Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung für Husch Josten
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Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung für Husch Josten

Wir gratulieren unserer Autorin Husch Josten, die in diesem Jahr den mit 20.000 € dotierten Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung erhält.

Die sechsköpfige Jury – Prof. Dr. Oliver Jahraus (Ludwig-Maximilians-Universität München), Prof. Dr. Birgit Lermen (Universität Köln), Christine Lieberknecht MdL (Thüringer Ministerpräsidentin a.D.), Felicitas von Lovenberg (Verlegerin des Piper Verlags), Ijoma Mangold (Die Zeit) und 
Prof. Dr. Friedhelm Marx (Universität Bamberg) – begründete ihre Entscheidung so: 

„Die Schriftstellerin Husch Josten greift heikle Themen unserer Gegenwart auf: Terrorismus und Fundamentalismus in Europa, Globalisierungsangst und Glaubensmut, ideologische Verfestigung und religiöse Indifferenz, Freiheit des Gewissens und Menschenwürde. Diese großen Themen behandelt sie fundiert und bestens recherchiert, nie aber lehrmeisterlich, vielmehr lakonisch und leicht, spannungs- und humorvoll, eingebettet in die Lebensgeschichten von Menschen, die uns faszinieren. So beleuchtet sie in ihren jüngsten Romanen 'Hier sind Drachen' (2017) und 'Land sehen' (2018) den Zusammenhang zwischen der Freiheit als ‚Sinn von Politik‘ (Hannah Arendt) und der Freiheit zum persönlichen Bekenntnis. Ihre Werke vereinen das Bedürfnis nach Erkenntnis mit der Notwendigkeit einer moralischen Zeitzeugenschaft. Husch Josten erinnert an die enorme Bedeutung des literarischen Erzählens im Informationszeitalter und verteidigt den Wahrheitsanspruch der Dichtung.“

Und Prof. Dr. Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestages a.D. und Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung ergänzt: „Husch Jostens jüngste Romane erzählen souverän von der Wahrheitssuche auf religiösem und der Freiheitsliebe auf politischem Gebiet.“

Der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung wird seit 1993 verliehen. Zu den bisherigen PreisträgerInnen gehören u.a. Günter de Bruyn, Hilde Domin, Mathias Énard, Arno Geiger, Daniel Kehlmann, Martin Mosebach, Herta Müller, Cees Nooteboom und Uwe Tellkamp.

Die Preisverleihung findet am 16. Juni 2019 im Weimarer Musikgymnasium Schloss Belvedere statt.
 

Blick ins Buch
Hier sind DrachenHier sind DrachenHier sind Drachen

Roman

14. November 2015: Am Morgen nach den verheerenden Terroranschlägen von Paris macht sich die Reporterin Caren auf den Weg in die französische Hauptstadt. Doch ihr Flug verzögert sich, die Lage ist angespannt, am Heathrow Airport herrscht nach einem anonymen Anruf Alarmbereitschaft. Die bedrohliche Situation und wachsende Nervosität der Sicherheitsbeamten bringen Carens älteren Sitznachbarn allerdings nicht aus der Ruhe, stoisch liest er weiter in Wittgensteins »Tractatus«. Der gleichermaßen unbefangene wie charismatische Philosoph und Zufallsforscher verwickelt Caren, mit deren Gelassenheit es seit Monaten nicht zum Besten steht, in ein faszinierendes Gespräch. Und offeriert ihr dabei – zufällig oder absichtsvoll? – die unmögliche Geschichte, nach der die Journalistin ihr Leben lang gesucht hat.

1

Die Hallendecke senkte sich langsam. Unaufhörlich. Gleichmäßig. Sie kam geräuschlos herab, verschlang Zentimeter um Zentimeter der wolkenweißen Spanndecke, der spiegelnden Wandpaneele im Obergeschoss des Terminals, die Werbebilder für Trenchcoats, Parfüm und Versicherungsunternehmen, das silberne Geländer, sodann die Köpfe und Körper der im ersten Stock herumlaufenden Fluggäste. Die Decke krauchte tiefer und tiefer nach unten, stauchte die Halle auf die Höhe eines Schuhkartons zusammen, und Caren sah zu. Seit Monaten passierte ihr das. Zu Hause, im Hotel, im Zug, in der Redaktion, am Flughafen wie hier. Sie saß irgendwo oder lag auf ihrem Bett, dachte nach oder dachte an nichts, und auf einmal kam die Decke herab. Na gut, hatte sie sich in den ersten Wochen gesagt, steckte sie also in einer merkwürdigen Phase mit sinkenden Zimmer- und Hallendecken. Es würde vorübergehen. Sie versuchte es mit Meditation, schließlich sollte man – hatte sie anfangs gemeint – herabkommenden Decken etwas Sinnvolles entgegensetzen. Aber Caren gelang es nicht, sich auch nur zwei Minuten auf ihr Atmen zu konzentrieren. Die Gedanken trudelten sofort, mäanderten durch ihr Hirn, lenkten vom Luftholen und Luftlassen ab, forderten ihre Aufmerksamkeit. Und wenn sie die Augen schloss, sich das kinnlange, blonde Haar aus dem Gesicht strich und ans Atmen dachte, wenn sie versuchte, sich darauf zu konzentrieren, wähnte sie zu hyperventilieren und lenkte sich flink mit dem Erstellen von Einkaufslisten, Staubsaugen, noch zu erledigenden Anrufen ab; Dingen, bei denen man vor sich hin atmen und die anstrengende Angelegenheit des Luftholens vergessen konnte.

 

Verwirrung, als es das erste Mal geschehen war: in Paris, auf ihrem Hotelbett, zehn Monate zuvor. Sie hatte gezwinkert, sich in den Arm gekniffen, hatte aufstehen, nach ihrem Handy greifen wollen, aber es war ihr nicht möglich gewesen. Sie war verunsichert, zugleich so gebannt gewesen, dass sie sich nicht hatte rühren, kaum atmen können. Natürlich, hatte sie in diesem Moment gedacht, natürlich hatte das mit Charlie zu tun, dem Anschlag, über den sie gerade berichtet hatte. Natürlich war das eine Reaktion, musste das eine hysterische Reaktion sein auf die Geschehnisse des siebten Januars, die sie aufgewühlt hatten – anders als jedes der Attentate, über die sie geschrieben hatte. In Paris, in der Métro, hatte Caren sich erstmals zwingen müssen, keine Angst zu haben, sich nicht umzusehen nach Gesichtern, die verdächtig aussahen (wie genau sähe so ein Gesicht aus?), nach Menschen, die große Taschen mit sich trugen, in denen sie vielleicht Bomben, Gewehre, Handgranaten und nicht einfach Akten oder die Wäsche aus der Reinigung transportierten. Vorher war es ihr nicht so gegangen. Nicht nach New York. Nicht nach Boston. Beide Male war sie mit dem Leben davongekommen. Unverletzt. Beide Male hatte sie nur durch glückliche Fügungen die Flugzeuge und Detonationen verpasst. Damals, an diesem Septembermorgen in New York. Dann, Jahre später, am Patriots’ Day in Boston. Zufall, dass sie als Praktikantin bei WABC TV als Botin eingesprungen war, aus dem 110. Stock einen Umschlag zum Portier gebracht und danach, weil das Wetter so schön gewesen war, Bagels zum Frühstück für sich und ihre Kollegen geholt hatte, als das Flugzeug in den Nordturm gerast war. Fatum, dass sie mit den Freunden, die den Boston Marathon mitgelaufen waren, verabredet hatte, sie nicht an der Ziellinie, sondern ein paar Blocks weiter, fernab des Trubels zu treffen. So hatte sie es all die Jahre gesehen. Doch dann Paris. Keine unmittelbare Gefahr mehr für sie, kein Dabeisein, sondern ein normaler Arbeitsauftrag. Fang mal ein bisschen die Stimmung ein, erzähl, wie sich Paris gerade anfühlt. Auf dem Bürgersteig noch das Blut des ermordeten Polizisten. Ahmed Merabet. Caren war stehengeblieben und hatte den braunroten Fleck betrachtet. Die Bilder, die ein Zeuge versehentlich, wie er später behauptete, ins Internet gestellt hatte, so drastisch in ihrem Kopf, als sei sie dabei gewesen. Wie er verletzt daliegt. Um sein Leben bittet. Stirbt. Sie hatte ihn sterben sehen. Sie war dabei gewesen. Wieder einmal.

 

Der Moment der Ergebenheit. Als die Decke erstmals herabgesunken war, hatte sie auf ihrem Bett im Pavillon des lettres gelegen. Dem kleinen, windschiefen Hotel im Achten, in dem sie schon gewohnt hatte, als es noch L’Élysée geheißen und vergilbte Blümchentapeten hinter quietschenden Messingbetten geklebt hatten, in dem sie wohnte, seit ihre Familie nicht mehr in Paris lebte, und sie hatte gedacht: Wenn ich jetzt – jetzt also doch – sterben soll, ist dagegen wirklich nichts zu machen. Wenn es ein Kreislaufzusammenbruch, Herzinfarkt oder Schlaganfall ist, kündigt er sich immerhin friedlich an. Denn nach dem ersten Schrecken war nichts Bedrohliches an der herabkommenden Decke und dem schwindenden Raum gewesen. Was sie gefühlt hatte, war warm und sacht und so tröstlich gewesen, dass sie es regelrecht bedauert hatte, als es nach fünf oder fünfzehn Minuten – jegliches Zeitgefühl verloren – vorbei gewesen war. Die herabkommende Decke ein schützendes Plumeau, das sie und ihr Übrigsein behaglich zudeckte. Denn Caren war übrig. Schuldig. Unschuldig. Wer wusste das schon. Jedenfalls übrig. Ihre Familie und Freunde, überhaupt jeder, hatte von Glück und Schutzengeln gesprochen und allem, was man in Fällen wie diesem eben sagte. Kollegen hatten über sie schreiben wollen, sie in ihre Talkshows eingeladen. Caren hatte abgelehnt, obwohl sie als Journalistin durchaus die Geschichte sah und verstand, wie ungewöhnlich das alles war. Davonzukommen. Zweimal. Aber ihre war eine abwegige Geschichte, eine Version der Wirklichkeit, die Schweigen gebot, da sie dem, was den anderen und was tatsächlich passiert war, nie Rechnung tragen konnte. Sie war nur übrig. Das erste Mal als Einundzwanzigjährige. Und dann wieder, vor zwei Jahren erst, mit dreiunddreißig.

Bis zum siebten Januar in Paris hatte Caren es so nie betrachtet. Für sie waren es nichts als Zufälle gewesen. Doch mit Charlie traten Zweifel an die Stelle der Schicksalsergebenheit. Skrupel. Die Gewissheit, dass manches einfach geschah, löste sich in Luft auf. Sie konnte sich nicht erklären, warum ausgerechnet dieses Attentat, dem sie nicht ausgesetzt, dem sie nicht unmittelbar entronnen war, sie derart drangsalierte und dies neue, schonungslose Licht auf die Vergangenheit warf. Doch sie, die als Kind wegen ihrer Weichherzigkeit, ihrer Schwäche für Außenseiter und Schwächlinge unablässig als Butterbirne gehänselt worden war, die sich früh gepanzert und schließlich angeeignet hatte, zu sämtlichen Dingen des Lebens eine abwehrbereite, beobachtende Distanz zu wahren, fühlte sich mit einem Mal wie die einzige Überlebende eines Infernos, das niemand hätte überleben sollen. Überleben dürfen. Eigentlich.

[...]

Langsam tauchte der Flughafenterminal von Heathrow wieder auf, lichtete sich die Decke. So war es. Immer. So unerwartet alles sank, so plötzlich fand sich die Realität wieder ein. Der Mann, der Caren gegenübersaß, las Wittgenstein. Sie hatte ihn vorher nicht bemerkt. Ende fünfzig, vielleicht Mitte sechzig. Sehr hohe Stirn. Zerfurcht. Grauschwarze Haare. Buschige, mittig gespitzte Augenbrauen. Er trug verwaschene Jeans, ein schwarzes Hemd und ein ebenso schwarzes Sakko. Augen so hellblau wie Badewasser, durchscheinend, klug, selbstbewusst.

Die Welt ist durch Tatsachen bestimmt, murmelte er das Gelesene leise vor sich hin, was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten, ein Sachverhalt ist die Verbindung von Dingen, und Dinge sind etwas Einfaches, Atomares, nicht Zusammengesetztes. Er sprach es, als lerne er den Text auswendig. Zum Fußboden, zu seiner Tasche, zu dem schlafenden Mann in der blauen Trainingshose. Als er Carens Blick bemerkte, entschuldigte er sich und streckte ihr den Buchtitel so entgegen. Verzeihen Sie, sagte er, ist lange her, dass ich das gelesen habe.

Kein Problem, erwiderte sie, Wittgenstein war der mit der Sprachproblematik, stimmt’s?

Er nickte: Und der, auf den man sich immer berufen kann, da er so schön vage bleibt.

Was ist denn gerade Ihre Wirklichkeit?, fragte Caren. Um sich vom Warten abzulenken.

[...]

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