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Gebrauchsanweisung für das EngadinGebrauchsanweisung für das Engadin

Gebrauchsanweisung für das Engadin

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Gebrauchsanweisung für das Engadin — Inhalt

Im Garten des Inn

 

Tiefblaue Seen, sonnenbestrahlte Schneegipfel – mit seiner extremen Landschaft und dem einzigartigen Licht gehört das Engadin zu den spektakulärsten Ferienzielen der Alpen. Angelika Overath stellt die bedeutendsten Orte und schönsten Landschaften vor, von Sent bis Sils, vom Corvatsch bis ins Münstertal, und gibt spannende Geheimtipps. Sie erklärt, warum die Alpenpässe Eisenbahnfans begeistern und Autofahrern den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Wieso sich Engadiner Spezialitäten nicht zum Abnehmen eignen und wie die uralte romanische Sprache, in der es »Bun di« und »A revair« heißt, in dieser Kulturregion weiterlebt. Vom mondänen Oberengadin bis hinunter zum schroffen, noch bäuerlichen Unterengadin ermöglicht sie faszinierende Einblicke in eines der schönsten Hochtäler der Schweiz, wenn nicht Europas.

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 01.09.2016
256 Seiten, Flexcover mit Klappen
EAN 978-3-492-27670-2
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 01.09.2016
224 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97530-8

Leseprobe zu »Gebrauchsanweisung für das Engadin«

Vorwort

Seit neun Jahren leben wir im Unterengadin, in Sent, einem Dorf auf einer Sonnenterrasse 1450 Meter über dem Meeresspiegel. Etwa 300 Meter tiefer fliesst der Inn. Unser jüngster Sohn Matthias kam mit sieben Jahren in die zweite Klasse der rätoromanischen Volksschule in Sent; mit fünfzehn Jahren ging er nach Chur auf die weiterführende Kantonsschule. Während der Schulzeiten kommt er nur noch an den Wochenenden nach Hause.

Unsere beiden erwachsenen Kinder Silvia und Andreas studieren in Deutschland. Aber sie besuchen uns regelmässig im Tal; beide [...]

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Vorwort

Seit neun Jahren leben wir im Unterengadin, in Sent, einem Dorf auf einer Sonnenterrasse 1450 Meter über dem Meeresspiegel. Etwa 300 Meter tiefer fliesst der Inn. Unser jüngster Sohn Matthias kam mit sieben Jahren in die zweite Klasse der rätoromanischen Volksschule in Sent; mit fünfzehn Jahren ging er nach Chur auf die weiterführende Kantonsschule. Während der Schulzeiten kommt er nur noch an den Wochenenden nach Hause.

Unsere beiden erwachsenen Kinder Silvia und Andreas studieren in Deutschland. Aber sie besuchen uns regelmässig im Tal; beide haben in den Semesterferien im Engadin gearbeitet.

Mein Mann Manfred unterrichtet an der Universität Basel und fährt während des Semesters für zwei Tage vom Inn an den Rhein. Diese vier Stunden Pendelzeit nutzt er zum Lesen und Schreiben: von Scuol bis Landquart in der Rhätischen Bahn, danach bis Basel im Speisewagen der SBB.

Mein Schreibtisch steht in Sent, aber regelmässig gebe ich Kurse an der Schweizer Journalistenschule MAZ in Luzern, und oft bin ich unterwegs auf Lesereisen. Unser Familienleben ist geprägt durch Weggehen und Wiederankommen. Das schult den Blick für das Besondere in diesem Hochtal, das wir, noch immer mit einem Glückserschrecken, als Heimat empfinden.

Die »Gebrauchsanweisung für das Engadin« speist sich aus Alltagserfahrungen, Lektüren, Recherchen, zufälligen Gesprächen und gezielten Interviews. Ihre Perspektive geht vom Dorf Sent aus und damit von der Sprache dieser Gemeinde, dem Vallader.

Über die Form meiner »Gebrauchsanweisung« habe ich lange nachgedacht. Und einiges ausprobiert. Das Engadin ist eines der höchstgelegenen bewohnten Täler Europas. Leicht liesse sich diese alpine Zone flussabwärts begreifen: von Maloja (1809 m) bis hinunter zum fast 800 Meter tiefer gelegenen Martina (1035 m) an der österreichischen Grenze; oder – der Bewegung der Fische folgend – die gut achtzig Kilometer gegen den Strom hinauf. Da das Buch aber keinen geografischen Schwerpunkt hat, sondern sich als Beitrag zur Mentalitätsgeschichte dieser extremen Bergregion versteht, habe ich als Ordnungsprinzip das Alphabet gewählt. Ein Stichwort heisst »Bergell«. Das Bergell und das Engadin sind verschiedene Täler, und doch ist das Engadin vom Bergell aus zu verstehen. Das Bergell beginnt geografisch im Oberengadin bei Isola, am Silsersee, etwa vier Kilometer östlich von Maloja, und gehört – als eine Treppe hinunter nach Italien – zum Erfahrungsraum der Engadiner.

Mit dem notwendigen und schönen Zufall der Buchstabenreihung in einem Alphabet konnte ich spielen, da dem deutschen Wort auch immer ein romanisches zur Seite stand mit seinen keltischen, etruskischen, römischen, italienischen Anklängen. Zwei Sprachtouristen, ein englisches und ein französisches Stichwort, sind dazugestossen. Ein solch primär vallader-deutsches Alphabet soll deutlich machen, dass es sich beim Engadin nicht nur um eine spektakuläre Landschaft handelt, sondern auch um eine Kulturregion, in der eine uralte, bedrohte Sprache noch weiterlebt.

Sent, Sommer 2016

 

Allegra

Herbst 1992. Eine Heidelberger Freundin, wir kannten uns aus Studienzeiten, hatte im Autoradio etwas von einem seltsamen Ort namens Scuol gehört. Dort, erzählte sie, könne man noch jenseits vom Skirummel Winterferien machen. Es gebe da ein altes Hotel »Quellenhof«, das, wie der Name sage, aus Zeiten eines in Scuol einst berühmten Bädertourismus stamme (→ Mineralquellen). Das Hotel Quellenhof, so habe sie in dem Radioreisebericht gehört, habe noch den Charme der vergangenen Bäderkultur der Belle Époque und eigne sich für preiswerte Familien- oder Gruppenferien. Sie schlage vor, gemeinsam nach Scuol in die Skiferien zu fahren.

Wir waren gerade mit unseren grossen Kindern Silvia und Andreas (Matthias, den Jüngsten, gab es noch nicht) aus Griechenland zurückgekehrt. Manfred hatte dort drei Jahre lang als Lektor an der Aristoteles-Universität in Thessaloniki unterrichtet. Die Idee eines Wintertreffens in den Bergen mit alten und neuen Freunden (mittlerweile bestand eine wunderbare Tübingen-Heidelberg-Saloniki-Connection) fanden alle gut. Wir liebten den neugriechischen Gruss »Chairete!«, »Freut euch!«. Und nun freuten wir uns, im Engadin sein romanisches Echo zu hören: »Allegra!« Es ist eine Kurzform von »Cha Dieu ans allegra!«, wörtlich: »Dass Gott uns erfreue!«

»Allegra« ist der Gruss des Engadins, vor allem des Unterengadins, wo die romanische Sprache zwar rückläufig, aber im Alltag sehr viel präsenter ist als im Oberengadin. »Allegra« wird, je nach Uhrzeit und Beziehung der Sprechenden zueinander, mit anderen Formen variiert. Der erste Gruss am Morgen ist »Bun di«, »Guten Tag«. Von etwa elf Uhr an aber grüssen Einheimische, die einander nicht duzen, mit »Allegra«, bis gegen den späten Nachmittag. Danach wünscht man sich mit »Buna saira« einen »Guten Abend« (im Oberengadin beginnt man mit dem Abendgruss bereits nach dem Mittagessen). Vor dem Schlafengehen heisst es dann »Buna not«, »Gute Nacht«. Feriengäste aber können getrost den ganzen Tag mit »Allegra« grüssen. »Allegra« ist übrigens sehr viel leichter auszusprechen als »Grüezi«. Wenn aber Nicht-Schweizer-Mundart-Sprecher auf einem Wanderweg von entgegenkommenden Schweizer Unterländern mit »Grüezi« angesprochen werden und sie sich den romanischen Gruss »Allegra« – quasi als Gegengruss – nicht zutrauen, dann sollten sie wirklich »Grüezi« und nicht »Grüzi« sagen. Ohne »e« wäre das Wort ebenso falsch, wie wenn sie in einem Restaurant ein »Müsli« bestellten. Nähme man diesen Wunsch ernst, würde statt der gewünschten Zerealien eine kleine Maus serviert. Man denke also an die Maus und sage tapfer: »Allegra!«

Wer sich duzt, grüsst mit »chau« (das klingt wie das italienische »ciao«), das ist zu jeder Tages- oder Nachtzeit möglich. Solange sich Personen aber siezen, sollten sie beim »Allegra« bleiben. Wirklich korrekt, den schönen, höflichen Umgangsformen der Romanen gemäss, wäre allerdings eine Begrüssung bei gleichzeitiger Nennung des Vornamens (also auch, wenn man sich siezt). So werde ich von Dorfbewohnern, die mich nur entfernt kennen, mit »Allegra, duonna Angelika« begrüsst (»Guten Tag, Frau Angelika«), von Freunden aber mit »Chau, Angelika«. Der Nachname wird bei der Begrüssung nicht genannt. Bei meinem Mann wäre es dann »Allegra, sar Manfred« (»Guten Tag, Herr Manfred«) oder eben »Chau, Manfred«. Das Aussprechen des Vornamens ist ein Zeichen der Aufmerksamkeit und Achtung des anderen, und ich ärgere mich regelmässig über mich, wenn ich wieder einmal gedankenversunken vom Schreibtisch auf die Strasse stolpere und dann gerade noch ein »Chau« oder ein »Allegra« hinbekomme, aber meist nicht geistesgegenwärtig genug bin, sofort den Namen des Gegrüssten hinzuzufügen. Aber ich bemühe mich!

Auch die Schulkinder grüssen ihre Lehrer mit deren Vornamen und vorangestelltem »duonna« oder »sar«: »Bun di, duonna Ladina« oder »Buna saira, sar Claudio«.

Eine kleine romanische Begrüssungsbegegnung unter Nachbarn vor dem Dorfladen könnte so aussehen: »Bun di, Maria, co vaja cun tai?« – »Bun di, Flurin, grazcha, bain. E cun tai?« – »Grazcha, tuot in uorden! Fa ün bel di!« – »Tü eir, chau, sta bain.« Also: »Guten Morgen, Maria, wie geht’s?« – »Guten Morgen, Flurin, danke, gut. Und dir?« – »Danke, alles in Ordnung! Hab einen schönen Tag!« (wörtlich: mach einen schönen Tag!) – »Du auch, mach’s gut« (wörtlich: bleib gesund).

Es ist nicht so schwierig, Romanisch zu sprechen. (Auch wenn ich mich furchtbar anstelle. Aber ich arbeite mit der deutschen Sprache, und ich finde das Romanische so schön, dass ich, wie eine immer noch Frischverliebte, alles auch schön und richtig machen will. Das ist ein sicherer Weg, eine Sprache nicht zu lernen.) Wer etwas achtgibt, wird das Romanische – zumindest im Unterengadin – noch oft hören: auf der Strasse, in den Geschäften, im Gottesdienst, im Bus. Beim Aussteigen sieht man zum Busfahrer, der hier der »schofför« des »auto da posta« ist, und ruft ihm ein einfaches »Grazcha« zu oder auch elaborierter: »Grazcha fich ed a revair« (»Vielen Dank und auf Wiedersehen«).

Wenn ich Romanen im Zugabteil höre, schleiche ich mich gern unauffällig an und setze mich hinter sie. Dann sammle ich Wörter, Aussprachen, Intonationen. Ich versuche, mir Redewendungen zu merken. Ich lausche wie ein Dieb und vermehre meine Silbenbeute wie Saatgut. Freilich nehme ich auch Romanischunterricht, aber nichts ist so effektiv wie das direkte Hören – und natürlich das unmittelbare Sprechen im Alltag. Wenn man sich hoffentlich endlich traut!

Ein aufmerksamer Feriengast kann schnell einen kleinen Grundstock beisammenhaben. Hier ein »Sta bain«, dort ein »Fa ün bel di« oder »Che bell’ ora!« (»Was für ein schönes Wetter!«), ein »Ma, che fraid!« (»Was für eine Kälte!«), und schon ist er Teil einer kleinen, exklusiven Sprachgemeinschaft. Solange ein Feriengast Romanisch spricht, auch wenn er nur radebricht, werden die Romanen mit ihm in bewundernswerter Geduld Romanisch sprechen (sicher: im Unterengadin eher als im Oberengadin). Denn sie lieben ihre alte Muttersprache als ein kostbares Gut. »Chara lingua da la mamma« beginnt eines der bekanntesten romanischen Volkslieder, mit dem der Unterengadiner Lehrer Gudench Barblan (1860–1916) die weit über Romanischbünden hinaus bekannte inoffizielle Hymne der Engadiner und Münstertaler Rätoromanen, der »Jauers«, geschrieben hat. Wer den Titel »Chara lingua da la mamma« oder auch »Lingua materna« bei YouTube eingibt, kann das Lied hören, gesungen etwa von der Knabenkantorei Basel.

Das Romanische ist Heimat und Rückzugsort. Ein innerer Schutzraum gegen Touristen, Feriengäste, Ferienwohnungsbesitzer, Zuwanderer. Aber er kann betreten werden. Jede neue Vokabel ist ein Zauberwort, das die romanische Welt öffnet.

Eine bedrohte Sprache zu lernen, sie zu sprechen, ist ein ernstes und schönes Spiel. Wörter sind Schibboleths, Erkennungszeichen, die verraten, ob jemand dazugehört, dazugehören möchte, oder nicht. Wenn Feriengäste romanische Sätze versuchen, zeigen sie, dass sie sich für die Sprachsituation im Engadin interessieren. Schon ein »Allegra«, ein »Co vaja« ist eine kleine Verbeugung vor dem romanischen Dorf, eine Geste der Wertschätzung der einheimischen Kulturgemeinschaft. Sie wird verstanden und von den Romanen entsprechend beantwortet mit einem heiteren Willkommen: »Mo, tü discuorrast bain rumantsch!« (»Oh, du sprichst aber gut Romanisch!«). Das stimmt dann natürlich nicht, aber es ist eine Einladung unter das Dach der Rumantschia.

 

Alpenpässe

Es war also kurz vor Weihnachten 1992, als wir uns mit dem Auto von Tübingen aufmachten, um zum ersten Mal ins Engadin zu fahren. Auf der Rückbank sassen Silvia, fünf Jahre, Andreas, drei, und Florence, zwölf, das Kind von Pariser Freunden, das mit uns kam. Manfred hatte kurz auf die Landkarte geschaut und sich für den direktesten Weg entschieden: am Bodensee entlang, das Rheintal hinauf, durchs Prättigau bis Klosters, dann Richtung Davos und über den Flüelapass hinunter ins Engadin! Wir hatten – noch von Griechenland kommend – die Sonne im Herzen und Sommerreifen am alten Golf. Und wer im Schatten des Götterbergs Olymp gelebt hat, der interessiert sich für so banale Grössen wie Passhöhen nicht.

Wir fuhren durch graue und grüne Fluren. Es war ein schneearmer Winter. Schon auf der ersten Etappe des Flüelapasses wunderte sich Manfred, dass wir offensichtlich die Einzigen waren, die hier fuhren. Na, immerhin kein Stau! Die Kinder waren bester Laune, im Kassettenrekorder des Autos liefen die Prinzen. Es gab leichte Schneeverwehungen. Beim Gasthof Tschuggen sahen wir kurz ein Auto vor uns, Bündner Kennzeichen, das wir aber bei der nächsten Kehre aus den Augen verloren hatten. Die Schneeverwehungen nahmen zu. Manfred drehte die Musik leiser. Die Kinder protestierten. »Seid doch still«, sagte er, seltsam unfreundlich.

Wir erreichten die Passhöhe von 2383 Metern. Die Strasse war weiss bedeckt, Schneeanhäufungen am Rand. Rechts und links lagen Seen unter Schnee. Die grauen Flanken der hohen Berge zeigten ein geschecktes Katzenfell. Dann begann die Abfahrt. Manfred schaltete die Musik aus. Von der Rückbank kam Rascheln, dann der Geruch von zerkauten Gummibärchen. In der Ferne sahen wir das Bündner Auto noch einmal, das aber nach einer Kehre wiederum verschwunden war. Über die Strasse zog sich jetzt ein Streifenmuster aus Weiss, Grau und Schwarz. Ab und an ein dunkler Glanz. Manfred bremste auf ungewöhnliche Weise und fuhr schlingernde Bögen. Auf meine Frage (ich fahre nicht Auto), was los sei, antwortete er nur: »Schnee.« Dann, nach einer Pause: »Und Eis.« Das hatte ich schon gesehen, aber jetzt erst verstand ich.

In das Abbremsen und ausweichende Fahren kam nun regelmässig die leise Stimme von Florence, die fragte, wie lang es noch sei. Nicht mehr lange, log ich und drehte mich mit mütterlichstem Lächeln zur Rückbank. Das Kind hielt einen kleinen Weihnachtsbaum aus grünem Plastik auf dem Schoss, den wir noch in Saloniki gekauft hatten (schliesslich wollten wir im Hotel Quellenhof Weihnachten feiern!). Ich sah die Mädchenhände, die das struppige Grün bang an seinem hölzernen Sockel hielten. Silvia und Andreas fochten derweil einen Kampf mit zwei aufblasbaren Nikoläusen; sie waren Fahrten über Schlaglöcher durch das thessalische Pilion-Gebirge und über Schotterpisten im mazedonischen Hinterland gewohnt. Manfred versuchte, sehr, sehr langsam zu fahren und den unfreiwilligen Schwung, den eine Schneepassage ihm gab, auf dem nächsten, vertrauenerweckend schwarzen Asphaltstück wieder aufzufangen. Er war blass. Die Strasse schien ein haarnadelkurviges, schmales Band über sich in immer neuen Schrecken zeigenden Schluchten. Endlich begann der Wald, und Manfred schaltete wieder hoch.

Kurz vor Susch, dem ersten Dorf im Engadin, fragte Florence ein letztes Mal: »Wie lang noch?« Dann maunzte sie, sie wolle aussteigen. Dann kotzte sie. Wir waren froh, den Pass heil hinter uns gebracht zu haben, und reinigten notdürftig Mädchen und Bäumchen mit Kleenex. Im Quellenhof duschte unser Pariser Ferienkind in einer alten, frei stehenden Badewanne auf goldfarbenen Löwenpranken, und ich spülte am Waschbecken unter dem Hahn mit den alten Messingbeschlägen die griechische Plastiktanne im Wasserstrahl aus. So begann unsere Liebe zum Engadin.

Dabei hätten wir, von Tübingen kommend, uns leicht über Österreich dem Unterengadin nähern können. Der Weg hätte uns bequem nach Landeck und Pfunds gebracht, beim Grenzort Martina wären wir, immer leicht ansteigend, in das Hochtal hineingefahren. Von diesem Zugang bei Martina allerdings abgesehen (man biegt von der Reschenpassstrasse, die über Nauders ins Südtiroler Vinschgau führt, rechts Richtung St. Moritz ab), ist das Engadin allein über Pässe zu erreichen.

Es sei denn, man reist durch den Berg hindurch. Im November 1999, pünktlich zum Beginn der Wintersaison, wurde der Vereinatunnel für den Bahnverkehr mit Autoverladung eröffnet. Der mit mehr als neunzehn Kilometern weltweit längste Schmalspurtunnel (Spurbreite ein Meter) verbindet zwei- bis dreimal in der Stunde Klosters im Prättigau (Verladebahnhof Selfranga) mit Sagliains im Engadin. Seit die Bahn durch den Berg fährt, ist der Flüelapass im Winter gesperrt. Aber auch nach seiner Öffnung zur Sommersaison, je nach Witterung meist im Mai, kann es sein, dass man auf der Passhöhe von einem Schneesturm überrascht wird; immer wieder muss die Strasse unter dem Jahr gesperrt werden. Eines der Sprichwörter im Tal besagt: »Kein Monat ohne Schnee.« Und ich erinnere mich an einen Feriensommer in Guarda (1650 m), in dem wir den Kindern Wollsocken als Handschuhe anzogen und eine Wanderung ins Tuoi-Tal abbrechen mussten, weil wir im schliesslich kniehohen Schnee stecken blieben.

Der Vereinatunnel hat das Leben im Engadin verändert. Nun ist das Unterengadin einen Tagesausflug nah an Zürich herangerückt. Bevor es den Tunnel gab, folgte der alte Weg der Rhätischen Bahn von Scuol aus (Endstation und östlichster Bahnhof der Schweiz) der Richtung ins Oberengadin, bog bei Bever nach Norden ab und führte durch die Albula-Alpen hinauf nach Spinas (1816 m) und durch spektakuläre Kehrtunnel und über schwindelhohe Brücken hinunter nach Thusis im Hinterrheintal (697 m) und weiter bis nach Chur (593 m), der Hauptstadt des Kantons Graubünden. Diese Strecke gehört heute zum UNESCO-Weltkulturerbe. Eisenbahnbegeisterte aus der ganzen Welt kommen hierher, nur um diese Strecke zu fahren. Und das Bahnmuseum Albula in Bergün wird auch Reisende erfreuen, die sich nicht für Eisenbahnen interessieren. Von Chur endlich fuhr man durch das Rheintal, dann am Walensee und am Zürichsee entlang bis nach Zürich.

Für die Strecke Scuol–Zürich brauchte die Bahn damals knapp fünf Stunden. Mit dem Vereinatunnel sind es heute nur etwas mehr als zweieinhalb. Zunehmend wird das abgelegene Unterengadin für den Fremdenverkehr interessant. Viele Reisende kommen am Vormittag mit dem Ausflugszug »Aqualino«, um einen Tag im Scuoler »Bogn Engiadina«, dem Mineralwasserbad, einer der Hauptattraktionen des Engadins, zu verbringen (→ Mineralquellen). Für mich ist das »Bogn Engiadina« vor allem wegen seiner weitläufigen Sauna-Anlage mit dem marmornen Kaltwasserschwimmbecken die schönste Bäderlandschaft, die ich kenne.

Winterreisende sollten wissen, dass es um Weihnachten und Silvester wie auch in der Zeit der Faschingsferien bei der Autoverladung am Vereina zu Wartezeiten von mehreren Stunden kommen kann. Stammgäste kennen das und vermeiden, an Samstagen anzureisen. Oder sie stellen sich auf ein vorfreudiges Warten ein, haben heissen Tee und Proviant dabei, stricken, schauen auf ihren Tablets Filme, spielen Jass, Skat. Oder nutzen die Zeit, um mit dem Hund spazieren zu gehen. Schnell ergeben sich Gespräche mit anderen Wartenden, die sich die Beine vertreten. Seltsamerweise ist die Stimmung bei Selfranga, an der Tunnelpforte zum Engadin, immer gut.

Bevor es den Vereinatunnel gab, waren im Winter der Schienenweg über den Albula und die Passstrasse über den Julier die einzigen (meist, aber durchaus nicht immer) freien Zugänge von der deutschsprachigen Schweiz hinein ins Engadin. Die Beschwernisse an den Pässen ändern sich, sind aber auch im 21. Jahrhundert nicht zu vermeiden. Der Tod begleitet die Geschichte der Überquerung der Alpen. In diesen Tagen sterben Motorradfahrer in den Kehren, Autos rutschen über den Strassenrand, Radfahrer verunglücken. In vergangenen Zeiten kippten Kutschen, erfroren Reisende und Ruttner, jene Männer, die mithilfe von Ochsen, Pferden und kleinen Schlitten die Pässe offen halten mussten. Mit Schaufeln wurde der Schnee gebrochen (»ruot« ist der Bruch), dann bahnten sich die dampfenden Tierleiber den Weg. Oft versanken Mann und Pferd bis zu den Schultern im Schnee und mussten schweissgebadet nach wenigen Minuten den nachfolgenden Mann mit Ochse oder Pferd vorlassen. Eine kaum vorstellbar anstrengende und gefährliche Arbeit.

Ruttner erzählten Geschichten von Tod und Rettung. In seinem Buch »Graubünden. Land der Pass-Strassen« zeichnet Paul Caminada ein kleines Medaillon: Im Winter 1862 (noch vor dem Bau der Flüelapassstrasse) fand ein Ruttner auf dem 2606 Meter hohen Scalettapass, dem alten Säumerpfad südwestlich des Flüela, »eine Mutter mit zwei Mädchen« im Schnee liegend. »Eines der Mädchen und die Mutter waren tot. Das kleinere Mädchen lag noch an die Brust der toten Mutter gedrückt. Es lebte und konnte vom Ruttner gerettet werden. Am Auge der Mutter glitzerte eine zu Eis erstarrte Träne.«

Aber auch ohne Schnee war die Alpenüberquerung prekär. Caminada zitiert einen Brief, den der badische Schriftsteller Josef Victor von Scheffel am 6. September 1862 seiner Mutter schrieb, nachdem er das Unterengadin erreicht und in Tarasp Logis genommen hatte:

Dann am 4. September über den 8067 Fuss hohen Scalettapass ins Unterengadin. Dies war kein Spass. Ein einsamer, wilder Steig über Felstrümmer und tote, nur vom Flug des Schneehuhns belebte Natur, zur Rechten und Linken von eiskalt herabwehenden Gletscherfeldern überragt – brausende Wildwasser, deren Wasserscheide (wie im Schwarzwald) westlich zum Rhein, östlich zu Inn und Donau führt – im Herabsteigen klaffende Schluchten … also der Scaletta, dessen Namen von den Skeletten der lawinenerschlagenen Saumtiere und Menschen herrühren soll.

Scheffels Etymologie klingt überzeugend; doch Scaletta geht auf das romanische »s-chaletta« zurück, was »kleines Treppchen« bedeutet.

Die Pässe Flüela (im Sommer auf der Strasse zu überwinden, im Winter auf Schienen durch den Vereinatunnel zu umgehen), Albula (im Sommer ebenfalls mit dem Auto, im Winter nur mit der Rhätischen Bahn befahrbar) und Julier (nur mit dem Auto zu meistern, nicht immer wintersicher) verbinden das Engadin mit der deutschsprachigen Schweiz. Der Malojapass (Autostrasse) ist der Übergang ins italienischsprachige Bergell und hinunter nach Chiavenna in Italien; dann ist man bald am Comer See und in Mailand. Der Ofenpass (Autostrasse) führt von Zernez durch den Schweizer Nationalpark ins Val Müstair und von dort nach Südtirol. Über den Berninapass, 2300 Meter hoch (Autostrasse und Rhätische Bahn – auch diese spektakuläre Strecke gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe), kommt man durchs italienischsprachige Puschlav nach Italien: direkt bis in die palmensüdliche Innenstadt von Tirano im Veltlin (→ Bünde im Bergland, → Jenatsch oder die Bündner Wirren).

 

Bergell

Der Reiz des Engadins, ein west-östlich ausgerichtetes Hochtal, gesäumt von Schneegipfeln, lebt zunächst von einem Versprechen: der Nähe des Südens. Nach dem wilden, zerklüfteten Osten des Unterengadins weitet sich das Tal gegen Westen zur Hochebene des Oberengadins mit seinen Seen (St. Moritzersee, Champfèrsee, Silvaplanersee, Silsersee), die so schön geschwungen daliegen, als habe Gott sich in Jugendstilgesten versucht: eisgrau, petrol, türkis, saphirblau. Oben bei Maloja hat das Tal keinen Abschluss, es endet vielmehr gleichsam an einer Kante, offen für Wind und Wolken. Dann folgt der Absturz hinunter Richtung Italien. Von Maloja aus dreht sich das Postauto über enge Passkehren in kürzester Zeit tiefer in eine völlig neue Landschaft. Der Wanderer Hermann Hesse vermittelt in der kleinen Skizze »Sommerreise«, wie sinnlich er diesen Übergang von der schönheitsharten Gletscherregion des Engadins in die grosszügige Üppigkeit der Lombardei empfunden hat. Nach dem »spärlich bewachsenen Alpenhochtal« wird die Vegetation immer fruchtbarer, »erst Kartoffeln und schöner Baumwuchs, dann Korn und Gärten, dann Wein und Mais, Kastanien, Maulbeerbäume, Feigen, Oleander«. Und er jubelt:

Was für Dörfer! Jedes eine fast römisch-romanische Vedute, mit alter Kirche und altem Kastell am Berghang trutzend, der reissende Bach an altem Burggemäuer und unter hohen, rundbogigen Steinbrücken hindurchschäumend.

Der heiteren Langsamkeit des Herunterwanderns der Passstrasse entspräche heute das Hinauftreten. Auch moderne Radfahrer, die sich, mit bronzegebrannter Haut, von Italien kommend, in ihren knappen Synthetikpanzern den Malojapass hochkämpfen, könnten wohl von der Lust der Landschaft erzählen, sofern ihnen die Steilheit dieser Strecke nicht die Aufmerksamkeit nimmt zu sinnendem Schauen.

Der Maler Hesse war empfänglich für Landschaftsfarben: Im Engadin sei »alles hart, blank, metallisch klar und kühl«, im Bergell hingegen erscheine »alles warm, weicher, abgetönter, samtener«. Speziell das Wasser der Oberengadiner Seen – »rein, eisig, geklärt in tiefen Stellen von leuchtendem Grün und Blau« – unterscheide sich deutlich vom matt silbernen der Bergeller Flüsse, die den »feinkörnigen Silbersand« der Maloja-Berge mit sich trügen. Noch nie, schliesst Hesse, habe er »Italien auf einem schöneren Weg erreicht«.

Es scheint das Schicksal des Bergells zu sein, als »schöner Weg« aufgefasst zu werden, als ein Übergang, ein Durchgangstal zwischen der erhabenen Höhe des Engadins hinunter in den wahren Süden. Wer hier haltmacht, tut es meist wegen Rainer Maria Rilke. Der Dichter wohnte und schrieb 1919 für einige Wochen in Soglio in einem der Palazzi des alten Adelsgeschlechts der von Salis. Noch heute beherbergt das Haus ein Hotel mit historischem Park und einem schönen Gartenrestaurant. Unter zwei 1884 gepflanzten Mammutbäumen könnte man in den »Sonetten an Orpheus« lesen. Oder ein paar Schritte weiter durch die Kopfsteingassen Soglios zum kleinen Friedhof am Abgrund gehen und hinüber ins Bondascatal schauen, zu den Dreitausendergipfeln der Sciora-Gruppe und zum Piz Badile, und der »Duineser Elegien« gedenken: »Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?«

Kletterer lieben das Bergell! Es gilt als ein Mekka der Alpinisten. Im Unterschied zum spröden Gestein des Engadins (Gneis, Schiefer, Kalk, Serpentin), das sich oft in Abbrüchen aus Geröll zeigt, bestehen die Gebirgszüge des Bergells aus schönstem Granit. Kulturell aber bleibt das Tal eine unterschätzte Passage, trotz Rilke in Soglio, trotz der Künstlerdynastie der Giacomettis, die aus Borgonovo bei Stampa kommen, trotz der maurisch inspirierten Burg Castelmur aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Mit ihren seiden ausgekleideten oder durch Trompe-l’œil-Malereien erweiterten historischen Räumen ist sie ein Zeugnis der Bündner Auswanderungsgeschichte und beherbergt ein hinreissendes Zuckerbäckermuseum (→ Zuckerbäcker oder Zurückkommen).

Nur wenige Durchreisende halten in Castasegna, dem Grenzort zu Italien, um die Villa Garbald zu sehen. 1864 fertiggestellt, ist sie der einzige Semper-Bau südlich der Alpen. In diesem Haus wohnte eine erstaunliche Familie. Abgeschirmt von einer halbhohen Mauer und einem durch eine Pergola geschützten Vorgarten, liegt das Anwesen direkt an der Hauptstrasse des Orts. Steinstufen führen zu der italienischen Rustico-Villa hinauf.

Arnout Hostens, ein schmaler, altersloser Mann mit dem Charme eines Jünglings, führt in den Salon. Wir setzen uns an einen runden Tisch aus lackiertem Holz. Er schlägt ein Buch auf. »Sehen Sie diese Fotografie? Es ist ein Hochzeitsbild und ein Programm.« Agostino Garbald, seit 1855 Zolldirektor in Castasegna, war während einer Militärübung im Sommer 1860 in Zuoz beim Lehrer Johann Thomas Gredig einquartiert. Hier lernte er dessen älteste Tochter Johanna kennen. Kurz vor der Abreise machte der 32-Jährige der zwölf Jahre jüngeren Johanna einen Heiratsantrag. Sie antwortete nicht. Eine Woche später aber gab sie in einem Brief ihr Jawort, und die Korrespondenz einer Brautzeit begann. In 27 Briefen (zwischen dem 2. Oktober 1860 und dem 22. April 1861) verständigten sich die beiden über ihre eheliche Zukunft. Johanna schrieb ihrem Bräutigam, dass sie Poetin sei – sie habe schon Gedichte geschrieben – und Schriftstellerin werden wolle. Und er fand das gut. Ein solcher Berufswunsch war für ein Mädchen aus dem Engadin, das bislang vom Vater unterrichtet wurde und gerade ein Jahr auf das Bündnerische Töchterinstitut in Chur gehen durfte, bevor es wieder zu Hause mithelfen musste, sehr ungewöhnlich. Agostino aber schrieb, er wolle keine »perfekte Koch-, Wasch- und Nähmaschine« zur Frau, sondern ein Gegenüber, mit dem zusammen er »philosophieren, lesen und studieren« könne, »bis wir schrecklich gescheit sind«. Agostino hatte neben seiner Arbeit als Zolleinnehmer verschiedene, vor allem naturwissenschaftliche Interessen und sah sich als den kühlen Intellektuellen, »die personifizierte Berechnung«. Sie hingegen war für ihn die »leibhaftige Poesie«, seine »Engadiner Sappho«. Die junge Braut wird gespürt haben, dass die Ehe mit Agostino ihr die ungeahnte Freiheit gab, sich zu bilden und ihren schriftstellerischen Neigungen nachzugehen. Und sie durfte das kalte Zuoz im Oberengadin, für sie das »bündnerische Sibirien«, verlassen und im Süden – im Süden! – ein selbstbestimmtes Frauenleben beginnen. »Es ist nicht fein – so sagt man –, wenn ein Mädchen an etwas anderes denkt als an Strümpfe stopfen und Tatsch kochen.« Und endet ihren Brief: »Früher wurden solche, welche etwas mehr Scharfsinn verriethen als die gewöhnlichen, als Hexen verschrien, heut zu Tage stehen sie in dem Geruch der Gelehrsamkeit. Deine Johanna (die auf dem besten Wege steht, an Deiner Hand eine Hexe zu werden).« Er antwortet lakonisch: »Liebste, Du bist schon jetzt eine Hexe, brauchst es nicht erst an meiner Hand zu werden.«

Die Fotografie zeigt die beiden in Hochzeitskleidern an einem kleinen runden Tisch sitzend, einander zugewandt (ihre Knie berühren sich). Und doch schauen sie sich nicht an. Mit ernsten Mienen scheinen sie jeweils ihren eigenen Gedanken nachzuhängen. Auf dem Tisch, der sie verbindet (er stützt den Ellenbogen, sie den Unterarm darauf), steht eine Agave, das Sinnbild des Südens, über der Agave hängt ein zierliches Wandregal mit wenigen Bänden: der Beginn ihrer Bibliothek, die auf 2000 Bände anwachsen sollte (sie ist heute elektronisch erfasst und in der Villa Garbald zugänglich). Siebzehn Jahre lang bleibt das Paar kinderlos. Dann kommen in schneller Folge 1877 Andrea, der als Fotograf des Bergells berühmt werden wird (nicht nur wegen seiner wunderbaren Aufnahmen der Familie Giacometti), 1880 Margherita, die weben lernt, eine fotografische Ausbildung macht und ihren Bruder in seinem Atelier in Castasegna unterstützt, und 1881 Augusto zur Welt, der als Mediziner fünfzigjährig in Brasilien an Krebs stirbt. Margherita und Andrea bleiben kinderlos und gründen eine Stiftung, die das Werk ihrer Eltern und den fotografischen Nachlass von Andrea bewahren und in der Villa Garbald den intellektuellen Austausch von Künstlern und Wissenschaftlern fördern soll. Neben der Villa auf dem Gelände des Gartens wurde 2002 ein modernes Turmhaus eröffnet, in dem die ETH Zürich Wohn- und Tagungsräume unterhält. Die Architektur des Hauses zitiert alte italienische Vogelfangtürme: Hier sollen Ideen ins Netz gehen.

Die Sprache zwischen der Romanin Johanna und ihrem im Prättigau gebürtigen, auch Italienisch sprechenden Mann Agostino war Deutsch. Johanna hatte Deutsch von ihrem Vater gelernt. Und sie schrieb Deutsch, nicht als Johanna Garbald-Gredig, sondern unter dem Pseudonym Silvia Andrea. Ihre Novellen, Erzählungen, Märchen und Romane kreisen um zwei Themenbereiche: die Stellung der Frau in ihrer Gesellschaft. Und die Geschichte des Bergells, des Kantons Graubünden. Zur 600-Jahr-Bundesfeier schrieb sie eine Wilhelm-Tell-Version, in der sie neue Frauenfiguren einführte; ein Kapitel spielt allein im weiblichen Refugium einer Spinnstube. Mit »Faustine«, die Ärztin ist, schafft sie einen weiblichen Faust, der zwischen Wissenschaft und Kunst die Selbstbestimmung des Menschen Frau sucht. Der Durchbruch gelang ihr mit dem Reisebuch »Das Bergell. Wanderungen in der Landschaft und in ihrer Geschichte«. Mit Fotografien ihres Sohnes Andrea versehen, erschien es erstmals 1901, wurde mehrfach aufgelegt und ins Italienische wie ins Romanische übersetzt. Silvia Andrea war Stammautorin der renommierten Schweizer Zeitung »Helvetia«; sie starb im März 1935, wenige Tage vor ihrem 95. Geburtstag, als eine beliebte und bekannte Autorin. 2014, zum Anlass des Jubiläums »150 Jahre Villa Garbald«, erschien eine vierbändige Werkauswahl. In einem ihrer letzten Texte von 1929, »Autobiographisches«, gibt sie eine schöne Sozialcharakteristik des Engadins.

Unsere Landesverhältnisse sind nicht ganz so wie in der inneren Schweiz. Im Engadin sind städtische und ländliche Elemente vielfach vermischt; reine Bauerndörfer gibt es wenige mehr. Ja, das Engadin möchte ich eine in Dörfer abgeteilte Stadt nennen, die sich über ein achtzehn Stunden langes Tal erstreckt. Alle Gesellschaftsstufen sind da repräsentiert, vom Rentier und Gelehrten bis zum Bauer und Handwerker. Das gesellige Leben ist infolge des langen Winters ziemlich entwickelt, und da die einzelnen Familienmitglieder im gleichen Dorf oft ganz verschiedene Lebensstellungen einnehmen, sind die Klassen nicht so streng geschieden wie in den Städten. Diese Vermengung bietet einem aufmerksamen Auge eine Fülle von Wahrnehmungen. Auch kennt man die Familien bis in die zweite und dritte Generation, und das Ineinanderweben von Charakter, Neigung, Überlieferung und Stellung ist leichter herauszufinden als im Treiben grosser Zentren, wo man sehr oft den Einzelnen losgelöst von der Vergangenheit vor sich hat und der Mensch überhaupt viel mehr ein Kind seines Jahrzehntes ist. Diese halb städtischen, halb ländlichen Verhältnisse sind nach meiner Ansicht für intime Beobachtung sehr günstig, erschweren aber die Auffassung des Lebens in grossen Zügen.

 

Den Engadiner gibt es nicht.

Arnout Hostens steht auf, eine Reisegruppe wartet. Im ganzen Bergell leben heute etwa 1500 Menschen, so viele wie in Villa di Chiavenna, dem kleinen Ort hinter der Schweizer Grenze. Viele Italiener aus dieser Region arbeiten im Oberengadin und kommen täglich durchs Bergell den Malojapass hinauf. Hostens hat im Oberengadin eine Pension geführt. Er kennt die langen Winter dort, das Leben mit den Touristen. Und dann die tote Saison von April bis Mitte Juni. Und im November. Lächelnd zuckt er mit den Schultern. Ja, die Touristen störten eigentlich immer. Wenn sie da sind. Und wenn sie nicht da sind, auch.

Das Bergell hat es zu keiner touristischen Hochblüte gebracht. Reisende nehmen die Umgehungsstrasse und fahren an den kleinen Dörfern mit ihren Buchsbaumgärten vorbei, sehen nicht die in riesige Steinquader gehauenen Brunnen, riechen kaum den Duft der Feigenbäume. Wenige stehen auf dem Friedhof von Borgonovo an den Gräbern der Giacomettis oder in Bondo, da, wo Willy Guggenheim (1900–1977) lebte und starb. Der Freund von Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Hugo Lötscher, ein Enfant terrible in der Schweizer Kunstszene, malte unter dem Namen des französischen Revolutionärs Varlin seine Visionen des Menschenwesens. Manchmal hält seine Tochter Patrizia Vorträge über ihn und führt in Bondo durch Varlins Wiesen mit den alten Nussbäumen, unter denen er sass, oder durch sein letztes Haus. Flüchtige Reisende nehmen davon nichts mit. Mag sein, dass sie am Kreisverkehr in Promontogno im Vorbeifahren kurz vor dem kaum modernisierten alten Grandhotel Bregaglia staunen, mit seinem diskreten Charme der Morbidität, ein ehrwürdiger Riegel im Tal, ausgerichtet auf: Italien!

Für die Engadiner beginnt spätestens im kleinen Dorf Villa di Chiavenna das andere Land. Die Preise in den Restaurants stürzen, und mit jedem Kilometer wird es südlicher. Die Kastanienhaine verschwinden, Palmen tauchen auf. Gleich sind sie in Chiavenna. Was Reisende, die in den Sommerferien im Bergell unterwegs sind (wann sonst!), nicht bedenken: Im Februar, März, April, wenn das Oberengadin noch in tiefem Schnee liegt, blüht hier, wenige Kilometer entfernt und eben 1500 Meter tiefer, schon alles. An den Wochenenden sieht man in den südlichen Steingassen, auf den mediterranen Plätzen die tapferen Engadiner aus Zuoz, Samedan, St. Moritz, eingemummelt in dicke Winterjacken, wie sie sich aufwärmen. Bei Kaffee und Dolci im Freien schnuppern sie Blütenduft, saugen frühlingshafte Italianità ein und stärken sich im Glauben, dass es bei ihnen doch auch noch einmal warm werden wird.

Wie Silvia Andrea kennt die Schriftstellerin Leta Semadeni die Sehnsucht der Oberengadiner nach dem Süden. Viele Jahre hat die gebürtige Scuolerin im berühmten Lyceum Alpinum von Zuoz einheimische und Internats-jugendliche aus der ganzen Welt unterrichtet. »Und wir Lehrer, das halbe Oberengadin, waren am Samstag in Chiavenna«, sagt sie und nimmt einen Schluck Weisswein. »Man ging auf den Markt, kaufte Käse, Obst und frische Pasta.« Wir sitzen im Crotto Ombra hinter dem Markt beim Bahnhof, das sie noch kennt aus den Zeiten, da sie in Zuoz Lehrerin war. Es gibt Gemüse und Fleisch vom Grill und Polenta und Teigtaschen, gefüllt mit Kräutern. Wein und Käse kommen aus eigener Produktion. »Von Zuoz sind es mit dem Auto anderthalb Stunden bis Chiavenna. Der Winter im Engadin ist lang, sechs Monate Schnee. Manchmal sind wir auch unter der Woche hergekommen, weil wir genug hatten von der Kälte.«

Leta Semadeni unterrichtet nicht mehr. Sie war 63 Jahre alt, als sie eines Morgens in aller Frühe – sie hatte sich den Wecker gestellt, um vor dem Unterricht noch Schülerarbeiten korrigieren zu können – auf einmal innehielt. Da habe sie schockartig gespürt: Jetzt ist es genug! Und noch am selben Tag die Kündigung eingereicht. Seither veröffentlicht Leta Semadeni ihre Gedichte, Zwillingswesen in Vallader und Deutsch (die bis dahin nur sporadisch in Zeitschriften erschienen waren), erfolgreich als Bücher. 2015 hatte sie mit ihrem ersten Roman »Tamangur« internationalen Erfolg. Er heisst nach dem im Unterengadiner S-charl-Tal beginnenden höchsten Arvenwald Europas, der wegen seiner Widerstandskraft zugleich ein Symbol der Engadiner für ihre romanische Muttersprache ist. Das Buch handelt von der Lebensgemeinschaft einer Grossmutter mit ihrer Enkelin in einem Dorf, das an Leta Semadenis Geburtsort Scuol erinnern mag. Grossmutter und Enkelin beziehen sich in ihrer melancholisch-liebevollen Zweisamkeit immer wieder auf den gestorbenen Grossvater, der jetzt (und hier hat Leta Semadeni den Mythos des Waldes erweitert) in Tamangur ist: im Paradies der Jäger. So ist »Tamangur« ein Wald, eine Sprache und ein Gedenken.

Gut möglich, dass Grossmutter und Enkelin zwei Seiten eines Autorinnen-Ichs sind. Die Grossmutter spricht und handelt aus einer grossen Lebenserfahrung heraus (sie ist, wie Leta Semadeni, weit gereist, kennt Paris, Venedig, lebte in Südamerika); das Kind sieht vieles wie zum ersten Mal, fragt unvoreingenommen, staunt und grüsst die vorbeikommende Ziege. So öffnet »Tamangur« in 73 kurzen Kapiteln eine intime, eine poetische Welt in einem Engadin der »halb städtischen, halb ländlichen Verhältnisse«, gerade weil »die Auffassung des Lebens in grossen Zügen« hier doch sehr schwer ist.

 

Bünde im Bergland

Die Geschichte Graubündens, die Geschichte des Engadins liesse sich anschaulich unter den Begriff der Wirren (→ Jenatsch und die Bündner Wirren) fassen. Standen hier doch kleine frühdemokratische Gemeinden, die sich irgendwie organisierten (ein venezianischer Gesandter sprach einmal von »purer Anarchie«), in einem Kräfteringen mit europäischen Grossmächten. Und was war der Grund? Die eigensinnigen Bergler sassen an entscheidenden Alpenpässen und kontrollierten damit den Zugang zu zentralen Handelswegen. In diese Dynamik hinein kam dann noch das sozialpolitische Schwarzpulver von Reformation und Gegenreformation.

Aber fangen wir vorsichtig von vorne an.

Im 14. Jahrhundert bildeten sich innerhalb des Heiligen Römischen Reichs auf dem Gebiet der heutigen Schweiz »Eidgenossenschaften« als ein lockeres Geflecht von Bündnissen. So entstand zunächst die Eidgenossenschaft der »Acht alten Orte«. Es war die Erweiterung der drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden um die Ortschaften Luzern, Zürich, Zug, Bern und schliesslich Glarus. In dieser Zeit standen die Gemeinden im Engadin zwischen zwei Machtpolen: dem Bischof von Chur und den Grafen von Tirol. Die adligen Familien waren Gefolgsleute beider, da sich deren Rechte überlappten. War etwa der Bischof von Chur für die niedere Gerichtsbarkeit zuständig, so kümmerten sich die Grafen von Tirol um die kapitaleren Verbrechen.

Die letzte Tiroler Herrscherin war die schöne Gräfin Margarete. Da sie selbstbewusst lebte, ihren ersten, ungeliebten Gatten vertrieb und einen besseren heiratete, bekam sie den bösen Beinamen »Maultasch«, was so viel wie Hure oder liederliches Weib bedeutete. Nach dem Tod von Mann und Sohn übertrug sie ihre Herrschaft einem nahen Habsburger Verwandten. Dieser nun kaufte dem Bischof von Chur seine Rechte für die interessante Alpenregion weitgehend ab.

Um den so immer mächtiger werdenden Habsburgern die Stirn bieten zu können, schlossen sich 1367 nach dem Vorbild der Eidgenossenschaften in der Innerschweiz nun auch die Gemeinden im Osten zusammen: in der alten Region des heutigen Engadins und seiner Südtäler, im Bergell und einigen nördlich gelegenen Regionen wie Bergün, Oberhalbstein und eben Chur. Sie nannten sich »Gotteshausbund« und führten im Wappen einen schwarzen, sich aufbäumenden Steinbock auf weissem Grund (dieser schwarze Steinbock hat eine feuerrote Zunge, eine ebenso feuerrote kleine Markierung oberhalb seiner Hoden und macht einen sehr vitalen Eindruck). Weitere Gemeinden auf dem Gebiet des heutigen Graubündens folgten ihnen mit dem »Oberen oder Grauen Bund« (1424) und dem »Zehngerichtebund« (1436). Gegen Ende des Jahrhunderts vereinigten sie sich zu den »Drei Bünden«. Man traf sich und verhandelte miteinander; die Unabhängigkeit der einzelnen Gemeinden und ihrer Gerichte blieb dabei aber immer gewahrt.

Während des »Schwäbischen Kriegs« 1499, in dem die Eidgenossen um eine weitgehende Autonomie innerhalb des Heiligen Römischen Reichs kämpften (sie wollten keine Steuern mehr zahlen und rechtlich nicht dem Reichskammergericht unterworfen sein), kam es zu der für das Engadin entscheidenden Calvenschlacht im Val Müstair. Der Rätoromane Benedikt Fontana aus der Region Oberhalbstein, bischöflicher Vogt und Ministerialer im Gotteshausbund, schrieb hier ein Stück Schweizer Heimatmythos. Als nämlich der kommandoführende Hauptmann (nein, kein Romane!, sondern ein Mann aus Zürich) verzagte und die Schlacht schon aufgegeben hatte, soll Benedikt Fontana siegesentschlossen die Befehlsgewalt übernommen und die Truppe weitergeführt haben. Er wurde schwer verletzt. Sterbend habe er die Kameraden noch zum letzten Kampf aufgerufen mit den seither viel zitierten Worten: »Frestgamaintg anavant, mies mats! Ia sung angal en om, betg az starmante; oz Grischuns e las Leias u mai ple!« (»Frisch auf, meine Jungen, ich bin nur ein Mann, achtet meiner nicht; heute noch Bündner und die Bünde oder nimmermehr!«) So jedenfalls schrieb es der Unterengadiner Reformator Durich Chiampell, mit seiner Psalmenübersetzung und seinen Liedern erster Schriftsteller im romanischen Idiom Vallader (→ Rätoromanisch, → Chantar), 1570 in seiner Muttersprache auf. Doch es findet sich noch eine frühere Nachricht zu Benedikt Fontana. Der Humanist und frühlateinische Autor Simon Lemnius (aus St. Maria im Val Müstair, seine Mutter war eine Senterin) verfasste ein Werk über den Schwabenkrieg und die Calvenschlacht, das 1550 unvollendet erschien, als er 39-jährig in Chur der Pest erlag. Lemnius, der in Wittenberg studiert hatte, war übrigens in eine heftige Fehde mit Luther verwickelt. So schrieb er etwa die »Monachopornomachia«, den »Mönchshurenkrieg«, in dem er die Lebensführung Luthers und seiner Frau kritisierte. Seinen grossen sterbenden Helden Fontana lässt er so sprechen: »Socii vos, tendite contra vallum igens telis; hodie est, aut Raetia nunquam amplius extabit, patriam defendite dextra!« In einer älteren Übersetzung: »Gefährten! Erstürmt mir den Wall, der so grimmig mit Geschützen gespickt ist! Denn Rätien – heut oder nimmer – wird weiterbestehn, drum verteidigt in Treue die Heimat.« Das sind patriotische Urworte, die über die Jahrhunderte weiterwirkten.

Die Calvenschlacht wurde (wie der Schwabenkrieg insgesamt) gegen Habsburg gewonnen. Die Drei Bünde konnten sich behaupten! Nun wurden sie übermütig.

Das Herzogtum Mailand war 1500 an Frankreich gefallen. Die Eidgenossen und mit ihnen die Drei Bünde waren Verbündete von Frankreich gewesen. Nun wechselten sie die Seite, koalierten mit dem Papst und versuchten, die Franzosen aus Norditalien zurückzudrängen und damit auch die Kontrolle über die Südseite der Alpenpässe zu gewinnen. In den »Mailänder Kriegen« (1500–1515) waren sie zunächst erfolgreich und eroberten das Veltlin und Teile der Lombardei. Während die braven Bündner aber mit Hellebarden, Lanzen und Musketen Mann gegen Mann vorgingen, setzten die Franzosen nun schon Kanonen ein. In der Schlacht von Marignano (1515) in der Lombardei schlugen sie die traditionellen Kämpfer. Aber nicht vernichtend. Es kam zu einem Kompromiss-Friedensvertrag, bei dem die Eidgenossen und die Drei Bünde das Tessin und das Veltlin behalten durften. Das katholische Veltlin war jedoch kein gleichberechtigter Partner innerhalb der Bünde, sondern wurde »Untertanenland«. Und ein, zwei Generationen später rückten die reformierten Pfarrer ein. Das konnte nicht gutgehen.

Der Schulterschluss der Drei Bünde aber stabilisierte sich weiter. In den »Ilanzer Artikeln« (1524 und 1526) konnten sie ihre Bündnisstruktur festschreiben. Die Statuten betonten die Souveränität der Gemeinden, die Macht der Gerichtsorte und legten – gegen die Tradition feudaler Herrschaft – die Grundlagen für eine föderalistische, demokratische Gesellschaftsordnung. Von einer modernen zentralstaatlichen Verwaltung war man aber weit entfernt. Jede Einzelgemeinde war für sich fast so etwas wie ein eigener Kleinstaat; daran änderte sich auch in den folgenden Jahrhunderten nichts (→ Cumün). Die Rechte des Bischofs wurden beschnitten, Frondienstbarkeit und Zehntabgaben radikal reduziert. Die Klöster unterstanden nun weltlicher Kontrolle.

Ausgehend von Zürich, erreichte in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Reformation Graubünden. Prediger verbreiteten das Wort Zwinglis und des Churer Stadtpfarrers Johannes Comander. Der rührigste Reformator im Engadin war der mit Comander befreundete Theologe Philipp Gallicius. Nach den Ilanzer Artikeln lag die Entscheidung über die Religionszugehörigkeit klar bei den Gemeinden. So kam es zur Aufsplitterung Bündens in überwiegend katholische – etwa Surselva, Puschlav, Oberhalbstein, Misox – und überwiegend reformierte Regionen: etwa Bergell, Prättigau, das Val Müstair (ohne den Ort Müstair mit seinem Kloster aus der Karolingerzeit), Schanfigg, Rheinwald. Im Engadin traten bis 1576 fast alle Orte (mit Ausnahme der Unterengadiner Gemeinden Samnaun und Tarasp) zum neuen Glauben über.

Die Engadiner Reformation wird nun entscheidend für die Entstehung eines romanischen Selbstbewusstseins (→ Rätoromanisch). Das Wort Gottes soll, damit das Volk es ja verstehe, in seiner Muttersprache gehört werden. Die Bibel wird ins Romanische übersetzt; diese Übersetzungen sind die ersten schriftlichen literarischen Zeugnisse auf Romanisch. 1560 erscheint zunächst das Neue Testament im Oberengadiner Idiom Puter. Es ist die Übertragung von Giachem Bifrun, einem humanistisch gebildeten Juristen aus einer angesehenen Oberengadiner Familie. Aufgewachsen in Samedan, studierte Bifrun in Zürich und Paris, bevor er in sein Heimattal zurückkehrte, dort politische Ämter übernahm und sich, gleichsam nebenberuflich, im Sinn der Reformatoren für die Vermittlung des Gottesworts in seiner Muttersprache einsetzte. Neben der Bibelübersetzung verfasste er einen Katechismus und ein Schulbuch für den Elementarunterricht (»La Taefla«, »Die Tafel«). Es waren drei Zeugnisse dafür, dass das Romanische zur Schriftsprache taugte. Denn bis dahin waren Intellektuelle davon ausgegangen, dass diese Bauernsprache nur für den mündlichen Verkehr geeignet sei. Ägidius Tschudi, der erste Historiker der Schweiz (von ihm bezog Schiller das meiste Material für seinen »Wilhelm Tell«), hielt es 1538 noch für ausgemacht, dass man »Churwelsch« – so die damalige Bezeichnung für die rätoromanische Sprache – »nit schryben kann«. Ausserdem hätten die Leute genug zu tun mit dem Kampf gegen die alpine Wildnis, »dann sie sonst nit iro narung haben«. Sie brauchten »Mistgabeln und Sägen«, nicht Feder und Papier.

Es gibt tatsächlich kaum geschriebene Zeugnisse des Rätoromanischen im Mittelalter. Nun aber kristallisierte sich allmählich eine romanische Schriftsprache heraus, vorerst in den zwei Idiomen des Engadins. 1562, also fast zeitgleich mit Bifruns »Nuof Sainc Testamaint«, veröffentlichte Durich Chiampell (das ist der Gelehrte, der den Heldenmythos der Calvenschlacht unters Volk brachte) seine Übersetzung der Psalmen »Ün cudesch da Psalms«, das erste gedruckte Werk in der Sprache des Unterengadins, dem Vallader. Es sollte noch rund fünfzig Jahre dauern, bis die anderen Täler nachzogen: 1601 und 1611 erschienen die ersten Katechismen auf Suotsilvan und Sursilvan. Jauer, das Idiom des Val Müstair, ist keine Schriftsprache geworden.

 

Capuns

Helen geht in den Garten und schneidet fleischige Blätter ab. Sie nennt sie »Krautstiel«; für mich wäre das Mangold. Nein, sagt sie, in der Schweiz sage man Mangold zu niedrigeren Pflanzen, die nicht den starken Mittelstrunk haben. Normalerweise mache man Capuns mit Mangoldblättern, aber im Garten gebe es jetzt eben nur noch Krautstiel (oder das, was in Deutschland Mangold oder auch Schnittmangold wäre). Und auf Romanisch?, frage ich. »Oh«, sagt sie, »frag mich!« (»Manget« oder »piessas«, schaue ich später im Internet nach. Und beide Wörter bezeichnen Mangold wie auch Krautstiel. Aber Kinder sagen auch »I da amo capuns aint il üert« – »Schau, es hat noch Capuns im Garten«. Für sie ist das Blatt schon die Mehlspeise.)

»Mama, wo häsch d’ Putzhändschä?« Luzia, die 24-jährige Tochter von Helen, kommt in Unterhemd und Jeans in die Küche. Sie studiert in Zürich an der Höheren Fachschule medizinische Laborantin und ist nur ab und an über das Wochenende zu Hause. So ein liebes Kind, sage ich, kommt heim und putzt! »Ach was«, sagt Helen, »sie braucht die Handschuhe, weil sie sich die Haare mit Henna färben will.« Auch Helen findet keine in den Schubladen, wo sie sein könnten. Luzia springt in den Dorfladen Volg. Helen beginnt, auf einem Brettchen die weissen Mittelstrünke der Krautstielblätter auszuschneiden. Sonst brechen sie beim Wickeln. Dann wäscht sie unter Wenden das lappige Grün unter fliessendem Wasser. Sie legt die Blätter auf einen Stapel. Immer wieder zupft sie eine kleine Schnecke ab und wirft sie aus dem offenen Fenster. »Schneckenpost!«, sagt sie.

Helen ist im Unterland geboren, bei Winterthur. Die Liebe hat sie ins Engadin gebracht. Nach der Trennung von Gisep blieb sie in Sent, im alten Engadinerhaus, dem Geburtshaus ihres Mannes, und zog hier mit Werner, ihrem neuen Freund, die drei Kinder gross. Auch Gisep blieb im Dorf, so konnten die Kinder mit beiden Elternteilen aufwachsen. Auf dem Herd hat sie Salzwasser zum Kochen gebracht. Es scheint zu wenig, sie schüttet von einem zweiten Topf dazu. Sie nimmt fünf, sechs Blätter und legt sie in das sprudelnde Wasser. »Für vielleicht eine Minute«, sagt sie. Die Blätter dürfen nicht zu weich werden.

Luzia steht wieder im Raum, sie greift nach dem kleinen Topf. »Ach«, sagt sie, »jetzt häsch mis Wasser gno.« Sie füllt Wasser nach. Sie wedelt mit den Putzhandschuhen. Auf einem Bratenwender mit Rillen fischt Helen die blanchierten Blätter aus dem Topf und gibt sie vorsichtig in das Spülbecken, das sie mit kaltem Wasser gefüllt hat. Sie legt neue Blätter ins kochende Wasser. Luzia kippt Hennapulver in ihren kleinen Topf. In der Küche mischen sich der Geruch von Henna und Krautstiel.

Helen hat ein Plastikbrettchen schräg auf die Spüle gestellt und legt nun einzeln die abgekühlten Blätter darauf. Eines über das andere. Sie drückt etwas dagegen; so tropfen sie schneller ab. Luzia nimmt eine offene Rotweinflasche vom Regal und giesst Wein in die Henna-Wasser-Mischung. »Ich hätte kein Wasser genommen«, sagt Helen. »Nur Rotwein oder Schwarztee, dann wird die Farbe intensiver.« Sie nimmt die nächsten blanchierten Blätter aus dem Topf, gibt sie ins kalte Wasser. Luzia verschwindet mit der Pampe.

Helen kommt mit geräucherten Würsten. »Das sind jetzt extra magere Würste«, sagt sie. »Die Engadiner würden die nicht nehmen, sie haben gern Fett.« Sie schneidet die Würste in Längsstreifen. »Und dann noch quer«, sagt sie, »schau. Magst du sie so in kleine Würfel schneiden? Und dann gibst du sie zum Mehl.« Sie stellt eine Schüssel mit Weissmehl auf den Tisch. »300 Gramm Mehl, drei Würste. Mindestens.« – »Mama, häsch gschwind Ziit?«, ruft Luzia aus dem Bad. Helen drückt mir den Bratenwender in die Hand. Ich fische nach den Blättern. Und spickle den beiden nach. Luzia steht vor dem Badezimmerspiegel, eine aufgeschnittene Plastiktüte über der heuigen Hennamasse auf dem Kopf. Nun kommen feuchte heisse Tücher darüber. Helen hilft ihr, alles unter einem Frotteehandtuch-Turban unterzubringen.

Ich lege abgekühlte, lappige Blattindividuen auf das schräge Brett. Manche haben Fresslöcher von den Schnecken. Das mache nichts, hat Helen gesagt, die brauchen wir dann zum Flicken. Helen kommt mit einem Sechserkarton Eier. Ich verquirle sie mit einer Gabel in einer Schale. Helen gibt drei Teelöffel Meersalz zu der schaumigen Masse. Dann greift sie ins Gewürzregal. Harissa-Pulver, eine marokkanische Mischung. Schwarzer Pfeffer. Gelber Curry ginge auch. Aber die Engadiner machen das nicht so?, frage ich. »Nein«, sagt sie. »Die Engadiner nehmen Salz und Pfeffer und vielleicht zu den Wurstwürfeln noch kleingeschnittenen Speck. Du kannst das beim Metzger auch als fertige Mischung kaufen.« Luzia kommt in die Küche mit blauem BH, blauem Slip und einem grünen Turban auf dem Kopf. Sie nascht von den Wurstwürfeln und ist schon wieder verschwunden. Helen gibt drei Deziliter Wasser zum geschlagenen Ei. »Du kannst auch Milch nehmen oder Wasser mit Milch.« Dann giesst sie die Flüssigkeit in die Mehl-Wurst-Mischung und beginnt, von der Mitte aus mit dem Kochlöffel einen Teig zu rühren. Sie schlägt die Masse, bis sie Blasen wirft.

»Jetzt machen wir Päckchen«, sagt sie. Sie legt ein grosses Blatt vor sich. »Schau, da hat es Löcher, da legst du ein zweites kleines Blatt drauf und flickst es so.« Ich lerne: Es gibt schöne Blätter und Blätter zum Flicken. Und sehe, dass Helen die Blätter in zwei Stapeln sortiert hat. Sie nimmt mit zwei Teelöffeln Teigmasse aus der Schüssel, gibt sie in die Mitte des Blatts. Und schlägt um: von oben, von unten, von rechts, von links. Sie setzt das Päckchen in eine hitzefeste Auflaufform aus Glas. »Der Teig ist ein wenig flüssig«, sagt sie und wechselt von Teelöffeln zum grösseren Suppenlöffel. Blatt herrichten, mit einem zweiten oder dritten unterlegen. »Wenn du wenig Blätter hast, flickst du durch Falten. Aber wir haben heute genug.« Teig darauftun, umschlagen. In die Form setzen. Als am Ende noch Blätter übrig sind, nimmt Helen das eine oder andere Päckchen wieder aus der Form heraus und gibt ihm einen zweiten Blattmantel. »Ich habe es gern, wenn die Capuns viel Grün haben, sonst kannst du ja grad so gut Spätzle machen.« Sie hat eine Gemüsebouillon angerührt – »die Engadiner würden Fleischbouillon nehmen« – und giesst sie über die Capuns, sodass sie gerade bedeckt sind. Jetzt kommen sie in den Ofen bei 220 Grad. »Ich benetze sie zwischendurch, damit sie nicht hart werden.«

»Wann gibts z’ässe?« Luzia mit Turban und blauem BH streift durch die Küche, sie trägt jetzt eine Sporthose mit Lederhosendesign samt aufgenähten Hirschhornknöpfen. Nach 20, 25 Minuten wird Helen die Capuns aus dem Ofen nehmen, umdrehen und eine Weile stehen lassen, damit sie die Bouillon aufsaugen. »Wenn es zu viel Flüssigkeit ist, schütte ich sie am Ende ab.« Nach der Wartezeit dreht sie sie wieder um. »Aus Schönheitsgründen, aber das ist albern, man sieht es später nicht.« Nun giesst sie Sahne darauf – »so nach Gefühl« – und reibt Parmesan darüber. Unter dem Reiben verschwinden die Capuns wie eine Wiese unter Schnee. »Die Engadiner würden jetzt noch Butterflöckchen drübergeben, damit der Käse besser schmilzt, aber ich nehme lieber noch ein wenig Sahne.« Nun kommen die Capuns für weitere 10 bis 15 Minuten in den Ofen, bis der Käse zu einer schönen, braunen Decke geworden ist, durch die ab und an etwas Grün blitzt.

Wir sitzen am Tisch. Helen hat nebenbei aus den abgeschnittenen Krautstielstrünken ein kleines Gemüse gekocht, es gibt auch Rote-Bete-Salat mit Rapssamen. Und in der Mitte des Tischs dampfen die Capuns. Helens Mann Werner ist gekommen, Luzias Freund Michael, und Luzia sitzt neben ihm mit den schönsten kupferroten Haaren, nun in einem rosa Top. Helen teilt aus. Werner will keine Sahnesauce, Luzia will viel. Sie sprechen über den neuen Schellen-Ursli-Film (→ Guarda, → Kleine Helden). Nein, der sei nicht kitschig. Und die Geschichte sei erweitert, aber es sei schon noch die Geschichte aus dem Buch da. »Ich habe immer geschaut, wen ich kenne.« Luzia zählt auf, wer alles vom Dorf oder aus Nachbardörfern mitspielt. Die andern ergänzen. »Und sie haben im Prümaran Prà San Flurin gedreht. Es gibt in der Schweiz ja kaum noch so ein original belassenes Maiensäss mit den alten Kesseln zum Käsen wie bei uns.« – »Und weisst du, die Szene, wo Schellen-Ursli auf der Glocke den Hang runterfährt, das hat nicht der Junge aus Chur gemacht. Das ist gedoubelt.« – »Ja, das ist schwierig, das ist gefährlich, das kann so einer aus der Stadt nicht.« – »Hast du das gesehen, wie der auf der Glocke da lossaust, wie der das Gleichgewicht hält?« – »Bah, wer sollte das sonst doubeln, wenn nicht ein Riatsch aus Sent! Der Albin war’s.« – »Übrigens, Mama«, kaut Luzia, »die Capuns sind megagut.« Alle nicken. Und Helen teilt noch einmal aus.

Angelika Overath

Über Angelika Overath

Biografie

Angelika Overath wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Sie arbeitet als Reporterin, Literaturkritikerin und Dozentin und wurde u.a. mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis und dem Ernst-Willner-Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrem Mann seit neun Jahren in Sent, Graubünden;...

Pressestimmen

Die Alpen (CH)

»Erstaunlich, wie sie dem schon so oft beschriebenen Engadin neue, überraschende Seiten abgewinnt. Die 43 Geschichten lesen sich leicht und stimmen so richtig ein auf den Moment, da man aus dem Tunnel in die Sonne des Engadins fährt.«

Schaffhauser Nachrichten (CH)

»Mit dem Blick der Fremden-Einheimischen ist ihr eine kenntnisreiche Hommage gelungen, geordnet nach dem Alphabet, angereichert mit Recherchen, Erfahrungen, Interviews und Gesprächen: ein Must für alle Neugierigen mit Sinn fürs Besondere.«

Piz Magazin (CH)

»Voller Zuneigung entwirft sie das Panorama einer Region. (...) Sie taucht ein in die Sprache, die Geschichte und die Gemeinschaft der Engadiner.«

Der Schrittler

»Indes ist nun auch das Engadiner Literaturwerk mit Angelika Overaths ›Gebrauchsanweisung für das Engadin‹ um einen Glanzpunkt reicher und bietet selbst für eingefleischte Kenner die eine oder andere Novität.«

AutoRevue (A)

»Engadin ist eine sehr sehenswerte Gegend, die man mit diesem Buch schon einmal lesend bereisen kann.«

bn Bibliotheksnachrichten (A)

»Ein sehr informatives, interessantes und feinfühlig recherchiertes Buch. (...) Engadin zum ›Erlesen‹.«

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