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Greatcoats

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Sturmbogen — Inhalt

Gefährliche Zeiten stehen den Greatcoats Falcio, Kest und Brasti bevor. Mächtige Kräfte zerstören das Reich Tristia von innen, und das Trio muss ihnen Einhalt gebieten, bevor es zu spät ist. Doch die Freundschaft, die die Drei all die Jahre am Leben gehalten hat, wird wie nie zuvor auf die Probe gestellt. Kest wird erfahren, was es heißt, wenn man sich mit den Heiligen anlegt. Brasti wird seine Loyalität gegenüber den Greatcoats infrage stellen. Und Falcio wird – in einem verzweifelten Rennen gegen das Gift, das durch seine Adern fließt – seinen schlimmsten Ängsten gegenübertreten müssen. Werden sie einen Bürgerkrieg dennoch verhindern können?

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 05.10.2015
Übersetzt von: Andreas Decker
368 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97108-9

Leseprobe zu »Sturmbogen«

Prolog

 

Im Herzen von Schloss Aramor gibt es eine kleine Privatbibliothek, die als das Königliche Athenäum bekannt ist. (Oder auch als »dieser komische kleine runde Raum, in den der König gern adlige Damen zu führen pflegte, um ihnen zu zeigen, wie schlau er doch war«, wie Brasti es gerne beschrieb). Nicht lange, nachdem die Herzöge dem König den Kopf abgetrennt hatten, plünderten sie die meisten seiner Bücher – vermutlich weil auch sie niedere Adlige und edle Damen mit ihrer Brillanz beeindrucken wollten. Aber wenn man nur lange genug in dem von den [...]

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Prolog

 

Im Herzen von Schloss Aramor gibt es eine kleine Privatbibliothek, die als das Königliche Athenäum bekannt ist. (Oder auch als »dieser komische kleine runde Raum, in den der König gern adlige Damen zu führen pflegte, um ihnen zu zeigen, wie schlau er doch war«, wie Brasti es gerne beschrieb). Nicht lange, nachdem die Herzöge dem König den Kopf abgetrennt hatten, plünderten sie die meisten seiner Bücher – vermutlich weil auch sie niedere Adlige und edle Damen mit ihrer Brillanz beeindrucken wollten. Aber wenn man nur lange genug in dem von den Herzögen zurückgelassenen Müll kramt und den Staub und die Spinnweben beseitigt, stößt man mit etwas Glück auf ein wenig beeindruckendes Buch mit dem Titel Über die Tugenden der Ritter.
Nun sollte man eigentlich annehmen, dass jedes der aufgeblasenen herzoglichen Arschlöcher den Wunsch verspürt, dieses Buch stolz auf dem Kaminsims zu präsentieren. Welcher Adlige schwafelt schließlich nicht selbstgerecht und ausführlich über die Ehre und Loyalität seiner Ritter ? (Ganz zu schweigen von dem Geld, das sie ihn kosten). Sollte ein Buch mit dem verheißungsvollen Titel Über die Tugenden der Ritter da nicht von allen Herzögen heiß begehrt und umkämpft sein ?
Allerdings ist der Einband dieses speziellen Bandes ziemlich abgenutzt. Die Farben sind verblichen, und der nicht ­besonders angenehme Duft von verschimmeltem Leder über­-
­deckt den Gestank der stockfleckigen Seiten.
Hätte einer der Herzöge das Buch in die Hand genommen, wäre ihm vermutlich der Name des Verfassers aufgefallen : Arlan Hemensis, und selbst die flüchtigste Nachforschung hätte ergeben, dass Arlan ein ehemaliger Schreiber im Haushalt eines unbedeutenden Adligen gewesen war, der aufgrund eines Disputes mit einem herzoglichen Ritter die meisten seiner späteren Jahre im Kerker verbracht hatte. Der fragliche Ritter hatte sich über die beharrliche Weigerung des alten Mannes geärgert, für einen neuen Wappenrock zu zahlen, nachdem das Blut von Veren Hemensis, dem einzigen Sohn von Arlan, den alten unwiderruflich versaut hatte. Der Wappenrock war während des Duells zwischen dem Ritter und dem jungen Veren mit Blut beschmiert worden. Der Junge war gerade mal siebeneinhalb Jahre gewesen und hatte es für ein Spiel gehalten, den Ritter zum Duell herauszufordern. Aber das hatte nicht den geringsten Unterschied gemacht. Schließlich ist das Duell eine der heiligen Pflichten der herzoglichen Ritter.
Als man Arlan schließlich im Alter von siebenundsechzig Jahren aus dem Kerker entließ, lebte er gerade noch lange genug, um sein kleines Buch zu schreiben.
Oberflächlich betrachtet preist das Buch die Ehre und ­Effektivität der Ritterschaft, obwohl das genauere Studium in den Gedanken der eher zynisch veranlagten Leser mög­licherweise ein paar Fragen aufwirft. Meine ­Lieblingspassage ist die letzte, in der Folgendes steht :
Ein wahrer Ritter ist so großartig, dass – sollte er auf dem Schlachtfeld niedergeschlagen werden und seine Rüstung von, sagen wir, einem Dutzend ­Pfeilen durchbohrt und der Helm so hart getroffen worden sein, dass der Stahl, der einst den Kopf des ­Ritters ­beschützte, ihn nun zerquetscht hat und das ­Gehirn aus seinem Kopf tropfen ließ … Selbst wenn es sich so verhalten sollte, verehrter Leser, ist ein ­wahrer ­Ritter so großartig, dass das laute Klirren seiner Rüstung, wenn der zerschlage­­ne Körper zu Boden kracht, trotz allem einen so edlen und gehaltvollen Ton macht, dass man jedem verzeihen möge, der ihn ­immer wieder hören möchte.
Natürlich muss man festhalten, dass die Geschichte den Tod von tausend Bauern vermutlich nicht zur Kenntnis nehmen würde, aber sollten diese erbärm­lichen Schurken ihre Höhergestellten angreifen und durch Zufall einen Ritter zu Fall bringen, wirft seine in Stahl gehüllte Leiche in der Tat einen sehr langen Schatten.

 

 

1 Die Heilige der Gnade


In bitterem Schweigen ritten wir, fünf verzweifelte, erschöpfte Great­coats, den nördlichen Dörfern von Luth entgegen und jagten vierzig herzoglichen Rittern hinterher. Trotz der schweren Rüstungen, die sie mit sich herumschleppten, hatten sie Kest zufolge einen ganzen Tag Vorsprung. Immer wenn mich der Schlaf zu übermannen drohte, stellte ich mir die Männer, die wir verfolgten, als grinsende Schakale vor, die mit Begeisterung unschuldige Dorfbewohner in Stücke rissen. Tatsächlich war das Massaker vermutlich recht metho­-
­disch und leidenschaftslos erfolgt. Schließlich handelte es sich hier um Ritter : Männer, die nur Befehle befolgten – oh, und nicht zu vergessen das Diktat ihrer Ehre oder was sie dafür hielten. Ich würde jeden Einzelnen von ihnen töten.
Unsere Feinde bemühten sich nicht, ihre Spuren zu verwischen. Jeder Hufabdruck war wie ein in den Staub eingeprägtes Grinsen, das uns zur Verfolgung aufforderte. Jeder Blick zurück schien mir die Toten von Carefal zu zeigen – die Männer, Frauen und Kinder starrten mich mit toten Augen an und formten mit ihren toten Lippen unablässig die Worte Feigling und Verräter, als würde mich das zu größerer Schnelligkeit anspornen. Aber wir ritten bereits so schnell, wie es die Pferde und die raue Straße erlaubten. Und wir konnten nicht das Risiko eingehen, dass die Tiere vor Erschöpfung tot zusammenbrachen.
Dariana und Kest übernahmen abwechselnd die Spitze und hielten nach Anzeichen dafür Ausschau, dass die ­Ritter von ihrer nördlichen Route abwichen. An diesem ersten Tag sagte Brasti kein Wort, und er sah uns auch nicht in die ­Augen. Am Ende war es Valiana, die zu ihm durchdrang. Sie ignorierte einfach sein Schweigen und ritt neben ihm, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Am nächsten Tag tat sie das Gleiche, und nach ein paar Stunden glaubte ich ihn etwas murmeln zu hören – ich konnte es nicht verstehen, aber was auch immer es gewesen war, sie reagierte nicht darauf. Ich hielt mich fern, aber nach einer Weile konnte ich Brasti sprechen hören. Dann wütete er und schluchzte. Und noch immer hörte Valiana einfach nur zu. Als er endlich schwieg, machte sie nicht den Versuch, seine Probleme zu lösen oder seine Ansichten zu korrigieren oder ihm zu sagen, dass er ein Narr war.
»Sprich weiter«, sagte sie.
Ich wollte mich zu ihnen gesellen, etwas Schlaues oder Witziges sagen, das unseren Brasti zur Rückkehr zwingen würde, das – wenn auch nur reflexartig – den lachenden, arroganten Bastard zurückholte, der für gewöhnlich den Rest von uns bei geistiger Gesundheit hielt. Aber ich war mir ziemlich sicher, dass jedes Wort aus meinem Mund die Dinge nur verschlimmern konnte, also hielt ich den Blick auf die Straße gerichtet und dachte nach.
Jemand ermordete mein Land.
Hier kann es unmöglich nur darum gehen, die Ordnung zu bewahren, dachte ich. Irgendwie müssen die Morde an Isault und Roset und ihren Familien mit den Aufständen in den Dörfern in Verbindung stehen.
Es wäre nicht schwergefallen, das alles Trin anzulasten. Sie verfügte über die bösartige Verdorbenheit, so etwas zu befehlen und sich am Ergebnis zu berauschen. Aber wenn sie in der Region einen derartigen Einfluss hatte, warum hatte sie dann nicht schon längst die Kontrolle über das ganze Land übernommen ? Und wenn sie Tristia in einen Bürgerkrieg mit all seinem Chaos trieb, worüber wollte sie dann noch herrschen ?
Ich verfluchte jeden einzelnen Heiligen.
Ich brauchte mehr Informationen. Ich musste mit jemandem darüber reden, musste die vielen sich widersprechenden Worte und Bilder aus meinem Kopf bekommen und sehen, was eine andere Person darüber dachte. Valiana hatte ihr ganzes Leben an Trins Seite verbracht und wusste mehr über sie und ihre Art als sonst jemand, aber ihre Aufmerksamkeit war auf Brasti gerichtet. In der kommenden Schlacht würde ich ihn dringend brauchen, also ließ ich sie in Ruhe.
»Weißt du, eigentlich wollte ich sie hassen.«
Ich blickte zur Seite. Dariana ritt neben mir.
»Natürlich hatte ich von Valiana gehört«, fuhr sie fort. »Es hieß, sie sei ein hochnäsiges Miststück – die ach so mächtige Tochter der verfluchten Herzogin Patriana, die ihr ganzes Leben lang davon ausging, eines Tages Königin zu sein. Selbst als das mit Trin ans Licht kam, dachte ich mir : ›Achtung. Jetzt wird sich diese Valiana zur betrogenen Heiligen stilisieren‹. Aber das tat sie nicht.«
»Nein«, erwiderte ich. »Das tat sie nicht.«
»Man drückt ihr einen Mantel und ein Schwert in die Hand, und sie … Weißt du eigentlich, dass sie nicht einmal wütend ist ? Natürlich will sie Trin tot sehen, aber auch das hauptsächlich nur, weil Trin Aline umbringen will.« Sie warf einen Blick zurück auf Valiana. »Wie soll man das ­verstehen ? Da entreißt man ihr sämtliche Privilegien des Adels, und sie wird …«
»Edel ?«
Dariana schnaubte. »Vielleicht.« Sie schwieg ein paar ­Sekunden lang. »Sie sollte völlig außer sich vor Zorn sein ! Sie sollte versuchen, jeden umzubringen, der ihr je …«
Dariana verstummte. Schweigend ritten wir ein paar Minuten lang weiter. »Es stimmt, was Nile über dich sagte, oder ? Du bist die Tochter von Shanilla, dem Kompass des Königs«, sagte ich dann.
Dariana kniff die Augen zusammen. »Spielt das eine Rolle ?«
»Ich bin ihr nur ein paarmal begegnet.« Ich rief mir die kleine, rothaarige Frau mit den dunkelgrünen Augen zurück ins Gedächtnis. »Der König ernannte sie zur Greatcoat, als ich gerade in Domaris für Gerechtigkeit sorgte, also standen wir uns nicht besonders nahe, aber ich kannte sie gut genug, um sie zu respektieren.«
»Und, erkennst du viel von ihr in mir ?«, wollte sie wissen.
»Ich …« Shanilla war eine der besten Magistrate der Great­coats gewesen. Ihre meisterhafte Beherrschung der Wechselfälle des Gesetzes kam niemandem gleich – nicht einmal Kest. Auch als Fechterin war sie nicht schlecht, obwohl darin sicher nicht ihre größte Stärke gelegen hatte. »Du ähnelst ihr ein bisschen, um die Augen. Aber nein, ich kann mir kaum zwei unterschiedlichere Menschen vorstellen.«
Dariana lächelte. Es war kein fröhliches, glückliches Lächeln. »Gut.«
In ihrem angespannten Ausdruck glaubte ich eine Zerbrechlichkeit zu spüren, was mir das Gefühl gab, ­irgendwie eine Verbindung zu ihr aufgenommen zu haben. ­Shanilla hatte nie versucht, sich jemanden zum Feind zu machen – für gewöhnlich hatte sie sich alle Mühe gegeben, jeden Konflikt zu vermeiden. Und doch hatte sich ein Herzog oder Markgraf oder Lord genug darüber geärgert, wie sie in einem Fall entschieden oder zur Durchsetzung des Urteils seinen Champion besiegt hatte, dass er ihr eines Nachts kaum eine Meile von der Sicherheit Schloss Aramors entfernt zwei Dashini auf den Hals gehetzt hatte, um sie zu ermorden. »Als sie starb, warst du noch sehr jung, richtig ?«
Dariana nickte.
»Wie alt warst du, vierzehn, fünfzehn ?«
Wieder nickte sie, ohne genaue Angaben zu machen.
Ich dachte an Valiana und wie sie es geschafft hatte, zu Brasti durchzudringen. Vielleicht gelang mir bei Dari das Gleiche. »Es ist in Ordnung, darüber zu reden«, sagte ich so sanft, wie ich konnte.
»Darf ich dir eine Frage stellen, Falcio ?«
»Natürlich.«
»Deine Frau ist vor ungefähr fünfzehn Jahren gestorben, ist das richtig ?«
»Ja.«
»Hättest du etwas dagegen, mir jede Einzelheit des Tages zu beschreiben, an dem sie starb ? Und vielleicht auch von den folgenden Tagen ? Hat sie deinen Namen geschrien, als sie ermordet wurde ?«
Meine Hände verkrampften sich um die Zügel. »Warum solltest du …«
Dariana lehnte sich näher zu mir. »Sie wurde doch auch vergewaltigt ? Hast du dir genau vorgestellt, was sie mit ihr gemacht haben ? Jede Entwürdigung und Schändung ihres Körpers ? Hast du dir die Gesichter jedes einzelnen Mannes vorgestellt, als er …«
»Hör auf !«, rief ich. »Was bei allen Höllen stimmt nicht mit dir ?«
»Es tut mir leid«, sagte sie. »Ich nehme an, die Erinnerungen erfüllen dich nur mit Schmerz.«
»Sie bringen mir jeden Tag Schmerz, verflucht.«
Dariana lehnte sich so nahe heran, dass unsere ­Gesichter nur noch ein kleines Stück voneinander entfernt waren. »Gut. Denk an deine Frau, wenn du unbedingt alte Wunden wieder aufreißen willst. Und lass meine verdammt noch mal in Ruhe.«
Sie trieb ihr Pferd an und ritt ein paar Meter voraus.
Ein paar Minuten später lenkte Kest sein Tier an meine Seite. »Ich glaube nicht, dass sie dich mag.«
»Wir haben uns nur unterhalten.«
»Nein, du verstehst nicht. Wenn sie dich ansieht, liegt Zorn in ihrem Blick, vielleicht sogar Hass. Das habe ich nicht zum ersten Mal beobachtet.«
»Glaubst du, sie will mir schaden ?«
»Ich weiß es nicht, aber ich würde sie im Auge behalten.«
Ich dachte an all die Kämpfe zurück, die wir ausgefochten hatten, von Trins Kundschaftern in Pulnam zu den luthanischen Rittern in dem Gasthaus vor wenigen Tagen. »Sie hatte viele Gelegenheiten, mich zu töten«, sagte ich. Ich erinnerte mich an den Morgen, an dem ich mit ihrem ­Messer am Hals aus meiner Lähmung erwacht war. »Sie hätte es auch tun können, als wir allein waren.«
»Das stimmt«, meinte Kest. »Trotzdem.«
»Ich weiß. Sie hasst mich. Das ist im Augenblick nichts Besonderes. Alle werden besser über mich denken, wenn ich tot bin.«
Eine normale Person hätte das vielleicht eine Weile nachwirken lassen, bevor sie darauf antwortete, aber Kest verschwen­-
­det nie gern Zeit. »Wie fühlst du dich ?« Sein Blick bohrte sich in mein Gesicht, als könnte er durch meine Haut sehen.
»Gut, schätze ich. Ich glaube, ich bin etwas langsamer als gewöhnlich. Meine Gedanken schweifen öfter ab. Meistens wache ich mit einer solchen Angst auf, dass ich mich vollpinkeln würde, was die Lähmung aber wohl verhindert.«
Kest nickte. »Dann ist es ja nicht so schlimm.«
Ich musste kichern. »Ach, alles hat auch seine guten Seiten, selbst der Tod durch Lähmung. Zum Beispiel muss ich mir keine Sorgen darüber machen, alt zu werden und Falten zu bekommen.«
Er tat so, als würde er mich voller Ernst von Kopf bis Fuß mustern. »Du würdest bestimmt einen schönen Leichnam abgeben, Falcio.«
»Das liegt an der Lähmung. Ich bekomme jeden Tag viel Schönheitsschlaf.«
»Angeblich sind Schlaflosigkeit und Schlafwandeln ein weitverbreitetes Leiden.«
»Damit habe ich kein Problem.« Ich hob ein imaginäres Glas in die Luft. »Auf Herzogin Patriana und die vielen unerwarteten Vorzüge einer Neatha-Vergiftung.«
Er hob ebenfalls ein imaginäres Glas. »Die sie immerhin zuerst umgebracht hat.«
Wir lachten beide und ignorierten, wie seltsam es doch war, die Gewalt hinter sich zu lassen, nur um zur ­nächsten Gewalt zu eilen, von einem Massaker in die Schlacht zu reiten. Und dabei nur einen kurzen Augenblick des Trostes durch die Gesellschaft der anderen vergönnt zu bekommen, um das Muster zu brechen. Aber wenn die kleinen Momente des Glücks die Dunkelheit durchbrechen, versucht man sein Bestes, sie nicht zu ruinieren. Darum wartete ich ein paar Minuten, bevor ich Kest eine Frage stellte, vor der ich mich schon seit Tagen drückte. »Was glaubst du, wie lange ich noch habe ?«
Sein Blick flackerte in meine Richtung und richtete sich dann wieder auf die Straße. »Ich bin kein Heiler. Ich weiß nicht …«
»Komm schon«, sagte ich. »Du hast mal den Unterschied berechnet, wie lange es dauert, ein Schwert im Regen zu ziehen und im Trockenen. Wenn ein Mann uns auch nur schief ansieht, berechnest du die Chancen. Willst du mir ernsthaft erzählen, du hast nicht versucht auszurechnen, wann mich das Neatha umbringt ?«
»Es ist … Ich kenne nicht alle Faktoren. Sicherlich hält die Lähmung jeden Morgen länger an, und je länger du gelähmt bist, umso flacher wird offenbar deine Atmung. Manchmal scheint sich deine Kehle zu verkrampfen, als könnte sie sich nicht weit genug öffnen …«
»Wie lange ?«
Kest sah mich an und holte tief und gequält Luft, als würde der Gedanke an meine Symptome seine Atmung beeinflussen. »Sechs Tage, würde ich sagen. Es könnten auch sieben sein.« Wieder blickte er nach vorn, wie er es immer tut, wenn er nicht wirklich von dem überzeugt ist, was er gleich sagen wird. »Es könnte eine Medizin geben, die etwas dagegen ausrichtet. Das Gift könnte auch endlich aus deinem Körper verschwinden. Es könnte besser werden, falls …«
»Schon gut«, sagte ich. »Sechs Tage.«
»Vielleicht auch sieben.«
Ich nickte. »In dieser Zeit muss ich herausfinden, wer zwei Herzöge und ihre Familien ermordet hat und warum in Carefal zweihundert Bauern gestorben sind.«
»Möglicherweise hat das gar nichts miteinander zu tun«, sagte Kest. »Wer auch immer diese Ritter sind, die Carefal massakriert haben, ich bezweifle, dass es Dashini sind.«
»Sie könnten für dieselben Leute arbeiten«, hielt ich dagegen, obwohl sich die Worte schon falsch in meinen Ohren anhörten, als ich sie aussprach. »Aber nein. Das ergibt irgendwie keinen Sinn.«
»Warum ?«
»Die Dashini sind präzise. Schnell und tödlich wie eine Stilettklinge. Ein Werkzeug für den Fall, dass Verstohlenheit erforderlich ist – wie ein Flüstern im Dunkeln.«
Kest lächelte merkwürdig. »Ein Flüstern im Dunkeln ? Schreibst du in deiner Freizeit jetzt Verse ?«
»Die verfluchten Bardatti färben auf mich ab !«, beklagte ich mich. »Hör einfach zu. Ritter sind nichts anderes als Zorn und nackte Gewalt – eine von einem starken Arm geschwungene Keule. Ihr Einsatz ist eine klare Ansage. Etwas, das man von den Dächern ruft.«
»Also sind die Bauern zwischen der scharfen Klinge der Dashini und dem schweren Hammer der Ritter gefangen.«
»Und wer redet jetzt wie ein Bardatti ?«, zog ich ihn auf. »Aber da steckt mehr dahinter. Jemand hat die Dorfbewohner bewaffnet, und zwar nicht nur einmal, sondern zweimal. Das erste Mal, bevor wir überhaupt von Carefals Existenz erfuhren, und dann bewaffnete sie jemand erneut, nachdem wir ihre Stahlwaffen konfisziert hatten.«
»Jemand will das Land unbedingt in einen Bürgerkrieg stürzen«, sagte Kest.
Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Darauf steuert es bereits zu. Und zwar seit Jahren. Jemand will es beschleunigen.«
»Trin ist noch immer die beste Verdächtige.«
»Aber warum ? Sie will Tristia beherrschen, nicht auf einem hübschen Thron sitzen und zusehen, wie sich das Land selbst zerfleischt.«
»Sie ist verrückt.«
»Sie ist verrückt. Aber nicht dumm.« Ich warf wieder einen Blick auf die Fährte der Männer, die wir verfolgten. »Kest, jemand führt dieses Land ins Chaos. Jemand will es brennen sehen.«

Sebastien de Castell

Über Sebastien de Castell

Biografie

Sebastien de Castell hatte gerade sein Archäologiestudium beendet, als er mit der ersten Ausgrabung begann. Vier Stunden später begriff er, wie sehr er Archäologie hasste und ließ sie kurzerhand hinter sich, um Musiker, Projektmanager, Kampf-Choreograph und Schauspieler zu werden. Auf die eine oder...

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»Wer spannende und überraschende Fantasy mag, die mit Wortspielereien aber auch Kämpfen gewürzt ist und um Ränkespiele und Intrigen geht, dem kann ich das Buch absolut empfehlen.«

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