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Lebenslänglich Klassenfahrt

Lebenslänglich Klassenfahrt

Bastian Bielendorfer
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Mehr vom Lehrerkind

— Ein lustiges Buch für zwischendurch

„Das Lehrerkind auf Klassenfahrt. Was da so alles passiert, löst ein Bauchmuskeltraining nach dem nächsten aus.“ - Stadtspiegel Gelsenkirchen

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Lebenslänglich Klassenfahrt — Inhalt

Immer, wenn dem kleinen Basti die Riemen seines Wanderrucksacks in die speckigen Ärmchen schneiden, wird es lustig – für die anderen. Denn der Spion des Lehrerzimmers ist auch außerhalb des Schulgeländes so beliebt wie ein alter Mettigel. Macht aber nichts, denn nur einer kann so schön allein in Zweierreihen gehen …

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 14.05.2013
336 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30167-1
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„Bei Autoren wie Bielendorfer und einer Lesung wie dieser, muss der Autor gar nicht aus seinem Buch lesen.“
Peiner Allgemeine Zeitung

Leseprobe zu „Lebenslänglich Klassenfahrt“

Bus Stop Boxer



Als ich Ashley sah, war ich zum ersten Mal richtig ­verliebt. Was mir an ihr gefiel, kann ich bis heute nicht sagen, vielleicht war es ihr trauriger Anblick. Sie stand allein unter einem blattlosen Baum in der Schulhofmitte, über ihr glänzten ein paar fette Krähen wie schwarze Lampions in der Sonne.

Ashley war ein monochromes Mädchen, ihre Haut war kalkweiß, ihr Haar jedoch war schwarz, ebenso ihre Kleidung, ihre Nägel, ihre Lippen, und selbst ihre nussbraunen Augen wirkten im hellen Gesicht wie schwarze Punkte. Ashley hätte sich bei ihrem [...]

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Bus Stop Boxer



Als ich Ashley sah, war ich zum ersten Mal richtig ­verliebt. Was mir an ihr gefiel, kann ich bis heute nicht sagen, vielleicht war es ihr trauriger Anblick. Sie stand allein unter einem blattlosen Baum in der Schulhofmitte, über ihr glänzten ein paar fette Krähen wie schwarze Lampions in der Sonne.

Ashley war ein monochromes Mädchen, ihre Haut war kalkweiß, ihr Haar jedoch war schwarz, ebenso ihre Kleidung, ihre Nägel, ihre Lippen, und selbst ihre nussbraunen Augen wirkten im hellen Gesicht wie schwarze Punkte. Ashley hätte sich bei ihrem Farbgeschmack verlustfrei durch die Welt faxen können, doch sie war auf anderem Wege angereist.

Einige Meter hinter dem blattlosen Baum hatte kurz zuvor ein lila Reisebus englische Schüler und Schü­lerinnen herausgewürgt: rothaarige Jungen mit Sommersprossen, blonde Mädchen mit Haarbändern und Zahnspangen. Bilaterale Abkommen zwischen Gelsen­kirchen und Hastings, einem kleinen Küstenort in Südengland, hatten uns unseren ersten Schüleraustausch beschert, und demzufolge überflutete nun eine Horde englischer Jugendlicher unseren Schulhof wie eine Dose Baked Beans eine Scheibe Frühstücks­toast.

Auch die späten Neunzigerjahre hielten für Jugendliche einige modische Entgleisungen parat. Die eng­lischen Mädchen stapften genau wie die deutschen auf absurden Buffalo-Plateauschuhen durch die Gegend und überragten die Jungen nun nicht mehr nur um einen, sondern gleich um zwei Köpfe. Die Jungen versuchten dem skurrilen Anblick ihres Gegenübers durch Adi­­das-Sporthosen mit seitlich angebrachten Druckknöpfen und aufgeplusterten Helly-Hansen-Jacken zu­­mindest in der Breite etwas zu entsprechen. Hätten sie noch Vokuhilafrisuren und Schnurrbärte getragen, wäre die Menschenmenge auf unserem Schulhof auch gut als Razzia im Puff durchgegangen. Wo Anfang der Neunziger noch Grunge und Metal den Trend diktierten, waren in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts Eurodance und Scooter angesagt. Als hätte man all die angenehme Andersartigkeit der ersten Dekade einmal durch den Enddarm von Godzilla geschleust. Farben zum Erblinden, Frisuren zum Verbieten und mittendrin Ashley, ein Schatten auf der Sonne.

Ashley war ein Grufti, eine Gothin oder, wie man in Gelsenkirchen sagte, ein Leichenlappen. In ihrem Out­fit wirkte sie zwischen ihren Klassenkameraden wie ein Pinguin, der versucht, sich unter Kamelen zu verstecken. Unsere Blicke trafen sich, mein Herz pochte wie eine Handwerkerkolonne mit Schlagbohrern, entweder ich hatte einen Infarkt, oder ich war verliebt. Gothic war eine Subkultur, mit der ich bisher ähnlich häufig in Berührung gekommen war wie mit dem Gefühl von Erfolg. Gruftis und ihre Welt waren mir fremd, eigentlich wie jede Subkultur, bei der es darum ging, sich vom Mainstream abzuspalten, aus der grauen Masse an gesichtslosen Klonschafen hervorzuragen. Ich wäre damals nur zu gerne ein Klonschaf gewesen, der Median, der Durchschnitt, das farblose Mittel aller Nuancen, doch das klappte natürlich nicht. Ich war nicht New Wave, Emo, Punk oder Gothic. Ich war Basti, das Lehrerkind, die kleinste Subkultur der Welt.

Ich war fünfzehn und hatte mich mit meinem Schicksal arrangiert, mein Körper war ein Minenfeld der Pubertät, und „Freund“ war ein Begriff, den ich im Lexikon nachschlagen musste. Ashley hingegen hatte sich ihre Andersartigkeit selbst ausgesucht, sie hatte ihre Person selbst erschaffen und hatte im Gegensatz zu mir nicht einfach den nächstbesten körperlichen Trümmerhaufen bezogen und abgewohnt. Ich winkte ihr unsicher zu, und unmerklich schien ein Lächeln über ihr Gesicht zu huschen, doch dann verschwand sie hinter einer Wand aus Mensch.

„Hey you, Faggot“, brummte mich ein Berg aus Fleisch an. Meine Augen wanderten langsam über eine Platte aus Brustmuskeln hinweg zu einem stoppeligen Hals hinauf, an dessen Ende sich statt eines Kopfs ein roter Ziegelstein mit Augen befand. Das war entweder Taylor, mein Austauschschüler, oder sie vermissten im Zoo einen Gorilla. Taylor war augenscheinlich ein englischer Rugbychampion mit eckigem Schädel und einem Gesichtsausdruck, gegen den selbst Bernd das Brot wie ein Quell der guten Laune wirkte. Vielleicht mischten sich die Engländer Testosteron ins Trinkwasser? Anders war nicht zu erklären, warum Taylor schon die Physis eines kanadischen Holzfällers hatte, während bei mir höchstens die Gesichtshaut an Holzfällersteak erinnerte.

„Fagott?“, dachte ich verwundert, komische Art der Begrüßung, Blasinstrumente zu benennen.

„Hello there, Flöte“, erwiderte ich daher unsicher und grinste verlegen.

Wenn es keinen zweiten ersten Eindruck gab, konnte ich nur noch hoffen, dass es vielleicht einen dritten gab, sonst war das Projekt Schüleraustausch jetzt schon gescheitert. Taylor musterte mich ebenso kritisch wie ich ihn.

„Are you gay?“, beendete er seine Inspektion meines maroden Körpers, der im Gegensatz zum britischen Stahlfleisch wie kurz vor der Zwangsräumung wirkte. Sein Finger zeigte auf mein T-Shirt, auf dem Alf in Badehosen aus einem Cocktailglas trank, ich fand das Motiv irgendwie hip, Taylor nicht.

„No, it’s Alf, the Alien with the long nose, you know?“, versuchte ich den Kulturtransfer und zeigte auf meine Nase, was sich sehr schnell sehr dämlich anfühlte.

„Do you like sports?“, fragte Taylor und beantwortete sich die Frage gleich selbst mit einem Blick auf mein kuscheliges Bäuchlein. Mit meinem Körper wurde man vielleicht Weltmeister im Pfahlsitzen, von Sport konnte nicht die Rede sein. Ich schüttelte den Kopf, die erste Antwort des Tages, die ich mit Bestimmtheit geben konnte. Es stellte sich heraus, dass man mir mit Taylor den Star der Rugbyjugendauswahl seiner Schule geschickt hatte. Rugby, die englische Antwort auf nonverbale Kommunikation, war der so ziemlich härteste Sport der Welt und für jemanden wie mich, der sich schon beim Minigolf beachtliche Fleischwunden zuziehen konnte, nicht gerade die erste Wahl. Na ja, vielleicht wurden wir ja trotzdem Freunde.

„Do you want to shower at my home?“, fragte ich gastfreundlich, fast zwei Tage Busfahrt mussten doch ziemlich anstrengend gewesen sein.

Ruckartig packte mich Taylor am Kragen und zog mich zu sich hinauf. Mein Alf-T-Shirt verrutschte, und unter dem schmerbäuchigen Besucher aus Melmac lugte ein echter irdischer Bauch hervor. Ir­­gend­etwas schien im Dialog verloren gegangen zu sein.

„Don’t fuck with me, gayboy“, spuckte mir Taylor ins Gesicht. Okay, mein Austauschschüler war ein Psychopath. Na ja, vielleicht wurden wir auch keine Freunde.


A perfect Family

Als wir in unsere Straße einbogen, warteten meine Eltern schon im Vorgarten unseres Reihenhauses und grinsten wie die Manson-Familie. Mein Vater hatte seinen Arm um meine Mutter gelegt, zur Feier des Tages trug er einen Schlips, auf dem ein Comicpinguin auf eine Leiter kletterte. Auch nicht besser als Alf. Meine Mutter, ebenfalls sehr aufgekratzt, trug ein Sommerkleid und ihre schicksten Pumps. Sie schienen sich richtig auf die Völkerverständigung zu freuen. Wie sie da strahlend vor dem Reihenhaus standen, wirkten sie allerdings ein wenig wie Versuchspuppen für einen Atomwaffentest.

Taylor hatte die gesamte Busfahrt zu uns nach Hause nicht viel von Verständigung gehalten und kein Wort mit mir gesprochen. Auch meine Versuche als Touristenführer durch Gelsenkirchen („Look over there, that’s the Arbeitsamt, most of the people go there daily“ oder „Look, that was once a church, now it’s a porn shop“) hatte er mit ausdrucksloser Miene ertragen, mein Gast hatte anscheinend das Emotionsspektrum einer Zahnbürste.

Mein Dasein gestaltete sich auch ohne Taylor derzeit nicht sonderlich erfolgreich, ich hatte eine Allergie gegen alles entwickelt, was mit meiner Schule zu­­sammenhing. Wo andere von Gräserpollen Ausschlag und Reizhusten bekamen, sträubte sich mein ganzer Körper gegen mein Dasein als Lehrerkind. Ich hatte weniger Freunde als der Mond Einwohner, und die Omnipräsenz meines Vaters in der Schule machte es nicht eben leichter, welche zu finden. Kaum ein Tag, an dem mir kein Puddingbecher an den Kopf flog oder ich mein Deutschbuch nicht aus dem Klo fischen konnte. Ich war ein Außenseiter mit dem Alleinstellungsmerkmal Lehrerkind, nicht mal die klassischen Zufluchtsgruppen aller Jugendlichen, wie Punks, Gothics oder Nerds, wollten mich haben. Zeitweise kam ich mir vor wie der Letzte einer Art, ein Dodo mit Akne und Brustbeutel.

Als Taylor meine Eltern sah, hellte sich seine Miene plötzlich auf. Er rang sich sogar ein Lächeln ab, dann verbeugte er sich steif, als würde es sich bei meinem Vater nicht um einen Deutschlehrer, sondern um den Honorarkonsul von Sambia handeln.

„It’s a pleasure to meet you, sir“, sagte der Modell­soldat förmlich und ging dabei fast in die Knie. Dass mein Vater ihm nicht gleich noch den Handrücken zum Kuss hinhielt, erleichterte mich.

„I hope you had a pleasant journey“, warf mein Vater ein Phrasenschwein zurück. Taylor bejahte förmlich und smalltalkte freundlich, während ich danebenstand wie ein zurückgebliebener Hausmeister und mit meinen Sandalen Muster in den Kiesboden malte.

„Maybe you want to shower?“, fragte meine Mutter und kündigte danach an, dass es selbst gebackenen Erdbeerkuchen geben würde. Selbst bei meinem letzten Geburtstag hatte sie einen Kuchen vom Vortag ge­­kauft und auf ihre Mehlallergie verwiesen. Langsam kam mir der Verdacht, dass dieser Schüleraustausch auch endgültig sein könnte und ich ab nächsten Monat in England leben sollte.

„Sure, Miss, that would be fantastic!“, antwortete Taylor enthusiastisch und warf mir dabei einen mahnenden Blick zu. Es bestand eine nicht geringe Chance, dass mein Haus nun die Zelle eines Schläfers war, dachte ich, während ich Taylor nachsah.


Center of Evil

Taylors Einweisung in mein Jugendzimmer war schnell erledigt, er hatte meine komplette Einrichtung innerhalb weniger Sekunden als „gay“ identifiziert, und auch unser kurzer Dialog über seine Schlafstätte hatte nicht im übermäßigen Dissens geendet. Dann schlief ich halt auf der Matratze neben meinem Bett, war bei den sommerlichen Temperaturen im Zwei­felsfall eh kühler.

Nicht nur in meinem Kinderzimmer, auch in der sozialen Hackordnung der Schule nahmen ich und Taylor gegensätzliche Positionen ein. Er war so etwas wie der unerreichbare Gipfel der Nahrungskette, der Löwe, der weiße Hai, ein Spitzenjäger, der keine Ge­­fahren fürchten musste. Ich hingegen war eher so etwas wie ein Hühnerküken mit Hüftschaden, im Zweifelsfall verspeiste mich jedes andere Tier, die meisten sogar mit Begeisterung.

Mich Schülern wie Taylor zu erwehren, nahm ohnehin schon einen Großteil meines Tages ein, dass man mir so jemanden nun auch noch in mein Bett ge­­legt hatte, war natürlich ein ziemlicher Treppenwitz der Ge­­schichte. Taylor und ich arrangierten uns, was be­­deutete, dass ich vermied, ihn anzusprechen, und er mich einmal weniger am Tag verprügelte. Das war schon mal ein Kompromiss.

Über Hastings erfuhr ich nicht viel, außer dass es „fucking boring“ war und wohl am Meer lag, was ja im Gegensatz zu Gelsenkirchen an der Emscher schon als klarer Standortvorteil erschien. Taylor und ich lebten schon nach zwei Tagen wie ein altes Ehepaar, das sich nach 40 Jahren entzweit und effektiv nichts mehr zu erzählen hatte. Gegenüber meinen Eltern verhielt sich Taylor weiterhin ausnehmend höflich, beim Abendessen würgte er mit Begeisterung die kreativen Kochideen meiner Mutter (»Ravioli und Rühr­­ei«) herunter, und auch die Unterhaltungen über seine Heimat waren von jedem Schimpfwort und „Fuck“ befreit, selbst die Quizfragen meines Vaters über die englische Monarchie beantwortete Taylor mit einer Engelsruhe.

An unserem ersten gemeinsamen Schultag hatte sich Taylor ebenfalls sehr schnell zurechtgefunden und seinen Platz bei meiner Mobbingbrigade eingenommen. Er war direkt in der ersten Pause zu Gökhan Mutlu und Rene Maurer gegangen und hatte sich wortlos nickend eingereiht. Ablehnung verbindet. Gökhan Mutlu war ein kurzer, stämmiger Junge mit fast schon abstruser Körperbehaarung und der bösartigen Fiepsstimme eines Kastraten. Rene Maurer hatte eine ähn­liche Physis wie Taylor, ein zur Höchstleistung ge­­peitschter Pennälerkörper, bei dem jede Muskelfaser im Tausch gegen eine Gehirnzelle entstanden war.

Während Taylor die Schulterroristen verstärkte, hielt ich Ausschau nach Ashley, die den deutsch-englischen Freundschaftsbeziehungen auch nicht wirklich zugearbeitet hatte. Der Kontakt zu ihrer Gastgeberin Martina Drökelmann schien, gelinde gesagt, eher ober­fläch­lich, die beiden standen auf den genau entgegengesetzten Seiten des Schulhofs und würdigten sich keines Blickes. Martina war die Tochter eines Küsters und ein so bemerkenswert spaßbefreites Wesen, dass selbst ein Skatabend im Altersheim lustiger war als ein Nachmittag mit ihr. Für Martina war bereits bei ihrer Geburt ein Platz als Sachbearbeiterin in einer Behörde reserviert worden, wofür sie schon jetzt im grauen Twinset übte und als Mitglied der Schulbibliotheks-AG für das Mahnwesen zuständig war. Ich hätte gerne das Gesicht von Martinas Musterchristeneltern gesehen, als die tiefschwarze Austauschschülerin aus England das erste Mal am Esstisch Platz nahm und sich den Schleier aus dem Gesicht strich. Wahrscheinlich hatte ihr Vater telefonisch einen Exorzisten beim Vatikan geordert und ihre Mutter mit einem ausgestreckten Holzkreuz in der Hand versucht, den Dämon aus ihrem Esszimmer zu vertreiben.

Mein inständiges Starren schien Erfolg zu haben, denn Ashleys und meine Blicke trafen sich, und einen Augenblick wirkte es, als setzte die Drehung der Erde aus, als würde der Lauf des Trabanten in der un­­end­lichen Tiefe des Raumes für einen Augenblick ge­­stoppt, ein kosmischer Zwischenfall, hervorgerufen durch diese einzigartige Verschmelzung zwischen mir und ihr.

Als Ashley dann auch noch schüchtern lächelte, war es endgültig um mich geschehen. Langsam hob ich meine Hand zum Gruß, meine Finger schnitten durch die dicke Sommerluft wie Messer, gleich würde es zum Erstkontakt kommen. Wie warmes Leder legte sich die freudige Erwartung über mein pickliges Ge­­sicht, ich konnte spüren, wie meine Beine den Halt verloren und weich wurden wie Toastbrot im Ententeich.

Dann gab das warme Leder beim Aufprall einen dumpfen Laut von sich, als hätte man mit einem Pfannenwender auf ein Schnitzel geschlagen.

Kurz bevor ich auf dem dreckigen Schulhofboden aufschlug wie ein Meteor aus Mett, konnte ich noch sehen, wie sich Taylor mit seinen neuen Freunden abklatschte und sie ihm dazu gratulierten, dass er einen Fußball so zielgerichtet über den halben Schulhof genau in mein Gesicht schießen konnte. Das war also das warme Leder der freudigen Erwartung ge­­wesen. Mitten in die Fresse.

Nun war ich mir sicher: Wir würden ganz bestimmt keine Freunde werden.


Ein monochromes Mädchen

„Are you okay?“, flüsterte eine Stimme durch die Dunkelheit meiner Bewusstlosigkeit. Bevor meine Augen sich wieder bereiterklärten, Informationen an mein Gehirn zu senden, war das Schmerzzentrum schon dabei, Alarm zu schlagen. Mein Gesicht fühlte sich pelzig an, wie die Brüste von Pamela Anderson, un­­echt, nicht zu meinem Körper gehörig. Plötzlich nahm ich ein weißes Licht wahr, aus dessen Mitte mich zwei Augen neugierig betrachteten. Wenn das eine Nah­toderfahrung war, hatten sich die Katholiken und Bibelforscher geirrt. Gott hatte Brüste. Gott war ein Mädchen. Ein ausnehmend hübsches, weiß ge­­schminktes Mädchen.

„Are you okay?“, fragte das Mädchen erneut. Das konnte definitiv nicht Gott sein, mein Befinden hatte den ja zu­vor auch nie interessiert.

„Sure“, antwortete ich und ignorierte, dass in meinem Kopf ein besoffener Elefant zu Metallica Polka tanzte. Ich sprang auf, jetzt bloß keine Schwäche zeigen, Haltung bewahren, es war noch nicht alles verloren, auch wenn meine Hose voller Dreck war, an meinem Kopf nasses Laub klebte und ich sabberte wie eine Zuchtdogge. Okay, vielleicht war doch alles verloren.

„My name is Ashley, what’s yours?“, sagte Ashley und schob ihre Hand aus dem schwarzen Umhang ­heraus, den sie entweder gegen die herbstliche Kälte oder zum Schutz gegen fremde Mächte trug, und hielt sie mir hin. Alles an ihr wirkte zerbrechlich, das ­schmale Hand­gelenk ging in einen dünnen Arm über, das Gesicht war weiß wie Elfenbein und so fein und seiden, dass schon eine kleine Windböe eine ernsthafte Gefahr darzustellen schien.

„Basti, I’m Basti“, sagte ich und griff nach ihrer Hand, die sich ganz kalt anfühlte, vielleicht war mein Blut aber auch am Siedepunkt, zum einen vor Scham, zum anderen vor Aufregung.

„There’s a party tomorrow, will you be there, too?“, fragte Ashley, während ich immer noch ihre Hand schüttelte, als wollte ich Wasser an die Erdoberfläche pumpen. Martin Siekmann machte eine Fete in seinem Partykeller. „Sure“, wiederholte ich. Natürlich war ich nicht zu der Party eingeladen, aber mit einer ausreichend großen Menge Alkohol im Gepäck konnte ich mir den Eintritt vielleicht erkaufen.

„Okay, see you there“, sagte Ashley und lächelte mir erneut zu. Wenn das Gesetz der Regelmäßigkeit zu­­traf, hätte mich innerhalb der nächsten fünf Sekunden der nächste Ball am Kopf treffen müssen. Doch nichts passierte. Ich nahm das mal als gutes Omen: Ab morgen würde ich nicht mehr Single sein, die Klassenfahrt der Engländer würde mir meine erste Freundin bescheren.

Bastian Bielendorfer

Über Bastian Bielendorfer

Biografie

Bastian Bielendorfer ist Stand-up-Comedian, Diplompsychologe und Lehrerkind. Zusammen mit seiner Frau versteckt er sich vor den guten Ratschlägen seiner Eltern in Köln. 2011 veröffentlichte er sein Debüt "Lehrerkind - Lebenslänglich Pausenhof", das zum meistverkauften Taschenbuch im Bereich Sachbuch...

Medien zu „Lebenslänglich Klassenfahrt“



Pressestimmen
Peiner Allgemeine Zeitung

„Bei Autoren wie Bielendorfer und einer Lesung wie dieser, muss der Autor gar nicht aus seinem Buch lesen.“

Grundschulmagazin

„Amüsanter, gleichzeitig informationsreicher Perspektivwechsel - Lesenswerte Lehrer(eltern)fortbildung!“

Rheinische Post

„Der Kölner Autor beschreibt hinreißend komisch, was alles auf einem Schulausflug schief gehen kann.“

Nürnberger Zeitung

„Bielendorfer ist der ganz große Wurf gelungen: [...] Mit Selbstironie und kritischem Blick für entlarvende Details dagegenzuhalten, beim Lustigsein nahe an der Wirklichkeit zu bleiben, ist eine Leistung, der man nicht genug Anerkennung zollen kann.“

Stadtspiegel Gelsenkirchen

„Das Lehrerkind auf Klassenfahrt. Was da so alles passiert, löst ein Bauchmuskeltraining nach dem nächsten aus.“

Uelzener Anzeiger

„Äußerst unterhaltsam“

Oberhessen-Kurier

„Jackpot!“

Peiner Nachrichten

„Noch stärker ist Autor Bastian Bielendorfer immer dann, wenn er Anekdoten aus seinem privaten Umfeld erzählt. (...) Bielendorfer ist dabei extrem schlagfertig, bindet das Publikum immer wieder mit ein und sorgt für viele Lachtränen.“

Ostfriesen Zeitung

„Großes komödiantisches Erzähl- und Showtalent.“

Passauer Neue Presse

„Hinreißend komisch, mit viel Witz, Selbstironie und Leidensfähigkeit.“

Landauer Zeitung

„Mit viel Wortwitz und einer gehörigen Portion Selbstironie.“

Hellweger Anzeiger

„Seine Wortgewandtheit schöpft aus einem riesigen Repertoire, das er spontan und geschickt in absurde Bilder und aberwitzige Vergleiche umwandelt.“

Goslarsche Zeitung

„Die Geschichten sind zum Kringeln, der junge Bursche hat einen unglaublichen Wortschatz, eine famose Fantasie und ist überdies nicht nur ein begnadeter Vorleser, sondern auch noch ein netter, witziger, charmanter Kerl.“

LISA

„Bastians Humor kommt einfach gut an.“

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