Karlas Kolumne Mai
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Dienstag, 26. Mai 2015 von Karla


Alles neu macht der Mai – #Vorschaufieber

Neben der Premiere dieser Kolumne ergibt der passende Titel dazu auch in der Literaturbranche Sinn: Es erscheinen die ersten Vorschauen für das Herbst-/Winterprogramm, und täglich flattern neue Verlagskataloge in den Briefkasten. Ähnlich der Modebranche, ist man den Lesern nämlich stets mindestens ein halbes Jahr voraus. So lesen sich aktuell Buchhändler, Journalisten und Blogger bereits gierig durch die Veröffentlichungen für die kalte Zeit, während der durchschnittliche Leser gerade erst die passende Lektüre für die wärmer werdenden Tage auf Balkonien plant.

Selbst nach über zehn Jahren in der Branche, verursacht dieser ständige Kreislauf bei mir Gänsehaut und eine wohlige Vorfreude auf all das, was da nach jahrelanger Planung, Recherche, Schreibarbeit, nach Lektorat und Korrektorat, nach Übersetzung und Herstellung sowie vielen weiteren Stationen bei Autor, Agentur und Verlag endlich das Licht der Literaturwelt erblickt. Ich nehme mir extra viel Zeit für die Vorschauen, meist sogar mehrere Wochenenden, blättere sie in aller Ruhe durch, mache mir Notizen und klebe Post-Its ein wie vielleicht andere Frauen in Modekataloge (Liebe Jugend – nur zur Erklärung: once upon a time bekam man als Kunde so etwas wie ausgedruckte Zalando-Bücher ins Haus geschickt und diese nannten sich z.B. Otto- oder Quelle-Katalog!).

Im Idealfall schicke ich den Verlagen gleich Anfragen für Rezensionsexemplare oder meiner Lieblingsbuchhändlerin Vorbestelltweets. Es ist für mich ein ganz besonderes Gefühl, dass ich, ähnlich wie früher auf Weihnachten, nun Wochen oder Monate auf dieses eine (ja, hm, wenn es nur eins wäre) Buch warten muss  bzw. darf – wo man sich ja sonst inzwischen eigentlich fast jeden Wunsch schnell und unkompliziert erfüllen kann. Es gibt in den Vorschauen neue und vielversprechende AutorInnen und so etwas wie alte Liebhaber – Schriftsteller, die man seit Jahren über viele Romane begleitet und die man deswegen schon fast wie gute Freunde zu kennen glaubt. Mir lässt die Vorankündigung auf ihre neuen Bücher Glückshormone durch die Adern schießen. Endlich wieder diesen speziellen Stil genießen, in dessen Welt abtauchen, seine bzw. ihre Gedanken durch den Kopf gehen lassen – dieses Gefühl können wohl nur andere Bibliophile nachvollziehen.

Die Vorschauen sind bunt, vielseitig und – sind wir mal ehrlich – ein reines Lügenmärchen! Die Verlage versprechen der Leserschaft und den Buchhandlungen hier riesige und speziell auf die Titel zugeschnittene Marketingkampagnen, und selbstverständlich ist absolut jede der knapp 90.000 Neuerscheinungen pro Jahr der absolute Bestseller – nein, sogar der Spitzentitel, sowie qualitativ und unterhaltsam sowieso nicht zu überbieten! Die AutorInnen werden extra alle hübsch (Liebesroman, bitte freundlicher Schwiegertochtertyp neben blühendem Apfelbaum), cool (Thrillerautor – hier besonders eisig kucken und im Idealfall in einer düsteren Unterführung fotografieren) oder erfahren (Biographie, Schwarz-Weiß-Fotografie mit Falten – der Autor soll doch bitte ernst zu nehmen sein und deutlich sichtbar etwas erlebt haben) hingephotoshoppt und von der Marketingabteilung im direkten Austausch mit dem Vertrieb („Nein, das kann der Handel nur exakt SO und wirklich nur SO bei der Zielgruppe verkaufen und bitte gerne ja doch noch einen niedlichen Welpen neben den neuen Chicklit-Roman platzieren!“) auf bunten Seiten mit noch bunteren Empfehlungen gemixt. Plakatwände, Kinowerbung, Interviews bei Jauch und Maischberger sowie digitale Aufmerksamkeitskampagnen mit mehreren Trilliarden Kontakten sind da schon das Mindeste – wer würde denn ein Buch heutzutage schon nur wegen dem Inhalt kaufen?

Aber glücklicherweise sind die Leser nur in den seltensten Fällen tatsächlich so blöd ... äh ... käuflich und erwählen sich in jedem Jahr stets auch Lieblingsbücher, die kaum bis gar keinen Platz in der Werbeschlacht gefunden haben. Lässt sich der Bestseller nun leider oder glücklicherweise kaum planen? Verdammt, so flüstert man sich dann auf den Verlagsfluren zu, damit hat ja nun keiner gerechnet, warum denn ausgerechnet dieses Genre, dieser Autor oder diese Autorin, dieser Verlag und nicht wir, wo doch die Kooperation mit der Liebesromanautorin und der Tamponfirma so großartig angelaufen ist. (Anmerkung der Kolumnistin: Marketingidee sichern lassen, bevor der Hamburger Verlag die o.b.-Kollektion von Jojo Moyes herausbringt.) Ich liebe diesen Zirkus, sowohl von Verlags- als auch von Leserseite, und ab und zu falle ich selbst noch auf besonders geschickt geschriebene Klappentexte rein, die dann vielleicht manchmal gar wenig mit dem eigentlichen Inhalt zu tun haben – geschweige denn das Cover dazu. Aber: das ist ein neues Thema für eine neue Kolumne.

Ich gehe jetzt weiter stöbern und muss gleichzeitig auch mal meine Bücherregale für neue Schätze freiräumen. Wir rechnen uns das kurz durch: Allein in den Programmen von Piper, Pendo & Berlin Verlag habe ich nun (und ich habe mich wirklich zusammengerissen, ganz ehrlich – Selbstdisziplin pur) schon fünfzehn neue Must-Have-Unbedingt-Lesen-Titel für den Herbst gefunden: Der Preis für das Lieblingscover der Saison geht definitiv an Katharina Hartwells »Der Dieb in der Nacht«, deren Vorgänger »Das Fremde Meer« bereits großartig zu begeistern wusste. Vom nordischen Autor Maarten’t Hart liebte ich schon »Das Wüten der ganzen Welt« und ebenso lohnt sich seine Biografie »Das Paradies liegt hinter mir« – jetzt erscheint mit »Magdalena« ein Roman über seine Mutter. Der Niederländer Hart ist ein wunderbarer Erzähler und selbst die schlimmsten Geschehnisse weiß er so zu umschreiben, dass er den Leser stets immer tiefer in den Text zieht.

Ella Woodward kenne ich bereits über ihr Blog und Instagram. Dort kocht sie bunt und sympathisch vegane Rezepte und hat diese in ihrem Buch »Deliciously Ella« versammelt. Auch an James Salter werde ich nicht vorbeikommen, da seine »Tagebücher« veröffentlicht werden und ich eine geradezu unanständige Leidenschaft für Metalektüre rund um das Schriftstellerdasein hege.

John Boyne kennt ihr wahrscheinlich, weil er den Roman »Der Junge im gestreiften Pyjama« geschrieben hat – dieser internationale Bestseller wurde sogar verfilmt. Allerdings hat der Autor weit mehr zu bieten, und wer ihm wie ich auf Facebook folgt, der schätzt ihn auch aufgrund seiner offenen und herzlichen Postings rund um das Autorendasein. Im Oktober erscheint endlich sein neuer Roman »Die Geschichte der Einsamkeit« und ich befürchte hier erneut literaturbegleitenden Herzschmerz ...

Jetzt habe ich noch knapp 150-200 bereits ausgewählte Verlage vor mir (allein Random House hat fast 50 Unterverlage).

Das ergibt summasumarum zu wenig Lesezeit, zu wenige freie Regalmeter und die direkte Gehaltsüberweisung an die Lieblingsbuchhändlerin.

Mein Name ist Karla und ich habe ein jahreszeitenbedingtes Vorschaufieber-Problem ... 

 

Wer mitstöbern möchte – gute Übersichten gibt es hier (Börsenblatt) oder hier (Random House).

Die Piper Vorschauen findet ihr natürlich hier.

Generell kann man sich über tolle Neuerscheinungen auch stets hier informieren (neuebuecher.de)


Über Karla Paul

Karla Paul ist am Welttag des Buches geboren, seit mehr als einem Jahrzehnt literarisch im Netz aktiv und erreicht über ihre Onlinekanäle über 60.000 Leser. Sie bloggt auf Buchkolumne.de, empfiehlt Bücher in der ARD und ist als nordisches Deichkind mit ihrem Zamperl Chilli entweder in Hamburg oder auf Literaturveranstaltungen wie der Buchmesse zu finden. Seit Mai 2015 schreibt sie für den Piper Verlag eine monatliche Kolumne rund um die Literaturbranche.

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Kommentare

1. "..........Vorschaufieber"
Gisela Ritz am 04.06.2015

Hallo Karla,
gratuliere zum "Traumjob" bei Piper!!!!!!!!!!
Hast du mich da beschrieben?(und lacht) Mir ging es wirklich genauso!
Für mich war die schönste Zeit im Buchhandel, wenn die Vorschauen und die Pakete mit den Leseexemplaren kamen.Sogar die Urlaube wurden danach festgelegt, in dieser Zeit wurde von niemanden Urlaub genommen!! Bei den Leseexemplaren musste man bei uns damals immer sehr schnell sein, denn jeder wollte ja was tolles zu lesen haben. Der Postbote/ Paketmann wurde meistens schon an der Türe begrüßt und wunderte sich über unser großes Interesse an den Paketen. Meistens hatten wir Glück und unser Chef verschwand nicht mit den Paketen in den Keller und packte aus und ein.
Für die Vorschauen interessierte sich zunächst außer mir niemand, da hatte ich Glück! So habe ich fast ALLE nach Hause geschleppt und fein säuberlich durchgelesen, immer meine Zahlen (Vorschläge für den Einkauf) und Notizen sichtbar drangeheftet. Meine persönliche Wunschliste wurde dabei länger und länger... Zu den Vertreterbesuchen hatte ich alle Vorschauen durchgearbeitet (ich durfte damals cpl. den Kinderbuchbereich und cpl. die Taschenbuch-Bestellungen Kinder/Erwachsene selbständig bestellen) und wußte genau, welche Bücher ich bestellen wollte und welche Aktion sich für uns lohnte. Meine Kunden waren mir immer sehr dankbar, wenn ich Ihnen sagen konnte: " bald kommt auch wieder ein neuer "..xy......" raus."
Meine Neugierde auf neue Vorschauen und Leseexemplaren ist unersättlich und all die Jahre geblieben. Wie stolz war ich, das ich nach meiner Buchhandels-Zeit (mein Chef machte aus Altersgründen 2008 zu) für meineWeltbild Filiale (ich war Filialleiter dort) in Aachen Vorschauen und Leseexemplare vom Piper Verlag bekommen habe. Meine Mitarbeiter hatte ich ALLE mit meiner Begeisterung anstecken können. Es machte Spaß sie zu beobachten wenn die Pakete kamen, denn sie durchwühlten die Vorschauen sofort. Leider wurde auch unsere Filiale jetzt im Februar 2015 aufgrund der Insolvenz von Weltbild geschlossen.
JETZT muß ich mich leider durchs Internet quälen um mich zu informieren. Denn es gibt nichts schöneres als einen Verlagskatalog den man in den Händen halten kann und überall lesen kann.

Mein Lieblingsverlag war und wird immer der Piper Verlag sein, daher "TRAUMJOB"!!
Nur leider wäre der Arbeitsweg für mich leider etwas zu weit .......

Deine Kolumne gefällt mit sehr, ich freue mich jetzt schon auf die nächste. Evtl. haben wir ja wieder etwas gemeinsam?

Liebe Grüße aus Aachen
G. Ritz

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