Laufsport - Büchertipps rund um das Laufen
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Laufsport - Büchertipps rund ums Laufen

Geschenke für Läufer: Laufbücher für den Motivationsschub

Laufen ist gleichzeitig Trendsport sowie die natürlichste Fortbewegungsform des Menschen.

Der Einstieg in den Laufsport ist in jedem Lebensalter möglich – unabhängig von der körperlichen Verfassung. Ob für Anfänger, leidenschaftliche Jogger oder Triathleten , die für den nächsten Marathon trainieren: Bücher rund um den Sport sind wunderbare Geschenke für Läufer. Das vielseitige Angebot an Laufbüchern umfasst Titel, die Tipps rund um die Themen Ernährung, Training und sogar Schlafen für ein gesünderes und erfolgreicheres Joggen geben. Andere Bücher dienen Läufern als Inspiration, da sie die Geschichten bekannter Läufer, das Laufen in fremden Kulturen oder auch theoretisches Wissen rund um den Laufsport behandeln.

Empfehlungen aus der Redaktion

Im Angebot des Piper Verlags und in den Bestsellerlisten der großen Buchhändler finden sich zahlreiche Klassiker und Neuerscheinungen rund um den Laufsport. Zu den interessantesten Laufbüchern zählt der Titel „Das Land des Laufens“ von Adharanand Finn, in dem der Autor über die Bedeutung des Laufsports in Kenia berichtet – dem Land, aus dem die weltweit besten Läufer stammen. 

Blick ins Buch
Im Land des LaufensIm Land des Laufens

Meine Zeit in Kenia

Stimmt es, dass Kenianer schon als Kinder täglich ­mehrere Meilen zur Schule rennen? Und ihr Laufstil effektiver ist als ­unserer, da sie barfuß aufwachsen? Der Brite Adharanand Finn spürt dem legendären ­Lauf­erfolg einer Nation nach. Dafür zieht er meh­rere Monate lang mit seiner Familie nach Iten, ins Mekka der besten Läufer. Besucht dort Weltklasseläufer und ­Nachwuchstalente in den Camps und schließt sich in der Morgen­dämmerung ­ihren Läufen durch die Savanne an. Und am Ende muss er selbst beweisen, ob sich das harte Training gelohnt hat – als er zum größten Lauf des Landes, dem ­berüchtigten Lewa Marathon, ­antritt.
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Den Unterstützern, die mir am nächsten sind –
Marietta, Lila, Uma und Ossian

Hält das Göttliche nach dir Ausschau,
kann es eine mächtige Kraft sein.

 

Prem Rawat

 

Prolog

 

Zuerst höre ich einen anderen Wecker summen. Im Halbschlaf habe ich bereits auf dieses Signal gewartet. Es war ein leichter, unruhiger Schlaf unter dem dünnen Betttuch, auf dem der Hotelname in grüner Schrift steht: BOMEN. Unter der Tür dringt so viel Flurlicht hindurch, dass ich mich im Zimmer umsehen kann – jetzt wirken die Wände dunkelrosa, aber bei Tageslicht haben sie eine betörend helle Pfirsichfarbe. Über meinem Kopf baumelt eine nackte Energiesparlampe an einem Kabel.
Das Telefon klingelt. Godfrey, nur ein paar Schritte entfernt im anderen Bett, meldet sich sofort, als habe er den Hörer bereits in der Hand gehalten und auf den Anruf gewartet. Seine Stimme klingt wach und ruhig, er sagt ein paar Worte auf Kalenjin, dann legt er wieder auf.
»Chris«, sagt er im Dunkeln. Er weiß, dass ich wach bin. »Du kennst doch Chris. Er möchte runter zum Frühstück.«
Jetzt summt auch mein Wecker. Ich schalte ihn aus. Es ist vier Uhr morgens. Zeit zum Aufstehen.
Im Hotel ist bereits das Klappern von Töpfen und Geschirr und Stimmengewirr zu hören. Die übrigen Hotelgäste werden sich wahrscheinlich unwillig in ihren Betten umdrehen, auf die Uhr blicken und sich verärgert fragen, was der Lärm zu bedeuten hat. Ich trete auf den Flur hinaus, an dessen anderem Ende eine Palme langsam vor sich hin trocknet. Oben an der Treppe treffe ich im Halbschatten einer Nische auf Beatrice, die offenbar unsicher ist, ob sie sich allein hinunterwagen soll. Sie lächelt, die Zähne glänzen weiß in ihrem schwarzen Gesicht.
»Gehen wir«, sage ich.
Wortlos folgt sie mir die Treppe hinunter.
Im Frühstücksraum warten bereits die Kellner. Offenbar sind sie mitten in der Nacht aus den Betten gerissen und in ihre Kellneranzüge gesteckt worden. Jedenfalls sehen sie nicht sonderlich erfreut aus.
»Tee? Kaffee?«, fragt der Oberkellner und nähert sich mit einem Tablett voller Kannen und Tassen. Wir schütteln beide den Kopf. Ich setze mich an den Tisch; Beatrice nimmt mir gegenüber Platz. Draußen auf der Straße herrscht noch Stille.
»Bist du bereit?«, frage ich.
Beatrice nickt lächelnd. »Ich werde es schon schaffen.«
Japhet und Shadrack kommen herein. Zwei junge Männer Anfang zwanzig; keiner von ihnen war jemals so weit weg von zu Hause. Japhet ist groß, zeigt meist ein breites Lächeln und wirkt ständig ein wenig aufgeregt; Shadrack dagegen sieht mit seinen leicht vorstehenden Augen immer so aus, als hätte er gerade etwas unglaublich Schockierendes mit ansehen müssen. Der Oberkellner erscheint wieder mit seinem Tablett.
»Tee? Kaffee?«
»Chai«, sagt Shadrack so leise, dass er es zweimal wiederholen muss, bevor der Kellner ihn versteht. Japhet nickt nur. Der Kellner gießt den Tee in die Tassen.
»Fühlt ihr beide euch okay?«, frage ich. Shadrack schaut mich verwirrt an, so unfähig zu antworten, als hätte ich ihn gerade gefragt, ob er jemals verliebt gewesen sei.
»Ja, wir sind bereit«, antwortet Japhet grinsend. Der Kellner ist inzwischen richtig in die Gänge gekommen und bringt uns Teller mit Früchten. Shadrack spießt nervös ein Stück Wassermelone auf und bietet es Beatrice an. Schon werden weitere Teller serviert – Spiegeleier und Brot.
»Zum Frühstück könnt ihr essen, was ihr wollt«, hatte uns Godfrey gestern Abend eingeschärft, »bloß keine Eier.« Jetzt schaue ich die anderen verblüfft an.
»Esst ihr immer Eier vor einem Rennen?«, frage ich. Aber sie haben bereits zu essen begonnen, und so lasse ich die Sache auf sich beruhen. Das Spiegelei auf meinem Teller rühre ich jedoch nicht an, zwei Scheiben Brot und ein wenig Butter müssen genügen. Ich esse schnell zu Ende und kehre in mein Zimmer zurück.
Eigentlich hatte ich nach dem Frühstück weiterschlafen wollen, aber jetzt bin ich doch hellwach. Ich packe meine Sachen zusammen und setze mich aufs Bett. Mein Fuß fühlt sich gut an. Ich reibe ein wenig daran, um ganz sicherzugehen, und presse den Daumen auf die Verletzung in der Fußsohle. Danach hole ich eine Flasche Menthol Plus heraus, reibe meinen Fuß ein und ziehe die Socke wieder an. Langsam und tief atme ich ein und aus, während ich noch eine Weile auf dem Bett sitzen bleibe. Nach einer Stunde ist es Zeit zu gehen.
Das schwache Licht der Morgendämmerung liegt über dem Parkplatz, als wir uns bei dem Minibus versammeln. Wir warten auf Godfrey. Als ich das Zimmer verließ, kämmte er gerade sein Haar. Obwohl er einen militärisch kurzen Haarschnitt hat, striegelt er sich jeden Morgen fünf Minuten lang. Die anderen warten schweigend und geduldig. Endlich taucht Godfrey auf.
»Sorry, Leute«, sagt er und öffnet die Schiebetür. Die jüngeren Teammitglieder – Japhet, Shadrack und Beatrice – klettern nach hinten. Die erfahrenen Läufer Chris, Paul und Philip setzen sich auf die Mittelbank. Als einziger Mzungu, also Weißer, darf ich mich auf den Beifahrersitz neben Godfrey, unseren Trainer und Fahrer, setzen.
Der Minibus ruckelt durch die Ausfahrt und biegt in die geteerte Hauptstraße ein. Hier sind schon viele Menschen unterwegs, die Ziegen vor sich hertreiben oder große Säcke auf den Schultern tragen. Überfüllte Matatus, Minibusse, halten an beliebigen Stellen, und noch mehr Menschen quetschen sich hinein. Der Tag hat bereits begonnen.
In unserem Bus herrscht Schweigen. Godfrey fummelt am Radio herum, obwohl er längst weiß, dass es nicht funktioniert. Er fährt eine gerade Straße entlang, die bis hinauf zum Rand der Savanne führt, eine riesige, leere Fläche, die sich auf einer Seite weithin ausdehnt. Auf der anderen säumen notdürftig errichtete Hütten die Straße, dazwischen kleine Maisfelder und immer wieder bunt gestrichene Kioske mit großen Werbetafeln von Telefongesellschaften.
Nach etwa zwanzig Minuten erreichen wir den Haupteingang zum Lewa Conservancy, einem 263 Quadratkilometer großen Wildreservat 270 Kilometer nördlich von Nairobi, das an Übervölkerung und Verkehr fast erstickt. Eine lange Reihe von Geländewagen schlängelt sich hinein, und am Straßenrand gehen viele Leute entlang. Wir reihen uns in die Wagenkolonne ein. Die Savanne breitet sich hier auf beiden Seiten aus, sie scheint die Welt zu beherrschen. Das ist die klassische afrikanische Landschaft. Trockene Steppe, nur vereinzelt sind dornige Akazien zu sehen.
Meine Mitreisenden hinten im Auto zeigen aufgeregt aus dem Fenster.
»Was ist?«, frage ich.
»Schau doch!«, sagt Godfrey und deutet zum Seitenfenster hinaus. Nur ein paar Schritte entfernt steht ein Elefant, still wie eine Statue.
»Ist der echt?«, fragt Philip und reckt den Kopf, um über meine Schulter schauen zu können.
Holpernd geht die Fahrt in der Staubwolke der anderen Fahrzeuge weiter. Der Elefant hat die Stimmung in unserem Minibus aufgehellt. Godfrey will uns motivieren und setzt zu einer Rede an.
»Okay, Leute, alle mal herhören. Jetzt geht’s zur Sache. Ich weiß, wir haben einen Sieger hier im Auto. Ihr alle habt hart trainiert, jetzt wird es ernst. Denkt daran: Das ist ein Marathon. Lauft am Anfang nicht zu schnell. Aber achtet immer darauf, den Anschluss zur Spitze des Feldes zu halten. Ihr wisst, dass ihr es schafft.«
Er bremst und hält an. Obwohl es noch nicht einmal sechs Uhr ist, haben sich schon Hunderte hinter dem Startband versammelt und müssen von den Sicherheitskräften zurückgehalten werden. Immer mehr Läufer in kurzen Laufhosen und Shirts, auf denen die Startnummer befestigt ist, strömen den Weg entlang zum Start. Bevor ich auch nur weiß, wie die Sache hier abläuft, sind alle schon ausgestiegen und verschwunden.
»Sie sind direkt zum Start gegangen«, erklärt Godfrey. »Du solltest dich ebenfalls beeilen.« Es ist schon warm, deshalb ziehe ich meinen Trainingsanzug aus und lasse ihn im Bus. Darunter trage ich mein gelbes Trikot. Meine Nummer, 22, ist mit Sicherheitsnadeln am Trikot befestigt. Auf dem Rücken prangen die Worte »Iten Town Harriers«.
Am Start herrscht dichtes Gedränge – mehr als tausend Läufer. In dem Gewimmel entdecke ich eine Gruppe mit gelben Trikots, der Rest meines Teams. Meine Frau Marietta und mein zweijähriger Sohn Ossian stehen auch dabei, während meine beiden Töchter das Rennen irgendwo vom Rand aus verfolgen. Marietta winkt mich heran, sie will unbedingt noch ein Foto machen.
Wir stellen uns eng zusammengedrängt auf. Godfrey will nicht aufs Bild, aber wir ziehen ihn einfach in die Gruppe. Ohne ihn wären wir schließlich jetzt gar nicht hier. Er stellt sich ganz nach hinten, sein Gesicht ist im Schatten des Hutes kaum zu erkennen.
»Okay, danke«, sagt Marietta, »und viel Glück!« Jetzt müssen wir an den Start gehen. Wir drücken uns gegenseitig die Hand, es gibt nichts mehr zu sagen. Das ist es! Jetzt wird sich zeigen, was monatelanges hartes Training gebracht hat. Vor uns liegen die wilden Ebenen Afrikas. Warten auf uns. Still und lauernd. Über uns knattern Hubschrauber. Der Mann mit dem Mikrofon sagt es zwar nicht, aber alle wissen, dass wir noch warten müssen, bis ein paar Löwen von der Strecke verschwunden sind. Die Hubschrauber schwirren im Tiefflug über die Tiere, um sie zu vertreiben. Die Wartezeit kommt uns schier endlos vor. Ich recke die Arme. 26 Meilen – rund 42 Kilometer. Aber das sind nur Zahlen. Immer nur ein Schritt. Immer nur ein Atemzug. Morgenhitze steigt aus dem stacheligen Gras auf. Von der Seite winken mir meine Kinder zu, breit lächelnde kleine Gesichter. Dann beginnen wir zu zählen. Fünf. Ich spüre, wie mich mein Atem mit Leben füllt. Vier. Die Läufer stellen ihre Uhren, gehen in Starthaltung. Drei. Zwei. Gleich geht’s los. Eins. Los!

 

1
In my mind I am a Kenyan.

 

NIKE-WERBESLOGAN DER ACHTZIGERJAHRE

 

Wir laufen durch wogendes Gras, sprinten auf die erste Ecke des Sportplatzes zu. Ich laufe in der Spitzengruppe, werde vom Wirbeln der Beine um mich herum vorangetrieben, vom schnellen Atmen meiner Klassenkameraden. Wir laufen zwischen den Torpfosten hindurch und drehen seitwärts ab, sodass wir dicht an der Mauer am hinteren Rand des Platzes entlanglaufen. Es ist stiller geworden; ich werfe einen Blick über die Schulter. Nur noch ein Junge läuft dicht hinter mir, die anderen sind zurückgefallen. Ich laufe weiter, die Luft dringt kalt in meine Lungen.
Wir verlassen das Schulgelände, laufen einen mit Kies bestreuten Weg entlang, der normalerweise außerhalb der uns erlaubten Zone ist. Es knirscht unter meinen Sohlen. Ein alter Mann schiebt sein Fahrrad zum Wegrand, um mir Platz zu machen. Ich folge der Markierung, jetzt wieder einen steilen Abhang hinunter zu den Sportplätzen zurück, wo sich das Ziel befindet. Ich komme lange vor den anderen an und warte in der Kälte, bis sie nacheinander eintreffen und sich hinter der Ziellinie erschöpft zu Boden sinken lassen. Ich beobachte sie, wie sie sich auf den Rücken rollen, hinknien. Ihre Gesichter sind rot. Ich empfinde eine eigenartige Freude. Es ist die erste Sportstunde in meiner neuen Schule, und wir waren zu einem Geländelauf hinausgeschickt worden. Ich war noch nie weiter als über einen Fußballplatz gelaufen und bin nun überrascht, wie leicht diese Übung für mich war.
»Er ist nicht mal außer Atem«, sagt mein Lehrer und führt mich den anderen als gutes Beispiel vor. Dann befiehlt er mir, die Hände unter die Achseln zu stecken, um sie warm zu halten, bis der Rest der Klasse eintrudelt.

 

Ein paar Jahre später, als Zwölfjähriger, unterbiete ich bei einem Sporttag den Schulrekord über 800 Meter, obwohl ein paar Jungen versuchen, mich am Start zu rempeln, damit ihr Freund das Rennen gewinnt. Fünf Minuten später laufe ich den 1500-Meter-Lauf und gewinne auch dieses Rennen. Mein Vater erahnt mein Talent und schlägt mir vor, in den örtlichen Leichtathletikverein einzutreten. Er sucht die Nummer aus dem Telefonbuch heraus, und ich höre ihn telefonieren und jemanden nach dem Weg fragen. Von diesem Augenblick an steht fest: Ich werde Läufer.

 

Alles beginnt an einem Abend ein paar Wochen später unter recht ungünstigen Vorzeichen. Ich ziehe meine Laufshorts und den Trainingsanzug an und gehe von unserem Wohnblock in Northampton über die Brücke zum nahe gelegenen Einkaufszentrum. Der Komplex ist um diese Zeit schon ziemlich menschenleer, nur ein paar späte Kunden kommen aus dem riesigen Tesco-Supermarkt. Ich überquere den Parkplatz und die Straße und komme zur nicht markierten Aschenbahn, wo sich die Läufer des Sportvereins Northampton Phoenix treffen. Es ist ein kalter Abend, und alle stehen dicht zusammengedrängt in dem kleinen Durchgang an der riesigen roten Ziegelsteinmauer. Innen sind die Flurwände blutrot gestrichen und mit anzüglichen Graffiti besprüht. Weiter hinten im Korridor befinden sich die Umkleideräume, von wo wir durch das Rauschen der Duschen Männergelächter hören. Am Eingang sitzt eine Frau hinter einem kleinen Tisch. Ich nenne meinen Namen.
Ich hatte mir vorgestellt, dass man mich direkt zur Laufbahn schicken würde, aber stattdessen werde ich zusammen mit einer Gruppe von Kindern in meinem Alter wieder über die Straße zur Lieferantenbucht des Einkaufszentrums gebracht, zu einem Stück überdachter Straße mit einer Reihe von Lieferrampen, deren Eingänge mit Rollläden verschlossen sind. Die Ölpfützen unzähliger LKWs bedecken den Asphalt. Ein Mann in Trainingssachen lässt uns immer wieder über die Straße sprinten, wobei wir auf beiden Seiten die Bordsteinkanten berühren müssen. Zwischen jedem Sprint müssen wir bestimmte Übungen machen, zum Beispiel Liegestütze oder Scherensprünge. Als ich auf dem Rücken auf dem kalten, harten Asphalt liege und gehorsam meine Aufwärmübungen mache, kommen mir starke Zweifel, ob ich hier überhaupt richtig bin. Hier geht es offenbar nicht ums Laufen. Ich hatte Gruppen leichtfüßiger Sportler erwartet, die geradezu über die Aschenbahn fliegen. Mein Dad muss da wohl etwas verwechselt und den falschen Verein angerufen haben.
Ich bin so sehr überzeugt, dass es sich nicht um einen Laufsportverein handeln könne, dass ich ein ganzes Jahr lang nicht mehr hingehe. Aber als ich dann doch zurückkehre, fragt man mich, ob ich zuerst im »Tunnel« trainieren oder lieber gleich auf die lange Laufstrecke wolle. Mit dem »Tunnel« ist vermutlich die Lieferantenbucht des Supermarkts gemeint. Ich entscheide mich für die Langstrecke und werde einer Gruppe von etwa vierzig Leuten zugeteilt. Das sieht schon eher nach Laufsport aus. Als wir über die kieselbestreuten Wege der Sozialwohnungssiedlungen im Osten Northamptons laufen, spüre ich zum ersten Mal, was es heißt, in einer Gruppe mitzulaufen. Der mühelose Bewegungsablauf der Beine, die an uns vorbeigleitenden Bäume, Häuser, Seen, die Menschen, die uns bereitwillig Platz machen. Die meisten anderen Läufer sind älter als ich und witzeln ständig miteinander, aber ich lasse mich still von der Gruppe ziehen und empfinde dabei sogar so etwas wie ein vages Zugehörigkeitsgefühl.
In den folgenden sechs Jahren werde ich zu einem engagierten Clubmitglied. Ich trainiere mindestens zweimal pro Woche, und an den meisten Wochenenden laufe ich Cross Country oder Bahn. Einen großen Teil meiner Jugendjahre verbringe ich mit Langstreckenläufen auf der Straße. Auch als ich mir die Haare wachsen lasse und in einer Band als Gitarrist mitspiele, trainiere ich weiter. Die anderen Läufer geben mir den Spitznamen Bono. Als ich ungefähr achtzehn bin, laufe ich eines Abends einer Gruppe meiner Klassenkameraden über den Weg, die aus einem Pub kommen. Wir sind gerade auf der letzten Meile eines Langstreckenlaufs und rennen mit voller Geschwindigkeit. Meine Schulfreunde starren mir ungläubig nach, als ich vorbeirase, und einer schreit mir verblüfft nach: »He, was soll das?«, während ich schon in der Ferne verschwinde.

 

Ungefähr Mitte der Achtzigerjahre werde ich zum ersten Mal auf die kenianischen Läufer aufmerksam, etwa zur selben Zeit, als ich dem Sportclub beitrete. Sie tauchen plötzlich in großer Zahl in der Welt des Laufsports auf, die zu diesem Zeitpunkt von Sportlern wie dem Briten Steve Cram und dem Marokkaner Said Aouita beherrscht wird. Ich bin ein großer Fan dieser beiden Erzrivalen – von dem langbeinigen Cram mit seinem majestätischen Laufstil und dem kleineren Aouita, der ständig Grimassen schneidet und die Schultern bewegt, aber über jede Distanz brilliert, vom kurzen, schnellen 800-Meter-Lauf bis hin zur 10 000-Meter-Strecke.
Aber schon bei den Olympischen Spielen von 1988 in Seoul wird alles von den Kenianern beherrscht. Mit einer einzigen Ausnahme räumen die kenianischen Männer bei sämtlichen Mittel- und Langstreckenläufen die Goldmedaillen ab. Am meisten beeindruckt mich ihr Laufstil. Bislang galt ein gleichmäßiger Lauf als effizienteste Methode, vor allem bei längeren Distanzen, und tatsächlich werden auch die meisten Rennen so gelaufen. Doch die Kenianer gehen viel unbeständiger vor. Immer jagen sie sofort los und werden dann plötzlich wieder langsamer, oder sie sprinten vom Start weg in einem irren Tempo davon. Ich liebe es, wenn die Sportreporter im Fernsehen vorhersagen, dass irgendein Kenianer auf der Bahn das Rennen viel zu schnell angehe, nur um dann verwirrt feststellen zu müssen, dass der Läufer plötzlich noch schneller wird.
Ich erinnere mich, wie ich an einem warmen Abend Mitte August 1993 in unserem Wohnzimmer in Northampton den 5000-Meter-Lauf bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Stuttgart am Fernseher verfolge. Meine Mutter kommt immer wieder herein, um mich zu überreden, doch in den Garten zu kommen. Tatsächlich ist es ein wunderbarer Abend, aber ich sitze wie gebannt vor dem Bildschirm. Vor dem Rennen gilt der Olympiasieger aus Marokko, Khalid Skah, als Favorit, aber die Kameras richten sich auch auf einen jungen Äthiopier namens Haile Gebrselassie, der im Jahr zuvor bei der Leichtathletik-Juniorenweltmeisterschaft den 5000- und den 10 000-Meter-Lauf gewonnen hatte. Die Läufer stehen nebeneinander an der Startlinie und blicken direkt in die Kamera. Sie lächeln nervös, als ihre Namen ausgerufen werden, und winken kurz.
Das Rennen beginnt mit fast mörderischer Geschwindigkeit. Ein afrikanischer Athlet nach dem anderen saust an die Spitze, sodass die Führungsgruppe aus einer ganzen Reihe von Afrikanern besteht. Skah, der es schon häufig mit den Kenianern aufgenommen und sie geschlagen hatte, folgt jedem Manöver und hält sich immer direkt hinter dem Führer. Rob Denmark, der einzige britische Läufer, fällt schon bald weit zurück.
Als noch sieben Runden zu laufen sind, findet der BBC-Kommentator Brendan Foster schon das bloße Zuschauen nervenaufreibend. »Das ist ein wahrhaft gnadenloses Rennen«, stöhnt er. Und wie auf dieses Stichwort hin stürmt plötzlich Ismael Kirui, ein junger Kenianer, an die Spitze. Nach einer Runde hat er seinen Vorsprung schon auf 50 Meter ausgedehnt. Foster hält diese Taktik für reinen Selbstmord. »Er ist erst 18 und hat praktisch keine internationale Erfahrung. Ich glaube, jetzt hat er sich einfach zu sehr mitreißen lassen.« Ich sitze wie gebannt und brülle wütend den Fernseher an, als die Übertragung kurz zum Speerwurf hinüberblendet. Als das Rennen wieder auf den Bildschirm kommt, liegt Kirui immer noch an der Spitze. Runde um Runde liefern ihm Skah und eine Gruppe von drei Äthiopiern ein Verfolgungsrennen, können aber den Abstand nicht verringern. Die Kamera zoomt auf Kiruis Augen, die geradeaus starren und in denen der wilde Ausdruck eines gejagten Beutetiers liegt. Und doch scheint er das Lauftempo noch zu erhöhen. »Dieses Rennen ist grausam«, kommentiert Foster.
Als die letzte Runde eingeläutet wird, liegt Kirui immer noch in Führung. Auf der Gegengeraden läuft er wie um sein Leben, aber auch die drei Äthiopier fliegen nur so dahin und verringern allmählich den Abstand. Etwa hundert Meter vor dem Ziel wirft Kirui einen Blick über die Schulter und sieht Gebrselassie, der deutlich aufgeholt hat. Für den Bruchteil einer Sekunde scheint alles stillzustehen. Das ist der Moment, wo es darum geht, ob Kirui triumphiert oder vernichtet wird. Entsetzt richtet er den Blick wieder nach vorn und ringt seinem erschöpften Körper noch mehr Leistung ab – irgendwie zwingt er seine müden Beine auf der Zielgeraden zum Endspurt. Kirui rast eine knappe halbe Sekunde vor Gebrselassie über die Ziellinie. Er hat es geschafft – er hat gewonnen. Erschöpft und ein wenig verwirrt absolviert er seine Ehrenrunde und schwenkt die
kenianische Fahne im Triumph über dem Kopf.
Am selben Abend laufe ich wieder meine Trainingsrunden mit den Leuten vom Sportclub. Ich versuche so wie Kirui zu laufen, starre unbeirrt geradeaus, laufe vom Start an, so schnell ich kann. Es wird zu einem der besten Trainings, die ich jemals gelaufen bin. Wenn man gleich nach dem Start sehr schnell läuft, muss man sich normalerweise ständig Sorgen machen, ob die Kraft später reicht. Die Vorahnung der Schmerzen, die kommen werden, spürt man im ganzen Körper. Und normalerweise bewirkt das, dass man langsamer wird. Deshalb muss man seine Laufstrategie entsprechend planen. Aber an diesem Abend ist mir das völlig egal. Ich will mich von solchen Ängsten befreien und so unbeschwert laufen wie ein Kenianer.
Wie sich bald herausstellt, ist dieser Abend, an dem ich nach Ismael Kiruis Sieg begeistert meine Trainingsrunden laufe, eine der letzten Trainingseinheiten in meinem Verein. Etwas mehr als einen Monat später packe ich mein Hab und Gut in das Auto meiner Eltern und fahre nach Liverpool, um mein Universitätsstudium aufzunehmen. Dort schließe ich mich zwar der Laufsportgruppe des College an, aber im Trubel des ungewohnten Lebens an der Universität trainiere ich nur noch in unregelmäßigen Abständen. Wie den meisten Studenten in meinem Alter eröffnet sich auch mir plötzlich eine neue Welt, in der alles möglich scheint. Laufen gehört nun irgendwie zu einem früheren Leben, auch wenn ich es nie völlig aufgebe.
Wie sehr mein Laufsport verkümmert, wird deutlich, wenn man meine Leistung bei der Britischen Universitätsmeisterschaft im Crosslauf in jenem Jahr betrachtet. Sie fand am Tag nach einem spontanen spätnächtlichen Trip nach Wales mit drei Freunden statt. Ich nehme den frühesten Bus nach Durham, wo die Meisterschaft stattfindet, aber ich bin zu kaum etwas fähig außer schlafen. Es grenzt an ein Wunder, dass ich die Strecke überhaupt durchstehe. Der Tag ist kalt und böig. Ich schnüre meine Spikes und durchlaufe die übliche Aufwärmroutine mit leichtem Joggen und Dehnübungen, aber kaum ist das Rennen angelaufen, als meine Füße auch schon im schweren Matsch versinken und meine Beine kampflos aufgeben. Ich jogge hinterher, völlig unfähig, mich zu größerer Geschwindigkeit anzutreiben, und komme als 280. Läufer ins Ziel. Ciaran Maguire, mein Freund und Rivale aus den alten Zeiten in Northampton, wird Zweiter. Es ist kaum ein paar Jahre her, dass wir fast das ganze Rennen bei der Crosslauf-Meisterschaft der Grafschaft Kopf an Kopf liefen, bis er sich kurz vor dem Ziel noch an mir vorbeischob. Und nun liegen fast 300 andere Läufer zwischen uns! Nach dem Rennen treffe ich mit ihm zusammen. »Du brauchst nur ein Jahr gutes Training, dann bist du wieder da«, sagt er tröstend. Ich nicke, aber tief im Innern weiß ich, dass das kaum möglich sein wird.
Im Lauf der Jahre habe ich viele kennengelernt, denen es ähnlich erging: ehemalige Läufer, die immer wieder mal ihre alten Laufschuhe aus dem Schrank holen und im Park ein paar Runden drehen in der vagen Hoffnung, sich beim Laufen wieder so zu fühlen wie früher. Vielleicht treten wir sogar einem örtlichen Langstrecken- oder gar Marathonclub bei, fest entschlossen, wieder in Form zu kommen. Aber immer kommt etwas dazwischen – das Leben, eine Verletzung, der Mangel an Disziplin –, und schon hören wir auf zu trainieren. Nur ein bisschen Glut glimmt weiter. Wir weigern uns, die alten, halb ausgelatschten Laufschuhe wegzuwerfen. Denn wir wissen, dass wir sie irgendwann einmal wieder brauchen werden, weil der Drang zu laufen eben doch wieder zurückkehren wird.
Doch sobald Kinder im Haus sind, wird es noch schwerer, Zeit fürs Training zu finden. Genauso war es auch bei mir – bis ich eines Tages einen Job als freiberuflicher Laufsport-Reporter beim Magazin Runner’s World ergattern konnte. Obwohl dieser Posten nicht viel Geld einbringt, gibt er mir doch das Gefühl, dass das Laufen nicht mehr nur der bloßen Selbstbestätigung dient oder Kindheitserinnerungen wachhält. Es ist jetzt Teil meiner Arbeit.

Laufbücher, die die Motivation steigern

Laufen ist eine wunderbare Sportart für alle, die in ihrem Leben durchstarten möchten. Die „Gebrauchsanweisung fürs Laufen“ von Jochen Schmidt bietet einen hervorragenden Einstieg. Insbesondere Leser, die gerade erst mit dem Laufen beginnen, profitieren von der Vielzahl der in diesem Buch enthaltenen Praxistipps. Das größte Hindernis für den sportlichen Erfolg beim Jogging ist nicht die körperliche Konstitution, sondern vielmehr der innere Schweinehund, den es zu überwinden gilt.

Auch  „Warum wir laufen“ von Ronald Reng setzt genau an dieser Stelle an. Der Autor sammelt in seinem Buch Aussagen und Geschichten verschiedener Läufer, die gefragt wurden, was sie antreibt. Die Statements dienen als hervorragende Motivation, endlich selbst die Laufschuhe anzuziehen und mit dem Training zu beginnen – ganz gleich, wie das Wetter ist oder welcher Film gerade im Fernsehen läuft.

Gebrauchsanweisung fürs Laufen
Vorfuß, Mittelfuß oder Ferse – welche Laufstile gibt es? Wann und wo läuft es sich am besten? Und was sagt die Familie zum Lieblingshobby? Jochen Schmidt, der im Schulsport eigentlich Angst vorm Ausdauertraining hatte, wurde dennoch vor über 25 Jahren zum passionierten Läufer. Heute joggt er im Wald und in Städten, am Strand und im Stadion, in Hochhaustreppenhäusern und auf dem Laufband. In seinem originellen wie ansteckenden Band erzählt er von persönlichen Rekorden und warum Laufen glücklich macht. Vom Kampf um das Idealgewicht ebenso wie von Achillessehnenreizungen und Hundebissen. Er berichtet von seinem Weg zum Marathon, schreibt über das Feilen an der perfekten Ausrüstung und verrät, was man von Karl May über das Joggen lernen kann.
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Warum wir laufenWarum wir laufenWarum wir laufen
Laufen ist der populärste Sport der Welt: Es wird gelaufen, seit Ärzte, Wissenschaftler und die Industrie das Laufen als Allheilmittel für Gesundheit und seelische Ausgeglichenheit preisen. Ronald Reng, als Jugendlicher enthusiastischer Mittelstreckenläufer, macht sich auf die Suche nach seinem eigenen, verlorenen Laufgefühl und der Antwort auf die eine Frage: Warum laufen wir? Er beschäftigt sich dabei mit Fersenentzündungen, Pulsuhren oder Runner´s High ebenso wie mit der eigenen Form. Und trifft dabei auf die verschiedensten Läufer: Gefangene, die unter Anleitung von Olympiasieger Dieter Baumann beim Laufen einmal die Woche innerlich frei sind. Oder eine Frau, die angefeindet wurde, als sie vor fünfzig Jahren als eine der ersten mit dem Laufen begann. Am Ende fügt Ronald Reng alle Geschichten zu einer Antwort zusammen: Darum laufen wir.
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Kilometer 0

 

Mit 13 lernte ich laufen, und schon nach den ersten Schritten beschloss ich, nie mehr stehen zu bleiben.

Meine Eltern hatten mich bei den lokalen Waldlaufmeisterschaften angemeldet. Ich zog die Laufschuhe meines Vaters an, Größe 46 und somit mindestens drei Nummern zu groß für mich, was mir das ziemlich 13-jährige Gefühl gab, plötzlich erwachsen zu sein. Die Laufstrecke führte uns einmal den Berg hinauf und dann den Berg hinunter, was sich als ideal für mich herausstellte: In dem Moment, als ich erschöpft war, konnte ich mich einfach den Berg hinunterrollen lassen. Im Bericht des Höchster Kreisblatts erschien ich mit falschem Vornamen, Roland. Ich strich den Roland mit Kugelschreiber und Lineal durch, fügte samt Asterisk »Ronald« an und hängte den Bericht an meine Pinnwand, wo bis dahin Urlaubssouvenirs wie die Verpackungen Schweizer Schokolade hingen. Ich vermute, dass es heutigen 13-Jährigen eher nicht mehr in den Sinn kommt, ihre Wände derart zu schmücken. Am nächsten Nachmittag lief ich alleine, ohne dass mich irgendwer dazu aufgefordert hätte, in den Feldern hinter unserem Haus los. Ich kann nicht genau festmachen, ob es an der Begeisterung für die Riesen-Laufschuhe meines Vaters lag, am Ehrgeiz, einmal meinen richtigen Namen in der Zeitung zu lesen, oder am Stolz, dass mich beim semi-bewusstlosen Hinunterrollen vom Berg niemand mehr überholt hatte: Ich war jetzt ein Läufer.

 

33 Jahre später brauche ich nur irgendwo in der Ferne einen Läufer zu sehen, und ich glaube sofort, einen Seelenverwandten zu erkennen. Geradezu zwanghaft taxiere ich jeden Läufer. Was für ein Tempo hat er drauf? Setzt er mit den Vorderfüßen auf? Hält er die Hände locker? Dieses reflexartige Durchchecken jeden Läufers scheint seit meinen Tagen als Wettkampfläufer in meinem Gehirn programmiert. Manchmal lehne ich mich dagegen auf: Mein Gott, es ist eine ganz gewöhnliche Joggerin, die dort drüben durch den Park trabt, eine 60-jährige Frau, was geht sie dich an, lass sie doch laufen! Aber die peinliche Wahrheit ist, dass ich besessen weiterschaue, auf jeden einzelnen Läufer.

Wenn sie die Arme ein klein wenig tiefer halten würde, ein klein bisschen enger am Körper, könnte sie ökonomischer laufen.

Sie dagegen hat einen kraftvollen Abdruck! Sicher eine Wettkampfläuferin, wie sauber sie die Unterschenkel nach hinten wirft, wie gerade sie die Füße aufsetzt, top, ich wette, eine 5000-Meter-Läuferin, kein Marathon, dazu läuft sie zu energisch, gewohnt, Tempo zu machen.

Aber, oh je, der Mann mit den roten New-Balance-Schuhen und diesem schmerzverzerrten Gesicht, wenn ich ihm einen Spiegel vorhalten könnte, er würde selbst verstehen, dass, wer das Gesicht beim Laufen so verzerrt, im gesamten Körper verkrampft.

Irgendwann, vor einigen Wochen, stellte ich mir dann die Frage: Und du, wie läufst du?

Gar nicht mehr.

 

In meiner Fantasie bin ich noch immer der junge Mittelstreckenläufer: In meinem Selbstverständnis bin ich immer ein Läufer geblieben. Einige Tage verdrängte ich die Erkenntnis, dass dieses Selbstbild nichts mehr mit der Realität zu tun hat. Aber wir leben in Bozen direkt an den Talferauen, der Laufstrecke der ganzen Stadt. Wirklich alle paar Minuten zieht ein Läufer vor unserem Küchenfenster vorbei – und plötzlich schien mir jeder vorbeihuschende Läufer zuzurufen: »Und du?«

Ich wandte mich vom Küchenfenster ab. Die Frage jedoch blieb: Warum hatte ich das Laufen bloß aufgegeben?

Natürlich kenne ich die Antworten: Familie, Arbeit, es sind dieselben Antworten, die Zehntausende geben, denen mit den Jahren eine Leidenschaft langsam, fast unbemerkt entglitten ist.

Zum Stillstand gekommen vor dem Küchenfenster, dachte ich weiter nach. Vor mir lagen die Auen mit ihren perfekten Laufwegen, flach, auf festem Erdboden, zwischen Wiesen und dem singenden Fluss, unter majestätischen Bäumen, die Reisende aus der ganzen Welt nach Bozen gebracht haben, Himalaja-Zedern, Affenrutschbäume, in dem milden Klima der Stadt wächst und gedeiht die Natur. Allein beim Blick auf die pittoreske Szenerie stellte sich das alte, vertraute Gefühl des Laufens wieder ein: die Einbildung, im Laufschritt fliegen zu können. Der gesamte Körper ist von Lebendigkeit und Leichtigkeit erfüllt, ich setze, aus schierem Übermut, mit dem Vorder- statt dem Hinterfuß auf, das verstärkt den Eindruck zu federn, bei jedem Schritt abzuheben, für einen langen Moment in der Luft zu sein.

Als jugendlicher Mittelstreckler absolvierte ich jeden zweiten Tag ein Intervalltraining auf der Tartanbahn in Frankfurt. An den Zwischentagen lief ich bei uns im Taunus durch den Wald, 10 bis 15 Kilometer, ein Tempo von 4:20 Minuten pro Kilometer, keine Anstrengung, einfach laufen lassen. Den Berg vor dem Rettershof, hinter dem streng riechenden Reitplatz, sprintete ich jedes Mal hoch, 30, 40 Sekunden im Sprint bergauf, den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt, die Schritte kürzer gesetzt. Oben angekommen lief ich, ohne zu verschnaufen, anstandslos im normalen Dauerlauftempo weiter. Nur mein Herz pochte etwas heftiger, lebhafter. Bei diesen Sprints den Berg am Reitplatz hinauf wusste ich besser denn je, was die Leute meinen, wenn sie sagen: vor Energie bersten. Vor Freude platzen.

Mit dem gemächlichen Laufschritt nach dem Berg-Sprint verfiel ich wieder ins Träumen. Manchmal erreichte ich nach 45 Minuten unser Haus und konnte nicht rekapitulieren, ob ich wirklich gelaufen war, so sehr war ich in Träumen abwesend gewesen. Meine Träume waren damals nicht sehr fantasiereich: Es ging darin nur darum, schneller zu laufen, als ich es konnte.

Schnell zu laufen war Teil der Faszination, dieses Gefühl, beim 1500-Meter-Lauf im Pulk mitzurollen, aber jederzeit das Tempo erhöhen zu können, aus der Kurve herauszuschießen, die Schritte länger zu ziehen, immer seltener den Boden berühren: schwerelos werden. Oft genug, und jedes Mal aufs Neue völlig verblüfft, merkte ich dann, aus der vorletzten Kurve herauskommend, dass die Beine mich nur noch zum Boden hinzogen.

Damals, mit 17, hätte ich wohl gesagt, die Schönheit des Laufens sei der Rausch der Geschwindigkeit. Heute weiß ich es besser: Laufen gab mir ein Gefühl von Wachheit wie sonst nichts im Leben. Körper und Geist funktionierten parallel auf Hochtouren. Ich lief, schwebte dabei in diesem fantastischen Zustand körperlicher Anstrengungslosigkeit, den man nur bei voller Fitness erlebt, und gleichzeitig strömten die Gedanken, blitzte der Geist.

Ich schrieb einen gesamten Roman beim Laufen. 2005 arbeitete ich an einer fiktiven Erzählung aus der Welt der Londoner Investmentbanker, als mir eines Abends beim Laufen im Park plötzlich das gesamte nächste Kapitel zuflog, solch eine Schärfe der Gedanken hatte ich noch nicht erlebt. Zu Hause, die Schweißperlen auf dem Vorderarm, kritzelte ich das gesamte Kapitel in einen Notizblock, der Schweiß tropfte und verschmierte ein paar Worte. Ich ging jeden Tag wieder laufen, um weiterschreiben zu können. Die letzten Kilometer rannte ich meistens, aus Angst, mir könnten die Romanideen wieder entgleiten. Ich halte jenes Buch, Fremdgänger, für mein bestes. Oder habe ich nur das Hochgefühl meiner damaligen Läufe, als die Gedanken blitzten, auf den Roman übertragen? Es hat sich von all meinen Büchern fast am schlechtesten verkauft.

Das muss das letzte Mal gewesen sein, als ich regelmäßig lief. 2005.

 

Vor meinem Küchenfenster laufen Kinder eine Runde durch die Auen. Sie trainieren mit ihrer Lehrerin für die Südtiroler Schulmeisterschaften. An der Brücke biegen sie ab und verwandeln sich für mich zu bunten Punkten hinter der Trauerweide mit ihren abwärtshängenden Ästen. Obwohl die grellen Kunststoffleibchen der Kinder nicht weiter von der natürlichen Pracht der Auen entfernt sein könnten, nehme ich die Schüler automatisch als Einheit mit der Landschaft wahr. Weil ich mich beim Laufen immer im Einklang mit der Natur glaubte. Laufen ist Wachheit, Abschalten, Gedankenströme, Träumen, Leichtigkeit, Geschwindigkeit, die Schönheit der Einsamkeit, die Euphorie des Gruppengefühls, die Frische danach. Laufen ist auch Leiden, Schmerz, Sucht, Verführung zum Extremen und vor allem der Irrsinn, dass man all diesen unangenehmen Erfahrungen etwas Erhabenes abgewinnt. Laufen ist für mich eines der schönsten Gefühle, die ich erlebte. Als ich, am Küchenfenster, bei dieser Erkenntnis angekommen bin, verändert sich die Frage zwangsläufig. Aus »Wie konnte ich dieses Gefühl aufgeben?« wird: Warum läufst du nicht wieder los?

 

Es sind fünf Tage vergangen, seit ich mir die Frage stellte. In der Zwischenzeit spielte ich mit unserer fünfjährigen Tochter in der Frühlingssonne an der Talfer Fangen, und jedes Mal, wenn ich losrennen sollte, um sie einzuholen, spürte ich, wie ich über einen inneren Widerstand hinweg musste, körperlich wie geistig: Meine Achillessehnen und Knie wollten nicht los, nicht raus aus dieser vertrauten Steifheit. Und mein Kopf wollte nicht wieder diesen Ruck, dieses Rumpeln ertragen, wenn sich der Körper in Bewegung setzt.

Will ich wirklich wieder laufen?

Ich ging mit unserem zehnjährigen Sohn Fußball spielen. Ich überwand das Rucken, das Rumpeln, ist der Körper in Bewegung, ging es mit dem Laufen eigentlich recht gut. Nach 20 Minuten spielte ich fast nur noch aus dem Stand. Mein Atem pfiff.

Will ich wirklich wieder …?

 

Ich habe nicht den Ehrgeiz, einen Marathon zu bestreiten oder ein ähnliches konkretes Laufziel zu erreichen. Ich jage auch nicht der ewigen Jugend hinterher und bilde mir ein, das Laufen könnte sie mir zurückbringen. Ich will einfach schauen, ob ich dieses schöne Gefühl vom Laufen wiederfinden kann, mit 46. Ich will möglichst genau herausfinden, warum Millionen das Laufen lieben, ganz gleich ob sie nun zweimal die Woche ein wenig traben oder ob sie Ultramarathons bestreiten. In den vergangenen Jahren staunte ich oft: Wer auf einmal alles lief! Der dicke Joschka Fischer, Vorstandsbosse, Schriftsteller, unsere Nachbarin, von der ich nicht gewusst hatte, dass sie anderes Schuhwerk als Stöckelschuhe besaß. Nur ich, der selbstdefinierte Läufer, lief nicht mehr.

Als ich in meiner Jugend um die Wette rannte, war Laufen ein Sport, den halt einige betrieben, so wie andere Tischtennis oder Schach. Heute ist Laufen ein Lebenselixier. Bei der Lektüre so mancher Laufbücher entsteht der Eindruck, es gebe kein Problem der Welt, das sich nicht mit Laufen lösen ließe. Laufen kille den Stress, Laufen schenke Ausgeglichenheit, Laufen mache schlanker, schöner, schlauer. Und manches davon stimmt wohl auch noch.

 

Ich bin selbst gespannt, ob ich am Ende wieder sechs Mal die Woche laufen werde oder gar nicht mehr, ob ich es bei Drei-Kilometer-Entspannungsläufen belasse oder wieder bei Wettkämpfen antreten werde. Wie weit werde ich wieder der Läufer, für den ich mich halte?

Meine Eltern waren Läufer, meine Schwester war Läuferin, jeden Nachmittag ging bei uns in Fischbach im Taunus einer nach dem anderen laufen. Immer verabschiedeten wir uns voneinander mit demselben Satz. Es waren nur vier beiläufige Worte, doch in keinem Moment waren wir uns näher. Der Satz versicherte uns, dass wir dieses Gefühl teilten.

Wir sagten, und ich möchte nichts weiter, als es wieder mit der alten Selbstverständlichkeit zu sagen: »Ich laufe dann los.«

Meine 5 goldenen Erfolgsregeln fürs Laufen

  • Abschreckung – Pinne ein unvorteilhaftes Bild von dir an den Kühlschrank!
  • Ziele setzen – einfach nur laufen ist doof!
  • Weniger ist mehr! Nicht zu viel auf einmal, sonst ist Frust vorprogrammiert!
  • Mitstreiter suchen, verabreden, Rituale schaffen!
  • Keine Ausreden

     von Stefan Seibold
Laufbücher für mehr Achtsamkeit

Achtsamkeit ist ein Trend, der auch vor dem Laufsport nicht Halt macht. „Lauf oder stirb“ erzählt Rekordläufer Kilian Jornet erzählt, wie er beim Laufen seine Grenzen weit hinter sich lassen konnte. Viele Läufer beschreiben ein einzigartiges Glücksgefühl, das sie beim Laufen überkommt: das sogenannte Läufer-High. Für andere bietet das Laufen in erster Linie einen Zugang zur Natur oder zum eigenen Körper. Moderne Laufbücher stellen den Laufsport in einen Kontext der Achtsamkeit und heben das Glücksgefühl sowie die körperlichen Vorteile des Laufens über den Drang nach sportlichen Höchstleistungen.

Blick ins Buch
The Track – Auf Umwegen zur ExtremläuferinThe Track – Auf Umwegen zur Extremläuferin
Ob 160 Kilometer im Himalaja oder 300 Kilometer in Oman, 520 Kilometer im Outback oder 870 Kilometer in den Pyrenäen: Weder Hitze noch Kälte, Einsamkeit noch Schmerz können Brigid Wefelnberg aufhalten. Seit sie sich mit 42 Jahren ohne professionelle Vorbereitung beim Marathon des Sables 250 Kilometer durch die Sahara gekämpft hat, ist Laufen ihre Passion. In jedem Winkel der Erde sucht sie nach immer neuen Herausforderungen und findet in den ärmeren Ländern sogar Zeit, sich neben der Strecke für die Bildung und Rechte der Kinder zu engagieren. Mitreißend erzählt die Extremläuferin, wie sie in der Mitte des Lebens eine neue Berufung fand und als alleinerziehende Mutter mit Vollzeitjob ihr Hobby bewältigt, ohne je den Fokus zu verlieren. Ein inspirierendes Plädoyer, wieder öfter zu Fuß und mit offenen Augen durch die Welt zu gehen.
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Vorlauf

Noch nie war ich so aufgeregt vor einem Lauf wie vor diesem – knapp achthundertsiebzig Kilometer über die Pyrenäen. Und das nonstop in vierhundert Stunden, rund sechzehn Tagen. Die TransPyrenea war die größte Herausforderung meiner Laufbahn. Ich war bestens vorbereitet und hatte ausnahmsweise sogar gezielt trainiert. Normalerweise mache ich keine Trainingspläne. Ich laufe einfach, weil es auch so begann: Eines Tages lief ich einfach los im Schwarzwald und dann immer länger, immer weiter, und auf einmal war ich im Extremsport gelandet. Das hatte ich mir nicht vorgenommen, es lief wie von selbst. Weil mich das Laufen glücklich macht; die Grenzen, die ich überwinde, die Natur, die ich durchquere. Es ist ein bisschen so, als würde ich die Landschaften durch die extremen Bedingungen noch intensiver erfahren.
Bei der TransPyrenea würde ich allerdings häufig auf mein GPS blicken müssen. Es gab keine klare Route, den Weg zum Ziel musste ich mir selbst erarbeiten. Allein das Kartenmaterial nahm ausgelegt zwanzig Meter ein. Ich konnte mich aber nicht darauf verlassen, ideale Wetterbedingungen zum Navigieren per Karte vorzufinden. Was machst du bei einem Sturm, bei peitschendem Regen in der Dunkelheit? Da hilft dir das beste Kartenmaterial keinen Schritt weiter. Also GPS, wie es mittlerweile bei manchen Läufen Pflicht ist. Gerade in der Wüste, umgeben von Dünen, die alle gleich aussehen, hängt das Leben nicht am seidenen Faden, sondern am Leitstrahl. Da überprüft man seine Ersatzbatterien nicht bloß dreimal, eher sechsmal.
Ich bin ja noch ein bisschen »old-school«. Nach Karte zu laufen macht einen zusätzlichen Reiz für mich aus. Keine Markierungen, keine Streckenposten, die mir die Richtung weisen. Diese unglaubliche Stille, lediglich durchbrochen von meinem Atem und den Füßen auf der Erde. Erde! Die kann so unterschiedlich sein. Manchmal hart, dann moosweich, glatt, geröllig, steil, sandig, gefährlich, glitschig, felsig. Zuweilen brauchen die Füße Unterstützung von den Händen; es gibt Passagen, die sind nur auf allen vieren zu bewältigen. Oder mit Beinen, die bis zu den Schenkeln im Matsch stecken. Vor allem in der Wüste braucht es stellenweise sogar kräftigen Armeinsatz, denn um die hohen Sandberge zu erklimmen, muss man die Hände mit ausgestreckten Fingern regelrecht in die Dünen hauen.

Pro Jahr absolviere ich drei bis vier große Läufe und zusätzlich den 24-Stunden-Lauf für Kinderrechte in Freiburg, bei dem ich im Schnitt einhundertvierzig Kilometer erreiche. Da meine Läufe so kräftezehrend sind, trainiere ich nicht täglich, zumal ich »nebenbei« noch Vollzeit berufstätig bin, denn ich leite das deutsche Büro einer indischen Softwarefirma. Am Wochenende bin ich zuweilen acht Stunden auf meinen Läuferinnenbeinen. Dieses Training bringt mir wirklich etwas. Eine Stunde joggen am Morgen, darauf verzichte ich, da ich sozusagen in einer anderen Dimension laufe. Das heißt allerdings nicht, dass ich werktags ruhe, ganz im Gegenteil: Alltagstraining hat einen hohen Stellenwert bei mir, jedoch nicht, um meine Fitness zu steigern, sondern um ein gewisses Grundlevel zu bewahren. So nutze ich jede Gelegenheit, um mich zu bewegen. Rolltreppen und Fahrstühle ignoriere ich aus Prinzip.
Neulich erlebte ich wieder einen Klassiker: In einem Hotel, in dem ich zu einem Meeting verabredet war, fragte ich am Empfang nach der Treppe. Ein livrierter Mitarbeiter geleitete mich zu den Fahrstühlen. Als ich abermals um den Weg zur Treppe bat, schaute er mich an, als sei ich ein bisschen merkwürdig. Immerhin lagen neun Stockwerke vor mir. Und ich hatte eine große Tasche dabei, auf die der Mann dann auch deutete, kummervoll geradezu. Was für mich eine Freude ist, hätte für ihn eine Strafe bedeutet.
Bei solchen Begegnungen grinse ich meist in mich hinein. Ich finde es meinerseits ein bisschen verrückt, wenn Leute, die sehr wohl die Gelegenheit dazu hätten, sich den ganzen Tag nicht bewegen, an ihrem Arbeitsplatz nur den Lift benutzen, mit dem Auto auch Kurzstrecken fahren, aber abends in der Muckibude sporteln. Das wäre für mich Zeitverschwendung; ich kann das doch alles miteinander verbinden.
Gerade die Bewegung draußen macht mir unglaublich viel Spaß. Was man da alles mitkriegt! Das hat eine völlig andere Erlebnisdichte als auf dem Laufband im Fitnessstudio. Ich glaube, dass viele Menschen gar nicht mehr darüber nachdenken, sie wählen automatisch den komfortabelsten Weg, als gäbe es keine Alternative. Dabei fängt das Abenteuer gerade dann an, wenn man die Komfortzone verlässt. Man muss einfach nur beginnen – womit auch immer. Dann verpasst man auch nichts, ganz im Sinne des Journalisten Norman Cousins: »Der Tod ist nicht der größte Verlust im Leben. Der größte Verlust ist das, was in uns stirbt, während wir leben.«

Ich habe keinen Führerschein und wohne ein Stück außerhalb von Freiburg. Wenn ich in die Stadt will, nehme ich nicht den bequemsten Weg – Bus, Fahrrad, kürzeste Gehstrecke –, sondern suche mir den schwierigsten aus. Auf der einen Seite den Hausberg Roßkopf hinauf, auf der anderen Seite hinunter nach Ebnet. Das dauert dann nicht zwanzig Minuten wie mit dem Bus, sondern hundertzwanzig. Dafür komme ich schwungvoll an. Laufen macht gute Laune.
»Und was machst du, wenn du verschwitzt bei einem Termin auftauchst?«, werde ich manchmal gefragt. Nun, so schnell komme ich nicht ins Schwitzen. Ich bin ja keine Sprinterin, sondern eine Langstreckenläuferin. Und außerdem gibt es Rucksäcke, in die man Wechselklamotten stecken kann, ebenso wie High Heels. Vor einer Besprechung tausche ich dann die Laufschuhe gegen die Riemchensandaletten. Zu empfehlen sind ferner strategisch verteilte Bekannte. In Freiburg und Umgebung habe ich mittlerweile eine Reihe von Duschmöglichkeiten, falls ich doch mal ins Schwitzen geraten sollte und danach ein Geschäftstermin ansteht.
Als ich mich vor rund zehn Jahren zum ersten Mal auf einen Extremlauf vorbereitete, lief ich jeden Tag eine Distanz meines Arbeitswegs, achtzehn Kilometer. Mal zu Fuß in die Arbeit, mal nach Hause, im Rucksack stets die Wechselklamotten. Neben dem Firmensitz befand sich eine Polizeidienststelle, dort durfte ich freundlicherweise duschen und mich umziehen. Fremdduschen ist witzig, normalerweise kommt man ja nicht auf die Idee, bei Fremden oder Bekannten zu fragen, ob man deren Bad benutzen könne. Selbstverständlich habe ich stets ein Handtuch dabei. So autark wie möglich, das ist mein Motto. Zur Not tun’s auch Feuchttücher oder Babywaschlappen, die haben sich selbst in der Wüste bewährt! Nicht jede Frau, die im Drogeriemarkt vor den Babypflegeprodukten steht, verwendet diese laut Herstellerangaben!

Es freut mich, wenn ich in meinen Alltag viel Bewegung integrieren kann. Sollte ich mal mehr zu tragen haben, umso besser, das erhöht den Trainingseffekt, denn bei meinen Läufen schleppe ich auch alles, was ich benötige, auf dem Rücken. Da gibt es keinen Service, der das Gepäck von Camp zu Camp fährt, ja, oft gibt es nicht mal ein Camp, weil ich mein Lager spontan aufschlage, wenn ich wirklich eine Pause brauche. Zwischen dem Gefühl, eine Pause zu benötigen, und dem Moment, in dem man wirklich eine Pause braucht, liegen manchmal Dutzende von Kilometern.
In Freiburg werde ich öfter von netten Leuten angesprochen, wenn ich schwer bepackt durch die Stadt laufe. Warum ich nicht mit dem Bus führe? Ob sie mich mit dem Auto mitnehmen sollen? Viele von ihnen verstehen nicht, dass man freiwillig den anstrengenden Weg wählt. Ich verstehe nicht, wie man freiwillig den einfachen Weg wählen kann, weil ich dabei so viel verpassen würde. Selbst wenn ich nur vom Büro zur Bank möchte, nutze ich diese Strecke, um fit zu bleiben. Wenn mein Chef aus Indien in Deutschland ist und wir uns bei einem Termin treffen, lacht er gutmütig. Den Bewegungsdrang seiner Mitarbeiterin findet er »amazing«. So wie man sich an die Komfortzone gewöhnt, kann man sich auch an die Pfade rechts und links daneben gewöhnen, zumal sie einen an wundervolle Orte führen, die man sonst niemals gesehen hätte, ob mit oder ohne GPS.

Hinter Ultra beginnt das Extrem
Bei der TransPyrenea gehört das GPS zur Pflichtausrüstung. Erst kurz zuvor waren einige Wanderer auf der Strecke GR 10, Grand Raid, die zu großen Teilen vor mir lag, abgestürzt. Das Gelände ist steil und gefährlich, der Weg nicht gesichert, man muss vielerorts mit Steinschlag und Gerölllawinen rechnen. Nein, das war kein Spaziergang und auch kein Marathon, das war ein Lauf der Extreme.
Laut Definition beträgt die Distanz eines klassischen Marathons 42,195 Kilometer. Alles darüber hinaus wird als Ultramarathon bezeichnet, meistens Strecken zwischen fünfzig und einhundertsechzig Kilometern. Hinter Ultra beginnt das Extrem. Da bin ich zu Hause. Und deshalb war das härteste Rennen der Welt wie für mich gemacht.
Zum ersten Mal fühlte ich mich auch richtig frei, denn seit Kurzem wohnte keine meiner beiden Töchter mehr bei mir. Das ist schon ein Unterschied, ob man seinen Rucksack unter den kritischen Blicken seiner Kinder packt: »Mama, wozu brauchst du ein Schlangenbissset?«, und sich immer wieder fragt: Bin ich verantwortungslos? Was ist, wenn mir etwas zustößt? Ich will meine Kinder nicht zu Halbwaisen machen! Aber letztlich hat man das nicht in der Hand. Es kann einem überall etwas zustoßen. Ich gehe kein unnötiges Risiko ein, aber von übertriebener Vorsicht halte ich nichts.
»Du schaffst das«, sagt mein Freund vor jedem Wettkampf zu mir, und er weiß, wovon er spricht. Jürgen ist Ultraläufer, am liebsten im Gebirge. Ich bin Typ Extrem, Ausrichtung Wüste. Mein letzter Wüstenlauf lag fünf Monate zurück, und ich spürte, dass ich nach der TransPyrenea unbedingt mal wieder in die Wüste sollte, Sehnsucht nach Sand! Aber eigentlich hatte ich mir einen gewissen Sandvorrat erlaufen. Die offizielle Distanz bei der Liwa Challenge durch die Wüste in den Vereinigten Arabischen Emiraten an der Grenze zu Saudi-Arabien hätte normalerweise zweihundert Kilometer betragen, nonstop. Aber wenn man an der falschen Düne abbiegt, werden daraus schnell zweihundertzwanzig Kilometer. Es hatte dennoch zum zweiten Platz gereicht, den ich in zweiundsiebzig Stunden und neunzehn Minuten erlief, über die höchsten Dünen der Welt!
Geschlafen habe ich bei diesem Rennen dreimal eineinhalb Stunden. So etwas begeistert mich immer wieder: zu welch unglaublichen Leistungen der Mensch fähig ist. Oft wissen wir selbst nicht, was in uns steckt! Erst wenn wir es wagen, die Komfortzone zu verlassen und die Distanzen zu erweitern, entdecken wir das Wunder im Gleichschritt von Körper, Geist und Seele. Und dabei muss man sich nicht kasteien, quälen oder ein spartanisches Leben führen. Es ist alles eine Sache des Willens. Es gibt eigentlich nur eine einzige Schwierigkeit: den ersten Schritt.

Blick ins Buch
Lauf oder stirbLauf oder stirbLauf oder stirb

Das Leben eines bedingungslosen Läufers

Er wuchs auf 2000 Metern Höhe in einer Berghütte zwischen Andorra und Frankreich auf, stand mit sechs Jahren zum ersten Mal auf einem Viertausender und durchquerte mit zehn die Pyrenäen der Länge nach. Lebendig und offenherzig berichtet Kilian Jornet von seiner beeindruckenden Karriere zum international gefeierten Laufstar: Wir begleiten ihn auf dem ersten 48-Stunden-Lauf, spüren die Atmosphäre beim Ultratrail auf den Montblanc und erfahren von seinem unglaublichen Rekord am Kilimandscharo. Der junge Sportler gibt Einblicke in seine Philosophie und erzählt von der Freude, die eigene Leistungsgrenze zu überwinden. Ein inspirierendes Buch für alle, die selbst leidenschaftlich gerne laufen und in den Bergen zu Hause sind.
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»Summits of My Life« - Kilian Jornets Lauf-Manifest

1. Niemand sagte uns, wer wir waren. Niemand befahl uns zu laufen. Niemand behauptete, dass es einfach sein würde. Irgendjemand meinte einmal: Wir sind, was wir träumen. Sobald wir aufhören zu träumen, sind wir nicht mehr lebendig.
Wir werden für unsere Träume kämpfen. Wir wollen unsere Leidenschaften leben und dabei nicht in die Fußstapfen anderer treten. Der Sinn des Lebens ist es, einen eigenen Weg zu finden und das zu tun, was uns glücklich macht; und trotz aller Schwierigkeiten nie aufzugeben.

2. Wir folgen unserem Instinkt, der uns ins Ungewisse führt.
Ein Risiko einzugehen ist kein Glücksspiel, wir entwickeln uns dadurch weiter und werden zu anderen Menschen. Wir können nur frei sein, wenn wir uns selbst treu bleiben und niemandem folgen. Wir treffen unsere eigenen Entscheidungen. Wir haben die Wahl, eine Familie zu gründen oder einen Berg zu besteigen. Wir tun das, was wir wollen. Auf dem Berg wählen wir selbst unsere Spur; wir entscheiden, ob wir in eine Schlucht hinabsteigen und welchen Gipfel wir erklimmen. Manchmal entscheiden wir uns richtig und manchmal falsch, aber immer und überall gehen wir dabei neue Wege.

3. Wir sehen nicht die Schwierigkeiten, die wir überwunden haben, sondern diejenigen, die vor uns liegen.
Wir lernen aus der Vergangenheit und nutzen diese Erfahrung, um mit Respekt und Ehrfurcht unsere Zukunft zu gestalten. Die Vergangenheit ist nicht das Leben, das wir gelebt haben. Was wir heute tun, gibt uns keine Sicherheit für morgen. Wir leben jeden Moment in der Gegenwart und blicken auf das, was vor uns liegt.

4. Es geht nicht darum, schneller, stärker oder größer zu sein. Es geht darum, man selbst zu sein.
Der Alpinist Walter Bonatti wollte erkunden, wie weit man bei extremen Verhältnissen gehen kann. Die Geschichte hat bewiesen, dass mit der richtigen Technologie alles möglich ist. Aber ist das wirklich sinnvoll? Wir sollten lernen, mit wenig auszukommen und nur das zu verbrauchen, was wir zum Leben benötigen, und uns an die Natur, an die Umwelt anpassen. Unsere Stärke liegt in unseren Füßen, unseren Beinen und unserem Körper, sie beginnt in unseren Köpfen.

5. Wir sind mehr als nur Läufer, Bergsteiger oder Skifahrer ... Wir sind mehr als nur Sportler – wir sind Menschen.
Geteilte Freude kann man doppelt genießen. Ein Gipfel ist nicht nur ein Punkt auf der Landkarte, ein Moment oder ein Rekord. Ein Gipfel ist all das, was wir mit den Menschen erlebt haben, die mit uns hinaufgestiegen sind oder am Fuß des Bergs auf uns gewartet haben. Diese Menschen, die wir lieben und bewundern, sind immer bei uns, selbst wenn sie nicht hier sind.

6. Wir sind auf der Suche nach Glück, auch wenn ungewiss ist, ob wir es jemals finden.
Versagen bedeutet, es nicht einmal versucht zu haben. Versagen heißt, sich nicht an jedem Schritt zu erfreuen. Versagen ist, nichts zu fühlen. Es wird wehtun, Rückschläge geben und das Ziel mitunter unerreichbar bleiben, aber solange wir unseren eigenen Weg wählen, können wir nicht versagen, auch wenn wir nicht am Ziel ankommen.

7. Einfachheit
Wir werden die Berge ohne fremde Hilfe in Demut durchstreifen und wollen sie nicht dominieren, denn wir wissen, dass sie stärker sind als wir. Sie weisen uns den richtigen Weg. Wir wollen mit unserer Umgebung, mit den Steinen, den Pflanzen, dem Eis und der Welt unter der Oberfläche verschmelzen. Mit allem, was vor uns existierte und lange nach uns weiter bestehen wird.

8. In der Stille
Wir wollen lautlos auftreten, unbemerkt, wir respektieren unsere Umwelt und hinterlassen nur ein paar Fußspuren, die der Wind wieder verweht. Das wahre Leben tragen wir in uns selbst, und nur in der Stille können wir erkennen, wer wir wirklich sind.

9. Verantwortung
Auf dem Berg wird uns keine rettende Hand entgegengestreckt, wenn wir in Gefahr geraten oder uns verirren, und es wird uns auch niemand zu unseren Erfolgen gratulieren. Auf dem Berg gibt es keine Heuchelei, denn die Berge sind ehrlich. Wir allein sind verantwortlich für unser Handeln, egal ob es gut oder schlecht ist.

10. Was wollen wir wirklich? Vielleicht leben?
Was ist das höchste Ziel unserer Unternehmungen? Unserer Abenteuer? Unseres Lebens? Ist es das Erreichen von Zielen oder der Weg dorthin? Ist es das Erreichen des Horizonts oder die Entdeckung der Landschaften, die wir durchqueren, um dorthin zu gelangen? Ist das Ziel des Lebens dessen Ende oder sind es vielmehr unsere Emotionen und Gefühle währenddessen? Wir Menschen bestehen aus Träumen, Emotionen und Gefühlen.

Kilian Jornet, Dezember 2012

Der englische Text »The ›Summits of My Life‹ List of Values« kann auf der Webseite von Kilian Jornet nachgelesen werden: www.summitsofmylife.com