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Phönix

Roman

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Phönix — Inhalt

Die 15-jährige Callista und ihr 16-jähriger Freund, der Jäger Lukan, leben in einem kleinen Dorf, deren Bewohner ein einfaches, bäuerliches Leben führen. Tagsüber scheint alles friedlich, doch mit Anbruch einer jeden Nacht beginnt der Schrecken: Geheimnisvolle Wesen, die noch niemand je zu Gesicht bekommen hat, gehen im Dunkel des Waldes auf die Jagd nach Menschen. Als Callistas kleiner Bruder verschwindet und sie und Lukan sich aufmachen, ihn zu suchen, offenbart sich ihnen die erschütternde Wahrheit. Denn die Welt, die sie zu kennen glaubten, existiert nicht. Und ihre Feinde sind ebenso unberechenbar wie mächtig ...

 

Erschienen am 02.10.2017
352 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-70377-2
Erschienen am 02.10.2017
352 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97858-3

Leseprobe zu »Phönix«

BUCH I
DAS DORF

 

1


Sterne.
Solange sie zurückdenken konnte, hatten die glitzernden Lichter am Himmel Callista in ihren Bann gezogen.
Schon als kleines Mädchen hatte sie in klaren Winternächten hinaufgestarrt und sich gefragt, was jene winzigen, funkelnden Augen im Antlitz der Nacht bedeuten mochten. Und auch später, nachdem sie längst erfahren hatte, dass die Sterne nicht mehr waren als kleine Feuer am Firmament, hatten sie nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Callista liebte die Sterne – darum hatte sie sie als Motiv gewählt.
Ein um das andere Mal [...]

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BUCH I
DAS DORF

 

1


Sterne.
Solange sie zurückdenken konnte, hatten die glitzernden Lichter am Himmel Callista in ihren Bann gezogen.
Schon als kleines Mädchen hatte sie in klaren Winternächten hinaufgestarrt und sich gefragt, was jene winzigen, funkelnden Augen im Antlitz der Nacht bedeuten mochten. Und auch später, nachdem sie längst erfahren hatte, dass die Sterne nicht mehr waren als kleine Feuer am Firmament, hatten sie nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Callista liebte die Sterne – darum hatte sie sie als Motiv gewählt.
Ein um das andere Mal steckte sie die Nadel mit dem wollweißen Garn in das Leinengewebe, und wieder kam ein weiterer Stich hinzu. Jeweils vierundsechzig solcher in Kreuzform geführten Stiche formten einen Stern – und weit über einhundert Sterne hatte Callista bereits gestickt. Natürlich nicht nur an diesem Tag, sondern an ungezählten weiteren. Seit fast einem Jahr waren die Mädchen und Frauen von Moonvale mit der Herstellung des Wandteppichs befasst, der, wenn er einmal fertig sein würde, die Rückkehr des Phönix zeigte: Auf einer Fläche, die fünf Ellen lang war und ebenso breit, war zu sehen, wie der Phönix dem Großen Feuer entstieg und das von Sternen übersäte Firmament erklomm – jenen Sternen, an denen Callista arbeitete.
Tag für Tag.
Woche für Woche.
Mond für Mond.
Und sie konnte es nicht leiden.
Kreuzstiche, Plattstiche, Stielstiche und Spaltstiche – all das hatte Callista schon früh gelernt. Trotzdem fand sie es stumpfsinnig und eintönig, die Nadel wieder und wieder ins Leinen zu senken, nur um sie auf der anderen Seite wieder herauszuziehen. Zumal es im Dorf so viele andere Dinge zu tun gab, die Callista für weitaus wichtiger und sinnvoller hielt – Dinge freilich, die anderen vorbehalten waren, während Callista das tun und werden sollte, was auch ihre Mutter war und deren Mutter vor ihr: eine Bildwirkerin.
»Callista!«
Nicht die Stimme selbst, sondern das darauf folgende Kichern riss Callista aus ihren Gedanken.
Sie sah von ihrer Arbeit auf und blickte in das strenge Gesicht ihrer Mutter und der anderen Frauen, die um den langen Tisch versammelt saßen. Offenbar war sie schon mehrmals angesprochen worden, aber Callista hatte nicht reagiert. Wie so oft, wenn sie in ihren Gedanken versunken war …
»Wo hast du nur wieder deinen Kopf? Wir sprachen darüber, dass der Wandbehang in diesem Jahr ganz besonders schön werden wird – und Rohesia meinte, dass das ganz besonders dein Verdienst sei!«
»Deine Sterne«, fügte Rohesia Payne, die Frau des Dorfvorstehers Everard Payne, erklärend hinzu. Sie war nur wenig älter als Callistas Mutter, doch ihr Haar war bereits von Grau durchzogen. Rohesia war ebenso bekannt wie berüchtigt für ihre spitze Zunge und ihren Klatsch. Wollte man eine Neuigkeit in Moonvale verbreiten, brauchte man es nur Rohesia zu sagen – alles Weitere erledigte sich von selbst. »Sie sind wunderschön, Kind.«
»Da-danke«, erwiderte Callista ein wenig verdutzt. Es kam nicht so oft vor, dass sie ihrer Arbeit wegen gelobt wurde. Meistens hieß es, sie hätte schlampig oder zu hastig gestickt und ihre Stiche seien entsprechend unregelmäßig.
»Freust du dich, wenn der Graf uns besuchen kommt?«, erkundigte sich Margery, Rohesias jüngste Tochter, die erst vierzehn war, aber kaum weniger mitteilsam. Außerdem sah sie ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich: die rundliche Miene, die rosigen Wangen, die schmalen, listig funkelnden Augen. Sogar in der Haarfarbe schien Margery ihrer Mutter nachzueifern – ein blasses, fast weißes Blond lugte unter ihrer Haube hervor.
»Warum sollte ich?«, fragte Callista dagegen.
»Na ja, weil …«, begann Margery, unterbrach sich dann aber und wurde rot.
»Was Margery meint«, half Rohesia aus, nicht ohne ihrer vorlauten Tochter einen tadelnden Blick zuzuwerfen, »ist, dass du langsam das Alter erreicht hast, meine Liebe.«
»Das Alter?« Callista warf ihrer Mutter einen fragenden Blick zu. Deren Kopfschütteln sollte wohl bedeuten, dass sie nicht gewusst hatte, dass dieses Thema zur Sprache kommen würde …
»Nun – um verheiratet zu werden«, erläuterte Rohesia überflüssigerweise.
»Callista wird erst im kommenden Winter sechzehn«, stellte ihre Mutter klar.
»Und damit wird sie alt genug sein, um zu wählen«, beharrte Rohesia und wandte sich wieder Callista zu, ein tantenhaftes Lächeln im runden Gesicht. »Hast du denn schon einen Blick auf einen jungen Mann geworfen, meine Liebe?«, fragte sie unverblümt. »Ben etwa, der Sohn des Tischlers, ist zu einem stattlichen Burschen herangewachsen – und er ist genau in deinem Alter. Und auch mein Diggory freut sich sehr, wann immer er dich sieht …«
»Wie schön für ihn.« Callista rang sich ein Lächeln ab.
Das fehlt gerade noch, sagte sie sich. Diggory Payne ist ein Trottel, wie er im Buche steht. Er hat den Verstand einer Ameise und das Gemüt einer Spaltaxt. Wenn ich irgendwann heirate, dann ganz bestimmt nicht ihn …
»Natürlich möchte dich niemand drängen«, fuhr Rohesia unbeirrt fort. »Doch wenn du dich für Diggory entscheiden solltest, wäre es gewiss nicht zu deinem Schaden – und auch nicht zu dem deiner Familie«, fügte sie mit einem bedeutsamen Blick in Richtung von Callistas Mutter hinzu. »Unsere Familie verfügt über großen Einfluss im Dorf. Eine Verbindung mit ihr …«
»Wir wollen nichts überstürzen«, wandte Callistas Mutter ein, als sie die wachsende Panik in den Augen ihrer Tochter sah.
»Gewiss, meine Liebe.« Rohesia nickte. »Doch wir sollten nicht aus dem Blick verlieren, dass der Graf unser schönes Moonvale bereits sehr bald besuchen kommt – und was für eine Freude wäre es für ihn, wenn er in diesem Jahr zum Erntefest wieder Zeuge einer Vermählung werden dürfte!«
»In der Tat, das wäre es«, stimmten die anderen Frauen zu und nickten beifällig, was Callista dazu nötigte, ihrer Mutter einen Hilfe suchenden Blick zuzuwerfen.
»Nun – kommt Zeit, kommt Rat«, sagte diese mit einem Tonfall, der keinen Widerspruch zuließ, worauf die zwölf Frauen, die alle zugleich an dem Wandteppich arbeiteten, zustimmend nickten. Callista bedankte sich mit einem Lächeln.
Das Thema schien vorerst vom Tisch zu sein, trotzdem hatte Callista von Rohesias Reden genug, ebenso wie vom Sticken. Immer wieder blickte sie verstohlen zum Fenster und sehnte den Augenblick herbei, da die Sonne endlich hinter dem First des benachbarten Hauses versinken würde. So hoch wie im Sommer stand sie ohnehin nicht mehr, die Tage wurden bereits kürzer. Dennoch konnte Callista es kaum erwarten, bis die Glocke im Wachturm endlich schlug und das Ende des Tages einläutete. Alle, die außerhalb der Dorfmauern arbeiteten, würden dann zurückkehren – die Bauern und Feldarbeiter, die Schäfer und auch die Jäger …
Aber noch war es nicht so weit.
»Ich bin froh, dass das Bild rechtzeitig zur Erntefeier fertig wird«, begann Callistas Mutter wieder, wohl um das Thema zu wechseln. »Zwar ist es nur noch ein halber Mond, aber wir liegen gut in der Zeit. Der Graf wird sich über das Geschenk sicher freuen.«
»Sicher«, versetzte Rohesia Payne säuerlich. »Wenn es schon sonst nichts gibt, worüber er sich freuen kann.«
Das Schweigen, das daraufhin einsetzte, lastete schwer auf Callista. Denn was Rohesia tatsächlich meinte, war klar: Ganz egal, wie sehr sie sich bemühen mochten – im Vergleich mit einer Eheschließung, aus der neue Kinder und damit neue Arbeiter hervorgehen würden, war ein Wandbehang nur ein Trostpreis, der den Grafen erfreuen, aber nicht zufriedenstellen würde.
Und ich bin schuld daran, sagte sich Callista.
Es war nicht das erste Mal, dass sie dieses Gefühl hatte – dabei gab sie sich wirklich Mühe! Sie hatte nicht widersprochen, als ihr Vater bestimmt hatte, dass sie wie ihre Mutter Bildwirkerin werden sollte, und obwohl sie es sterbenslangweilig fand, den ganzen Tag auf dem Stuhl zu sitzen und zu sticken, und es leid war, sich ständig mit der Nadel in den Finger zu stechen, tat sie von morgens bis abends nichts anderes, Tag für Tag. Und doch hatte sie immer den Eindruck, dass es nicht genügte.
Schon mein ganzes Leben lang …
Als die Glocke endlich zum Feierabend schlug, gab es kein Halten mehr. Callista legte Nadel und Garn beiseite und schickte sich an aufzustehen.
»Nanu?«, machte ihre Mutter und sah sie fragend an. »Wo wollen wir denn hin?«
»Hinaus zu den anderen«, gab Callista knapp bekannt. »Es ist Feierabend.«
»Wir sind noch nicht fertig.«
»Aber die Glocke schlägt!«
»Mein Kind.« Rohesia Payne lächelte in schlecht gespielter Nachsicht. »Die Arbeit ist nicht beendet, wenn die Glocke schlägt, sondern wenn sie getan ist.«
»Ich weiß, tut mir leid.« Callista hielt es kaum noch aus. Sie hatte das Gefühl, gleich zu platzen. »Darf ich trotzdem gehen? Bitte, Mutter …«
In den sanften Zügen ihrer Mutter war beides zu lesen – Unmut über Callistas Ungeduld, aber auch Verständnis. »Also gut«, erklärte sie sich schließlich einverstanden. »Aber sei vorsichtig, hörst du?«
»Ja, Kind«, stimmte Geva Fletcher, die Frau des Pfeilmachers, mit besorgter Miene zu. »Bleib bei den anderen und geh nicht in den Wald. Sei bei Anbruch der Dunkelheit zurück.«
»Natürlich, wie immer«, versicherte Callista – dann war sie schon auf dem Weg nach draußen.
Dass sie Rohesia Payne noch etwas von Disziplin sagen hörte und davon, dass einer jungen Frau ihres Alters bessere Manieren zu Gesicht stünden – geschenkt. Unter dem niederen Türsturz des Hauses, das sie zusammen mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder bewohnte, trat Callista nach draußen – und atmete zum ersten Mal an diesem Tag freie, frische Luft!
Gut, so ganz frisch war sie nicht – der Gerber hatte neues Leder hergestellt und zum Trocknen aufgehängt, und da seine Hütte genau wie die von Callistas Eltern am Dorfrand stand, drang der beißende Gestank direkt herüber. Und doch war alles besser, als weiter den Mief von Rohesia Payne ertragen zu müssen.
Wie kommt sie dazu, mich derart in Verlegenheit zu bringen? Mich vor allen zu fragen, ob ich ihren Sohn heiraten möchte, diesen groben, ungehobelten Klotz …
Zwar war es üblich, dass Hochzeiten von den Eltern arrangiert wurden. Und auch, dass Mütter dies untereinander regelten oder die Verbindung zumindest anbahnten, war nicht weiter ungewöhnlich; die Väter kamen meist erst dann ins Spiel, wenn es um das Geschäftliche ging und darum, die Mitgift auszuhandeln. Doch obwohl Callista wusste, dass sie das entsprechende Alter tatsächlich bald erreichen würde, konnte und wollte sie sich nicht vorstellen, jemanden zu heiraten, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten und für den sie noch nicht einmal etwas empfand. Außer einer gewissen Verachtung vielleicht …
»Cally«, sagte plötzlich jemand hinter ihr.
Callista, die darauf nicht gefasst gewesen war, fuhr herum. Ein zehnjähriger Junge mit flachsblondem Haar und Sommersprossen im Gesicht kauerte auf dem Boden und stocherte mit einem Ast in einem Kuhfladen.
»Na, Nervensäge?«, fragte Callista. Dies war Jona, ihr kleiner Bruder. Und obwohl sie ihn wirklich lieb hatte, war er manchmal genau das: eine Nervensäge …
»Wo gehst du hin?«, wollte er wissen.
»Hinaus aufs Feld. Zu Vater und den anderen.«
Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Jungen. »Ich will mit«, erklärte er.
»Kann ich mir denken.« Sie nickte, während sie innerlich den Kopf schüttelte. Ihr kleiner Bruder war so ziemlich der Letzte, den sie im Wald brauchen konnte. »Aber das kommt nicht infrage. Mutter hat es nicht erlaubt.«
»Aber …«
»Tut mir leid«, lehnte Callista ab.
»Das ist gemein«, erklärte Jona. Er ließ den Kopf hängen und schmollte. Dabei verzog er das Gesicht, sodass sie schon fürchtete, er würde wieder in jenes fürchterliche Geschrei ausbrechen, das ihn manchmal überkam … Doch er schien sich im Griff zu haben und beließ es dabei, ihr die Zunge herauszustrecken, was sie kurzerhand erwiderte, ehe sie sich auf den Weg machte.
Auch wenn ihr Bruder aussehen mochte wie andere Zehnjährige – er war es nicht.
Schon als er noch sehr klein gewesen war, war offenbar geworden, dass Jona anders war. Anders als die übrigen Jungen und auch anders, als Callista in seinem Alter gewesen war.
Statt mit den anderen Kindern zu spielen, blieb er stets abseits und für sich; statt mit den anderen zu lachen, versank er lieber in stille Gedanken; statt mit anderen zu reden, sprach er lieber zu sich selbst; er blieb lieber zu Hause und malte Bilder oder bastelte kleine Gegenstände.
Und manchmal begann er ohne ersichtlichen Grund aus Leibeskräften zu schreien …
Lange hatten Callistas Eltern versucht, all dies vor dem Dorf geheim zu halten und so zu tun, als ob Jona ein Kind wie jedes andere wäre – bis vor zwei Wintern das Gegenteil offenkundig geworden war.
Denn in diesem Winter – Callista war damals dreizehn gewesen – hatte der kleine Jona ihnen allen das Dach über dem Kopf angezündet.

 

 

 

2


Dass sich das Haus, das Callista mit ihrer Familie bewohnte, am Rand des Dorfes befand, hatte einen guten Grund. Denn hier durchbrach ein Bach den hohen Palisadenzaun, der Moonvale umgab. Und da Callistas Vater Arnet der Schmied des Dorfes war und jederzeit in der Lage sein musste, einen Brand in der Schmiede zu löschen, ehe er auf andere Gebäude übergriff, hatte er sein Haus genau hier errichtet.
Heute allerdings arbeitete Callistas Vater nicht in seiner Werkstatt, ebenso wenig wie der Pfeilmacher, dem das nächste Haus an der Straße gehörte. Denn es war Erntezeit, und wer nicht dringend anderswo gebraucht wurde, der half draußen auf dem Feld dabei, das Getreide für den Winter einzubringen.
Zu gerne hätte auch Callista geholfen – wenigstens hätte sie dann das Gefühl gehabt, etwas Sinnvolles zu tun und einen Dienst für die Gemeinschaft zu leisten. Doch ihre Mutter bestand darauf, dass die Herstellung eines neuen Wandteppichs für den Grafen nicht minder wichtig wäre als das Einbringen der Ernte – auch wenn Callista dies stark bezweifelte.
Vorbei an den niedrigen, aus Holzbohlen errichteten Häusern ging sie zum Dorfplatz hinauf, wo der Hort des Feuers stand und der Turm, dessen Glocke noch immer läutete. Am Haus des Dorfvorstehers vorbei überquerte sie den kleinen Platz und verließ Moonvale durch das einzige Tor im Palisadenzaun. Es führte nach Südwesten, und so schienen die Strahlen der bereits tief stehenden Sonne geradewegs hindurch.
Die Dorfwiese und das Gemüsebeet ließ Callista hinter sich. Als sie sich den Feldern näherte, kamen ihr bereits die ersten Heimkehrer entgegen – Männer, Frauen und Kinder, die müde wirkten und gebeugt von den Mühen des Tages, aber auch zufrieden. Callista tat noch eine Weile lang so, als würde sie dem Pfad folgen, der am Brachland vorbei zu den Roggenfeldern führte – dann allerdings bog sie nach rechts in den Hohlweg ab, dem nahen Wald entgegen, der Moonvale und seine Felder wie ein dunkelgrüner Wall umgab. Wie immer, wenn sie sich den mächtigen Eiben und knorrigen Eichen näherte, beschleunigte sich ihr Herzschlag. An dem kleinen Teich, der sich auf halber Strecke befand, blieb sie kurz stehen und warf einen Blick auf die spiegelnde Oberfläche.
Die Gestalt, die in einem einfachen Kleid aus dunkelgrüner Wolle steckte, gefiel ihr nicht besonders. Es hatte bei Callista ohnehin ein wenig länger gedauert als bei den anderen Mädchen, bis sich die weiblichen Rundungen eingestellt hatten, und auch jetzt hielten sie sich in Grenzen. Sie kniff sich in die Wangen, um ein wenig mehr Farbe in ihr blasses Gesicht zu zaubern, und fuhr sich durch das gelockte kastanienbraune Haar, das offen über ihre Schultern fiel. Kritisch beäugte sie ihre Züge: die nunmehr geröteten Wangen, die kecke, vielleicht etwas zu spitze Nase, den kleinen Mund und die großen Augen.
Sah sie auch hübsch genug aus?
Nimm dich zusammen, sagte sie sich, und hör auf, dich wie ein aufgeschrecktes Huhn zu benehmen. Das ist unter deiner Würde!
Stattdessen warf sie ihrem Spiegelbild im Wasser des Weihers einen entschlossenen Blick zu und wollte ihren Weg fortsetzen – als jemand ihren Namen rief.
»Callista?«
Callista seufzte – Caleb Sully kam den Hohlweg herab auf sie zu. Novize Caleb, wie er hieß, seit er bei Meister Osgood in die Lehre ging, um wie er der Bruderschaft des Tempels beizutreten.
»Tut mir leid, Caleb«, rief Callista ihm schon von Weitem zu. »Ich habe keine Zeit für dich.«
»Musst du … auch nicht«, stieß Caleb hervor, während er eilig zu ihr aufschloss. Die Verpflegung bei Meister Osgood schien ihm gut zu munden – unter seiner wollenen Kutte, die noch immer seltsam fremd an ihm wirkte, zeichnete sich ein ziemliches Bäuchlein ab. Auch sonst hatte Caleb sich verändert – von seinem einstmals langen blonden Haar war nur ein bescheidener Zopf an seinem Hinterkopf geblieben, und sein Gesicht hatte eine Strenge angenommen, die für einen Jungen seines Alters unpassend schien. »Ich wollte dir nur sagen, dass … dass …«
»Dass was?«, verlangte Callista ungeduldig zu wissen, als er endlich keuchend bei ihr anlangte.
»Dass du dich vorsehen sollst«, brachte er endlich heraus.
»Ich weiß.« Callista winkte ab. »Ich werde nicht weit in den Wald gehen, nur ein kurzes Stück.«
»Das meine ich nicht … der Weiher«, ächzte Caleb.
»Was ist mit ihm?«
»Ich habe gesehen, wie du dein Spiegelbild betrachtet hast.«
»Und?«
»Du weißt doch, Eitelkeit ist eine Sünde«, erklärte Caleb und gab sich Mühe, dabei zu klingen wie Meister Osgood. »Der Phönix lehrt uns, dass wir uns nicht von äußerlichen Dingen blenden lassen sollen. Es kommt auf die inneren Werte an, auf die Kraft des Geistes.«
»Und?«, fragte Callista noch einmal.
»Und du solltest dich besser vorsehen.«
»Ich weiß schon. Der Phönix weiß alles. Und er bestraft jene, die sich nicht an die Gesetze halten und an die äußere Form klammern, an den schönen Schein. Denn er bedeutet nichts.«
Caleb lächelte. »So ist es.«
Callista legte den Kopf schief. Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen. »Du findest mich also schön?«
»Ja … das heißt nein«, erklärte Caleb stammelnd – seine gravitätische Würde war dahin. Er errötete und starrte zu Boden. »Ich meine, ich …«
Callista musste lachen – auch wenn Novize Caleb sich alle Mühe gab, ein guter Diener des Phönix zu werden, steckte doch noch viel vom alten Caleb Sully in ihm …
»Das war ein Scherz«, klärte sie ihn auf.
»Wirklich?« Er schien erleichtert.
»Aber ja. Ich weiß, dass du es gut meinst, Caleb, deshalb danke ich dir für deinen Rat. Und jetzt muss ich gehen.«
»Soll ich dich begleiten?«
Callista schnaubte – das fehlte noch!
»Nicht nötig«, versicherte sie deshalb schnell und hob abwehrend die Hände.
»Aber …«
»Ich bleibe am Waldrand, versprochen«, versicherte sie. »Ich will nur ein paar Kräuter sammeln, das ist keine Aufgabe für einen Novizen. Meister Osgood braucht dich sicher.«
»Ja«, erwiderte der bleiche Junge in der Ordenskutte zögernd. »Du hast wohl recht.«
»Leb wohl, Caleb!« Sie wollte weiter.
»Novize Caleb«, verbesserte er. »Und denke daran, Callista …«
»Der Phönix weiß alles.« Sie nickte, dann ging sie weiter.
Ob Caleb etwas ahnt?, fragte sie sich dabei. Nein, sicher nicht … Aber warum hat er dann so ausdrücklich gesagt, dass ich mich vorsehen soll?
Der Gedanke bedrückte Callista, den Sonnenstrahlen zum Trotz, die den Waldrand in goldenes Licht tauchten.
Vom Wohlwollen des Phönix hing alles ab. Seine Schwingen beschützten das Dorf, hielten Feinde und Unheil fern; anders als weiter entfernt gelegene Dörfer war Moonvale nicht von Krieg betroffen, und die Pest hatte schon viele Winter nicht mehr gewütet; auch die letzte Hungersnot lag lange zurück, und der Graf herrschte mit gerechter Hand. Moonvale war großes Glück beschieden, und es gab keinen Zweifel, dass dies einzig und allein dem Phönix zu verdanken war – und Callista wollte gewiss nicht schuld daran sein, dass er dem Dorf sein Wohlwollen entzog.
Furcht überkam sie, aber sie war nicht groß genug, um sie von ihrem Vorhaben abzuhalten. Da sie schon Zeit verloren hatte, nahm sie den Saum ihres Kleides in die Hand und begann zu laufen, hinein in das dunkle Grün des Waldes, dem geheimen Treffpunkt entgegen.
Und sie hoffte inständig, dass er dort auf sie warten würde.

Michael Peinkofer

Über Michael Peinkofer

Biografie

Michael Peinkofer, 1969 geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaften und arbeitete als Redakteur bei der Filmzeitschrift »Moviestar«. Mit seiner Serie um die »Orks« avancierte er zu einem der erfolgreichsten Fantasyautoren Deutschlands. Seine Romane um »Die Zauberer«...

Pressestimmen

Vanessas-buecherecke.blogspot.de

»Ein wirklich hochspannender und sehr interessanter Reihenauftakt, der Lust auf mehr macht […].«

Kommentare zum Buch

Phönix von Michael Peinkofer
Buchfink am 05.11.2017

In diesem Jugendbuch geht es um Callista, ihren Bruder Jona und ihren Freund Lukan. Callista lebt in einer Welt, die nach dem großen Krieg aus dem Feuer entstanden ist. Ihr Dorf und all der Schutz und Friede, der ihnen geschenkt wurde schreiben die Dorfbewohner dem allmächtigen und gütigen Phönix zu, nach dessen Gesetzen sie alle Leben. Jede Nacht werden die Tore geschlossen, um die Dorfbewohner zu schützen und den Schnitter fern zu halten. Eine mächtige Kreatur geschaffen vom Phönix, um die Menschen ihrer Menschlichkeit und Demut zu erinnern. Callista fühlt sich fremd in ihrem Dorf, träumt von mehr in ihrem Leben als eine Familie zu gründen und als Bildwirkerin tätig zu sein. Sie stellt ketzerische Fragen, die andere beim Tempel anzeigen würden. Nur ihr Freund Lukan scheint sie besser zu verstehen als alle anderen. Als Callista eines Tages ihren kleinen Bruder Jona im Wald aus den Augen verliert und sie ihn nicht vor Einbruch der Nacht in Sicherheit bringen kann zögern Lukan und sie nicht lang, um ihren Bruder zu retten. Doch was sie in der Nacht im Wald erleben verändert ihre Welt komplett und Ereignisse werden in Gang gesetzt, die alles verändern werden.   Das Buch ist flüssig und schnell zu lesen. Ein rasanter Schreibstil, der das Buch zu einem Pageturner macht. Die Geschichte war unglaublich spannend und fesselnd geschrieben. Die Charaktere sind mir in kürzester Zeit ans Herz gewachsen. Die Geschehnisse überschlugen sich und ich habe so sehr mitgefiebert, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Ein wirklich toller Auftakt zu einer neuen Reihe und ich bin sehr gespannt wie es weitergeht. Ich habe am Ende so geweint, dass ich zeitweise nicht weiterlesen konnte. Ein wirklich gutes Buch.

Eine grandiose Welt, lebhafte Charaktere und eine spannende, mitreisende Umsetzung
Ruby am 27.10.2017

Die Schreibweise des Autoren ist einnehmend, spannend und leicht zu verfolgen. Ich bin schon innerhalb der ersten Seiten ein Freund dieser lockeren und bildhaften Schreibweise geworden, konnte mir sowohl die Umgebung als auch die Charaktere unheimlich gut vorstellen.   Erzählt wird die Geschichte aus der Erzählerform, aber dennoch auf einzelne Charaktere bezogen. Dabei liegt unser Hauptaugenmerk auf Callista, welche uns durch die Geschichte führt. Aber immer wieder zwischen rein, erhalten wir auch Einblicke auf andere Charakter sodass wir ein perfektes Rundumbild erhalten und das ganze nochmal besser einschätzen können.   Callista ist eine aufgeweckte, neugierige und vor allem aufmerksame Persönlichkeit. Sie lebt zusammen mit ihrer Familie in einem Dorf, welches viele Regeln zum Schutz der Einwohner aufgestellt hat. So sehr sich Callista jedoch versucht darauf einzulassen, hat sie das Gefühl dass etwas nicht stimmt und sie eingeschlossen wird. Innerhalb der Geschichte erkennt man nach und nach wie stark ihr Charakter ist, wie viel sie sich zutraut und was sie trotz ihrer Angst alles leisten kann. Ich war von ihrem Wesen fasziniert, auch dass sie zurückstecken kann sofern es hilfreich ist. Sie ist nicht auf sich bezogen und dennoch versucht sie auch für sich einen guten Ausgleich zu finden.   Lukan ist der beste Freund von Callista und ich mochte seine lockere, freundliche und offene Art sehr gerne. Er glaubt an die Regeln im Dorf und dennoch hört er seiner besten Freundin immer wieder zu, wenn sie Fragen, Ängste und Hoffnungen gegenüber diesen aufbringt. Er steht zu jeder Zeit hinter ihr, hilft ihr mit allem besser zurecht zu kommen und würde für sie alles tun. Auch die Regeln, welche er größtenteils verfolgt zu brechen um sie zu schützen. Sein Charakter hat mir auch sehr gut gefallen, wenn ich auch darauf hoffe noch viel mehr von ihm zu erfahren.   Die Charaktere in diesem Buch konnte ich mir alle sehr gut vorstellen, auch wenn sie nicht immer einen allzu wichtigen Auftritt hatten. Dennoch konnte ich bei nicht ganz so wichtigen Charakteren, wie beispielsweise Rohesia Payne durchaus einen Groll verspüren als mir diese mehrfach über den Weg gelaufen ist. Der Autor schafft es wirklich, den Fokus immer genau richtig zu legen sodass man sie alle erfassen und sich vorstellen kann.   Alle weiteren wichtigen Personen sind für mich ebenso greifbar wie fühlbar geworden, ich konnte ihre Ängste, verlorenen Hoffnungen und Verzweiflung sehr gut nachfühlen. Ich war ein Teil von ihnen und gerade auf der Reise unserer kleinen Truppe habe ich davon eine Menge mitnehmen dürfen.   Die Umsetzung dieses Buches beginnt etwas ruhiger, aber konnte mich trotz allem sehr gut mitnehmen. Man lernt zu erst einmal Callista, ihren Bruder Jona und auch Lukan näher kennen. Ihr Leben, die Gesetze welche sie zu befolgen haben und die Ängste welche ihnen von Kind auf eingetrichtert werden.   Doch spätestens ab dem Punkt, an welchem Callista zu sich steht wird es spannender und eine gefährliche, weltverändernde und beängstigende Reise beginnt. Diese konnte mich tatsächlich die ganze Zeit bei der Stange halten. Die Entwicklungen waren nicht voraussehbar, die eingeschlagenen Wege haben mich mitfiebern und hoffen lassen und ich muss sagen, dass die komplette Richtung mich wirklich unsagbar überrascht hat.   Die Weltenentwicklung hat mir auch unheimlich gut gefallen. Es ist eine Welt nach unserer, welche aus Krieg und Angst entstanden ist und letztlich doch so ganz anders ausfällt als man denkt. Es gibt Wesen, die grauenvoller sind als man sich denken kann und es zeigt ein Szenario welches mir Gänsehaut bereitet.   Das Ende dieses ersten Bandes hat mich begeistert, schockiert, neugierig gemacht und doch irgendwie auch verängstigt. Der Autor hat hier einen Weg eingeschlagen, der für mich persönlich neu und faszinierend umgesetzt wurde.   Mein Gesamtfazit:   Mit „PHÖNIX“ hat Michael Peinkofer eine faszinierende und beängstigende Geschichte aufgebaut, die es definitiv lohnt gelesen zu haben. Die Welt war grandios, die Charaktere lebhaft und greifbar und die Umsetzung spannend und mitreisend von der ersten bis zur letzten Seite.   Ich würde am liebsten sofort zum nächsten Band greifen und schauen wie es weitergeht mit Calissta, Jona und allen weiteren vielversprechenden Charakteren.

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