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Unterm ScheffelUnterm Scheffel

Unterm Scheffel

Roman

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Unterm Scheffel — Inhalt

Wie ein Blitz schlägt die Liebe bei Alexander Goudeveyl ein. Und als die junge Frau sein Haus betritt, lässt er jeden ehelichen Vorsatz fallen, um sie zu besitzen. Doch bald schon kühlt ihre Leidenschaft ab, und seine Leidenschaft schlägt in Verzweiflung um. Maarten 't Hart erkundet die Untiefen der Liebe, die Ungerechtigkeit unserer Gefühle und den donquichottischen Kampf, den wir um sie zuführen bereit sind.

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 09.10.2012
Übersetzer: Gregor Seferens
288 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30115-2
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 08.09.2011
Übersetzer: Gregor Seferens
288 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95258-3

Leseprobe zu »Unterm Scheffel«

1

 

September. Hester und ich traten beim Voorhoutfestival auf. Nach unserem letzten Stück sagte sie: »Ich kann dich nicht nach Hause bringen, ich muss noch weiter nach Schiedam.«
»Das macht nichts«, sagte ich, »es fahren Straßenbahnen, Züge und Busse.«
»Doch, das macht was«, sagte sie, »das Mindeste, was ich für dich tun kann, ist, dich wieder nach Hause zu bringen, du trittst mit mir auf, damit ich mir etwas dazuverdienen kann. Du selbst brauchst das Geld überhaupt nicht.«
»Nebenverdienste brauche ich nicht, aber deine Gesellschaft ist unbezahlbar«, [...]

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1

 

September. Hester und ich traten beim Voorhoutfestival auf. Nach unserem letzten Stück sagte sie: »Ich kann dich nicht nach Hause bringen, ich muss noch weiter nach Schiedam.«
»Das macht nichts«, sagte ich, »es fahren Straßenbahnen, Züge und Busse.«
»Doch, das macht was«, sagte sie, »das Mindeste, was ich für dich tun kann, ist, dich wieder nach Hause zu bringen, du trittst mit mir auf, damit ich mir etwas dazuverdienen kann. Du selbst brauchst das Geld überhaupt nicht.«
»Nebenverdienste brauche ich nicht, aber deine Gesellschaft ist unbezahlbar«, sagte ich.
»Ja, darum bin ich so arm.«
Sie küsste mich auf die linke Wange. Eilig ging sie zum Parkhaus.
Das strahlende Spätsommerwetter hatte etwas Trügerisches. Es schien, als wäre Frühling. Der Himmel war hellblau. Im Westen, in weiter Ferne, schwebte ein Wölkchen, das aussah wie eine Männerhand.
Die Sonne schien auf mein Gesicht; ich schloss die Augen. Einen Moment lang war mir, als wäre ich noch jung. Dann dachte ich: Ich bin jetzt genauso alt wie Schumann, als er in Endenich eingewiesen wurde.
In der Nähe erklangen Mädchenstimmen. Fast widerwillig öffnete ich die Augen. Nicht weit entfernt von der improvisierten Terrasse, auf der ich saß, standen zwei junge Frauen.
»Sind Sie Alexander Goudveyl?«, fragte die kleinere der beiden.
»Leugnen hat keinen Zweck«, sagte ich, »aber sagen Sie es nicht weiter. «
War ich witzig? Die kleine Frau lachte lauthals, die größere lächelte. Vorsichtig schaute ich sie an, vorsichtig schaute sie zurück. Sie war ein eher dunkler Typ mit vielen widerspenstigen Locken. Unerschrocken sah ich sie weiter an. Was mich eigentlich bezaubert, ist klein, hat langes, glattes Haar und trägt einen Rock. Diese mädchenhafte Frau war groß. Sie trug eine Hose, eine blassgrüne Windjacke, und sie hatte Locken. Sie hatte ein hübsches ovales Gesicht mit fast feuerroten Wangen. Ihre Lippen waren kräftig. Unter ihrem Mund ragte ein kleines, aber unbeugsames Kinn hervor. Sie hatte eine zierliche kerzengerade Nase. Sie war bildschön, wobei Hester allerdings sagen würde: »Schöne Frauen? Ach, davon gibt es so viele.«
In ihrem Gesicht gab es etwas, das nicht zu ihrem Liebreiz passte. Die ein klein wenig zu schräg stehenden Augen? Oder die allzu roten Wangen? Oder der kräftige, fleischige Kiefer? Ganz gleich, was es war – erst diese Kleinigkeit machte sie unwiderstehlich. Es war, als gäbe ihr Gesicht ein Rätsel auf.
Sie nahm sich zusammen, wollte etwas sagen, doch mehr als ein Lächeln bekam sie nicht zustande. Ihre Verlegenheit übertrug sich auf mich. Auch ich wollte etwas sagen, mit zwei Scherzen beruhigen. Doch auch ich schaffte nicht mehr als ein Lächeln.
Sie gingen. Die Sonne schien noch immer auf mein Gesicht. Erneut schloss ich die Augen. Feurige Streifen und Kreise erschienen auf der Leinwand meiner Augenlider. Warum war mir plötzlich so schwindlig? Ich zitterte, als hätte ich Parkinson. Hastig öffnete ich die Augen; die Sonne war schuld, die viel zu warme Herbstsonne. Ich stand auf. Ich zitterte am ganzen Körper. Rasch setzte ich mich wieder hin. Ich hatte ein Gefühl, als machten sich unter meinem Zwerchfell Zahnschmerzen breit. Es war, als wäre ich in mir selbst gefangen. Vorsichtig versuchte ich aufzustehen. Es ging, aber es schien, als wären meine Arme und Beine eingeschlafen. In allen Gliedern spürte ich ein Prickeln. Als ich den Plein überquerte, bekam ich unvorstellbare Bauchschmerzen. Mir war, als hätte ein Schornsteinfeger einen Stoßbesen in meinen Magen geschoben, den er jetzt hin und her bewegte.
Das Gesicht der anderen Frau, die über mich gelacht hatte und die ich kaum angesehen hatte, konnte ich mir mühelos ins Gedächtnis rufen, doch das Gesicht der großen Frau schien radikal aus meiner Erinnerung gelöscht zu sein.
Was ich zu tun hatte, war klar. Ich musste sie wiederfinden. Einmal noch musste ich sie anschauen. Dann würde ich mir ihr Gesicht mit der zierlichen Nase, den erstaunlich roten Wangen, dem kräftigen Kinn einprägen. Um es mir zu jedem gewünschten Zeitpunkt wieder vorstellen zu können. Und dann wäre alles in Ordnung.
Stundenlang schlenderte ich an den Marktständen vorbei. Es war Ende September, und es herrschte strahlendes Spätsommerwetter. Trotzdem kommt es mir, wenn ich an diesen Samstagnachmittag zurückdenke, so vor, als wäre es, als ich meine vergebliche Suche begann, bereits Winter gewesen. Mühelos kann ich mir das Bild des Mannes, der im gleichen Alter wie der zu Unrecht in Endenich eingewiesene Schumann war, in Erinnerung rufen, wie er dort an den Ständen entlanggeht. Ich sehe mich selbst gehen, den Rücken noch ein wenig stärker gebeugt als sonst, die Hände noch ein wenig tiefer in den Hosentaschen. Das stimmt zweifellos. Was nicht stimmt, was nicht stimmen kann, ist, dass meine Erinnerung behauptet, dass es von dem Moment an, in dem ich mich auf die Suche nach ihr begab, bitterkalt war. Außerdem behauptet meine Erinnerung, dass es bereits dämmerte. Auch das kann so nicht gewesen sein. So lange bin ich doch nicht an den Ständen auf dem Plein, auf dem Lange und Korte Voorhout sowie am Rande des Hofvijvers entlanggegangen? Was ebenso wenig stimmen kann, was meine Erinnerung aber hartnäckig behauptet, ist, dass in allen Ständen flackernde Petroleumlampen hingen. Es war doch windstill? Dennoch sehe ich mich dort schlendern, und es ist eiskalt und schon dunkel, die Straßenlampen leuchten überschwänglich, die Petroleumlampen flackern ungeduldig, Pferde scharren mit den Hufen. An einer der Buden bleibe ich stehen. Eine Frau, von runden Stoffballen verdeckt, sagt zu einem Mann, dessen eine Gesichtshälfte von einer Petroleumlampe erhellt wird: »Zwischen uns ist es nun endgültig aus.«
»Nur gut«, sagt der Mann verbittert, »dann muss ich auch nicht länger unter all den Spannungen leiden.«
»Es ist aus«, schnaubt die Frau.
»Zum Glück«, ruft der Mann, »endlich!«
»Zwischen uns ist es absolut, endgültig, vollkommen und unwiderruflich aus. Schluss. Aus. Ende.«
Mit einem braunen Zollstock schlägt sie wütend auf die Stoffballen. Dabei wirbelt so viel Staub auf, dass das Licht der Petroleumlampe gedämpft wird.
»Schluss! «, schreit sie. »Es ist aus.«
» Wenn du wüsstest, wie glücklich du mich machst mit dem, was du sagst«, ruft der Mann.
Wütend geißelt die Frau ihre Ballen. Sie packt einen zweiten Zollstock und trommelt damit auf den Stoff. Sie sieht aus wie eine begeisterte Schlagzeugerin. Während ich sie beobachte und das kräftige Niesen höre, das der von ihr aufgewirbelte Staub ihr entlockt, überkommt mich ein Gefühl vollkommener Vergeblichkeit.
Was mich stört, ist meine unzureichende Formulierung. Man kann das Wort »Vergeblichkeit« verwenden. Es kommt dem Ganzen am nächsten. Aber das Wort bringt nicht die bodenlose Hoffnungslosigkeit des Gefühls zum Ausdruck, das mich dort überkam, dort an dem Stand am Hofvijver, mit der niesenden Frau, die zwischen dem Niesen ständig jammerte: »Es ist vorbei, es ist aus zwischen uns«, und dem Mann, dessen Gesicht im Dunkeln blieb und der regungslos dastand und kein Wort mehr sagte. Es war, als würde unter meinem Zwerchfell die Sechste Sinfonie von Schostakowitsch gespielt. Es war, als hätte ich versagt, als hätte ich mein Leben lang versagt und würde es nie wiedergutmachen können.

 

2

 

Wenn nichts passiert, vergeht die Zeit wie im Flug. Gut ein Jahr später rief Hester mich an : » Ein Freund von mir hat einen Roman geschrieben, und das Buch wird in der Buchhandlung Maria Heiden in Rotterdam vorgestellt. Er hat mich gebeten, bei der Gelegenheit zu singen. Würdest du mich begleiten ? «
»Natürlich, gibt es denn ein Klavier?«
»Das wird organisiert.«
Hester holte mich mit ihrem schmutzigen Audi ab. Wir fuhren in einem langen Stau nach Rotterdam. Unter dem bleigrauen Novemberhimmel kam uns auf der anderen Fahrbahn ein zweiter Stau entgegen. Viele Fahrer hatten bereits das Licht eingeschaltet. Dadurch schien es noch nebliger zu sein, und in dem Nebel kamen die blendenden Scheinwerfer auf uns zu.
»Ich tu das für dich, nicht für den Autor«, sagte ich.
»Ach, aber Job ist wirklich ein netter Kerl.«
»Jeder ist nett, solange es ihm gut geht.«
»Er ist wirklich nett.«
» Ein Schriftsteller ? «
»Sind Schriftsteller denn nicht nett?«
»Nein, die hängen alle an der Flasche. Das sind lauter Nachteulen. Die geben sich alle einen Hauch von: ›Sieh nur, wie feinfühlig ich bin.‹ Alle haben sie einen Hang zu hochtrabenden Formulierungen, wo eine einfache Aussage gereicht hätte. Meine Klavierlehrerin hat immer gesagt: »Literatur? Das ist nichts anderes, als mit teuren Wörtern schönes Wetter spielen. «
»Job hat aber ein schönes Buch geschrieben.«
» Worüber ? «
»Über die eheliche Liebe.«
»Eheliche Liebe? Die gibt’s überhaupt nicht.«
»Er denkt schon.«
»Hat er Händel in seinem Buch verarbeitet?«
»Was faselst du jetzt?«
»Na ja, Händel! Wenn ich über die Ehe schreiben würde, dann müsste ich doch auf jeden Fall etwas über das kurze Duett ›Who calls my parting soul from death‹ aus Esther von Händel sagen. In wenigen Takten wird da mehr zum Ausdruck gebracht, als man in einem Buch über die Ehe je sagen könnte. Alles, was ein Autor kann, kann ein Komponist besser. Du glaubst doch nicht, ein Schriftsteller könnte uns mit Barbarina um eine verlorene Nadel trauern lassen, ein paar Takte in f-Moll, damit kann sich nichts messen.«
»Schon, aber wenn du nicht wüsstest, dass Mozart an der Stelle ein Mädchen um eine verlorene Nadel trauern lässt, dann würdest du, wenn du die Musik hörst und kein Italienisch verstehst, meinen, dass sie mindestens ihren Liebsten verloren hat. «
»Um so viel Trauer hervorzurufen, braucht ein Schriftsteller ein ganzes Buch! Wirklich, was ein Schriftsteller kann, kann ein Komponist tausend Mal besser.«
»Du kannst mit Musik niemanden zum Lachen bringen.«
»Das wollen wir erst mal sehen, wobei ich zugebe, dass sich Humor und Musik schlecht vertragen. Wenn du vor Lachen brüllen willst, kannst du dir vermutlich besser einen lustigen Film ansehen, anstatt ein Buch zu lesen. Ich hasse Filme, aber bei Manche mögen’s heiß habe ich gelacht, bis ich Bauchschmerzen hatte. Kannst du mir ein Buch nennen, bei dem … «
»Die Pickwickier von Dickens.«
»Das habe ich noch nicht gelesen.«
»Dann beneide ich dich, da hast du das schönste Buch, das es gibt, noch vor dir.«
In Rotterdam brauchten wir für die Parkplatzsuche mehr Zeit als für die ganze Hinfahrt. Hester sang zu spät, zu spät begleitete ich sie. Über das Klavier hinweg sah ich eine junge Frau den Laden betreten. Aus der Ferne sahen wir einander an. Sofort verschwand sie hinter einem Bücherregal.
Hester sang eine Schlussnote, ich improvisierte ein Nachspiel. Die junge Frau kam wie eine scheue Rohrdommel zum Vorschein. Sie trug einen karierten Blazer. Die hohen Buchstapel als Deckung nutzend, kam sie langsam näher. Sie schlug einen Bogen, war plötzlich wieder hinter einem Regal verschwunden, das links von mir stand, tauchte dann schräg neben mir auf und fragte: »Wissen Sie, ob die erste Platte, die Sie aufgenommen haben, noch lieferbar ist?«
»Ich glaube schon, aber hier werden Sie die nicht finden«, erwiderte ich.
Ich erhob mich langsam. Obwohl sie stattlich war, überragte ich sie. Wir begaben uns zu einem Fenster im hinteren Teil des Ladens.
»Möglicherweise hat Dankert noch ein Exemplar vorrätig«, sagte ich.
»Da war ich schon.«
Wir schauten zum Fenster hinaus. Mir kam es so vor, als bildeten wir beide zusammen einen Elektrisierapparat. Wir hätten einander nur die Köpfe zuzuneigen brauchen, und schon wären die Funken übergesprungen.
»Ich glaube, ich habe zu Hause noch ein Exemplar der Schallplatte«, sagte ich. »Das können Sie haben.«
» Vielen Dank ! «
»Wenn Sie mir Ihre Adresse geben, schicke ich Ihnen die Platte, falls ich noch eine habe.«
»Oh, meine Adresse ist wertvoll. Rufen Sie mich doch an, wenn Sie noch eine finden.«
»In Ordnung«, sagte ich.
»Ich geben Ihnen die Nummer der Praxis. Wenn Sie noch eine Platte finden, können wir uns vielleicht treffen. Sind Sie gelegentlich in Den Haag?«
»Ja, wenn ich in die Musikbibliothek gehe.«
Sie wickelte die Bauchbinde von Jobs neuem Buch und schrieb ihren Namen darauf: Sylvia Hoogervorst. Darunter notierte sie eine Telefonnummer: 0 10-5 27 54 34. Sie gab mir den Papierstreifen.
KV 527, dachte ich, Don Giovanni von Mozart; ich sah sie an, sie erwiderte meinen Blick und verabschiedete sich dann. Mit zitternden Knien ging ich zum Klavier zurück.
» Na «, sagte Hester, » das war aber ein sehr intimes Gespräch, da am Fenster.«
»Wunderbare Frau«, sagte ich.
»Papperlapapp, schöne Frauen, davon gibt es viele, und von der Seite sah sie außerdem aus wie eine strenge Lehrerin.«
Hester musterte mich und sagte spitz: »Du wirst ja ganz blass. «
»Ich darf doch wohl auch mal blass werden«, erwiderte ich und rutschte näher ans Klavier. Mein Rücken sehnte sich nach einer Lehne, aber Klavierhocker haben nun mal keine Lehnen. Meine Finger legten sich schicksalsergeben auf die Tasten. Behutsam schlugen sie einen Akkord an. Neugierig wartete ich auf das, was erklingen würde. Ich hörte ein tiefes es, zwei as und ein g. »Mild und leise«, dachte ich. Vorsichtig bewegten sich meine Finger über die Tasten. Während ich so leise wie möglich weiterspielte, hob ich den Blick. Im schwarzglänzenden Holz des Instruments sah ich das Spiegelbild ihres Gesichts. Es machte den Eindruck, als wäre sie ganz klein und stünde sehr weit entfernt. Sie fragte mich: »Sie treten doch demnächst wieder in einer Kirche auf?«
»Ja«, sagte ich.
»Braucht man da eine Eintrittskarte?«
»Ich habe ein paar Karten dabei. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen eine geben.«
»Oh ja, gern«, erwiderte sie.
Einen kurzen Moment lang hielten wir beide die Karte fest. Sie ging. Hester sah mich leicht vorwurfsvoll an, und ich sagte : »Ich kann doch nichts dafür, dass sie noch einmal zurückgekommen ist. «

 

3

 

Ich hatte den Staub von der Plattenhülle gewischt. Die Bauchbinde hatte ich in das vordere Fach meines Portemonnaies gesteckt. Was hielt mich davon ab, sie anzurufen? Wovor fürchtete ich mich? Was war harmloser als ein kurzes Treffen in Den Haag, bei dem ich ihr die entstaubte Platte überreichen würde ?
Trotzdem kam ich irgendwie nicht dazu, die Don-Giovanni-Nummer zu wählen.
Im November machte ich eine Radiosendung über Bearbeitungen von klassischer Musik durch Popmusiker. Zuerst spielte ich »A whiter shade of pale«. »Nun«, sagte ich, »hören Sie das Stück von Bach, das Keith Reid und Gary Brooker ihrem Lied zugrunde gelegt haben, die Kantate ›Ich steh’ mit einem Fuß im Grabe‹.«
»Mag sein, aber erst muss ich ein neues Tonband holen«, sagte der Techniker hinter der Glasscheibe.
Er ging los und ließ mich in meiner schalltoten Kabine allein. Es schien fast, als wollte er mir, ein Telefon des Rundfunks in Reichweite, absichtlich die Gelegenheit bieten, sie anzurufen. Trotzdem saß ich auch jetzt erst noch eine Weile mit dem Hörer in der Hand da, ehe ich ihre Nummer wählte. Es klingelte zwei Mal. Eine dezente, leicht schleppende Mädchenstimme sagte: »Sie sind mit dem automatischen Anrufbeantworter der tierärztlichen Praxis Westvest verbunden. Sie können … «
Erleichtert legte ich auf. Zum Glück, sie war nicht erreichbar. Offenbar arbeitete sie als Assistentin bei einem Tierarzt. Aber warum hatte sie mir ihre Privatnummer nicht gegeben? War sie etwa verheiratet? Oder lebte zumindest mit jemandem zusammen? Wollte sie verhindern, dass ich ihren Mann oder ihren Freund am Telefon hatte? Aber warum? Wie dem auch sein mochte: Ich hatte mich an unsere Verabredung gehalten, ich hatte angerufen. Jetzt war ich von weiteren Verpflichtungen befreit. Ich durfte die Bauchbinde wegwerfen. Ich drehte mich auf meinem Bürostuhl im Kreis und sah mich nach einem Papierkorb um. Es gab keinen. Also konnte ich die Bauchbinde ebenso gut aufheben. Die Nummer kannte ich sowieso auswendig: Vorwahl von Rotterdam, dann Don Giovanni, dann Kantate 54 von Bach, »Widerstehe doch der Sünde«, und zum Schluss Kantate 34 von Bach, »O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe«.
Jedes Mal, wenn ich in den darauffolgenden Wochen etwas von Bach oder Mozart hörte, dachte ich mit einem vagen Schuldgefühl an die Telefonnummer. Trotzdem hätte ich sie wahrscheinlich nicht noch einmal gewählt, wenn ich mich nicht mit meinem Freund Frank unterhalten hätte. Er ist Psychiater, was nicht für ihn spricht, er mag Mozart nicht, was unverzeihlich ist, und dennoch kann ich mich, wenn wir im Sommer in seinem Garten sitzen und der Abend dämmert, mit ihm so angenehm unterhalten wie mit niemandem sonst.
Diesmal saßen wir allerdings in seinem Wohnzimmer am offenen Kamin.
» Joanna hat demnächst wieder eine Reihe von Auftritten im Ausland und ist ein paar Wochen unterwegs.«
» Wenn das schlimm für dich ist «, erwiderte er, » dann nimm dir doch so lange eine Freundin.«
»Als ob mich noch eine Frau haben wollte.«
»Du musst nur in deinen Garten gehen und in die Hände klatschen«, sagte er, »dann kommen sie aus allen Richtungen angelaufen. Wenn du die Frauen abwehren wolltest, die etwas von dir wollen, dann müsstest du eine Frauenwehr bauen.«
Später am Abend stand ich in meinem Garten. Ich klatschte in die Hände. Aus der Wiese am Wassergraben, der meinen Garten begrenzt, erhob sich ein alter Reiher. Mit einem heiseren Schrei flog er durch die kalte Luft.
»Eine Frauenwehr«, rief ich dem Reiher hinterher, »wie kommt er darauf? Eine Frauenwehr!«
Mitte Dezember machte ich eine Sendung über die Streichquartette von Janáček. Wieder musste ich warten, weil das Tonband gewechselt wurde. Eine Digitaluhr zeigte 15 : 27. Eine Weile betrachtete ich die Ziffern. Sie kamen mir vor wie ein Code für das Wort Frauenwehr. »Mal sehen, ob du recht hast, Frank«, murmelte ich. Erneut wählte ich die Nummer. Es klingelte fünf Mal. Ich wollte schon auflegen, als sich dieselbe schleppende Mädchenstimme meldete: »Tierarztpraxis Westvest. «
» Könnte ich vielleicht Sylvia Hoogervorst sprechen ? «, fragte ich.
»Einen kleinen Moment, bitte«, sagte die Stimme.
Die Leitung rauschte wie ein altes Radio.
»Bis 15 : 30 warte ich«, nahm ich mir vor. »Danach lege ich auf und lösche die Nummer aus meinem Gedächtnis. Frauenwehr, ist das zu fassen!«
Drei Sekunden vor 15 : 30 Uhr erklang ihre Stimme.
»Hier Sylvia Hoogervorst.«
» Hier Alexander Goudveyl. Ich habe auf dem Speicher noch ein verstaubtes Exemplar der Platte gefunden. Deshalb wollte ich nun gern einen Termin mit Ihnen ausmachen. Sie wohnen doch in Den Haag?«
»Nein, ich wohne in Breukelen.«
»Ach, aber … sind Sie denn öfter in Den Haag?«
»Das eigentlich nicht. Ich habe nur Den Haag gesagt, weil ich dachte, dass Sie öfter dort sind, und weil es für mich kein Problem ist, kurz hinzufahren.«
»Aber wenn Sie in Breukelen wohnen und ich einmal in der Gegend bin, dann können wir uns doch dort verabreden?«
»Ich denke, dass es einfacher ist, wenn wir uns in Den Haag … «
» Ja, aber das ist gar nicht nötig. Dann müssen Sie extra nach Den Haag … «
»Ich dachte, das wäre für Sie das Einfachste.«
»Ich bin öfter in der Gegend von Breukelen als in Den Haag. «
»Tja, dann … dann gut. Wann sind Sie …?«
» Kommenden Freitag. «
»Da kann ich nicht, da muss ich arbeiten.«
»Weiter … nächste Woche vielleicht, aber das steht noch nicht fest. Soll ich, wenn ich weiß, wann ich in Breukelen sein werde, noch einmal anrufen?«
»In Ordnung«, sagte sie.
»Abgemacht«, stimmte ich zu, »bis bald dann.«
Brav legte ich den Hörer auf die Gabel. Ich starrte eine Weile durch die Glasscheibe in den leeren Raum auf der anderen Seite. Warum hatte sie kein Treffen in Breukelen vereinbaren wollen? Lebte sie dort mit einem schäbigen rothaarigen Tierarzt zusammen, der in Wut geriet, wenn er einen Mann roch? Und warum klang ihre Stimme am Telefon so frostig und sachlich? Frostig? War das der richtige Ausdruck? Oder klang sie kühl, effizient? Oder nur unpersönlich? Mir war, als hörte ich ihre Stimme noch, eine Stimme ohne Wärme, ohne Geschmeidigkeit, ohne Modulation. Das ist natürlich ihre Praxisstimme, dachte ich, da kannst du ihr nicht verübeln, dass sie so kurz angebunden ist und frostig klingt. Den ganzen Tag lang muss sie das Bellen von Bernhardinern übertönen.
Dennoch wog der beinahe mürrische Klang der Stimme den verlockenden Ausdruck »Frauenwehr« mühelos auf, der mir beim Anblick eines Telefons in den Sinn kam. Zum Anrufen kam ich nicht mehr. Vielleicht vergaß ich sie sogar.
Nach dem Ende unseres » Kirchenkonzerts «, wie Hester und ich unseren Auftritt nannten, schlenderte ich im schattenreichen Kreuzgang über die Grabplatten. Oben im Gewölbe flatterte eine Fledermaus: »Du solltest Winterschlaf machen«, murmelte ich. Ein Stück weiter standen Konzertbesucher und unterhielten sich noch. Musste ich mich zu ihnen gesellen? Mir Komplimente über meine routinierte Begleitung anhören? Es war, als sähe ich mich selbst durch die Augen der Fledermaus über die Grabplatten wandeln. Aus großer Höhe schaute ich auf meinen kahlen Schädel hinab. Wie unbedeutend ich aussah. Da stand ich, ein fünftklassiger Komponist. Aber warum sollte ich mich selbst so disqualifizieren? Schließlich konnte es mir genauso ergehen wie Bohuslav Martinů, der sein Leben lang veredelte Nähmaschinenmusik komponiert hatte, bis ihm kurz vor seinem Tod ganz unerwartet eine paar unvergängliche Meisterwerke wie die Fantaisies symphoniques und die Fresques de Piero della Francescagelungen.
Würde es mir auch einmal vergönnt sein, mich selbst zu übertreffen? Oder würde ich immer zu den Stümpern und Pfuschern gehören? Und würde ich immer nur wegen meiner Bearbeitungen und semiklassischen Kantilenen berühmt bleiben, die Hester mit so viel Flair und Überzeugung vorzutragen verstand, für die sich Joanna aber stellvertretend schämte, obwohl diese Bearbeitungen ihr und mir ein komfortables Leben verschafften. Schon seit Jahren stand mein Leben im Zeichen des fortwährenden Versuchs zu akzeptieren, dass ich nur ein winziges Talent hatte. Trotzdem wurde ich ständig eingeladen. Und um Hester einen Gefallen zu tun, schlug ich nur selten eine Einladung aus, weshalb ich immer wieder mit meinen eigenen armseligen harmonischen Einfällen, meinen glatten, ausgetüftelten, banalen melodischen Formeln und meiner eingängigen Rhythmik konfrontiert wurde. Es war ein Elend, nur ein Talent zu haben, nämlich das Talent zur Einsicht, dass man kein Talent hat.
Ich schaute zu der Fledermaus hinauf und erschauderte. Nicht vor Kälte, ich friere nie. Dann sah ich sie näher kommen. Sie trug ein Band im lockigen Haar. Wenn eine Frau ein solches Band trägt, ist sie bei mir unten durch. Sie ging über die Grabplatten an mir vorüber, ich sagte: »Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich die Schallplatte für dich mitgebracht! Aber ich werde dich anrufen!«
»Ich warte einfach ab«, erwiderte sie, und schon war sie vorüber, auf den Grabsteinen, die unter ihren Absätzen so hohl klangen. Am Ausgang zögerte sie kurz, schaute sich aber nicht um. Sie hatte keinen Mantel an und trug nur den Rotterdamer Blazer; offenbar war sie mit dem Wagen gekommen.
Sobald sie die Kirche verlassen hatte, folgte ich ihr. Draußen herrschte ein weißer Dezembernebel. Das Licht der Straßenlaternen triefte herab. Ihr Schein reichte nicht weit. Rasch ging ich um die Kirche herum. Ich schaute in alle Straßen, die auf den Kirchplatz mündeten. Sie war weg. Wahrscheinlich war sie in ihr Auto gestiegen und gleich weggefahren.

Maarten 't Hart

Über Maarten 't Hart

Biografie

Maarten ’t Hart, geboren 1944 in Maassluis bei Rotterdam als Sohn eines Totengräbers, studierte Verhaltensbiologie, bevor er sich 1987 als freier Schriftsteller in Warmond bei Leiden niederließ. Nach seinen Jugenderinnerungen »Ein Schwarm Regenbrachvögel« erschien 1997 auf Deutsch sein Roman »Das...

Medien zu »Unterm Scheffel«

Pressestimmen

Kirchenzeitung

»Ein lesenswerter Roman - besonders für Holland-Liebhaber und Musikfans.«

Leipziger Volkszeitung

»Es ist die große Leistung Maarten't Harts, die Symptome dieser Liebeskrankheit mit solch emotionaler Vehemenz zu schildern, dass es einen bei der Lektüre in einen Raum der Traurigkeit und Verlorenheit hineinreißt.«

Süddeutsche Zeitung

»Die Klänge und Geräusche, über die der Komponist die Welt vor allem erfährt, tragen den Text atmosphärisch, die Motive entwickeln sich fast unmerklich, der Rhythmus stimmt immer, der Roman scheint aus der Musik herauszuwachsen.«

Deutschlandradio Kultur

»Nun ist solches Liebeslied schon so oft beschrieben worden, dass es schon der besonderen Schreibkunst Maarten t´ Harts bedarf, um es noch einmal lesenswert und nachvollziehbar zu machen. Das gelingt ihm dank seiner feinen Ironie und seinem Gespür für komische Situationen.«

Westfälische Rundschau

»… prall gefüllt mit skurrilen Szenen, witzigen Aperçus und heiteren Anspielungen.«

business lounge WOMAN

»Wie immer sprachlich virtuos, hochsensibel, offenbar aus dem Fundus schier unendlicher Lebenserfahrung schöpfend«

Rheinischer Merkur

»Er gehört zu den ganz Großen der europäischen Gegenwartsliteratur.«

Die Welt

»Was für ein Geschenk, dieses Buch. Es pack, es unterhält mit brillanten Dialogen und köstlichen Gedanken, es tröstet, es ist komisch und traurig, es ist so, wie Literatur sein sollte, das bisschen mehr eben als das ganze elende Leben.«

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