Jugendbuch Fantasy Romantik
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S. Jae-Jones über die Entstehung von »Wintersong«

S. Jae-Jones legt mit »Wintersong« ihr Debüt vor, dass in den USA auf Platz 3 in die New-York-Times-­Bestsellerliste einstieg.


Die Autorin erzählt uns die Entstehungsgeschichte zu ihrem Roman und erklärt ihre Faszination für die deutsche Sprache und den Mythos um den Erlkönig.

Jedes Buch hat einen Anfang. Dies ist der von »Wintersong«.

Stell dir vor, jemand sagt diesen Satz mit der Stimme eines Filmtrailer-Typen.
Um ehrlich zu sein ist die Entstehungsgeschichte von »Wintersong« weder schicksalsträchtig, bedeutungsvoll, schön oder bewegend. Ich bin keine Stephenie Meyer; ich kann nicht behaupten, dass mir eine Idee oder eine Szene vollständig ausgereift im Traum erschienen ist. Ich bin keine J. K. Rowling mit einer Aschenputtel-Geschichte von einer Frau, die sprichwörtlich vom Tellerwäscher zum Millionär wurde, nachdem sie die Anfänge von »Harry Potter« auf Taschentücher kritzelte. Meine Geschichte sieht so aus:
Im November 2013 entschied ich mich dazu, für den NaNoWriMo »50 Shades of Labyrinth« zu schreiben. Der Rest ist Geschichte.

Vielleicht sollte ich es noch mal versuchen. Vielleicht sollte ich tiefer graben, die Lichtquellen der Inspiration festhalten und eine Szenerie entwerfen, die aus einem Buch stammen könnte.
Ich sah ein Mädchen unter der Erde. Ich hörte eine Stimme, eine Violine. Und ich spürte eine Präsenz, den Herrn des Unheils. Der Rest ist Geschichte.
Diese Version meiner Entstehungsgeschichte ist gleichzeitig wahr und unwahr. Sie ist eher poetisch als prosaisch, sie ordnet die Grammatik meiner Gedanken neu und macht sie zu etwas Lyrischerem, als es die Momente tatsächlich waren.

Wo beginnt eine Geschichte? Wenn ich mich zum Schreiben an meinen Tisch setze, weiß ich immer, wo die Geschichte beginnt. Ich kenne den exakten Moment der Veränderung, an dem die Erzählung einsetzt, ich kenne die ersten Zeilen. Es ist der einzige Teil des Schreibens, bei dem ich mir immer sicher bin, der Teil, der sich nie verändert. (Ironischerweise wurde der Anfang von »Wintersong« verändert. Oder genauer gesagt wurde etwas hinzugefügt. Meine Lektorin bat mich, einen Prolog einzubauen.) Und trotzdem weiß ich nicht weiter, wenn ich versuche, den »Ausschlaggebenden Moment für das Schreiben von ›Wintersong‹« zu finden.
Oder vielleicht auch doch.

Es ist Oktober 2013. Ich habe mich mit einer Nacherzählung von »Die Zauberflöte« abgemüht. Es ist meine Lieblingsoper von Mozart und ich wollte sie schon immer auf meine eigene Art erzählen. Ich habe 60.000 Wörter, doch sie sind alle leblos. Die Figuren bewegen sich nach einem routinierten Muster, das Setting ist vage und undeutlich. Die Geschichte atmet nicht, bewegt sich nicht und singt nicht. Sie ist leblos, und ich weiß es, und meine Freunde und Testleser wissen es, obwohl sie es nicht geradeheraus sagen.
Ich gehe einer Brotarbeit nach, die meine Seele auszulaugen scheint, und mein einziger Trost dort ist, dass ich Zeit zum Schreiben habe. Ich arbeite fleißig an meiner »Zauberflöte«-Nacherzählung, aber mein Interesse schwindet. Das einzige, was mich zum Weitermachen animiert, sind meine Autorenfreunde und dieser verlockende kleine Keim einer Idee, der mich nicht mehr loslässt.
Ich schicke meiner Freundin eine E-Mail mit einer Zusammenfassung. Und sie antwortet. Sie sagt mir, was ich hören muss, und gibt mir die Erlaubnis zum Fortfahren. Und der Rest ist Geschichte.

Blick ins Buch
WintersongWintersong

Roman

An jenem Tag, an dem das alte Jahr stirbt und die Grenze zwischen den Reichen der Kobolde und der Menschen verwischt, wandelt der Erlkönig durch die Welt der Sterblichen, auf der Suche nach einer Braut. Diese muss ihm in sein Reich unter der Erde folgen, den König ehelichen und sterben – denn nur durch ihren Tod wird die Wiedergeburt des neuen Jahres gewährleistet.Seit ihrer Kindheit kennt die 18-jährige Liesl die Sage um den unheimlichen, faszinierenden Erlkönig. Als ein mysteriöser Fremder auftaucht und Liesls Schwester entführt, weiß Liesl: Nur sie kann ihre Schwester noch aus den Fängen des Erlkönigs befreien, indem sie ihm in sein Reich folgt und ihn anstelle ihrer Schwester selbst heiratet. Doch wer ist dieser geheimnisvolle Mann? Während Liesl noch versucht, ihre Gefühle zu verstehen, arbeiten die alten Gesetze der Unterwelt bereits gegen sie ...

Ouvertüre


Es war einmal ein kleines Mädchen, das seine Musik für einen kleinen Jungen in den Wäldern spielte. Sie war klein und dunkelhaarig, er hingegen groß und blond, und die beiden gaben ein schönes Paar ab, wenn sie miteinander tanzten. Wenn sie zu der Musik tanzten, die das Mädchen in seinem Kopf hörte.
Ihre Großmutter hatte es vor den Wölfen gewarnt, die diese Wälder durchstreiften. Doch das kleine Mädchen wusste, dass ihm von dem kleinen Jungen keine Gefahr drohte, obwohl er der König der Kobolde war.
Willst du mich heiraten, Elisabeth?, fragte der kleine Junge, und das kleine Mädchen wunderte sich nicht darüber, dass er ihren Namen kannte.
Oh, antwortete sie. Aber ich bin noch zu jung zum Heiraten.
Dann werde ich warten, sagte der kleine Junge. Solange du dich erinnerst, werde ich warten.
Und das kleine Mädchen lachte und tanzte mit dem Koboldkönig. Mit dem kleinen Jungen, der immer nur ein wenig älter war als sie, immer ein kleines Stück außerhalb ihrer Reichweite.
Während sich die Jahreszeiten wandelten und die Jahre verstrichen, wuchs das kleine Mädchen heran, doch der Koboldkönig blieb derselbe. Sie wusch die Teller, wischte den Boden, kämmte das Haar ihrer Schwester und lief noch immer in den Wald, um ihren alten Freund im Hain zu treffen. Ihre Spiele hatten sich verändert. Jetzt waren es Wahrheit oder Pflicht, Herausforderungen und Mutproben.
Willst du mich heiraten, Elisabeth?, fragte der kleine Junge, aber das kleine Mädchen verstand noch nicht, dass seine Frage nicht zum Spiel gehörte.
Oh, antwortete sie. Aber du hast meine Hand noch nicht gewonnen.
Dann werde ich sie gewinnen, sagte der kleine Junge. Ich werde gewinnen, bis du einwilligst.
Das kleine Mädchen lachte und spielte gegen den Koboldkönig, wobei sie jede Runde und jedes Spiel verlor.
Der Winter wurde zum Frühling, der Frühling zum Sommer, der Sommer zum Herbst und der Herbst wieder zum Winter, doch jeder Wechsel der Jahreszeiten wurde schwieriger, während das kleine Mädchen heranwuchs und der Koboldkönig immer derselbe blieb. Sie wusch die Teller, wischte den Boden, kämmte das Haar ihrer Schwester, tröstete ihren Bruder, wenn er Angst hatte, versteckte den Geldbeutel ihres Vaters, zählte die Münzen und lief nicht mehr in den Wald, um ihren alten Freund zu treffen.
Willst du mich heiraten, Elisabeth?, fragte der Koboldkönig.
Doch das kleine Mädchen antwortete nicht.

 

TEIL 1
DER MARKT DER KOBOLDE

 

Sieh die Kobolde nicht an,
Kauf ihre Früchte nicht:
Denn wer weiß, in welche Erde
Sich die darbende Wurzel flicht?


Christina Rossetti, Markt der Kobolde

 


Hüte dich vor den Kobolden


»Hüte dich vor den Kobolden«, sagte Constanze. »Und vor den Waren, die sie feilbieten.«
Ich zuckte zusammen als der Schatten meiner Großmutter über meine Notizen huschte und sowohl meine Gedanken als auch die Papiere vor mir durcheinanderbrachte. Rasch versuchte ich, meine Musik mit zitternden Händen zu verdecken, aber Constanze hatte nicht mich gemeint. Mit finsterer Miene stand sie in der Tür und sah meine Schwester Käthe an, die sich vor dem Spiegel in unserem Schlafzimmer herausputzte.
»Pass gut auf, Katharina.« Mit einem knotigen Finger deutete Constanze auf das Spiegelbild meiner Schwester. »Eitelkeit lässt einen leicht in Versuchung geraten, und sie ist ein Zeichen für einen schwachen Willen.«
Käthe achtete nicht auf sie, kniff sich in die Wangen und schüttelte ihre Locken. »Liesl«, sagte sie und griff nach einem Hut auf der Frisierkommode. »Könntest du mir damit mal helfen?«
Ich legte meine Notizen in ihr kleines abschließbares Kästchen. »Es ist nur ein Markt, Käthe, kein Ball. Wir holen lediglich Josefs Geigenbögen von Herrn Kassl ab.«
»Liesl«, bettelte Käthe. »Bitte.«
Constanze schnaubte abfällig und klopfte mit ihrem Krückstock auf den Boden, aber meine Schwester nahm sie noch immer nicht zur Kenntnis. Wir waren an die mürrischen und unheilschwangeren Äußerungen gewöhnt.
»Na gut«, seufzte ich, versteckte das Kästchen unter unserem Bett und stand auf, um den Hut auf Käthes Haar festzustecken.
Er sah aus wie Zuckerwerk aus Seide und Federn, eine alberne Heuchelei, besonders in unserem kleinen Provinznest. Aber immerhin war meine Schwester genauso albern, also passten sie und der Hut gut zusammen.
»Autsch!«, rief Käthe, als ich sie versehentlich mit einer der Nadeln pikte. »Pass auf, wohin du damit stichst.«
»Dann lern endlich, dich selbst anzuziehen.« Ich strich die Locken meiner Schwester glatt und zupfte ihr Tuch zurecht, damit es ihre nackten Schultern bedeckte. Ihr Kleid war unter den Brüsten gerafft und die schlichten Linien brachten jede Kurve ihres Körpers voll zur Geltung. Käthe zufolge war dies ganz nach der neuesten Mode in Paris, aber in meinen Augen wirkte meine Schwester schockierend unbekleidet.
»Ach was.« Käthe warf ihrem Spiegelbild einen zufriedenen Blick zu. »Du bist ja nur neidisch.«
Ich zuckte innerlich zusammen. Käthe war die Schönheit unserer Familie mit ihrem sonnenscheinhellen Haar, den sommerblauen Augen, den Apfelbäckchen und ihrer vollbusigen Figur. Mit siebzehn sah sie schon aus wie eine erwachsene Frau. Ihre Taille war schmal und die Hüften breit, was ihr neues Kleid äußerst vorteilhaft betonte. Ich dagegen war fast zwei Jahre älter, wirkte aber immer noch wie ein Kind: klein, dünn und blass. Kleiner Kobold hatte Papa mich immer genannt. Fee war Constanzes Wort der Wahl. Nur Josef behauptete, ich sei schön. Nicht hübsch, betonte mein Bruder immer. Schön.
»Ja, ich bin neidisch«, gab ich zu. »Gehen wir jetzt zum Markt oder nicht?«
»Gleich.« Käthe kramte in ihrem Schmuckkästchen herum. »Was meinst du, Liesl?«, fragte sie und hielt eine Handvoll Bänder hoch. »Rot oder blau?«
»Spielt das eine Rolle?«
Sie seufzte. »Wahrscheinlich nicht. Keiner der Jungen im Dorf achtet jetzt noch darauf, wo ich doch bald heirate.« Finster dreinblickend zupfte sie am Saum ihres Kleides herum. »Hans macht sich nicht viel aus Vergnügen und schönen Kleidern.«
Ich presste die Lippen zusammen. »Hans ist ein guter Mann.«
»Ein guter Mann und langweilig«, erwiderte Käthe. »Hast du ihn neulich abends beim Tanz gesehen? Er hat mich nicht ein einziges Mal aufgefordert. Er hat nur in der Ecke gestanden und vorwurfsvoll geschaut.«
Weil Käthe schamlos mit ein paar österreichischen Soldaten geflirtet hatte, die unterwegs nach München waren, um die Franzosen zu vertreiben. Hübsches Mädel, hatten sie in ihrem komischen österreichischen Akzent gerufen. Komm und gib uns einen Kuss!
»Eine lasterhafte Frau ist wie eine reife Frucht«, stimmte Constanze ein. »Sie bettelt geradezu darum, vom Koboldkönig gepflückt zu werden.«
Ein unbehaglicher Schauer lief mir über den Rücken. Unsere Großmutter erschreckte uns gerne mit Erzählungen über Kobolde und andere Wesen, die in den Wäldern jenseits unseres Dorfes lebten, aber Käthe, Josef und ich glaubten seit unseren Kindertagen nicht mehr an ihre Geschichten. Mit achtzehn war ich zu alt für die Märchen meiner Großmutter, doch der leicht schuldbewusste Nervenkitzel, der mich überkam, wenn der Koboldkönig erwähnt wurde, war mir kostbar. Trotz allem glaubte ich noch immer an ihn. Ich wollte noch immer an ihn glauben.
»Ach, geh und meckere jemand anderen an, du alte Krähe. Warum musst du immer auf mir herumhacken?« Käthe schmollte.
»Denk an meine Worte.« Constanze funkelte meine Schwester an. Der Blick ihrer dunkelbraunen Augen war das Einzige, was in ihrem runzligen Gesicht noch scharf wirkte. »Gib auf dich acht, Katharina, sonst kommen dich die Kobolde holen wegen deiner zügellosen Art.«
»Das ist genug, Constanze«, fiel ich ihr ins Wort. »Lass Käthe in Frieden, damit wir loskommen. Wir müssen zurück sein, bevor Meister Antonius hier ist.«
»Ja, nicht, dass wir das Vorspielen unseres lieben kleinen Josefs für den berühmten Maestro der Violine verpassen«, murmelte meine Schwester.
»Käthe!«
»Schon gut, schon gut.« Sie seufzte. »Hör auf, dir Sorgen zu machen, Liesl. Er wird das schon schaffen. Du bist schlimmer als eine Glucke.«
»Er wird es nicht schaffen, wenn er keinen Geigenbogen hat, mit dem er spielen kann.« Ich wandte mich zum Gehen. »Komm jetzt, oder ich gehe ohne dich.«
»Warte.« Käthe hielt mich an der Hand fest. »Würdest du mich etwas mit deinen Haaren machen lassen? Du hast so wunderschöne Locken. Es ist eine Schande, dass du immer nur diesen geflochtenen Zopf trägst. Ich könnte …«
»Ein Zaunkönig ist immer noch ein Zaunkönig, auch wenn er sich mit Pfauenfedern schmückt.« Ich schüttelte sie ab. »Verschwende nicht deine Zeit. Es ist ja nicht so, als ob Hans – oder sonst irgendjemand – es bemerken würde.«
Bei der Erwähnung ihres Verlobten zuckte meine Schwester zurück. »Schön«, zischte sie und stolzierte ohne ein weiteres Wort an mir vorbei.
»Kä…«, setzte ich an, aber Constanze hielt mich auf, bevor ich ihr nachlaufen konnte.
»Pass gut auf deine Schwester auf, Mädchen«, warnte sie. »Du musst sie beschützen.«
»Tue ich das nicht immer?«, fauchte ich. Stets war es meine Aufgabe gewesen – und die meiner Mutter –, die Familie zusammenzuhalten. Mutter kümmerte sich um das Gasthaus, in dem wir lebten und arbeiteten. Ich kümmerte mich um die Menschen, die es zu unserem Zuhause machten.
»Tust du das wirklich?« Meine Großmutter richtete den Blick ihrer dunklen Augen auf mich. »Josef ist nicht der Einzige, um den man sich kümmern muss, weißt du.«
Ich runzelte die Stirn. »Wie meinst du das?«
»Du vergisst, welcher Tag heute ist.«
Manchmal war es leichter, Constanze ihren Willen zu lassen, als sie zu ignorieren. Ich seufzte. »Welcher Tag ist denn heute?«
»Der Tag, an dem das alte Jahr stirbt.«
Ein weiterer Schauer lief mir über den Rücken. Meine Großmutter hielt sich noch an die alte Ordnung und an den alten Kalender, nach dem diese letzte Nacht des Herbstes den Tod des alten Jahres bedeutete. In dieser Nacht war die Grenze zwischen den Welten dünn. Während der Wintertage wandelten die Bewohner der Unterwelt auf der Erde, bevor das Jahr im Frühling von Neuem begann.
»Die letzte Nacht des Jahres«, wiederholte Constanze. »Nun beginnen die Tage des Winters und der Koboldkönig zieht aus, um sich seine Braut zu suchen.«
Ich wandte das Gesicht ab. Früher einmal hätte ich nicht erst daran erinnert werden müssen. Früher hätte ich meiner Großmutter dabei geholfen, jedes Fenstersims, jede Türschwelle und jeden Eingang mit Salz zu bestreuen, um die Wildlinge in diesen Nächten fernzuhalten. Früher. Aber ich konnte mir den Luxus einer ausschweifenden Fantasie nicht mehr leisten. Es war an der Zeit, dieses kindische Verhalten abzulegen.
»Ich habe keine Zeit für so etwas.« Ich schob Constanze beiseite. »Lass mich vorbei.«
Trauer stand im faltigen Gesicht meiner Großmutter. Trauer und Einsamkeit. Ihre gebeugten Schultern neigten sich noch tiefer unter der Last ihres Glaubens. Nun trug sie diesen Glauben allein. Niemand von uns hielt dem Erlkönig noch die Treue. Niemand außer Josef.
»Liesl!«, rief Käthe von unten. »Kann ich mir deinen roten Mantel ausleihen?«
»Wähle weise, Mädchen«, fuhr Constanze eindringlich fort. »Josef ist nicht Teil des Spiels. Wenn der Erlkönig spielt, dann nimmt er es ernst.«
Abrupt hielt ich inne. »Wovon redest du? Welches Spiel?«
»Sag du es mir.« Constanzes Miene war finster. »Es hat Folgen, welche Wünsche wir in der Dunkelheit fassen, und der Herr des Unheils fordert ihren Preis ein.«
Ihre Worte waren wie Stacheln in meinen Gedanken. Ich dachte daran, wie Mutter uns vor Constanzes vom Alter matt gewordenem Verstand gewarnt hatte, aber meine Großmutter war mir nie klarer und ernsthafter vorgekommen als in diesem Augenblick, und obwohl ich es nicht wollte, wand sich langsam ein Strang der Angst um meinen Hals.
»Ist das ein Ja?«, rief Käthe. »Dann nehme ich ihn mir jetzt!«
Ich gab einen unwilligen Laut von mir. »Nein, kannst du nicht!«, antwortete ich und lehnte mich über das Treppengeländer. »Ich bin gleich da, versprochen!«
»Versprochen, wie?« Constanze lachte gackernd. »Du gibst eine Menge Versprechen, aber wie viele davon hältst du auch?«
»Was …«, begann ich, doch als ich mich umdrehte, war meine Großmutter verschwunden.

Unten hatte Käthe meinen roten Mantel von seinem Haken genommen, aber ich schnappte ihn ihr aus den Händen und legte ihn mir selbst um die Schultern. Als Hans uns letztes Mal Geschenke aus dem Stoffgeschäft seines Vaters mitgebracht hatte – noch bevor er um Käthes Hand angehalten und sich zwischen uns alles verändert hatte –, war auch ein schöner Ballen mit schwerer Wolle dabei gewesen. Für die Familie, hatte er gesagt, aber alle hatten gewusst, dass es ein Geschenk an mich war. Die Wolle war in einem tiefen Blutrot gefärbt, das gut zu meinem dunklen Haar passte und meinen blassen Teint belebte. Mutter und Constanze hatten mir aus dem Stoff einen Wintermantel geschneidert und Käthe hatte aus ihrem Neid keinen Hehl gemacht.
Wir gingen an unserem Vater vorbei, der im Wirtsraum verträumte Lieder auf seiner Geige spielte. Ich sah mich nach Gästen um, doch der Raum war leer, der Kamin kalt und die Kohlen erloschen. Papa trug noch immer dieselben Kleider wie am Vorabend und der Geruch nach abgestandenem Bier umwaberte ihn.
»Wo ist Mutter?«, fragte Käthe.
Sie war nirgends zu sehen, was vermutlich auch der Grund war, warum Papa so verwegen war, im Schankraum zu spielen, wo ihn jeder hören konnte. Die Geige war ein wunder Punkt zwischen meinen Eltern. Das Geld war knapp, und Mutter wäre es lieber, wenn Papa gegen Lohn statt zum Vergnügen spielte. Aber vielleicht hatte Meister Antonius’ nahende Ankunft nicht nur Mutters Geldbeutel, sondern auch ihr Herz ein wenig geöffnet. Der berühmte Virtuose würde unserem Gasthaus auf seinem Weg von Wien nach München einen kurzen Besuch abstatten, um meinen kleinen Bruder vorspielen zu lassen.
»Wahrscheinlich hat sie sich kurz hingelegt«, vermutete ich. »Wir sind vor dem Morgengrauen aufgestanden und haben die Zimmer für Meister Antonius geputzt.«
Mein Vater war ein unvergleichlicher Violinist, der einst mit den besten Hofmusikanten in Salzburg gespielt hatte. Er prahlte gerne damit, dass er dort auch die Ehre gehabt hatte, mit Mozart zu arbeiten, einem der größten Konzertkomponisten seiner Zeit. Ein solches Genie gibt es nur einmal in der Lebensspanne eines Menschen, sagte Papa immer. Vielleicht auch nur einmal in zwei Lebensspannen. Dann warf er Josef für gewöhnlich einen schelmischen Blick zu. Aber manchmal schlägt der Blitz auch zweimal ein.
Josef war nirgendwo zu sehen. Mein kleiner Bruder war Fremden gegenüber schüchtern. Wahrscheinlich versteckte er sich im Koboldhain und übte, bis seine Finger bluteten. Wie ich mich doch danach sehnte, mich ihm anzuschließen.
»Gut, dann wird mich niemand vermissen«, sagte Käthe fröhlich. Meine Schwester fand ständig Ausreden, um ihren Pflichten zu entgehen. »Lass uns gehen.«
Die Luft draußen war kühl. Selbst für den Spätherbst war es ein ungewöhnlich kalter Tag und das Licht wirkte fahl und unbeständig. Feiner Nebel hüllte die Bäume entlang des Weges ein und verwandelte ihre dürren Äste in gespenstische Gliedmaßen. Die letzte Nacht des Jahres. An einem solchen Tag fiel es mir tatsächlich nicht schwer, daran zu glauben, dass die Grenzen zwischen den Welten dünn waren.
Der Weg in die Stadt war von Räderspuren zerfurcht und übersät mit Pferdeäpfeln. Käthe und ich gingen ganz am Rand, wo das kurze, tote Gras verhinderte, dass die Feuchtigkeit durch unsere Stiefel sickerte.
»Igitt.« Käthe umging eine weitere schmutzige Pfütze. »Ich wünschte, wir könnten uns eine Kutsche leisten.«
»Wenn Wünsche nur Macht besäßen«, antwortete ich.
»Dann wäre ich die mächtigste Person der Welt. Ich habe nämlich eine Menge Wünsche. Ich wünschte, wir wären reich. Ich wünschte, wir könnten uns alles leisten, was wir wollen. Stell dir das nur mal vor, Liesl: Was wenn, was wenn, was wenn.«
Ich lächelte. Als Mädchen hatten Käthe und ich oft das Was-wenn-Spiel gespielt. Obwohl meine Schwester keinen Blick für das Unheimliche hatte wie Josef und ich, so war sie doch außergewöhnlich fantasiebegabt.
»Ja, was wenn?«, murmelte ich leise.
»Lass uns spielen. Wie sähe eine perfekte Traumwelt aus? Du fängst an, Liesl.«
»In Ordnung.« Ich dachte an Hans, schob diesen Gedanken dann jedoch beiseite. »In einer perfekten Traumwelt wäre Josef ein berühmter Musiker.«
Käthe verzog das Gesicht. »Bei dir geht es immer nur um Josef. Hast du denn keine eigenen Träume?«
Hatte ich. Sie befanden sich eingeschlossen in einem Kästchen, sicher versteckt unter dem Bett, das wir uns teilten. Sie sollten niemals gesehen, niemals gehört werden.
»Gut«, sagte ich. »Dann bist du jetzt dran, Käthe. Wie sieht deine perfekte Traumwelt aus?«
Sie lachte. Es war ein glockenheller Klang, der einzige musikalische Laut, den meine Schwester jemals von sich gab. »Ich bin eine Prinzessin.«
»Natürlich.«
Sie warf mir einen scharfen Blick zu. »Ich bin eine Prinzessin und du bist eine Königin, zufrieden?«
Ich winkte ab.
»Ich bin also eine Prinzessin«, fuhr sie fort. »Papa ist der Kapellmeister des Fürstbischofs und wir leben in Salzburg.«
Käthe und ich waren in Salzburg geboren worden, als Papa noch einer der Hofmusikanten gewesen war und Mama bei einer Truppe gesungen hatte. Bevor uns die Armut in die Hinterwälder Bayerns getrieben hatte.
»Mutter ist der Stolz der Stadt wegen ihrer Schönheit und ihrer Stimme, und Josef ist Meister Antonius’ Meisterschüler.«
»Er studiert also in Salzburg?«, fragte ich. »Nicht in Wien?«
»Dann eben in Wien«, verbesserte sich Käthe. »Oh ja, Wien.« Ihre blauen Augen funkelten, während sie unsere Fantasiewelt weiter ausschmückte. »Natürlich würden wir oft dorthin reisen, um ihn zu besuchen. Vielleicht würden wir auch seine Vorstellungen in Paris, Mannheim und München sehen oder sogar in London! Wir hätten in jeder dieser Städte ein großes Haus aus Gold, Marmor und Mahagoniholz. Wir würden Kleider aus bester Seide und Brokat tragen, an jedem Tag der Woche eines in einer anderen Farbe. Und jeden Morgen würden wir mit Einladungen zu den fantastischsten Bällen, Festen, Opernaufführungen und Theaterstücken überschwemmt werden. Eine ganze Schar junger Burschen würde um unsere Gunst buhlen, und die größten Künstler und Musiker würden uns als vertraute Freunde bezeichnen. Und wir würden jede Nacht durchtanzen und nur Kuchen und Pastete und Schnitzel essen und …«
»Schokoladentorte«, fügte ich hinzu. Nichts aß ich lieber.
»Schokoladentorte«, stimmte Käthe zu. »Wir hätten die feinsten Kutschen und die schönsten Pferde, und …« – sie rutschte in einer Pfütze aus und kreischte auf – »… und wir müssten niemals zu Fuß auf unbefestigten Straßen zum Markt laufen.«
Lachend half ich ihr wieder auf. »Feste, Bälle, glitzernde Gesellschaften. Ist es das, was Prinzessinnen tun? Was ist mit Königinnen? Was ist mit mir?«
»Mit dir?« Käthe schwieg einen Augenblick. »Nein. Königinnen sind zu etwas Höherem bestimmt.«
»Zu etwas Höherem?«, wiederholte ich nachdenklich. »Ein armes, unscheinbares kleines Ding wie ich?«
»Du hast etwas, das beständiger ist als Schönheit«, sagte sie ernst.
»Und was wäre das?«
»Anmut«, antwortete sie schlicht. »Anmut und Talent.«
Ich lachte. »Was ist also mein Schicksal?«
Sie warf mir einen Seitenblick zu. »Du wirst eine ruhmreiche Komponistin.«
Ein eisiger Windhauch erfasste mich und die Kälte drang mir bis auf die Knochen. Es war, als hätte mir meine Schwester in die Brust gegriffen und das noch immer schlagende Herz herausgerissen. Ich hatte ab und zu kleine Melodien aufgeschrieben. Nur kurze Liedchen, keine Hymnen, auf die Ränder meines Gesangbüchleins. Ich hatte vorgehabt, sie irgendwann zu Sonaten und Concerti zusammenzufügen, zu Romanzen und Sinfonien. Meine zarten Hoffnungen und Träume waren schon so lange durch meine Heimlichkeit geschützt, dass ich es nicht ertragen konnte, sie entblößt zu sehen.
»Liesl?« Käthe zupfte an meinem Ärmel. »Liesl, ist alles in Ordnung?«
»Wie …« Meine Stimme klang heiser. »Woher weißt du …«
Sie wand sich. »Ich habe das Kästchen mit deinen Kompositionen unter unserem Bett gefunden«, sagte sie. »Ich wollte nichts Böses, wirklich nicht«, fügte sie rasch hinzu. »Aber ich habe nach einem Knopf gesucht, denn ich fallen gelassen hatte, und …« Sie verstummte, als sie mein Gesicht sah.
Meine Hände zitterten. Wie konnte sie es wagen, meine geheimen Gedanken vor ihren neugierigen Augen auszubreiten?
»Liesl?« Käthe wirkte besorgt. »Was ist los?«
Ich konnte nicht antworten. Nicht, solange meine Schwester nicht einmal begriff, wie schlimm dieser Übergriff für mich war. Käthe besaß keinen Funken musikalisches Talent, was in einer Familie wie der unseren fast als Todsünde galt. Ich wandte mich ab und marschierte weiter in Richtung Markt.
»Was habe ich denn gesagt?« Sie eilte mir nach. »Ich dachte, du würdest dich freuen. Jetzt, wo Josef fortgeht, dachte ich, Papa würde vielleicht … Ich meine, wir wissen alle, dass du genauso viel Talent hast wie …«
»Hör auf.« Die Worte knisterten in der Herbstluft, brachen unter der Kälte meiner Stimme. »Hör auf, Käthe.«
Ihre Wangen wurden rot, als hätte ich sie geschlagen. »Ich verstehe dich nicht.«
»Was verstehst du nicht?«
»Warum du dich hinter Josef versteckst.«
»Was hat Sepperl damit zu tun?«
Käthe verengte die Augen zu Schlitzen. »Für dich hat alles mit unserem kleinen Bruder zu tun. Ich wette, vor ihm hast du deine Musik nicht geheim gehalten.«
Ich zögerte. »Er ist anders.«
»Natürlich ist er anders.« Entnervt warf sie die Hände in die Luft. »Der kostbare Josef, der sensible Josef, der talentierter Josef. Er hat Musik und Wahnsinn und Zauber im Blut – etwas, das die arme, gewöhnliche, unmusikalische Katharina nicht versteht und niemals verstehen kann.«
Ich öffnete den Mund, um zu protestieren, doch dann schloss ich ihn wieder. »Sepperl braucht mich«, sagte ich leise. Es stimmte. Unser Bruder war zerbrechlich, nicht nur in körperlicher Hinsicht.
»Ich brauche dich«, sagte sie ruhig. Verletzt.
Constanzes Worte fielen mir wieder ein. Josef ist nicht der Einzige, um den man sich kümmern muss.
»Du brauchst mich nicht.« Ich schüttelte den Kopf. »Du hast jetzt Hans.«
Käthe versteifte sich. Ihre Lippen wurden schmal und ihre Nasenflügel bebten. »Glaubst du das wirklich?«, fragte sie tonlos. »Dann bist du sogar noch grausamer, als ich dachte.«
Grausam? Was wusste meine Schwester schon von Grausamkeit? Die Welt war wesentlich freundlicher mit ihr umgesprungen als mit mir. Ihre Aussichten waren glücklich, ihre Zukunft gesichert. Sie würde den gefragtesten Mann des Dorfes heiraten, während ich die ungewollte Schwester war, die Verschmähte. Und ich … ich hatte Josef, aber nicht mehr lange. Wenn mein kleiner Bruder fortging, dann würde er meine Kindheit mit sich nehmen: unsere Feiern im Wald, unsere Geschichten über Gnomen und Hödeken, die im Mondlicht tanzten, unsere Spiele, die Musik und die Fantasien. Wenn er fort war, würde mir nur noch die Musik bleiben – die Musik und der Koboldkönig.
»Sei dankbar für das, was du hast«, fauchte ich. »Jugend, Schönheit und, schon sehr bald, einen Ehemann, der dich glücklich machen wird.«
»Glücklich?« Ihre Augen blitzten. »Glaubst du wirklich, Hans könnte mich glücklich machen? Der stumpfsinnige, langweilige Hans, der nicht über die Grenzen dieses dummen, provinziellen Dorfes, in dem er aufgewachsen ist, hinausdenken kann? Der schwerfällige, verlässliche Hans, der mich mit einer Heiratsurkunde in der Hand und einem Baby auf dem Schoß im Gasthaus festhalten wird?«
Ich war zutiefst erschrocken. Hans war ein alter Freund der Familie, und obwohl Käthe und er sich als Kinder nicht nahegestanden hatten – wie Hans und ich –, war mir bis zu diesem Augenblick nicht klar gewesen, wie wenig sie ihn liebte. »Käthe«, sagte ich. »Warum …«
»Warum ich dann eingewilligt habe, ihn zu heiraten? Warum ich bis jetzt nichts gesagt habe?«
Ich nickte.
»Das habe ich.« Tränen stiegen ihr in die Augen. »Immer wieder. Aber du hast nie zugehört. Als ich heute Morgen ausgesprochen habe, wie langweilig er ist, hast du mir nur erklärt, was für ein guter Mann er ist.« Sie wandte sich ab. »Du hörst kein Wort von dem, was ich sage, Liesl. Du bist zu beschäftigt damit, stattdessen Josef zuzuhören.«
Wähle weise. Schuldgefühle machten mir die Kehle eng.
»Ach, Käthe«, flüsterte ich. »Du hättest doch nein sagen können.«
»Wirklich?« Sie schnaubte. »Und Mutter und du hättet das zugelassen? Welche Wahl hatte ich denn, außer seinen Antrag anzunehmen?«
Ihre Anschuldigungen zogen mir den Boden unter den Füßen weg und machten mich mitschuldig an meinem eigenen Groll. Ich war so sicher gewesen und hatte deshalb nie infrage gestellt, dass die Welt nun einmal so war. Der gut aussehende Hans und die schöne Käthe – natürlich gehörten sie zusammen.
»Du hast wenigstens Wahlmöglichkeiten.« Es klang unsicher. »Das ist mehr, als ich jemals haben werde.«
»Wahlmöglichkeiten, ha!« Ihr Lachen klang schroff. »Tja, Liesl, du hast deine Wahl wegen Josef jedenfalls schon vor langer Zeit getroffen. Du kannst mir meine Wahl wegen Hans nicht vorwerfen.«
Den Rest des Weges zum Markt gingen wir schweigend.

Aber vielleicht ist das nicht der Punkt, an dem die Geschichte beginnt. Vielleicht beginnt sie an dem Punkt, an dem das erste Bild in meinem Kopf erscheint, bevor die Idee einer »Die Reise ins Labyrinth«-Nacherzählung überhaupt eine Möglichkeit ist. Vielleicht beginnt sie an einem Wintertag in New York City auf einem verschneiten Weg zur U-Bahn, auf dem Weg zur Arbeit.
Ich erinnere mich daran, als mir das erste Bild in den Sinn kam: Ich nahm eine Abkürzung durch einen Park auf dem Weg zur Astoria Blvd-Haltestelle der N-Linie.
Ein Mädchen, unter der Erde.
Plötzlich kannte ich sie. Kannte sie bis auf die Knochen. Sie hatte eine Schwester, eine hübsche Schwester. (Ich habe eine Vorliebe für Erzählungen über Schwestern, vielleicht weil ich selbst keine habe. Eins meiner Lieblingsmärchen ist »Schneeweißchen und Rosenrot«.) Sie hatte eine Familie, die einen Gasthof betrieb. Sie hatten Mühe, über die Runden zu kommen. Ich denke an Hänsel, an Gretel, an die Gebrüder Grimm, und ich weiß, dass sie in Deutschland lebt. Ich sehe ihren Milchmädchenzopf, ihre Wangen sind mit Dreck beschmiert. Wie heißt sie?, frage ich mich.
Liesl. (Ja, sie ist nach der ältesten der Trapp-Töchter aus »The Sound of Music« benannt.)

Aber vielleicht ist auch das nicht der Anfang. Immerhin ist ein Bild keine Geschichte. Vielleicht geht der Anfang noch weiter zurück.
Es ist Sommer in New York und ich besuche einen Autorenfreund in Washington Heights. Wir sind in einer Testlesergruppe, in der wir unsere Werke teilen. Im Moment arbeite ich an einem literarischen Roman für Erwachsene, der in Japan in einer alternativen Meiji-Zeit spielt. Es ist die Vorgeschichte eines Schurken aus einem Kinderbuch, das ich schon seit Jahren nicht richtig hinbekomme.
Ich habe eine Faszination für alles Deutsche: die Sprache, die Symbolik, die Mythen. Mein Autorenfreund hat deutsche Wurzeln. Ich weiß nicht, wer von uns es zuerst erwähnt, aber wir sprechen über den Erlkönig und unseren Wunsch, etwas mit der Sage zu machen.
Aber ich tue es nicht, zumindest nicht sofort. Ich beende den literarischen Roman für Erwachsene und lege ihn weg.

Das Schreiben ist so ein seltsamer Prozess. Man sammelt Samen und pflanzt sie in den Garten seines Unterbewusstseins, aber man weiß nicht immer, ob sie wachsen werden. Ich habe seit Jahren Samen eingepflanzt, die ich von Blumenbeeten der Besessenheit und der Fantasie zusammengerafft habe. Ich liebe die Symbolik des Gothic. Ich liebe Märchen. Ich liebe die Gedichte von Christina Rossetti. Ich bin besessen von Mozart. Besessen. Ich lese »50 Shades of Grey«. Ich lese zum wiederholten Male Jacqueline Careys »Kushiel«. Ich mag die Idee erotischer Bücher, aber finde nicht immer, dass sie nach meinem Geschmack umgesetzt werden. Ich denke, dass ich vielleicht eins schreiben werde. Ich will eins schreiben.
Aber bevor sich die ersten Ranken einer Idee hervortun, ist alles, was ich habe, ein schlafender Garten, der auf die richtige Kombination von Regen und Sonne wartet, um wachsen zu können. Mein Garten beginnt zum ersten Mal zu sprießen, als mein Autorenfreund und ich über Fantasyfilme aus den 80er-Jahren diskutieren.

In den Fantasyfilmen (und -musicals!) der 80er-Jahre, die ich aus meiner Jugend kenne, gibt es viele unterschwellige sexuelle Botschaften – dunkle, verführerische, etwas unbehagliche sexuelle Botschaften. Die Tanzkleid-Szene in »Legende«. Die Ballsaal-Szene in »Die Reise ins Labyrinth«. »Die Musik der Nacht«-Szene in »Das Phantom der Oper«. Unterschwellige Botschaften, wie sie oft in Märchen gefunden werden: Die Kraft sexueller Handlungen, die Kraft des Erwachsenwerdens und des Wegs, zu einem sexuellen Wesen zu werden. Naive und unschuldige Mädchen schweben am Rande dieser Entdeckung und oft gibt es eine dunkle Figur, die sie lockt und ihnen Erkenntnisse verspricht.
Ich weiß, woher dieser erste Spross kommt: Von Jareth dem Koboldkönig und dem Erlkönig. Rückblickend erscheint es so offensichtlich.

ch kann »Die Zauberflöte« immer noch nicht gehen lassen. Ich liebe Musik, ich liebe Mozart und ich liebe Magie. Ich arbeite viel länger daran als ich sollte, da ich nicht in der Lage bin, das Gefühl aufzugeben, das Mozarts Musik mir gibt.
Ich mache Liesl zu einer Komponistin.
Ich höre mir die Werke von Schubert, Schumann und anderen an. Seit ich ein Kind war, habe ich mich mit Musik und Musikgeschichte beschäftigt. Ich weiß, dass Liesls Werk – emotional und voller Gefühl – sie mit den Romantikern in eine Reihe stellt. Und trotzdem kann ich Mozart nicht gehen lassen.
Da verstehe ich, dass Liesl nicht nur eine weibliche Komponistin ist, sondern eine Komponistin, die ihrer Zeit voraus ist.
Ich töte Mozart. Aber sein Werk wirft einen sehr langen Schatten.

Im November 2013 entschied ich mich dazu, für den NaNoWriMo »50 Shades of Labyrinth« zu schreiben. Der Rest ist Geschichte.


(Der Originaltext erschien auf: http://sjaejones.com)


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Blick ins Buch
CaravalCaravalCaraval

Roman

Scarlett Dragna fürchtet sich vor ihrem Vater, dem grausamen Governor der Insel Trisda. Sie träumt davon, ihrem Dasein zu entfliehen und Caraval zu besuchen, wo ein verzaubertes Spiel stattfindet. Doch ihr Wunsch erscheint unerreichbar – bis Scarlett von ihrer Schwester Donatella und dem geheimnisvollen Julian entführt wird, die ihr den Eintritt zu Caraval ermöglichen. Aber ist Caraval wirklich das, was Scarlett sich erhofft hat? Sobald das Spiel beginnt, kommen Scarlett Zweifel. Räume verändern auf magische Weise ihre Größe, Brücken führen plötzlich an andere Orte und verborgene Falltüren zeigen Scarlett den Weg in finstere Tunnel, in denen Realität und Zauber nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. Und als ihre Schwester verschwindet, muss Scarlett feststellen, dass sich ein furchtbares Geheimnis hinter Caraval verbirgt ...

1. Kapitel

 

Es dauerte sieben Jahre, bis sie den richtigen Brief schrieb.

50. Jahr, Elantinische Dynastie

Lieber Mister Caraval-Master,
ich heiße Scarlett, aber ich schreibe diesen Brief für meine Schwester Tella. Sie hat bald Geburtstag und sie möchte Euch und Eure wunderbaren ­Caraval-Darsteller so gerne sehen. Ihr Geburtstag ist der siebenunddreißigste Tag der Wachstums­jahreszeit, und es wäre der allerschönste aller Geburts­tage, wenn Ihr kommen könntet.
Sehr hoffnungsvoll
Scarlett von der Eroberten Insel Trisda

 


51. Jahr, Elantinische Dynastie

Lieber Mister Caraval-Master,
ich bin es wieder, Scarlett. Habt Ihr meinen ­letzten Brief bekommen ? Meine Schwester sagt, dass sie dieses Jahr schon zu alt zum Geburtstagfeiern ist, aber ich glaube, sie ist nur traurig, weil Ihr nicht nach Trisda gekommen seid. In dieser Wachstumsjahreszeit wird sie zehn und ich werde elf. Sie gibt es nicht zu, aber sie würde Euch und Eure wunderbaren Caraval-Darsteller immer noch gerne sehen.
Sehr hoffnungsvoll
Scarlett von der Eroberten Insel Trisda

 


52. Jahr, Elantinische Dynastie

Lieber Caraval-Master Legend,
es tut mir leid, dass ich Euren Namen in meinen anderen Briefen falsch geschrieben habe. Ich
hoffe, das ist nicht der Grund, warum Ihr nicht nach Trisda gekommen seid. Ich wollte Eure ­fantastischen Caraval-Darsteller nicht nur wegen des Geburtstags meiner Schwester hierherholen,
ich würde sie auch sehr gerne sehen.
Es tut mir leid, dass dieser Brief so kurz ist. Mein Vater wird sauer, wenn er mich dabei erwischt, wie ich Euch schreibe.
Sehr hoffnungsvoll
Scarlett von der Eroberten Insel Trisda

 


52. Jahr, Elantinische Dynastie

Lieber Caraval-Master Legend,
ich habe es gerade erst gehört und ich wollte
Euch mein Beileid aussprechen. Ich weiß, dass Ihr
kein Mörder seid, auch wenn Ihr nie auf einen meiner Briefe geantwortet habt oder nach Trisda gekommen seid. Ich bin sehr traurig darüber, dass Ihr eine Weile nicht auf Reisen gehen werdet.
Mit den freundlichsten Grüßen
Scarlett von der Eroberten Insel Trisda


55. Jahr, Elantinische Dynastie

Lieber Master Legend,
erinnert Ihr Euch noch an mich ? Scarlett von
der Eroberten Insel Trisda ? Ich weiß, es ist schon ein paar Jahre her, seit ich Euch das letzte Mal ­geschrieben habe. Wie ich höre, tretet Ihr mit ­Euren Darstellern wieder auf. Meine Schwester ­erzählte mir, dass Ihr niemals zweimal zum
selben Ort reist, doch seit Eurem Besuch vor ­fünfzig Jahren hat sich hier viel verändert, und ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass es ­jemanden gibt, der Eure Vorstellung noch lieber ­sehen möchte als ich.

Sehr hoffnungsvoll
Scarlett

 

56. Jahr, Elantinische Dynastie

Lieber Master Legend,
ich habe gehört, dass Ihr letztes Jahr das Südreich besucht und dem Himmel eine andere Farbe ge­geben habt. Ist das wahr ? Meine Schwester und
ich haben sogar versucht, zu Eurem Auftritt zu kommen, aber wir dürfen Trisda nicht verlassen. Manchmal glaube ich, dass ich nie über die Er­oberten Inseln hinauskommen werde. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mir so sehr wünsche, dass Ihr mit Euren Darstellern hierherkommt. Wahrscheinlich ist es zwecklos, Euch noch einmal darum zu bitten, aber ich hoffe trotzdem, dass Ihr einen Besuch hier vielleicht in Erwägung zieht.
Sehr hoffnungsvoll
Scarlett von der Eroberten Insel Trisda

 


57. Jahr, Elantinische Dynastie

Lieber Master Legend,
dies hier ist mein letzter Brief. Ich werde bald ­heiraten, also ist es vermutlich das Beste, wenn Ihr mit Euren Darstellern dieses Jahr nicht nach Trisda kommt.
Scarlett Dragna

 


57. Jahr, Elantinische Dynastie

Liebe Scarlett Dragna von der Eroberten Insel Trisda,
herzlichen Glückwunsch zu Eurer baldigen Hochzeit. Es tut mir leid, dass ich meine Darsteller nicht nach Trisda bringen kann. Wir werden ­dieses Jahr nicht reisen. Unsere nächste ­Vorstellung findet nur für geladene Gäste
statt, aber ich würde mich freuen, Euch und ­Euren ­Verlobten kennenzulernen, wenn Ihr eine ­Möglichkeit finden könnt, Eure Insel zu ver-
lassen und zu uns zu kommen. Bitte nehmt mein ­beigefügtes Geschenk an.

Aus der Feder von Caraval-Master Legend

 

 

2. Kapitel

 

Scarletts Gefühle strahlten sogar noch bunter als sonst. Das drängende Rot glühender Kohlen. Das eifrige Grün frisch keimenden Grases. Das ungestüme Gelb der Federn eines flatternden Vogels.
Er hatte endlich zurückgeschrieben.
Sie las den Brief ein weiteres Mal. Dann noch einmal. Und noch einmal. Ihre Augen folgten jedem der scharfen Tintenstriche, jeder wächsernen Windung des Silberwappens von Caraval : eine Sonne mit einem Stern darin, in dem wiederum eine Träne zu sehen war. Dasselbe Siegel war als Wasserzeichen auf den beiliegenden Papierstücken abgebildet.
Dies hier war kein Scherz.
» Donatella ! « Scarlett eilte auf der Suche nach ihrer jüngeren Schwester die Stufen zum Fasslager hinab. Die ver­trauten Gerüche nach Melasse und Eichenholz stiegen ihr in die Nase, doch ihre verflixte Schwester war nirgends zu ­sehen.
» Tella – wo bist du ? « Öllampen tauchten die Rumflaschen und mehrere frisch gefüllte Holzfässer in bernsteinfarbenes Licht. Als sie sich zwischen den Fässern hindurchschlängelte, hörte Scarlett ein Stöhnen, gefolgt von schwerem Atmen. Vielleicht hatte Tella nach dem jüngsten Streit mit ihrem Vater ein bisschen zu viel getrunken und schlief irgendwo auf dem Boden. » Dona… «
Der Rest des Wortes blieb ihr im Hals stecken.
» Hallo, Scar. «
Tella schenkte Scarlett ein träges Lächeln, weiße Zähne blitzten zwischen geschwollenen Lippen hervor. Ihre honigblonden Locken waren zerzaust und ihr Schultertuch war zu Boden gefallen. Was Scarlett jedoch die Sprache verschlug, war der Anblick des jungen Seemanns, der die Arme um Tellas Taille geschlungen hatte. » Habe ich euch etwa unter­brochen ? «
» Wir können jederzeit weitermachen. « Der Seemann sprach mit dem singenden Tonfall des Südreiches, es klang viel weicher als der scharfe Zungenschlag des Meridian­reiches, an den Scarlett gewöhnt war.
Tella kicherte, hatte aber wenigstens den Anstand, ganz leicht zu erröten. » Scar, du kennst doch Julian, oder ? «
» Schön, dich zu sehen, Scarlett. « Julian lächelte, kühl und verführerisch wie ein schattiger Ort an einem heißen Tag.
Scarlett wusste, dass sie höflicherweise irgendetwas wie » Freut mich auch « sagen sollte, aber sie konnte nur an seine Hände denken, die weiterhin Tellas immergrünblaue Röcke umfassten und mit den Stofffalten ihrer Turnüre spielten, als wäre Tella ein Geschenk, das er nur allzu gerne auspacken wollte.
Julian war erst seit etwa einem Monat auf Trisda. Als er von seinem Schiff geschlendert war, groß und gut aussehend mit seiner goldbraunen Haut, hatte er die Aufmerksamkeit aller Frauen erregt. Sogar Scarlett hatte sich kurz nach ihm umgedreht, aber sie war nicht so dumm gewesen, länger hinzusehen.
» Tella, es macht dir doch nichts aus, mal kurz mitzukommen ? « Es gelang ihr, Julian höflich zuzunicken, aber sobald sie und ihre Schwester genug Fässer zwischen sich und ihn gebracht hatten und außer Hörweite waren, zischte sie : » Was machst du denn da ? «
» Scar, du heiratest bald. Da sollte man wohl annehmen, dass du weißt, was Männer und Frauen miteinander machen. « Spielerisch knuffte Tella ihre Schwester gegen die Schulter.
» Das meine ich nicht. Du weißt, was passiert, wenn Vater dich erwischt. «
» Und deshalb habe ich auch nicht vor, mich erwischen zu lassen. «
» Bitte mach keine Witze. «
» Mache ich nicht. Wenn Vater uns erwischt, finde ich schon eine Möglichkeit, dir die Schuld in die Schuhe zu schieben. « Tella lächelte hart. » Aber du wolltest doch bestimmt über etwas anderes reden. « Ihr Blick senkte sich auf den Brief in Scarletts Händen.
Der trübe Schein der Laternen fing sich in den metallisch verzierten Rändern des Papiers und ließ sie golden schimmern, in der Farbe der Magie und der Wünsche und Verheißungen. Die Adresse auf dem Umschlag leuchtete im gleichen Glanz auf.
Miss Scarlett Dragna
Wohnhaft im Beichtstuhl der Priester
Trisda
Eroberte Inseln des Meridianreiches
Tellas Blick wurde scharf, als sie die leuchtende Schrift sah. Scarletts Schwester mochte schöne Dinge. Wie den jungen Mann, der noch immer hinter den Fässern auf sie war­tete. Oft, wenn Scarlett irgendein hübsches Stück vermisste, fand sie es versteckt im Zimmer ihrer jüngeren Schwester.
Aber Tella griff nicht nach dem Brief. Sie ließ ihre Hände, wo sie waren, als wollte sie damit nichts zu tun haben. » Noch ein Brief vom Grafen. « Sie spuckte den Titel aus, als verbärge sich dahinter der Teufel.
Scarlett überlegte, ob sie ihren Verlobten verteidigen sollte, aber ihre Schwester hatte ihr bereits sehr deutlich zu ver­stehen gegeben, was sie von ihrer Verlobung hielt. Es machte keinen Unterschied, dass arrangierte Ehen im Meridianreich sehr in Mode waren oder dass der Graf seit Monaten treu die freundlichsten Briefe an Scarlett schrieb. Tella weigerte sich zu verstehen, wie Scarlett einen Mann heiraten konnte, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Doch einen völlig Un­bekannten zu heiraten, machte Scarlett weit weniger Angst als die Vorstellung, auf Trisda bleiben zu müssen.
» Und ? «, drängte Tella. » Verrätst du mir jetzt, was es
ist ? «
» Der Brief ist nicht vom Grafen. « Scarlett sprach leise, damit Tellas Seemannsfreund sie nicht hörte. » Er kommt vom Master von Caraval. «
» Er hat dir zurückgeschrieben ? « Tella schnappte sich den Brief. » Bei Gottes Zähnen ! «
» Schhh ! « Scarlett drängte ihre Schwester gegen die Fässer. » Jemand könnte dich hören. «
» Darf ich das jetzt etwa nicht feiern ? « Tella zog die drei Papierstücke hervor, die der Einladung beilagen. Das Lampenlicht fiel auf die Wasserzeichen. Einen Augenblick lang leuchteten sie golden auf wie die Ränder des Umschlags, dann wurde ein gefährlich blutiges Scharlachrot daraus.
» Siehst du das ? « Tella schnappte nach Luft, als silberne Buchstaben auf der Seite erschienen, sich träge wanden und schließlich Wörter formten : Eine Zugelassene : Donatella Dragna von den Eroberten Inseln.
Auf dem zweiten Papierstück erschien Scarletts Name.
Auf dem dritten stand nur Ein Zugelassener. Wie bei den anderen Einladungen war darunter der Name einer Insel zu lesen, von der sie noch nie gehört hatte : Isla de los Sueños.
Scarlett nahm an, dass die namenlose Einladung für ihren Verlobten bestimmt war, und einen Moment lang stellte sie sich vor, wie romantisch es wäre, Caraval mit ihm zusammen zu erleben, sobald sie erst einmal verheiratet wären.
» Oh, schau mal, da steht ja noch mehr. « Tella kiekste, als weitere Wörter auf den Karten erschienen.
Zur einmaligen Verwendung, um Zutritt zu Caraval zu erhalten.
Die Haupttore schließen um Mitternacht, am dreizehnten Tag der Wachstumsjahreszeit, im siebenundfünfzigsten Jahr der Elantinischen Dynastie. Wer zu einem späteren Zeitpunkt eintrifft, wird nicht am Spiel teilnehmen und den diesjährigen Preis in Form eines Wunsches nicht gewinnen können.
» Das ist ja schon in drei Tagen «, sagte Scarlett und die strahlenden Farben, die sie gerade noch empfunden hatte, verwandelten sich in die üblichen Grautöne der Enttäuschung. Sie hätte es besser wissen müssen, als auch nur für einen Augenblick zu glauben, dass dies hier tatsächlich wahr werden könnte. Vielleicht, wenn Caraval in drei Monaten stattfinden würde oder auch in drei Wochen – irgendwann nach ihrer Hochzeit. Scarletts Vater hatte um das genaue ­Datum ihrer Vermählung ein großes Geheimnis gemacht, aber sie wusste, dass es jedenfalls noch nicht in den kommenden drei Tagen so weit sein würde. Und die Insel davor zu verlassen, war unmöglich – und viel zu gefährlich.
» Aber schau doch mal, was es dieses Jahr für einen Preis gibt «, beharrte Tella. » Einen Wunsch. «
» Ich dachte, du glaubst nicht an Wünsche. «
» Und ich dachte, du würdest dich mehr über das hier ­freuen «, konterte Tella. » Du weißt schon, dass andere Leute töten würden, um die hier in die Finger zu bekommen ? «
» Hast du auch den Teil gelesen, in dem steht, dass wir die Insel verlassen müssen ? « Ganz gleich, wie sehr sich Scarlett wünschte, bei Caraval dabei zu sein – ihre Hochzeit war noch wichtiger. » Um in drei Tagen dort zu sein, müssten wir wahrscheinlich schon morgen abreisen. «
» Warum, glaubst du, bin ich so aufgeregt ? « Das Glänzen in Tellas Augen wurde immer heller. Wenn sie glücklich war, begann die ganze Welt zu schimmern und Scarlett wollte mit ihrer Schwester gemeinsam strahlen und zu allem Ja ­sagen, was sich Tella wünschte. Aber Scarlett wusste allzu gut, wie tückisch es war, seine Hoffnungen auf etwas so Trüge­risches wie einen Wunsch zu setzen.
Scarlett verlieh ihrer Stimme Schärfe. Sie verabscheute sich selbst dafür, dass sie die Freude ihrer Schwester zer­stören musste, aber besser sie als jemand, der noch weit Schlimmeres tun würde. » Hast du dich hier unten am Rum zu schaffen gemacht ? Oder hast du vergessen, was Vater getan hat, als wir das letzte Mal versucht haben, Trisda zu verlassen ? «
Tella zuckte zurück. Einen Augenblick lang blitzte ihre Verletzlichkeit auf, die sie so hart zu verbergen versuchte. Dann verwandelte sich ihre Miene jedoch ebenso schnell wieder. Ihre rosa Lippen formten ein Lächeln und sie wirkte nicht mehr verstört, sondern vielmehr unzerstörbar. » Das war vor zwei Jahren. Jetzt sind wir schlauer. «
» Wir haben aber auch mehr zu verlieren «, widersprach Scarlett.
Für Tella war es leichter, das beiseitezuwischen, was das letzte Mal geschehen war, als sie versucht hatten, Caraval zu besuchen. Scarlett hatte ihrer Schwester nie alles erzählt, was ihr Vater damals getan hatte, um sie zu bestrafen. Sie hatte nicht gewollt, dass Tella mit so viel Angst leben musste ; dass sie sich permanent umsah ; dass sie erfuhr, dass es Schlim­meres gab als die üblichen Strafen eines Vaters.
» Erzähl mir nicht, dass du nur Angst hast, das hier könnte deiner Hochzeit in die Quere kommen. « Tella verstärkte den Griff um die Karten.
» Hör auf. « Scarlett zog sie ihrer Schwester aus der Hand. » Du zerknickst sie noch. «
» Und du hast meine Frage nicht beantwortet, Scarlett. Geht es hier um deine Hochzeit ? «
» Natürlich nicht. Es geht darum, dass wir morgen nun mal nicht von dieser Insel herunterkommen können. Wir wissen ja nicht einmal, wo dieser Ort ist. Ich habe noch nie von der Isla de los Sueños gehört, aber ich weiß, dass sie nicht zu den Eroberten Inseln gehört. «
» Ich weiß, wo sie liegt. « Julian trat hinter den Rumfässern neben den Schwestern hervor und lächelte sie strahlend an, was wohl bedeuten sollte, dass er sich nicht dafür entschuldigen würde, ihre private Unterhaltung belauscht zu ­haben.
» Das hier geht dich nichts an. « Scarlett scheuchte ihn mit einer Handbewegung fort.
Julian sah sie so merkwürdig an, als hätte ihn noch nie zuvor ein Mädchen weggeschickt. » Ich will euch doch nur helfen. Ihr habt noch nie von dieser Insel gehört, weil sie nicht Teil des Meridianreichs ist. Sie wird von keinem der fünf Reiche regiert. Die Isla de los Sueños ist Legends Privat­insel, und sie liegt nur etwa eine Zweitagesreise von hier entfernt. Wenn ihr dorthin möchtet, kann ich euch auf mein Schiff schmuggeln, für einen gewissen Preis. « Julians Blick ruhte auf der dritten Karte. Seine hellbraunen Augen wurden von dichten Wimpern umkränzt ; dieser Blick war wie geschaffen dafür, Mädchen dazu zu bringen, ihre Röcke zu raffen und ihm die Arme zu öffnen.
Tellas Bemerkung, manche Menschen würden für diese Karten töten, hallte in Scarletts Gedanken wider. Julian mochte ein einnehmendes Gesicht haben, doch er hatte auch einen Südreichakzent und jeder wusste, was für ein gesetz­loser Ort das Südreich war.
» Nein «, antwortete Scarlett. » Es ist zu gefährlich, wenn man uns fasst. «
» Alles, was wir tun, ist gefährlich «, kommentierte Tella. » Wir stecken auch ganz schön in Schwierigkeiten, wenn wir hier unten mit einem Jungen erwischt werden. «
Julian wirkte beleidigt, weil sie ihn einen Jungen genannt hatte, aber bevor er etwas sagen konnte, fuhr Tella schon fort : » Nichts, was wir tun, ist ungefährlich. Aber es ist das Risiko wert. Du hast dein ganzes Leben auf das hier gewartet, du hast es dir bei jeder Sternschnuppe gewünscht, bei jedem neuen Schiff im Hafen darum gebetet, dass es das magische Schiff der geheimnisvollen Caraval-Darsteller ist. Du willst es doch sogar noch mehr als ich. «
Was auch immer ihr über Caraval gehört habt, es kommt der Wirklichkeit nicht einmal nahe. Es ist mehr als nur ein Spiel oder eine Vorstellung. Es ist das, was der Magie in dieser Welt am nächsten kommt. Die Worte ihrer Großmutter tanzten in Scarletts Kopf, während sie die Karten in ihrer Hand betrachtete. Die Geschichten über Caraval, die sie als kleines Mädchen so geliebt hatte, waren ihr noch nie realer erschienen als in diesem Augenblick. Mit Scarletts stärksten Gefühlen waren immer Farben verbunden und für einen Moment flammte goldrutengelbe Sehnsucht in ihr auf. Ganz kurz malte sie sich aus, wie es wohl wäre, zu Legends Privatinsel zu reisen, das Spiel zu spielen und den Wunsch zu gewinnen. Freiheit. Eigene Entscheidungen. Wunder. Magie.
Eine schöne, lächerliche Vorstellung.
Und es war am besten, wenn es so blieb. Wünsche waren auch nicht wirklicher als Einhörner. Als kleines Mädchen hatte Scarlett die Geschichten ihrer Großmutter über die Magie von Caraval geglaubt, doch sie war erwachsen geworden und hatte diese Märchen hinter sich gelassen. Sie hatte nie einen Beweis gesehen, dass es Magie tatsächlich gab. Und nun kam es ihr sehr viel wahrscheinlicher vor, dass die Geschichten ihrer Großmutter nichts weiter waren als die Übertreibungen einer alten Frau.
Ein Teil von ihr wollte die Pracht von Caraval immer noch erleben, aber sie wusste es besser. Magie würde ihr Leben nicht ändern. Der einzige Mensch, der ihr und ihrer Schwester ein neues Leben schenken konnte, war Scarletts Verlobter, der Graf.
Jetzt, da sie nicht mehr dem Licht der Lampen ausgesetzt waren, verschwand die Schrift auf den Karten wieder und sie sahen beinahe ganz gewöhnlich aus. » Tella, es geht nicht. Es ist zu gefährlich. Wenn wir versuchen, die Insel zu ver­lassen … « Scarlett verstummte, als ein Knarren von der Treppe zum Fasslager erklang. Es folgten schwere Stiefelschritte. Von mindestens drei Männern.
Scarlett warf ihrer Schwester einen panischen Blick zu.
Tella fluchte und gab Julian mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er sich verstecken sollte.
» Oh, verschwinde nicht meinetwegen. « Governor Dragna hatte den Fuß der Treppe erreicht, der scharfe Geruch seines schwer parfümierten Anzugs verdarb den würzigen Duft des Fassraums.
Rasch schob Scarlett die Karten in die Tasche ihres Kleides.
Drei Wachen folgten ihrem Vater auf dem Fuß.
» Ich glaube, wir sind uns noch nicht begegnet. « Ohne seine Tochter zu beachten, reichte Governor Dragna Julian die Hand. Er trug seine pflaumenvioletten Handschuhe. Sie hatten die Farbe von dunklen Blutergüssen, die Farbe der Macht.
Aber wenigstens trug er die Handschuhe noch. Governor Dragna mochte es, ein Bild der Zivilisiertheit zu bieten. Er kleidete sich gerne tadellos in einen maßgeschneiderten schwarzen Gehrock und eine gestreifte violette Weste. Er war Mitte vierzig, aber er war nicht fett geworden wie andere Männer. Der neuesten Mode entsprechend trug er sein blondes Haar mit einer schwarzen Schleife zu einem ordentlichen Pferdeschwanz zurückgebunden, seine Augenbrauen waren in Form gezupft und er trug einen dunkelblonden Spitzbart.
Julian war größer, doch der Governor brachte es trotzdem fertig, auf ihn hinabzublicken. Scarlett sah, wie ihr Vater die geflickte braune Jacke des Seemanns musterte, seine lockere Hose, die in abgewetzten kniehohen Stiefeln steckte.
Es sagte viel über Julians Selbstbewusstsein aus, dass er dem Governor ohne Zögern die eigene, bloße Hand ent­gegenstreckte. » Schön, Euch kennenzulernen, Sir. Julian Marrero. «
» Governor Marcello Dragna. « Die Männer schüttelten ­einander die Hände. Julian wollte den Griff lösen, aber der Governor hielt ihn fest. » Julian, du kommst wohl nicht von dieser Insel ? «
Dieses Mal zögerte Julian doch. » Nein, Sir. Ich bin Seemann. Erster Maat der El Beso Dorado. «
» Dann bist du also nur auf der Durchreise. « Der Governor lächelte. » Wir mögen Seeleute hier. Sie tun der Wirtschaft gut. Sie zahlen gut, um hier anlegen zu dürfen, und während ihres Besuchs geben sie noch mehr Geld aus. Und jetzt sag mir, was hältst du von meinem Rum ? « Mit der freien Hand machte er eine Geste, die den ganzen Raum einschloss. » Ich nehme an, das war es, was du hier unten gekostet hast ? «
Als Julian nicht sofort antwortete, drückte der Governor fester zu. » Hat er dir nicht zugesagt ? «
» Nein, Sir «, antwortete Julian. » Ich meine, doch, Sir «, korrigierte er sich hastig. » Alles, was ich gekostet habe, war sehr gut. «
» Gilt das auch für meine Töchter ? «
Scarlett erstarrte.
» Ich rieche an deinem Atem, dass du keinen Rum getrunken hast «, fuhr Governor Dragna fort. » Und ich weiß, dass du nicht hier unten bist, um Karten zu spielen oder Gebete zu sprechen. Also sag mir, welche meiner Töchter hast du gekostet ? «
» Oh, nein, Sir. Das habt Ihr falsch verstanden. « Julian schüttelte den Kopf und hatte die Augen aufgerissen, als könnte er etwas so Unehrenhaftes niemals tun.
» Es war Scarlett «, platzte Tella heraus. » Ich bin hier he­runtergekommen und habe die beiden zusammen erwischt. «
Nein. Scarlett verfluchte ihre törichte Schwester. » Vater, sie lügt. Tella war es, nicht ich. Und ich habe sie erwischt. «
Tella wurde rot. » Scarlett, lüg nicht. Du machst es nur schlimmer. «
» Ich lüge nicht ! Vater, es war Tella. Glaubst du wirklich, ich würde so etwas tun, ein paar Wochen vor meiner Hochzeit ? «
» Vater, hör nicht auf sie «, fiel ihr Tella ins Wort. » Ich habe sie flüstern hören, dass sie hofft, es könnte ihr helfen, weil sie wegen der Hochzeit so nervös ist. «
» Das ist schon wieder gelogen … «
» Das reicht ! « Der Governor sah Julian an, dessen gebräunte Hand noch immer fest im Griff des parfümierten pflaumenvioletten Handschuhs steckte. » Meine Töchter ­haben die schlechte Angewohnheit, unaufrichtig zu sein, aber ich bin sicher, du wirst dich entgegenkommender verhalten. Und jetzt sag mir, junger Mann, mit welcher meiner Töchter warst du hier unten ? «
» Ich glaube, hier liegt ein Fehler vor … «
» Ich mache keine Fehler «, unterbrach ihn der Governor. » Ich gebe dir noch eine Chance, mir die Wahrheit zu sagen, sonst … « Die Wachen traten einen Schritt vor.
Julians Blick huschte zu Tella.
Sie schüttelte ruckartig den Kopf und formte mit den Lippen das Wort : Scarlett.
Scarlett versuchte, Julian auf sich aufmerksam zu machen, ihm zu verstehen zu geben, dass er einen Fehler machte, aber sie sah die Entschlossenheit im Gesicht des Seemanns, als er antwortete : » Es war Scarlett. «
Dummer Junge. Er glaubte zweifellos, dass er Tella einen Gefallen tat, doch genau das Gegenteil war der Fall.
Der Governor ließ Julian los und streifte sich die Handschuhe ab. » Ich habe dich gewarnt «, sagte er zu Scarlett. » Du weißt, was passiert, wenn du dich mir widersetzt. «
» Vater, bitte, es war nur ein ganz kurzer Kuss. « Scarlett versuchte, sich vor Tella zu stellen, aber eine der Wachen zog sie zurück, packte ihre Ellbogen und drückte ihr grob die Arme auf den Rücken, während sie darum kämpfte, ihre Schwester zu beschützen. Denn es war nicht Scarlett, die für dieses Vergehen bestraft werden würde. Jedes Mal, wenn Scarlett oder ihre Schwester ihrem Vater nicht gehorchten, tat der Governor der jeweils anderen etwas Schlimmes an, um die Übeltäterin zu bestrafen.
An der rechten Hand trug der Governor zwei große ­Ringe, einen rechteckigen Amethyst und einen spitzen lila Diamanten. Er drehte sie beide nach innen, hob dann die Hand und schlug Tella ins Gesicht.
» Nicht ! Es ist meine Schuld ! «, schrie Scarlett – ein Fehler. Sie hätte es besser wissen müssen.
Ihr Vater schlug Tella noch einmal. » Für die Lüge «, sagte er. Der zweite Schlag war noch härter als der erste. Tellas Knie knickten ein und etwas Rotes rann ihre Wange hinab.
Zufrieden trat der Governor zurück. Er wischte sich die blutige Hand an der Weste einer seiner Wachleute ab. Dann wandte er sich Scarlett zu. Irgendwie kam es ihr vor, als wäre er plötzlich größer, während sie selbst geschrumpft war. Es gab nichts, womit ihr Vater ihr mehr wehtun konnte, als wenn er ihre Schwester vor ihren Augen schlug. » Enttäusche mich nicht noch einmal. «
» Es tut mir leid, Vater. Ich habe einen dummen Fehler gemacht. « Sie hatte noch nichts an diesem Morgen so ehrlich gemeint. Sie mochte vielleicht nicht diejenige sein, die Julian gekostet hatte, aber sie hatte es wieder einmal nicht geschafft, ihre Schwester zu beschützen. » Es wird nicht wieder vorkommen. «
» Ich hoffe, du meinst es ernst. « Damit streifte sich der Governor die Handschuhe wieder über und zog einen ge­falteten Umschlag aus der Tasche seines Gehrocks. » Ich ­sollte dir das hier wohl nicht geben, aber vielleicht erinnert es dich ja an alles, was du verlieren könntest. Deine Hochzeit findet in zehn Tagen statt, Ende der kommenden Woche, am Zwanzigsten. Sollte irgendetwas dazwischenkommen, wird mehr bluten als nur das Gesicht deiner Schwester. «







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