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Run – Sie jagen dichRun – Sie jagen dich

Run – Sie jagen dich

Thriller

Taschenbuch
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Run – Sie jagen dich — Inhalt

Im Kampf um Recht und Gerechtigkeit setzt er alles aufs Spiel …

Hurrikan Katrina wütet über New Orleans. Ex-Geheimagent John Milton findet gerade noch Unterschlupf bei einer Familie, bevor die Naturkatastrophe über ihn hinwegrast. Als er erfährt, dass die Familie bedroht wird, zögert er keine Sekunde und bietet seinen Schutz an. Doch die Ermittlungen führen ihn in ein Netz aus Intrigen und Korruption – und zu einem alten Bekannten, der auf Auftragsmorde spezialisiert ist.

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 12.01.2018
Übersetzt von: Wibke Kuhn
448 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31183-0
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 01.12.2017
Übersetzt von: Wibke Kuhn
448 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97876-7

Leseprobe zu »Run – Sie jagen dich«

Kapitel 1

John Milton spähte angestrengt durch den Regen, der auf die Windschutzscheibe prasselte, und versuchte, die schlimmsten Schlaglöcher auf der schlammigen Straße zu umfahren. Inzwischen war er seit sechs Stunden unterwegs; anfangs hatte er im dichten Verkehr festgesteckt – endlose Fahrzeugkolonnen mit Leuten, die wie er aus der Stadt flüchteten –, dann war er wegen der schlechten Straßen, der eingeschränkten Sicht und der Tatsache, dass er sich in der Gegend nicht auskannte, nicht vorwärtsgekommen. Er fuhr an einer Weggabelung vorbei, bremste [...]

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Kapitel 1

John Milton spähte angestrengt durch den Regen, der auf die Windschutzscheibe prasselte, und versuchte, die schlimmsten Schlaglöcher auf der schlammigen Straße zu umfahren. Inzwischen war er seit sechs Stunden unterwegs; anfangs hatte er im dichten Verkehr festgesteckt – endlose Fahrzeugkolonnen mit Leuten, die wie er aus der Stadt flüchteten –, dann war er wegen der schlechten Straßen, der eingeschränkten Sicht und der Tatsache, dass er sich in der Gegend nicht auskannte, nicht vorwärtsgekommen. Er fuhr an einer Weggabelung vorbei, bremste und parkte am Straßenrand. Inzwischen hatte sich die Straße zu einem Feldweg verjüngt, der durch ein Wäldchen aus moosbehangenen Zypressen und pfeilgerade ins Herz des Sumpfs führte.

Laut Wegbeschreibung sollte er nach einem großen roten Ahorn Ausschau halten.

Er entdeckte ihn direkt neben der Straße.

Er war vor einer Woche in New Orleans eingetroffen, gerade als die Meteorologen Katrina ihren Namen gegeben und die Bewohner der Stadt gewarnt hatten, dass der Tornado direkt auf sie zuhielt. Zu Anfang hatten die Leute noch darüber gelacht, und Milton hatte an jeder Ecke gehört, dass es dieses Mal auch nicht anders ausgehen würde als bei all den anderen Stürmen, die hier aufs Festland getroffen waren. Aber dann waren die Vorhersagen immer apokalyptischer geworden, die Experten hatten Katrina zu einem Hurrikan der Kategorie fünf hochgestuft und gewarnt, dass er ernsthaft zerstörerische Ausmaße annehmen würde. Der Bürgermeister und die Gouverneurin hatten Evakuierungsbefehl gegeben, und langsam, aber sicher hörten die Leute sogar auf die Warnungen. Bis Norco wälzten sich die Autos Stoßstange an Stoßstange, und auch danach zogen sich die Kolonnen bis zur Ausfahrt in Laplace, ehe der Verkehr endlich wieder floss und Milton das Sumpfgebiet ansteuern konnte.

Hurrikane wie diesen hatte Milton schon öfter erlebt, deshalb wusste er genau, was sie anrichten konnten. Manche Leute weigerten sich immer noch, die Stadt zu verlassen, und erklärten den Reportern stolz, dass sie sich nicht aus ihren Häusern vertreiben ließen. Milton hatte nur den Kopf über ihre blasierte Dummheit geschüttelt. Hätte er die Wahl gehabt, er hätte sein Haus verlassen. Aber der Mann, auf den er angesetzt war, gehörte auch zu diesen Sturköpfen, die sich weigerten, die Beine in die Hand zu nehmen, und deswegen musste er ebenfalls bleiben.

Milton warf einen letzten Blick auf seine Wegbeschreibung. Zuerst war er seinem GPS gefolgt und hatte dann, als das nicht mehr weiterhalf, auf die schriftliche Beschreibung zurückgegriffen, die er verbrennen würde, sobald er sein Ziel erreicht hatte.

Er stieg aus und trat auf den schlammigen Straßenrand und war innerhalb kürzester Zeit pitschnass. Er öffnete die Beifahrertür und holte die Schaufel heraus, die er bei Walmart besorgt hatte, legte sie sich über die Schulter und marschierte ins Sumpfland.

Er erkannte die Stelle von dem Foto wieder, das man ihm in London gezeigt hatte. Ein Zypressenhain, der eine kleine Lichtung säumte, mit einem großen, deplatziert wirkenden Felsen in der Mitte.

Milton trat darauf zu, dann machte er drei Schritte zurück auf die Lichtung und begann zu graben. Die Erde hatte sich bereits mit Wasser vollgesogen, sodass sich die Schaufel ohne große Mühe durch die Grasnarbe stoßen ließ. Er rammte das Blatt in die Erde, drückte es mit dem Stiefel hinunter, hob den nassen Erdbatzen heraus und schleuderte ihn hinter sich. Innerhalb kürzester Zeit war er schlammverschmiert. Nach zehn Minuten hörte er ein metallisches Geräusch. Er schätzte die Ausmaße des Gegenstands ab und hob dann rundherum so viel Erdreich aus, dass er ihn mit den Händen herausziehen konnte.

Es war ein Metallschrank, anderthalb Meter hoch, dreißig Zentimeter breit, mit massiven Beschlägen und einem großen Vorhängeschloss. Milton zog einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete es.

Als Erstes sah er das M16-Sturmgewehr, nahm jedoch zuerst das restliche Sortiment in Augenschein: ein gewöhnliches Gewehr, Maschinenpistolen, halbautomatische Waffen. Schachteln mit Munition in diversen Kalibern, Nachtsichtbrillen, Zielfernrohre für Scharfschützengewehre, Überwachungs- und Spionageabwehrtechnik und verschlüsselte Satellitentelefone. Und dann noch über eine Million Dollar in kleinen und großen Scheinen, in mehrere wasserdichte Plastiktüten eingeschweißt.

Milton brauchte nichts Ausgefallenes. Er ließ die schwere Artillerie links liegen und nahm sich eine Sig Sauer P226, ein diskretes Schulterholster und ein zweites Magazin. Er zog seine Lederjacke aus, legte das Schulterholster an, schob die Waffe hinein und ließ das Magazin in die Innentasche seiner Jacke gleiten. Außerdem nahm er eine .25 NAA Guardian mit einem Holster, das sich per Klettband am Fuß befestigen ließ. Er schlüpfte in eine andere Jacke, legte das Vorhängeschloss wieder vor und schob den kleinen Spind in die Grube zurück.

Am Ende griff er nach seiner Schaufel und schüttete alles wieder zu.

 

Der Regen fiel. Ströme. Reißende Flüsse. Die reinste Sintflut. Das Wasser lief von den Dächern und rauschte durch die Rinnsteine in die mittlerweile überfließenden Gullys. Es spritzte aus Regenrinnen, hinterließ tückische Riesenpfützen mitten auf der Straße, durchtränkte Beete mit Hibiskus- und Bananenpflanzen und Palmen, flutete Hortensien, prasselte immer heftiger und heftiger herunter, bis es kaum schlimmer werden konnte. Aber es wurde trotzdem schlimmer.

John Milton brachte den Mietwagen am Straßenrand zum Stehen, stellte den Motor ab und lauschte dem Tosen des Sturms, der von Minute zu Minute zulegte. Vom Balkon im zweiten Stock eines Wohnblocks wurde ein Blumentopf heruntergerissen, dessen Scherben über die überspülte Straße flogen. Die Holzteile des Zauns zwischen den Wohnblöcken ratterten und klapperten, während sich allmählich die Nägel lockerten, sodass die Einzelteile demnächst durch die Luft fliegen würden.

Und dann – als hätte jemand einen Schalter umgelegt – hörte der Regen auf.

Er öffnete die Autotür, stieg aus und warf einen kritischen Blick zum Himmel. Der Sturm schob sich weiter über den Golf von Mexiko. Angeblich sollten die ersten Ausläufer in wenigen Stunden hier sein. Die Luft fühlte sich bereits klamm und feucht an, es roch nach Salzwasser und nassen Pflanzen, als wäre der Ozean näher an die Stadtgrenzen gerückt. Es war Samstagabend, und Straßen, in denen normalerweise jetzt Hochbetrieb geherrscht hätte, lagen menschenleer und verlassen da. Die indigoblaue Kuppel der Dämmerung war gelb und blutrot geädert; als wäre die Sonne noch nicht verschwunden, sondern plante einen spektakulären Sonnenuntergang, um dem Wüten des Sturms etwas entgegenzusetzen. Milton hielt einen Moment inne und blickte in Richtung Süden, in die tiefere Dunkelheit, die sich über dem Golf zusammenzog; er spürte die prickelnde Elektrizität in der Luft. Der Sturm war noch nicht bereit. Er hatte noch nicht begonnen. Sondern holte erst einmal tief Luft.

An der Rezeption des Intercontinental sah sich der Concierge gerade den Bericht eines Lokalsenders im Fernsehen an. Eine Radaraufnahme des Hurrikans wurde gezeigt, während der Sprecher die Anwohner aufforderte, die Küste zu verlassen. Der Sturm sah aus wie ein riesengroßes, bösartiges Windrad.

»Nachrichten für mich da?«

Der Mann schaute auf und sah den Schlamm auf Miltons Kleidern.

»Ich weiß«, sagte Milton und schüttelte den Kopf. »Ich bin ausgerutscht, ich gehe mich gleich umziehen. Nachrichten für mich?«

»Nein, Sir.«

Die Falten im Gesicht des Mannes sprachen von seinem Alter und all den anderen Stürmen, die er erlebt haben musste. »Hat der Wind Sie erwischt?«

Milton nickte. »Unglaublich, was der für eine Kraft hat.«

»Noch ist es nicht vorbei«, meinte der Concierge. »Das war noch gar nichts.«

Schweigend ließen sie den Augenblick auf sich wirken, in düsterer Vorahnung, dass bald etwas Schlimmes geschehen würde.

»Nein«, sagte Milton.

»Sie sollten im Gebäude bleiben, Sir. Hier kann Ihnen nichts passieren. Ich habe mit den Jungs unten in der Küche gesprochen, die haben jede Menge Lebensmittel und Wasser, und im Keller steht ein großer alter Generator, für den Fall, dass der Strom ausfällt.«

»Gut zu wissen.«

»Wollen Sie einen Drink? Geht heute Abend aufs Haus.«

»Danke«, sagte Milton. »Könnte gut sein, dass ich darauf zurückkomme.«

 

Milton hatte sich eine Suite im obersten Stockwerk genommen. Er nahm das Holster mitsamt Waffe ab und hängte es über eine Stuhllehne. Dann zog er seine pitschnasse Lederjacke aus, nahm sich eine Flasche Bier aus der Minibar und trat vor das große Panoramafenster. Er war im zehnten Stock, oberhalb der umstehenden Gebäude, das einen atemberaubenden Blick über die Dächer der Stadt bot. Milton hatte ein ungutes Gefühl – nicht nur wegen des Hurrikans. Sondern wegen des Auftrags, der ihn hergeführt hatte.

Wegen des Mannes, zu dessen Liquidierung Control ihn hergeschickt hatte.

Milton hatte seine eigene Art, damit umzugehen: Er dachte nicht über die Männer und Frauen nach, deren Ermordung man ihm auftrug, sondern wollte bloß die Informationen, die er brauchte, um zu gewährleisten, dass sie sich so schnell wie möglich von dieser Welt verabschiedeten. Er wollte nichts über ihre Familien wissen, über ihre Geschichte, über die Menschen, die sie vermissen würden, wenn sie tot waren. Doch es sprang ihm aus jeder zweiten Zeile ihrer Akten entgegen, und er war viel zu sehr Profi, um jedes Detail zur Kenntnis zu nehmen. Und als er dort stand, hoch über der Stadt, während Mutter Natur nur darauf wartete, einen Hurrikan auf sie loszulassen, fühlte sich Milton sehr einsam … all die Gedanken und Erlebnisse, die er niemals mit jemandem würde teilen können; Schuld, die er für den Rest seines Lebens auf seinen Schultern tragen musste.

Er trug die Verantwortung dafür.

Es war das Ergebnis seiner eigenen Entscheidungen.

Er hatte sein Schicksal schon so lange so blindlings akzeptiert, dass er gar keine Wahl hatte, nicht mehr.

Mit einem Mal fühlte sich sein Mund staubtrocken an, seine ausgedörrte Zunge klebte ihm am Gaumen, und er musste einen großen Schluck Bier nehmen, um das Gefühl zu vertreiben.

Schließlich zog er sich aus, ging ins Bad und blieb zehn Minuten lang unter der heißen Dusche stehen, ehe er heraustrat, zum Waschbecken ging und den beschlagenen Spiegel frei wischte. Seine blauen Augen starrten ihm entgegen, kalt und gefühllos. Er ließ Wasser ins Waschbecken laufen und tauchte sein Gesicht hinein. Es war so kalt, dass er nach Luft schnappte.

Dann trat er zum Kleiderschrank und nahm die Sachen heraus, die er für diese Gelegenheit gekauft hatte. Ein schrilles Hawaiihemd, helle Jeans und ein Paar braunrote Halbschuhe. Danach betrachtete er sich in dem großen Spiegel. Na also – er sah aus wie ein Tourist, wie die Art Hinterwäldler, der sogar an einem Abend wie diesem durch das French Quarter stolperte und sich für einen ganz harten Hund hielt, weil er sich in eines der auf irisch getrimmten Pubs traute.

Es klopfte.

Milton schnappte sich die P226 und versteckte das Holster in der Kommode. Dann schob er sich die Waffe hinten in den Hosenbund und zog sein Hemd darüber. Das Metall fühlte sich kalt auf seiner vom Duschen immer noch erhitzten Haut an.

Er ging zur Tür.

»Ja?«

»Ich bin’s.«

Er entriegelte die Tür und machte auf. Ziggy Penn stand auf dem Flur und schaute sich argwöhnisch um.

»Komm herein«, sagte Milton knapp und trat beiseite.

Ziggy folgte der Aufforderung. Er war klein und drahtig, mit knochigen Ellbogen, Schultern und Knien, einem dichten rotblonden Haarschopf, der steif wie Stahlwolle aussah, und leicht hervorquellenden Augen. Seine Haut war blass – das sichtbare Resultat eines Lebens vor dem Computerbildschirm –, seine Wangen und die Furchen rechts und links von seiner Nase waren von Aknenarben bedeckt. Er trug eine Cargohose und ein schwarzes Depeche-Mode-T-Shirt.

»Ich habe dir doch gesagt – kein Kontakt.« Miltons Stimme war angespannt vor Ärger. »Du sprichst mich nicht an. Ich bin ganz alleine hier.«

»Ich weiß.«

»Aber?«

»Das Wetter«, meinte Ziggy.

»Was soll damit sein?«

»Hast du mal rausgeschaut?« Er deutete auf die riesigen Wolkenmassen, die über die Stadt rollten.

Milton nickte. »Das wird heftig.«

»Das wird ein Hurrikan der Kategorie fünf.«

Milton legte seine P226 auf den Tisch. »Es gibt keinen Grund, irgendetwas zu ändern.«

Ziggy starrte die Waffe an. »Wir ziehen es also durch?«

»Er ist hier. McCluskey ist hier, ich bin hier. Es hat lange genug gedauert, das alles einzufädeln. Und sieh es doch mal so: Wo könnte er jetzt schon groß hingehen?«

Ziggy runzelte die Stirn. Er wirkte immer noch nervös. »Auch wieder wahr.«

»Keine Änderungen. Wir ziehen die Sache durch wie geplant.«

 

Kapitel 2

Ziggy Penn fuhr ins Untergeschoss und stieg in seinen Mietwagen, den er in der Tiefgarage abgestellt hatte.

Ihm war immer noch nicht ganz wohl bei der Sache, obwohl Miltons Argument, dass der Einsatz viel Planung erfordert hatte, durchaus berechtigt war. Ihre Zielperson war ein in den Staaten lebender Ire, der sich momentan Jimmy Maguire nannte, dessen richtiger Name jedoch Gerry McGovern lautete. In den schlimmsten Jahren des Nordirlandkonflikts hatte er als Schutzgeldeintreiber sein Geld verdient. Heute Abend sollte er sich hier mit Peter McCluskey treffen, einem Geschäftsmann, der mit Mitte zwanzig in die USA ausgewandert war, nachdem er in der von Kriminalität dominierten Grafschaft Antrim eine erfolgreiche Karriere als IRA-Scharfschütze hingelegt hatte. Seitdem hatte McCluskey sich neu erfunden, als erfolgreicher Geschäftsmann mit einer Kette von Kneipen im irischen Stil im Süden und Südwesten der Vereinigten Staaten. Dem Vernehmen nach hatte er seiner gewalttätigen Vergangenheit komplett abgeschworen und sich eine neue Identität zugelegt. Auf den ersten Blick war er einfach nur ein Nutznießer der amerikanischen Eigenheit, jedem die Chance zu geben, der noch einmal ganz von vorn anfangen wollte.

Zu Peter McCluskeys Pech hatte der Sicherheitsdienst Beweise dafür gefunden, die den Verdacht belegten, dass er seinen alten Waffenbrüdern keineswegs aus dem Weg ging. Stattdessen war sein Hass auf die Briten sogar noch erbitterter geworden, sodass er der Sinn Féin den Rücken kehrte und sich der wahren IRA anschloss, jenem Ableger, der das Karfreitagsabkommen aufkündigte und geschworen hatte, den Kampf fortzusetzen. McCluskey hatte weiterhin Geld gesammelt, damit sie Munition und Bomben kaufen konnten, und Maguire war in den USA, um das Geschenk abzuholen. Man hatte entschieden, dass diese Finanzierungskanäle dringend gestopft werden mussten. Die Akten über Maguire und McCluskey waren der Group Fifteen übergeben worden, und Control hatte John Milton – Nummer sechs – die Verantwortung übertragen, für die Liquidierung der beiden Männer zu sorgen.

Maguire würde als Erster abtreten.

Ziggy, der Einsatzanalytiker der Group, war Milton als Unterstützung zugeteilt.

Er ließ den Wagen an und fuhr rückwärts mit dem Chevy aus seiner Parklücke. Dann schaltete er die Scheinwerfer ein und fuhr Richtung Ausfahrt.

 

Im French Quarter war alles wie gewohnt. In den Bars herrschte vielleicht ein klein bisschen weniger Betrieb als sonst an einem Samstagabend, aber sie waren definitiv nicht leer. McCluskey’s – die Sorte irischer Pub, die man überall auf der Welt finden konnte – machte ein ganz anständiges Geschäft. Der Laden war dunkel und einladend, an den Wänden reihten sich irische Landschaftsmotive, Bilder von muskulösen Pferden im Galopp, Revolutionären in Aktion, einer Mannschaft beim Hurling. Der Schankraum bestand aus einer Ansammlung verschwiegener Nischen und Sitzgruppen, abgeteilt durch hölzerne Trennwände und Paravents, die aussahen, als wären sie aus alten Standuhren und Deckeln von Keksdosen zusammengebastelt. An die von Metallstreben gestützte Decke waren Lampen montiert, die den Raum in trübes Licht tauchten. Die Regale waren mit staubigen Büchern, Gläsern voller Süßigkeiten, einer alten Schneidemaschine, Boyne-Valley-Cornflakes und Waagen für Tee vollgestopft. Dazwischen hingen gerahmte Seiten aus Bilanzbüchern, aus dem Chronicle und dem Sligo Champion. Rattanhocker standen vor einem Tresen aus massivem Eichenholz, der sich an der gesamten Länge der rückwärtigen Wand entlangzog, nur von einem Bogen unterbrochen, der zu einem kleinen Nebenzimmer führte. Für naive Gäste mochte das Interieur stilecht wirken; womöglich kam sich sogar der eine oder andere vor, als wäre er mitten in Dublin oder Cork, aber Milton hatte ein ganz ähnliches Lokal in London gesehen, mit derselben Einrichtung, demselben Ambiente – alles bloß Fassade und weit davon entfernt, authentisch zu sein.

Mit Lokalen wie diesen verschwendete er normalerweise keine Zeit, aber er war ja auch nicht hier, um sich zu amüsieren. Er hatte einen Auftrag zu erledigen.

Milton holte sich an der Bar ein Bier und trat an ein Fenster, von dem aus er die Straße im Blick hatte. Er nahm den schmalkrempigen Porkpie-Hut ab, den er sich am Flughafen gekauft hatte, und legte ihn auf den Tisch, wo er den Filzrand zwischen Daumen und Zeigefinger knetete. Es hatte wieder angefangen zu regnen, so heftig wie vorher, und der Wind frischte auf. Hoch oben über der Straße surrte eine Telefonleitung, und Müll aus einer umgekippten Tonne rollte über die Straße, als wäre er auf der Flucht vor dem Sturm. Milton sah einer Nutte im engen Lederrock zu, wie sie vergeblich versuchte, sich in einem halbwegs windgeschützten Eingang eine Zigarette anzustecken, während ihr Zuhälter in seinem in zweiter Reihe geparkten Wagen hockte und im Takt zur Musik nickte.

Milton trank aus und holte sich ein zweites Bier. Der Alkohol hatte seinen Zustand nicht gebessert. Noch immer fühlte sich sein Magen an, als liege ein Eisklumpen darin, und in seinem Kopf pochte eine beginnende Migräne; es war, als hätte er sich ein Gummiband um seine Schläfen gelegt, das langsam immer fester gezogen wurde.

Seine Aufmerksamkeit wurde von einer Gruppe von Musikern gestört, die auf einer kleinen Bühne im Lokal ihre Instrumente stimmten. Sie waren zu sechst und hatten Geigen, eine Bodhrán-Trommel, eine Flöte und eine Mandoline. Während er sie noch beobachtete, begannen sie einen alten Folksong zu spielen, den Milton wiederzuerkennen meinte.

Und dann hörte er die Stimme aus dem winzigen Stöpsel in seinem Ohr.

»Sechs, hier Watcher. Kommen.«

Neben dem Stöpsel im Ohr hatte Milton ein ebenso unsichtbares Mikro unter seinem Hemdkragen befestigt.

»Watcher, hier Sechs. Was gibt’s?«

»Er kommt.«

Milton wandte sich wieder zum Fenster und sah die Lichter eines Taxis, das um die Ecke der Ursulines Street bog und vor der Bar anhielt. Durch die regennasse Scheibe konnte man den Fahrgast nicht genau erkennen, doch Milton beobachtete, wie Geld ausgetauscht wurde. Dann ging die Autotür auf, und Peter McCluskey eilte über den Gehweg und in die Bar, die seinen Namen trug.

»Siehst du ihn?«

»Ja.«

McCluskey war Ende siebzig, aber niemand hätte ihn so alt geschätzt. Er war groß und gut gebaut und bewegte sich mit einer Geschmeidigkeit, die sein Alter Lügen strafte. Bis auf ein paar weiße Strähnen, die der Regen jetzt flach an den Kopf geklatscht hatte, war er kahl. Er hatte eine große Nase und argwöhnische Augen. Er kam herein und hängte seine Jacke an einen Haken hinter der Bar. Dann beklagte er sich laut, dass es hier drinnen viel zu stickig sei, riss die Tür auf und fixierte sie mit einem Keil. Ein feuchtkalter Windstoß wehte ins Innere der Bar, und wieder konnte Milton das Meerwasser riechen.

Milton sah zu, wie McCluskey den Blick durchs Lokal schweifen ließ, auch über Milton, doch er blieb nicht an ihm hängen. Es gab auch keinen Grund, er hatte Milton noch nie zuvor gesehen.

Er ging an die Bar und klopfte mit den Knöcheln auf den Tresen. Die Musiker hörten auf zu spielen, und die Unterhaltungen verstummten.

»Ich freue mich, Sie alle heute Abend hier zu sehen«, rief er mit kräftiger Stimme. »Das kleine Wetterchen wird uns den Craíc nicht verderben, oder?« Laute Zustimmung. »Und weil ich mich so freue, dass Sie alle trotz dieses verdammten Sturms den Weg in meine kleine Bar gefunden haben, lassen Sie uns alle die Gläser heben und auf diese schöne Stadt trinken und Katrina bestellen, dass sie uns unseren Spaß nicht verderben wird. Eine Runde aufs Haus!«

Er gab dem Mann an der Bar ein Zeichen und ging dann zu einem freien Tisch.

»Sechs, hier Watcher.«

»Ja.«

»Die Party kann losgehen. Hier kommt Maguire.«

Die Party kann losgehen? Milton seufzte. Ziggy nahm das alles ein bisschen zu lässig, als wären sie Figuren in einem James-Bond-Roman.

Er wandte sich wieder zum Fenster. Ein Mann, der sich eine lederne Aktentasche über den Kopf hielt, kam über den Gehweg herangerannt, vorbei an einer Straßenlampe, die im Sturm leicht schwankte, und in die Bar. Milton wandte den Blick zur Tür und musterte ihn: Anfang vierzig, groß und kräftig, brutales Schlägergesicht, zwei große Ohrringe im linken Ohr und eine Narbe auf der Wange. In seinen jungen Jahren war Jimmy Maguire professioneller Wrestler gewesen, aber jetzt war er der Verbindungsmann zwischen den IRA-Kämpfern und ihren amerikanischen Sponsoren.

Er hatte sie zu McCluskey geführt.

Und jetzt waren seine Stunden gezählt.

Maguire setzte sich an einen freien Tisch, und McCluskey trat zu ihm, eine Tasche in der Hand, die er nun Maguire vor die Füße stellte.

»Es geht los«, sagte Milton leise.

Milton beobachtete sie so unauffällig wie möglich. Er trank sein Bier aus und ging an die Bar, um sich noch eines zu holen. Und um die beiden von einem anderen Punkt aus zu beobachten.

Die zwei Männer saßen dicht beisammen und unterhielten sich mit konzentrierter, ernster Miene. Eine Mischung aus Hintergrundgeräuschen, der Musik und dem Heulen des Sturms machte es ihm unmöglich, etwas von ihrem Gespräch aufzuschnappen, aber das war auch gar nicht mehr nötig. Einen Monat lang waren die Handys der beiden Männer abgehört worden, und Milton hatte die Abschriften gelesen. McCluskey hatte beschlossen, drei seiner Pubs zu verkaufen, darunter auch diesen hier, und wollte die Million Dollar, die dabei herausspringen würde, in Die Sache investieren. Maguire war entsandt worden, um sich zu bedanken und einen Weg zu finden, wie das Geld am unauffälligsten den Besitzer wechseln konnte, ohne bei den Behörden Verdacht zu erregen.

Während Milton die beiden beobachtete, bemerkte er, wie McCluskey Maguire die Tasche mit dem Fuß zuschob. Das war eine Methode, dachte er – Maguire das Bargeld zu geben und ihm die Sorge der Geldwäsche zu überlassen.

Milton kehrte an seinen Tisch zurück.

Maguire hob kurz die Hand, zog mit der anderen sein Handy aus der Tasche und hielt es sich ans Ohr.

»Hörst du das?«

»Moment«, sagte Ziggy.

Milton fummelte hektisch an seinem Bierdeckel herum, ohne den Blick von Maguire zu lösen.

»Der Anruf ist von McGinn. Er meint, er hätte gerade aus Dublin Bescheid bekommen, dass ein britischer Agent hinter ihm her ist. Sie wissen Bescheid.«

»Verdammt. Woher?«

Der Ire schaute auf, und bevor Milton wegsehen konnte, blieb sein Blick an ihm hängen. Dann wandte sich Maguire wieder zu McCluskey, sagte etwas und deutete mit einem Nicken auf Milton.

Ziggys Stimme war die Nervosität anzuhören. »Was machen wir jetzt?«

Milton biss sich auf die Innenseite seiner Unterlippe. Es hatte keinen Sinn, die Operation fortzusetzen. Wenn Maguire ihn identifiziert hatte, war nichts mehr zu machen. Er wandte sich ab und sagte leise: »Wir brechen ab.«

»Nach all den Vorbereitungen?«

»Geht nicht anders. Wir blasen es ab.«

Maguire nahm die Tasche und steuerte auf die Tür zu. McCluskey stand auf und kam auf Milton zu. Er warf einen Blick zur Bar und bedeutete dem Barkeeper, dass er mitkommen sollte.

»Nummer sechs?«

Statt einer Antwort nahm Milton einen Schluck Bier.

McCluskey war jetzt an seinem Tisch, der Barkeeper stand dicht hinter ihm.

»Entschuldigen Sie, Sir.«

»Nummer sechs?«

Milton ignorierte Ziggy und wandte sich zu McCluskey. »Ja?«

»Könnte ich mich wohl kurz mit Ihnen unterhalten?«

McCluskey besaß eine eindrucksvolle physische Präsenz. Milton konnte den Alkohol in seinem Atem riechen, den Geruch von schalem Zigarettenrauch und verfaulten Speiseresten zwischen seinen schiefen Zähnen. Er beschloss, sich dumm und betrunken zu stellen. »Worüber?«

»Nur ganz kurz. Im Büro hinter der Bar. Würden Sie bitte mitkommen?«

Milton musterte kurz den zweiten Mann: jünger, vierschrötig, dicke Knöchel mit nicht identifizierbaren Tätowierungen, weitere Tattoos auf beiden Unterarmen, ein T-Shirt mit abgeschnittenen Ärmeln.

»Maguire geht. Ich folge ihm.«

Milton knirschte frustriert mit den Zähnen. Er wollte Nein sagen, wollte Ziggy befehlen, von weiteren Schritten Abstand zu nehmen, aber das ging nicht.

»Sir?«

»Ich weiß nicht, was Sie von mir …«

»Ich bin kein Typ, der lange höflich bittet.« McCluskey zog sein Hemd hoch und entblößte den Griff der Glock. »Und wir wissen, wer Sie sind. Ich sage Ihnen jetzt noch einmal: Kommen Sie mit mir nach hinten ins Büro. Wollen wir die Sache nicht lieber auf zivile Art lösen?«

 

Kapitel 3

Jimmy Maguire ging direkt an seinem Mietauto vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Ziggy Penn beobachtete, wie der Mann die Straße überquerte und in einen mauvefarbenen Nissan stieg. Die Innenbeleuchtung ging an und wieder aus, dann leuchteten die roten Rücklichter und die vorderen Scheinwerfer auf.

Ziggy gab ihm einen Vorsprung von hundert Metern, bevor er ihm in seinem Chevy folgte. Er hatte das Radio angelassen, um auf dem neuesten Stand über die Entwicklung des Sturms zu sein. Er drehte lauter, als der Sprecher die Warnung wiederholte, dass sich alle Bewohner in Sicherheit bringen und im Superdome Schutz suchen sollten, falls sie keinen Ort hätten, an den sie gehen konnten. Allerdings stünden dort schon lange Schlangen. Die Gouverneurin von Louisiana, Kathleen Blanco, unterbrach die Sendung, um alle, die sich noch in New Orleans aufhielten, inständig zu bitten, sich zum Dome zu begeben oder die Stadt zu verlassen. Sie sagte, dieser Sturm sei enorm, ein richtiges Monster. Wieder wurden die Worte eines anderen Offiziellen eingespielt – der Mann schrie förmlich, dass es völlig egal sei, ob der Sturm ein paar Meilen weiter westlich aufs Land treffe. Bei einem Hurrikan dieser Größe sei es nicht nötig, dass er ein Ziel direkt treffe, er brauche die Stadt nur zu streifen und würde immer noch Tausende töten.

Ziggy drehte das Radio ab.

Die letzten Sonnenstrahlen waren inzwischen erloschen. Am Himmel türmten sich die schwarzen Wolken auf. Ziggy spürte geradezu, wie der Luftdruck jäh fiel. Etwas Schwefeliges schien sich unter die salzige Meeresluft zu mischen.

Der Dodge mit dem löchrigen Auspuff, der gleichzeitig mit ihm losfuhr und ihm folgte, fiel Ziggy gar nicht auf.

 

Milton tat, als wäre er betrunken, und ließ sich von seinem Stuhl zerren. McCluskey hatte ihm die Hände unter die Achseln geschoben, und der zweite Mann, ein jüngerer Kerl, zog an seinen Schultern.

»Was hab ich denn gemacht?«, stotterte Milton in einer Mischung aus geheuchelter Verblüffung und echter Angst. Wenn er jetzt schauspielerte, konnte er sie einen Moment lang verwirren, was ihm wiederum die Gelegenheit verschaffte, seine Situation abzuschätzen. Sie konnten nicht mit Sicherheit wissen, dass er der Mann war, den man zu Miltons Liquidierung geschickt hatte. Milton machte sich zwar Sorgen, weil die Mission überhaupt durchgesickert war, aber er bezweifelte, dass sie ansonsten etwas über ihn wussten. Es gab nur wenige Fotos von ihm. Und niemand außer Control und Ziggy wusste, dass man ihn mit diesem Job betraut hatte. In der Bar war immer noch einiges los, vielleicht mehr als bei seinem Eintreffen, und die Gäste stürzten sich kopfüber in ihr Besäufnis. Die Band spielte einen Folksong nach dem anderen, eine scheinbar endlose Aneinanderreihung lauter Akkorde und treibender Rhythmen. Die Typen an der Bar hockten mit schweißfeuchten Gesichtern auf ihren Stühlen, die leeren Gläser wie tote Soldaten vor sich aufgereiht. Zwei gestrandete japanische Touristen, die einzigen Besucher, die noch nicht hoffnungslos betrunken waren, nippten vornehm an ihrem Scotch.

Sicher nicht hier. Zu viele Zeugen.

Der Barkeeper trat dicht hinter ihn und begann ihn nach Waffen abzutasten. Die P226 konnte ihm unmöglich entgehen. Milton fühlte, wie sich die Hand des Mannes um den Kolben schloss, dann spürte er das von der Haut gewärmte Metall, als ihm die Waffe hinten aus der Hose gezogen wurde. Milton sah McCluskey an, als der Barmann ihm die Waffe zeigte. Die Verunsicherung auf der Miene des älteren Mannes wich echter Wut.

»Komm mit.«

McCluskey packte ihn am Ellbogen und zerrte ihn in ein Hinterzimmer. Milton ließ es geschehen. Der zweite Mann blieb dicht hinter ihm.

 

Ziggy holte das Auto ein und hielt sich in Sichtweite hinter ihm.

»Sechs, hier Watcher«, sagte er in sein Mikro.

»Sechs, hier Watcher. Sechs, bitte kommen.«

Nichts.

»Sechs, bitte kommen. Melden Sie sich!«

Er fühlte den jäh ausbrechenden Schweiß an seinen Handflächen; das Steuer drohte ihm zu entgleiten, als er um die Ecke bog. Was war mit Milton geschehen? Das sah übel aus.

Er überlegte, ob er die Sache abblasen sollte. Er konnte problemlos umdrehen und wieder ins Hotel fahren. Dort wäre er in Sicherheit. Er konnte abwarten, bis der Sturm vorüber war, und dann überlegen, was er als Nächstes machen sollte. Dorthin würde Milton auch zurückkehren – vorausgesetzt, er war noch am Leben. Und wenn er das nicht tat – wenn er das nicht mehr war –, konnte Ziggy in London anrufen und um Anweisungen bitten. Sie würden Ersatz schicken. Es gab andere Agenten, die nur auf einen Einsatz warteten, die das Chaos der abgebrochenen Operation beseitigen könnten.

Er umklammerte das Lenkrad fester.

Nein.

Und wenn Milton rechtzeitig abgehauen war? Vielleicht wollte er ja gar nicht abbrechen. Und wenn Ziggy Maguire jetzt auf den Fersen blieb, konnte Milton ihn finden und die Sache zu Ende bringen.

Die Operation hatte Ziggy von Anfang an nervös gemacht – ein Adrenalinschub auf der einen Seite, aber auch eine ordentliche Portion Nervosität. Es hatte in seinem Leben zu viele Gelegenheiten gegeben, bei denen er sich von seinen Nerven einen Streich hatte spielen lassen. Zu viele Gelegenheiten, bei denen er zweimal überlegt und sich für die sicherere, einfachere Variante entschieden hatte. Monatelang hatte er Daten gesammelt, sich vorbereitet. Er würde einen Teufel tun und sich von seinen düsteren Vorahnungen daran hindern lassen, seinen Ruf noch weiter zu verbessern.

Nein.

Er würde es durchziehen.

Zähneknirschend wischte er sich die verschwitzten Handflächen an der Hose ab und fuhr weiter.

 

Sie führten Milton in den Raum hinter der Bar. Ein Lager voll Serviertabletts sowie Wein- und Schnapsflaschen. In der Ecke stand ein Tisch mit einem Computer und einem Stapel Papier.

»Verratest du mir jetzt, wer du bist?«, fragte McCluskey.

Der jüngere Mann hatte die Arme von hinten unter Miltons Achseln geschoben und die Finger in seinem Nacken verschränkt, sodass Miltons Bauch dem brutalen Boxhieb von McCluskey schutzlos ausgesetzt war. Der Mann hatte gewaltige Kraft, und Milton keuchte auf, als ihm die Luft aus den Lungen gepresst wurde. McCluskey versetzte ihm einen zweiten Hieb mit der Linken, anschließend noch eine Rechte, und dann nickte er dem Mann zu. Der Kerl ließ von Milton ab, sodass er zu Boden sackte und schmerzhaft auf den Knien landete. Er beugte sich vor und würgte und spie Schleim auf den Holzboden.

»Na? Werden wir jetzt ein bisschen gesprächiger?«

Milton hustete.

»Ich will dir mal eines verraten, Kumpel: Du steckst bis zur Nasenspitze in der Scheiße. Du kannst dich jetzt für eine von zwei Möglichkeiten entscheiden. Eins: Du erzählst mir, wer du bist und für wen du arbeitest, und dann verpassen wir dir eine kleine Abreibung und schmeißen dich anschließend mit dem Müll raus. Oder, Möglichkeit zwei, du sagst nichts, und ich jage dir eine Kugel in deinen sturen Schädel.«

Milton hustete erneut. »Keine Ahnung, wovon Sie sprechen.«

McCluskey schaute zu dem anderen Mann und zog die Augenbrauen hoch. »Okay, dann also Variante zwei.«

Die versteckte .25 NAA Guardian war mit einem Klettband an Miltons Knöchel befestigt. Der Barkeeper hatte seine Suche beendet, sowie er die Sig gefunden hatte – ein amateurhafter Fehler, der Milton in einer Million Jahre nicht unterlaufen könnte. Man brachte seine Arbeit zu Ende, ausnahmslos, sonst konnte man sich gleich verabschieden. Ganz einfach.

Milton zog die kleine Waffe heraus. Er war so nah an den beiden, dass er sie unmöglich verfehlen konnte. Die erste Kugel traf McCluskey in den Bauch. Der jüngere Mann war immer noch dabei, seinen Finger an den Abzug von Miltons P226 zu fummeln, als ihn die zweite Kugel traf. Die Sig fiel ihm aus der Hand, als er einen Schritt rückwärts machte und verblüfft auf das Loch in seiner Brust starrte, aus dem das Blut sickerte. Rasch wandte sich Milton wieder McCluskey zu. Der alte Mann war auf die Knie gesunken, die eine Hand nach seiner Glock ausgestreckt, während er mit der anderen versuchte, seine Blutung zu stoppen. Milton trat neben ihn, legte ihm die .25er auf den Hinterkopf und drückte ab. Der alte Mann fiel flach auf den Boden, zuckte noch einmal und blieb dann reglos liegen. Milton wandte sich wieder dem Barkeeper zu. Er war noch am Leben. Milton setzte ihm die Waffe an den Kopf und feuerte die vierte und letzte Kugel ab.

Sechs Sekunden.

Keine Zeugen.

An der Rückwand war eine Tür. Milton schob seine Hand unters Hemd und öffnete die Tür. Zwischen der Bar und dem angrenzenden Gebäude verlief eine schmale Gasse, durch die der Wind pfiff. Milton schob die Guardian wieder in die Befestigung am Knöchel, hob seine P226 auf und trat hinaus.

Mark Dawson

Über Mark Dawson

Biografie

Mark Dawson wurde in Suffolk, Großbritannien, geboren. Nach verschiedenen Aushilfsjobs entschloss er sich, Jura zu studieren, und arbeitete anschließend zehn Jahre lang als Anwalt in London. Momentan ist er in der Filmbranche tätig und lebt mit seiner Frau und zwei Kindern im Südwesten Englands.

Weitere Titel der Serie »John-Milton-Reihe«

John Milton war Number One. Der beste Agent der Group 15, einer Untergrundeinheit des britischen Geheimdienstes. Doch nach zehn Jahren des Tötens hat John Milton genug – er will raus. Jetzt ist er der meistgesuchte Mann der britischen Regierung, denn niemand steigt ungestraft aus.

Pressestimmen

diebuchblogger.wordpress.com

»Ein unglaubliches Erlebnis mit tollen Charakteren und einer Atmosphäre die unter die Haut geht.«

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