ein und zerre an seinem teuren Designeranzug. »Lassen Sie mich runter!«, brülle ich.
Macht er aber nicht. Niemand hält ihn auf, als er auf den Ausgang zustürmt. Die Männer im Publikum sind viel zu beschäftigt damit, die Tänzerin anzugaffen und zu johlen. Ich sehe, wie George zu Bruno tritt und der ihm wütend etwas erklärt, aber dann sind sie auch schon weg, und ich spüre die kühle Abendluft. Obwohl wir draußen sind, denkt Callum Royal nicht daran, mich abzusetzen. Er rennt über den Parkplatz, dessen Teeroberfläche rissig ist. Ich sehe seine schicken Schuhe im Licht der Laterne glänzen, dann höre ich das Klirren eines Schlüsselbundes und ein lautes Piepen. Und schon befinde ich mich auf einem lederbezogenen Autositz, während eine Tür mit einem lauten Rumms zugeworfen wird. Der Motor wird gestartet.
O mein Gott. Dieser Typ entführt mich!

Platz 2

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Paper PrincePaper Prince

Das Verlangen

Ellas Leben war bisher alles andere als leicht, und als ihre Mutter stirbt, muss sie sich auch noch ganz alleine durchschlagen. Bis ein Fremder auftaucht und behauptet, ihr Vormund zu sein: der Milliardär Callum Royal. Aus ihrem ärmlichen Leben kommt Ella in eine Welt voller Luxus. Doch bald merkt sie, dass mit dieser Familie etwas nicht stimmt. Callums fünf Söhne – einer schöner als der andere – verheimlichen etwas und behandeln Ella wie einen Eindringling. Und ausgerechnet der attraktivste von allen, Reed Royal, ist besonders gemein zu ihr. Trotzdem fühlt sich zu ihm hingezogen, denn es knistert gewaltig zwischen ihnen. Und Ella ist klar: Wenn sie ihre Zeit bei den Royals überleben will, muss sie ihre eigenen Regeln aufstellen …
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8. Kapitel
ELLA



Der Bus fährt viel, viel zu früh in Bayview ein. Ich bin noch nicht bereit. Dabei weiß ich, dass ich niemals bereit sein werde. Reeds Untreue ist jetzt ein Teil von mir. Sie kriecht mir durch die Adern wie Teer, befällt das, was von meinem Herzen noch übrig ist, wie aggressiver Krebs.
Reed hat mich zerstört. Er hat mich reingelegt. Er hat mich dazu gebracht zu glauben, dass es in dieser schrecklichen, beschissenen Welt etwas Gutes geben kann. Dass es jemanden geben könnte, dem wirklich etwas an mir liegt.
Ich hätte es besser wissen müssen. Ich bin mein Leben lang in der Gosse rumgekrochen und habe verzweifelt versucht herauszukrabbeln. Ich habe meine Mutter geliebt, aber ich wollte so viel mehr vom Leben als das, was sie uns bieten konnte. Ich wollte mehr als eine schäbige Wohnung und schimmelige Essensreste und den elendigen Kampf, über die Runden zu kommen.
Callum Royal hat mir gegeben, was meine Mutter nicht konnte: Geld, eine Ausbildung, ein schickes Haus. Eine Familie. Eine –
Eine Illusion, meldet sich die bittere Stimme in meinem Kopf zu Wort.
Ja, ich schätze, das war es. Und das Traurigste ist, dass Callum noch nicht mal was davon weiß. Ihm ist nicht mal klar, dass er in einem Haus der Lügen wohnt.
Oder vielleicht doch. Kann sein, dass ihm bewusst ist, mit wem sein Sohn schläft …
Nein. Ich weigere mich, darüber nachzudenken, was ich an dem Abend in Reeds Zimmer gesehen habe, an dem ich abgehauen bin.
Trotzdem steigt mir die Erinnerung ungefragt vor Augen.
Reed und Brooke auf seinem Bett.
Brooke nackt.
Brooke, die ihn berührt.
Ein Würgen entkommt mir, sodass mir die ältere Dame auf der anderen Seite des Gangs einen besorgten Blick zuwirft.
»Alles in Ordnung, mein Kind?«, fragt sie.
Ich schlucke die Übelkeit runter. »Ja«, sage ich matt. »Ich habe bloß Magenschmerzen.«
»Nur noch ein bisschen Geduld«, erwidert sie mit einem beruhigenden Lächeln. »Sie machen die Türen schon auf. In einem Sekündchen sind wir draußen.«
Du lieber Himmel. Nein. Ein Sekündchen ist viel zu früh. Ich will nie wieder aus diesem Bus aussteigen. Ich will das ganze Geld nicht, das Callum mir in Nashville aufgezwungen hat. Ich will nicht zurück in den Royal Palace und so tun müssen, als wäre mein Herz nicht in Millionen Stücke zerbrochen. Ich will weder Reed sehen noch seine Entschuldigungen hören. Wenn es denn überhaupt welche gibt.
Als ich hereingeplatzt bin, während er mit der Freundin seines Vaters zugange war, hat er kein Wort gesagt. Kein Sterbenswort. Kann also gut sein, dass ich da durch die Tür komme und Reed wieder ganz der grausame Alte ist. Vielleicht wäre mir das sogar ganz recht, dann könnte ich vergessen, dass ich je in ihn verliebt war.
Ich stolpere aus dem Bus, den Schulterriemen von meinem Rucksack fest umklammert. Die Sonne ist schon untergegangen, aber der Busbahnhof ist hell erleuchtet. Es wimmelt nur so von Fahrgästen um mich herum, während der Fahrer das Gepäck aus dem Bauch des Busses zieht. Ich habe kein weiteres Gepäck, nur meinen Rucksack.
Als ich abgehauen bin, habe ich nichts von den schicken Sachen mitgenommen, die Brooke für mich gekauft hat. Die warten jetzt alle in der Villa auf mich. Am liebsten würde ich jedes bisschen Stoff verbrennen. Ich will nichts davon anziehen, geschweige denn in dem Haus wohnen.
Warum hat Callum mich nicht einfach in Ruhe gelassen? Ich hätte mir in Nashville ein neues Leben aufbauen können. Ich hätte glücklich werden können. Irgendwann jedenfalls.
Stattdessen sitze ich wieder in den Fängen der Royals, nachdem Callum jede erdenkliche Drohung angewendet hat, um mich zurückzubringen. Unfassbar, was Callum alles in Bewegung gesetzt hat, um mich zu finden. Wie sich herausgestellt hat, waren die Scheine der ersten zehn Riesen nummeriert – er musste also nur abwarten, bis ich einen davon benutze, und schon konnte er feststellen, wo ich bin.
Ich will gar nicht wissen, wie viele Gesetze er brechen musste, um die Seriennummern von Hunderternoten landesweit zu verfolgen. Aber vermutlich stehen Männer wie Callum über dem Gesetz.
Jemand hupt, und alles in mir verspannt sich, als eine schwarze Limousine am Bordstein hält. Dieselbe Limousine, die dem Bus von Nashville bis nach Bayview gefolgt ist. Der Fahrer steigt aus – es ist Durand, Callums Chauffeur (Schrägstrich Leibwächter) –, der groß ist wie ein Bär und ungefähr genauso furchteinflößend.
»Wie war die Fahrt?«, fragt er barsch. »Hast du Hunger? Sollen wir irgendwo anhalten, damit du was essen kannst?«
Sonst ist Durand absolut nicht so gesprächig. Ich frage mich, ob Callum ihm befohlen hat, besonders nett zu mir zu sein. Da ich keinen solchen Befehl bekommen habe, bin ich alles andere als nett und knurre: »Steigen Sie ein und fahren Sie.«
Seine Nasenflügel beben.
Es tut mir nicht mal leid. Ich habe diese Leute so dermaßen satt. Von nun an sind sie meine Feinde. Sie sind die Gefängniswärter und ich der Häftling. Sie sind weder Familie noch Freunde. Sie bedeuten mir nichts.

Als Durand den Wagen in der runden Auffahrt vor der Villa abstellt, könnte man meinen, es sei ein Abend wie jeder andere. Da das Haus praktisch aus nichts als Fenstern besteht, werden wir von all dem ausfallenden Licht fast geblendet.
Die Eichentüren des mit Säulen verzierten Eingangs fliegen auf, und Callum erscheint, sein dunkles Haar ist perfekt gestylt, sein maßgeschneiderter Anzug klebt an seiner breiten Statur.
Ich straffe die Schultern, bereite mich auf einen weiteren Schlagabtausch vor, aber mein Vormund lächelt nur traurig und sagt: »Willkommen zurück.«
Aber wirklich willkommen fühle ich mich nicht. Dieser Mann hat meine Spur bis nach Nashville verfolgt und mich bedroht. Die Liste grässlicher Konsequenzen für den Fall, dass ich nicht zurückkehre, wirkte unendlich.
Er wollte mich – die Ausreißerin – festnehmen lassen.
Er wollte mich anzeigen, weil ich den Pass meiner Mutter benutzt habe.
Er wollte behaupten, dass ich die zehn Riesen gestohlen habe, die er mir gegeben hat, und mich wegen Diebstahl verurteilen lassen.
Keine dieser Drohungen ließ mich klein beigeben. Nein, dafür sorgte erst seine nachdrückliche Erklärung, dass es keinen Ort auf der Welt gebe, an dem er mich nicht finden würde. Egal, wohin ich ginge, er würde dort schon auf mich warten. Er würde mich bis zum Ende meines Lebens jagen, schließlich – so betonte er noch einmal – war er das meinem Vater schuldig.
Meinem Vater, einem Mann, den ich nie kennengelernt habe. Einem Mann, der, wenn man aus all den Geschichten schloss, ein verwöhnter, egoistischer Arsch war, der einen geldgeilen Drachen heiratete, ohne ihr – oder überhaupt jemandem – zu erzählen, dass er beim Landurlaub achtzehn Jahre zuvor eine junge Frau geschwängert hatte.
Ich schulde Steve O’Halloran rein gar nichts. Und Callum Royal schulde ich genauso wenig. Aber ich will auch nicht mein Leben lang über die Schulter schauen müssen. Callum blufft nicht. Er würde niemals aufhören, mir nachzustellen, wenn ich mich je dazu entschließen sollte, noch einmal abzuhauen.
Während ich ihm in die Villa folge, rufe ich mir in Erinnerung, dass ich stark bin. Widerstandsfähig. Ich kann zwei Jahre mit den Royals durchstehen. Ich muss nur so tun, als wären sie nicht da. Das Wichtigste ist, meinen Abschluss zu machen, und dann geht’s aufs College. Wenn ich erst das Examen habe, muss ich nie wieder einen Fuß in dieses Haus setzen.
Kaum oben, zeigt Callum mir das neue Sicherungssystem, das er an meiner Zimmertür installiert hat. Es ist ein biometrischer Handscanner, vermutlich ähnlich den Systemen, die er bei Atlantic Aviation nutzt. Nur mein Handabdruck gewährt Zugang zu meinem Zimmer, was so viel heißt wie, dass mit keinen weiteren nächtlichen Besuchen von Reed zu rechnen ist. Keine weiteren Filmabende mit Easton. Dieses Zimmer ist meine Zelle, und genau so will ich es.
»Ella.« Callum klingt müde, als er mir in das Zimmer folgt, das noch genauso pink und mädchenhaft ist, wie ich es in Erinnerung hatte. Callum bat damals zwar einen Raumgestalter um Hilfe, hatte dann aber doch alles selbst ausgesucht. Womit er nur bewies, dass er absolut nichts von Mädchen im Teenageralter versteht.
»Ja?«, frage ich.
»Ich weiß, warum du abgehauen bist, und ich möchte –«
»Du weißt es?«, unterbreche ich ihn.
Callum nickt. »Reed hat es mir erzählt.«
»Er hat es dir erzählt?« Ich kann meine Überraschung nicht zügeln oder verbergen. Reed hat seinem Vater von Brooke erzählt? Und Callum hat ihn nicht rausgeworfen? Scheiße, Callum wirkt nicht mal aufgebracht! Was sind das für Leute?
»Ich kann verstehen, dass du vielleicht zu beschämt warst, direkt damit zu mir zu kommen«, fährt Callum fort, »aber du sollst wissen, dass du dich immer an mich wenden kannst. Genau genommen bin ich sogar dafür, dass wir gleich morgen früh zu Polizei gehen und Anzeige erstatten.«
Verwirrung überkommt mich. »Anzeige erstatten?«
»Der Junge muss für das bestraft werden, was er getan hat, Ella.«
Der Junge? Was, zur Hölle, geht denn hier gerade ab? Callum will, dass sein Sohn bestraft wird – für … Ja, für was? Sex mit einer Minderjährigen? Ich bin noch immer Jungfrau. Ist es strafbar, dass ich – mein Gott. Ich laufe tiefrot an.
Seine nächsten Worte schockieren mich. »Es kümmert mich überhaupt nicht, dass sein Vater Richter ist. Delacorte kann nicht einfach damit davonkommen, dass er ein Mädchen unter Drogen setzt, um sie dann sexuell zu nötigen.«
Ich atme ein. Guter Gott. Reed hat Callum erzählt, was Daniel versucht hat? Warum? Vielmehr: warum jetzt und nicht schon vor Wochen?
Egal, welche Gründe er hatte, ich nehme es ihm übel, dass er den Mund aufgemacht hat. Das Letzte, was ich will, ist, dass die Polizei eingeschaltet wird. Oder dass ich in einen langen, schmutzigen Prozess verwickelt werde. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie das im Gerichtssaal ablaufen wird. Highschool-Stripperin beschuldigt einen reichen weißen Jungen, dass er sie unter Drogen gesetzt hat, um Sex mit ihr zu erzwingen? Wer wird mir das abkaufen?
»Ich werde keine Anzeige erstatten.«
»Ella –«
»Das war keine große Sache, okay? Deine Söhne haben mich gefunden, bevor Daniel irgendwas anfangen konnte.« Frustration erfüllt mich. »Das war nicht der Grund dafür, dass ich weggelaufen bin, Callum. Ich … Ich gehöre hier einfach nicht hin. Ich bin einfach nicht dafür gemacht, eine reiche Prinzessin zu sein, die auf eine Privatschule geht und abends ein Gläschen schweineteuren Champagner trinkt. Das bin nicht ich. Ich bin weder schick noch reich noch –«
»Doch, du bist reich«, unterbricht er mich ruhig. »Du bist sehr, sehr reich, Ella, und das musst du allmählich akzeptieren. Dein Vater hat dir ein Vermögen vererbt, und irgendwann dieser Tage müssen wir uns mal mit Steves Anwälten zusammensetzen, um zu entscheiden, was du mit all dem Geld machen willst. Anlegen, stiften, so was in der Art. Ach, genau –« Er zieht eine Brieftasche aus Leder hervor und gibt sie mir. »Wie vereinbart dein Geld für diesen Monat und eine Kreditkarte.«
Mir ist plötzlich schwindelig. Seit ich abgehauen bin, konnte ich an nichts anderes als an Reed und Brooke denken. Die Erbschaft von Steve hatte ich völlig beiseitegeschoben.
»Lass uns ein andermal darüber sprechen«, sage ich leise.
Er nickt. »Und du willst sicher nichts wegen Delacorte unternehmen?«
»Ganz sicher«, erwidere ich nachdrücklich.
Er wirkt resigniert. »Also gut. Kann ich dir noch etwas zu essen heraufbringen?«
»Ich habe unterwegs was gegessen.« Ich will, dass er verschwindet, und das weiß er auch.
»Okay. Gut.« Er steuert die Tür an. »Wieso gehst du nicht früh schlafen? Du bist vermutlich erschöpft nach der langen Fahrt. Wir können morgen weitersprechen.«
Callum verlässt mein Zimmer, und mit einem plötzlichen Anflug von Wut bemerke ich, dass er die Tür nicht richtig zugemacht hat. Ich gehe hin, um sie zu schließen, aber im gleichen Moment fliegt sie mit solcher Wucht auf, dass ich fast auf dem Hintern lande.
Im nächsten Moment werde ich von ein paar starken Armen umschlungen.
Anfangs versteife ich mich ein wenig, weil ich fürchte, es ist Reed. Doch als ich begreife, dass es Easton ist, entspanne ich mich. Er ist genauso groß und muskulös wie Reed, hat das gleiche dunkle Haar und die gleichen blauen Augen, aber sein Shampoo riecht süßer, und das Aftershave ist nicht ganz so würzig wie das von Reed.
»Easton …«, setze ich an, aber durch den Klang meiner Stimme intensiviert sich die Umklammerung nur.
Er sagt kein Wort. Umschlingt mich, als wäre ich seine Kuscheldecke. Es ist eine erdrückende, verzweifelte Umarmung, die mir den Atem abschnürt. Erst ist sein Kinn auf meiner Schulter, dann bohrt es sich in meinen Hals, und obwohl ich auf jeden Royal in dieser Villa sauer sein sollte, kann ich nicht anders, als ihm mit einer Hand über das Haar streicheln. Das ist Easton, mein selbst ernannter großer Bruder, obwohl wir gleich alt sind. Er ist riesig, unverbesserlich, oft meganervig und baut immer Mist.
Wahrscheinlich hat er über Reed und Brooke Bescheid gewusst – das konnte Reed unmöglich vor Easton geheim halten –, und trotzdem kann ich ihn nicht hassen. Nicht, wenn er in meinen Armen zittert. Nicht, wenn er sich langsam von mir löst und mich mit solch überwältigter Erleichterung betrachtet, dass es mir den Atem verschlägt.
Und dann blinzle ich, und schon ist er weg, stürmt ohne ein Wort aus meinem Zimmer. Sorge keimt in mir auf. Wo bleiben die Klugscheißerkommentare? Irgendein Spruch, dass ich ja nur seinetwegen zurückgekommen bin, weil er so geil aussieht und eine solch animalische Anziehungskraft hat?
Mit einem Stirnrunzeln schließe ich die Tür hinter ihm und zwinge mich dazu, mir nicht über Eastons merkwürdiges Verhalten den Kopf zu zerbrechen. Ich werde mich nicht in ein Royal-Drama hineinziehen lassen, schließlich will ich ja meine Zeit hier überleben.
Ich verstaue die Brieftasche in meinem Rucksack, ziehe mir das Sweatshirt aus und krieche ins Bett. Die seidene Tagesdecke fühlt sich einfach nur himmlisch an.
In Nashville bin ich in einem billigen Motel mit der kratzigsten Bettwäsche der Welt untergekommen. Außerdem war sie übersät von Flecken, deren Ursprung ich nie, nie, nie erfahren will. Ich hatte einen Job als Kellnerin gelandet, und Callum kreuzte in ganz ähnlicher Manier in dem Restaurant auf wie damals in Kirkwood, als er mich aus dem Stripclub getragen hat.
Ich kann immer noch nicht sagen, ob es mir besser oder schlechter ging, bevor Callum Royal in mein Leben trat.
Mein Herz krampft zusammen, als ich mir Reeds Gesicht vorstelle. Besser, entscheide ich. Definitiv viel besser.
Als hätte er gewusst, dass ich gerade an ihn denke, höre ich Reed durch die Tür. »Ella. Lass mich rein.«
Ich ignoriere ihn.
Er klopft zweimal. »Bitte. Ich muss mit dir reden.«
Ich rolle mich auf die Seite, mit dem Rücken zu ihm. Seine Stimme bringt mich um.
Ein Brummen dringt durch die Tür. »Glaubst du wirklich, dieser Scanner hält mich ab, Baby? Das solltest du besser wissen.« Er schweigt. Als ich nichts sage, fährt er fort. »Also gut, bin gleich zurück. Ich hole eben ’nen Werkzeugkasten.«
Diese Drohung – die keine leere ist – katapultiert mich aus dem Bett. Ich knalle meine Hand auf den Scanner, schon hallt ein lautes Piepen durch mein Zimmer, und das Schloss klackt. Ich reiße die Tür auf und sehe in die Augen von dem Typen, der im Begriff war, mein Leben zu zerstören, bevor ich weggelaufen bin. Gott sei Dank habe ich dem ein Ende bereitet. Ich werde ihn nie wieder nah genug an mich ranlassen, dass er je wieder auf mich wirken wird.
»Ich bin nicht dein Baby«, zische ich. »Ich bedeute dir nichts und du mir auch nicht. Hörst du? Nenn mich nicht Baby. Nenn mich gar nichts. Halt dich einfach fern von mir!«
Seine blauen Augen tasten mich gründlich von Kopf bis Fuß ab. Dann sagt er in schroffem Ton. »Geht es dir gut?«
Ich atme so flach, es grenzt an ein Wunder, dass ich nicht ohnmächtig werde. Es kommt einfach kein Sauerstoff an. Meine Lunge brennt, ich sehe verschwommen und komisch rot verfärbt. Hat er denn gar nichts verstanden von dem, was ich gerade gesagt habe?
»Du siehst dünner aus«, sagt er leise. »Du hast zu wenig gegessen.«
Ich will die Tür zumachen.
Er legt einfach nur eine Handfläche dagegen, schiebt sie auf und kommt dann herein, während ich ihn anfunkle.
»Verschwinde.«
»Nein.« Noch immer wandert sein Blick über mich, als würde er mich nach Verletzungen absuchen.
Dabei sollte er sich lieber um sich selbst kümmern, schließlich sieht er so aus, als wäre er verprügelt worden. Ganz buchstäblich verprügelt – ein lilafarbenes Hämatom zeichnet sich direkt am Ausschnitt seines T-Shirts ab. Er hat vor Kurzem erst gekämpft. Möglicherweise mehr als einmal, denn er zieht bei jedem Atemzug eine kleine Grimasse, als hätten seine Rippen etwas gegen das Luftholen.
Gut, sagt der rachsüchtige Teil von mir. Er verdient es zu leiden.
»Geht es dir gut?«, wiederholt er und lässt mich dabei nicht aus den Augen. »Hat dich jemand angefasst? Verletzt?«
Hysterisches Lachen blubbert aus mir. »Ja! Jemand hat mich verletzt! Du!«
Frustration zeichnet sich auf seinem Gesicht ab. »Du warst weg, bevor ich das erklären konnte.«
»Keine Erklärung der Welt wird gut genug sein, dass ich dir verzeihe«, fauche ich. »Du hast die Freundin deines Vaters gevögelt!«
»Nein«, sagt er mit Nachdruck. »Habe ich nicht.«
»Schwachsinn.«
»Es ist wahr. Habe ich nicht.« Er holt noch einmal Luft. »Nicht in dieser Nacht. Sie wollte mich überzeugen, dass ich für sie mit meinem Dad spreche. Ich wollte sie nur loswerden.«
Ungläubig starre ich ihn an. »Sie hatte nichts an!« Dann kommen meine Gedanken zum Stillstand, hängen sich an etwas Bestimmtem auf, was er gesagt hat.
Nicht in dieser Nacht.
Wut steigt in mir auf. »Gehen wir mal für einen Moment davon aus, ich glaube dir, dass du in dieser Nacht keinen Sex mit Brooke hattest«, ich funkele ihn an, »was ich nicht mache, aber tun wir mal einfach so. Das heißt, du hast zu einer anderen Gelegenheit mit ihr geschlafen?«
Schuldgefühle, tief und unmissverständlich, flackern in seinen Augen auf.
»Wie oft?«, will ich wissen.
Reed fährt sich mit der Hand durchs Haar. »Zwei-, vielleicht dreimal.«
Mein Herz verkrampft sich. Oh, mein Gott. Irgendwie hatte ich mit Dementis gerechnet. Aber … zuzugeben, mit der Freundin des eigenen Vaters geschlafen zu haben? Mehr als einmal?
»Vielleicht?«, kreische ich.
»Ich war betrunken.«
»Du bist widerlich«, flüstere ich.
Er zuckt nicht mal. »Ich hatte nichts mit ihr, während wir beide zusammen waren. Seit zwischen uns das erste Mal was gelaufen ist, war ich ganz dein.«
»Oh, ich Glückspilz. Ich bekomme Brookes Abgelegten. Hurra!«
Diesmal zuckt er. »Ella –«
»Halt die Fresse.« Ich hebe die Hand, so von ihm angeekelt, dass ich ihn nicht ansehen kann. »Ich muss nicht mal fragen, warum du das gemacht hast, das weiß ich nämlich sehr genau. Reed Royal hasst seinen Daddy. Reed Royal will es seinem Daddy heimzahlen. Reed Royal schläft mit Daddys Freundin.« Ich würge. »Ist dir eigentlich klar, wie krank das ist?«
»Ja, ist es.« Er klingt heiser. »Aber ich habe nie behauptet, dass ich ein Unschuldslamm bin. Ich habe ziemlich viel Scheiße gebaut, bevor ich dich kennengelernt habe.«
»Reed.« Ich schaue ihm direkt in die Augen. »Ich werde dir das niemals vergeben.«
Entschlossenheit blitzt in seinen Augen auf. »Das meinst du nicht ernst.«
Ich mache einen Schritt auf die Tür zu. »Nichts, was du sagst oder tust, kann je auslöschen, was ich an jenem Abend in deinem Zimmer gesehen habe. Sei einfach froh, dass ich meine Klappe halte. Denn wenn Callum das rausfindet, flippt er aus.«
»Mein Dad ist mir egal.« Reed kommt auf mich zu. »Du hast mich verlassen«, brummt er.
Mir fällt die Kinnlade runter. »Du bist sauer auf mich, weil ich abgehauen bin? Natürlich bin ich abgehauen! Warum sollte ich auch nur eine Sekunde länger in diesem schrecklichen Haus bleiben, nach dem, was du getan hast?«
Er kommt noch näher, viel zu nah für meinen Geschmack. Er streckt die Hand aus und legt sie mir unters Kinn. Ich weiche vor seiner Berührung zurück, weshalb es nur noch mehr in seinen Augen lodert.
»Ich habe dich jede Sekunde vermisst, die du nicht hier warst. Habe jede gottverdammte Sekunde an dich gedacht. Du willst mich für das hassen, was ich getan habe? Spar dir die Mühe – dafür habe ich mich schon gehasst, bevor du hier aufgetaucht bist. Ich habe mit Brooke geschlafen, und damit muss ich leben.« Seine Finger zittern an meinem Kinn. »Aber nicht in jener Nacht. Und ich lasse es nicht zu, dass du wegwirfst, was wir beide haben, nur weil –«
»Was wir haben? Wir haben nichts.« Mir wird wieder schlecht. Diese Unterhaltung endet jetzt und hier. »Verschwinde aus meinem Zimmer, Reed. Ich kann dich gerade nicht mal ansehen.«
Weil er sich nicht rührt, lege ich beide Hände an seinen Brustkorb und schubse. Mit Wucht. Und ich schubse und schlage so lange gegen seine muskulöse Brust, bis ich ihn Zentimeter für Zentimeter durch die Tür befördert habe. Das leichte Grinsen auf seinem Gesicht macht mich nur noch wütender. Findet er das witzig? Ist das alles nur ein Spiel für diesen Kerl?
»Verschwinde!«, befehle ich. »Ich bin fertig mit dir.«
Er starrt auf meine Hände, die noch immer gegen seinen Brustkorb pressen, dann in mein Gesicht, das im Moment sicher roter ist als eine Tomate.
»Ich gehe, wenn es das ist, was du willst.« Er hebt eine Augenbraue. »Aber fertig sind wir noch nicht, Ella. Nicht im Geringsten.«
Ich warte nicht mal, bis er ganz über die Schwelle ist, bevor ich ihm die Tür vor der Nase zuknalle.

Platz 3

Paper PalacePaper Palace

Die Verführung

Kaum haben sich Ella und Reed wiedergefunden, werden sie erneut getrennt – und dieses Mal steht Reeds Leben auf dem Spiel! Ist er nun endgültig zu weit gegangen? Ist ihm sein aufbrausendes Temperament zum Verhängnis geworden? Ella ist eine Kämpferin. Sie ist bereit, alles zu tun, um Reed zu schützen und den Royals zur Seite zu stehen. Doch dann wird sie plötzlich von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt. Ella muss feststellen, dass ihr Leben eine einzige Lüge war. Wird ihre Liebe daran zugrunde gehen? Oder kann es ein Happy End für Ella und Reed geben?
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2. Kapitel
ELLA



Die Zimmer der Royal-Söhne liegen im Südflügel, während die Gemächer ihres Dads in der anderen Hälfte des Gebäudes untergebracht sind. Deswegen biege ich oben nach rechts ab und flitze über das glänzende Parkett auf Eastons Zimmer zu. Als ich klopfe, kommt erst einmal keine Reaktion. Ich klopfe fester – immer noch nichts. Wahrscheinlich könnte diesen Typen nicht einmal ein Hurrikan aus dem Schlaf reißen. Schließlich stoße ich einfach die Tür auf und sehe Easton, der mit dem Gesicht ins Kissen gedrückt quer auf dem Bett liegt.
»Easton!«, rufe ich. »Wach auf!«
»Was ist denn?«, grummelt er und sieht mich unter halb geschlossenen Lidern an. »Shit, ist es etwa schon Zeit fürs Training?«
Er rollt sich auf die Seite und zieht dabei das Laken mit sich, sodass ich viel mehr nackte Haut sehe, als mir lieb ist. Auf dem Boden liegt eine zerknüllte Jogginghose, die ich jetzt aufs Bett neben seinen Kopf pfeffere.
»Steh auf!«, drängle ich.
»Warum?«
»Weil gerade die Hölle los ist!«
Er blinzelt schläfrig. »Hm?«
»Glaub mir, es gibt gerade richtig Ärger!«, schreie ich und zwinge mich dann, einmal tief durchzuatmen, um mich zu beruhigen. Leider funktioniert das nicht. »Wir treffen uns einfach gleich in Reeds Zimmer, okay?«, krächze ich.
Anscheinend kann er mir meine Panik ansehen. Ohne zu zögern, steht er auf, und ich düse erst mal zurück zu meinem Zimmer. Dieses Haus ist groß, lächerlich groß, aber leider sind seine Bewohner auch allesamt lächerlich verkorkst. Mich eingeschlossen.
Scheint ganz so, als wäre ich langsam eine echte Royal.
Nein, bin ich nicht.
Der Mann unten im Erdgeschoss ist leider der Gegenbeweis. Steve O’Halloran. Mein ganz und gar nicht toter Vater.
Plötzlich übermannen mich meine Emotionen, und einen Moment lang habe ich Angst, ich könnte einfach umkippen. Ich fühle mich auch richtig mies, dass ich Steve allein unten lasse. Ich habe mich ihm ja nicht einmal vorgestellt, ehe ich auf dem Absatz kehrtgemacht habe und zurück nach oben gerannt bin. Schätze mal, dass Callum Royal es nicht anders gemacht hat. Er war so außer sich vor Sorge um Reed, dass er einfach nur gesagt hat:
»Ich packe das gerade nicht, Steve. Warte einfach hier auf mich.«
Trotz meines schlechten Gewissens schiebe ich die Gedanken an Steve erst mal in den hintersten Winkel meines Gehirns. Ich muss mich jetzt auf Reed konzentrieren.
In meinem Zimmer angekommen, zerre ich sofort meinen Rucksack unter dem Bett hervor. Ich verstaue ihn immer an einem Ort, an dem ich ihn leicht holen kann.
Als ich den Reißverschluss aufziehe und den ledernen Geldbeutel entdecke, in dem ich mein monatliches Taschengeld aufbewahre, das ich von Callum bekomme, seufze ich einmal erleichtert auf.
Damals, als ich hier eingezogen bin, hat Callum mir versprochen, mir jeden Monat zehntausend Dollar zu bezahlen, wenn ich dafür nicht abhaue. Sosehr ich das Royal’sche Anwesen anfangs auch gehasst habe, so sehr liebe ich es jetzt. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, woanders zu leben – Taschengeld hin oder her.
Aber weil ich jahrelang keine Kohle hatte und nun mal eher von misstrauischer Natur bin, habe ich Callum nicht darum gebeten, damit aufzuhören.
Jetzt bin ich unendlich dankbar für diese üppige Finanzspritze. Es ist genug Geld, um mich monatelang über Wasser zu halten, wenn nicht sogar länger.
Ich werfe den Rucksack über meine Schulter und begegne auf dem Weg zu Reeds Zimmer im Flur Easton. Sein dunkles Haar steht in alle Richtungen ab, aber immerhin hat er jetzt eine Hose an.
»Was ist denn los, zum Teufel?«, fragt er mich, während wir in Reeds Zimmer tappen.
Ich reiße die Tür von Reeds begehbarem Kleiderschrank auf und lasse hektisch den Blick über die Regale wandern. Ganz hinten im untersten Fach entdecke ich, was ich gesucht habe.
»Ella?!«
Ich antworte nicht. Easton sieht mich finster an, während ich einen marineblauen Koffer über den cremefarbenen Teppich zerre.
»Ella! Jetzt sag doch endlich mal!«
Als ich beginne, alle möglichen Sachen in den Koffer zu stopfen, sieht er mich aus tellergroßen Augen an. Ein paar T-Shirts, Reeds grünen Lieblingskapuzenpulli, Jeans, ein paar weiße Unterhemden. Was könnte er noch brauchen? Hm … Boxershorts, einen Gürtel …
»Warum machst du das?«, brüllt Easton jetzt, und sein Ton ist so scharf, dass er mich aus meinem Panikfilm reißt.
Das abgetragene graue T-Shirt, das ich in der Hand gehalten habe, fällt auf den Teppich. Mein Herz rast immer schneller, als mir klar wird, wie übel die Situation tatsächlich ist.
»Reed steht unter Verdacht, Brooke umgebracht zu haben, und wurde festgenommen«, platzt es aus mir heraus. »Callum und er sind auf der Polizeiwache.«
Eastons Kiefer klappt herunter. »Wie bitte?!«, schreit er. »Kamen die Cops etwa, als wir gerade beim Dinner waren?«
»Nein. Erst, als wir zurück aus D.C. waren.«
Alle außer Reed hatten nämlich in D.C. zu Abend gegessen. So läuft das eben bei den Royals. Die sind so steinreich, dass Callum mehrere Privatjets zur Verfügung stehen. Das kommt natürlich auch daher, dass sein Unternehmen Flugzeuge produziert, aber es ist trotzdem ziemlich krass, finde ich. Vor allem die Idee, mal eben aus North Carolina nach D.C. zum Abendessen zu jetten. Reed ist hiergeblieben, weil er Schmerzen am Oberkörper hatte.
In der Nacht zuvor hatte jemand bei den Docks auf ihn eingestochen, und weil er von den Schmerzmitteln total benebelt war, wollte er lieber zu Hause bleiben.
Aber anscheinend war er nicht zu benebelt, um Brooke zu treffen …
Gott. Was ist heute Abend wirklich passiert?
»Es ist ungefähr zehn Minuten her«, füge ich mit schwacher Stimme hinzu. »Hast du etwa nicht gehört, wie dein Dad die Detectives angebrüllt hat?«
»Ich habe überhaupt nichts mitgekriegt. Ich … ähm …« Er sieht mich beschämt an. »Ich habe heute bei Wade ordentlich Wodka gekippt. Bin heimgekommen und sofort tief und fest eingepennt.«
Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um ihm zu erklären, dass er nicht so viel trinken darf. Easton hat diverse Suchtprobleme, aber gerade ist Reeds Verhaftung wegen Mordverdachts ein bisschen wichtiger.
Ich balle meine Hände zu Fäusten. Wenn Reed jetzt hier wäre, würde ich ihm eine verpassen – einmal, weil er mich angelogen hat, und einmal, weil er jetzt bei der Polizei sitzt.
Schließlich bricht Easton das Schweigen. »Glaubst du, er war es?«
»Nein.« Aber auch wenn ich relativ überzeugt klinge, bin ich leider doch ganz schön verwirrt. Als ich vom Dinner zurückkam, habe ich gesehen, dass seine Naht aufgegangen war und auf seinem Bauch Blut klebt. Diese belastenden Indizien behalte ich jetzt aber für mich. Ich vertraue Easton natürlich, aber er ist selten wirklich nüchtern. Jetzt geht es darum, Reed zu schützen, und man weiß nie, was Easton so rausrutscht, wenn er betrunken oder high ist.
Ich schlucke einmal und konzentriere mich dann wieder auf meine Aufgabe: Reed. Eilig stopfe ich noch ein paar weitere Stücke in den Koffer und schließe ihn dann.
»Du hast mir immer noch nicht verraten, weshalb du diesen Koffer packst«, stöhnt Easton frustriert.
»Das mache ich, falls wir abhauen müssen.«
»Wir?«
»Na, ich und Reed.« Ich springe auf und renne hinüber zur Kommode, um die Socken zu holen. »Ich will einfach auf alles vorbereitet sein, okay?«
Das ist nämlich etwas, worin ich richtig gut bin: abhauen.
Die Biege machen. Das Weite suchen. Ich weiß auch gar nicht, ob es dieses Mal dazu kommt. Vielleicht stolzieren Callum und Reed auch jeden Moment in die Villa und rufen:
»Alles tipptopp! Die Anklage wurde aufgehoben.« Oder Reed wird doch nicht auf Kaution freigelassen und kommt überhaupt nicht mehr zurück nach Hause.
Aber ganz egal, wie die Dinge stehen: Ich muss bereit sein, jederzeit durchzubrennen. Mein Rucksack ist immer mit allem Nötigen gefüllt, aber leider ist Reed im Planen nicht so gut wie ich. Er ist eher impulsiv.
Denkt nicht immer darüber nach, bevor er –
jemanden umbringt?
Ich schiebe diesen schrecklichen Gedanken sofort beiseite. Nein. Es kann nicht sein, dass Reed wirklich der Schuldige ist.
»Was schreit ihr denn so rum?«, ertönt eine verschlafene Stimme von Reeds Tür. »Man hört euer Geplärre den ganzen Flur hinunter.«
Die sechzehn Jahre alten Zwillinge kommen ins Zimmer. Beide tragen nichts als ein Laken um die Hüften geschlungen. Was haben die Royals eigentlich gegen Pyjamas?
»Reed hat Brooke gekillt«, erklärt Easton seinen Brüdern.
»Easton!« Musste das sein?
»Was? Soll ich meinen kleinen Brüdern etwa vorenthalten, dass unser Bruder wegen Mordes festgenommen wurde?«
Sawyer und Sebastian japsen einmal kurz nach Luft.
»Ist das dein Ernst?«, fragt Sawyer.
»Die Cops haben ihn eben abgeführt«, flüstere ich.
Easton sieht uns nervös an. »Und ich denke mal, das hätten sie nicht direkt gemacht, wenn es nicht irgendwelche Beweise gegen ihn gäbe. Vielleicht geht es ja ums …« Er malt mit dem Zeigefinger eine Art Kugel vor seinen Bauch.
»Was? Um das Baby?«, fragt Seb. »Warum sollte Reed sich wegen Brookes kleinem Satansbraten denn den Kopf zerbrechen?«
Mist. Ich habe ganz vergessen, dass die Zwillinge nicht auf dem Laufenden sind. Sie wissen zwar, dass Brooke schwanger war – schließlich waren wir bei dieser schrecklichen Verkündigung ja alle dabei –, aber sie haben keine Ahnung, was Brooke sonst noch behauptet hat.
»Brooke hat damit gedroht, Reed das Kind anzuhängen«, gebe ich zu.
Zwei identische Paare blauer Augen werden riesengroß.
»War er aber nicht«, füge ich eilig hinzu. »Er hat ein paarmal mit ihr geschlafen, aber das ist mehr als sechs Monate her. Und so weit war die Schwangerschaft noch nicht fortgeschritten.«
»Na, wie auch immer.« Seb zuckt mit den Schultern. »Du behauptest also, Reed hat die Freundin seines Vaters geschwängert und sie dann gekillt, weil er keinen Bock hatte, dass ein kleiner Reed durch die Villa rennt?«
»Er war nicht der Vater!«, rufe ich.
»Dann ist es also wirklich von Dad?«, fragt Sawyer langsam.
Ich zögere. »Das glaube ich nicht.«
»Wieso?«
»Weil …«
Uff. Mit den Geheimnissen dieser Villa könnte man den halben Ozean füllen. Ich habe aber überhaupt keine Lust, sie alle aufzudecken. Das hat mir noch nie was gebracht.
»Er hat sich sterilisieren lassen.«
Seb kneift die Augen zusammen. »Hat Dad dir das erzählt?«
Ich nicke. »Er hat gesagt, dass er das gemacht hat, nachdem ihr Jungs alle geboren worden seid. Eure Mom wollte nämlich noch mehr Kinder haben, sollte das aber aus medizinischen Gründen eigentlich nicht riskieren.«
Wieder sehen die Zwillinge einander an, als würden sie stumm miteinander kommunizieren. Easton kratzt sich am Kinn.
»Mom hat sich immer ein Mädchen gewünscht, darüber hat sie viel gesprochen. Sie dachte immer, wir würden ein bisschen weicher werden, wenn wir eine Schwester hätten.« Er verzieht den Mund. »Dabei machen mich Frauen generell eher hart.«
Mann, das nervt vielleicht. Geht es Easton eigentlich wirklich immer nur um Sex, selbst jetzt?
Sawyer hält sich die Hand vor den Mund, während Seb ganz unverhohlen grinst. »Lasst uns doch mal annehmen, sowohl Dad als auch Reed sagen die Wahrheit. Wer ist denn dann der Vater des Babys?«
»Vielleicht gibt es ja gar keinen?«, schlägt Easton vor.
»Muss es doch aber!«, erwidere ich ungeduldig. Weder Reed noch Callum haben je angezweifelt, dass Brooke tatsächlich schwanger war, also muss es stimmen.
»Nicht unbedingt«, wirft Easton ein. »Sie hätte auch lügen und später behaupten können, dass sie eine Fehlgeburt hatte, wenn Dad sie erst mal geheiratet hat.«
»Klingt krank, ist aber durchaus möglich«, meint Seb nickend.
»Warum bist du dir so sicher, dass Reed sie nicht umgebracht hat?«, fragt Easton und sieht mich neugierig an.
»Kannst du dir etwa vorstellen, dass er zu so etwas in der Lage ist?!«, fauche ich.
Er zuckt mit den Schultern. »Wenn sie die Familie bedroht, dann vielleicht schon. Kann ja sein, dass sie Streit hatten und es dann zu einem Unfall kam. Es gibt alle möglichen Erklärungen, oder nicht?«
Mir wird immer übler. So, wie Easton die Situation beschreibt, wäre es tatsächlich … möglich. Reeds Naht ist immerhin aufgegangen. An ihm hat Blut geklebt. Was, wenn …
»Nein!«, bricht es aus mir hervor. »Es war nicht Reed! Ich will auch nicht, dass wir weiter solche Mutmaßungen anstellen. Er ist unschuldig und basta.«
»Und warum bereitest du dich dann darauf vor, die Stadt zu verlassen?«
Eastons leise Frage bleibt im Raum stehen. Ich schlucke einen verzweifelten Seufzer hinunter und reibe meine Augen. Er hat ja recht. Ein Teil von mir glaubt tatsächlich auch, dass er vielleicht schuldig sein könnte. Hätte ich sonst wirklich unsere Sache gepackt?
Die Stille wird immer drückender, bis sie endlich von Schritten unterbrochen wird, die im Erdgeschoss zu hören sind. Da es hier kein Personal gibt, das im Haus wohnt, versteifen sich die Jungs sofort.
»War das die Haustür?«, fragt Seb.
»Sind sie zurück?«, fragt Sawyer.
Ich beiße mir auf die Unterlippe. »Nein, das war nicht die Tür. Das war …«
Wieder schnürt es mir die Kehle zu. O Gott. Ich habe Steve vergessen. Wie kann das sein?!
»Sondern …«, drängt mich Easton.
»Steve«, gebe ich zu.
Alle starren mich an.
»Steve ist unten. Er ist genau in dem Augenblick aufgetaucht, in dem Reed abgeführt wurde.«
»Steve«, wiederholt Easton wie in Trance. »Onkel Steve?«
Sebastian gibt ein leises Würgegeräusch von sich. »Der tote Onkel Steve?«
Ich presse die Zähne zusammen. »Er sah ziemlich lebendig aus. Ein bisschen so wie Tom Hanks in Verschollen, nur ohne den Volleyball.«
»Heilige Scheiße!«
Als Easton zur Tür rennt, packe ich ihn am Handgelenk.
Er legt den Kopf schief und mustert mich einen Moment lang. »Willst du dann nicht mal runter und mit ihm reden, Ella? Immerhin ist er dein Dad.«
Schon kommt die Panik wieder. »Nein. Das ist einfach irgendein Typ, der meine Mom mal geschwängert hat. Ich kann jetzt nicht mit ihm umgehen. Ich …« Wieder muss ich heftig schlucken. »Ich glaube, ihm ist nicht einmal klar, dass ich seine Tochter bin.«
»Das hast du ihm noch nicht gesagt?«, ruft Sawyer.
Ich schüttle langsam den Kopf. »Kann vielleicht einer von euch runtergehen und … ich weiß nicht … ihm ein Zimmer anbieten oder so?«
»Mach ich!«, erwidert Seb sofort.
»Ich komme mit«, meint sein Bruder. »Den muss ich mir mal genauer ansehen.«
Sobald die Zwillinge auf dem Weg zur Tür sind, rufe ich ihnen nach: »Jungs, bitte sagt ihm nichts von mir, ja? Ehrlich, dafür bin ich noch nicht bereit. Lasst uns damit warten, bis Callum nach Hause kommt.«
Wieder tauschen die Zwillinge einen jener bedeutungsvollen Blicke aus.
»Klar«, meint Seb, und schon sind sie weg, galoppieren die Treppe hinunter, um ihren tot geglaubten Onkel zu begrüßen.
Easton tritt auf mich zu. Er sieht erst auf den Koffer, dann in mein Gesicht, um dann nach meiner Hand zu greifen.
»Du haust nicht ab, kleine Schwester. Eigentlich weißt du doch genau, dass das eine ganz dumme Idee ist.«
Ich starre auf unsere verflochtenen Finger. »Ich bin nun mal gut im Abhauen, Easton.«
»Nein. Du bist eine gute Kämpferin.«
»Das kann ich für andere, das schon. Für Reed oder dich oder meine Mom … Aber wenn die Konflikte mich persönlich betreffen, bin ich nicht sonderlich gut darin.« Ich kaue heftiger an meiner Unterlippe. »Warum ist Steve plötzlich aufgetaucht, wo doch alle dachten, er sei tot?! Und wie kann es sein, dass Reed festgenommen wurde?« Meine Stimme zittert. »Was, wenn sie ihn wirklich in den Knast stecken?«
»Machen sie nicht.« Er umschließt meine Hand fester. »Reed wird wiederkommen, Ella. Darum kümmert sich Dad schon.«
»Und was, wenn es nicht klappt?«
»Wird es aber.«
Und wenn nicht??

Ella Harpers Leben verändert sich schlagartig, als der Multimillionär Callum Royal behauptet, ihr Vormund zu sein. Aus ihrem ärmlichen Leben kommt Ella in eine Welt voller Luxus. Die Familie mit den fünf attraktiven Brüdern hat einige Geheimnisse zu verbergen. In den ersten drei Bänden der PAPER-Reihe stehen vor allem Reed und seine Beziehung zu Ella im Mittelpunkt. Doch auch die vier anderen Royal-Söhne haben ein kompliziertes Leben, eine düstere Vergangenheit und immer wieder Pech in der Liebe.

>> Weitere Infos um die fünf Royals und Ella

Die weiteren Platzierungen

Elle Kennedy »The Mistake« (Platz 5)

Blick ins Buch
The Mistake – Niemand ist perfektThe Mistake – Niemand ist perfekt

Roman

College-Eishockey-Star Logan ahnt nicht, dass er die richtige Frau am falschen Ort trifft, als er sich eines Nachts im Zimmer irrt und aus Versehen bei Grace im Bett landet. Das erste Kennenlernen verläuft dementsprechend verheerend. Trotzdem geht ihm dieses hübsche, scharfzüngige Mauerblümchen fortan nicht mehr aus dem Kopf. Irgendwie muss er es schaffen, dass sie ihm eine zweite Chance gibt. Schade nur, dass Grace nicht vorhat, auf seine Annäherungsversuche einzugehen – wobei es ihr durchaus Spaß macht, diesem selbstverliebten Frauenheld dabei zuzusehen, wie er es immer wieder bei ihr versucht.
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Kapitel 1

Logan

Die Freundin seines besten Freundes zu begehren ist wirklich das Allerletzte.

Erstens ist da dieses unangenehme Gefühl. Was sage ich? Unangenehm ist gar kein Ausdruck! Ich kann nicht für alle Männer sprechen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass kein Mann gern aus seinem Schlafzimmer kommt und der Frau seiner Träume über den Weg läuft, die die Nacht in den Armen seines besten Freundes verbracht hat.

Zweitens ist da die Sache mit der Selbstverachtung. Denn wer würde sich nicht selbst verachten, wenn er die große Liebe seines besten Freundes begehrt?

Im Moment überwiegt jedoch das unangenehme Gefühl. Ich wohne in einem Haus mit sehr dünnen Wänden, was bedeutet, dass ich jedes Stöhnen hören kann, das aus Hannahs Mund kommt. Jedes Seufzen und Wimmern. Ich höre jedes Mal, wenn das Bett an die Wand stößt, während ein anderer es mit dem Mädchen treibt, das ich nicht aus meinem Kopf kriege.

Das macht richtig Spaß.

Ich liege mit dem Rücken auf dem Bett und starre an die Decke. Ich mache mir nicht einmal mehr die Mühe, die Songs auf meinem iPod durchzuscrollen. Ich habe mir zwar die Ohrstöpsel in die Ohren gesteckt, um die Geräusche zu übertönen, die Garrett und Hannah im Nebenzimmer machen, aber ich habe noch nicht auf Play gedrückt. Wahrscheinlich will ich mich heute Abend selbst quälen.

Ich bin kein Idiot. Ich weiß, dass sie Garrett liebt. Ich sehe es an der Art, wie sie ihn anschaut, und ich sehe es daran, wie sie sich zusammen verhalten. Jetzt ist April, sie sind seit sechs Monaten ein Paar, und nicht einmal ich kann leugnen, dass sie perfekt zusammenpassen.

Garrett verdient es wirklich, glücklich zu sein. Er tut zwar so, als wäre er ein eingebildeter Mistkerl, aber in Wahrheit ist er der beste Mittelstürmer, mit dem ich je zusammengespielt habe, und der beste Mensch, den ich kenne. Und wenn ich nicht durch und durch hetero wäre, würde ich Garrett Graham nicht nur vögeln, ich würde ihn verdammt noch mal heiraten.

Das macht die Sache noch schlimmer. Ich kann den Kerl nicht einmal hassen, der mit dem Mädchen zusammen ist, das ich gerne hätte. Ich hege keinerlei Rachegelüste, da ich Garrett nicht einmal ansatzweise hasse.

Ich höre, wie sich eine Tür öffnet, und Schritte auf dem Gang. Ich bete zu Gott, dass keiner von den beiden an meine Tür klopft – geschweige denn den Mund öffnet. Denn jetzt ihre Stimmen zu hören, würde mich nur noch mehr runterziehen.

Zum Glück kommt das laute Klopfen an meiner Zimmertür von meinem anderen Mitbewohner Dean, der, ohne auf eine Antwort zu warten, in mein Zimmer stürmt. »Heute Abend ist Party im Omega-Phi-Haus. Bist du dabei?«

Ich springe von meinem Bett auf. Eine Party ist genau das, was ich jetzt brauche. Wenn ich mich betrinke, kann ich Hannah mit Sicherheit aus meinen Gedanken verbannen. Oder noch besser, ich will mich betrinken und mit einem anderen Mädchen vögeln, bis ich nicht mehr an Hannah denken muss. Eins von beidem wird funktionieren, um mir die Gedanken an Hannah aus dem Kopf zu schlagen.

»Unbedingt!«, antworte ich und mache mich auf die Suche nach einem T-Shirt.

Ich ziehe mir ein frisches an und ignoriere den Schmerz in meinem linken Arm. Er kommt von dem Bodycheck, den ich mir letzte Wochen beim Finale zugezogen habe. Aber er war es wert – unser Eishockeyteam hat sich erneut die Meisterschaft gesichert. Man könnte es den ultimativen Hattrick nennen, und alle Spieler, mich eingeschlossen, schwelgen immer noch im Ruhm, dreimal in Folge die nationale Meisterschaft gewonnen zu haben.

Dean, einer unserer Verteidiger, hat es mal als die drei Ps des Ruhms bezeichnet: Partys, Preise und Pussys. Und das beschreibt die Situation ziemlich gut, denn seit unserem großen Sieg bekomme ich von allem mehr als genug.

»Fährst du?«, frage ich, während ich mir eine schwarze Kapuzenjacke überziehe.

Mein Kumpel schnaubt. »Hast du mich das wirklich gerade gefragt?«

Ich verdrehe die Augen. »Stimmt. Wie konnte ich nur?«

Das letzte Mal, als Dean Heyward-Di Laurentis auf einer Party nüchtern war, war … nie. Jedes Mal, wenn er das Haus verlässt, trinkt der Kerl wie ein indischer Wasserbüffel oder dröhnt sich anderweitig zu. Und wer denkt, das würde seine Leistung auf dem Eis in irgendeiner Art und Weise beeinträchtigen, der liegt falsch. Er ist einer der seltenen Menschen, die Party machen können wie Robert Downey Jr. in jungen Jahren und trotzdem so erfolgreich sind und so verehrt werden wie Robert Downey Jr. heute.

»Keine Sorge, Tucker fährt«, sagt Dean. »Das Weichei ist immer noch verkatert von letzter Nacht. Er hat gesagt, er braucht eine Pause.«

Das kann ich meinem Mitbewohner Tucker nicht wirklich verübeln. Das Training für die Nachsaison fängt erst in ein paar Wochen wieder an, und wir alle genießen unsere freie Zeit gerade in vollen Zügen. Aber so ist das eben nach so einem Titel. Letztes Jahr war ich anschließend zwei Wochen lang betrunken.

Ich freue mich nicht wirklich auf die Nachsaison. Die Kraft, die Kondition und die ganze Arbeit, die es braucht, um in Form zu bleiben, sind hart, aber es ist noch anstrengender, wenn man nebenher zehn Stunden am Tag arbeiten muss. Aber ich habe keine andere Wahl. Das Training ist wichtig für die kommende Saison, und die Arbeit … Nun ja, ich habe meinem Bruder ein Versprechen gegeben, und egal wie krank es mich macht, ich kann mein Wort nicht brechen. Mein Bruder würde mir das Fell über die Ohren ziehen, wenn ich mein Versprechen nicht halte.

Unser selbst ernannter Fahrer wartet unten im Flur auf Dean und mich. Ein rotbrauner Bart verdeckt Tuckers Gesicht und verleiht ihm das Aussehen eines Werwolfs. Aber seit ein Mädchen letzte Woche auf einer Party zu ihm gesagt hat, er hätte ein Babyface, ist er wild entschlossen, diesen neuen Look auszuprobieren.

»Du weißt schon, dass dich dieser Yetibart nicht männlicher aussehen lässt, oder?«, sagt Dean belustigt, während wir nach draußen gehen.

Tucker zuckt mit den Schultern. »Ich wollte eigentlich nur wilder aussehen.«

Ich muss kichern. »Das hat leider nicht geklappt, Babyface. Du siehst aus wie ein durchgeknallter Wissenschaftler.«

Er zeigt mir den Mittelfinger und geht zur Fahrerseite meines Pick-ups. Ich setze mich auf den Beifahrersitz, und Dean klettert auf die Ladefläche, weil er frische Luft braucht, wie er sagt. Ich denke, er will nur, dass der Wind seine Haare zerzaust, weil alle Mädchen auf diese sexy Frisur stehen. Nur zur Info – Dean ist unglaublich eitel. Aber er sieht auch aus wie ein Model, also hat er wahrscheinlich das Recht dazu.

Tucker startet den Motor, und ich klopfe ungeduldig mit den Fingern auf meine Oberschenkel. Viele Verbindungsstudenten gehen mir mit ihrer elitären Einstellung wahnsinnig auf die Nerven, aber darüber sehe ich heute großzügig hinweg. Denn wenn Partys feiern eine olympische Disziplin wäre, würde jeder Verbindungsbruder und jede Verbindungsschwester der Briar University eine Goldmedaille bekommen.

Während Tucker den Wagen aus der Einfahrt lenkt, fällt mein Blick auf Garretts glänzenden schwarzen Jeep, der auf dem Parkplatz steht, während sein Besitzer die Nacht mit dem coolsten Mädchen der Welt verbringt und …

Und Schluss. Diese Besessenheit von Hannah Wells bringt mich langsam wirklich um den Verstand.

Ich brauche Sex. Sofort.

Tucker ist auffallend still während der Fahrt zum Omega-Phi-Haus. Vielleicht blickt er sogar finster drein, aber das ist bei diesem Bart schwer zu sagen.

»Warum so schweigsam?«, frage ich.

Tucker wirft mir einen finsteren Blick zu, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße richtet.

»Ach, komm schon. Ist es, weil wir dich vorhin wegen dem Bart aufgezogen haben?« Leichte Verärgerung macht sich in mir breit. »Das lernt man doch im ersten Kapitel von Bärte für Dummies, Kumpel. Wenn du dir einen Vollbart wachsen lässt, werden dich deine Freunde deshalb aufziehen. Ende vom Lied.«

»Es geht nicht um den Bart«, murmelt er.

Ich runzle die Stirn. »Aha. Aber irgendetwas stinkt dir. Was ist los mit dir?«

Er blickt mich verärgert an. »Mit mir? Nichts. Was ist los mit dir? Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Du musst endlich mit dieser Scheiße aufhören, Mann.«

Jetzt bin ich ehrlich verwirrt. Alles, was ich in den letzten zehn Minuten getan habe, war doch, mich auf die Party zu freuen.

Tucker bemerkt die Verwirrung in meinem Blick. »Ich meine die Sache mit Hannah.«

Obwohl sich meine Schultern verspannen, versuche ich, einen gleichgültigen Ausdruck zu bewahren. »Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.«

Ja, ich habe beschlossen, zu lügen. Aber das ist nichts Neues für mich. Manchmal habe ich das Gefühl, als würde ich nichts anderes machen, seit ich auf Briar bin.

Natürlich werde ich Profispieler in der National Hockey League!

Ich verbringe meine Sommerferien total gern damit, in der Autowerkstatt meines Vaters zu jobben. Das ist leicht verdientes Geld!

Ich steh doch nicht auf Hannah. Sie ist die Freundin meines besten Freundes!

Lügen, Lügen und noch mehr Lügen. Denn in jedem dieser Fälle wäre die Wahrheit ein absoluter Knaller, und ich will auf keinen Fall, dass meine Freunde und Mannschaftskollegen Mitleid mit mir haben.

»Heb dir diesen Blödsinn für Garrett auf«, erwidert Tucker. »Du hast Glück, dass er momentan von seinem Liebesrausch so abgelenkt wird. Denn sonst würde er bestimmt bemerken, wie du dich benimmst.«

»Ach ja, wie benehme ich mich denn?« Ich kann mir den schroffen Tonfall nicht verkneifen. Es gefällt mir nicht, dass Tucker weiß, was ich für Hannah empfinde. Und es gefällt mir noch viel weniger, dass er das Thema jetzt nach all den Monaten zur Sprache bringt. Warum kann er es nicht auf sich beruhen lassen? Die Situation ist schon beschissen genug, auch wenn mich keiner darauf anspricht.

»Im Ernst? Willst du, dass ich dir alles aufzähle? Du verlässt das Zimmer, sobald die beiden es betreten. Du verkriechst dich in deinem Schlafzimmer, wenn sie bei ihm übernachtet. Und wenn ihr im gleichen Zimmer seid, dann starrst du sie an, sowie du dich unbeobachtet fühlst …«

»Okay«, unterbreche ich ihn. »Ich hab’s verstanden.«

»Ganz zu schweigen von deinem Rumvögeln«, brummt Tucker. »Du warst schon immer ein Aufreißer, Kumpel. Aber du hast in dieser Woche schon mit fünf Mädchen rumgemacht.«

»Und?«

»Und es ist erst Donnerstag. Fünf Mädchen in vier Tagen. Rechne mal nach, John.«

O Scheiße. Er hat mich beim Vornamen genannt. Tucker nennt mich nur John, wenn er wirklich wütend auf mich ist.

Aber jetzt bin ich auch wütend auf ihn, also nenne ich ihn ebenfalls beim Vornamen. »Was ist so schlimm daran, John?«

Ja, wir heißen beide John. Wahrscheinlich sollten wir einen Blutschwur leisten und einen Klub gründen oder so.

»Ich bin einundzwanzig Jahre alt«, fahre ich gereizt fort. »Ich darf mit Mädchen rummachen. Nein, ich sollte es sogar tun, denn darum geht es doch während des Studiums. Spaß haben, mit Mädchen rummachen und die Zeit genießen, bevor der Ernst des Lebens beginnt.«

»Du willst mir wirklich erzählen, dass diese ganzen One-Night-Stands einfach nur Erfahrungen sind, die du während deiner Studienzeit machen musst?« Tucker schüttelt den Kopf, seufzt und fährt dann mit sanfterer Stimme fort. »Du kannst sie dir nicht aus dem Kopf vögeln, Mann. Du könntest heute Nacht mit hundert Frauen schlafen, und es würde keinen Unterschied machen. Du musst akzeptieren, dass zwischen dir und Hannah nichts passieren wird.«

Er hat vollkommen recht. Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich mich in meinem Elend suhle und zur Ablenkung mit jedem Mädchen schlafe, das mir über den Weg läuft.

Und ich bin mir auch bewusst, dass ich aufhören muss, bis zur Besinnungslosigkeit Party zu machen. Und dass ich diesen winzigen Hoffnungsschimmer loslassen muss, der mir weismachen will, dass mit Hannah doch noch mal etwas passieren könnte. Denn das wird nicht der Fall sein.

Vielleicht fange ich morgen damit an.

Heute Abend bleibe ich bei meinem ursprünglichen Plan. Ich werde mich betrinken, ich werde Sex haben, und zum Teufel mit dem Rest.

Grace

Ich habe mein erstes Jahr an der Uni als Jungfrau begonnen.

Und allmählich denke ich, dass ich es auch als Jungfrau beenden werde.

Nicht dass etwas Schlechtes daran wäre, Mitglied im Klub der Jungfrauen zu sein. Mit knapp neunzehn bin ich ja noch keine alte Jungfer und werde sicher nicht auf offener Straße geteert und gefedert, weil ich noch ein intaktes Jungfernhäutchen habe.

Und ich hätte dieses Jahr durchaus Möglichkeiten gehabt, meine Jungfräulichkeit zu verlieren. Seit ich auf der Briar University bin, hat mich meine beste Freundin zu mehr Partys geschleppt, als ich zählen kann. Und es haben auch Jungs mit mir geflirtet. Ein paar von ihnen haben probiert, mich zu verführen. Einer hat mir sogar ein Bild von seinem Penis geschickt und daruntergeschrieben: »Er gehört dir, Baby.« Das war total ekelhaft. Aber ich bin mir sicher, wenn ich ihn wirklich gemocht hätte, wäre ich von dieser Geste … ähm … geschmeichelt gewesen? Ein bisschen wenigstens?

Aber ich habe mich zu keinem dieser Kerle hingezogen gefühlt. Und blöderweise schenken mir die Jungs, zu denen ich mich hingezogen fühle, keine Beachtung.

Bis zum heutigen Abend.

Als Ramona mir verkündet hat, dass wir zu einer Verbindungsparty gehen, habe ich mir keine großen Hoffnungen gemacht, jemanden kennenzulernen. Jedes Mal, wenn wir auf eine solche Party gehen, kommt es mir so vor, als würden die Verbindungsbrüder mir und Ramona nur Honig um den Mund schmieren, damit sie mit uns rummachen können. Aber heute Abend bin ich sogar einem Typen begegnet, den ich ziemlich nett finde.

Er heißt Matt, sieht wirklich gut aus und gibt keine dämlichen Kommentare von sich. Und er ist nicht nur annähernd nüchtern, er spricht auch in ganzen Sätzen. Bisher habe ich noch nicht viel gesagt, aber es genügt mir voll und ganz, auf dieser Party herumzustehen und ihm zuzuhören. Das verschafft mir Zeit, seine markanten Gesichtszüge und die umwerfende Art zu bewundern, wie sich sein blondes Haar hinter seinem Ohr wellt.

Um ehrlich zu sein, ist es wohl auch besser, wenn ich nichts sage. Gut aussehende Typen machen mich nervös. Mein Gehirn schaltet sich dann ab, und ich bringe keinen vernünftigen Satz mehr zustande. In solchen Fällen erzähle ich plötzlich, wie ich mir in der dritten Klasse bei einem Ausflug zur Ahornsirupfabrik in die Hose gemacht habe, oder dass ich Angst vor Marionetten habe und eine leichte Zwangsneurose, die mich dazu bringen könnte, das Zimmer des Typen aufzuräumen, sobald er mir den Rücken zudreht.

Es ist also wirklich besser, wenn ich einfach nur lächle und nicke und ab und zu ein »Ach wirklich?« einwerfe, damit er sieht, dass ich nicht stumm bin. Aber manchmal ist das nicht machbar, vor allem dann nicht, wenn der gut aussehende Typ mich etwas fragt, worauf er tatsächlich eine Antwort erwartet.

»Wollen wir nach draußen gehen und das hier rauchen?« Matt zieht einen Joint aus der Jackentasche und hält ihn mir vor die Nase. »Ich würde ihn ja hier anzünden, aber dann würde man mich wohl postwendend aus der Verbindung werfen.«

Ich trete unbeholfen von einem Fuß auf den anderen. »Äh … nein danke.«

»Rauchst du kein Gras?«

»Nein. Das heißt, ich hab es schon mal gemacht, aber nicht oft. Ich bin dann immer so … durchgeknallt.«

Er grinst, und zwei absolut umwerfende Grübchen erscheinen auf seinem Gesicht. »Das ist der Sinn von Gras.«

»Ja, du hast recht. Aber es macht mich auch müde. Und jedes Mal, wenn ich etwas rauche, endet es damit, dass ich an die PowerPoint-Präsentation denke, die mir mein Vater aufgezwungen hat, als ich dreizehn war. Sie listet alle Statistiken über die Auswirkungen von Haschisch auf die Gehirnzellen auf und verdeutlicht, dass Marihuana entgegen dem allgemeinen Glauben sehr wohl abhängig macht. Und nach jeder Folie hat mein Vater mich angesehen und gesagt: Willst du deine Gehirnzellen verlieren, Grace? Willst du das wirklich?«

Matt starrt mich an, und eine Stimme tief in mir ruft: Stopp! Aber es ist zu spät. Mein innerer Filter hat mich wieder einmal im Stich gelassen, und die Worte sprudeln nur so aus mir heraus.

»Aber das alles ist längst nicht so schlimm wie das, was meine Mutter getan hat. Sie will immer der coolere Elternteil sein, und als ich fünfzehn war, ist sie mit mir auf einen Parkplatz gefahren, hat einen Joint aus der Tasche gezogen und verkündet, dass wir den jetzt zusammen rauchen werden. Es war wie eine Szene aus The Wire – wobei ich The Wire nie gesehen habe. Da geht es doch um Drogen, oder? Egal, ich saß also im Auto und bin in Panik geraten, weil ich überzeugt davon war, dass wir verhaftet werden würden. In der Zwischenzeit hat mich meine Mutter immer wieder gefragt, wie es mir geht und ob ich ›es genieße‹.«

Wie durch ein Wunder hören meine Lippen endlich auf, sich zu bewegen.

Aber Matts Blick ist schon längst abgeschweift.

»Ähm … ja.« Unbeholfen spielt er mit dem Joint herum. »Ich werde den hier jetzt draußen rauchen. Wir sehen uns später.«

Ich schaffe es, meinen Seufzer zu unterdrücken, bis er gegangen ist. Dann stöhne ich laut und schlage mir gedanklich auf den Hinterkopf. Verdammt noch mal. Ich weiß nicht, warum ich immer wieder Versuche unternehme, mit Jungs zu reden. Jedes Mal, wenn ich eine Unterhaltung beginne, bin ich nervös, weil ich Angst habe, mich zu blamieren. Und dann blamiere ich mich, weil ich so nervös bin. Ein aussichtsloses Unterfangen.

Seufzend gehe ich nach unten und suche im Erdgeschoss nach Ramona. In der Küche stehen lauter Bierfässer und Verbindungsbrüder. Das Gleiche gilt fürs Esszimmer. Das Wohnzimmer ist voll mit sehr lauten, sehr betrunkenen Typen und jeder Menge leicht bekleideter Mädchen. Ich bewundere sie für ihren Mut, denn draußen ist es eiskalt, und die Tür geht schon den ganzen Abend ständig auf und zu, was dazu führt, dass die kalte Luft durch das ganze Haus strömt. Ich hingegen fühle mich in meiner engen Jeans und meinem Pulli wohlig warm.

Ich kann meine Freundin nirgends entdecken. Während aus den Boxen Hip-Hop-Musik dröhnt, hole ich mein Handy aus der Tasche, um auf die Uhr zu schauen, und stelle fest, dass es schon fast Mitternacht ist. Auch nach acht Monaten in Briar überkommen mich immer noch leichte Schuldgefühle, wenn ich später als dreiundzwanzig Uhr unterwegs bin. Zu dieser Uhrzeit musste ich immer daheim sein, als ich noch zu Hause gewohnt habe. Mein Vater war ein richtiger Pedant, wenn es um Sperrstunden ging. Eigentlich ist er in jeder Hinsicht ein richtiger Pedant. Ich bezweifle, dass er in seinem Leben auch nur eine einzige Regel gebrochen hat. Und ich wundere mich umso mehr, wie er und meine Mutter es geschafft haben, so lange verheiratet zu sein. Meine freiheitsliebende Mutter ist genau das Gegenteil von meinem spießigen, strengen Vater, aber das beweist wohl die Theorie, dass Gegensätze sich anziehen.

»Gracie!«, höre ich eine weibliche Stimme über die Musik hinweg, und schon erscheint Ramona vor mir und umarmt mich überschwänglich.

Als sie einen Schritt zurücktritt, muss ich nur einen Blick auf ihre glänzenden Augen und ihre roten Wangen werfen, um zu wissen, dass sie betrunken ist. Sie ist genauso spärlich bekleidet wie die meisten anderen Mädchen im Raum. Ihr kurzer Rock bedeckt kaum ihre Oberschenkel, und ihr rotes Trägertop legt jede Menge Ausschnitt frei. Und die Absätze ihrer Lederstiefel sind so hoch, dass ich keine Ahnung habe, wie sie darin laufen kann. Aber sie sieht fantastisch aus und zieht jede Menge bewundernde Blicke auf sich, als sie sich bei mir unterhakt.

Ich bin mir sicher, wenn uns die Leute nebeneinander sehen, fragen sie sich, wie es möglich sein kann, dass wir Freundinnen sind. Manchmal frage ich mich das auch.

In der Highschool war Ramona die Spaßkanone, die hinter dem Gebäude Zigaretten geraucht hat. Ich hingegen war das brave Mädchen, das bei der Schülerzeitung mitgearbeitet und die ganzen Wohltätigkeitsveranstaltungen organisiert hat. Wären wir nicht direkte Nachbarn gewesen, hätten Ramona und ich uns wahrscheinlich nie kennengelernt. Aber der tägliche gemeinsame Schulweg hat zu einer pragmatischen Freundschaft geführt, aus der schließlich eine richtige Bindung geworden ist. Die Bindung war so fest, dass wir uns an denselben Unis beworben haben, und als wir beide eine Zusage von Briar bekamen, haben wir meinen Vater gebeten, mit der Studentenwohnheimsverwaltung zu reden, damit wir ins gleiche Zimmer kommen.

Obwohl unsere Freundschaft am Anfang des Jahres noch richtig dick war, kann ich nicht leugnen, dass wir uns ein bisschen auseinandergelebt haben. Ramona ist wahnsinnig damit beschäftigt, Jungs kennenzulernen und beliebt zu sein. Sie redet über nichts anderes mehr, und seit geraumer Zeit nervt mich das ein wenig.

Verdammt. Allein dieser Gedanke gibt mir das Gefühl, eine schlechte Freundin zu sein.

»Ich habe gesehen, wie du mit Matt nach oben gegangen bist!«, zischt sie mir ins Ohr. »Habt ihr rumgemacht?«

»Nein«, sage ich niedergeschlagen. »Ich glaube, ich habe ihn vertrieben.«

»O nein. Du hast ihm doch nicht etwa von deiner Marionettenphobie erzählt, oder?«, fragt sie mich und seufzt. »Süße, du musst wirklich damit aufhören, deine Ticks schon am Anfang zu offenbaren. Im Ernst, spar dir das auf, bis du in einer festen Beziehung bist. Dann ist es für den Typen viel schwieriger davonzulaufen.«

Ich muss lachen. »Danke für den Tipp.«

»Können wir gehen, oder willst du noch ein bisschen bleiben?«

Ich schaue noch einmal durch den Raum. Mein Blick landet in der Ecke, in der zwei Mädchen in Jeans und BH miteinander rumknutschen, während ein Omega-Phi-Student das leidenschaftliche Schauspiel mit seinem iPhone filmt.

Ich wette zehn Dollar, dass das Video auf einer dieser kostenlosen Pornoseiten landet. Und die armen Mädchen werden es wahrscheinlich erst in ein paar Jahren erfahren, wenn eine von ihnen einen Senator heiraten will und die Presse alle schmutzigen Geheimnisse aus ihrer Vergangenheit ans Tageslicht befördert.

»Ich habe nichts dagegen, jetzt zu gehen«, erkläre ich.

»So geht’s mir auch«, erwidert Ramona.

Ich runzle die Stirn. »Seit wann verlässt du freiwillig eine Party vor Mitternacht?«

Sie blickt mich missmutig an. »Es hat wenig Sinn, länger hierzubleiben. Ich hab mein Glück schon bei einem Typen versucht.«

Ich muss gar nicht erst fragen, von wem sie redet – es ist der Kerl, von dem sie seit dem ersten Tag des Semesters redet.

Dean Heyward-Di Laurentis.

Seit sie dem hübschesten Studenten des vorletzten Semesters in einem Café auf dem Campus begegnet ist, ist Ramona wie besessen von ihm. Und ich meine wirklich besessen. Sie hat mich zu jedem Heimspiel der Eishockeymannschaft geschleppt, um Dean in Action zu sehen. Ich muss zugeben, der Typ ist wirklich scharf. Und wenn man den Gerüchten glaubt, ist er auch ein fantastischer Eishockeyspieler. Aber zu Ramonas Leidwesen geht Dean nicht mit Studentinnen aus dem ersten Semester aus. Oder schläft mit ihnen, was eigentlich alles ist, was sie von ihm will. Ramona ist nie länger als eine Woche mit einem Kerl zusammen.

Der einzige Grund, warum sie heute zu dieser Party kommen wollte, war der, dass sie gehört hat, Dean würde hier sein. Aber anscheinend macht der Kerl keine Ausnahme von seiner Regel in Sachen neue Studentinnen. Ganz egal, wie oft Ramona sich schon an ihn rangeschmissen hat, er ist immer mit einer anderen nach Hause gegangen.

»Ich muss noch schnell auf die Toilette«, sage ich. »Treffen wir uns draußen?«

»Okay, aber beeil dich. Ich habe Jasper gesagt, dass wir fahren, und er wartet schon im Auto.«

Sie verschwindet in Richtung Haustür und lässt mich mit einem unbehaglichen Gefühl zurück. Nett, dass sie mich gefragt hat, ob ich gehen will, obwohl sie die Entscheidung für uns bereits getroffen hat.

Aber ich schlucke das Gefühl runter und erinnere mich daran, dass es schon immer so war und dass es mich in der Vergangenheit nie gestört hat. Wenn sie nicht die Entscheidungen für uns treffen und mich dazu zwingen würde, meine Komfortzone zu verlassen, hätte ich wahrscheinlich das ganze erste Studienjahr damit verbracht, für die Unizeitung Kolumnen zu schreiben und Jugendlichen Tipps für ihr Leben zu geben, ohne jemals selbst gelebt zu haben.

Aber trotzdem wünschte ich manchmal, Ramona würde mich wenigstens nach meiner Meinung fragen, bevor sie entscheidet, was wir tun.

Vor der Toilette im Erdgeschoss ist eine lange Schlange, also gehe ich nach oben, wo Matt und ich uns vorhin unterhalten haben. Ich will gerade ins Badezimmer, als die Tür auffliegt und eine hübsche Blondine herausstürmt.

Sie zuckt zusammen, als sie mich sieht. Dann grinst sie mich verschmitzt an und zupft ihr Kleid zurecht, das mehr als freizügig ist. Ich kann sogar den Rand ihres rosa Slips sehen.

Als ich spüre, wie ich erröte, wende ich meinen Blick beschämt ab und warte, bis sie die Treppe hinuntergegangen ist, bevor ich nach der Türklinke greife. In diesem Moment öffnet sich die Tür erneut, und noch jemand kommt heraus.

Ich blicke in die blauesten Augen, die ich jemals gesehen habe. Schon im nächsten Moment weiß ich, wer da vor mir steht, und meine Wangen werden feuerrot.

Es ist John Logan.

Jawohl, John Logan. Auch bekannt als der Starverteidiger der Eishockeymannschaft. Das weiß ich nicht nur, weil Ramona seinem Freund Dean schon seit Monaten hinterherläuft, sondern auch, weil sein markantes Gesicht letzte Woche das Cover der Unizeitung geziert hat. Seit die Mannschaft Meister geworden ist, hat die Zeitung mit allen Spielern Interviews geführt, und ehrlich gesagt war Logans Interview das einzige, das mich interessiert hat.

Denn der Typ ist absolut scharf.

Genau wie die Blondine scheint er überrascht zu sein, mich auf dem Flur zu sehen, und wie die Blondine erholt auch er sich schnell von seinem Schock und grinst mich an.

Dann zieht er den Reißverschluss seiner Hose zu.

O mein Gott.

Ich kann nicht glauben, was ich da eben gesehen habe. Mein Blick bleibt an seinem Schritt hängen, aber das scheint ihn nicht im Geringsten zu stören. Er zieht eine Augenbraue hoch, zuckt mit den Schultern und geht davon.

Spätestens das hätte mich abstoßen müssen, mal ganz abgesehen von dem offensichtlichen Techtelmechtel auf der Toilette. Allein durch die Sache mit dem Reißverschluss müsste ich ihn in dieselbe Schublade stecken wie die anderen Vollidioten.

Aber stattdessen fühle ich etwas wie unerwartete Eifersucht in mir aufsteigen, als ich daran denke, dass er eben gerade mit diesem Mädchen auf der Toilette Sex gehabt hat.

Ich sage nicht, dass ich mit irgendeinem Kerl Sex auf der Toilette haben will, aber …

Okay, das ist gelogen. Ich will es unbedingt. Zumindest mit John Logan. Allein der Gedanke, wie seine Hände und Lippen mich überall berühren, sendet heiße Blitze durch meinen Körper.

Warum kann ich nicht mit Jungs auf der Toilette rummachen? Ich bin Studentin, verdammt. Ich sollte Spaß haben und Fehler machen und mich selbst finden, aber ich habe dieses Jahr noch nichts dergleichen getan. Ich lebe eigentlich nur durch Ramona und sehe ihr dabei zu, wie sie Risiken eingeht und neue Dinge ausprobiert, während ich das brave Mädchen bin und das vorsichtige Leben führe, das mir mein Vater schon gepredigt hat, als ich noch Windeln anhatte.

Dabei habe ich es satt, vorsichtig zu sein. Ich bin es leid, das brave Mädchen zu sein. Das Semester ist fast vorbei. Ich muss noch für zwei Prüfungen lernen und eine Hausarbeit in Psychologie schreiben. Aber wer sagt, dass ich nebenbei nicht auch ein bisschen Spaß haben kann?

Es sind nur noch ein paar Wochen übrig von meinem ersten Jahr an der Uni. Und ich habe gerade entschieden, das Beste aus ihnen zu machen.

 

Kapitel 2

Logan

Ich habe beschlossen, es mit dem Feiern jetzt langsamer angehen zu lassen. Und zwar nicht nur, weil ich gestern so betrunken war, dass Tucker mich in mein Zimmer tragen musste. Ich konnte nämlich nicht mehr alleine laufen.

Allerdings muss ich zugeben, dass die gestrige Party einer der Hauptgründe für meine Entscheidung war. Jetzt ist Freitagabend, und ich habe nicht nur eine Einladung zu einer Party von einem Teamkollegen ausgeschlagen, sondern ich nippe auch noch an demselben Glas Whiskey, das ich mir vor über einer Stunde eingeschenkt habe. Und ich habe kein einziges Mal an dem Joint gezogen, den Dean mir ständig unter die Nase hält.

Wir bleiben heute Abend daheim und trotzen der Aprilkälte in unserem kleinen Garten. Ich ziehe an meiner Zigarette, während Dean, Tucker und unser Teamkollege Mike Hollis den Joint herumreichen. Mit einem Ohr lausche ich Deans überaus vulgärer Schilderung seines One-Night-Stands von letzter Nacht. Währenddessen wandern meine Gedanken zu meinem kleinen Quickie – mit dieser teuflisch gut aussehenden Verbindungsschwester, die mich nach oben auf die Toilette gelockt und mich dort verführt hat.

Ich war zwar betrunken, und mein Erinnerungsvermögen ist vielleicht nicht mehr ganz intakt, aber ich weiß noch genau, wie ich sie mit meinen Fingern befriedigt habe, bis sie gekommen ist. Noch besser kann ich mich daran erinnern, dass sie mir anschließend einen ziemlich spektakulären Blowjob gegeben hat. Aber ich habe nicht vor, Tucker davon zu erzählen, denn dieser neugierige Spinner scheint ja anscheinend eine Liste über meine One-Night-Stands zu führen.

»Moment, noch mal bitte. Was hast du gemacht?«

Hollis’ erstaunte Frage holt mich wieder in die Gegenwart zurück.

»Ich habe ihr ein Foto von meinem Schwanz geschickt.« Dean sagt das so, als ob es für ihn ganz alltäglich wäre.

Hollis glotzt ihn ungläubig an. »Im Ernst? Du hast ihr ein Foto von deinem Schwanz geschickt? Als Sexsouvenir, oder was?«

»Nein. Eher als Einladung zur zweiten Runde«, antwortet Dean grinsend.

»Und du glaubst wirklich, sie will noch einmal mit dir schlafen?«, hakt Hollis skeptisch nach. »Wahrscheinlich denkt sie, dass du ein kompletter Idiot bist.«

»Auf gar keinen Fall, Kumpel. Die Tussis stehen auf gute Penisfotos, glaub mir.«

Hollis presst seine Lippen zusammen, als ob er versuchen würde, ein Lachen zu unterdrücken. »Ja klar, sicher.«

Ich schnipse die Asche auf den Boden und nehme noch einen Zug. »Nur aus Neugierde: Was macht denn ein ›gutes Penisfoto‹ aus? Ich meine, ist es das Licht? Die Pose?«

Ich meine das natürlich sarkastisch, aber Dean antwortet ganz ernsthaft: »Nun ja, der Trick ist, dass du die Eier aus dem Spiel lassen musst.«

Das verleitet Tucker zu einem lauten Johlen, und er verschluckt sich fast an seinem Bier.

»Im Ernst«, beharrt Dean. »Hoden sind nicht besonders fotogen. Frauen wollen sie nicht sehen.«

Hollis kann sich das Lachen nicht mehr verkneifen, und sein Atem kommt in weißen Wölkchen aus seinem Mund, die in der Nachtluft verpuffen. »Du hast dir darüber anscheinend ziemlich viele Gedanken gemacht, Mann. Das ist irgendwie traurig.«

Jetzt muss ich auch lachen. »Das machst du also in deinem Zimmer, wenn du die Tür absperrst! Deinen Schwanz fotografieren!«

»Jetzt tut doch nicht so, als wäre ich der Einzige, der jemals ein Foto von seinem Schwanz gemacht hat.«

»Du bist der Einzige«, sagen Hollis und ich wie aus einem Mund.

»So ein Blödsinn. Ihr lügt.« Dean stellt fest, dass Tucker noch gar nichts dazu gesagt hat, und fängt sofort damit an, auf dem Schweigen unseres armen Teamkollegen herumzureiten. »Ha. Ich wusste es!«

Ich runzle die Stirn und werfe Tucker einen Blick zu. Es lässt sich nicht eindeutig feststellen, ob er unter seinem Bart rot wird oder nicht. »Im Ernst, Mann? Wirklich?«

Er grinst uns achselzuckend an. »Erinnert ihr euch noch an das Mädchen, mit dem ich letztes Jahr ausgegangen bin? Sheena? Na ja, sie hat mir ein Foto von ihren Brüsten geschickt. Ich musste ihr also auch einen Gefallen tun.«

»Schwanz gegen Titten?«, meint Dean. »Hey, sie hat dich reingelegt. Das kann man doch überhaupt nicht vergleichen.«

»Was ist denn dann das Gegenstück zu Brüsten?«, fragt Hollis neugierig.

»Eier«, erklärt Dean, bevor er einen tiefen Zug vom Joint nimmt. Er stößt einen weißen Rauchkringel in die Luft, und wir alle müssen über seine Bemerkung lachen.

»Du hast doch gerade gesagt, Frauen wollen keine Eier sehen«, sagt Hollis.

»Das stimmt ja auch. Aber jeder Idiot weiß, dass man für ein Penisfoto im Gegenzug ein Ganzkörperfoto von vorne bekommt.« Er verdreht die Augen. »Das ist doch logisch.«

Hinter mir räuspert sich jemand ziemlich laut.

Ich drehe mich um und sehe Hannah an der offenen Tür zum Garten stehen. Meine Brust zieht sich zusammen, dass es wehtut. Sie trägt Leggins und eins von Garretts Eishockeytrikots. Ihr dunkles Haar fällt ihr offen über die Schulter. Sie sieht atemberaubend aus.

Ich muss der schlimmste Freund der Welt sein, denn plötzlich stelle ich sie mir in einem von meinen Shirts vor. Mit meiner Nummer auf dem Rücken.

So viel dazu, die Sache zu akzeptieren und nach vorn zu blicken.

»Nur damit ich es nicht falsch verstehe«, sagt sie langsam. »Ihr Jungs unterhaltet euch allen Ernstes darüber, Mädchen Fotos von euren Penissen zu schicken?« Ihre Augen glitzern belustigt.

Dean schnaubt. »Und ob wir das tun. Und jetzt verdreh nicht so die Augen, Wellsy. Du willst uns doch wohl nicht weismachen, dass Garrett dir noch kein Foto von seinem Schwanz geschickt hat?«

»Diese Frage verdient keine Antwort.« Sie seufzt und lehnt ihren Arm an den Türrahmen. »Garrett und ich bestellen Pizza. Wollt ihr auch eine? Und dann schauen wir uns im Wohnzimmer einen Film an. Er ist mit Aussuchen an der Reihe, also gehe ich davon aus, dass es ein schrecklicher Actionfilm werden wird. Also, falls ihr Lust habt …«

Tucker und Dean stimmen sofort begeistert zu, aber Hollis schüttelt bedauernd den Kopf. »Vielleicht beim nächsten Mal. Ich habe am Montag meine letzte Prüfung und werde den Rest des Wochenendes wohl mit Lernen verbringen.«

»Oh, na dann viel Glück.« Sie lächelt ihm zu, bevor sie den Türrahmen loslässt und wieder ins Haus tritt. »Wenn ihr ein Wörtchen bei der Pizza mitreden wollt, dann solltet ihr besser reinkommen. Sonst bestelle ich sie komplett vegetarisch. Ach, und Logan, was ist denn das?« Ihre grünen Augen blicken mich ernst an. »Ich dachte, du rauchst nur auf Partys. Muss ich dir dafür jetzt den Hintern versohlen?«

»Ich würde gerne sehen, wie du das versuchst, Wellsy.« Meine Stimme klingt amüsiert, aber in dem Moment, in dem sie im Haus verschwindet, verpufft auch mein Humor.

Ihre Gegenwart ist für mich wie ein Schlag in die Magengrube. Und der Gedanke daran, mit ihr und Garrett im Wohnzimmer zu sitzen, Pizza zu essen und einen Film anzuschauen, während die beiden Turteltauben die ganze Zeit miteinander kuscheln – das ist hundertmal schlimmer als ein Schlag in die Magengrube. Eher wie ein ganzes Eishockeyteam, das dich an die Bande presst.

»Wisst ihr was? Ich gehe vielleicht doch zu Danny. Nimmst du mich mit zu den Wohnheimen?«, frage ich Hollis. »Ich würde ja selbst fahren, aber ich weiß nicht, ob ich dort trinken werde.«

Dean drückt den Joint aus. »Du wirst dort nicht trinken, Mann. Dannys Wohnheimwache ist ein absoluter Nazi. Er geht durch die Gänge und kontrolliert immer wieder die Zimmer. Kein Witz.«

Das ist mir egal. Ich weiß nur, dass ich nicht hierbleiben kann. Ich kann nicht mit Hannah und Garrett zusammen in einem Raum sein, zumindest nicht, bevor ich es geschafft habe, meine dumme Schwärmerei für sie in den Griff zu bekommen.

»Dann trinke ich eben nichts. Ich brauche nur einen Tapetenwechsel. Ich war schon den ganzen Tag daheim.«

»Einen Tapetenwechsel, wie?« Tuckers Blick sagt mir, dass er meine Gedanken lesen kann.

»Ja«, sage ich betont locker. »Hast du ein Problem damit?«

Tucker antwortet mir nicht.

Ich verabschiede mich von den beiden und folge Hollis zum Auto.

Fünfzehn Minuten später stehe ich im zweiten Stock des Fairview House, und es ist so unglaublich still, dass meine Laune noch weiter sinkt. Verdammt, der Wohnheimbetreuer muss wirklich ein harter Brocken sein. Ich höre keinen Mucks aus einem der Zimmer, und ich kann Danny nicht einmal anrufen, um herauszufinden, ob die Party womöglich abgesagt wurde, weil ich bei meiner hastigen Flucht aus dem Haus vergessen habe, mein Handy mitzunehmen.

Ich war noch nie in Dannys Wohnheim, also bleibe ich einen Moment lang im Gang stehen und versuche, mich daran zu erinnern, welche Zimmernummer er mir in seiner SMS geschrieben hat. Zweihundertzwanzig? Oder war es zweihundertdreißig? Ich gehe an den Türen vorbei und betrachte die Zahlen. Mein Problem löst sich von selbst, als ich sehe, dass es gar kein Zimmer mit der Nummer zweihundertdreißig gibt.

Dann also zweihundertzwanzig.

Ich klopfe an die Tür, und gleich darauf höre ich von drinnen Schritte. Immerhin ist jemand da. Das ist ein gutes Zeichen.

Dann geht die Tür auf, und ich stehe einer völlig Fremden gegenüber. Zugegebenermaßen einer ziemlich hübschen Fremden, aber dennoch einem Mädchen, das ich nicht kenne.

Die junge Frau blinzelt überrascht, als sie mich sieht. Ihre hellbraunen Augen haben die gleiche Farbe wie ihr Haar, das ihr in einem langen Zopf über die Schulter hängt. Sie trägt eine schlichte weite Hose und ein schwarzes Sweatshirt mit dem Logo der Universität. Aufgrund der Stille im Raum hinter ihr muss ich davon ausgehen, dass ich an der falschen Tür geklopft habe.

»Hi«, sage ich unbeholfen. »Also … na ja … ich nehme mal an, das ist nicht Dannys Zimmer?«

»Nein.«

»Scheiße.« Ich verziehe die Mundwinkel. »Er hat Zimmer Nummer zweihundertzwanzig gesagt.«

»Dann muss einer von euch falschliegen. Und ich glaube, es gibt in diesem Stockwerk auch niemanden mit dem Namen Danny. Ist er im ersten Semester?«

»Nein, im vorletzten.«

»Oh. Dann wohnt er mit Sicherheit nicht hier. Hier wohnen nur Erstsemester.« Während sie spricht, spielt sie mit ihrem Zopf und blickt mir kein einziges Mal in die Augen.

»Scheiße«, murmle ich erneut.

»Bist du dir sicher, dass dein Freund Fairview House gesagt hat?«

Ich zögere. Ich war mir sicher, aber jetzt bin ich es nicht mehr. Danny und ich unternehmen fast nie etwas zusammen. Zumindest nicht nur zu zweit. Meistens sehe ich ihn auf Partys nach den Spielen, oder er kommt mit anderen aus der Mannschaft zu uns nach Hause.

»Ich habe keine Ahnung«, antworte ich seufzend.

»Warum rufst du ihn nicht an?« Sie meidet meinen Blick immer noch. Jetzt starrt sie auf ihre gestreiften Wollsocken, als wären sie das Faszinierendste, das sie je gesehen hat.

»Ich habe mein Handy zu Hause vergessen.« Verdammt. Ich fahre mir durchs Haar, während ich nachdenke, was ich jetzt tun soll. Meine Haare werden zu lang, und ich muss sie unbedingt schneiden lassen, aber ich vergesse es ständig. »Könnte ich vielleicht deins benutzen?«

»Äh … klar.«

Sie öffnet die Tür und lässt mich eintreten. Es ist eines dieser typischen Doppelzimmer, in denen es alle Möbel in doppelter Ausführung gibt. Während die eine Seite des Zimmers tipptopp aufgeräumt aussieht, ist die andere Seite das krasse Gegenteil. Dieses Mädchen und ihre Mitbewohnerin haben definitiv sehr unterschiedliche Vorstellungen von Ordnung.

Aus irgendeinem Grund überrascht es mich gar nicht, als sie auf die aufgeräumte Seite geht, denn sie macht auf jeden Fall den Eindruck, als wäre sie die Ordentlichere der beiden. Sie geht zum Schreibtisch und nimmt ein Handy vom Ladegerät. Dann reicht sie es mir. »Hier.«

Sobald sie mir das Handy gegeben hat, stellt sie sich wieder an die Tür.

»Du musst nicht so weit weg stehen«, sage ich trocken. »Außer, du hast vor zu fliehen.«

Ihre Wangen werden rot.

Grinsend wische ich über das Display und suche nach der Tastatur. »Keine Angst. Ich will nur dein Telefon benutzen. Ich werde dich nicht umbringen.«

»Oh, das weiß ich. Oder zumindest denke ich, dass ich das weiß«, stottert sie. »Ich meine, du erweckst den Eindruck, als wärst du ein anständiger Typ, aber auf der anderen Seite kommen einem die meisten Serienmörder wahrscheinlich anständig vor, wenn man ihnen zum ersten Mal begegnet. Wusstest du eigentlich, dass Ted Bundy ziemlich charmant war? Wie verrückt ist das denn? Stell dir vor, du triffst diesen wirklich süßen, charmanten Typen, und du denkst, er ist total perfekt, und dann bist du bei ihm zu Hause und entdeckst in seinem Keller eine Trophäensammlung mit Anzügen aus Haut und Barbiepuppen, denen die Augen fehlen und …«

»Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du echt viel redest?«

Jetzt werden ihre Wangen noch röter. »Tut mir leid. Manchmal fange ich an draufloszuplappern, wenn ich nervös bin.«

Ich grinse sie an. »Ich mache dich also nervös?«

»Nein. Oder doch, vielleicht ein bisschen. Ich meine, ich kenne dich nicht, und … na ja. Sprich mit keinem Fremden und so. Obwohl ich mir sicher bin, dass du nicht gefährlich bist«, fügt sie hastig hinzu. »Aber du weißt ja …«

»Richtig. Ted Bundy«, werfe ich ein und muss mich zusammenreißen, um nicht zu lachen.

Sie blickt nach unten und spielt wieder mit ihrem Zopf. Ich nutze die Gelegenheit, sie eingehender zu betrachten. Mann, sie ist wirklich hübsch. Nicht atemberaubend schön oder so, aber sie hat diese frische Ausstrahlung eines Mädchens von nebenan, die auf mich ziemlich anziehend wirkt. Sommersprossen auf der Nase, feine Gesichtszüge und weiche, seidige Haut wie aus einer Make-up-Werbung.

»Telefonierst du jetzt?«

Mir fällt plötzlich wieder ein, warum ich eigentlich hier bin. Ich starre das Handy in meiner Hand an und betrachte die Tastatur jetzt genauso eingehend, wie ich gerade noch das Mädchen betrachtet habe.

»Nur mal so als Tipp: Nimm deine Finger zum Wählen, und dann drückst du auf den grünen Hörer.«

Ihr unverhohlenes Grinsen bringt mich zum Lachen. »Toller Tipp. Aber …« Ich seufze laut auf. »Mir ist nur gerade eingefallen, dass ich seine Nummer nicht auswendig kenne. Ich habe sie in meinem Handy gespeichert.«

Verdammt. Ist das die Strafe dafür, dass ich verbotenerweise auf Garretts Freundin stehe? An einem Freitagabend weitab von unserem Haus ohne Telefon und ohne Auto dazustehen? Ich nehme an, das habe ich verdient.

»Egal, ich werde mir ein Taxi rufen«, entscheide ich schließlich. Zum Glück weiß ich die Nummer vom Taxiservice der Uni auswendig und wähle stattdessen die. Aber ich werde sofort in die Warteschleife befördert. Kaufhausmusik dröhnt in meinen Ohren, und ich unterdrücke ein Stöhnen.

»Du bist in der Warteschleife gelandet, oder?«

»Ja.« Ich blicke sie an. »Ich bin übrigens Logan. Danke, dass ich dein Handy benutzen darf.«

»Kein Problem. Ich heiße Grace.«

Ein Klicken ertönt in meinem Ohr, aber anstatt mich mit jemandem zu verbinden, höre ich ein weiteres Klicken und dann wieder Musik. Das überrascht mich gar nicht. Es ist Freitagabend, da herrscht immer Hochbetrieb beim Taxiservice. Wer weiß, wie lange ich noch warten muss.

Ich setze mich auf die Kante des ordentlicheren Betts und versuche, mich an die Nummer des Taxiunternehmens in Hastings zu erinnern. In der Stadt wohnen die meisten der Studenten, die nicht auf dem Campus leben. Auch das Haus unserer WG liegt am Stadtrand. Aber die Nummer fällt mir nicht ein. Ich seufze und lausche weiter der Pausenmusik. Mein Blick wandert zum geöffneten Notebook am anderen Ende des Bettes, und als ich erkenne, was auf dem Bildschirm zu sehen ist, blicke ich Grace überrascht an.

»Schaust du Stirb langsam?«

»Stirb langsam 2.« Sie sieht mich verlegen an. »Ich gönne mir einen Stirb-langsam-Abend. Bin gerade mit dem ersten Teil fertig.«

»Stehst du auf Bruce Willis?«

Da muss sie lachen. »Nein, ich stehe auf alte Actionfilme. Letztes Wochenende habe ich mir alle Teile von Lethal Weapon angeschaut.«

Die Musik in meinen Ohren verstummt und beginnt dann wieder von Neuem. Fluchend lege ich auf und drehe mich zu Grace um. »Könnte ich vielleicht dein Notebook benutzen, um die Nummer vom Taxiservice in Hastings rauszufinden? Vielleicht habe ich dort mehr Glück.«

»Natürlich.« Nach einem kurzen Zögern setzt sie sich neben mich und greift nach ihrem Laptop. »Ich mach ein neues Fenster für dich auf.«

Gerade als sie das aktuelle Fenster kleiner macht, läuft der Film wieder an. Lärm ertönt aus den Lautsprechern. Die Eingangsszene auf dem Flughafen füllt den Bildschirm, und ich lehne mich vor, um sie mir anzuschauen. »Die Szene ist total gut.«

»Finde ich auch. Ich liebe diese Szene. Eigentlich liebe ich den ganzen Film. Es ist mir egal, was die Leute sagen – er ist einfach großartig. Natürlich nicht so gut wie der erste Teil, aber auch nicht so schlecht, wie viele Leute denken.«

Sie will wieder auf Pause drücken, aber ich halte ihre Hand fest. »Können wir die Szene erst noch zu Ende schauen?«

Sie blickt mich überrascht an. »Ähm … na klar.« Sie schluckt und fügt hinzu: »Wenn du willst, kannst du auch bleiben und dir den ganzen Film ansehen.« In dem Moment, in dem sie die Einladung ausspricht, werden ihre Wangen feuerrot. »Außer natürlich, du musst noch woandershin.«

Ich überlege einen Augenblick und schüttle dann den Kopf. »Nein, ich muss nirgendwohin. Ich kann noch bleiben.«

Was habe ich schon für eine Alternative? Nach Hause gehen und dabei zusehen, wie Hannah und Garrett sich gegenseitig mit Pizza füttern und während des gesamten Films Küsschen austauschen?

»Cool«, kommentiert Grace.

Ich schmunzle. »Hast du erwartet, dass ich Nein sage?«

»Irgendwie schon«, gibt sie zu.

»Warum sollte ich? Im Ernst, wer würde schon einen Stirb-langsam-Abend ablehnen? Das Einzige, was die Sache noch besser machen würde, wäre etwas Alkohol.«

»Ich habe aber keinen.« Sie überlegt kurz. »Aber ich habe eine ganze Packung Gummibärchen in meiner Schreibtischschublade.«

»Heirate mich«, antworte ich sofort.

Lachend geht sie zum Schreibtisch, öffnet die unterste Schublade und holt eine riesige Packung Gummibärchen hervor. Als ich übers Bett rutsche und mich an die vielen Kissen am Ende lehne, kniet sich Grace vor den kleinen Kühlschrank neben dem Schreibtisch und fragt: »Wasser oder Pepsi?«

»Pepsi, bitte.«

Sie reicht mir die Gummibärchen und eine Dose Pepsi, setzt sich dann zu mir aufs Bett und stellt das Notebook zwischen uns auf die Matratze.

Ich schiebe mir ein Gummibärchen in den Mund und konzentriere mich auf den Bildschirm. Na gut, so habe ich mir diesen Abend zwar nicht vorgestellt, aber es gibt Schlimmeres.

Jennifer L. Armentrout »Frigid« (Platz 6)

Blick ins Buch
FrigidFrigid

Roman

Sydney und Kyler sind so unterschiedlich wie Feuer und Eis. Während Kyler eine Frau nach der anderen abschleppt, geht Sydney lieber mit einem guten Buch ins Bett. Trotzdem sind sie seit Kindertagen beste Freunde. Doch als sie bei einem Skiurlaub von einem Schneesturm überrascht werden und in einer abgelegenen Skihütte übernachten müssen, werden alte, stets verdrängte Gefühle neu entfacht. Kann ihre Freundschaft diese Nacht überstehen? Und viel wichtiger: Werden sie die Nacht überstehen? Denn während sich die beiden einander vorsichtig nähern, hat es jemand auf ihr Leben abgesehen …
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Kapitel 1 Sydney

Ich war in meinen besten Freund verliebt.

Wahrscheinlich hätte es schlimmer sein können. Ich hätte mein Herz einem Stripper oder einen Junkie schenken können. Kyler Quinn war nichts davon. Obwohl er mit seinem guten Aussehen und dem braunen Wuschelkopf mühelos als Stripper durchgegangen wäre. Und er machte auf jeden Fall süchtig wie jede Droge, die es dort draußen zu kaufen gab.

Ich entdeckte ihn, noch bevor er überhaupt mitbekommen hatte, dass ich auch hier war. Auf keinen Fall konnte irgendwer Kyler übersehen, nicht mal im vollen Dry Docks, wo gerade die gesamte Uni den Beginn der Winterferien feierte. Die Leute liebten Kyler, allen voran die Frauen.

Besonders die Frauen.

Ich will nicht behaupten, dass Kyler aussah wie ein Gott, weil die Skulpturen von griechischen und römischen Göttern meistens nicht besonders attraktiv sind. Und sie sind da unten meist nicht allzu gut bestückt. Ich bezweifelte stark, dass Kyler in dieser Hinsicht Mangel litt, denn es gab einen endlosen Strom von Frauen, die immer und immer wieder auf ihn zurückkamen, um sich Nachschlag zu holen. Auf jeden Fall war er schön, auf unglaublich männliche Weise. Die breiten Wangenknochen, das ausdrucksstarke Kinn und die sinnlichen Lippen wurden durch die prägnante Nase mit dem leichten Knick betont. Er hatte sie sich bei einer Prügelei im ersten Studienjahr gebrochen.

Mir tat die arme Nase immer noch leid.

Und wenn er lächelte? O Mann, der Junge hatte die tiefsten Grübchen aller Zeiten.

Kylers Augen waren braun wie Kaffeebohnen und sie wurden dunkler, wann immer er scharf wurde, und ich hätte darauf gewettet, dass er im Moment ziemlich scharf war.

Mitten in der Bar hielt ich an und legte den Kopf in den Nacken. Ich atmete tief durch und hätte mir am liebsten höchstpersönlich die Faust ins Gesicht gerammt. Nicht nur war Kyler absolut tabu – aufgrund der Tatsache, dass wir unzertrennlich waren seit dem Tag, an dem er mich vom Karussell geschubst und mir, als ich seine Hand halten wollte, mitgeteilt hatte, dass ich Läuse hätte. Ich hatte mich revanchiert, indem ich ihn am nächsten Tag in den Schwitzkasten genommen und gezwungen hatte, Matschkuchen zu essen. Viele Leute verstanden nicht, wieso wir uns so nahestanden. Wir waren wie ein Löwe und eine Gazelle. Tatsächlich waren wir eher wie ein Löwe und eine fußlahme Gazelle, die es niemals schaffen konnte, dem Raubtier zu entkommen.

Ich war natürlich die fußlahme Gazelle in diesem Vergleich.

Gerade als ich mich dem Tisch näherte, an dem Kyler und unser gemeinsamer Freund Tanner saßen, ließ sich eine Blondine mit Beinen, die so lang waren wie ich groß, auf Kylers Schoß fallen. Sein Arm glitt um die unglaublich schmale Taille des Mädchens und ich spürte einen dämlichen, absolut unverzeihlichen Stich im Herzen.

Sicher, Kyler mochte kein Stripper, kein Drogensüchtiger und auch kein Terrorist sein, aber er war ein Frauenheld.

Im letztmöglichen Moment bog ich Richtung Bar ab, wobei ich fast jemandem in den Rücken gerannt wäre. Ich verdrehte die Augen. Wäre perfekt, wenn ich mir selbstverschuldet eine Gehirnerschütterung verpasste. Bunte Weihnachts-Lichterketten baumelten vom Rand der Bar, was ich angesichts all der Betrunkenen, die fröhlich ihre Drinks verschütteten, ziemlich gewagt fand. Ich entdeckte einen leeren Hocker vor dem Tresen, setzte mich und wartete darauf, dass der Barkeeper mich bemerkte. Und es fiel leicht, mich zu bemerken. Ich sah aus, als wäre ich maximal sechzehn, also kontrollierten sie gewöhnlich sofort meinen Ausweis. Der Barkeeper erschien, stellte die übliche Frage und dann bestellte ich meinen Standarddrink: Diätcola mit Rum.

Durch die Geräuschkulisse aus Unterhaltungen und Musik drang ein Kichern an mein Ohr. So auffällig wie eine verdammte Alarmsirene. Es ergab keinen Sinn hinzuschauen. Außerdem gab es keinen Grund, mir den Abend jetzt schon zu versauen. Ich verschränkte die Beine. Legte die Hände auf die Bar. Trommelte mit den Fingern den Rhythmus eines Songs auf den Tresen, den ich nur mit halbem Ohr wahrnahm. Starrte auf die unzähligen Flaschen hinter der Bar, mit denen meine beste Freundin so sehr vertraut war.

Aber dann schaute ich doch rüber zu den Tischen, weil ich ein Mädchen war und mich deswegen einfach mädchenhaft benehmen musste.

Blondie saß rittlings auf Kyler. Ihr kurzer Jeansrock war bis zu ihren Schenkeln hochgeschoben. Anhand ihrer Kleidung hätte man nie vermutet, dass Winter herrschte. Andererseits: Hätte ich ihre Beine gehabt, ich hätte auch ständig so einen Rock getragen.

Kyler saß mit dem Rücken zu mir, aber er musste dem Mädchen etwas Interessantes ins Ohr geflüstert haben, denn sie lachte wieder. Ihre leuchtend pinkfarbenen Fingernägel gruben sich in seine Schultern und knüllten den Stoff seines schwarzen Sweaters zusammen. Dann hob sie die Hand und fuhr ihm mit den Fingern durch die Haare über seiner Stirn, um sie nach hinten zu schieben.

Jetzt konnte ich den Blick nicht mehr abwenden. Ich war vollkommen auf die beiden fixiert, wie eine üble Masochistin.

Kyler legte den Kopf in den Nacken, sodass ich nur eine Hälfte seines Gesichtes sehen konnte. Er grinste. Es war kein richtiges Lächeln, bei dem diese total unwiderstehlichen Grübchen zum Vorschein kamen, sondern dieses schiefe Grinsen, das ich so gut kannte – dieses verheerende und unglaublich heiße Halbgrinsen.

»Bitte sehr.« Der Barkeeper stellte meinen Drink vor mir auf den Tresen.

Ich wandte mich von dem ab, was weiter hinten geschah, sah zum Barkeeper auf und schob mir eine lockige schwarze Strähne aus dem Gesicht. »Danke.«

Er zwinkerte mir zu. »Kein Problem.«

Damit wanderte er davon, um jemand anderen zu bedienen, während ich zurückblieb und mich fragte, wieso er gezwinkert hatte. Mit dem Gedanken im Kopf, dass ich mich von Kyler nicht hätte überreden lassen sollen, heute Nacht loszuziehen, hob ich mein Glas und nahm einen tiefen Zug. Ich zwang mich, den Longdrink so zügig wie möglich leer zu trinken.

Gerade als ich das Glas wieder abgestellt hatte, wurde ich von hinten umarmt. Das Parfüm mit der unverkennbaren Vanille-Note und ein hochfrequentes Quietschen verrieten, wer hinter mir stand.

»Du bist da! Ich habe dich vom anderen Ende der Bar gesehen und versucht, dich auf mich aufmerksam zu machen«, sagte Andrea, als ich mich auf dem Barhocker herumdrehte. Ihre roten Locken standen in alle Richtungen von ihrem Kopf ab. Meine Mitbewohnerin sah aus wie Disneys Merida, die erwachsen geworden war … wenn Merida ein Alkoholproblem hatte. Was durch die Bierflaschen bewiesen wurde, die Andrea in beiden Händen hielt.

»Wie viel hast du schon getrunken?«, fragte ich mit einem Blick auf die Flaschen.

Sie verdrehte die Augen. »Eines ist für Tanner, du Mistvieh.«

»Seit wann holst du Bier für Tanner?«

Andrea zuckte mit den Achseln. »Heute Abend ist er nett. Also bin ich heute Abend auch nett.«

Tanner und Andrea waren seltsam. Sie waren sich letztes Jahr zum ersten Mal begegnet und es war Hass auf den ersten Blick gewesen. Aber irgendwie trafen sie sich ständig an denselben Orten und ich ging davon aus, dass sie manchmal einfach stolperten und auf dem Mund des anderen landeten oder so. Sie hatten ein paar Mal miteinander rumgemacht, sich um einiges öfter gestritten und jetzt brachte Andrea ihm Getränke. Ich wurde einfach nicht schlau aus den beiden.

»Wie lange seid ihr schon da?«, fragte ich.

»Ungefähr eine Stunde.« Andrea drängte sich zwischen mich und das Mädchen auf dem Hocker neben mir. »Kylers Mädelsparade läuft bereits.«

Ich zog eine Grimasse. »Schon bemerkt.«

»Ich habe bemerkt, dass du es bemerkt hast. Das war doch der Grund, warum du mich überhaupt nicht beachtet hast.« Sie nahm einen Schluck Bier. »Kommst du rüber zu uns?«

An den Tisch, an dem Blondie quasi Trockensex mit Kyler hatte? »Demnächst irgendwann.«

Sie schmollte. »Du solltest zu uns kommen. Kyler wird die Tussi in die Wüste schicken, wenn du da bist. Und dann muss ich mir keine Sorgen mehr darum machen, Herpes zu bekommen.«

»Herpes wird nicht durch die Luft übertragen«, erklärte ich ihr.

»Sicher, das behauptest du jetzt. Aber wenn sich der Erreger erst mal mit Chlamydien und Genitalwarzen verbunden hat, ergibt das den ultimativen Killerherpes.« Sie rümpfte die Nase. »Einmal tief einatmen und zack! … Man ist für den Rest des Lebens abhängig von der Pharmaindustrie.«

Andrea hatte vor, nach dem College Medizin zu studieren. Mich beschlich das Gefühl, sie sollte lieber ein paar ihrer Kurse wiederholen, wenn sie wirklich glaubte, diese Mutation von Krankheiten wäre möglich. Aber ich verstand, wo das eigentliche Problem lag, und es hatte nichts mit Herpes zu tun.

Wenn ein Mädchen hinter Kyler her war, dann hingen irgendwo am Rand mindestens noch zwei oder drei weitere herum. Ich sah über die Schulter. Jepp. Zwei Mädchen. Andrea wollte, dass ich rüberkam, damit Kyler sich benahm. Sie war genauso gut darin wie ich, ihre wahren Gefühle zu verbergen. Sie wollte nicht, dass eines dieser anderen Mädels auf Tanners Schoß fiel, und das würde allem Anschein nach gleich passieren. Eine Dunkelhaarige machte sich gerade an den tätowierten Polizistensohn mit den kurz rasierten Haaren heran. Tanner schien nicht besonders interessiert, weil er stattdessen etwas zu Kyler sagte. Blondie war allerdings nicht begeistert von der mangelnden Aufmerksamkeit, die ihr entgegengebracht wurde. Sie drehte sich um, fischte mit dem Finger einen Eiswürfel aus einem der Drinks auf dem Tisch und schob ihn sich in den Mund. Mit der anderen Hand zog sie Kylers Gesicht zu sich, als sie den Kopf senkte.

»Oh, schau dir das an.« Andrea seufzte. »Ich glaube, das habe ich mal in einem Film aus den Achtzigerjahren gesehen. Glaubst du, diese Tussi besitzt auch nur einen Funken Schamgefühl?«

Mein Magen machte einen Sprung, als säße ich in einer Achterbahn. Hier ging es nicht um Schamgefühle. Es ging darum, sich zu holen, was man wollte. Ein Teil von mir beneidete Blondie – ein wirklich großer, Kyler-anbetender Teil von mir. »Ich hoffe inständig, dass ihre Münder sich nicht berühren, weil ich inzwischen an nichts anderes mehr denken kann als Herpes.«

Andrea stieß sich von der Bar ab. »Ähm …«

Ihre Lippen berührten sich.

Verdammt.

Eine Sekunde später zog sich Kyler zurück. Sein Kiefer bewegte sich, als würde er das Eis zerkauen, das Blondie so freundlich mit ihm geteilt hatte.

»Igitt«, murmelte ich und wandte mich ab.

Auch Andrea verzog das Gesicht, weil sie wusste … na ja, sie war die Einzige, die davon wusste.

»Ich komme irgendwann rüber. Aber erst will ich mein Glas austrinken.«

»Okay.« Sie lächelte, doch ihr Blick wirkte traurig. »Sydney …«

Jetzt fühlte ich mich wie ein Jammerlappen. »Ist schon okay, wirklich. Ich komme gleich.«

»Wenn du ausgetrunken hast?« Als ich nickte, seufzte sie tief. »Du trinkst deine Drinks nie aus. Ich werde warten. Aber lass dir nicht ewig Zeit.« Sie wollte gehen, doch dann wirbelte sie noch einmal zu mir herum, wobei ihr fast ein Bier aus der Hand gerutscht wäre. »Ich hab es mir anders überlegt. Lass dir doch Zeit.«

»Hä?«

Ihr Lächeln wurde breiter. »Schau mal, wer gerade aufgetaucht ist.«

Ich reckte den Hals, um ihrem Blick zu folgen. »Oh.«

»Genau: oh.« Andrea beugte sich vor und drückte mir ein Küsschen auf die Wange. »Vergiss Kyler, das elende Flittchen. Du hast was Besseres verdient. Aber er?« Sie nickte Richtung Tür. »Das ist der Kerl, der mehr als bereit ist, deinem zölibatären Leben ein Ende zu setzen.«

Meine Wangen wurden heiß. Bevor ich mit ihr über die Verwendung des Wortes »zölibatär« diskutieren konnte, war Andrea bereits verschwunden und ich blieb zurück, um Paul Robertson anzustarren.

Er war neu in unserer Clique; ich hatte ihn in meinem Kurs über Kognitive Prozesse getroffen. Er … er sah gut aus. War nett und witzig. Er war eigentlich perfekt, aber …

Paul hielt am Rand der Tanzfläche an und nahm seine Mütze ab. Dann fuhr er sich durch die blonden Haare und sah sich in der Kneipe um. Er fand meinen Blick und ein Grinsen huschte über sein Gesicht. Er winkte mir kurz zu, dann navigierte er geschickt zwischen den Leuten hindurch, die um die runden Tische standen.

Er wäre im Moment perfekt für mich. Allein schon aus diesem Grund musste ich aufhören, an das unerreichbare Ideal zu denken, und mich stattdessen mit dem beschäftigen, was direkt vor meiner Nase lag.

Ich atmete tief durch und kleisterte mir ein Lächeln ins Gesicht, von dem ich nur hoffen konnte, dass es einladend wirkte. Letztendlich zählte immer nur das Jetzt.

 

Kyler Ich bekam langsam Kopfweh. So wie diese Biene sich auf meinem Schoß wand – als wäre sie bereit, sofort zur Sache zu kommen –, würde das eine lange Nacht werden. Ich kaute auf dem Eis herum, halb in Versuchung, es einfach auszuspucken.

Aber das wäre irgendwie unhöflich gewesen.

Ich hätte in Partystimmung sein müssen, aber das war ich nicht. Noch ein Semester im College – und dann was? Ins Familiengeschäft einsteigen und den ganzen Mist? Gott, das war wirklich das Letzte, was ich wollte. Na ja, vielleicht nicht das Letzte. Meiner Mom zu erklären, warum ich mir keine Zukunft in der Bar-Restauration vorstellen konnte, war wahrscheinlich das Letzte, was ich tun wollte. Ich hatte das noch nie gewollt, aber nach fast vier Jahren College war ich kurz davor, meinen Abschluss in Drecks-BWL zu machen.

Ich griff um das Mädchen herum und schnappte mir meine Bierflasche. Mir gegenüber zog Tanner die Augenbrauen hoch. Ich feixte, als er sich wieder auf das konzentrierte, was die Brünette gerade zu ihm sagte. Irgendwas darüber, dass sie sich gestern einem Intim-Waxing unterzogen hatte, die vierundzwanzigstündige Schonzeit danach aber inzwischen abgelaufen war. Ehrlich? So was wollte doch wirklich keiner hören.

Zu wissen, dass Sex jederzeit möglich war, hatte durchaus seine Vorteile, aber Tanner wirkte nicht allzu begeistert.

»Kyler«, flötete mir die Blondine ins Ohr, während sie mit dem Hintern wackelte. »Du scheinst dich gar nicht zu freuen, mich zu sehen. Dabei freue ich mich sehr, dich wiederzusehen.«

Anscheinend wirkte auch ich nicht allzu begeistert. Ich nahm einen tiefen Zug von meinem Bier. Ich wusste, dass ich vorsichtig vorgehen musste. So wie es aussah, kannte ich dieses Mädchen – also kannte-kannte sie –, aber ich konnte weder ihr Gesicht noch ihren Hintern einordnen, was irgendwie vollkommen abgedreht war. Wie konnte ich sie nicht wiedererkennen, wenn ich doch offensichtlich irgendwann mal mit ihr geschlafen hatte?

Scheiße.

Manchmal kotzte ich mich selbst an.

Sie beugte sich vor, bis ihre Brüste fast unter meinem Kinn klebten. Okay. So sehr kotzte ich mich dann doch nicht an. »Süße«, sagte ich, während ich an meiner Bierflasche herumspielte. »Irgendwann werde ich wieder atmen müssen.«

Kichernd lehnte sie sich weit genug nach hinten, dass ich mir noch einen schnellen Schluck Bier genehmigen konnte. Sie fuhr mir mit den Fingern durch die Haare, um sie aus meiner Stirn zu streichen. Ich kämpfte gegen den Drang an, ihre Hände zur Seite zu schlagen. »Wirst du später wieder für mich Gitarre spielen?«

Ich zog die Augenbrauen hoch. »Ich habe für dich Gitarre gespielt?«

Tanner musste ein Lachen unterdrücken.

Das Mädchen – verdammt, ich hoffte, ihre Freundin würde sie bald mal mit Namen ansprechen – runzelte die Stirn. »Ja!« Sie schlug mir spielerisch auf die Brust. »Du hast mit diesen unglaublich talentierten Fingern gespielt und dann hast du sie anderweitig eingesetzt.«

Oh.

Tanner lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Schau an, du und deine talentierten Finger.«

»Meine unglaublich talentierten Finger«, korrigierte ich ihn.

Er schüttelte den Kopf und wandte sich ab, als die Brünette sich vorbeugte, um ihren Finger über die Tätowierung gleiten zu lassen, die unter seinem aufgerollten Ärmel zum Vorschein gekommen war.

»Du erinnerst dich nicht?« Blondie schob die glänzende Unterlippe vor. »Das verletzt mich tief.«

Ich schnaubte und nahm noch einen Schluck Bier, wobei ich meinen Blick durch die inzwischen rappelvolle Bar gleiten ließ. Manchmal hatte ich wirklich keine Ahnung, wieso ich mich ständig in solchen Situationen wiederfand. Okay. Das war eine Lüge. Das Ding zwischen meinen Beinen war dafür verantwortlich, dass ich mich ständig in solchen Situationen wiederfand.

Aber es lag nicht nur daran.

Es hatte noch nie nur daran gelegen.

»Kyler«, quengelte das Mädchen.

Ich holte tief Luft und wandte mich ihr wieder zu, um ihr mein charmantestes Lächeln zu schenken. »Ja?«

»Willst du nicht teilen?«

Bevor ich antworten konnte, hatte sie mir auch schon die Flasche aus der Hand genommen und quasi den gesamten Inhalt in sich hineingegossen. Ich zog die Augenbrauen hoch. Verdammt. Das war eindrucksvoll … und irgendwie eklig.

Ihre Freundin kicherte. »Himmel, Mindy, lass es langsam angehen. Ich werde auf keinen Fall deinen betrunkenen Hintern zurück ins Wohnheim schaffen.«

Aha! Sie hieß Mindy! Sofort fühlte ich mich ein bisschen besser.

Mindy zuckte nur mit den Schultern und drehte sich wieder zu mir um. Sie lehnte sich vor, und als sie sprach, roch ich nur Bier. »Du bist so unglaublich sexy. Hat dir das schon mal jemand gesagt?«

»Ein oder zwei Mal«, antwortete ich, wobei ich mir noch ein Bier wünschte.

Andrea erschien am Tisch, ein Bier in jeder Hand. Eines war für sie, eines für Tanner. Na super. Sie sah mich an und brummte abfällig: »Als hätte Kyler es nötig, dass man sein Ego noch streichelt.«

»Kyler hat es nötig, dass man etwas anderes von ihm streichelt«, murmelte Mindy. Gleichzeitig schob sie ihre Hüfte vor.

Ein angewiderter Ausdruck huschte über Andreas Gesicht, als sie sich gegenüber von Tanner hinsetzte. Doch das störte mich nicht. Aber wenn jemand anderes diese Grimasse gezogen hätte …

»Hast du Syd gesehen?«, fragte ich.

Andrea musterte mich aus zusammengekniffenen Augen über den Rand ihrer Bierflasche hinweg. Aber sie antwortete nicht.

Ich ließ mich seufzend zurück in den Stuhl sinken. »Ich habe sie eingeladen zu kommen.«

Tanner zog eine Augenbraue hoch. »Du weißt verdammt gut, dass Syd in ihrem Wohnheim ist und für unseren Ausflug packt. Tatsächlich räumt sie wahrscheinlich schon alles um.«

Ein Lächeln verzog meinen Mund. Wahrscheinlich dachte Syd vollkommen besessen darüber nach, was sie mitnehmen sollte.

»Wer interessiert sich schon für diese Syd?« Mindy verschränkte die Arme, was ihre Brüste noch größer wirken ließ. Eigentlich unmöglich. Sie sah ihre Freundin an. »Ich brauche noch einen Drink.«

»Genau wie ich«, meinte ich und wippte mit dem Knie, um sie von meinem Schoß zu vertreiben. Sie checkte es nicht. Ich seufzte. »Da du mein Bier ausgetrunken hast, wieso ziehst du nicht los und holst Nachschub?«

Wieder verzog Mindy schmollend den Mund. »Hast du gesehen, wie voll es an der Bar ist? Das dauert ewig.«

»Du könntest auch aufstehen«, schlug Andrea mir vor.

Ich sah über die Schulter zur Bar. Rappelvoll. Scheiße. Die halbe Uni schien sich hier herumzutreiben.

Mindys biergeschwängerter Atem glitt über meine Wange. »Du solltest uns was zu trinken besorgen, Babe. Ich liebe Jell-O-Shots.«

»Ich bin nicht dein Babe.« Mein Blick glitt über die Leute an der Bar. War das Paul? Er kam ziemlich selten hierher. Nur wenn Syd auftauchte. Einen Moment … Ich beugte mich zur Seite, um an einem Riesenkerl vorbeizuspähen. War das Syd an der Bar? Bei Paul?

Wieder glitt eine Hand in meine Haare. »Vor ein paar Wochen warst du mein Babe.«

»Interessant«, murmelte ich. Der Riesenkerl verschwand mit einem Bier in der Hand und, heiliger Strohsack, es war tatsächlich Syd. Ihre langen schwarzen Haare fielen offen über ihren Rücken und sie hatte die Beine an den Knöcheln überschlagen. Wie sie da saß, sah sie so verdammt winzig aus, dass es mich fast überraschte, dass sie überhaupt bedient worden war.

Außerdem überraschte es mich, dass sie an der Bar saß, ohne mich und mit Paul.

Was zum Teufel stimmte nicht mit diesem Bild?

Ich drehte mich wieder um und spießte Andrea mit einem Blick auf. »Wann ist sie aufgetaucht?«

Sie zuckte nur mit den Achseln. »Keine Ahnung.«

Meine Verärgerung kochte über. »Sie sollte nicht allein an der Bar sitzen.«

Mindy sagte etwas, aber ich hörte nicht hin. Meine wunderbare selektive Wahrnehmung hatte sich eingeschaltet.

Andrea wechselte einen Blick mit Tanner. Ich ignorierte es. Und damit hatte es diesen Blick nie gegeben.

»Sie ist nicht allein«, erklärte sie freundlich.

»Genau darum geht es.« Ich umfasste Mindys Hüften und sie verzog erwartungsvoll das hübsche Gesicht. Zu dumm, dass ich die Seifenblase ihrer Vorfreude gleich zum Platzen bringen würde. Ich hob sie von meinem Schoß und stellte sie auf die Füße. »Bin gleich zurück.«

Mindy fiel die Kinnlade nach unten. »Kyler!«

Ich ignorierte sie. Außerdem ignorierte ich Andreas spöttisches Grinsen und die Grimasse, die Tanner zog, als ich aufstand und herumwirbelte.

Syd sollte wirklich nicht allein an der Bar sitzen. Und es zählte auch nicht, dass Paul neben ihr stand. Sie brauchte jemanden, der auf sie aufpasste und alles im Blick behielt. Denn Syd … na ja, sie hatte diese Naivität an sich, die Trottel in Scharen anzog. Trottel wie Paul – und andere Kerle wie mich, die es quasi auf nichts anderes abgesehen hatten, als ein Mädel flachzulegen. Aber wenn es um Sydney Bell ging, war ich anders – vollkommen anders. Meine Aufgabe bestand quasi seit Anbeginn der Zeit darin, dafür zu sorgen, dass sie nicht in Schwierigkeiten geriet. Und der jetzige Moment fiel in diese Kategorie.

Jepp. Genau das war der Grund, warum ich dieses kleine Gespräch gleich sprengen würde.

 

Kapitel 2 Sydney

»Hey«, sagte Paul und glitt auf den Platz, den Andrea freigegeben hatte. »Ich wusste gar nicht, dass du auch kommst. Du hast heute im Kurs nichts davon gesagt.«

»Spontane Entscheidung.« Ich nahm einen Schluck von meiner Rum-Cola. Sie war bereits verwässert. »Wie war das Examen?«

»Ich glaube, es ist gut gelaufen. Und bei dir?«

Ich zuckte mit den Achseln. »Ich denke, ich habe bestanden.«

»Wahrscheinlich hast du die beste Arbeit geschrieben.« Er brach ab und bestellte ein Lagerbier bei dem Barkeeper, der vor ihm aufgetaucht war. »Hast du schon gepackt?«

Wir brachen morgen zu unserem jährlichen Skiausflug nach Snowshoe Mountain auf. Es war das erste Mal, dass Paul mitkam, aber Kyler und ich fuhren schon seit der Highschool in die Skihütte seiner Mom. Andrea und Tanner kamen zum zweiten Mal mit und einige von Kylers sonstigen Freunden würden sich uns auch anschließen. Gewöhnlich waren wir ziemlich viele Leute.

»Ich hatte schon letztes Wochenende alles fertig.« Ich kicherte. »Ich bin einfach so.«

Sein Grinsen wurde breiter. »Ich muss noch packen. Übrigens, danke, dass du mich eingeladen hast. Ich war noch nie in Snowshoe.«

Überraschend, da er doch in einer benachbarten Stadt aufgewachsen war. Ich war davon ausgegangen, dass jeder, der in Maryland wohnte, irgendwann schon mal in Snowshoe gewesen war. »Kein Problem. Du hast gesagt, dass du gern Ski fährst, also schien es mir logisch. Kyler wird Tag und Nacht auf der Piste sein, also hast du auf jeden Fall Gesellschaft beim Fahren.«

Pauls Blick huschte zu dem Tisch, an dem meine Freunde saßen. »Da bin ich mir nicht so sicher.«

Ich runzelte die Stirn und weigerte mich, zur Kenntnis zu nehmen, was an diesem Tisch von Sünde und Sex so geschah. Wahrscheinlich waren sie bereits damit beschäftigt, Babys zu zeugen. »Wie meinst du das?«

»Ich habe nicht den Eindruck, dass Kyler allzu begeistert von mir ist.« Paul richtete seinen Blick wieder auf mich und zuckte mit den Achseln. »Fährst du nach dem Skiausflug eigentlich nach Hause?«

Ich nickte. »Jepp. Weihnachten mit der Familie und dann bleibe ich noch, bis das Frühjahrssemester wieder anfängt. Und du?«

»Ich verbringe einen Teil der Zeit in Bethesda und danach geht es nach Winchester zu meiner Mom.« Er kratzte am Etikett seiner Flasche herum, die Stirn gerunzelt. »Meine Eltern haben sich vor ein paar Jahren scheiden lassen, also muss ich beiden einen Besuch abstatten.«

Das hatte ich nicht gewusst. »Tut mir leid, das zu hören.«

Ein feines Lächeln umspielte seine Lippen. »Keine große Sache. Ich kriege zweimal die volle Nummer zu Weihnachten, also wirst du von mir keine Beschwerden hören.«

Ich nahm noch einen kleinen Schluck, dann stellte ich mein Glas ab. »Doppelt so viele Geschenke.«

»Doppelt so viel Spaß.« Sein Blick fiel auf seine Bierflasche. Die Hälfte des Etiketts war bereits verschwunden. »Hör mal. Ich dachte, wir könnten …«

Starke Arme schlangen sich von hinten um meine Hüfte. Ich wurde von meinem Hocker gezogen und mein überraschter Schrei brach ab, als mein Rücken gegen eine Wand aus Muskeln knallte. Dann erstickte ich fast in einer ungestümen Umarmung, die nach Aftershave und Natur roch.

Nur eine Person auf der ganzen Welt ließ mir solche Umarmungen angedeihen oder fühlte sich so hart an … so gut.

Kylers tiefe Stimme rumpelte durch meinen Körper. »Seit wann bist du hier?«

Meine Füße berührten immer noch nicht wieder den Boden. »Seit einer Weile«, keuchte ich und umklammerte seine Arme durch den Sweater.

»Was soll das, verdammt? Hast du dich versteckt?«

Paul lehnte sich grinsend gegen die Bar, aber irgendwie wirkte seine Miene angestrengt. Nicht dass ich ihm das hätte übel nehmen können. Kyler platzte gern mal in Situationen und riss alles an sich. »Ich habe mich nicht versteckt«, erklärte ich, wobei ich rot wurde, als ich Pauls Blick auffing. »Und könntest du mich bitte runterlassen?«

»Was, wenn ich es nicht tue?«, zog Kyler mich auf. »Du bist so klein, dass ich dich in die Tasche stecken könnte.«

»Was?« Ich lachte. »Lass mich runter, du Idiot. Ich habe mich unterhalten.«

»Tut mir leid, Paul, aber ich stehle sie dir.« In Wirklichkeit tat es Kyler überhaupt nicht leid. Er wich zurück und ich hatte keine Wahl, als ihm zu folgen, weil ich seine Umklammerung auf keinen Fall überwinden konnte. Er drehte sich um, ließ sich auf einen Stuhl fallen, der sich nicht mal ansatzweise in der Nähe des Tisches befand, an dem er vorher gesessen hatte, und drehte mich auf seinem Schoß, sodass ich seitwärts auf seinem Oberschenkel saß. »Ich bin nicht erfreut, Syd.«

Ich zog eine Augenbraue hoch, doch gleichzeitig schlug mein Herz schneller. Er war der einzige Mensch auf der Welt, der mich Syd nannte – na ja, der einzige Mensch, dem ich das erlaubte, ohne ihn sofort gegen das Schienbein zu treten. »Wirklich? Weswegen?«

»Du hast dich mit diesem Trottel unterhalten.«

»Welchem Trottel?«

Er lehnte sich vor, bis seine Stirn an meiner ruhte. Mein Atem stockte. Warum musste er mir immer so verdammt nahe kommen? Und das tat er wirklich ständig. »Paul.«

»Was ist mit ihm?« Ich stemmte meine Hände gegen seine Schultern, um ihn von mir zu schieben, aber er hielt mich fest. »Bist du betrunken?«

»Bin ich betrunken? Jetzt hast du es geschafft, meine Gefühle zu verletzen, Syd.«

Ich feixte. »Du hast keine Gefühle.«

»Also, also. Das war aber nicht besonders nett.« Kyler schlug die unfassbar langen Wimpern nieder und verbarg damit seine Augen, als er den Kopf hob, um seine Wange an meiner zu reiben. Ich vergrub meine Finger fester in seiner Schulter, weil Verlangen in mir aufstieg. »Ich habe all diese Gefühle, Syd.«

Es kostete mich einen Moment, eine Antwort zu formulieren. »Du bist randvoll mit Blödsinn.«

Wieder rieb er seine Wange an meiner, wie eine Katze, die sich nach Streicheleinheiten sehnt. Ich dagegen kämpfte gegen den Drang, laut zu schnurren.

»Ich bin randvoll mit etwas.«

»Pisse und Essig?«, schlug ich vor, während ich mich verzweifelt bemühte, meinen Puls unter Kontrolle zu bringen.

Er lachte tief, dann ließ er sich gegen die Lehne des Stuhls sinken, den er gerade erobert hatte. »Zurück zu unserem ernsten Gespräch.«

»Bei dem die Frage doch lautet: Warum genau spielst du gerade den Weihnachtsmann?«

Kyler schlug die Augen auf und sein Blick bohrte sich in meinen. »Hmm, das klingt ziemlich interessant. Warst du dieses Jahr brav oder unartig, Syd?«

Ich öffnete den Mund, doch kein Wort drang daraus hervor. Meine Wangen brannten und ein wissender Ausdruck trat in seinen Blick.

»Ich weiß, was du warst.« Er küsste mich auf die Stirn. »Du warst brav.«

Meine Schultern sackten nach unten. Ich wollte nicht brav sein. Ich wollte unartig sein, wie Blondie. Ich bezweifelte, dass Kyler sie aufgezogen hatte, als sie vor Kurzem auf seinem Schoß saß. Vielleicht sollte ich mir auch einen Eiswürfel schnappen und einfach mal schauen, was er tun würde. Nur dass das erfordert hätte, dass ich mich kurzerhand aus irgendeinem fremden Glas bediente … und das war einfach widerlich. Besonders nach dem Gespräch über Herpes.

Ich musste dringend das Thema wechseln. »Ist es immer noch okay, dass ich morgen das Auto bei dir lasse und du mich mit nach Hause nimmst, wenn wir aus Snowshoe zurückkommen?«

»Natürlich. Wieso sollte sich etwas daran geändert haben?«

Ich zuckte mit den Achseln. »Wollte nur noch mal nachfragen.«

Und plötzlich war Kyler vollkommen ernst, was mir bewies, dass er nicht im Mindesten betrunken war. »Bei so was musst du nie nachfragen, Syd. Wenn du irgendwo um zwei Uhr morgens abgeholt werden musst, rufst du als Erstes mich an.«

Ich senkte den Kopf. »Ich weiß.«

»Obwohl es mich dann natürlich brennend interessieren würde, was du um diese Uhrzeit treibst«, fügte er hinzu, als wäre es einfach unvorstellbar, dass ich so spät noch unterwegs sein könnte. »Auf jeden Fall, wenn du das weißt, dann solltest du nicht mehr nachfragen müssen. Ich bin für dich da.«

Ich schob mir die Haare nach hinten und nickte. »Danke.«

»Du musst mir nicht danken.« Er zögerte und schloss seine Arme fester um mich. »Er ist ein Trottel.«

»Hä?« Ich blinzelte.

Kyler sah mit zusammengekniffenen Augen über meine Schulter. »Paul. Er starrt selbst jetzt in unsere Richtung. Mir gefällt einfach nicht, wie er dich anschaut.«

Fast hätte ich mich umgedreht. »Er starrt uns nicht an, du Schwachkopf. Er und ich haben uns unterhalten, bevor du aufgetaucht bist. Also wartet er wahrscheinlich darauf, dass ich zurückkomme. Und er ist kein Trottel.«

»Aber ich will nicht, dass du zurückgehst.«

Ich seufzte. War es ein Wunder, dass ich seit Ewigkeiten kein Date mehr gehabt hatte, wenn Kyler mein bester Freund war? Na ja, es gab auch andere Gründe, aber trotzdem. Kyler benahm sich wie ein Dad und ein älterer Bruder in Personalunion. »Du benimmst dich lächerlich.«

Er warf mir einen Blick zu, der deutlich davon sprach, dass er anderer Meinung war. »Ich mag ihn nicht. Ich kann dir gern eine Liste von allem geben, was ich an ihm nicht mag.«

»Ich verzichte.«

»Du lässt dir eine sehr stimulierende Aufzählung entgehen.«

Ich verdrehte die Augen. »Na ja, ich mag Blondie nicht. Und ich hätte auch eine Liste mit Gründen.«

Er zog eine Augenbraue hoch. »Blondie? Oh. Meine neue Freundin?«

»Freundin?« Ich lachte. »Ich glaube nicht, dass ›Freundin‹ die richtige Bezeichnung für sie ist.«

Mit einem Seufzen lehnte er sich vor und ließ sein Kinn auf meiner Schulter ruhen. »Du hast recht. Das ist nicht die richtige Bezeichnung.«

»Okay. Du musst ziemlich betrunken sein, wenn du zugibst, dass ich recht habe.«

»Du bist heute Abend eine solche Besserwisserin.« Er ließ seine Hand an meinem Rücken nach oben gleiten und ein Schauder überlief meinen Körper. »Ist dir kalt?«

Da ich kaum die Wahrheit gestehen konnte, log ich einfach. »Ein wenig.«

»Hmm … weißt du was?«

Der leichte Druck, den er auf meinen Rücken ausübte, schob mich nach vorn. Ich lehnte die Wange an seine Schulter und schloss die Augen. Für einen Moment schaffte ich es, mir einzubilden, wir wären nicht in einer Bar, in der schlechte Musik gespielt wurde, und – noch besser – wir wären zusammen.

Auf die Art zusammen, wie ich es mir so sehr wünschte.

»Was?«, fragte ich, als ich mich näher an ihn herankuschelte, um den Moment zu genießen.

»Diese Biene ist nicht meine Freundin.« Sein Atem glitt warm über mein Ohr und ich liebte das Gefühl. »Du bist meine beste Freundin, seitdem ich denken kann. Es ist beleidigend, sie auch so zu nennen.«

Ich sagte nichts dazu. Und auch Kyler schwieg. Eine kurze Weile saßen wir einfach nur da. Ein Teil von mir wollte vom Stuhl aufstehen und jubilierend der ganzen Bar verkünden, dass Kyler mehr von mir hielt als von Blondie. Doch ein anderer Teil wollte nach Hause gehen und mich in einer Ecke verkriechen … weil das nichts daran änderte, wie der heutige Abend enden würde. Ich würde allein zurück in mein Wohnheim gehen und Kyler würde Blondie mit in sein Apartment nehmen.

So lief es jedes Wochenende – und wer weiß wie oft auch unter der Woche.

Niemand konnte meinen Platz in Kylers Leben einnehmen. Das wusste ich. Ich war die Person, die alles über ihn wusste und der er vor allen anderen vertraute.

Ich war Kylers beste Freundin.

Und deswegen würde er mich nie so lieben, wie ich ihn liebte.

 

Kapitel 3 Sydney

Die dämlichen Räder meines Koffers verhakten sich in dem billigen braunen Teppich, der im Flur vor Kylers Apartment auslag, sodass ich stolperte. Ich schwankte zur Seite und meine Haare fielen mir vor die Augen. Ich riss einen Arm hoch, um das Gleichgewicht wiederzufinden, und damit begannen mir die Dinge im wahrsten Sinne des Wortes zu entgleiten.

Ich musste eine schreckliche Entscheidung treffen, und zwar schnell. Den E-Reader fallen lassen oder den Cappuccino. Beide waren überlebensnotwendig. Aber der E-Reader war für mich wie ein unersetzbares und liebgewonnenes Baby. Ohne ihn würde ich den Urlaub nicht überstehen.

Ich umfasste ihn fester und ließ den Becher zu Boden fallen, wo sich der Cappuccino in einer Fontäne über den Teppich ergoss und einen dunklen Fleck hinterließ, der an einen scheußlichen Tatort erinnerte.

Ich seufzte.

Tja, die Yoga-Stunden, die ich zweimal die Woche nach meinen Psychologie- und Jurakursen besuchte, hatten mein Gleichgewicht offensichtlich nicht wesentlich verbessert. Ich hob den Pappbecher vom Boden auf und warf ihn in den Mülleimer neben dem Lift.

Dann atmete ich tief durch, klopfte an die Tür und trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Mehrere Sekunden vergingen, in denen ich nicht das kleinste Geräusch im Apartment hörte, nicht mal leise Schritte. Ich klopfte wieder, und als auch beim zweiten Mal niemand reagierte, drehte ich mich um und lehnte mich mit dem Rücken gegen die Tür.

Kyler hatte einen festen Schlaf. Ich versuchte nicht mal, auf seinem Handy anzurufen. Nur eine Atombombe konnte ihn aufwecken.

Mein Blick wanderte zum E-Reader. Verdammt, ich hatte bei meinem waghalsigen Manöver die Vorwärts-Taste erwischt und nach vorn geblättert. Und es wurde gerade gut. Hades war in einem Supermarkt aufgetaucht. Seufz. Ich tippte auf die Rückwärts-Taste, um mehrere Seiten nach hinten zu gelangen …

Die Tür hinter mir schwang plötzlich auf und ich kippte mit dem Rücken voran ins Leere. Ich drehte mich reflexartig um und streckte die Arme aus, um mich abzustützen, wobei meine Hand auf warmes, nacktes Fleisch stieß. Warmes, hartes, nacktes Fleisch. Ein starker Arm glitt um meine Hüfte und fing mich auf, bevor ich mit der Nase auf einer braunen Männerbrustwarze landete.

Oh, lieber Gott im Himmel …

Ich wich zurück und löste mich aus Kylers festem Griff. Ich sog scharf Luft in meine Lunge und meine Augen wurden groß. Nur Zentimeter von mir entfernt befanden sich die perfektesten Brustmuskeln, die ich je gesehen hatte – die Art von Muskeln, die jede Frau berühren wollte. Mein Blick ging ohne meine Erlaubnis auf Wanderschaft und ich entdeckte dabei so viel goldene Haut, als wäre ich geradewegs in eine Szene aus Magic Mike katapultiert worden. Das Verrückte daran war, dass ich Kyler schon öfter halb nackt gesehen hatte, als ich zugeben wollte. Trotzdem traf es mich immer wieder.

Kyler war ein begeisterter Läufer und Skifahrer und das sah man seinem Körper an. Seine Haut lag straff über unglaublich definierten Bauchmuskeln. Er hatte sogar diese kleinen V-förmigen Vertiefungen an den Leisten. Links von seinem Bauchnabel prangte ein winziges braunes Muttermal. Aus irgendeinem Grund faszinierte mich dieser kleine Fleck, seitdem ich ihn zum ersten Mal entdeckt hatte.

Er trug Boxershorts mit roten Nikolaus-Mützen und bunten Paketen darauf. Also, das war mal ein Weihnachtsgeschenk, das viele Leute gern unter dem Baum gefunden hätten.

Und zu diesen vielen Leuten gehörte auch ich.

Meine Wangen wurden heiß. Ich würde ein paar ernste Takte mit meinem Gehirn reden müssen. Aber Kyler … ja, er war wirklich anbetungswürdig.

Sein linker Mundwinkel zuckte, als wüsste er genau, welcher Gedanke mir gerade durch den Kopf schwirrte. Seine braunen Haare mussten dringend gekämmt werden. Es sah aus, als hätte er die Nacht damit verbracht, sich von jemandem die Frisur verwuscheln zu lassen.

Mein Magen verkrampfte sich. Ich war gestern ins Wohnheim zurückgekehrt, lange bevor er die Bar verlassen hatte. Aber er hatte Blondie sicher nicht mit nach Hause genommen.

Moment. Was dachte ich da? Natürlich hatte er Blondie mit nach Hause genommen.

»Du riechst nach … Vanille-Cappuccino.«

Ich blinzelte. Seine verschlafene Stimme war tief und kratzig. »Hä? Oh, ich habe meinen Kaffee fallen gelassen. Tut mir leid.«

Er lächelte schief. »Du bist früh dran.«

»Nein, bin ich nicht.«

»Du bist wie immer zu früh«, fuhr er fort und trat zur Seite. Dann sah er über die Schulter in seine Wohnung, gerade in dem Moment, als jemand im Bad den Wasserhahn aufdrehte, und seufzte. »Das wird dir gleich nicht gefallen.«

Ich fühlte förmlich, wie mir die Farbe aus dem Gesicht wich. Das war dumm. Es interessierte mich wirklich nicht im Geringsten, wer sich in seinem Bad aufhielt. »Ist okay. Ich kann im Flur warten.«

Kyler musterte mich stirnrunzelnd. »Das wirst du nicht tun, Syd.«

Er schob sich an mir vorbei in den Hausflur, offenbar ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass ihn die gesamte Welt halb nackt sehen konnte. Dabei durfte ich einen langen Blick auf die sehnigen Muskeln auf seinem Rücken werfen. Eine Tätowierung – eine Reihe von komplizierten Zeichen, die überwiegend aus Schwüngen zu bestehen schienen – zog sich über seine Wirbelsäule. Irgendeine Art von Tribal-Tattoo, das er sich mit achtzehn hatte stechen lassen. Ich hatte keine Ahnung, was die Symbole bedeuteten. Niemand wusste das.

Aber das war nicht seine einzige Tätowierung. Ich grinste. Er hatte bei einem Football-Spiel eine Wette gegen Tanner verloren, was dazu geführt hatte, dass er sich ein rotes Herz auf seine rechte Pobacke tätowieren lassen musste.

Denn Kyler stand zu seinem Wort.

Er hob meinen Koffer an und stöhnte. »Was hast du denn eingepackt? Wackersteine?«

Ich hätte ja die Augen verdreht, aber die hatten sich an den Muskeln seines Oberarms festgesaugt, die unter dem Gewicht meines Gepäcks deutlich hervortraten. Himmel. Ich brauchte dringend eine Gehirnwäsche oder Lobotomie oder andere Behandlung meines Denkapparats, um wieder zur Vernunft zu kommen. »So schwer ist der Koffer gar nicht.«

»Du hast viel zu viel mitgenommen.« Er stellte den Koffer im Flur seiner Wohnung ab, schob mich ins Apartment und schloss die Tür hinter uns. »Es sind nur fünf Tage, Syd, kein ganzer Monat.«

»Ja, klar«, murmelte ich und riskierte einen Blick in den schmalen Flur. Das Plätschern war verklungen. »Also …«

»Mach es dir gemütlich.« Im Vorbeigehen kniff er mich in die Nase. Ich schlug nach ihm, aber er wich meiner Hand mühelos aus und lachte. »Was liest du gerade?«

»Geht dich nichts an.« Ich folgte ihm ins aufgeräumte Wohnzimmer. Für einen einundzwanzigjährigen Kerl hielt Kyler seine Bude ziemlich ordentlich, was mich immer wieder überraschte, da zu Hause ein Zimmermädchen hinter ihm hergeräumt hatte. Allerdings hatte er nicht immer so gelebt.

»Netter Titel.«

Ich hielt hinter dem olivgrünen Sofa an. »Nette Boxershorts. Hat deine Mom sie dir gekauft?«

»Nein. Deine Mom.«

»Haha. Sehr witzig.«

Wieder sah er über die Schulter zurück, dann zwinkerte er, schob seinen Daumen unter den hinteren Bund der Boxershorts und schob ihn nach unten, bis der Ansatz seines Hinterns sichtbar wurde.

»O mein Gott.« Ich beugte mich über die Couch, schnappte mir ein Kissen und warf es nach ihm.

Er fing es überraschend geschickt auf und schleuderte es zurück. Das Kissen knallte gegen meine Brust und fiel zu Boden. »Hat dir doch gefallen.«

Auch wenn er durchaus einen hübschen Hintern hatte, wollte ich ihm gerade erklären, dass dieser Körperteil kaum etwas war, was ich unbedingt sehen wollte, als sich die Badezimmertür mit dem »Vorfahrt gewähren«-Schild daran öffnete.

Ich hielt den Atem an.

Wer konnte das sein? Als ich die Bar gestern Abend verlassen hatte, war Kyler von einer Million Mädchen umringt gewesen. War es die langbeinige Blondine, deren zweiter Vorname eigentlich »Jell-O-Shots« lauten sollte, eine widerliche Mischung aus Hochprozentigem und Wackelpudding? Oder die sexy Brünette mit dem kehligen Lachen, das ich irgendwie beneidenswert fand? Ich klang wie eine Hyäne, wenn ich versuchte, sexy zu lachen. Oder war es die Rothaarige, die sich anscheinend nicht zwischen Kyler und Tanner hatte entscheiden können? Ich hatte keine Ahnung, wer mich erwartete.

Als Erstes sah ich lange, gebräunte Beine, dann den Saum eines Jeansrocks, der irgendwie schief hing. Ich erkannte die Beine wieder, aber erst der hautenge schwarze Rollkragenpulli bestätigte meine Vermutung.

Es war Blondie – die Eiswürfelkönigin.

Letzte Nacht hatten draußen Temperaturen im Minusbereich geherrscht, mit einer dünnen Schicht Schnee auf den Wiesen im Collegepark … Aber diese Tussi war gekleidet, als wohnte sie in Miami.

Ich fühlte mich sofort unscheinbar in meiner abgetragenen Jeans und dem riesigen Pulli. Außerdem fühlte ich mich neben dem ausladenden Vorbau dieser Tussi, als trüge ich meinen ersten BH.

Sie sah mich und runzelte die Stirn. Schwarze Mascara-Reste klebten unter ihren Augen. »Wer ist das, Babe?«

»Du hast sie letzte Nacht im Dry Docks getroffen.« Kyler kam zu mir und hob das Kissen auf. »Erinnerst du dich nicht?«

Ein verwirrter Ausdruck breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Ich ging davon aus, dass der Denkprozess eine Weile in Anspruch nehmen würde.

Kylers Mundwinkel zuckten. »Du hast ihr deinen Drink in den Schoß geschüttet.«

»Oh!« Blondie kicherte. »Tut mir echt leid.«

»Jaaa«, sagte ich lang gezogen. Das hatte ich schon vergessen gehabt. »Keine große Sache. Die Männer finden es hochattraktiv, wenn man riecht wie ein Eis am Stiel.«

Kyler musterte mich stirnrunzelnd.

»War sie die ganze Nacht hier?«, fragte Blondie mit schräg gelegtem Kopf.

Ich zog eine Augenbraue hoch und musste mir einen Kommentar verkneifen. War das Szenario für die Braut wirklich so selbstverständlich, dass sie sich nicht daran erinnert hätte, wenn sich ein zweites Mädchen der Party anschloss? Falls ja, musste ich wirklich öfter vor die Tür.

»Nein. Sie ist gerade erst gekommen. Wir fahren nach Snowshoe Mountain«, kam Kyler mir geschickt zuvor, während er sich das Kinn rieb. »Also …«

Blondie kam mit wiegenden Hüften auf ihn zu und legte ihm auf vertraute, intime Weise eine Hand auf die Brust. Irrationaler Neid durchfuhr mich. Ihr fiel es so leicht, ihn zu berühren. Ich kannte Kyler schon seit Ewigkeiten und ich hätte meine Zunge verschluckt, bevor ich angefangen hätte, ihn zu befummeln.

»Ihr beide fahrt ganz allein nach Snowshoe? Klingt romantisch«, sagte sie ein wenig bissig.

»Nein.« Kyler entzog sich ihrer Berührung. »Wir treffen uns dort mit ein paar Freunden. Bald. Also muss ich jetzt los.«

Blondie kapierte den Wink mit dem Zaunpfahl nicht, deswegen würde die Situation noch peinlicher werden. Das war die Sache mit Kyler. Er konnte eine Nonne aus ihrem Höschen schwatzen, aber die Morgen-danach-Routine war nicht sein Ding. Und auch wenn er eigentlich ein netter Kerl war, hatte er doch die Geduld einer in die Enge getriebenen Klapperschlange.

»Kyler, du bist so ein Flittchen«, murmelte ich, als ich mich an ihm vorbeischob.

Er ignorierte mich. »Wir sehen uns später, Cindy.«

Blondie hatte sich nicht bewegt. »Mindy – ich heiße Mindy.«

Ich warf Kyler einen bösen Blick zu, doch er zeigte keinerlei Reue. Mit einem Kopfschütteln ging ich in die Küche. Es standen ein paar Tassen in der Spüle, aber wie im Rest der Wohnung war es auch hier ordentlicher als in den meisten Wohnheimzimmern, die ich bis jetzt so gesehen hatte. Nicht ordentlicher als in meinem, natürlich. Ich war so penibel, dass ich Andrea damit fast in den Wahnsinn trieb.

Ich zog mich auf die Arbeitsfläche, verschränkte die Beine und schaltete meinen E-Reader an, auch wenn ich wusste, dass ich mich nicht würde konzentrieren können. So sehr mich die Story des Romans vorhin auch noch gefangen genommen hatte – so sehr, dass ich selbst an roten Ampeln kurz gelesen hatte –, jetzt war ich viel zu abgelenkt von dem leisen Gespräch im Wohnzimmer.

Ich beäugte die Flasche Jack Daniels neben mir. Ein wenig früh, um mit dem Saufen anzufangen, aber je länger das hier dauerte, desto mehr wünschte ich mir einen Schluck davon.

Wem wollte ich etwas vormachen? Ich hatte gestern so lange vor meiner Rum-Cola gesessen, bis es verwässerte Cola mit Cola gewesen war. All unsere Freunde waren ziemlich angeschickert gewesen und hatten den Beginn der Winterferien gefeiert. Andrea hatte sich in der Gasse hinter dem Dry Docks übergeben, was sicher dafür sorgen würde, dass sie später Gesprächsstoff der Reisegruppe war. Und Tanner war so voll gewesen, dass er ihr die Jacke abgenommen hatte statt ihr die Haare aus dem Gesicht zu halten. Kyler vertrug eine Menge Alkohol, aber auch er hatte sich ordentlich einen hinter die Binde gekippt.

Ich dagegen? Ich mochte die Vorstellung nicht, mich gehen zu lassen und die Kontrolle zu verlieren. Es war nicht so, als wäre ich verklemmt oder irgendwas, aber … okay, vielleicht war ich doch ein wenig verklemmt.

Wie jeden Winter seit unserem ersten Collegejahr fragte ich mich, wieso ich zugestimmt hatte, mit nach Snowshoe zu fahren. Es waren noch fast zwei Wochen bis Weihnachten. Ich hätte direkt nach Hause fahren können. Ich konnte nicht Ski fahren, außer man nannte es so, wenn man auf dem Hintern einen Hang runterrutschte. Kyler dagegen war ein Naturtalent auf der Piste und auch sehr trainiert im Après-Ski. Aber dieser Ausflug hatte Tradition und auf keinen Fall konnte ich mich einfach abmelden.

»Du bist wirklich, wirklich früh dran, Syd.«

Ich zuckte beim Klang seiner Stimme zusammen. »Ich bin gern pünktlich.«

»Zwanghaft überpünktlich.« Er lehnte sich mir gegenüber an die Arbeitsfläche.

Ich mochte ja ein wenig zu früh dran sein, aber ich hasste es, zu spät zu kommen. Eine Zombieapokalypse hätte mich nicht so sehr gestört wie der Gedanke, einen Kursraum zu betreten, nachdem der Unterricht bereits angefangen hatte.

Wieder blieb mein Blick an Kylers Bauchmuskeln hängen. Waren seine Boxershorts nach unten gerutscht? »Kannst du nicht ein T-Shirt anziehen? Und vielleicht eine Hose?«

Kyler zog eine Augenbraue hoch. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass du mich schon weniger bekleidet gesehen hast als heute, Syd.«

Heiße Scham stieg in mir auf. Vollkommen unpassend, wenn man bedachte, unter welchen Umständen ich ihn nackt gesehen hatte.

»Da warst du, was? … fünf Jahre alt und hattest Windpocken? Du hast dich ständig ausgezogen. Das ist absolut nicht dasselbe.«

»Wo liegt der Unterschied?«

Musste ich ihm das wirklich erklären?

Leise lachend stieß er sich vom Tresen ab und schlenderte auf mich zu. Da ich auf der Arbeitsfläche saß, war ich endlich so groß wie er. Er war lächerlich groß, gute ein Meter neunzig, und ich war irrsinnig klein, kaum über eins fünfzig. Meistens fühlte ich mich in seiner Nähe wie ein Kindergartenkind.

Kyler hob die Hand und zog an einem meiner Zöpfe, die ich mir heute Morgen geflochten hatte. »Der Schulmädchen-Look. Sexy.«

Ich zuckte mit den Achseln.

Er nahm einen Zopf und schlug mit dem Ende gegen meine Wange. »Bleibt mir noch Zeit, um eine Runde laufen zu gehen?«

Ich entzog ihm meinen Zopf. »Wenn du es nicht tust, bist du den ganzen Tag über quengelig.«

Kyler schenkte mir sein charmantestes Lächeln. Ein Grübchen erschien auf seiner linken Wange und mein Herz setzte für einen Moment aus. »Willst du dich mir anschließen?«

Ich zog eine Grimasse und wedelte mit meinem E-Reader. »Sehe ich aus, als wollte ich mit dir laufen gehen?«

Er beugte sich vor und stemmte die Hände rechts und links neben meinen Oberschenkeln auf die Arbeitsplatte, was dafür sorgte, dass er mir viel, viel zu nahe kam. Selbst wenn ich nicht an unstillbarem Verlangen nach ihm gelitten hätte, wäre ich kaum immun gegen seine Ausstrahlung gewesen. Jede Frau mit Eierstöcken musste darauf reagieren. Sex-Appeal schien in Wellen von ihm auszugehen, eine gefährliche Mischung aus gutem Aussehen und Intelligenz, verpackt mit einer Aura der Unberechenbarkeit.

Ich atmete tief ein – und wow, roch er gut. Gar nicht als hätte er gestern einen Eimer voller Alkohol geleert und dann stundenlang wilden Sex gehabt. O nein, er roch nach Mann und einem Hauch von Aftershave, das ich nicht identifizieren konnte. Mann, ich konnte einfach nicht glauben, dass ich an ihm schnüffelte wie eine läufige Hündin!

Ich beugte mich nach hinten und wandte den Blick ab.

»Du wirst Spaß haben. Das verspreche ich dir. Komm schon.« Wieder zog er an einem meiner Zöpfe.

Ich schüttelte den Kopf. »Alles ist voll mit Schnee und Eis. Ich werde mir den Hals brechen. Tatsächlich könntest sogar du dir den Hals brechen. Ein Tag ohne Jogging wird dich nicht umbringen.«

»Doch, wird er.«

Ich hielt meinen Blick unverwandt auf das Foto gerichtet, das am Kühlschrank hing, und verschränkte instinktiv die Hände ineinander. Das Bild zeigte uns zusammen, in der Grundschule, in unseren Halloween-Kostümen. Er war ein Werwolf gewesen und ich Rotkäppchen. Die Idee war auf dem Mist meiner Mom gewachsen.

»Ich kann nicht glauben, dass du nach dem, was du gestern getrunken hast, tatsächlich laufen gehen willst.«

Er lachte und sein Atem glitt warm über meine Wange. »Ich komme schon klar. Vergiss nicht, ich bin schon groß und an Alkohol gewohnt.«

Das war mir nur ein Augenrollen wert.

Er verringerte den Abstand zwischen uns und küsste mich sanft auf die Wange. »Such dir einen bequemeren Platz. Ich werde nicht lange wegbleiben.«

Als ich mich nicht rührte, stieß Kyler ein verdrossenes Brummen aus, dann legte er seine Hände um meine Hüften. Ohne jegliche Mühe hob er mich vom Tresen und stellte mich auf die Füße. Dann verpasste er mir einen kurzen Klaps auf den Hintern, was dafür sorgte, dass ich aus der Küche eilte.

Mit einem bösen Blick in seine Richtung ließ ich mich auf die Couch fallen. »Bist du jetzt glücklich?«

Kyler legte den Kopf schräg. Er sah aus, als wollte er einen dummen Kommentar von sich geben, aber dann grinste er nur. »Ich werde dir diese Woche beibringen, wie man Snowboard fährt. Das ist dir bewusst, oder?«

Lachend ließ ich mich in die weichen Kissen sinken. »Viel Glück damit.«

»Du vertraust mir nicht. Ich bin begabt als Lehrer.«

»Da bin ich mir sicher«, meinte ich trocken, wobei ich den schmalen Weihnachtsbaum vor seinem Fenster anstarrte.

Kyler stieß ein Lachen aus, ein angenehmes, tiefes Lachen. Mir fiel auf, dass ich bei diesem Geräusch steif wie ein Brett wurde.

»Würdest du nicht wahnsinnig gern das wahre Ausmaß meiner Talente kennenlernen?«, säuselte er.

»Wenn ja, wäre das sehr leicht zu bewerkstelligen. Ich müsste nur ungefähr neunzig Prozent der Mädchen in meinem Wohnheim befragen.«

Schamlos grinsend ging er rückwärts in Richtung seines Schlafzimmers. »Tatsächlich wären das eher neunundachtzig Prozent. Ich habe mit dem Mädel am Ende des Flurs nicht geschlafen. Sie hat mir nur …«

»Ich will es nicht wissen.«

»Höre ich da Eifersucht in deiner Stimme?«

»Wohl kaum«, sagte ich, als ich meinen E-Reader wieder anschaltete.

»Hm-mm. Rede dir das nur weiter ein, Süße. Bald schon wirst du zugeben, dass du wahnsinnig verliebt in mich bist. Das liegt an meinem jungenhaften Charme – dem kann einfach niemand widerstehen.«

»Hättest du erklärt, dein Körper wäre unwiderstehlich, wäre das glaubwürdiger gewesen.«

Wieder lachte er, dann drehte er sich um. Mit einem seltsamen, flauen Gefühl im Magen beobachtete ich, wie er im Schlafzimmer verschwand. Die schmerzhaft peinliche Wahrheit lautete, dass Kyler keine Ahnung hatte. Er mochte Witze reißen und mich aufziehen, aber er hatte keinen blassen Schimmer, wie ich in Bezug auf ihn empfand. Und so musste es auch bleiben.

Ich legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und stöhnte leise. Mädchen waren für Kyler wie Eissorten mit verschiedenen Geschmacksrichtungen und ich gehörte nicht zu denen, die er probieren wollte. Er benahm sich mir gegenüber schon seit der Highschool so – absolut platonisch. Ich hatte es inzwischen akzeptiert. Und so musste es bleiben. Denn ich wusste, wenn Kyler je erfuhr, was er mir in Wahrheit bedeutete, würde es das sofortige Ende unserer Freundschaft sein.

Elle Kennedy »The Score« (Platz 9)

Blick ins Buch
The Score – Mitten ins HerzThe Score – Mitten ins Herz

Roman

Allie Hayes steckt in einer Krise. Sie hat keinen Plan für die Zukunft und außerdem ein gebrochenes Herz. Zügelloser Sex ist sicher nicht die Lösung ihrer Probleme, aber dem unglaublichen Hockeystar Dean Di Laurentis kann sie – zumindest in dieser Nacht – nicht widerstehen. Dean dagegen bekommt immer, was er will. Deshalb kann er es auch nicht fassen, dass Allie nach ihrer gemeinsamen Nacht nichts mehr von ihm wissen will. Dean findet, Allie muss um jeden Preis erobert werden. Aber weiß er wirklich, worauf er sich da einlässt?
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Kapitel 1 Allie

Können wir reden?

Bitte!

Verdammt, Allie. Nach allem, was wir durchgemacht haben, verdien ich mehr wie das.

Das hast du nicht ernst gemeint, als du gesagt hast, es ist Schluss, oder?

Kannst du mir jetzt bitte ANTWORTEN?

Weißt du was? Leck mich. Du willst mich ignorieren? Bitte, tu das!

 

Als ich am Freitagabend das Fitnesscenter auf dem Campusgelände verlasse, befinden sich auf meinem Handy sechs Textnachrichten. Sie sind alle von Sean, meinem Exfreund – seit gestern Abend. Ich nehme die emotionale Wandlung von Betteln bis Angepisstsein sehr wohl wahr, aber mein Hauptaugenmerk liegt auf seinem Grammatikfehler.

Ich verdien mehr wie das.

Das heißt als und nicht wie. Und ich denke nicht, dass man das auf die Autokorrektur schieben sollte, denn Sean ist nicht gerade die hellste Kerze im Leuchter.

Okay, das stimmt nicht ganz. Auf manchen Gebieten ist er ein richtiges Genie. Baseball zum Beispiel – da kann er Statistiken aufsagen, die bis in die Sechzigerjahre zurückreichen. Aber das schriftliche Ausdrucksvermögen ist nicht gerade seine Stärke. Und als herausragender Freund kann er sich auch nicht unbedingt rühmen, zumindest nicht in letzter Zeit.

Ich wollte nie eines dieser Mädchen werden, die ständig mit ihrem Freund Schluss machen und dann doch wieder mit ihm zusammenkommen … Ich hatte wirklich gedacht, ich wäre stärker. Aber Sean McCall lässt mich seit meinem ersten Jahr an der Briar University nicht mehr los. Er hat mich mit seinem unverschämt guten Aussehen und diesem schelmischen und vollkommen unwiderstehlichen Grinsen total um den Finger gewickelt.

Ich werfe erneut einen Blick aufs Handy, und mein Argwohn wuchert wie der Efeu am Gebäude hinter mir. O Mann, worüber will er denn mit mir reden? Alles, was gesagt werden musste, wurde gestern Abend gesagt, bevor ich aus seinem Studentenwohnheim gestürmt bin. Und als ich gesagt habe, dass Schluss sei, habe ich es auch so gemeint.

Jetzt ist wirklich Schluss. Es ist unsere vierte Trennung in drei Jahren. Ich kann so nicht mehr weitermachen mit diesem endlosen Kreislauf aus Freude und Herzschmerz.

Trotzdem tut es weh. Es ist schwer, jemanden gehen zu lassen, der über eine so lange Zeit ein großer Teil deines Lebens war. Und es ist noch schwerer, wenn diese Person dich nicht gehen lässt.

Seufzend eile ich die Treppen hinunter zum Kopfsteinpflasterweg, der sich über den Campus schlängelt. Normalerweise nehme ich mir die Zeit, die Umgebung zu genießen – diese wunderschönen Gebäude, die gusseisernen Bänke und die riesigen, Schatten spendenden Bäume –, aber heute will ich einfach nur zurück in mein Wohnheim, mir die Bettdecke über den Kopf ziehen und die Welt um mich herum vergessen. Und zum Glück kann ich das auch tun, denn meine Mitbewohnerin Hannah ist dieses Wochenende nicht da. Das bedeutet, sie kann mir auch keine Vorträge über die emotionalen Risiken meines Selbstmitleids halten.

Dabei hat sie das gestern Abend auch nicht getan. Nein, sie hat genau das getan, was man als beste Freundin der Welt so tut. In dem Moment, als ich durch unsere Tür gekommen bin, nachdem ich mit Sean Schluss gemacht hatte, wartete Hannah schon in unserem Wohnzimmer mit einer großen Packung Eis, einer Schachtel Kleenex und zwei Flaschen Rotwein auf mich. Anschließend hat sie die halbe Nacht damit verbracht, mir Papiertücher zu reichen und meinem unverständlichen Gebrabbel zuzuhören.

Schlussmachen ist scheiße. Ich komme mir vor wie eine Idiotin. Nein, ich komme mir vor wie eine Versagerin. Der letzte Rat, den mir meine Mutter gegeben hat, bevor sie starb, lautete: Hör nie auf, an die Liebe zu glauben. Das hat sie mir eigentlich schon eingebläut, lange bevor sie krank geworden ist. Ich kenne die genauen Details nicht, aber es ist kein Geheimnis, dass die Ehe meiner Eltern während ihrer achtzehn gemeinsamen Jahre mehr als einmal auf der Kippe stand. Aber sie haben es geschafft. Sie haben dafür gekämpft.

Jedes Mal, wenn ich daran denke, wie ich Sean gestern zurückgelassen habe, verkrampft sich mein Magen. Vielleicht hätte ich mehr für unsere Liebe kämpfen müssen. Ich meine, ich weiß ja, dass er mich liebt …

Würde er dich lieben, hätte er dir nicht dieses Ultimatum gestellt, ertönt eine verärgerte Stimme in mir. Du hast das Richtige getan.

Ich schnappe nach Luft, als ich die Stimme in meinem Kopf erkenne. Sie gehört meinem Vater, der zufälligerweise auch mein größtes Vorbild ist. In seinen Augen kann ich nichts falsch machen.

Zu schade, dass Sean mich nicht durch diese Augen sehen kann.

Fünf Minuten bevor ich das Bristol House erreiche, in dem ich mir eine Zweizimmerwohnung mit Hannah teile, vibriert mein Handy.

Mist. Noch eine Mitteilung von Sean.

Und noch mal Mist, denn sie lautet:

Es tut mir so leid, dass ich dich beschimpft habe, Schatz.

Ich habe es nicht so gemeint. Ich bin einfach nur fertig.

Du bedeutest mir alles. Ich hoffe, du weißt das.

Eine weitere Nachricht erscheint auf dem Display:

Komme nach meinen Kursen vorbei. Wir müssen reden.

Ich spüre Panik in mir aufsteigen. Ich habe keine Angst vor Sean, zumindest nicht im körperlichen Sinne. Ich weiß, dass er mir gegenüber nie handgreiflich werden würde. Aber ich habe Angst davor, dass er mich wieder einlullt. Das kann er nämlich sehr gut. Er muss mich einfach nur Schatz nennen und mir dieses unwiderstehliche Lächeln zuwerfen, und schon ist es um mich geschehen.

Ich verspüre eine Mischung aus Ärger, Angst und Wut, während ich seine Nachrichten noch einmal lese. Er blufft nur. Er würde doch nicht unaufgefordert vorbeikommen, oder?

Verdammter Mist.

Mit zittrigen Fingern wähle ich Hannahs Nummer. Nach zwei Klingeltönen höre ich die aufmunternde Stimme meiner besten Freundin am anderen Ende der Leitung. »Hey, was ist los? Geht’s dir gut?«

Im Hintergrund höre ich eine leise Frauenstimme – es ist Grace Ivers, Logans Freundin. Das bedeutet, dass Hannah und ihr Freund Garrett schon auf dem Weg zu ihrem Wochenendausflug nach Boston sind. Sie hat mich eingeladen, mit ihnen zu kommen, was ich dankend abgelehnt habe, da ich nicht das fünfte Rad am Wagen sein wollte. Zwei total verliebte Pärchen und ich? Nein danke.

Jetzt wünschte ich mir, ich hätte die Einladung angenommen, denn ich bin am Wochenende allein, und Sean will mit mir reden.

»Sean kommt heute Abend vorbei«, sprudelt es aus mir heraus.

Hannah schnappt nach Luft. »Was? Nein! Warum hast du überhaupt zugestimmt?«

»Ich habe überhaupt nicht zugestimmt. Er hat mich nicht einmal gefragt, ob es in Ordnung ist. Er hat mir einfach eine Nachricht geschickt, dass er heute Abend vorbeikommt.«

»Was soll das?« Sie klingt so verärgert, wie ich mich fühle.

»Keine Ahnung.« Jetzt überkommt mich richtige Panik. »Ich kann mich nicht mit ihm treffen, Hannah. Die Trennung ist noch zu frisch. Wenn er vorbeikommt, nehme ich ihn am Ende vielleicht doch wieder zurück.«

»Allie …«

»Meinst du, wenn ich alle Lichter ausmache und die Tür abschließe, denkt er, dass ich nicht zu Hause bin, und geht wieder?«

»So, wie ich Sean kenne, wird er wahrscheinlich die ganze Nacht vor deiner Tür warten. Weißt du was? Ich hätte nicht zu diesem Bruins-Spiel fahren sollen. Ich hätte zu Hause bei dir bleiben sollen. Warte kurz, ich sage Garrett, dass er umdrehen soll …«

»Auf gar keinen Fall«, unterbreche ich sie. »Du wirst deinen Ausflug nicht meinetwegen abbrechen. Das ist deine letzte Chance auf ein bisschen Spaß.«

Hannahs Freund ist Captain des Eishockeyteams der Uni, und das bedeutet, dass sein Trainings- und Spielplan wieder voll sein wird, jetzt, da die neue Saison begonnen hat. Was bedeutet, dass Hannah ihn nicht mehr so oft sehen wird. Und ich will bestimmt nicht diejenige sein, die eines ihrer seltenen freien Wochenenden ruiniert.

»Ich will nur deinen Rat.« Ich muss schlucken. »Bitte, sag mir, was ich tun soll. Soll ich Tracy fragen, ob ich bei ihr übernachten kann?«

»Nein, du solltest besser nicht im Bristol sein, wenn Sean durch die Gänge läuft. Vielleicht Megan – nein, warte, ihr neuer Freund ist dieses Wochenende in der Stadt. Sie wollen wahrscheinlich alleine sein.« Hannah klingt nachdenklich. »Was ist mit Stella?«

»Sie und Justin sind letzte Woche erst zusammengezogen. Sie haben bestimmt keine Lust auf einen spontanen Übernachtungsgast.«

»Warte mal kurz.« Eine Pause entsteht. Ich höre Garretts gedämpfte Stimme, kann aber nicht verstehen, was er sagt. Dann ist Hannah wieder am Telefon. »Garrett sagt, du kannst übers Wochenende in seinem Haus bleiben. Dean und Tucker sind beide da, und wenn Sean herausfindet, wo du bist, und vorbeikommen sollte, dann werden sie ihm einen Arschtritt verpassen.« Ich höre wieder Gerede im Hintergrund. »Du kannst in Garretts Zimmer schlafen«, fügt sie hinzu.

Ist das nicht total lächerlich? Ich kann es nicht fassen, dass ich ernsthaft darüber nachdenke, vor Sean aus meiner eigenen Wohnung zu flüchten. Aber in Gedanken sehe ich ihn an meine Tür hämmern. Oder noch schlimmer: Er steht mit einem Gettoblaster vor meinem Fenster und spielt diesen einen Song von Peter Gabriel! Ich hasse dieses Lied.

»Ist das wirklich in Ordnung?«, frage ich.

»Auf jeden Fall. Logan schreibt Dean und Tucker gerade eine Nachricht, damit sie Bescheid wissen. Du kannst jederzeit kommen.«

Ich fühle mich erleichtert und schuldig zugleich. »Mach den Lautsprecher an, okay? Ich will mit Garrett reden.«

»Klar. Warte kurz.«

Im nächsten Moment ertönt Garrett Grahams tiefe Stimme am anderen Ende der Leitung. »Saubere Bettwäsche liegt im Schrank, aber vielleicht bringst du dir dein eigenes Kissen mit. Wellsy ist der Meinung, dass meine zu weich sind.«

»Sie sind zu weich«, protestiert Hannah, die wegen ihres Nachnamens Wells den Spitznamen Wellsy bekommen hat. »Da kommt man sich vor, als würde man auf einem matschigen Marshmallow schlafen.«

»Es fühlt sich an, als ob man auf einer flauschigen Wolke schläft«, korrigiert sie Garrett. »Glaub mir, Allie, meine Kissen sind der Wahnsinn. Aber du solltest trotzdem dein eigenes mitbringen. Für alle Fälle.«

Ich muss lachen. »Danke für den Tipp. Aber bist du dir sicher, dass das in Ordnung ist? Ich will mich nicht aufdrängen.«

»Alles gut, Allie. Du musst Tucker nur mit deinen großen blauen Augen anschmachten, dann kocht er dir auch ein gutes Abendessen. Ach, und Logan gibt Dean gerade ganz klare Anweisungen, dass er dich nicht anmachen soll. Du dürftest also deine Ruhe vor ihm haben.«

Ja, richtig. Dean Heyward-Di Laurentis ist der größte Frauenheld der Welt. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, macht er mich an. Aber das ist nichts Besonderes, weil er das bei jedem Mädchen tut.

Deshalb mache ich mir auch keine Sorgen. Ich weiß, wie ich mit Dean umgehen muss. Und Tucker ist ja auch noch da – als Puffer zwischen mir und seinem sexbesessenen Mitbewohner.

»Das weiß ich wirklich zu schätzen«, sage ich zu Garrett. »Im Ernst, ich schulde dir was.«

»Blödsinn.«

Jetzt mischt sich Hannah wieder ein. »Schreib mir, wenn du da bist, okay? Und dann schaltest du dein Handy aus, damit Sean dich nicht belästigen kann.«

Habe ich schon erwähnt, dass ich die beste, beste Freundin der Welt habe?

Ich lege auf und fühle mich augenblicklich besser. Wahrscheinlich ist es wirklich eine gute Idee, das Wochenende nicht im Wohnheim zu verbringen. Ich werde es einfach als eine kleine Auszeit betrachten, ein paar Tage, um den Kopf frei zu kriegen und mich wieder zu sammeln. Und solange Dean und Tucker in meiner Nähe sind, werde ich auch nicht versucht sein, Sean anzurufen. Dieses Mal brauchen wir einen klaren Schlussstrich. Gar keinen Kontakt mehr, zumindest für die nächsten Wochen. Oder Monate. Oder Jahre.

Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, ob ich diese Trennung überleben werde. Ich habe diesen Kerl jahrelang geliebt. Und Sean hat auch seine guten Seiten. Immer wenn ich krank war, stand er mit einer Suppe vor meiner Tür. Und als er …

Stopp!

In meinem Kopf schrillen die Alarmglocken und machen mich auf meine Dummheit aufmerksam. Nein. Ich werde nicht wieder zurückrudern. Es ist völlig egal, dass er durchaus gute Seiten hat, denn er hat definitiv auch seine schlechten, wie der gestrige Abend gezeigt hat.

Ich straffe die Schultern, gehe schneller und bin fest entschlossen, es diesmal durchzuziehen. Zwischen Sean und mir ist es aus. Ich kann ihn jetzt nicht treffen oder ihm schreiben oder irgendetwas tun, das meine Meinung ändern könnte.

Tag eins meines Lebens ohne Sean hat offiziell begonnen.

 

Dean

Es ist Freitagabend, ich liege auf der Couch im Wohnzimmer und nippe an einem Bier, während zwei Blondinen – zwei sehr heiße, sehr nackte Blondinen – sich vor meinen Augen einen Zungenkuss geben. Mein Leben ist einfach geil.

»Der beste Abend meines Lebens«, murmle ich vor mich hin. Mit dem Blick verfolge ich Kellys Hände, die sich auf Michelles pralle Brüste zubewegen. Kelly drückt zu, und ich stöhne auf. »Er wäre aber noch besser, wenn ihr beiden eure kleine Party hierherverlagern könntet.«

Atemlos lassen sie voneinander ab und kommen lachend zu mir herüber. »Gib uns ein guten Grund dafür«, sagt Kelly aufreizend.

Ich runzle die Stirn und fasse mir dann selbst an meinen steifen Penis. Langsam fahre ich mit der Hand auf und ab. »Ist das Grund genug?«

Michelle ist die Erste, die mit wippenden Brüsten und wackelndem Hintern in meine Richtung tänzelt, sich dann auf meinen Schoß setzt und ihre Lippen auf meinen Mund presst. Wenige Sekunden später sitzt auch Kelly neben mir, und ich spüre ihre warmen, weichen Lippen an meinem Hals. O Gott! Mein Penis ist so hart, dass es fast wehtut, und diese beiden Göttinnen foltern mich mit Küssen. Mit langen, fordernden Küssen und feuchten, magischen Zungen, mit gezieltem Lecken und sanftem Saugen, was mich in den Wahnsinn treiben soll.

Ich würde ja gerne behaupten, dass ein solcher Dreier eine neue Erfahrung für mich ist, oder dass die Bezeichnung »männliche Hure«, die mir meine Eishockeyteamkollegen gegeben haben, wirklich übertrieben ist, aber das wäre falsch. Es ist so, wie es ist. Ich liebe Sex. Und ich habe jede Menge davon. Was soll’s?

Ich stöhne auf, als Kelly mit ihren Fingern an meinem Penis entlangfährt. »O Gott, womit habe ich das verdient?«

»Das ist erst der Anfang«, erklärt Michelle und wirft ihre lange Mähne über die Schulter. »Du kommst nicht, bevor wir nicht kommen, ist das klar?«

Sie hat recht – ich habe ein Versprechen gegeben, und ich habe auch vor, es einzuhalten. Im Gegensatz zu dem, was meine Arschlochfreunde über mich denken, geht es mir beim Sex vor allem um die Frau. Oder in diesem Fall um die Frauen. Zwei wunderschöne, ungeduldige Frauen, die nicht nur auf mich, sondern auch aufeinander stehen.

»Dann sollte ich wohl endlich anfangen«, verkünde ich und drücke Michelle auf das Kissen. Ich umschließe einen ihrer Nippel mit den Lippen und sauge fest daran. Stöhnend drückt sie ihre Hüften nach oben. Im Augenwinkel sehe ich einen Schatten. Kelly beugt sich ebenfalls über ihre Freundin und saugt an ihrem anderen Nippel. Grundgütiger Gott! Ich stöhne laut genug, um Tote zu wecken.

Kelly hebt ihren Kopf und grinst mich an. »Ich dachte, du könntest etwas Hilfe gebrauchen.« Dann küsst sie sich über Michelles flachen Bauch in Richtung Oberschenkel.

Auch meine Lippen gleiten über ihre gebräunte Haut und ihre weichen Kurven, bis ich die Stelle erreiche, bei der mir das Wasser im Mund zusammenläuft. Kelly ist bereits in vollem Gange. Verdammt, ich weiß nicht, ob ich mich lange genug unter Kontrolle halten kann, um beide zum Höhepunkt zu bringen. Ich bin selbst schon ganz kurz davor.

Ich ignoriere das Pochen in meinem Schritt, befeuchte meine Lippen, bewege meinen Mund auf Michelles feuchte Stelle zu und …

Da klingelt es an der Tür.

Verdammt! Ich schiele auf die Digitaluhr am Blu-Ray-Player. Es ist halb neun. Ich versuche mich zu erinnern, ob ich einen von meinen Kumpels eingeladen habe, aber ich habe den ganzen Tag mit niemandem geredet außer mit meinen Mitbewohnern. Und die sind alle ausgeflogen. Garrett und Logan sind mit ihren Freundinnen vor einer Stunde nach Boston gefahren, und Tucker geht heute Abend mit irgendeinem Mädchen ins Kino.

»Merkt euch, wo ihr wart.« Ich lecke kurz über Michelles Oberschenkel und stehe dann von der Couch auf, um meine Shorts zu suchen.

Als ich meinen Penis sicher verstaut habe, gehe ich zur Haustür. Als ich öffne und sehe, wer davorsteht, runzle ich die Stirn.

»Schlechtes Timing«, sage ich zu Hannahs bester Freundin Allie. »Deine Freundin ist schon weg. Komm am Sonntag wieder vorbei.«

Ich will die Tür wieder schließen, doch dummerweise schiebt die Blondine auf meiner Schwelle einen schwarzen Winterstiefel zwischen Tür und Rahmen. »Jetzt sei kein Arschloch, Dean. Du weißt, dass ich das Wochenende hier verbringe.«

Verwundert ziehe ich die Augenbrauen nach oben. »Äh, wie bitte?« Ich sehe sie mir genauer an, und erst jetzt bemerke ich den vollgepackten Rucksack, der über ihrer Schulter hängt. Und den pinkfarbenen Trolley neben ihren Füßen.

Allie Hayes stößt einen lauten Seufzer aus. »Logan hat dir alles geschrieben. Und jetzt lass mich rein. Mir ist kalt.«

Ich lege meinen Kopf schief. Dann schiebe ich ihren Fuß unsanft aus dem Weg. »Warte hier. Ich bin gleich wieder zurück.«

»Willst du mich verarschen?«

Ich lehne die Tür an.

Verärgert gehe ich zurück ins Wohnzimmer, wo Michelle und Kelly mich nicht einmal bemerken – sie sind zu sehr miteinander beschäftigt. Ich brauche fast eine Minute, um mein Handy zu finden, und als ich es schließlich vom Boden aufhebe, sehe ich, dass Hannahs Freundin keinen Mist erzählt hat.

Auf dem Display erscheinen fünf ungelesene Nachrichten. Das kann schon mal vorkommen. Ein Dreier hat in dem Fall natürlich Vorrang. Das ist ja wohl klar.

Logan:  Hey, Bro. Wellsys Freundin Allie schläft am Wochenende bei uns.

Logan:  Lass deinen Schwanz in der Hose. Garrett und ich sind nicht in der Stimmung, dich zu verprügeln, falls du sie anmachst. Aber Wellsy könnte sehr wohl in der Stimmung dafür sein. Also: Schwanz = Hose = belästige unseren Gast nicht.

Hannah:              Allie übernachtet bis Sonntag bei euch. Sie ist gerade sehr verletzlich. Nutz das bloß nicht aus, sonst machst du mich sehr unglücklich. Und du willst mich doch nicht unglücklich machen, oder?

Ich muss schmunzeln. Hannah Wells, diplomatisch wie immer. Schnell lese ich noch die letzten beiden Nachrichten.

Garrett:               Allie wird in meinem Zimmer schlafen.

Garrett:               Dein Schwanz bleibt in deinem Zimmer.

Mann, was hat nur jeder mit meinem Schwanz?

Und ihr Timing könnte nicht schlechter sein. Ich werfe einen sehnsüchtigen Blick auf die Couch. Kellys Finger sind genau da, wo meine jetzt gern wären.

Ich räuspere mich, und die Mädchen blicken zu mir rüber. Michelles Blick ist verschwommen durch die besondere Aufmerksamkeit, die ihre Freundin ihr schenkt.

»Ich sag das wirklich nicht gern, aber ihr müsst jetzt leider gehen, Ladys.«

Die beiden reißen die Augen auf. »Wie bitte?«, meint Kelly entrüstet.

»Ich habe einen unangemeldeten Gast, der draußen wartet«, murmle ich. »Und das bedeutet, dass dieses Haus gerade zur jugendfreien Zone geworden ist.«

Michelle kichert. »Seit wann stört es dich, wenn dir jemand beim Sex zuschaut?«

Das stimmt. Normalerweise ist es mir total egal, ob noch jemand anderes im Zimmer ist. Meistens finde ich das sogar besser. Aber vor Hannahs Freundin kann ich das unmöglich bringen. Auch nicht vor Hannah und Grace. Die Jungs stören mich nicht. Sie kennen das schon. Aber ich weiß, dass Garrett und Logan es nicht so gut fänden, wenn ich vor ihren Freundinnen Sex hätte. Seitdem die beiden eine feste Beziehung haben, sind meine Kumpel zu prüden Kerlen mutiert. Das ist wirklich schade.

»Dieser Gast ist eine zarte Blume«, sage ich trocken. »Sie würde wahrscheinlich in Ohnmacht fallen, wenn sie uns drei zusammen sehen würde.«

»Würde ich nicht«, erklingt Allies verärgerte Stimme von der Türschwelle.

Jetzt werde ich langsam sauer. Diese Tussi kann doch nicht einfach durchs Haus laufen, als würde sie hier wohnen? Das geht nicht.

Ich blicke sie finster an. »Ich habe dir doch gesagt, du sollst draußen warten.«

»Und ich habe dir gesagt, dass mir kalt ist«, erwidert sie schnippisch. Und außerdem scheint es sie überhaupt nicht zu stören, dass ein paar Meter von ihr entfernt zwei nackte Mädchen auf der Couch liegen.

Meine Besucherinnen studieren Allies Gesicht wie einen Haufen Bakterien unter dem Mikroskop. Dann rümpfen sie ihre Nasen und wenden ihre Blicke ab, als wäre sie nichts als … ein Haufen Bakterien unter dem Mikroskop. Mädchen scheinen in meiner Gegenwart immer einen Konkurrenzkampf austragen zu müssen. Aber anscheinend sehen sie Allie nicht als Konkurrenz an.

Das kann ich gut verstehen. Sie trägt eine dicke schwarze Jacke, Stiefel und Handschuhe, und ihr blondes Haar steckt unter einer roten Wollmütze. Wir haben Anfang November, es liegt kein Schnee, es ist noch nicht wirklich kalt, und es gibt überhaupt keinen Grund, sich so einzupacken. Außer man ist verrückt. Und das denke ich langsam von Allie, denn jetzt marschiert sie einfach in mein Wohnzimmer und lässt sich auf einen Sessel fallen.

Als sie ihre Jacke öffnet, wirft sie meinen Gästen einen kurzen Blick zu und dreht sich dann wieder zu mir um. »Warum verlegt ihr eure kleine Party nicht nach oben? Ich bleibe hier unten und schaue mir einen Film an.«

»Oder du gehst in Garretts Zimmer und schaust dir dort einen Film an«, sage ich entschlossen. Aber eigentlich ist es schon egal. Sie hat die Stimmung versaut, und ich habe keine große Lust, mit zwei Mädchen rumzumachen, wenn außer uns nur noch Hannahs beste Freundin im Haus ist.

Seufzend drehe ich mich zu den Mädchen um. »Können wir das verschieben?«

Keine von beiden hat große Einwände. Anscheinend hat Miss Allie nicht nur die Stimmung versaut, nein, sie hat die Erde verbrannt und mit Salz bestreut, damit nie wieder auch nur ein Funken von Geilheit darauf sprießen kann.

Allie schenkt den Mädchen, die sich jetzt anziehen, kaum Beachtung. Sie ist zu beschäftigt damit, sich tausend Schichten von Winterklamotten auszuziehen und sie über die Lehne des Sessels zu werfen. Als sie fertig ist, sieht sie gleich viel kleiner aus in ihrer schwarzen Leggins und dem viel zu großen, gestreiften Oberteil. Und sie zögert keine Sekunde, es sich auf dem großen, weichen Sessel bequem zu machen.

Ich bringe Kelly und Michelle noch zur Tür, wo beide praktisch mein ganzes Gesicht verschlingen und mir das Versprechen abverlangen, alles nachzuholen. Als sie weg sind, ist mein Penis wieder hart.

Ich gehe zurück ins Wohnzimmer und werfe Allie einen bösen Blick zur. »Hat dir das Spaß gemacht?«, will ich von ihr wissen.

»Was?«

»Mir den Abend zu versauen.«

Allie lacht. »Gibt es einen einzigen Grund, warum du deine beiden Blondies nicht mit nach oben nehmen konntest? Du hättest sie meinetwegen nicht rausschmeißen müssen.«

»Denkst du wirklich, ich kann da oben mit zwei Mädchen rummachen, während du hier unten sitzt?«

Sie lacht erneut. »Du machst immer in der Öffentlichkeit rum. Die ganze Zeit. Was schert es dich, wenn ich im Haus bin?« Sie blickt mich nachdenklich an. »Oder willst du einfach nicht in dein Zimmer? Hannah hat mir schon erzählt, dass du immer im Wohnzimmer Sex hast. Was soll das? Hast du Bettwanzen oder so etwas?«

Ich knirsche mit den Zähnen. »Nein.«

»Warum gehst du dann nicht in dein Zimmer, wenn du Damenbesuch hast?«

»Weil …« Ich halte inne und blicke sie wieder finster an. »Das geht dich gar nichts an. Warum bist du überhaupt hier? Hat es im Bristol House gebrannt?«

»Ich verstecke mich.« Sie sagt das so, als müsste ich es verstehen. Dann schaut sie sich im Wohnzimmer um. »Wo ist Tucker? Garrett hat gemeint, er ist auch hier.«

»Er ist ausgegangen.«

Sie schiebt ihre Unterlippe nach vorn. »Hm … das ist blöd. Er hätte bestimmt einen Film mit mir angeschaut. Das musst du jetzt wohl übernehmen.«

»Erst versaust du mir den Abend, und jetzt willst du, dass ich was mit dir unternehme?«

»Glaub mir, du bist die letzte Person, mit der ich etwas unternehmen möchte, aber ich stecke gerade in einer Krise, und du bist der Einzige, der hier ist. Du musst mir Gesellschaft leisten, Dean. Sonst könnte ich etwas sehr, sehr Dummes tun, und mein ganzes Leben wäre ruiniert.«

Hannah hat mir mal erzählt, dass Allie Schauspielerei als Hauptfach hat. Darin ist sie wirklich gut.

»Bitte?«

Sie wirft mir einen flehenden Blick zu. Großen blauen Augen konnte ich noch nie widerstehen. Vor allem nicht, wenn sie zu einer süßen Blondine mit einem tollen Körper gehören.

»Du hast gewonnen. Ich werde dir Gesellschaft leisten, okay?«

Sie sieht erfreut aus. »Welchen Film schauen wir uns an?«

Ich muss ein Stöhnen unterdrücken. Aus einem Dreier mit zwei heißen Mädels ist ein Babysittereinsatz geworden, bei dem ich die beste Freundin meines besten Freundes beaufsichtigen muss.

Dank der heißen Abschiedsküsse von Kelly und Michelle ist mein Schwanz immer noch steinhart. Absolut fantastisch.

Jennifer L. Armentrout »Deadly Ever After« (Platz 10)

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Deadly Ever AfterDeadly Ever After

Roman

Ihr Herz droht zu zerbersten – vor Angst und heißer Leidenschaft …Vor zehn Jahren entkam Sasha nur knapp einem Serienkiller, der mehrere Frauen auf bestialische Weise hingerichtet und als Bräute drapiert hat. Schwer traumatisiert verließ sie ihre Heimat und brach alle Kontakte ab. Doch nun kehrt sie zurück. Als Sasha ihren attraktiven Exfreund Cole, mittler­weile FBI-Agent, wiedersieht, verspürt sie sofort heißes Herzklopfen. Und Cole hat auf sie gewartet. Aber bevor die beiden ihre Sehnsucht stillen können, wird eine tote Frau geborgen. Genau dort, wo der Serienkiller vor zehn Jahren seine Leichen deponierte. Ist Sashas Leben erneut in Gefahr?»Eine wilde, spannende Achterbahnfahrt voller Gänsehautmomente und Romantik!« RT Book Reviews
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Prolog

Es gab Regeln. Regeln, die nicht gebrochen werden durften. Aber dieses eine Mal war es geschehen. Und verdammt, es würde wieder passieren. Es spielte keine Rolle, dass die Situation bis jetzt unter Kontrolle gewesen war. Es spielte keine Rolle, dass die Regeln bislang befolgt worden waren und befolgt werden mussten. Jetzt war alles anders.

Denn sie war zurückgekommen.

Und sie würde wieder alles ruinieren.

Der zusammengekauerte, jämmerliche Schatten in der Ecke begann zu wimmern. Die Frau war wach. Endlich. Es machte bei Weitem nicht so viel Spaß, wenn sie während meiner Bemühungen bewusstlos waren. Planung erforderte Geduld, und Geduld war eine Tugend, über die man erst nach Jahren des Wartens verfügte.

Blutige, dreckige Seile umschlossen die Knöchel und Handgelenke der Frau. Als sie langsam den Kopf hob und ihre Lider flatternd öffnete, drang ein überraschter Schrei aus ihrer Kehle, und in diesem Schrei lag blankes Entsetzen. Man sah es an ihren weit aufgerissenen, glasigen Augen.

Sie wusste es. O ja, sie wusste, dass sie diesen Raum nicht wieder verlassen würde. Sie wusste, dass der Sonnenschein von heute Morgen, als sie zur Arbeit aufgebrochen war, der letzte ihres Lebens sein würde. Sie wusste, dass sie zum letzten Mal frische Luft geatmet hatte.

Schwaches, künstliches Licht war alles, was ihr jetzt noch blieb. Der dumpfe, erdige Geruch ihres Gefängnisses würde sie bis zum letzten Atemzug begleiten, würde sich in ihren Poren einnisten und in ihre Haare einziehen.

Das hier war ihr letzter Aufenthaltsort.

Die Frau ließ den Kopf gegen die feuchte Ziegelmauer sinken. Der ängstliche Ausdruck in ihren Augen ging in etwas Flehendes über. So war es immer. Und es war so verdammt vorhersehbar. So sinnlos. Denn hier gab es keine Hoffnung mehr. Sobald die Frauen einmal hier waren, gab es keine Rettung mehr.

Schritte erklangen über ihrem Kopf. Eine Sekunde später war entferntes Lachen zu hören. Die Frau starrte an die Decke. Sie versuchte, um Hilfe zu rufen, zu schreien, brachte aber nur ein jämmerliches Wimmern zustande.

Ihre Stimme erstarb, als dämmriges Licht auf einer scharfen Klinge glänzte.

Sie schüttelte den Kopf mit Nachdruck, sodass die schlaffen blonden Strähnen um ihr Gesicht flogen. Tränen füllten ihre braunen Augen.

»Es ist nicht deine Schuld.«

Ihre Brust hob und senkte sich in angestrengten Atemzügen.

»Wenn sie nicht zurückgekommen wäre, wäre dir das vielleicht erspart geblieben. Es ist ihre Schuld.« Es folgte ein kurzer Moment der Stille, in dem der Blick der Frau das Messer musterte. »Sie hat sich mit mir angelegt und ich werde mich auf die unangenehmste Weise an ihr rächen.«

Diesmal würde es enden, wie es immer enden sollte. Sie würde sterben, aber zuerst würde sie dafür bezahlen.

Für alles.

Kapitel 1

Mein Herz begann zu rasen, als ich in den Rückspiegel blickte. Meine braunen Augen waren weit aufgerissen. Ich wirkte vollkommen verängstigt … und das war ich auch.

Ich atmete tief durch, schnappte mir die Handtasche und öffnete die Tür des Honda, um auszusteigen. Als ich sie wieder zudrückte, glitt kalte Luft unter meinen dünnen Pulli. Ich atmete tief durch. Um mich herum roch es nach frisch gemähtem Gras.

Ich trat einen Schritt auf die Pension zu, in der ich aufgewachsen war, die ich jedoch seit Jahren nicht mehr besucht hatte. Sie sah noch immer aus wie in meiner Erinnerung. Die leeren Schaukelstühle auf der vorderen Veranda wiegten sich leicht im Wind. Doch die buschigen Farne, die im Frühling und im Sommer vor dem Vorbau gewachsen waren, waren verschwunden. Die Schindeln an der Wand leuchteten in frisch gestrichenem Weiß. Waldgrüne Fensterläden und …

Mein Mund wurde trocken. Eine Gänsehaut glitt über meine Arme und sorgte dafür, dass sich die dünnen blonden Haare in meinem Nacken aufstellten. Ein schreckliches, surreales Gefühl ergriff von mir Besitz und mein Atem stockte.

Das Gefühl glitt wie eine schlüpfrige und etwas zu grobe Liebkosung über meine Wirbelsäule nach unten. Mein Nacken brannte, wie er es immer getan hatte, wenn er hinter mir saß …

Ich wirbelte herum und ließ meinen Blick über den Vorgarten wandern. Hohe Hecken umrahmten das Grundstück. Es lag ein gutes Stück von der Queen Street entfernt – der Hauptstraße der Stadt –, doch ich konnte die Autos hören. Niemand war in der Nähe. Ich drehte mich einmal im Kreis. Kein Mensch hielt sich auf der Veranda oder im Hof auf, auch wenn vielleicht jemand am Fenster der Pension stand. Aber hier draußen war ich allein, egal, wie sehr mein Puls raste oder mich meine Instinkte warnten.

Ich konzentrierte mich erneut auf die grüne Hecke. Sie war so dicht, dass sich leicht jemand dahinter verstecken konnte, um mich zu beobachten und darauf zu warten, dass …

»Hör auf.« Ich ballte die Hand zur Faust. »Du leidest unter Paranoia und benimmst dich dämlich. Hör einfach auf. Niemand beobachtet dich.«

Doch mein Herzschlag beruhigte sich nicht. Stattdessen breitete sich ein Zittern über meinen Körper aus. Ich reagierte, ohne nachzudenken.

Und verfiel in Panik.

Die Angst versenkte ihre eisigen Klauen tief in meinen Eingeweiden. Ich rannte von meinem Auto in die Pension. Alles sauste verschwommen an mir vorbei, als ich durch den Eingangsbereich hastete, die Haupttreppe erreichte und einfach weiterlief, bis in den obersten Stock.

Dort, in dem stillen, schmalen Flur vor den Wohnungen über der Pension, ließ ich meine Tasche fallen. Ich war außer Atem und mir war schlecht, als ich mich keuchend vorbeugte und meine Hände auf die Knie stützte.

Ich war gerannt, als würde ich von den Dämonen der Hölle gejagt.

So hatte ich mich auch gefühlt.

Das hier war ein Fehler.

»Nein«, flüsterte ich in Richtung Decke. Ich setzte mich, lehnte mich gegen die Wand und rieb mir das Gesicht. »Das ist kein Fehler.«

Ich ließ die Arme sinken und zwang mich, die Augen zu öffnen. Natürlich reagierte ich heftig darauf, nach Hause zurückzukehren. Kein Wunder, nach allem, was geschehen war.

Als ich von hier verschwunden war, hatte ich geschworen, niemals wieder einen Fuß in die Stadt zu setzen.

Doch sag niemals nie.

Ich konnte kaum glauben, dass ich tatsächlich hier war; dass ich getan hatte, was ich niemals hatte tun wollen.

Als Kind war ich davon überzeugt gewesen, dass es in unserer Pension spukte. Wie sollte es anders sein? Das Herrenhaus im georgianischen Stil mit dem angrenzenden Kutschenhaus war älter als die Zeit. Früher hatte es einmal zur Underground Railroad gehört. Gerüchten zufolge war es nach der Schlacht am Antietam mit verletzten und sterbenden Soldaten gefüllt gewesen.

Nachts knarrten die Bodendielen auf unheimliche Art. In gewissen Räumen gab es kalte Stellen, die sich einfach nicht erwärmen ließen. Besonders die alte, schlecht beleuchtete Dienstbotentreppe, die vom ersten Stock in die Küche führte, hatte mir als Kind unglaubliche Angst eingejagt. Dort huschten ständig Schatten über die tapezierten Wände. Wenn es wirklich Geister gab, dann sollte diese Pension, die Scharlachrote Dirne, voll davon sein. Und selbst mit neunundzwanzig, als erwachsene Frau, war ich immer noch davon überzeugt, dass es hier von Gespenstern nur so wimmelte.

Doch inzwischen ging es um eine andere Art von Gespenst.

Was in diesen schmalen Fluren im oberen Stockwerk sein Unwesen trieb, auf Zehenspitzen über die geschliffenen Dielen schlich und sich in den dämmrigen Treppenhäusern verbarg, war die Sasha Keeton von vor zehn Jahren, bevor … bevor der Bräutigam in die Stadt gekommen war, in der sonst nie etwas geschah.

Bis er alles zerstört hatte.

Seufzend stand ich auf und sah den Flur entlang.

Vielleicht wäre ich nicht so ausgetickt, wenn ich nicht bei der Abfahrt von der Interstate die Nachricht im Radio gehört hätte, dass eine Frau aus Frederick verschwunden war. Ich hatte nur ihren Nachnamen mitbekommen: Banks. Sie arbeitete als Krankenschwester im Memorial Hospital. Ihr Ehemann hatte sie zuletzt am Morgen gesehen, als sie zur Arbeit aufgebrochen war.

Mein Atem stockte und ein kalter Schauder lief über meinen Rücken. Frederick lag nicht weit von Berkeley County entfernt. An Tagen ohne viel Verkehr dauerte die Fahrt nur ungefähr eine Dreiviertelstunde. Meine Fingerspitzen waren eiskalt, als ich meine Hände langsam öffnete und wieder zu Fäusten ballte.

Eine vermisste Person war schrecklich, traurig und unendlich tragisch, aber mehrere vermisste Personen waren eine grauenhafte, große Sache und bildeten ein Muster.

Ich fluchte leise und unterdrückte den Gedanken. Die vermisste Frau hatte nichts mit mir zu tun. Offensichtlich. Gott wusste, dass ich nur zu gut verstand, wie traumatisch das Verschwinden einer Person sein konnte, und ich hoffte wirklich, dass sie gesund und munter gefunden wurde …

Das hatte nichts mit mir zu tun.

Oder mit dem, was vor zehn Jahren geschehen war.

Der frische Januarwind zerrte urplötzlich am Dach des Hauses und erschreckte mich. Das Herz hämmerte gegen meine Rippen. Ich war so schreckhaft wie eine Maus in einem Raum voller hungriger Katzen. Das hier war …

Mein Handy klingelte und entriss mir den Gedanken. Ich beugte mich vor und wühlte in meiner großen Beuteltasche herum, bis meine Finger die glatte Oberfläche fanden und das Handy herauszogen. Dann zuckten meine Mundwinkel kurz, als ich erkannte, wer der Anrufer war.

»Sasha«, sagte Mom, kaum dass ich abgehoben hatte. Ihr Lachen zauberte ein breites Lächeln auf mein Gesicht. »Wo in aller Welt bist du? Ich habe dein Auto vor der Tür gesehen, kann dich aber nirgends finden.«

Ich verzog das Gesicht zu einer Grimasse, auch wenn sie es nicht sehen konnte. »Ich bin oben. Ich bin aus dem Auto gestiegen und wollte reinkommen, aber ich …«

Ich wollte die Worte nicht aussprechen, wollte nicht zugeben, wie verunsichert ich war.

»Soll ich hochkommen?«, fragte Mom sofort.

Ich presste die Augen zu. »Nein. Jetzt geht es mir gut.«

Es folgte ein kurzer Moment der Stille. »Sasha, Liebes, ich …« Moms Stimme verklang, und ich fragte mich, was sie hatte sagen wollen. »Ich bin froh, dass du endlich wieder zu Hause bist.«

Zu Hause.

Die meisten Neunundzwanzigjährigen würden es als Versagen betrachten, nach Hause zurückzukehren – aber für mich bedeutete es genau das Gegenteil. Nach Hause zu kommen war ein Erfolg, eine Leistung, die viel Kraft erfordert hatte. Ich öffnete die Augen wieder und unterdrückte ein Seufzen. »Ich komme gleich runter.«

»Das hoffe ich.« Sie lachte wieder, doch es klang zittrig. »Ich bin in der Küche.«

»Okay.« Ich umklammerte das Handy fester. »Ich bin in ein paar Minuten da.«

»In Ordnung, Liebes.« Mom legte auf und ich ließ das Handy wieder in meine Tasche fallen.

Für einen Moment stand ich wie angewurzelt da, dann nickte ich einmal. Es wurde Zeit.

Es wurde wirklich Zeit.

 

Der Anblick haute mich fast um.

Die Pension sah überhaupt nicht mehr so aus wie in meiner Erinnerung. Ich wanderte durch den Eingangsbereich, vollkommen vor den Kopf gestoßen von den Veränderungen der letzten zehn Jahre.

Mit der Tasche in der Hand schritt ich langsam durch das Erdgeschoss. Die Vasen mit künstlichen Orchideen waren neu. Die alten Stühle neben dem Empfangstresen waren verschwunden. Zwei ehemals große Zimmer waren zu einem riesigen Raum verbunden worden. Sanfte graue Farbe hatte die Blumentapeten ersetzt. Die traditionellen Stühle mit den Samtpolstern waren gegen grün-weiße Lehnsessel ausgetauscht worden, die sich um die Couchtische in der Nähe des Tresens verteilten. Die Ziegelmauer um den Kamin war freigelegt und weiß gestrichen worden.

Eine weitere Überraschung erwartete mich, als ich den Speisesaal der Pension betrat. Verschwunden war der große und wenig einladende Tisch, der alle Gäste dazu gezwungen hatte, zusammen zu essen. Stattdessen standen fünf runde Tische mit weißen Tischtüchern im großen Raum. Auch hier war, wie im Eingangsbereich, der Kamin freigelegt und gestrichen worden und die Flammen flackerten hinter einer Glasplatte. Eine Getränkestation war gegenüber aufgebaut worden.

Die Scharlachrote Dirne war endlich im 21. Jahrhundert angekommen.

Hatte Mom die Renovierung mir gegenüber irgendwann einmal erwähnt? Wir hatten oft telefoniert und Mom hatte mich in den letzten Jahren regelmäßig in Atlanta besucht. Sie musste davon gesprochen haben. Wahrscheinlich hatte sie es tatsächlich getan, doch ich neigte dazu, auf Durchzug zu schalten, wenn es um die Stadt ging – und anscheinend hatte ich einiges ausgeblendet.

Die Erkenntnis war wichtig, weil ich jetzt wusste, dass ich mich zu sehr von den Geschehnissen abgeschottet hatte.

Ein Kloß bildete sich in meiner Kehle und Tränen brannten in meinen Augen. »O Gott«, murmelte ich, blinzelte schnell und fuhr mir mit dem Handrücken über die Augen. »Okay. Reiß dich zusammen.«

Ich zählte bis zehn, räusperte mich und nickte einmal. Ich war bereit, meine Mom zu sehen. Ich konnte das schaffen, ohne zu heulen wie ein Kleinkind.

Sobald ich mir sicher war, dass ich keinen totalen Zusammenbruch erleiden würde, setzte ich mich wieder in Bewegung. Der Duft von gebratenem Fleisch führte mich in den hinteren Teil des Hauses. Die Schiebetür mit der Aufschrift Nur FÜR Personal war geschlossen. Als ich die Hand danach ausstreckte, wurde ich zurück in die Vergangenheit katapultiert. Plötzlich sah ich mich, wie ich am ersten Tag des Kindergartens durch diese Tür gestürmt war und mich in die Arme meines Vaters geworfen hatte, ein gemaltes Bild in der Hand. Ich erinnerte mich, wie ich mit zum ersten Mal gebrochenem Herzen durch diese Tür geschlurft war, weil Kenny Roberts mich auf dem Spielplatz mit dem Gesicht voran in den Matsch geschubst hatte. Ich sah mich selbst mit fünfzehn, in dem Wissen, dass mein Vater nie wieder auf mich warten würde.

Und ich sah mich, wie ich den Jungen, den ich im Einführungskurs Wirtschaft getroffen hatte, durch genau diese Tür führte, um ihm meine Mom vorzustellen. Mein Herz machte einen Sprung und riss mich damit aus den Erinnerungen.

»Himmel«, stöhnte ich und vertrieb den Gedanken in meinem Hirn, bevor das Bild dieser fahlblauen Wolfsaugen vor meinem Geist aufsteigen konnte. Denn wenn das geschah, würde ich die nächsten zwölftausend Jahre an ihn denken, und das konnte ich im Moment wirklich nicht brauchen. »Ich bin so kaputt.«

Ich schüttelte den Kopf, dann schob ich die Tür auf. Der Kloß in meinem Hals kehrte mit aller Macht zurück, als ich Mom hinter der Arbeitsplatte aus poliertem Stahl entdeckte, genau an der Stelle, wo Dad immer gestanden hatte, bis ein heftiger unangekündigter morgendlicher Herzinfarkt ihn dahingerafft hatte.

Ich vergaß die Angst, die ich die ganze lange Fahrt über empfunden hatte, vergaß, was ich im Radio gehört hatte, und fühlte mich, als wäre ich wieder fünf Jahre alt.

»Mom«, krächzte ich und ließ die Tasche auf den Boden fallen.

Anne Keeton trat hinter der Arbeitsfläche hervor. In meiner Eile, sie zu erreichen, stolperte ich. Es war ein Jahr her, dass ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Letzte Weihnachten war Mom nach Atlanta gekommen, weil sie gewusst hatte, dass ich immer noch nicht bereit war, sie hier zu besuchen. Seitdem waren gerade mal zwölf Monate vergangen, aber meine Mutter hatte sich genauso sehr verändert wie die Pension.

Ihr schulterlanges Haar wirkte inzwischen eher silbern als blond. Tiefe Falten hatten sich in die Haut um ihre braunen Augen gegraben, dünnere Linien umrahmten ihren Mund. Mom war immer kurvig gebaut gewesen – und ich hatte Hüfte, Brüste, Bauch und, okay, auch die Schenkel von ihr geerbt –, aber sie hatte mindestens zehn Kilo abgenommen.

Sorge stieg in mir auf, als sie die Arme um mich schloss. Hatte ich das letztes Jahr nicht bemerkt? War ich zu lange weg gewesen? In zehn Jahren konnte man eine Menge verpassen, wenn man eine Person nur hin und wieder sah.

»Liebes«, sagte Mom mit belegter Stimme, »ich bin ja so glücklich, dich zu sehen. So glücklich, dass du hier bist.«

»Ich auch«, flüsterte ich und meinte es so.

Nach Hause zu kommen war das Letzte, was ich mir gewünscht hatte. Aber als ich Mom fest umarmte und das vanillige Aroma ihres Parfüms einatmete, wusste ich, dass es richtig gewesen war. Auch weil sich die Sorge um sie weiter in mir ausbreitete.

Mom war erst fünfundfünfzig, aber in Bezug auf die Sterblichkeit spielte das Alter keine Rolle. Ich wusste das besser als jeder andere. Mein Dad war jung gestorben. Und vor zehn Jahren, mit gerade mal neunzehn, hatte ich … hatte ich fast meinen letzten Atemzug getan, nachdem mir alles andere genommen worden war.

Kapitel 2

Der schmiedeeiserne Bistrotisch vor dem großen Fenster mit Blick auf Veranda und Garten stand schon mein ganzes Leben lang in der Küche. Ich ließ meine Hand über die Platte gleiten, um die winzigen vertrauten Kratzer zu erfühlen. An diesem Tisch hatte ich als Kind gemalt und später, als Teenager, meine Hausaufgaben gemacht.

Die Tür zur alten Küche, die jetzt als Pausen- und Lagerraum diente, befand sich am anderen Ende des Raums, ebenfalls mit einem Nur FÜR Personal-Schild gekennzeichnet. Diese Tür, wie alles andere in der modernen Küche, war weiß gestrichen.

Mom trug zwei Tassen Kaffee an den Tisch und setzte sich mir gegenüber. Jetzt roch der Raum wie eine Espressobar und ich dachte nicht mehr an meine Panik von vorhin.

»Danke«, sagte ich, als ich die Finger um die warme Tasse legte. Ein Grinsen verzog meine Lippen. Winzige grüne Weihnachtsbäume prangten auf dem Porzellan. Obwohl Weihnachten seit zwei Wochen vorüber war und die Dekoration längst abgenommen worden war, würden diese Weihnachtstassen das ganze Jahr über in Gebrauch bleiben.

Ich sah mich stirnrunzelnd in der Küche um und fragte: »Wo ist James?« James Jordan arbeitete seit gut fünfzehn Jahren als Küchenchef in der Pension. »Ich rieche doch einen Braten.«

»Was du riechst, sind zwei Braten.« Mom nippte an ihrem Kaffee. »Und es gibt ein paar Veränderungen bei uns. Die Gäste müssen bis ein Uhr mitteilen, ob sie bei uns essen wollen, dann kochen wir angepasst an die Bestellungen. Das verringert die Arbeit und wir verschwenden nicht so viel Essen.« Sie hielt kurz inne. »James kommt nur noch dreimal die Woche. Dienstag, Donnerstag und Samstag.« Sie stellte ihre Tasse ab. »Das Geschäft läuft nach wie vor nicht schlecht, aber dank den vielen neuen Hotels in der Umgebung muss ich mehr darauf achten, wofür wir unser Geld ausgeben. Erinnerst du dich, dass ich dir von Angela Reidy erzählt habe?«

Als ich nickte, fuhr sie fort.

»Sie erledigt Mittwoch bis Sonntag vormittags und nachmittags den Großteil der Arbeit. Daphne ist immer noch bei uns, aber sie wird nicht jünger, also arbeitet sie nur noch in Teilzeit. So hat sie mehr Zeit für ihre Enkel. Angela ist toll, aber ein wenig flatterhaft und oft vergesslich. Sie sperrt sich ständig aus dem Haus aus, das sie gemietet hat – so oft, dass ein Ersatzschlüssel bei uns im Hinterzimmer lagert.«

Ich ließ Moms Worte auf mich wirken, als ich den süßen Kaffee trank, der genau so schmeckte, wie ich ihn liebte. Letztendlich sagte mir meine Mutter gerade, dass sie den größten Teil der Arbeit selbst machte. Das erklärte die tiefen Runzeln um ihre Augen, die Fältchen um ihren Mund und die silberne Färbung ihres blonden Haares. Eine Pension mit so wenigen Angestellten zu führen hätte von jedem seinen Tribut gefordert. Und ich wusste, dass die letzten zehn Jahre noch aus ganz anderen Gründen nicht ganz leicht für sie gewesen waren.

Es waren dieselben Gründe, warum die Zeit für mich nicht leicht gewesen war.

Manchmal gelang es mir zu vergessen, was mich von zu Hause fortgetrieben hatte. Das passierte nur sehr selten, doch wenn es geschah, dann empfand ich einen unendlich wunderbaren Frieden. Es war, als wäre alles wie vorher. Als könnte ich vorgeben, eine ganz normale Frau zu sein, mit einer Karriere, die ich durchaus mochte, und einer gewöhnlichen, vielleicht sogar langweiligen Vergangenheit. Es war nicht so, als hätte ich nicht mit dem abgeschlossen, was … mir und meiner Familie zugestoßen war. Das hatte ich sechs Jahren intensiver Therapie zu verdanken. Aber wann immer ich einfach vergaß, hieß ich diese Momente willkommen – und war dankbar.

»Du hast alles allein gemacht, Mom.« Ich stellte meine Tasse auf den Tisch und schlug die Beine übereinander. »Und das ist eine Menge.«

»Es ist … zu bewältigen.« Mom lächelte, doch das Lächeln erreichte ihre whiskeyfarbenen Augen nicht. »Aber jetzt bist du ja wieder da. Jetzt muss ich nicht mehr alles alleine machen.«

Ich nickte und ließ den Blick auf die Tasse sinken. »Ich hätte früher …«

»Sag das nicht.« Mom streckte den Arm aus und legte ihre Hand auf meine. »Du hattest einen sehr guten Job …«

»Mein Job bestand im Wesentlichen darin, den Babysitter für meinen Boss zu spielen, damit er seine dritte Frau nicht betrügt.« Ich hielt grinsend inne. »Offensichtlich war ich nicht besonders gut darin, da Nummer drei es wohl nicht mehr lange machen wird.«

Kopfschüttelnd hob Mom ihre Tasse. »Liebes, du warst die Chefassistentin für einen Mann, der eine milliardenschwere Beraterfirma führt. Du hattest mehr Verantwortung als nur dafür zu sorgen, dass sein Hosenlatz geschlossen bleibt.«

Ich kicherte.

Das Einzige, was meinen Chef mehr antrieb als der Gedanke ans Geschäft, war der Wunsch, mit so vielen Frauen wie möglich zu schlafen. Doch Mom hatte recht. Fünf Jahre lang hatten lange Nächte im Büro, abendliche Geschäftsessen und ständig wechselnde Arbeitszeiten mit Langstreckenflügen von einer Küste zur anderen mein Leben bestimmt. Diese Arbeit hatte Vor- und Nachteile gehabt, und ich hatte mir die Entscheidung, meinen Job zu kündigen, nicht leicht gemacht. Doch das gute Gehalt hatte mir erlaubt, ein wenig zur Seite zu legen, um mir den Übergang zu einer … langsameren Lebensart ein wenig zu erleichtern.

»Du hattest ein Leben in Atlanta«, fuhr sie fort.

Ich zog eine Augenbraue hoch. Meine Zeit war mehr oder minder Mr Bergs Zeit gewesen.

»Und es ist bestimmt nicht leicht, hierher zurückzukehren.«

Ich erstarrte. Sie wollte das nicht ansprechen, oder?

Sie drückte meine Hand. Sie würde es ansprechen.

»Es kann nicht leicht sein, in diese Stadt und zu all den Erinnerungen zurückzukehren. Das weiß ich, Liebes. Ich weiß es.« Sie lächelte wieder, doch unsicher. »Ich bin mir durchaus bewusst, was für eine große Sache das für dich ist. Was du bewältigen musstest, um diese Entscheidung zu treffen. Und auch, dass du das für mich machst. Rede nicht klein, was du gerade tust.«

O Gott, ich würde wieder anfangen zu heulen. Ja, ich tat das für sie, aber ich … ich tat es auch für mich.

Ich zog meine Hand zurück und nahm eilig einen tiefen Schluck von meinem Kaffee, bevor ich den Kopf auf den Tisch sinken ließ, wie ich es in der Vergangenheit viel zu oft getan hatte. Tränen liefen mir über die Wangen.

Mom lehnte sich zurück. »Also«, meinte sie mit einem Räuspern, »mehrere von deinen Kisten sind am Mittwoch gekommen und James hat sie für dich nach oben geräumt. Ich nehme an, du hast noch Kisten im Auto?«

»Ja«, murmelte ich, als sie aufstand und ihre Tasse zur großen Spüle trug. »Aber die kann ich selbst hochbringen. Es sind nur Klamotten. Und da ich unzählige Stunden im Auto saß, wird mir die Bewegung guttun.«

»Wahrscheinlich änderst du deine Meinung, wenn dir wieder einfällt, wie viele Stufen die Treppe hat.« Mom wusch ihre Tasse aus. »Wir haben im Moment nur drei Zimmer vermietet. Zwei der Gäste checken am Sonntag aus und ein frisch verheiratetes Paar am Donnerstag.«

Ich trank den letzten Schluck Kaffee. »Gibt es Reservierungen für die nächste Zeit?«

Mom wischte sich ihre Hände an einem Handtuch ab und ratterte die Buchungen der nächsten Woche herunter. Ich fand es beeindruckend, dass sie das alles im Kopf hatte.

»Gibt es etwas, womit ich dir jetzt im Moment helfen kann?«, fragte ich, sobald sie verstummte.

Sie schüttelte den Kopf. »Wir haben zwei Reservierungen fürs Abendessen. Zwei Tische, fünf Personen. Die Roastbeefs brauchen noch eine Weile. Die Kartoffeln sind bereits gekocht und geschnitten. Falls du mir dabei helfen willst, das Abendessen zu servieren, bleiben dir noch zwei Stunden Zeit.«

»Klingt gut.« Ich wollte aufstehen, doch da erregte eine Bewegung im Augenwinkel meine Aufmerksamkeit.

Ich wandte mich dem Fenster zu und meinte einen Schatten rechts von der Veranda zu erkennen. Die Äste des kleinen Apfelbaumes schwankten. Mit zusammengekniffenen Augen lehnte ich mich vor. Irgendetwas bewegte sich hinter dem Rankgitter – ein Schatten, der dunkler war als der Rest und sich eng an die Hecke schmiegte. Ich wartete darauf, dass jemand heraustrat. Als das nicht geschah, ließ ich den Blick durch den Garten schweifen. Da ich nichts entdecken konnte, konzentrierte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die Veranda. Die Liegestühle waren leer, doch ich hätte schwören können, dass ich dort draußen gerade jemanden gesehen hatte.

»Was ist da, Liebes?«

Da ich keine Ahnung hatte, schüttelte ich den Kopf und wandte mich wieder zu Mom um. »Ich glaube, einer der Gäste.«

»Seltsam.« Sie lief an den hängenden Töpfen vorbei zum Ofen. »Keiner der Gäste ist gerade im Haus. Ich glaube, sie sind alle ausgeflogen.«

Ich drehte mich wieder zum Fenster um, als Mom nach einem Topflappen griff.

Draußen bewegte sich nichts. Wahrscheinlich war da gar niemand gewesen. Ich war einfach nervös. Und paranoid. Wie vorhin, als ich in die Pension und bis nach ganz oben gerannt war. Nach Hause zu kommen trieb mich an meine Belastungsgrenze, und ich sagte mir wieder einmal, dass mir das niemand übel nehmen konnte.

Ich biss mir auf die Unterlippe und dachte an die Nachricht, die ich im Radio gehört hatte. Mein Magen verkrampfte sich, als ich die Hände ineinander verschränkte.

»Ich habe etwas im Radio gehört … Über eine vermisste Frau in Frederick.«

Mom hielt auf halbem Weg zum Ofen inne. Unsere Blicke trafen sich. Als sie nicht antwortete, entstand in meinem Magen ein Gefühl, als wären hundert winzige Schlangen darin geschlüpft.

»Wieso hast du nichts gesagt?«, fragte ich sie.

Sie wandte sich dem Ofen zu. »Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst. Ich weiß, dass du dich bemühen wirst, es nicht zu tun, aber ich wollte dich einfach nicht beunruhigen.« Sie schüttelte leicht den Kopf. »Und ich wollte nicht, dass du deine Meinung änderst und vielleicht nicht mehr nach Hause kommen willst.«

Ich schnappte hörbar nach Luft. Hielt sie mich für so zerbrechlich, dass ich wegen einer vermissten Frau in einer benachbarten Stadt meine Meinung änderte? Direkt nach den Geschehnissen von damals wäre ich vielleicht so empfindlich gewesen. Ich wäre daran zerbrochen. Aber diese Zeit war vorbei.

»Was mit dieser Frau passiert ist, ist schrecklich, aber du weißt, was man sagt. Bei den meisten verschwundenen Personen ist jemand verantwortlich, den der Vermisste kennt«, sagte sie. »Vielleicht war es der Ehemann.«

Nur dass ich die Person, die mich entführt hatte, nicht gekannt hatte. Es war ein Fremder gewesen. Jemand, den ich nicht hatte kommen sehen, bis es zu spät war.

J. Lynn »Fire in You« (Platz 11)

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Fire in YouFire in You

Roman

Jillian und Brock sind beste Freunde. Trotzdem gibt es etwas, das Jillian Brock niemals verraten würde: ihre wahren Gefühle für ihn. Sie weiß genau, dass sie bei ihm »als Frau« keine Chance hat. Außerdem würde ihr überängstlicher Vater mehr als reine Freundschaft ohnehin nicht erlauben. Er wollte sie erst nicht einmal alleine ans College gehen lassen. Doch auch wenn es ihr schwer fällt, sich von ihrem besten Freund zu trennen, will sie dort endlich ein neues Leben beginnen, ohne Brock und ihre unerwiderte Liebe. Was Jillian allerdings nicht ahnt: Brock hat nicht vor, sie einfach so gehen zu lassen.
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Kapitel 1

Ich würde Avery Hamilton umbringen.

Mit schweißnassen Händen umklammerte ich das Lenkrad und ermahnte mich selbst, aus dem Auto auszusteigen. Es war an der Zeit. Aber ich wusste auch, dass ich lieber barfuß über glühende Glasscherben gelaufen wäre, als in dieses Restaurant zu gehen.

Was selbst in meinen Ohren übertrieben klang.

Ich wünschte mir nichts mehr, als nach Hause zu fahren, ein Paar Leggins anzuziehen, die wahrscheinlich nicht für die Öffentlichkeit geeignet waren, mich mit einer Schale Chips auf der Couch zusammenzurollen und zu lesen. Ich machte gerade eine seltsame Phase durch, in der ich historische Schundromane aus den Achtzigerjahren verschlang. Vor Kurzem hatte ich mit einem Wikingerroman von Johanna Lindsey angefangen. Eine Menge aufgerissener Kleider und Alphamännchen auf Steroiden spielten darin eine Rolle, und ich liebte es.

Aber Avery würde mich umbringen, wenn ich heute Abend kniff. Na ja, okay. Sie würde mich schon nicht umbringen – denn wer würde dann in Zukunft Ava und den kleinen Alex babysitten, wenn sie und Cam ausgehen wollten? Der heutige Abend war eine Ausnahme. Cams Eltern waren in der Stadt, also passten sie auf die Kinder auf. Und ich war hier, saß in meinem Auto und starrte einen dieser japanischen Ahornbäume neben dem Parkplatz an, der aussah, als könnte er jeden Moment umfallen.

»Uff«, stöhnte ich und ließ meinen Kopf nach hinten gegen die Stütze fallen.

Wäre heute ein anderer Tag, wäre es vielleicht nicht ganz so schlimm. Aber heute war mein letzter Tag bei Richards und Decker gewesen. So viele Leute hatten mein winziges Büro besucht. Es hatte Ballons gegeben. Und eine Eistorte, von der ich zwei … na gut, drei Stücke gegessen hatte. Ich hatte genug von Menschen.

Es war ein merkwürdiges Gefühl, den Job zu kündigen, in dem ich fünf Jahre lang gearbeitet hatte. Ich hatte mir so lange eingeredet, dass ich die Arbeit dort liebte. Ich ging jeden Morgen ins Büro, schloss die Tür hinter mir und war überwiegend allein , um Versicherungsansprüche zu prüfen. Es war ein ruhiger, klar strukturierter Job, in den man sich eingraben konnte und bei dem absolut keine Gefahr bestand, dass man ihn am Ende des Tages mit nach Hause nahm. Er sorgte dafür, dass ich mir eine Dreizimmerwohnung und den Kredit für den Honda leisten konnte. Es war ein ruhiger, langweiliger Job, der zu meinem ruhigen, langweiligen Leben ganz hervorragend gepasst hatte.

Dann aber hatte mir mein Vater im wahrsten Sinne des Wortes ein Angebot gemacht, das ich nicht hatte ablehnen können. Und dieses Angebot hatte etwas in mir zum Leben erweckt, von dem ich seit langer Zeit geglaubt hatte, es wäre tot. Das Verlangen, wieder richtig zu leben.

Sicher, allein der Gedanke klang kitschig, aber es war die Wahrheit. In den letzten sechs Jahren hatte ich nur von einem Tag zum nächsten gelebt. Hatte keine Vorfreude auf irgendwas verspürt, hatte nichts von den Dingen getan, von denen ich einmal geträumt hatte.

Das Angebot meines Vaters anzunehmen war der erste und wichtigste Schritt, mein Leben endlich wieder in die Hand zu nehmen, doch ich konnte trotzdem noch nicht ganz glauben, dass ich es wirklich tat.

Meine Eltern hassten … ja, sie hassten, wie sich die Dinge für mich entwickelt hatten. Sie hatten so viele Träume und Hoffnungen für mich gehabt. Und ich hatte einmal dieselben …

Das Klopfen am Fenster erschreckte mich so sehr, dass ich zusammenzuckte. Meine Knie knallten gegen das Lenkrad, als ich mich nach links umdrehte.

Avery stand neben dem Auto. Ihre Haare leuchteten in der verblassenden Abendsonne strahlend rot. Sie winkte mir zu.

Peinlich berührt hob ich die Hand und drückte einen Knopf. Das Fenster glitt nach unten. »Hey.«

Avery beugte sich vor, legte ihre Unterarme auf den Fensterrahmen und streckte ihren Kopf in den Innenraum. So sprach sie direkt in mein linkes Ohr. Avery war ein paar Jahre älter als ich und hatte zwei Kinder, eines davon kaum ein Jahr alt. Aber mit ihren Sommersprossen und den warmen braunen Augen wirkte sie trotzdem erst wie knapp über zwanzig.

»Und, was treibst du so?«

Ich sah von ihr zur Windschutzscheibe und dann wieder zurück. »Ähm, ich habe … nachgedacht.«

»Oho.« Avery lächelte milde. »Glaubst du, dass du damit bald fertig bist?«

»Ich weiß es nicht«, murmelte ich, wobei ich gleichzeitig fühlte, wie meine Wangen heiß wurden.

»Die Kellnerin hat gerade unsere Getränkebestellung aufgenommen. Ich habe dir eine Cola bestellt«, erklärte sie. »Normal, nicht light. Ich hoffe, dass du dich uns noch vor den Vorspeisen anschließen wirst, weil Cam über Fußball redet. Du weißt, wie es um meine Aufmerksamkeit bestellt ist, wenn er sich darüber auslässt.«

Mein linker Mundwinkel hob sich ein wenig. Cam war mehrere Jahre lang Profispieler gewesen. Inzwischen arbeitete er am Shepherd als Trainer, was bedeutete, dass er um einiges öfter zu Hause war als früher.

»Tut mir leid, dass ich euch hängen gelassen habe. Ich hatte nicht vor zu kneifen.«

»Das habe ich auch nicht geglaubt. Aber ich dachte, ein wenig gutes Zureden könnte nicht schaden.«

Erneut guckte ich zu ihr hoch. Das halbe Lächeln in meinem Gesicht verblasste. Mich von Avery hierzu überreden zu lassen gehörte auch zu dem ganzen Rausgehen-und-wieder-anfangen-zu-leben-Thema, aber es war trotzdem nicht einfach.

»Weiß … weiß er von …?« Ich wedelte mit der Hand vor meinem Gesicht herum.

Averys Miene wurde sanft, dann tätschelte sie mir durch das Fenster den Arm. Inzwischen umklammerte ich das Lenkrad wieder wie ein totaler Freak. Sie nickte. »Cam ist natürlich nicht ins Detail gegangen, weil es deine Geschichte ist, aber Grady weiß genug.«

Was bedeutete, dass er keinen Verdammt-noch-mal-Gesichtsausdruck zur Schau tragen würde, wenn er mich sah.

Zugegeben, irgendwann würde er wahrscheinlich trotzdem starren. Aus der Ferne betrachtet, war nichts an mir falsch. Erst aus der Nähe konnte man erkennen, dass mein Gesicht seltsam schief wirkte.

Und genau davor fürchtete ich mich heute Abend – so wie ich mich immer fürchtete, wenn ich jemandem zum ersten Mal begegnete. Manche Leute platzten einfach mit ihren Fragen heraus, ohne sich darum zu kümmern, ob sie mich damit in Verlegenheit brachten oder mich an diese eine Nacht denken ließen, die ich aus einer Menge von Gründen am liebsten vergessen würde. Doch selbst wenn sie nicht fragten, was mit meinem Gesicht geschehen war, dachten sie darüber nach. Das wusste ich, weil es mir genauso ging. Es war nur menschlich.

Man glotzte mich an, um herauszufinden, wieso meine rechte Kieferhälfte irgendwie anders aussah als die linke. Die Menschen versuchten, ihre Blicke zu verbergen, doch sahen immer wieder auf meine linke Wange und fragten sich, was eine so tiefe Kerbe unter meinem Jochbein hinterlassen haben konnte. Und dann fragten sie sich, ob meine Taubheit auf dem rechten Ohr irgendetwas mit dem Vorfall zu tun haben könnte. Niemand musste die Fragen aussprechen, aber ich wusste, dass sie ihnen durch den Kopf geisterten.

»Grady ist ein echt toller Kerl«, fuhr Avery fort und drückte mir sanft den Arm. »Er ist supernett und wirklich süß. Ich habe dir schon erzählt, wie süß er ist, oder?«

Ich zog den Kopf ein und lächelte – lächelte, so gut ich es eben konnte. Es sah immer ein wenig aufgesetzt aus oder schief. Ich konnte meinen rechten Mundwinkel einfach nicht richtig kontrollieren.

»Ja, das hast du schon ein paarmal erwähnt.« Ich seufzte und löste mühsam die Finger vom Lenkrad. »Es tut mir leid. Ich bin startklar.«

Avery trat zurück, damit ich das Fenster schließen konnte. Dann zog ich den Schlüssel aus dem Schloss und schnappte mir die orangebraune Handtasche. Ich hatte eine Schwäche für Handtaschen. Sie waren so ungefähr das Einzige, was ich mir ständig kaufte. Ich konnte absurd viel Geld für eine Tasche ausgeben. Aber diese herbstbraune Henkeltasche von Coach war definitiv die teuerste, die ich mir bisher geleistet hatte.

Ich trat in die kühle Septemberluft und wünschte mir, ich hätte etwas Wärmeres angezogen als den schwarzen dünnen Rollkragenpulli. Doch der Pulli passte wunderbar zu meinen kniehohen schwarzen Stiefeln. Ich hatte mir heute Abend tatsächlich Mühe gegeben. Ihr wisst schon … Mühe mit meinem Aussehen – was bedeutete, dass ich mir vielleicht auch beim Date ein wenig Mühe geben würde.

»Du musst aufhören, dich ständig zu entschuldigen.« Avery hängte sich an meinem linken Arm ein. »Vertrau mir. Lass dir das von jemandem sagen, dessen Entschuldigungsorgien früher mitunter epische Ausmaße hatten. Du musst dich nicht entschuldigen, denn du hast nichts falsch gemacht.«

Ich zog die Augenbrauen hoch. Ich wusste, dass Avery eine ziemlich bewegte Vergangenheit hatte. Lange Zeit über hatte ich keine Ahnung gehabt, was ihr zugestoßen war, doch vor ungefähr fünf Jahren hatte sie sich mir anvertraut. Zu hören, was sie durchgemacht hatte – obwohl es sich vollkommen von dem unterschied, was mir geschehen war –, hatte mir geholfen. Zu sehen, wie sie ein solch traumatisches Erlebnis hinter sich gelassen hatte, um glücklich und zufrieden zu leben und sogar die Liebe zu finden.

Avery war der lebende Beweis dafür, dass Narben, seien sie nun körperlich oder emotional, nicht nur eine Geschichte des Überlebens erzählten, sondern immer auch Hoffnung signalisierten.

»Ja, klar. Aber ihr habt auf mich gewartet«, sagte ich. Dann hob ich die Hand und bündelte meine Haare zu einem losen Zopf, den ich über meine linke Schulter nach vorn schob, sodass ein dichter Vorhang mein Gesicht zur Hälfte verbarg. »Ich bin fast siebenundzwanzig Jahre alt. Du solltest nicht kommen müssen, um mich aus dem Auto zu holen.«

Avery lachte. »Manchmal muss mich Cam aus einem Schrank ziehen, in dem ich zitternd eine Weinflasche umklammere. Also ist das hier gar nichts.«

Ich lachte über das Bild, das vor meinem inneren Auge erschienen war.

»Es freut mich auf jeden Fall, dass du heute Abend dabei bist.« Avery löste sich von mir und öffnete die Tür des Restaurants. »Ich bin mir sicher, du wirst Grady mögen.«

Ich hoffte es.

Doch ich hatte keine allzu hohen Erwartungen, hauptsächlich, weil ich, na ja, bisher kein besonderes Glück in Bezug auf das andere Geschlecht gehabt hatte. An meinen ersten Freund – an ihn – wollte ich nicht denken, weil dort ein Abgrund der Verzweiflung wartete, in den ich auf keinen Fall wieder stürzen wollte. Und dann war da noch der Kerl, mit dem ich vor drei Jahren ausgegangen war. Ben Campbell hatte mich behandelt, als könnte er Verabredungen mit mir als wohltätige Spende von der Steuer absetzen.

Davon abgesehen hatte ich keine Dates. Ich war mir ziemlich sicher, dass meine Mom befürchtete, ich könnte unverheiratet, kinderlos und vereinsamt enden und mir meine Wohnung irgendwann mit einem Dutzend exotischer Vögel teilen.

»Bist du bereit?«, fragte Avery und riss mich damit aus den Gedanken.

Ich nickte, obwohl ich das hier eigentlich gar nicht tun wollte. Ich log, weil zu lügen manchmal dem Überleben ähnelte: Man tat es, ohne sich dessen bewusst zu sein.

»Ich bin bereit.«

 

Kapitel 2

Nervös folgte ich Avery in den hinteren Teil des Restaurants, meinen Blick auf ihren hübschen grünen Pulli gerichtet, um mich nicht ablenken zu lassen. Menschenmengen vermittelten mir inzwischen ein seltsames Gefühl, weil mich die allgegenwärtigen Gespräche aus dem Gleichgewicht brachten. Dank der Taubheit meines einen Ohrs bekam ich nur die Hälfte von dem mit, was um mich herum vorging. In großen Gruppen oder in einer Umgebung mit viel Hintergrundlärm Gesprächen zu folgen, war oft ungefähr so aussichtsreich, wie einen Nagel mit der Stirn in die Wand schlagen zu wollen.

Avery verlangsamte ihre Schritte, als wir uns ihrem Tisch näherten, und Cam blickte uns aus diesen unglaublich hellen blauen Augen entgegen. Als ich Cam zum ersten Mal getroffen hatte, hatte ich keinen Ton herausgebracht, so atemberaubend war er. Und gleichzeitig war er so sehr in seine Frau verliebt, dass ich manchmal einen Stich von Eifersucht empfand. Niemals in meinem Leben war ich die glückliche Empfängerin solcher Liebe und Akzeptanz gewesen. Ehrlich, ich ging nicht davon aus, dass jeder auf der Welt diese Liebe fand. Sie war so selten und wunderschön wie ein Albino-Tiger.

»Du hast sie gefunden.« Cam lehnte sich in seinem Stuhl zurück und grinste Avery an. »Gut gemacht, Frau.«

Sie grinste, als sie auf den Stuhl neben ihm glitt.

»Tut mir leid«, sagte ich und ließ mir die Tasche von der Schulter gleiten, wobei ich den Blick ignorierte, mit dem mich Avery aufgrund meiner Entschuldigung bedachte. »Ich bin zu spät.«

Der Mann, der mir den Rücken zuwandte – und von dem ich wusste, dass es Grady sein musste –, stand auf und drehte sich um. Erleichtert stellte ich fest, dass er links von mir sitzen würde. Als ich aufschaute, bemerkte ich, dass er ein paar Zentimeter größer war als ich und genauso süß, wie Avery angekündigt hatte. Sein sandbraunes Haar und die hellblauen Augen ließen mich an einen Beachboy denken. Er lächelte, und es war ein warmes, freundliches Lächeln.

»Kein Problem«, sagte Grady. »Schön, dich kennenzulernen.«

»Ebenfalls«, antwortete ich und errötete, als er den Stuhl für mich herauszog und darauf wartete, dass ich mich setzte. Ich tat genau das, wobei ich den Riemen meiner Tasche ordentlich über die Stuhllehne hängte. Auf keinen Fall würde meine Coach-Tasche einfach auf dem Boden stehen.

Ich sah mich am Tisch um. »Also, ähm, habt ihr schon etwas zu essen bestellt?«

»Ich habe einen Spinat-Artischocken-Dip geordert.« Cam legte seinen Arm auf die Lehne von Averys Stuhl. »Und Käsefritten … mit extra viel Speck und Käse.«

»Das klingt, als wärst du jemand, der seinen Lebensunterhalt damit verdient, auf einem Spielfeld auf und ab zu rennen«, meinte Grady und sah grinsend in meine Richtung. »Anders als der Rest von uns.«

Cam lachte leise. »Nur kein Neid.«

Ich griff nach meiner Cola und nahm einen Schluck, um meine trockene Kehle zu befeuchten und mich zu beruhigen. »Also, Avery hat gesagt, du arbeitest am Shepherd?«

Grady nickte. Während er sprach, wandte er sich mir zu, weil er sich meiner partiellen Taubheit offensichtlich bewusst war. »Ja, aber mein Job ist bei Weitem nicht so unterhaltsam wie Cams. Ich unterrichte Chemie.«

»Er ist nur bescheiden«, sagte Cam und wartete, bis ich mich in seine Richtung gedreht hatte, bevor er weitersprach: »Er ist der jüngste Professor in Naturwissenschaften am College.«

»Wow. Das ist beeindruckend«, sagte ich, während ich mich gleichzeitig fragte, ob Grady wohl wusste, dass ich das College geschmissen hatte – und was er darüber dachte. Man musste ziemlich klug sein, um Chemie zu unterrichten. »Wie lang arbeitest du schon dort?«

Als er meine Frage beantwortete, bemerkte ich, wie sein Blick von meinen Augen nach unten wanderte und über meine Wange glitt, doch seine Miene veränderte sich nicht. Ich war mir nicht sicher, was das bedeutete.

»Cam meinte, du seiest auch auf dem Shepherd gewesen«, sagte er in diesem Moment.

Nach einem kurzen Blick zu Avery nickte ich. »Ja.« Ich klappte den Mund zu, weil ich mir nicht sicher war, was ich noch sagen sollte. Schweigen breitete sich aus, und ich griff erneut nach meinem Glas.

Cam rettete mich, indem er die Fußballbesessenheit seiner siebenjährigen Tochter Ava zum Thema machte. »Sie wird definitiv mal Spielerin werden. In der Major League.«

»Sie wird Tänzerin«, stellte Avery richtig.

»Sie könnte wahrscheinlich beides machen«, warf Grady ein. »Oder?«

Es dauerte eine Sekunde, bis ich begriff, dass er mit mir sprach. »Bei der Energie, die sie hat? Sie könnte tanzen, Fußball spielen und die olympische Medaille im Bodenturnen holen.«

Avery lachte. »Ava ist … nun, sie ist ein ziemlicher Wirbelwind.«

»Es ist seltsam, dass Alex so ruhig ist«, grübelte Cam. »Ich hätte damit gerechnet, dass er überall herumrennt.«

»Gib ihm Zeit«, antwortete Avery trocken. »Er ist erst elf Monate alt.«

»Er wird jedenfalls auch Fußballspieler.« Cam lehnte sich vor und drückte seiner Frau einen Kuss auf die Wange, bevor sie antworten konnte. »Und du wirst beide in einem Minivan zum Training kutschieren.«

»Gott bewahre.« Avery lachte.

In diesem Moment erschien die Kellnerin an unserem Tisch. Sie hielt abrupt an, als ihr Blick erst über Grady glitt und dann auf mir landete. Eilig starrte ich auf die Karte und entschied mich für das Brathähnchen mit Kartoffeln. Ich sah sie nicht an, als ich bestellte, weil ich nicht wissen wollte, ob sie mich anstarrte oder nicht.

Sobald sie verschwunden war, kam das Gespräch wieder in Gang. Ich liebte es, Cam und Avery dabei zuzuhören, wie sie sich gegenseitig aufzogen. Sie zauberten immer ein Lächeln auf mein Gesicht, selbst wenn ich mich gerade nicht wohlfühlte oder über mein Aussehen nachdachte.

Als die Vorspeisen kamen, blieb ich still und murmelte nur ein Dankeschön, als Grady anbot, mir einen Teller zu füllen.

»Cam hat erzählt, dass du am Montag mit einem neuen Job anfängst?«, fragte er, wobei in seinen Augen echtes Interesse stand.

»Ich habe ihm verraten, wer dein Vater ist.« Cams Grinsen wirkte verlegen. Ich dagegen war nicht überrascht. Cam war ein totaler Lima-Fan. »Tut mir leid.«

»Ist schon okay.« Und das war es wirklich. Obwohl ich mich vom Beruf meines Vaters eine Zeit lang distanziert hatte, war ich doch sehr stolz darauf, was er und seine Brüder erreicht hatten. »Mein Nachname verrät mich sowieso.«

»Ich hätte es vermutlich nicht kapiert«, gab Grady zu. Seine Wangen wurden leicht rosa, als ich ihn überrascht ansah. »Ich meine, ich habe keine Ahnung von diesem Mixed-Martial-Arts-Ding.«

Dieses Mixed-Martial-Arts-Ding war lange Zeit über Teil meines Lebens gewesen. Dad war jahrelang hinter mir her gewesen. Besonders nachdem er sein neues, hypermodernes Mixed-Martial-Arts-und-Sonstiges-Trainingszentrum in Martinsburg eröffnet hatte, weniger als eine Viertelstunde von der Shepherd University entfernt, auf die ich gegangen war. Gott, ich war so sauer gewesen, als ich herausgefunden hatte, dass mir meine Familie quasi aufs College gefolgt war. Dad war in der Niederlassung in Philadelphia geblieben, aber einer meiner fünftausend Onkel war immer in Reichweite gewesen.

Dad hatte immer gewollt, dass ich nach Hause kam und in der Zentrale in Philly arbeitete, aber vor ungefähr zwei Jahren hatte er endlich kapiert, dass das nie passieren würde. Zu Hause warteten zu viele Erinnerungen auf mich. Zu viel in Philadelphia ließ mich an … ihn denken und daran, wie ich einmal gewesen war.

Dann aber, vor sechs Monaten, hatte Dad einen neuen Versuch gestartet. Genau wie meine Mutter. Und Onkel Julio und Dan und André und … o mein Gott, mit den Limas war es wie mit Maiskörnern, die man in einen Topf mit heißem Fett warf – es ploppten immer mehr auf, je länger man wartete, und irgendwann war der Topf bis oben hin voll.

Immerhin, diesmal war Dad anders an die Sache herangegangen. André, der momentan als Geschäftsführer in der Lima Academy in Martinsburg arbeitete, wollte Anfang Oktober zurück nach Philly ziehen. Ich ging davon aus, dass ihm West Virginia einfach nicht cool genug war. Dad hatte mir nicht die Position als Geschäftsführerin angeboten, sondern die der Assistentin der Geschäftsleitung – eine Stelle, die in der Academy in Martinsburg in dieser Form bisher nicht existiert hatte. Es sollte meine Aufgabe sein, die täglichen Abläufe der Academy zu überwachen und gleichzeitig mitzuhelfen, unser Angebot zu erweitern. Dad wünschte sich jemanden, dem er vertrauen konnte und der das Geschäft kannte, bis er einen neuen Geschäftsführer gefunden hatte. Sein Angebot war, nun ja, ziemlich verlockend gewesen. Aber ich hatte es trotzdem abgelehnt.

Dann war Dad in meiner Wohnung aufgetaucht und hatte mir ein Stück Papier in die Hand gedrückt, auf dem mein zukünftiges Gehalt gestanden hatte, zusammen mit einer Liste Vergünstigungen. Ich hätte mich als die dämlichste und sturste Person der Welt geoutet, wenn ich abgelehnt hätte.

Doch auch wenn das Angebot unglaublich gut war, war es nicht der einzige Grund gewesen, warum ich es schließlich akzeptiert hatte. Dad war einfach im richtigen Moment gekommen, als ich mein fensterloses Büro genauso leid gewesen war wie die Tatsache, dass mir mein Job vollkommen egal war. Das Angebot hatte direkt an die Jillian appelliert, die ich einmal gewesen war. Ich wusste, dass Dad genau das hatte erreichen wollen, indem er mit einem verrückten Stellenangebot nach dem anderen bei mir aufgelaufen war.

»Ich habe Ahnung von diesem Mixed-Martial-Arts-Ding«, verkündete Cam und riss mich aus den Gedanken.

»Das wissen wir.« Avery seufzte. »Das wissen wir.«

»Also hast du … wirklich keinen Schimmer, was mein Nachname bedeutet?«, fragte ich. Ich fand es irgendwie befreiend, dass es einen heißen Mann gab, der sich nicht heimlich wünschte, ins Oktagon (so nannte man den Ring im Martial Arts) zu klettern und heil wieder herauszukommen.

»Eigentlich nicht. Ist das schlimm?«

»Nein.« Ich schob das Kinn vor, als ich lächelte, dann sah ich wieder zu ihm auf. »Es ist sogar … gut.«

Er erwiderte meinen Blick. »Schön, das zu hören.«

Wieder wurde mein Gesicht heiß, also konzentrierte ich mich aufs Essen. Ich schob die Käsefritten auf meinem Teller herum, während mein Magen grummelte. Wäre ich zu Hause gewesen, hätte ich bereits die halbe Portion gefuttert, doch in der Öffentlichkeit zwang ich mich dazu, nicht zu schlingen, als hätte ich seit einer Woche nichts zwischen die Zähne bekommen.

Das Abendessen lief … erstaunlich gut.

Cam und Avery hielten das Gespräch am Laufen und warfen sich in die Bresche, wann immer ein unangenehmes Schweigen entstand. Doch das geschah nicht oft. Es war leicht, sich mit Grady zu unterhalten. Nur ein paarmal sagten Cam oder Avery etwas zu mir, ohne dass ich sie hörte, sodass Grady mich auf ihre Ansprache aufmerksam machen musste. Es schien ihnen nichts auszumachen, was es für mich einfacher machte, mich nicht wie ein Trottel zu fühlen.

Der Hauptgang wurde gebracht, als Grady mir gerade von einer neuen Kunstausstellung in Shepherdstown erzählte. Als ich sah, wie seine Augen leuchteten, während er über die Ausstellung sprach, wurde mir klar, dass das sein Ding war. Und es war irgendwie süß.

»Klingt sehr spannend«, sagte ich, als ich nach meiner Gabel griff. »Ich war in letzter Zeit nicht oft in Kunstausstellungen.« Oder jemals. Ehrlich, ich schaute mir nie Kunst an. Nicht, dass daran etwas falsch gewesen wäre. Es war einfach nichts, was ich in meiner Freizeit tat. Allerdings tat ich insgesamt nicht viel.

»Wir könnten gemeinsam hingehen«, bot Grady grinsend an. »Das wäre toll.«

Das unerwartete Angebot sorgte dafür, dass sich meine Lippen erstaunt öffneten. Wir kamen gut klar, also verstand ich nicht ganz, wieso mich dieser Vorschlag so unvorbereitet traf. Aber so war es. Ich wollte antworten, doch dann begriff ich, dass ich nicht wusste, was ich sagen sollte, weil ich einfach keine Ahnung hatte, ob ich aufgeregt oder mir die ganze Sache vollkommen gleichgültig war.

Ein viel zu vertrautes Gefühl stieg in mir auf – eines, das mich gewöhnlich mitten in der Nacht heimsuchte und stundenlang wach hielt. So hatte ich mich gefühlt, als ich mit Ben ausgegangen war. Dieses Gefühl hatte dafür gesorgt, dass ich bei ihm geblieben war, auch weil ich nichts Besseres in meiner Zukunft gesehen hatte. Nicht, weil ich nichts Besseres verdient hätte, sondern … Ich hatte mein Herz einst so vollkommen, so absolut jemand anderem geschenkt, dass ich, nachdem es gebrochen worden war, einfach nicht mehr glaubte, dass die Scherben noch mir gehörten.

Mein Herz war seit damals unvollständig.

Für manche mochte das albern und dramatisch klingen, aber das war mir egal. Es war die Wahrheit. Ich war mir bis heute einfach nicht sicher, ob ich jemals für einen anderen Menschen wieder so empfinden könnte, wie ich es für ihn getan hatte. Also hatte ich mich mit Ben zufriedengegeben. Würde ich dasselbe wieder mit Grady tun, wenn es so weit kam? Mich zufriedengeben?

O Gott. Moment mal.

Saß ich hier wirklich herum und dachte darüber nach, mich mit ihm zufriedenzugeben, obwohl ich den Kerl erst vor einer Stunde kennengelernt hatte? Ich musste mich zusammenreißen.

»Jillian?«, fragte Grady. Wahrscheinlich nahm er einfach an, dass ich ihn nicht gehört hatte.

»Das wäre nett«, presste ich hervor.

Er musterte mich einen Augenblick zu lange, bis ich mich fragte, ob er meine Nervosität spüren konnte.

»Ich bin gleich wieder da.« Ich legte meine Serviette auf den Tisch, stand auf und trat um meinen Stuhl herum. Ich konnte Averys besorgten Blick auf mir spüren. Ich wollte keine große Sache daraus machen, trotzdem sagte ich ihr, dass es mir gut gehe.

Ich brauchte nur eine Minute für mich.

Oder drei.

Ich schlängelte mich auf dem Weg zur Toilette durch die schmalen Gänge zwischen den Tischen. Erst als ich die Tür aufgeschoben und vor dem mit Wassertropfen übersäten Spiegel angehalten hatte, wurde mir klar, dass ich meine Tasche am Tisch vergessen hatte. Also würde es keinen frischen Lippenstift geben.

Ich drückte mir Seife in die Hände und wedelte unter dem Wasserhahn herum. Das Wasser floss heraus und wusch den Schaum ab. Ich betrachtete mich im Spiegel. Wenn ich mich normalerweise ansah, konzentrierte ich mich nicht länger auf mein Gesicht, als es eben nötig war, um Make-up aufzulegen, ohne danach auszusehen wie ein vermurkstes Übungsvideo.

Doch als ich jetzt hier stand, sah ich mich wirklich an. Früher hatte ich mein Haar ständig zum Zopf gebunden, doch das tat ich heute nicht mehr oft. Außerdem hatte ich früher einen Pony getragen – glücklicherweise gehörten diese Tage der Vergangenheit an. Und ich hatte endlich gelernt, wie man Eyeliner auftrug. Ein weiteres Wunder. Die leichte Röte auf meinen Wangen betonte meine von Natur aus etwas dunklere Haut. Meine Lippen waren voll, meine Nase gerade.

Mein Haar war so gescheitelt, dass es links über mein Gesicht fiel und meine Wange verdeckte … obwohl meine Wange gar nicht so schlimm aussah, besonders wenn man bedachte, wie sie am Anfang ausgesehen hatte, nach … nach den Tagen im Krankenhaus.

Verflucht, mein gesamtes Gesicht war eine einzige Katastrophe gewesen.

Ich musterte die tiefe Kuhle auf meiner linken Wange, die aussah, als hätte mir jemand einen Eispickel in die Haut gerammt. Als ich die rechte Seite meines Kiefers betrachtete, staunte ich wieder, was Rekonstruktive Chirurgie alles hinbekam. Große Teile meines Gesichts waren im wahrsten Sinne des Wortes neu aufgebaut worden, aus einem Stück Beckenknochen, einer Stahlplatte und massenweise zahnmedizinischer Extras, um mir wieder ein funktionierendes Gebiss zu verschaffen.

Schönheitschirurgen konnten vielleicht keine Wunder vollbringen, aber sie waren Zauberer. Wenn man mich nicht genau ansah, war kaum zu merken, dass mein linker Kieferknochen weniger gebogen war als mein rechter.

Man sah mir nicht an, was in dieser Nacht geschehen war.

Jetzt starrte ich mich selbst an, wie ich es am Abend vor sechs Jahren getan hatte, in einer Toilette, nur Minuten bevor mein gesamtes Leben zusammengebrochen war.

Es war nicht so, als würde ich hassen, wie ich heute aussah. Die Tatsache, dass ich noch am Leben war, bedeutete, dass ich eine dieser seltenen Gewinnerinnen der Statistik war. Doch selbst das Wissen darum, wie viel Glück ich gehabt hatte, änderte nichts daran, dass ich mich … deformiert fühlte. Es war ein hartes Wort. Ich benutzte es nicht oft. Es jetzt zu tun – bei etwas, was bisher ein ziemlich gutes Date war – schien keine allzu gute Idee zu sein.

Ich atmete tief durch und schüttelte den Kopf. Es war unsinnig, meine Gedanken heute Abend in diese Richtung schweifen zu lassen. Grady war nett und süß. Ich konnte mir sogar vorstellen, noch einmal mit ihm auszugehen – zu dieser Ausstellung und vielleicht hinterher noch auf einen Kaffee. Und genau das machte mich verrückt.

Aber ich würde nicht zulassen, dass mich das Leben verrückt machte. Auf keinen Fall.

Ich wandte mich vom Waschbecken ab und trocknete mir die Hände ab. Dann drapierte ich meine Haare so, dass sie über die linke Schulter nach vorn und über meine Wange fielen. Ich verließ die Toilette und trat in den schmalen Gang davor, den Blick auf den Boden gerichtet. Ich hatte schon zwei Schritte gemacht, bevor mir auffiel, dass jemand direkt vor der Tür an der Wand lehnte. Gerade rechtzeitig, um diese Person nicht anzurempeln.

Keuchend trat ich einen Schritt zurück. Ich sah eine schicke schwarze Stoffhose, kombiniert mit … mit alten schwarz-weißen Chucks? Eine seltsame Kombination. Diese Schuhe erinnerten mich an …

Ich schüttelte leicht den Kopf und trat zur Seite. »Tut mir leid. Entschuldigen Sie …«

»Jillian.«

Ich hielt an.

Die Zeit blieb stehen.

Alles blieb stehen – bis auf mein Herz, das plötzlich viel zu schnell und viel zu heftig schlug. Diese tiefe, raue Stimme. Ich erkannte sie sofort. Langsam hob ich den Kopf. Ich wusste bereits, was ich sehen würde, doch ich weigerte mich einfach, es zu glauben.

Vor mir stand Brock Mitchell.

Jennifer L. Armentrout »Scorched« (Platz 23)

Blick ins Buch
ScorchedScorched

Roman

Andrea und Tanner. Tanner und Andrea. An den meisten Tagen weiß Andrea nicht, ob sie Tanner näherkommen oder ihm lieber eine verpassen will. Er ist definitiv heiß, aber sie halten es fast nie länger als fünf Minuten in einem Raum zusammen aus. Bis jetzt. Der gemeinsame Sommerurlaub in einer Hütte in West Virginia ändert alles. Plötzlich können die beiden nicht mehr ohne einander. Aber Andrea hat private Probleme, die sie völlig aus der Bahn werfen und ihre Liebe zu Tanner zu zerstören drohen. Wird Tanner dennoch für sie da sein?
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Romane

Lucy Clarke »Die Bucht, die im Mondlicht verschwand« (Platz 23)

Blick ins Buch
Die Bucht, die im Mondlicht versankDie Bucht, die im Mondlicht versankDie Bucht, die im Mondlicht versank

Roman

Als Jacob sich von seiner Mutter Sarah verabschiedet, um zu einer Strandparty zu gehen, ist alles wie immer. Am nächsten Morgen ist nichts mehr, wie es war: Jacob ist verschwunden. Vor genau sieben Jahren verschwand auch Marley an diesem Strand, der Sohn von Sarahs bester Freundin Isla. Später wurde er tot geborgen. Verzweifelt sucht Sarah nach Spuren und stößt dabei auf viele Fragen: Wo war ihr Mann in der Nacht, als Jacob verschwand? Warum sind Jacobs Klamotten in Islas Haus? Und was verschweigt der Fischer, der damals Marleys Leiche fand? Stück für Stück setzt sich ein Bild der Ereignisse zusammen, das Sarah dazu zwingt, sich endlich einer Wahrheit zu stellen, vor der sie so viele Jahre lang die Augen verschlossen hat.
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Prolog
Salzwasser brennt in meiner Kehle, als ich prustend wieder
auftauche. Ich strampele wild mit den Beinen, um zu dem
Boot zu gelangen. Sein Rumpf ist ganz nah, groß wie ein Wal,
massiv. Ich recke mich danach ; meine bleichen Fingerspitzen
berühren die Bootswand, finden aber keinen
Halt. Im nächsten
Moment gehe ich wieder unter, den Mund noch aufgerissen.
Meerwasser schießt mir in die Nase.
Plötzlich packt mich eine Hand am Arm und zerrt mich
hoch. Ich pralle mit den Kniescheiben an die Außenwand, als
ich an Bord gezogen werde, ein Schwall Wasser ergießt sich
ins Innere des Boots. Ich blinzele gegen Salzwasser und Tränen
an und schaue in ein Gesicht, das halb unter einem Bart
verschwindet. Dunkle Augen erwidern meinen Blick. Der
Mann redet schnell, stellt Fragen, legt mir eine Decke um die
Schultern.
Ich schweige. Unter dem rauen Stoff zittere ich am ganzen
Leib.
Mein Blick fällt auf meine Füße. Sie pressen sich aneinander,
weiß, blutleer, unfassbar bleich. Ein Stück weiter, in der
Mitte des Boots, stapeln sich nasse, dunkle Käfige, in denen
sich Hummer winden und mit Scheren und Schwänzen klappern.
» Was ist passiert ? «, fragt der Mann immer wieder. Seine
Stimme klingt so fern, als sei sie nur ein Echo in meinem
Kopf.
Ich antworte nicht. Mein Blick ist starr auf die Hummer
gerichtet. Sie sind nicht rot, wie man es von Bildern her
kennt, sondern schwarz und glänzend, mit riesigen, weiß gefleckten
Scheren. Können sie außerhalb des Wassers überhaupt
atmen ?, frage ich mich. Werden sie nicht ersticken, hier, direkt
vor meinen Augen ? Am liebsten würde ich sie ins Meer zurückwerfen
und zuschauen, wie sie wieder abtauchen. Ihre
Fühler zittern und beben, als wir ins flache Wasser tuckern.
Plötzlich heult in der Nähe ein Bootsmotor auf. Ich kann
gerade noch rechtzeitig den Kopf heben, um etwas Orangefarbenes
vorbeiflitzen zu sehen : das Rettungsboot. Jetzt entdecke
ich auch die kleine Menschenmenge, die sich am Strand
versammelt hat. Meine Finger bohren sich in die Decke, als
mir klar wird, dass sie nach uns Ausschau halten.
Nach uns beiden.
Mein Körper zittert dermaßen, dass das Klappern meiner
Zähne im Kopf widerhallt. Ich schaue auf meine Hände,
schiebe sie unter die Oberschenkel. Alles ist jetzt anders, das
weiß ich. Nichts wird mehr wie früher sein.

1. Sarah
Erster Tag, 6 Uhr 15
In der Ferne höre ich die Wellen an den Strand schwappen.
Ich bleibe still liegen, die Augen geschlossen, spüre dennoch,
wie das Licht der Morgendämmerung in die Hütte sickert
und mich herauszulocken versucht. Ich bin aber noch nicht
bereit für den neuen Tag. In meinem Magen macht sich ein
merkwürdiges Gefühl breit.
Ich strecke die Hand aus und stelle fest, dass Nicks Bettseite
leer ist. Das Laken ist kalt. Er ist in Bristol, fällt mir wieder
ein. Heute Morgen hat er seine Präsentation. Als er gestern
Abend aufbrach, drückte ich ihm ein Stück Geburtstagskuchen
in die Hand. Zu dem Zeitpunkt lächelte Jacob noch, glücklich
über die Geschenke zu seinem siebzehnten Geburtstag.
Nick hat keine Ahnung, was später passiert ist.
Leise Panik steigt in mir auf : Wird Jacob ihm alles erzählen ?
Plötzlich sitze ich kerzengerade im Bett. Wilde Gedanken
schießen mir durch den Kopf. Die Vibration von Jacobs
Schritten, als er durch die Hütte polterte, spüre ich noch
genauso wie den Windzug der zuknallenden Tür, der seine
Geburtstagskarten wie tote Vögel zu Boden trudeln ließ. Ich
hob sie auf und stellte sie ordentlich wieder hin – bis ich
zur letzten Karte kam, selbst gebastelt, mit einem Foto auf
der Vorderseite. Als ich sie zwischen den Fingerspitzen hielt,
stellte ich mir vor, was für ein gutes Gefühl es wäre, sie einfach
zu zerreißen. Dann zwang ich mich, sie ins Regal zurückzustellen,
und arrangierte die anderen Karten so, dass sie dahinter
verschwand.
Ich lausche, ob ich Jacob atmen höre, vielleicht ein leises
Schnarchen, aber außer dem Geräusch der Wellen vor der
Tür herrscht absolute Ruhe. Mit einem Mal bin ich hellwach.
Hatte ich ihn nachts überhaupt heimkommen hören ? Es ist
unmöglich, sich unbemerkt in die Strandhütte zu stehlen.
Man muss die Tür aufreißen, weil der Holzrahmen von der
Feuchtigkeit aufgequollen ist, und dann muss sich Jacob im
Dunkeln um das Schlafsofa herumschleichen und die knarrende
Leiter zum Hängeboden hochklettern. Dort hört man
ihn unweigerlich über die Holzdielen zu seiner Matratze
unter der Dachschräge rutschen.
Ich schlage die Decke zurück und stehe auf. Im Dämmerlicht
suche ich den überschaubaren Raum unserer Hütte
nach Spuren von meinem Sohn ab. Da sind keine Turnschuhe,
die an der Tür weggekickt wurden, und auch kein
achtlos aufs Sofa geworfener Pullover, keine benutzten Gläser
oder Teller, die einfach in die Küche gestellt wurden,
keine Krümel. Die Hütte ist so tadellos sauber, wie ich sie
hinterlassen habe.
Den leichten Schmerz, der in meinem Kopf pocht, ignoriere
ich. In drei Schritten habe ich die Hütte durchquert und
steige ein Stück die Leiter hinauf. Im Raum über der Zwischendecke
ist es dunkel. Ich habe das Bullaugenfenster zugehängt
und Jacobs Bett gemacht, bevor ich schlafen gegangen
bin. Normalerweise liegt hier der besondere Geruch
eines Teenagers in der Luft, aber an diesem Morgen zeichnet
sich nicht die Gestalt eines Siebzehnjährigen unter der Bettdecke
ab.
Ich kneife die Augen zusammen und stoße einen leisen
Fluch aus. Was hatte ich erwartet ?
Mir ist schleierhaft, wie es dazu kommen konnte, ausgerechnet
an seinem Geburtstag. Ich hätte mich nicht provozieren
lassen dürfen. Ich bin zu weit gegangen. Wir beide
sind es. Schlichten statt Fronten bilden, erklärt Nick mir ständig.
Danke, Nick, darauf wäre ich nie gekommen.
Als Jacob klein war, fragte Nick mich immer, was unser
Sohn braucht, wie man eine Schnittwunde am Knie versorgt,
ob Jacob ein Schläfchen halten sollte, was er wohl essen
möchte. In den letzten Jahren ist mir das Wissen darum,
was mein Sohn braucht, allerdings abhandengekommen. Oft
weiß ich nicht, worüber ich mit ihm reden soll, und stelle zu
viele Fragen. Oder die falschen. Bei den seltenen Gelegenheiten,
in denen Jacob vertrauensvoll das Gespräch mit mir
sucht, fühle ich mich wie ein Wanderer in der Wüste, der eine
Oase entdeckt, so sehr dürstet es mich nach seiner Nähe.
Als sich Jacob in der vergangenen Nacht umgedreht und
mich angeschaut hat, wusste ich nicht, was ich sagen oder tun
soll. Vielleicht ist siebzehn werden wie das Überschreiten
einer Linie im Sand. Jacob hat den Schritt getan, obwohl
ich noch nicht bereit dafür bin. Das könnte der Grund dafür
sein, dass ich all diese Dinge gesagt habe. Vielleicht wollte ich
mein Kind zurückhaben.
Als ich die Leiter wieder hinabsteige, spüre ich die Kopfschmerzen
stärker. Jacob ist sicher bei seinen Freunden geblieben.
Vermutlich wird er im Laufe des Vormittags hereingeschlurft
kommen, noch schlechter gelaunt, weil er einen
Kater hat. Und doch spüre ich, wie die Tentakel der Angst
nach mir greifen.
Kaffee. Das ist genau das, was ich jetzt brauche. Ich pumpe
Wasser in den Kessel, zünde die Flamme unter der Herdplatte
an und lausche auf das Rauschen des Gases. Während
ich darauf warte, dass das Wasser kocht, habe ich das unschöne
Gefühl, mein zukünftiges Leben vor mir zu sehen : ein einsames
Ich, das Kaffee für eine Person kocht. Unter meinen
Achseln kribbelt Schweiß ; die Angst löst mich von innen her
auf.
Schnell schalte ich das batteriebetriebene Radio ein, das
prompt losdröhnt. Jacob und ich fechten einen permanenten
Kampf um das Programm aus. Er stellt es von Radio 4 auf
seine Sender, wohl wissend, dass ich die Memory-Funktion
immer noch nicht bedienen kann und meinen Lieblingssender
manuell suchen muss. Heute gefallen mir der Lärm und
die harten Gitarrenklänge komischerweise. Wenn ich den
Sender so belasse, läuft seine Musik, wenn er zurückkommt.
Nachdem ich den Kaffee gekocht habe, wasche ich mir mit
dem restlichen Wasser das Gesicht. In der Nähe der Hütte
befinden sich auch sanitäre Anlagen, aber die Waschbecken
sind meist mit Sand und Zahnpasta verschmiert. Unsere
Nachbarn Diane und Neil haben neben ihrer Hütte einen
Wassertank installiert und betreiben mit ihren Sonnenkollektoren
einen Durchlauferhitzer, damit sie stets heißes Wasser
aus dem Wasserhahn haben. Isla hält das für übertrieben – es
sei ein weiteres Zeichen dafür, dass selbst die Hüttensiedlung
gentrifiziert wird. Ich habe über ihren Kommentar gelacht
und verkündet, dass ich eine solche Vorrichtung sofort auf
Nicks To-do-Liste setzen werde.
Ich trockne mir das Gesicht ab und gehe zum Fenster,
um die Rollos hochzuziehen. Bei dem überwältigenden Anblick
von Meer, Himmel und Morgenlicht beruhigt sich
mein Atem. Die frühe Sonne hängt tief am Horizont, über
einem friedlichen gläsernen Meer.
Ich trete auf die Terrasse und atme die frische, salzige Luft
ein. Ich liebe diese Tageszeit, bevor der Wind auffrischt und
Schaumkronen auf die Wellen zaubert. Das Licht streift sanft
übers Wasser, und der Sand liegt noch vollkommen unberührt
da. Wenn Nick jetzt hier wäre, würde er noch schnell
ins Meer springen, bevor er sich auf den Weg ins Büro machen
würde. Stattdessen wacht er in diesem Moment in einem
Hotelzimmer auf. Ich sehe es vor mir, wie er sich in einem
fensterlosen Bad den Dreitagebart vom Wochenende abrasiert
und sich dann mit einem dieser albernen Miniwasserkocher
einen Instantkaffee zubereitet. Mitleid habe ich nicht
mit ihm. Er blüht förmlich auf, wenn er unter Hochspannung
seine Präsentation noch einmal durchgeht und sich vergewissert,
dass er genau die richtige Mischung aus Humor,
Professionalität und harten Fakten getroffen hat. Er wird das
großartig machen, das weiß ich. Seine Agentur bemüht sich
um die Print-Kampagne für ein Süßwarenunternehmen, das
er seit Monaten umwirbt. Ich drücke ihm alle Daumen. Ich
weiß, wie sehr er den Auftrag braucht.
Wie sehr wir ihn brauchen.
Von der Ecke der Terrasse schaue ich zu Islas Hütte hinüber.
Sie steht direkt neben unserer, exakt eineinhalb Meter
entfernt. In dem Sommer, in dem unsere Jungs sieben Jahre
alt wurden, spannten Jacob und Marley Laken über den schattigen
Weg zwischen den Hütten und bauten einen » Geheimen
Sandtunnel «, wie sie es nannten. Da sie sonst immer am
Wasser spielten oder auf der bewaldeten Steilküste am anderen
Ende der Sandbank Höhlen bauten, waren Isla und ich
erfreut, sie mal in unserer Nähe zu haben. Durch die Holzwände
unserer Hütten hörten wir ihr leises Geplapper, als hätten
wir Mäuse in den Dachsparren.
Im klaren Morgenlicht wird mir bewusst, wie heruntergekommen
Islas Hütte wirkt. Die Sperrholzläden, die sie gestern
überstürzt vor die Fenster geschraubt hat, lassen an eine
Zwangsräumung denken. Auf der verwaisten Terrasse fehlen
der geblümte Liegestuhl und der Grill, die normalerweise
immer dort stehen. Einige Planken sind schon etwas morsch,
die Rillen angeschimmelt. Der gelbe Anstrich der Hüttenwände
blättert ab, was mich mit Wehmut erfüllt. Ich kann
mich noch gut erinnern, wie hell die Hütte in Islas erstem
Sommer hier gestrahlt hat – Zitronensorbetgelb hat sie die
Farbe genannt.
Mir schnürt sich die Kehle zu. Am Anfang war alles so
frisch und leuchtend, so überwältigend. In dem Sommer,
als wir uns kennenlernten, fragte mein Vater hoffnungsvoll :
» Kann es sein, dass du einen Freund hast ? «
Ich musste lachen. Die Begegnung mit Isla war tatsächlich
fast so, als hätte ich mich verliebt. Jede freie Minute verbrachten
wir miteinander, und abends riefen wir uns noch
einmal an und lachten unentwegt, bis meine Gesichtsmuskeln
schmerzten und mein Ohr vom Hörer ganz rot war. In
meine Hausaufgabenhefte kritzelte ich ihren Namen. Außerdem
fand ich immer einen Weg, das Gespräch auf sie zu lenken,
um sie irgendwie um mich zu haben. Unsere Freundschaft
hat sich entfaltet wie ein Schmetterling, der aus dem
Kokon schlüpft – wir waren ein schönes, strahlendes, übermütiges
Gespann.
Was ist nur aus diesen Mädchen geworden ?
Eigentlich willst du mich gar nicht hierhaben, hat Isla letzte
Nacht gezischt, bevor sie losgefahren ist, um ihren Flug zu
bekommen.
Ich habe mich gefragt, ob ich mich am nächsten Morgen
schuldig fühlen würde. Ob ich die Dinge bedauern würde,
die ich ihr an den Kopf geworfen habe.
Ich straffe die Schultern. Nein.
Ich bin erleichtert, dass sie fort ist.

Krimi & Thriller

Guillaume Musso »Das Mädchen aus Brooklyn« (Platz 17)

Blick ins Buch
Das Mädchen aus BrooklynDas Mädchen aus BrooklynDas Mädchen aus Brooklyn

Roman

Raphaël ist überglücklich, in wenigen Wochen wird er seine große Liebe Anna heiraten. Aber wieso weigert sie sich beharrlich, ihm von ihrer Vergangenheit zu erzählen? Während eines romantischen Wochenendes an der Côte d’Azur bringt Raphaël sie dazu, ihr Schweigen zu brechen. Was Anna dann offenbart, übersteigt alle seine Befürchtungen. Sie zeigt ihm das Foto dreier Leichen und gesteht: »Das habe ich getan.« Raphaël ist schockiert. Wer ist die Frau, in die er sich verliebt hat? Doch ehe Anna sich ihm erklären kann, verschwindet sie spurlos. Raphaël bittet seinen Freund Marc, einen ehemaligen Polizisten, um Hilfe. Gemeinsam setzen sie alles daran, seine Verlobte wiederzufinden – der Beginn einer dramatischen, atemlosen Suche nach der Wahrheit, die sie bis in die dunklen Straßen von Harlem und Brooklyn führt.
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Antibes,

Mittwoch, 31. August 2016

 

Drei Wochen vor unserer Hochzeit kündigte sich dieses lange Wochenende wie ein kostbares Intermezzo an – ein Moment der Intimität unter der Spätsommersonne der Côte d’Azur.

Der Abend hatte wunderbar begonnen: Spaziergang auf der Befestigungsmauer der Altstadt, ein Glas Merlot auf einer Terrasse und ein Teller Spaghetti mit Venusmuscheln unter dem steinernen Gewölbe des Michelangelo. Wir hatten über deinen Beruf gesprochen und über meinen und auch über die bevorstehende Zeremonie, die im kleinsten Rahmen geplant war. Zwei Freunde als Trauzeugen und mein Sohn Theo zum Beifallklatschen.

Auf dem Rückweg fuhr ich mit unserem gemieteten Cabrio langsam über die kurvenreiche Küstenstraße, damit du die Aussicht auf die kleinen Buchten des Kaps genießen konntest. Ich erinnere mich genau an diesen Augenblick: an deine klaren smaragdgrünen Augen, deinen unkonventionellen Haarknoten, deinen kurzen Rock, deine dünne Lederjacke, die du offen über einem kräftig gelben T-Shirt mit dem Slogan »Power to the people« trugst. Wenn ich in den Kurven schalten musste, betrachtete ich deine gebräunten Beine, wir tauschten ein Lächeln aus, du trällertest einen alten Hit von Aretha Franklin. Alles war gut. Die Luft war mild und erfrischend. Ich erinnere mich genau an diesen Moment: an das Funkeln in deinen Augen, dein strahlendes Gesicht, deine Haarsträhnen, die im Wind flatterten, deine Finger, die auf dem Armaturenbrett den Takt klopften.

Die Villa, die wir gemietet hatten, lag in der Domaine des Pêcheurs de Perles, einer geschmackvollen Wohnanlage mit einem Dutzend Häuser oberhalb des Meers. Während wir die Kiesallee durch den duftenden Pinienwald hinauffuhren, hast du beim Anblick des spektakulären Panoramas vor Begeisterung die Augen aufgerissen.

Ich erinnere mich genau an diesen Moment: Es war das letzte Mal, dass wir glücklich waren.

 

 

Das Zirpen der Grillen. Das Wiegenlied der Brandung. Die leichte Brise, die seidige feuchte Luft.

Auf der Terrasse, die sich zum Felsrand hin erstreckte, hattest du Duftkerzen und Windlichter angezündet, die die Mücken vertreiben sollten, ich hatte eine CD von Charlie Haden aufgelegt. Wie in einem Roman von F. Scott Fitzgerald hatte ich mich hinter die Theke der Freiluftbar begeben, wo ich uns einen Cocktail mixte. Deinen Lieblingscocktail: einen Long Island Iced Tea mit viel Eis und einer Limettenscheibe.

Selten hatte ich dich so heiter gesehen. Wir hätten einen schönen Abend verbringen können. Wir hätten einen schönen Abend verbringen müssen. Stattdessen war ich von einem Gedanken wie besessen, der mir seit einiger Zeit nicht mehr aus dem Kopf ging, den ich bislang jedoch unterdrückt hatte: »Weißt du, Anna, wir dürfen keine Geheimnisse voreinander haben.«

Warum stieg diese Angst, dich nicht wirklich zu kennen, ausgerechnet an diesem Abend wieder in mir hoch? War es die kurz bevorstehende Hochzeit? Die Angst vor diesem Schritt? Das Tempo, in dem wir beschlossen hatten, uns zu binden? Sicher eine Mischung aus allem, wobei meine eigene Geschichte noch hinzukam, die durch den Verrat von Menschen geprägt war, die ich zu kennen geglaubt hatte.

Ich reichte dir dein Glas und nahm dir gegenüber Platz.

»Ich meine es ernst, Anna. Ich will nicht mit einer Lüge leben.«

»Das trifft sich gut, ich nämlich auch nicht. Aber nicht mit einer Lüge zu leben, das bedeutet nicht, keine Geheimnisse zu haben.«

»Du gibst es also zu: Du hast welche!«

»Aber alle haben doch Geheimnisse, Raphaël! Und das ist auch gut so. Unsere Geheimnisse prägen uns. Sie sind ein Teil unserer Identität, unserer Geschichte, unserer Rätselhaftigkeit.«

»Ich habe keine Geheimnisse vor dir.«

»Ach, das solltest du aber!«

Du warst enttäuscht und wütend. Und ich war es auch. Die ganze Freude und gute Laune vom Beginn dieses Abends waren verflogen.Wir hätten das Gespräch an dieser Stelle abbrechen müssen, aber ich ließ nicht locker, wobei ich sämtliche Argumente aufbot, um zu der Frage zu kommen, die mich nicht losließ.

»Warum weichst du mir immer aus, wenn ich etwas über deine Vergangenheit wissen möchte?«

»Weil die Vergangenheit definitionsgemäß vergangen ist. Man kann sie nicht mehr rückgängig machen.«

Ich reagierte gereizt.

»Du weißt genauso gut wie ich, dass die Vergangenheit Aufschluss über die Gegenwart gibt. Was, um Himmels willen, versuchst du vor mir zu verbergen?«

»Nichts, was unserer Beziehung gefährlich werden könnte. Vertrau mir! Vertrau uns!«

»Hör auf mit diesen Floskeln!«

Ich hatte mit der Faust auf den Tisch geschlagen, woraufhin du zusammengezuckt warst. Dein schönes Gesicht veränderte sich und zeigte jetzt einen Ausdruck von Hilflosigkeit und Angst.

Ich war wütend, weil ich unbedingt beruhigt werden wollte. Ich kannte dich erst seit sechs Monaten, und seit unserer ersten Begegnung hatte ich alles an dir geliebt. Aber ein Teil dessen, was mich anfangs betört hatte – deine Rätselhaftigkeit, deine Reserviertheit, deine Diskretion, deine Zurückhaltung –, waren jetzt Anlass zu einer Angst geworden, die mich fest im Griff hatte.

»Warum willst du unbedingt alles verderben?«, fragtest du, und in deiner Stimme lag Überdruss.

»Du kennst mein Leben. Ich habe mich schon ein Mal getäuscht und kann mir keinen Irrtum mehr erlauben.«

Ich wusste, wie sehr ich dir wehtat, aber ich hatte das Gefühl, ich würde alles hören können, würde aus Liebe zu dir alles ertragen. Solltest du mir etwas Schmerzliches zu gestehen haben, würde ich die Last mit dir teilen und sie damit für dich erleichtern.

Ich hätte den Rückzug antreten und aufhören sollen, aber die Diskussion ging weiter. Und ich habe dir nichts erspart. Denn ich spürte, dass du mir dieses Mal etwas anvertrauen würdest. Also habe ich meine Pfeile systematisch platziert, um dich so zu erschöpfen, dass du dich nicht mehr verteidigen würdest.

»Ich suche nur die Wahrheit, Anna.«

»Die Wahrheit! Die Wahrheit! Du führst dieses Wort im Mund, aber hast du dich jemals gefragt, ob du in der Lage wärst, die Wahrheit auch zu ertragen?«

Dieses Wortgefecht säte Zweifel in mir. Ich erkannte dich nicht wieder. Dein Eyeliner war verlaufen, und in deinen Augen brannte ein Feuer, das ich bisher noch nicht gesehen hatte.

»Du willst wissen, ob ich ein Geheimnis habe, Raphaël? Die Antwort lautet: Ja! Du willst wissen, warum ich nicht mit dir darüber sprechen will: Weil du, sobald du es kennst, nicht nur aufhören wirst, mich zu lieben, sondern mich sogar verabscheuen wirst.«

»Das stimmt nicht, du kannst mir alles sagen.«

Zumindest war ich in diesem Moment felsenfest davon überzeugt, dass nichts, was du mir enthüllen würdest, mich erschüttern könnte.

»Nein, Raphaël, das sind nur leere Worte! Worte, wie du sie in deinen Romanen schreibst, aber die Wirklichkeit ist stärker als Worte.«

Irgendetwas hatte sich verändert. Ein Damm war gebrochen. Jetzt begriff ich, dass auch du dich fragtest, wie viel Mut ich tatsächlich hatte. Auch du wolltest es jetzt wissen. Ob du mich immer lieben würdest, ob ich dich genügend liebte. Ob unsere Beziehung der Granate, die du zünden würdest, standhielte. Dann hast du in deiner Handtasche gewühlt und dein Tablet herausgeholt. Du hast ein Passwort eingegeben und die Foto-App geöffnet. Langsam hast du dich durch die Bilder gescrollt, um ein bestimmtes Foto zu finden. Du hast mir fest in die Augen geblickt, einige Worte gemurmelt und mir das Tablet gereicht. Und ich sah das Geheimnis vor mir, dessen Enthüllung ich dir abgerungen hatte.

»Das habe ich getan«, wiederholtest du mehrmals.

Wie vor den Kopf geschlagen, starrte ich mit leicht zusammengekniffenen Augen auf das Display, bis es mir den Magen umdrehte und ich mich abwenden musste. Ein Frösteln durchlief meinen Körper. Meine Hände zitterten, das Blut pochte mir in den Schläfen. Mit allem hatte ich gerechnet. Ich glaubte, alles im Voraus bedacht zu haben. Aber niemals wäre ich auf diesen Gedanken gekommen.

Mit weichen Knien stand ich auf. Von Schwindel ergriffen, schwankte ich, aber ich zwang mich, mit festem Schritt das Wohnzimmer zu verlassen.

Meine Reisetasche stand noch im Eingang. Ohne dich auch nur anzusehen, nahm ich sie und verließ das Haus.

 

 

Fassungslosigkeit. Gänsehaut. Aufsteigende Übelkeit. Schweißtropfen, die meinen Blick trübten.

Ich schlug die Tür des Cabrios zu und fuhr wie ferngesteuert durch die Nacht. Wut und Verbitterung tobten in mir. In meinem Kopf drehte sich alles: die Brutalität des Fotos, Verständnislosigkeit, das Gefühl, dass mein Leben in Scherben vor mir lag.

Nach einigen Kilometern bemerkte ich die gedrungene Silhouette des Fort Carré, auf einem Hügel hinter dem Hafen erbaut, um die Stadt zu verteidigen.

Nein. So konnte ich nicht gehen. Ich bedauerte mein Verhalten bereits. Unter dem Schock hatte ich die Fassung verloren, aber ich konnte nicht verschwinden, ohne mir deine Erklärungen anzuhören.

Ich trat auf die Bremse und wendete mitten auf der Straße, wobei ich auf den unbefestigten Seitenstreifen geriet und beinahe mit einem Motorradfahrer zusammengestoßen wäre, der in der Gegenrichtung fuhr.

Ich musste dich dabei unterstützen, diesen Albtraum aus deinem Leben zu verjagen. Ich musste mich so verhalten, wie ich es versprochen hatte, musste deinen Schmerz verstehen, ihn mit dir teilen und dir helfen, ihn zu überwinden. Mit überhöhter Geschwindigkeit fuhr ich die Straße zurück: Boulevard du Cap, Plage des Ondes, Port de l’Olivette, Batterie du Graillon, dann die schmale Straße entlang, die zu dem Privatgrundstück führte.

Ich parkte das Auto unter den Pinien und eilte zum Haus, dessen Eingangstür halb offen stand.

»Anna!«, rief ich, während ich in den Vorraum stürzte.

Im Wohnzimmer war niemand. Der Boden war von Glasscherben übersät. Ein mit Nippes vollgestelltes Regal war umgestürzt und hatte den niedrigen Glastisch zerbrochen, der in tausend Stücke zersprungen war. Mitten in diesem Chaos lag der Schlüsselbund mit dem Anhänger, den ich dir wenige Wochen zuvor geschenkt hatte.

»Anna!«

Die große, von Vorhängen gerahmte Glasfront stand offen. Ich schob die im Wind flatternden Stoffbahnen zur Seite und trat auf die Terrasse. Wieder rief ich deinen Namen. Ich wählte deine Handynummer, aber mein Anruf wurde nicht angenommen.

Ich sank auf die Knie. Wo warst du? Was war in den zwanzig Minuten meiner Abwesenheit geschehen? Welche Büchse der Pandora hatte ich geöffnet, als ich die Vergangenheit heraufbeschwor?

Ich schloss die Augen und sah Bruchstücke unseres gemeinsamen Lebens vorüberziehen. Sechs Monate des Glücks, die sich, wie ich erahnte, soeben für immer in Luft aufgelöst hatten. Verheißungen einer Zukunft, einer Familie, eines Babys, die nie Wirklichkeit werden würden.

Ich machte mir Vorwürfe.

Was nützte die Behauptung, jemanden zu lieben, wenn man nicht in der Lage war, diesen Menschen zu beschützen?

 

 

Erster Tag

Verwischte Spuren

 

 

 

1. Der Papiermensch

 

 

Sobald ich kein Buch mehr unter der Feder habe

oder davon träume, eins zu schreiben,

fühle ich eine Langeweile, dass ich weinen könnte.

Das Leben erscheint mir wirklich nur erträglich,

wenn man es beiseiteschiebt.

Gustave Flaubert, Briefe an George Sand

 

1.

Donnerstag, 1. September 2016

 

»Meine Frau schläft jede Nacht mit Ihnen ein, zum Glück bin ich nicht eifersüchtig!«

Entzückt über seinen Geistesblitz, zwinkerte mir der Pariser Taxifahrer im Rückspiegel zu. Er verlangsamte das Tempo und setzte den Blinker, um auf den Autobahnzubringer des Flughafens Orly Richtung Innenstadt zu gelangen.

»Man muss wirklich sagen, dass sie beinahe süchtig nach Ihnen ist. Ich habe auch zwei oder drei Ihrer Bücher gelesen«, fuhr er fort, während er sich über seinen Schnurrbart strich. »Das ist alles sehr spannend, aber mir ist das wirklich zu hart. Diese Morde . . . diese Gewalt . . . Bei allem Respekt, Monsieur Barthélémy, ich finde, Sie haben eine ungesunde Meinung von der Menschheit. Würde man im echten Leben so vielen Gestörten begegnen wie in Ihren Romanen, sähe es schlecht für uns aus.«

Die Augen auf das Display meines Handys gerichtet, tat ich so, als hätte ich ihn nicht gehört. Das Letzte, worauf ich an diesem Vormittag Lust hatte, war, über Literatur oder über den Zustand der Welt zu diskutieren.

Es war 8:10 Uhr, ich hatte das erste Flugzeug genommen, um schnellstens nach Paris zurückzukehren. Annas Handy leitete die Anrufe direkt auf die Mailbox weiter. Ich hatte ihr Dutzende von Nachrichten hinterlassen, hatte sie mit Entschuldigungen überschüttet, ihr meine Unruhe mitgeteilt und sie angefleht zurückzurufen.

Ich war ratlos. Noch nie zuvor hatten wir uns ernsthaft gestritten.

In der Nacht hatte ich kein Auge zugetan, sondern die ganze Zeit über nach ihr gesucht. Zuerst war ich zum Wachdienst des Anwesens gegangen, wo mir der Zuständige mitteilte, dass während meiner Abwesenheit mehrere Wagen auf das Gelände gefahren seien, darunter auch die Limousine eines privaten Chauffeurdienstes.

»Der Fahrer sagte mir, Madame Anna Becker, wohnhaft in der Villa Les Ondes, habe ihn bestellt. Ich rief die Mieterin über das Haustelefon an, und sie bestätigte mir dies.«

»Wie können Sie sicher sein, dass es sich um einen privaten Chauffeurdienst gehandelt hat?«, fragte ich ihn.

»Er hatte auf der Windschutzscheibe den vorgeschriebenen Aufkleber.«

»Und Sie haben keine Ahnung, wohin er sie gefahren haben könnte?«

»Woher soll ich das wissen?«

Der Chauffeur hatte Anna zum Flughafen gebracht. Diese Schlussfolgerung zog ich zumindest, als ich mich einige Stunden später auf der Internetseite von Air France einloggte. Als ich unsere Flugdaten eingab – unsere Tickets hatte ich gekauft –, entdeckte ich, dass die Passagierin Anna Becker ihr Rückflugticket umgebucht hatte auf die letzte Maschine Nizza–Paris dieses Tages. Der für 21:20 Uhr vorgesehene Abflug hatte aus zwei Gründen erst um 23:45 Uhr starten können: wegen der üblichen Verspätungen des Urlauberrückreiseverkehrs und wegen einer EDV-Panne, die jeglichen Start unmöglich gemacht hatte.

Diese Entdeckung hatte mich ein wenig beruhigt. Anna war zwar wütend genug auf mich, um einen Couchtisch zu zertrümmern und vorzeitig nach Paris zurückzufliegen, aber sie war zumindest gesund und wohlbehalten.

Das Taxi verließ die Autobahn mit ihren tristen, Graffiti besprühten Tunneln, um auf den Périphérique zu fahren. Der bereits dichte Verkehr kam bei der Porte d’Orléans noch weiter ins Stocken und dann beinahe ganz zum Erliegen. Die Autos fuhren Stoßstange an Stoßstange, gefangen im bläulichen Abgasdunst der Lastwagen und Busse. Ich schloss mein Fenster. Stickoxid, krebserregender Feinstaub, Hupkonzert, Schimpftiraden. PARIS . . .

Ich hatte den Taxifahrer aus alter Gewohnheit gebeten, mich nach Montrouge zu bringen. Obgleich wir in den letzten Wochen zusammengezogen waren, hatte Anna ihr Appartement behalten, eine Zweizimmerwohnung in einem modernen Wohnhaus in der Avenue Aristide-Briand. Sie hing an dieser Wohnung und hatte die meisten ihrer Sachen noch dort gelassen. Ich hegte die große Hoffnung, dass sie in ihrer Wut auf mich dorthin zurückgekehrt war. Wir drehten eine endlose Schlaufe im Kreisverkehr Vache-Noire, bevor wir in der richtigen Richtung weiterfahren konnten.

»Da wären wir, Monsieur Schriftsteller«, verkündete mein Chauffeur und hielt vor einem modernen, aber reizlosen Gebäude am Straßenrand.

Er hatte eine rundliche, gedrungene Figur, einen kahlen Schädel, einen bedächtigen Blick, schmale Lippen und eine Stimme wie Raoul Volfoni in dem Film Mein Onkel, der Gangster.

»Können Sie kurz auf mich warten?«, fragte ich.

»Kein Problem. Ich lasse das Taxameter weiterlaufen.«

Ich warf die Tür zu und nutzte die Tatsache, dass ein Junge mit Schulranzen auf dem Rücken das Haus verließ, um rasch hineinzuschlüpfen. Der Aufzug war, wie so oft, defekt. Ich stieg die zwölf Stockwerke ohne Pause zu Fuß hinauf, bevor ich außer Atem und erschöpft an Annas Wohnungstür klopfte. Niemand antwortete. Ich spitzte die Ohren, nahm jedoch kein Geräusch wahr.

Anna hatte den Schlüssel zu meiner Wohnung zurückgelassen. Wenn sie nicht zu Hause war, wo hatte sie dann die Nacht verbracht?

Ich klingelte an sämtlichen Türen auf dieser Etage. Der einzige Nachbar, der mir öffnete, war keine Hilfe. Nichts gesehen, nichts gehört: die übliche Devise, die das Gemeinschaftsleben in großen Wohnblocks regelt.

Bitter enttäuscht lief ich wieder hinunter auf die Straße und gab Raoul meine Adresse in Montparnasse.

»Wie lange ist es her seit Ihrem letzten Roman, Monsieur Barthélémy?«

»Drei Jahre«, antwortete ich mit einem Seufzer.

»Ist ein neuer in Vorbereitung?«

Ich schüttelte den Kopf.

»In den kommenden Monaten nicht.«

»Da wird meine Frau aber enttäuscht sein.«

In dem Wunsch, die Unterhaltung zu beenden, bat ich ihn, das Radio lauter zu stellen, um die Nachrichten zu hören. In dem populären Sender kamen gerade die die Neun-Uhr-Kurznachrichten. An diesem Donnerstag, dem 1. September, machten sich zwölf Millionen Schüler wieder auf den Weg in die Schule, François Hollande verlieh seiner Freude über einen leichten Anstieg des Wirtschaftswachstums Ausdruck, wenige Stunden vor dem Ende der Wechselperiode hatte der Fußballverein Paris Saint-Germain sich einen neuen Mittelstürmer geleistet, während sich die Republikaner in den USA darauf vorbereiteten, ihren Kandidaten für die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen zu nominieren . . .

»Ich verstehe das nicht so recht«, beharrte der Taxifahrer. »Haben Sie beschlossen, sich einen schönen Lenz zu machen, oder leiden Sie unter einer Schreibblockade?«

»Das ist alles etwas komplizierter«, antwortete ich und blickte aus dem Fenster.

 

 

Auf der Avenue du Général-Leclerc lief der Verkehr wieder flüssiger. Das Taxi beschleunigte und steuerte auf den hohen Turm von Saint-Pierre-de-Montrouge zu. An der Place d’Alésia bog der Wagen auf die Avenue du Maine ab. Zwischen den Bäumen brach das Sonnenlicht hindurch. Fassaden mit weißen Quadersteinen, unzählige kleine Geschäfte, preiswerte Hotels.  

Obwohl ich geplant hatte, Paris vier Tage fernzubleiben, war ich bereits wenige Stunden nach meiner Abreise wieder zurück. Um meine überstürzte Rückkehr anzukündigen, schrieb ich eine SMS an Marc Caradec, den einzigen Mann, auf den ich genügend zählen konnte, um ihm meinen Sohn anzuvertrauen. Die Vaterrolle hatte mich paranoid gemacht, als könnten die Mord- und Entführungsgeschichten, die ich in meinen Krimis inszenierte, mein Familienleben infizieren. Kurz nach T heos Geburt hatte seine Mutter Nathalie uns verlassen. Seitdem hatte ich nur zwei Menschen erlaubt, sich um ihn zu kümmern: Amalia, der Concierge in meinem Haus, die ich seit beinahe zehn Jahren kannte, und Marc Caradec, meinem Nachbarn und Freund, einem ehemaligen Polizisten der BRB, einer Spezialeinheit zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens. Er beantwortete meine Nachricht umgehend:  

Keine Sorge. Goldlöckchen schläft noch. Ich warte Gewehr bei Fuß, dass er aufwacht: Der Fläschchenwärmer ist eingeschaltet, das Kompottgläschen aus dem Kühlschrank genommen und das Hochstühlchen auf die richtige Höhe eingestellt. Erzähl mir später, was passiert ist. Bis gleich.  

Erleichtert versuchte ich erneut, Anna anzurufen, aber ich erreichte wieder nur ihre Mailbox. Handy ausgeschaltet? Akku leer? Ich legte auf und rieb mir die Augen, noch immer niedergeschlagen von der Geschwindigkeit, in der meine Gewissheiten zusammengebrochen waren. In meinem Kopf ließ ich den Film desVorabends noch einmal ablaufen und wusste nicht mehr, was ich davon zu halten hatte. War unser Glück nur eine Luftblase gewesen, die nun zerplatzt war und eine alles andere als glänzende Realität zum Vorschein brachte? Musste ich mir um Anna Sorgen machen oder mich vor ihr hüten? Die letzte Frage bescherte mir Gänsehaut. Es war schwierig, jetzt auf diese Art an sie zu denken, obwohl ich wenige Stunden zuvor noch davon überzeugt gewesen war, die Frau fürs Leben gefunden zu haben: Die Frau, auf die ich seit Jahren gewartet hatte und mit der ich weitere Kinder haben wollte.  

Ich hatte Anna vor sechs Monaten kennengelernt, in einer Februarnacht in der Kindernotaufnahme des Hôpital Pompidou, wo ich um ein Uhr morgens angekommen war. Theo hatte anhaltend hohes Fieber. Er krümmte sich und verweigerte jede Nahrung. Ich hatte der absurden Versuchung nachgegeben, die Liste seiner Symptome in eine Suchmaschine einzugeben. Beim Durchsehen der Internetseiten war ich zu der Überzeugung gelangt, dass er an einer akuten Meningitis litt. Als ich den überfüllten Wartesaal betrat, starb ich fast vor Sorge. Angesichts der Wartezeit beschwerte ich mich am Empfang: Ich brauchte Gewissheit, ich wollte, dass man meinen Sohn sofort behandelte. Er würde vielleicht sterben, er … »Beruhigen Sie sich, Monsieur.« Eine junge Ärztin war wie durch Zauberhand aufgetaucht. Ich folgte ihr in das Untersuchungszimmer, wo sie Theo sorgfältig abhörte. »Ihr Baby hat geschwollene Lymphknoten«, stellte sie fest, als sie seinen kleinen Hals abtastete. »Der Kleine leidet an einer Mandelentzündung.« »Es ist eine einfache Angina?« »Ja. Die Schluckbeschwerden erklären, warum er die Nahrung verweigert.« »Es vergeht also mit einem Antibiotikum?« »Nein, es handelt sich um eineVirusinfektion. Geben Sie ihm weiter Paracetamol, und er wird in wenigen Tagen wieder gesund sein.« »Sind Sie sicher, dass es keine Meningitis ist?«, insistierte ich, während ich, völlig groggy, Theo wieder in seiner Babyschale festschnallte. Sie hatte gelächelt. »Sie sollten aufhören, im Internet auf medizinischen Seiten zu surfen. Das schürt nur Ängste.« Sie hatte uns in die große Eingangshalle zurückbegleitet.  

 

Als es Zeit war, mich von ihr zu verabschieden, deutete ich, beruhigt durch die Gewissheit, dass mein Sohn wieder gesund würde, auf den Getränkeautomaten und schlug vor: »Darf ich Ihnen einen Kaffee ausgeben?« Nach kurzem Zögern hatte sie ihrer Kollegin gesagt, sie würde eine kleine Pause machen, und wir hatten uns eine Viertelstunde lang angeregt unterhalten. Sie hieß Anna Becker, war fünfundzwanzig Jahre alt und absolvierte das zweite Jahr ihrer Assistenzarztzeit in der Pädiatrie. Ihren weißen Kittel trug sie wie einen Burberry-Regenmantel. Alles an ihr war elegant, ohne spröde zu wirken: die selbstsichere Haltung, ihre unglaublich feinen Gesichtszüge, der sanfte und warmherzige Klang ihrer Stimme. Die Krankenhaushalle, im steten Wechsel zwischen ruhigen Momenten und großer Hektik, badete in einem unwirklichen Licht. Mein Sohn war in seiner Babyschale eingeschlafen. Ich sah Annas Wimpernschlag. Schon lange glaubte ich nicht mehr daran, dass sich hinter einem Engelsgesicht unbedingt eine schöne Seele verbergen musste, aber dennoch ließ ich mich von ihren langen gebogenen Wimpern, ihrer Haut von der Farbe eines Edelholzes und von ihrem glatten Haar betören, das auf beiden Seiten ihres Gesichts symmetrisch herabfiel. »Ich muss wieder an die Arbeit«, sagte sie und deutete auf die Wanduhr. Trotz der fortgeschrittenen Zeit hatte sie darauf bestanden, uns zum Taxistand zu begleiten, der etwa dreißig Meter vom Ausgang entfernt war. Es war mitten in der Nacht, mitten in einem eiskalten Winter. Einige flauschige Flocken schwebten vom Himmel, der mehr Schnee verhieß. Als ich Anna neben mir spürte, empfand ich uns in einem merkwürdigen Gedankenblitz bereits als Paar. Ja, sogar als Familie. So als würde die Sternenformation am Himmel uns genau dies ankündigen. Als würden wir drei nun nach Hause fahren. Ich schnallte den Babysitz auf der Rückbank fest und wandte mich anschließend zu Anna um. Das Licht der Straßenlaternen verlieh ihrem durch die Kälte sichtbaren Atem eine bläuliche Färbung. Ich suchte nach einer Bemerkung, die sie zum Lachen bringen würde, aber stattdessen fragte ich sie, wann ihr Dienst endete. »Bald, um acht Uhr.« »Wenn Sie zum Frühstück kommen möchten … Der Bäcker an meiner Straßenecke macht fantastische Croissants …« Ich gab ihr meine Adresse, und sie lächelte. Mein Vorschlag hing einen Augenblick in der eiskalten Luft, ohne dass ich eine Antwort bekommen hätte. Dann fuhr das Taxi los, und ich fragte mich auf der Heimfahrt, ob wir beide soeben dasselbe erlebt hatten.

 

 

Kinderbuch

Anne Buchberger »Luna« (Platz 17)

Blick ins Buch
LunaLuna

Im Zeichen des Mondes

An ihrem dreizehnten Geburtstag erhält Analina, Kronprinzessin von Arden, eine Nachricht, die ihr bisheriges Leben verändert: Auf Befehl ihrer Mutter soll sie ihrer Heimat den Rücken kehren und Schülerin an der Akademie des Meeres werden, um sich für den kommenden Krieg gegen die mysteriöse Schwarzmagierin Gwenda ausbilden zu lassen, die im Sumpfgebiet Ardens ihre Fäden spinnt. Mit ihren engsten Freunden tritt Analina eine Reise durch das Reich ihrer Vorfahren an, um das zu schützen, was sie in sich trägt – die Seele des Mondvogels, jenes magischen Geschöpfs, das Analinas Erbe retten soll. Doch nicht nur die Königin der Sümpfe hat Geheimnisse, von denen Analina nichts ahnt ...
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Prolog


Lynda schritt im Rosenquarzsaal auf Schloss Funkelstein auf und ab. Sie war ratlos, und das war schon lange nicht mehr vorgekommen. Lynda erwartete ein Kind. Sie selbst jedenfalls war überzeugt davon – alle Zeichen sprachen dafür. Doch wenn das stimmte, stand sie vor einem der bisher größten Probleme ihrer Amtslaufbahn. Denn Lynda Céleste war keine gewöhnliche Frau. Sie war die Königin des Ardenreichs, dem größten der drei Reiche Hyiandas. Durch seine zentrale Lage zwischen den beiden anderen Kontinenten Lunadësias – Uyneia und B’ynyay – stand Hyianda immer schon im Mittelpunkt der lunadësischen Politik. Genauso wie das Schloss Funkelstein, Lyndas Schloss, in Hyianda im Mittelpunkt stand. Alle Welt sah zu Lynda auf. Sie konnte nicht einfach ein Kind bekommen! Nicht jetzt, da …
Lynda wurde durch die eifrige Stimme ihres Türstehers Silvo aufgeschreckt: »Euer Majestät, sie sind eingetroffen!«
Sie hob den Kopf. »Danke, Silvo. Sie sollen eintreten.«
Lynda richtete sich auf und strich sich eine blonde Locke, die sich aus der tadellosen Flechtfrisur gelöst hatte, aus dem Gesicht. Um alle Zweifel zu beseitigen, hatte sie gleich drei Schattenspäher anreisen lassen. Schattenspäher besaßen eine sehr seltene Gabe: Sie konnten die Magie, die in jedem Lebewesen Lunadësias und selbst in scheinbar leblosen Gegenständen steckte, als sichtbare Spur wahrnehmen. Jemand, der diese Gabe nicht besaß, konnte sich nicht vorstellen, wie Schattenspäher ihre Umwelt sahen, aber Lynda hatte gehört, dass die Magie für Schattenspäher aussah wie farbiges Licht – die Magie jeden Geschöpfes hatte einen anderen, einzigartigen Farbton. So konnten Schattenspäher auch das wahrnehmen, was dem normalen Auge verborgen blieb.
Die großen Flügeltüren des Saals schwangen auf und drei mit Kapuzen vermummte Gestalten traten ein. Mit hastigen Schritten stolperte die linke herbei und verbeugte sich tief, während die anderen beiden gemessenen Schrittes folgten, um sich dann ebenfalls stumm zu verneigen.
»Guten Abend. Ich danke Euch für Euer schnelles Erscheinen«, begrüßte Lynda die drei Kapuzenträger, die nun zu ihr aufsahen. Eine unheimliche Stille breitete sich aus. Einige Sekunden lang sprach niemand ein Wort, während Lynda das Gefühl hatte, von drei unsichtbaren Augenpaaren durchbohrt zu werden. Dann zogen die Seher die Kapuzen vom Kopf.
Der Schattenspäher, der vorhin gestolpert war, entpuppte sich als junges Mädchen: Eine Waldelfe, kaum vierzehn Jahre alt, blickte der Königin ehrfurchtsvoll entgegen. Ihre Augen schienen zu ernst für ein Kind ihren Alters. Lynda war sich sicher, sie nie getroffen zu haben, aber irgendetwas an ihr kam ihr bekannt vor … schmerzlich bekannt.
Die anderen Seher waren älter, viel älter. Ihr Blick ging ins Leere, als hätten sie schon genug von der Welt gesehen. Oder zu viel. Leise tuschelten sie miteinander, und Lynda wusste, dass sie sich absprachen. Dann erhob einer der Alten die Stimme: »Ihr hattet recht, Euer Majestät. Ihr erwartet eine Tochter. Das Ardenreich bekommt eine Prinzessin. Aber …«
Lyndas Herzschlag beschleunigte sich kaum merklich. Ein Haken. Natürlich musste es wieder einen Haken an der Sache geben, als wäre alles nicht ohnehin schon kompliziert genug.
»Aber?«, wiederholte sie, und obwohl sie innerlich bebte, klang ihre Stimme vollkommen ruhig.
Die junge Waldelfe antwortete ihr: »Eure Tochter wird kein gewöhnliches Kind sein. Sie …« Für einen Moment schien es, als wollten die älteren Schattenspäher ihre Schülerin unterbrechen, und sie hielt inne, doch Lynda machte eine nur mühsam gemäßigte Handbewegung: »Fahr fort.«
Und plötzlich sprudelte es geradezu aus ihr heraus: »Dieses Kind ist ein Geschenk, auf das niemand zu hoffen gewagt hat! Es wird mächtig werden und Kräfte entfalten, die unserem Reich wieder Gleichgewicht und Frieden bringen können. Die ganze Welt wird die Geburt dieses Mädchens erwarten, man wird es Wunder nennen und Lichtbringerin. Euer Majestät – Eure Tochter wird die nächste Mondprinzessin sein!«
Auf diese Ankündigung folgte bleierne Stille. Lynda, die für gewöhnlich nie um die richtigen Worte verlegen war, war sprachlos.
Konnte es möglich sein? Konnte dieses Kind, das so viele Probleme versprach – das sie nicht einmal gewollt hatte –, die nächste Mondprinzessin sein? Es war kaum zu glauben. Natürlich kannte Lynda die Legende von den Mondvögeln, die Licht in ihre Welt gebracht und alle Lebewesen mit Magie beschenkt hatten. Zudem gab es immer wieder Geschichten über besonders begabte Kinder königlicher Herkunft, die die Seele eines Mondvogels in sich trugen und sagenhafte Kräfte entfalteten. Doch die Geburt der letzten Mondprinzessin lag bereits mehrere Jahrhunderte zurück. Und nun sollte ausgerechnet sie die Mutter der nächsten sein?
»Seid ihr sicher?«, fragte sie, leiser, als sie sonst sprach.
»Völlig sicher«, bestätigte der augenscheinlich ältere der Schattenspäher. »Diese Magie ist völlig unverwechselbar, Euer Majestät.«
Lynda nickte langsam. Das änderte natürlich alles. Während es in ihrem Kopf bereits zu arbeiten begann, fiel ihr Blick auf das junge Mädchen, das mit weit aufgerissenen Augen stumm zwischen seinen Lehrern stand und sich sichtlich bemühte, sie nicht allzu sehr anzustarren. Ihr kam ein Gedanke.
»Wie heißt du?«, fragte sie unvermittelt.
Die junge Schattenspäherin blinzelte erschrocken. »Narena«, brachte sie hervor und fügte, nach einem harten Rippenstoß von einem ihrer Lehrer, hastig hinzu: »Euer Majestät.«
Lynda wandte sich an die beiden Alten. »In Anbetracht der Umstände hätte ich gerne einen Schattenspäher in meiner Nähe, falls es zu Komplikationen kommen sollte. Ich möchte Narena mit Eurem Einverständnis eine Stelle bei Hofe anbieten.«
Es war offensichtlich, dass jeder der beiden Männer sich selbst für die geeignetere Wahl hielt, was die Position des königlichen Schattenspähers anging. Der Jüngere der beiden öffnete den Mund, wie um zu widersprechen, doch Lyndas Blick ließ ihn seine Meinung ändern.
»Natürlich, Euer Majestät. Es wäre uns eine große Ehre, Euch unsere Schülerin anzuvertrauen.«
Lynda nickte knapp. »Dann danke ich Euch für Eure Dienste. Silvo wird Euch nach draußen begleiten. Narena, ich sorge dafür, dass man dich in deine neuen Räumlichkeiten bringt. Ich werde im Laufe der nächsten Woche nach dir schicken lassen.«
Ohne auf die gemurmelten Abschiedsworte der Schattenspäher oder die ängstlich geweiteten Augen des Mädchens zu achten, wandte Lynda sich ab. Es gab einige Dinge zu bedenken. Doch wenn sie sich nicht täuschte, bot sich ihr nach all den Jahren endlich eine neue Chance.

 


Eine Geburtstagsüberraschung

Dreizehn Jahre und sieben Monate später


Die Morgensonne schien auf Schloss Funkelstein hinab und ließ seine cremeweißen Mauern leuchten wie Perlmutt. Obwohl es noch kühl war, versprach es ein schöner Tag zu werden. Der Himmel war klar und blau und die zarte Frühlingsluft kündigte strahlendes Wetter an. Es war einer dieser Tage, an denen alles genau so zu sein schien, wie es sein sollte.
Analina Nelia von Funkelstein war da anderer Meinung.
»Tut mir leid, aber ich kann es einfach nicht!« Resigniert ließ Analina die Hände sinken und ging ein paar Schritte Richtung Fenster. Sehnsüchtig warf sie einen Blick hinaus auf den makellosen Himmel. Das war wieder einmal typisch, dass sich ihre Lehrerin ausgerechnet den bisher schönsten Tag des Jahres aussuchte, um eine Intensiv-Stunde Magieunterricht abzuhalten. Analina hasste solche Stunden. Beluu, ihre Mentorin für Magie, war immer anspruchsvoll, aber manchmal war ihr Unterricht einfach die Hölle. Heute Morgen hatte sie Analina in aller Frühe aus dem Bett geworfen, um mit ihr an ihrer Ausdauer zu arbeiten. Das bedeutete, dass Ana seit sechs Uhr morgens damit beschäftigt war, Magiestrahlen gegen eine stabile Kristallscheibe zu schießen, bis ihr die Energie ausging. Immer und immer wieder.
Beluu räusperte sich und Ana wandte widerwillig den Blick vom Fenster ab und sah sie an. Beluu war eine Wassernymphe und damit schon von Natur aus launisch, aber bei ihr war diese Eigenschaft, davon war Analina überzeugt, selbst für eine Nymphe ungewöhnlich stark ausgeprägt.
»Du gibst dir keine Mühe«, fuhr Beluu sie unwirsch an, wie um Analinas Eindruck zu bestätigen. »Versuch es noch mal.«
Analina stöhnte leise auf. Sie hatte bereits vier Versuche hinter sich, einen weiteren Magiestrahl zu erzeugen, und fühlte sich inzwischen so ausgelaugt wie nach drei schlaflosen Nächten. Am liebsten hätte sie sich auf den Boden fallen lassen und die Augen geschlossen, aber das Wort Erschöpfung schien Beluu generell nicht zu kennen, und als Ausrede ging es bei ihr schon gar nicht durch.
Unter Beluus Blick kapitulierte sie und hob erneut die Hände. Inzwischen schmerzten ihre Handflächen, als hätte sie Verbrennungen daran, weil die ständige Beanspruchung ihre Haut reizte. Mit zusammengebissenen Zähnen begann sie, Energie aus ihrem Innern durch ihre Arme bis in die Fingerspitzen wandern zu lassen. Der Magiefluss war viel träger als sonst, weil sie bereits einen Großteil ihrer Energie aufgebraucht hatte, aber nach ein paar Sekunden spürte Analina wieder das vertraute Prickeln in ihren Fingerspitzen. Endlich. Angestrengt richtete sie den Blick auf die Kristallscheibe. Himmelblaue Funken begannen um ihre Finger zu tanzen. Analina holte tief Luft, das Prickeln wurde stärker, die Luft um ihre Hände begann zu glühen, und mit einem Ruck, der durch ihre Arme fuhr, brach ein gleißend heller, himmelblauer Magiestrahl aus ihren Handflächen hervor. Mit einem melodischen Klingeln traf er die Kristallscheibe, und Analina konzentrierte sich rasch darauf, ihn aufrechtzuerhalten.
»Siehst du, es funktioniert doch.« Mit einem anerkennenden Nicken drehte Beluu ihre Sanduhr um. »Mal sehen, wie lange …«
Analina spürte, wie die Magie versiegte. Sie runzelte verärgert die Stirn, doch bevor sie ihren Strahl stärken konnte, brach er schlagartig ab.
Beluu seufzte enttäuscht. »Ach, Analina, was ist denn heute los?«
»Ich bin müde, Beluu. Wir stehen hier seit drei Stunden und ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Ich weiß, ich habe es schon länger geschafft, aber im Moment kann ich einfach nicht mehr.« Missmutig senkte Analina den Blick auf ihre geröteten Handflächen. Sie wusste, warum Beluu sie im Unterricht immer wieder bis an ihre Grenzen gehen ließ. Die Magie, die Analina bisher benutzte, war die gewöhnliche, die jedes Lebewesen in sich trug. Sie hatte eine charakteristische Farbe, in Anas Fall himmelblau, und eine gewisse Stärke. Normalerweise war sie die einzige Kraftquelle, die ein Magier besaß, aber Analina wusste, dass es bei ihr anders war. Oder anders sein sollte.
»Ich finde sie nicht«, sagte sie leise und sah zu Beluu auf. »Ich finde meine Mondmagie nicht. Ich spüre sie nicht.«
Beluu, die bisher die Stirn gerunzelt hatte, schenkte ihr nun ein kurzes Lächeln. »Das macht nichts, Analina. Es wird schon noch kommen. Du bist die Mondprinzessin, du musst Mondmagie in dir tragen.«
Analina schwieg. Ja, sie war die Mondprinzessin. Und als solche sollte sie eigentlich neben ihrer gewöhnlichen Magie noch die des Mondvogels in sich tragen, dessen Seele mit der ihren verschmolzen war. Das Problem war nur, dass sie bisher keine Anzeichen dieser Magie in sich entdeckt hatte. Beluu war da zuversichtlich und ließ sie immer wieder üben, in der Hoffnung, ihre Mondmagie würde irgendwann von selbst aus ihr herausbrechen. Aber Analina konnte sich nicht vorstellen, dass es in ihr noch etwas gab außer der himmelblauen Energie, die schon immer wie selbstverständlich zu ihr gehört hatte.
Beluu schien zu merken, was in ihr vorging, denn sie trat auf sie zu und sagte mit einem ungewöhnlichen Anflug von Sanftheit: »Na schön, dann machen wir eben eine Pause. Ich will ja nicht dafür verantwortlich sein, dass die Mondprinzessin tragisch an Erschöpfung zugrunde geht, und das ausgerechnet an ihrem Geburtstag.«
Analina zuckte zusammen und sagte vorwurfsvoll: »Du weißt, dass ich Geburtstag habe?«
Beluu schnaubte. »Natürlich weiß ich, dass du Geburtstag hast. Ob du es glaubst oder nicht, deine Geburt galt damals als ein gewisses Ereignis.«
»Und trotzdem hast du mich zu dieser … dieser lebensgefährlichen Zeit geweckt und drei Stunden lang gequält?«
»Du wirst es überleben. Wie alt wirst du, zehn?«
»Sehr witzig. Dreizehn. Und tu bloß nicht so, als wüsstest du nicht …«
Ein Pochen unterbrach sie mitten im Satz. Überrascht wandte sich Analina der Tür zu. »Ja?«
Eine junge Schlossbotin betrat Beluus Turmzimmer. Von dem einfallenden Sonnenlicht geblendet blinzelte sie irritiert und wandte sich dann mit einem Knicks an Analina: »Eure Mutter schickt mich, Euer Hoheit. Ihr sollt in ihr Arbeitszimmer kommen … unverzüglich.«
Analina hob die Brauen. »Worum geht es?«
»Das weiß ich nicht, Euer Hoheit. Aber es scheint wichtig zu sein.«
»Dann hat es nichts mit meinem Geburtstag zu tun«, sagte Analina trocken.
»Verzeihung?«
»Nichts. Schon gut. Danke, ich komme.«
Sie warf Beluu einen hastigen Blick zu. »Ist es in Ordnung, wenn wir aufhören?«
Keine Antwort. Beluus blassblaue Augen waren auf sie gerichtet, doch Analina wurde das Gefühl nicht los, dass sie sie im Grunde gar nicht sah.
»Beluu?«
Beluu blinzelte. »Bitte? Ähm, ja. Natürlich. Und beeil dich besser, du solltest deine Mutter nicht warten lassen.«
Stirnrunzelnd verließ Analina den Raum und machte sich auf den Weg in den Ostflügel, in dem das königliche Arbeitszimmer lag. Lynda schickte selten nach ihr. Sowieso bekam Analina ihre Mutter nicht sehr häufig zu Gesicht, denn Lynda hatte ständig zu tun. Wenn sie sich nicht hinter ihrem Schreibtisch verbarrikadierte und um Dinge kümmerte, die Analina nicht einmal ansatzweise durchschaute, dann hielt sie Versammlungen ab, reiste durchs Land, besuchte Bälle und Gerichtsverhandlungen, eröffnete wichtige Veranstaltungen oder war Ehrengast bei irgendwelchen Festen. Analina war es gewohnt, ihre Zeit ohne sie zu verbringen, und normalerweise hatte sie auch immer genug zu tun. Sie war von klein auf von verschiedenen Lehrern unterrichtet worden, die für eine gründliche Allgemeinbildung zu sorgen hatten. So sprach sie mehrere Sprachen fließend, bekam seit ihrem fünften Lebensjahr Fechttraining, konnte reiten und den ruhigeren der beiden Hofdrachen fliegen. Eigentlich war der Magieunterricht bei Beluu noch angenehm im Vergleich zu den endlosen Stunden Politik und Geschichte, die sie täglich über sich ergehen lassen musste. Aber am besten waren natürlich die freien Nachmittage – wenn sie denn welche hatte. Bei schönem Wetter durfte Analina dann ihre Freizeit draußen verbringen, zusammen mit ihren besten Freunden, den Kindern des Gärtners. Saphiron und Türkis hatte sie es vermutlich zu verdanken, dass sie bisher nicht an Langeweile gestorben war, denn abgesehen von ihnen hatte Analina nicht viele Freunde in ihrem Alter, um nicht zu sagen, sie hatte gar keine. Die Mondprinzessin zu sein half nicht unbedingt gegen Einsamkeit …
Gedankenversunken hatte Analina die Eingangshalle durchquert, war die breite Haupttreppe hinaufgestiegen und erreichte schließlich den Korridor, auf dem das königliche Arbeitszimmer lag. Die richtige Tür war nicht zu verfehlen. Kunstvoll verschlungene Rosen in Purpur und Gold wanden sich auf dem weißen Holz um das Wappen Funkelsteins, das ebenfalls in den Farben des Ardenreichs gehalten war: ein geschliffener Kristall, über dem eine Krone schwebte. Darunter zog sich wie eine Kette der Leitspruch der Familie. Er war in einer alten Sprache geschrieben, die Analina nicht verstand, aber die Bedeutung war ihr schon von klein auf eingeprägt worden: Wahrhaft königlich ist, wer durch sein Volk lebt.
Wie jedes Mal, wenn sie diese Tür sah, fühlte sie sich plötzlich eingeschüchtert. Instinktiv wich sie wieder einen kleinen Schritt zurück, bevor sie sich überwand und zaghaft anklopfte.
»Ja?«
Die Antwort kam beinahe sofort, aber die Stimme war nicht die ihrer Mutter. Leicht irritiert ließ Analina den Arm sinken. »I-ich …« Sie räusperte sich und versuchte es erneut: »Ich bin es. Analina«, fügte sie hinzu, bevor sie der Mut verließ. Prompt ertönten Schritte und im nächsten Moment wurde die Tür nach innen aufgezogen.
»Guten Morgen, Euer Hoheit. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.«
Ein großer, schwarzhaariger Mann lächelte sie freundlich an und trat dann einen Schritt zurück, um ihr Platz zu machen.
»Danke.« Zunehmend verunsichert folgte Analina der stummen Aufforderung und trat über die Schwelle.
»Die Königin wurde aufgehalten, aber sie sollte jeden Moment eintreffen. Sie bittet Euch, hier zu warten.«
»Tut sie das«, murmelte Analina und warf dem Mann einen prüfenden Blick zu. Sie konnte sich nicht erinnern, je zuvor mit ihm gesprochen zu haben, aber bei näherer Betrachtung kam er ihr doch irgendwie bekannt vor. Wenn sie sich nicht täuschte, hatte sie Parl Marsiy vor sich, einen der königlichen Berater.
Er nickte, fügte jedoch nichts hinzu. Das machte Analina bewusst, dass sie streng genommen die ranghöchste Person im Raum war und er vermutlich irgendeine Form der Anweisung von ihr erwartete.
»Ähm.« Ihr Blick glitt rasch durch das großzügige Zimmer, blieb kurz an den leuchtenden Sonnenflecken hängen, die auf dem makellosen Parkettboden tanzten, und wanderte dann zu der hohen Lehne des verlassenen Schreibtischstuhls. Natürlich konnte sie sich nicht auf den Platz setzen, der Lynda zustand, aber eine andere Sitzgelegenheit gab es nicht. Das bedeutete dann wohl, dass sie stehen musste. Unwillkürlich sah sie wieder zu Parl Marsiy und stellte fest, dass er sie beobachtete. Vielleicht bildete sie es sich ein, aber sie glaubte, die Spur eines Lächelns in seinen Mundwinkeln erahnen zu können.
Schlagartig erinnerte sie sich daran, dass er ihre Erlaubnis brauchte, um den Raum zu verlassen. »Wollen Sie … gehen?«
Das war definitiv nicht die Formulierung, die ihre Mutter gewählt hätte, doch er zuckte nicht mit der Wimper. »Ich wurde gebeten, Euch beim Warten Gesellschaft zu leisten.«
»Oh.« Analina blinzelte. »Tut mir leid.«
Jetzt war sie sich sicher, dass er ein Lächeln unterdrückte. »Das hoffe ich doch nicht. Es ist mir ein Vergnügen.«
Tatsächlich schien ihm die Situation deutlich weniger unangenehm zu sein als ihr, und das nahm ihr einen kleinen Teil ihrer Verlegenheit. Mutiger geworden wagte sie sich vor: »Sie sind Parl Marsiy, oder?«
Diesmal gelang es ihm nicht ganz, seine Überraschung zu überspielen. »Ja, Euer Hoheit.«
»Wissen Sie, warum meine Mutter mich sprechen will?«
Ein leichtes Flackern glitt über seine dunklen Augen. »Ich …«
»Sie dürfen es mir nicht sagen«, stellte sie fest.
Er wirkte erleichtert. »Ich fürchte nicht, Euer Hoheit.«
»Hm.« Analina musterte ihn kurz. »Verstehe.«
Für einen Moment herrschte Schweigen.
»Hattet Ihr bisher einen schönen Geburtstag?«, fragte er schließlich.
Analina ließ ihre immer noch geröteten Handflächen unauffällig hinter dem Rücken verschwinden. »Sehr schön, ja.«
Parl war die Bewegung nicht entgangen und kurz begegneten sich ihre Blicke. Er zögerte und räusperte sich dann. »Kann ich …«
Das Geräusch hoher Absätze hallte durch den Korridor und ließ ihn verstummen. Analina fuhr herum und bemühte sich hastig um eine aufrechte Körperhaltung. Im nächsten Moment schwang die Tür wie von Geisterhand auf und Lynda trat ein. Sie durchquerte den Raum, ohne innezuhalten, erreichte ihren Arbeitsplatz und drehte sich um. Für den Bruchteil einer Sekunde begegnete sie Analinas Blick, bevor sie sich kommentarlos an Parl Marsiy wandte. »Danke.«
Er nickte. »Jederzeit.«
Ohne dass ein weiteres Wort nötig war, schenkte er Analina ein flüchtiges Lächeln und zog sich zurück.
Lynda wartete, bis die Tür hinter ihm zugefallen war, dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Analina. Das Sonnenlicht, das schon die ganze Zeit zwischen den dünnen Vorhängen hindurchgeschimmert hatte, brach sich nun in dem filigranen Diadem auf ihrer Stirn und ließ Analina blinzeln. Sie wusste, dass ihre Mutter eine außergewöhnlich schöne Frau war, und das trug nicht unbedingt zur Steigerung ihres eigenen Selbstbewusstseins bei. Wieder einmal wurde ihr klar, dass sie äußerlich das komplette Gegenteil ihrer Mutter war. Lynda war groß und schlank, hatte blonde Locken und bemerkenswert blaue, diamanthelle Augen. Analina dagegen war eher klein für ihr Alter, hatte dunkles Haar und ihre Augen erinnerten weniger an Diamanten als vielmehr an die eines verschreckten Rehs, groß und braun, wie sie waren. Sie hätte gerne gewusst, ob sie ihrem Vater ähnlich sah, aber Lynda hatte niemals ein Wort über diesen Mann verloren, und Analina nahm nicht an, dass sie nach ihm fragen sollte.
»Analina. Schön, dich zu sehen.« Lynda lächelte, doch ihre Augen blieben wachsam. »Alles Gute zum Geburtstag.«
»Danke.« Ana machte einen kleinen Schritt auf den Schreibtisch zu. »Wie war die Ratsversammlung?«
Lynda war vor ein paar Wochen verreist, um der Ratsversammlung der Hochmagier von Hyianda beizuwohnen, und offenbar war sie erst letzte Nacht zurückgekommen.
»Ergebnisreich.«
Unter ihrem prüfenden Blick fühlte Analina sich unwohl. »Du … wolltest mich sprechen?«
Lynda nickte. »Ja. Es gibt Neuigkeiten, die dich … nun, vielleicht überraschen werden. Bei der Ratsversammlung ging es diesmal um dich.«
»Um mich?«, wiederholte Analina verdutzt. »Wieso das?«
Ihre Mutter antwortete nicht sofort. Es schien, als suchte sie nach geeigneten Worten, was ungewöhnlich war. Normalerweise wusste Lynda Céleste sehr genau, was sie wollte. Schließlich sagte sie langsam: »Die Akademie des Meeres ist nun bereit, dich aufzunehmen. Du hast einen Platz bekommen.«
Ihre Stimme hallte in Anas Ohren nach. Wortlos starrte sie Lynda an, unfähig, eine Antwort zu formulieren. Sie war starr vor Schreck. Erst als Lynda einen schweren, mit purpurroter Tinte beschriebenen Briefumschlag aus ihrer Tasche zog und Analina entgegenstreckte, sickerte die Botschaft langsam durch. Ihr Magen verkrampfte sich.
»L’Arctes … hat geantwortet.« Es war keine Frage. Trotzdem hoffte sie verzweifelt auf den Widerspruch ihrer Mutter. Doch Lynda schwieg und ließ ihr keine andere Wahl, als mit zitternden Fingern nach dem Brief zu greifen. Die teure Purpurtinte war typisch für Nachrichten aus Uyneia, dem größten und reichsten Kontinent Lunadësias. Dort stand die ranghöchste der drei Akademien, die die Kinder des Adels ausbildeten und erzogen – vorausgesetzt, die Eltern besaßen das nötige Kleingeld. Lynda hatte Ana schon vor ein paar Jahren eröffnet, dass sie einen Platz an der Akademie in Hyianda beantragt hatte, aber Analina hatte insgeheim immer gehofft, dass sie abgelehnt werden würde. Eine Ausbildung an der Akademie bedeutete auch den Abschied vom Schloss. Abschied von Arden – Abschied von allem, was sie kannte.
Mit steifen Fingern brach Analina das Siegel, entfaltete das dicke Papier und begann zu lesen:


Hiermit erteilen wir, die Höchsten Akademiker der Drei Akademien, Analina Nelia von Funkelstein die Erlaubnis und den Befehl, sich vor Anbruch des neuen Jahres an der Akademie des Meeres zum ersten Schuljahr zu melden. Sie hat selbstständig und ohne weitere Aufforderung zu erscheinen. Ihr Ausbildungsschwerpunkt liegt auf Sprache und Kampf.
L’Arctes, Leiter der Akademie der Sonne

Liebesroman

Jenny Colgan »Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg« (Platz 11)

Blick ins Buch
Sommer in der kleinen Bäckerei am StrandwegSommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg

Roman

Endlich hat der Sommer an Cornwalls Küste Einzug gehalten, und Polly Waterford könnte nicht glücklicher sein: Ihre kleine Bäckerei läuft blendend, und zusammen mit Huckle, der Liebe ihres Lebens, genießt sie die lauen Abende in dem Hafenstädtchen Mount Polbearne, das inzwischen zu ihrer Heimat geworden ist. Doch plötzlich ist die Bäckerei in Gefahr, denn die alte Besitzerin stirbt. Außerdem fällt es Huckle schwer, seine Vergangenheit in Amerika gänzlich hinter sich lassen, zu oft holt sie ihn ein. Und während Polly Mehl siebt, Teig knetet und Brot backt, bangt sie um ihre Zukunft …
Taschenbuch
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Vorwort

»Und ich träume nachts von ihm, dabei schlafe ich doch eigentlich nie. In diesen Träumen macht er ganz bescheuerte Sachen. Er steckt zum Beispiel in der Waschmaschine, und ich sage: ›Jetzt komm schon aus der Maschine raus, du Idiot.‹ Aber das macht er nicht, er ist winzig klein und hockt in der Waschmaschine, dann wird er sogar noch kleiner und kleiner, bis er schließlich einfach verschwindet.«

»Das ist ganz normal«, sagte die ruhige, gebildet klingende Stimme mit dem West-Country-Akzent.

»Sie finden doch immer alles ganz normal«, protestierte Selina und schob sich wütend das kurze Haar aus der Stirn. »Wenn ich jetzt ankommen und sagen würde: ›Ich hab auf dem Weg hierher zwei Igel überfahren, weil sie mich an seine Haare erinnert haben, einen aus Versehen und den anderen mit Absicht‹, selbst dann würden Sie immer noch sagen: ›Das ist ganz normal.‹«

»Haben Sie das denn gemacht?«

»Nein, hab ich nicht, das hätte ich jedoch können. Weil Sie das bestimmt auch für ganz normal halten würden.«

»An Trauer ist nichts normal, Selina. Es gibt sie überall, aber normal ist sie nie.«

Selina stieß ein tiefes Seufzen aus.

»Aber warum kann ich denn nicht einfach … darüber hinwegkommen? Oder zumindest mit dem Verarbeiten anfangen? Wenn es nach den anderen ginge, wäre ich schon vor Ewigkeiten darüber hinweggekommen. Sie finden die ganze Sache unangenehm, das sehe ich ihnen doch an. Und deshalb will ich jetzt darüber hinwegkommen. Ich will endlich wieder schlafen können, ohne vorher zu viel Wein zu trinken, und aufwachen, ohne das verdammte Gesicht von meinem toten Ehemann in der Waschmaschine zu sehen. Und ich will nicht ständig alle runterziehen.«

»Wo wollen Sie jetzt hin?«, erkundigte sich die Stimme ungerührt, ohne auf den Wutausbruch einzugehen.

Selina zuckte mit den Achseln.

»Ich weiß nicht so recht. Die Wohnung in Manchester gebe ich vielleicht auf. Die wird doch nur immer teurer, und wirklich zugehörig fühle ich mich dort ja auch nicht.«

»Vielleicht sollten Sie langsam mal darüber nachdenken, nach Hause zurückzukehren … in Ihr und Tarnies Zuhause.«

»Da geh ich nie wieder hin«, versetzte Selina, während sie ein Zittern überlief. »Nie wieder!«

 

Kapitel 1

»Hör auf damit«, warnte Polly. »Das ist nicht witzig.«

Neil ignorierte sie jedoch und hämmerte weiter mit dem Schnabel gegen die Scheibe, damit sie ihm was zu futtern brachte.

Und zwar klopfte er dabei von außen gegen das kleine Fenster des Leuchtturms, in dem sie seit einiger Zeit lebten. Sie waren hier zu dritt: Polly, Papageientaucher Neil und Huckle, Pollys amerikanischer Freund, der sein Motorrad mit dem Beiwagen unten am Fuß des Turms geparkt hatte. Es war ihr einziges Transportmittel.

Hier im Leuchtturm hatte schon lange niemand mehr gelebt, seit man ihn in den späten Siebzigern mit elektrischen Lampen umgerüstet hatte. Er hatte nur vier Stockwerke und eine Wendeltreppe, die sich innen an der Wand hinaufschlängelte. Huckle bezeichnete ihn oft als das zugigste Gebäude in der Geschichte der Menschheit, aber wenigstens waren sie durch das ständige Treppensteigen inzwischen echt in Form. In einem der Stockwerke stand immer noch die schwere Maschinerie aus alten Zeiten, weil es unmöglich gewesen war, sie aus dem Gebäude zu schaffen. Das Wohnzimmer befand sich direkt unter dem Leuchtturmscheinwerfer und bot auf der einen Seite eine tolle Aussicht über die Bucht, auf der anderen auf Mount Polbearne, die Gezeiteninsel, auf der der Leuchtturm stand. Die Straße zur Insel wurde regelmäßig von der Flut verschluckt und von der Ebbe wieder freigelegt.

Von Pollys Wohnzimmerfenstern aus konnte man auch die kleine Bäckerei am Strandweg sehen, die einst aus Mangel an Kunden hatte schließen müssen und die Polly bei ihrer Ankunft im Ort vor zwei Jahren wieder zum Leben erweckt hatte. Gleichzeitig hatte sie damit den Bankrott ihrer alten Firma drüben auf dem Festland und das Ende ihrer Beziehung überwunden.

Ursprünglich hatte Polly von Mount Polbearne gar nicht viel erwartet, sie hatte sich hier einfach nur eine Zeit zurückziehen und ihre Wunden lecken wollen, bis sie wieder dazu bereit war, sich mit frischem Elan erneut ins Gefecht zu stürzen. Damals wäre es ihr in der heruntergekommenen Wohnung über dem leeren Ladenlokal nie in den Sinn gekommen, dass sie ausgerechnet durch ihr Lieblingshobby – durchs Brotbacken – ins Leben zurückkehren würde und dass sie es mit der Wiedereröffnung der alten Bäckerei auch noch zum Beruf machen würde.

Natürlich war das kein Job, mit dem man reich wurde, und Polly hatte lange Arbeitszeiten. Aber die Umgebung war so wundervoll, und ihr wurde sowohl vonseiten der Inselbewohner als auch von den Touristen so viel Anerkennung zuteil, dass sie hier etwas viel Befriedigenderes als Geld gefunden hatte: Sie hatte ihrem Leben einen Sinn verliehen. Na ja, zumindest empfand sie das meistens so. Manchmal betrachtete sie sich allerdings ihre äußerst karg eingerichtete Küche und fragte sich, ob sie wohl je genug Geld haben würde, um auch nur die Fensterrahmen auszutauschen.

Die Rahmen standen ganz oben auf der Liste der tausend Dinge, die im Leuchtturm dringend erledigt werden mussten.

(Pollys alte Wohnung in Plymouth war inzwischen verkauft, und sie hatte den Leuchtturm zu einem Spottpreis bekommen, Immobilienagent Lance zufolge vor allem deshalb, weil nur eine völlig Verrückte in einem zugigen, schwer zugänglichen Turm wohnen wollte, dessen Krönung der allnächtliche Lichtstrahl war.)

Huckles Angebot, den Turm mit ihr zusammen zu kaufen, hatte Polly abgelehnt, weil sie einfach viel zu hart für ihre Unabhängigkeit gekämpft hatte. Mit ihrem früheren Partner hatte sie sich alles geteilt, auch das Finanzielle. Das hatte nicht geklappt, und sie hatte keine Lust, dieses Experiment zu wiederholen.

Jetzt gerade hatte sie eigentlich nur Lust, in ihrem Adlernest von einem Wohnzimmer ganz oben im Turm zu sitzen, Tee zu trinken, eine Käsestange zu knabbern, sich einfach zu entspannen und die Aussicht zu genießen: die sich ewig verändernde See, die Wolken, die so nah vorbeihuschten, dass man sie fast berühren konnte, die kleinen Fischerboote in verblichenen Braun- und Grüntönen mit ihren Winschen und Netzen, ganz schwer vom Fang. Wie winzig und zerbrechlich sie vor dem riesigen Hintergrund des Meeres wirkten!

Polly wünschte sich doch bloß fünf Minuten Ruhe und Frieden, bevor sie zur Bäckerei rübergehen und bei der Mittagsschicht ihrem Angestellten Jayden helfen würde.

Neil, der kleine Papageientaucher, der einst in einer Sturmnacht in ihr Leben geknallt und dann geblieben war, hatte jedoch andere Pläne. Er fand es einfach unglaublich, dass er an der Außenseite des Turms hochfliegen und Polly von draußen durchs Fenster sehen konnte. Deshalb machte er es immer wieder, flog dabei auch gerne mal rund um den Turm und kam von der anderen Seite zurück. Vergnügt klopfte er von draußen an die Scheibe, weil Huckle es witzig fand, ihm durchs Fenster kleine Leckerbissen zu reichen, obwohl Polly es ihm eigentlich verboten hatte.

Jetzt legte sie ihr Buch weg und ging zum Fenster rüber. Die durch die Wolken silbern aufs Wasser fallenden Sonnenstrahlen, das leise Krächzen der Möwen und das Pfeifen des Windes, das im Winter zum reinsten Donnergrollen wurde, rührten ihr das Herz. Noch konnte sie nicht so recht fassen, dass sie wirklich hier lebte, und fragte sich mal wieder, ob das alles sie wohl eines Tages weniger beeindrucken würde.

Polly öffnete das altmodische Einfachfenster mit dem schweren Griff. »Na, dann komm mal rein«, sagte sie, Neil flatterte jedoch auf der Stelle und pickte zwischen ihren Fingern herum in der Hoffnung auf einen Leckerbissen.

»Nein!«, schimpfte sie, »du bist für so einen kleinen Papageientaucher viel zu fett. Da brauchst du gar nicht zu protestieren. Komm schon rein und hör mit dem Klopfen auf.«

Neil fand hingegen, dass er sich ein wirklich tolles Spiel ausgedacht hatte, und setzte zu einer neuen Runde um den Turm an, um ihr zu zeigen, was er alles konnte. Als er wieder auf dem Fensterbrett landete, schaute er sie mit seinen großen schwarzen Augen erwartungsvoll an.

»Ach du liebe Güte«, seufzte Polly, dann lehnte sie sich vor und tat etwas, was sie in Huckles Gegenwart nie gemacht hätte – sie reichte Neil ein Stück von ihrer Käsestange. Der Vogel verspeiste gierig das Gebäck und pickte dann die Krümel auf. Damit war er so beschäftigt, dass er bei einem Schritt nach hinten über die Kante des Fensterbrettes fiel.

»Neil!«, kreischte Polly und kam sich im nächsten Augenblick völlig bescheuert vor, als er einfach kurz mit den Flügeln flatterte und auf Fensterhöhe zurückkehrte.

»Du hast mich zu Tode erschreckt«, sagte sie. »Komm rein oder bleib draußen, eins von beiden.«

Neil entschied sich fürs Reinkommen, landete auf dem Fußboden und watschelte dann durch den Raum, um die rauen Bohlen sorgfältig nach Krümeln abzusuchen, die Polly eventuell übersehen hatte.

»Okay«, sagte seine Besitzerin, »ich muss jetzt zurück zur Arbeit. Benimm dich bitte.«

Sie ließ kurz den Blick durch den Raum wandern, um auch sicherzugehen, dass sie alles hatte. Eins wollte man hier nämlich wirklich nicht: Am Fuß des Leuchtturms ankommen und dann feststellen, dass man etwas vergessen hatte und noch mal nach oben musste. Für den Weg nach unten wollte Huckle gern eine Rutschstange wie bei der Feuerwehr einbauen, Polly war jedoch strikt dagegen.

Im kleinen Zimmer standen kaum Möbel, mal abgesehen von ihrem teuren Sofa, das sie aus Plymouth mitgebracht hatte. Für den Einzug hatte man es komplett auseinandernehmen und hier oben wieder zusammenbauen müssen, sonst hätte es nicht die Treppe raufgepasst. Dafür hatten sie fast einen ganzen Tag gebraucht. Polly war es das jedoch wert gewesen.

Eine Etage tiefer befand sich ein Schlafzimmer mit einem winzigen Bad, dann kam das Stockwerk mit den Maschinen und darunter das unterste Geschoss mit der schlichten kleinen Küche und einem weiteren Zimmer mit Bad. Zum Turm gehörte außerdem ein Nebengebäude mit ein paar Räumen, ein hässliches Ding mit Flachdach und Kieselrauputz. Noch wussten sie nicht so recht, was sie damit machen würden. Wenn man zu den Felsen runterging, kam man durch einen kleinen Garten, mit dem Huckle mal sein Glück versuchen wollte. Allerdings war er nicht sicher, ob dort viel mehr als Muscheln und Algen gedeihen würden.

Irgendjemand hatte die Stufen zum Leuchtturm und den Pfad bis zur Straße mit einem Rand aus Muscheln eingefasst, und die boten wirklich einen hübschen Anblick, als Polly nun das Kopfsteinpflaster erreichte, die Hafenmauer entlanglief und Mount Polbearne betrat.

Bis in den Ort war es nicht weit, aber bei Flut konnte man dabei ganz schön nass werden, vor allem an stürmischen Tagen, wenn Wellen über die Hafenmauer schlugen und Gischt die Luft mit Salz erfüllte.

So schlecht war das Wetter heute nicht und die Sonne versuchte immer wieder erfolglos, sich gegen die am Himmel vorbeiziehenden Wolken durchzusetzen. Durch den Niedrigstand des Wassers war die Straße zum Ort befahrbar, allerdings glitzerte das bräunliche Kopfsteinpflaster feucht. Der Wind brachte den Geruch nach Meer mit sich.

Mount Polbearne lag furchtbar unpraktisch oben auf einem Hügel, und die Gässchen im kleinen Ort führten kreuz und quer alle irgendwie zur alten Kirchenruine hinauf, die längst kein Dach mehr hatte.

Die kleinen Kopfsteinstraßen waren steil und verschlungen. Man konnte sein Auto zwar durchaus auf die Insel mitbringen, es war aber nicht empfehlenswert. Darum nutzten die meisten Leute den Parkplatz auf dem Festland und gingen die letzten Hundert Meter zu Fuß.

Einige Fischer boten auch ein Wassertaxi an, falls mal Besucher auf der Insel hängen blieben, aber die Einheimischen kannten den Rhythmus von Ebbe und Flut ebenso gut wie den von Sonnenauf- und -untergang und passten ihre Pläne eben an.

Und auf der Insel war das Leben ziemlich einfach. Wie sollte es auch anders sein, es gab hier ja nicht einmal WLAN. (Es war immer mal wieder die Rede davon, doch welches einzurichten, aber die von der Telefongesellschaft hatten Polly erklärt, dass sie dafür zunächst ein Unterwasserkabel verlegen müssten, was 100 000 Pfund kosten würde. Als man fragte, ob sie davon vielleicht einen Teil übernehmen könnte, war die Sache ziemlich schnell vom Tisch gewesen.) Und deshalb gab es auf der Insel ebenso wenig Internetshopping wie Nachtclubs, Junggesellinnenabschiede, Flugschneisen oder Gratis-Zeitungen.

Stattdessen standen hier Reihen von kleinen grauen Häusern aus Stein, die sich den Hügel hinaufschlängelten, dazu ein paar schicke neue Anbauten, Dachterrassen und Balkone aus Metall, erbaut von unerschrockenen Auswärtigen, die hier ihre Wochenenden verbrachten und ertragen mussten, dass sie von den Einheimischen verspottet und über den Tisch gezogen wurden.

Es gab einen alten Pub namens Red Lion mit einem Innenhof, in dem man immer noch einen alten Trog und Ringe zum Anbinden von Pferden bewundern konnte. Und dann war da noch Andys Fish-and-Chips-Bude, in der ein Foto von breit grinsenden Fischern mit einem riesigen Dorsch hing. Andy verkaufte den besten Hering und die frischesten, knusprigsten Fritten, an denen man sich zuerst die Finger verbrannte, bevor sie wegen des Salzes und Essigs zu stechen begannen. Wenn man wollte, bekam man dazu noch kleine Stückchen von der Fischpanade. Zu trinken gab es bei Andy Fanta, Tizer sowie Dandelion and Burdock, und man musste von ihm aus nur ein paar Schritte über die gepflasterte Straße gehen, um sich auf die Hafenmauer zu setzen, über das Wasser zu blicken und sich mit den Möwen herumzuschlagen.

Dann gab es im Ort noch Muriels Lebensmittelgeschäft, in dem man einfach alles kriegen konnte, und Tierarzt Patrick, der sich die Praxis mit einer jungen Allgemeinmedizinerin namens Callie teilte. Sie kam aber nur zweimal die Woche auf die Insel.

Die alte Bäckerei des Ortes war früher von Mrs Manse geleitet worden, die bei Pollys Ankunft auf der Insel auch ihre Vermieterin gewesen war. Mrs Manse hatte ihr das Leben unheimlich schwer gemacht, weil sie ihr verboten hatte, auf Mount Polbearne Brot zu backen. Inzwischen war Gillian Manse in Rente und lebte bei ihrer ebenso übel gelaunten Schwester in Truro, sodass Polly die Bäckerei nach ihren eigenen Vorstellungen führen konnte.

Neu im Ort war ein schickes Restaurant am Kai, das für die meisten Inselbewohner viel zu teuer, aber sehr beliebt bei Besuchern war. Es hatte sich auf den frischen Fisch spezialisiert, den die Kutter jeden Morgen in den Hafen brachten.

Jetzt wurden dort Netze geflickt, man zählte die Gewinne des Tages zusammen, und ein paar der Fischer winkten der vorbeilaufenden Polly zu. Hier und da wurde gefragt, welche Geschmacksrichtung ihre Michettes heute wohl haben würden (das waren Brötchen, die bei arbeitenden Männern besonders beliebt waren).

Doch alle grüßten Neil, der Polly wieder mal zur Arbeit folgte, wie sie nun verdrossen bemerkte. Die Bäckerei war nun wirklich nicht der ideale Ort für ihn, weil er dort einfach viel zu oft von Kunden gefüttert wurde. Außerdem würde Polly wirklich Probleme kriegen, wenn irgendwann mal jemand vom Gesundheitsamt vorbeikäme und auch nur die Schwanzspitze eines Seevogels im Lokal entdeckte. Dabei war ihre Backstube dank ihres Mitarbeiters Jayden immer picobello sauber.

Als Jayden in Bezug auf eine mögliche Inspektion mal eingewandt hatte, dass doch nun wirklich niemand unbemerkt auf die Insel gelangen könnte, hatte Polly nur geseufzt, dass es darum doch gar nicht ginge.

Inzwischen war es bereits ein Jahr her, dass sich über der Insel ein grauenhaftes Unwetter plötzlich wie aus dem Nichts zusammengebraut hatte. Es hatte damals Cornelius »Tarnie« Tarnforth, Kapitän der Trochilus und für kurze Zeit Pollys Liebhaber, das Leben gekostet. Polly konnte an den Kuttern immer noch nicht vorbeigehen, ohne jedes Mal an ihn zu denken. Es hatte lange gedauert, bis im Ort die Wunden verheilt waren.

Jetzt bimmelte es, als Polly die Tür zur Bäckerei am Strandweg aufmachte, zum hübschen kleinen Gebäude mit der hellgrauen Fassade – die ihr Ex Chris für sie gestrichen hatte – und dem schön geschwungenen Schriftzug:

 

Die kleine Bäckerei am Strandweg

Inhaberin Ms P. Waterford

seit 2014

 

Wenn ihr Blick auf die Inschrift fiel, erfüllte sie ihr Herz jedes Mal mit Stolz, obwohl sie noch nicht so ganz den Tatsachen entsprach. Es standen bereits ein paar Leute Schlange, und Jayden holte die warmen Brote aus der Backstube.

Heute gab es Fladen vom Blech, ein in feine Scheiben geschnittenes Weißbrot und das kräftigere Sauerteigbrot, das keinen so guten Absatz fand, in Pollys Augen aber fantastischen Toast abgab.

»Hey!«, grüßte Jayden sie. »Ja, alles ist super geworden, bis auf, äh, die Chorizo-Michettes. Die, hm, musste ich … tja … die sind viel zu dunkel geworden.«

Streng starrte Polly ihn an. »Tatsächlich, Jayden?«

Sie zog die Jacke aus und hängte sie an den Haken, dann umrundete sie den Tresen, um sich auf der anderen Seite sorgfältig die Hände zu waschen. Bei einem Blick zurück entdeckte sie draußen Neil, der geduldig an der Tür wartete und von Zeit zu Zeit von einem Fuß auf den anderen hüpfte. Das würde er so lange machen, bis sie die Kunden und damit auch ihn hereinließ. Nicht zum ersten Mal fragte sich Polly, ob es für Papageientaucher wohl auch so etwas wie eine Hundeschule gab.

»Ja, ja«, behauptete Jayden, seine Wangen leuchteten aber verdächtig rosig. Er öffnete die Tür, und die Kunden traten ein und ließen den Blick über die altmodischen Glasvitrinen wandern, um für sich schon mal das Passende auszusuchen.

Polly zog eine Augenbraue hoch.

»Die waren echt lecker«, räumte Jayden nun mit leiser Stimme ein. »Tut mir leid. Ich hab ja versucht, nur eine zu essen.«

Eigentlich war Jayden ein toller Mitarbeiter: pünktlich, höflich, warmherzig, effizient und sauberer als Meister Proper – die jahrelange Arbeit auf Fischerbooten hatte ihn Präzision und Gewissenhaftigkeit gelehrt. Besonders gut sah er zwar nicht aus, aber er war nett und charmant und deshalb bei allen beliebt.

Außerdem war er unglaublich dankbar dafür, dass er nicht länger auf den Job bei der Fischereiflotte angewiesen war, den er so sehr gehasst hatte. Er fand es toll, geregelte Arbeitszeiten zu haben und nicht mehr raus in die Kälte zu müssen. Man konnte sich auf ihn verlassen, was Geld anging, und er war freundlich zu den Kunden. (Zumindest zu denen aus dem Ort – Ausflüglern und Feriengästen gegenüber war er früher kurz angebunden bis schroff gewesen, aber das wurde langsam besser.)

Leider hatte Jayden die wirklich unverzeihliche Angewohnheit, sich an der Ware zu vergreifen.

»Es ist ja nicht so, als würde es nicht auffallen«, knurrte Polly und deutete auf Jaydens ständig an Umfang zunehmende Wampe unter der grauen Schürze.

»Ich weiß, tut mir leid.«

Das tat es wirklich, denn inzwischen war Jayden knallrot angelaufen. Letztes Jahr hatte er sich für Movember einen Schnäuzer wachsen lassen, und da alle ihm versichert hatten, wie gut der ihm stand – was auch stimmte –, hatte er ihn nicht mehr abrasiert. Jetzt schien er bis in die Schnurrbartspitzen zu erröten.

»Ich hab ja gar nichts dagegen, wenn du hier und da was probierst«, raunte Polly ihm zu. »Aber weißt du, das war Fleisch. Und das ist ziemlich teuer.«

Trotz des Schnauzbarts erinnerte Jayden an einen Siebenjährigen, als er nun schuldbewusst zu Boden starrte.

»Jetzt lassen Sie mal den jungen Mann in Ruhe«, mischte sich nun Pfarrerswitwe Mrs Corning ein. »Der ist doch wirklich ein Segen.« Die anderen Damen in der Schlange stimmten zu. Polly hatte den Verdacht, dass ihr kleiner allmorgendlicher Flirt mit Jayden für sie das Highlight des Tages war.

»Aber ein ziemlich unersättlicher Segen«, knurrte Polly.

»Und Ihr Vogel steht da draußen vor der Tür«, bemerkte jetzt eine andere Dame missbilligend, dann brach allgemeines Gemurmel aus. Am liebsten hätte Polly mit den Augen gerollt, aber das verkniff sie sich lieber. Sie wusste ganz genau, dass sie für manche Leute hier immer »die Neue« bleiben würde. Jetzt wandte sie sich an die nächste Kundin.

»Was kann ich denn für Sie tun?«, fragte sie höflich.

»Haben Sie welche von diesen leckeren Brötchen mit den kleinen Wurststückchen?«

»Nein«, sagte Polly mit einem letzten finsteren Blick in Richtung Jayden, der so tat, als wäre er gar nicht da, und sich plötzlich furchtbar beschäftigt gab. »Haben wir nicht.«

Jetzt erklang wieder die Türglocke.

»Hey, Polly, du hast Neil draußen vergessen!«, rief eine laute, tiefe amerikanische Stimme.

Der Laden, der ja ohnehin schon klein war, fühlte sich auf einmal noch beengter an, als Huckles Schatten auf den Tresen fiel. Pollys Freund war unglaublich groß, mit langen Beinen, breiten Schultern und dichtem blondem Wuschelhaar, das ihn noch größer aussehen ließ.

Selbst jetzt konnte Polly manchmal immer noch nicht fassen, dass Huckle wirklich mit ihr zusammen war. Er schien einem Werbespot mit Wüstenlandschaft, Kakteen und Cowboyhüten entsprungen.

»Also, echt!«, sagte Huckle vorwurfsvoll. Neil hockte auf seinem Ärmel – was er normalerweise nicht machte – und schaute Polly gekränkt an.

»Nein, den hab ich nirgendwo vergessen«, erklärte Polly genervt. »Eigentlich sollte er nämlich nicht an meinem Arbeitsplatz herumhüpfen, sondern draußen zwischen den Felsen unterwegs sein und versuchen, eine Papageientaucherdame kennenzulernen.«

»Oder einen Papageientaucherherrn«, entgegnete Huckle. »Da solltest du wirklich keine Vorurteile haben.«

Polly starrte ihn an. »Bezeichnest du mich etwa gerade als Vogelhomophobe?«

»Ich meine ja nur, dass wir jeder seiner möglichen Entscheidungen im Leben gegenüber offen sein sollten.«

»Mal abgesehen von der, mich hier im Laden zu besuchen!«

Huckle seufzte, aber die alten Damen scharten sich bereits um ihn, weil sie einen Blick auf Neil werfen wollten. (Oder, wie Polly verschmitzt bei sich dachte, weil sie ihre Krallen in Huckles Oberarm schlagen wollten.)

Als die Kundinnen ihren Freund endlich freigaben, lehnte sie sich vor, um ihm einen Kuss zu geben.

»Hey«, sagte sie und atmete seinen wundervollen warmen Duft ein, dem ein leichtes Aroma vom Öl des Motorrads anhaftete, mit dem er überall hinfuhr. »Bist du heute Morgen gar nicht unterwegs?«

»Doch, doch!«, nickte Huckle. »Ich wollte nur kurz reinschauen, um dir zu sagen, dass Dubose jetzt wirklich kommt.«

Polly biss sich auf die Lippe. »Im Ernst?«

Ihr Herz begann, etwas heftiger zu schlagen. Sie kannte Dubose nicht, bis jetzt war sie noch niemandem aus Huckles Familie begegnet. Dubose war sein jüngerer Bruder und hatte ein wenig den Ruf eines schwarzen Schafes.

»Wie sehen denn seine Pläne aus?«

Huckle rollte mit den Augen. »Frag besser nicht, offenbar braucht er wohl mal eine Auszeit.«

Verwirrt sah Polly ihn an. »Ich dachte, er wäre Farmer.«

»Ja«, nickte Huckle, »ganz genau. Und normalerweise nehmen Farmer sich keine Auszeiten.«

»Das ist wie bei uns Bäckern«, sagte Polly.

»Nur noch härter«, fand Huckle und schüttelte den Kopf. »Er überlässt die ganze Arbeit einfach Clemmie.« Clemmie war die Freundin von Dubose.

»Und, taugt sie nichts?«

»Doch, sie ist toll, wirklich super. Aber eine ganze Farm zu leiten … das ist viel Arbeit.« Huckle runzelte die Stirn. So ärgerlich sah Polly ihn selten, das fand sie eigentlich ganz süß.

»Wann wird er denn hier sein?«

»Er möchte sich ungern festlegen.« Huckle lächelte resigniert. »Ist es für dich okay, wenn er bei uns unterkommt?«

»Ja, natürlich, aber wow. Glaubst du, er wird mich mögen?«

Wieder verdrehte Huckle die Augen. »Dubose kommt eigentlich mit allen klar.«

Polly sah ihn an. »Klingt da womöglich ein wenig Eifersucht mit an?«, fragte sie verschmitzt.

»Kommt etwa ein neuer junger Mann in den Ort?«, erkundigte sich da Mrs Corning. »Hah, neuerdings ist hier ja ständig was los.«

Als sich Polly und Huckle zum ersten Mal begegnet waren, hatte er in der Nähe als Imker gelebt, und sie hatte seinen Honig in ihrem Laden verkauft. Zunächst hatte es zwischen ihnen nicht geklappt, und Huckle war in seine Heimatstadt Savannah in den USA zurückgekehrt, um dort wieder einen Bürojob anzunehmen. Aber nach sechs Monaten an der frischen Luft in Cornwall war es ihm nicht gelungen, sich wieder an die Arbeit in einer Firma zu gewöhnen, an das Angestelltendasein und daran, immer drinnen zu sein. Zum Glück war seine Rückkehr nach Großbritannien nicht schwierig gewesen, weil sein Vater hier geboren war, was die Einreiseformalitäten vereinfachte.

Wie so viele Menschen war jetzt auch er an einer Neubesinnung auf ein einfacheres Leben auf dem Land interessiert. Doch er hatte sich keine Ziegen oder Hühner zugelegt, sondern Bienenstöcke. Huckle hatte sich in einen fahrenden Imker und Berater verwandelt. Er half Menschen mit Bienenstöcken, die der Entwicklung der ständig schwindenden Bienenpopulation entgegenwirken wollten.

Auch bei seiner früheren Hütte, in der jetzt ein altes Ehepaar wohnte, schaute er oft vorbei. Gegen ein Glas Honig im Monat ließen sie ihn weiterhin seine Bienenstöcke dort versorgen. Es war wirklich das perfekte Arrangement. Mit alldem verdiente Huckle nicht viel Geld, aber abgesehen von dem Diesel für sein Motorrad und einer Gemüsekiste pro Woche von einem Bauern aus der Gegend, brauchten Polly und er auch nicht viel, sie lebten ein sehr einfaches Leben. Na ja, dachte er gelegentlich, irgendwann sollten wir vielleicht doch mal den Leuchtturm renovieren lassen und Pollys Geschäft auch wirklich übernehmen. Noch gehörte es Mrs Manse, der ursprünglichen Eigentümerin, deshalb mussten sie ein Teil der Einnahmen an sie abtreten. Leider war für diese beiden Verbesserungen in diesem Leben so einiges an Geld nötig, welches ihnen eben fehlte. Das ist schon in Ordnung, sagte er sich dann, schließlich reichte ihnen völlig, was sie hatten.

 

Kapitel 2

»Okay«, sagte Jayden, »dann mach ich mich mal auf den Weg zum anderen Laden und schaue nach der Kollegin vom Festland.«

Polly rollte mit den Augen.

»Jayden, fast jeder einzelne Bewohner dieser Erde kommt vom Festland. Es gibt sieben Milliarden Festländer und siebenhundert Polbearner. So kannst du doch die Weltbevölkerung nicht unterteilen.«

Jayden tat mit seinem Besen zwar äußerst beschäftigt, seine leicht gerunzelte Stirn verriet ihr jedoch, dass er nicht mit ihr einer Meinung war.

»Ich gehe«, sagte Polly, »dann kann ich Huckle noch zu seinem Motorrad bringen.«

»Sie will mich loswerden«, beklagte sich Huckle und zwinkerte den alten Damen zu.

»Nicht dich will ich loswerden«, erklärte Polly, »sondern Neil. Ich hoffe einfach, dass er dir folgen wird.«

Und tatsächlich, als sie gemeinsam den Laden verließen, hüpfte Neil fröhlich in das Sidecar. Er fuhr einfach zu gerne Motorrad. Huckle grinste Polly an.

»Willst du heute kochen?«, fragte sie.

Er zuckte mit den Achseln. »Wie wär’s denn, wenn du kochst, und ich laufe rauf und runter und sammle all die Gewürze und Utensilien ein, die du über vier Stockwerke verteilt hast?«

»Abgemacht«, sagte Polly und küsste ihn wieder. Huckle warf einen Blick auf die Uhr und setzte sich dann auf sein riesiges Motorrad. Neil steckte den Kopf zum Seitenwagen heraus, um sich am Fahrtwind zu ergötzen.

»Ich weiß wirklich nicht, für welche Art von Vogel der sich hält«, knurrte Polly. Aber dann sah sie den beiden doch belustigt hinterher, als sie in Höchstgeschwindigkeit – und mit laut knatterndem Motor – zum Fahrdamm zuckelten, der während der morgendlichen Ebbe immer noch wasserfrei dalag.

Sie atmete einmal tief ein, um ihre Lungen mit der frischen, salzigen Luft zu füllen, und sah zum Himmel hoch, an dem Wölkchen wie saubere Wäsche tanzten. Sie fragte sich, wie Huckles Bruder wohl sein würde. Da sie selbst keinen hatte, konnte Dubose vielleicht auch für sie wie ein Bruder werden.

Schließlich setzte sich Polly in Bewegung und ging den Strandweg entlang. Obwohl die Insel so klein war, gab es auf ihr zwei Bäckereien. In der ursprünglichen Polbearne Bakery wurden immer noch Baguettes, Sandwiches und eher traditionelles Gebäck verkauft – Plätzchen mit Guss, Rührkuchen und Zuckerzeug. In ihrer eigenen Bäckerei hatte Polly hingegen freie Hand, um ihre rustikalen Brote und interessante Varianten wie Olivenbrot oder herzhafte Gemüsekuchen anzubieten. Seit Mrs Manse in Rente war, fungierte die junge Bäckerin als Geschäftsführerin für beide Läden.

An so einem frischen Frühlingsmorgen wie heute konnte sich Polly nicht vorstellen, irgendwo anders als auf Mount Polbearne zu leben. Aber auch im Sommer ging ihr das so, wenn man Eimer und Spaten klappern hörte, es nach Sonnencreme und Eis roch und verlorene Sonnenbrillen aus Plastik in Rosa und Blau liebevoll auf die Hafenmauer gelegt wurden, falls die Besitzer zurückkommen und nach ihnen suchen würden.

Andererseits mochte sie auch den Herbst, wenn die Surfer, die in ihren schwarzen Neoprenanzügen aussahen wie Robben, die tollen Wellen am Breakwater Point nutzten und dann irgendwann ganz durchgefroren und ausgehungert bei ihr in der Bäckerei auftauchten. In diesen Monaten, die ansonsten ruhiger waren, weil die Ferien vorbei waren und die Kinder wieder zur Schule gingen, verkaufte sie auch Kaffee und heiße Suppe.

Und eigentlich gefiel ihr auch der Winter, wenn es draußen windig und eiskalt war und man nirgends hinkonnte. Dann kuschelten Huckle und sie sich in ihrem Adlernest zusammen aufs Sofa, schauten auf DVD Folge um Folge amerikanischer Serien. Dazu aßen sie Toast mit Butter, den sie mit kannenweise Tee runterspülten, während um sie herum der Sturm tobte.

Auf einer Insel konnte man den Wechsel der Jahreszeiten eben nicht ignorieren, man konnte sich nicht von der Welt abschotten wie in der Stadt, wo es Büroräume mit Neonröhren, Klimaanlage und Heizung gab, dazwischen nur gelegentlich ein mit Zigarettenstummeln übersätes Stück Grünfläche hinter einem Gebäude.

Polly mochte hier einfach alles.

Als vor zwei Jahren ihr ganzes Leben den Bach runtergegangen war, sie vor den Scherben ihrer Existenz gestanden hatte, da hätte sie sich niemals träumen lassen, dass sie einmal so eine Harmonie und Zufriedenheit finden und jeden Tag im Einklang mit den Jahreszeiten leben würde.

Sie bereute es nie, ihr Leben so radikal verändert zu haben, und konnte ihr Glück selbst kaum fassen. Sogar dann nicht, wenn es morgens klirrend kalt war oder wenn ihr der Rücken wehtat, weil sie stundenlang den Ofen geschrubbt hatte. Daran änderten auch die Tage nichts, an denen sie noch bis spät in die Nacht ihre Einnahmen zählte oder für ihre Steuererklärung zu entscheiden versuchte, was nun ein Kuchen und was ein Plätzchen war. Und sie blieb auch bei ihrer Meinung, wenn es auf Mount Polbearne tagelang am Stück regnete, während der Rest des Landes in Sonnenschein getaucht war. Oder wenn sie sich gern etwas Neues zum Anziehen kaufen würde, aber wieder einmal feststellen musste, dass niemand auf die Insel lieferte, die Geschäfte zum Fahren zu weit weg waren und sie sich ja doch nichts leisten konnte. Sie glaubte auch ganz fest daran, dass sie im Leben schon genug Pech gehabt hatte und deshalb jetzt eigentlich nichts mehr schiefgehen konnte.

Leider war das Universum da anderer Meinung.

Jugendbücher

Jennifer Estep »Bitterfrost« (Platz 23)

Blick ins Buch
BitterfrostBitterfrost

Mythos Academy Colorado 1

Mit ihrer »Frost«-Reihe begeisterte Jennifer Estep unzählige Fans in Deutschland. Doch ist der Kampf gegen Lokis Schnitter wirklich vorüber? Auf der Mythos Academy in Colorado geschehen besorgniserregende Ereignisse, aber nur wenige erkennen die Zeichen. Rory Forseti ist eine von ihnen. Trotz ihres jungen Alters hat sich die Spartanerin bereits im Kampf gegen Loki bewiesen. Dennoch ist sie eine Außenseiterin an ihrer Schule, denn ihre Eltern waren Schnitter – Verbrecher im Dienste Lokis. Rorys Vorsätze, endlich Freunde zu finden, werden über den Haufen geworfen, als sie Zeugin eines Mordes wird. Und wie sich herausstellt, stecken auch noch Lokis Schergen dahinter! Rory kann nicht zulassen, dass erneut Menschen durch die Schnitter leiden. Als eine Spezialeinheit sie für den Kampf gegen den Feind rekrutiert, gibt es für Rory kein Zurück mehr.
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1


Der erste Schultag ist immer der schlimmste.
Ein neues Schuljahr bedeutet neue Unterrichtsfächer, neue Bücher, neue Lehrer, neue Projekte, die es vorzubereiten, und neue Arbeiten, die es zu schreiben gilt. Außerdem muss man entscheiden, was man anziehen und wie man sich aufführen will, welche Art Mensch man sein und wie man wahrgenommen werden will, bis nach vielen langen, fernen, trostlosen Monaten die Schulferien anstehen. Vom allerersten Tag an gibt es so viel verdammten Druck, jede noch so winzige Kleinigkeit richtig hinzubekommen. Und das gilt schon für ganz gewöhnliche Jugendliche.
An der Mythos Academy nimmt dieser Druck extreme Ausmaße an.
»Freust du dich auf den ersten Schultag?«, ertönte eine unbeschwerte fröhliche Stimme.
Ich stopfte ein letztes Lehrbuch in meine dunkelgrüne Umhängetasche, dann schob ich sie auf dem Küchentisch zur Seite. Ich blickte auf und sah, wie Rachel Maddox, meine Tante, mich anlächelte. »Eigentlich nicht.«
Statt sich von meinem unwirschen, mürrischen Tonfall abschrecken zu lassen, wurde Tante Rachels Lächeln nur noch breiter. »Na ja, du solltest dich aber freuen. Es ist ein neues Schuljahr und ein neuer Start für uns. Alles wird wunderbar, Rory. Du wirst schon sehen.«
»Du meinst, all die anderen Schüler, Professoren und Angestellten werden plötzlich vergessen, dass meine Eltern Schnitter des Chaos waren und so viele schreckliche Dinge getan haben?« Ich schnaubte. »Verdammt unwahrscheinlich.«
Tante Rachels warmes Lächeln erlosch wie eine Kerze, die von einem kalten Wind ausgeblasen wurde. Sie senkte den Blick, drehte sich wieder zum Herd um und wendete die Brombeerpfannkuchen, die sie eigens für meinen ersten Schultag machte. Zugleich war es auch ihr erster Schultag, da sie im Speisesaal der Mythos Academy als Köchin arbeitete.
Ich zuckte zusammen und Schuldgefühle überkamen mich. Tante Rachel war siebenundzwanzig, nur zehn Jahre älter als ich, die vor wenigen Tagen siebzehn geworden war. Sie war für mich immer eher eine große Schwester gewesen als eine Tante – zumindest bis im vergangenen Jahr meine Eltern ermordet worden waren.
Meine Mom und mein Dad, Rebecca und Tyson Forseti, waren nicht die mutigen, starken, edelmütigen Spartanerkrieger gewesen, für die ich sie gehalten hatte. Die beiden waren insgeheim Schnitter gewesen und hatten mit anderen darauf hingearbeitet, Loki, den bösen nordischen Gott des Chaos, zurück ins Reich der Sterblichen zu bringen. Und meine Eltern waren nicht einfach irgendwelche Allerwelts-Schnitter gewesen. O nein. Sie waren Schnitter-Assassinen gewesen, die Schlimmsten der Schlimmen, verantwortlich für den Tod Dutzender und Aberdutzender unschuldiger Menschen.
Ich war absolut entsetzt gewesen, als ich die Wahrheit über sie erfahren hatte, vor allem da ich meine ganze Kindheit und Jugend hindurch nicht begriffen hatte, was für böse Krieger – was für böse Menschen – sie in Wirklichkeit waren.
Meine Eltern hatten mich genauso mühelos täuschen können wie alle anderen und eine üble, tiefe Wunde hinterlassen, die einfach nicht heilen wollte. Selbst jetzt, ein Jahr nach ihrem Tod, überzog ihr Verrat mein Herz noch immer wie eine Schicht aus bitterkaltem Frost und ließ all meine frühere Liebe zu ihnen erfrieren.
Manchmal spürte ich nichts anderes als diesen Frost, der mich von innen nach außen taub machte. Dann wieder war ich auf meine Eltern wegen all ihrer Lügen so wütend, dass ich halb erwartete, mir würde glühend heißer Dampf aus den Ohren quellen wie bei einer Comicfigur. In solchen Augenblicken hätte ich am liebsten nach allem und jedem um mich herum geschlagen. Ich wollte einfach irgendjemandem oder irgendetwas wehtun, auf die gleiche Weise, wie meine Eltern mir wehgetan hatten – zumal ich noch immer unter den Folgen ihrer bösen Taten litt. Vielleicht wollte ich aber auch nur um mich schlagen, weil ich Spartanerin war und wir von Natur aus zum Kämpfen neigten. Wenn es nur so leicht wäre, mit meinen Gefühlen fertigzuwerden, wie mit Schnittern zu kämpfen.
Ich weiß nicht, was schlimmer war – nichts zu fühlen oder viel zu viel zu fühlen. Oder vielleicht war es das Hin und Her zwischen den beiden Extremen. Wie auch immer, die kalte Taubheit und der heiße Zorn waren seit dem Tag, an dem ich die Sache mit meinen Eltern erfahren hatte, meine ständigen Begleiter.
Aber ich war nicht die Einzige, die die Wahrheit über meine Eltern am Boden zerstört hatte. Das Gleiche galt für Tante Rachel, die immer zu ihrer großen Schwester Rebecca aufgesehen hatte. Tante Rachel hatte das alles genauso schlimm verletzt wie mich, aber sie war dennoch zur Stelle gewesen und hatte mich aufgenommen – trotz all der schrecklichen Dinge, die meine Eltern getan hatten. Sie hatte sogar ihren Traum, eine Kochschule in Paris zu besuchen, zurückgestellt, sodass sie hier in Colorado bleiben und sich um mich kümmern konnte. Tante Rachel war im vergangenen Jahr so gut zu mir gewesen und sie tat ihr Allerbestes, um mich zu beschützen.
Ich hatte sie nicht anblaffen wollen. Wirklich nicht. Das war mein heißer Zorn gewesen, der durch die eisige Taubheit emporkochte und die Oberhand über mich gewann. Manchmal war es schwer, sie auch nur anzusehen, da sie das gleiche lange, glänzend schwarze Haar hatte, die gleichen grünen Augen und die gleichen hübschen Gesichtszüge wie meine Mom. Das schwarze Haar und die grünen Augen hatte auch ich, ebenso die Gesichtszüge, die mich jedes Mal peinigten, wenn ich in den Spiegel schaute.
Mehr als einmal hatte ich mit dem Gedanken gespielt, mein Haar neonpink zu färben oder violette Kontaktlinsen zu tragen, damit die Ähnlichkeit mit meiner Mom nicht mehr so groß war. Wer wollte schon die Tochter berüchtigter Schnitter-Assassinen sein? Geschweige denn, genau wie eine von ihnen aussehen? Richtig, absolut niemand.
Aber das war nun mal ich, Rory Forseti, und das war mein Leben, ob es mir gefiel oder nicht.
Doch ich wollte nicht wie meine Eltern sein, und das bedeutete wiederum, Tante Rachel nicht so anzufahren, wie meine Mom es im Laufe der Jahre so viele Male getan hatte, besonders in den Wochen unmittelbar vor ihrem Tod. Oder zumindest sollte ich versuchen, es wieder geradezubiegen, wenn ich Tante Rachel doch einmal angefahren hatte. Daher zwang ich mich in eine aufrechte Sitzposition und versuchte zu lächeln.
»Entschuldige«, sagte ich. »Ich bin einfach ein wenig … nervös. Du hast bestimmt recht. Es ist mein zweites Jahr auf der Akademie, also muss es jetzt einfacher werden. Außerdem ist Loki besiegt und alle können sich endlich entspannen und ihr Leben weiterleben, ohne sich Sorgen um ihn oder die Schnitter oder mythologische Ungeheuer machen zu müssen.«
Tante Rachel drehte sich wieder zu mir um und wieder breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. »Genau! Und alle wissen, wie sehr du Gwen und ihren Freunden dabei geholfen hast, Loki in der Schlacht auf der Mythos Academy zu besiegen. Sie wissen, dass du ein guter Mensch bist, Rory. Eine Heldin, genau wie Gwen.«
Mein Dad, Tyson, und Gwens Dad, Tyr, waren Brüder gewesen, was Gwen Frost zu meiner Cousine ersten Grades machte. Gwen war in der Welt der Mythos Academy in letzter Zeit eine richtig große Nummer. Okay, okay, eigentlich war sie sogar mehr als nur eine große Nummer. Sie war jetzt so etwas wie eine verdammte Prinzessin. Weil sie nämlich eine Möglichkeit gefunden hatte, Loki in die Falle zu locken und alle für immer vor dem bösen Gott in Sicherheit zu bringen.
Vor einigen Monaten hatten Loki und seine Schnitter des Chaos den Campus der Mythos Academy in Cypress Mountain in North Carolina gestürmt. Es war ein letzter verzweifelter Versuch gewesen, ein uraltes Artefakt in die Hände zu bekommen, das Lokis Gesundheit vollständig wiederhergestellt hätte, sodass er in der Lage gewesen wäre, uns alle zu versklaven. Aber Gwen hatte den Gott besiegt, hatte ihn überlistet, sie um ein Haar zu töten, sodass sie ihn mit der Macht ihres selbstlosen Opfers bannen konnte, um uns alle zu retten.
Wenn ich die Augen schloss, sah ich Gwen immer noch auf dem Boden der Bibliothek der Altertümer liegen, totenbleich und aus der Stichwunde blutend, die sie sich mit Vic, ihrem sprechenden Schwert, selbst zugefügt hatte. Auf diese Weise hatte sie Loki daran gehindert, die Kontrolle über ihren Körper, ihren Geist und ihre mächtige psychometrische Magie zu übernehmen. Aber Gwen hatte es überstanden, dank der Hilfe ihrer Freunde und dank Nike, der griechischen Göttin des Sieges. Gwen war wirklich und wahrhaftig Nikes Champion, die Person, die im Reich der Sterblichen für die Göttin arbeitete.
Und jetzt war sie auch der Champion aller anderen – die Heldin aller Helden.
Von einem Augenblick auf den anderen war aus Gwen, einem einfachen Gypsymädchen, eine regelrechte Berühmtheit geworden. Wann immer sie über den Campus lief, ihren Job in der Bibliothek der Altertümer erledigte, selbst wenn sie nur mit ihrem Freund Logan Quinn einen Kaffee trinken ging, starrten die Leute sie an und tuschelten über sie, hatte sie mir erzählt. Ich hatte es selbst erlebt, als ich sie im Sommer besucht hatte. Momentan behandelten alle Gwen so, als entstamme sie einer königlichen Familie, statt einfach eine gewöhnliche Schülerin zu sein. Einige der anderen Jugendlichen – und auch etliche Erwachsene – sprachen sie sogar an und baten um ein Autogramm und um Fotos mit ihr. Gwen hasste all die Aufmerksamkeit und wollte einfach ihr Leben weiterleben.
Ich kannte das Gefühl, selbst wenn mein eigenes Leben so finster war wie ihres hell.
Das falsche Lächeln entglitt meinem Gesicht, und ich sackte auf meinem Stuhl in mich zusammen.
Tante Rachel schob einen Stapel Pfannkuchen auf einen Teller und stellte ihn vor mich auf den Tisch. »Rory? Woran denkst du?«
Ich griff nach meiner Gabel und zwang mich, sie wieder anzulächeln. »Daran, wie großartig diese Pfannkuchen doch aussehen und riechen.«
Sie grinste zurück und setzte sich mit ihrem eigenen Teller mit Pfannkuchen an den Tisch. »Danke. Ich habe die wilden Brombeeren genommen, die wir gepflückt haben, als wir vor einigen Tagen die Greife in den Ruinen besucht haben.«
Ich nickte. Die Eir-Ruinen lagen auf dem Gipfel des Berges, der über Snowline Ridge aufragte. Sie waren nach Eir, der nordischen Göttin der Heilung, benannt und ein magischer Ort, immer voller blühender Wildblumen und grüner Kräuter, ganz gleich, wie kalt und schneereich das Wetter in Colorado war. Und was noch besser war: Die Ruinen waren die Heimat der Eir-Greife, mit denen sich Tante Rachel und ich vor einigen Monaten angefreundet hatten.
Ich liebte es, mit den Greifen herumzuhängen, die wie die Haustiere waren, die ich niemals gehabt hatte. Nun ja, sofern man riesige mythologische Kreaturen, die einen fressen konnten, falls sie das wirklich wollten, als Haustiere bezeichnen konnte. Und ganz besonders liebte ich es, auf dem Rücken der Greife zu fliegen, wenn sie über die Berggipfel und die immergrünen Wälder unter ihnen schwebten.
»Vielleicht können wir am Wochenende zu den Ruinen gehen«, schlug Tante Rachel vor. »Nachdem wir uns beide in unseren Alltag für das neue Schuljahr eingelebt haben.«
Als ich sie diesmal anlächelte, war mein Lächeln echt. »Das wäre toll.«
Sie beugte sich vor, nahm meine Hand und drückte sie sanft. »Ich habe ein gutes Gefühl, was den heutigen Tag betrifft. Du wirst schon sehen, Rory. Alles wird einfach wunderbar. Für uns beide.«
Ich war mir da nicht so sicher, aber ihre fröhliche Stimme und ihr glücklicher Gesichtsausdruck ließen einen winzigen Funken Hoffnung in meiner Brust aufglimmen. Ich erwiderte den Druck ihrer Hand. »Natürlich wird es das.«

Wir aßen unsere Pfannkuchen mit dem Speck, Rührei und den Käse-Kartoffelpuffern, die Rachel ebenfalls zum Frühstück gezaubert hatte. Sie war eine fantastische Köchin, und alles war köstlich, vor allem die locker-leichten, goldenen Pfannkuchen. Tante Rachel hatte außerdem Brombeersirup gemacht, der den Pfannkuchen ein noch süßeres und zugleich säuerliches Aroma verlieh.
Das gute Essen hob meine Laune, und als wir das Frühstück beendeten, sah ich dem Beginn des neuen Schuljahrs wirklich voller Hoffnung entgegen. Also schnappte ich mir meine Umhängetasche, schlang mir den Riemen über die Schulter und brach auf.
Tante Rachel und ich lebten in einem kleinen steinernen Cottage, das sich an ein Kiefernwäldchen am Rand der Akademie schmiegte. Ich trat auf den aschgrauen Pflastersteinweg hinaus und ging durch die saftig grünen, gut gepflegten Rasenflächen, an den Schülerwohnheimen vorbei und den Hang hinauf zum Hauptbereich des Campus.
Es war noch nicht ganz acht Uhr, aber die Sonne leuchtete hell am klaren, blauen Septemberhimmel, was meine Stimmung weiter hob. Wir befanden uns so hoch auf dem Berg, dass die Luft immer noch kühl war, und ich schob die Hände in die Taschen meiner waldgrünen Lederjacke, um sie warm zu halten. Ich brauchte nicht lange, um den letzten und steilsten Hügel zu erklimmen und den oberen Hof zu erreichen.
Mythos Academys gab es überall auf der Welt, von der Akademie hier in Snowline Ridge, Colorado, über Cypress Mountain, North Carolina, bis London in England, Frankfurt in Deutschland, Sankt Petersburg in Russland und so weiter. Aber jeder Campus sah mehr oder weniger aus wie der andere und hatte einen Hof als Herz der jeweiligen Akademie.
Fünf Gebäude aus dunklem, beinahe schwarzem Stein säumten den grasbewachsenen Hof vor mir – das mathematisch-naturwissenschaftliche Gebäude, das für Sprachen und Geschichte, der Speisesaal, die Turnhalle und die Bibliothek. Diese fünf Gebäude waren an jeder Mythos Academy in dem gleichen Sternenmuster angeordnet, auch auf dem Campus in North Carolina, wo Gwen zur Schule ging und wo die letzte Schlacht mit Loki stattgefunden hatte.
Aber es gab auch jede Menge Unterschiede zwischen den verschiedenen Akademien. Die Gebäude in Gwens Schule ähnelten alten, unheimlichen gotischen Burgen, während die Häuser hier wie riesige Hütten geformt waren, erbaut aus ineinandergefügten schweren Steinblöcken und dicken Baumstämmen. In alle Gebäude waren breite Fenster eingelassen, um die spektakuläre Aussicht auf die ringsum wachsenden Kiefern und auf den über dem Campus aufragenden hohen, zerklüfteten Berg zu zeigen.
Aber was mir an dem Hof am besten gefiel, waren die Statuen mythologischer Wesen auf den Dächern und rings um all die Gebäude. Nemeische Pirscher, Fenriswölfe, Eir-Greife. All diese Kreaturen und mehr schauten über den Hof, und die Blicke ihrer grauen Steinaugen schienen den Schülern zu folgen, wenn sie die Gebäude betraten oder verließen.
Die meisten anderen Jugendlichen kümmerten sich nicht darum, wie die Gebäude aussahen, und den Statuen schenkten sie überhaupt keine Beachtung, aber ich liebte das rustikale Ambiente und ganz besonders liebte ich es, all die mythologischen Wesen zu betrachten. Sie mochten starr und reglos sein, aber ich wusste, dass sie nur Sekunden plus ein kleines bisschen Magie davon entfernt waren, sich aus ihren steinernen Verankerungen loszureißen und herabzuspringen, um die Schüler zu beschützen, genau wie sie das während der Schlacht an der Akademie in North Carolina getan hatten.
Ich nickte der Statue des Fenriswolfs auf der Treppe zu, die mir am nächsten war. Der Wolf betrachtete mich einen Moment lang, bevor sich eines seiner steinernen Augen zu einem langsamen, verschmitzten Zwinkern schloss. Ich antwortete mit einem Grinsen, dann holte ich tief Atem und füllte die Lungen mit kühler Luft.
Für alle anderen war dies einfach nur irgendeine Mythos Academy, aber ich spürte hier eine Form von Wildheit und Freiheit, wie ich sie bei meinen Besuchen anderer Akademien nie erlebt hatte. Ich sah sie in den Schatten, die sich um die Statuen legten, roch sie in der frischen, sauberen Luft und hörte sie in dem rauen, pfeifenden Wind, der meinen Pferdeschwanz zerzauste.
Für mich war es mein Zuhause.
Da es der erste Schultag war, war der Hof gerammelt voll und praktisch alle hatten einen Kaffee in einer Hand und ihr Handy in der anderen. Alle möglichen mythologischen Krieger besuchten die Mythos Academy, aber die Mehrheit der Jungen waren Römer oder Wikinger, während die Mädchen größtenteils Amazonen oder Walküren waren. Leuchtend bunte Magiefunken blitzten in der Luft um viele der Jugendlichen herum, vor allem um die Walküren. Aus irgendeinem Grund verströmten Walküren beinahe ständig Magie und mit jeder Geste, die sie vollführten, und jeder Textnachricht, die sie verschickten, strömten Funkenschauer aus ihren Fingerspitzen.
Jeder Jugendliche, jeder Krieger hatte seine eigenen Fähigkeiten, Kräfte und magischen Anlagen – von besonders geschärften Sinnen bis hin zu der Befähigung, Blitze herabzurufen oder andere zu heilen. Aber im Allgemeinen waren Römer und Amazonen superschnell, während Wikinger und Walküren superstark waren.
Ich war nichts von alledem.
Ich war Spartaner wie meine Eltern und das war ein weiterer Punkt, in dem ich nicht zu den anderen passte, denn Spartaner waren selten – und sehr, sehr gefährlich. Fast alle anderen Schüler trugen mindestens eine Waffe bei sich, sei es ein Schwert oder ein Dolch an ihrer Hüfte, ein Kampfstab, den sie neben sich an die Bank lehnten, oder sogar ein Bogen und ein Köcher voller Pfeile, die aus ihren Sporttaschen lugten.
Aber ich hatte keine Waffen. Ich brauchte keine, da ich jeden Gegenstand nur in die Hand zu nehmen brauchte und automatisch wusste, wie man jemanden damit töten konnte.
Im Ernst, wenn ich wollte, könnte ich jemanden mit einem Zahnstocher töten. Mit einer Plastikgabel, einer Büroklammer, einem Füller. Was gerade greifbar war. Nicht, dass ich das jemals wirklich tun würde. Selbst für mich wäre so was schwierig, insbesondere wenn es doch so viel einfacher war, meinem Feind sein Schwert wegzunehmen und seine eigene Waffe gegen ihn einzusetzen. Aber wenn es sein musste, konnte ich mich mit allem verteidigen, was herumlag, ganz gleich, wie klein und harmlos es sein mochte.
Ich wusste nicht, wie das bei anderen Spartanern funktionierte, wie sich ihre Magie äußerte, aber wann immer ich in einen Kampf verwickelt wurde, sah ich, was die andere Person tun würde, noch bevor sie es wirklich tat. Wie sie die Füße bewegen, wie sie ihr Gewicht verlagern würde, sogar wie kräftig sie das Schwert nach mir schwingen würde. Es war, als wären wir beide Teil desselben Films, nur dass ich meinem Gegner um drei Schritte voraus war.
Und das Gleiche war der Fall, wenn es um Waffen ging, sei es ein traditionelles Schwert oder etwas so Kleines wie ein Zahnstocher. Sobald ich ein Schwert berührte, konnte ich erkennen, wie gut es gemacht war, wie gleichmäßig und wie scharf und kräftig die Klinge war, und ich passte intuitiv die Stellung meiner Füße, meinen Griff und meine Hiebe genau richtig an, um mit der Waffe den größtmöglichen Schaden anrichten zu können. Das Gleiche galt für den Zahnstocher, die Plastikgabel, die Büroklammer, den Füller und alles andere, was ich in die Hände bekommen konnte.
Und es war nicht einfach nur so, dass ich instinktiv wusste, wie man Menschen verletzen konnte. Etwas in meinem Spartanerblut sorgte dafür, dass es für mich etwas ganz Natürliches war, als sei ich dafür gemacht. Ein Schwert oder einen Kampfstab zu halten oder eine Bogensehne zu spannen fühlte sich für mich so richtig und so einfach an wie das Atmen.
Manchmal machte mir das ein wenig Angst.
Ich wollte nicht so sein wie meine Eltern. Ich wollte keine unschuldigen Leute verletzen. Ich wollte kein schlechter Mensch sein.
Ich wollte kein Schnitter sein.
Ich wollte … nun, ich war mir noch nicht ganz sicher, was ich sein wollte. Ich wollte irgendetwas mit meinem Leben anfangen, so wie Gwen es getan hatte. Ich wollte etwas Wichtiges tun. Etwas, das zählte. Etwas, das anderen Menschen helfen würde.
Und vielleicht, wirklich nur vielleicht, etwas, das helfen würde, die Fehler meiner Eltern wiedergutzumachen.
Aber nichts von alledem konnte ich tun, indem ich hier herumstand, daher atmete ich tief durch, straffte die Schultern und betrat den oberen Hof.
»Wird schon schiefgehen«, murmelte ich.
Ich nahm einen der gepflasterten Wege, der sich zum Gebäude für Englisch und Geschichte hinüberschlängelte. Dort fand meine erste Unterrichtsstunde des Tages statt, Mythengeschichte. Ich liebte Mythengeschichte, liebte es, von all den Göttern, Göttinnen, Kriegern und Kreaturen zu hören, und ich fragte mich, über welchen neuen Themen der Professor in diesem Jahr sprechen würde, besonders jetzt, nach der jüngsten Schlacht und Lokis Gefangenschaft …
»Sieh mal!«, zischte eine Stimme. »Da ist Rory Forseti!«
Ich hatte den Hof bereits halb überquert, als ich meinen Namen hörte.
Ich erstarrte und schaute nach rechts und mir graute vor dem, was ich sehen würde. Und tatsächlich, eine Gruppe von Walküren in Designerstiefeln, Jeans und dazu passenden karierten Jacken scharte sich um eine der schmiedeeisernen Bänke, die überall auf dem Hof standen. Sie waren alle ziemlich hübsch, mit perfekter Frisur und perfektem Make-up, und ihre Handys und Handtaschen waren sogar noch teurer als ihre Kleider.
Dezi, Harley, Kylie … ich erkannte mehrere der Mädchen, da sie alle wie ich im zweiten Schuljahr waren. Keine von ihnen hatte mich gemocht, als wir im vergangenen Herbst mit der Schule begonnen hatten, und sobald herausgekommen war, dass meine Eltern Schnitter gewesen waren, hatten sie mich offen gehasst.
Die Walküren bemerkten, dass ich sie anstarrte. Aber statt sich abzuwenden und so zu tun, als hätten sie nicht soeben meinen Namen genannt, zeigten sie alle auf mich und ließen rosa, grüne und blaue Magiefunken in der Luft um sich herum knistern. Mir wurde schwer ums Herz. Ich wusste, was als Nächstes kam.
»Ich kann nicht glauben, dass sie dieses Jahr hierher zurückgekehrt ist.«
»Hat sie wirklich gedacht, nur weil sie in North Carolina geholfen hat, würden wir vergessen, was ihre Eltern getan haben? Oder was sie gewesen sind?«
»Sie waren Schnitter, durch und durch, verdorben bis ins Mark. Und sie ist wahrscheinlich noch schlimmer …«
Die boshaften Bemerkungen gingen weiter und weiter, eine jede schneidender, grausamer und gemeiner als die zuvor. Schlimmer noch, die lauten Stimmen der Walküren übertönten die Gespräche aller anderen, bis sich die übrigen Schüler ebenfalls umdrehten und mich anstarrten. In weniger als einer Minute stand ich im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit und alle redeten und tuschelten über mich und tippten in ihre Handys.
Ich konnte nur starr und mit offenem Mund dastehen und aussehen wie ein ahnungsloser Schwachkopf. Ich hatte mir tatsächlich Hoffnungen gemacht. Ich hatte tatsächlich gedacht, dass dieses Jahr anders sein würde, besser, normaler. Dass ich genug Gutes getan hätte, um die Meinung der anderen über mich zu ändern. Aber ich hatte mich geirrt – total geirrt.
Ich war so eine verdammte Idiotin.
Natürlich würden die anderen Schüler nicht vergessen, dass meine Eltern Schnitter gewesen waren – nicht eine einzige lausige Sekunde lang. Wie hätten sie es auch vergessen können, nachdem die Schnitter uns so lange terrorisiert hatten? Nachdem sie ihr ganzes Leben in Angst vor den Schnittern verbracht hatten? Nachdem Schnitter Generation um Generation ihre Freunde und Verwandten getötet hatten? Eine einzige Schlacht vermochte an dieser ganzen Geschichte nichts zu ändern, an all dem bösen Blut, all der Angst, dem Zorn und dem Hass.
Nichts konnte daran jemals etwas ändern.
Aber das Schlimmste war, dass ich gehofft hatte, es hätte sich etwas geändert. Ich hatte auf den Neuanfang gehofft, von dem Tante Rachel so zuversichtlich gesprochen hatte. Nichts hatte ich mir mehr gewünscht als das.
Meine erste Unterrichtsstunde hatte noch nicht einmal angefangen und mein Schuljahr war bereits ruiniert, durch die bösen Taten meiner Eltern mit Blut getränkt und zu Asche verbrannt wie so viele andere Dinge in meinem Leben.
In vielfacher Hinsicht spiegelten meine Gefühle bezüglich der Mythos Academy meine Gefühle für meine Eltern wider. Ich liebte so vieles an der Akademie – die Landschaft, die Statuen, das Gefühl, zu Hause zu sein –, genauso wie ich die stille Kraft meiner Mom geliebt hatte und die unendliche Geduld meines Dads. Ein Teil von mir hasste die Akademie auch, insbesondere all die anderen Schüler, die über meine Schnittereltern Bescheid wussten. Manchmal hatte ich das Gefühl, als hätte ich ein großes rotes Fadenkreuz auf meiner Brust, das allen anderen Schülern die Erlaubnis gab, mich ins Visier zu nehmen.
Die grausamen Bemerkungen, das abfällige Getuschel und die hasserfüllten Blicke hielten an. Eine heiße, verlegene Röte überzog meine Wangen und meine Wut kochte wieder zur Oberfläche empor. Aber ich wusste aus der Erfahrung der Vergangenheit, dass es keinen Sinn hatte, gegen die anderen Jugendlichen anzukämpfen. Es würde mich nur noch mehr zur Zielscheibe ihres Hasses machen, als ich es bereits war. Außerdem hatten sie genauso viel Recht auf ihren Zorn wie ich auf meinen. Also knirschte ich mit den Zähnen, zog den Kopf ein und eilte weiter, entschlossen, so schnell wie möglich in das Gebäude für Englisch und Geschichte zu gelangen …
Eine Schulter rammte mich und ließ mich an den Rand des gepflasterten Weges taumeln.
»Pass doch auf!«, blaffte ich.
»Warum passt du nicht selbst auf?«, knurrte eine leise Stimme zurück.
Normalerweise wäre ich weitergegangen, da es nicht das erste Mal war, dass mich jemand beim Überqueren des Hofs »aus Versehen« absichtlich rammte und es ungeheuer witzig fand, das Mädchen mit den toten Schnittereltern zu piesacken. All die Spötteleien, das Getuschel und die Blicke hatten mich mit der altvertrauten, widerlichen Mischung aus Schuld, Scham und Verlegenheit erfüllt, aber diese Gefühle verwandelten sich jetzt in kalten, harten Zorn. Abfällige Blicke und Getuschel waren das eine, aber mich anzurempeln, das war etwas ganz anderes.
Jemand wollte sich mit mir anlegen? Nun gut, ich war es leid, mir all den Mist geben zu müssen und konnte es den anderen gerne mit eigener Münze heimzahlen.
Ich wirbelte herum, um mir die Person vorzuknöpfen, die in mich hineingerannt war, und stellte fest, dass es keine der hochnäsigen Walküren war, wie ich erwartet hatte. Es war ein Junge – und er war umwerfend.
Ganz im Ernst, er war groß und muskulös und einfach nur atemberaubend in seinen schwarzen Stiefeln, seiner schwarzen Jeans, seinem dunkelgrauen kragenlosen Polohemd und der schwarzen Lederjacke. Honigfarbene Strähnchen durchzogen sein dunkelblondes Haar, das in den merkwürdigsten Richtungen von seinem Kopf abstand, als würde er sich ständig mit den Fingern hindurchfahren, aber der zerzauste Look stand ihm total. Er hatte herrlich ausgeprägte Wangenknochen, eine perfekte, gerade Nase und ein kräftiges Kinn, wie man es bei einem Filmstar erwarten würde. Aber seine Augen … seine Augen waren einfach unglaublich – sie strahlten in einem hellen, durchdringenden Grau. Ich hatte noch nie zuvor solche Augen gesehen und ich versuchte herauszufinden, woran mich ihre Farbe erinnerte. Regenschwere Wolken vielleicht oder die glänzende Schneide eines frisch geschärften Schwertes …
Der Junge warf mir einen zornigen Blick zu und riss mich aus meiner Verzauberung. Ich blinzelte und zwang mich, nicht daran zu denken, wie hübsch er war. Stattdessen musterte ich ihn erneut und stellte fest, dass ich ihn noch nie gesehen hatte. Letztes Jahr, nachdem der ganze Schlamassel mit meinen Eltern passiert war, hatte ich darauf geachtet, jeden einzelnen Schüler der Akademie zu kennen – vor allem diejenigen, denen ich besser aus dem Weg ging. Aber dieser Junge? Er war neu.
Oh, ich war mir sicher, dass es eine absolut logische Erklärung dafür gab. Jede Menge Schüler wechselten von einer Akademie zur nächsten, vor allem zu Beginn des Schuljahres und ganz besonders zu Beginn dieses Schuljahres, da die Akademie in North Carolina nach der Schlacht immer noch renovierungsbedürftig war.
Trotzdem musterte ich den Jungen weiter und diesmal versuchte ich herauszufinden, was für eine Art von Krieger er war. Er konnte kein Römer sein, da ihn seine Magie sonst schnell genug gemacht hätte, um mir noch rechtzeitig aus dem Weg zu gehen. Mein Blick fiel auf die schwarze Reisetasche, die an seiner Hand baumelte. Die unverkennbare längliche Form der Tasche war dazu bestimmt, eine Streitaxt zu transportieren, und an der Außenseite der Tasche waren einige weitere, kleinere Äxte befestigt. Also war er ein Wikinger. Das waren die einzigen Krieger, die mit solchen Äxten hantierten. Kein Wunder, dass er mich fast umgerannt hätte. Seine Wikingerkraft hätte mich meilenweit über den Hof fliegen lassen können, wenn er das gewollt hätte. Vielleicht hatte er mich ja doch nicht absichtlich angerempelt.
Der Junge verengte die Augen. »Was starrst du mich so an?«
Ein Gefühl der Verlegenheit überkam mich, weil er mich dabei ertappt hatte, wie ich ihn angaffte. Aber ich achtete nicht auf die neue, heiße Röte, die mir in die Wangen schoss, verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte ihn nun meinerseits grimmig an.
»Was starrst du mich denn so an?«, blaffte ich. »Ich bin hier meines Weges gegangen und habe mich um meine eigenen Angelegenheiten gekümmert und dann, bäm!, bist du voll in mich hineingeknallt. Und jetzt entschuldigst du dich nicht einmal dafür, dass du mich beinahe umgeworfen hast.«
Ärger blitzte in seinen Augen auf und ließ sie ein dunkles Sturmwolkengrau annehmen, was ihn natürlich nur noch attraktiver machte. »Ich bin nicht in dich hineingeknallt. Du hast nicht darauf geachtet, wo du hingehst. Wenn sich hier irgendwer entschuldigen sollte, dann bist du das, Cupcake.«
Ich ließ die Arme fallen und ballte die Hände zu Fäusten. »Du hast mich doch nicht etwa gerade wirklich Cupcake genannt?«
Er zog eine Augenbraue hoch. »Was? Gefällt dir der Spitzname etwa nicht? Dabei passt er doch. Schau dich nur an mit deinen Designerklamotten, der teuren Handtasche und dem kecken kleinen Pferdeschwanz. Du bist ein süßer kleiner Cupcake von Krieger, genau wie die anderen Mädchen hier.«
Neue Wut durchdrang mich und ich näherte mich ihm, bis ich nur wenige Zentimeter vor ihm stand.
»Ich bin Spartanerin«, zischte ich. »Eine, die durchaus imstande ist, dir eine satte Abreibung zu verpassen, Wikinger, gleich hier an Ort und Stelle.«
Wieder sah er mich mit hochgezogener Augenbraue an. »Eine Drohung? Ach, wie süß! Vielleicht ein andermal. Jetzt muss ich in den Unterricht und du auch. Es sei denn, du willst schon an deinem ersten Schultag zu spät kommen.«
»Ich …«
Ich wollte ihn anblaffen, aber ein Gong scholl über den Hof, schnitt mir das Wort ab und verkündete, dass wir noch fünf Minuten Zeit hatten, um unsere Unterrichtsräume zu erreichen.
»Und das ist das Signal, mich von dir zu verabschieden. Bis später, Cupcake.« Der Wikinger hob zu einem spöttischen Salut die Hand an die Stirn. Dann wuchtete er sich seine Tasche über die Schulter, sodass all die kleinen Streitäxte an der Außenseite gegeneinanderklirrten, und ging an mir vorbei.
»Aber …«
Ich wirbelte herum, doch er bewegte sich sehr schnell und schritt auf die Turnhalle am anderen Ende des Hofs zu. Er war bereits außer Hörweite, es sei denn, ich wollte ihm Beleidigungen hinterherschreien. Ich war immer noch so wütend, dass ich den Mund öffnete, um loszubrüllen, aber dann merkte ich, dass mich alle schon wieder anstarrten, einschließlich der Walküren, die mich zuvor verspottet hatten. Sämtliche Mädchen verdrehten die Augen und kicherten, was das Gefühl der Demütigung noch verstärkte. Alle hatten meine Auseinandersetzung mit dem Wikinger mitbekommen und tratschten bereits darüber.
Wunderbar. Einfach wunderbar. Ich hatte mir gewünscht, dass es dieses Jahr anders sein würde, aber ich war wieder genau dort, wo ich letztes Jahr aufgehört hatte – alle redeten über mich, das mutmaßliche Schnittermädchen in ihrer Mitte. Und das war ganz allein seine Schuld.
Wütend starrte ich dem Wikinger nach, aber es gab nichts, was ich jetzt gegen ihn tun konnte. Also seufzte ich, drehte mich um und trottete über den Hof zum Gebäude für Englisch und Geschichte.
Während ich weiterging, hatte ich nur einen Gedanken im Kopf. Ich hatte heute Morgen absolut recht gehabt.
Der erste Schultag ist immer der schlimmste.
Vor allem an der Mythos Academy.

Stephanie Garber »Caraval« (Platz 28)

Blick ins Buch
CaravalCaravalCaraval

Roman

Scarlett Dragna fürchtet sich vor ihrem Vater, dem grausamen Governor der Insel Trisda. Sie träumt davon, ihrem Dasein zu entfliehen und Caraval zu besuchen, wo ein verzaubertes Spiel stattfindet. Doch ihr Wunsch erscheint unerreichbar – bis Scarlett von ihrer Schwester Donatella und dem geheimnisvollen Julian entführt wird, die ihr den Eintritt zu Caraval ermöglichen. Aber ist Caraval wirklich das, was Scarlett sich erhofft hat? Sobald das Spiel beginnt, kommen Scarlett Zweifel. Räume verändern auf magische Weise ihre Größe, Brücken führen plötzlich an andere Orte und verborgene Falltüren zeigen Scarlett den Weg in finstere Tunnel, in denen Realität und Zauber nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. Und als ihre Schwester verschwindet, muss Scarlett feststellen, dass sich ein furchtbares Geheimnis hinter Caraval verbirgt ...
Paperback
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1. Kapitel

 

Es dauerte sieben Jahre, bis sie den richtigen Brief schrieb.

50. Jahr, Elantinische Dynastie

Lieber Mister Caraval-Master,
ich heiße Scarlett, aber ich schreibe diesen Brief für meine Schwester Tella. Sie hat bald Geburtstag und sie möchte Euch und Eure wunderbaren ­Caraval-Darsteller so gerne sehen. Ihr Geburtstag ist der siebenunddreißigste Tag der Wachstums­jahreszeit, und es wäre der allerschönste aller Geburts­tage, wenn Ihr kommen könntet.
Sehr hoffnungsvoll
Scarlett von der Eroberten Insel Trisda

 


51. Jahr, Elantinische Dynastie

Lieber Mister Caraval-Master,
ich bin es wieder, Scarlett. Habt Ihr meinen ­letzten Brief bekommen ? Meine Schwester sagt, dass sie dieses Jahr schon zu alt zum Geburtstagfeiern ist, aber ich glaube, sie ist nur traurig, weil Ihr nicht nach Trisda gekommen seid. In dieser Wachstumsjahreszeit wird sie zehn und ich werde elf. Sie gibt es nicht zu, aber sie würde Euch und Eure wunderbaren Caraval-Darsteller immer noch gerne sehen.
Sehr hoffnungsvoll
Scarlett von der Eroberten Insel Trisda

 


52. Jahr, Elantinische Dynastie

Lieber Caraval-Master Legend,
es tut mir leid, dass ich Euren Namen in meinen anderen Briefen falsch geschrieben habe. Ich
hoffe, das ist nicht der Grund, warum Ihr nicht nach Trisda gekommen seid. Ich wollte Eure ­fantastischen Caraval-Darsteller nicht nur wegen des Geburtstags meiner Schwester hierherholen,
ich würde sie auch sehr gerne sehen.
Es tut mir leid, dass dieser Brief so kurz ist. Mein Vater wird sauer, wenn er mich dabei erwischt, wie ich Euch schreibe.
Sehr hoffnungsvoll
Scarlett von der Eroberten Insel Trisda

 


52. Jahr, Elantinische Dynastie

Lieber Caraval-Master Legend,
ich habe es gerade erst gehört und ich wollte
Euch mein Beileid aussprechen. Ich weiß, dass Ihr
kein Mörder seid, auch wenn Ihr nie auf einen meiner Briefe geantwortet habt oder nach Trisda gekommen seid. Ich bin sehr traurig darüber, dass Ihr eine Weile nicht auf Reisen gehen werdet.
Mit den freundlichsten Grüßen
Scarlett von der Eroberten Insel Trisda


55. Jahr, Elantinische Dynastie

Lieber Master Legend,
erinnert Ihr Euch noch an mich ? Scarlett von
der Eroberten Insel Trisda ? Ich weiß, es ist schon ein paar Jahre her, seit ich Euch das letzte Mal ­geschrieben habe. Wie ich höre, tretet Ihr mit ­Euren Darstellern wieder auf. Meine Schwester ­erzählte mir, dass Ihr niemals zweimal zum
selben Ort reist, doch seit Eurem Besuch vor ­fünfzig Jahren hat sich hier viel verändert, und ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass es ­jemanden gibt, der Eure Vorstellung noch lieber ­sehen möchte als ich.

Sehr hoffnungsvoll
Scarlett

 

56. Jahr, Elantinische Dynastie

Lieber Master Legend,
ich habe gehört, dass Ihr letztes Jahr das Südreich besucht und dem Himmel eine andere Farbe ge­geben habt. Ist das wahr ? Meine Schwester und
ich haben sogar versucht, zu Eurem Auftritt zu kommen, aber wir dürfen Trisda nicht verlassen. Manchmal glaube ich, dass ich nie über die Er­oberten Inseln hinauskommen werde. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mir so sehr wünsche, dass Ihr mit Euren Darstellern hierherkommt. Wahrscheinlich ist es zwecklos, Euch noch einmal darum zu bitten, aber ich hoffe trotzdem, dass Ihr einen Besuch hier vielleicht in Erwägung zieht.
Sehr hoffnungsvoll
Scarlett von der Eroberten Insel Trisda

 


57. Jahr, Elantinische Dynastie

Lieber Master Legend,
dies hier ist mein letzter Brief. Ich werde bald ­heiraten, also ist es vermutlich das Beste, wenn Ihr mit Euren Darstellern dieses Jahr nicht nach Trisda kommt.
Scarlett Dragna

 


57. Jahr, Elantinische Dynastie

Liebe Scarlett Dragna von der Eroberten Insel Trisda,
herzlichen Glückwunsch zu Eurer baldigen Hochzeit. Es tut mir leid, dass ich meine Darsteller nicht nach Trisda bringen kann. Wir werden ­dieses Jahr nicht reisen. Unsere nächste ­Vorstellung findet nur für geladene Gäste
statt, aber ich würde mich freuen, Euch und ­Euren ­Verlobten kennenzulernen, wenn Ihr eine ­Möglichkeit finden könnt, Eure Insel zu ver-
lassen und zu uns zu kommen. Bitte nehmt mein ­beigefügtes Geschenk an.

Aus der Feder von Caraval-Master Legend

 

 

2. Kapitel

 

Scarletts Gefühle strahlten sogar noch bunter als sonst. Das drängende Rot glühender Kohlen. Das eifrige Grün frisch keimenden Grases. Das ungestüme Gelb der Federn eines flatternden Vogels.
Er hatte endlich zurückgeschrieben.
Sie las den Brief ein weiteres Mal. Dann noch einmal. Und noch einmal. Ihre Augen folgten jedem der scharfen Tintenstriche, jeder wächsernen Windung des Silberwappens von Caraval : eine Sonne mit einem Stern darin, in dem wiederum eine Träne zu sehen war. Dasselbe Siegel war als Wasserzeichen auf den beiliegenden Papierstücken abgebildet.
Dies hier war kein Scherz.
» Donatella ! « Scarlett eilte auf der Suche nach ihrer jüngeren Schwester die Stufen zum Fasslager hinab. Die ver­trauten Gerüche nach Melasse und Eichenholz stiegen ihr in die Nase, doch ihre verflixte Schwester war nirgends zu ­sehen.
» Tella – wo bist du ? « Öllampen tauchten die Rumflaschen und mehrere frisch gefüllte Holzfässer in bernsteinfarbenes Licht. Als sie sich zwischen den Fässern hindurchschlängelte, hörte Scarlett ein Stöhnen, gefolgt von schwerem Atmen. Vielleicht hatte Tella nach dem jüngsten Streit mit ihrem Vater ein bisschen zu viel getrunken und schlief irgendwo auf dem Boden. » Dona… «
Der Rest des Wortes blieb ihr im Hals stecken.
» Hallo, Scar. «
Tella schenkte Scarlett ein träges Lächeln, weiße Zähne blitzten zwischen geschwollenen Lippen hervor. Ihre honigblonden Locken waren zerzaust und ihr Schultertuch war zu Boden gefallen. Was Scarlett jedoch die Sprache verschlug, war der Anblick des jungen Seemanns, der die Arme um Tellas Taille geschlungen hatte. » Habe ich euch etwa unter­brochen ? «
» Wir können jederzeit weitermachen. « Der Seemann sprach mit dem singenden Tonfall des Südreiches, es klang viel weicher als der scharfe Zungenschlag des Meridian­reiches, an den Scarlett gewöhnt war.
Tella kicherte, hatte aber wenigstens den Anstand, ganz leicht zu erröten. » Scar, du kennst doch Julian, oder ? «
» Schön, dich zu sehen, Scarlett. « Julian lächelte, kühl und verführerisch wie ein schattiger Ort an einem heißen Tag.
Scarlett wusste, dass sie höflicherweise irgendetwas wie » Freut mich auch « sagen sollte, aber sie konnte nur an seine Hände denken, die weiterhin Tellas immergrünblaue Röcke umfassten und mit den Stofffalten ihrer Turnüre spielten, als wäre Tella ein Geschenk, das er nur allzu gerne auspacken wollte.
Julian war erst seit etwa einem Monat auf Trisda. Als er von seinem Schiff geschlendert war, groß und gut aussehend mit seiner goldbraunen Haut, hatte er die Aufmerksamkeit aller Frauen erregt. Sogar Scarlett hatte sich kurz nach ihm umgedreht, aber sie war nicht so dumm gewesen, länger hinzusehen.
» Tella, es macht dir doch nichts aus, mal kurz mitzukommen ? « Es gelang ihr, Julian höflich zuzunicken, aber sobald sie und ihre Schwester genug Fässer zwischen sich und ihn gebracht hatten und außer Hörweite waren, zischte sie : » Was machst du denn da ? «
» Scar, du heiratest bald. Da sollte man wohl annehmen, dass du weißt, was Männer und Frauen miteinander machen. « Spielerisch knuffte Tella ihre Schwester gegen die Schulter.
» Das meine ich nicht. Du weißt, was passiert, wenn Vater dich erwischt. «
» Und deshalb habe ich auch nicht vor, mich erwischen zu lassen. «
» Bitte mach keine Witze. «
» Mache ich nicht. Wenn Vater uns erwischt, finde ich schon eine Möglichkeit, dir die Schuld in die Schuhe zu schieben. « Tella lächelte hart. » Aber du wolltest doch bestimmt über etwas anderes reden. « Ihr Blick senkte sich auf den Brief in Scarletts Händen.
Der trübe Schein der Laternen fing sich in den metallisch verzierten Rändern des Papiers und ließ sie golden schimmern, in der Farbe der Magie und der Wünsche und Verheißungen. Die Adresse auf dem Umschlag leuchtete im gleichen Glanz auf.
Miss Scarlett Dragna
Wohnhaft im Beichtstuhl der Priester
Trisda
Eroberte Inseln des Meridianreiches
Tellas Blick wurde scharf, als sie die leuchtende Schrift sah. Scarletts Schwester mochte schöne Dinge. Wie den jungen Mann, der noch immer hinter den Fässern auf sie war­tete. Oft, wenn Scarlett irgendein hübsches Stück vermisste, fand sie es versteckt im Zimmer ihrer jüngeren Schwester.
Aber Tella griff nicht nach dem Brief. Sie ließ ihre Hände, wo sie waren, als wollte sie damit nichts zu tun haben. » Noch ein Brief vom Grafen. « Sie spuckte den Titel aus, als verbärge sich dahinter der Teufel.
Scarlett überlegte, ob sie ihren Verlobten verteidigen sollte, aber ihre Schwester hatte ihr bereits sehr deutlich zu ver­stehen gegeben, was sie von ihrer Verlobung hielt. Es machte keinen Unterschied, dass arrangierte Ehen im Meridianreich sehr in Mode waren oder dass der Graf seit Monaten treu die freundlichsten Briefe an Scarlett schrieb. Tella weigerte sich zu verstehen, wie Scarlett einen Mann heiraten konnte, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Doch einen völlig Un­bekannten zu heiraten, machte Scarlett weit weniger Angst als die Vorstellung, auf Trisda bleiben zu müssen.
» Und ? «, drängte Tella. » Verrätst du mir jetzt, was es
ist ? «
» Der Brief ist nicht vom Grafen. « Scarlett sprach leise, damit Tellas Seemannsfreund sie nicht hörte. » Er kommt vom Master von Caraval. «
» Er hat dir zurückgeschrieben ? « Tella schnappte sich den Brief. » Bei Gottes Zähnen ! «
» Schhh ! « Scarlett drängte ihre Schwester gegen die Fässer. » Jemand könnte dich hören. «
» Darf ich das jetzt etwa nicht feiern ? « Tella zog die drei Papierstücke hervor, die der Einladung beilagen. Das Lampenlicht fiel auf die Wasserzeichen. Einen Augenblick lang leuchteten sie golden auf wie die Ränder des Umschlags, dann wurde ein gefährlich blutiges Scharlachrot daraus.
» Siehst du das ? « Tella schnappte nach Luft, als silberne Buchstaben auf der Seite erschienen, sich träge wanden und schließlich Wörter formten : Eine Zugelassene : Donatella Dragna von den Eroberten Inseln.
Auf dem zweiten Papierstück erschien Scarletts Name.
Auf dem dritten stand nur Ein Zugelassener. Wie bei den anderen Einladungen war darunter der Name einer Insel zu lesen, von der sie noch nie gehört hatte : Isla de los Sueños.
Scarlett nahm an, dass die namenlose Einladung für ihren Verlobten bestimmt war, und einen Moment lang stellte sie sich vor, wie romantisch es wäre, Caraval mit ihm zusammen zu erleben, sobald sie erst einmal verheiratet wären.
» Oh, schau mal, da steht ja noch mehr. « Tella kiekste, als weitere Wörter auf den Karten erschienen.
Zur einmaligen Verwendung, um Zutritt zu Caraval zu erhalten.
Die Haupttore schließen um Mitternacht, am dreizehnten Tag der Wachstumsjahreszeit, im siebenundfünfzigsten Jahr der Elantinischen Dynastie. Wer zu einem späteren Zeitpunkt eintrifft, wird nicht am Spiel teilnehmen und den diesjährigen Preis in Form eines Wunsches nicht gewinnen können.
» Das ist ja schon in drei Tagen «, sagte Scarlett und die strahlenden Farben, die sie gerade noch empfunden hatte, verwandelten sich in die üblichen Grautöne der Enttäuschung. Sie hätte es besser wissen müssen, als auch nur für einen Augenblick zu glauben, dass dies hier tatsächlich wahr werden könnte. Vielleicht, wenn Caraval in drei Monaten stattfinden würde oder auch in drei Wochen – irgendwann nach ihrer Hochzeit. Scarletts Vater hatte um das genaue ­Datum ihrer Vermählung ein großes Geheimnis gemacht, aber sie wusste, dass es jedenfalls noch nicht in den kommenden drei Tagen so weit sein würde. Und die Insel davor zu verlassen, war unmöglich – und viel zu gefährlich.
» Aber schau doch mal, was es dieses Jahr für einen Preis gibt «, beharrte Tella. » Einen Wunsch. «
» Ich dachte, du glaubst nicht an Wünsche. «
» Und ich dachte, du würdest dich mehr über das hier ­freuen «, konterte Tella. » Du weißt schon, dass andere Leute töten würden, um die hier in die Finger zu bekommen ? «
» Hast du auch den Teil gelesen, in dem steht, dass wir die Insel verlassen müssen ? « Ganz gleich, wie sehr sich Scarlett wünschte, bei Caraval dabei zu sein – ihre Hochzeit war noch wichtiger. » Um in drei Tagen dort zu sein, müssten wir wahrscheinlich schon morgen abreisen. «
» Warum, glaubst du, bin ich so aufgeregt ? « Das Glänzen in Tellas Augen wurde immer heller. Wenn sie glücklich war, begann die ganze Welt zu schimmern und Scarlett wollte mit ihrer Schwester gemeinsam strahlen und zu allem Ja ­sagen, was sich Tella wünschte. Aber Scarlett wusste allzu gut, wie tückisch es war, seine Hoffnungen auf etwas so Trüge­risches wie einen Wunsch zu setzen.
Scarlett verlieh ihrer Stimme Schärfe. Sie verabscheute sich selbst dafür, dass sie die Freude ihrer Schwester zer­stören musste, aber besser sie als jemand, der noch weit Schlimmeres tun würde. » Hast du dich hier unten am Rum zu schaffen gemacht ? Oder hast du vergessen, was Vater getan hat, als wir das letzte Mal versucht haben, Trisda zu verlassen ? «
Tella zuckte zurück. Einen Augenblick lang blitzte ihre Verletzlichkeit auf, die sie so hart zu verbergen versuchte. Dann verwandelte sich ihre Miene jedoch ebenso schnell wieder. Ihre rosa Lippen formten ein Lächeln und sie wirkte nicht mehr verstört, sondern vielmehr unzerstörbar. » Das war vor zwei Jahren. Jetzt sind wir schlauer. «
» Wir haben aber auch mehr zu verlieren «, widersprach Scarlett.
Für Tella war es leichter, das beiseitezuwischen, was das letzte Mal geschehen war, als sie versucht hatten, Caraval zu besuchen. Scarlett hatte ihrer Schwester nie alles erzählt, was ihr Vater damals getan hatte, um sie zu bestrafen. Sie hatte nicht gewollt, dass Tella mit so viel Angst leben musste ; dass sie sich permanent umsah ; dass sie erfuhr, dass es Schlim­meres gab als die üblichen Strafen eines Vaters.
» Erzähl mir nicht, dass du nur Angst hast, das hier könnte deiner Hochzeit in die Quere kommen. « Tella verstärkte den Griff um die Karten.
» Hör auf. « Scarlett zog sie ihrer Schwester aus der Hand. » Du zerknickst sie noch. «
» Und du hast meine Frage nicht beantwortet, Scarlett. Geht es hier um deine Hochzeit ? «
» Natürlich nicht. Es geht darum, dass wir morgen nun mal nicht von dieser Insel herunterkommen können. Wir wissen ja nicht einmal, wo dieser Ort ist. Ich habe noch nie von der Isla de los Sueños gehört, aber ich weiß, dass sie nicht zu den Eroberten Inseln gehört. «
» Ich weiß, wo sie liegt. « Julian trat hinter den Rumfässern neben den Schwestern hervor und lächelte sie strahlend an, was wohl bedeuten sollte, dass er sich nicht dafür entschuldigen würde, ihre private Unterhaltung belauscht zu ­haben.
» Das hier geht dich nichts an. « Scarlett scheuchte ihn mit einer Handbewegung fort.
Julian sah sie so merkwürdig an, als hätte ihn noch nie zuvor ein Mädchen weggeschickt. » Ich will euch doch nur helfen. Ihr habt noch nie von dieser Insel gehört, weil sie nicht Teil des Meridianreichs ist. Sie wird von keinem der fünf Reiche regiert. Die Isla de los Sueños ist Legends Privat­insel, und sie liegt nur etwa eine Zweitagesreise von hier entfernt. Wenn ihr dorthin möchtet, kann ich euch auf mein Schiff schmuggeln, für einen gewissen Preis. « Julians Blick ruhte auf der dritten Karte. Seine hellbraunen Augen wurden von dichten Wimpern umkränzt ; dieser Blick war wie geschaffen dafür, Mädchen dazu zu bringen, ihre Röcke zu raffen und ihm die Arme zu öffnen.
Tellas Bemerkung, manche Menschen würden für diese Karten töten, hallte in Scarletts Gedanken wider. Julian mochte ein einnehmendes Gesicht haben, doch er hatte auch einen Südreichakzent und jeder wusste, was für ein gesetz­loser Ort das Südreich war.
» Nein «, antwortete Scarlett. » Es ist zu gefährlich, wenn man uns fasst. «
» Alles, was wir tun, ist gefährlich «, kommentierte Tella. » Wir stecken auch ganz schön in Schwierigkeiten, wenn wir hier unten mit einem Jungen erwischt werden. «
Julian wirkte beleidigt, weil sie ihn einen Jungen genannt hatte, aber bevor er etwas sagen konnte, fuhr Tella schon fort : » Nichts, was wir tun, ist ungefährlich. Aber es ist das Risiko wert. Du hast dein ganzes Leben auf das hier gewartet, du hast es dir bei jeder Sternschnuppe gewünscht, bei jedem neuen Schiff im Hafen darum gebetet, dass es das magische Schiff der geheimnisvollen Caraval-Darsteller ist. Du willst es doch sogar noch mehr als ich. «
Was auch immer ihr über Caraval gehört habt, es kommt der Wirklichkeit nicht einmal nahe. Es ist mehr als nur ein Spiel oder eine Vorstellung. Es ist das, was der Magie in dieser Welt am nächsten kommt. Die Worte ihrer Großmutter tanzten in Scarletts Kopf, während sie die Karten in ihrer Hand betrachtete. Die Geschichten über Caraval, die sie als kleines Mädchen so geliebt hatte, waren ihr noch nie realer erschienen als in diesem Augenblick. Mit Scarletts stärksten Gefühlen waren immer Farben verbunden und für einen Moment flammte goldrutengelbe Sehnsucht in ihr auf. Ganz kurz malte sie sich aus, wie es wohl wäre, zu Legends Privatinsel zu reisen, das Spiel zu spielen und den Wunsch zu gewinnen. Freiheit. Eigene Entscheidungen. Wunder. Magie.
Eine schöne, lächerliche Vorstellung.
Und es war am besten, wenn es so blieb. Wünsche waren auch nicht wirklicher als Einhörner. Als kleines Mädchen hatte Scarlett die Geschichten ihrer Großmutter über die Magie von Caraval geglaubt, doch sie war erwachsen geworden und hatte diese Märchen hinter sich gelassen. Sie hatte nie einen Beweis gesehen, dass es Magie tatsächlich gab. Und nun kam es ihr sehr viel wahrscheinlicher vor, dass die Geschichten ihrer Großmutter nichts weiter waren als die Übertreibungen einer alten Frau.
Ein Teil von ihr wollte die Pracht von Caraval immer noch erleben, aber sie wusste es besser. Magie würde ihr Leben nicht ändern. Der einzige Mensch, der ihr und ihrer Schwester ein neues Leben schenken konnte, war Scarletts Verlobter, der Graf.
Jetzt, da sie nicht mehr dem Licht der Lampen ausgesetzt waren, verschwand die Schrift auf den Karten wieder und sie sahen beinahe ganz gewöhnlich aus. » Tella, es geht nicht. Es ist zu gefährlich. Wenn wir versuchen, die Insel zu ver­lassen … « Scarlett verstummte, als ein Knarren von der Treppe zum Fasslager erklang. Es folgten schwere Stiefelschritte. Von mindestens drei Männern.
Scarlett warf ihrer Schwester einen panischen Blick zu.
Tella fluchte und gab Julian mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er sich verstecken sollte.
» Oh, verschwinde nicht meinetwegen. « Governor Dragna hatte den Fuß der Treppe erreicht, der scharfe Geruch seines schwer parfümierten Anzugs verdarb den würzigen Duft des Fassraums.
Rasch schob Scarlett die Karten in die Tasche ihres Kleides.
Drei Wachen folgten ihrem Vater auf dem Fuß.
» Ich glaube, wir sind uns noch nicht begegnet. « Ohne seine Tochter zu beachten, reichte Governor Dragna Julian die Hand. Er trug seine pflaumenvioletten Handschuhe. Sie hatten die Farbe von dunklen Blutergüssen, die Farbe der Macht.
Aber wenigstens trug er die Handschuhe noch. Governor Dragna mochte es, ein Bild der Zivilisiertheit zu bieten. Er kleidete sich gerne tadellos in einen maßgeschneiderten schwarzen Gehrock und eine gestreifte violette Weste. Er war Mitte vierzig, aber er war nicht fett geworden wie andere Männer. Der neuesten Mode entsprechend trug er sein blondes Haar mit einer schwarzen Schleife zu einem ordentlichen Pferdeschwanz zurückgebunden, seine Augenbrauen waren in Form gezupft und er trug einen dunkelblonden Spitzbart.
Julian war größer, doch der Governor brachte es trotzdem fertig, auf ihn hinabzublicken. Scarlett sah, wie ihr Vater die geflickte braune Jacke des Seemanns musterte, seine lockere Hose, die in abgewetzten kniehohen Stiefeln steckte.
Es sagte viel über Julians Selbstbewusstsein aus, dass er dem Governor ohne Zögern die eigene, bloße Hand ent­gegenstreckte. » Schön, Euch kennenzulernen, Sir. Julian Marrero. «
» Governor Marcello Dragna. « Die Männer schüttelten ­einander die Hände. Julian wollte den Griff lösen, aber der Governor hielt ihn fest. » Julian, du kommst wohl nicht von dieser Insel ? «
Dieses Mal zögerte Julian doch. » Nein, Sir. Ich bin Seemann. Erster Maat der El Beso Dorado. «
» Dann bist du also nur auf der Durchreise. « Der Governor lächelte. » Wir mögen Seeleute hier. Sie tun der Wirtschaft gut. Sie zahlen gut, um hier anlegen zu dürfen, und während ihres Besuchs geben sie noch mehr Geld aus. Und jetzt sag mir, was hältst du von meinem Rum ? « Mit der freien Hand machte er eine Geste, die den ganzen Raum einschloss. » Ich nehme an, das war es, was du hier unten gekostet hast ? «
Als Julian nicht sofort antwortete, drückte der Governor fester zu. » Hat er dir nicht zugesagt ? «
» Nein, Sir «, antwortete Julian. » Ich meine, doch, Sir «, korrigierte er sich hastig. » Alles, was ich gekostet habe, war sehr gut. «
» Gilt das auch für meine Töchter ? «
Scarlett erstarrte.
» Ich rieche an deinem Atem, dass du keinen Rum getrunken hast «, fuhr Governor Dragna fort. » Und ich weiß, dass du nicht hier unten bist, um Karten zu spielen oder Gebete zu sprechen. Also sag mir, welche meiner Töchter hast du gekostet ? «
» Oh, nein, Sir. Das habt Ihr falsch verstanden. « Julian schüttelte den Kopf und hatte die Augen aufgerissen, als könnte er etwas so Unehrenhaftes niemals tun.
» Es war Scarlett «, platzte Tella heraus. » Ich bin hier he­runtergekommen und habe die beiden zusammen erwischt. «
Nein. Scarlett verfluchte ihre törichte Schwester. » Vater, sie lügt. Tella war es, nicht ich. Und ich habe sie erwischt. «
Tella wurde rot. » Scarlett, lüg nicht. Du machst es nur schlimmer. «
» Ich lüge nicht ! Vater, es war Tella. Glaubst du wirklich, ich würde so etwas tun, ein paar Wochen vor meiner Hochzeit ? «
» Vater, hör nicht auf sie «, fiel ihr Tella ins Wort. » Ich habe sie flüstern hören, dass sie hofft, es könnte ihr helfen, weil sie wegen der Hochzeit so nervös ist. «
» Das ist schon wieder gelogen … «
» Das reicht ! « Der Governor sah Julian an, dessen gebräunte Hand noch immer fest im Griff des parfümierten pflaumenvioletten Handschuhs steckte. » Meine Töchter ­haben die schlechte Angewohnheit, unaufrichtig zu sein, aber ich bin sicher, du wirst dich entgegenkommender verhalten. Und jetzt sag mir, junger Mann, mit welcher meiner Töchter warst du hier unten ? «
» Ich glaube, hier liegt ein Fehler vor … «
» Ich mache keine Fehler «, unterbrach ihn der Governor. » Ich gebe dir noch eine Chance, mir die Wahrheit zu sagen, sonst … « Die Wachen traten einen Schritt vor.
Julians Blick huschte zu Tella.
Sie schüttelte ruckartig den Kopf und formte mit den Lippen das Wort : Scarlett.
Scarlett versuchte, Julian auf sich aufmerksam zu machen, ihm zu verstehen zu geben, dass er einen Fehler machte, aber sie sah die Entschlossenheit im Gesicht des Seemanns, als er antwortete : » Es war Scarlett. «
Dummer Junge. Er glaubte zweifellos, dass er Tella einen Gefallen tat, doch genau das Gegenteil war der Fall.
Der Governor ließ Julian los und streifte sich die Handschuhe ab. » Ich habe dich gewarnt «, sagte er zu Scarlett. » Du weißt, was passiert, wenn du dich mir widersetzt. «
» Vater, bitte, es war nur ein ganz kurzer Kuss. « Scarlett versuchte, sich vor Tella zu stellen, aber eine der Wachen zog sie zurück, packte ihre Ellbogen und drückte ihr grob die Arme auf den Rücken, während sie darum kämpfte, ihre Schwester zu beschützen. Denn es war nicht Scarlett, die für dieses Vergehen bestraft werden würde. Jedes Mal, wenn Scarlett oder ihre Schwester ihrem Vater nicht gehorchten, tat der Governor der jeweils anderen etwas Schlimmes an, um die Übeltäterin zu bestrafen.
An der rechten Hand trug der Governor zwei große ­Ringe, einen rechteckigen Amethyst und einen spitzen lila Diamanten. Er drehte sie beide nach innen, hob dann die Hand und schlug Tella ins Gesicht.
» Nicht ! Es ist meine Schuld ! «, schrie Scarlett – ein Fehler. Sie hätte es besser wissen müssen.
Ihr Vater schlug Tella noch einmal. » Für die Lüge «, sagte er. Der zweite Schlag war noch härter als der erste. Tellas Knie knickten ein und etwas Rotes rann ihre Wange hinab.
Zufrieden trat der Governor zurück. Er wischte sich die blutige Hand an der Weste einer seiner Wachleute ab. Dann wandte er sich Scarlett zu. Irgendwie kam es ihr vor, als wäre er plötzlich größer, während sie selbst geschrumpft war. Es gab nichts, womit ihr Vater ihr mehr wehtun konnte, als wenn er ihre Schwester vor ihren Augen schlug. » Enttäusche mich nicht noch einmal. «
» Es tut mir leid, Vater. Ich habe einen dummen Fehler gemacht. « Sie hatte noch nichts an diesem Morgen so ehrlich gemeint. Sie mochte vielleicht nicht diejenige sein, die Julian gekostet hatte, aber sie hatte es wieder einmal nicht geschafft, ihre Schwester zu beschützen. » Es wird nicht wieder vorkommen. «
» Ich hoffe, du meinst es ernst. « Damit streifte sich der Governor die Handschuhe wieder über und zog einen ge­falteten Umschlag aus der Tasche seines Gehrocks. » Ich ­sollte dir das hier wohl nicht geben, aber vielleicht erinnert es dich ja an alles, was du verlieren könntest. Deine Hochzeit findet in zehn Tagen statt, Ende der kommenden Woche, am Zwanzigsten. Sollte irgendetwas dazwischenkommen, wird mehr bluten als nur das Gesicht deiner Schwester. «







Historische Romane

Lydia Conradi »Das Haus der Granatäpfel« (Platz 30)

Blick ins Buch
Das Haus der GranatäpfelDas Haus der GranatäpfelDas Haus der Granatäpfel

Roman

Smyrna, 1912: Das Paradies – so nennen viele die Metropole am Ägäischen Meer, die inmitten von Krisen wirkt wie ein weltvergessenes Idyll. In die Stadt, in der Menschen aus aller Herren Länder seit jeher in Eintracht leben, kommt die Berlinerin Klara, um mit Peter, dem Sohn eines Kaufhausmagnaten, eine Zweckehe einzugehen. Doch er kann die lebenshungrige junge Frau nicht glücklich machen, und Klara verliert ihr Herz an den Arzt Sevan. Aber auch er ist gebunden, und als der Erste Weltkrieg ausbricht, beschließen beide, trotz ihrer Liebe füreinander ihre Partner nicht im Stich zu lassen. Für eine Weile erweist sich das Paradies wahrhaftig noch als Oase im Grauen, doch dann entbrennt ein schicksalhafter Kampf um die Stadt. Und plötzlich muss Klara eine Entscheidung fällen, die über Menschenkraft hinausgeht, um etwas von Smyrnas Geist und ihrer Liebe zu Sevan zu bewahren ...
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1

Landstraße nach Smyrna, Mai 1894

Der Tag, an dem Sevan die Welt entdeckte, war sein neunter Geburtstag, der Himmel war blau bis auf eine scharf umrissene Wolke, und die Welt hieß Smyrna.

Sie waren bei Sonnenaufgang aufgebrochen. Onkel Bedros saß vorn auf dem Karren und lenkte das Maultier, und Sevan hockte hinten und gab acht, dass keine der Holzkisten herunterfiel. Auf seine Aufgabe war Sevan stolz. Onkel Bedros hätte genauso gut einen seiner Brüder oder Cousins mitnehmen können, mutige, geschickte Burschen, die für die Familie ihren Mann standen, aber er hatte sich für Sevan entschieden, der sich vor seinem Schatten fürchtete und über seine Füße stolperte. Sevan, den die anderen den Herrn Kann-nicht nannten, weil er gar nichts konnte.

Dies hier aber würde er schaffen. Er war entschlossen, den Onkel nicht zu enttäuschen.

In den Kisten waren Flaschen und Käselaibe. Sooft der Karren auf dem hart gebackenen Feldweg hüpfte und Sevan die Flaschen aneinanderklirren hörte, schob er schnell die Hände dazwischen und wünschte sich, ein Meeresungeheuer mit acht Armen zu sein. Die Kisten rochen gut. Nach Holz und Harz und der seifigen Lauge, mit der seine Mutter sie abschrubbte, sauer nach Ziegenmilch und süß nach in der Sonne getrockneten Feigen, die Onkel Bedros zusammen mit Kümmel und Pistazien in den Käse schnitt. Den Käse verkaufte er an einen Türken, der Restaurants in Smyrna damit belieferte.

»Das solltest du mal sehen«, sagte Onkel Bedros und hörte sich an, als kaute er dabei auf seinem Priem. »Die Damen, die da in Smyrna meinen Käse essen, die tragen Hüte wie Lebensbäume auf den Köpfen und nehmen sie sogar zum Essen nicht ab.«

Smyrna, das war die große Stadt. In ihrem Hafen traf Onkel Bedros nicht nur den Türken, der den Hutfrauen seinen Feigenkäse auftischte, sondern auch noch einen Ausländer, der die Flaschen mit dem weißen Saft nach Europa verschiffte.

»Deutscher ist der und sieht aus wie ein Fass mit Brille. Ein raki-Fass. Sobald der mich zu Gesicht kriegt, ruft er immer: ›Ah, Bedros, Bedros, wer seinen raki allein trinkt, der ist ein einsamer Mann.‹«

Onkel Bedros erzählte Sevan ständig, wer wie aussah. Als wäre Sevan blind. Sein Bruder Aram nannte ihn so, wenn er wieder einmal über etwas stolperte: »Mein blinder Herr Kann-nicht«. Dabei konnte Sevan sehr wohl sehen. Er sah die rötlichen Bohnenfelder, die mit Piniennadeln abgedeckten Tabakfelder und die weißen Flocken auf den Baumwollfeldern, doch vor allem sah er die Nebel, die die Farben trüb machten und ihm Angst einjagten. Wenn die Welt einen Grund hatte, sich im Nebel zu verbergen, wie durfte man ihr dann vertrauen?

Die Flaschen, die in den Kisten hüpften, sah er hingegen recht klar. Sie enthielten den weißen Saft, der hervorquoll, wenn Onkel Bedros seinen Feigenbäumen einen Ast vom Stamm brach und ihre Rinde bluten ließ.

»In Europa ist das Medizin«, erklärte er mit einer Stimme, die nach Grinsen klang.

»Und gegen was soll das helfen?«, fragte Sevan.

»Warzen.« Das Grinsen in der Stimme wurde breiter. »Denen in Europa kannst du alles einreden, was du willst, solange etwas nur aus dem Orient kommt. Dann glauben die, es wirkt Wunder wie Aladins Lampe.«

Sevan schloss die Augen und sah Bilder von Europa. Den Eiffelturm, das höchste Bauwerk der Erde. Den Kristallpalast in der Hauptstadt des britischen Weltreichs, wo die Sonne nicht unterging. Vielleicht gab es das gar nicht. Onkel Bedros erzählte zwar, es stünde in der Zeitung, aber Onkel Bedros erzählte viel, wenn der Tag lang war, und in ihrem Dorf Bardisag, was kleiner Garten bedeutete, war jeder Tag lang. Sevan wünschte, er hätte die Zeitung selbst lesen können, doch er war zu dumm, um es zu lernen. »Der Herr Kann-nicht ist nicht blind, sondern blöd«, sagte sein Cousin Rupen zu seinem Bruder Aram, wenn Sevan sich über seine Schulaufgabe beugte und auf die Zeichen starrte, ohne eines zu erkennen. Aram und Rupen ließen ihre Schulaufgaben liegen, weil sie faul waren, bei Sevan hingegen war aller Fleiß für die Katz. Jäh spürte er, wie die Sonne brannte, und stöhnte, als ihm der Schweiß in die Striemen auf den Schenkeln rann.

Die brannten wie Feuer, die Striemen von seines Vaters Klopfpeitsche, und es geschah ihm recht. Er hatte seine Mutter zum Weinen gebracht, seine Mutter, die nach frisch gebackenem lavasch-Brot duftete und ihn in ihren Armen im Kreis schwang, die ihm das Wiegenlied von der Milch der Hirschkuh sang und ihn ihren Kleinen, ihr Hirschkalb nannte.

»Mit kleinen Blättern will ich dich zudecken.

Und die wilde Hirschkuh gibt dir ihre Milch.«

Onkel Bedros drehte sich im Fahren um. Sein Gesicht war ein Schemen, braun wie Tabaksaft. »Beißt dich was?«

Heftig schüttelte Sevan den Kopf. Dann starrte er auf seine Knie, die vor seinen Augen verschwammen.

Mit einem Ruck, der die Flaschen zum Klirren brachte, kam der Karren zum Stillstand. »Hat’s wieder Schläge gesetzt, ja?«

Sevan presste die Lippen aufeinander. Schläge waren kein Grund zum Heulen, jeder Junge im Dorf bekam seines Vaters Peitsche zu spüren, und er war der Einzige, der dabei wie ein Schwächling wimmerte. Aber die anderen verdienten sich ihre Hiebe für Frechheit, und insgeheim waren ihre Väter stolz darauf. Sevan dagegen verdiente sie, weil er feige und dumm war. Seine Mutter stand am Fenster und weinte, und sein Vater musste sich für ihn schämen.

»In meiner Familie hat es nie einen Dummkopf gegeben«, beklagte sich der Vater, wenn er Sevan schlug. »Schon gar nicht einen, der wie ein Waschweib überall Gespenster sieht.«

Als er ihn gestern geschlagen hatte, war der Lehrer am Zaun vorbeigekommen und hatte gelacht. »Sachte, sachte, Hohvan. Bei deinem Großen, dem Früchtchen, braucht’s mehr Prügel als Gebete, aber der da kann nichts dafür. Der Bursche hat Bohnenstroh im Kopf, damit kannst du ein Brautbett stopfen.«

Onkel Bedros saß noch immer ihm zugewandt. »Sanft ist er nicht mit dir, dein Herr Vater, was?«

Sevan schwieg und starrte auf seine Knie.

»Na, komm«, sagte Onkel Bedros, »lass den Kopf nicht hängen. Er ist mein Bruder, er hat mich aufgezogen, und mit mir ist er auch nie sanft umgegangen. Wenn einer sich über Büchern dumm anstellt, kennt er kein Pardon.«

Verblüfft blickte Sevan auf. Onkel Bedros war doch nicht dumm! Die anderen Männer in der Familie waren kleine Schreiber oder Krämer, und die Frauen rackerten sich auf ihrem Flecken Land die Hände wund. Auch die von Sevans Mutter waren rot und aufgesprungen, aber Onkel Bedros hatte es zu etwas gebracht. Kaufmann war er, fuhr viermal im Jahr in die Wunderstadt Smyrna, und sein Warzensaft wurde bis nach Europa verschifft. Sevans Mutter klagte, wenn sie glaubte, dass Sevan sie nicht hörte: »Würde mein Schwager Bedros mir nichts zustecken, hätte mir der Steuereintreiber längst das Haus leer geräumt.«

»Ich les dir von der Nasenspitze ab, was du denkst«, sagte Onkel Bedros. »Als ich so alt war wie du, hab ich das Gleiche gedacht: Was soll ich über Büchern schwitzen? Mein Vater ist auf der Krim für dieses Reich verreckt, meine Leute schlagen sich mehr schlecht als recht durch, die werden kaum das Geld aufbringen, um mich auf die höhere Schule zu schicken und aus mir einen Arzt zu machen. Also drücke ich mich lieber auf dem Markt herum und lerne was vom Leben. Du bist auch so einer, ja? Liest von Nasenspitzen besser als aus Büchern?«

Unglücklich nickte Sevan, doch in Wahrheit fürchtete er sich vor Menschen noch mehr als vor Büchern. Nicht weil er Menschen nicht mochte. Er mochte sie gern und wäre auch gern von ihnen gemocht worden, aber lesen konnte er sie nicht. Ihre Nasenspitzen, ihre Gesichter blieben ihm verschlossen.

»Deinem Vater darfst du’s nicht übel nehmen«, sagte Onkel Bedros. »Du bist sein Sohn, und wenn er deinem Hintern eine Portion Saures verordnet, dann weil er Angst hat, dass du ihm sonst vor die Hunde gehst. Wir sind Armenier, also meint er, wir müssten nicht nur doppelte Steuern zahlen, sondern uns auch doppelt hervortun, um den Kopf über Wasser zu halten.«

Sevan fiel darauf keine Erwiderung ein. Als wäre er nicht nur zum Lesen, sondern selbst zum Sprechen zu dumm.

Onkel Bedros spuckte Tabaksaft aus. »Na komm, so arg ist das doch nicht. Du hast deine Mutter, diesen Engel von einer Frau, die dir ihr baseil aus Aprikosen in den Mund stopft, um dir den Schmerz zu versüßen. Und die willst du nicht enttäuschen, deine Mutter, oder?«

Sevan schüttelte den Kopf.

»Du könntest bei mir in die Lehre gehen, du? Ein Junge, der Lust auf Abenteuer hat und ein bisschen patent ist, taugt mir besser als ein Bücherwurm.«

Wieder schüttelte Sevan den Kopf. Etwas tropfte auf sein Knie.

»Ach Gott«, sagte der Onkel. »Das kannst du auch nicht, meinst du?«

Sevan zwang die Lippen auseinander. »Ich kann nichts.«

Onkel Bedros schwieg eine Weile und kaute schmatzend auf seinem Priem. Dann sagte er noch einmal: »Ach Gott«, drehte sich um und fuhr wieder an.

Sevan hatte mit den Flaschen alle Hände voll zu tun und gab sich Mühe, an nichts anderes zu denken. Der staubige Weg wurde breiter, aus dem Nebel tauchten Häuser auf und warfen dunkle Schatten. Als Sevan das Rumpeln spürte, war es zu spät. Er hatte die mit Pflastersteinen befestigte Straße nicht kommen sehen. Die Flaschen konnte er gerade noch festhalten, doch eine der Käsekisten geriet ins Rutschen und prallte krachend auf die Steine. Der Onkel stieß einen Fluch aus und sprang vom Karren. Sevan kletterte langsam hinterher. Vor seinen Augen verschwamm das Grau des Pflasters mit dem Weiß der Käselaibe.

»Nichts mehr zu retten.« Mit schwerem Schritt stapfte der Onkel auf ihn zu. Sevan schloss die Augen, doch die Ohrfeige, die ihm gebührte, blieb aus. »Armer Tropf«, sagte Onkel Bedros. »Na komm, hilf mir, die Schweinerei wegzumachen. Wir sind hier in Smyrna. Da lässt man nicht alles liegen.«

Sevan ging auf Hände und Knie wie ein Hund und sammelte die Reste der Kiste ein. Dann senkte er den Kopf bis fast auf den Boden und wischte mit dem Hemdsärmel auf dem Pflaster herum.

»Das ist jetzt übertrieben, weißt du.« Der Onkel zerrte ihn auf die Füße. »Ab, auf den Karren mit dir. Wenn du schon hier bist, schau dir wenigstens Smyrna an.«

Sevan wollte sich Smyrna gern anschauen. Er hatte es sich strahlend schön vorgestellt und der Mutter davon erzählen wollen, doch jetzt fand er sich zwischen Häusern, die bedrohlich aus den Schatten ragten, und in verstopften Gassen, die keinen Fluchtweg offen ließen. Ehe er vor Angst losheulte, kniff er die Augen zu und nahm nur noch wahr, was er aushalten konnte: Gerüche und Geräusche.

Ein feiner Regen von Silben nie gehörter Sprachen ergoss sich über ihn. Marktschreier brüllten, Bettelweiber greinten, Kinder johlten, Kamantschen-Spieler schluchzten ihre Lieder. Dazu mischten sich Hufschlag und Sohlengetrappel, Geklirr von Werkzeug und Geschrei von Tieren, Räder, die sirrten, Achsen, die knirschten. Und über allem spannte sich das Netz der Düfte. Sevan erkannte die Süße von Vanille so deutlich heraus wie die Schärfe von Knoblauch und den Mief von Fischabfällen. Bitternis von Bergamotten, Würze von dreimal geschäumtem und mit Kardamom versetztem Kaffee, Heiligkeit von Weihrauch wie in der Kirche von Sankt Rhipsime.

Dieser letzte war sein Lieblingsduft, weil er ihn an ein Mädchen denken ließ, das genauso hieß: Rhipsime. Sie trug ein blaues Kleid und ließ Sevan nie nah genug heran, um Genaueres zu sehen, doch ihre Stimme war klar, jedes Wort wie poliert. Hätte er einen Arzt aus sich machen können, hätte er Rhipsime mit der klaren Stimme zur Frau nehmen und mit ihr nach Smyrna gehen wollen.

Jäh schienen alle Geräusche, alles Singen, Schwirren, Schwatzen zurückzuweichen, als der Muezzin anhob, zum Gebet zu rufen. Fünfmal an jedem Tag seines Lebens hatte Sevan die gesungene arabische Wortfolge vernommen, die ihm wie Flehen vorkam. Manchmal hatte er die muslimischen Dorfbewohner darum beneidet, weil ihm selbst danach zumute war – nach Flehen aus tiefster Seele. Hier aber war der Adhan, der Gebetsruf, wie ein Sturm aus allen vier Winden, die über die Stadt hinwegfegten. Sevan wagte nicht, die Augen zu öffnen, um nicht wieder enttäuscht zu werden, doch was er hörte, schuf ihm Bilder im Kopf: Muslimische Händler, die ihre Geschäfte stehen und liegen ließen, ihre Teppiche ausrollten und zum Gebet auf die Knie fielen, und christliche Käufer, die ihre Karren um die Betenden herumlenkten und ihre Gespräche dämpften.

Gleich darauf schwoll der Lärm von Neuem an, als hätte jemand den Daumen auf ein Loch in einem Schlauch gehalten und ließe es hinterher umso heftiger sprudeln.

»He, du Stoffel, nennst du das vielleicht Anschauen?«

Erschrocken öffnete Sevan in der blendenden Sonne die Augen. Der Karren stand, und Onkel Bedros tippte ihm mit dem Stiel der Peitsche auf die Schulter. Aus den Schatten der engen Gassen waren sie auf eine Promenade gefahren, auf der das Gewimmel von Mensch und Tier sich verteilte. Zur Rechten erhob sich eine Reihe hoher Häuser in verwischten Farben, und zur Linken erstreckte sich das Meer, eine wie mit Goldstaub überpuderte Fläche. Sevan erschrak, weil ihm schien, ein Schiff treibe auf trockenem Land an ihm vorüber, doch es war nur ein Kamel, bei dem die Ladung zwischen den Höckern schaukelte.

»Na? Was sagst du?«

»Es riecht schön«, sagte Sevan. »Nach Süßigkeiten, die du mir von hier mitgebracht hast. Helva mit Mandeln und Woll aus Quittensirup.«

»Irgendwann verstopf ich dir die Nasenlöcher«, knurrte Onkel Bedros. »Die Augen aufmachen sollst du, das kann auch der Dümmste.«

Mit der Peitsche wies er über die wogenden Köpfe hinweg. Gehorsam blickte Sevan nach vorn, wo der Küstenstrich einen Bogen beschrieb und mit Häusern in Nebelfarben dicht bebaut war.

»Und? Bekomme ich jetzt ein bisschen mehr zu hören?«

Fieberhaft überlegte Sevan, was der Onkel von ihm erwartete. »Ich find’s hübsch«, stammelte er. »Wirklich hübsch …«

»Hübsch?«, platzte der Onkel heraus. »Weißt du, wie die Amerikaner diese Stadt nennen, in die sie auf der Durchreise gekommen und wo sie für alle Zeit geblieben sind? Paradies, so nennen sie sie! Bedeutende Männer, die in London, Paris und Sankt Petersburg wohnen, wenn du die fragst, wo das Herz der Welt schlägt, was sagen sie dir? Smyrna, Smyrna! Schönes Frauenauge Anatoliens, langer Arm Europas, schillernde Perle der Levante. Und einem Schnösel wie dir fällt nicht mehr dazu ein als hübsch

»Ich seh ja nichts!«, rief Sevan. Er hatte es satt. Allzu gern hätte er es ihnen recht gemacht, aber wie konnte er das, wenn sie alle – bis auf seine Mutter – von ihm verlangten, was ganz und gar unmöglich war?

»Du wirst dich noch wundern«, murmelte Onkel Bedros. »Wenn erst das Kleine da ist, wenn du nicht mehr ihr jüngstes Vöglein im Nest bist, dann wird deine Mutter andere Seiten bei dir aufziehen. Das weißt du doch, dass deine Mutter was Kleines kriegt, oder? Verstehst du wenigstens das, oder glaubst du noch, die Kinder bringt der schwarze Storch?«

Sevan schwieg. Was immer er jetzt noch hätte sagen können, hätte alles nur noch finsterer gemacht. Ohnehin war seine Antwort bald nicht mehr von Interesse. »Ah, Bedros, Bedros«, drang eine Stimme durch den Springbrunnen aus Geräuschen. »Wie üblich pünktlich, der Gouverneur braucht sich keinen Uhrenturm anzuschaffen, sondern kann seine Uhr nach dir stellen. Lass mich dich einladen. Wer seinen raki allein trinken muss, der ist ein einsamer Mann.«

Das Türkisch des Mannes klang lustig. Derart übertrieben betont, als versuche er, sich türkischer zu geben als ein Türke, und auf seinem Kopf prangte ein roter fez. Mehr konnte Sevan nicht erkennen, nur dass der Mann rund war und blitzende Gläser vorm Gesicht trug. Ein Fass mit Brille, hatte Onkel Bedros gesagt. Das also war der berühmte Geschäftspartner aus Europa.

Der Onkel bezahlte einem Jungen einen Para, damit er auf den Karren achtete, und ging mit dem Fremden ins Kaffeehaus. Sevan trottete hinterdrein. Was hier als Kaffeehaus galt, war eine Halle mit himmelhohen Wänden, in die das gesamte Rathaus von Bardisag gepasst hätte. Nach der Hitze draußen herrschte im Innern Kühle, und der Rauch, der in Säulen von den Tischen aufstieg, verflüchtigte sich. Über dem Rauschen von Gesprächen und dem Klappern von Kaffeelöffeln vernahm Sevan ein Surren, das ihn faszinierte – so sehr, dass er für Augenblicke seinen Kummer vergaß.

»Offiziell wird freitags nur Kaffee serviert«, erklärte der Europäer, nachdem er sie an einen der runden, geschmiedeten Tische geführt hatte. »Aber unter der Hand – lass mich nur machen.«

Er winkte einem Kellner, tuschelte mit ihm und knisterte mit Geldscheinen. Sevan lauschte noch immer auf das Surren. »Was ist das?«, entfuhr es ihm. »Dieses Geräusch, als ob die Decke festgeschraubt wird.«

Der Mann drehte sich um. »Wen hast du denn da mitgebracht?«, fragte er Onkel Bedros, als hätte er Sevan bisher nicht bemerkt.

»Meinen Neffen.« Der Onkel seufzte. »Den Jüngsten. Hab mir gedacht, ich mach ihm eine Freude, weil’s mir leidtut, dass mein Bruder ihn für eine taube Nuss hält. Aber wie’s aussieht, ist er wirklich eine, dazu von der Mutter verzärtelt. Ich hab ihm Cordelio gezeigt, wollt ihm erzählen, warum der Gott Kairos die Stadt Smyrna gegründet hat, und er hatte nicht mal einen Blick dafür.«

»Wer ist der Gott Kairos?«, murmelte Sevan mit gesenktem Kopf.

»Das verstehst du nicht«, blaffte der Onkel. »Kairos ist die Zeit. Nicht die übliche, die ihr alle vergeudet, sondern die Gelegenheit, die nicht wiederkommt, wenn man sie sich entgehen lässt.«

So wie ich, dachte Sevan. Ich habe mir die Gelegenheit entgehen lassen, und jetzt kommt sie nicht mehr wieder.

Der Kellner stellte dem Onkel und dem Fremden die Getränke hin. »Ihr habt es ja hier mit dem Lernen«, sagte der. »Rümpf ruhig die Nase, weil dein komischer Gott mir nichts sagt, aber mein Geld nimmst du doch. Mein Geld nimmt jeder, und bis meine Tochter groß ist, kann ich ihr diese ganze Stadt samt ihrer Bildung kaufen, wenn ich will.«

»Ach Gott, Bildung.« Der Onkel stöhnte, und Sevan hörte, wie er sich Zitrone in den raki spritzte. »Ich hab selbst nicht fürs Lernen getaugt, aber wenn man die Augen offen hält, bekommt man doch genug an Nützlichem mit. Mein Neffe dagegen, der kneift sie zu. Der glaubt, Kairos würde seine Wolke anhalten, bis er sich bequemt, mal hinzusehen, aber da hat er sich geschnitten. Kairos hat das aus Liebe zu Smyrna ein einziges Mal getan, und er tut’s nie wieder.«

»Immerhin hat dieser Neffe von dir mich gefragt, was über euren Köpfen rauscht«, erwiderte der Fremde. »Ist dir das aufgefallen? Nein. Dem Kleinen aber schon.«

Onkel Bedros wandte den Blick zur Decke.

»Ventilatoren«, erklärte der Fremde stolz. »Ein brandneues System der Firma Schilde in Deutschland, das habe ich dem Café Iskander geschenkt, um die Geburt meiner Tochter zu feiern. Als junger Habenichts konnte ich hier mal meinen Kaffee nicht bezahlen, aber statt mich rauszuwerfen, hat mir Abdul unter dem Tisch einen raki eingeschenkt. ›Aus dir wird noch was‹, hat er gesagt. ›Und dann bezahlst du’s mir.‹ So was vergisst ein Ferdi Reinecke im Leben nicht.«

Er wandte sich Sevan zu und klopfte ihm auf den Arm. »Gefallen sie dir? Schau sie dir gut an, denn einen Ventilator, der ohne Dampf betrieben wird, bekommst du so schnell nicht wieder zu sehen.«

Sevan schwieg. Er hätte noch einmal versuchen können, zu lügen, aber er war es leid.

Die Männer tranken ihren raki und wechselten ein paar Worte zu den Geschäften. Dann standen sie auf, um zum Kontor des Fremden zu fahren und den Karren zu entladen. Als sie hinaus auf die Promenade traten, lag die neblige Welt in goldenem Licht.

»Ach Cordelio, ach Smyrna«, sagte Onkel Bedros, »schönste Stadt der Welt. Deine Frauen sind dunkel und süffig wie dein Wein, und wer dich vergisst, vergisst sein Herz in der Brust. Was schert mich mein Neffe? Wenn einer dich nicht anschaut, mein Smyrna, soll er eben sterben, ohne zu wissen, warum er auf der Welt war.«

Und ohne zu wissen, warum der Gott Kairos für Smyrna seine Wolke anhielt, dachte Sevan. Der Fremde trat neben ihn. »Du«, fragte er, »wie heißt du eigentlich?«

»Sevan Agasian«, antwortete Sevan.

»Sedan? So hätte ich meinen Jungen genannt, wenn ich kein Mädchen bekommen hätte. Sedan Osman Reinecke – Sedan fürs Patriotische und Osman, weil wir aus dem Orient das Licht haben.«

Sevan verbesserte ihn nicht.

»Hör mal zu, kleiner Sedan aus dem Reich der Osmanen«, fuhr der Fremde fort. »Du hast also keinen Blick für Cordelio, das schönste Viertel von Smyrna?«

Sevan schüttelte den Kopf.

»Wenn du in der Schulstube sitzt und der Lehrer schreibt an die Tafel«, fuhr der Fremde fort, »siehst du da nichts als Grau? Und daheim, wenn du Schulaufgaben machst, erkennst du keine Zeichen?«

Sevan wollte noch einmal den Kopf schütteln, doch er hielt in der Bewegung inne.

»Sieh dir Cordelio an«, drängte der Mann. »Los, trau dich, sieh hin.«

Sevan schaute in die Richtung und machte mit schmerzenden Augen den Küstenstreifen aus, die trüben Farben der umnebelten Häuser.

Der Mann drückte ihm etwas aufs Gesicht. Sevan schreckte zurück, doch ehe er sich den Gegenstand herunterreißen konnte, sah er, was mit dem Bild vor seinen Augen geschah: Die Nebel lichteten sich. In klaren, schillernden Farben schälten sich die Einzelheiten heraus. Wie vorhin schwankte ein Kamel ihm entgegen, beladen mit Schnüren aneinandergeknoteter Feigen.

»Sag bloß, jetzt siehst du’s«, sagte Onkel Bedros.

»Ja!«, rief Sevan und starrte von den rosa, weiß und gelb verputzten Häusern mit ihren Gartenmauern und Badestegen ins Himmelsblau, an dem eine einzige Wolke stand. »Ja, ja, ja!«

»Muss ja was dran sein, wenn du Schweiger so schreist«, rang Onkel Bedros sich ab.

Der fremde Mann, der ein rundes Gesicht und einen dicken rotbraunen Schnurrbart hatte, beachtete ihn nicht. »Du bist keine taube Nuss«, sagte er zu Sevan. »Du brauchst eine Brille. Bei mir war es auch so. In der Schule gab’s für mich nur Prügel und Spott, bis ich ausgerückt bin, um meinen Weg allein zu machen. Das war knüppelhart. Seit Beginn des Jahres bin ich nun stolzer Vater, und wenn ich eines beschlossen habe, dann das: Meine Tochter soll es nie so schwer haben wie ich.«

Sevan konnte den Blick nicht vom Ende der Bucht wenden, von dem Viertel, das Cordelio hieß und von dessen Farben er seiner Mutter erzählen wollte. Er sah Boote mit leuchtenden Segeln, die vor der Kaimauer tanzten, verfilzte, von Muscheln überwucherte Fischernetze im Sand und blau-weiß gestreifte Kabinen, aus denen Menschen in Badekleidung ins Wasser tapsten.

»Du gestattest?« Der Fremde streckte Sevan die Hand hin. »Ferdinand Reinecke, Kosmetikartikel, Berlin. Was meinst du, kleiner Sedan, wenn du so eine Brille bekommst und dir ordentlich Mühe gibst – kannst du dann wohl Deutsch lernen?«

Sevan nickte. »Ja, ja, ja!« Jetzt, wo ihm die Welt keine Angst mehr machte, gab es nichts, das er nicht würde lernen können.

»Ein Mann, ein Wort.« Der Fremde lachte. »In deinem Dorf, wo du als Dummkopf verschrien bist, willst du doch sicher nicht bleiben, oder? Was hältst du davon, wenn du hier in Smyrna auf die Knabenanstalt des deutschen Schulvereins gehst? In erster Linie ist die natürlich für die Söhne von Ingenieuren gedacht, die wegen der Eisenbahn kommen, aber wenn ein Junge Deutsch spricht und sein Schulgeld bezahlt, verschließt ihm keiner die Tür.«

»Sagst du mir auch, wo mein Bruder, der Hungerleider, das hernehmen soll?«, blaffte Onkel Bedros. »Und ich hab’s auch nicht im Säckel, wer glaubst du denn, wer ich bin? Sultan Abdülhamid im Palast von Konstantinopel? Bei uns Agasians hat’s immer kluge Köpfe gegeben, aber als Armenier kommst du in diesem Land auf keinen grünen Zweig.«

Sevan presste die Lippen zusammen. Verdirb’s mir doch nicht, wollte er rufen, die Gelegenheit kommt nicht wieder! Aber er wusste ja selbst keine Lösung. Der Onkel unterstützte sie schon nach Kräften, steckte der Mutter, die sich das Weinen verkniff, Geld für die Steuer zu und kaufte Hemden und Schuhe, die ein Bruder nach dem andern auftrug, doch niemand in Bardisag konnte es sich leisten, seinen Sohn auf eine Schule für Reiche zu schicken.

»Ich bezahle es«, sagte Ferdinand Reinecke. »Wenn der kleine Sedan bis zum Herbst mit seinem Deutsch zurande kommt, richte ich zu Ehren meiner Tochter für ihn ein Stipendium ein.«

»Du bist ja verrückt«, sagte Onkel Bedros.

»Ohne das, was du als Verrücktheit bezeichnest, säße ich heute noch auf meines Vaters Klitsche im Brandenburgischen.«

Sevan lauschte auf den Klang der Worte, die Betonung, die bei aller Mühe nicht türkisch klang. Vermutlich klang Deutsch so, und Deutsch würde er lernen. Er würde auf die deutsche Schule gehen, Arzt werden und seiner Mutter ein Paar Handschuhe kaufen. Und einen gestickten Schal für den Festtag, an dem er das Mädchen Rhipsime heiratete.

»Und du, Schweiger vor dem Herrn?« Der Onkel boxte ihn gegen den Arm. »Was sagst denn du dazu?«

Sevan sagte nichts, sondern sah in den Himmel, auf die scharf umrissene Wolke, die der Gott Kairos nur einmal und dann nie wieder angehalten hatte. Er war neun Jahre alt, er hatte gerade die Welt entdeckt, und die Welt hieß Smyrna.

 

2

Berlin, Silvesternacht 1909

Sie tanzen entzückend, Fräulein Klara. Und genauso entzückend steht Ihnen dieses Kostüm zu Gesicht.« Der Leutnant lächelte. Er trug die kornblumenblaue Uniform der Dragoner und sah aus, als hätte er sie passend zur Farbe seiner Augen gewählt. »Ich darf Ihnen das doch sagen?«

»Jetzt, wo Sie’s mir gesagt haben, erübrigt sich ja wohl die Frage«, platzte Klara heraus.

Dem Kornblumenblauen entschlüpfte ein Hüsteln, er vertat sich im Schritt und steuerte Klara in das berüschte Hinterteil einer Rokokodame. Das war das Ärgerlichste am Walzer, den Sidonie, Klaras weltgewandtere Schulkameradin, ohnehin als Schnee von gestern abtat: Man hing auf Gedeih und Verderb von der Führung seines Tanzherrn ab, und machte der einen Fehler, trug die Dame blaue Flecken davon.

»Ich hatte nicht vor, Ihnen zu nahe zu treten«, verteidigte sich Klaras Tänzer verschnupft. »Im Gegenteil. Ich wollte Ihnen ein Kompliment machen.«

»Ich weiß«, murmelte Klara, während sie sich zurück in die Schrittfolge kämpfte. Und was er damit erreichen wollte, wusste sie erst recht. Von einem Offizierssold der unteren Ränge ließ sich kein Leben auf großem Fuß bestreiten, und die meisten der Dragoner, Ulanen und Husaren, die in ihren Märchenuniformen Berlins höhere Töchter durch den Saal schwenkten, verfügten zwar über formidable Stammbäume, doch in ihren Taschen fand sich selten mehr als ein Hosenknopf. Ihre Karten für den Maskenball, mit dem in der Berliner Philharmonie der Jahreswechsel begangen wurde, hatten gewiss die meisten von ihnen auf Pump erworben. Umso verzweifelter hofften sie nun, dass die Investition sich auszahlen und ihnen ein Goldfisch ins Netz gehen würde.

Klara wusste aus gutem Grund darüber Bescheid: Einer der Goldfische, auf die in diesem Becken Jagd gemacht wurde, war sie selbst – die Tochter eines Vaters, der zwar keinen klingenden Namen, doch dafür ausreichend Mittel vorzuweisen hatte, um einen verarmten Adelssitz dem Verderben zu entreißen. Sein Unternehmen blühte, nach seiner Parfümkreation Scheherazade liefen sich die Frauen die Hacken ab, und Klara war sein einziges Kind.

Ihr Vater war keiner, der ein Blatt vor den Mund nahm, um die zarten Gefühle seiner Mitmenschen zu schonen. »Wenn die Herren Offiziere bei dir Schlange stehen, bilde dir bloß nicht ein, sie tun’s um deines süßen Lächelns willen«, hatte er sie gewarnt.

Klara bildete sich nichts ein: Sie war ihres Vaters Tochter. »Abgebrüht wie Scholzens Bockwurst«, pflegte Hilde, ihre Köchin, zu sagen. Dem Heer ihrer Verehrer ging es nicht um ein Lächeln, sondern um die beim Bankhaus Bleichröder investierte Mitgift. Im Übrigen war Klaras Lächeln gar nicht süß, auch wenn sie ihm mit einem der neuen Lippenstifte aus Vaters Sortiment ausgeholfen hatte. »Dein Mund ist zu groß«, hatte die allwissende Sidonie konstatiert, »und deine Zähne sehen aus, als wolltest du jemanden beißen.«

Umso hübscher ist mein Kostüm, hatte Klara im Stillen getrotzt. Zu dem Gewand aus hauchdünnen Schichten von Seidenchiffon gehörten eine Maske mit kurzem Schleier und eine Haube aus Goldmünzen, die von den Zähnen ablenkten. Es stellte eine osmanische Prinzessin dar, hatte ihr Vater behauptet, und berauscht von sich selbst hatte sich Klara vor den Spiegeln in ihrem Ankleidezimmer gedreht. Ihr erster Ball. Die Worte hatten nach Champagner geklungen, nach Tanz zu schmelzenden Geigenmelodien und nach einer Zukunft, in der jedes Abenteuer möglich war.

Jetzt kam sie sich lächerlich vor. Wozu der Aufwand? Vom Champagner, den die Kellner auf Tabletts balancierten, durfte sie nichts trinken, im Arm des Kornblumenblauen war der Geigenschmelz verschwendet, und was ihre Zukunft betraf, so würde es kein Abenteuer geben, sondern einzig das, was ihr Vater schon im Voraus entschieden hatte: Wenn dieser Ball vorüber war, blieb ihr noch eine Woche in ihrem Elternhaus in Berlin, ehe sie zurück nach Lausanne verfrachtet wurde, in Madame Cariberts Mädchenpensionat, das sie von ganzem Herzen hasste.

Dabei hatte sie doch mit Klauen und Zähnen um diesen Ball gekämpft!

»Du bist erst fünfzehn«, hatte ihr der Vater vorgehalten. »Zu jung, um die Etikette zu beherrschen, die ein öffentlicher Ball erfordert.«

»Sidonie ist auch erst fünfzehn«, hatte Klara aufgetrumpft. »Und die darf auf den Subskriptionsball der Oper!«

»Sidonie Freiin von Schweda ist eine Blaublütige. Sollte der ein Fauxpas unterlaufen, zuckt die feine Gesellschaft mit den Achseln, aber für eine wie dich stellen sie überall ihre Fettnäpfchen auf. Tu ihnen den Gefallen, hineinzutreten, und sie zerfleischen dich wie ein Haufen Köter ein Kotelett.«

Klara hatte nicht aufgegeben. Sie wollte wenigstens den Geschmack von Leben auf der Zunge spüren, ehe sie in die Winterstarre des Pensionats zurückmusste, und schließlich hatte ihr Vater sich breitschlagen lassen. Da sie in der Neujahrsnacht ihren sechzehnten Geburtstag feierte, war ihr gestattet worden, ihre Eltern auf den Silvesterball zu begleiten. Eine Erregung hatte von ihr Besitz ergriffen, wie sie sie zuletzt als kleines Mädchen an Weihnachten verspürt hatte.

Beim Betreten des Saales hatte sie geglaubt zu schweben. Der Glanz der Kronleuchter und der Goldschmuck an den Brüstungen ließen vergessen, dass die Halle einst als Rollschuhbahn genutzt worden war, und die Musik ging ins Blut – ein Gefühl, als bebten die Muskeln ihrer Beine und als würde ihr Kopf federleicht. Genauso war es zu den Weihnachtsfesten ihrer Kindheit gewesen, wenn sie in der Tür des Salons gestanden und geglaubt hatte, in der verschneiten Nacht könne tatsächlich ein Wunder geschehen.

Im Licht der Kerzen hatte der Raum gestrahlt. In seiner Mitte hatte die Tanne gestanden, bis zur Decke ragend und über und über mit glitzerndem Schmuck behängt, aber das, was Klara sich am meisten wünschte, hatte nie unter dem Baum gelegen.

Irgendwann hatte sie vergessen, was es gewesen war. Und auch heute, auf dem Ball, wusste sie es nicht mehr: Was hatte sie sich von dem Wirbel aus schimmernden Roben versprochen? Einen Mann? »Vergiss das nicht«, hatte ihr Vater sie noch in der Kutsche erinnert. »Von den Speichelleckern da drinnen könnte ich dir jeden, den du wolltest, aus meiner Portokasse kaufen.«

Klara hatte geschwiegen. Ihre Mutter schwieg ohnehin, also rieb sich der Vater den Bauch und erging sich wie so oft in einem Gespräch mit sich selbst. »Zu gegebener Zeit werde ich das auch tun, aber da muss erst was Besseres kommen. Was will ich mit einem ach so herrschaftlichen Gut, das letzten Endes nicht mehr als eine verschuldete Klitsche ist? Für die Landeier war ich nicht gut genug, und jetzt sind sie nicht gut genug für meine Prinzessin. Der bezahle ich das Beste vom Besten, wozu habe ich mich sonst mein Leben lang abgerackert?«

Tränen des Zorns raubten Klara die Sicht, als die Erinnerung zurückkehrte: Sie hatte gewollt, dass er ihr aus seiner Portokasse einen Hund kaufte, keinen Mann. Und wenn sie auch das meiste, das sie wollte, vergessen hatte – wieso hielt kein Mensch es für nötig, sie auch nur danach zu fragen? Der Walzer schrammte in den Schlussakkord, und der Kornblumenblaue nahm Haltung an. Ein wenig erinnerte er an eine Schaufensterpuppe bei Wertheim in der Leipziger Straße. Statt den nächsten Tanz anzuspielen, fiel das Orchester in ein plätscherndes Intermezzo, und die Paare begannen, sich auf der Tanzfläche zu zerstreuen.

Der Kornblumenblaue, der wie die übrigen Offiziere kein Kostüm, sondern nur eine fantasielose Maske trug, verbeugte sich und bot Klara seinen Arm. »Zeit für eine Stärkung. Es hat den Anschein, als wäre das Buffet eröffnet worden.«

Auch er stellte Klara keine Frage, ganz wie ihr Vater, wollte nicht einmal wissen, ob sie überhaupt Hunger hatte. Nicht, dass sie keinen gehabt hätte – Klara liebte gutes Essen. Die Fräulein im Pensionat schimpften ihren Appetit dégoûtant, und das Buffet heute Abend hatte Borchardts Delikatessenhandlung ausgestattet, die auch den kaiserlichen Hof belieferte. Gegen die Leere in Herz und Bauch hätte sie ein Stück Kassler mit Mostrich verdrücken können, Aal grün mit Spreewälder Gurken, die beim Zubeißen knackten, Specksalat, Teltower Rübchen und Heringsstipp in seidigem Schmand. Essen war ein bewährter Trost, und nach Mitternacht sollte es Pfannkuchen mit Pflaumenmus geben.

Aber an der Seite des Kornblumenblauen hätten ihr nicht einmal die geschmeckt. Allmählich musste der Arm ihm lahm werden, und kein Mann mit einer Spur von Stolz hätte sich derart lange hinhalten lassen. Klara verabscheute Geschöpfe ohne Stolz. So sehr sie sich einen Hund gewünscht hatte, sie hätte keinen haben wollen, der nach einem Fußtritt weiter mit dem Schwanz wedelte.

Der Dragoner wedelte mit dem Arm. »Nicht hungrig? Auch kein klitzekleines bisschen? Aber Sie dürfen mir doch nicht vom Fleisch fallen, meine Liebe!«

»Eher fall ich vom Glauben«, erwiderte Klara und stampfte zwischen schwatzenden Grüppchen hindurch von der Tanzfläche.

Der Kornblumenblaue war so leicht nicht abzuschütteln. »Ich bitte Sie«, hauchte er in ihren Nacken. »Ein Gläschen Champagner, ein paar Kanapees, das dürfen Sie mir nicht verwehren. Bei der Gelegenheit könnten wir uns ein wenig besser kennenlernen, unsere Vorlieben, unsere Interessen …«

Vorlieben und Interessen hatte Klara bereits zur Genüge kennengelernt. Tänzer Nummer eins war Anhänger des Pferderennsports gewesen, Nummer zwei frönte einer Passion für Automobile, und dieser hier schwärmte vermutlich für Wachteljagd oder Philatelie. Nach ihren eigenen Interessen würde er sie so wenig fragen wie die zwei anderen. »Ich bedaure«, log sie. »Mein Vater erwartet mich in unserer Loge.«

»In Ihrer Loge?« Sein Blick schoss begehrlich in die Höhe. Hinter den Brüstungen saßen Diplomaten, Vertraute des Kaiserhofs und Gattinnen großer Bankiers, die das Treiben auf der Tanzfläche durch Kneifer und Lorgnons verfolgten. Berlins Crème de la Crème. »Die können sich das Glück in Kübeln kaufen«, hätte Hilde, ihre Köchin, gesagt. »Und frei Haus liefern lassen sie sich’s obendrein.« Wenn ein proletarisch geborener Kosmetikhändler, der trotz seiner Verdienste um die Wirtschaft nicht einmal zum Kommerzienrat ernannt worden war, sich eine Loge leisten konnte, verriet das mehr über seinen Status als alle Worte.

»Ich darf wohl nicht auf eine Einladung hoffen«, stammelte Klaras Verfolger eingeschüchtert. Er tat ihr beinahe leid. Ohne ihre Begleitung würde kein Kellner ihm etwas anschreiben, und vermutlich trug er nicht einmal die vier Mark für die billigste Flasche Schaumwein bei sich.

»Leider fehlt es an Platz. Mein Vater hat Geschäftsfreunde da.«

»Aber nach der Pause erweisen Sie mir doch noch einmal die Ehre eines Tanzes?« Der blaue Blick schweifte umher, als blicke er den Fellen nach, die ihm davonschwammen. »Ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich Sie in die Schnee-Polonaise führen und das neue Jahr mit Ihnen begrüßen dürfte. Mir scheint nämlich, als mache sich zwischen uns eine gewisse Verbindung bemerkbar, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll …«

»Am besten gar nicht«, erwiderte Klara und ging. Einen Ulanen, der sie am Absatz der Treppe bestürmte, wimmelte sie ohne Federlesens ab. Ihr Bedarf an Ballabenteuern war gedeckt. Sie würde den Rest des Abends in der elterlichen Loge absitzen und froh sein, wenn der Kutscher sie nach Mitternacht heimfuhr. Danach bliebe ihr nur noch eine Woche, ehe sie zurück in ihr Gefängnis musste, und statt vom Glanz der Großstadt etwas mitzunehmen, fuhr sie mit der Erinnerung an geheuchelte Komplimente und käufliche Aufmerksamkeit. Und mit verletztem Stolz.

Die Loge, die ihr Vater auf Gott weiß welchen Wegen ergattert hatte, war gerammelt voll. Auf den Sesseln reihten sich die Damen, darunter Klaras Mutter, während die Herren sich im Stehen drängten. Uniformen entdeckte Klara nicht und außer dem Turban ihres Vaters kein Kostüm. Ihr Vater war fast einen Kopf kürzer als die Männer, die ihn umringten, doch den Mangel an Körpergröße machte sein Bauchumfang wett. Der Rauch seiner türkischen Zigaretten hing in Schwaden in dem engen Geviert. An der Seitenwand lehnte ein Kellner, der verschwitzt und todmüde wirkte.

Zum unauffälligen Eintreten hatte Klara kein Talent. Etwas kippte um, alle Köpfe drehten sich. Einzig der ihrer Mutter blieb teilnahmslos über eine Schale Konfekt gebeugt. »Sieh an, das Klärchen«, rief ihr Vater umso jovialer und breitete die Arme aus. Solchen Aufwand trieb er sonst nicht mit ihr. War etwa jemand anwesend, dem man mit der Rolle des glücklichen Familienvaters imponieren konnte? »Meine Herren, hier haben Sie mein Prinzesschen, meine Sultana, was so viel wie Tochter des Sultans bedeutet.«

»Tut es das? Erstaunlich.« Einer der Männer, die dem Vater gegenüberstanden, hob die Brauen. »Ich war der Ansicht, es bedeute so viel wie getrocknete Weinbeere.«

Das Gelächter blieb höflich, doch es war unüberhörbar. Am liebsten hätte Klara auf der Stelle kehrtgemacht.

Der Witzbold zupfte ihrem Vater am bestickten Kaftan, den er über Leibrock, Schärpe und Pumphose trug. »Und Ihr Aufzug, Reinecke? Ist der nicht ein wenig unpassend? Ich dachte, diesen Sultan Abdülhamid würden wir hier in Europa den großen Schlächter nennen, weil er in irgendwelchen Bergdörfern christliche Ziegenbauern metzelt.«

Hintern wetzten auf Sitzen, Münder schnappten nach Luft. Der Sprecher wandte sich Klara zu. Er trug keines der neuen praktischen Frackhemden, die das Durchzwängen des Kopfes überflüssig machten, sondern die traditionelle Variante, in seinem Auge klemmte ein Monokel, und auf der Wange prangte ein Schmiss. Auf einen Blick gab er zu erkennen, dass er besaß, was Klaras Vater sich nicht kaufen konnte: eine vornehme Abstammung. »Und wie steht es mit Ihnen, Fräulein? Die Tochter von welcher Gattin stellen Sie denn überhaupt dar? Dieser Abdülhamid soll doch derer zwölf haben, die letzte jung genug, um die Enkelin der ersten zu sein.«

»Jetzt ist es genug, Heidenreich!« Auf den Wangen ihres Vaters blühten purpurne Flecken. »Sultan Abdülhamid ist ein persönlicher Freund des Kaisers. Nicht zuletzt kündet davon der Uhrenturm im schönen Smyrna, von wo ich jüngst zurückgekehrt bin. Die Uhr ist ein Geschenk Seiner Majestät, und in seiner großen Rede hat er dem Sultan versichert, dass das Osmanische Reich auf alle Zeit einen Freund in Deutschland hat.«

Er rang nach Atem, gerührt, als hielte er selbst die kaiserliche Rede. »Ich stehe hier ganz im Einklang mit meinem Kaiser. Schon deshalb werde ich nicht dulden, dass Sie meine Gäste aus dem Osmanischen Reich beleidigen.«

»Wen beleidige ich denn? Sie doch wohl nicht, Monsieur Delacloche, oder liegt Ihnen etwas an diesem Abdülhamid?«

Erst jetzt bemerkte Klara die beiden Männer, die zwischen dem Sprecher und der Brüstung standen. Der vordere war schlank, gediegen gekleidet und hatte wallendes, gelbweißes Haar. Der hintere wirkte jung und sehr groß, doch ansonsten ließ sich über ihn nichts sagen. Der Weißhaarige beugte sich vor, um Klaras Vater eine Frage zu stellen. Zwischen beiden entspann sich ein gedämpfter Wortwechsel, währenddessen der Vater unter dem Kaftan nach Zigaretten kramte. Dann straffte er sich und wandte sich wieder an den Mann mit dem Schmiss. »Sultan Abdülhamid ist seit dem Sommer im Exil«, belehrte er den Mann mit dem Schmiss, geflissentlich unterschlagend, dass er davon selbst nichts gewusst hatte. »An der Hohen Pforte regiert seither sein Bruder Mehmed.«

»Puh«, machte der Kerl mit dem Schmiss und ruckelte an seinem Monokel. »So viel Wind um unseren kranken Mann am Bosporus.«

»Welchen kranken Mann am Bosporus?«, warf Klara ein.

»Nie gehört? So nennt man den osmanischen Koloss, der in seine Einzelteile zerfällt. Hätten unsere Berater den maroden Heerscharen da unten nicht auf die Füße geholfen, hätten sie längst Kreta und was auch immer an die vorwitzigen Griechen verloren. Kein Wunder übrigens. Dieses Durcheinander von Völkern, bei dem niemand weiß, was er eigentlich ist – was soll daraus werden? Eine Köchin, die einem so viele Zutaten in den Suppentopf wirft, hätte man längst in hohem Bogen gefeuert.«

Lauernd blickte er von einem zum andern. »Und was die wild gewordene Horde betrifft, die sich Jungtürken nennt«, fügte er noch hinzu, »so war mir natürlich hinlänglich bekannt, dass die einen Sultan ins Exil geschickt haben. Nur ob der jetzt Abdülhamid oder Mohammed hieß, schien mir zweitrangig.«

Der Weißhaarige hatte offenbar Verständnisprobleme, weshalb Klaras Vater in einer fremden Sprache auf ihn einredete. Der große junge Mann stellte in derselben Sprache eine Frage, während andere im Raum das Thema in erregtem Deutsch erörterten. Da die Frauen unbeirrt fortfuhren, dagegen anzuschnattern, erhaschte Klara nur Fetzen.

Irgendwo in der Weite des Osmanischen Reiches, wo ihr Vater seine Pomeranzen, seine Feigenmilch, sein Wasser von Orangenblüten einkaufte, hatte es einen Aufstand und etliche Tote gegeben. So etwas geschah ständig in diesen wilden, fremden Ländern zwischen Wüsten und Märchenpalästen. Madame Caribert hatte erklärt, bis dorthin sei der Geist der Aufklärung nicht vorgedrungen, weshalb ein Menschenleben nicht viel Wert besitze. »Wer weiß, vielleicht haben Sie in Ihrem Pascha-Aufzug ja recht, Reinecke«, tönte der Mann mit dem Schmiss. »Am Ende wird das auf Knien krauchende Osmanenreich für uns Deutsche das, was Indien für die Briten ist, und wir alle lassen es uns auf unseren Terrassen unter Palmwedeln wohl ergehen wie Gott im Orient.«

Klaras Vater löste sich aus der Gruppe. Sein Gesicht glänzte, als wäre er einer Rauferei entkommen, und er zerrte den hoch aufgeschossenen Fremden mit sich, der sich das blassbraune Haar raufte. Dem Spötter mit dem Schmiss gönnte er noch einen vernichtenden Blick, dann wandte er sich ihr zu: »Klärchen, mein Liebes, du sprichst doch vorzüglich Französisch.«

Humor

Jan Weiler »Und ewig schläft das Pubertier« (Platz 5)

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Und ewig schläft das PubertierUnd ewig schläft das Pubertier
Wenn es erst einmal wach ist, hält es die Welt in Atem: Das Pubertier. Und inzwischen hat sich Nick zu einem Parade-Exemplar entwickelt. Als männliches Pubertier besticht auch er durch faszinierende Einlassungen zu den Themen Mädchen, Umwelt und Politik sowie durch seine anhaltende Begeisterungsfähigkeit für ganz schlechtes Essen und seltsame Musik. Er wächst wie Chinagras und trägt T-Shirts und Frisuren, die uns dringend etwas sagen wollen. Ansonsten allerdings ist die Kommunikation mit dem Pubertier auf ein Mindestmaß reduziert, es spricht wenig, dafür müffelt und chillt es ausgiebig. Und die Liebe spielt in diesem dritten Teil der Pubertier-Saga eine immer größer werdende Rolle sowie auch die Wahl der richtigen Schuhmode. Im Pubertierlabor werden über einen möglichen Zusammenhang beider Phänomene Mutmaßungen angestellt. Gemutmaßt werden darf außerdem über die Frage, wann diese verfluchte Pubertät eigentlich aufhört. Der Erzähler schaut manchmal in den Spiegel und denkt: Eigentlich nie.
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Der Schläfer

Manchmal kann ich nicht schlafen. Es ist dann nichts Besonderes, aber ein Gegrübel legt sich über meine Müdigkeit, und ich denke über alles Mögliche nach, zum Beispiel über die Veränderungen bei uns zu Hause. Die Kinder werden immer größer. Manchmal brauchen sie mich überhaupt nicht mehr. Es ist nicht zum Aushalten. Der Vater als Instanz, als erfahrener Lehrer in den Dingen des Lebens, als eine Art Meister Yoda im familiären Sternenkrieg. So sehe ich mich gerne. Leider betrachten mich meine Kinder ganz anders, nämlich als möchtegernautoritäre Nervensäge mit zweifelhaftem Musikgeschmack.

Dabei würde ich meinen Kindern so gerne noch Sachen beibringen. Aber das klappt nicht mehr. Vor einiger Zeit zum Beispiel stellte mir Nick eine Frage zur Französischen Revolution. Ich liebe die Französische Revolution. Schon wegen der Klamotten. Und wegen Danton. Also begann ich, mit großer Begeisterung alles zu erzählen, was mir noch einfiel. Zum Beispiel fasziniert mich die Tatsache, dass die Regenten der damaligen Zeit unfassbare Ferkel waren. Sie verrichteten ihr Geschäft gerne direkt in den Salons ihrer Paläste, überpuderten ihre Körpergerüche, anstatt sich zu waschen, und hatten Zähne wie Gollum. Ebenfalls sehr eindrucksvoll fand ich immer, dass der ermordete Jean Paul Marat einen sehr coolen Turban in der Badewanne trug. Mein Sohn hörte geduldig zu, um schließlich mitzuteilen, das sei alles ganz interessant, er habe aber nur wissen wollen, wer beim Sturm auf die Bastille befreit wurde. Wusste ich natürlich nicht und verwies auf Wikipedia. Das ist ja eigentlich der größte Jammer: Wenn man schon mal etwas beitragen kann, ist es nicht gefragt. Und wenn man gefragt wird, kann man nichts beitragen.

Ich habe mich weitgehend damit abgefunden und konzentriere mich auf geheime Fähigkeiten, die ich an mir entdeckt habe und die ich vor meiner Frau und den Kindern verberge wie Superkräfte, von denen niemand wissen darf. Zum Beispiel kann ich meine Familienmitglieder am Reinkommen erkennen. Gut, es sind nur drei, manchmal auch vier, denn Carlas Freund Alex darf inzwischen auch ohne sie ins Haus und betritt es meistens durch die unabgeschlossene Terrassentür, was ich etwas merkwürdig finde. Wir haben nie darüber gesprochen. Das Haus hat eine Klingel. Er könnte auch einen Schlüssel von uns haben. Aber er kommt durch den Garten und steht dann plötzlich wie der Sensenmann mit dem Brotmesser in der Hand in unserer Küche.

Jedenfalls kann ich meine Familie an Eigenheiten ihres Reinkommens erkennen. Bei Sara höre ich den Schlüsselbund und das Geräusch, wenn sie einen Kleiderbügel in die Garderobe hängt. Carla hingegen benutzt keine Kleiderbügel. Dafür geht sie, nachdem sie das Haus betreten hat, aufs Klo. Das eben war eindeutig unser Nick. Er ist am einfachsten zu erkennen. Er wirft die Tür zu, wumms. Dann lässt er den Rucksack fallen, rumms, dann geht er ins Wohnzimmer, schlurf, und sinkt auf die Couch hinab, was ein nicht näher beschreibbares Plumps-Geräusch macht, das lautmalerisch ungefähr klingt wie sack.

Manchmal hört man vorher noch die Kühlschranktür, aber meistens nur sack. Dann muss man schnell sein, wenn man ihn sprechen möchte, denn innerhalb weniger Augenblicke ist er eingeschlafen. Seine Müdigkeit ist legendär. Letzte Woche war ich mit ihm im Teppichhaus. Er wünschte sich einen flotten Bodenbelag für sein Zimmer. Dieses Zimmer heißt im internen Sprachgebrauch nur noch: die Schläferzelle. Wir waren also im Teppichhaus. Die Ausstellungsstücke lagen in großen weichen Stapeln herum. Ich lief mit Nick durch die Reihen, wir fassten Teppiche an, begutachteten die Qualität, Muster und Farben.

Ich prüfte, streichelte und redete vor mich hin. Dann entdeckte ich einen sehr schönen Teppich und sagte: »Was ist mit dem hier? Weich und hochflorig. Hochflorig ist super. Das bedeutet, dass die Chipskrümel ungestört einen eigenen Knabberzeug-Staat da drin errichten können. Nick. Nick?« Ich drehte mich um, aber mein Sohn war weg. Ich entdeckte ihn schließlich in dreißig Metern Entfernung, wo er auf einem Turm aus Teppichen des Modells »Harmonie« Platz genommen hatte, um sofort in embryonaler Stellung ein Nickerchen zu beginnen. Wir haben uns dann für diesen Teppich entschieden und fuhren nach Hause.

Der Teppichkauf war so anstrengend, dass Nick sich nicht bloß währenddessen, sondern auch danach ein wenig hinlegen musste. Dasselbe muss er auch nach der Schule, nach dem Training, nach dem Essen und nach dem Duschen sowie vor der Schule, vor dem Training, vor dem Essen und vor dem Duschen. Manchmal machen Sara und ich uns Sorgen. Neulich ist er in der Schlange bei McDonald’s eingeschlafen. Ich musste ihn wecken und seine Bestellung aus ihm herausschütteln. Nick erinnert mich an den berühmten Wanja aus einer Geschichte von Otfried Preußler. Wanja verpennt darin Jahre seines Lebens, die er im Wesentlichen schlummernd auf einem Ofen verbringt. Wenn er wach ist, futtert er Sonnenblumenkerne. Eines Tages steht er auf, zieht los und wird am Ende Zar von Russland. Letzteres ist von unserem Nick nicht zu erwarten, und ich will auch gar nicht, dass er Zar wird, weil Zaren historisch betrachtet eine kurze Lebenserwartung haben. Es würde mich aber freuen, wenn er mich beim Sprechen wenigstens nicht immer angähnen würde. Forscher sprechen dieser Symptomatik einen gewissen Krankheitswert zu, manchmal ist dann die Rede von Narkolepsie, an der Nick jedoch nicht leidet. Er kann nämlich überraschend aufgeweckt sein, wenn es ihm Spaß macht oder das Wachsein sich lohnt. Unser Arzt sagte dann auch, die ganze Sache habe bei ihm mit dem Melatoninspiegel zu tun. Und dass die Jugendlichen eben allgemein abends früher ins Bett müssten. Wenn sie dies beherzigten, sei der Spuk schnell vorbei.

Es gibt auch mindestens einen sehr sympathischen Aspekt an der Dauermüdigkeit unseres Kindes, den man mit einem Zitat gut veranschaulichen kann. »Im Kino einzuschlafen bedeutet, dem Film bedingungslos zu vertrauen«, hat der Filmkritiker Michael Althen einmal bemerkt. Dieses Bonmot lässt sich aufs ganze Leben anwenden: Ständig einzupennen bedeutet, dem Leben bedingungslos zu vertrauen. Dies ist am Ende eine wirklich beruhigende Erkenntnis. Schlaft schön, liebe Kinder. Wenn ihr aufwacht, liegt immer noch das ganze Leben vor euch.

Bastian Bielendorfer »Papa ruft an« (Platz 6)

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Papa ruft anPapa ruft an

Standleitung zum Lehrerkind

Wenn die Floppy-Disks nicht in den CD-Spieler passen wollen und weder die Nachbarschaft noch Apples Siri jemals wieder mit Vater sprechen möchten, dann muss Bastian dran glauben. Nachdem das Lehrerkind bereits seine Mutter fit gemacht hat fürs Weppzwonull, ist nun Vater dran – und der zahlt es dem Sohn mit ungebetenen Ratschlägen zurück. Denn auch jenseits der Dreißig gelingt es Bastian kaum, die Familienbande zu entwaffnen – vor allem, weil Vater Bielendorfer auch noch Schützenhilfe am Rotstift bekommen hat: Neffe Ludger ist zwar erst zwölf, er hält seinen Babysitter Basti aber so auf Trab, dass man am Ende nicht mehr weiß, wer hier eigentlich auf wen aufpasst …
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Wenn der Vater mit dem Sohne . . .
Die Sonne scheint über Gelsenkirchen. Ein Paradoxon,
würde der Dichter sagen.
» Schön «, sagt dagegen Vater, als er den Kopf aus
dem Fenster streckt und zufrieden unseren Vorgarten
betrachtet.
Mein Mops Otto und ich sind bei meinen Eltern
zu Gast und liegen noch müde auf der Gästecouch.
Der Hund und ich haben einen ähnlichen Biorhythmus
: Wir schlafen mehr, als wir wach sind, und
wenn wir wach sind, wünschen wir uns zu schlafen.
» Sohn, steh auf, die Hunde müssen auch mal
raus «, sagt Vater und steht mit Maja an der Leine vor uns.
Otto lehnt diese kühne Behauptung klar ab und
rollt sich auf dem Sofa zusammen. Anders als Maja,
der neue Hund im Hause Bielendorfer senior, der
freudig mit dem Schwanz wedelt. Meine Eltern haben Maja aus dem Tierasyl geholt, nachdem sie auf einer polnischen Müllkippe aufgewachsen ist,
sich von Abfall ernährt hat und schließlich von Tierschützern
gerettet wurde. Ein ziemlich großer, toller
Hund mit wachen Augen und einem freundlichen
Gesicht, der mich oft scheinbar verwundert über
sein Schicksal ansieht, wenn er bei Mutter auf dem
warmen Sofa sitzt, mit homöopathischen Globuli
gefüttert wird und sich täglich sein Essen aus vier
verschiedenen Sorten Leberpasteten aussuchen darf.
» Oh, Papa, es ist doch noch viel zu früh «, quake
ich und schirme meine Augenschlitze gegen das einfallende
Tageslicht ab.
» Papperlapapp ! Wir haben bereits die dritte
Stunde ! «, sagt Vater, der den Tag immer noch in
Schulstunden einteilt. Ein bisschen wie ein ehemaliger
Weltkriegskapitän, der beim Mittagessen
immer » Nun haben wir Zwölfnullhundert « brüllt.
Wenige Minuten später stehen wir auf dem Hof
vor unserer Garage. Fünfzig Quadratmeter deutsches
Ordnungsparadies. Ein halb beglatzter Nachbar
kniet vor unserem Gartentor und kratzt akribisch
das Unkraut aus den Pflasterritzen. Das Leben kann
ohne solche Aufgaben auch verdammt lang werden.
» Hallo, Walter ! «, grüßt mein Vater und winkt. Der
Mann richtet sich kurz auf und mustert mich. Er hat
mich wohl zuletzt als Kind bewusst wahrgenommen
und ist entsprechend erschrocken, einen Feingeist
gefangen im Körper eines adipösen Wikingers vorzufinden.
» Hat der Gallenreiter schon den neuen Streuplan
aufgehängt ? «, fragt Vater. Der Mann verneint.
» Dann muss ich wohl einen Brief schreiben, wir
haben ja schon September, da kann es bald glatt werden.«
Im Nachbarschaftskrieg benutzt man Leuchtspurmunition
in Form von Briefen, damit man weiß,
woher der Angriff stammt. Norbert Gallenreiter ist
der direkte Nachbar meiner Eltern, Intimfeind und
anscheinend nachlässig, was die Winterstreupläne
angeht. Könnte allerdings auch daran liegen, dass es
September ist und wir in kurzen Hosen auf dem Hof
stehen.
Großherzoglich nickt mein Vater dem Unkrautkriecher
zu und wir gehen die Straße meiner Kindheit
entlang, an die ein kleiner Wald grenzt.
» Hast du schon eine Rede für deine Hochzeit
geschrieben, Sohn? «, fragt Vater, während Maja in
den Rosenbüschen des verhassten Gallenreiters schnüffelt.
» Na ja . . . noch nicht wirklich «, antworte ich kleinlaut.
Ich bin Westfale, öffentliche Liebesbekundungen
fallen mir genetisch bedingt eher schwer. Wir
können traditionell gut schweigen und sitzen. Jeder
hat seine Stärken.
» Dir wird schon was einfallen. Sei froh, dass du
so eine tolle Frau bekommen hast «, sagt Vater und
zieht Maja ein paar Zentimeter zurück in die Rosenbüsche.
» Schön hier machen, Kleine «, sagt er und
tätschelt Majas Kopf.
» Papa ! Die kann doch nicht da hinmachen ! «, insistiere ich.
» Und wie die kann . . . da kommt es schon «, sagt
Vater mit geradezu kindlicher Freude, weil der Hund gerade seinem Intimfeind Gallenreiter auf den Rasen
gekackt hat.
» Und jetzt ? «, frage ich.
» Jetzt laufen wir ! «, sagt Vater und erhöht sein
Schritttempo.
Wer den Streuplan nicht früh genug aufhängt, der wird zugeschissen.
Wir kommen am Ende der kleinen Spielstraße an.
Ich bin mehr außer Atem als Vater. Wahrscheinlich
hat er Majas Guerilla-Kacken schon so oft durchgeführt,
dass er Kondition aufgebaut hat.
» Sohn, man darf sich im Leben nicht von anderen
reinpfuschen lassen, da muss man zurückschlagen. «
» Papa, es ist nur ein Streuplan. «
» Heute ist es ein Streuplan, morgen die ganze
Welt. Man muss seinen Weg gehen ! «, sagt Vater und
richtet sich dabei stolz auf.
» So, jetzt durch den Wald ? «, frage ich. Otto neben
mir japst, wir sind für solchen Frühsport nicht
gemacht.
» Nee, Maja will linksherum, siehst du ? «, sagt er
und lässt sich seinen Arm fast auskugeln von der
Zugkraft des Straßenhundneuzugangs.
» WIE BITTE ? Der Hund geht ja wohl da lang, wo
DU hin willst ! «
» Das hatten wir schon, das klappt nicht «, erwidert
mein Vater, der mir eben noch eine beeindruckende
Brandrede auf die Freiheit gehalten hat.
» Aber es ist doch ein Hund ! «
» Trotzdem, ich kann sie ja nicht zwingen «, sagt Vater.
Otto schaut mich irritiert an, so viel Mitbestimmungsrecht verwirrt ihn. Normalerweise geht er dort lang, wo ich langgehe. Das Konzept hat sich
bewährt. Bevor er auch noch eine Revolte vom Zaun
bricht, lenke ich ein und akzeptiere, dass Vaters Verständnis
von » Du musst deinen Weg gehen « eher
elastisch ist.
» Gut, dann da lang «, sage ich.
Wir laufen an einer alten Kohlehalde vorbei.
» Lässt du Maja eigentlich auch mal frei laufen ? «
» Deine Mutter möchte das nicht. Sie hat Angst,
dass Maja abhaut. «
» Ach Papa, der Hund ist doch total auf euch
geprägt, die haut doch nicht ab ! Das wäre ja bekloppt,
wer würde denn freiwillig euren Robinson Club für
Vierbeiner verlassen, den ihr gratis anbietet ? «
» Meinst du ? «
» Ja klar, schau mal, wenn ich Otto die Leine
abnehme, ist er viel entspannter. « Ich löse Otto vom
Halsband, und er springt vergnügt durch die Pfützen,
die sich entlang des alten Zechenwegs gebildet
haben.
» Na ja . . . man kann es mal versuchen «, sagt Vater
und löst Maja von der Leine.
Sie schaut ihn an, schaut mich an – und donnert
dann mit Vollgas in das angrenzende Unterholz,
in dem sie mit einem lauten » Schlömp « verschwindet.
» Scheiße «, sagt Vater.
» Scheiße «, sage ich.
Der Hund ist weg, wir laufen den Zechenweg entlang
und brüllen : » Maaajaaa . . . Maaajaaa. «
Otto schaut uns dabei irritiert zu.
Ohne Maja nach Hause zurückzukehren ist keine
Option. Lieber werfen wir uns gemeinschaftlich
vor den nächsten Bus, das wäre sicherlich die
schmerzfreiere Version von dem, was Mutter uns
antut, wenn sie erfährt, dass wir den Hund verloren
haben.
Plötzlich taucht Maja aus dem Unterholz wieder
auf. Sie schaut uns unschuldig an.
» Meine Güte, Maja ! «, seufzt mein Vater voller
Erleichterung, gerade noch dem heimischen Würgegriff
entkommen zu sein.
Plötzlich sehe ich, dass Maja etwas in ihrem Maul
trägt. Ihre gespreizten Lefzen sehen fast so aus, als
würde sie uns anlächeln.
» Eine Ratte! «, brülle ich erschrocken, als ich erkenne,
was da schlaff und pelzig in Majas Mund
hängt. » Ist die tot ? «
Vater starrt seinen Hund ebenso erschrocken an
wie ich, selbst Otto weiß nicht, was er dazu sagen
soll, er würde niemals etwas jagen und fressen. Wenn
die Futterdose auf die Idee käme, sich zu wehren,
würde er wohl lieber den Hungertod sterben.
» Ich denke, die hat dem Fährmann Charon bereits
die Münze gegeben «, sagt Vater reichlich pathetisch.
Ob Ratten wirklich den Styx überqueren müssen,
halte ich für sehr fraglich.
» Auuuus, Maja ! Auuuus ! «, zieht Vater seine Vokale
lang, geht dabei in die Knie und breitet seine
Arme beschwichtigend aus, was ein bisschen wie ein
russischer Volkstanz aussieht.
Maja macht tatsächlich Platz und mustert mich
und meinen Vater irritiert. Dann öffnet sie den Schlund und schluckt die komplette Ratte in einem Haps herunter wie ein behaarter Tyrannosaurus Rex.
» Scheiße «, sagt Vater.
» Scheiße «, ergänze ich.
» Was machen wir denn jetzt ? «, frage ich ihn, und
er erwidert ziemlich schnell : » Jetzt laufen wir ! «
Als wären wir in einer Zeitschleife gefangen,
beginnt er wieder zu rennen, wuchtet dabei aber
diesmal Maja auf den Arm. Ich packe Otto ebenfalls.
Wir sehen wahrscheinlich aus wie zwei geisteskranke
Hundekidnapper, wie wir da mit den Hunden
unter dem Arm in die Spielstraße zu unserem
Haus einbiegen.
» Wir müssen sofort zum Tierarzt «, sagt Vater und
setzt Maja auf den Rücksitz des Autos, das zum Glück
außerhalb von Mutters Sichtweite geparkt ist. » Wenn
deine Mutter das rauskriegt, sind wir einen Kopf kürzer! «
» WIR ? «, frage ich, bis mir wieder einfällt, dass
ich meinen Vater ja ermutigt hatte, Maja laufen zu
lassen.
» Wir müssen uns beeilen, vielleicht kann der die
da noch rausholen. Man kann ja gar nicht wissen,
was für Krankheiten so ein Viech in sich trägt. «
Wir rasen zum Tierarzt. Als wir dort aufschlagen,
steht gerade eine Oma mit einer Kiste an der Rezeption.
» Hansi ist irgendwie nicht in Ordnung «, sagt sie,
während man aus der Kiste nur ein lautes und deutliches
» Arschloch ! Du Arschloch « hört.
Entweder hat die Frau einen kranken Papagei oder
einen sehr kleinen und vulgären Enkel in der Kiste.
Vater und ich stürmen die Praxis wie die GSG 9,
wobei wir uns vom Überfallkommando dadurch
unterscheiden,
dass wir keine Maschinengewehre
tragen, sondern Mischlingshündin Maja, die recht
verdutzt auf die anderen wartenden Herrchen und
Frauen herabblickt.
» Es ist ein Notfall! «, ruft Vater und rennt an der
Rezeption vorbei direkt ins Zimmer des Arztes, der
sich gerade über ein Meerschweinchen beugt.
» Ich operiere ! «, beschwert er sich.
» Egal, was es kostet, helfen Sie uns «, brüllt Vater.
Hier wird heute große Theatralik geboten – ungewöhnlich
für einen Mann, der meine Geburt der
Legende nach mit den Worten » Gute Sache « kommentiert hat.
Der Arzt sieht genervt von den winzigen Hoden
seines kleinen Patienten auf, die er gerade mit einer
Klemme fixiert. » Was ist denn ? «
» Der Hund hat eine Ratte verschluckt ! EINE
RATTE ! «
» Und ich soll Ihnen jetzt helfen ? «
» Ja ! «, brüllt Vater. » Was sollen wir denn jetzt
machen ? «
»Reichen Sie ihm halt eine Serviette «, sagt der Arzt
und besinnt sich wieder darauf, das arme Meerschweinchen
zu kastrieren.
» Was ? «, erwidern Vater und ich fast zeitgleich.
» Es gibt kaum eine bessere Mahlzeit für den Hund
als so eine Ratte. Haut, Knochen, Innereien, da ist alles
drin, was der Hund braucht «, sagt der Mann seelenruhig
und vollendet den finalen Schnitt, der aus Meerschweinchenbulle
Meerschweinchenbully macht.
» Und wir können nichts tun ? «, schiebt Vater unsicher
hinterher, vielleicht haben wir den Mann ja
falsch verstanden.
» Doch, Sie können 52,50 Euro für die Beratung
dalassen, so viel kostet der Besuch meiner Sprechstunde
«, antwortet der Tierarzt und verweist uns mit
einem ernsten Blick des Raumes.
Als Vater und ich zu Hause ankommen, schaut uns
Mutter fragend an.
» Wo wart ihr denn so lange ? «, will sie verständlicherweise
wissen, der Blick auf die Uhr verrät, dass wir fast drei Stunden weg waren. Wenigstens ist das Rudel inzwischen wieder komplett : Otto und die
Rattenfresserin trotten hinter uns ins Wohnzimmer.
» Ach, wir sind mal eine andere Route gegangen «,
lüge ich nicht gerade gekonnt. In der Zeit wäre man
in etwa einmal nach Bochum und zurückgelatscht.
» Ja . . . wirklich schön . . . am See «, ergänzt Vater.
Manchmal sollte man lieber die Klappe halten.
» Welcher See denn ? «, fragt Mutter sofort misstrauisch,
denn wir wohnen in Gelsenkirchen, nicht
an der Mecklenburgischen Seenplatte.
Plötzlich hören wir ein polterndes Husten aus der
Ecke, Maja hinter uns klingt, als hätte sie ihr Lebtag
in einer Eisenerzmine gearbeitet.
» Ist alles gut mit Majalein ? «, fragt Mutter, inzwischen
höchst misstrauisch.
» Klar, alles super ! «, sage ich, beuge mich zum Hund runter, hebe den hervorgewürgten Rattenschwanz auf, verberge ihn hinter meinem Rücken und schiebe lächelnd ein » Alles wunderbar « hinterher.

 

Der Aufzug
Was für ein ätzender Tag. Dauerregen und Stau in der Innenstadt, der aus einem Kilometer eine gefühlte Marathondistanz macht. Auf den einzigen
drei Metern freier Strecke bin ich auch noch
geblitzt worden. Und ich muss schon seit dem Losfahren
aufs Klo. Dazu hat Otto heute seine dollen
fünf Minuten – seit genau drei Stunden am Stück.
Endlich zu Hause angelangt, versuche ich, ihn in
den Aufzug zu bugsieren, er aber zieht an der Leine
und bleibt vor der Tür des Aufzugs sitzen, ich stehe
hingegen bereits drin. Kurz bevor unser Mops von
den schließenden Türen geköpft wird, hämmere ich
auf den Notausschalter des Aufzugs und löse damit
offensichtlich einen Kurzschluss aus. Plötzlich ist es
dunkel. Otto kratzt von draußen an der Aufzugstür,
ihm geht es zumindest schon mal gut. Ich drücke die
Notruftaste. Einmal, fünfmal . . . doch es tut sich gar nichts. Der Kurzschluss hat wohl auch den Notruf
lahmgelegt, geniales System. Da klingelt auch noch
mein Handy.
» Na, Spatzilein, alles gut bei diöööö ? «
» Geht so, Mama. Es passt gerade nicht so gut. «
» Robert, hörst du, wir stören schon wieder ! «
» Mama . . . es ist gerad . . . «
» Eine Mutter stört NIE, Bastian . . . ich hab’s ihm
gesagt, Robert. «
» Mama . . . «
» Da ruf ich mal an, und schon stört es wieder !
Denk mal dran, wer dich zur Welt gebracht hat ! «
» Mama ! «
» Das ist richtig, Sohn ! «
» Ich stecke im Aufzug fest. «
» Wie ? «
» Wie wie ? Ich stecke im Aufzug, und der Hund
sitzt draußen vor der Tür ! «
» Das trifft sich gut, gib mir den Hund mal. «
» Geht nicht, hab doch gerade gesagt, dass der vor
der geschlossenen Fahrstuhltür sitzt. «
» Der Hund sitzt vor der Tür ? «
» Sag ich doch. «
» Und er ist eingeschlossen ? «
» Hä ? «
» Ich übersetze nur für deinen Vater. «
Ich komme mir vor, als würde ich mit meinem Echo
sprechen.
» Stell doch auf laut. «
» Geht nicht, ist kaputt. «
Kaputt heißt, dass Mutter vergessen hat, welcher
Knopf der richtige ist.
» Können wir vielleicht später telefonieren ? Ich muss
jetzt hier mal den Notdienst rufen. «
» Notdienst ? Warum das denn ? «
» WEIL ICH IM AUFZUG FESTSITZE ! «
» Drück doch die Notruftaste. «
» Das habe ich getan, mittlerweile zehn Mal, aber
da passiert nix. «
» So was passiert auch nur dir, Bastian. «
» Was ist das denn für ein bescheuerter Vorwurf ?
Ich hab mir das doch nicht ausgesucht ! «
Seit ich klein war, höre ich dieses » Das passiert auch
nur dir « ständig von meinen Eltern. Als hätte ich ein
Patent auf unvorhersehbare Notsituationen. Als ich
mir mal ein Bein brach, sagten sie, obwohl es statistisch
kompletter Blödsinn ist : » Das passiert auch nur
dir ! « Als ich mal einen kompletten Urlaub lang Magen-
Darm-Grippe hatte, hieß es : » Das passiert auch
nur dir ! « Und als meine erste Freundin nach der
Trennung lesbisch wurde, hieß es das auch. Im letzten
Fall hatten sie wahrscheinlich leider sogar recht.
» Ach ja, weißt du eigentlich, was heute ist ? «
» Keine Ahnung ? Weltaufzugstag ? «
» Ottos Geburtstag ! Der 22. 9. ist Ottos Geburtstag.«
» Ach, wirklich ? «
Ich glaube, es gibt direkt nach dem Namenstag von
Tante Renate kaum einen Festtag, der für mich weniger
Bedeutung hat.
» Natürlich, Otto ist Jungfrau, das merkt man gleich. «
» Mutter, bitte. Sollen Sternzeichen jetzt auch
noch für Hunde gelten ? «
» Man nennt es nicht umsonst Tierkreiszeichen, Bastian. «
» Da kommt das sicher nicht her, Mama. «
» Du verstehst ja auch keine Ironie, Bastian. Hast
du das Paket denn schon bekommen ? «
» Was denn für ein Paket ? «
» Mein Gott, für Ottos Geburtstag ! «
» Mama, Ottos Geburtstag ist uns relativ egal. «
» Tja, das sieht dir ähnlich. «
» Ihr habt doch um MEINEN Geburtstag auch nie
Aufhebens gemacht, ihr habt immer nur gesagt, dass
geboren werden keine Leistung ist. «
» Aber hier geht es doch um den Hund, nicht um dich ! «
Unglaublich, wie meine Eltern Prioritäten setzen.
Vor der Tür höre ich die liebenswerte Oma, die unter
mir wohnt, Frau Schürhuf, sie ist offensichtlich gerade
vom Einkaufen zurückgekommen und will in
den Aufzug steigen, vor dem aber nur ein verdutzter
Otto sitzt.

Sachbuch und Ratgeber

Peter Wohlleben »Gebrauchsanweisung für den Wald« (Platz 11)

Blick ins Buch
Gebrauchsanweisung für den WaldGebrauchsanweisung für den Wald
Die Wälder sind sein berufliches Zuhause, und die Arbeit mit Bäumen ist sein Leben. Bei geführten Waldwanderungen gibt der passionierte Förster und Autor Peter Wohlleben sein enormes Wissen über Bäume weiter. Seine Gebrauchsanweisung ist eine ebenso handfeste wie stimmungsvolle Entdeckungstour. Fundiert und unterhaltsam weist er ein in die wichtigsten Laub- und Nadelbaumarten: was sie kennzeichnet, welchen die Zukunft gehört, welche bei Gewitter wirklich Schutz bieten. Wie man sich im Wald auch ohne Kompass oder GPS orientiert. Welche Beeren und Pilze zu empfehlen sind; wo und was Sie sammeln, pflücken und essen dürfen. Wo Campen, Feuer machen und Grillen erlaubt sind. Wie Sie Tierspuren richtig lesen - und die besten Zeiten und Plätze, an denen man Wild beobachten kann. Wie Sie sich am natürlichsten gegen Mücken, Waldameisen und Zecken schützen. Was man mit Kindern erlebt und was bei einer Nacht allein im Wald. Wie ein Waldspaziergang im Frühjahr, im Sommer, im Herbst und im Winter zu einer besonderen Erfahrung wird.  
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Eine Gebrauchsanweisung für den Wald?

Als mich der Piper Verlag fragte, ob ich nicht eine Gebrauchsanweisung für den Wald schreiben wolle, war ich sofort Feuer und Flamme. Ich liebe den Wald, und er hat den Großteil meines Lebens bestimmt. Dabei bin ich zufällig beruflich hineingestolpert. Eigentlich wollte ich Biologie studieren, da ich, wie auch viele Schulabsolventen heutzutage, nicht recht wusste, wie ich meine Naturliebe umsetzen sollte. Da entdeckte meine Mutter eine kleine Anzeige der Landesforstverwaltung von Rheinland-Pfalz in der Tageszeitung: Es wurden Kandidaten für ein verwaltungsinternes Studium gesucht. Ich bewarb mich, wurde angenommen und verbrachte vier Jahre mit Praktika und in Hörsälen.

Was mir anschließend in der Praxis begegnete, entsprach nicht im Geringsten meinen Träumen. Arbeiten mit schwersten Maschinen, die den Waldboden zerstörten, waren nur die Spitze des Eisbergs. Gifteinsätze mit Kontaktinsektiziden, Kahlschläge oder das Fällen der ältesten Bäume (alte Buchen, die ich so liebe); all das fand ich zunehmend befremdlich. Während des Studiums war mir beigebracht worden, all dies diene dem Erhalt gesunder Wälder. Was Ihnen vielleicht merkwürdig erscheint, glauben bis heute Tausende von Studenten ihren Professoren. Aus Befremden wurde Ablehnung, und ich wusste nicht, wie ich mit dieser Einstellung noch jahrzehntelang weiterarbeiten sollte.

Doch 1991 fand ich in der Gemeinde Hümmel in der Eifel einen Waldbesitzer, der ebenfalls ökologische Wege gehen wollte. Zusammen haben wir eine Waldbewirtschaftung aufgebaut, die eine Mischung aus Reservaten und behutsam genutzten Parzellen vorsieht. Und ganz wichtig: Die Bevölkerung sollte intensiv mit eingebunden werden. Dazu bot ich eine Reihe von Veranstaltungen an. Survivaltrainings und der Bau von Blockhütten waren das Extrem, die meisten Angebote bestanden aus Führungen zur wunderbaren Welt der Bäume. Wo man all dies denn nachlesen könne, wurde ich oft gefragt. Da blieb mir nur ein Schulterzucken, denn Literatur zum Thema war mir nicht bekannt. Nachdem mich meine Frau immer wieder drängte, für die Besucher doch wenigstens ein bisschen etwas aufzuschreiben, brachte ich in einem Lapplandurlaub eine typische Führung zu Papier. Das Manuskript schickte ich an etliche Verlage und sagte zu meiner Frau: »Wenn bis Ende des Jahres niemand zusagt, dann kann ich eben nicht schreiben.«

Es kam anders, wie Sie gerade sehen, und ich habe Freude an dieser Erweiterung meiner Tätigkeiten gefunden. Nun kann ich weitaus mehr Menschen für den Wald begeistern, denn dieser wird meiner Meinung nach noch viel zu wenig genutzt. Nicht im Sinne der Holzwirtschaft, nein, die übertreibt es in weiten Bereichen schon. Es sind die kleinen und großen Abenteuer, die zwischen den Bäumen nur darauf warten, abgeholt zu werden. Und dazu müssen Sie nur eines tun: zu Fuß in die Wälder gehen.

 

Querfeldein

Kennen Sie diese Situation? Man ist mit Kindern im Wald unterwegs, und irgendwann wird es laut. Entweder spielen sie Fangen, entdecken ein kleines wildes Tier und rufen laut ihre Entdeckung herüber, oder aber sie schreien ganz einfach vor Vergnügen. Die reflexartige Ermahnung der Erwachsenen folgt auf dem Fuß: »Pst, schreit nicht so laut!«

Warum eigentlich? Stört es Hirsch und Reh tatsächlich, wenn Menschen Krach machen? Grundsätzlich lieben es wilde Tiere leise, doch nicht etwa, weil sie lärmempfindlich sind. Tost ein Sturm durch die Baumwipfel oder rauscht ein heftiger Platzregen herab, dann können sie keine anderen Geräusche mehr hören. Auch nicht die von sich nahenden Wölfen oder Luchsen, und das kann für Rehe und Hirsche lebensgefährlich sein. Daher lieben sie windstille, trockene Wetterlagen, bei denen jeder Tritt auf ein knackendes Ästchen weit zu vernehmen ist.

Krach von Menschen nervt die Tiere dennoch nicht, denn er erfüllt nicht gleich den ganzen Wald, sondern ist nur aus einer Richtung zu hören. Zugleich wissen die großen Säugetiere, dass ihr größter Feind nicht auf Beutezug ist: Denn auch das sind wir Menschen, und zwar in Form der Jäger. Selbst wenn Wolf und Luchs hier und da langsam wieder Einzug in unsere Landschaften halten, so sind doch ihre menschlichen Kollegen im grünen Loden tausendfach zahlreicher vertreten. Kein Wunder, dass sich die Angst unserer Wildtiere hauptsächlich auf Zweibeiner konzentriert. Wenn wir fröhlich singend über Wanderwege spazieren oder uns dabei lautstark unterhalten, so signalisieren wir unseren Mitgeschöpfen, dass wir nicht auf der Jagd sind. Das trifft sogar auf die eigentlich extrem scheue Wildkatze zu. Sie wurde ebenfalls bejagt, weil man ihr zutraute, Rehe zu reißen. Rehe? Die Wildkatze ist zwar nicht mit der Hauskatze verwandt, gleicht ihr aber bis auf minimale Größenunterschiede. Können Sie sich vorstellen, dass ein Stubentiger einen Dackel frisst? Dazu sind die kleinen Zähne viel zu kurz, und das Maul lässt sich nicht weit genug öffnen, um solch große Tiere festzuhalten. Dennoch hielt sich das Gerücht über Jahrhunderte unter Jägern, sodass man dem getigerten Beutegreifer erbarmungslos nachstellte. Dass er sehr scheu wurde, ist da nicht verwunderlich.

Doch Menschen, die laut durch den Wald gehen, werden wie bei anderen Arten ebenfalls nicht als Gefahr gesehen. So führte ich einmal eine Besuchergruppe im Januar durch den verschneiten alten Buchenwald meines Reviers. Die Wanderer wollten sich den Ruheforst, einen Bestattungswald, ansehen. Nachdem wir uns dort eine Stunde lang umgesehen hatten, marschierten wir wieder zum Parkplatz zurück, als mir auffiel, dass ich meinen Rucksack unter einem Baum vergessen hatte. Der Praktikant, der mich begleitete, bot sich an, noch einmal zurückzugehen. Als er schließlich nach fünfzehn Minuten wieder erschien, war er ganz aufgeregt. Er hatte eine Wildkatze gesehen, die friedlich den Weg kreuzte. Offensichtlich hatte das Tier in der Nähe abgewartet, bis die gut gelaunte und entsprechend kommunikationsfreudige Truppe den alten Wald wieder verlassen hatte. Ähnliches habe ich ein Jahr später an einem heißen Julitag auf ebendiesem Ruheforstparkplatz erlebt. Ich unterhielt mich, an meinen Geländewagen gelehnt, mit einem Kollegen, als ich plötzlich eine Wildkatze seelenruhig fünfzig Meter von uns entfernt über die Zufahrt von einem Waldstück in das andere wechseln sah. Die nahe Straße schien sie nicht zu stören, was zeigt, dass die Scheuheit sich eher auf stille, durch das Unterholz pirschende Menschen bezieht. Das Fazit muss also lauten: Krach im Wald stört hier niemanden, schon gar nicht Krach von Kindern. Oder nein, ich muss mich korrigieren – er stört die wilden Tiere nicht, sondern vielleicht eher manche Erwachsenen.

Querfeldeingehen hat den Hauch grenzenloser Freiheit, und bei dieser denkt man meist an andere Länder. Ich mag die menschenleeren Landschaften im Südwesten der USA, nicht etwa, weil ich menschenscheu bin, nein, diese endlosen Weiten haben es mir angetan. Wo in Europa der Blick in die Ferne meist an Strommasten, Autobahnen oder Siedlungen hängen bleibt, kann das Auge in New Mexico, Arizona oder Utah über Wälder und Gebirge schier endlos umherschweifen.

Allerdings nur das Auge. Denn in den meisten Fällen ist der Weg abseits öffentlicher Straßen versperrt, und dies teilweise wortwörtlich. So begleiteten uns bei einer Rundreise durch den Südwesten Maschendrahtzäune, die links und rechts der Straße auf Hunderten von Kilometern das Freiheitsgefühl im Keim erstickten. Eingezäunt waren häufig nur Sand und Fels – als ob da jemand etwas wegnehmen würde! Land in Privatbesitz (und das gibt es dort sehr viel) ist nicht öffentlich zugänglich, und darauf weisen immer wieder Schilder hin.

Zurück in Deutschland, wurde mir erst klar, welche Möglichkeiten sich hier jedem Waldbesucher bieten. Es stehen nicht nur sämtliche Wege zur freien Verfügung, sondern gleich die gesamte Fläche. Wann immer Sie sich also ins Unterholz schlagen möchten – bitte schön! Niemand kann Sie daran hindern, es sei denn, Sie sind in einem der wenigen Ausnahmegebiete unterwegs. Naturschutzgebiete, Nationalparks und kleinere Bannwälder weisen meist ein Wegegebot auf, das heißt, Sie dürfen die ausgeschilderten Routen nicht verlassen. Doch da solche Flächen nur wenige Prozente der Waldgebiete ausmachen und zudem immer deutlich darauf hingewiesen wird, können Sie sich im Normalfall nicht vertun. Weitere Ausnahmen sind frisch aufgeforstete Kulturen mit Jungbäumen, erst recht, wenn diese eingezäunt sind. Auch wenn es noch so reizt, den Zaun zu übersteigen und den Querfeldeingang abzukürzen: Gehen Sie lieber außen herum.

Ein letztes Tabuareal sind laufende Holzeinschläge. Wo die Motorsägen röhren oder der Harvester, die Vollerntemaschine, brummt, ist es lebensgefährlich. Fallende Bäume mit bis zu vierzig Meter Länge sind schwer einzuschätzen, zudem versperren häufig Büsche die Sicht auf Spaziergänger. Daher stehen auf den betreffenden Waldwegen schon Hunderte Meter vor der eigentlichen Durchforstungsfläche Warnschilder, oder ein rot-weißes Flatterband versperrt sie gleich ganz. Der überwältigende Teil der Wälder ist jedoch frei von solchen Restriktionen, sodass Sie hier tatsächlich ganz eintauchen können. Allerdings gilt das nur für Fußgänger. Fahrradfahrer und Reiter müssen sich an die Wege halten, für alle anderen Fortbewegungsmittel ist der Wald in der Regel ohnehin komplett gesperrt.

Wie geht man denn nun richtig querfeldein? Am besten eignen sich dichtere Laubwälder. Hier ist der Boden meist frei von Bewuchs, und es stören keine Äste an den Stämmen. Das sieht bei Nadelforsten ganz anders aus, vor allem, wenn die Bäume dicht an dicht gepflanzt wurden. Dann greifen die abgestorbenen unteren Äste benachbarter Fichten, Kiefern und Douglasien wie Arme ineinander und hindern den Durchgang. Ich habe mich in solchen Plantagen manchmal sogar rückwärts bewegt, um mich mit Gewalt hindurchzudrücken. So peitschen keine Äste ins Gesicht oder, schlimmer noch, stechen in die Augen. Laubwald ist da viel friedlicher. Taucht Gras unter den Bäumen auf, so sollten Sie einen Bogen darum machen. Morgendlicher Tau oder festgehaltene Regentropfen lassen Ihr Schuhwerk im Nu durchweichen, und selbst eingearbeitete Spezialmembranen halten die Nässe in solchem Gelände kaum auf Dauer ab.

Brombeeren sind oft eine Herausforderung. Natürlich nicht die Früchte, doch meist werden Sie nur auf die beerenlosen rankenden Pflanzen treffen. Diese verhaken sich ineinander und bilden teilweise meterhohe Verhaue. Möchten Sie ein solches Feld kreuzen, dann heißt es laufen wie ein Storch. Treten Sie die oberste Ranke mit dem Fuß zu Boden, belasten dann diesen Fuß und machen mit dem zweiten den nächsten Schritt auf die nächste Ranke. Das sieht lustig aus, doch es schaut ja in der Regel niemand zu. Haben Sie es eilig, oder möchten Sie nicht so staksig laufen, können Sie rasch von einer Ranke regelrecht gefangen werden. Wie bei einem Lasso, das sich zuzieht, kommen Sie kaum noch aus der unfreiwilligen Umarmung los, und oft genug endet dann ein weiterer Schritt mit dem Sturz in die Dornen – aua!

Sturzgefahr besteht auch beim Gehen im Steilhang. Nicht etwa, weil Sie sich dort nicht richtig auf den Beinen halten können, nein, das Verhängnis lauert unter Laub oder Schnee. Es sind tote Äste, deren Rinde schon weggerottet ist. Sie liegen meist mit dem Gefälle, also von oben nach unten, im Hang. Wenn Sie auf solch einen Ast treten, rutscht der aufgesetzte Fuß wie auf einer Gleitbahn seitlich bergab. Mir ist das, obwohl ich es eigentlich wissen müsste, schon häufig passiert. Wenn ich bewusst registriere, worauf ich getreten bin, ist es oft schon zu spät. Ich kippe, rudere dabei mit den Armen und krache dann seitwärts auf den Boden. Steile Partien sollten Sie bei feuchtem Wetter im Zweifelsfall meiden. Eine gute Möglichkeit, sich in Berghängen zu bewegen, sind Wildwechsel. Da die Tiere dieselben Probleme haben wie Sie, laufen sie nur auf ausgetretenen und damit ebenen Pfaden. Die sind zwar schmal, meist nicht breiter als dreißig Zentimeter, aber es reicht für einen sicheren Gang. In langen Hängen ziehen sich in regelmäßigen Abständen solche Wildpfade parallel dahin, sodass Sie, wenn Sie tiefer hinabmüssen oder abbiegen wollen, einfach einen oder zwei Pfade tief absteigen und danach weiter sicher den Trittsiegeln der Tiere folgen können.

Sind Sie im Tal angekommen, steht oft eine Bachquerung an. Bisher sind die Schuhe trocken geblieben, und das soll sich nicht ändern. Also versuchen die meisten Querfeldeinläufer, von Ufer zu Ufer zu springen. Das scheint ganz einfach zu sein, schließlich sind die kleinen Wasserläufe oft nicht breiter als einen Meter. So einen Sprung sollte eigentlich jeder schaffen, und das stimmt auch. Nicht allerdings, dass man dann auf trockenem Boden steht. Gerade Bäche, deren Uferbereich flach verläuft, durchnässen diesen unterirdisch so, dass kleine Sumpfgebiete entstehen. Der Sprung endet also oft im Morast, der dann feucht und kalt von oben in die Schuhe läuft. Wie können Sie das vermeiden?

Zunächst sollten Sie sich eine Stelle suchen, an der die Bachufer steiler nach oben verlaufen. Hier ist die Chance gut, dass unter der Oberfläche viele Steine sind. Auch dicht neben Bäume zu treten erhöht die Chance, dass die Schuhe sauber und die Füße trocken bleiben, denn das Wurzelwerk wirkt wie eine Matte. Und ganz einfach ist es, wenn der Bach nicht tiefer ist, als Ihre Schuhe hoch sind, und Steine zu sehen sind – dann treten Sie beherzt ins Wasser. Im Laufe der Zeit haben sich diese Steine von allem Schlamm freigespült und liegen in der Regel so sicher auf dem Grund wie das Pflaster in einer Fußgängerzone – na gut, nicht ganz, denn manchmal sind sie etwas glitschig. Bei meinen Gängen durchs Revier ist es mir noch nie passiert, dass ich im Bachbett eingesunken bin, wohl aber oft schon in der weichen Böschung. Die einzige kleine Gefahr besteht darin, dass man sich bei der Tiefe verschätzt, doch dann wird es immerhin nur nass und nicht schmutzig.

Matsch und Sumpf sind bei schlechtem Wetter immer ein Thema. Natürlich sind die Schuhe für harte Einsätze konstruiert, doch wer möchte schon unnötig verschlammtes Leder reinigen? Ganz davon abgesehen, dass im Zweifelsfall etwas von der Brühe hereinläuft, wenn Sie zu tief einsinken. Daher gilt es, den Bodendruck des Schuhs zu reduzieren, indem Sie die Auftrittsfläche vergrößern. Das können beispielsweise Äste sein, die auf dem Boden liegen. Treten Sie darauf, verteilt sich Ihr Gewicht auf eine größere Fläche – doch achten Sie darauf, dass das Holz nicht allzu verrottet ist. Sonst macht es »knack«, und Sie stehen doch eine Etage tiefer.

Äste liegen nicht überall herum, weiter verbreitet sind hingegen Grasbüschel. Jedes dieser kleinen Polster ragt wie eine Insel aus dem Morast und ist überraschend stabil. Wenn Sie nun von Insel zu Insel stapfen, gelangen Sie trockenen Fußes auf die andere Seite. Das gilt allerdings nur für echte Bachläufe, keinesfalls hingegen für Moore. Dort sitzen die Gräser auf schwammigem Torfmoos und werden instabiler, je weiter Sie sich in eine solche Fläche hineinwagen.

Und wenn Sie gar nicht querfeldein gehen möchten? Das Laufen durch Gestrüpp und Unterholz bietet ja nicht nur Vorteile. Sind Sie zu zweit unterwegs und möchten sich unterhalten, so ist der Gang abseits der Wege nicht zu empfehlen. Da es meist nur schmale gangbare Routen gibt, fällt man schnell in den Gänsemarsch, und schon wird die Wanderung recht einsilbig. Ein wenig Abstand zueinander ist angeraten, wegen zurückschlagender Äste beim Durchstreifen; das macht die Unterhaltung noch schwieriger.

Und überhaupt – warum sollten Wege langweilig sein? Auf ihnen gibt es jede Menge zu entdecken. Zum Beispiel die Spuren schwerer Maschinen. Nun könnte man sich maßlos ärgern, wenn man durch frisch durchforstete Wälder spaziert und die schönsten Wege im Matsch versinken. Ist es nicht eine Frechheit, dass die Wanderer durch knöchelhohen Schlamm laufen müssen, nur weil die kommerzielle Forstwirtschaft rücksichtslos Holz erntet? Ich kann beide Seiten gut verstehen, auch die Waldbesitzer. Denn die Wege wurden bis auf wenige Ausnahmen tatsächlich nur deswegen gebaut, damit die gefällten Stämme per Lkw ins nächste Sägewerk gefahren werden können. Rücksichtnahme auf Erholungssuchende kann man sich nicht leisten, und selbst vermatschte Pisten sind für schweres Gerät immer noch gut genug. Früher wurde Holz nur im Winter eingeschlagen und nur bei trockener Witterung oder bei Frost gefahren. Doch in Zeiten des Klimawandels ist die kalte Jahreszeit meist nur noch regnerisch mit Temperaturen oberhalb des Gefrierpunkts.

In meinem Revier spielen sich daher immer häufiger Situationen ab, in denen es nur Verlierer gibt. Wir sperren die Holzabfuhr oft schon im Herbst, wenn im Dauergrau alle Wege aufgeweicht sind. Unsere Hoffnung, es möge doch wenigstens ein paar Tage Frost geben, der die Trassen durchfrieren lässt, erfüllt sich nur noch selten. Inzwischen wird das geerntete Holz durch Pilzbefall qualitativ immer schlechter, und der Käufer befürchtet zu Recht schwere finanzielle Einbußen. Spätestens im März, und dann liegen manche Stämme schon sechs Monate im Wald, muss gefahren werden, bevor die Ware endgültig verdirbt. Die Wege verschlammen und müssen hinterher aufwendig instand gesetzt werden.

Oft berichten mir Besucher, dass sie in anderen Wäldern in ihren Freizeitaktivitäten rüde gestoppt werden. Meist sind es ältere Herren in Grün, die sich aus ihrem Geländewagen beugen und irgendwelche Verbote aussprechen. Lassen Sie sich im Zweifelsfall einfach erst einmal den Dienstausweis zeigen. Den gibt es nämlich in der Regel gar nicht, weil es sich um Jagdaufseher handelt. Das sind Hilfspersonen, die dem örtlichen Jagdpächter zur Hand gehen. Ihr grünes Schild »Jagdschutz«, welches hinter der Windschutzscheibe prangt, sieht amtlich aus. Allerdings kann es sich jeder im Internet bestellen und darf es sich ebenfalls ins Auto stellen, genauso wie Schilder mit dem Aufdruck »Landwirtschaft«, »Forstwirtschaft« oder ähnlichen Hinweisen. Sie sollen eigentlich nur klarmachen, dass die betreffende Person berechtigterweise mit dem Pkw die Waldwege befährt. Richtig amtlich sind nur Schilder mit dem Aufdruck »Forst« oder »Forstverwaltung«, die das jeweilige Landes- oder Stadtwappen tragen. In diesen Fahrzeugen sitzen Förster, die sich entsprechend ausweisen können und müssen. Meist kontrollieren die Kollegen aber gar keine Wanderer, sondern halten sich dezent zurück.

Bei vielen Jägern sieht das anders aus. Sie ärgert es, wenn sie abends auf dem Hochsitz auf Wild warten und noch ein später Waldbesucher mit Hund (womöglich frei laufend) vorbeikommt. Dann war die Aktion vielleicht umsonst, und es ist verständlich, dass die Waidmänner verstimmt absteigen. Zum Abreagieren eine Art Polizeiaktion mit den »Störenfrieden« zu veranstalten ist allerdings schlicht und ergreifend illegal. Doch wer möchte schon wütenden Personen widersprechen, die schwer bewaffnet sind? Und so ist es im Zweifelsfall besser, sich einfach das Pkw-Kennzeichen zu merken und den Rückzug anzutreten. War die verbale Attacke zu heftig und hing dabei dem Gegenüber das Gewehr über der Schulter (oder wurde gar in die Hände genommen), bleibt Ihnen immer noch eine Anzeige wegen Nötigung.

 

Spurensuche

Ich freue mich bei Schneefall gleich doppelt: Erstens mag ich richtige Winter, in denen ich mit schweren Stiefeln durch die weiße Pracht stapfen kann, und zweitens kann ich dann viele Geheimnisse lüften. Zumindest diejenigen, welche Tiere betreffen, denn nun hinterlassen sie deutlich sichtbar ihre Spuren. Dabei ist Schneefall nicht gleich Schneefall. Vor allem der erste Wintereinbruch einer Saison ist besonders ergiebig. Dann sind die Tiere noch nicht im Kältemodus, streifen noch viel aktiver umher als bei längeren Frostperioden. Am besten starten Sie Ihre Entdeckungstour gleich morgens, denn oft schmilzt die Mittagssonne die Spuren an, oder ein scharfer Wind weht sie wieder mit Eiskristallen zu, sodass sie kaum noch zu erkennen sind. Nehmen Sie einen Fotoapparat mit und lichten alle Funde ab, damit Sie diese zu Hause bequem mithilfe eines Bestimmungsbuches oder einer passenden Webseite entschlüsseln können.

Im Sommerhalbjahr ist feiner Schlamm auf oder an Wanderwegen besonders ergiebig. Hier hinein drücken sich Pfoten und Hufe wie ein Siegel in Wachs. Nebenbei können Sie grob ermitteln, wie lange es her ist, dass das betreffende Tier vorbeikam. Entscheidend sind die letzten heftigen Regenfälle. Sie spülen die Spuren wieder zu oder lassen zumindest die scharfen Konturen erodieren, sodass sie nur noch ungefähr zu erkennen sind. Hat es also beispielsweise vorgestern geregnet und Sie entdecken eine gestochen scharfe Rehspur, ist es maximal zwei Tage her, dass das Tier dort seine Bahn zog.

Besonders aufregend wird es, wenn man Wolfsspuren findet. Mein erster Fund dieser Art war im getrockneten Schlamm eines schwedischen Weges geprägt. Mit meiner Familie war ich im Grenzgebiet zu Norwegen unterwegs, und zwar mit dem Kanu. Kanu und Wolfsspuren? Da diese Wasserwanderung entlang einer Kette von Seen verlief, waren zwischendurch sogenannte »Portagen« notwendig. Dabei wird das Kanu entladen, aus dem Wasser gehoben und auf einem Gestell mit zwei Rädern befestigt. Das Gepäck kommt wieder hinein, und nun mussten wir uns Kilometer um Kilometer auf verschwiegenen Waldwegen durchs Hügelland kämpfen.

Die notwendigen Pausen bei dieser Quälerei mit dem ermattet nach unten gerichteten Blick bescherten uns die ersten richtigen Wolfsspuren. Spaziergänger gab es in diesem abgelegenen Gebiet nicht, jedoch die damals größte Wolfspopulation Schwedens. Wir fühlten uns reich beschenkt und schoben unser Kanu mit neuer Energie zum nächsten Gewässer.

Warum ich die Spaziergänger erwähnte? Oft sind diese mit Hunden unterwegs, und dann wird die Spurensuche kniffelig. Hunde und Wölfe sind ja sehr eng verwandt, die Pfotenabdrücke damit sehr ähnlich. Großer Hund oder Wolf, das traue selbst ich mir kaum zu. Es gibt natürlich einige Anhaltspunkte, und das Wichtigste ist die Nachrichtenlage. Da allerorts abends Jäger draußen auf ihren Hochsitzen sind, wird jeder Wolf sofort gemeldet und spätestens am nächsten Tag in den Medien präsentiert. Wolfsspuren in Landstrichen, in denen noch keine bestätigte Sichtung existiert, sind wohl eher ihren zahmen Verwandten zuzurechnen. Innerhalb von Wolfsrevieren lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Wölfe schnüren im Gegensatz zu Hunden, das heißt, ihre Pfotenabdrücke sind wie auf einer Linie aufgereiht. Hinzu kommt, dass die Tiere die Hinterpfoten in die Abdrücke der Vorderpfoten setzen. Zur Sicherheit sollten Sie auch noch links und rechts der Spur schauen: Bei matschigem Wetter sollte sich, falls die Spur doch vom Hund stammen könnte, auch die Spur des Besitzers abzeichnen.

Wenn Sie Kot finden, lässt sich der Unterschied Wolf/Hund deutlicher ablesen. Das Haustier wird meist aus Dose oder Beutel ernährt, und die Hinterlassenschaften zeigen daher ein einheitliches Braun ohne Strukturen. Bei Wölfen können Sie dagegen sehen, welche Tiere sie gefressen haben. Kalkige Knochenreste sind durchzogen mit Tierhaaren, oft schwarzen, die dann von Wildschweinen stammen. Im Zweifelsfall können Sie den Kot auch in einen Plastikbeutel packen und an den nächsten Wolfsberater schicken, der ihn zur Untersuchung weiterleiten kann.

Der zweite große Beutegreifer, der Luchs, hat einwandfreie Trittsiegel. So große Katzenspuren sind unverwechselbar. Im Zweifelsfall hilft die Symmetrie: Hunde-/Wolfsspuren sind spiegelgleich, wenn man sie in der Mitte gedanklich teilt (zwischen den mittleren Zehen), bei Luchsen ergibt sich ein schiefes Bild. Zudem sind bei den großen Katzen nur sehr selten Krallenabdrücke zu sehen, während Wolf und Co. die Krallen (oder korrekt: die Nägel) meist mit in den Schlamm drücken. Wenn Sie eine Katze haben, hilft diese Ihnen vielleicht sogar bei der Identifikation, falls ein Luchs in Ihrer Umgebung umherstreift. So erzählte mir ein Kollege aus dem Pfälzer Wald, dass sein Stubentiger sich nicht mehr vor die Tür traue, sobald seine größere Verwandtschaft im Großraum auftauche. Das sei ein sicherer Indikator für ihn.

Während Luchs- und Wolfsspuren schon den Lottogewinn bei der Suche darstellen, sind Fuchsspuren eher ein Trostpreis. Dennoch können Sie an ihnen den Unterschied zu kleineren Hundesiegeln lernen, denn der Fuchs läuft ähnlich wie sein großer wilder Bruder. Er schnürt, hinterlässt also eine lange, gerade Linie von Abdrücken. Im Gegensatz zu Hunden ragt der hintere Ballen auch nicht in die Spur der Zehenballen, was das Siegel länglicher wirken lässt.

Die Anwesenheit von Füchsen verraten auch deren Baue. Sie liegen zwar nicht an Wanderwegen, doch wenn Sie auf der Suche nach Pilzen durchs Unterholz streifen, stoßen Sie vielleicht auf solch eine Höhle. Meist sind es mehrere Aus- oder Eingänge, die in eine Böschung gegraben sind. Ob sie noch genutzt werden, zeigen frische Kratzspuren und das Fehlen von Vegetation auf der ausgeworfenen Erde.

Allerdings kann auch jemand anderes diese Behausung nutzen – der Dachs. Die Unterscheidung ist schwierig, wenn es keine Pfotenabdrücke gibt (dann wäre es leicht; Dachsspuren sehen aus wie kleine Bärenspuren mit nach vorne gerichteten Krallen). Dachse graben mehr als Füchse und lagern entsprechend viel Erde vor dem Bau, in der sich eine Rinne abzeichnet, die vom Ein- und Ausgehen auf dem immer gleichen Pfad stammt. In dieser Rinne findet sich manchmal Polstermaterial, welches später den Bau schön gemütlich machen soll. Im Gegensatz zu Füchsen, die ihren Kot überall absetzen, legen sich Dachse regelrechte Toiletten an. Hier vergraben sie ihr Geschäft, und das kann man riechen. Damit nicht genug: Sie setzen auch noch Duftmarken ab, um ihr Revier zu kennzeichnen. Markanter Duft lässt also eher auf den Dachs schließen. Um es noch komplizierter zu machen, wohnen oft verschiedene Tierarten gleichzeitig im Höhlensystem: Dachse, Füchse und auch Marderhunde. Und selbst wenn Sie die Bewohner nicht identifizieren können, ist es eine spannende Entdeckung, denn solche Baue können jahrhundertelang genutzt werden und sind damit so alt wie die Fachwerkhäuser unserer Innenstädte.

Trittsiegel, Kot und Behausungen sind nur ein Teil möglicher Hinweise. Wildschweine etwa zeigen ganz deutlich, wo sie sich gesuhlt haben. Nach dem erfrischenden Bad im Schlamm (der manchmal sogar den Abdruck der liegenden Tiere zeigt) scheuern sie sich an sogenannten »Mahlbäumen«. Dabei werden nicht nur die trocknende Kruste, sondern auch Haare abgerieben, die in Rindenspalten hängen bleiben. Auf dem Weg zu diesen Bäumen spritzen von den nassen Tieren lehmfarbene Tröpfchen auf die Vegetation, die wie bei Hänsel und Gretel zeigen, wo sie entlanggelaufen sind.

Manche Zeichen deuten noch subtiler auf Tiere hin. Im Frühjahr keimen in den alten Buchenbeständen die Eckern. Die Sämlinge sehen mit ihren Keimblättern aus wie kleine Schmetterlinge, die vorsichtig ihre Flügel entfalten. Manchmal sprießt gleich ein ganzes Bündel aus dem Boden. Doch wie kann das sein? Bucheckern sind schwer und fallen, Wind hin oder her, immer schön senkrecht unter ihren Mutterbaum. Rein statistisch gesehen, sollten sie schön gleichmäßig um den Stamm herum keimen. Gut, es mag auch mal zwei oder drei auf einen Platz verschlagen, aber gleich zehn oder mehr? Nein, der Zufall ist dann nicht im Spiel, sondern Eichhörnchen oder, häufiger noch, Mäuse. Sie legten sich hier im Herbst ihren Wintervorrat an, um sich unter der Schneedecke gemütlich an den ölhaltigen Samen zu laben. Der Strauß an Sämlingen zeigt also ein kleines Drama an: Offensichtlich kam im Winter ein hungriger Fuchs vorbei, der sich das fleißige Mäuschen schmecken ließ. Die Vorräte des kleinen Nagers blieben nun verlassen im Boden und konnten so im Frühling keimen. Man kann es natürlich auch andersherum sehen: Der Fuchs befreite die Baumembryos von ihrem Feind und sicherte so ihr Überleben.

Ebenfalls auf Bäume abgesehen haben es Spechte. Zum einen bauen sie ihre Höhlen in die Stämme, und beileibe nicht nur in faule. Wer möchte schon eine instabile Wohnung haben? Nein, oft werden völlig gesunde Exemplare ausgewählt, und damit das harte Holz nicht zu viele Kopfschmerzen verursacht, wird in Etappen gemeißelt. In den Zwischenintervallen, die manchmal sogar mehrere Monate dauern, besiedeln Pilze die Baustelle und machen durch Zersetzungsprozesse das Holz mürbe. Spechte haben aber noch ganz andere Bedürfnisse. So schlürfen sie im Frühjahr gerne die zuckerhaltigen aufsteigenden Baumsäfte. Dazu hacken sie mit einer Vorliebe für jüngere Eichen etwa zehn Zentimeter lange Reihen kleiner Löcher in die Rinde. Hier lecken sie den austretenden Saft auf. Dem Baum schadet das kaum, aber er behält für Jahrzehnte eine Art Schmucknarben auf der Borke.

Weniger schmerzhaft ist es, wenn die Vögel nach Insekten suchen. Diese befallen Bäume nämlich nur dann, wenn sie tot oder zumindest so schwer erkrankt sind, dass es dem Ende zugeht. Im Sommer, wenn Borkenkäfer Hochkonjunktur haben, zeigen Spechte ganz deutlich, welche Bäume es erwischt hat. Überall dort, wo sich saftige weiße Maden (der Nachwuchs der Käfer) unter der Rinde tummeln, hacken und stochern die Vögel so lange herum, bis sie die meisten Leckerbissen erbeutet haben. Bei diesem Festmahl löst sich großflächig die Rinde, und das hell hervorleuchtende Holz signalisiert Ihnen schon von Weitem den Käferbefall des Baums.

Doch auch abgestorbene Stämme, die langsam im Dämmerlicht am Boden verrotten, sind für Spechte attraktiv. Über tausend Insektenarten legen hier ihre Eier ab. Die bleichen Larven fressen sich oft jahrelang durch die zerbröselnde Holzsubstanz, bevor sie sich verpuppen und anschließend für wenige Wochen als Käfer die Welt erkunden. Diese »Spechtspeisekammer« können Sie besonders gut im Winter entdecken. Nun gibt es keine frei laufenden Ameisen mehr, und fliegende Insekten halten Winterschlaf, versteckt unter abblätternder Borke. Spechte bedienen sich in ihrer Not an totem Holz und hacken lange, helle Späne heraus. Tief im Inneren gelangen sie an die eiweißreichen Larven, die sie für die schwere Arbeit entschädigen. Wo es besonders viel zu holen gab, zeigen völlig zerfaserte und zerlegte Totholzteile am Boden.

Die nächste Kategorie von Spuren ließe sich eher als Reste bezeichnen, und eine kleine Begebenheit am Forsthaus erinnerte mich daran, dass sie auch in diese Gebrauchsanweisung gehören. Ich saß in der Mittagspause auf dem Sofa und biss gerade in mein Käsebrot, als mein Blick nach draußen schweifte und an Schneeflocken hängen blieb. Sie rieselten besonders sanft zu Boden – zu sanft. Beim genaueren Hinsehen entpuppten sie sich als Flaumfedern. Ich stand auf und ging ans Fenster. Die Quelle des Federsegens war schnell klar: Es war ein Eichelhäher, der gerade genüsslich eine Kohlmeise rupfte, um sich deren Fleisch schmecken zu lassen.

Solche kleinen Tragödien passieren sehr häufig unter dem Blätterdach der Bäume; es gibt eine ganze Reihe von Vogeljägern unter den Tieren. Da wären beispielsweise Eichhörnchen, Marder und Füchse, um nur einen Teil der infrage kommenden Säugetiere zu nennen. Unter den Vögeln selbst sind es Rabenvögel, also Elstern, Eichelhäher, Krähen und Raben, dazu Eulenarten wie der Waldkauz oder der Uhu und Greifvögel wie Sperber oder Habicht. Eine typische Rupfung erkennen Sie an einer Federansammlung, die oft auf einem Baumstumpf liegt. Tiere scheinen für ihr Metzgerhandwerk ebenfalls Tische zu bevorzugen. Welche Art es nun genau war, die hier zu Werke ging, können Sie nicht unterscheiden, immerhin aber, ob es ein Säugetier oder ein Vogel war. Denn Letztere haben keine Zähne, und während zum Beispiel der Fuchs hartnäckige Kiele einfach abbeißt, reißen Greifvögel sie im Ganzen heraus. Dort, wo der Schnabel zugepackt hat, findet sich oft eine Kerbe oder ein Knick.

Die Spurensuche kann aber auch ganz anders aufgefasst werden. Wie wäre es, wenn Sie nicht nach tierischen Fährten, sondern nach menschlichen Ausschau hielten? Immerhin sind das die häufigsten Zeichen, die Sie bei einem Waldspaziergang finden können. Und es macht Spaß, ein bisschen Detektiv zu spielen. Da wären etwa Pfützen. Sie eignen sich gut, um zu schauen, wann das letzte Fahrzeug über den Weg gefahren ist. Solange das Wasser noch trübe ist, muss die Durchfahrt vom selben Tag stammen, oft liegt sie weniger als eine Stunde zurück. Eine einfache Reifenspur deutet auf einen Geländewagen hin, eine doppelte auf einen Holz-Lkw. Bei breitem, grobem Profil war eine Erntemaschine unterwegs, die entweder Bäume abgesägt oder diese an den Weg transportiert hat. In diesem Sinne kann es spannend sein, die Spuren anderer Menschen zu untersuchen.

Stephan Orth »Couchsurfing in Russland« (Platz 29)

Blick ins Buch
Couchsurfing in RusslandCouchsurfing in Russland

Wie ich fast zum Putin-Versteher wurde

Oligarchen und Kartoffelbauern, Kalaschnikows und eingemachte Gurken, orthodoxe Christen und Hippies – Stephan Orth, seit über zehn Jahren als Couchsurfer unterwegs, begibt sich auf die Suche nach dem wahren Russland, jenseits von dem, was Nachrichten und Propaganda daraus machen. Er fährt von Moskau über Wolgograd bis Grosny im Süden, von Jekaterinburg über Irkutsk und den Baikalsee nach Wladiwostok im Osten. Dabei stößt er nicht nur auf Putinanhänger, Waffennarren und wodkabeseelte Machos, sondern auch auf viel Herzlichkeit, unentdeckte Attraktionen und großartige Landschaften. Von Couch zu Couch, von Gastgeber zu Gastgeber ergibt sich ein differenzierteres und persönlicheres Bild. Mitreißend erzählt Stephan Orth von haarsträubenden Abenteuern und überraschenden Begegnungen.
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Angekommen

Hinter der Absperrung geht es 500 Meter in die Tiefe, wir stehen am Rand eines riesigen Kraters. »Willkommen am Arschloch der Welt!«, ruft die Leiterin der Dezernate Kultur und Jugend der Stadtverwaltung. Sie hält ihr Handy hoch, um ein paar Selfies unserer kleinen Gruppe zu knipsen. Lächeln. Klick. Victory-Zeichen. Klick. Arme hochreißen, »Ein bisschen näher zusammen!«. Klick. »Und jetzt alle richtig bescheuert gucken!« Klickklickklick. Wie Teenager am Schloss Neuschwanstein oder am Roten Platz.
Die Luft riecht nach Schwefel und verbranntem Holz, die Abendsonne hängt tief am Himmel und taucht den staubigen Dunst ringsum in rötliches Licht. Sonnenuntergangsromantik auf Apokalyptisch. Am Geländer der Aussichtsplattform hängen Liebesschlösser mit den Namen von Hochzeitspaaren. Julija und Sascha. Schenja und Sweta. Wjatscheslaw und Marija. Der Bund fürs Leben, besiegelt am Eingang zur Hölle, ein Treueschwur an der absurdesten Touristenattraktion des Planeten.
Ich kenne die Menschen nicht, mit denen ich Gruppenfotos mache. Gerade haben sie mich an einem winzigen Flughafen abgeholt, an dem mehr Hubschrauber als Flugzeuge parken und mehr ausrangierte Flugzeuge als solche, die noch starten und landen können.
Sie kamen zu dritt: die Kulturbeauftragte, die Referentin für industrielle Angelegenheiten und der Student. Unterhalten haben wir uns bislang nicht, dafür war die Musik zu laut. Im Lada Priora mit der Heckscheibenaufschrift »Street Hunters« vibrierten die Sitzpolster. Der Fahrstil des Studenten und seine Angewohnheit, bei Tempo 75 beide Hände vom Lenker zu nehmen, um sie im Takt in der Luft herumwirbeln zu lassen, kennzeichneten ihn als jemanden, der schon mit zwanzig nicht mehr viel vom Leben erwartet.
Wo zum Teufel bin ich?
Antwort von Wikipedia: Mirny, Republik Jakutien, Ferner Osten Russlands, 37 188 Einwohner laut Zensus von 2010. Bürgermeister Sergej Alexandrow, Postleitzahlen 678 170 bis 678 175 sowie 678 179.
Antwort von Google Maps: zwischen Tschernyschewskij, Almasny, Tas-Jurjach, Tschamtscha, Lensk, Suntar, Scheja Malykaj, Njurba, Werchnewiljujsk, Nakanno, Oljokminsk und Morkoka. Die Bezeichnung »Nachbarorte« wäre allerdings irreführend, sie befinden sich in einem Radius von 400 Kilometern um Mirny verteilt.
Der Reiseführer antwortet: nichts. Dem »Lonely Planet« ist Mirny ein bisschen zu lonely.
Und meine Antwort? Genau da, wo ich hinwollte. Selfies vor Neuschwanstein kann jeder, zum Taj Mahal muss niemand mehr hinfahren, weil es schon sieben Milliarden Fotos davon gibt. Ich habe genug Schönheit auf Reisen gesehen, um nun bereit für das andere Extrem zu sein. Nicht die Hässlichkeit einer Kakerlake auf dem Küchenboden oder eines kaputten Autoreifens im Straßengraben. Peanuts. Ich meine Anti-Ästhetik von einem Ausmaß, dass einem die Sinne schwinden. Reisen als Horrorfilm oder Thriller, David Fincher statt Rosamunde Pilcher, Hässlichkeit mit Wow-Effekt, Hässlichkeit mit Geschichte. Nur die Normalnull ist langweilig, interessant wird es an den Extrempunkten der Ästhetikskala. Alles eine Frage der Wahrnehmung, nach welchen Kriterien man ein Reiseziel auswählt.
Das »Arschloch der Welt«, so lautet der lokale Spitzname, ist eine Meisterleistung der Ingenieurskunst. Jahrzehntelange Arbeit, ausgefuchste Statik. Die zweitgrößte Anlage ihrer Art, weltweit. Und einen versteckten Schatz gibt es auch. So weit, so Weltkulturerbe-Kandidat. Gleichzeitig ist die offene Mine von Mirny nun wirklich keine Augenweide, allein das Wort »Weide« würde ja implizieren, dass hier irgendetwas wächst. Jahrzehntelang wurden Diamanten ausgebuddelt, ein paar Gramm Edelstein pro Tonne Boden. Glitzernde Reichtümer, verborgen irgendwo im Morast.
Schrägwände aus grauem Erdreich führen nach unten, ein paar rostige Rohre sind noch von den Förderanlagen übrig. Am gegenüberliegenden Kraterrand, 1200 Meter entfernt, wirken die achtstöckigen Wohnblocks von Mirny wie eine Legolandschaft.

Im Jahr 2004 legte Russlands Edelstein-Gigant Alrosa die »Mir«-Mine – der Name bedeutet »Frieden« – aus einem simplen Grund still: weil der Abgrund bald Gebäude der Stadt verschlungen hätte, wenn die Bagger ihn noch weiter ausgebaut hätten. Nun arbeiten die Diamantenschürfer im Untertagebau weiter.
»Kommen viele Touristen her?«, frage ich die Kulturbeauftragte.
»Haha, nein, eigentlich nur die Einwohner«, antwortet sie. »Deshalb haben wir dich zu dritt abgeholt, das ist schon etwas Besonderes.« Aber gerade sei ein Filmemacher aus Italien da, der nächstes Jahr einen Spielfilm drehen will. »Ich gehe morgen zum Casting, kannst ja mitkommen. Aber jetzt machen wir erst mal eine Stadttour!«
In ihren besten Jahren galt »Mir« als die ertragreichste Diamantenmine der Welt. 342,5 Karat wog der größte Diamant, der hier ausgegraben wurde. Er ist zitronengelb, so groß wie eine Cocktailtomate und mehrere Millionen Euro wert. Ein Sensationsfund verdient einen sensationellen Namen, also nannte man ihn »26. Kongress der Kommunistischen Partei der Sowjetunion«. Auch der »60. Jahrestag des Komsomol« (200,7 Karat) wurde hier freigesprengt. Nicht jedoch »70 Jahre Sieg im Großen Patriotischen Krieg« (76,07 Karat), der stammt aus der Jubilejnaja-Mine weiter nördlich.
»Bist du angeschnallt?«, fragt der Student, dann rasen wir in Schlangenlinien über Schotterpisten Richtung Stadt. Vorbei an einem Hügel mit der Aufschrift »Mir 1957 – 2004«, auf dem riesige ausrangierte Bagger stehen. Der Lada hüpft über Schlaglöcher, die Reifen quietschen, und die Arme des Studenten tanzen. Die beiden Damen von der Stadtverwaltung singen lauthals einen Song von Elbrus Dschanmirsojew mit: Ich bin ein brodjaga, ein Landstreicher ohne Geld, und ich heirate trotzdem die schönste Frau. Nach einigen Wochen unterwegs bin ich es gewohnt, herzlich begrüßt zu werden, aber ein solches Empfangskomitee habe ich noch nicht erlebt. Wegen der Musikbegleitung fällt die erste Stadtführung wenig detailliert aus und besteht darin, dass die beiden Frauen von der Rückbank Ortsbezeichnungen nach vorne brüllen. »Hauptstraße, Uliza Lenina! Stadtzentrum! Schule! Bibliothek! Kirche! Feuerwache! Kriegsdenkmal! Stalinbüste!«
Schmucklose Beton-Hochhäuser, viele ziemlich neu, und zweistöckige lang gezogene Holzbauten aus früheren Jahren säumen die Straßen. Kein Eingang ist ebenerdig, denn alle Häuser sind auf Stelzen gebaut, wegen des Permafrostbodens. Ohne diese Podeste würde durch die Heizungswärme im ostsibirischen Winter der Boden schmelzen, die Gebäude würden absinken. »Du solltest im Januar wiederkommen, da wird es minus vierzig, manchmal minus fünfzig Grad!«, ruft die Referentin für industrielle Angelegenheiten.
Bei Stalin steigen wir kurz aus. Der bärtige Diktator aus dunkelgrauem Stein blickt stolz in Richtung Stadtzentrum, er trägt eine oben zugeknöpfte Uniform mit Sowjetstern am Revers. Auf Stalins Befehl wurde in den Fünfzigerjahren in der Republik Jakutien massiv nach Diamanten gesucht, weil Sanktionen des Westens Russland in eine Wirtschaftskrise katapultiert hatten. Nur deshalb entdeckte man hier die Mine, nur deshalb errichtete man eine Stadt.
Laut Sockel wurde die überlebensgroße Büste 2005 aufgestellt, zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes. Ich bringe meine Überraschung zum Ausdruck, hier ein Denkmal des Schreckensherrschers vorzufinden. »Im ganzen Land gibt es nur zwei oder drei Stalinstatuen, eine andere steht in Murmansk«, sagt die Kulturbeauftragte. Es habe zunächst Proteste gegeben. »Dann wurde abgestimmt, und viele Kriegsveteranen waren dafür. Bei uns geht es noch etwas kommunistischer zu als anderswo. Komm, wir zeigen dir dein Zimmer.«
Kurz darauf biegt der Lada mit Discosound in die Straße »40 Jahre Oktober« ein. Das wäre auch ein schöner Name für einen Diamanten, gemeint ist nicht der Monat, sondern die Revolution. Wir halten vor einem Holzhaus mit blauen Wänden, natürlich auf Stelzen. Die Kulturbeauftragte führt mich in den ersten Stock und schließt die schief in den Angeln hängende Tür mit der Nummer elf auf. »Normalerweise ist das eine Unterkunft für Lehrer, die in Mirny arbeiten«, sagt sie und gibt mir den Schlüssel. Mein Zimmer ist auf mindestens 35 Grad geheizt und enthält eine Schlafcouch, einen Kleiderständer und einen Flachbildfernseher. Hier darf ich kostenlos für die nächsten drei Tage wohnen.

Wahrheit Nummer 18:
Ich fühle mich willkommen. Willkommen am Arschloch der Welt.

Moskau
Einwohner: 11,5 Millionen
Föderationskreis: Zentralrussland


Bürokratie

Sechs Wochen vorher.

Wer auf Couchsurfing.com das Profil von Genrich aus Moskau aufruft, sollte sich für die folgende Stunde nichts vornehmen. Zumindest, wenn es nach Genrich aus Moskau geht.
Er schreibt: »Wer mich um einen Schlafplatz bittet, bestätigt damit, die Prinzipien des Zusammenlebens, die ich in meinem Profil aufgelistet habe, gelesen und verstanden zu haben, und verspricht, sich an sie zu halten.«
Oben links steht das Schwarz-Weiß-Foto eines Mannes, der auf der polierten Motorhaube eines Geländewagens sitzt. Er hat kaum Haare auf dem Kopf, dafür einen Vollbart, der den späten Dostojewskij neidisch gemacht hätte, und mustert den Betrachter mit ernsten Augen und tiefen Skepsisfalten auf der Stirn. Man könnte sich das Bild gut an der »Mitarbeiter des Monats«-Fotowand eines Inkasso-Unternehmens vorstellen.
Darunter erwarten den Leser 27 Bildschirmseiten mit Text. Ich erfahre, dass Genrich 31 Jahre alt ist und sich für A-capella-Gesang, Linguistik, Kochrezepte, orthodoxen Glauben, Motorräder, Poesie und »Auf-dem-Tisch-Tanzen« interessiert. In der Kategorie »Lieblingsfilme« listet er unter anderem »Easy Rider«, alles von Emir Kusturica und die »Deutsche Wochenschau« auf. Er spricht fließend Englisch, Französisch, Russisch, Deutsch, Polnisch und Ukrainisch und lernt gerade Altgriechisch, Arabisch, Georgisch und Latein.
Herzstück der Profilseite ist ein kompliziertes Regelwerk, wie sich ein Gast zu verhalten hat, verteilt auf mehrere Google-Dokumente mit Titeln wie »WICHTIGE NACHRICHT VON MIR FÜR DICH«, »Früher habe ich viel Zeit verschwendet« und »Wenn ich Gäste habe, lebe ich mit ihnen«. Falls Google-Dokumente an dem Ort, an dem sich der Leser gerade befindet, nicht zugänglich sind, gibt es dasselbe Schriftstück noch einmal über einen Link des russischen Yandex-Servers, verbunden mit dem Hinweis: »Und ja, das ist von Festlandchina aus zugänglich.«
Bei der Lektüre erfahre ich unter anderem:
●    dass bei Genrich keine zehn Zwerge hausen, die hinter jedem Besucher herwischen und den Boden staubsaugen,
●    dass seine Wohnung kein Backpacker-Hostel ist
●    und dass er sich dem Prinzip des »rationalen Egoismus« verbunden fühlt, weshalb er nur Leute einlädt, die er interessant findet.
Eine halbe Din-A4-Seite widmet er einem Satz, den er niemals in einer E-Mail lesen möchte, er lautet: »Ich bin offen, unkompliziert, mag Reisen und freue mich, neue Leute kennenzulernen.« Klingt doch ganz vernünftig? Nicht für Genrich. Eine solche Selbstbeschreibung findet er auf einem Online-Reiseportal trivial und nichtssagend. Und da man diesen Satz vermutlich aus einem anderen Profil kopiert habe, sei das heutzutage doch nur »eine Art zu sagen: ›Ich bin ein fauler Idiot.‹«
Apropos: Ein weiterer Klick führt zur »Checkliste für Couch-Anfragen« für »extrem Vielbeschäftigte und extrem Faule«. Das weckt Hoffnungen, den Bewerbungsprozess beschleunigen zu können. Ist aber eine Falle. Auf dem Bildschirm erscheint ein Formular, in dem neun Häkchen gesetzt werden müssen, die ¬zusammengenommen eine Art Eid ergeben: »Ich werde keine Copy/Paste-Anfrage senden«, »Meine Entscheidung, diese Person zu kontaktieren, hat einen tiefer gehenden Grund, den ich in meiner E-Mail erwähnen werde und von dem ich denke, dass er dem Gastgeber gefallen wird«, »Ich habe den hier verlinkten Artikel zu Prinzipien des Zusammenlebens gelesen, werde mich daran halten und werde im Fall einer Kontaktaufnahme alle Punkte erwähnen, in denen mein Verständnis von Gastfreundlichkeit abweicht«.
Der dazugehörige Link führt – wie gesagt, es ist eine Falle – zu einem 79 Bildschirmseiten umfassenden Dokument auf der Seite WikiHow.com mit Gedanken und Illustrationen zu Themen wie Pünktlichkeit, Körperhygiene, Gastgeschenke, Verweildauer und Klobenutzung.
Klickt man nun, zurück im Ankreuzformular, auf »Kann losgehen!«, ohne alle neun Häkchen gesetzt zu haben, erscheint an jedem fehlenden Feld der Hinweis »Ich würde mit Nachdruck vorschlagen, dass du diesen Punkt nicht überspringst« nebst einem schwarzen Ausrufezeichen in gelbem Kreis. Ein harter Brocken, dieser Genrich. Aber mich reizen harte Brocken, also schreibe ich ihm: »Priwjet, liebes Backpacker-Hostel ›Genrich‹! Ich bin offen, unkompliziert, mag Reisen und freue mich, neue Leute kennenzulernen. Hast du eine Couch für mich?«

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Die Versuchung

Ellas Leben war bisher alles andere als leicht, und als ihre Mutter stirbt, muss sie sich auch noch ganz alleine durchschlagen. Bis ein Fremder auftaucht und behauptet, ihr Vormund zu sein: der Milliardär Callum Royal. Aus ihrem ärmlichen Leben kommt Ella in eine Welt voller Luxus. Doch bald merkt sie, dass mit dieser Familie etwas nicht stimmt. Callums fünf Söhne – einer schöner als der andere – verheimlichen etwas und behandeln Ella wie einen Eindringling. Und ausgerechnet der attraktivste von allen, Reed Royal, ist besonders gemein zu ihr. Trotzdem fühlt sie sich zu ihm hingezogen, denn es knistert gewaltig zwischen ihnen. Und Ella ist klar: Wenn sie ihre Zeit bei den Royals überleben will, muss sie ihre eigenen Regeln aufstellen …
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1. Kapitel


»Ella, der Direktor möchte dich in seinem Büro sprechen«, verkündet Miss Weir mir, noch ehe ich das Klassenzimmer betreten habe. Aber der Matheunterricht beginnt doch gleich!
Ich werfe einen Blick auf meine Armbanduhr. »Ich bin heute gar nicht zu spät!«
Es ist eine Minute vor neun, und meine Uhr geht auf die Sekunde genau. Wahrscheinlich ist sie das Kostbarste, was ich besitze. Meine Mom hat gesagt, dass mein Dad sie mir sozusagen vererbt hat. Eine Armbanduhr, ein bisschen Sperma. Mehr gab es da nicht zu holen.
»Darum geht’s nicht. Nicht dieses Mal.« Sie sieht mich ungewöhnlich liebevoll an, und auf einmal wird mir ganz schlecht vor Sorge. Eigentlich ist Miss Weir eine richtig harte Nuss, und genau das schätze ich an ihr. Sie will einfach nur Mathematik unterrichten und nicht irgendwelchen Mist über Nächstenliebe oder so. Wenn die mich so mitleidig ansieht, muss das, was mich beim Direktor erwartet, richtig, richtig übel sein.
»Na schön.« Als hätte ich irgendeine Wahl! Ich nicke und mache mich auf den Weg.
»Ich schicke dir die Hausaufgaben zu!«, ruft sie mir nach. Anscheinend denkt sie, dass ich nicht zum Unterricht zurückkomme. Aber eigentlich kann der Besuch beim Direx auch nicht schlimmer werden als das, was ich schon hinter mir habe.
Ehe ich mich für die elfte Klasse an der George-Washington-Highschool eingeschrieben habe, habe ich bereits alles verloren, was mir wichtig war. Selbst wenn Mr Thompson herausgefunden hat, dass ich theoretisch gar nicht im Einzugsgebiet der Highschool lebe, kann ich immer noch flunkern, um Zeit zu schinden. Und falls ich dann die Schule wechseln muss – so what? Ist doch halb so wild.
»Na, wie geht’s, wie steht’s, Darlene?«
Die grauhaarige Schulsekretärin sieht kaum von ihrem People-Magazin auf. »Setz dich doch, Ella. Mr Thompson ist gleich bei dir.«
Jepp, Darlene und ich duzen uns. Ich bin erst einen Monat an der G.-W.-High und habe schon viel zu viel Zeit hier im Direktorat verplempert, weil ich immer wieder zu spät gekommen bin. Aber so was kann passieren, wenn man jede Nacht bis drei Uhr morgens ackern muss.
Ich verrenke mir den Hals, um durch die offenen Vorhänge in Mr Thompsons Büro zu linsen. Irgendwer sitzt auf dem Besucherstuhl, aber ich kann nur einen ausgeprägten Kiefer und dunkelbraunes Haar erkennen. Das exakte Gegenteil von mir. Ich bin so blond und blauäugig, wie man nur sein kann. Das habe ich, laut meiner Mom, meinem Dad zu verdanken, dem großzügigen Samenspender.
Thompsons Gast erinnert mich an die Businessleute von außerhalb, die meiner Mom eine Menge Kohle dafür gezahlt haben, einen Abend lang so zu tun, als wäre sie ihre Freundin. Manche Kerle stehen darauf tatsächlich mehr als auf richtigen Sex. Das weiß ich natürlich alles nur von meiner Mom. So weit ist es mit mir zum Glück noch nicht gekommen, und ich hoffe auch, dass mir das erspart bleibt. Deswegen brauche ich dringend meinen Highschool-Abschluss. Dann kann ich aufs College, meinen Abschluss machen und hinterher ein … stinknormales Leben führen.
Andere Kids träumen davon, eine Weltreise zu machen, einen schnellen Flitzer zu kaufen oder ein großes Haus zu haben. Und ich? Ich hätte gern eine eigene Wohnung. Einen Kühlschrank voller Essen, einen geregelten, gut bezahlten Job – am liebsten einen, der in etwa so spannend wie die Buchhaltung eines Bleistiftproduzenten ist.
Die zwei Männer reden und reden. Eine Viertelstunde ist bereits verstrichen, und sie kommen immer noch nicht zum Punkt.
»Hey, Darlene? Ich verpasse gerade meinen Matheunterricht. Ist es okay, wenn ich später noch mal wiederkomme, wenn Mr Thompson Zeit für mich hat?«
Ich versuche, das so nett wie möglich zu sagen. Aber wenn man jahrelang keine echten Erwachsenen um sich hatte – meine etwas flatterhafte, wundervolle Mom kann man nicht richtig mitzählen –, dann ist es wirklich schwer, Erwachsenen gegenüber die nötige Unterwürfigkeit rüberzubringen. Die erwarten sie nämlich von jemandem, der noch nicht mal Alkohol trinken darf. Streng genommen.
»Nein, Ella, Mr Thompson kommt gleich.«
Tatsächlich öffnet sich in diesem Moment die Tür, und der Direktor stolziert heraus. Mr Thompson ist vielleicht einen Meter fünfzig groß und sieht aus, als hätte er gerade erst seinen Highschool-Abschluss gemacht. Irgendwie schafft er es dennoch, ein gewisses Verantwortungsbewusstsein auszustrahlen.
Er winkt mich zu sich. »Miss Harper, kommen Sie doch rein.«
Aber Don Juan sitzt noch in seinem Zimmer!
»Sie haben doch schon Besuch.« Mann, die Sache sieht ziemlich verdächtig aus, und mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich mich schleunigst verkrümeln sollte! Aber wenn ich jetzt abhaue, riskiere ich, dass der Plan scheitert, den ich die letzten Monate über so sorgfältig ausgetüftelt habe.
Thompson dreht sich um und sieht zu Don Juan, der sich gerade erhebt und mir mit seiner riesigen Pranke zuwinkt.
»Sicher, wegen ihm bist du ja auch hier!«
Widerwillig schlüpfe ich an Mr Thompson vorbei und bleibe kurz hinter der Tür stehen. Der Direx zieht die Vorhänge zu und schließt die Tür. Jetzt bin ich wirklich nervös!
»Setzen Sie sich, Miss Harper.«
Pah, das könnte ihnen so passen! Ich verschränke die Arme und bleibe stehen.
Mr Thompson lässt sich seufzend auf einen Stuhl sinken. Er weiß, wann es keinen Sinn hat, mit mir zu diskutieren. Paradoxerweise macht mich das noch unruhiger, weil ich befürchte, dass er mich erst mal schonen will. Vielleicht, weil mir noch Schlimmeres bevorsteht.
Er greift nach einem Blatt Papier auf seinem Schreibtisch. »Ella Harper, das ist Callum Royal.« Er macht eine bedeutungsvolle Kunstpause.
Unterdessen starrt Royal mich an, als hätte er noch nie zuvor ein Mädchen gesehen. Mir fällt auf, dass durch meine verschränkten Arme meine Brüste zusammengedrückt werden. Schnell lasse ich die Arme wieder sinken, sodass sie unbeholfen an mir herabbaumeln.
»Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr Royal.« Es ist bestimmt jedem hier im Raum klar, dass ich das ganz und gar nicht so meine. Der Klang meiner Stimme reißt ihn glücklicherweise aus seiner Hypnose. Er macht einen riesigen Schritt nach vorn, und ehe ich’s mich versehe, hat er meine Hand schon zwischen seine Pranken genommen.
»Gütiger Himmel. Du siehst aus wie er.« Er flüstert so leise, dass nur ich ihn hören kann. Dann schüttelt er meine Hand, als fiele ihm plötzlich wieder ein, wo er ist. »Bitte, nenn mich doch Callum.«
Irgendwie klingt seine Stimme komisch. So als hätte er Mühe, auch nur einen geraden Satz rauszukriegen. Ich ziehe meine Hand weg, was gar nicht so einfach ist, weil der Kerl mich einfach nicht loslassen will. Erst als Mr Thompson sich laut räuspert, gibt er mich frei.
»Was soll das hier werden?«, frage ich. Mein Ton ist ein bisschen patzig, aber das scheint hier niemanden zu kümmern.
Mr Thompson fährt sich nervös mit der Hand durchs Haar.
»Ich weiß nicht, wie ich es am besten sagen soll, also rede ich nicht lang um den heißen Brei herum: Mr Royal hat mir gesagt, dass Ihre Eltern beide von uns gegangen sind und er jetzt Ihr Vormund ist.«
Kurz schwanke ich. Nur eine Millisekunde, ehe der Schock sich in Empörung verwandelt.
»Bullshit!« Das Schimpfwort ist raus, ehe ich mich selbst bremsen kann. »Meine Mutter hat mich doch zum Unterricht angemeldet! Ihre Unterschrift steht auf den Anmeldeformularen.«
Mein Herz rast wie ein Presslufthammer, weil ich die Unterschrift selbst gefälscht habe. Anders ging’s leider nicht, wenn ich die Kontrolle über mein Leben behalten wollte – eigentlich bin ich ja sowieso schon die Erwachsene in der Familie gewesen, seit ich fünfzehn war.
Man muss Mr Thompson zugutehalten, dass er mir die Fälschung nicht vorwirft. »Die Dokumente besagen, dass Mr Royal Ihr rechtmäßiger Vormund ist.«
»Ach ja? Na, er lügt aber. Ich habe diesen Typen noch nie gesehen, und wenn Sie mich jetzt mit ihm mitgehen lassen, stehen bestimmt die Cops demnächst hier auf der Matte. Weil ein Mädchen der G.-W.-High miesen Menschenhändlern zum Opfer gefallen ist.«
»Du hast recht, wir kennen uns noch nicht«, wirft Royal ein. »Das ändert aber nicht das Geringste an der Tatsache.«
»Lassen Sie mal sehen.« Ich springe zu Mr Thompsons Schreibtisch und reiße ihm die Dokumente aus der Hand. Eilig überfliege ich sie, ohne wirklich etwas aufzunehmen. Ein paar Worte wie Vormund oder verschieden und Erbe springen mir ins Auge, aber das ist mir völlig schnuppe. Mr Royal ist ein Fremder. Basta.
»Wenn Ihre Mutter mal hier vorbeischauen würde, könnten wir vielleicht alles in Ruhe klären«, schlägt Mr Thompson beschwichtigend vor.
»Ja, Ella. Wenn du deine Mutter nächstes Mal mitbringst, dann ziehe ich meinen Anspruch natürlich zurück.«
Auch wenn Royal sich bemüht, sanft wie ein Lämmchen zu klingen, ist seine Stimme doch hart wie Stahl. Er weiß Bescheid.
Ich wende mich wieder an den Direx, weil ich mit ihm leichteres Spiel habe.
»Diesen Wisch hier hätte sogar ich im Computerraum fälschen können. Würde nicht mal Photoshop dafür brauchen.« Ich knalle den Papierstapel vor ihm auf den Tisch. Offenbar beginnt er ein wenig zu zweifeln, und das sollte ich ausnutzen. »Ich muss zurück zum Unterricht. Das Halbjahr hat doch gerade erst begonnen, und ich will nichts verpassen.«
Er leckt sich unentschlossen die Lippen, und ich starre so überzeugend wie möglich auf ihn hinunter. Ich habe keinen Dad. Und ich habe ganz bestimmt keinen Vormund. Wenn dem so wäre – wo war er dann mein Leben lang? Wieso ist er uns nicht zu Hilfe gekommen, als meine Mutter versucht hat, irgendwie genug für uns beide zu verdienen, mit dem Krebs gekämpft und im Hospizbett bitterlich geweint hat, weil sie mich nicht allein zurücklassen wollte? Wo, bitte schön, war er da?!
Thompson seufzt. »Na schön, Ella. Dann geh zurück zum Unterricht. Mr Royal und ich haben sowieso noch einiges zu besprechen.«
»Diese Dokumente hier sind echt«, schaltet sich Royal wieder ein. »Mr Thompson, Sie kennen mich und meine Familie. Ich wäre hier doch nicht aufgetaucht, wenn es nicht wahr wäre! Wieso sollte ich das tun?«
»Es gibt eine Menge Perverslinge auf dieser Welt«, zische ich giftig. »Und die lassen sich auch irgendwelche Märchen einfallen, um an ihr Ziel zu kommen.«
»So, Ella, das reicht jetzt.« Mr Thompson klingt langsam etwas ungeduldig. »Mr Royal, diese Nachricht kommt für jeden von uns überraschend. Sobald wir Ellas Mutter kontaktiert haben, klärt sich bestimmt alles.«
Royal passt die Verzögerung überhaupt nicht in den Kram. Er wiederholt seine abgedroschenen Argumente und betont noch mal, wie furchtbar wichtig er ist und dass ein Royal niemals lügen würde. Ich erwarte schon fast, dass er uns gleich mit George Washington und der alten Geschichte vom Kirschbaum kommt. Als die zwei die Diskussion fortsetzen, schlüpfe ich aus dem Zimmer.
»Bin noch schnell auf der Toilette, Darlene!«, schwindle ich. »Danach gehe ich gleich wieder in den Unterricht.«
»Lass dir Zeit«, meint Darlene leichthin. »Ich gebe deiner Lehrerin Bescheid.«
Aber ich gehe nicht auf die Toilette. Und ich gehe auch nicht zurück in den Unterricht. Stattdessen flitze ich zur Bushaltestelle und fahre mit der Linie G bis zur Endstation. Von dort aus brauche ich zu Fuß noch mal eine halbe Stunde bis zu meiner Wohnung, die ich für lumpige fünfhundert Dollar im Monat gemietet habe. Es gibt ein Schlafzimmer, ein schmuddeliges Bad und eine Wohnküche, die nach Schimmel riecht. Aber die Bude ist relativ günstig, und die Vermieterin akzeptiert Bargeld und hat auch keine Hintergrundrecherchen angestellt, ehe sie mir die Wohnung vermietet hat.
Ich habe keine Ahnung, wer dieser Callum Royal sein soll, aber sein Erscheinen in Kirkwood ist überflüssig wie ein Pickel. Diese Dokumente waren nicht gefälscht. Sie waren echt. Aber ich werde mein Leben auf keinen Fall in die Hände eines Fremden legen, der einfach so aus dem Nichts auftaucht.
Mein Leben gehört mir. Ich lebe, wie ich will, und habe die Kontrolle darüber.
Ich kippe meine Schulbücher aus dem Rucksack und fülle ihn mit Kleidung, Kosmetikartikeln und meinen letzten Ersparnissen: tausend Dollar. Mist. Ich muss dringend an Kohle kommen, um aus der Stadt verschwinden zu können. Ich bin so was von pleite. Es hat mich ja schon zwei Tausender gekostet, um hierherzuziehen – die Bustickets, die erste und zweite Monatsmiete und die Kaution haben einiges an Geld gefressen. Es ist verdammt ärgerlich, dass ich eine Miete quasi umsonst bezahlt habe, aber ich muss nun mal dringend weg. Hier kann ich nicht bleiben.
Wieder haue ich ab. Wie gut ich das kenne. Meine Mom und ich waren auch ständig auf der Flucht. Vor ihren Liebhabern, ihren perversen Chefs, dem Sozialamt, vor der Armut. Erst im Hospiz sind wir eine längere Zeit am Stück geblieben, und das nur, weil sie im Sterben lag. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Universum mich dazu verdammt hat, unglücklich zu sein.
Ich sitze auf der Bettkante und versuche, vor Frust, Zorn und, okay, ich gebe es zu: Angst, nicht laut loszuheulen. Ich gönne mir fünf Minuten Selbstmitleid, dann greife ich zum Telefon. Scheiß aufs Universum.
»Hey, George. Ich habe über dein Angebot nachgedacht, im Daddy G’s zu arbeiten. Ich würd’s gern annehmen.«
Ich habe eine Weile im Miss Candy’s gearbeitet, einer Table-Dance-Bar, in der ich an der Stange getanzt und mich bis auf meinen G-String und Nippel-Pasties ausgezogen habe. Man verdient nicht übel, aber auch nicht richtig viel. George hat die letzten Wochen über auf mich eingeredet, um mich davon zu überzeugen, im Daddy G’s, einem richtigen Striplokal, aufzutreten. Ich habe mich nie darauf eingelassen, weil ich keine Notwendigkeit dafür gesehen habe. Jetzt schon.
Glücklicherweise habe ich den tollen Körper meiner Mutter geerbt. Lange Beine. Wespentaille. Mein Busen ist nicht riesig, aber George sagt immer, dass ihm meine spitzen kleinen Brüste gefallen, weil sie so jugendlich wirken. Tja, von wegen wirken. Aber auf meinem Ausweis steht nun mal, dass ich vierunddreißig bin und nicht Ella, sondern Margaret Harper heiße. So wie meine tote Mutter. Ganz schön gruselig, wenn man genauer drüber nachdenkt.
Mit siebzehn hat man nicht die größte Auswahl an Teilzeitjobs, von denen man noch dazu die Miete bezahlen kann. Schon gar nicht im legalen Bereich. Man kann Drogen verticken. Anschaffen gehen. Strippen. Ich habe mich für Letzteres entschieden.
»Ey, Mädchen, das sind ja super Neuigkeiten!«, johlt George. »Heute Abend ist eine richtig große Show, und du könntest die dritte Tänzerin sein. Du kannst eine katholische Schulmädchen-Uniform anziehen, darauf fahren die Kerle total ab.«
»Wie viel gibt es?«
»Wovon?«
»Kohle, George. Wie viel Kohle.«
»Fünfhundert plus Trinkgeld. Wenn du noch ein paar private Lapdances machst, kriegst du dafür jeweils hundert.«
Shit. Ich könnte in nur einer Nacht richtig Asche machen. Ich schiebe all meine Angst und mein Unbehagen beiseite. Nein, jetzt ist nicht der richtige Moment für moralische Bedenken.
»Mache ich. Buch so viele Auftritte wie möglich für mich.«

 



2. Kapitel


Das Daddy G’s ist ein richtiges Drecksloch, aber es ist immer noch um einiges netter als viele andere Clubs hier in der Stadt. Auch wenn das irgendwie so klingt wie: Hier, nimm dir doch ein Stück von diesem vergammelten Hühnchen! Es ist nicht ganz so grün und schimmelig wie der Rest! Na ja. Geld ist Geld.
Ich hatte noch den ganzen Tag an Callum Royals Auftritt in der Schule zu knabbern. Wenn ich einen Laptop inklusive Internetzugang hätte, hätte ich ihn längst gegoogelt. Leider ist mein alter Computer kaputt, und ich habe nicht genug Geld für einen Ersatz. Ich wollte mich dafür auch nicht in die Bibliothek setzen. Klingt vielleicht bescheuert, aber irgendwie hatte ich Angst, Royal auf der Straße in die Arme zu laufen.
Wer ist er nur? Und wieso hält er sich für meinen Vormund? Mom hat ihn mir gegenüber nicht ein einziges Mal erwähnt. Einen Moment lang habe ich mich tatsächlich gefragt, ob er mein Vater sein könnte. Aber in den Unterlagen stand, dass der ebenfalls tot ist. Und solange meine Mom mich in dieser Hinsicht nicht angelogen hat, hieß er auch nicht Callum, sondern Steve.
Steve. Irgendwie kam mir das immer vor wie ein Fantasiename:
Erzähl mir von meinem Daddy, Mom!
Ähm, dein Daddy, ähm … hieß Steve!
Aber ich will auch nicht davon ausgehen, dass meine Mom mich angelogen hat. Wir waren schließlich immer ehrlich zueinander.
Ich verdränge den Gedanken an Callum Royal, so gut ich kann, weil ich das bei meinem ersten Auftritt im Daddy G’s wirklich nicht gebrauchen kann. Hier sitzen auch so schon genug Säcke mittleren Alters herum.
Der Club ist wirklich gesteckt voll. Scheinbar ist die Katholische-Schulmädchen-Nacht hier eine richtig große Nummer. Alle Tische und Sitznischen im Hauptsaal sind besetzt, aber die VIP-Lounge im ersten Stock ist noch vollkommen verlassen. Eigentlich ist das nicht weiter überraschend. In Kirkwood, diesem kleinen Tennessee-Kaff vor Knoxville, gibt es nun mal nicht viele VIPs. Es ist eine Arbeiterstadt, und die Einwohner gehören eher der Unterschicht an. Wenn du mehr als vierzigtausend Dollar im Jahr verdienst, dann giltst du schon als gemachter Mann. Genau deswegen wohne ich hier. Die Miete ist niedrig, und die staatliche Schule ist auch ganz okay.
Die Umkleide liegt im hinteren Teil des Clubs, und als ich sie betrete, herrscht schon großer Trubel. Halb nackte Frauen sehen mich an, ein paar nicken mir zu, ein paar lächeln, ehe sie sich wieder aufs Schminken oder ihre Strapse konzentrieren.
Eine kommt auf mich zu.
»Cinderella?«, fragt sie.
Ich nicke. Diesen Shownamen habe ich im Miss Candy’s benutzt, weil er mir damals passend erschien.
»Ich bin Rose. George hat mich gebeten, dich heute Abend einzuarbeiten.«
In jedem Club gibt es eine Mutterhenne – eine ältere Frau, der klar ist, dass sie den Kampf gegen Zeit und Schwerkraft verloren hat, und die sich auf andere Weise nützlich macht. Im Miss Candy’s war das Tina, eine alternde Blondine, die mich vom ersten Moment an unter ihre Fittiche genommen hat. Hier ist es die alternde rothaarige Rose, die diesen Part übernimmt und mich jetzt zu der Kleiderstange mit den Kostümen führt.
Als ich nach der Schulmädchenuniform greifen will, winkt sie ab. »Die ist für später. Nimm mal das hier.«
Ehe ich’s mich versehe, hat sie mich auch schon in ein schwarzes Lack-Korsett und ein schwarzes Spitzenhöschen gesteckt.
»Darin soll ich tanzen?« Das Korsett ist so fest geschnürt, dass ich kaum atmen kann. Und wie soll ich das selbst aufbekommen?
»Mach dir nicht zu viele Gedanken«, rät sie mir. »Wackel einfach mit deinem Hintern und rutsch an Mr VIPs Stange auf und ab, und alles ist bestens.«
Ich sehe sie verblüfft an. »Ich dachte, ich gehe jetzt raus auf die Bühne.«
»Oh, hat George es dir nicht gesagt? Du bist für einen Private-Dance in der VIP-Lounge gebucht.«
Was? Das ist doch mein erster Abend hier! Im Miss Candy’s hat man immer erst ein paarmal auf der Bühne getanzt, ehe man privat gebucht werden konnte.
»Scheint ein Stammkunde aus deinem ehemaligen Club zu sein«, vermutet Rose, die bemerkt hat, wie verwirrt ich bin. »Richie Rich ist hier hereinstolziert, als gehörte ihm der Club! Er hat George fünf Hunderter in die Hand gedrückt und ihm gesagt, dass er dich rüberschicken soll.« Sie zwinkert mir zu. »Wenn du es geschickt anstellst, kannst du bestimmt noch ein paar Scheinchen mehr rausschlagen.«
Und weg ist sie, springt zu einer anderen Tänzerin, während ich vollkommen bedröppelt dastehe und mich frage, ob das alles ein riesiger Fehler war.
Ich tue gern so, als wäre ich eine richtig toughe Nuss, und bis zu einem gewissen Punkt stimmt das ja auch. Ich bin arm und hungrig. Ich wurde von einer Stripperin großgezogen. Ich weiß, wie man jemandem eine verpasst, wenn es nötig ist. Aber ich bin trotzdem erst siebzehn! Manchmal kommt es mir so vor, als wäre ich ein bisschen zu jung für das Leben, das ich führe. Dann sehe ich mich um und denke: Ich gehöre hier nicht her.
Dennoch bin ich hier. Ich bin hier, ich bin ziemlich im Arsch, und wenn ich das normale Leben führen will, nach dem ich mich so sehr sehne, dann muss ich jetzt raus und auf Mr VIPs Stange auf- und abrutschen, wie Rose es so nett formuliert hat.
Im Flur kommt mir George entgegen. Er ist ein stämmiger Typ mit Vollbart und warmen Augen. »Hat Rose dir von dem Kunden erzählt? Er wartet schon auf dich.«
Ich nicke und versuche, den Kloß in meinem Hals runterzuschlucken. »Ich muss doch nichts Besonderes machen, oder? Nur einen ganz gewöhnlichen Lapdance.«
Er gluckst. »Mach, was immer du willst, aber wenn der Kerl dich anfasst, dann wird ihn unser guter alter Bruno windelweich schlagen.«
Ich bin sehr erleichtert, dass die Regel des Nicht-Anfassens auch hier gilt. Für schleimige Typen zu tanzen, ist sehr viel angenehmer, wenn klar ist, dass sie dich nicht antatschen dürfen.
»Das wird schon, Mädchen.« Er tätschelt meinen Arm. »Und falls er dich fragen sollte, dann bist du vierundzwanzig, okay? Hier arbeitet niemand über dreißig.«
Und unter zwanzig?, hätte ich ihn fast gefragt. Aber ich presse die Lippen zusammen. Eigentlich muss ihm klar sein, dass ich in Bezug auf mein Alter mächtig geschummelt habe. Das macht hier garantiert jede Zweite. Und es kann ja sein, dass mein Leben bis jetzt hart war, aber ich sehe nun mal niemals aus wie vierunddreißig. Mit ein bisschen Make-up gehe ich vielleicht als einundzwanzig durch – gerade so.
George verschwindet in der Umkleide, und ich hole noch mal tief Luft, ehe ich den Flur hinuntergehe.
Im Hauptsaal empfängt mich schon die sexy Musik mit dem stampfenden Bass. Die Tänzerin auf der Bühne hat gerade ihre Bluse aufgeknöpft, und als die Kerle ihren durchsichtigen BH sehen, drehen sie völlig durch. Dollarscheine regnen auf die Bühne hinab, und genau darauf konzentriere ich mich jetzt. Auf das Geld. Scheiß auf den Rest.
Trotzdem macht mich der Gedanke daran, die G.-W.-High und all die Lehrer, denen ihr Job wirklich am Herzen zu liegen scheint, zu verlassen, richtig fertig. Aber ich werde schon eine andere Schule in einer anderen Stadt finden. Eine Stadt, in der Callum Royal mich nicht …
Ich bleibe abrupt stehen und wirble herum.
Zu spät. Callum kommt bereits quer durch die VIP-Lounge auf mich zu und packt mich mit festem Griff am Oberarm.
»Ella«, sagt er leise.
»Lassen Sie mich los!« Ich versuche, so gleichgültig wie möglich zu klingen, zittere aber heftig, als ich versuche, ihn abzuschütteln.
Er lässt mich nicht los, bis eine andere Gestalt in schwarzem Anzug und mit breiten Schultern aus dem Schatten hervortritt. »Hier wird niemand angefasst«, sagt der Security-Mann streng.
Royal lässt meinen Arm los, als bestünde er aus glühender Lava. Er sieht Bruno finster an und wendet sich dann wieder an mich, wobei er versucht, nicht in meinen Ausschnitt zu gucken. »Wir sollten uns mal unterhalten.« Sein Whiskeyatem wirft mich fast um.
»Ich habe Ihnen nichts zu sagen«, erwidere ich kühl. »Ich kenne Sie gar nicht.«
»Ich bin immerhin dein Vormund!«
»Nein. Sie sind einfach irgendein Fremder, der mich davon abhält, meinen Job zu machen.« Jetzt klinge ich wunderbar herablassend.
Er öffnet kurz den Mund und schließt ihn dann wieder. »Okay. Dann ab an die Arbeit.«
Was?!
Er lässt sich auf die Couch plumpsen und lehnt sich zurück.
»Dann biete mir mal was für mein Geld.«
Mein Herz rast. Auf keinen Fall! Ich werde für diesen Mann nicht tanzen.
Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie mein neuer Chef die Lounge betritt und mich erwartungsvoll ansieht.
Ich versuche, so selbstbewusst wie möglich auf Royal zuzuschlendern.
»Schön. Ganz wie Sie wollen!«
Kurz spüre ich einen dicken Kloß im Hals, aber hier wird nicht geheult. Das habe ich zum letzten Mal am Sterbebett meiner Mutter getan, und ich habe nicht vor, es jetzt zu wiederholen.
Callum Royal sieht mich seltsam gequält an, als meine Hüften im Takt der Musik zu kreisen beginnen, fast wie von allein. Ich habe schon immer gern getanzt. Als ich noch jünger war, hat meine Mom ihre letzten Ersparnisse zusammengekratzt, um Ballett- und Jazzunterricht für mich zu finanzieren, drei Jahre lang. Als das Geld alle war, hat sie mich selbst unterrichtet. Sie hat sich Videos angesehen oder heimlich Tanzkurse im Sportverein besucht, ehe sie sie rausgeworfen haben, um dann zu Hause ihr Wissen an mich weiterzugeben.
Ich bin ziemlich gut darin, aber ganz sicher nicht so naiv zu denken, dass ich eine große Tanzkarriere hinlegen werde. Ich strebe eher was Vernünftiges an, Jura oder Wirtschaft oder so. Irgendwas, womit sich ordentlich Geld verdienen lässt. Das mit dem Tanzen ist reine Träumerei.
Ich tanze immer weiter und höre plötzlich, wie Royal aufstöhnt. Allerdings nicht so, wie die anderen Männer es tun. Sondern traurig.
»Er würde sich gerade im Grabe umdrehen«, meint er mit rauer Stimme.
Ich ignoriere ihn. Tue so, als wäre er nicht da.
»Das ist nicht richtig«, sagt er gepresst.
Ich werfe mein Haar zurück und will mich gerade daranmachen, mein Korsett aufzuschnüren, weil ich spüre, wie Bruno mich beobachtet. Für einen zehnminütigen Tanz gibt es hundert Kröten, und zwei habe ich schon herumbekommen, ohne mich auszuziehen. Noch acht Minuten. Das kriege ich hin.
Royal allerdings nicht. Er packt mich am Arm und ruft: »Nein! Steve hätte das nicht gewollt!«
Ich habe nicht mal Zeit zu verstehen, was er da gesagt hat, weil er mich da schon über seine Schulter geworfen hat, als wäre ich eine Spielzeugpuppe.
»Aus dem Weg!«, ruft er, als Bruno auf ihn zukommt. »Dieses Mädchen hier ist gerade mal siebzehn! Sie ist minderjährig, und ich bin ihr Vormund. Glauben Sie mir, wenn Sie noch einen Schritt näher kommen, hetze ich jeden Cop in Kirkwood auf Sie. Und die sorgen dafür, dass Sie und all die anderen Perversen hier im Kittchen landen, weil Sie Minderjährige strippen lassen.«
Bruno mag zwar so aussehen, aber er ist nicht bescheuert. Tatsächlich macht er Callum Royal Platz.
Ich bin da weniger kooperativ. Stattdessen prügle ich auf Royals Rücken ein und zerre an seinem teuren Designeranzug. »Lassen Sie mich runter!«, brülle ich.
Macht er aber nicht. Niemand hält ihn auf, als er auf den Ausgang zustürmt. Die Männer im Publikum sind viel zu beschäftigt damit, die Tänzerin anzugaffen und zu johlen. Ich sehe, wie George zu Bruno tritt und der ihm wütend etwas erklärt, aber dann sind sie auch schon weg, und ich spüre die kühle Abendluft. Obwohl wir draußen sind, denkt Callum Royal nicht daran, mich abzusetzen. Er rennt über den Parkplatz, dessen Teeroberfläche rissig ist. Ich sehe seine schicken Schuhe im Licht der Laterne glänzen, dann höre ich das Klirren eines Schlüsselbundes und ein lautes Piepen. Und schon befinde ich mich auf einem lederbezogenen Autositz, während eine Tür mit einem lauten Rumms zugeworfen wird. Der Motor wird gestartet.
O mein Gott. Dieser Typ entführt mich!

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