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Tristans Moment

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Tristans Moment — Inhalt

Ein besonderer Lieblingsmoment – diesmal aus Tristans Perspektive ... 

Erschienen am 21.12.2013
16 Seiten, NDEPUB
ISBN 978-3-492-96700-6

Leseprobe zu »Tristans Moment«

Die Musik zuckt wie Strom durch meine Adern, die Augen halte ich geschlossen, lasse mich fremdsteuern, weil es einfacher ist, als genau hinsehen zu müssen. Niemand kann jetzt eine ernsthafte Entscheidung von mir verlangen. Also tue ich das, was alle anderen hier im warmen Licht der untergehenden Sonne auch tun: Ich tanze.
Der Beat, der so vielen Feierwilligen diesen Sommer über den Takt vorgegeben hat, erreicht jetzt auch mich. Aber ich zapple nicht wie die Technokinder um mich herum, die sich hier gierig das zu holen scheinen, was ihnen beim letzten [...]

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Die Musik zuckt wie Strom durch meine Adern, die Augen halte ich geschlossen, lasse mich fremdsteuern, weil es einfacher ist, als genau hinsehen zu müssen. Niemand kann jetzt eine ernsthafte Entscheidung von mir verlangen. Also tue ich das, was alle anderen hier im warmen Licht der untergehenden Sonne auch tun: Ich tanze.
Der Beat, der so vielen Feierwilligen diesen Sommer über den Takt vorgegeben hat, erreicht jetzt auch mich. Aber ich zapple nicht wie die Technokinder um mich herum, die sich hier gierig das zu holen scheinen, was ihnen beim letzten Berlinbesuch am Eingang zum Berghain verwehrt geblieben ist. Ich bewege mich so, wie ich mich fühle, nicke im Takt, lasse ein kleines bisschen los. Nicht zu sehr, nicht so wie die anderen, nicht so wie Björn, den ich längst aus den Augen verloren habe. Nur ein bisschen. Gerade so viel, um nicht den Halt zu verlieren. Den Halt, an den ich mich noch immer verzweifelt klammere.
Die Menge droht mich zu verschlucken, ohne ein Versprechen, mich jemals wieder auszuspucken. Hinter den geschlossenen Augenlidern nehme ich das nervöse Zucken und Flackern der Lichtkegel um mich herum nur noch gedämpft wahr. Beim Refrain wird der Beat noch lauter, pumpt durch meine Ohren, direkt in mein Herz. Sky and Sand. Luftschlösser und Sandburgen … eine eigene Welt aufbauen, Träume leben … zusammen mit dem Menschen, der einen zum Strahlen bringt. Ein kleines Lächeln huscht über meine Lippen, Gänsehaut überzieht meinen Körper. Ich vermisse sie und ihre Luftschlösser, und ich zähle die Sekunden, bis ich sie wiedersehe.
Der Beat tut sein Bestes, um die Menschen hier in gute Stimmung zu versetzten. Fremde Haut berührt die meine, das Zucken der Lichtanlage wird schneller. Um mich herum der Geruch von Alkohol, Schweiß und süßlichem Parfüm – meist wird ein Abend wie dieser für mich dadurch schnell unerträglich, aber heute lässt mich die Musik zum ersten Mal seit Langem wieder entspannt zwischen all den Teenies tanzen, die sich wahrscheinlich mit falschen Ausweisen auf diese Party geschlichen haben.
Außerdem habe ich es Björn versprochen. Ich werde heute Abend mal wieder Spaß haben. Irgendwie. Also gut. Hier bin ich. Ich halte mein Versprechen und tue ihm den Gefallen. Einmal tief durchatmen. Ausschalten, Autopilot an, einfach loslassen, bis ich die Füße über dem Abgrund spüre und …
Da trifft mich etwas mit voller Wucht im Gesicht. Über meinem linken Auge wird es plötzlich heiß, dann entflammt ein Schmerz und schießt mir in die Stirn. Ich torkle etwas zurück, pralle gegen den Rücken einer jungen Frau – die mich schockiert, nein, ängstlich ansieht und sich lieber schnell in die Menge zurückzieht. Wow, so weit ist es schon gekommen! Ich fasse an mein Auge und spüre die klebrige, warme Flüssigkeit zwischen meinen Fingern. Na großartig.
Während ich versuche, mein Gesicht vor weiteren Spontanschlägen zu schützen, bahne ich mir einen Weg durch die überfüllte Tanzfläche, hin zum Rand. Sobald ich etwas mehr Platz habe, richte ich mich wieder auf und marschiere blutend auf die Bar zu.
Ich hätte wissen müssen, dass dieser Abend in einer Katastrophe endet. Aber nein, ich habe mich von meinem besten Freund breitschlagen lassen, mich mal wieder ins Nachtleben zu stürzen, und jetzt habe ich keine Ahnung, wo er steckt. Vermutlich tanzt er irgendwo mit einer der Schönheiten, die wir vorhin kennengelernt haben und die seinem Charme binnen Sekunden erlegen waren. Wie immer eben.
Als ich endlich die Bar erreiche und mich mit dem Rücken an die Theke lehne, versuche ich, mir im Dämmerlicht einen ersten Überblick über meine Lage zu verschaffen. Das Blut hat sich inzwischen über meine Wange und den Hals bis zum Kragen meines weißen T-Shirts ausgebreitet. Wunderbar. So was nennt man allgemein wohl Platzwunde. Meine letzte Schramme dieser Art scheint eine Ewigkeit her, bestimmt ein halbes Leben. Irgendwo auf dem Schulhof, kurz nachdem ich die Schule gewechselt habe, eine Rauferei mit meinen „neuen Freunden“, die sich meine Panini-Sammlung zur EM 1996 unter den Nagel reißen wollten. Ich habe es ihnen nicht leicht gemacht. Zuerst wurde nur geschubst, dann folgte eine Ohrfeige, bei der nächsten wurde aus der flachen Hand eine Faust. Päng! Und schon floss das Blut.
Aber ich bin keine Sechzehn mehr, und die Panini-Sammlung habe ich auch nicht mehr. Trotzdem lehne ich inmitten von so vielen Menschen alleine an der Bar und blute. An einem wunderschönen lauen Sommerabend in Stuttgart, an dem sich alle um mich herum prächtig amüsieren. Irgendwas stimmt hier doch nicht. Irgendwas läuft schief. Ich gehöre einfach nicht hierher, ich gehöre einfach nicht dazu. Diese Einsicht ist immer wieder … schmerzlich. Und blutig. Fast muss ich grinsen, aber selbst das löst ein brennendes Stechen aus, direkt über dem linken Auge, das ich reflexartig schließe. Gut so. Nur immer her damit.
„Ist alles okay?“
Die Stimme übertönt den wummernden Bass, und mir bleibt momentan nur mein rechtes Auge, um die junge Frau, die zu der Stimme gehört, zu erkennen. Das schummrige Licht trägt nicht gerade zur Vereinfachung dieses Unterfangens bei. Doch was ich sehe, gefällt mir. Sie hat dunkles Haar und ist recht klein. Um ihren Hals baumelt eine ziemlich große Spiegelreflexkamera. Aus großen braunen Augen sieht sie mich besorgt an. Aus schönen braunen Augen! Ich kenne sie nicht, aber als ihre Hand langsam nach meiner greift und sie sanft drückt, zuckt das Licht über uns, und der nächste Track wird unter großem Jubel der Menge auf der Tanzfläche begrüßt.
Ich stehe einfach nur da und weiß nicht, was ich sagen soll. Außerdem habe ich vergessen, was sie gesagt hat oder ob sie mich etwas gefragt hat. Alles, was ich in diesem Moment wahrnehme, ist ihre zarte Hand an meiner. Wer ist sie?
Ich weiß, so etwas passiert ständig, also, dass Hände sich berühren, wenn man beispielsweise das Rückgeld an der Kasse im Supermarkt bekommt oder wenn der Bäcker einem die Tüte mit den Brötchen über den Tresen reicht, aber nur selten verändert ein solcher Moment etwas. Meistens bemerkt man den kurzen Kontakt gar nicht oder vergisst ihn gleich wieder. Aber genau in diesem Moment ist es anders. Denn hier und jetzt passiert etwas … in mir.
„Das solltest du …“
Sie schreit, damit ich sie über die laute Musik hinweg verstehe. Tue ich aber nicht. Leider. Außerdem ist da plötzlich ein immer lauter werdendes Pochen in meinem Kopf – im Takt meines Herzschlags.
Ich nicke nur, wie in Trance, denn ganz da bin ich im Moment wirklich nicht. Vermutlich hat mich der Schlag auf den Kopf doch etwas stärker aus der Fassung gebracht, als gedacht.
Als sie sich jetzt auf ihre Zehenspitzen stellt und sich langsam zu mir beugt, berührt ihre Wange dabei meine. Nur ganz kurz. Doch lange genug, um das langsame Pochen in meinem Kopf mit einem Mal zu beschleunigen, und es klingt auf einmal fast so, als würde jemand einen Propeller in meinem Kopf starten. Flap-flap-flap … Mir wird etwas schwindlig, und die ganze Welt beginnt, sich leicht zu drehen, dabei habe ich nur ein Bier getrunken. Und es ist vollkommen ausgeschlossen, dass ich in den letzten zwei Minuten so viel Blut verloren habe, dass ich gerade einen Kreislaufzusammenbruch erleide. Aber ich fühle mich eindeutig etwas benommen. Gut, mehr als nur etwas benommen.

Adriana Popescu

Über Adriana Popescu

Biografie

Adriana Popescu, 1980 in München geboren, arbeitete als Drehbuchautorin für das Deutsche Fernsehen, bevor sie als freie Autorin für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften, Online-Portale und City-Blogs schrieb. Wenn Adriana Popescu nicht an ihren Texten arbeitet, widmet sie sich der Fotografie oder...

Kommentare zum Buch

Anja am 20.12.2013

Das ist ja ein super Weihnachtsgeschenk!!! DANKE!!!

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