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Karlas Buchkolumne 1

Donnerstag, 21. Januar 2016 von Karla


Literatur ist mein Schlaraffenland

Der Jahresanfang bringt nachweihnachtlichen Hüftspeck, von Familientreffen geplagte Nerven und vor allen Dingen die berühmten Neujahrsvorsätze mit sich. Schöner, schlauer, schneller, weiter – jetzt aber endlich und das sofort und in einem Jahr bin ich ein neuer Mensch. Selbstoptimierung ist das passende Schlagwort und auch der Buchmarkt bietet schier unfassbares Material für ein besseres Ich. Wir wollen mit Ella Superfood kochen, endlich den perfekten Partner finden und mit der Hilfe von Jan Becker einfach alles erreichen. Aber sind wir so, wie wir sind, wirklich falsch und wann ist das Ziel eigentlich endlich erreicht? Wann sind wir perfekt und gut genug für all die Frauenzeitschriften, Lifestyleshows und Managementmagazine?

Auch im Literaturbereich gibt es solche Vorsätze – sie werden gemeinhin auf Blogs und in Foren als Challenges verpackt: alle wollen mehr lesen, schneller lesen, mehr neue/alte/klassische/fremdsprachige/dicke/dünne Bücher lesen, den SUB (Stapel ungelesener Bücher, haha, wenn es doch nur ein Stapel wäre) abbauen und überhaupt muss doch irgendwie mit der nun neuen Motivation den fast 100.000 jährlichen Neuerscheinungen beizukommen sein. Zudem soll jedes brav gelesene Buch gefälligst auch rezensiert und verbloggt werden und habt Ihr auch ordentlich alle Lieblingszitate bei Goodreads eingetragen sowie sämtliche Vorschauen durchgesehen?  Dazu kommen noch die Clickbaiting-Artikel der Literaturmagazine mit den 99 Must Reads der Saison sowie Marketingkampagnen von Verlagen, die ganz klar beweisen/suggerieren: hast Du dieses oder jenes und erst recht das hier nicht gelesen, bist Du sowas von 2015!

Laut der BBC las Agatha Christie jährlich 200 Bücher und Theodore Roosevelt jeden Tag eins und die haben nebenbei noch Weltkarriere bzw. Weltkriege gemacht und ich, warum schaffe ich das nicht? Ich lese und lese und lese wirklich viel und jederzeit und trotzdem ist kein Nachkommen und manchmal sieht man sich als Literaturbloggerin schon erschlagen von Vorschauen und Neuerscheinungen zwischen den Regalen und mit letzter Kraft auf LovelyBooks den Lesestatus aktualisieren.

Stop! Ich liebe Bücher vor allen Dingen deswegen, weil sie immer richtig sind – sie für mich und ich für sie. Sie stellen keine besonderen Anforderungen an mich als Leserin und warten geduldig auf unsere gemeinsame Zeit. Egal wie dick, dünn, groß oder klein ich gerade bin, egal wie gut oder schlecht gelaunt - im Gegensatz zu Klamottenläden finde ich in der Buchhandlung immer etwas (meist dezent mehr als nur „etwas“, aber das ist ein anderes Thema für eine andere Kolumne). Ich muss mich für das Lesen nicht anziehen, nicht schminken, nicht mal die Haare waschen und ich darf sogar ganz muckelig mitten drin einschlafen. Literatur ist meine Zeit- und Reisemaschine, die ich jederzeit nutzen kann – aber eben nicht muss.

Die Literatur ist also mein Glück, das lasse ich mir nicht nehmen. Ich lese viel, ich lese gern, ich lese mit vollem Herzen. Ich lese Liebesromane, Historisches, spannende Krimis und beeindruckende Biografien, politische Klassiker sowie fantastische Schmöker. Ich passe die Literatur meinem Leben an und nicht umgekehrt. Ich lese, also bin ich – Literatur bedeutet für mich auch nach Jahrzehnten als Leserin Genuß und dieser hat nichts mit Verpflichtungen zu tun. Ich will nicht darüber nachdenken, welche Bäume für meine gebundene Sonderausgabe geschlachtet wurden, wie viel Strom mein E-Reader verbraucht oder ob Literaturkritiker meine aktuelle Lektüre für besonders wertvoll erachten.

Ich muss meine Miete bezahlen und mich dafür im Job ordentlich betragen. Ich muss täglich soziale Interaktionen vollziehen und mich für ein erträgliches Miteinander duschen, schminken, anziehen. Ich muss mich theoretisch und praktisch mit gesellschaftlichen Problemen auseinandersetzen, damit wir alle möglichst friedlich und sinnvoll auf diesem Planeten leben können. Mein Beitrag dazu ist bisher eher überschaubar, aber wenigstens gab es meinetwegen keine größeren Schäden und das ist vielleicht auch schon was wert.

Das sind alles Pflichten, die ich nachvollziehen kann und ihnen brav nachkomme.

Aber wann ich was und wie viel lese, das soll von all dem Perfektionswahnsinn unberührt bleiben – Literatur ist mein Schlaraffenland und das steht unter Naturschutz! Sämtliche Vorsätze werden also in diesem Jahr über Bord geworfen und einfach das gelesen, was auf den Nachttisch kommt. Außer, halt, eine Ausnahme: ich will endlich wieder MEHR am MEER lesen!


Wie geht Euch das – habt Ihr Literaturvorsätze für das neue Jahr? Ist das für Euch Stress oder stets frische Motivation? Hilft Euch da die Unterstützung der anderen Teilnehmer oder setzt sie eher unter Druck? 

Zerlesene Grüße,

Eure Karla


Über Karla Paul

Karla Paul ist am Welttag des Buches geboren, seit mehr als einem Jahrzehnt literarisch im Netz aktiv.

Kommentare

1. Wir dürfen die Lust am Lesen keinem Zeitplan opfern!
Sarah Richert am 22.01.2016

Liebe Karla,
Du sprichst mir aus der Seele! Auch mein(e) SUB lassen sich gar nicht so schnell abarbeiten, wie sie wieder mit frisch Gedrucktem aufgefüllt werden - aber genau bei "abarbeiten" liegt der Hase ja im Pfeffer. Ein solches Wort sollte im Zusammenhang mit einer mußeerfüllten Tätigkeit wie dem Lesen eben gar nicht erst in Verbindung gebracht werden... An Deinen wunderbaren Satz "Ich passe die Literatur meinem Leben an und nicht umgekehrt" werde ich mich hoffentlich jedes Mal erinnern, wenn mich der Gedanke ereilt, noch x Bücher lesen zu "müssen", weil sie meinem eigenen Zeitplan nach bis zur nächsten Woche rezensiert sein sollen oder andere äußere Umstände dafür sprechen - nicht jedoch die genuine Lust auf das Buch.
Liebe Grüße,
Sarah

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