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Gebrauchsanweisung für Nachbarn

Martin Hyun
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€ 16,00 inkl. MwSt. Erscheint am: 14.03.2024 In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
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Gebrauchsanweisung für Nachbarn — Inhalt

Jeder hat sie, keiner braucht sie – oder doch?

Gute Nachbarn, schlechte Nachbarn. Schrebergarten-Nachbarn. Zimmernachbarn. Nachbarschaftsprojekte. Neue Nachbarn. Laute Nachbarn. Geheimnisvolle Nachbarn. Sitznachbarn. Nachbarschaftsnetzwerke. Friedhofsnachbarn. Weltallnachbarn. Nachbarländer ...

Die beiden befreundeten Autoren Martin Hyun und Wladimir Kaminer erzählen in offener und humorvoller Art und Weise vom Zusammenleben in Nachbarschaftskonstellationen aller Art.

Das Leben verbindet uns auf die seltsamsten Weisen: Ob in einer Wohngemeinschaft oder im Mehrfamilienhaus, auf dem Land oder in der Stadt, am Hotelpool oder im Zug, in der Lounge oder im Theater – die beiden Autoren wissen um die Herausforderung, als Erwachsene mit den Eltern zusammenzuleben. Was man gegen Nachbarn aus der Hölle tun kann. Wem im Flugzeug die Armlehne gehört und wie man am Strand sein Revier gegenüber anderen Sonnenbadenden verteidigt. Weshalb man sich auf dem Dorf gegen ein Heer aus „Unbefugten“ schützt. Und warum man in Metropolen tierische Nachbarn wie freche Füchse oder vermeintliche Löwen im Auge behalten sollte. Aber auch, wofür Nachbarn unentbehrlich sind: für das Gießen der Zimmerpflanzen und fürs Gemeinschaftsgefühl, als Einbruchsicherung oder einfach nur zur nächtlichen Unterhaltung. Denn mal ehrlich, ein Leben ohne Nachbarn kann sehr langweilig und einsam sein.

Ein Thema, das uns mit Sicherheit alle bewegt.

€ 16,00 [D], € 16,50 [A]
Erscheint am 14.03.2024
224 Seiten, Flexcover mit Klappen
EAN 978-3-492-27769-3
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€ 13,99 [D], € 13,99 [A]
Erscheint am 14.03.2024
224 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60578-6
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Leseprobe zu „Gebrauchsanweisung für Nachbarn“

Unsere Arche Noah
Wladimir Kaminer
Eines Tages mitten im Sommer wurde ich von Kirchenglocken geweckt. Ich hörte sie nah und deutlich, als würde bei uns im Haus jemand um zehn vor neun laut die Glockenzunge schwingen. Woher kamen die Glocken? Wir haben weit und breit keine Kirche in unserer Straße, die nächste ist die Gethsemanekirche, die Wiege der deutsch-deutschen Revolution, sie hat ein kaputtes Dach, soweit ich weiß, keine Glocken mehr und ist gute zwei Kilometer entfernt. Hatten etwa meine Nachbarn bei sich zu Hause Glocken aufgehängt und schwangen [...]

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Unsere Arche Noah
Wladimir Kaminer
Eines Tages mitten im Sommer wurde ich von Kirchenglocken geweckt. Ich hörte sie nah und deutlich, als würde bei uns im Haus jemand um zehn vor neun laut die Glockenzunge schwingen. Woher kamen die Glocken? Wir haben weit und breit keine Kirche in unserer Straße, die nächste ist die Gethsemanekirche, die Wiege der deutsch-deutschen Revolution, sie hat ein kaputtes Dach, soweit ich weiß, keine Glocken mehr und ist gute zwei Kilometer entfernt. Hatten etwa meine Nachbarn bei sich zu Hause Glocken aufgehängt und schwangen ihren Strang, um unser Wohngemeinschaftsgefühl zu stärken?
Ich hätte es ihnen zugetraut, das Ehepaar, das über uns wohnt, singt in einem Chor. Sie heißt Julia, und ihren Mann kenne ich nur vom Sehen, ich glaube, sie haben sich beim Singen kennengelernt und noch im gleichen Jahr ein sehr lautes Kind zur Welt gebracht, das sehr schnell wächst und bald wahrscheinlich im gleichen Chor mitsingen wird. Eine Kirchenglocke mit nach Hause zu nehmen wäre für die junge Familie sicher eine konsequente Entscheidung, eine Bereicherung ihrer heimischen Idylle.
Ich schaute trotzdem vom Balkon herunter, in der Hoffnung irgendwo unten eine Glocke zu entdecken, die Stadt wird laut bei hohen Temperaturen. Der Sommer brachte eine Hitzewelle nach der anderen, ich verbrachte die meiste Zeit auf dem Balkon, machte alle Fenster und Türen in der Wohnung auf, um ein bisschen durchzulüften, und mit der warmen Luft füllten sich die Räume auch mit Straßengeräuschen – im Vorderhaus, erster Stock, wie konnte es anders sein?
Man hörte, wie die Bremsen der Fahrradkuriere quietschten und wie Farid unten in der Eisdiele im Erdgeschoss seinen Eisportionierer auswischte. Aber keine Glocken bis jetzt. Neben der Eisdiele haben wir noch ein streng riechendes nepalesisches Streetfood-Restaurant mit hundert Reisgerichten und exotisch gefärbten kleinen Köstlichkeiten. Dort habe ich schon einmal aus Versehen in die Serviette gebissen, weil ich sie mit einer nepalesischen Vorspeise verwechselt hatte. Ehrlich gesagt, schmeckte die Serviette ähnlich. In einem Buch über indonesische Landarbeiterkollektive las ich neulich, dass Reis sprechen kann. Jedes Reiskorn spricht zu uns, erzählen die Indonesier, es spricht zwar sehr leise, aber wenn es viele Körner sind, kann es richtig laut werden. Deswegen kracht es so gewaltig, wenn ein Sack Reis irgendwo auf der Welt umfällt. Das ist ein sehr poetisches Bild. Seit ich darüber gelesen habe, bilde ich mir ein, dass ich Reisgespräche hören kann, besonders wenn die Gäste unten im Restaurant zu viel davon auf dem Teller lassen, ihre bestellten Gerichte nicht aufessen.
In solchen Augenblicken möchte ich vom Balkon runterschreien: „Bitte aufessen!“ Aber ich traue mich nicht. Sie würden denken, ich sei verrückt geworden. In meinem sowjetischen Kindergarten hatte unsere Erzieherin, die dicke Tamara, zur Mittagszeit immer auf Lenin gezeigt, der von einem Bild an der Wand streng auf uns herabblickte. Tamara wollte uns mit diesem simplen Trick zum Aufessen zwingen. Sie sagte, sollten wir irgendetwas vom widerlichen Kartoffelpüree auf dem Teller lassen oder gar versuchen, das Zeug wegzuschmeißen, würde der Anführer des Weltproletariats es merken und uns bestrafen. Es war unsere heilige Pflicht, alles aufzuessen und groß und stark zu werden, um beim Aufbau des Kommunismus kräftig mitzuhelfen.
Unser Kinderkollektiv steckte in einer verheerenden Sackgasse, wir konnten das widerliche Püree nicht aufessen, aber es wegzuschmeißen ging auch nicht, wegen Lenins streng blickenden Augen. Zum Glück hatten wir das Kind Alexander in unserer Gruppe, einen Jungen mit unglaublichem Appetit, er hat für alle aufgegessen und ist, glaube ich, auch als Einziger aus unserem Kollektiv groß und stark geworden. Er wog schon damals mehr als die Erzieherin, ein richtiges 100-Kilo-Baby. Dem Kommunismus hat es trotzdem nicht geholfen. Seit dem Kindergarten misstraue ich den Kollektiven, und ich weiß, dass dieses Misstrauen von vielen meiner Landsleute, die eine sozialistische Erziehung genossen haben, geteilt wird.
Ob in der Schule, beim Sport, in der Armee oder bei der Arbeit, wir mussten immer alles, egal was, Hauptsache, gemeinsam tun. Nur zu Hause im privaten Raum, zu dem der Staat keinen Zugang hatte, konnte man sich von den Kollektiven lösen und nur für sich und seine Familie da sein. Lange Zeit haben meine Eltern wie viele andere Bürger in meiner Heimat in kommunalen Wohnungen gelebt, es waren unfreiwillige Wohngemeinschaften, drei oder vier Familien teilten sich eine Wohnung, hatten eine gemeinsame Küche und ein gemeinschaftlich genutztes Bad. In der Regel waren es Menschen, die einander nicht leiden konnten, sie wurden wegen der engen Wohnbedingungen zur Kooperation gezwungen, mussten auf dem gleichen Herd kochen, im gleichen Kühlschrank ihre Töpfe aufbewahren und ständig aufpassen, dass der Nachbar einem nicht in die Suppe spuckte. Eine solche Enge des Wohnraums kann selbst die fröhlichsten und anständigsten Menschen verderben. Sie waren nicht einmal in der Lage, gemeinsam Toilettenpapier einzukaufen oder die Stromkosten gerecht zu teilen, jeder ging mit seiner eigenen Glühbirne auf die Toilette. In einer solchen Wohnung bin ich auf die Welt gekommen. Erst als ich drei Jahre alt wurde, bezogen meine Eltern eine eigene kleine Zweizimmerwohnung in einem neu gebauten Haus am Moskauer Stadtrand.
Alle in diesem Haus waren frisch eingezogen, sie freuten sich sehr über die Unabhängigkeit, die ihnen geschenkt wurde, und wollten von den Nachbarn nichts wissen. Wir wussten nicht einmal, wie unsere Nachbarn hießen. Es war nicht üblich in der Sowjetunion, seinen Namen an die Tür oder an den Briefkasten zu schreiben. Die Türen und die Briefkästen waren nummeriert. Unser Haus hatte 180 Wohneinheiten – nicht zu viel und nicht zu wenig für sowjetische Verhältnisse. Die Wohnung 77 war unsere ganz private Arche Noah, meine Eltern hatten keine Lust, die 76er oder die 78er kennenzulernen, von den restlichen 177 Wohneinheiten ganz zu schweigen.
Der einzige Mann, den alle im Haus kannten, war der Klempner Viktor aus dem ersten Stock. Ich glaube, er hatte ein Problem mit häuslicher Gewalt. Er schlug seine Frau, die ihn daraufhin verließ, aber nach einer Weile immer wieder zurückkam. In den Phasen des Alleinseins fing Klempner Viktor an zu saufen. In betrunkenem Zustand schlich er durchs Haus, klopfte an jede Tür und rief: „Machen Sie auf, ich höre eine Frau schreien! Ich weiß, was Sie gerade treiben, öffnen Sie, sonst breche ich die Tür auf.“ Er hörte schreiende Frauen im Suff. Niemand hat ihm aufgemacht. Kollektive waren bei uns verpönt. Erst im sonnigen Deutschland wurde ich wieder mit Nachbarkollektiven konfrontiert. Wir sind in Berlin in ein Haus gezogen, in dem fast nur junge, aufgeklärte Wessis mit kleinen Kindern lebten, herzensgute Menschen, die Grün wählen, kein Fleisch essen und die Welt retten wollen. Sie haben große Lust an kollektiven Taten, ohne sich einander einzuladen. Einige von ihnen sind Chorsänger.
Gleich im ersten Jahr bekamen wir im hauseigenen Chat von den Nachbarn das Angebot, im Projekt „Das singende Haus“ mitzuwirken. Dafür sollten wir am Heiligen Abend „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen, alle zusammen und zur gleichen Zeit, aber jeder auf seinem eigenen Balkon.
„Danke für die Einladung, aber lieber nicht, wir kennen den Text nicht“, antwortete ich.
„Den Text kann ich Ihnen schicken“, schrieb uns die Nachbarin Julia zurück.
Wir haben uns erst nichts dabei gedacht, hielten es für eine lustige Marotte. Okay, das sind die Zeichen der Zeit: Kollektive arbeiten gern an Projekten und singen gern. Das ist nichts Ungewöhnliches hierzulande. Ich habe mal in einer Statistik gelesen, dass 14 Millionen Deutsche in Chören singen, das will schon was heißen. Etliche Männer und Frauen haben sich in Chören kennengelernt, ihre Kinder haben vermutlich gleich nach der Geburt auch zu singen angefangen. Wenn alle Chordeutschen gleichzeitig „Stille Nacht, heilige Nacht“ anstimmen, zittern wahrscheinlich die Fensterscheiben von Hoyerswerda bis Baden-Baden.
Alle Nachbarn haben den Vorschlag, gemeinsam zu singen, sofort mit Begeisterung aufgenommen. Außer uns. Wir verstanden nicht, warum wir mit den Nachbarn „Stille Nacht“ singen sollten, wir hatten andere Dinge vor. Die Nachbarn haben unsere Absage mit Verständnis aufgenommen, wir haben im Haus sowieso den Ruf der verlorenen Menschen, die eigentlich okay sind, freundlich grüßen und sogar gelernt haben, ihre leeren Flaschen nach Farben zu trennen und in zwei verschiedene Container zu schmeißen, aber die sich, von der sozialistischen Erziehung nachhaltig beschädigt, permanent weigern, an kollektiven Aktivitäten teilzunehmen. „Es war der schönste Abend unseres Lebens!“, schrieben etliche Hausbewohner nach der Erfahrung des gemeinsamen Singens. „Wir müssen das jedes Jahr machen.“
Unsere Nachbarn haben ständig neue Ideen für kollektive Aktivitäten. Das neueste Projekt im Sommer war der gemeinsame Aufbau eines Vogelhäuschens auf dem Hof, damit die wunderbaren Singvögel, die Amseln und die Drosseln, die Nachtigallen, die mir den Schlaf rauben, ihr eigenes Zuhause bei uns auf dem Hof bekommen, dort Nachwuchs großziehen und vielleicht eines Tages statt der Russen mit den Nachbarn zusammen „Stille Nacht“ anstimmen. Als fortschrittliche, aufgeklärte Großstadtbürger freuen sich meine Nachbarn über jede Möglichkeit, den Tieren und Pflanzen in der Großstadt ihr Leid zu mindern, sie kümmern sich um die Umwelt und darum, dass alle Lebewesen eine gleichberechtigte Behandlung bekommen. Zum Teufel mit den Hierarchien der Vergangenheit! Ob Russen, Füchse oder Pflanzen, wir gehören alle zusammen! An dem Projekt Vogelhausbau wollten sich alle beteiligen (außer uns, versteht sich), mindestens zehn Erwachsene und fünf Kinder fanden sich auf dem Hof mit Werkzeug und Holzmaterial ein und bauten heftig mit, während wir auf dem Balkon saßen und rauchten.
Das Vogelhaus geriet sehr groß, es erinnerte mich ein wenig an die frühen Entwürfe von Gaudí, eine Art gelungene Karikatur des katalanischen Jugendstils. Die halbe Nacht feierten die Nachbarn ihre Vogelhauseinweihung, dafür hatten sie Bänke und Tische in den Hof gestellt und Geld für eine Kiste Bier zusammengelegt. Die Kinder malten ein buntes Willkommensschild für die Vögelchen. Die Vögelchen ließen nicht lange auf sich warten. Schon am nächsten Tag zogen welche in das Häuschen ein. Doch es waren die falschen. Die Nachbarn waren maßlos enttäuscht, sie hatten das Häuschen schließlich für die Singvögel gebaut und nicht für diese widerlichen Ratten der Lüfte, die im nepalesischen Restaurant die sprechenden Himalaja-Reiskörner und Bohnen in Bioqualität von den Tellern picken, davon Durchfall bekommen und uns den Hof vollscheißen, ohne dabei auch nur ansatzweise „Stille Nacht“ zu singen. Sie sind wie die Russen, zu gemeinschaftlichem Singen überhaupt nicht geneigt.
Im hauseigenen Chat entwickelte sich ein mörderisches Taubenmobbing. Diese Vögel seien hier nicht willkommen, sie müssten verschwinden, gehörten quasi gar nicht zur Natur, sondern gäben sich bloß als Vögel aus, seien in Wahrheit aber fliegende Dreckschleudern. Ein Glück, dass die Tauben nicht lesen konnten und kein Internet in ihrem Gaudí-Häuschen hatten, sonst wären sie sehr gekränkt gewesen und für den Rest ihres ohnehin anstrengenden Lebens mit einem psychischen Schaden davongeflogen. „Wir müssen den Eingang in das Gaudí-Häuschen verkleinern, damit die widerlichen Vögel nicht reinkommen können“, beschloss das Nachbarkollektiv. Dafür mussten aber die Tauben zuerst herausgelockt werden. Sie witterten Verrat und saßen im Häuschen fest. Am Ende des Tages hatten die schlauen Nachbarskinder es jedoch geschafft, die Tauben aus dem Häuschen zu bekommen. Wie einst Hänsel und Gretel hatten sie mit Krümelchen von einer Brezel einen Weg nach draußen ausgelegt, raus aus dem Häuschen und rein in die Obdachlosigkeit. Sollten die Tauben doch nach Steglitz fliegen und dort alles vollscheißen, dachte wahrscheinlich das Nachbarkollektiv.
Kaum waren die Vögel draußen, wurde der Eingang vom Gaudí-Haus verkleinert, an die willkommenen Vogelarten angepasst. Wir wunderten uns nicht schlecht, wie schnell die Degradierung der Tauben über die Bühne ging. Einst galten sie als Symbole des Friedens, schöne weiße Tauben waren auf jedem Bild, auf jedem Antikriegsplakat abgebildet, sie hatten Ölzweige im Schnabel. Dann war etwas passiert, vielleicht hatte eine Taube einem Friedensaktivisten während einer Demo auf den Hut geschissen, denn plötzlich war der Vogel nur noch für den Dreck neben den Mülltonnen zuständig, wurde überall verachtet und verschmäht, war ein überflüssiges Glied in unserer singenden Symbiose.
Der Eingang des Vogelhäuschens wurde also angepasst, und tatsächlich zogen nun Amseln ein. Jetzt werden wir das ganze Jahr über Musik im Haus haben: Im Frühling und Sommer singen die Vögel, im Winter die Nachbarn.

Abends traf ich meine Nachbarin Julia im Treppenhaus und befragte sie zu ihrer Gesangskarriere. Sie erzählte mir, dass sie gar nicht mehr im Chor singen wolle, sondern nur noch bei uns im Haus. Sie hatte sich mit dem Chor zerstritten.
„Wie ist das passiert?“, fragte ich sie.
„Durch eine Dummheit, eine unglaubliche Dummheit!“, meinte Julia. Sie habe nämlich ihren ganzen Chor mit Corona angesteckt, 27 Menschen im eigenen Chor infiziert. Der Schnelltest sei negativ gewesen, sie habe es blauäugig geglaubt, und dann mehr als die Hälfte vom Chor: paff, weg! Es war ein skurriler Moment: Alle haben sie krank gesehen, haben offen darüber gesprochen, haben gefragt, ob es ihr gut gehe. Sie sagte, es sei nur Schnupfen, und alle wollten mit ihr diesen Glauben teilen. Sie glaubten auch, dass es nur ein Schnupfen sei. Im Nachhinein konnte sie sich diesen Moment kollektiver Blindheit nicht erklären.
Neulich hatten sie einen Zoom-Treff. Ihr Bildschirm war voll mit Gesichtern von Menschen, die wirklich krank aussahen. Es war schrecklich und beeindruckend zugleich, erzählte Julia, wie ein Improvisations-Theaterstück, in dem jede Figur eine Minute Zeit hat, um das Beste von ihrem Charakter zu zeigen. Fast alle besaßen die Großzügigkeit zu erklären, dass es keine Schuldige gebe, dass alles auf dem Planeten ein Ende habe, dass es sowieso früher oder später passiert wäre und so weiter. Leute, die wirklich krank waren, die alle ihre Projekte auf Eis legen mussten und dennoch die Kraft hatten, die dumme Verursacherin ihres Leids zu trösten. Ein Höhepunkt im Chor. Aber dann kam jemand vom Vorstand und ließ all den Frust und die Wut an ihr aus – und machte alles kaputt.
Es sei eine perverse Dynamik, meinte Julia. „Wenn wir in der Lage wären, auf diejenigen zu hören, die sagen, dass wir nicht nach Schuldigen suchen müssten, könnten wir weiterhin eine gute Atmosphäre in der Gruppe haben. Doch wenn zu viele Menschen anfangen, der Schuldfrage Raum zu geben, kann die Atmosphäre unerträglich werden: zu viele Menschen, die in anderen einen Spiegel sehen, der ihnen ein unangenehmes Bild von sich selbst zeigt. Ist das nun eine echte griechische Tragödie oder nicht?“, fragte sie mich.
„Nein“, sagte ich. „Das ist keine echte griechische Tragödie. In der echten griechischen Tragödie stirbt der Held und wird vom Chor bemitleidet. In deiner Variante geht der Chor drauf, und der Held beziehungsweise die Heldin hat Gewissensbisse, weil sie den Chor angesteckt hat. Dabei kann der Chor sich eigentlich glücklich schätzen. Alle Beteiligten haben jetzt eine hybride Immunität, den besten Schutz gegen weitere Virenüberfälle. Und diesen Schutz haben sie nicht aus ungewisser Quelle, sondern aus dem eigenen Kollektiv, von einer vertrauten Stimme“, versuchte ich sie zu beruhigen. Und fragte, ob es möglich sei, dass sie aus Frust jetzt Kirchenglocken in der Wohnung installiert habe.
Nein, sie habe keine Glocken, sagte sie, und habe auch nichts dergleichen gehört.
Später an dem Abend vernahm ich die Glocken erneut und ging verzweifelt runter auf die Straße, den Glöckner suchen. Volltreffer! Die Nepalesen hatten neben der Eingangstür ihres Restaurants eine Winkekatze mit einer Glocke aufgestellt, jeder Besucher sollte beim Rein- und Rausgehen daran läuten und mit den Reiskörnern ins Gespräch kommen.
Wie eine Arche Noah schwimmt unser Haus singend, leuchtend und läutend in Richtung sagenhafte Zukunft. Ab und zu werden ungeliebte Arten über Bord geworfen, gestern waren es die Tauben, wer ist morgen dran?



Fluch der Karibik im Wedding
Martin Hyun
Meine Bekannte Swantje kehrte nach einigen Jahrzehnten in Südkorea, wo sie als Dozentin gearbeitet hatte, nach Berlin zurück. Sie und ihr Mann kauften sich eine Hinterhofwohnung in Charlottenburg. Nicht ahnend, dass die Wohnung einst ein hochflorierendes Domina- und Sklavenstudio war. Von Kimchi zur Peitsche, sozusagen. In diesen Räumlichkeiten wurden die ungewöhnlichen Sexfantasien von Männern aus der gehobenen Schicht erfüllt. Doch das war nun Vergangenheit. Die Wohnung war ein echtes Chamäleon, einst ein Ort von Lust und Schmerz, wurde sie zu einem gemütlichen Liebesnest für Swantje und ihren Gatten. Die Nachbarn müssen gedacht haben, sie hätten das Glück gefunden: ein perfektes Paar, welches das ehemalige SM-Hauptquartier in ein Wohnparadies verwandelte. Aber die Vergangenheit hat eine seltsame Art, uns einzuholen. Einige Stammkunden trauern der Schließung des Studios immer noch nach und klingeln zu unterschiedlichen Tageszeiten bei Swantje an der Wohnungstür in der Hoffnung, dass ihre Domina wie einst die Tür öffnet. Jedes Mal schickt Swantje die enttäuschten Männer höflich nach Hause oder drückt ihnen einen Flyer mit alternativen Adressen in die Hand. Sie nimmt die Begegnungen mittlerweile gelassen. In Südkorea hat sie gelernt, wie man Ruhe bewahrt. Solange es harmonisch mit den Nachbarn läuft, kann das bunte Klingelkarussell egal sein.
Der Vater meines Kumpels Adrian hatte dagegen einen genialen Schlachtplan für das Finden der perfekten Nachbarschaft ausgeheckt. Neues Viertel, neues Glück – wie ein frischer Eheanfang. Schließlich sagt man nicht umsonst: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet.“ Adrians Vater kaufte sich ein Stück Land, und bevor er darauf sein Traumhaus setzte, kaufte er sich zwei alte Wohnwagen und kampierte für zwei Jahre auf seinem neuen Grundstück. So studierte er die gesamte Nachbarschaft wie ein Buch. Er kannte die Vorlieben, Abneigungen und Marotten seiner neuen Nachbarn besser als jeder andere. Erst als er absolut sicher war, dass die Nachbarschaft passte, schritt er zur Tat und begann, sein Traumhaus zu bauen. Er wollte keinesfalls das gleiche Schicksal erleiden wie eine Frau, die sich in ein Finnhaus in einem Campingplatz- und Wochenendhausgebiet im malerischen Emsland in Niedersachsen verliebte und es ohne vorherige Nachbarschaftsprüfung erwarb. Der Verkäufer hatte ihr noch versichert: „Sie werden sich ganz schnell einleben und bei den Nachbarn Anschluss finden!“ Doch mit der Zeit bemerkte sie Unregelmäßigkeiten und Missstände in ihrer neuen Wohnanlage. Angefangen bei verworrenen Eigentumsverhältnissen bis hin zu Schwarzbauten und endlosen Problemen mit der Postzustellung. Als sie bei den Behörden nachhakte, geriet sie in Meinungsverschiedenheiten mit den Nachbarn und wurde zunehmend ausgegrenzt. Dies gipfelte darin, dass Unbekannte ihr Haus mit Eiern bewarfen und Silvesterknaller direkt vor ihrer Haustür zündeten. Doch der absolute Albtraum ereignete sich, als ein verheerender Brand in ihrem Haus ausbrach, bei dem die Frau tragischerweise ums Leben kam. Der Fall wurde nie aufgeklärt.
Die meisten von uns haben nicht die Geduld oder die Mittel, um eine zweijährige Nachbarschaftsprüfung wie Adrians Vater durchzuführen. Wir müssen die Nachbarn nehmen, wie sie sind, und hoffen, dass wir einigermaßen friedlich mit ihnen auskommen.

Als meine Freundin Dani und ich zusammenziehen wollten, wurden wir im Arbeiterbezirk Wedding fündig. Der „rote Wedding“ war damals konkurrenzlos günstig. Früher die Hochburg der KPD, nun Heimat der Kemalisten, der Galatasaray- und Besiktas-Fans, der Spielotheken, der Menschen mit Migrationsbiografien und geringem Einkommen und von Radyo Metropol. Wir kündigten unsere Wohnungen im Hipsterhotspot Friedrichshain, ohne einen neuen Mietvertrag unterschrieben zu haben. Das war sehr waghalsig und kann ich niemandem empfehlen. Auch wenn zu dieser Zeit der Quadratmeterpreis noch nicht bei astronomischen 18 Euro lag und die Hauptstadt weit entfernt war von hundert Meter langen Menschenschlangen bei der Besichtigung einer bezahlbaren Durchschnittswohnung, die ruhig gelegen ist und eine gute Anbindung vorweist. Mittlerweile ist die Wohnungssuche in Berlin ein Vollzeitjob, Schnelligkeit der Schlüssel. Man braucht praktisch kostenpflichtige Upgrade-Mitgliedschaften auf jeder erdenklichen Immobilienplattform, nur um einen Wettbewerbsvorsprung zu erlangen. Anzeigen tauchen auf wie Sternschnuppen am Himmel, nur um nach einem kurzen Aufblitzen wieder in den Untiefen des Internets zu verschwinden, verschüttet unter einer Lawine von Anfragen. Wohnungseigentümer und Immobilienmakler sind mittlerweile mächtiger als der Bundeskanzler.
Zurück zum Wedding. Am Tag der Wohnungsbesichtigung hatte jemand sein altes Fahrrad am Baum vor der Haustür aufgehängt, wie ein „Zutritt verboten!“-Schild. Zwei Senioren torkelten aus der benachbarten Kneipe, als ob sie gerade einen Marathon in Zeitlupe absolvierten. Sie hatten sichtlich Schwierigkeiten, ihre Rollatoren, die an einen Laternenpfahl angeschlossen waren, zu entsperren. In Schneckentempo, schwankend und die Straßenverkehrsordnung ignorierend, gingen sie in Schlangenlinien – ohne Rücksicht auf Verluste. Ich konnte förmlich die Schlagzeile in der Berliner Boulevardpresse vor mir sehen: „Zwei Verkehrssünder mit Rollatoren – Gehverbot wegen Alkoholisierung“.
Im vierten Stock angekommen, reihten wir uns in die Schlange ein. Nach einer halbstündigen Wartezeit durften wir die rappelvolle Wohnung betreten. Als sich die Tür öffnete, fühlte es sich an, als würden wir in einen überfüllten Nachtklub spazieren. Die Atmosphäre war gespannt wie bei einem Boxkampf. Jeder in der Schlange hatte den „Eye of the Tiger“-Blick, die Immobilienkämpfer waren bereit, ihre Gegner mit einem Arsenal an geschönten Lebensläufen, Bürgschaftserklärungen, Gehaltsabrechnungen, Schufa-Auskünften und Empfehlungsschreiben zu besiegen. Die ganze Szenerie erinnerte an eine Art Immobilien-„Hunger Games“, bei denen nur der oder die Stärkste – oder zumindest die Person mit den meisten Papieren – überlebte. „Survival of the Fittest“ war hier das ungeschriebene Gesetz.
„Wir wollen uns verändern“, erklärte die Vormieterin enthusiastisch, als wir sie nach dem Grund für ihren Auszug fragten. Beim Rundgang durch die Wohnung nahm ich mindestens fünf verschiedene Dialekte, Bairisch, Badisch, Schwäbisch, Osterländisch und Meißnisch, wahr. Berlin ist die Arche Noah der Großstädte. Künstler, Musiker, Träumer, Hipster aus aller Welt finden hier Zuflucht.
Unter den vielen Wohnungssuchenden befand sich auch ein frischgebackener Feierabend-Parlamentarier der Piratenpartei. Ein großer, schlaksiger Kerl mit einer Brille, das Haar kunstvoll zu einem Zopf gebunden. Sein Hemd hatte eine Kragenweite, die selbst John Travolta in „Saturday Night Fever“ vor Neid hätte erblassen lassen, und dazu trug er einen dunkelblauen Nadelstreifenanzug. Der Pirat suchte in der Manier eines Königs das Gespräch mit der Maklerin.
„Ich bin Abgeordneter der Piratenpartei und werde künftig im Abgeordnetenhaus arbeiten!“, sagte er so laut, dass sogar die Insekten in der Wohnung aufschreckten.
„Haben Sie einen richtigen Job?“, entgegnete ihm die Maklerin trocken und sichtlich unbeeindruckt.
„Ich sagte doch, dass ich Abgeordneter der Piratenpartei bin und bald im Abgeordnetenhaus arbeiten werde!“, hielt der tapfere Pirat, sichtlich in seiner Eitelkeit gekränkt, arrogant dagegen.
„Aber haben Sie eine Festanstellung?“, bohrte die Maklerin nach.
„Nun ja, bald werde ich im Abgeordnetenhaus arbeiten“, antwortete der Pirat kleinlaut.
„Aha, also haben Sie kein regelmäßiges Einkommen und sind bestenfalls arbeitslos! Warum sagen Sie das nicht gleich!“, erklärte die Maklerin so klar und deutlich, dass es in der Wohnung plötzlich still wurde. Damit war das Parley-Recht des Piraten endgültig verwirkt.
Um den letzten Rest seiner Piratenehre zu wahren, verließ Captain Sparrow mit hochrotem Kopf die Wohnung. Jubel brach aus, als hätten die Leute gerade erfahren, dass der Rum nie ausginge. Die Menschen begannen zu applaudieren und feierten die Maklerin wie einen Rockstar auf der Bühne. Meuterei im Wedding und ein Hollywoodmoment für uns. Captain Sparrow mochte diese Abfuhr als Fluch ansehen. Aber für mich war es ein gutes Omen. Denn ich hatte meinen Glauben an die Gleichbehandlung in diesem Land bereits verloren, obwohl ich meinen Blutpreis gezahlt hatte. Und ausgerechnet im Wedding, diesem schillernden Kiez, in dem Dialekte aus allen Himmelsrichtungen zusammenkommen wie auf einer Linguistenparty, wurde der Fluch der Diskriminierung gebrochen. Von vielen Bekannten mit Migrationsbiografien hatte ich gehört, dass sie auf dem Wohnungsmarkt wie gestrandete Piraten behandelt wurden. Es war ein Zeichen. In dieser Wohnung spürte ich eine Veränderung – den Anbruch einer neuen Ära, in der jeder den gleichen Schatz suchen konnte, ohne nach seiner Herkunft gefragt zu werden.
Dani und ich waren uns sicher, dass wir diese Wohnung haben mussten, koste es, was es wolle. Inspiriert von der Vorstellung, dass Gleichbehandlung tatsächlich kein Mythos sei, kaufte ich mir auf dem Weg nach Hause den Soundtrack von „Fluch der Karibik“. Der konservative Handyklingelton wurde mit dem schwungvollen „He’s a Pirate“ ersetzt – das Lied, das fortan für immer diesen gesegneten Moment im Wedding symbolisieren würde.
Nachdem wir die Maklerin beinahe täglich mit Telefonanrufen bombardiert und unsere grenzenlose Begeisterung für die Wohnung betont hatten, bekamen wir endlich den Zuschlag. Beim Vertragsabschluss begründete die Maklerin ihre Entscheidung damit, dass keiner der anderen Interessenten so hartnäckig und sympathisch wie wir gewesen sei.
In Berlin, wo die Wohnungssuche mittlerweile so intensiv wie eine Verfolgungsjagd in einem Actionfilm ist, muss man wirklich kreativ werden, um aufzufallen. Eine Dankesmail reicht schon lange nicht mehr aus. Einige stecken Umschläge mit Geld in ihre Bewerbungsmappe und erhoffen sich damit einen kleinen Wettbewerbsvorteil. Meine japanische Bekannte Yumi, die kürzlich nach Berlin zog, hat es jedoch auf ein ganz neues Level gebracht. Bei der ersten Wohnungsbesichtigung mit rund 300 Mitbewerbern erhielt sie den Zuschlag.
„Wie hast du das nur geschafft?“, fragte ich Yumi.
„Nun ja, der Vermieter liebt Sushi. Also versprach ich ihm, jede Woche einen Teller selbst gemachtes Sushi vorbeizubringen! Sushi war der magische Schlüssel zur Wohnung!“, antwortete sie mit einem breiten Lächeln. In dieser verrückten Stadt muss man eben tun, was man kann, um seinen Platz zu finden – sei es mithilfe von Telefonstalking, Charmeoffensiven oder magischen Sushitricks.
Einige Zeit später hörte ich im Radio, dass die Piratenpartei einen überraschenden Antrag gestellt hatte: Es ging um die friedliche und schonende Besiedlung unseres äußeren Nachbarn – des Mars. Die Piraten argumentierten, dass die zunehmende Ressourcenknappheit auf der Erde nur durch die Erschließung neuer Lebensräume bewältigt werden könne und dass der Mars der einzige erreichbare und bewohnbare Planet sei. Irgendwie hatte ich eine seltsame Vorahnung, welcher Pirat maßgeblich für diesen Antrag verantwortlich sein könnte. Der Fluch der Karibik im Wedding schien immer noch schwer auf Captain Sparrow zu lasten.

Dani und ich waren nun Weddinger. Sonntags um acht Uhr morgens läuteten im Kiez die Kirchenglocken, um die letzten verbliebenen Gläubigen zur Messe zu rufen. Eine epische Herausforderung, wenn man bedenkt, dass die Mitgliederzahlen rückläufig sind. Zudem kommen 55 Prozent der Weddinger aus mehrheitlich islamisch geprägten Ländern. Bereits in den ersten Tagen bekamen wir einen Vorgeschmack davon, wie das Leben hier sein würde. Bei unserem allerersten Abend im Wedding hielten uns Polizeisirenen und streitende Nachbarn bis in den frühen Morgen wach. Es war wie eine Tragödie von Shakespeare, nur ohne die trägen Monologe – hier wurde jeder emotionale Ausbruch von Mezzosopran- und kraftvollen Baritonstimmen begleitet. Und das Ganze untermalten Martinshörner, die sich scheinbar dazu verabredet hatten, alle gleichzeitig durcheinanderzuheulen. Das ist der Sound des Wedding. Entertainment pur.
Ein Nachbar aus der dritten Etage im Vorderhaus beschwerte sich lautstark über das akustische Ausmaß des Vollzugs der ehelichen Pflichten eines Nachbarpaars im linken Seitenflügel. „Könnt ihr nicht die Fenster schließen, wenn ihr es wie die Karnickel treibt?! Leg ihr eine Hand auf den Mund!“, schrie er in den Innenhof.
Das Nachbarpaar aus dem linken Seitenflügel praktizierte den Arabischen Frühling auf seine Weise und machte ihn zu einem Aufstand der Zuneigung. Da sich die Aktivitäten jedoch vor 22 Uhr abspielten, konnte es nicht als Ruhestörung gemeldet werden. Und hier stellt sich eine zutiefst philosophische Frage: Wenn wir das Liebesleben anderer einschränken wollen, beschränken wir dann nicht gleichzeitig ihr Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung? Und wer würde schon gern die Polizei rufen, um über eine sexuelle Lärmbelästigung zu klagen? Stellt euch vor, das Ganze landet vor Gericht und das Lärmprotokoll wird detailliert vorgelesen:
22:28 Uhr: Nachbarin XY jault anhaltend wie eine läufige Hündin.
22:29 Uhr: Gestöhne von Nachbar AB und Nachbarin XY beim Beischlaf geht weit über Zimmerlautstärke hinaus.
22:31 Uhr: Nachbar AB grunzt wie ein brünstiger Stier.
22:35 Uhr: Stellungswechsel bei Nachbar AB und Nachbarin XY – jetzt hört man nur noch, wie Haut aneinanderklatscht (Doggy Style).
22:45 Uhr: Nachbar AB erreicht Höhepunkt.
23:21 Uhr: Nach kurzer Pause wird die fleischliche Vereinigung fortgesetzt.
Der tapfere Nachbar aus dem Vorderhaus fühlte sich offenbar in seiner Männlichkeit angegriffen. Er beschloss kurzerhand, selbst auf dem akustischen Schlachtfeld einzugreifen. Kurze Zeit später hörte ich aus seiner Wohnung rhythmisches Gestöhne und lautes Gerumpel. Das war psychologische Kriegsführung, diesmal nach 22 Uhr, als Nachtruhe herrschen sollte. Der Schallpegel erreichte mindestens achtzig Dezibel, vergleichbar mit dem Geräusch einer Bohrmaschine. Dreißig bis vierzig Dezibel gelten als Zimmerlautstärke. Inmitten dieses akustischen Liebesduells wurde mir eines klar: In unserer Nachbarschaft wird die freie Persönlichkeitsentfaltung mit vollem Körpereinsatz gelebt.
Als etwas Ruhe nach dem Frühlingserwachen eingekehrt war, kam ein anderer Nachbar im Erdgeschoss des rechten Seitenflügels auf die Idee, um drei Uhr morgens deutsche Schlagermusik zu spielen, die weit über Zimmerlautstärke hinausging. Er zwang alle Nachbarn dazu, an seinem Musikgeschmack teilzuhaben, indem er sein Fenster zum Innenhof weit öffnete. Es war wie Lautsprecherpropaganda, ähnlich derjenigen, die Südkorea gegen Nordkorea einsetzt, wenn Atomtests stattfinden. Die Südkoreaner beschallen dann die Nordkoreaner zur Strafe mit K-Pop und Kritik an Diktator Kim Jong-un.
In Endlosschleife spielte der Nachbar das Lied „Ein Stern, der deinen Namen trägt“. Nach einer Stunde Schlagermagie hörte ich plötzlich ein ohrenbetäubendes Gepolter und Klirren. Die Musik von DJ Ötzi verstummte abrupt, als hätte jemand den Stecker aus seiner Anlage gezogen. Während ich aus dem Schlafzimmerfenster blickte, wurde ich Zeuge einer wahrhaft surrealen Szene. Ein Dutzend Polizisten stürmte die Wohnung des Schlagerfans und durchleuchtete sie wild mit Taschenlampen – als hätte man beschlossen, hier einen Schlager-Rave zu veranstalten. Mein erster Gedanke: So geht also Weddinger Disco.
Am Morgen brach ich zu einer Erkundungstour durch den Kiez auf. Noch etwas benommen von den vielen Eindrücken der gestrigen „Theateraufführung“, schwang ich mich auf mein Fahrrad und fuhr los. Nur eine Straßenecke weiter, in der Gottschalkstraße, sah ich ein Großaufgebot an Polizeibeamten, das die Straße weiträumig absperrte. Es sah aus, als wäre dort ein Filmteam zugange. Berlin ist eine begehrte Filmkulisse. „Die Bourne Verschwörung“, „Inglourious Basterds“, „Operation Walküre“, „Bridge of Spies“ wurden zum Teil in der Hauptstadt gedreht. Und so glaubte ich, dass Locationscouts der Filmindustrie auch den Wedding für sich entdeckt hatten. Eine Traube von Schaulustigen versammelte sich um die Absperrung herum. Die Darsteller in Polizeiuniform sahen verdammt realistisch aus, und auch die große Blutlache, die auf dem Asphalt der Straßenkreuzung zu sehen war. Kriminaltechniker in weißen Overalls legten auf jede Spur ein Schild mit Nummer und fotografierten sie. Die Professionalität der Schauspieler beeindruckte mich. Später erfuhr ich, dass der vermeintliche Filmdreh im Wedding ein echter Tatort war: Ein türkischstämmiger Kleinunternehmer hatte seine Schulden nicht beglichen und war von einem Landsmann mit einem Kopfschuss regelrecht hingerichtet worden.
Richtung Pankstraße fahrend, erspähte ich eine bunt gemischte Gruppe aus Bulgaren und Rumänen aller Altersstufen. Vor einem Späti hatten sie sich niedergelassen. Ihre Kaffeetassen melancholisch umklammernd, den Rauch ihrer Zigaretten in die Luft schickend, warteten sie sehnsüchtig auf den Beginn ihrer Schicht. Hier befindet sich der berühmte Arbeiterstrich vom Wedding. Während ich eine Werkstatt für soziale Fahrradkunst passierte, traf mein Blick auf eine Gruppe Jugendlicher arabischer Herkunft, gekleidet im lässigen Weddinger Gewand: Nike Air Max an den Füßen, Fake-Balenciaga-Hoodie, Gucci-Crossbody-Bag und Baumwoll-Jogginghosen. Doch fehlten diesmal die funkelnden Goldketten, jene Statussymbole, die beim Goldankauftresen im Gesundbrunnen-Center Tageshöchstpreise erzielen.
Nach einiger Zeit fuhr ich weiter in Richtung Müllerstraße. Dabei entdeckte ich die Werbung eines Discounters, auf der ein Klingelschild mit den Nachnamen Müller, Schmitz und Maier abgebildet war. Darunter die kühne Behauptung: „In ganz Berlin zu Hause!“ Im Wedding sind diese Namen kaum noch an den Klingelschildern vorzufinden. Wenig später fiel mir in einem Supermarkt ein Kassierer auf, der mit einer ausgeprägten Glatze zu kämpfen hatte. Der vom Haarausfall Betroffene hatte aufgrund seiner Glatze Schwierigkeiten, von den Kunden akzeptiert zu werden. Er sah aus wie ein Vorzeigeneonazi. Sobald er an der Kasse saß, vermieden es die zahlreichen Kunden mit Migrationshintergrund, bei ihm zu bezahlen. Sie warfen ihm missbilligende Blicke zu und bevorzugten eine andere Kassiererin. Nur ein BFC-Fan in einem T-Shirt mit der Aufschrift „White Power“ stellte sich treuherzig bei ihm an. Die übrigen deutschen Kunden trauten sich ebenfalls nicht, ihre Möhren auf sein Band zu legen, um nicht mit der falschen politischen Gesinnung in Zusammenhang gebracht zu werden. Dem glatzköpfigen Kassierer war dies nicht entgangen. Er griff zu einem schwarzen Kugelschreiber und schrieb für jeden sichtbar auf seine Unterarme: „Verkäufer gegen rechts“. Und um sicherzustellen, dass seine Botschaft jeden erreichte, auch auf Türkisch: „Aşırı sağa karşı satıcılarem“. Ab da drängelten sich Menschen aller Couleur in seiner Schlange und gratulierten ihm zu seiner Haltung.
Bei meinem Besuch im Vinh-Loi, einem Asiamarkt in der Müllerstraße, kaufte ich mir einen Hirseschnaps, der stolze 62 Prozent an Alkoholgehalt aufwies, koreanische Instantnudeln, eine Flasche koreanischen Soju und chinesischen Wein als Krönung für die langen Abende im Wedding, die noch vor mir lagen. Mit meinen Einkäufen im Gepäck fuhr ich zurück und passierte dabei das beeindruckende Wandgemälde der drei Boateng-Brüder, das über dem Matratzenladen an der Ecke Badstraße und Prinzenallee prangt. Ein Tribut an die Brüder, die sich mit Fußball aus der Unter- in die Oberschicht gekickt haben.
Unsere Freunde hielten uns für verrückt, als wir ihnen erzählten, dass wir in den Wedding ziehen würden. Sie assoziierten den Wedding hauptsächlich mit Diebstahl, Körperverletzung und sozialen Brennpunkten. Doch für uns gab es drei Gründe, um hierherzukommen: erstens die noch erschwingliche Miete, zweitens die Abwesenheit von Hipstern und Influencern wie in Friedrichshain oder Prenzlauer Berg und drittens der feste Glaube daran, dass der Berliner Großflughafen bis 2011 fertiggestellt und die Flüge von Tegel aus über unserem Haus eingestellt würden.
Mir gefällt die ehrliche Weddinger Art. Keine Maskerade. Kein Schauspiel. Keine Lügen. Das Leben hier ist wie eine aufregende Mischung aus Straßentheater und Reality-TV. What you see is what you get! Vergangenheit und Zukunft existieren im Einklang miteinander. Egal ob „Tatort“ oder Comedyshow – hier wird das Dasein in all seinen Facetten gefeiert. In unserem Kiez gibt es gleich vier Eckkneipen, in denen jeden Tag geschlossene Gesellschaft herrscht. Eine davon bietet Ü-40-Partys und Oldie-Nights ab 14 Uhr an. Mit jeder weiteren Stunde und mit zunehmendem Alkoholpegel wird die Sprache der geschlossenen Gesellschaft unverständlicher. Deshalb ist auch schon um 20 Uhr Schluss. Die Kneipen verkaufen zudem ein 0,2-Liter-Schultheiss vom Fass für einen Dumpingpreis von 1,50 Euro. Während die Mineralölbranche systematisch die Benzinpreise in die Höhe treibt, werden hier die Spirituosenpreise künstlich niedrig gehalten.
Im Wedding ticken die Uhren anders. Der Morgen fängt hier zur Mittagszeit um „halb zweie“ an, und der Stadtteil ist die inoffizielle Geburtsstätte des Berliner „kontinentalen Frühstücks“: eine Berliner-Pilsener-Pulle und eine Kippe. Im Gesundbrunnen-Center, in welchem der Kunde drei Stunden kostenlos parken darf, wo andernorts Parkgebühren verlangt werden, lernte ich von zwei Obdachlosen, dass auch gängige Begrifflichkeiten aus dem Berufsleben in einem ganz anderen Zusammenhang gebraucht werden können.
„Hey, Manni, bist du wieder auf Dienstreise?“, fragte der eine Obdachlose den anderen, als er ihm mit zwei Tüten, die randvoll mit Pfandflaschen waren, begegnete.
„Ja! Du ooch, wa?!“, erwiderte der andere mit Festigkeit und beeilte sich, die nächste Mülltonne aufzusuchen.
Selbst die Hunde im Wedding reagieren nicht auf deutsche Kommandos wie „Platz“ und „Sitz“, sondern auf „otur“ und „gel“, „Sitz“ und „Komm“.
Im Wedding mag es viele Eigenarten geben, aber man lernt schnell, diese liebenswerte Verrücktheit zu schätzen. Der Wedding ist wirklich wie eine Zeremonie, bei der liebende Menschen den Bund der Ehe eingehen, sich ewige Liebe schwören und in guten wie in schlechten Zeiten zueinanderstehen. Voller Erwartung schaute ich auf die bevorstehenden Abenteuer mit meinen neuen Nachbarn in diesem bunten Kiez.



Nachbarschaft – eine Typologie
Martin Hyun
In der beschaulichen Stadt Hohenmölsen im Burgenlandkreis ereignete sich eine außergewöhnliche Nachbarschaftsfehde, die sogar die Polizei auf den Plan rief. Es war ein typischer Freitagabend, als zwischen einer 66-jährigen Frau und ihrem 44-jährigen Nachbarn ein heftiger Streit im Flur ihres Mehrfamilienhauses ausbrach. Doch statt sich mit Worten zu duellieren, nahm die Situation eine ungewöhnliche Wendung. Die ältere Dame entschied sich, in ihre Wohnung zurückzukehren, um dort ihr „Geschäft“ in einen Eimer zu verrichten. Mit ihren Fäkalien im Eimer begab sie sich zur Wohnung ihres streitlustigen Nachbarn. Und ohne lange zu zögern, leerte sie den Inhalt des Eimers über dem Widersacher aus.
Verglichen mit so einem extremen Vorfall, erscheint mir die Vorortreihenhaussiedlung meiner Eltern in Krefeld als echtes Nachbarschaftsparadies. Dort werden neu eingezogene Nachbarn freudestrahlend begrüßt und herzlich willkommen geheißen. Manchmal erhalten sie auch kleine Präsente. Denn kleine Geschenke erhalten die gute Nachbarschaft. Jedoch haben einige unserer Nachbarn unsere Gastfreundschaft auch schon mit einem asiatischen Restaurant und Lieferdienst verwechselt. Da dachten sie wohl, wenn ein paar Meter weiter eine asiatische Familie wohnt, könnten sie dort gleich ihre Essensbestellung aufgeben, anstatt beim örtlichen Chinarestaurant anzurufen. Besonders ein Nachbar war so hartnäckig, dass er mehrmals pro Woche eine Tüte mit Rindfleisch vor unserer Tür ablegte, versehen mit einem Zettel, auf dem stand: „Bitte koreanisch marinieren!“
Legendär waren die rauschenden Straßenfeste, die auch Jahrzehnte danach im Viertel noch Gesprächsthema sind. Bis tief in die Nacht wurde gefeiert, und so sind sich einige Nachbarn durch übermäßigen Alkoholkonsum viel nähergekommen, als ihnen nüchtern lieb war.
In unserem Mehrfamilienhaus in Berlin ist das anders. Auf der Fußmatte eines Nachbarn, zwei Stockwerke unter uns, höchstwahrscheinlich ein Philosophiestudent, steht ein Zitat aus Jean-Paul Sartres Drama „Geschlossene Gesellschaft“: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Für Sartre sind es die Menschen, die uns von außen betrachten und nicht in der Lage sind, unser wahres Wesen zu erkennen. Im Mehrfamilienhaus sind wir in gewisser Weise den Blicken der Nachbarn schutzlos ausgesetzt. Obwohl die Anonymität hier jedem heilig ist. Keiner nimmt gewollt Notiz von den Lebensumständen des anderen. Hier läutet niemand freudestrahlend an der Tür, um einen herzlich willkommen zu heißen. Gelegentlich klingeln unangekündigt demotivierte Telekom-Mitarbeiter, die einen Blick auf den Internetrouter werfen oder ein technisches Problem beheben und anschließend einen viel besseren Vertrag anbieten wollen. Oder es sind die niemals aufgebenden Zeugen Jehovas, die von Tür zu Tür tingeln und versuchen, einen zu missionieren.
Die Wohnung gegenüber von uns war für eine kurze Zeit vakant. Zuvor hatten Christina und Robert darin gelebt. Doch als Christina schwanger wurde, war es an der Zeit, nach Brandenburg zu ziehen. Das Kind sollte wohlbehütet und fernab von den Verlockungen einer Großstadt aufwachsen. Christina hatte sich vorher aktiv darum bemüht, die Anonymität im Haus zu durchbrechen. Immer wieder hatte sie an unserer Tür geklingelt, um Eier, Mehl, Zucker, Zwiebeln, Brot, Werkzeug oder mein „Star Wars“-Lichtschwert auszuleihen. Nach dem Auszug von Christina und Robert wurde die Wohnung saniert. Nach der Sanierung wurde die Wohnung für die doppelte Miete an eine Familie mit Kind vermietet. Ich verortete die Familie in der Gothic-Szene. Alle waren von Kopf bis Fuß dunkel gekleidet und geschminkt. Lange hielt die Gothic-Familie es jedoch nicht aus. Nach wenigen Wochen zog sie wieder aus. „Die permanente Lärmbelästigung durch die arabische Familie neben uns ist nicht auszuhalten“, sagte die Gothic-Frau, als sie sich von mir verabschiedete, und wünschte mir gutes Durchhaltevermögen.
Nur einige Wochen später zog ein junges Paar in die Wohnung ein. Ein paar Tage nach seinem Einzug klingelte es bei uns an der Tür. Freudestrahlend stellten sich die neuen Nachbarn als Frauke und Lothar vor, luden uns bei geeigneter Zeit zu einem Kaffee ein und schenkten uns eine Schachtel Pralinen. Seit 2008 lebe ich nun schon in Berlin, und nie zuvor war mir so etwas passiert. Sich als Neueingezogener den Nachbarn vorzustellen ist keine Selbstverständlichkeit in der Hauptstadt. Zu Ostern schenkten Frauke und Lothar uns einen Schokoladenhasen. Zu Weihnachten bekamen wir einen Schokoladennikolaus. Und zu Neujahr überreichten sie uns einen Glücksklee mit Schornsteinfeger. Mit so viel nachbarschaftlicher Liebe mussten Dani und ich erst einmal zurechtkommen. Wir sind durch und durch Berliner. Und wie schon Brian May sang: „Too much love will kill you“.
Dennoch brannten mir zahlreiche Fragen nach ihrer Herkunft auf der Zunge, obwohl ich als Mensch mit Migrationshintergrund kein Fan von Herkunftsfragen bin. Die Art ihres Auftretens und ihre Gepflogenheiten kamen mir so verdammt vertraut vor. Als wir uns zufällig im Flur begegneten, fragte ich Frauke und Lothar etwas zögernd: „Darf ich euch eine persönliche Frage stellen?“
„Na klar, nur zu!“, antworteten beide gleichzeitig.
„Seid ihr beide aus Nordrhein-Westfalen?“
„Ja!“, entgegneten beide wieder im Chor.
„Ihr seid nicht zufällig aus Krefeld?“, fragte ich weiter.
„Doch, wir sind aus Krefeld!“, antworteten sie freudestrahlend.
„Ich wusste es!“, sagte ich und verabschiedete mich rasch.
Damit hatte ich Gewissheit. Ich bin von Krefeldern umgeben. Während ich einmal auf dem Fahrrad nach Hause fuhr, schrie mir jemand meinen Namen hinterher. Als ich mich umdrehte, sah ich zwei Hauseingänge weiter meine frühere Nachbarin Sarah aus Krefeld, die nun offenbar wenige Meter Luftlinie von uns entfernt wohnte.
Mit der Gewissheit, dass Frauke und Lothar aus Krefeld stammten, fragte ich mich, wie lange die beiden ihre nachbarschaftliche Liebe in der kalten und gefühllosen Großstadt wohl aufrechterhalten würden.
Die Antwort: genau drei Jahre. Danach war Schluss mit der Zuneigung und ihren Krefelder Gepflogenheiten. Beide waren in Berlin angekommen und integriert. Die Hauptstadt hatte sie assimiliert.
Egal ob in einem Mehrfamilienhaus in Delmenhorst, Gröpelingen, Köln-Chorweiler, Nürnberg-Langwasser-Nord, München-Hasenbergl oder Berlin-Wedding – es existieren bestimmte Nachbarschaftstypen, die man überall antrifft. In jedem dieser Häuser gibt es den Weckdienst-Solidaritätskiffer, der immer zur selben Uhrzeit am offenen Fenster genüsslich an seinem Joint zieht. Der süßliche Geruch von Marihuana strömt in sämtliche Wohnungen und lässt die anderen Nachbarn passiv mitrauchen. Dann haben wir den notorischen Müllüberfluter, der dafür sorgt, dass kein anderer Nachbar die Chance hat, seine leeren Kartons oder sein Papier in die vier blauen Tonnen zu entsorgen. Denn dieser Nachbar wirft seine überdimensionalen Pakete, die er von sämtlichen Onlinehändlern erhält, unzerkleinert in die Altpapiertonnen. Er ist verantwortlich für die Kartonflut und Kartonagen, die von der Müllabfuhr schon gar nicht mehr mitgenommen werden.
Außerdem gibt es den House-DJ, der seine neuesten Kompilationen, Tracks und Remixe vorab und exklusiv seinen Nachbarn vorspielt. Dabei fängt er mit groovigen 95 beats per minute an und steigert sich gegen zwei Uhr morgens auf 150 BPM. Dem DJ in unserem Mehrfamilienhaus habe ich mal einen Musikwunschzettel in seinen Briefkasten gesteckt. Vielleicht war das kein guter Einfall, denn andere Nachbarn hatten anscheinend die gleiche Idee. DJs reagieren oft empfindlich, wenn es um Musikwünsche geht. Diese Erfahrung habe ich schon bei Klassenpartys in der Grundschule gemacht. Unser House-DJ ignorierte jedenfalls jegliche Musikwünsche und legte weiter unerbittlich seine Songs mit 150 BPM auf.
Nachdem ich vier Monate lang unaufhörlich von lauter Musik beschallt worden war, beschloss ich, an die Tür des DJs zu klopfen. Ich erklärte ihm höflich, dass ich gelegentlich im Homeoffice arbeitete und die Lautstärke störend sei. Aber seine Reaktion ließ mich perplex zurück: „Ich arbeite auch im Homeoffice!“, erwiderte er unverblümt. Später jedoch schlossen wir einen Kompromiss, mit dem wir beide gut leben konnten. Ich übermittelte ihm fortan meinen monatlichen Arbeitsplan, nachdem wir unsere Mobilnummern ausgetauscht hatten. Kommunikation ist alles. Der DJ wusste, wann er wieder aufdrehen konnte, und ich bekam meinen Schlaf.
In Friedrichshain hatte Dani eine Berufssaxofonistin als Nachbarin, die täglich mehrere Stunden die Tonleiter rauf und runter oder die Titelmusik von „Pippi Langstrumpf“ spielte und zusätzlich noch Unterricht gab. Ein anderer Nachbar im Haus verklagte die Saxofonistin wegen Ruhestörung. Das Urteil: Musizieren dient der Persönlichkeitsentfaltung und ist Teil sozial üblichen Verhaltens. Werktags sind bis zu drei Stunden Musizieren zu tolerieren.
Neben dem Kiffer, dem notorischen Müllüberfluter, dem Fahrradständerbesetzer und dem DJ gibt es noch die Studenten-WG. Für die WG-Bewohner ist das Leben eine einzige Party. Bis weit über Mitternacht hinaus wird getrunken, diskutiert und gesungen – und das an jedem zweiten Tag. Bei der hohen Fluktuation innerhalb der Wohngemeinschaft ist es eine Herausforderung, sich alle Gesichter zu merken. Dabei könnte ein gutes Auswahlverfahren die Fluktuation reduzieren und Beständigkeit in die WG reinbringen …
Für Erwachsenenunterhaltung sorgen die Karnickel in der Nachbarschaft. Lautes Stöhnen, Klatschen, metallisches Quietschen, tiefes Brummen – alles ist dabei. Beide führen ein gesundes Sexleben und wollen, dass die gesamte Nachbarschaft mittels ausgeprägter und sinnlicher Liebesnächte davon erfährt. Die Karnickel können einem schon die Nachtruhe vermiesen. Doch solange sie dem demografischen Wandel entgegenwirken, sei es ihnen gegönnt.
Dann gibt es noch die Großfamilie mit Schreibabys oder -kindern, die den Müllplatz im Innenhof als Spielplatz, Sperrmüllanlage und Toilette missbraucht. Die Familie ist so überfordert, dass es oft zu Streit und lautstarken Auseinandersetzungen kommt und regelmäßig die Polizei gerufen werden muss, um zu schlichten.
In jedem Mehrfamilienhaus lebt auch immer der unsichtbare Nachbar. Es steht zwar ein Name am Klingelschild, aber gesehen oder gehört hat ihn noch keiner. Zudem gibt es auch noch den Chefkoch, der zu unmöglichen Zeiten mit kulinarischen Kreationen experimentiert. In unserem Hause ist es ein ambitionierter Chefkoch aus Kamerun, der nach Mitternacht Poisson Braisé oder Ndolé brät. Ähnlich wie beim Kiffer ziehen Düfte von altem Öl und frittiertem Fisch in unsere Nasen und legen sich über alle Wohnungen im Seitenflügel. Aber wer möchte schon eine Talentbremse sein. Vielleicht wird er der nächste Jamie Oliver.
Auch ein Law-and-Order-Hüter darf natürlich nicht fehlen. Ein Sheriff, der für Recht und Ordnung sorgt und dafür, dass der Müll ordentlich getrennt und die Ruhezeiten eingehalten werden, und der sich auch sonst sehr für das Leben der anderen interessiert, seine Nachbarn bespitzelt und jeden ihrer Schritte beobachtet.
Ähnlich wie der unsichtbare Nachbar verhält sich der Misanthrop. Der Griesgram lehnt jegliche Nähe zu anderen Nachbarn ab. Er grüßt nicht, ist wortkarg, redet mit niemandem, lädt keine lauten Gäste ein und lebt ein stilles und enthaltsames Leben. Von ihm kommen weder unangenehme Gerüche aus der Wohnung noch 150 BPM, laute Partys oder metallisches Quietschen. Der Misanthrop ist eigentlich der Prototyp des perfekten Nachbarn.
Der Messie, der unter dem Vermüllungssyndrom leidet, gehört ebenfalls in jedem Mehrfamilienhaus dazu. Seine Wohnung ist ein Geruchsherd. Üble und penetrante Düfte dringen von ihr bis in den Flur, wo man sich die Nase zuhalten muss. Sicherlich gibt es noch viele weitere Typen von speziellen Nachbarn. Eines ist aber sicher, jeder von uns wird dem ein oder anderen davon schon einmal begegnet sein.
Wer genug Kleingeld hat, kann sich von unliebsamen Nachbarn fernhalten. Doch Distanz hat definitiv ihren Preis. Fluggesellschaften bieten mittlerweile die Option, einen Doppelsitz für Extrakomfort zu buchen. Oder noch besser, man steigt gleich in einen Privatjet und lässt sich von der Welt da draußen nicht stören. Auch in der Bahn ist es mit einer doppelten Sitzplatzreservierung möglich, sich unliebsame Sitznachbarn vom Leib zu halten. Wer weiß, vielleicht sind wir eines Tages sogar so weit, dass wir unser Eigenheim auf dem Mond beziehen können. Der Amerikaner Dennis Hope verkauft jedenfalls seit 1980 extraterrestrische Immobilien – weit weg von den gehassten Nachbarn.
Freunde von Dani haben ihr tatsächlich zum Geburtstag ein Mondgrundstück geschenkt. Dazu gab es eine personalisierte Besitzurkunde, die die Lage des Mondgrundstücks samt seinen Koordinaten für die einfache Anreise ausweist. Wir sind jetzt stolze Besitzer von 716 000 Quadratmetern bester Mondlage und einem herrlichen Blick auf die Erde. Und das alles, während die Grundstücks- und Immobilienpreise in Berlin und anderen deutschen Großstädten durch die Decke gehen. Für gerade mal 59,90 Euro haben Danis Freunde ihr diesen exklusiven Deal gesichert. Das einzige Problem ist die Entfernung zum Mond, die bei etwa 384 000 Kilometern liegt. Schade, dass Yusaku Maezawa nicht zu unserem engen Freundeskreis gehört. Der japanische Milliardär hat nämlich den einwöchigen Mondflug von Elon Musks SpaceX-Mission „Dear Moon“ komplett gebucht und plant, einige Künstler als Begleitung mitzunehmen. Mit Geld kann man sich eben seine Nachbarn selbst aussuchen.
Wer es sich leisten kann, kauft ein Eigenheim in Alleinlage ohne störende Nachbarn oder sogar eine eigene Privatinsel. Der Fußballgott Lionel Messi hat nicht nur einen einzigartigen Spielstil, sondern auch einen ganz speziellen Umgang mit lauten Nachbarn. Er kauft einfach ihre Häuser und löst damit das Problem. Die Liste der Möglichkeiten ist endlos. Doch am Ende des Tages kann ein Leben ohne Nachbarn langweilig und einsam sein. „Niemand ist eine Insel“, besagt ein Zitat des englischen Dichters John Donne. Und nicht jeder Mensch kann so sein wie Simon Parker. Der hat sich auf Flat Holm, einer der abgelegensten Inseln von Großbritannien, niedergelassen. Dort gibt es nicht mal eine Strom- oder Wasserversorgung. Er verbringt seine Zeit damit, Vögel zu beobachten.
Mehr Ruhe zum Vögelbeobachten oder Ausschlafen genießen auch wieder die ehemaligen Nachbarn des brasilianischen Fußballers Neymar in Paris. Ihnen zufolge wurde bei dem Stürmer jedes Wochenende bis in die frühen Morgenstunden gefeiert. Es muss sich angefühlt haben, als hätte er den Karneval aus Rio mit angeschleppt. Aber seit seinem Wechsel von Paris nach Saudi-Arabien können die angrenzenden Pariser wieder aufatmen.
Das Leben mit Nachbarn mag seine Tücken haben, aber es hat auch seine Schokoladenseiten. Nachbarn können auf die geliebten Haustiere aufpassen, den Briefkasten leeren und die Zimmerpflanzen gießen, wenn man im Urlaub ist. Sie sorgen mit ihrer Präsenz und Wachsamkeit für mehr Sicherheit vor Einbrüchen. Als Freundschaftsdienst nehmen sie Pakete entgegen, damit sie nicht von Paketpiraten gestohlen werden. Nachbarn können gute Ratgeber sein und eine helfende Hand bieten, sei es beim Schleppen schwerer Gegenstände in den fünften Stock oder beim Erledigen kleiner Reparaturen im Haus. Empathie ist hier eine Tugend, und wenn alle gut miteinander kommunizieren und Rücksicht aufeinander nehmen, kann eine harmonische Nachbarschaft entstehen, von der letzten Endes alle profitieren. Das Leben ist zu kurz, um es allein zu verbringen.



Unbefugten Zutritt verboten!
Wladimir Kaminer
Meine Frau sucht stets nach neuen Herausforderungen, sie setzt sich ehrgeizige Ziele, entwickelt Projekte, die unser Leben bereichern sollen, und vergisst gelegentlich, dass jedes Projekt auch dauerhafte Verpflichtungen nach sich zieht, Kopfschmerzen und Stress verursachen kann. Doch was wäre unser Leben ohne Stress? Langweilig sind Menschen, die nichts wollen, keine großen Pläne verfolgen und mit dem, was sowieso da ist, zufrieden sind.
Im Leben jeder Familie kommt eine solche Phase, wenn die Kinder bereits erwachsen und die Erwachsenen noch nicht ganz kindisch geworden sind. In einer solchen Phase kam meine Frau auf die Idee, sie brauche dringend einen Hund. Einen mittelgroßen Hund, den man zur Not auch mit auf Reisen nehmen könne. Ich war dagegen. In einer Großstadt die Verantwortung für ein großes Tier zu übernehmen ist aus meiner Sicht mehr als leichtsinnig. Die Nachbarn über uns hatten einen Hund, der oft und laut bellte. Unten auf der Straße hörten wir auch ständig bellende Hunde. Ich sah das nicht als eine Bereicherung des Alltags, wenn auch noch in unserer Wohnung gebellt würde. Der Hund braucht Pflege. Man muss mit ihm zweimal am Tag spazieren gehen, seine Abfallprodukte in einer Plastiktüte einsammeln und sich mit den anderen Tierbesitzern über die Konsistenz und Farbe der Abfallprodukte ihrer vierbeinigen Lieblinge austauschen.
Ich erinnere mich noch, wie einmal vor vielen Jahren bei uns auf dem Flohmarkt im Mauerpark ein junger erfolgreicher Start-up-Unternehmer phosphorhaltige Hundefuttersorten verkaufte. Die Idee dahinter war verblüffend und clever: die Hundekacke in der Dunkelheit leuchten zu lassen, damit niemand aus Versehen reintrat. Sein Start-up war ein Erfolg. Sehr viele Hundebesitzer haben seine Produkte damals gekauft. Im März regnete es fast eine Woche lang ununterbrochen, der ganze Mauerpark leuchtete wie Las Vegas, die Erde war grün und blau. Die wenigen Touristen glaubten wahrscheinlich, sie befänden sich auf einem Hauptstadt-LSD-Trip, und verteilten mit ihren Füßen die leuchtende Kacke durchs ganze Viertel.
Nein, der Hund war für mich definitiv eine zu große Herausforderung. Ich konnte mir nicht vorstellen, ein Lebewesen an einer Leine durch die Stadt zu ziehen, irgendwohin, wo es gar nicht hinwollte, es wäre mir nur peinlich gewesen und hätte stark nach Tierquälerei ausgesehen. Aber das Lebewesen ohne Leine auf der Straße laufen zu lassen hätte dazu führen können, dass es andere Lebewesen in den Hintern kneifte. Und wer hätte die Schuld dafür getragen? Natürlich der Lebewesenbesitzer. Meinen Argumenten hatte meine Frau aufmerksam zugehört, sie wahrgenommen und verinnerlicht. „Okay“, sagte sie, „ist in Ordnung. Kein Hund.“ Als Alternative zum Hund sei sie auch mit einem Garten zufrieden. Sie schenkte mir einen praktischen Gartenkalender mit netten Blümchen auf dem Cover. Darin stand, ein Garten mache die Menschen fit und helfe beim Abnehmen. „Arbeit an der frischen Luft hält munter und gesund“, behauptete der praktische Kalender.
Warum eigentlich nicht, überlegte ich. Abnehmen wollte ich schon lange. Vor die Wahl zwischen Hund und Garten gestellt, habe ich der zweiten Variante sofort zugestimmt. In meinen Augen macht ein Garten viel weniger Stress. Der Garten macht keinen Mist, man muss mit dem Garten nicht zweimal am Tag spazieren gehen, der Garten bellt nicht und beißt niemanden in den Hintern. Und wenn er nebenbei noch beim Abnehmen hilft und fit hält, ist er sicher eine schöne Sache. Außerdem hegte ich die bescheidene Hoffnung, die Gartensuche werde sich bei uns in die Länge ziehen und möglicherweise in Wohlgefallen auflösen. Es war nämlich in meiner Vorstellung viel schwieriger, einen freien Garten zu finden, als einen Hund zu kaufen.
Die Hunde werden in Berlin an allen Ecken gezüchtet, die Gärten in Berlin sind rar.
In der Nähe unseres Hauses befand sich seit Anbeginn der Zeit eine urdeutsche Kleingartenkolonie. Ich war oft daran vorbeigegangen und sah hinter den Zäunen keine vollständigen Menschen, nur ihre Hinterteile. Sie wollten augenscheinlich abnehmen und wühlten ständig in der Erde herum. Die meiste Zeit beugten sie sich herunter, pflanzten ein oder aus oder hantierten mit einer Gartenschere in der Hand. In dieser Kolonie wollte meine Frau uns für eine freie Parzelle anmelden. Soll sie doch machen, dachte ich. Ich sah keinen Grund, warum diese Gartenfreunde irgendwelche verantwortungslosen Russen in ihr Kleingartenreich, in das letzte Bollwerk der deutschen Spießigkeit, reinlassen sollten. Aber ich hatte mich geirrt. Im Kleingartenreich deutete sich gerade ein Generationswechsel an, eine revolutionäre Situation, fast wie Lenin sie prophezeit hatte: Die Alten konnten nicht mehr, die Jungen wussten noch nicht, ob sie übernehmen wollten. In diesen Spalt zwischen den Kleingärtnergenerationen rutschten wir rein.
Ich dachte, wir wollten dort nur grillen, aber meine Frau machte sich richtig an die Arbeit, sie gab sich große Mühe bei der Bepflanzung und freundete sich mit den Nachbarn an. Ich sah mich dort mit einem ganz anderen Deutschland, mit der Innenseite des Landes, konfrontiert und begann sofort, an einem neuen Buch zu schreiben. „Mein Leben im Schrebergarten“, das Buch wurde ein Publikumserfolg. Doch zu diesem Zeitpunkt war unser Garten schon wieder weg, denn auf Dauer war er nicht zu halten.
In ihrer ungebremsten Bepflanzungslust hatte meine Frau das Bundeskleingartengesetz weitgehend ignoriert, ich glaube, sie hatte das Gesetz gar nicht gelesen und gegen so ziemlich alle Paragrafen verstoßen, die es darin gab. Die Schrebergartenöffentlichkeit machte sich Sorgen. Immer wieder bekamen wir Besuch von der Prüfungskommission, die uns ermahnte, wir sollten dringend und entschlossen gegen die sogenannte Spontanvegetation in unserem Garten vorgehen. Diese Spontanvegetation bestand eigentlich aus Blumen und Pflanzen, die meine Frau im Garten besonders mochte. Einige von ihnen waren geflüchtete Pflanzen, sie kamen von weit her, aus dem Süden und aus dem Osten, und wurden in ihrer Heimat möglicherweise verfolgt. Sie fanden unsere Parzelle von allein, und natürlich musste meine Frau nach Artikel 16a des deutschen Grundgesetzes ihrer humanitären Verpflichtung nachgehen und ihnen Asyl gewähren. Laut Kleingartengesetz waren sie aber als Spontanvegetation zur Ausrottung verdammt. Diese Gesetzeskollision führte letzten Endes dazu, dass meine Frau sich nicht mehr als Herrin ihrer eigenen Parzelle fühlte und gezwungen sah, den Schrebergarten abzugeben. Dadurch wurde ich zu einem Gartenschriftsteller ohne Garten. Denn meine Gartenkarriere entwickelte sich nach Erscheinen des Buches weiter.
Etliche Gartenmessen und Gartenkongresse luden mich zu Vorträgen ein. Eine Gartenbedarfsfirma wollte mich als Werbeträger für ihr neues Produkt gewinnen, ich musste jedoch schweren Herzens darauf verzichten. Das Produkt war eine neue Düngersorte, die aus Stickstoff und Phosphor bestand. Die internationale Garten-Society schenkte mir auch ohne Dünger genug Aufmerksamkeit, so wurde ich vom Bundespräsidenten Horst Köhler zu einem Abendessen mit König Charles III. eingeladen, der damals noch ein Prinz war und ebenfalls Gartenbücher schrieb. Das Treffen beim Bundespräsidenten war ein ziemliches Desaster, der Gartenprinz fragte mich, wie groß mein Garten sei. Sein Garten war ungefähr so groß wie England, und ich wusste nicht, was „Schrebergarten“ auf Englisch heißt. „Working in the fresh air keeps you alert and healthy“, sagte ich zu dem Prinzen, genau wie es in dem praktischen Gartenkalender stand. Er verstand mich nicht.
The big problem an diesem Abend war, der Prinz verstand mein Englisch überhaupt nicht. Ich hatte schon früher die Erfahrung gemacht, dass Amerikaner und Engländer mein in der sowjetischen Schule gelerntes Englisch nicht als ihre eigene Sprache erkannten. Ich war mehrmals in England und in den USA, und jedes Mal erntete ich verständnislose Blicke, wenn ich mit den Einheimischen ihre Sprache zu sprechen versuchte. Dafür aber verstanden meine in England oder in den USA lebenden Landsleute mein Englisch prächtig. Wie konnte das sein? Mit der Zeit wuchs in mir der Verdacht, dass unsere Lehrer uns damals in der sowjetischen Schule extra irgendeine andere Sprache als Englisch beigebracht hatten, damit wir zukünftig nicht mit den Vertretern der freien Welt kommunizieren konnten. Nur welche Sprache war das? Bestimmt gibt es irgendwo auf diesem Planeten ein Land, wo sie gesprochen wird, die geheimnisvolle sowjetische Englischsprache. Mosambik? Albanien? Ich habe es noch nicht herausgefunden, lasse mich gerne überraschen.
Das Leben eines Gartenschriftstellers ohne Garten war anstrengend. Die Gartenzeitschriften wollten Fotos von mir haben, wie ich Blumen gieße und junge Triebe beschneide. Das konnte ich auf Dauer nicht auf dem Balkon simulieren. Insofern war ich froh, dass die Lust meiner Frau auf Gartenarbeit nicht erloschen war, sie suchte weiter und fand in einem kleinen Dorf in Nordbrandenburg ein Haus mit einem richtig großen Grundstück. Auf einmal hatten wir einen eigenen Garten ohne Prüfungskommission und ohne Nachbarn direkt vor der Nase, ein Fleckchen Erde, auf dem jede Pflanze spontan vegetieren konnte, so wie ihr das Herz befahl. Und dort in dieser wilden Gegend zwischen Wald, See und Maisfeldern bis an den Horizont wohnten Menschen ohne Kneipen, ohne Restaurants, ohne den ganzen großstädtischen Schnickschnack. Ich war gespannt. Als Großstadtkind hatte ich nie auf dem Land gelebt, in Russland hatte ich Dörfer nur im Fernsehen gesehen. Ein deutsches Dorf war ein neues Abenteuer; bestimmt lerne ich dort neue originelle Menschen kennen, vielleicht wird es mich zu einem neuen Buch führen, dachte ich.
Es dauerte jedoch eine Weile, bis ich die Nachbarn kennenlernte. Die Brandenburger leben gerne nach innen. Je weiter in den Wald, umso dicker die Zäune. „Unbefugten Zutritt verboten“, stand an mehreren Stegen am Wasser, auch an manchem Gartentor. Eine Bande von Unbefugten schien diese Gegend seit Langem zu terrorisieren und die Einheimischen zu zwingen, sich hinter ihren Zäunen zu verbarrikadieren. Was sind das für Menschen, diese Unbefugten, überlegte ich, und warum wollen sie überall rein? Das Schild „Achtung! Bissiger Hund!“ mit furchterregender Zeichnung auf einem zwei Meter hohen Zaun sollte den Unbefugten, falls sie nachts mit einer zwei Meter hohen Leiter anrückten, die Lust am Rüberklettern nehmen. Ich hätte gern einen Unbefugten gesprochen, mir lief allerdings keiner über den Weg. Die Brandenburger versteckten sich vor diesen unsichtbaren Unbefugten wie Prominente vor den Paparazzi. Sie wollten auf keinen Fall, dass irgendwelche Fremden ihre Intimsphäre verletzten. Die Tatsache, dass es hier keine Fremden gab, auch keine zufälligen Passanten, keine Fußgänger, niemanden, der nach dem Weg fragte, machte sie nur noch misstrauischer.
Ja, in gewisser Weise fühlten sie sich hinter ihren Zäunen prominent. Ich nahm es ihnen nicht übel, man gewöhnt sich schnell an die Einsamkeit. Während meiner Zeit in der Armee habe ich einmal einen ganzen Winter allein im Wald in einem Bauwagen verbracht. Meine Aufgabe war es aufzupassen, dass die Radiostation nicht vollkommen unterm Schnee begraben wurde. Der nächste Soldat bei der nächsten Station, mein Nachbar, war etwa einen Kilometer von mir entfernt. Essen hatten wir auf Vorrat, ich fühlte mich wie Väterchen Frost ohne Schneemädchen und hatte eigentlich nur drei Gründe, meinen Bauwagen zu verlassen: Morgengymnastik, aufs Klo zu gehen und Holz zu holen. Letzteres bedeutete für mich den längsten Weg, und wenn ich von Weitem sah, dass mein Nachbar gerade dort zugange war, kehrte ich um. Nach einer Ewigkeit der Einsamkeit hatte ich keine Lust mehr auf nachbarschaftliche Gespräche: „Hallo, wie geht es dir? Ist der Winterwald nicht schön? Ja, sehr schön.“ Ich kann ja auch später Holz holen gehen, dachte ich.
Man verwildert schnell abseits aller Kollektive. So auch bei den Brandenburgern, ihre Neugierde auf Nachbarschaft hielt sich in Grenzen. Als die Coronaseuche Deutschland eroberte, konnten die Brandenburger die Sorgen der Stadtbevölkerung und die neuen Hygieneverordnungen, die der Staat im ersten Pandemiejahr wie aus einer Feuerwerkskanone abschoss, nicht wirklich ernst nehmen. Die Kulturschaffenden machten sich Sorgen um das gesellschaftliche Leben, weil jedes Beisammensein verunmöglicht wurde. Andere, Schüler und Lehrer, weil sie es im Alltag nicht schaffen konnten, die vorgeschriebenen anderthalb Meter Abstand zueinander zu halten. Die Großfamilien durften nichts mehr zusammen feiern. Freunde und Verwandte sollten einander nicht mehr die Hand geben und durften nur in ihre Ellbogen niesen. Darüber haben die Brandenburger besonders gelacht. Sie haben schon immer mit einem gesunden 500-Meter-Abstand zum Nachbarn gewohnt, hatten absolut keinen Grund, jemandem ihre Hand zu geben, und selbst wenn sie sich in den Bauchnabel niesten, würde das niemand hören. Diese Gesetze und Verordnungen waren für ganz Deutschland geschrieben, dabei ließ die Regierung außer Acht, wie verschieden Deutschland an allen Ecken ist.
Besonders amüsant fanden die Brandenburger die Ausgangssperre nach 22 Uhr. Wohin sollten sie denn ausgehen? Die Dorfgemeinde hatte schon vor langer Zeit gegen eine Straßenbeleuchtung gestimmt. Ein Licht in der Nacht würde nur Ungeziefer, Mücken und Krach machende Motorradfahrer anziehen. Es gibt hier keinen Grund, sich nachts von seinem Haus zu entfernen, wozu? Um mit den Wildschweinen im Maisfeld Versteck zu spielen? Es ist viel vorteilhafter, nach den Gesetzen der Natur zu leben: bei Tageslicht arbeiten und in der Dunkelheit schlafen.
Auch die bundesweite Kneipenschließung ließ die Menschen auf dem Land kalt. Wir hatten nämlich keine Kneipen. Die nächste Gaststätte im „Haus des Gastes“ am gegenüberliegenden Seeufer machte sofort dicht, sie hatte aber auch schon vor Corona nur freitags auf, diese kleine Veränderung der Öffnungszeiten bekam also kein Mensch mit. Viele nahmen die Coronamaßnahmen sogar mit Erleichterung auf, endlich sollte ganz Deutschland wie Brandenburg sein, eine große Ruhe würde einkehren, die Leute würden überall aufhören, sich aneinander zu reiben, in Massen hin und her zu rennen und Fremden die Hand zu schütteln, ohne zu wissen, wo diese Menschen gerade mit ihren Händen gewesen waren.
Brandenburg stand kurz davor, wie eine Arche Noah als einziges nicht verseuchtes Bundesland mit angeborenem Abstand die Coronaseuche unbeschadet zu überstehen. Und doch: Ein Jahr später bekam das ganze Dorf Corona. Schuld war der Friseur. Aus unerfindlichen Gründen gingen nämlich alle Bewohner zum gleichen Friseur, zur gleichen Zeit, und alle hatten dementsprechend die gleiche Frisur, die sich nur im Preis unterschied: für Männer 10, für Frauen 15 Euro. Ich musste immer lachen, wenn ich meine Nachbarn am Freitag beim Stammtisch im „Haus des Gastes“ sah, kurz nachdem sie beim Friseur gewesen waren. Es sah aus wie ein Abendmahl mit Playmobil-Figuren. Der Sohn vom Friseur hatte irgendeine Underground-Technoparty im Wald besucht, dort das Virus kennengelernt, mit nach Hause genommen und weitergeleitet. Aber Gott sei Dank ist niemand gestorben, sie haben nur ein wenig gehustet und waren verschnupft. Denn nach wie vor galt: Arbeit an der frischen Luft hält fit und gesund.

Martin Hyun

Über Martin Hyun

Biografie

Martin Hyun, 1979 in Krefeld geboren und Sohn koreanischer Gastarbeiter, studierte Politik, International Business und International Relations in den USA, Belgien und Bonn. Er war der erste koreanischstämmige Bundesliga-Profi in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) sowie Junioren-Nationalspieler...

Wladimir Kaminer

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Wladimir Kaminer, geboren 1967 in Moskau, absolvierte eine Ausbildung zum Toningenieur für Theater und Rundfunk und studierte anschließend Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. Seit 1990 lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin. Er veröffentlicht regelmäßig Texte in...

Veranstaltung
Buchpremiere
Samstag, 09. März 2024 in Koblenz
Zeit:
20:00 Uhr
Ort:
Theater Koblenz,
Clemensstraße 5
56068 Koblenz

Eröffnung der Koblenzer Literaturtage ganzOhr

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Buchpräsentation
Freitag, 15. März 2024 in Köln
Zeit:
21:00 Uhr
Ort:
Theater am Tanzbrunnen,
Rheinparkweg 1
50679 Köln
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Lesung
Samstag, 16. März 2024 in Krefeld
Zeit:
17:00 Uhr
Ort:
Historisches Klärwerk Krefeld,
Rundweg 20
47829 Krefeld
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Buchpremiere
Montag, 18. März 2024 in Berlin
Zeit:
20:00 Uhr
Ort:
Pfefferberg Theater,
Schönhauser Allee 176
10119 Berlin
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Buchpräsentation
Donnerstag, 21. März 2024 in Leipzig
Zeit:
20:00 Uhr
Ort:
Moritzbastei,
Kurt-Masur-Platz 1
04109 Leipzig
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