Laufsport - Büchertipps rund um das Laufen
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Laufsport - Büchertipps rund ums Laufen

Geschenke für Läufer: Laufbücher für den Motivationsschub

Laufen ist gleichzeitig Trendsport sowie die natürlichste Fortbewegungsform des Menschen.

Der Einstieg in den Laufsport ist in jedem Lebensalter möglich – unabhängig von der körperlichen Verfassung. Ob für Anfänger, leidenschaftliche Jogger oder Triathleten , die für den nächsten Marathon trainieren: Bücher rund um den Sport sind wunderbare Geschenke für Läufer. Das vielseitige Angebot an Laufbüchern umfasst Titel, die Tipps rund um die Themen Ernährung, Training und sogar Schlafen für ein gesünderes und erfolgreicheres Joggen geben. Andere Bücher dienen Läufern als Inspiration, da sie die Geschichten bekannter Läufer, das Laufen in fremden Kulturen oder auch theoretisches Wissen rund um den Laufsport behandeln.

Empfehlungen aus der Redaktion

Im Angebot des Piper Verlags und in den Bestsellerlisten der großen Buchhändler finden sich zahlreiche Klassiker und Neuerscheinungen rund um den Laufsport. Zu den interessantesten Laufbüchern zählt der Titel „Das Land des Laufens“ von Adharanand Finn, in dem der Autor über die Bedeutung des Laufsports in Kenia berichtet – dem Land, aus dem die weltweit besten Läufer stammen. 

Blick ins Buch
Im Land des LaufensIm Land des Laufens

Meine Zeit in Kenia

Stimmt es, dass Kenianer schon als Kinder täglich ­mehrere Meilen zur Schule rennen? Und ihr Laufstil effektiver ist als ­unserer, da sie barfuß aufwachsen? Der Brite Adharanand Finn spürt dem legendären ­Lauf­erfolg einer Nation nach. Dafür zieht er meh­rere Monate lang mit seiner Familie nach Iten, ins Mekka der besten Läufer. Besucht dort Weltklasseläufer und ­Nachwuchstalente in den Camps und schließt sich in der Morgen­dämmerung ­ihren Läufen durch die Savanne an. Und am Ende muss er selbst beweisen, ob sich das harte Training gelohnt hat – als er zum größten Lauf des Landes, dem ­berüchtigten Lewa Marathon, ­antritt.
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Den Unterstützern, die mir am nächsten sind –
Marietta, Lila, Uma und Ossian

Hält das Göttliche nach dir Ausschau,
kann es eine mächtige Kraft sein.

 

Prem Rawat

 

Prolog

 

Zuerst höre ich einen anderen Wecker summen. Im Halbschlaf habe ich bereits auf dieses Signal gewartet. Es war ein leichter, unruhiger Schlaf unter dem dünnen Betttuch, auf dem der Hotelname in grüner Schrift steht: BOMEN. Unter der Tür dringt so viel Flurlicht hindurch, dass ich mich im Zimmer umsehen kann – jetzt wirken die Wände dunkelrosa, aber bei Tageslicht haben sie eine betörend helle Pfirsichfarbe. Über meinem Kopf baumelt eine nackte Energiesparlampe an einem Kabel.
Das Telefon klingelt. Godfrey, nur ein paar Schritte entfernt im anderen Bett, meldet sich sofort, als habe er den Hörer bereits in der Hand gehalten und auf den Anruf gewartet. Seine Stimme klingt wach und ruhig, er sagt ein paar Worte auf Kalenjin, dann legt er wieder auf.
»Chris«, sagt er im Dunkeln. Er weiß, dass ich wach bin. »Du kennst doch Chris. Er möchte runter zum Frühstück.«
Jetzt summt auch mein Wecker. Ich schalte ihn aus. Es ist vier Uhr morgens. Zeit zum Aufstehen.
Im Hotel ist bereits das Klappern von Töpfen und Geschirr und Stimmengewirr zu hören. Die übrigen Hotelgäste werden sich wahrscheinlich unwillig in ihren Betten umdrehen, auf die Uhr blicken und sich verärgert fragen, was der Lärm zu bedeuten hat. Ich trete auf den Flur hinaus, an dessen anderem Ende eine Palme langsam vor sich hin trocknet. Oben an der Treppe treffe ich im Halbschatten einer Nische auf Beatrice, die offenbar unsicher ist, ob sie sich allein hinunterwagen soll. Sie lächelt, die Zähne glänzen weiß in ihrem schwarzen Gesicht.
»Gehen wir«, sage ich.
Wortlos folgt sie mir die Treppe hinunter.
Im Frühstücksraum warten bereits die Kellner. Offenbar sind sie mitten in der Nacht aus den Betten gerissen und in ihre Kellneranzüge gesteckt worden. Jedenfalls sehen sie nicht sonderlich erfreut aus.
»Tee? Kaffee?«, fragt der Oberkellner und nähert sich mit einem Tablett voller Kannen und Tassen. Wir schütteln beide den Kopf. Ich setze mich an den Tisch; Beatrice nimmt mir gegenüber Platz. Draußen auf der Straße herrscht noch Stille.
»Bist du bereit?«, frage ich.
Beatrice nickt lächelnd. »Ich werde es schon schaffen.«
Japhet und Shadrack kommen herein. Zwei junge Männer Anfang zwanzig; keiner von ihnen war jemals so weit weg von zu Hause. Japhet ist groß, zeigt meist ein breites Lächeln und wirkt ständig ein wenig aufgeregt; Shadrack dagegen sieht mit seinen leicht vorstehenden Augen immer so aus, als hätte er gerade etwas unglaublich Schockierendes mit ansehen müssen. Der Oberkellner erscheint wieder mit seinem Tablett.
»Tee? Kaffee?«
»Chai«, sagt Shadrack so leise, dass er es zweimal wiederholen muss, bevor der Kellner ihn versteht. Japhet nickt nur. Der Kellner gießt den Tee in die Tassen.
»Fühlt ihr beide euch okay?«, frage ich. Shadrack schaut mich verwirrt an, so unfähig zu antworten, als hätte ich ihn gerade gefragt, ob er jemals verliebt gewesen sei.
»Ja, wir sind bereit«, antwortet Japhet grinsend. Der Kellner ist inzwischen richtig in die Gänge gekommen und bringt uns Teller mit Früchten. Shadrack spießt nervös ein Stück Wassermelone auf und bietet es Beatrice an. Schon werden weitere Teller serviert – Spiegeleier und Brot.
»Zum Frühstück könnt ihr essen, was ihr wollt«, hatte uns Godfrey gestern Abend eingeschärft, »bloß keine Eier.« Jetzt schaue ich die anderen verblüfft an.
»Esst ihr immer Eier vor einem Rennen?«, frage ich. Aber sie haben bereits zu essen begonnen, und so lasse ich die Sache auf sich beruhen. Das Spiegelei auf meinem Teller rühre ich jedoch nicht an, zwei Scheiben Brot und ein wenig Butter müssen genügen. Ich esse schnell zu Ende und kehre in mein Zimmer zurück.
Eigentlich hatte ich nach dem Frühstück weiterschlafen wollen, aber jetzt bin ich doch hellwach. Ich packe meine Sachen zusammen und setze mich aufs Bett. Mein Fuß fühlt sich gut an. Ich reibe ein wenig daran, um ganz sicherzugehen, und presse den Daumen auf die Verletzung in der Fußsohle. Danach hole ich eine Flasche Menthol Plus heraus, reibe meinen Fuß ein und ziehe die Socke wieder an. Langsam und tief atme ich ein und aus, während ich noch eine Weile auf dem Bett sitzen bleibe. Nach einer Stunde ist es Zeit zu gehen.
Das schwache Licht der Morgendämmerung liegt über dem Parkplatz, als wir uns bei dem Minibus versammeln. Wir warten auf Godfrey. Als ich das Zimmer verließ, kämmte er gerade sein Haar. Obwohl er einen militärisch kurzen Haarschnitt hat, striegelt er sich jeden Morgen fünf Minuten lang. Die anderen warten schweigend und geduldig. Endlich taucht Godfrey auf.
»Sorry, Leute«, sagt er und öffnet die Schiebetür. Die jüngeren Teammitglieder – Japhet, Shadrack und Beatrice – klettern nach hinten. Die erfahrenen Läufer Chris, Paul und Philip setzen sich auf die Mittelbank. Als einziger Mzungu, also Weißer, darf ich mich auf den Beifahrersitz neben Godfrey, unseren Trainer und Fahrer, setzen.
Der Minibus ruckelt durch die Ausfahrt und biegt in die geteerte Hauptstraße ein. Hier sind schon viele Menschen unterwegs, die Ziegen vor sich hertreiben oder große Säcke auf den Schultern tragen. Überfüllte Matatus, Minibusse, halten an beliebigen Stellen, und noch mehr Menschen quetschen sich hinein. Der Tag hat bereits begonnen.
In unserem Bus herrscht Schweigen. Godfrey fummelt am Radio herum, obwohl er längst weiß, dass es nicht funktioniert. Er fährt eine gerade Straße entlang, die bis hinauf zum Rand der Savanne führt, eine riesige, leere Fläche, die sich auf einer Seite weithin ausdehnt. Auf der anderen säumen notdürftig errichtete Hütten die Straße, dazwischen kleine Maisfelder und immer wieder bunt gestrichene Kioske mit großen Werbetafeln von Telefongesellschaften.
Nach etwa zwanzig Minuten erreichen wir den Haupteingang zum Lewa Conservancy, einem 263 Quadratkilometer großen Wildreservat 270 Kilometer nördlich von Nairobi, das an Übervölkerung und Verkehr fast erstickt. Eine lange Reihe von Geländewagen schlängelt sich hinein, und am Straßenrand gehen viele Leute entlang. Wir reihen uns in die Wagenkolonne ein. Die Savanne breitet sich hier auf beiden Seiten aus, sie scheint die Welt zu beherrschen. Das ist die klassische afrikanische Landschaft. Trockene Steppe, nur vereinzelt sind dornige Akazien zu sehen.
Meine Mitreisenden hinten im Auto zeigen aufgeregt aus dem Fenster.
»Was ist?«, frage ich.
»Schau doch!«, sagt Godfrey und deutet zum Seitenfenster hinaus. Nur ein paar Schritte entfernt steht ein Elefant, still wie eine Statue.
»Ist der echt?«, fragt Philip und reckt den Kopf, um über meine Schulter schauen zu können.
Holpernd geht die Fahrt in der Staubwolke der anderen Fahrzeuge weiter. Der Elefant hat die Stimmung in unserem Minibus aufgehellt. Godfrey will uns motivieren und setzt zu einer Rede an.
»Okay, Leute, alle mal herhören. Jetzt geht’s zur Sache. Ich weiß, wir haben einen Sieger hier im Auto. Ihr alle habt hart trainiert, jetzt wird es ernst. Denkt daran: Das ist ein Marathon. Lauft am Anfang nicht zu schnell. Aber achtet immer darauf, den Anschluss zur Spitze des Feldes zu halten. Ihr wisst, dass ihr es schafft.«
Er bremst und hält an. Obwohl es noch nicht einmal sechs Uhr ist, haben sich schon Hunderte hinter dem Startband versammelt und müssen von den Sicherheitskräften zurückgehalten werden. Immer mehr Läufer in kurzen Laufhosen und Shirts, auf denen die Startnummer befestigt ist, strömen den Weg entlang zum Start. Bevor ich auch nur weiß, wie die Sache hier abläuft, sind alle schon ausgestiegen und verschwunden.
»Sie sind direkt zum Start gegangen«, erklärt Godfrey. »Du solltest dich ebenfalls beeilen.« Es ist schon warm, deshalb ziehe ich meinen Trainingsanzug aus und lasse ihn im Bus. Darunter trage ich mein gelbes Trikot. Meine Nummer, 22, ist mit Sicherheitsnadeln am Trikot befestigt. Auf dem Rücken prangen die Worte »Iten Town Harriers«.
Am Start herrscht dichtes Gedränge – mehr als tausend Läufer. In dem Gewimmel entdecke ich eine Gruppe mit gelben Trikots, der Rest meines Teams. Meine Frau Marietta und mein zweijähriger Sohn Ossian stehen auch dabei, während meine beiden Töchter das Rennen irgendwo vom Rand aus verfolgen. Marietta winkt mich heran, sie will unbedingt noch ein Foto machen.
Wir stellen uns eng zusammengedrängt auf. Godfrey will nicht aufs Bild, aber wir ziehen ihn einfach in die Gruppe. Ohne ihn wären wir schließlich jetzt gar nicht hier. Er stellt sich ganz nach hinten, sein Gesicht ist im Schatten des Hutes kaum zu erkennen.
»Okay, danke«, sagt Marietta, »und viel Glück!« Jetzt müssen wir an den Start gehen. Wir drücken uns gegenseitig die Hand, es gibt nichts mehr zu sagen. Das ist es! Jetzt wird sich zeigen, was monatelanges hartes Training gebracht hat. Vor uns liegen die wilden Ebenen Afrikas. Warten auf uns. Still und lauernd. Über uns knattern Hubschrauber. Der Mann mit dem Mikrofon sagt es zwar nicht, aber alle wissen, dass wir noch warten müssen, bis ein paar Löwen von der Strecke verschwunden sind. Die Hubschrauber schwirren im Tiefflug über die Tiere, um sie zu vertreiben. Die Wartezeit kommt uns schier endlos vor. Ich recke die Arme. 26 Meilen – rund 42 Kilometer. Aber das sind nur Zahlen. Immer nur ein Schritt. Immer nur ein Atemzug. Morgenhitze steigt aus dem stacheligen Gras auf. Von der Seite winken mir meine Kinder zu, breit lächelnde kleine Gesichter. Dann beginnen wir zu zählen. Fünf. Ich spüre, wie mich mein Atem mit Leben füllt. Vier. Die Läufer stellen ihre Uhren, gehen in Starthaltung. Drei. Zwei. Gleich geht’s los. Eins. Los!

 

1
In my mind I am a Kenyan.

 

NIKE-WERBESLOGAN DER ACHTZIGERJAHRE

 

Wir laufen durch wogendes Gras, sprinten auf die erste Ecke des Sportplatzes zu. Ich laufe in der Spitzengruppe, werde vom Wirbeln der Beine um mich herum vorangetrieben, vom schnellen Atmen meiner Klassenkameraden. Wir laufen zwischen den Torpfosten hindurch und drehen seitwärts ab, sodass wir dicht an der Mauer am hinteren Rand des Platzes entlanglaufen. Es ist stiller geworden; ich werfe einen Blick über die Schulter. Nur noch ein Junge läuft dicht hinter mir, die anderen sind zurückgefallen. Ich laufe weiter, die Luft dringt kalt in meine Lungen.
Wir verlassen das Schulgelände, laufen einen mit Kies bestreuten Weg entlang, der normalerweise außerhalb der uns erlaubten Zone ist. Es knirscht unter meinen Sohlen. Ein alter Mann schiebt sein Fahrrad zum Wegrand, um mir Platz zu machen. Ich folge der Markierung, jetzt wieder einen steilen Abhang hinunter zu den Sportplätzen zurück, wo sich das Ziel befindet. Ich komme lange vor den anderen an und warte in der Kälte, bis sie nacheinander eintreffen und sich hinter der Ziellinie erschöpft zu Boden sinken lassen. Ich beobachte sie, wie sie sich auf den Rücken rollen, hinknien. Ihre Gesichter sind rot. Ich empfinde eine eigenartige Freude. Es ist die erste Sportstunde in meiner neuen Schule, und wir waren zu einem Geländelauf hinausgeschickt worden. Ich war noch nie weiter als über einen Fußballplatz gelaufen und bin nun überrascht, wie leicht diese Übung für mich war.
»Er ist nicht mal außer Atem«, sagt mein Lehrer und führt mich den anderen als gutes Beispiel vor. Dann befiehlt er mir, die Hände unter die Achseln zu stecken, um sie warm zu halten, bis der Rest der Klasse eintrudelt.

 

Ein paar Jahre später, als Zwölfjähriger, unterbiete ich bei einem Sporttag den Schulrekord über 800 Meter, obwohl ein paar Jungen versuchen, mich am Start zu rempeln, damit ihr Freund das Rennen gewinnt. Fünf Minuten später laufe ich den 1500-Meter-Lauf und gewinne auch dieses Rennen. Mein Vater erahnt mein Talent und schlägt mir vor, in den örtlichen Leichtathletikverein einzutreten. Er sucht die Nummer aus dem Telefonbuch heraus, und ich höre ihn telefonieren und jemanden nach dem Weg fragen. Von diesem Augenblick an steht fest: Ich werde Läufer.

 

Alles beginnt an einem Abend ein paar Wochen später unter recht ungünstigen Vorzeichen. Ich ziehe meine Laufshorts und den Trainingsanzug an und gehe von unserem Wohnblock in Northampton über die Brücke zum nahe gelegenen Einkaufszentrum. Der Komplex ist um diese Zeit schon ziemlich menschenleer, nur ein paar späte Kunden kommen aus dem riesigen Tesco-Supermarkt. Ich überquere den Parkplatz und die Straße und komme zur nicht markierten Aschenbahn, wo sich die Läufer des Sportvereins Northampton Phoenix treffen. Es ist ein kalter Abend, und alle stehen dicht zusammengedrängt in dem kleinen Durchgang an der riesigen roten Ziegelsteinmauer. Innen sind die Flurwände blutrot gestrichen und mit anzüglichen Graffiti besprüht. Weiter hinten im Korridor befinden sich die Umkleideräume, von wo wir durch das Rauschen der Duschen Männergelächter hören. Am Eingang sitzt eine Frau hinter einem kleinen Tisch. Ich nenne meinen Namen.
Ich hatte mir vorgestellt, dass man mich direkt zur Laufbahn schicken würde, aber stattdessen werde ich zusammen mit einer Gruppe von Kindern in meinem Alter wieder über die Straße zur Lieferantenbucht des Einkaufszentrums gebracht, zu einem Stück überdachter Straße mit einer Reihe von Lieferrampen, deren Eingänge mit Rollläden verschlossen sind. Die Ölpfützen unzähliger LKWs bedecken den Asphalt. Ein Mann in Trainingssachen lässt uns immer wieder über die Straße sprinten, wobei wir auf beiden Seiten die Bordsteinkanten berühren müssen. Zwischen jedem Sprint müssen wir bestimmte Übungen machen, zum Beispiel Liegestütze oder Scherensprünge. Als ich auf dem Rücken auf dem kalten, harten Asphalt liege und gehorsam meine Aufwärmübungen mache, kommen mir starke Zweifel, ob ich hier überhaupt richtig bin. Hier geht es offenbar nicht ums Laufen. Ich hatte Gruppen leichtfüßiger Sportler erwartet, die geradezu über die Aschenbahn fliegen. Mein Dad muss da wohl etwas verwechselt und den falschen Verein angerufen haben.
Ich bin so sehr überzeugt, dass es sich nicht um einen Laufsportverein handeln könne, dass ich ein ganzes Jahr lang nicht mehr hingehe. Aber als ich dann doch zurückkehre, fragt man mich, ob ich zuerst im »Tunnel« trainieren oder lieber gleich auf die lange Laufstrecke wolle. Mit dem »Tunnel« ist vermutlich die Lieferantenbucht des Supermarkts gemeint. Ich entscheide mich für die Langstrecke und werde einer Gruppe von etwa vierzig Leuten zugeteilt. Das sieht schon eher nach Laufsport aus. Als wir über die kieselbestreuten Wege der Sozialwohnungssiedlungen im Osten Northamptons laufen, spüre ich zum ersten Mal, was es heißt, in einer Gruppe mitzulaufen. Der mühelose Bewegungsablauf der Beine, die an uns vorbeigleitenden Bäume, Häuser, Seen, die Menschen, die uns bereitwillig Platz machen. Die meisten anderen Läufer sind älter als ich und witzeln ständig miteinander, aber ich lasse mich still von der Gruppe ziehen und empfinde dabei sogar so etwas wie ein vages Zugehörigkeitsgefühl.
In den folgenden sechs Jahren werde ich zu einem engagierten Clubmitglied. Ich trainiere mindestens zweimal pro Woche, und an den meisten Wochenenden laufe ich Cross Country oder Bahn. Einen großen Teil meiner Jugendjahre verbringe ich mit Langstreckenläufen auf der Straße. Auch als ich mir die Haare wachsen lasse und in einer Band als Gitarrist mitspiele, trainiere ich weiter. Die anderen Läufer geben mir den Spitznamen Bono. Als ich ungefähr achtzehn bin, laufe ich eines Abends einer Gruppe meiner Klassenkameraden über den Weg, die aus einem Pub kommen. Wir sind gerade auf der letzten Meile eines Langstreckenlaufs und rennen mit voller Geschwindigkeit. Meine Schulfreunde starren mir ungläubig nach, als ich vorbeirase, und einer schreit mir verblüfft nach: »He, was soll das?«, während ich schon in der Ferne verschwinde.

 

Ungefähr Mitte der Achtzigerjahre werde ich zum ersten Mal auf die kenianischen Läufer aufmerksam, etwa zur selben Zeit, als ich dem Sportclub beitrete. Sie tauchen plötzlich in großer Zahl in der Welt des Laufsports auf, die zu diesem Zeitpunkt von Sportlern wie dem Briten Steve Cram und dem Marokkaner Said Aouita beherrscht wird. Ich bin ein großer Fan dieser beiden Erzrivalen – von dem langbeinigen Cram mit seinem majestätischen Laufstil und dem kleineren Aouita, der ständig Grimassen schneidet und die Schultern bewegt, aber über jede Distanz brilliert, vom kurzen, schnellen 800-Meter-Lauf bis hin zur 10 000-Meter-Strecke.
Aber schon bei den Olympischen Spielen von 1988 in Seoul wird alles von den Kenianern beherrscht. Mit einer einzigen Ausnahme räumen die kenianischen Männer bei sämtlichen Mittel- und Langstreckenläufen die Goldmedaillen ab. Am meisten beeindruckt mich ihr Laufstil. Bislang galt ein gleichmäßiger Lauf als effizienteste Methode, vor allem bei längeren Distanzen, und tatsächlich werden auch die meisten Rennen so gelaufen. Doch die Kenianer gehen viel unbeständiger vor. Immer jagen sie sofort los und werden dann plötzlich wieder langsamer, oder sie sprinten vom Start weg in einem irren Tempo davon. Ich liebe es, wenn die Sportreporter im Fernsehen vorhersagen, dass irgendein Kenianer auf der Bahn das Rennen viel zu schnell angehe, nur um dann verwirrt feststellen zu müssen, dass der Läufer plötzlich noch schneller wird.
Ich erinnere mich, wie ich an einem warmen Abend Mitte August 1993 in unserem Wohnzimmer in Northampton den 5000-Meter-Lauf bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Stuttgart am Fernseher verfolge. Meine Mutter kommt immer wieder herein, um mich zu überreden, doch in den Garten zu kommen. Tatsächlich ist es ein wunderbarer Abend, aber ich sitze wie gebannt vor dem Bildschirm. Vor dem Rennen gilt der Olympiasieger aus Marokko, Khalid Skah, als Favorit, aber die Kameras richten sich auch auf einen jungen Äthiopier namens Haile Gebrselassie, der im Jahr zuvor bei der Leichtathletik-Juniorenweltmeisterschaft den 5000- und den 10 000-Meter-Lauf gewonnen hatte. Die Läufer stehen nebeneinander an der Startlinie und blicken direkt in die Kamera. Sie lächeln nervös, als ihre Namen ausgerufen werden, und winken kurz.
Das Rennen beginnt mit fast mörderischer Geschwindigkeit. Ein afrikanischer Athlet nach dem anderen saust an die Spitze, sodass die Führungsgruppe aus einer ganzen Reihe von Afrikanern besteht. Skah, der es schon häufig mit den Kenianern aufgenommen und sie geschlagen hatte, folgt jedem Manöver und hält sich immer direkt hinter dem Führer. Rob Denmark, der einzige britische Läufer, fällt schon bald weit zurück.
Als noch sieben Runden zu laufen sind, findet der BBC-Kommentator Brendan Foster schon das bloße Zuschauen nervenaufreibend. »Das ist ein wahrhaft gnadenloses Rennen«, stöhnt er. Und wie auf dieses Stichwort hin stürmt plötzlich Ismael Kirui, ein junger Kenianer, an die Spitze. Nach einer Runde hat er seinen Vorsprung schon auf 50 Meter ausgedehnt. Foster hält diese Taktik für reinen Selbstmord. »Er ist erst 18 und hat praktisch keine internationale Erfahrung. Ich glaube, jetzt hat er sich einfach zu sehr mitreißen lassen.« Ich sitze wie gebannt und brülle wütend den Fernseher an, als die Übertragung kurz zum Speerwurf hinüberblendet. Als das Rennen wieder auf den Bildschirm kommt, liegt Kirui immer noch an der Spitze. Runde um Runde liefern ihm Skah und eine Gruppe von drei Äthiopiern ein Verfolgungsrennen, können aber den Abstand nicht verringern. Die Kamera zoomt auf Kiruis Augen, die geradeaus starren und in denen der wilde Ausdruck eines gejagten Beutetiers liegt. Und doch scheint er das Lauftempo noch zu erhöhen. »Dieses Rennen ist grausam«, kommentiert Foster.
Als die letzte Runde eingeläutet wird, liegt Kirui immer noch in Führung. Auf der Gegengeraden läuft er wie um sein Leben, aber auch die drei Äthiopier fliegen nur so dahin und verringern allmählich den Abstand. Etwa hundert Meter vor dem Ziel wirft Kirui einen Blick über die Schulter und sieht Gebrselassie, der deutlich aufgeholt hat. Für den Bruchteil einer Sekunde scheint alles stillzustehen. Das ist der Moment, wo es darum geht, ob Kirui triumphiert oder vernichtet wird. Entsetzt richtet er den Blick wieder nach vorn und ringt seinem erschöpften Körper noch mehr Leistung ab – irgendwie zwingt er seine müden Beine auf der Zielgeraden zum Endspurt. Kirui rast eine knappe halbe Sekunde vor Gebrselassie über die Ziellinie. Er hat es geschafft – er hat gewonnen. Erschöpft und ein wenig verwirrt absolviert er seine Ehrenrunde und schwenkt die
kenianische Fahne im Triumph über dem Kopf.
Am selben Abend laufe ich wieder meine Trainingsrunden mit den Leuten vom Sportclub. Ich versuche so wie Kirui zu laufen, starre unbeirrt geradeaus, laufe vom Start an, so schnell ich kann. Es wird zu einem der besten Trainings, die ich jemals gelaufen bin. Wenn man gleich nach dem Start sehr schnell läuft, muss man sich normalerweise ständig Sorgen machen, ob die Kraft später reicht. Die Vorahnung der Schmerzen, die kommen werden, spürt man im ganzen Körper. Und normalerweise bewirkt das, dass man langsamer wird. Deshalb muss man seine Laufstrategie entsprechend planen. Aber an diesem Abend ist mir das völlig egal. Ich will mich von solchen Ängsten befreien und so unbeschwert laufen wie ein Kenianer.
Wie sich bald herausstellt, ist dieser Abend, an dem ich nach Ismael Kiruis Sieg begeistert meine Trainingsrunden laufe, eine der letzten Trainingseinheiten in meinem Verein. Etwas mehr als einen Monat später packe ich mein Hab und Gut in das Auto meiner Eltern und fahre nach Liverpool, um mein Universitätsstudium aufzunehmen. Dort schließe ich mich zwar der Laufsportgruppe des College an, aber im Trubel des ungewohnten Lebens an der Universität trainiere ich nur noch in unregelmäßigen Abständen. Wie den meisten Studenten in meinem Alter eröffnet sich auch mir plötzlich eine neue Welt, in der alles möglich scheint. Laufen gehört nun irgendwie zu einem früheren Leben, auch wenn ich es nie völlig aufgebe.
Wie sehr mein Laufsport verkümmert, wird deutlich, wenn man meine Leistung bei der Britischen Universitätsmeisterschaft im Crosslauf in jenem Jahr betrachtet. Sie fand am Tag nach einem spontanen spätnächtlichen Trip nach Wales mit drei Freunden statt. Ich nehme den frühesten Bus nach Durham, wo die Meisterschaft stattfindet, aber ich bin zu kaum etwas fähig außer schlafen. Es grenzt an ein Wunder, dass ich die Strecke überhaupt durchstehe. Der Tag ist kalt und böig. Ich schnüre meine Spikes und durchlaufe die übliche Aufwärmroutine mit leichtem Joggen und Dehnübungen, aber kaum ist das Rennen angelaufen, als meine Füße auch schon im schweren Matsch versinken und meine Beine kampflos aufgeben. Ich jogge hinterher, völlig unfähig, mich zu größerer Geschwindigkeit anzutreiben, und komme als 280. Läufer ins Ziel. Ciaran Maguire, mein Freund und Rivale aus den alten Zeiten in Northampton, wird Zweiter. Es ist kaum ein paar Jahre her, dass wir fast das ganze Rennen bei der Crosslauf-Meisterschaft der Grafschaft Kopf an Kopf liefen, bis er sich kurz vor dem Ziel noch an mir vorbeischob. Und nun liegen fast 300 andere Läufer zwischen uns! Nach dem Rennen treffe ich mit ihm zusammen. »Du brauchst nur ein Jahr gutes Training, dann bist du wieder da«, sagt er tröstend. Ich nicke, aber tief im Innern weiß ich, dass das kaum möglich sein wird.
Im Lauf der Jahre habe ich viele kennengelernt, denen es ähnlich erging: ehemalige Läufer, die immer wieder mal ihre alten Laufschuhe aus dem Schrank holen und im Park ein paar Runden drehen in der vagen Hoffnung, sich beim Laufen wieder so zu fühlen wie früher. Vielleicht treten wir sogar einem örtlichen Langstrecken- oder gar Marathonclub bei, fest entschlossen, wieder in Form zu kommen. Aber immer kommt etwas dazwischen – das Leben, eine Verletzung, der Mangel an Disziplin –, und schon hören wir auf zu trainieren. Nur ein bisschen Glut glimmt weiter. Wir weigern uns, die alten, halb ausgelatschten Laufschuhe wegzuwerfen. Denn wir wissen, dass wir sie irgendwann einmal wieder brauchen werden, weil der Drang zu laufen eben doch wieder zurückkehren wird.
Doch sobald Kinder im Haus sind, wird es noch schwerer, Zeit fürs Training zu finden. Genauso war es auch bei mir – bis ich eines Tages einen Job als freiberuflicher Laufsport-Reporter beim Magazin Runner’s World ergattern konnte. Obwohl dieser Posten nicht viel Geld einbringt, gibt er mir doch das Gefühl, dass das Laufen nicht mehr nur der bloßen Selbstbestätigung dient oder Kindheitserinnerungen wachhält. Es ist jetzt Teil meiner Arbeit.

Laufbücher, die die Motivation steigern

Laufen ist eine wunderbare Sportart für alle, die in ihrem Leben durchstarten möchten. Die „Gebrauchsanweisung fürs Laufen“ von Jochen Schmidt bietet einen hervorragenden Einstieg. Insbesondere Leser, die gerade erst mit dem Laufen beginnen, profitieren von der Vielzahl der in diesem Buch enthaltenen Praxistipps. Das größte Hindernis für den sportlichen Erfolg beim Jogging ist nicht die körperliche Konstitution, sondern vielmehr der innere Schweinehund, den es zu überwinden gilt.

Auch  „Warum wir laufen“ von Ronald Reng setzt genau an dieser Stelle an. Der Autor sammelt in seinem Buch Aussagen und Geschichten verschiedener Läufer, die gefragt wurden, was sie antreibt. Die Statements dienen als hervorragende Motivation, endlich selbst die Laufschuhe anzuziehen und mit dem Training zu beginnen – ganz gleich, wie das Wetter ist oder welcher Film gerade im Fernsehen läuft.

Blick ins Buch
Gebrauchsanweisung fürs LaufenGebrauchsanweisung fürs Laufen
Vorfuß, Mittelfuß oder Ferse – welche Laufstile gibt es? Wann und wo läuft es sich am besten? Und was sagt die Familie zum Lieblingshobby? Jochen Schmidt, der im Schulsport eigentlich Angst vorm Ausdauertraining hatte, wurde dennoch vor über 25 Jahren zum passionierten Läufer. Heute joggt er im Wald und in Städten, am Strand und im Stadion, in Hochhaustreppenhäusern und auf dem Laufband. In seinem originellen wie ansteckenden Band erzählt er von persönlichen Rekorden und warum Laufen glücklich macht. Vom Kampf um das Idealgewicht ebenso wie von Achillessehnenreizungen und Hundebissen. Er berichtet von seinem Weg zum Marathon, schreibt über das Feilen an der perfekten Ausrüstung und verrät, was man von Karl May über das Joggen lernen kann.
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Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Viermal um die Mülltonnen
Zermorscht in Strumpfhosen
Harry-Sprünge
Der lange Weg zur Schule
Knorpelglatze und Schneiderballen
The Schuh must go on !
Ein Rumäne erfindet den New-York-Marathon
Genusslaufen oder Verdrusslaufen ?
Versuch über den geglückten Lauf
Laufen und Schreiben
Die ewige Wiederkunft des Gleichen
Age Performer
So geht’s
Literatur

Beobachtung täglicher Vorgänge lehrt,
dass möglichste Beherrschung der Fähigkeit,
den eigenen Körper fortzubewegen,
für jeden Menschen von größtem Nutzen ist.

Eugen Seybold,
»Der Lauf als Leibesübung und Wettkampf«, 1911

 

Gehen die Leute auf der Straße

Eigentlich absichtlich so langsam

Wollen sie verhindern

Dass wir vorwärtskommen

Manchmal könnte man meinen

Ihr blödes Schlendern wäre Absicht.

Tocotronic, »Es ist egal, aber«, 1997

Vorwort

Vorworte sind bei Lesern wahrscheinlich so beliebt wie das Aufwärmen beim Freizeitsportler. Der Unterschied ist, dass Vorworte meist gar nicht vor dem Buch geschrieben werden, sondern erst ganz zuletzt, wenn die Arbeit endlich geschafft ist und wenn man sich darüber klar geworden ist, was man im Buch eigentlich sagen wollte. Ich habe ein anstrengendes und aufregendes Jahr hinter mir, in dem sich für mich alles ums Laufen gedreht hat: Lektüren, Reisen, Gespräche, Nachdenken, Schreiben und viele Läufe. (Natürlich stimmt das nicht, ich bin ja leider kein Profi. In Wirklichkeit musste ich in der Zeit jede Menge andere Arbeiten erledigen und gleichzeitig versuchen, für meine Familie da zu sein.) Ich wollte auf eine möglichst persönliche Art beschreiben, wie ich das Laufen erlebe und was mich daran fasziniert; niemand muss diese Sicht der Dinge teilen, aber ich hoffe natürlich, dass sie für andere von Interesse ist, sie zu eigenen Gedanken anregt oder zum Laufen verführt. Laufen und Schreiben sind, das ist mir inzwischen klar, die beiden Beschäftigungen, denen ich am liebsten nachgehe (meine Freundin würde hier vielleicht noch Schlafen hinzufügen), und es war ein naheliegender Gedanke (der mir aber nie gekommen ist), übers Laufen zu schreiben. Ich bin mir sicher, dass dieses Buch nicht frei von Fehlern und Ungenauigkeiten ist, so wie mein Laufstil alles andere als perfekt ist. Beim Laufen gibt es zu fast jeder Frage eine Ansicht, die sich durchgesetzt hat, und eine gegenteilige Ansicht, die sich ebenfalls durchgesetzt hat. Wir wissen nicht einmal genau, warum ein Sieger im Ziel die Arme in die Luft wirft oder welche Ursache Seitenstiche haben (oder irre ich mich?). Ich bitte deshalb alle Läufer, Mediziner und Sporthistoriker um Nachsicht, dieses Buch kann keines ihrer Bücher ersetzen, was aber, so hoffe ich, auch im umgekehrten Sinn gilt.

Viermal um die Mülltonnen

Don’t call it a comeback / I’ve been here for years

LL Cool J, »Mama Said Knock You Out«, 1990

Es ist Januar, und ich laufe wieder, nach einer monatelangen Pause wegen beruflicher und familiärer Überlastung, aber vor allem wegen einer ganzen Serie von Infekten. »Emsige Geistesanstrengung und fortdauernde Leibesruhe können den stärksten Körper allmählich zermorschen«, schreibt der deutsche Pädagoge Johann Christoph Friedrich GutsMuths 1793 in »Gymnastik für die Jugend«. Ich traute mich gar nicht mehr, mich zu wiegen; das war wie bei der Marmelade im Kühlschrank, bei der ich nicht nachzusehen wage, ob sie schon verschimmelt ist, und einfach lange genug warte, um sie dann wegzuwerfen. Es wundert mich nicht, dass Männer während der Schwangerschaft ihrer Frauen zunehmen; es würde mich eher wundern, wenn sie danach wieder abnähmen. Meine Freundin hat mein periodisches Schwarzsehen, dass ich wahrscheinlich nie wieder laufen werde, nur weil es sich schon nach drei Wochen Pause so anfühlt, als sei ich nie laufen gewesen, ziemlich satt. Für meine Neugeburt als Läufer hatte ich ausgerechnet am Silvesterabend Zeit; es war natürlich schon dunkel, deshalb konnte ich nicht in den Park und bin auf die Idee gekommen, einfach durch die Straßen Richtung Stadtzentrum zu laufen, vielleicht käme ich bis zum Brandenburger Tor. Es ist sehr befriedigend, auf diese Weise einen großen Teil der Stadt zu Fuß erreichen zu können, und es fühlt sich trotzdem ein bisschen abenteuerlich an. Meine Knochen schmerzten, und ich kam mir fett vor, obwohl sich Nichtläufer immer provoziert fühlen, wenn ich behaupte, Übergewicht zu haben, ich sei doch schlank. (Ich weiß es besser, ich könnte mit dem Fett, das ich gespeichert habe, zweimal um die Erde laufen!) Schlank war ich nur jeweils am Abend nach einem Marathon. (Björn Borg fühlte sich schon mit 100 Gramm über seinem Kampfgewicht aufgebläht und bei 100 Gramm darunter ausgezehrt.) Wie immer, wenn ich wieder anfange, schmiedete ich sofort große Pläne; ich überlegte, ob ich mich für einen Hochhauslauf in Neukölln anmelden sollte, der Mitte Januar stattfinden wird, 465 Treppenstufen. Oder wenigstens für den Oderturmlauf in Frankfurt (Oder) im Sommer? Ich bin immer gerne Treppen gelaufen, weil die Strecke nicht so lang ist und man seine Oberschenkel förmlich explodieren fühlt, während die Gelenke geschont werden, zumindest auf dem Hinweg. Außerdem ist man in Treppenhäusern vom Wetter unabhängig. Man muss, wenn man länger dort trainiert, nur damit rechnen, anschließend einseitig Muskelkater zu bekommen.

Das ganze Zentrum war voller frierender Touristen, viele davon aus Spanien, schien mir. Vor allem die Älteren absolvieren ihr anstrengendes Tagesprogramm der Bequemlichkeit halber gerne in Laufschuhen mit gedämpften Sohlen. Unter den Linden hat zwar breite Bürgersteige, aber sie reichen trotzdem kaum aus, ich musste ständig ausweichen. Ich stellte wieder fest, wie selten ich nur noch im Zentrum meiner Stadt bin; ich hatte keine Ahnung, wie viel vom Stadtschloss schon steht, oder handelt es sich um eine »temporäre Schlossinstallation«? Ein Riesenrad war auch noch aufgebaut. Die Gegend um das Brandenburger Tor sieht nicht mehr aus wie 1989, als ich hier zu Silvester stand, die Menschen kletterten spontan die Blitzableiter hoch, um sich in die Quadriga zu setzen, es schien niemanden mehr zu geben, der einem etwas verbieten konnte. Wenn ich an so etwas denke, komme ich mir immer vor wie ein Zeitzeuge, den man eigentlich dafür bezahlen müsste, sich an früher zu erinnern. Ich lief auf dem Rückweg noch einen Schlenker die Karl-Marx-Allee hoch bis zum menschenleeren Strausberger Platz; von überall hörte man Detonationen, ein etwas makabres Gefühl in einer Stadt, die einmal fast vollständig zerbombt war. Zurück ging es in den Prenzlauer Berg, ein Bezirk, der nicht umsonst nach einer topografischen Gegebenheit benannt ist, was beim Laufen erfahrbar wird. Ich sah die Stadt an diesem Abend auf eine Weise, die nur beim Laufen möglich ist; wenn ich zu Hause geblieben wäre, wäre dieser Film, den ich jetzt im Kopf hatte, nie gedreht worden. Auf der Prenzlauer Allee Ecke Danziger Straße standen Krankenwagen, ein Motorrad war mit einem Pkw kollidiert, da hatte sich jemand den Jahresausklang sicher anders vorgestellt.

Im Winter trage ich unterwegs einen Halsmuff, den ich mir in einer chinesischen Änderungsschneiderei durch ein Dreiecks-Halstuch habe verlängern lassen, sodass ich den Muff über die Nase ziehen kann und den ganzen Lauf über eine Mischung aus meiner schon benutzten Atemluft und von meinem Körper angewärmten Ausdünstungen einatme, nur um mich nicht schon wieder zu erkälten, was sonst alle paar Wochen passiert. (Der amerikanische Trainerpionier Michael C. Murphy, der den Tiefstart erfunden hat, empfahl in seinem Buch »Athletic Training« 1914 etwas Ähnliches: »Ich würde die Athleten, die bei kaltem Wetter laufen, ausdrücklich warnen, den Kragen ihres Sweaters gut über den Mund zu ziehen, um ihre Lungen vor der kalten Luft, die sie einatmen, zu schützen.«)

Man ist natürlich auch viel langsamer, wenn man nach dem Zwiebelprinzip drei und mehr Schichten Kleidung übereinander trägt, und hinterher stellt sich die Frage, welche dieser Schichten man waschen muss. Jedes Mal alle drei? Dann müsste ich praktisch jeden Tag die Wäsche machen. Reicht es bei den äußeren beiden Schichten nicht, sie auszulüften? Aber wo? Meine Freundin behauptet, meine Laufkleidung würde so stinken, dass ihr schlecht wird, wenn sie das Bad betritt, wo ich sie trocknen lasse (aber auch noch, nachdem sie – natürlich separat und mit Hygienespüler Wäschedesinfektion – gewaschen wurde, so verschmutzte Textilien könnten nie wieder ganz sauber sein). Manfred Steffny schreibt zwar: »So gilt es auch unter Läufern als große, freundschaftliche Geste, das verschwitzte Trikot mit einem Mitläufer zu tauschen und überzustreifen«, aber meiner Freundin würde solch eine freundschaftliche Geste nicht in den Sinn kommen. (Immerhin wasche ich mich und schabe mir nicht nur den Schweiß mit einem Strigilis von der Haut, wie es die griechischen Athleten getan haben.) Wenn ich ihr erkläre, dass es einen entscheidenden Evolutionsvorteil dargestellt hat, dass wir Menschen schwitzen können (weil wir kein Fell mehr haben) und dass wir nur deshalb in der Lage waren (und sind), Antilopen zu Tode zu hetzen (wenn wir das auch selten tun), rümpft sie nur die Nase; ihr wäre es wahrscheinlich sogar lieber, ich hätte ein Fell und würde dafür nicht schwitzen. Es ist eine technologische Meisterleistung unseres Körpers, Wärme abgeben zu können, selbst wenn die Außentemperatur über der Körpertemperatur liegt. (Außerdem hält mein Gestank Fressfeinde fern, das ist viel praktischer, als wegrennen zu müssen.)

Laufen als freiwillige Beschäftigung hat mich als Jugendlichen noch nicht interessiert; ich kann mich nicht erinnern, je Jogger in den Straßen unseres Ostberliner Plattenbauviertels gesehen zu haben, es gab noch keine attraktive Laufmode, man lief in hässlichen Trainingsanzügen oder mit Turnhose über einer langen Unterhose durch den Wald oder betrieb »Dauerlauf« im Stadion auf einer Aschenbahn (der Begriff sagt alles über ihre Anziehungskraft auf einen Jugendlichen). Unsere Schulstrecke führte um das Schulgebäude, durch die Fenster schauten einem die anderen Klassen zu und amüsierten sich schadenfroh. Im Osten hieß es »Eile mit Meile!« (man sollte möglichst oft die »Festivalmeile« von 1973 Metern laufen, zu Ehren der X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten, die in Berlin im Jahr 1973 stattfanden), und im Westen quälte man sich auf »Trimm-dich-Pfaden«, um die Krankenkassen zu entlasten. Wie anders sah das in amerikanischen Filmen aus, vor allem wenn sie in New York spielten, da gab es oft Dialoge beim Joggen im Central Park, wobei die Akteure bedruckte Sweatshirts trugen, die mir schon für den Alltag zu schade gewesen wären. In Amerika joggte sogar der Präsident (Erich Honecker machte höchstens Übungen am Barren vor). War Jimmy Carter der Erste, der damit begonnen hat? Die Tradition ist jedenfalls nie abgerissen: Bill Clinton, George Bush (senior und junior) und Barack Obama sind öffentlich gejoggt. Nur Donald Trump, vielleicht weil er ein erklärter Gegner alles Urbanen ist – und Joggen ist im Wesen urbaner Lebensstil –, hält sich hier eher zurück. Joggende Politiker folgen dem Vorbild antiker Leader, nicht nur Achill, Herakles und Odysseus galten als gute Läufer, sondern auch Alexander der Große. Wobei Plutarch über diesen schreibt: »Aber zu den Leuten seiner Umgebung, die die Frage an ihn richteten, ob er wohl Lust habe, in Olympia im Stadionlauf wettzukämpfen – denn er war schnellfüßig –, sagte er: ›Ja, wenn ich Könige als Gegner hätte.‹«

Aus dem Jahr 1979, also genau aus der Zeit, als Joggen als Massenphänomen weltweit populär wurde, stammt »The Jericho Mile«, ein Fernsehfilm mit Kinoqualität von Michael Mann. In der deutschen Version bemühen sich die Sprecher um eine abenteuerlich unglaubwürdige Harte-Jungs-Diktion, ein Verrat an der schneidig-kehligen Stimme des Hauptdarstellers Peter Strauss und am coolen Ebonics-Sound der schwarzen Insassen. Der Film lief in meiner Kindheit jahrelang in DDR-Kinos, damals hielten sich Filme ja viel länger im Programm; ich habe, wenn ich hundertmal das Kinoprogramm in der Zeitung studierte, aber nie Lust bekommen, ihn zu sehen, nur der biblisch anmutende Titel hat sich mir eingeprägt. Es ist schade, dass ich »The Jericho Mile« damals verpasst habe, vielleicht hätte der Film mich inspiriert, früher mit dem Laufen zu beginnen, dann hätte ich weniger Angst vor den 3000-Meter-Leistungskontrollen haben müssen, eine Strecke, die uns damals mörderisch vorkam (und die man heute zum Aufwärmen läuft). Aber Ausdauer war keine Superheldeneigenschaft, man wollte Superman sein oder Batman, nicht »Ausdauerman«.

Larry Murphy – Namensvetter von Samuel Becketts Murphy, einem meiner Lieblingsromanhelden, der seine schönsten Stunden in einem Schaukelstuhl verbringt – kommt aus der weißen Unterschicht und hat seinen Vater erschossen, weil dieser sich an Murphys Stiefschwester vergangen hat. Dafür sitzt er lebenslänglich in Folsom Prison, dem von Johnny Cash besungenen Gefängnis, wo der Film auch gedreht wurde (die Statisten wirken entsprechend echt): »This picture was filmed among the convict population and within the walls of Folsom State Penitentiary.« Die meiste Zeit sitzt Murphy aber gar nicht, sondern er läuft, denn er trainiert täglich auf dem Gefängnishof, wo, wie man das aus Gefängnisfilmen kennt, viel Sport getrieben wird: Hantelnstemmen, Baseball, Basketball, Boxen und … Schach! (Wobei sexistische Drohungen an die Dame des Gegners ausgesprochen werden.) Alles Sportarten, die einem Respekt verschaffen beziehungsweise den Körper für den Überlebenskampf, der vor allem auf Abschreckung beruht, fit machen; laufen tun hier nur Murphy und sein schwarzer Freund Stiles aus der Nachbarzelle, der Einzige, mit dem er überhaupt Kontakt pflegt, denn er zieht, wie viele Läufer, die Einsamkeit vor. Stiles träumt von einem außerplanmäßigen Besuch seiner Frau und lässt sich, um den zu organisieren, auf einen Deal mit »Dr. D« ein, einem der Bosse im Gefängnis, noch dazu einem Weißen, was nur Ärger bringen kann. Murphy stellt ihn zur Rede, und Stiles wirft Murphy vor, dass er keine menschlichen Bedürfnisse habe und ein Lauf-Junkie sei: »Du brauchst doch niemanden. Du rennst, bis du nicht mehr stehen kannst, dann bist du benebelt, wie irgendein Klebstoffschnüffler und vielleicht sogar müde genug zum Schlafen, bis zum nächsten Tag, wenn alles von vorne beginnt … Du bist wirklich ein Glückspilz.« (Die Abwertung des Laufens zur Droge war damals in den Medien ein verbreiteter Reflex auf den überraschend erfolgreichen neuen Trend. Die Existenz von Endorphinen, körpereigenen Opiaten, wurde Mitte der Siebziger nachgewiesen. Seitdem hält sich bei vielen das Vorurteil, Läufer quälten sich aus Sucht nach diesen Stoffen. Wissenschaftlich ist die Wirkung von Endorphinen umstritten, vom Reiz des Laufens erklärt sie nichts.) Murphy ist in Wirklichkeit ein Unglücksrabe, weil er sich schuldig fühlt, aber überzeugt davon ist, dass er trotzdem wieder so handeln würde. Er ist ein Opfer seines Milieus, ohne die nötige emotionale Abgestumpftheit zu besitzen, mit der er darin klarkommen könnte. Murphy hält sich aus allem raus, er spricht mit niemandem, er geht nicht arbeiten, sieht nicht fern, kauft nichts, empfängt keine Besuche, sitzt beim Essen immer alleine. Er läuft nur täglich, solange der Hofgang dauert, 80 bis 90 Meilen die Woche, wie er schätzt, dabei um 10 Uhr und um 15.30 Uhr jeweils eine »schnelle Meile«. Das Laufen schenkt ihm für Momente so etwas wie Freiheit. Nachts zieht er die Wasserleitung seines Zellen-Waschbeckens aus der Wand und benutzt sie als Klimmzugstange (Krafttraining, viele Läufer vernachlässigen das). Kein Wunder, dass sich der Anstaltspsychologe für Murphy interessiert: »Alles, was du hier tust, ist laufen, warum? Fühlst du dich gut davon?«

»Yeah.«

Murphy will niemandem etwas beweisen und nichts erreichen, er will nur laufen und seine Ruhe haben. Sollte ich spontan beschreiben, worum es mir beim Laufen geht, würde ich nichts anderes antworten. Laufen gegen die Welt, manchmal fühlt sich das richtig an.

Als der Gefängnisleitung zu Ohren kommt, wie beses-sen Murphy läuft, stoppt man seine Zeit und stellt fest, dass er die Meile unter 4 Minuten schafft und damit ein Kandidat für das amerikanische Olympiateam sein könnte. Die 4-Minuten-Meile war bis in die Fünfziger ein leichtathletischer Mythos und eine kollektive Obsession, wie einst die 10 000 Meter unter 30 Minuten, die 100 Meter unter 10 Sekunden und heute der Marathon unter 2 Stunden. Erst 1954 ist der Brite Roger Bannister in Oxford unter 4 Minuten geblieben (um Gewicht zu sparen, schliff er die Spikes seiner Schuhe dünner. Für seinen Rekord wurde er geadelt).

Der Anstaltsleiter hat den Ehrgeiz, Murphy an einem Ausscheidungslauf für die Olympischen Spiele in Moskau teilnehmen zu lassen. Zunächst tritt Murphy im Gefängnis gegen ein paar Athleten der Sacramento University an. Es kommt zu einer klassischen Konfrontation zwischen Collegeläufern, also finanziell abgesicherten und aus Sicht eines Gefängnisinsassen natürlich verweichlichten Athleten, die bestens ausgerüstet sind (Murphy wirft einen Blick auf ihre neuen Adidas-Schuhe, er selbst hat nur Basketballschuhe), und dem Genie von der Straße, dessen Antrieb seine Dämonen sind. Er registriert ihre Irritation, als er ihnen die Strecke erklärt: Viermal um die Mülltonnen sind eine Meile. Natürlich können die Halbprofis mit der Willenskraft und der Leidensfähigkeit eines Gefängnisinsassen nicht mithalten, der, um die Härte des Lebens zu ertragen, härter zu sich ist als das Leben. Der Mythos des »Straßenfußballers«, gewachsen auf Beton.

Der beeindruckte Trainer der Athleten fragt Murphy anschließend: »Wie trainierst du?«

»Gar nicht. Ich laufe einfach.«

Ein auf Leidenschaft, Improvisation und Bodenständigkeit basierendes »natürliches Training« wird in keiner Filmszene so plakativ gefeiert wie in der Trainingssequenz aus »Rocky IV«, wo wir sehen, wie sich Rocky – der hier mit seiner Naturverbundenheit der eigentliche »Russe« ist und sich sogar einen Bart wachsen lässt – mit Holzhacken, Steinestapeln, Schlittenziehen und Joggen durch tiefen Schnee auf den Kampf gegen Ivan Drago vorbereitet, während der Körper seines russischen Kontrahenten mit Elektroden versehen und über Monitore kontrolliert wird, weil er nach streng wissenschaftlichen Methoden mithilfe von Trainingsmaschinen unter Laborbedingungen zu einem Kampfroboter hochgezüchtet wird, dem aber natürlich am Ende die Leidenschaft fehlen wird, Rocky zu besiegen. Ein damals schon ziemlich romantisch wirkender Triumph des Menschen über die Maschine, bei dem die Amerikaner seltsamerweise für die menschliche Seite stehen und die Russen für seelenlose Technik.

Vom Style her, Schnurrbart, halblange Haare, und von der Art, wie er läuft, kein Taktieren, immer angreifen und alles geben, erinnert Murphy an Steve Prefontaine, den legendären amerikanischen Mittelstreckler, der bei Olympia 1972 in München den Finnen Lasse Virén herausgefordert hat und, weil er wie immer auf Sieg lief und in der letzten Runde entsprechend aggressiv attackierte, am Ende nur Vierter geworden ist, obwohl Bronze drin gewesen wäre. Prefontaine, der als außergewöhnlich charismatisch beschrieben wird, war damals populär wie ein Rockstar; er starb 1975, bezeichnenderweise bei einem Autounfall, »before the limits of his greatness could be defined«, wie es formuliert wurde. Auch sein »Märtyrertod« hat zur Popularität des Laufsports in Amerika beigetragen.

Die Olympiakommission setzt eine Befragung an, um zu klären, ob Murphy für die Sponsoren akzeptabel ist (denn sie sei leider nicht staatlich gefördert); er soll die Tat, wegen der er einsitzt, pro forma bereuen. Das kann er nicht, er würde sie ja wieder begehen, und sagt das auch deutlich. Damit ist er raus und wird nicht zu den Olympischen Spielen fahren dürfen (die er, wie wir wissen, wegen des Boykotts der USA natürlich so oder so verpasst hätte). Wahrscheinlich hatte man nie vor, ihn zu nominieren, man hat ihm nur falsche Hoffnungen gemacht und ihn damit geschwächt, denn er kann nur überleben, wenn er nichts mehr für sich hofft. Als später über Lautsprecher die Zeit des Kandidaten, der das Rennen gemacht hat, durchgegeben wird, nimmt sich Murphy die Stoppuhr, die ihm sein Trainer geschenkt hat, und versucht unter den Anfeuerungsrufen der Gefangenen und zu einer Instrumentalversion von »Sympathy for the Devil« die Zeit zu schlagen, was ihm auch gelingt. Anschließend zerschmettert er die Uhr an der Gefängnismauer, die Schinderei ist vorbei, die Herrschaft der Zeit und damit fremder Werte, jetzt läuft er wieder für sich. (Schon während der Juli-Revolution von 1830 wurde, wie Walter Benjamin in »Über den Begriff der Geschichte« schreibt, von Aufständischen in Paris an mehreren Stellen auf Turmuhren geschossen, Symbolen von Unterdrückung und Zwang in der aufkommenden Industrialisierung.)

Es geht Murphy natürlich gar nicht um Bestzeiten, es geht darum »zu schweben«. Einer der Gründe, warum Joggen damals so populär wurde, war ja das Versprechen auf eine körperliche Neugeburt und eine seelische Wandlung; wer joggt, wird ein anderer Mensch und wird auch in anderen Bereichen Erfolg haben. 1977 war »The Complete Book of Running« erschienen (1983 auch auf Deutsch), ein Buch, das ebenfalls maßgeblich zum Laufboom in Amerika und damit auch in der Welt beigetragen hat. Der Autor James Fixx beschreibt darin, wie er mit 36 Jahren zu laufen begann und dadurch fast 30 Kilo abgenommen, dem Alkohol abgeschworen und sich das Kettenrauchen abgewöhnt hat. (Er starb schon mit 52 Jahren beim Laufen an einem Herzinfarkt, allerdings litt er an einer genetischen Disposition.) Es gibt Laufbücher, deren Autoren mit noch größerem Übergewicht einsteigen, auch mit so etwas kann man sich übertrumpfen. Im Gegensatz zu vielen anderen Heilsversprechen funktioniert das Laufen. Es gibt niemanden, der es je bereut hätte, damit begonnen zu haben. Auf paradoxe Art kann sogar das Bekenntnis, früher zu verbissen trainiert und seiner Jagd nach persönlichen Bestleistungen alles untergeordnet zu haben und dadurch ausgebrannt zu sein, die Radikalität einer Wandlung durch das richtige Laufen illustrieren. Laufen heilt sogar vom Laufen.

Murphy ist ein extremes Beispiel für die magische Wirkung des Laufens: Wenn man läuft, braucht man die Welt nicht mehr; man braucht weder Wald noch Strand, ein Gefängnishof reicht. Man braucht keine spezielle Laufkleidung, keine Trainingspläne, keine Pulsuhr, keine Laufgruppe, keine Musik, keine Energieriegel, kein schönes Wetter; die Umstände können noch so widrig sein, das Laufen ist stärker. Murphy demonstriert, wozu ein von der Gesellschaft Ausgestoßener fähig ist (Gefangene sind ein Produkt der Gesellschaft, auch wenn sie sie wegschließt), und er flößt seinen Mitgefangenen so viel Respekt ein, dass vor dem entscheidenden Lauf einer nach dem anderen im Essensaal an seinen Tisch tritt und ihm etwas von seiner Ration hinstellt (»Fruit is good for you, man, eat plenty of fruit!«). Eine in diesem hoch aggressiven Milieu bis dahin undenkbare Geste der Solidarität.

Zermorscht in Strumpfhosen

Je schwächer der Körper ist, desto gebieterischer tritt er auf.

Jean-Jacques Rousseau, »Émile oder Über die Erziehung«, 1762

Ich unternehme eine kleine Lesetour, heute bin ich in Hannover, diesem Denkmal des gescheiterten Konzepts der »autogerechten Stadt«, und muss die Zeit bis zur Veranstaltung totschlagen. Die Innenstadt scheint ein einziges Kaufhaus zu sein. Ich habe es leider nie gelernt, ordnungsgemäß zu konsumieren, denn weil es sowieso überall alles gibt, fehlt mir die Lust, etwas davon zu kaufen, außerdem bereitet mir der Umgang mit Verkäufern Stress. Um mich etwas aufzuwärmen, es ist empfindlich kalt, betrete ich einen Laufladen, obwohl mich die durchtrainierten Schaufensterpuppen einschüchtern. Ich will mich unauffällig umsehen, aber sofort spricht mich ein Verkäufer an, der noch dazu sportlich aussieht, was mich unter Druck setzt, weil er, wenn ich die falschen Fragen stelle, denken könnte, dass ich ein Anfänger bin. Ich hasse es, beraten zu werden; haben die Verkäufer mehr Ahnung vom Sport als ich, dann verunsichert mich das, und ich kann nicht richtig hinhören, und wenn nicht, dann ärgere ich mich, dass sie denken, bei mir mit der Nummer durchzukommen. Ich könnte neue Long Tights gebrauchen, finde aber kein Modell, das mir gefällt. Es ist wie bei allen Kleidungsstücken: Wenn es ein Modell gibt, das mir zusagt, wird seine Produktion im nächsten Jahr eingestellt. Long Tights, die mir gefallen, müssten Reißverschlüsse an den Beinen haben, damit ich sie bequem ausziehen kann, sie bräuchten mindestens eine praktische Tasche und sollten kein auffälliges Muster haben, man sieht sonst schnell aus wie der Bezug eines Berliner U-Bahn-Sitzes. Ich bin froh, dass ich heutzutage so ein nützliches Kleidungsstück als Mann beim Laufen überhaupt tragen darf. Franz Stampfl, der aus Wien stammende Trainer von Roger Bannister, schrieb in seinem 1955 erschienenen Buch »Franz Stampfl on Running«: »A better alternative for cold weather training is a pair of full-length ballet-dancer’s tights.«

Nachdem der Verkäufer mir alle anderen Balletttänzerstrumpfhosen für Männer gezeigt hat, nehme ich schließlich widerstrebend ein Modell mit einem Achtziger-Jahre-Muster, das inzwischen anscheinend wieder modern ist. Ich weiß, dass Peter Handke in vielen seiner Bücher bunt angezogene Jogger, die ihn im Wald beim Skizzieren von Laub und Wurzelwerk störten, beschimpft hat. Ihm dürfte ich mit dieser Hose nicht über den Weg laufen. Andererseits haben die grellen Farben der heutigen Laufmode eine lange Tradition. Über die »Running Footmen«, Läufer, die englische Adlige noch bis ins 18. Jahrhundert im Dienst hatten und deren Aufgabe es war, durch lautes Rufen und Austeilen von Schlägen der Kutsche, vor der sie herrannten, den Weg zu bahnen, schreibt Guillaume Depping 1869 in »Die Körperkraft und Geschicklichkeit des Menschen«: »Sie schmückten sich gern mit Tand und Flittern, mit Besatz und Stickereien, mit Spitzen, goldenen und silbernen Franzen, Schellen und silberklingenden Glöckchen. Ihre Kleidung entsprach ihrem Beruf. Der Lauf erinnert an Leichtigkeit und Anmuth; man denkt dabei an Sylphen oder Schmetterlinge, jene flatternden Blumen, die mitten unter Blumen leben. Daher war es natürlich, dass der Läufer auch in seinem Äußeren lebhaft und kokett erschien.« Der bunte Stoff ist zudem, erfahre ich von meinem Verkäufer, an den Oberschenkeln verengt, was gut für die Durchblutung sei. Also sind es in Wirklichkeit Balletttänzerstützstrümpfe? Mich interessiert vor allem, ob endlich ein Mechanismus erfunden wurde, der verhindert, dass die Schnur am Bauch durch die Öffnung rutscht. Weil ich nicht will, dass es so aussieht, als hätte ich die Long Tights nur aus Verlegenheit gekauft, erkundige ich mich auch noch nach einer Mütze (meine hässliche graue Mütze von Tchibo, die ich zum Laufen benutze, habe ich in den letzten Jahren bei unzähligen Männern gesehen, sie ist einer der unbekanntesten textilen Kassenschlager der Gegenwart). Sie haben nur eine Beanie von Under Armour, was mir als Markenname eigentlich zu militaristisch klingt, außerdem sehe ich damit aus wie DJ Ötzi. Sie scheint mir auch oben etwas dünn. »Da hat man normalerweise Haare«, sagt der Verkäufer. Um das Geld tut es mir schon beim Bezahlen leid. Ich gebe immer zögernder Geld aus, die Scheine beim Spazieren in der Tasche zu befühlen macht mir in meinem Alter mehr Freude. (Obwohl der Verkäufer einen wichtigen Punkt angesprochen hat: Unsere Vorfahren, die von den Bäumen gestiegen sind, verzichteten zugunsten von Schweißdrüsen auf Fell. Dafür waren sie der Sonne ausgesetzt, aber durch das aufrechte Gehen weniger als Vierbeiner. Kopf und Schultern blieben aber behaart, was heutzutage nur noch beim Kopf als Idealzustand gilt. Ironischerweise gewinnt man an Schulter- und Rückenhaaren dazu, was man an Kopfhaaren verliert.)

Nach der Lesung gehe ich mit dem Moderator essen, und wir kommen aufs Laufen zu sprechen, weil ich ihn für morgen nach einer guten Strecke frage. Er reagiert gereizt, er hält Laufen für ein Symptom des neoliberalen Selbstoptimierungswahns. Die nächste Stufe würde sein, dass Arbeitgeber ihre Angestellten zum Fitnesstraining zwingen, wenn sie nicht entlassen werden wollen. Er sieht im Schlendern und Flanieren, wie die Dandys es betrieben – die im 19. Jahrhundert, demonstrativ Schildkröten an der Leine ausführten, um zu zeigen, dass sie sich nicht dem kapitalistischen Zeitdiktat unterordneten –, einen Akt des Widerstands. Flanieren sei heute aber nur noch im Rahmen von Fitnesstraining gesellschaftlich akzeptabel. Man müsse laufen, um klarzumachen, dass man sogar seine Freizeit sinnvoll nutze. Ich hatte gar nicht geahnt, dass es noch Menschen gibt, die sich von den vernünftigen Argumenten, die für das Laufen sprechen, nicht überzeugen lassen. Ich beobachte wieder das uralte Vorurteil vieler Geistesarbeiter gegen den Sport. Wie GutsMuths schreibt: »Leider nur zu wahr, dass viele Gelehrte sich keine gründliche Gelehrsamkeit denken können, wenn sie nicht auf den Ruin des Körpers gebaut ist.«

Ich habe gar nicht so wenige Kollegen, die Läufer sind. Es sind sogar so viele, dass es verwundert, wie wenig Literatur es gibt, die Laufen zum Thema hat. Was es in großer Fülle gibt, sind Ratgeber und Erfahrungsberichte von Orthopäden, Ex-Profis oder ehemaligen Suchtkranken, die von Reisen an körperliche Grenzen erzählen, vor denen wir uns fürchten, auf die wir aber neugierig sind. Vielleicht erhofft man sich als Leser auch Tipps aus der Praxis. Es ist eine Art Abenteuerliteratur, wobei die Wildnis, in die der Held aufbricht, sein Körper und seine Psyche sind.

Eine der wichtigsten literarischen Innovationen des 20. Jahrhunderts ist der »Stream of Consciousness«, den James Joyce 1922 in seinem berühmten und wenig gelesenen Roman »Ulysses« als formales Mittel eingesetzt hat. Und die Tätigkeit, bei der man, außer in der psychoanalytischen Therapie, solch einen Bewusstseinsstrom am sichersten erlebt, ist das Laufen, das im Geist eine als Fülle erlebte Leere erzeugt. Ich höre beim Laufen schon lange keine Musik mehr, weil mich das davon ablenkt, an nichts zu denken (elende Zeiten, als an meinem Trinkgurt ein CD-Player schlackerte; später kaufte ich einen angeblich schockresistenten MD-Player, der von Anfang an sprang). Seltsamerweise wird man als Läufer immer wieder gefragt, woran man denn unterwegs denke; einem Autofahrer, der 8 Stunden auf der Autobahn verbracht hat, stellt man diese Frage nicht. Wenn es mir schon nicht gelingt, an nichts zu denken, dann möchte ich wenigstens mit meinen Gedanken ziellos wandern. (Bei Tempoläufen muss ich mich darauf konzentrieren, Zwischenzeiten zu vergleichen und hochzurechnen und nicht zu träumen und dabei langsamer zu werden.) Einen gelungenen Lauf zu beschreiben ist genauso schwer, wie eine Reise zu schildern; der intensive Zustand, in den einen das Erlebnis versetzt, entgleitet einem hinterher wie ein Traum. Beim Laufen wird man zum nicht teilnehmenden Beobachter der Realität, wie ein Flaneur, man läuft an allem nur vorbei: Großbrände, Demonstrationen, Unfälle. Im Kopf bildet sich eine Schnittsequenz von Orten einer Stadt, die besonders reizvoll ist, wenn die Orte möglichst gegensätzlich sind: volle und menschenleere Plätze, Brachen, Beton, Hügel, Parks, Müllplätze, Unterführungen, Flussufer, Schulhöfe, Einkaufspassagen, Friedhöfe, Denkmäler, Ausfallstraßen, Treppen. So, wie man die Stadt gesehen hat, gibt es sie nur einmal, genau in dieser Stunde, und nur im eigenen Bewusstsein wurde ein Zusammenhang zwischen den verschiedenen Orten hergestellt. Während man sich bewegt und auf den Untergrund achtet, um nicht zu stolpern, wandert man parallel dazu im Kopf frei assoziierend durch sein Leben, von der Vergangenheit in die Zukunft und zurück, und dabei horcht man ständig in seinen Körper hinein, um das Tempo zu regulieren und auch ohne Pulsfrequenzmessgerät und deprimierende Berechnungen (Trainingsherzfrequenz = Ruheherzfrequenz + (maximale Herzfrequenz [220 – Alter] – Ruheherzfrequenz) * 0,6 … what the fuck?) unter der aerob-anaeroben Schwelle zu bleiben, um ökonomischer zu laufen, um normale Schmerzen von sich anbahnenden Verletzungen zu unterscheiden, um einzuschätzen, wie man in Form ist – besser oder schlechter als vor 1, 10 oder 20 Jahren –, um den Zeitpunkt nicht zu verpassen, wenn man den Rückweg antreten sollte.

Weil ich an nichts denke, fallen mir manchmal Sachen ein, die ich mir merken will. Tatsächlich hatte ich jahrelang – vor allem als ich noch mit einem Trinkgürtel gelaufen bin, der eine Reißverschlusstasche hatte – eine Karteikarte und einen bei IKEA geklauten Minibleistift dabei, um mir Einfälle notieren zu können. Oft genug war die Karteikarte nach dem Lauf vom Schweiß aufgeweicht und nichts mehr zu lesen, oder ich konnte meine Schrift nicht entziffern, oder die Einfälle klangen nach dem Duschen banal. Irgendwann war der Reißverschluss des Trinkgürtels so verrostet, dass er nicht mehr auf- und zuging, dann ließ ich den Trinkgürtel zu Hause, weil Trinken nur durstig macht. Bis zu drei Gedanken kann ich mir problemlos merken, ein interessantes Graffiti (»ICH VERSTEHE DAS WIE, ABER NICHT DAS WARUM«), einen Gesprächsfetzen, den ich mitgehört habe, eine schlagfertige Bemerkung (die mir zu spät eingefallen ist) an die Adresse eines Autofahrers, der mir den Weg abgeschnitten und gehupt hat. Wenn mir mehr Gedanken kommen – und manchmal fallen sie, sobald ich sie nicht aufschreiben kann, über mich her wie eine Meute hungriger Wölfe –, dann spreche ich sie wie bei »Ich packe meinen Koffer und nehme mit …« für den Rest des Laufs im Geist ständig vor mich hin. (Die Inka hatten – vielleicht auch, weil sie keine Pferde kannten – ein komplexes Botensystem. Wenn ein Läufer den nächsten Stützpunkt erreichte, lief er noch eine Weile neben dem neuen Läufer her, bis dieser sich die Botschaft eingeprägt hatte. Wer die Botschaft nicht richtig übermittelte, wurde getötet.)

Es wundert mich nicht, dass der größte Klassiker der Laufliteratur, Alan Sillitoes »Die Einsamkeit des Langstreckenläufers«, erzähltechnisch ein innerer Monolog ist. (Um den Handke-Titel kann man den Autor nur beneiden, er trifft den Punkt, Langstreckenlauf ist eine Art heroische, trotzige, selbst gewählte Einsamkeit, ganz ähnlich dem Langstreckenschreiben.) Als ich das Buch mit Anfang zwanzig zum ersten Mal gelesen habe, reizte mich der formale Kniff, dass ein Lauf als Rahmen für eine Erzählung gewählt worden war. Damals fand ich aber, dass es im Buch zu wenig ums Laufen ging, in Wirklichkeit ist es ja eine sozialkritische Wutrede. Sillitoe war der seltene Fall eines integren, mutigen und uneitlen Schriftstellers, genau wie der Held seiner Erzählung verzichtete er auf Preise, während sein Kollege Pindar im 5. Jahrhundert v. Chr. seine Oden an die Sieger der Olympischen Spiele am liebsten über Wagenlenker schrieb, die reicher waren als Läufer oder Werfer. Sillitoe hatte vier Geschwister, sein Vater war Analphabet und Trinker, die Mutter prostituierte sich, damit die Kinder etwas zu essen hatten. Weil die Familie arm war, musste Sillitoe die Schule mit vierzehn verlassen und arbeiten gehen. Im Zweiten Weltkrieg fälschte er seinen Ausweis, um sich jünger zu machen und Pilot werden zu können; der Krieg war aber zu schnell zu Ende. Nach seiner Entlassung verbrachte er fast eineinhalb Jahre in einer Lungenheilanstalt, weil er an TBC erkrankt war; er gehört also mit Tschechow, Kafka, Bernhard, Proust, Roland Barthes und Siegfried Pitschmann in die lange Reihe lungenkranker Schriftsteller. Im Sanatorium begann Sillitoe zu lesen und beschloss, selbst zu schreiben. In den Sechzigern versuchte die Sowjetunion, ihn als Stimme der unterdrückten Arbeiterklasse zu vereinnahmen; er reiste mehrmals durch Russland und hielt 1968 auf einem Schriftstellerkongress in Moskau eine Rede, in der er in Anwesenheit von Leonid Breschnew Menschenrechtsverletzungen in der Sowjetunion anprangerte, wozu einiges an Mut gehörte.

»The Loneliness of the Long-Distance Runner« ist 1959 erschienen, der Text wurde 1962 verfilmt und 1967 ins Deutsche übersetzt. (Übersetzungen altern schneller als ihre Originale, Polizei heißt hier noch »Polente«, Geld »Zunder«, Ohren »Flatterlappen« und Telefonieren »sich an die Strippe hängen«. Man lernt aber auch, was ein »Bäckerdutzend« und ein »Halbnelson« ist.) In »The Jericho Mile« war der Läufer ein Häftling und Einzelgänger, dem das Laufen Momente von Würde, Freiheit und Vergessen geschenkt hat, hier ist es der siebzehnjährige Colin (mit dem sympathischen Nachnamen »Smith«), der nach einem Einbruch in einer Bäckerei in ein Borstal gesteckt worden ist, in Großbritannien eine Art Besserungsanstalt für Jugendliche, die dem Zweck dienen sollte, die Jugendlichen durch Disziplin und Arbeit zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen, aber – wenig überraschend – eher eine Brutstätte für Psychopathen war. Wie in »The Jericho Mile« kommt der Anstaltschef auf die Idee, seinen Schützling in einem Wettkampf antreten zu lassen.

In England gab es im 19. Jahrhundert schon eine einhundertjährige Tradition des Cross-Country-Laufs, die vor allem an den Internaten gepflegt wurde, als man in Deutschland noch den »Barrenstreit« um die Frage führte, ob man im Unterricht für Leibeserziehung dem Vorbild der gesundheitsorientierten »schwedischen Gymnastik« folgen oder sich an das Deutsche Turnen nach Friedrich Ludwig Jahn halten sollte, das eher darauf abzielte, Gesinnung und Charakter zu fördern. Leider hat die Turnfraktion gesiegt, was Generationen von Schülern dem Sport entfremdet haben dürfte, weil Sport beziehungsweise »Turnen« als Vorbereitung auf den Militärdienst verstanden und auch so praktiziert wurde, statt Freude an der Bewegung Drill, rhythmisches Zählen, Demütigungen durch Lehrer und Mitschüler.

Ein auch international viel beachteter Pionier des Unterrichts in Leibesübungen war der deutsche Pädagoge Johann Christoph Friedrich GutsMuths, der ab 1784 für fünfzig Jahre Lehrer an einer Reformschule im thüringischen Schnepfenthal war und dort einen neuen Gymnastikunterricht entwickelte und lehrte. 1793 erschien sein Buch »Gymnastik für die Jugend«, in dem er, sich auf ärztliche Erkenntnisse seiner Zeit stützend, den Versuch unternimmt, eine Leibeserziehung für die Kinder des Bürgertums zu entwickeln, die sie vor der »Verweichlichung« und »Verzärtelung« bewahren sollte, dem Schicksal der Säuglinge und Kinder der besseren Stände, denn diese würden durch Warmhalten, Einhüllen, Purgieren, Schwitzen, Aderlassen, Vermeidung der bösen Witterung, Stubenhüten krank gemacht: »So sinkt der junge Weltbürger vom Mutterleibe in warme Bäder, in Federbetten. Man behandelt ihn wie einen Todkranken.« Als Gegenmittel sieht er die Gymnastik, die es erlaube, sich der physischen Vollkommenheit des Naturmenschen anzunähern »ohne in seine Wildheit zu verfallen«. Er predigt den »balsamischen Einfluß der Luft«, keine engen Kleider, keine Federbetten, keine Kopfbedeckung, keine warmen Getränke, Brustlätze, wollene Strümpfe, doppelte Hemden, kein »Eiderdunenbett«, sondern spielerische Bewegung, möglichst im Freien. Körperanstrengung verschaffe »dem Blute lustigen Umlauf«. Die von ihm beschriebenen Übungen sind teilweise dem antiken Repertoire entlehnt, er lässt aber auch auf Stelzen gehen, Schlittschuh fahren, den »gesellschaftlichen Sprung« (also den Bocksprung) praktizieren, den »Sprung in die Tiefe« üben, alles spielerisch und in möglichst ungezwungener Atmosphäre, wie es Kindern entspricht. (»Üben ist: den Körper mit den Gegenständen umher in Collision bringen.«) Dazu kommen handwerkliche Tätigkeiten und Gartenarbeit, es sei schön, die unschuldigen Geschöpfe »sich hier an die Natur und unsere Urbestimmung näher anschmiegen zu sehen«.

Leider liegt für GutsMuths das Ziel dieses Unterrichts in körperlicher Abhärtung und einer Erziehung zur Selbstbeherrschung und »Männlichkeit« (bis heute geistert die Vorstellung durch Elternhirne, Kinder so auf die Härten des Lebens vorbereiten zu müssen). Er hegt einen ausgesprochen »männlichen Widerwillen gegen weibische Weichlichkeit«. Mehr als deutlich wird, worum es im Kern geht, wenn er schreibt, dass »ein gewisses geheimes Laster durch körperliche Untätigkeit vorzüglich begünstigt werde«. Nichts anderes als das Laster der Onanie soll mit den Mitteln der Gymnastik bekämpft werden! Die zeitbedingte Prüderie und Verteufelung der Sexualität war bis in die Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts ein mehr oder weniger offen behandeltes Thema in allen Trainingsbüchern. Das hatte natürlich schon mit Paulus angefangen, der an die Korinther schrieb: »Jeder Wettkämpfer aber übt gänzliche Enthaltsamkeit; jene tun es, um einen vergänglichen Kranz zu erlangen, wir aber einen unvergänglichen.« Fast schon skurril klingt es beim Zehnkämpfer, erzkonservativen Weltkriegsveteran, späteren Nazifunktionär (und noch späteren Träger des Bundesverdienstkreuzes) Karl Ritter von Halt, der 1922 empfahl, ein Trainingstagebuch zu führen und mit nur für einen selbst lesbaren Zeichen Eintragungen über »körperliche Unregelmäßigkeiten« zu machen, das erleichtere dem Sportsmann, »den schädlichen Einfluß von Nikotin, Bacchus und Venus« zu ersehen. Martin Brustmann will in »Olympisches Trainierbuch« von 1912 von einem aphrodisierenden Effekt des Wettkampfsports wissen: »Ja, selbst intensiv betriebener Sport hat oft eigenartige Nachwirkungen, die nicht unerwähnt bleiben dürfen. Wenn nach einer mehr oder weniger langen Zeit sexueller Abstinenz die dadurch gewonnenen Kräfte im Wettkampf ihre Verwendung gefunden haben, dann schlägt bei vielen Leuten die durch den Wettkampf bedingte und für ihn nötige Steigerung der Körperfunktionen auf das sexuelle Gebiet um und sucht dort nach Auslösung.« Heute wird gerade das in vielen Laufbüchern positiv herausgehoben; Laufen wirke sich positiv auf die Libido aus, was wahrscheinlich alle Läufer gerne hören. Nachgewiesen ist in jedem Fall, dass regelmäßige Bewegung bei Zuchtebern dazu führt, dass die Zeitspanne zwischen Eintreiben und Aufsprung im Absamungsraum sinkt.

Zurück zu Colin Smith, der nicht aus Freude am Sport Läufer geworden ist, sondern aus biografischen Gründen: »Laufen ist bei uns zu Hause immer groß geschrieben worden, besonders das Weglaufen vor der Polizei.« Wir kennen die Ursprungsmythen, die über das frühe Training großer Läufer erzählt werden. Der eine war als Bäcker oder Ziegelbrenner an harte Arbeit bei hohen Temperaturen gewöhnt und hielt so bei Hitzeläufen besser durch, der andere war als Postbote oder Ziegenhirt viel zu Fuß unterwegs, der Schwede Gunder Hägg hatte sein Grundlagentraining in der Jugend als Holzfäller erworben, und der 1887 geborene Onondaga-Indianer Thomas Longboat fing auf der Ranch, auf der er aufwuchs, ausgebrochene Pferde wieder ein und gewann 1907 den Boston-Marathon in Rekordzeit. Das Talent von Alfred Shrubb, einem der ersten internationalen Laufstars, noch vor Paavo Nurmi, wurde entdeckt, als er einmal, von Neugier getrieben, schneller als ein von Pferden gezogenes Löschfahrzeug eine 3 bis 4 Meilen entfernt liegende Brandstelle erreichte. Paavo Nurmi arbeitete mit zwölf als Laufbursche einer Bäckerei, die Kenianerin Tegla Loroupe war eines von 24 Geschwistern und musste barfuß 10 Kilometer zur Schule laufen, was bei Läufern aus Afrika in keiner Biografie fehlt. »Es ist ein großer Vorteil, wenn die Schule so weit entfernt ist. Dann lässt man es nämlich auf die letzte Minute ankommen und holt den Zeitverlust auf dem Schulweg wieder ein«, sagt der kenianische Mittelstreckenläufer Mike Boit in »Schwarzes Gold«. Otto Peltzer, eine der interessantesten Persönlichkeiten der deutschen Leichtathletik, der in den Zwanzigerjahren ein Weltklasseläufer war, musste morgens einen Kilometer zur Schule laufen: »Der Hauptgrund für diesen Lauf war mein zu spätes Aufstehen.« (Durch den ständigen Blick auf die Kirchturmuhr lernte er, sein Tempo zu regulieren.) Selbst Waldemar Cierpinski schreibt in seinen Erinnerungen, dass er die 3 Kilometer Schulweg für einen Wettlauf mit dem Bus nutzte, um das Fahrgeld zu sparen und weil er zu Fuß schneller war. (Außerdem habe er durch die harte Arbeit auf dem Bauernhof seiner Eltern früh gelernt, sich seine Zeit einzuteilen.) Colin Smith, für den Laufen nie »hinlaufen«, sondern immer »weglaufen« bedeutete, liefert eine Variante dieser Geschichten von schwierigen Lebensumständen, die zum frühen Training wurden.

Als sein Talent erkannt wird, bekommt er das Privileg zugestanden, dreimal wöchentlich für den Wettkampf zu trainieren. Morgens um 5 Uhr verlässt er die Mauern des Borstals in Essex, wo er in einen Schlafsaal mit 300 anderen eingepfercht die Nacht verbracht hat, um ohne ein Stück Brot im Bauch in der Eiseskälte in 2 Stunden 5 Meilen durch die Natur zu laufen (was ein bisschen wenig klingt, denn das wären nur 4 Kilometer in einer Stunde). Die Leitung der Anstalt hat den Anspruch, ihn zu einem »ehrlichen Menschen« zu machen, worüber zwischen Colin und dem Direktor keine Einigkeit herrschen kann, denn er weiß: »daß ich ehrlich bin, daß ich nie was andres als ehrlich war und daß ich immer ehrlich bleiben werde«. Sillitoe steht eindeutig auf der Seite des jungen Kleinkriminellen, die Unterdrückungsverhältnisse waren damals noch übersichtlich, die gerechte Wut der Ausgebeuteten ließ sich noch poetisieren, auch wenn sie nicht im Klassenkampf eingesetzt wurde, sondern sich in kriminelle Energie verwandelte. Der Versuch des Staats, solche Jungen in ihrem Inneren zu verändern, muss scheitern: »Aber unser innerstes Wesen können sie doch nicht röntgen, um rauszufinden, was sich da abspielt.«

Während des Laufens denkt Colin über sein bisheriges Leben nach, was ihm Spaß macht, denn in solchen Momenten dreht er seine Runden wie im Traum: »Manchmal denk ich, ich bin noch nie so frei gewesen wie in den beiden Stunden, wenn ich den Weg draußen vor den Toren lang trotte.« Die Frage, auf wessen Seite die Moral ist, wird von Sillitoe ziemlich eindeutig beantwortet: »… am Schluß werde ich siegen, auch wenn ich vielleicht mit zweiundachtzig im Kittchen sterbe, weil ich aus meinem Leben mehr Lust und Leidenschaft raushole, als er [der Direktor] je aus seinem rausholen wird.«

Und das tut er nicht zuletzt durch das Laufen, denn jeder Lauf ist ein Leben für sich, aber auch eine schmerzhafte Reise, denn Colin kann das Leben, das er zu leben gezwungen ist, nur durchstehen, wenn er sich keine Gefühle erlaubt, und wie in einer therapeutischen Sitzung kommt er beim freien Assoziieren während des Laufens der verbotenen Kammer seiner kindlichen Seele gefährlich nahe. Kurz vor dem Ziel denkt er daran, wie sein Vater (der ein »Genosse« war und in jeder Beziehung gescheitert ist) an Kehlkopfkrebs gestorben ist und wie er ihn gefunden hat, bäuchlings auf dem Bett, der Teppich voll Blut. Vom Versicherungsgeld hat seine Mutter einen neuen Teppich und einen Fernseher gekauft, und alle haben ein paar Monate Schinkenbrote und Schokolade gegessen, »Limo« getrunken und ferngesehen, während die Mutter mit einem Verehrer im neuen Bett lag: »Und ich hab noch keine Familie gesehn, die so glücklich war wie wir in den zwei Monaten, als wir so viel Geld hatten, wie wir brauchten.«

Um dem Direktor eins auszuwischen, verzichtet Colin auf den Sieg, kurz vor der Ziellinie bleibt er stehen und lässt sich von einem Jungen aus einer anderen Anstalt überholen (»Häng dich doch mit dem Zielband«) und wird dafür – was ihm schon vorher bewusst ist – die letzten sechs Monate im Borstal Latrinen putzen und natürlich auch nicht mehr im Freien laufen dürfen: »Mit den Fingern reiß ich mir ein Stück Borke ab und stopf’s in den Mund, kau Holz und Staub und vielleicht auch Larven beim Laufen, bis mir fast schlecht wird, schluck aber trotzdem so viel runter, wie ich kann, weil mir mein kleiner Finger sagt, dass ich zwar noch wenigstens eine verdammte Weile länger weiterleben muss, aber für die nächsten sechs Monate werde ich kein Gras riechen und keine staubige Borke schmecken und keinen so herrlichen Weg langkommen.«

Wie für Murphy aus »The Jericho Mile« hat für Colin der Wettbewerbsgedanke keinen Sinn. Es geht ihm beim Laufen nicht ums Siegen, nicht um Grenzerfahrungen, schon gar nicht um die Gesundheit, ums Abnehmen oder darum, sich für seinen Job fit zu machen oder ein Lebensziel zu erreichen. Seine Motivation ist rein »intrinsisch« und nicht instrumentell, er läuft, um zu laufen: »Es ist schwer zu verstehn, und ich wußte bloß, du mußt laufen, laufen, ohne zu wissen, warum, aber du läufst weiter durch Felder, die du nicht verstehst, und rein in Wälder, die dir Angst einjagen, über Hügel, ohne zu wissen, dass es rauf und runter geht, und du flitzt über Flüsse, die dir das Herz aus dem Leibe reißen, wenn du reinfällst. Und am Ziel war’s damit nicht zu Ende, wenn dich die Zuschauer auch jubelnd empfangen, weil du weiter mußt, bevor du wieder zu Atem kommst, und du hörst erst richtig auf, wenn du über einen Baumstamm stolperst und dir das Genick brichst oder in einen unbenutzten Brunnen fällst und für immer tot in der Finsternis liegst.« Genau darum wollte ich ursprünglich Schriftsteller werden, weil Schreiben eine Tätigkeit zu sein schien, für die man keinen Grund brauchte, die so selbstverständlich war wie der Herzschlag und die Atemzüge, eine Tätigkeit, die es einem ein Leben lang erlaubte zu spielen.

Blick ins Buch
Warum wir laufenWarum wir laufenWarum wir laufen
Laufen ist der populärste Sport der Welt: Es wird gelaufen, seit Ärzte, Wissenschaftler und die Industrie das Laufen als Allheilmittel für Gesundheit und seelische Ausgeglichenheit preisen. Ronald Reng, als Jugendlicher enthusiastischer Mittelstreckenläufer, macht sich auf die Suche nach seinem eigenen, verlorenen Laufgefühl und der Antwort auf die eine Frage: Warum laufen wir? Er beschäftigt sich dabei mit Fersenentzündungen, Pulsuhren oder Runner´s High ebenso wie mit der eigenen Form. Und trifft dabei auf die verschiedensten Läufer: Gefangene, die unter Anleitung von Olympiasieger Dieter Baumann beim Laufen einmal die Woche innerlich frei sind. Oder eine Frau, die angefeindet wurde, als sie vor fünfzig Jahren als eine der ersten mit dem Laufen begann. Am Ende fügt Ronald Reng alle Geschichten zu einer Antwort zusammen: Darum laufen wir.
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Kilometer 0

 

Mit 13 lernte ich laufen, und schon nach den ersten Schritten beschloss ich, nie mehr stehen zu bleiben.

Meine Eltern hatten mich bei den lokalen Waldlaufmeisterschaften angemeldet. Ich zog die Laufschuhe meines Vaters an, Größe 46 und somit mindestens drei Nummern zu groß für mich, was mir das ziemlich 13-jährige Gefühl gab, plötzlich erwachsen zu sein. Die Laufstrecke führte uns einmal den Berg hinauf und dann den Berg hinunter, was sich als ideal für mich herausstellte: In dem Moment, als ich erschöpft war, konnte ich mich einfach den Berg hinunterrollen lassen. Im Bericht des Höchster Kreisblatts erschien ich mit falschem Vornamen, Roland. Ich strich den Roland mit Kugelschreiber und Lineal durch, fügte samt Asterisk »Ronald« an und hängte den Bericht an meine Pinnwand, wo bis dahin Urlaubssouvenirs wie die Verpackungen Schweizer Schokolade hingen. Ich vermute, dass es heutigen 13-Jährigen eher nicht mehr in den Sinn kommt, ihre Wände derart zu schmücken. Am nächsten Nachmittag lief ich alleine, ohne dass mich irgendwer dazu aufgefordert hätte, in den Feldern hinter unserem Haus los. Ich kann nicht genau festmachen, ob es an der Begeisterung für die Riesen-Laufschuhe meines Vaters lag, am Ehrgeiz, einmal meinen richtigen Namen in der Zeitung zu lesen, oder am Stolz, dass mich beim semi-bewusstlosen Hinunterrollen vom Berg niemand mehr überholt hatte: Ich war jetzt ein Läufer.

 

33 Jahre später brauche ich nur irgendwo in der Ferne einen Läufer zu sehen, und ich glaube sofort, einen Seelenverwandten zu erkennen. Geradezu zwanghaft taxiere ich jeden Läufer. Was für ein Tempo hat er drauf? Setzt er mit den Vorderfüßen auf? Hält er die Hände locker? Dieses reflexartige Durchchecken jeden Läufers scheint seit meinen Tagen als Wettkampfläufer in meinem Gehirn programmiert. Manchmal lehne ich mich dagegen auf: Mein Gott, es ist eine ganz gewöhnliche Joggerin, die dort drüben durch den Park trabt, eine 60-jährige Frau, was geht sie dich an, lass sie doch laufen! Aber die peinliche Wahrheit ist, dass ich besessen weiterschaue, auf jeden einzelnen Läufer.

Wenn sie die Arme ein klein wenig tiefer halten würde, ein klein bisschen enger am Körper, könnte sie ökonomischer laufen.

Sie dagegen hat einen kraftvollen Abdruck! Sicher eine Wettkampfläuferin, wie sauber sie die Unterschenkel nach hinten wirft, wie gerade sie die Füße aufsetzt, top, ich wette, eine 5000-Meter-Läuferin, kein Marathon, dazu läuft sie zu energisch, gewohnt, Tempo zu machen.

Aber, oh je, der Mann mit den roten New-Balance-Schuhen und diesem schmerzverzerrten Gesicht, wenn ich ihm einen Spiegel vorhalten könnte, er würde selbst verstehen, dass, wer das Gesicht beim Laufen so verzerrt, im gesamten Körper verkrampft.

Irgendwann, vor einigen Wochen, stellte ich mir dann die Frage: Und du, wie läufst du?

Gar nicht mehr.

 

In meiner Fantasie bin ich noch immer der junge Mittelstreckenläufer: In meinem Selbstverständnis bin ich immer ein Läufer geblieben. Einige Tage verdrängte ich die Erkenntnis, dass dieses Selbstbild nichts mehr mit der Realität zu tun hat. Aber wir leben in Bozen direkt an den Talferauen, der Laufstrecke der ganzen Stadt. Wirklich alle paar Minuten zieht ein Läufer vor unserem Küchenfenster vorbei – und plötzlich schien mir jeder vorbeihuschende Läufer zuzurufen: »Und du?«

Ich wandte mich vom Küchenfenster ab. Die Frage jedoch blieb: Warum hatte ich das Laufen bloß aufgegeben?

Natürlich kenne ich die Antworten: Familie, Arbeit, es sind dieselben Antworten, die Zehntausende geben, denen mit den Jahren eine Leidenschaft langsam, fast unbemerkt entglitten ist.

Zum Stillstand gekommen vor dem Küchenfenster, dachte ich weiter nach. Vor mir lagen die Auen mit ihren perfekten Laufwegen, flach, auf festem Erdboden, zwischen Wiesen und dem singenden Fluss, unter majestätischen Bäumen, die Reisende aus der ganzen Welt nach Bozen gebracht haben, Himalaja-Zedern, Affenrutschbäume, in dem milden Klima der Stadt wächst und gedeiht die Natur. Allein beim Blick auf die pittoreske Szenerie stellte sich das alte, vertraute Gefühl des Laufens wieder ein: die Einbildung, im Laufschritt fliegen zu können. Der gesamte Körper ist von Lebendigkeit und Leichtigkeit erfüllt, ich setze, aus schierem Übermut, mit dem Vorder- statt dem Hinterfuß auf, das verstärkt den Eindruck zu federn, bei jedem Schritt abzuheben, für einen langen Moment in der Luft zu sein.

Als jugendlicher Mittelstreckler absolvierte ich jeden zweiten Tag ein Intervalltraining auf der Tartanbahn in Frankfurt. An den Zwischentagen lief ich bei uns im Taunus durch den Wald, 10 bis 15 Kilometer, ein Tempo von 4:20 Minuten pro Kilometer, keine Anstrengung, einfach laufen lassen. Den Berg vor dem Rettershof, hinter dem streng riechenden Reitplatz, sprintete ich jedes Mal hoch, 30, 40 Sekunden im Sprint bergauf, den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt, die Schritte kürzer gesetzt. Oben angekommen lief ich, ohne zu verschnaufen, anstandslos im normalen Dauerlauftempo weiter. Nur mein Herz pochte etwas heftiger, lebhafter. Bei diesen Sprints den Berg am Reitplatz hinauf wusste ich besser denn je, was die Leute meinen, wenn sie sagen: vor Energie bersten. Vor Freude platzen.

Mit dem gemächlichen Laufschritt nach dem Berg-Sprint verfiel ich wieder ins Träumen. Manchmal erreichte ich nach 45 Minuten unser Haus und konnte nicht rekapitulieren, ob ich wirklich gelaufen war, so sehr war ich in Träumen abwesend gewesen. Meine Träume waren damals nicht sehr fantasiereich: Es ging darin nur darum, schneller zu laufen, als ich es konnte.

Schnell zu laufen war Teil der Faszination, dieses Gefühl, beim 1500-Meter-Lauf im Pulk mitzurollen, aber jederzeit das Tempo erhöhen zu können, aus der Kurve herauszuschießen, die Schritte länger zu ziehen, immer seltener den Boden berühren: schwerelos werden. Oft genug, und jedes Mal aufs Neue völlig verblüfft, merkte ich dann, aus der vorletzten Kurve herauskommend, dass die Beine mich nur noch zum Boden hinzogen.

Damals, mit 17, hätte ich wohl gesagt, die Schönheit des Laufens sei der Rausch der Geschwindigkeit. Heute weiß ich es besser: Laufen gab mir ein Gefühl von Wachheit wie sonst nichts im Leben. Körper und Geist funktionierten parallel auf Hochtouren. Ich lief, schwebte dabei in diesem fantastischen Zustand körperlicher Anstrengungslosigkeit, den man nur bei voller Fitness erlebt, und gleichzeitig strömten die Gedanken, blitzte der Geist.

Ich schrieb einen gesamten Roman beim Laufen. 2005 arbeitete ich an einer fiktiven Erzählung aus der Welt der Londoner Investmentbanker, als mir eines Abends beim Laufen im Park plötzlich das gesamte nächste Kapitel zuflog, solch eine Schärfe der Gedanken hatte ich noch nicht erlebt. Zu Hause, die Schweißperlen auf dem Vorderarm, kritzelte ich das gesamte Kapitel in einen Notizblock, der Schweiß tropfte und verschmierte ein paar Worte. Ich ging jeden Tag wieder laufen, um weiterschreiben zu können. Die letzten Kilometer rannte ich meistens, aus Angst, mir könnten die Romanideen wieder entgleiten. Ich halte jenes Buch, Fremdgänger, für mein bestes. Oder habe ich nur das Hochgefühl meiner damaligen Läufe, als die Gedanken blitzten, auf den Roman übertragen? Es hat sich von all meinen Büchern fast am schlechtesten verkauft.

Das muss das letzte Mal gewesen sein, als ich regelmäßig lief. 2005.

 

Vor meinem Küchenfenster laufen Kinder eine Runde durch die Auen. Sie trainieren mit ihrer Lehrerin für die Südtiroler Schulmeisterschaften. An der Brücke biegen sie ab und verwandeln sich für mich zu bunten Punkten hinter der Trauerweide mit ihren abwärtshängenden Ästen. Obwohl die grellen Kunststoffleibchen der Kinder nicht weiter von der natürlichen Pracht der Auen entfernt sein könnten, nehme ich die Schüler automatisch als Einheit mit der Landschaft wahr. Weil ich mich beim Laufen immer im Einklang mit der Natur glaubte. Laufen ist Wachheit, Abschalten, Gedankenströme, Träumen, Leichtigkeit, Geschwindigkeit, die Schönheit der Einsamkeit, die Euphorie des Gruppengefühls, die Frische danach. Laufen ist auch Leiden, Schmerz, Sucht, Verführung zum Extremen und vor allem der Irrsinn, dass man all diesen unangenehmen Erfahrungen etwas Erhabenes abgewinnt. Laufen ist für mich eines der schönsten Gefühle, die ich erlebte. Als ich, am Küchenfenster, bei dieser Erkenntnis angekommen bin, verändert sich die Frage zwangsläufig. Aus »Wie konnte ich dieses Gefühl aufgeben?« wird: Warum läufst du nicht wieder los?

 

Es sind fünf Tage vergangen, seit ich mir die Frage stellte. In der Zwischenzeit spielte ich mit unserer fünfjährigen Tochter in der Frühlingssonne an der Talfer Fangen, und jedes Mal, wenn ich losrennen sollte, um sie einzuholen, spürte ich, wie ich über einen inneren Widerstand hinweg musste, körperlich wie geistig: Meine Achillessehnen und Knie wollten nicht los, nicht raus aus dieser vertrauten Steifheit. Und mein Kopf wollte nicht wieder diesen Ruck, dieses Rumpeln ertragen, wenn sich der Körper in Bewegung setzt.

Will ich wirklich wieder laufen?

Ich ging mit unserem zehnjährigen Sohn Fußball spielen. Ich überwand das Rucken, das Rumpeln, ist der Körper in Bewegung, ging es mit dem Laufen eigentlich recht gut. Nach 20 Minuten spielte ich fast nur noch aus dem Stand. Mein Atem pfiff.

Will ich wirklich wieder …?

 

Ich habe nicht den Ehrgeiz, einen Marathon zu bestreiten oder ein ähnliches konkretes Laufziel zu erreichen. Ich jage auch nicht der ewigen Jugend hinterher und bilde mir ein, das Laufen könnte sie mir zurückbringen. Ich will einfach schauen, ob ich dieses schöne Gefühl vom Laufen wiederfinden kann, mit 46. Ich will möglichst genau herausfinden, warum Millionen das Laufen lieben, ganz gleich ob sie nun zweimal die Woche ein wenig traben oder ob sie Ultramarathons bestreiten. In den vergangenen Jahren staunte ich oft: Wer auf einmal alles lief! Der dicke Joschka Fischer, Vorstandsbosse, Schriftsteller, unsere Nachbarin, von der ich nicht gewusst hatte, dass sie anderes Schuhwerk als Stöckelschuhe besaß. Nur ich, der selbstdefinierte Läufer, lief nicht mehr.

Als ich in meiner Jugend um die Wette rannte, war Laufen ein Sport, den halt einige betrieben, so wie andere Tischtennis oder Schach. Heute ist Laufen ein Lebenselixier. Bei der Lektüre so mancher Laufbücher entsteht der Eindruck, es gebe kein Problem der Welt, das sich nicht mit Laufen lösen ließe. Laufen kille den Stress, Laufen schenke Ausgeglichenheit, Laufen mache schlanker, schöner, schlauer. Und manches davon stimmt wohl auch noch.

 

Ich bin selbst gespannt, ob ich am Ende wieder sechs Mal die Woche laufen werde oder gar nicht mehr, ob ich es bei Drei-Kilometer-Entspannungsläufen belasse oder wieder bei Wettkämpfen antreten werde. Wie weit werde ich wieder der Läufer, für den ich mich halte?

Meine Eltern waren Läufer, meine Schwester war Läuferin, jeden Nachmittag ging bei uns in Fischbach im Taunus einer nach dem anderen laufen. Immer verabschiedeten wir uns voneinander mit demselben Satz. Es waren nur vier beiläufige Worte, doch in keinem Moment waren wir uns näher. Der Satz versicherte uns, dass wir dieses Gefühl teilten.

Wir sagten, und ich möchte nichts weiter, als es wieder mit der alten Selbstverständlichkeit zu sagen: »Ich laufe dann los.«

Meine 5 goldenen Erfolgsregeln fürs Laufen

  • Abschreckung – Pinne ein unvorteilhaftes Bild von dir an den Kühlschrank!
  • Ziele setzen – einfach nur laufen ist doof!
  • Weniger ist mehr! Nicht zu viel auf einmal, sonst ist Frust vorprogrammiert!
  • Mitstreiter suchen, verabreden, Rituale schaffen!
  • Keine Ausreden

     von Stefan Seibold
Laufbücher für mehr Achtsamkeit

Achtsamkeit ist ein Trend, der auch vor dem Laufsport nicht Halt macht. „Lauf oder stirb“ erzählt Rekordläufer Kilian Jornet erzählt, wie er beim Laufen seine Grenzen weit hinter sich lassen konnte. Viele Läufer beschreiben ein einzigartiges Glücksgefühl, das sie beim Laufen überkommt: das sogenannte Läufer-High. Für andere bietet das Laufen in erster Linie einen Zugang zur Natur oder zum eigenen Körper. Moderne Laufbücher stellen den Laufsport in einen Kontext der Achtsamkeit und heben das Glücksgefühl sowie die körperlichen Vorteile des Laufens über den Drang nach sportlichen Höchstleistungen.

Blick ins Buch
The Track – Auf Umwegen zur ExtremläuferinThe Track – Auf Umwegen zur Extremläuferin
Packender und ansteckender Bericht einer starken FrauDas ultimative Motivationsbuch für alle LäuferOb 160 Kilometer im Himalaja oder 300 Kilometer in Oman, 520 Kilometer im Outback oder 870 Kilometer in den Pyrenäen: Weder Hitze noch Kälte, Einsamkeit noch Schmerz können Brigid Wefelnberg aufhalten. Seit sie sich mit 42 Jahren ohne professionelle Vorbereitung beim Marathon des Sables 250 Kilometer durch die Sahara gekämpft hat, ist Laufen ihre Passion. In jedem Winkel der Erde sucht sie nach immer neuen Herausforderungen und findet in den ärmeren Ländern sogar Zeit, sich neben der Strecke für die Bildung und Rechte der Kinder zu engagieren. Mitreißend erzählt die Extremläuferin, wie sie in der Mitte des Lebens eine neue Berufung fand und als alleinerziehende Mutter mit Vollzeitjob ihr Hobby bewältigt, ohne je den Fokus zu verlieren. Ein inspirierendes Plädoyer, wieder öfter zu Fuß und mit offenen Augen durch die Welt zu gehen.
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Vorlauf

Noch nie war ich so aufgeregt vor einem Lauf wie vor diesem – knapp achthundertsiebzig Kilometer über die Pyrenäen. Und das nonstop in vierhundert Stunden, rund sechzehn Tagen. Die TransPyrenea war die größte Herausforderung meiner Laufbahn. Ich war bestens vorbereitet und hatte ausnahmsweise sogar gezielt trainiert. Normalerweise mache ich keine Trainingspläne. Ich laufe einfach, weil es auch so begann: Eines Tages lief ich einfach los im Schwarzwald und dann immer länger, immer weiter, und auf einmal war ich im Extremsport gelandet. Das hatte ich mir nicht vorgenommen, es lief wie von selbst. Weil mich das Laufen glücklich macht; die Grenzen, die ich überwinde, die Natur, die ich durchquere. Es ist ein bisschen so, als würde ich die Landschaften durch die extremen Bedingungen noch intensiver erfahren.
Bei der TransPyrenea würde ich allerdings häufig auf mein GPS blicken müssen. Es gab keine klare Route, den Weg zum Ziel musste ich mir selbst erarbeiten. Allein das Kartenmaterial nahm ausgelegt zwanzig Meter ein. Ich konnte mich aber nicht darauf verlassen, ideale Wetterbedingungen zum Navigieren per Karte vorzufinden. Was machst du bei einem Sturm, bei peitschendem Regen in der Dunkelheit? Da hilft dir das beste Kartenmaterial keinen Schritt weiter. Also GPS, wie es mittlerweile bei manchen Läufen Pflicht ist. Gerade in der Wüste, umgeben von Dünen, die alle gleich aussehen, hängt das Leben nicht am seidenen Faden, sondern am Leitstrahl. Da überprüft man seine Ersatzbatterien nicht bloß dreimal, eher sechsmal.
Ich bin ja noch ein bisschen »old-school«. Nach Karte zu laufen macht einen zusätzlichen Reiz für mich aus. Keine Markierungen, keine Streckenposten, die mir die Richtung weisen. Diese unglaubliche Stille, lediglich durchbrochen von meinem Atem und den Füßen auf der Erde. Erde! Die kann so unterschiedlich sein. Manchmal hart, dann moosweich, glatt, geröllig, steil, sandig, gefährlich, glitschig, felsig. Zuweilen brauchen die Füße Unterstützung von den Händen; es gibt Passagen, die sind nur auf allen vieren zu bewältigen. Oder mit Beinen, die bis zu den Schenkeln im Matsch stecken. Vor allem in der Wüste braucht es stellenweise sogar kräftigen Armeinsatz, denn um die hohen Sandberge zu erklimmen, muss man die Hände mit ausgestreckten Fingern regelrecht in die Dünen hauen.

Pro Jahr absolviere ich drei bis vier große Läufe und zusätzlich den 24-Stunden-Lauf für Kinderrechte in Freiburg, bei dem ich im Schnitt einhundertvierzig Kilometer erreiche. Da meine Läufe so kräftezehrend sind, trainiere ich nicht täglich, zumal ich »nebenbei« noch Vollzeit berufstätig bin, denn ich leite das deutsche Büro einer indischen Softwarefirma. Am Wochenende bin ich zuweilen acht Stunden auf meinen Läuferinnenbeinen. Dieses Training bringt mir wirklich etwas. Eine Stunde joggen am Morgen, darauf verzichte ich, da ich sozusagen in einer anderen Dimension laufe. Das heißt allerdings nicht, dass ich werktags ruhe, ganz im Gegenteil: Alltagstraining hat einen hohen Stellenwert bei mir, jedoch nicht, um meine Fitness zu steigern, sondern um ein gewisses Grundlevel zu bewahren. So nutze ich jede Gelegenheit, um mich zu bewegen. Rolltreppen und Fahrstühle ignoriere ich aus Prinzip.
Neulich erlebte ich wieder einen Klassiker: In einem Hotel, in dem ich zu einem Meeting verabredet war, fragte ich am Empfang nach der Treppe. Ein livrierter Mitarbeiter geleitete mich zu den Fahrstühlen. Als ich abermals um den Weg zur Treppe bat, schaute er mich an, als sei ich ein bisschen merkwürdig. Immerhin lagen neun Stockwerke vor mir. Und ich hatte eine große Tasche dabei, auf die der Mann dann auch deutete, kummervoll geradezu. Was für mich eine Freude ist, hätte für ihn eine Strafe bedeutet.
Bei solchen Begegnungen grinse ich meist in mich hinein. Ich finde es meinerseits ein bisschen verrückt, wenn Leute, die sehr wohl die Gelegenheit dazu hätten, sich den ganzen Tag nicht bewegen, an ihrem Arbeitsplatz nur den Lift benutzen, mit dem Auto auch Kurzstrecken fahren, aber abends in der Muckibude sporteln. Das wäre für mich Zeitverschwendung; ich kann das doch alles miteinander verbinden.
Gerade die Bewegung draußen macht mir unglaublich viel Spaß. Was man da alles mitkriegt! Das hat eine völlig andere Erlebnisdichte als auf dem Laufband im Fitnessstudio. Ich glaube, dass viele Menschen gar nicht mehr darüber nachdenken, sie wählen automatisch den komfortabelsten Weg, als gäbe es keine Alternative. Dabei fängt das Abenteuer gerade dann an, wenn man die Komfortzone verlässt. Man muss einfach nur beginnen – womit auch immer. Dann verpasst man auch nichts, ganz im Sinne des Journalisten Norman Cousins: »Der Tod ist nicht der größte Verlust im Leben. Der größte Verlust ist das, was in uns stirbt, während wir leben.«

Ich habe keinen Führerschein und wohne ein Stück außerhalb von Freiburg. Wenn ich in die Stadt will, nehme ich nicht den bequemsten Weg – Bus, Fahrrad, kürzeste Gehstrecke –, sondern suche mir den schwierigsten aus. Auf der einen Seite den Hausberg Roßkopf hinauf, auf der anderen Seite hinunter nach Ebnet. Das dauert dann nicht zwanzig Minuten wie mit dem Bus, sondern hundertzwanzig. Dafür komme ich schwungvoll an. Laufen macht gute Laune.
»Und was machst du, wenn du verschwitzt bei einem Termin auftauchst?«, werde ich manchmal gefragt. Nun, so schnell komme ich nicht ins Schwitzen. Ich bin ja keine Sprinterin, sondern eine Langstreckenläuferin. Und außerdem gibt es Rucksäcke, in die man Wechselklamotten stecken kann, ebenso wie High Heels. Vor einer Besprechung tausche ich dann die Laufschuhe gegen die Riemchensandaletten. Zu empfehlen sind ferner strategisch verteilte Bekannte. In Freiburg und Umgebung habe ich mittlerweile eine Reihe von Duschmöglichkeiten, falls ich doch mal ins Schwitzen geraten sollte und danach ein Geschäftstermin ansteht.
Als ich mich vor rund zehn Jahren zum ersten Mal auf einen Extremlauf vorbereitete, lief ich jeden Tag eine Distanz meines Arbeitswegs, achtzehn Kilometer. Mal zu Fuß in die Arbeit, mal nach Hause, im Rucksack stets die Wechselklamotten. Neben dem Firmensitz befand sich eine Polizeidienststelle, dort durfte ich freundlicherweise duschen und mich umziehen. Fremdduschen ist witzig, normalerweise kommt man ja nicht auf die Idee, bei Fremden oder Bekannten zu fragen, ob man deren Bad benutzen könne. Selbstverständlich habe ich stets ein Handtuch dabei. So autark wie möglich, das ist mein Motto. Zur Not tun’s auch Feuchttücher oder Babywaschlappen, die haben sich selbst in der Wüste bewährt! Nicht jede Frau, die im Drogeriemarkt vor den Babypflegeprodukten steht, verwendet diese laut Herstellerangaben!

Es freut mich, wenn ich in meinen Alltag viel Bewegung integrieren kann. Sollte ich mal mehr zu tragen haben, umso besser, das erhöht den Trainingseffekt, denn bei meinen Läufen schleppe ich auch alles, was ich benötige, auf dem Rücken. Da gibt es keinen Service, der das Gepäck von Camp zu Camp fährt, ja, oft gibt es nicht mal ein Camp, weil ich mein Lager spontan aufschlage, wenn ich wirklich eine Pause brauche. Zwischen dem Gefühl, eine Pause zu benötigen, und dem Moment, in dem man wirklich eine Pause braucht, liegen manchmal Dutzende von Kilometern.
In Freiburg werde ich öfter von netten Leuten angesprochen, wenn ich schwer bepackt durch die Stadt laufe. Warum ich nicht mit dem Bus führe? Ob sie mich mit dem Auto mitnehmen sollen? Viele von ihnen verstehen nicht, dass man freiwillig den anstrengenden Weg wählt. Ich verstehe nicht, wie man freiwillig den einfachen Weg wählen kann, weil ich dabei so viel verpassen würde. Selbst wenn ich nur vom Büro zur Bank möchte, nutze ich diese Strecke, um fit zu bleiben. Wenn mein Chef aus Indien in Deutschland ist und wir uns bei einem Termin treffen, lacht er gutmütig. Den Bewegungsdrang seiner Mitarbeiterin findet er »amazing«. So wie man sich an die Komfortzone gewöhnt, kann man sich auch an die Pfade rechts und links daneben gewöhnen, zumal sie einen an wundervolle Orte führen, die man sonst niemals gesehen hätte, ob mit oder ohne GPS.

Hinter Ultra beginnt das Extrem
Bei der TransPyrenea gehört das GPS zur Pflichtausrüstung. Erst kurz zuvor waren einige Wanderer auf der Strecke GR 10, Grand Raid, die zu großen Teilen vor mir lag, abgestürzt. Das Gelände ist steil und gefährlich, der Weg nicht gesichert, man muss vielerorts mit Steinschlag und Gerölllawinen rechnen. Nein, das war kein Spaziergang und auch kein Marathon, das war ein Lauf der Extreme.
Laut Definition beträgt die Distanz eines klassischen Marathons 42,195 Kilometer. Alles darüber hinaus wird als Ultramarathon bezeichnet, meistens Strecken zwischen fünfzig und einhundertsechzig Kilometern. Hinter Ultra beginnt das Extrem. Da bin ich zu Hause. Und deshalb war das härteste Rennen der Welt wie für mich gemacht.
Zum ersten Mal fühlte ich mich auch richtig frei, denn seit Kurzem wohnte keine meiner beiden Töchter mehr bei mir. Das ist schon ein Unterschied, ob man seinen Rucksack unter den kritischen Blicken seiner Kinder packt: »Mama, wozu brauchst du ein Schlangenbissset?«, und sich immer wieder fragt: Bin ich verantwortungslos? Was ist, wenn mir etwas zustößt? Ich will meine Kinder nicht zu Halbwaisen machen! Aber letztlich hat man das nicht in der Hand. Es kann einem überall etwas zustoßen. Ich gehe kein unnötiges Risiko ein, aber von übertriebener Vorsicht halte ich nichts.
»Du schaffst das«, sagt mein Freund vor jedem Wettkampf zu mir, und er weiß, wovon er spricht. Jürgen ist Ultraläufer, am liebsten im Gebirge. Ich bin Typ Extrem, Ausrichtung Wüste. Mein letzter Wüstenlauf lag fünf Monate zurück, und ich spürte, dass ich nach der TransPyrenea unbedingt mal wieder in die Wüste sollte, Sehnsucht nach Sand! Aber eigentlich hatte ich mir einen gewissen Sandvorrat erlaufen. Die offizielle Distanz bei der Liwa Challenge durch die Wüste in den Vereinigten Arabischen Emiraten an der Grenze zu Saudi-Arabien hätte normalerweise zweihundert Kilometer betragen, nonstop. Aber wenn man an der falschen Düne abbiegt, werden daraus schnell zweihundertzwanzig Kilometer. Es hatte dennoch zum zweiten Platz gereicht, den ich in zweiundsiebzig Stunden und neunzehn Minuten erlief, über die höchsten Dünen der Welt!
Geschlafen habe ich bei diesem Rennen dreimal eineinhalb Stunden. So etwas begeistert mich immer wieder: zu welch unglaublichen Leistungen der Mensch fähig ist. Oft wissen wir selbst nicht, was in uns steckt! Erst wenn wir es wagen, die Komfortzone zu verlassen und die Distanzen zu erweitern, entdecken wir das Wunder im Gleichschritt von Körper, Geist und Seele. Und dabei muss man sich nicht kasteien, quälen oder ein spartanisches Leben führen. Es ist alles eine Sache des Willens. Es gibt eigentlich nur eine einzige Schwierigkeit: den ersten Schritt.

Blick ins Buch
Lauf oder stirbLauf oder stirbLauf oder stirb

Das Leben eines bedingungslosen Läufers

Er wuchs auf 2000 Metern Höhe in einer Berghütte zwischen Andorra und Frankreich auf, stand mit sechs Jahren zum ersten Mal auf einem Viertausender und durchquerte mit zehn die Pyrenäen der Länge nach. Lebendig und offenherzig berichtet Kilian Jornet von seiner beeindruckenden Karriere zum international gefeierten Laufstar: Wir begleiten ihn auf dem ersten 48-Stunden-Lauf, spüren die Atmosphäre beim Ultratrail auf den Montblanc und erfahren von seinem unglaublichen Rekord am Kilimandscharo. Der junge Sportler gibt Einblicke in seine Philosophie und erzählt von der Freude, die eigene Leistungsgrenze zu überwinden. Ein inspirierendes Buch für alle, die selbst leidenschaftlich gerne laufen und in den Bergen zu Hause sind.
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»Summits of My Life« - Kilian Jornets Lauf-Manifest

1. Niemand sagte uns, wer wir waren. Niemand befahl uns zu laufen. Niemand behauptete, dass es einfach sein würde. Irgendjemand meinte einmal: Wir sind, was wir träumen. Sobald wir aufhören zu träumen, sind wir nicht mehr lebendig.
Wir werden für unsere Träume kämpfen. Wir wollen unsere Leidenschaften leben und dabei nicht in die Fußstapfen anderer treten. Der Sinn des Lebens ist es, einen eigenen Weg zu finden und das zu tun, was uns glücklich macht; und trotz aller Schwierigkeiten nie aufzugeben.

2. Wir folgen unserem Instinkt, der uns ins Ungewisse führt.
Ein Risiko einzugehen ist kein Glücksspiel, wir entwickeln uns dadurch weiter und werden zu anderen Menschen. Wir können nur frei sein, wenn wir uns selbst treu bleiben und niemandem folgen. Wir treffen unsere eigenen Entscheidungen. Wir haben die Wahl, eine Familie zu gründen oder einen Berg zu besteigen. Wir tun das, was wir wollen. Auf dem Berg wählen wir selbst unsere Spur; wir entscheiden, ob wir in eine Schlucht hinabsteigen und welchen Gipfel wir erklimmen. Manchmal entscheiden wir uns richtig und manchmal falsch, aber immer und überall gehen wir dabei neue Wege.

3. Wir sehen nicht die Schwierigkeiten, die wir überwunden haben, sondern diejenigen, die vor uns liegen.
Wir lernen aus der Vergangenheit und nutzen diese Erfahrung, um mit Respekt und Ehrfurcht unsere Zukunft zu gestalten. Die Vergangenheit ist nicht das Leben, das wir gelebt haben. Was wir heute tun, gibt uns keine Sicherheit für morgen. Wir leben jeden Moment in der Gegenwart und blicken auf das, was vor uns liegt.

4. Es geht nicht darum, schneller, stärker oder größer zu sein. Es geht darum, man selbst zu sein.
Der Alpinist Walter Bonatti wollte erkunden, wie weit man bei extremen Verhältnissen gehen kann. Die Geschichte hat bewiesen, dass mit der richtigen Technologie alles möglich ist. Aber ist das wirklich sinnvoll? Wir sollten lernen, mit wenig auszukommen und nur das zu verbrauchen, was wir zum Leben benötigen, und uns an die Natur, an die Umwelt anpassen. Unsere Stärke liegt in unseren Füßen, unseren Beinen und unserem Körper, sie beginnt in unseren Köpfen.

5. Wir sind mehr als nur Läufer, Bergsteiger oder Skifahrer ... Wir sind mehr als nur Sportler – wir sind Menschen.
Geteilte Freude kann man doppelt genießen. Ein Gipfel ist nicht nur ein Punkt auf der Landkarte, ein Moment oder ein Rekord. Ein Gipfel ist all das, was wir mit den Menschen erlebt haben, die mit uns hinaufgestiegen sind oder am Fuß des Bergs auf uns gewartet haben. Diese Menschen, die wir lieben und bewundern, sind immer bei uns, selbst wenn sie nicht hier sind.

6. Wir sind auf der Suche nach Glück, auch wenn ungewiss ist, ob wir es jemals finden.
Versagen bedeutet, es nicht einmal versucht zu haben. Versagen heißt, sich nicht an jedem Schritt zu erfreuen. Versagen ist, nichts zu fühlen. Es wird wehtun, Rückschläge geben und das Ziel mitunter unerreichbar bleiben, aber solange wir unseren eigenen Weg wählen, können wir nicht versagen, auch wenn wir nicht am Ziel ankommen.

7. Einfachheit
Wir werden die Berge ohne fremde Hilfe in Demut durchstreifen und wollen sie nicht dominieren, denn wir wissen, dass sie stärker sind als wir. Sie weisen uns den richtigen Weg. Wir wollen mit unserer Umgebung, mit den Steinen, den Pflanzen, dem Eis und der Welt unter der Oberfläche verschmelzen. Mit allem, was vor uns existierte und lange nach uns weiter bestehen wird.

8. In der Stille
Wir wollen lautlos auftreten, unbemerkt, wir respektieren unsere Umwelt und hinterlassen nur ein paar Fußspuren, die der Wind wieder verweht. Das wahre Leben tragen wir in uns selbst, und nur in der Stille können wir erkennen, wer wir wirklich sind.

9. Verantwortung
Auf dem Berg wird uns keine rettende Hand entgegengestreckt, wenn wir in Gefahr geraten oder uns verirren, und es wird uns auch niemand zu unseren Erfolgen gratulieren. Auf dem Berg gibt es keine Heuchelei, denn die Berge sind ehrlich. Wir allein sind verantwortlich für unser Handeln, egal ob es gut oder schlecht ist.

10. Was wollen wir wirklich? Vielleicht leben?
Was ist das höchste Ziel unserer Unternehmungen? Unserer Abenteuer? Unseres Lebens? Ist es das Erreichen von Zielen oder der Weg dorthin? Ist es das Erreichen des Horizonts oder die Entdeckung der Landschaften, die wir durchqueren, um dorthin zu gelangen? Ist das Ziel des Lebens dessen Ende oder sind es vielmehr unsere Emotionen und Gefühle währenddessen? Wir Menschen bestehen aus Träumen, Emotionen und Gefühlen.

Kilian Jornet, Dezember 2012

Der englische Text »The ›Summits of My Life‹ List of Values« kann auf der Webseite von Kilian Jornet nachgelesen werden: www.summitsofmylife.com