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Shore, Stein, Papier Shore, Stein, Papier - eBook-Ausgabe

Sick
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Mein Leben zwischen Heroin und Haft

— Der Weg aus 25 Jahre Drogensucht

„Definitiv empfehlenswert für alle, die einen authentischen und unterhaltsam geschriebenen Bericht über andere Lebenswelten als die des ›normalen‹ Bürgers lesen möchten.“ - abseits - Die Osnabrücker Straßenzeitung

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Shore, Stein, Papier — Inhalt

Nachdem er als Jugendlicher zum ersten Mal Shore geraucht hat, rutscht $ick immer tiefer ab in eine Spirale aus Drogensucht, Beschaffungskriminalität und Haftstrafen. 25 Jahre lang ist sein Leben bestimmt von Heroin, Koks und Knast. Nach der Geburt seiner Tochter und verschiedenen Entzugsprogrammen ist er heute clean. In der erfolgreichen YouTube-Serie Shore, Stein, Papier auf dem Kanal zqnce.tv redete $ick sich alles von der Seele und wurde für seine fesselnde und authentische Erzählweise 2015 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Die Serie hat seinem Leben eine neue Perspektive verliehen; heute teilt er seine Erfahrungen mit Jugendlichen und leistet Präventionsarbeit an Schulen und Jugendzentren.

„Man staunt oft, wie eloquent Sick den ungeschliffenen Sound der Straße aufs Papier bringt und damit den Leser zu fesseln vermag.“ Die Welt kompakt

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 01.07.2021
432 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31524-1
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€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 04.10.2016
432 Seiten
EAN 978-3-492-97558-2
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Leseprobe zu „Shore, Stein, Papier“

INTRO



Irgendwo in Hannover, früher Morgen, Herbst 1995

Das Blut läuft dünn wie Wasser aus den Einstichstellen an meinen Armen und Handrücken. Immer wieder jage ich mir die Nadel im Schein der Straßenlaterne in den linken und dann in den rechten Arm. Am liebsten würde ich die Nadel an der Halsschlagader ansetzen, aber dazu bin ich auch mit Spiegel nicht mehr in der Lage. Meine Hände zittern und vor meinen Augen verschwimmt alles.

Tränen schießen mir in die Augen. Durch den Nebel in meinem Kopf sehe ich den Sensenmann auf mich zukommen. Jedes Mal, wenn ich [...]

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INTRO



Irgendwo in Hannover, früher Morgen, Herbst 1995

Das Blut läuft dünn wie Wasser aus den Einstichstellen an meinen Armen und Handrücken. Immer wieder jage ich mir die Nadel im Schein der Straßenlaterne in den linken und dann in den rechten Arm. Am liebsten würde ich die Nadel an der Halsschlagader ansetzen, aber dazu bin ich auch mit Spiegel nicht mehr in der Lage. Meine Hände zittern und vor meinen Augen verschwimmt alles.

Tränen schießen mir in die Augen. Durch den Nebel in meinem Kopf sehe ich den Sensenmann auf mich zukommen. Jedes Mal, wenn ich mir die Kanüle ins Fleisch bohre, kommt er einen Schritt näher, so nahe, dass ich glaube, ihn berühren zu können, wenn ich die Hand nach ihm ausstrecken würde. Trotzdem höre ich nicht auf, mich mit dem Stahl zu penetrieren. Auf dem Asphalt zwischen meinen Füßen glänzt eine Blutlache.

Als die Kripo das erste Mal hinter mir vorbeifährt, fingere ich nach der Geldrolle in meiner blutverschmierten, schmutzigen Jeans und lege sie neben meinen Fuß auf die Bank. Ein kurzer Griff in die Socken und knapp zehn Gramm Koka wandern direkt neben das Geld. Ich verstecke beides am Fuß eines Baumes, dann setze ich mich wieder zurück auf die Bank.

Völlig überdosiert und jetzt auch noch mit Bullenstress im Nacken stochere ich in meinen Venen herum. Einen Druck schaffe ich bestimmt noch, bevor sie mich verhaften. Wieder und wieder versuche ich, mir einen Knaller zu setzen. Doch entweder steche ich durch die Vene oder ich rutsche sofort wieder raus. Ich vibriere wie ein Dildo auf Stufe drei. Immer wieder kommen mir die Tränen und verschleiern mir die Optik. Die Jungs von der Staatsgewalt drehen ihre dritte Runde. Vielleicht hab ich noch zwei, drei Minuten, bevor der Bullenfilm losgeht. Eher weniger.

Getroffen! Das Blut schießt in die Pumpe, ich greife um und drück mir die komplette Ladung in die Vene. Der Kokainexpress rast mit einem Höllentempo durch meinen Schädel. Langsam ziehe ich die Nadel aus der Vene und das Blut läuft mir am Unterarm runter, über den zerstochenen Handrücken, sammelt sich an der Spitze meines Zeigefingers, tropft im Sekundentakt auf den Asphalt.

Wenige Augenblicke später stehen zwei Beamte der Kriminalpolizei neben mir. Einer sagt was von „Spritze weglegen“ und „Personenkontrolle“. Die Worte kommen von ganz weit weg, wie durch einen langen, dunklen Tunnel, der in meinem betäubten Schädel endet.

Ich stehe auf, schwankend wie ein Volltrunkener. Die Zugfahrt in meinem Kopf ist noch nicht vorbei. Ich krame alles aus meinen Taschen heraus und werfe es auf die Bank.

Einer der Beamten schnappt sich mein Portemonnaie und wühlt darin nach meinen Personalien. Natürlich findet er nichts, außer etwa 200 Mark in kleinen Scheinen und ein paar Zettel mit Telefonnummern und akas statt Namen.

Ich bin müde, völlig ausgelutscht und nur wenige Schritte trennen mich vom Exitus. Also gebe ich meinen richtigen, vollständigen Namen und mein Geburtsdatum an. Ich allein bin nicht mehr in der Lage, aus diesem Teufelskreis auszubrechen.

Seit Tagen schon wusste ich, dass der Tod und ich aufeinander zurannten, aber ich hörte einfach nicht auf, mir den Dreck in die Venen zu jagen. Wie von Sinnen kam ich dieser unglaublichen Gier nach, die das Kokain mit sich bringt, und machte innerhalb von knapp zehn Monaten ein zerschlissenes Nadelkissen aus meinem Körper.

Es liegt ein Haftbefehl gegen mich vor. Einer der beiden Polizisten will mir die Acht anlegen, doch der andere hält ihn davon ab.

„Versuchst du wegzurennen, wenn wir auf die Handschellen verzichten?“, fragt er mich fast väterlich.

Ich schüttele den Kopf und gehe schwankend auf ihr Dienstfahrzeug zu, die beiden Beamten links und rechts an meiner Seite. Ich bedanke mich mechanisch, als sie mir die Wagentür öffnen und lasse mich auf die Rückbank fallen. Ein zweites Mal befreit mich eine Verhaftung aus den Klauen meiner Sucht. Dieses Mal rettet sie mir tatsächlich das Leben.

Als wir am Waterlooplatz bei den Arrestzellen ankommen, fordern die Beamten sofort einen Arzt an. Sie sind ziemlich besorgt wegen meines Zustands, und es dauert nicht lange, bis ein Doktor in dem kleinen Büro auftaucht und mich untersucht. Nach wenigen Minuten bekomme ich eine 6-ml-Dosis Methadon, muss meine Schnürsenkel und meinen Gürtel abgeben und werde in eine der winzigen Zellen gebracht. Ein vielleicht eins fünfzig breiter Raum, etwa drei Meter lang, eine Stahlpritsche mit schwarzem Kunststoffbezug, zwei JVA-Wolldecken darauf und das ist alles. Keine Toilette, kein Waschbecken, nur ein Notfallknopf, eine Ampel, rechts neben der Zellentür. Aber das alles ist mir egal!

Ganze zehn Monate hatte mich die Hure Koka im wilden Galopp durch ihr weißes Wunderland geritten. Jetzt ist der letzte Kokainexpress schon lange abgefahren. Das Methadon kommt wie eine warme Welle über mich. Ich sacke auf die Pritsche, ziehe mir eine der Decken über und schlafe ein.





AUS DEM NEST GEFALLEN



Wie alles begann


Sindelfingen, März 1986

„Los, trödel nich so rum. Wir wollen endlich los.“ Meine Mutter schob mich ungeduldig vor sich her. Sie war aufgekratzt und nervös. Ihr neuer Freund aus Hannover war seit gut einer Stunde da und nach ein paar Küsschen verstauten sie die größten Möbel sofort in dem Kastenwagen, mit dem der Typ angejuckelt gekommen war. Mama hatte ihn während des Aufenthalts in einer Rehaklinik, wo sie sich wegen ihres Rückens behandeln lassen hatte, kennen und anscheinend auch lieben gelernt. Ich für meinen Teil konnte den Mann vom ersten Moment an nicht leiden.

Widerstrebend folgte ich ihrer Aufforderung und verließ unsere alte Wohnung. Der halbe Hausflur stand noch voll mit Kartons, Koffern, Taschen und ein paar Möbeln. Ein letztes Mal zog meine Mutter die Wohnungstür hinter sich zu. Sie seufzte und rang sich ein trauriges Lächeln ab.

„So, das war’s. Alles raus.“

Ich war voll angepisst und zog ein langes Gesicht. Ich wollte hier nicht weg und in scheiß Hannover wohnen. In unserer Hochhaussiedlung fühlte ich mich sehr wohl, hier war ich neun Jahre lang zu Hause gewesen, nachdem meine Mutter kurz nach meinem vierten Geburtstag mit mir hergezogen war. Hier hatte ich doch all meine Freunde, verdammt! Plötzlich musste ich an die coole BMX-Strecke denken, und an das Luftgewehr, mit dem wir so oft die Laternen in der Siedlung kaputt geschossen hatten.

„Jetzt guck nich so grimmig. Wirst schon sehen, es wird dir gefallen. Dein neues Zimmer hat sogar einen eigenen Balkon.“

„Na toll“, antwortete ich genervt. Als ob das jetzt alles gutmachen würde. Was stellte sie sich denn vor? Beleidigt und mit den Händen in der Tasche lehnte ich an der Flurwand, den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen und den Blick auf den Laminatboden geheftet.

„Kann ich nicht hier bei Bernd bleiben?“ Der Trotz in meiner Stimme beinhaltete eigentlich schon die Antwort auf diese Frage, aber Bernd war schließlich bis gerade eben noch mein Stiefvater gewesen. Warum also sollte ich nicht hier bei ihm bleiben können? Auch wenn er nicht mein Erzeuger und dazu noch Alkoholiker war. Das war auch der Trennungsgrund meiner Mutter, aber ich fand ihn toll. Ich wäre sofort bei ihm geblieben.

Sie aber zog ihr strengstes Gesicht und schüttelte energisch den Kopf. „Das geht nicht. Das Thema hatten wir doch schon. Du kommst schön mit und jetzt beweg dich endlich.“ Ihr Ton ließ keinerlei Widerspruch zu und ich ergab mich enttäuscht der Situation. Lustlos und beleidigt schob ich eine meiner Klamottentaschen vor mir durch den Flur, die Hände in den Hosentaschen zu Fäusten geballt.

Was hätte ich jetzt auch noch tun können? Weglaufen und mich verstecken vielleicht? Das wollte ich irgendwie nicht. Heulen, toben und jammern hatte ich als Erstes ausprobiert, hatte aber nichts genutzt. Auch dass ich am vorletzten Abend sturzbetrunken nach Hause gekommen war, änderte nichts an der Tatsache, dass wir nach Hannover umzogen. Jeder Widerstand war zwecklos und stieß wie auf Granit. Ganz egal, was ich sagte oder tat. Mama hatte sich entschieden.

„Los, mach dich mal nützlich und klemm den Keil unter die Fahrstuhltür.“ Genervt kickte sie mir einen Türstopper zu, schob schwer atmend einen Karton nach dem anderen durch den Flur und trieb mich weiter an. „Jetzt nimm doch endlich mal die Hände aus den Taschen, die Kartons hüpfen nich von alleine in den Fahrstuhl.“

Sie hatte es wirklich verdammt eilig, hier wegzukommen. Die Trennung war ihr äußerst unangenehm und sie wollte Bernd unter keinen Umständen begegnen. Sie hatten sich alles gesagt.

Die kleine Aufzugkabine war schon fast bis zur Hälfte beladen, als Rick wieder mit dem großen Fahrstuhl im Treppenhaus ankam und uns half, die restlichen Sachen einzuladen. Fertig. Unsere finale Fahrt in diesem Fahrstuhl begann. Ich mit diesem Rick, ein paar Kartons und meinem BMX-Rad in dem großen und meine Mutter in dem kleinen Lift.

Mit glasigen Augen schaute ich mich ein letztes Mal in der blassgrünen Kabine mit der verspiegelten Rückwand um. Rick und ich sprachen kein Wort. Ich hätte heulen können. Grad war ich groß genug, um alleine im Aufzug den Knopf mit der 13 zu erreichen und jetzt mussten wir hier weg? Mit fünf, sechs Jahren war ich selbst auf Zehnspitzen nur bis an den Knopf der achten Etage gekommen. Alle übrigen Stockwerke bis zu unserer Etage musste ich mich dann zu Fuß hochschleppen. Das war immer blöd gewesen. Aber es hatte tierisch Spaß gemacht, von ganz oben aus der fünfzehnten Etage in einem Höllentempo runterzurennen, bis man taumelnd und mit einem üblen Drehwurm im Erdgeschoss oder Keller ankam. Am lustigsten war es, wenn wir mit Hausbewohnern auf einer der unteren Etagen zusammenstießen. Wenn man bereits zehn, zwölf Etagen im Kreis nach unten geflitzt war, fühlte man sich ungefähr so, als hinge man an einem Kettenkarussell. In diesem Zustand auszuweichen oder gar rechtzeitig zu bremsen, klappte oft nur bedingt. Immer wieder hatten die Nachbarn deshalb auf uns geschimpft. Aber trotzdem. Ich wollte hier nicht weg, Mann.

Keine halbe Stunde später rollten wir vom Parkplatz Richtung Autobahnauffahrt. Vor uns erhob sich das Breuningerland, ein riesiges Einkaufszentrum, in dem es Dutzende von Geschäften gab. Meine Mutter hatte da drin mal gearbeitet. Bei Feinkost Böhm, um genau zu sein. Dort gab es die edelsten Leckereien aus aller Welt. Man konnte dort sogar lebende Tiere kaufen. Hummer, blaue Krebse, verschiedenste Fischsorten und allerlei andere komische Meeresbewohner tummelten sich in einem mannshohen Glasbecken bei der Fischtheke. Immer wieder hatte ich mir daran die Nase platt gedrückt.

Natürlich gab es dort auch echten russischen Kaviar und die teuersten, stinkigsten Käsesorten, die man sich nur vorstellen kann. Ebenso extravagant war die Süßigkeitenabteilung, für die meine Mutter zuständig war. Pralinen mit irgendwelchen ekelhaften Füllungen und dunkle Zartbitterschokolade und so was alles. Nicht wirklich was für mich. Und sowieso, ich hatte längst Augen für etwas anderes in Mamas Laden.

Eine Zeit lang musste ich nämlich jeden Mittwochmorgen mit meiner Mutter dorthin und half ihr beim Auffüllen der Regale. In Wirklichkeit brauchte sie meine Hilfe aber gar nicht. Sie wollte mich nur nicht alleine zu Hause lassen. Mittwochs hatte ich immer die ersten beiden Schulstunden frei und Bernd war um diese Zeit natürlich schon längst bei der Arbeit. Also keiner da, der mich im Auge behalten konnte, und so kam ich nicht drum rum und musste mit. Ich hasste es.

Irgendwann begann ich, Flachmänner mit Chantré und Mariacron an der Kasse zu stehlen, wenn ich mich unbeobachtet fühlte, und schleppte den Schnaps mit in die Schule.

Natürlich blieb das damals nicht lange unbemerkt und meine Eltern wurden benachrichtigt. Als dann auch noch rauskam, wo ich den Alkohol herhatte, durfte ich mittwochmorgens wieder zu Hause bleiben und von dort aus zur Schule fahren. Meine Ersatzstrafe bestand aus zwei Wochen Hausarrest und Fernsehverbot.

Wir bogen auf die Autobahn ab und zwei Wimpernschläge später war der große Einkaufskomplex nur noch ein kleiner brauner Punkt am rechten Rand meines Blickfelds, bis er endgültig verschwand.

Auf der anderen Seite, hinter der grünen Schallschutzmauer, thronte unsere alte Siedlung. Im Schatten der vier fünfzehnstöckigen Hochhäuser, allesamt Werkswohnungen von Daimler-Benz, hatte ich neun glückliche Jahre verbracht. Das angrenzende Waldgebiet war ein Paradies für mich und meine Kumpels gewesen. Mein Hamster Fridolin lag dort seit knapp zwei Jahren begraben.

Rechts vor uns tauchte das Holiday Inn Hotel auf. Dort hatte ich mich immer wieder in den Wellnessbereich geschlichen. Man musste nicht unbedingt Hotelgast sein, um das Schwimmbecken und die Sauna dort nutzen zu können. Man musste es nur bezahlen können oder eben reinhuschen, wenn einer der Gäste das Hotel verließ. Keinen interessierte es, wenn ein Kind ohne Schlüssel im Hotel rumrannte. Im Gegenteil, die meisten hielten einem sogar noch die Tür auf.

Als irgendwann meine Tante Karin aus Frankreich zu Besuch bei uns gewesen war, hatte ich mit ihr den Colaautomaten im Solariumbereich geplündert. Sie ist die Halbschwester meiner Mutter und zwei Jahre jünger als ich. Mit unseren dünnen Ärmchen hatten wir es damals tatsächlich geschafft, die Getränkedosen durch den Ausgabeschacht des Automaten herauszufingern. Eine Büchse nach der anderen, schön langsam, wir wollten ja nicht stecken bleiben. Immer wieder hatten wir unsere Aktion unterbrechen müssen, wenn Hotelgäste vorbeikamen. Egal, wir hörten erst auf, als die Kiste komplett geleert war.

Natürlich konnten wir nicht im Ansatz so viel Limonade trinken, wie wir gestohlen hatten und mit nach Hause nehmen ging natürlich auch nicht. Wie hätten wir das erklären sollen? Zudem sprach Karin nur Französisch, sie würde vermutlich eine völlig andere Geschichte erzählen als ich. Nach kurzem Überlegen ließen wir stattdessen also alle Dosen auf dem leeren Parkplatz der Messehalle nebenan explodieren. Einer von uns schleuderte die vollen Blechbüchsen so hoch er konnte in die Luft und der andere versuchte, sie mit einem Stein abzuwerfen. Auch wenn wir sie so gut wie nie trafen, am Ende explodierten sie trotzdem alle durch den Aufprall auf dem Beton und verspritzten mit einem zischenden Laut den süßen Inhalt.

Wir klebten von oben bis unten und sahen aus wie die Schweine, als wir vom „Schwimmen“ nach Hause kamen. Wir fingen uns einen gehörigen Anschiss ein und anschließend ging es ab in die Wanne. Karin und ich krümmten uns damals nur so vor Lachen.

Jetzt regnete es und das wiederkehrende Geräusch der Scheibenwischer holte mich in die Realität zurück. Wir waren unterwegs nach Hannover. Die Stadt meiner Kindheit lag nun endgültig hinter mir.



Goetheplatz 1

Am frühen Abend stiegen wir in Hannover aus dem Kastenwagen. Der Wind peitschte feinen Nieselregen in mein Gesicht. Ich war hundemüde und fühlte mich total beschissen. Die Fahrt war die Hölle gewesen, besonders seit unserem letzten Stopp.

Eigentlich war ich schon ab der Hälfte der Strecke nicht mehr beleidigt, sondern nur noch traurig über den Verlust.

Irgendwann steuerte Rick einen Rastplatz an, weil meine Mutter und ich dringend auf die Toilette mussten. Meine Mutter kletterte sofort hektisch aus dem Wagen und stürmte auf die Toiletten zu, doch mich hielt Rick am Arm zurück.

„Hör mal, deine Mutter liebe ich wirklich, glaub mir. Aber du, du bist nur ein unerwünschtes Mitbringsel.“ Er ließ mich wieder los, stieg aus und tat, als wäre nichts gewesen.

Von jetzt auf gleich wurde mir übel. Seine Worte trafen mich wie ein Schlag in die Magengrube. Wieso sagte er mir so etwas? Was sollte das? Alles in meinem Schädel drehte sich und vor Wut schossen mir die Tränen in die Augen. Ich fühlte mich hilflos, verloren und allein.

Wie in Trance ging ich zur Toilette. Als ich wenig später zurück in den Wagen stieg, war ich vollkommen überfordert von meinen Emotionen und ich zitterte am ganzen Körper. Ich hasste diesen Typen. Und meine Mutter hasste ich gleich mit! Dafür, dass sie ihn anscheinend liebte und mich mit zu ihm nach Hannover schleppte. Meine Welt stand kopf, und ich verstand rein gar nichts mehr. Der Mann war doch das totale Arschloch! Was fand sie bloß an ihm? Ich fühlte mich verraten und war mir sicher, dass sie sowieso zu ihm halten würde. Deshalb behielt ich erst mal für mich, was er gesagt hatte und versuchte, die beiden auszublenden. Ich glotzte frustriert und mit verschränkten Armen in die Dunkelheit. Den Rest der Fahrt habe ich dann kein Wort mehr über die Lippen gebracht.

In dem Moment ertönte die Signalglocke einer Straßenbahn hinter uns und riss mich aus meinen düsteren Gedanken. Ich fuhr herum und schaute den quietschenden Waggons nach.

„Das sind unsere Straßenbahnen von der üstra. Damit wirst du bestimmt bald öfter fahren.“

Rick schloss die Haustür auf und nickte dabei in die Richtung der Bahn.

Als ob ich mich mit ihm nach der Nummer noch über Züge unterhalten wollte. Idiot! Ich ignorierte ihn und wartete vor der Tür, bis meine Mutter bei uns war.

Die kitschig bunten Lichterketten in der Kioskscheibe links neben dem Eingang spiegelten sich im regennassen Asphalt. Es war laut hier und überall lag Müll auf dem Gehweg. Hannover. Was für ein Drecksloch!


Inzwischen waren wir schon eine gute Woche hier, in Ricks moderner Dreizimmer-Eigentumswohnung. Alle Räume waren schneeweiß gestrichen. Der komplette Boden war mit großen weißen Fliesen ausgelegt und mit den schwarz-weißen Massivholzkommoden aus Sindelfingen wirkte die gesamte Wohnung irgendwie kalt.

Überall stapelten sich Ricks Briefmarkenalben und Hunderte kleiner Kunststoffkästchen mit losen Marken. Wenn der Typ nicht auf der Arbeit war, saß er mit übereinandergeschlagenen Beinen am Esstisch im Wohnzimmer und sortierte diese bescheuerten Papierschnipsel.

Ich hoffte jedes Mal, dass er mich nicht ansprach, wenn wir uns in der Wohnung notgedrungen über den Weg liefen, fühlte mich unwohl, war immer noch frustriert und beleidigt und verkroch mich seit unserer Ankunft fast ausschließlich in meinem neuen Zimmer.

Das nasskalte Wetter und der dunkelgraue Himmel passten perfekt zu meiner Stimmung. Zwar hatte ich wirklich meinen eigenen Balkon und das weiße Ledersofa, das ich als Bett nutzte, war eigentlich auch ganz toll, wie auch der Fernseher und die Stereoanlage, die mir Rick mit seinem widerlichen Grinsen und begleitet vom Jubel meiner Mutter ins Zimmer gestellt hatte. Aber trotzdem. Hier war es scheiße! Am liebsten wäre ich sofort nach Sindelfingen zurück. Zur Not auch zu Fuß.

Ich fühlte mich extrem ungeliebt und unverstanden in dieser Zeit. Dieses Gefühl steigerte sich noch, nachdem ich meiner Mutter am zweiten oder dritten Tag von der Sache mit Rick erzählt hatte. Sie dachte damals wirklich, dass ich sie anlog, nur um ihr meinen Willen aufzuzwingen. Ich war so unglaublich verletzt und gleichzeitig wütend auf sie und zog mich immer mehr zurück. Die konnten mich alle mal.

„Du kannst ab Montag wieder zur Schule gehen, is ganz hier in der Nähe.“ Ich war gerade im Begriff, mir ein Brot zu schmieren, als meine Mutter neben mir in der Küche auftauchte und mir das eröffnete.

„Toll. Soll ich mich jetzt darüber freuen oder was?“ Giftig schaute ich sie an und mein pampiger Unterton löste direkt den nächsten Streit aus, der auf beiden Seiten in einem heftigen Heulkrampf endete. Wir drehten uns nur noch im Kreis. Keiner von uns würde von seinem Standpunkt abweichen und nachgeben. Und so kam es, wie es kommen musste.

Hauptschule am Hohen Ufer & der Jugo

Meine neue Schule lag unmittelbar am Leineufer. Dort wo auch heute noch jeden Samstag der große Flohmarkt stattfindet, nur einen Steinwurf vom Rotlichtbezirk entfernt.

Rick hatte irgendwann beim Essen erzählt, dass dort Fritz Haarmann, der Vampir von Hannover, vor rund hundert Jahren sein Unwesen getrieben hatte.

Die Presse nannte ihn damals den Totmacher. Er hatte mehr als zwanzig Jungs und junge Männer durch einen Biss in den Hals oder durch Erwürgen getötet. Da Haarmann mit Fleischkonserven und gebrauchter Kleidung handelte, hielt sich damals hartnäckig das Gerücht, er hätte seine Opfer zu Dosenfutter verarbeitet und verkauft.

Als die Polizei im Zuge der Ermittlungen gegen Fritz Haarmann den Wasserspiegel der Leine senkte, fand sie dreihundert Knochen von mindestens zweiundzwanzig verschiedenen Menschen.

1925 wurde Fritz Haarmann in Hannover mit dem Fallbeil hingerichtet.

Das war das einzige Mal gewesen, dass ich Rick wirklich zugehört hatte seit seinem blöden Spruch auf dem Rastplatz. Mit der Geschichte hatte er es tatsächlich geschafft, meine Neugierde auf diese Stadt zu wecken. Zudem fühlte ich mich immer mehr wie ein Gefangener in meinem Zimmer und war ziemlich froh, als die Schule wieder losging.

Als ich mich an meinem ersten Tag in der Hauptschule am Hohen Ufer meinen neuen Klassenkameraden vorstellte, brach die Hälfte von ihnen wegen meines schwäbischen Dialekts direkt in schallendes Gelächter aus. Die ersten dummen Sprüche fielen, kaum dass ich zwei Sätze gesagt hatte.

Die Lehrerin hatte große Mühe, die Klasse wieder in den Griff zu bekommen. Erst die lautstarke Androhung von Nachsitzen brachte halbwegs Ruhe ins Klassenzimmer. Mir schoss das Blut in den Kopf, wie ein reißender Fluss rauschte es mir in den Ohren und ohne ein weiteres Wort setzte ich mich auf meinen Platz.

Mir war kotzübel und ich kam mir vor wie eine Attraktion im Zoo. Alle glotzten mich an. Immer wieder tuschelten meine neuen Mitschüler leise miteinander und blickten verstohlen zu mir rüber, um dann aufs Neue in Gelächter auszubrechen.

Vor Scham wäre ich am liebsten im Erdboden versunken. Ich fühlte mich so unglaublich gedemütigt und provoziert.

Schon am ersten oder zweiten Schultag verwies mich die Lehrerin aus dem Klassenzimmer. Ich war durch die Sticheleien der anderen ausgerastet, hatte meinen Stuhl quer durch den Raum getreten und die halbe Klasse angebrüllt und beleidigt. Die meisten von ihnen zuckten erschrocken zurück, was mir zusätzlichen Aufwind verlieh.

Ich war zwar auch in Sindelfingen schon mal unangenehm im Unterricht aufgefallen, aber das hier war ein neues Level. Erschrocken über mich selbst, aber auch stolz, mich gewehrt zu haben, ließ ich mich von meiner neuen Lehrerin am Arm auf den Gang zerren. Sie entschärfte die angespannte Situation durch meinen Rauswurf, denn drei meiner Klassenkameraden waren sofort aufgesprungen und hatten sich hinter ihren Tischen aufgebaut, um sich notfalls gegen mich zu verteidigen. Ich schäumte vor Wut. Die Jungs grinsten dreckig.

Vor dem Klassenzimmer wies mich die Klassenlehrerin zurecht. Ich musste schlucken, um sie nicht als blöde Kuh zu beschimpfen. Dann ließ sie mich einfach stehen und wieder fühlte ich mich ungerecht behandelt.

Ich war noch keinen Monat auf der neuen Schule, als ich schon das dritte oder vierte Mal aus der Klasse flog und auf dem Gang einen Mitschüler aus meiner Parallelklasse kennenlernte. Er war Jugoslawe. Ein schlaksiger Kerl mit dunklen, fast schwarzen Haaren, sehr blassem Gesicht und einer Nase, die mich stark an eine Streichholzschachtel erinnerte.

Auch er war aus dem Unterricht geflogen und hatte das Spektakel in unserem Klassenzimmer vom Flur aus mitbekommen.

„Alter, was geht denn bei euch ab?“ Er kam auf mich zu, grinste und deutete auf die Klassentür, die meine Lehrerin gerade wieder hinter sich zuzog. Er war fast einen Kopf größer als ich und ich zögerte einen kurzen Moment, bevor ich ihm antwortete.

„Ich bin neu hier und die verarschen mich die ganze Zeit“, presste ich genervt hervor.

Als er meinen Dialekt hörte, grinste er gleich noch breiter. Anscheinend fand auch er mich zum Lachen.

Ich drehte mich angepisst weg und verdrückte mich frustriert Richtung Aula. Ich musste raus hier, an die frische Luft, hatte ein flaues Gefühl im Magen und meine Ohren glühten. Ich war verzweifelt und wütend auf die ganze verdammte Welt. Was zum Teufel sollte ich hier?

Ich stand keine zwei Minuten auf dem Hof, als ich hinter mir die Stimme von eben hörte. „Willste ne Kippe?“

Verschämt wischte ich mir die Tränen aus den Augenwinkeln und drehte mich zu ihm um.

Er nickte mir aufmunternd zu und hielt mir eine Schachtel Marlboro mit Feuerzeug unter die Nase. „Was is? Rauchst du nich?“

Wortlos fingerte ich eine der Zigaretten aus der Schachtel und griff nach dem Feuerzeug.

„Nich hier, Mann. Lass mal da rübergehen.“ Er ging vorweg und ich folgte ihm wortlos ans Ufer der Leine und zündete mir mit ihm eine an. Meine erste Zigarette seit Sindelfingen.

Ich rauchte schon seit ich zwölf war ab und zu. Gelegentlich hatte ich Bernd in den letzten Monaten vor unserem Umzug ganze Schachteln aus seinen Zigarettenstangen geklaut. Ich wollte damals bei den Älteren im Jugendzentrum cool rüberkommen und verteilte immer ein paar der geklauten Zigaretten und bekam irgendwann im Gegenzug mein erstes Bier von den Jungs. Obwohl es mir nicht schmeckte, folgten später am Abend einige mehr. Bei einer Nachtwanderung hatte ich mich dann so stark betrunken, dass ich die ganze Rückfahrt über kotzend aus dem Beifahrerfenster hing.

Natürlich machten die Sozialarbeiter Meldung über unser Rauch- und Saufgelage und erteilten mir und ein paar anderen Jungs ein Jahr Hausverbot im Jugendzentrum. Es gab einen riesen Stress, und danach musste ich meine Mutter sogar eine Zeit lang anhauchen, wenn ich zu Hause reinkam. Ich versuchte es mit Hustenbonbons, aber das machte sie nur noch misstrauischer und wütender. Sie fühlte sich natürlich verarscht von mir und immer wieder flogen deswegen und wegen des Rauchens die Fetzen zwischen uns. Aber scheiß drauf! Die konnte mich sowieso gerade mal.

Ich zog den Rauch tief in die Lunge und bekam einen üblen Hustenanfall. Genau wie bei meinen allerersten Rauchversuchen im Wald hinter den Hochhäusern. Der Jugo lachte sich schlapp über mich, während ich versuchte, mich zu beruhigen. Jeder Atemzug schmerzte in der Brust. Das Nikotin hatte mich ziemlich schwindelig gemacht und ich musste mich setzen. Alles fühlte sich wattig und weit weg an. Ein schönes Gefühl, ich mochte es. Direkt noch einen Zug hinterher. Und noch einen.

Leider verkürzten sich die Kreislaufkicks bei jedem Zug und viel zu schnell blieben sie ganz aus. Aber trotzdem, es fühlte sich gut an, zum ersten Mal in dieser Stadt.

Der Jugo war cool. Er hatte etwas sehr Sympathisches an sich. Wir hatten beim Rauchen mehr miteinander gelacht als geredet und schlenderten nun langsam zurück zur Schule. Ich mochte den Jungen, der in seinen komischen Cowboystiefeln vor mir herlief. Er grinste zwar auch jedes Mal aufs Neue blöd, wenn ich redete, aber er lachte mich nicht dafür aus.

Er war selbst noch nicht lange an der Schule und hatte auch so seine Anpassungsschwierigkeiten. Aus der Schule in seinem Wohnbezirk, der Nordstadt, hatte man ihn wegen Vandalismus rausgeworfen und so war er hier in der Stadtmitte gelandet. Er hasste es genauso und war wie ich gegen seinen Willen hier. Ich hatte meinen ersten Verbündeten gefunden und als der Pausengong ertönte, betraten wir gemeinsam den Schulhof.



Spielplatzbande

„Na endlich, Alter! Ich warte schon ne halbe Ewigkeit auf dich.“

Der Jugo saß auf den Stufen der Christuskirche, schnippte mir seine glühende Kippe entgegen und grinste mich frech an, als ich unmittelbar vor ihm eine Vollbremsung mit meinem BMX hinlegte. „Lass uns erst zu mir nach Hause und dann auf den Spieler, die anderen sind bestimmt auch schon da oder kommen gleich noch.“

Ich nickte nur. Heute würde ich seine Freunde und Familie kennenlernen. Er hatte mir in der Schule schon einiges über sie erzählt. Wir überquerten den Engelbosteler Damm und bogen in die Marschnerstraße ein. Nach wenigen Minuten erreichten wir den Spielplatz, von dem ich ebenfalls schon gehört hatte. Ich war ziemlich aufgeregt.

„Hier hängen wir immer rum und da vorne rechts um die Ecke wohne ich.“

Fast stolz präsentierte er mir mit ausgestreckten Armen die alten Klettergerüste und Schaukeln. Der Spielplatz war menschenleer und überall im Sand lagen Kippen rum. Auf der steinernen Tischtennisplatte standen noch die Reste einer zerfallenen Sandburg. „Lass uns später wiederkommen. Ich will kurz nach Hause, bevor mein Alter von der Arbeit kommt.“

Als der Jugo fünf Minuten später die Wohnungstür aufschloss, schlug uns der Duft von frisch gebratenem Fleisch und Zwiebeln entgegen.

„Bin wieder da! Und hab Besuch mitgebracht“, rief er laut in die Wohnung, während wir uns die Schuhe auszogen. Keine zwei Sekunden später war sein kleiner Bruder zur Stelle und glotzte mich neugierig an. Er war etwas pummelig, beinahe blond und die Nervensäge stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Seine Zungenspitze wanderte aufgeregt von links nach rechts über die Oberlippe.

„Was is?“, fauchte der Jugo seinen kleinen Bruder an, baute sich wie ein Boxer vor ihm auf und schlug ihm mit den Fäusten eine Links-Rechts-Kombination auf den Oberarm.

„Aua!“ Der Kleine wich einen Schritt zurück, rieb sich kurz die getroffene Stelle, um dann wie ein Bekloppter auf seinen Bruder loszugehen. „Du blöder Wichser, wieso boxt du mich?“

Noch bevor ich meine Schuhe richtig ausgezogen hatte, war eine ausgewachsene Rauferei zwischen den beiden Brüdern im Gange.

Als ihre Mutter um die Ecke kam, zerrte der Große den Kleinen gerade an den Haaren durchs Wohnzimmer und hielt ihn am ausgestreckten Arm auf Distanz. Der Kurze schimpfte wie ein Rohrspatz und ruderte wild mit den Armen, traf seinen Bruder aber trotzdem nicht. Und der lachte sich über seinen kleinen Bruder kaputt. „Lass mich los, du Arsch!“

Klatsch! Mein Kollege zuckte erschrocken zusammen, als die flache Hand seiner Mama ihn im Nacken traf. Der Kleine nutzte die Gelegenheit und trat ihm von hinten in die Beine, rannte dann blitzschnell an uns vorbei und flüchtete ins Kinderzimmer.

Schweigend und mit unterdrücktem Grinsen beobachtete ich die Situation. So wie’s aussah, war das hier wohl Standard. Brüder eben.

Es dauerte ein paar Augenblicke, bis sich die Lage wieder entspannt hatte und seine Mama ihn losließ. Sie hatte ihn am Kragen geschnappt, als er Anstalten machte, den Kleinen nach dem Tritt zu verfolgen, und lautstark auf Jugoslawisch mit ihm geschimpft.

„Komm, lass uns direkt wieder abhauen.“ Schnaufend und mit frustriertem Gesichtsausdruck schob er sich an mir vorbei in den Flur und zog sich seine Schuhe wieder an. Ich nickte seiner Mutter freundlich zu. Die hatte sich mittlerweile zwischen uns und dem Kinderzimmer postiert, um die beiden Streithähne auseinanderzuhalten. Sie erwiderte meinen Gruß mit einem lauten Seufzer und einem gequälten Lächeln und verschwand dann schimpfend in ihrer Küche.

„Ja, ja, laber nich“, rief der Jugo seiner Mutter zu, dann knallte er die Wohnungstür mit voller Wucht ins Schloss und nahm mit großen Sprüngen die Treppenstufen.

„Was war das denn?“, fragte ich ihn unten angekommen. Das Meckern seiner Mutter über das Zuknallen der Tür hallte im Treppenhaus hinter uns.

„Is immer das Gleiche, Mann. Immer nimmt sie den kleinen Fettsack in Schutz und ich krieg die Schuld für alles.“

An der nächsten Häuserecke kamen uns die beiden italienischen Schwestern entgegen, von denen der Jugo mir schon des Öfteren vorgeschwärmt hatte. Er hatte nicht übertrieben. Die beiden waren wirklich hübsch. Sehr hübsch sogar. Sie waren zierlich, hatten lange dunkelblonde Haare und Augen wie Raubkatzen. Die von Luna waren grüngrau und die Augen ihrer jüngeren Schwester Morena leuchteten blau.

„Hey, is das der Kumpel, von dem du uns erzählt hast?“ Die drei begrüßten sich mit einem Küsschen auf die Wange und auch ich wurde ohne Zögern herzlich von den beiden Schwestern gedrückt. Wooh! Ihre Haare dufteten wie ein Meer aus Erdbeeren. Nur einmal war ich einem Mädchen so nah gekommen, aber das lag schon über zwei Jahre zurück und hatte sich völlig anders angefühlt. Mir schoss das Blut in den Kopf und mein Herz klopfte wie wild. Ich zitterte innerlich vor Freude und Aufregung und grinste vermutlich ziemlich dämlich vor mich hin. Schätze, in dem Moment war mein Interesse an Mädchen endgültig geweckt. Vielleicht war Hannover ja doch nicht so scheiße?

An diesem Tag sollte ich auch noch den Julius kennenlernen. Den Spitznamen hatte er dem Wuchs seiner pechschwarzen Haare zu verdanken. Seine Frisur sah aus wie der Helm von Caesar bei Asterix und Obelix. Selbst die dazugehörigen Koteletten wuchsen ihm mit seinen knapp 14 Jahren schon. Er war einer der vier Griechen, die zu der Bande vom Jugo gehörten. Ein lustiger, zappeliger kleiner Kerl, der mich ebenfalls sofort begrüßte, als würde ich schon immer dazugehören. Ich mochte ihn und seine quirlige Art auf Anhieb. Selbst als er meinen schwäbischen Akzent imitierte und sich über meine Röhrenjeans lustig machte, feierte ich ihn.

Als es dunkel wurde, schwang ich mich auf mein BMX und fuhr nach Hause. Die Mädchen hatten sich zuerst verabschiedet. Die beiden Jungs und mich trieb der Hunger etwas später auch nach Hause. Es war ziemlich kühl und ich fror erbärmlich in meinem dünnen Pulli, aber das war mir egal. Ich hatte neue Freunde gefunden und war glücklich und zufrieden. Ich ließ den Nachmittag Revue passieren, während ich wie ein Wahnsinniger in die Pedale trat und jeden Bürgersteig und jeden Huckel mit einem Bunny Hop nahm.

Der Julius hatte sogar was von Haschisch und Eimerrauchen erzählt. Eigentlich hatte er schon heute etwas zum Kiffen mitbringen wollen. Aber aus irgendeinem Grund hatte das leider nicht geklappt. In Sindelfingen im Jugendzentrum, besser gesagt dahinter, hatte ich auch schon zwei, drei Mal an einem Joint gezogen, aber nie etwas gemerkt. Aber so wie es aussah, würde sich das schon sehr bald ändern.

 Sick

Über Sick

Biografie

$ick, Anfang der Siebzigerjahre in Homburg geboren, verbrachte seine Kindheit in Baden-Württemberg. Als er 13 war zog die Familie zum neuen Freund der Mutter nach Hannover. Weil er dort nicht sonderlich willkommen war, trieb er sich herum, begann Drogen zu nehmen und musste mit 18 zum ersten Mal ins...

Pressestimmen
bodo - Das Straßenmagazin

„Eindringlich, im Unterlaufen bürgerlicher Reueerwartungen wohltuend verstörend.“

abseits - Die Osnabrücker Straßenzeitung

„Definitiv empfehlenswert für alle, die einen authentischen und unterhaltsam geschriebenen Bericht über andere Lebenswelten als die des ›normalen‹ Bürgers lesen möchten.“

Die Welt kompakt

„Man staunt oft, wie eloquent Sick den ungeschliffenen Sound der Straße aufs Papier bringt und damit den Leser zu fesseln vermag.“

Radio Hamburg

„$ick erzählt seine Geschichte mit allen Details. Schonungslos, ganz ohne erhobenen Zeigefinger.“

schwaebische.de

„Ein bewegendes und authentisches Konglomerat aus Coming-of-Age-Geschichte, Gefängnisroman und Kriminalitätsreportage.“

imgegenteil.de

„Sein Erzählstil fesselt bis ins Mark.“

The Huffington Post

„Sehr spannende, aufregende und informative Geschichte.“

VICE

„Eine der besten Erzählungen der deutschen Gegenwart (…).“

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