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Ewig sollst du büßen

Ewig sollst du büßen

Thriller

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Ewig sollst du büßen — Inhalt

Anna Curtis hat endlich ihren Traumjob als Staatsanwältin. Sie liebt ihr Leben in Washington, D.C. Und dann sind da noch der gefährlich gut aussehende Inspector Jack Bailey und der attraktive Anwalt Nick Wagner … Ihr neuester Fall bereitet Anna allerdings Kopfzerbrechen: Bereits zum dritten Mal wurde Laprea Johnson von ihrem Freund Deonte verprügelt. Doch Laprea zieht kurz nach Prozessbeginn die Anzeige zurück. Eine Woche später ist die Frau tot. Brutal erschlagen. Der Hauptverdächtige ist natürlich Deonte. Sein Verteidiger: ausgerechnet der charmante Nick Wagner …

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 10.12.2013
Übersetzt von: Barbara Krause
478 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98027-2

Leseprobe zu »Ewig sollst du büßen«

Leseprobe

KAPITEL1

Der Kaffee im Gericht war schrecklich, aber am Morgen nach Valentinstag kam keine Staatsanwältin für häusliche Gewaltdelikte ohne Koffein aus. Anna goss die pechschwarze Brühe in einen Styroporbecher, nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. Kochend heiß und bitter – der richtige Start in einen Tag, an dem sie sich um die Verbrechen der letzten Nacht kümmern musste. Wenigstens würde sie Hilfe haben. Anna zog ihr Handy heraus und rief ihre Bürokollegin an.

»HG, Erfassungsraum«, antwortete Grace in forschem Singsang.

»Hi, ich bin in [...]

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Leseprobe

KAPITEL1

Der Kaffee im Gericht war schrecklich, aber am Morgen nach Valentinstag kam keine Staatsanwältin für häusliche Gewaltdelikte ohne Koffein aus. Anna goss die pechschwarze Brühe in einen Styroporbecher, nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. Kochend heiß und bitter – der richtige Start in einen Tag, an dem sie sich um die Verbrechen der letzten Nacht kümmern musste. Wenigstens würde sie Hilfe haben. Anna zog ihr Handy heraus und rief ihre Bürokollegin an.

»HG, Erfassungsraum«, antwortete Grace in forschem Singsang.

»Hi, ich bin in der Cafeteria. Soll ich dir einen Kaffee mitbringen?«

»Das wäre großartig.« Dann fügte Grace leise hinzu: »Und nimm einen Stapel Servietten mit. Hier blutet eine Frau deinen ganzen Stuhl voll.«

Grace war seit vier Monaten Staatsanwältin, doch auch Anna war noch nicht so lange dabei, dass diese Information sie nicht aufgeschreckt hätte. »Sollen wir einen Krankenwagen rufen?«

»Es geht ihr gut. Sie hat einen Haufen Schrammen und Blutergüsse, und ihre Nase blutet übel. Aber nichts Lebensbedrohliches. Ich kümmere mich, bis du hier bist. Und kannst du mir noch einen Muffin mitbringen? Ich komme um vor Hunger.«

»Klar. Bin gleich da.«

Anna fand Graces Ruhe beeindruckend, schnappte sich einen Muffin und stellte sich zum Bezahlen an. Drei Leute standen vor ihr: ein großer Typ in einem dunklen Anzug, ein Mann, der ein Trikot von den Redskins über einem blauen Hemd trug, und eine dralle Frau mit Netzstrümpfen in einem Minirock aus Spandex. Bei dem ersten Mann tippte Anna auf Rechtsanwalt. Dann ein Polizist, der seine Uniform verbarg, damit er vor den Fragen der Gerichtsbesucher sicher war. Und eine Prostituierte, die gerade mit ihrem Job fertig war und ihren Bewährungshelfer treffen wollte. Was Anna an dieser schlimmen Cafeteria im Keller des Gerichts so schätzte, war ihre Demokratie. Der Cop könnte die Prostituierte heute Nacht verhaften, und der Anwalt könnte den Cop während des Kreuzverhörs in die Mangel nehmen, aber jeder musste in derselben Schlange auf seinen Teller Cornedbeef warten.

Nachdem Anna bezahlt hatte, eilte sie zum Serviettenspender, doch der große Anwalt vor ihr hatte sich gerade die letzten genommen.

Sie blickte ihn bestürzt an. »Also, ich brauche die da jetzt dringend«, sagte sie und nickte zu den Servietten in seiner Hand.

Irgendwie kamen ihr das dunkle Haar und die schlaksige Figur bekannt vor, aber hier auch irgendwie fehl am Platze. Sein maßgeschneiderter Anzug und seine butterweiche Ledermappe waren eigentlich im Bundesgericht ein Haus weiter üblich und zeigten, dass er ein paar Gehaltsklassen über dem hier im Superior Court von D.C. verkehrenden Publikum lag. Er gehörte höchstwahrscheinlich einer der großen Washingtoner Anwaltskanzleien an, hatte einen der hoch bezahlten Jobs, die sie abgelehnt hatte, um für den Staat zu arbeiten.

Der Mann blickte auf sie herunter und grinste plötzlich. »Anna Curtis! Hey! Das ist eine ganze Weile her.«

»Hi, äh …« Sie schüttelte ihren Kopf.

»Nick Wagner. Harvard, juristische Fakultät. Ich hatte einen lächerlichen Bart. Und Haare bis hierher.« Er zeigte es an seiner Schulter an und wurde ein wenig rot. »Dein Team hat meins in der letzten Runde von Ames Moot Court geschlagen. Ihr habt uns ehrlich gesagt ziemlich in den Hintern getreten.«

»Nick! Du hast im Hark immer freitags zur Happy Hour Gitarre gespielt.«

»Richtig, genau so ist es.« Sein Lächeln wurde breiter. »Ich habe das Gefühl, dass du mich mehr beeindruckt hast als ich dich.«

»Es tut mir sehr leid, aber ich habe es ziemlich eilig und brauche diese Servietten.«

Nick legte sie feierlich auf ihre Handfläche. »Irgendwas verschüttet und nun brennt’s?«

»Vielen Dank. Blutende Nase. Misshandlungsopfer im Erfassungsraum. Also – ich muss los.« Anna machte sich auf den Weg aus der Cafeteria und blickte mit Bedauern über ihre Schulter zurück. »Es tut mir leid, dass ich jetzt keine Zeit zum Reden habe.«

Nick lief neben ihr durch den verwinkelten Keller des Gerichts. »So, du bist nun also Staatsanwältin – und hast Aktendienst am Tag nach Valentin? Was hast du denn verbrochen, den Hund vom Bundesstaatsanwalt überfahren?«

Sie musste lachen. Den Papierkram zu erledigen, war die am meisten verachtete Beschäftigung bei der Bundesstaatsanwaltschaft, eine Aufgabe, zu der nur die unerfahrensten Staatsanwälte herangezogen wurden. Anna würde Kriminalakten für die Festnahmen der letzten vierundzwanzig Stunden anlegen müssen: Informationen in den Computer eingeben, Papierkram der Polizei einsortieren, ganze Lebensgeschichten voller Gewalt in dünnen braunen Schnellheftern ablegen. Die Langeweile wurde nur unterbrochen, wenn ein Opfer persönlich vorbeikam und seine traurige Geschichte selbst erzählte. Und am Valentinstag passierte üblicherweise die meiste häusliche Gewalt. Menschen waren sich untreu, beachteten die Mutter ihres unehelichen Kindes mehr als ihre Ehefrau oder vergaßen einfach eine Karte zu besorgen. Es war erstaunlich, wie oft der Streit von Liebespaaren im Gefängnis endete.

»Ich habe erst im Januar angefangen«, erklärte Anna, »und kann deshalb noch schikaniert werden.«

»Na, wir sollten uns auf jeden Fall mal treffen.«

»Klar«, antwortete sie, als sie um eine Ecke bogen. Der Flur vor dem Erfassungsraum war voll mit Polizisten. Es würde ein langer Tag werden.

»Wollen wir heute Abend zusammen essen gehen?«, fragte Nick.

»Ich weiß nicht.« Anna blickte ihn von der Seite an, ohne langsamer zu laufen. Trotz des schlechten Timings war es ein verlockendes Angebot. Sie hatte Heimweh und in der neuen Stadt noch keinen Anschluss gefunden. Es wäre nett, mit einem alten Bekannten von der Uni zu plaudern. Sie blieb vor dem Erfassungsraum stehen und gab ihm ihre Visitenkarte. »Ruf mich später an. Dann weiß ich, ob es klappt.«

»Das werde ich tun.«

Er lächelte sie an: warm und strahlend. Ganz gegen ihre Natur fühlte sie sich zu ihm hingezogen. Vielleicht würde der Tag nach Valentin doch nicht ganz so schlimm werden.

Der Gedanke verflüchtigte sich jedoch, als sie in den Erfassungsraum kam.

Eine zierliche Frau saß an einem der zwei sich vor Unterlagen biegenden Schreibtische zwischen Grace und einem Polizisten in Uniform. Blut war durch ihre weiße Bluse gesickert und auf das graue Linoleum unter ihren Füßen getropft. Ein paar rote Flecken waren sogar unten an der mintgrünen Betonziegelwand zu sehen. Zwei völlig zugeschwollene Augen entstellten ihr hübsches braunes Gesicht, und rote Abschürfungen verliefen kreuz und quer über ihre linke Wange. Sie hielt ein mit Blut bespritztes Blatt Papier unter ihre Nase, wiegte sich vor und zurück und stöhnte leise.

Obwohl Anna in letzter Zeit viele Polizeiberichte gelesen hatte, in denen entsetzliche Verletzungen beschrieben wurden, hatte sie eine so schrecklich zugerichtete Frau seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen. Eine Welle von Erinnerungen, Schuld und Wut ließ sie für einen Moment wie betäubt innehalten, doch heute musste sie sich um die Fälle kümmern, und dieses Opfer fiel unter ihre Verantwortung. Sie biss die Zähne zusammen, ging auf die Frau zu und streckte ihr die Servietten entgegen. »Hier«, sagte sie sanft, »nehmen Sie die.«

Die Frau tauschte sie dankbar gegen das Blatt Papier unter ihrer Nase aus.

»Ich bin Anna Curtis, Staatsanwältin bei der US-Bundesstaatsanwaltschaft. Ich werde mich um Ihren Fall kümmern.«

»Laprea Johnson«, sagte die Frau. Ihre Stimme war so leise, dass sie kaum zu hören war.

Plötzlich keuchte Laprea. Ihr vorher schmerzverzogenes Gesicht wurde zu einer wütenden Maske. Zuerst fragte sich Anna, ob sie etwas gesagt hatte, das die Frau so verärgerte.

Doch sie blickte an Anna vorbei – auf Nick, der immer noch in der Tür stand. Sein Gesicht war aschgrau geworden. Die verletzte Frau spuckte ihm ihre Worte entgegen: »Was zum Teufel machen Sie denn hier?«

KAPITEL2

Laprea Johnson konnte nicht fassen, wer da in der Tür stand. War sie den ganzen Weg hierhergekommen, nur um ihn zu sehen? Was war das denn für ein kranker Scherz?

»Laprea – oh nein.« Nick stöhnte und trat in das Büro. »War es …«

»D’marco?« Laprea erhob sich und ging auf Nick zu. »Du weißt das.«

»So ein Mist, Laprea, es tut mir so leid.«

»Das sollte dir auch leidtun!« Sie stellte sich auf Zehenspitzen so nah an Nick, dass ihre Nase fast sein Kinn berührte. Sie war kurz davor, ihm ins Gesicht zu schlagen.

Der Polizist legte Laprea eine Hand auf ihren Arm und zog sie ein paar Schritte zurück. »Hey, hey. Ganz ruhig, Ma’am«, sagte er. »Beruhigen Sie sich.«

Laprea zog ihren Arm weg, ließ sich aber durch den freundlichen Gesichtsausdruck des Polizisten besänftigen. Officer Bradley Green war höflich und angenehm gewesen, seit er nach ihrem Notruf in ihrem Haus aufgetaucht war. Man konnte ihm nicht böse sein.

»Ich bin sicher, dass D’marco sich deswegen sehr schlecht fühlt«, sagte Nick.

»Er fühlte sich allerdings recht gut, als er seine Faust in mein Gesicht rammte!« Laprea starrte Nick an. In gewisser Weise war es seine Schuld.

»Entschuldigung«, sagte Anna und trat zwischen sie. »Kennen Sie beide sich?«

»Er ist der Anwalt von D’marco.« Laprea deutete auf Nick.

Anna wandte sich überrascht an Nick. »Du vertrittst den Mann, der sie zusammengeschlagen hat?«

»Angeblich zusammengeschlagen«, entgegnete Nick automatisch. »Ich bin Pflichtverteidiger und habe D’marco Davis während der letzten zwei Jahre wegen verschiedenster Dinge vertreten.« Er drehte sich wieder zu Laprea. »Es tut mir wirklich leid. Ich werde mit ihm reden.«

»Man muss nicht mit ihm reden!«, rief Laprea. »Er muss weggesperrt werden!«

»Nick, ich denke, du solltest das Büro besser verlassen«, sagte Anna. »Jetzt gleich.«

»Das stimmt. Tut mir leid.« Er ging langsam auf die Tür zu. »Ich sollte jetzt offenbar sowieso zu den Zellen gehen. Wir sprechen uns später.«

Sobald Nick verschwunden war, verflog Lapreas Wut, und es blieben Schmerz und Erschöpfung. Beide Augen pochten, ihre Wange brannte, und ihre Arme taten weh. Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen. Da sie nicht mehr schrie, begann ihre Brust zu flattern, und ihr Atem ging flach. Sie hatte den ganzen Morgen über gebrüllt, und es hatte so ausgesehen, als ob sie nicht aufhören könnte. Laprea legte ihren Kopf in die Hände und weinte leise vor sich hin. Sie schämte sich für ihr Aussehen: eine blutende, schniefende Katastrophe, von dem Mann zusammengeschlagen, der sie eigentlich lieben sollte. Jeder im Raum musste denken, dass sie eine totale Versagerin war. Da sie sich schämte, musste sie nur noch mehr weinen. Sie fragte sich, wo ihre Mutter wohl war. Sie fühlte sich so schrecklich allein.

Laprea war erstaunt, als die Staatsanwältin ihr einen Arm um die Schulter legte. Anna kniete sich hin, sodass sie sich direkt in die Augen sehen konnten.

»Es ist alles in Ordnung«, sagte Anna und tätschelte ihren Rücken. »Sie sind hier sicher. Es wird alles gut werden.«

Dankbar für den Trost, lehnte Laprea sich an die Schulter der Staatsanwältin. Anna hielt sie und murmelte ihr beschwichtigende Worte zu. Sie hoffte nur, kein Blut auf ihren Hosenanzug zu bekommen.

Als Laprea sich schließlich beruhigt hatte, hob sie ihren Kopf und ließ sich von der Staatsanwältin noch eine Serviette geben.

Anna Curtis, so fiel ihr auf, war eigentlich fast zu jung für eine Anwältin. Sie war sehr hübsch, hatte honigblonde Haare und große, ernste blaue Augen. Sie hatte die hochgewachsene schmale Figur einer Athletin, wie sie auf Wheaties-Schachteln abgebildet waren. Doch die Frau tat offensichtlich nichts, um ihr Aussehen zu unterstreichen. Das Haar straff zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, einfacher schwarzer Hosenanzug, zweckmäßige flache Schuhe. Würde dieses Mädchen D’marcos Anwalt Paroli bieten können?

»Hat der Anwalt irgendetwas mit alldem zu tun?«, fragte Anna. Sie saß an ihrem Schreibtisch und blickte Laprea an.

»Er soll mir einfach nur D’marco vom Hals halten«, sagte Laprea und putzte sich die Nase. »D’marco muss eine Lektion kriegen.«

Die Frau an dem anderen Schreibtisch blickte von ihrem Computer hoch. »Was wollte Nick Wagner denn überhaupt hier?«

Laprea schaute zu Grace, die sie bei ihrem Eintreffen mit Officer Green begrüßt hatte. War sie auch eine Anwältin? Sie sah nicht so aus, als ob sie in diesen traurigen kleinen Kellerraum mit seinem Sammelsurium aus Möbeln und alter Büroausstattung gehörte. Die elegante schwarze Frau hatte eine Statur wie Königin Nofretete und sah mit ihrem grauen Seidenanzug und der Kette mit den riesigen Perlen aus wie Oprah Winfrey.

»Kennst du ihn?«, wollte Anna von Grace wissen.

»Aber sicher. Wann immer ein hiesiger Sender einen leidenschaftlichen Strafverteidiger braucht, rufen sie ihn an. Er wettert auf WTOP ständig gegen die Korruption bei der Polizei oder prangert im Blatt des Anwaltsverbands von D.C. etwas an. Der Mann ist schon eine Marke für sich.«

»Davon hatte ich keine Ahnung. Wir haben zusammen Jura studiert. Ich bin ihm in der Cafeteria begegnet – er hat mir die Servietten gegeben. Ich wusste nicht, dass er ein Strafverteidiger ist.«

Sie wusste das nicht? Wie unerfahren war dieses Mädchen eigentlich? Laprea hätte es lieber gesehen, wenn die ältere schwarze Frau ihren Fall übernommen hätte. Aber Laprea war klar, wie man beim Staat arbeitete – sie hatte keine andere Wahl. Und sie wollte die jüngere Frau nicht kränken, indem sie einen Aufstand machte.

Anna wandte sich wieder Laprea zu. »Erzählen Sie mir bitte, wann dies hier passiert ist?«

Laprea versuchte sich daran zu erinnern, wann an diesem Morgen der Gewaltausbruch angefangen hatte. Die Kinder waren gerade mit Rose losgegangen, und Laprea zog sich für die Arbeit an, also muss es …

»Kurz nach sieben heute Morgen, Ma’am«, antwortete Green.

»Vor fast einer Stunde.« Anna blickte den Polizisten erstaunt an. »Warum ist sie nicht ins Krankenhaus gebracht worden?«

»Miss Johnson hat jede medizinische Behandlung abgelehnt, Ma’am.«

»Was? Wieso?«

»Wenn wir einen Krankenwagen gerufen hätten, hätte sie dafür zahlen müssen. Und das wären mehrere Hundert Dollar gewesen.«

Wenigstens verstand der Polizist das System. Er wirkte mit seinem kurzen dunkelblonden Haar und seinem rosa Babygesicht recht jungenhaft, doch Laprea schätzte ihn auf ungefähr dreißig. Und er sah gut aus – obwohl er wahrscheinlich auf das Ben & Jerry’s verzichten sollte, denn sein blaues Uniformhemd spannte ziemlich über seinem Bauch.

»Wie dem auch sei«, fuhr Green fort, »das Bluten hörte auf, bevor wir hier ankamen. Aber sie fing wieder an zu weinen, und ihre Nase blutete dann auch wieder ziemlich.«

»Wir haben hier eine Krankenschwester im Gericht«, sagte Anna. »Lassen Sie uns nach oben gehen.«

Laprea brauchte keine Krankenschwester. Sie würde ein wenig Neosporin auf ihre Wange geben, wenn sie zu Hause war. Für alles andere benötigte sie keine Krankenschwester. Sie hatte das alles schon einige Male durchgemacht. Ihr Körper würde jetzt nur Zeit brauchen, um wieder gesund zu werden. Sie wollte einfach nach Hause gehen und sich in ihr Bett legen.

»Nein«, sagte Laprea. »Ich möchte das jetzt hinter mich bringen.«

In dem Moment betrat ihre Mutter den Raum. Laprea atmete vor Erleichterung laut aus. »Tut mir leid, dass ich zu spät komme«, sagte ihre Mutter. »Ich habe jemanden gesucht, der auf die Kinder aufpasst.«

Rose Johnson trug ihren geliebten rosa Trainingsanzug und einen gequälten Ausdruck im Gesicht. Laprea hatte sie angerufen, sobald D’marco abgehauen war. Rose war diejenige gewesen, die den Notruf getätigt, Laprea einen Eisbeutel auf ihr Gesicht gelegt und die Zwillinge auf die hintere Veranda gescheucht hatte, damit sie nicht sahen, dass ihre Mutter voll Blut war. Rose war großartig bei Notfällen, doch Laprea hatte jetzt schon Angst vor der Standpauke, die sie ihr zu Hause halten würde.

Anna stellte sich vor, während Rose ihren ausladenden Körper mit einem Seufzer auf einen Stuhl hievte. Rose drückte ihrer Tochter einen Kuss auf den Kopf, stellte die Ellbogen auf ihre Knie und beugte sich zu der Anwältin vor.

»Was werden Sie nun wegen der Sache unternehmen, Miss Curtis? D’marco Davis ist völlig außer Kontrolle. Behalten Sie ihn dieses Mal im Gefängnis?«

»Ich werde mein Bestes tun.«

»Was zum Teufel heißt das denn? Der Mann hat das vorher auch schon gemacht, und er ist einfach damit durchgekommen! Muss meine Tochter erst sterben, bevor ihr ihn wegsperrt? Wenn er sie umbringt, wird es Ihre Schuld sein!«

Anna verzog ihr Gesicht, und Laprea tat es leid. Ihre Mutter ließ ihren Ärger an der einzigen Person aus, die sie greifen konnte. Eigentlich wollte Rose D’marco anschreien. Oder sie.

»Wir werden Untersuchungshaft bis zur Verhandlung beantragen, Mrs. Johnson. Aber das hängt vom Richter ab.« Anna blätterte durch einige Papiere und fuhr dann fort: »Da D’marco wegen eines früheren Vergehens auf Bewährung ist, wird er voraussichtlich bis zur Verhandlung im Gefängnis bleiben müssen. Und selbst wenn er freikäme, würden wir ein Kontaktverbot durchsetzen, damit er sich Ihrer Tochter nicht mehr nähern kann.«

»Ein Stück Papier kann keine Faust stoppen«, knurrte Rose. Aber sie lehnte sich zurück und ließ die Anwältin weitersprechen.

Anna blickte Laprea an. »Ich weiß, es ist schwer, aber Sie müssen mir erzählen, was vorgefallen ist. In welchem Verhältnis stehen Sie zu D’marco Davis?«

Eine einfache Frage, aber Laprea hatte darauf keine einfache Antwort. Wie sollte sie den Mann bezeichnen, der einst der Mann ihrer Träume gewesen war? Sie waren sechzehn, als sie sich kennenlernten. Er sah so gut aus. Alle Mädchen waren eifersüchtig auf sie, wenn er nach der Schule auf sie wartete. Als D’marco damals ausrastete, wenn sie mit anderen Jungs sprach, fand sie es romantisch, ein Zeichen dafür, wie sehr er an ihr hing. Sie war verrückt nach ihm – ihr Herz klopfte, ihre Hände waren nass. In ihrem Juniorjahr an der Highschool wurde sie schwanger. Sie dachte, dass sie D’marco so für immer an sich binden könnte. Stattdessen offenbarte er, je dicker und hilfloser sie wurde, seine gemeine Seite. Er fing an, sie zu schlagen, als sie im sechsten Monat war. Laprea wurde klar – nur ein wenig zu spät –, dass sie keine moderne Märchenbeziehung führen würden. Dann kamen die Zwillinge auf die Welt. Sie waren zauberhaft, und für einen Augenblick war alles in Ordnung. Doch die Realität, selbst noch Teenager und zugleich schon Eltern zu sein, holte sie schnell ein. D’marco ließ sich nicht oft blicken. Und wenn er da war, brauchte sie so viel von ihm: Geld für Windeln und Babynahrung, Hilfe beim Umgang mit den Kindern, aber vor allem seine Aufmerksamkeit. Er zog sich zurück. Aber je weniger D’marco anwesend war, desto mehr unterstellte er ihr, sich mit anderen Männern einzulassen, obwohl sie im Haus mit ihrer Mutter und den zwei Babys festsaß. Er trank immer mehr und schlug sie immer heftiger. Hinterher entschuldigte er sich dann. Unter Tränen beteuerte er, wie leid es ihm tue, und bat sie, ihm zu vergeben. Wenn er sich entschuldigte, war er so lieb wie sonst nie. Er überschüttete sie mit Aufmerksamkeit und sagte ihr all die Dinge, die sie gern hören wollte. Es war, als ob ihm nach seinen Schlägen überhaupt erst richtig klar wurde, wie sehr er sie liebte. Und sie verzieh ihm immer wieder.

Laprea legte eine Hand auf eines ihrer schmerzenden Augen.

»Er ist der Vater meiner Kinder«, sagte sie schließlich. »Seit D’montrae und Dameka auf der Welt sind, geht es nun schon so hin und her. Es sind Zwillinge – ein Junge und ein Mädchen. Vier Jahre alt. Wie dem auch sei, seit D’marco aus dem Gefängnis ist, waren wir wieder zusammen. Ich hatte das Gefühl, dass es dieses Mal anders sein würde.«

Anna nickte mitfühlend. »Was ist heute Morgen passiert?«

Laprea atmete tief ein. »Ich habe mich für die Arbeit fertig gemacht. Ich sitze in der Cafeteria im Arbeitsministerium an der Kasse.«

Laprea blickte auf ihre Uhr. Vor zwei Stunden hätte sie zur Arbeit erscheinen müssen. Sie würde dort anrufen, sobald sie hier draußen war. Sie konnte nur hoffen, dass man sie verstehen würde. Sie brauchte den Job.

»Meine Mom war schon fort – sie war mit den Kindern unterwegs nach Baltimore, um dort Verwandte zu besuchen. D’marco kam herüber, als sie weg war. Zuerst habe ich mich gefreut, ihn zu sehen. Aber er war betrunken und misstrauisch, weil ich gestern Abend, am Valentinstag, nicht zu Hause gewesen bin. Wir hatten nichts vorgehabt – ich war einfach nur bei meiner Freundin! Aber er hat mir nicht geglaubt. Ich habe ihm gesagt, dass er verrückt ist, und das hat ihm den Rest gegeben. Er fing an, mich zu schlagen. Und als er einmal damit angefangen hatte, konnte er nicht mehr aufhören. Er hat mich überallhin geschlagen, auf meine Arme, meinen Oberkörper und die Beine. Ich kam nicht weg von ihm.«

Ihre Mutter unterbrach sie: »Zeig ihr deine Blutergüsse.«

Laprea rollte ihre Ärmel hoch, um die schlimmen Striemen auf ihren Armen vorzuzeigen. Sie öffnete ihre Bluse, unter der sich ein großer Bluterguss verbarg. Sie verzog ihr Gesicht, als sie sich an das dumpfe Aufprallen von D’marcos Fäusten auf ihrem Körper erinnerte.

»Er muss sehr hart zugeschlagen haben«, meinte Anna.

»Ich habe das Gefühl, dass er im Gefängnis trainiert hat.« Laprea lachte laut und bitter auf. »Ich rannte aus dem Haus, doch er hat mich genau vor der Tür wieder eingefangen. Er hat mich gleich dort an Ort und Stelle plattgemacht, auf der vorderen Veranda, und Gott und die Welt konnten zuschauen.«

»Plattgemacht?«, fragte Anna.

»Nach dem Gesicht gegriffen und zugedrückt, Ma’am«, antwortete Green.

»Es war so peinlich«, fuhr Laprea fort. »Mir wurde gar nicht richtig bewusst, wie weh es tatsächlich tat – ich dachte nur, dass meine Nachbarn das nicht sehen sollten. Ich wollte nur, dass er abhaut. Deswegen habe ich zu ihm gesagt, dass ich mich eigentlich wirklich mit jemand anders treffen sollte, weil er mich nicht verdient.«

Laprea fing wieder an zu weinen. Anna reichte ihr noch eine Serviette.

»Dann zog er mich hoch und warf mich gegen die Hauswand und fing an, in mein Gesicht zu schlagen. Meine Nase blutete und ich konnte kaum noch etwas sehen. Dann presste er mein Gesicht so hart gegen die Wand, dass meine Haut brannte.«

Laprea tupfte vorsichtig über ihre geschwollenen Augen. Das Schlimmste an diesen Schlägen war nicht der Schmerz oder die Scham, nicht einmal der Kummer. Es war die Frage, wie sie es ihren Kindern erklären sollte. Sonst hatte sie ihnen erzählt, dass sie sich an einer Tür gestoßen hätte oder auf dem Bürgersteig gestolpert wäre. Doch sie wurden langsam älter und stellten ihre »Unfälle« infrage. Sie hatten gesehen, wie D’marco sich an ihr vergriffen hatte. Es jagte ihnen schreckliche Angst ein.

Sie schwor sich, dass sie das nie wieder mit ansehen mussten. Sie würde alles dafür tun. Und jetzt musste sie diese schlimme Geschichte zu Ende bringen. Sie atmete tief durch.

»Er drückte mein Gesicht gegen die Wand und kam ganz nah an mich heran. Er hielt seinen Mund an mein Ohr, als ob er mir etwas Nettes zuflüstern wollte. Und er sagte, wenn er mich jemals mit einem anderen Mann erwischen würde, würde er mich töten.«

KAPITEL3

Um halb sechs am Abend schlossen Anna und Grace den Erfassungsraum ab und gingen über die Straße zum Gebäude der Bundesstaatsanwaltschaft. Vor Anna lagen noch einige Stunden Arbeit, aber wenigstens hätte sie ihre Ruhe in dem Büro, das sie mit Grace teilte. Als Anfängerin war Anna zuständig für etwa zweihundert Vergehen, die auf der Wichtigkeitsskala ganz unten standen. Sogar Fälle wie der von Laprea fielen in diese Kategorie. Es gab so viel Kriminalität, dass das Opfer erschossen oder lebensgefährlich verletzt sein musste, damit der Fall als schweres Verbrechen eingestuft wurde.

Eine Wand voll verschrammter Aktenschränke beherrschte ihr enges Büro. Anna begann sofort die einundzwanzig neuen Fälle, die ihr an diesem Tag zugewiesen worden waren, in Ordner zu sortieren. Neue Akten anzulegen war für sie der einzige Weg, mit der Flut von Fällen mithalten zu können. Ihre Bürokollegin ging anders damit um. Aktenstapel, Aufnahmen von Notrufen und Designerschuhe bedeckten Graces Schreibtisch und den Boden um ihn herum. Trotz ihres frischen maßgeschneiderten Äußeren war diese Frau völlig chaotisch. Außerdem war sie die beste Freundin, die Anna in D.C. hatte.

Grace ließ sich auf ihren Stuhl fallen, kickte ihre konservativen Gerichtspumps in eine Ecke und fischte ein Paar rote Stilettos aus Lackleder aus einer Schublade ihres Schreibtischs.

»Die Schuhe haben heute Abend sicher etwas Aufregenderes vor als ich«, mutmaßte Anna.

»Charles führt mich in die Oper aus.«

»Wie schön!« Anna musste sich zwingen, etwas Begeisterung in ihre Stimme zu legen. Sie würde den Abend wie immer allein verbringen.

Graces Ehemann war Partner in einer großen Anwaltskanzlei, und sie hätte ihre Tage damit verbringen können, mit Damen zu Mittag zu essen und Wohltätigkeitsveranstaltungen zu organisieren. Sie hatte sich diesen Job so ausgesucht, wie andere Frauen sich dazu entschließen, Quilts zu nähen oder an Bauchtanzkursen teilzunehmen – weil es ein interessanter Zeitvertreib war.

Anna sah es eher als eine Form von Buße an.

»Arbeite heute nicht zu lange«, mahnte Grace an, als sie auf dem Weg zur Tür war. »Lass dir die Füße pediküren, schau dir The Bachelorette an oder mach etwas Leichtsinniges, wie es sich für Mädels gehört.«

»Viel Spaß heute Abend! Ich werde auch nicht mehr lange bleiben.«

»Lügnerin. Aber wenigstens bist du eine süße Lügnerin.«

Grace rauschte hinaus und hinterließ eine schwache Wolke ihres teuren Parfüms.

Als Anna ihre Unterlagen einordnete, dachte sie über Lapreas Situation nach. Von allen Fällen, die Anna in ihrer kurzen Laufbahn begegnet waren, stach dieser heraus. Teilweise wegen der noch kleinen Kinder, teilweise wegen Lapreas Verletzungen. Würde Anna immer so bestürzt sein, wenn sie jemanden mit einer Wunde auf der Wange sehen würde?

Anna legte einen weiteren Ordner in die Schublade und arbeitete ihren Ärger beim Abheften ab. Sie war kein kleines hilfloses Mädchen mehr. Sie hatte eine Position, die es ihr erlaubte, Gewalt zu verhindern.

Ihre Gedanken wandten sich Nick Wagner zu. Er schien ein anständiger Typ zu sein. Wie konnte er dann so ein Monster von Mandant verteidigen? Sie wusste, dass das System Strafverteidiger brauchte, aber sie begriff nicht, warum jemand diesen Job machen wollte.

Sicher, es war eine begehrte Position. Pflichtverteidiger standen oft in schlechtem Licht, doch Washingtons Pflichtverteidiger gehörten zu den renommiertesten von ganz Amerika. Wie bei der Bundesstaatsanwaltschaft hatten sie jedes Jahr Hunderte von Bewerbungen für einige wenige Stellen. Beide Behörden waren berühmt dafür, jungen Anwälten die landesweit beste Schulung bei Gericht und Erfahrung mit Prozessen angedeihen zu lassen. Beide Organisationen versorgten sich bei den besten juristischen Fakultäten mit Graduierten.

Aber Köpfchen allein verschaffte einem noch keinen Job bei den Pflichtverteidigern. Die Behörde rühmte sich, eine der diensteifrigsten Verteidigerschmieden Amerikas zu sein. Die Pflichtverteidiger von D.C. glaubten, dass das System sich gegen ihre Mandanten richtete, dass die Polizei rassistisch, faschistisch oder korrupt war und dass nicht die Verbrechen, sondern das massenhafte Einsperren das wahre Problem der armen Viertel von D.C. war. Die bei den Pflichtverteidigern beschäftigten Anwälte setzten alles daran, um ihre Mandanten freizubekommen – auf jede nur erdenkliche Weise.

Das Ergebnis war eine tiefe Verbitterung zwischen den Pflichtverteidigern und der Bundesstaatsanwaltschaft. In anderen Städten war es üblich, dass Strafverfolger und Pflichtverteidiger miteinander befreundet waren, man traf sich zu Ballspielen oder zur Happy Hour. Aber nicht in D.C. Hier waren sie Feinde im traditionellen Sinne, wie Katzen und Mäuse, die Montagues und die Capulets, Angelina und Jennifer.

Heute Morgen hatte Anna für einen Augenblick einen Funken zwischen ihnen wahrgenommen. Jetzt war Nick Wagner wieder nur einer von hundert Anwälten, gegen die sie einen Fall zu gewinnen hatte. Sie würde kein Problem damit haben, ihn wie jeden anderen Verteidiger zu behandeln.

Annas Telefon klingelte und sie ging zum Schreibtisch, um abzuheben. »Hallo?«

»Hier ist der Sicherheitsdienst von unten. Ein Nicholas Wagner ist hier, der Sie sehen will.«

Ihr Herzschlag beschleunigte sich – was bei einem anderen Strafverteidiger nicht der Fall gewesen wäre.

Verdammt.

»Komm herein. Setz dich.« Anna deutete auf Graces Stuhl und schob eine Schachtel mit Notruftonbändern aus dem Weg.

»Mir gefällt, wie es hier aussieht«, meinte Nick und stieg über einen Stapel von Graces Schuhen.

»Wir bemühen uns um eine postmoderne, dekonstruktivistische Atmosphäre.«

»Wenn hier noch mehr dekonstruiert wird, könnt ihr in einen Trailer umziehen.«

Sie lachte. Sie setzten sich und sahen sich durch das vollgekramte Büro hin an. »Jetzt aber mal im Ernst, womit verdiene ich die Ehre deines Besuchs?«

»Ich wollte mich einfach mit dir kurzschließen, weil wir ja beide zusammen an diesem Davis-Fall arbeiten werden.«

»Nicht zusammen, um genau zu sein. Eher gegeneinander.«

»Nun gut«, sagte er und lächelte. »Aber trotzdem wollte ich mich mal melden. Es war ein schlimmer Morgen. Für alle.«

»Für alle außer D’marco Davis.« Annas Ton war schärfer, als sie beabsichtigt hatte.

»Ich weiß, dass Strafverfolger das oft nicht glauben, aber ein Tag im zentralen Zellenblock ist kein Spaß. Es ist ein versiffter und gefährlicher Ort. Und D’marco ist jetzt für die nächsten Monate hinter Gittern, mindestens bis zur Verhandlung. Ich würde sagen, das ist ein ziemlich schlechter Tag.«

»Ich bezweifle, dass ein paar Monate mehr im Gefängnis einem Schläger wie ihm viel ausmachen.«

»Er ist auch ein Mensch, Anna. Er hat in seinem Leben bloß nicht dieselben Möglichkeiten wie du und ich gehabt.«

»Nun mach aber mal einen Punkt.« Anna dachte an den Trailer, in dem ihre Familie gelebt hatte, als sie ihr Haus verloren hatten. Was stellte Nick sich vor, wenn er von ihren Möglichkeiten sprach?

»Die Geschichte hat auch noch eine andere Seite, musst du wissen«, sagte Nick. »Du hast gesehen, wie aggressiv Laprea heute Morgen reagierte, nur als sie mich gesehen hat. Auch sie könnte die Prügelei mit D’marco angefangen haben.«

»Das glaubst du doch selbst nicht. Ich wette, D’marco hat keinen Kratzer abbekommen, oder? Sie ist winzig. Was könnte sie denn für eine Bedrohung für ihn bedeuten?«

»Ich will damit nur sagen, dass sie kein Engel ist. Ihr Führungszeugnis zeigt, dass sie gewalttätig sein kann.«

Anna zog D’marcos Akte aus dem Schrank und gab Nick einen Ausdruck von Lapreas krimineller Vergangenheit. »Sie ist ein paar Mal wegen geringfügiger Vergehen festgenommen worden, als sie ein Teenager war. Keine Verurteilungen. Dann hat sie die Highschool abgeschlossen und einen festen Job bekommen. Sie zieht zwei Kinder mit der Hilfe ihrer Mutter groß – aber fast ohne Unterstützung von D’marco. Wenn jeder in D.C. so leben würde wie Laprea Johnson, dann wäre ich arbeitslos. Und schau dir im Vergleich dazu mal das Führungszeugnis deines Mandanten an.«

Anna hielt das dicke Vorstrafenregister hoch. D’marco hatte eine ganze Reihe von Festnahmen hinter sich, die mit Drogen zu tun hatten. Er war auf Bewährung, nachdem er ein Jahr wegen bewaffneten Drogenhandels im Gefängnis gesessen hatte. Er war auch wegen etlicher Angriffe auf Laprea festgenommen worden, die immer brutaler geworden waren – doch dafür war er nie verurteilt worden.

»Nun gut«, seufzte Nick. Er schob sich einen Fleck auf dem Boden frei, streckte seine langen Beine aus und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. »Wie gehen wir nun weiter vor?«

Anna mochte es, wie er »wir« sagte. Als ob sie ein Team wären, zusammen an der Antwort für ein schwieriges Problem arbeiteten. Sie schüttelte den Gedanken ab. Hier gab es kein »wir«. Sie und Nick befanden sich in so gegnerischen Positionen, wie zwei Menschen nur sein konnten. Zumal sie sich in Fällen wie dem von Laprea ganz besonders engagierte, weil die Frau seit Langem misshandelt wurde, aber immer wieder zum Täter zurückkehrte. Männer wie D’marco wurden einfach immer gewalttätiger. Wenn er nicht aufgehalten wurde, wäre D’marco durchaus in der Lage, Laprea zu töten.

»Dein Mandant könnte sich schuldig bekennen«, schlug sie vor.

»Das kann er nicht tun. Er ist wegen der Drogensache noch auf Bewährung. Wenn er nun wegen dieses Angriffs verurteilt wird, muss er auch die ihm erlassene Zeit in der alten Drogengeschichte absitzen. Und verbringt dann tatsächlich sechs Jahre hinter Gittern für ein Vergehen, für das es sonst weniger als ein Jahr gibt. Wie wäre es mit einer Vereinbarung über die Aussetzung des Urteils?«

»Geht bei ihm nicht wegen seiner Vorgeschichte. Du weißt, wie das hier gehandhabt wird.«

»Na gut, dann müssen wir es eben vor Gericht ausfechten.« Nick warf seine Hände hoch. »Das mache ich gar nicht gern – ich kann mich noch gut an die Abreibung erinnern, die du mir im Moot Court verpasst hast.«

»Hey, ich bin erst vor ein paar Monaten von der Uni gekommen. Du bist schon zwei Jahre dabei. Es wird ein fairer Kampf werden.«

»Ich habe schon ein paar Tricks gelernt.« Seine Augen lachten. Was machte ihn nur so zuversichtlich?

Plötzlich setzte sich Nick auf und blickte aufmerksam auf ihren Schreibtisch.

»Sind das da Krispy-Kreme-Donuts?«, fragte er.

»Willst du einen?« Sie hielt ihm die Schachtel hin und er nahm einen mit Schokoglasur. »Ich nehme immer Snacks für die Polizisten mit, wenn die Fälle aufgenommen werden. Besonders für diejenigen, die die ganze Nacht arbeiten und morgens noch nicht zu Hause gewesen sind. Die stopfen alles in sich rein, Kekse, Bonbons, sogar alte Pizza. Die hier hat aber trotzdem keiner angerührt.«

Nick schluckte einen großen Bissen hinunter. »Ich wette, das liegt an dem alten Klischee von den Polizisten und den Donuts. Mmmh«, sagte er und leckte seine Finger ab. »Ihr Problem.«

Sie lachte und nahm sich einen mit Zuckerglasur.

»Iss nicht zu viel«, warnte Nick, »sonst hast du beim Abendessen keinen Appetit mehr.«

»Das ist mein Abendessen.«

»Oh nein, so leicht kommst du mir nicht davon, Anna Curtis. Ich habe dich gefragt, ob wir gemeinsam zu Abend essen wollen. Du hast zugesagt. Ein Strafverfolger hat eine gewisse Verpflichtung zur Aufrichtigkeit gegenüber Strafverteidigern. Jetzt zu kneifen würde als standeswidriges Verhalten des Strafverfolgers gewertet werden.«

Anna lachte. »Ich glaube nicht, dass Leute aus meinem Haus mit Leuten aus deinem Haus zu Abend essen.«

»Ich versuche nicht, einen historischen Friedenspakt zu schließen.«

»Ich sage es ja nur. Ich bin mir nicht sicher, ob es ratsam wäre, mit dir auszugehen.«

»Wir gehen nicht aus. Ich will einfach nur mal wieder mit einer alten Freundin plaudern.«

Sie schaute auf die Uhr, um sich einen Augenblick zu sammeln. Es war jetzt kurz nach sechs. Normalerweise blieb sie bis nach neun im Büro. Mit Nick essen zu gehen war wahrscheinlich keine so gute Idee. Auf beruflicher Ebene machte es sie nervös, sich mit einem Strafverteidiger zu treffen. Auf der persönlichen Ebene war es nicht gerade weise, noch mehr Zeit mit einem so attraktiven Gegner zu verbringen. Für sie war es schon schwierig genug, Männern zu trauen, die sich nicht bei einer Strafsache auf der anderen Seite befanden.

»Es gibt keine Regel, die untersagt, dass sich ein Strafverfolger und ein Pflichtverteidiger beim Essen unterhalten«, fuhr Nick fort. »Und wir werden sowieso nicht über den Fall reden. Es ist einfach schön, sich mit einem anderen Abgänger der Harvard Law School auszutauschen, der es vorgezogen hat, dem Gemeinwohl zu dienen anstatt einer Firma. Auch wenn wir auf entgegengesetzten Seiten des Gerichtssaals arbeiten.«

Anna fiel auf, wie ruhig das Büro nach sechs Uhr war. Nick hatte recht. Es war nichts dabei, wenn sie zusammen essen gingen.

»Was schwebt dir vor?«, fragte sie.

Sie gingen ins Lauriol Plaza, ein beliebtes mexikanisches Restaurant im Adams-Morgan-Viertel. Hier trafen sich ganze Meuten von jungen Berufstätigen, alle noch in ihren Anzügen. Kellner wuchteten Tabletts mit Margaritas zu Gruppen von Leuten, die im Barbereich warteten.

Anna und Nick ergatterten einen Tisch an einem der großen Fenster, die auf die 18th Street hinausgingen. Der Kellner brachte ihnen Chips und Salsa und nahm ihre Bestellung auf. Als er fort war, häufte Anna Salsa auf einen warmen Chip und lächelte Nick an. Sie hatte so viele Abende allein im Büro verbracht, in die schlimmsten Dinge vertieft, die in einer Stadt passieren konnten. Sie war froh über die Abwechslung, das angeregte Treiben um sie herum.

Nick, so fiel ihr auf, sah jetzt nicht mehr ganz so wie ein Anwalt aus, sein Jackett hatte er über die Stuhllehne geworfen und seine Krawatte gelockert. Anna hatte ihr eigenes Jackett über ihren Stuhl gehängt; darunter trug sie ein ärmelloses elfenbeinfarbenes Oberteil. Sie bemerkte, wie Nick ihre bloßen Arme musterte. Sie schaute weg und strich, plötzlich verlegen, ihren Pferdeschwanz zurück.

»Also«, sagte Nick und nahm einen Schluck von seinem Corona. »Wie kommt es, dass eine vielversprechende und schöne Anwältin aus Michigan für ein Staatsgehalt in D.C. schuftet?«

Sie war viel berührter davon, dass er noch wusste, wo sie herkam, als von seiner Schmeichelei. »Ich wollte nie nach Flint zurück«, sagte sie. Zu viele schlechte Erinnerungen. »Ich habe mir etliche Städte angesehen und mich in D.C. verliebt – in seine Geschichte und den Idealismus der Menschen, die Politik so interessiert verfolgen wie anderenorts vielleicht den Sport.«

»Aber warum bist du nicht zu einer angesagten Anwaltskanzlei gegangen? Hast du etwas gegen Schreibtische aus Mahagoni und Gehälter im sechsstelligen Bereich?«

Sie mochte Nick zu sehr, um ihm ihre halb wahre Standardantwort zu geben, dass sie lieber im Gerichtssaal sein wollte als Dokumente in einem Lagerhaus durchzusehen. Aber sie war noch nicht so weit, ihm den wahren Grund zu nennen. Sie ging davon aus, dass er ihn schockieren würde.

»Ich wollte etwas Sinnvolles mit meinem Juraabschluss anfangen«, antwortete sie schließlich. Sie grinste Nick an, als der Kellner mit ihrem Essen kam. »Und wie war es bei dir? Hast du schon von Anfang an vorgehabt, Kriminelle auf freien Fuß zu setzen?«

Er schien das nicht persönlich zu nehmen. »Ich mag den Gedanken, dass ich in jedem das Gute sehen kann. Wenn ich jemandem, der eventuell auf den falschen Weg gekommen ist, eine Stimme gebe, kann ich ihn unter Umständen dazu bewegen, sich zu ändern, anstatt im Gefängnis abzustumpfen. Aber lass uns nicht über die Arbeit sprechen. Ich habe eine viel wichtigere Frage: Wie sind diese Fajitas?«

Sie lachte. Die Fajitas waren großartig. Ihre Unterhaltung ging nun zu Klatsch über ehemalige Klassenkameraden und lustigen Anekdoten aus der Kindheit über. Nick erzählte ihr von den Dummheiten, die er und seine Freunde in St. Alban, einer Privatschule in D.C., angestellt hatten. Anna steuerte Deftiges aus dem Mittleren Westen bei, über das sich die Menschen von der Ostküste so freuen konnten. Sie erzählte ihm vom jährlichen Sommerpicknick bei General Motors, und wie sie sich als Neunjährige Ärger eingehandelt hatte, als sie mit einem Pony davongaloppiert war.

»Da hast du dann wohl einen Strafverteidiger gebraucht!«, meinte Nick.

Sie bestellten sich Kaffee und redeten noch lange, nachdem ihr Tisch schon abgeräumt war. Erst als die Hilfskellner anfingen, Stühle auf die Tische zu stellen, wurde Anna peinlich bewusst, dass sie die letzten Gäste waren. So einen unterhaltsamen Abend hatte sie, seit sie in diese Stadt gezogen war, noch nicht erlebt.

Als sie aus dem Restaurant in die kühle Winternacht traten, fragte Nick, ob er sie nach Hause bringen könne. Anna zeigte Nick den Weg zu ihrem Apartment, das nur ein paar Blocks entfernt lag, nachdem sie sich gesagt hatte, dass sie nur zwei alte Bekannte von der Uni waren, die sich mal wieder auf den neuesten Stand gebracht hatten. Ein Interessenkonflikt lag sicher nicht vor. Obwohl es Montagnacht war, war im Viertel immer noch eine Menge los. Gruppen von Staatsbeamten in Anzügen, Praktikantinnen mit hochhackigen Stiefeln und äthiopische Männer aus der Nachbarschaft drängelten sich vor den Bars und Restaurants.

Anna und Nick gingen gemütlich nebeneinander her, unterhielten sich und scherzten. Sie war erstaunt, wie leicht sie jede Vorsicht bei ihm fallen ließ. Vielleicht war die Tatsache, dass es ihr beruflich verwehrt war, mit Nick auszugehen, der Grund für ihre Ungezwungenheit. Solange sie auf verschiedenen Seiten eines anhängigen Falles standen, war er keine Option, kam also nicht in Frage. Jedenfalls wollte Anna nicht, dass der Abend zu Ende ging. Nur zu bald kamen sie in die Wyoming Avenue, eine ruhige Straße, die von Bäumen und imposanten Stadthäusern gesäumt wurde. Sie deutete auf eines der eleganten Häuser.

»Es war als ›englisches Kellerapartment‹ inseriert worden«, erklärte sie und zeigte auf eine Treppe, die zu dem Eingang im Souterrain führte. »Ich hatte gehofft, es würde dort Fish ’n’ Chips geben.«

»Nö, ›englisches Kellerapartment‹ ist einfach nur ein schickerer Ausdruck für ›mittelalterliches Verlies‹.«

Anna lachte und blickte zu ihm hoch. Obwohl sie eins zweiundsiebzig groß war, musste sie ihren Kopf zurücklegen, um ihn anschauen zu können. Er hatte wunderschöne Augen, braun mit grünen und goldenen Sprenkeln. »Ich hatte eine Menge Spaß heute Abend. Danke, dass du mich aus dem Büro geholt hast.«

Sie standen sich gegenüber und blickten sich an. In der kalten Nachtluft kam ihr Atem in Wölkchen aus Mund und Nase. Sie lehnte sich zur gleichen Zeit nach vorn wie er. Doch im letzten Augenblick besann sie sich eines Besseren, trat zurück und streckte ihre Hand aus, um seine zu schütteln. »Und trotzdem werde ich das Verfahren nicht einstellen.«

Nick lachte und versuchte vergeblich, gekränkt auszusehen. Er nahm ihre Hand und hielt sie ein wenig zu lange für ein Händeschütteln. »Na gut, aber wie wäre es mit einem Abendessen am Freitag?«

Sie zog ihre Hand weg. »Ich glaube nicht.« Ihre Haut kribbelte, wo er sie berührt hatte. Sie konnte nicht länger mit ihm ausgehen, so viel war klar. »Ruf mich an, wenn dein Mandant sich schuldig bekennt.«

»Hm, das wird nicht passieren. Aber ich rufe dich an, sobald der Prozess vorbei ist.«

»Gute Nacht, Nick.«

Sie lief den kleinen Weg entlang, ging die drei Stufen zu ihrer Eingangstür hinunter und schloss auf. Als sie drinnen war, drehte sie sich um und blickte zurück. Er winkte und ging davon. Sie betrachtete seine kleiner werdende Gestalt. Es war wirklich zu schade, dass ein Fall zwischen ihnen stand. Sie hatte sich schon lange nicht mehr zu einem Menschen so hingezogen gefühlt.

KAPITEL4

Eine Woche später saß D’marco mit seinem Anwalt an einem Tisch. D’marco war ruhig und entspannt, bereit, sich den Rat seines Anwalts anzuhören. Er war zweifelsohne nicht glücklich darüber, wieder im Gefängnis von D.C. zu sein, doch im Gegensatz zu den jüngeren Männern hier konnten ihn sein orangener Overall, die dumpf von draußen hereindröhnenden Gespräche der anderen Gefängnisinsassen oder der schale Geruch von Putzmitteln und Urin nicht schrecken. Er wusste, wie er sich in dieser Welt zu verhalten hatte, und außerdem wäre er sowieso nicht lange hier. Nicht wegen dieses häuslichen Quatsches. Nick hatte ihn schon aus viel Schlimmerem herausgeholt.

Die beiden Männer saßen in einem der kleinen Räume, die den Treffen zwischen Anwälten und ihren Mandanten vorbehalten waren. Ein Tischchen und zwei wacklige Stühle waren die einzige Einrichtung. Man hätte sich in dem Raum beengt gefühlt, wären die Wände nicht von oben bis unten aus trübem Plexiglas gewesen. Identische Plexiglasräume säumten beide Seiten des Besuchsbereichs des Gefängnisses, wo junge Männer in orangenen Overalls in kleinen Telefonkabinen hinter einer langen Glasfront hockten und Frauen jeden Alters – Freundinnen, Mütter, Großmütter – auf der anderen Seite der Scheibe in Hörer sprachen. Ein paar Kinder saßen auf dem Schoß ihrer Mütter und nuckelten oder klopften ans Glas. Die Männer sagten »Ich liebe dich« zu ihren Frauen, die sie nicht berühren konnten.

Nick warf ein paar Unterlagen auf den Tisch, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und betrachtete seinen Mandanten kühl. »Hättest du nicht einfach nett zu Laprea sein können?«

»Sie betrügt mich!« D’marco versuchte, die aufrichtige Wut, die er letzte Woche gefühlt hatte, wieder anzufachen. Doch alles, was er jetzt noch spürte, war echtes Bedauern. Er hatte sie nicht verletzen wollen. Aber manchmal brachte sie ihn einfach zum Ausrasten.

»Dann verlasse sie doch«, meinte Nick.

»Nein, das verstehst du nicht.« D’marco legte seine massigen Arme auf den Metalltisch. »Ich liebe sie.«

»Du hast eine komische Art, ihr das zu zeigen. Versuch’s das nächste Mal mit Schokolade.«

»Schau, es tut mir leid, okay?« D’marco setzte sein charmantestes Grinsen auf. »Ich werde mich bessern, das schwöre ich bei Gott.«

»Verdammt, D’marco. Viel schlimmer hatte es nicht kommen können.« Nick hielt einen Bewährungsbericht hoch. »Und du bist immer noch unter Beobachtung. Du hättest deine Nase einfach ein Jahr sauber halten müssen.«

D’marco schnaubte. »Meine Nase habe ich kein Jahr sauber gehalten, seit ich elf war.«

»Ja, lach du nur. Es wird tatsächlich lustig werden, wenn sie dich wegen dieser häuslichen Gewaltsache verurteilen und deine Bewährung widerrufen. Dann wirst du sowohl die fünf Jahre absitzen, die noch wegen des Drogendelikts anstehen, als auch die, die du für den Angriff aufgebrummt bekommst.«

D’marco sagte zögerlich: »Ja?«

»Ja. Genau wie ich es dir schon vor zwei Monaten erzählt habe, als du freigekommen bist.«

»Mmh.« D’marco grunzte, um seinen Anwalt zu besänftigen, aber er brauchte keine Standpauke. Nicks Job war es, ihn freizubekommen, nicht ihm zu erzählen, wie er sein Leben zu führen hatte. »Was hast du nun vor?«

Nick seufzte und deutete mit dem Kopf zu der Reihe von Besuchern. D’marco folgte dem Blick seines Anwalts. Eine Frau drückte ihre Handfläche auf die Glasscheibe zwischen sich und ihrem Freund; er legte seine Hand so auf das Glas, dass sie genau aufeinander lagen. Die Frau sah ihm tief in die Augen, das Gesicht voll Sehnsucht und Hoffnung.

»Du weißt, wie so etwas funktioniert«, sagte Nick grimmig. »Der sicherste Weg hier rauszukommen ist, wenn Laprea die Anschuldigungen fallen lässt. Sie liebt dich und eigentlich will sie zu dir halten. Du musst ihr nur einen Grund geben.«

»Soll ich ihr sagen, dass sie nicht vor Gericht erscheinen soll?«

»Nein, nein.« Nick schüttelte den Kopf. »Wenn sie das meldet, handelt es dir eine Klage wegen Behinderung ein. Du wirst ihr nicht von einer Aussage abraten oder ihr sagen, dass sie lügen soll.« Nick lehnte sich vor und blickte D’marco entschlossen an. »Schau, du musst die guten Gefühle, die Laprea dir einst entgegengebracht hat, wieder aufleben lassen. Dieses Mal wird es schwieriger werden, da du es vom Gefängnis aus regeln musst. Aber du darfst immer noch telefonieren.«

»Was soll ich ihr denn sagen?«

»Sei einfach nett zu ihr. Erinnere sie daran, warum sie sich damals in dich verliebt hat.«

D’marco nickte voller Respekt. Der Mann wusste, was er tat. Es war derselbe alte Plan, aber er hatte noch jedes Mal funktioniert.

Die Häuser auf der C Street in Southeast Washington waren kastenförmige zweistöckige Doppelhäuser aus Backstein und lagen gegenüber vom Fort Chaplin Park. Die dichten Bäume des Parks verschafften den Häusern mitten in der Stadt einen erstaunlichen Blick ins Grüne. In einem dieser Häuser saß Laprea auf einer Couch zwischen ihren Zwillingen, und sie sahen sich wieder einmal Damekas Lieblingsfilm an: Die kleine Meerjungfrau. Durch das Wohnzimmerfenster konnte Laprea ihre Mutter auf der vorderen Veranda sitzen sehen. Rose unterhielt sich mit ihrer Nachbarin Sherry, die auf der Veranda des Nebenhauses saß. Die zwei alten Freundinnen winkten Passanten würdevoll zu und klatschten über ihre Nachbarn: Wo ein Baby unterwegs war, wessen Freund auf Bewährung und wessen Sohn aus dem Irak zurück war. Laprea wusste, dass Rose die Probleme ihrer eigenen Tochter nicht erwähnen würde.

Das Telefon klingelte. »Ich geh dran«, rief Laprea und griff nach dem schnurlosen Telefon. Eine Computerstimme fragte, ob sie einen Anruf aus dem Gefängnis von D.C. annehmen würde. Laprea zögerte einen Augenblick, bevor sie leise zustimmte. Dann ging sie ins Badezimmer, schloss die Tür ab und drehte den Wasserhahn auf.

D’marco begrüßte sie freundlich. »Hey, Baby. Ich bin’s.«

»D.« Wachsam hielt Laprea ihre Stimme neutral. Der Angriff war gerade zwei Wochen her. »Warum rufst du an?«

»Ich vermisse dich einfach, Kleines. Ich habe über dich und die Kinder nachgedacht. Wie geht es D’montrae? Fragt er nach mir?«

»Jeden Tag.« Nicht dass er verdient hätte, es zu wissen.

»Wie geht es Dameka?«

»Sie ist richtig gut in der Schule. Hat einen Preis fürs Buchstabieren bekommen.«

»Sie kommt offenbar nach ihrer Mutter.« D’marco gluckste leise. »Ich vermisse euch alle so sehr. Und es tut mir wirklich leid, was passiert ist, Baby. Ich möchte nicht, dass wir so miteinander streiten.«

»Ich auch nicht.« Sie legte ein wenig Bitterkeit in ihren Ton.

»Pree, ich habe im Gefängnis diesen Typen getroffen, einen Pastor. Wir haben uns über Familien unterhalten und die Rolle des Mannes. Kinder brauchen ihren Vater. Und ich möchte einer sein. Ich will nicht, dass sie ohne Vater aufwachsen, so wie ich. Ich werde mich ändern, ich verspreche es dir. Ich werde nicht trinken. Ich mache eine Ausbildung. Ich möchte dich und die Kinder unterstützen.«

Laprea dachte über seine Worte nach und fragte sich, ob es wohl dieses Mal anders sein würde. D’marco klang aufrichtig. Sie wusste, dass er ein besserer Mann sein wollte. Und sie wollte ihm so gern glauben, dass er es sein könnte – wollte, dass die Zwillinge ihren Vater bei sich hatten, wollte, dass dieser Mann, den sie liebte, für sie sorgen würde.

Dann fiel ihr Blick auf ihr Spiegelbild. Von den Blutergüssen um ihre Augen herum war ein grünliches Blasslila geblieben, die Schrammen auf ihrer Wange waren noch rosa.

»Du hast mir wehgetan, D. Ich glaube nicht, dass ich das weiter aushalte.«

»Bitte, Pree, gib mir noch eine Chance. Ich liege jede Nacht auf meiner Pritsche und denke, wie schön du aussiehst, wenn du Dameka auf dem Schoß hast. Wie sehr ich das wieder sehen möchte und dich halten will.« Seine Stimme brach. »Ich liebe dich, Baby.«

Laprea fing an, weich zu werden. Aber bevor sie auch nur antworten konnte, brüllte Rose durchs Telefon: »D’marco Davis, wie kannst du es auch nur wagen, hier anzurufen!«

Großartig. Wie lange hatte ihre Mutter schon zugehört? Laprea musste den Hörer nicht ans Ohr halten, um ihre Mutter in der Küche schreien zu hören.

»Wage es ja nie wieder, in diesem Haus anzurufen! Solltest du noch einmal versuchen, mit meiner Tochter zu sprechen, dann werde ich dir, das schwöre ich bei Gott, dein Fell versohlen, dass dir Hören und Sehen vergeht! Laprea, und du legst auf der Stelle auf!«

Laprea drückte die Beenden-Taste und warf das Telefon auf den Waschtisch. Einen Augenblick später hämmerte Rose gegen die Badezimmertür und schrie, sie solle herauskommen. Die Zwillinge fingen vor Aufregung und Angst an zu brüllen. Und Laprea saß auf dem Toilettendeckel, legte ihren Kopf in die Hände und weinte.

Das andauernde Klingeln des Telefons riss Anna aus der Konzentration, mit der sie an einer Kurzdarstellung schrieb. Sie schaute auf die Uhr. 20:30 Uhr. Grace war schon vor Stunden nach Hause gegangen. Anna nahm ab und fragte sich, wer wohl anrufen würde.

Es war Rose Johnson, und sie war außer sich.

»D’marco hat Laprea heute Abend vom Gefängnis aus angerufen, Miss Curtis! Ich dachte, Sie haben eine Anordnung durchgesetzt, dass er ihr fernbleiben muss. Wo sind wir denn, dass ein Mann mit Kontaktverbot die Frau anrufen kann, die er zusammengeschlagen hat?«

Anna versuchte sie so weit zu beruhigen, dass sie mehr erfahren konnte. Als Rose ihr die Geschichte erzählte, hörte Anna die Angst in ihrer Stimme – das eigentliche Gefühl hinter ihrer Wut. Sie versicherte Rose, dass sie sich mit dem Gefängnis in Verbindung setzen und D’marcos Recht zu telefonieren widerrufen lassen würde. Sie würde sich auch die Aufzeichnung des Anrufs besorgen. Vielleicht könnte sie die bei der Verhandlung gegen ihn einsetzen. In der Zwischenzeit würde D’marco im Gefängnis stecken und keine Möglichkeit mehr haben, Laprea zu kontaktieren.

»Gott sei Dank«, seufzte Rose erleichtert. »Sollte er sie nämlich noch mal erreichen, würde sie ihn wieder damit davonkommen lassen, genau wie bisher.«

Als sie aufgelegt hatte, überlegte Anna, Nick anzurufen und von ihm zu verlangen, dass er seinen Mandanten dazu anhielt, sich nicht mehr mit Laprea in Verbindung zu setzen. Würde sie das auch mit einem anderen Strafverteidiger so machen oder suchte sie nur nach einem Grund, ihn anzurufen? Sie hatte seit ihrem Abendessen vor zwei Wochen nicht mehr mit ihm gesprochen. Obwohl er angerufen und ihr eine Reihe von freundlichen geschäftsbezogenen Nachrichten auf der Mailbox hinterlassen hatte, war sie mit kurzen E-Mails nur auf das Geschäftliche eingegangen. Sie schüttelte sich, wenn sie daran dachte, dass sie ihn vor ihrem Apartment fast geküsst hätte. Sie war ein Profi und nicht irgendeine Tusse. Vom professionellen Standpunkt her musste sie ihn jetzt nicht anrufen.

Stattdessen schickte Anna in der nächsten Stunde E-Mails und Faxe ins Gefängnis von D.C., arbeitete sich durch die Bürokratie, um D’marco von der Welt abzuschneiden. Von morgen früh an würde er die Telefone des Gefängnisses sowie das Internet nicht mehr nutzen dürfen. Ob Nick verärgert wäre? Wie dumm aber auch.

Als sie endlich das Büro verließ, versuchte Anna energisch, die Arbeit aus ihrem Kopf zu verbannen. Grace sagte ihr immer, dass sie jeden Tag ein paar Minuten an etwas Normales denken sollte, an Sachen für Mädels, die Spaß machten. Also las Anna in der U-Bahn auf dem Weg nach Hause den Promiteil im Express und versuchte sich darauf zu konzentrieren, welche Schauspielerinnen kürzlich im Ausland Kinder adoptiert hatten. Als sie aus der U-Bahn kam, zwang sie sich, einen Schaufensterbummel zu machen, überflog die Romane, die bei Kramerbooks auslagen, und bewunderte die im abgedunkelten Lucky Brand Jeans Store ausgestellten Lowrider-Jeans.

Doch sie konnte nicht aufhören, über D’marcos Anruf bei Laprea nachzudenken. Indem sie diesen Fall vertrat, stellte sich Anna nicht einfach nur D’marco oder seinem Anwalt oder der Herausforderung auf juristischer Ebene. Sie wollte Laprea auch vor sich selbst beschützen. Laprea hatte D’marco immer wieder zu sich zurückkommen lassen und es abgelehnt, gegen ihn vorzugehen. Wenn sie es wieder tat, würde eine Verurteilung fast unmöglich werden.

Als Anna ihre Apartmenttür öffnete, lief ihr Kater auf sie zu, drückte sich gegen ihre Beine, miaute und schnurrte begeistert. Sie nahm den orange getigerten Kater hoch und drückte ihr Gesicht in sein weiches Fell. Er schnurrte nur noch lauter. Raffles war früher durch die Nachbarschaft gestreunt und Anna hatte ihn gelegentlich gefüttert. Dann hatte er angefangen, jede Nacht vor ihrer Tür zu maunzen, bis sie schließlich nachgegeben hatte, ihm eine Wurmkur verpasst und ihn hatte einziehen lassen. Nun war sie dankbar für seine nächtliche Gesellschaft.

Meistens mochte sie es, ihr eigenes kleines Heim für sich zu haben, doch heute fühlte sie sich einsam, als sie das Licht einschaltete. Sie hatte das Apartment im Souterrain so freundlich gestaltet, wie es nur ging. Das kleine Wohnzimmer war mit einer hellroten Couch sowie bunten Kandinsky-Drucken ausgestattet und mehrere Regale bogen sich unter dem Gewicht ihrer Bücher. Die Möbel waren alle von Ikea, und Anna war stolz darauf, dass sie alles selbst aufgebaut hatte. Einige Pflanzen versuchten in dem wenigen Licht, das durch die halbhohen Fenster kam, zu überleben. Auf einem der Bücherregale war ein gerahmtes Foto zu sehen, das Anna, ihre Schwester Jody und ihre Mutter zeigte, die vor einem Karussell auf dem Jahrmarkt von Michigan standen und lächelten. An diesen Tag ihrer Kindheit dachte Anna am liebsten zurück. Anna war zwölf Jahre alt gewesen, ihre Schwester zehn. Anna hielt einen riesigen Berg rosa Zuckerwatte, der größer wirkte als ihr Kopf. Jody war im Profil zu sehen – viele Jahre lang hatte sie ihr Gesicht zur Seite gedreht, um ihre vernarbte Wange zu verstecken.

Anna erinnerte sich an die blutigen Schrammen auf Lapreas Wange, wo D’marco sie an die Ziegelwand gedrückt hatte. Würde Laprea ihr Gesicht beim nächsten Mal auch zur Seite drehen, wenn jemand sie fotografierte?

Anna schaute auf die Uhr und fragte sich, ob es zu spät war, um ihre Schwester anzurufen. 21:55 Uhr – würde gerade noch so gehen. Sie setzte den Kater ab, griff nach ihrem Handy und schlenderte nach hinten zur schmalen Küche. Während es klingelte, kramte Anna durch ihren Küchenschrank, bis sie eine Dose mit Hühnersuppe fand. Sie goss sie in eine Schüssel und stellte sie in die Mikrowelle.

»Hey, meine lange verschollene Schwester!«, begrüßte Jody sie. Seit Wochen hatten sie nicht miteinander gesprochen.

»Tut mir leid. War mit Arbeit zugeschüttet. Wie geht es dir?«

Jody erzählte, dass Michigan von einem Schneesturm heimgesucht wurde, aber die Fabrik von GM war nicht geschlossen worden, und so hatte Jody irrsinnig viele Überstunden gemacht, weil andere es nicht durch den Schnee zur Arbeit geschafft hatten. Während sie sprachen, löffelte Anna ihre Suppe. Sie hatten so unterschiedliche Lebensstile. Jody hatte Anna während des College und des Jurastudiums seelisch und moralisch unterstützt und sie ermutigt, ihren Traumjob in D.C. anzunehmen. Jody hingegen war offensichtlich zufrieden damit, in Flint zu bleiben und genau wie viele ihrer Freunde bei General Motors am Fließband zu arbeiten. Jody war immer die robustere gewesen, sie musste niemandem etwas beweisen.

Anna wusste, dass viel von ihrer eigenen Motivation damit zusammenhing, dass sie Buße tun wollte für das Unverzeihliche, das vor sechzehn Jahren in der Küche ihres Trailers geschehen war. Jody hatte es ihr nie vorgeworfen – genau genommen sprachen sie nie darüber. Anna hatte den Verdacht, dass sie das Thema aus demselben Grund mieden: Ihre Freundschaft könnte dem genauen Nachvollziehen der Geschehnisse nicht standhalten. Ihre Beziehung glich einem Atomreaktor auf der San-Andreas-Spalte: eine gute und positive Energiequelle, die immer in Gefahr stand, in die Luft zu fliegen, wenn sich der Boden bewegte.

»Und bei dir?«, fragte Jody. »Hast du Washington schon im Griff?«

»Kaum.« Anna schluckte etwas Brühe hinunter. »Tatsächlich ist es ein immerwährender Kampf, meine Fälle zusammenzuhalten.« Anna erzählte ihr von Laprea und wie D’marco versucht hatte, sich bei ihr wieder einzuschmeicheln.

»Kommt mir bekannt vor«, erwiderte Jody düster. »Aber kannst du da irgendetwas tun?«

»Ich werde sie morgen anrufen und ihr sagen, wie sie sich zu verhalten hat. Es gibt da eine Advokatin – sie ist so etwas wie eine Sozialarbeiterin, sie hilft den Opfern, Mittel und Unterstützung zu erhalten –, und ich werde sicherstellen, dass sie mit ihr in Kontakt bleibt. Und ich bin dabei, die Telefonprivilegien des Kerls aufheben zu lassen. Es wird anders als bei den letzten Malen sein. Er wird komplett abgeschnitten sein von ihr.«

»Hört sich an, als ob du alles bedacht hättest.« Jody schien zu lächeln. »Natürlich.«

Als sie sich verabschiedeten, fühlte Anna sich bestätigt, alles unternommen zu haben, was ihr möglich war. Sie zog sich weiche Baumwollshorts und ein Top an, wusch ab und ging erschöpft ins Bett. Doch Schlaf blieb ihr versagt. Der Fall ging ihr nicht aus dem Kopf, denn sie wusste, egal wie hart sie daran arbeitete, auf der anderen Seite arbeitete D’marcos Strafverteidiger genauso hart daran.

Am nächsten Sonntag spähte Laprea durch das kleine Fenster ihrer Eingangstür und sah den Streifenwagen davonfahren. Rose hatte die Kinder zur Sonntagsschule gebracht, und so hatte Laprea ein paar Stunden für sich, was für eine alleinerziehende Mutter wie sie ungewöhnlich war. Sie schob ihr aufkommendes schlechtes Gewissen beiseite und erlaubte sich ein kleines Lächeln, als sie sich noch einmal ihren Nachmittag in Erinnerung rief.

Zehn Minuten später, als Laprea die Spielecke ihrer Kinder aufräumte, klopfte es an der Tür. Sie schaute aus dem Fenster und ihre Augen wurden schmaler, als sie erkannte, wer es war. Nick Wagner.

Laprea hatte nicht länger das Gefühl, den Mann, der D’marco so oft ungeschoren hatte davonkommen lassen, anbrüllen zu müssen. Ihr Ärger hatte sich gelegt, war genau wie ihre Schrammen nur noch eine blasse Erinnerung. Und D’marcos letzter Anruf hatte sie besänftigt. Neugierig, warum er wohl hier war, öffnete sie die Tür. Der Anwalt trug Khakihosen und ein leichtes Jackett anstatt des üblichen Anzugs nebst Krawatte. Er wollte offenbar nicht, dass sein Besuch offiziell wirkte.

»Hallo, Miss Johnson«, sagte Nick freundlich und zurückhaltend. »Wie geht es Ihnen?«

»Gut.«

»Ma’am, es tut mir leid, Sie zu Hause zu stören, aber – kann ich hereinkommen?«

»Mmh«, brummte Laprea, ging mit ihm ins Wohnzimmer und bot ihm einen Platz auf der Couch an. Sie setzte sich in einen Sessel und wartete ab, was er zu sagen hatte.

»Ich weiß es wirklich zu schätzen, dass Sie mich hereingelassen haben, und ich versuche, Ihnen nicht allzu viel von Ihrer Zeit zu stehlen. Aber ich musste einfach vorbeikommen, weil D’marco Sie vermisst. Und die Kinder. Und er ist bestürzt, dass er nicht mehr mit Ihnen sprechen darf.«

Laprea nickte und blieb stumm.

»D’marco macht sich wirklich Sorgen um Sie«, fuhr er fort. »Und um D’montrae und Dameka. Und ich auch, müssen Sie wissen. Ich habe mit Ihrer Familie jetzt schon so lange zu tun und ich habe mitbekommen, wie Sie D’marco in einigen wirklich schwierigen Situationen zur Seite gestanden haben. Aber wenn er jetzt wegen dieses Zwischenfalls verurteilt wird, muss er die ganzen fünf Jahre absitzen, die man ihm auf Bewährung erlassen hatte. Dazu kommt noch etwa ein Jahr für die Vorwürfe in diesem Fall.«

»Dann … wären D’montrae und Dameka etwa zehn, wenn er wieder herauskäme?«

»Stimmt«, sagte Nick. »Das ist für Ihre Kinder eine lange Zeit ihres Lebens, die sie ohne ihren Vater auskommen müssen.«

»Mmh.« Das war ihr gar nicht klar gewesen.

»Ich weiß, es ist schwer zu glauben, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er sich dieses Mal tatsächlich geändert hat. Er arbeitet sehr ernsthaft in seinen Antiaggressionskursen. Wenn er Ihre Unterstützung hätte, würde er meiner Meinung nach nie wieder so etwas tun. Er liebt Sie. Er liebt D’montrae und Dameka. Er will ihnen ein guter Vater sein. Ich denke, dass Therapie hier eine bessere Lösung ist als das Gefängnis.«

Laprea fragte sich, ob Nick Wagner wirklich daran glaubte, was er da sagte, oder ob er einfach nur versuchte, seiner Gewinn- und Verlust-Spalte ein weiteres »G« hinzuzufügen. Doch D’marco hatte sich am Telefon so ähnlich ausgedrückt. Sie wollte nur zu gern glauben, dass er es ehrlich meinte, dass sie mit dem Vater ihrer Kinder immer noch etwas hinbekommen könnte. Nicks Worte ließen sie hoffen. Wider besseres Wissen ließ sie diese Hoffnung in ihr Herz, wo sie sich festsetzte und zu wachsen begann.

Nick sprach sanft weiter, erzählte ihr, warum es dieses Mal anders wäre und warum ihr Leben sich verbessern würde, wenn D’marco aus dem Gefängnis käme. Vorübergehend war sie eingelullt von den Worten, die sie nur zu gern hören wollte. Dann schüttelte sie ihre Träumerei ab.

»Aber es ist nicht mein Fehler, dass er Probleme hat. Er hat mich geschlagen.«

»Natürlich«, besänftigte Nick. »Aber … Sie wissen, dass es keinen Prozess geben wird, wenn Sie nicht vor Gericht erscheinen.«

Ihr fiel auf, dass er sie nicht offen dazu aufforderte, nicht vor Gericht zu erscheinen. Laprea hatte genügend Erfahrung mit dem System, um zu wissen, dass Anwälte in größte Schwierigkeiten kommen konnten, wenn sie das taten.

»Nun, das hängt nicht von mir ab«, erwiderte Laprea rundheraus. »Sie haben einen Polizisten mit Papieren zu mir geschickt, auf denen steht, dass ich erscheinen muss.«

»Eine Vorladung. Damit Sie aussagen, ob Sie nun wollen oder nicht.«

Laprea erwartete, dass er sie nun nach ihrer Version der Geschichte fragen würde – doch das tat er nicht. Stattdessen ging er zur möglichen Verteidigung über. »Wenn es so passiert wäre …«, begann er und führte verschiedene Umstände an, unter denen es für D’marco gut aussehen würde. Doch nichts davon war wahr. Ihr fiel auf, wie bedacht der Anwalt Dinge formulierte – sie nie zum Lügen aufforderte, doch ihr erzählte, was D’marco rein hypothetisch helfen würde, wenn es sich am Tag des Angriffs so wie von ihm beschrieben zugetragen hätte. Sie bemerkte, dass er sich dabei absicherte – doch sie hörte trotzdem zu.

Laprea traf jetzt noch keine Entscheidungen. Sie hörte einfach genau zu und merkte sich alles, um es später noch einmal zu überdenken. Bis zur Verhandlung waren es noch Wochen.

Als ein Schlüssel in der Eingangstür zu hören war, erschraken beide. Laprea stand schnell auf und sah sich im Wohnzimmer um, als ob sie ein Versteck für den Anwalt suchen wollte. Rose kam ins Haus, gefolgt von den Zwillingen, die über ihren Unterricht in der Sonntagsschule plauderten. Rose war wie vom Donner gerührt, als sie Nick von der Couch aufstehen sah.

»Raus.« Rose schrie nicht – weil sie offenbar die Kinder nicht erschrecken wollte –, aber die Härte in ihrer Stimme war eindeutig und es gab keinen Zweifel an ihrer Autorität.

Nick schlüpfte an Rose vorbei und murmelte Entschuldigungen.

»Wenn Sie sich hier noch ein Mal sehen lassen«, sagte ihre Mutter, »hole ich die Polizei.«

Sobald er draußen war, wandte sich Rose Laprea zu. »Was wollte der Kerl von dir?«

Für einen Augenblick hatte sich Laprea von der beruhigenden Stimme und den schönen Versprechungen des Anwalts beeindrucken lassen, aber als ihre Mutter nun eine Erklärung erwartete, musste sie ehrlich zu sich sein.

»Schmieriges Gequatsche und Lügen«, sagte sie und ging in die Küche, um den Kindern das Mittagessen zu bereiten. »Ich weiß nicht einmal, warum ich ihn überhaupt hereingelassen habe.«

KAPITEL5

Am Morgen von Lapreas Gerichtsverhandlung konnte Anna nicht einen Zeugen ihres Falles vorfinden. »Officer Green!«, rief sie und versuchte sich im lauten Zeugenraum Gehör zu verschaffen. Müde Polizisten standen herum und unterhielten sich darüber, wie sie letzte Nacht jemanden zu Fuß durch die Sursum-Corda-Wohnanlage verfolgt hatten. Am Schalter hingen vier verrotzte Kinder an einer fetten Frau, die mit einer Vorladung vor dem kugelsicheren Plexiglas herumwedelte und den Generalbundesanwalt sprechen wollte. Weniger resolute Bürger saßen auf reihenweise angeordneten Plastikstühlen und warteten, dass Staatsanwälte ihre Namen aufriefen. Staatsanwälte beeilten sich, vor dem Beginn der Verhandlung um 9:30 Uhr mit so vielen Leuten wie möglich zu sprechen, um dem Richter dann mitteilen zu können, ob ihre Zeugen anwesend und der Staat für die Verhandlung bereit war.

Anna fand Brad Green schließlich auf dem Flur vor dem Zeugenraum. Er war in ein Gespräch mit einer der neueren Anwältinnen vertieft, die auf häusliche Gewalt spezialisiert war, und schaute ihr lächelnd tief in die Augen.

»Officer Green, haben Sie Laprea Johnson gesehen?« Anna hatte keine Zeit für Höflichkeiten.

Er schüttelte den Kopf. Weil sie so ertappt wirkten, ging Anna davon aus, dass sich der Officer und die Anwältin nicht über einen Fall unterhalten hatten. Sie seufzte. Anna hatte in den drei Monaten, seit sie ihm das erste Mal begegnet war, festgestellt, dass Green etwas von einem Player an sich hatte, der die Aufmerksamkeit genoss, die seine Uniform mit sich brachte. Okay, er konnte so viel flirten, wie er wollte – in seiner Freizeit.

Anna lief zu den Schreibtischen hinter dem Schalter, um bei den Johnsons zu Hause anzurufen, als sie Rose auf dem Flur entdeckte. Ihre Erleichterung schlug schnell in Besorgnis um, als sie sah, dass Rose rote Augen hatte und ein Taschentuch umklammert hielt. Anna lief den Flur entlang, um sie zu begrüßen.

»Hallo! Was ist passiert, Mrs. Johnson?«

«Laprea wird nicht kommen. Ich habe sie angefleht. Sie sagt, dass sie nicht gegen den Vater ihrer Kinder aussagen wird. Sie will nicht dafür verantwortlich sein, dass er fünf oder sechs Jahre ins Gefängnis wandert.«

»Er würde doch für nichts, was sie getan hat, hinter Gitter wandern. Er ist es doch, der sie geschlagen hat.«

»Ich weiß das«, blaffte Rose durch ihre Tränen. »Ich bin hier.«

Natürlich. Es war nicht Rose, die sie überzeugen musste. Anna nickte.

»Kann ich denn nicht sagen, was passiert ist?«, fragte Rose. »Laprea hat es mir erzählt. Ich kann aussagen.«

»Wenn es nur so einfach wäre. Aber Sie haben nicht mit eigenen Augen gesehen, was passiert ist. Alles, was Laprea Ihnen erzählt hat, wäre Hörensagen.« Anna wandte sich an Green. »Officer, Sie müssen zum Haus von Laprea Johnson und sie herholen. Wenn sie nicht da ist, fahren Sie zur Cafeteria im Arbeitsministerium. Dort arbeitet sie. Erinnern Sie sie daran, dass sie eine Vorladung hat. Das ist ein amtlicher Bescheid. Sie muss vor Gericht erscheinen, sonst wird sie festgenommen und als wichtige Zeugin vorgeführt.«

»Ja, Ma’am«, antwortete Green fröhlich. Andere Cops hätten gemurrt, doch er schien froh zu sein, das Gericht mit einem offiziellen Auftrag verlassen zu können.

Anna schaute Rose an. »Ich drohe ihr zwar nicht gerne mit einer Festnahme, Mrs. Johnson, doch es könnte die einzige Möglichkeit sein, sie heute hierher zu bekommen. Sollte sie nicht erscheinen, wird die Klage abgewiesen.«

Rose holte tief Luft und nickte. »Ich danke Ihnen, Miss Curtis.«

Die Reihen begannen sich zu füllen, als Anna und Grace in den Gerichtssaal kamen. Anna konnte nicht widerstehen, sich nach Nick Wagner umzusehen. Seit ihrem gemeinsamen Abendessen hatte sie ihn im Gericht bewusst ignoriert, einmal abgesehen von dem höflichen Minimum an Kontakt, der im täglichen Geschäft notwendig war. Trotzdem hatte sie ständig über ihn nachgedacht und wusste, dass ihre Nervosität heute Morgen zum Teil auch daher stammte, dass sie ihm gleich direkt gegenüberstehen würde. Doch sie konnte ihn in dem überfüllten Gerichtssaal noch nicht ausmachen.

Freunde und Familien der verschiedenen Angeklagten musterten Anna und Grace feindselig oder hoffnungsvoll, als die Staatsanwälte ihre Aktenkoffer durch die Zuschauerreihen rollten. Die Männer trugen Baggy Pants und T-Shirts. Die Frauen hatten – egal, ob dick oder dünn – hautenge Hosen an, ihre Frisuren waren kunstvoll und ihre Fingernägel bunt und aus Acryl. Alle stellten ihre Tattoos zur Schau. Die Tage, an denen man vor Gericht seine beste Kleidung trug, waren lange vorbei. Vor dem Superior Court präsentierte man sich jeden Tag in lässiger Freizeitkleidung.

Zwischen den Freunden und den Angehörigen saßen eine Menge Polizisten in Uniform, für die Familienmitglieder waren keine speziellen Reihen vorgesehen. Eine Handvoll Bewährungshelfer und Strafverteidiger saßen ganz vorn und blätterten ihre Akten durch, bevor der Richter erschien.

Obwohl der Superior Court von D.C. die Probebühne für einige von Amerikas renommiertesten Prozessanwälten war, hatte der fensterlose Gerichtssaal schon bessere Tage gesehen. Gelbe Schaumdämmung blitzte durch Risse im abgewetzten beigen Stoff, mit dem die Geschworenenbank und der Richtertisch verkleidet waren. Der dünne braune Teppichboden war in den am meisten beanspruchten Bereichen großflächig abgenutzt. Ein unregelmäßiger Fleck erstreckte sich über mehrere fluoreszierende Lichtpaneele. Hier war, wollte man einer Legende glauben, eine Ratte hineingeraten und gestorben.

»Bitte erheben Sie sich!«, rief der Gerichtsdiener.

Es wurde lauter, als alle aufstanden. Richterin Nancy Spiegel ging zu ihrem Tisch, wobei ihre schwarze Robe hinter ihr her flatterte. Sie war eine attraktive Frau von etwa Mitte vierzig, ihr braunes Haar trug sie lockig und zwischen ihren Augen war wie stets eine Furche zu sehen. Sie schien in nicht schlechterer Laune als sonst zu sein.

Die Richterin begann die Fälle aufzurufen, die auf der Tagesordnung standen. Wenn das Opfer erschien und kooperativ war – zwei große Unwägbarkeiten – oder falls die Staatsanwaltschaft den Beweis ohne das Opfer führen konnte, dann riefen die Anwälte »bereit«. Alle diese »Bereit«-Fälle wurden später verhandelt. Sollten die notwendigen Zeugen nicht greifbar sein, riefen sie »nicht bereit« und die Richterin wies die Klage ab. Die Angeklagten dieser Fälle wurden sofort freigelassen.

Was die Termine der Häuslichen-Gewalt-Fälle anbelangte, so waren die Staatsanwälte in fast der Hälfte aller Fälle »bereit«, was im Hinblick auf den nationalen Standard eine beeindruckende Bilanz war. Zum Termin der Verhandlung waren die Opfer häufig zu ihren Peinigern zurückgekehrt und weigerten sich, mit der Staatsanwaltschaft zusammenzuarbeiten. Die Staatsanwälte wussten das und versuchten Beweismaterial für Erfolg versprechende Fälle auch ohne ein aussagewilliges Opfer zusammenzutragen. Doch oft erwies sich das als unmöglich.

Anna wusste, dass sie ohne eine Aussage von Laprea nichts gegen D’marco Davis in der Hand hatte.

Anna blickte sich zum Publikum um, in der Hoffnung, Laprea dort zu entdecken. Sie sah, dass Nick in der ersten Reihe bei den anderen Strafverteidigern saß. Er lächelte, als Anna ihn anschaute. Sie versuchte zu ignorieren, dass ihr Magen wie bei einer Achterbahnfahrt bis in die Knie sackte. Sie fragte sich, ob Nick lächelte, weil er froh war, sie zu sehen, oder weil er wusste, dass sein Mandant vor der Freilassung stand. Sie nickte ihm zu, aber lächelte nicht zurück.

»Aufruf der Sache Vereinigte Staaten gegen D’marco Davis«, sagte die Richterin. Der Gerichtsdiener führte den Angeklagten in den Gerichtssaal.

Anna schaute sich D’marco genauer an. Obwohl sie nun seit zwei Monaten über ihn nachgedacht hatte, sah sie ihn heute zum ersten Mal persönlich; durch das Rotationssystem ihres Büros hatten sich andere Strafverfolger mit D’marcos früheren Anhörungen beschäftigt. Der Typ sah beeindruckend aus. D’marco war so groß wie sein schlaksiger Anwalt und wirkte in seinem orangefarbenen Overall wie ein Football-Spieler. Was von seinen Armen zu sehen war, war mit Muskeln bepackt, und seine Hände waren so groß wie Teller im Steakhouse. Sein Haar trug er auf dem Oberkopf in kurzen Cornrows, hinten fiel es in dünnen Zöpfen bis auf seine Schultern. D’marco begrüßte seinen Anwalt und betrachtete dann das Publikum. Er lächelte. Er wusste, was es bedeutete, dass Laprea nicht da war. Dann wandte er sich der Richterin zu, neigte respektvoll den Kopf und sagte mit weicher und höflicher Stimme: »Guten Morgen, Euer Ehren.« Der Typ war ein Profi.

Die Richterin stellte Anna die Frage des Tages: »Miss Curtis, ist der Staat bereit, mit dem Verfahren in diesem Fall fortzufahren?«

Ohne Laprea konnte Anna den Fall nicht für »bereit« erklären. Ihr schnürte sich die Kehle zu bei dem Gedanken, dass D’marco davonkommen würde. Sie öffnete ihren Mund, um »Nein« zu sagen, als ihr jemand auf die Schulter tippte. Officer Green war zurück. Er flüsterte Anna etwas ins Ohr und zeigte auf die letzte Reihe, wo Laprea sich gerade setzte. Anna seufzte vor Erleichterung auf.

»Ich danke Ihnen«, flüsterte Anna.

»Los, schnappen Sie ihn sich«, erwiderte Green.

»Der Staat ist zur Verhandlung bereit«, verkündete Anna. Sie blickte zu D’marco, damit ihr seine Reaktion nicht entging. Er starrte mit versteinerter Miene geradeaus.

Als Green sich umdrehte, um sich zu setzen, blickte Richterin Spiegel zum Officer hin und lächelte zum ersten Mal an diesem Tag. »Miss Curtis, wie ich sehe, haben Sie das A-Team bemüht«, sagte sie, ohne Anna anzusehen. »Guten Morgen, Officer Green«, schnurrte sie. Wenn Anna es nicht besser wüsste, hätte sie schwören können, dass die Richterin ihm schöne Augen machte. Der Officer erwiderte die Begrüßung und die zwei scherzten einen Augenblick miteinander.

Anna blickte zu Nick hin, der schmunzeln musste. Er war nicht überrascht von der offensichtlichen Verbundenheit zwischen Richterin und Polizist, und es amüsierte und ärgerte ihn zugleich.

Die Richterin wandte sich schließlich wieder ihrer Tagesordnung zu und merkte an, dass die Klage gegen D’marco als erste des Tages in etwa einer Stunde verhandelt würde. Grace kümmerte sich um die restlichen Terminfestsetzungen, damit Anna sich mit Laprea unterhalten konnte.

»Ich kann das nicht, Miss Curtis. Bitte zwingen Sie mich nicht dazu«, bat Laprea. Sie standen in dem kleinen Besprechungsraum in der Nähe des Eingangs zum Gerichtssaal. Rose saß in einem der Plastikstühle, die Arme unglücklich vor ihrem Körper verschränkt, während Green sich in einer Ecke herumdrückte.

»Vor drei Monaten haben Sie mich noch gebeten, D’marco wegzuschließen«, erwiderte Anna mit wachsendem Frust. »Wollen Sie wirklich, dass er hier heute als freier Mann rausgeht? Er wird Ihnen immer wieder wehtun. Und wenn er weiß, dass er dafür keine Konsequenzen zu erwarten hat, werden die Schläge nur noch schlimmer werden.«

Laprea sah zu Boden. Ein Teil von ihr wusste, dass es stimmte. Doch heute war sie voller Hoffnung.

»Er wird sich ändern. Er besucht Antiaggressionskurse. Er macht eine Berufsausbildung.«

»Hat er das nicht auch schon vorher gemacht?«

»Ich erwarte nicht von Ihnen, das zu verstehen. Aber er ist der Vater meiner Kinder. Was hilft es meinen Kleinen, wenn ihr Vater im Gefängnis sitzt? Er will da sein, um D’montrae und Dameka aufwachsen zu sehen. Sie brauchen ihn.«

»Es wäre besser für sie, ohne Vater aufzuwachsen, als dabei zuzuschauen, wie er andauernd ihre Mutter schlägt«, antwortete Anna bestimmt.

»Bei allem Respekt, Miss Curtis, aber Sie kennen sich mit meinem Leben nicht aus.«

Anna hielt inne. Ihr wurde klar, was Laprea vor Augen hatte, wenn sie Anna anschaute: eine weiße Frau in einem Anzug, eine Person aus einer völlig anderen Welt. Anna wollte ihr sagen, dass das alles nur schöner Schein war. Der Hosenanzug, der Abschluss in Jura, darauf kommt es nicht an. In unserem Innern sind wir uns ähnlicher, als Sie denken mögen. Aber sie konnte die richtigen Worte nicht finden, und dann war der Moment vorbei.

»Es ist nicht alles seine Schuld«, sagte Laprea sanft. »Ich habe auch etwas dazu beigetragen.«

»Es ist seine Schuld!«, rief Anna frustriert. »Egal, was Sie meinen, getan zu haben – Sie haben das nicht verdient!«

Rose meldete sich verbittert zu Wort. »Ich habe bei D’marco nie irgendwelche Schrammen gesehen.«

Laprea wandte sich ihr zu. »Mama, ich weiß, dass es hart ist. Einige Männer wollen dich einfach nur ins Bett kriegen, und das war es dann. D’marco will zu meinem Leben gehören. Er will für mich und meine Kinder sorgen. Und ich werde das nicht beenden.«

Anna drohte vor Frust zu explodieren. Sie musste sich entschuldigen und den kleinen Raum verlassen, um ihren Kopf freizubekommen. Sie ging zu einer Hintertür des Gerichtsgebäudes und trat auf den Hof hinaus. Es war Anfang Mai und sie atmete den Geruch von feuchter Erde ein, als sie auf und ab ging. Die Raucher unter dem Dachvorsprung nahm sie gar nicht wahr.

Manchmal ließ sie eine Klage abweisen, wenn ein Opfer sie bat, die Anschuldigungen fallen zu lassen. Sie zog es auch hier in Betracht. Laprea wollte es so. Einige Leute argumentierten, dass es selbstherrlich sei, eine Klage gegen den Willen des Opfers weiterzuverfolgen. Anna wollte sich nicht über Lapreas Entscheidung hinwegsetzen; sie wusste, dass es für die Frau wichtig war, ein wenig Selbstkontrolle über ihr eigenes Leben zu haben.

Ungewollt blitzte eine Erinnerung auf. Anna sah das Gesicht ihrer Mutter vor sich, die Angst in ihren Augen, wenn ihr Vater nach einer weiteren Nacht in der Bar nach Hause kam. Der Alkohol kam ihm förmlich aus den Poren. Anna und Jody krochen unter den Tisch, wenn der Vater seinen Ledergürtel mit der großen Metallschnalle zu einer Rolle aufwickelte.

Anna schüttelte das Bild ab.

Lapreas Kinder waren vier Jahre alt. Bald würden sie anfangen, die Gewalttätigkeit ihres Vaters zu verinnerlichen – und höchstwahrscheinlich weiter mit ihr leben müssen. Dameka stand in Gefahr, selbst eine misshandelte Frau zu werden; D’montrae würde sich voraussichtlich zum Täter entwickeln. Anna wünschte, jemand hätte ihre Mutter gegen ihren Vater aussagen lassen, als Anna vier Jahre alt war. Damals, als es noch etwas bewirkt hätte.

Nein, sie würde die Klage nicht fallen lassen. Sie musste Laprea beschützen, selbst wenn Laprea das im Augenblick nicht wollte. Anna glaubte zu wissen, was am besten für Laprea war, besser als Laprea selbst.

Anna ging in den Raum zurück, wo Laprea und ihre Mutter in eisigem Schweigen saßen. Sie sank neben Lapreas Stuhl in die Hocke.

»Es tut mir leid«, sagte Anna sanft zu Laprea, »aber ich muss Sie in den Zeugenstand rufen. Ich hasse diesen Teil meines Jobs, jemanden zu etwas zu zwingen, was er nicht tun will. Aber ich habe gesehen, was er Ihnen angetan hat. Ich kann es nicht zulassen, dass diese Klage abgewiesen wird.«

Laprea nickte resigniert. Sie würden beide tun, was sie für das Richtige hielten. Doch nichts würde sich so entwickeln, wie sie es sich vorgestellt hatten.

KAPITEL6

»Miss Curtis, bitte rufen Sie Ihre erste Zeugin«, sagte die Richterin.

Sie hatten schon die Eröffnungsplädoyers hinter sich, die bei einer Hauptverhandlung ohne Geschworene immer kurz waren. In Vergehensfällen, in denen der Richter über die Schuld des Angeklagten befand, waren die großen Reden einer Verhandlung vor einer Jury fehl am Platze. Anna hatte gerade die grundlegenden Fakten und Anschuldigungen dargelegt: D’marco wurde für seine Attacke am Tag nach Valentin der Bedrohung und der Körperverletzung angeklagt sowie der Missachtung des Gerichts wegen des Telefonats mit Laprea, das er aus dem Gefängnis geführt hatte. Nick hatte sein Eröffnungsplädoyer zurückgehalten, wollte seine Karten noch nicht aufdecken.

»Der Staat ruft Laprea Johnson auf«, sagte Anna. Grace saß neben Anna am Tisch der Anklage. Sie wurde als zweite Staatsanwältin geführt, aber eigentlich war sie nur zur moralischen Unterstützung dabei. Sie lächelte ihre Freundin aufmunternd an.

Laprea setzte sich in den Zeugenstand, hob ihre Hand und schwor, die Wahrheit zu sagen. Anna ging mit Laprea die einführenden Fragen durch. Ja, Laprea kannte einen Mann mit Namen D’marco Davis. Er war der Vater ihrer vier Jahre alten Zwillinge. Sie hatten während der vergangenen fünf Jahre eine Beziehung geführt – mit Unterbrechungen. Ja, sie sah Mr. Davis im Gerichtssaal. Ja, sie konnte ihn identifizieren: Da war er, saß in einem orangefarbenen Overall neben seinem Anwalt. Laprea blickte D’marco direkt an, als sie gebeten wurde, auf ihn zu weisen. Sie lächelten sich durch den Gerichtssaal an. Anna hätte wissen müssen, was als Nächstes kam.

»Miss Johnson, ist dieses Jahr am Morgen nach Valentin etwas Ungewöhnliches zwischen Ihnen und Mr. Davis vorgefallen?«

»Ja, so ist es.«

»Bitte beschreiben Sie, was passierte.«

Laprea hielt ein paar Sekunden inne, bevor sie antwortete. Sie schaute auf das Mikrofon vor ihr. D’marco starrte sie eindringlich an. Nick notierte sich etwas auf seinem Notizblock.

»Okay … wir waren am Valentinstag verabredet gewesen, für den Abend. Er wollte mit mir ausgehen, aber er ist nicht gekommen. Ich dachte, dass er mit einer anderen Frau aus war. Deshalb war ich sauer, als er am nächsten Morgen bei mir vorbeikam. Wir fingen an, miteinander zu streiten. Ich habe mir ein Fleischermesser geschnappt und ihm gesagt, dass ich ihn umbringen würde. Er rannte aus dem Haus und ich verfolgte ihn mit dem Messer. Ich holte ihn im Vorgarten ein und versuchte, auf ihn einzustechen. Da schlug er mich, um mich davon abzuhalten. Ich fiel auf den Boden, und dabei habe ich mir das Gesicht zerschrammt.«

Anna stand fassungslos da. Obwohl sie nicht erwartet hatte, dass alles glattlaufen würde, so hatte sie jedoch nicht gedacht, dass Laprea lügen würde. Anna starrte Laprea an. Die junge Frau konnte ihr nicht in die Augen schauen.

Anna blickte sich im Gerichtssaal um, wollte die Reaktion der Anwesenden abschätzen. D’marco lehnte sich zurück und versuchte seine Freude zu verbergen. Die Richterin schien unbeeindruckt; solche Sachen passierten andauernd bei Fällen, in denen es um häusliche Gewalt ging. Grace verzog ihr Gesicht und schüttelte den Kopf. Nick schrieb weiter.

Anna räusperte sich. Vielleicht konnte sie den Fall noch retten. Sie müsste ihre eigene Zeugin in Frage stellen. »Miss Johnson, haben Sie nicht mir und Officer Bradley Green unmittelbar nach dem Vorfall erzählt, dass Sie D’marco nichts getan hätten?«

»Ich habe die Geschichte erfunden, weil ich sauer auf D’marco war. Ich wollte es ihm heimzahlen, weil ich dachte, dass er mit einer anderen Frau zusammen war. Ich habe Sie angelogen.«

Anna holte tief Luft. Diese Antwort würde nicht einfach nur diesen Fall versenken, sie würde auch Lapreas Glaubwürdigkeit für immer in Mitleidenschaft ziehen. Sollte sie jemals wieder Opfer sein, würde ein guter Strafverteidiger sich eine Kopie dieser Aussage besorgen, um zu beweisen, dass sie zugegeben hatte, eine Lügnerin zu sein.

Anna änderte ihre Taktik. Sie würde nicht mehr nach dem Angriff fragen, weil Laprea einfach weiter lügen würde. Doch Anna konnte D’marco immer noch wegen des Vorwurfs der Missachtung drankriegen.

»Hat der Angeklagte sich bei Ihnen gemeldet, seit er wegen dieser Sache im Gefängnis saß?«

Laprea blickte Anna an und dachte einen Augenblick über die Frage nach. Laprea wusste, dass es einige Fakten gab, um die sie nicht herumkam. D’marcos Anrufe aus dem Gefängnis waren aufgezeichnet worden.

»Ja.«

»Und hat er versucht, sich mit Ihnen auszusöhnen?«

»Nicht nur er. Wir sind beide daran interessiert, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Für unsere Kinder.«

»Also wollen Sie Ihre Beziehung mit dem Angeklagten fortführen?«

»Ja.«

»Sie lieben ihn.«

Laprea blickte D’marco an und lächelte. »Ja, das tue ich.«

»Sie wollen nicht, dass er ins Gefängnis geht, stimmt’s?«

»Stimmt.«

»Und Sie würden alles nur Erdenkliche tun, damit diese Anklagen gegen ihn fallengelassen werden?«

»Ich würde nicht lügen.«

Grace schüttelte ihren Kopf; Anna war eine Frage zu weit gegangen.

»Miss Johnson, der Angeklagte hat Sie vor etwa einem Monat aus dem Gefängnis angerufen, richtig?« Anna stellte Suggestivfragen, die normalerweise während eines Direktverhörs verboten waren, doch Nick erhob keine Einwände. Die Sache lief für die Verteidigung einfach zu gut.

»Das stimmt.«

»Und Sie haben an jenem Tag einige Minuten mit ihm gesprochen, ist das richtig?«

»Ja.«

Anna öffnete den Fallordner und kramte durch die Papiere, bis sie den Umschlag gefunden hatte, der die Aufzeichnung des Anrufs aus dem Gefängnis enthielt. Ihre Hände zitterten, als sie die Kassette in den Recorder legte und den Abspielknopf drückte.

D’marco wirkte amüsiert, als sein »Hey, Baby« zu hören war. Die Richterin blitzte ihn an, als seine aufgezeichnete Stimme versuchte, sich den Weg in Lapreas Herz zurückzuschmeicheln. Auf dem Band wirkte Laprea unentschlossen, aus dem Zeugenstand hingegen blickte sie ihren Freund zärtlich an, als vom Recorder D’marcos gesäuselte Liebesschwüre zu hören waren.

Anna stellte das Band ab, bevor es zu der Stelle kam, als Rose dazwischengefahren war. Das tat nichts zur Sache. »Miss Johnson, auf Ihren Antrag hin gab es eine einstweilige Anordnung gegen den Angeklagten, richtig?« Anna hielt eine Kopie der Anordnung hoch, damit Laprea sehen konnte, dass sie jetzt nicht so leicht davonkam.

»Ja, das stimmt.«

Anna las aus den Papieren vor. »Und diese Anordnung besagt, dass er sich ›in keiner Weise‹ mit Ihnen in Verbindung setzen durfte, richtig?«

»Das stimmt. Aber ich wollte, dass er mich anrufen konnte. Ich habe ihn vermisst. Und so habe ich D’marco im Gefängnis besucht und ihm erzählt, dass die Anordnung aufgehoben worden ist. Es war nicht sein Fehler. Es war meiner.«

Anna verschlug es den Atem. Hilflos blickte sie Rose an. Sie wussten beide, dass Lapreas Aussage nicht stimmte, aber im Moment gab es keine Möglichkeit, sie zu widerlegen. Grace bedeutete ihr mit einer Geste, das Ganze zu beenden. Jedes Mal, wenn Laprea ihren Mund aufmachte, wurde es nur noch schlimmer.

»Keine weiteren Fragen mehr«, sagte Anna und setzte sich.

Die Verteidigung wollte kein Kreuzverhör. Warum sollte sie auch? Alles, was sie von Laprea möglicherweise hören wollte, hatte sich mit den Fragen der Staatsanwältin schon erledigt.

Anna versuchte, die Verhandlung noch zu retten, aber ihre Bemühungen waren zwecklos. Lapreas Aussage hatte jede Aussicht auf eine Verurteilung zunichte gemacht. Anna rief Officer Green in den Zeugenstand, aber er konnte nicht sagen, ob Laprea ein Messer gezogen hatte oder nicht. Obwohl er aussagte, dass sie ihm an dem Tag, als sie verletzt wurde, eine andere Geschichte erzählt hatte, hatte er nicht persönlich gesehen, was passiert war.

Weil sie keine weiteren Zeugen hatte, schloss Anna ihre Beweisführung ab. Doch bevor Nick mit seiner beginnen konnte, unterbrach die Richterin. Die Verteidigung brauche keine Zeugen aufzurufen, sagte sie. Die Anklage habe ihrer Beweisführungspflicht nicht nachkommen können. Es gebe keinen Grund dafür, Laprea Johnsons Aussage in Zweifel zu ziehen. Und wenn man sie zugrunde legte, dann geschah der Angriff in Selbstverteidigung, es gab keine Bedrohung, und der Angeklagte hatte keinen Tatvorsatz, nicht die Absicht, die einstweilige Anordnung zu verletzen, da er davon ausgehen konnte, dass sie aufgehoben worden war.

Anna nickte niedergeschlagen. Diese Verfahrensweise war nicht unüblich in einer Verhandlung, in der das Urteil vom Richter und nicht von der Jury gesprochen wurde. Nachdem Richterin Spiegel die Beweismittel des Staates angehört hatte, war sie – vernünftigerweise, das musste Anna ihr zugestehen – zu dem Schluss gekommen, dass der Staat nicht würde gewinnen können. Drei Verhandlungen standen heute noch an, deshalb würde sie diese nun abkürzen.

»Daher«, schloss die Richterin, »erkläre ich den Angeklagten der ihm angelasteten Vergehen für nicht schuldig.« Die Richterin wandte sich an Anna. »Miss Johnsons heutige Aussage halten Sie offensichtlich für nicht der Wahrheit entsprechend, doch sie lässt mir keine andere Wahl. Gerichtsdiener, bitte geben Sie dem Angeklagten seine persönlichen Dinge zurück und lassen Sie ihn sofort frei.«

Anna spritzte sich kaltes Wasser auf ihren Hals und betrachtete sich im Spiegel des Vorraums zu den Toiletten. Nimm dich zusammen, Curtis. Sie wollte nicht heulen, aber sie brauchte einen Moment, um sich zu beruhigen. Sie ging in die einzige Kabine, die einen funktionierenden Riegel hatte, und setzte sich auf den Toilettendeckel. Sie stellte die Ellbogen auf ihre Knie und legte den Kopf in ihre Hände. Nun war sie so weit gekommen – mit all der Ausbildung, all der Zeit, in der sie sich für eine Position vorbereitet hatte, in der sie endlich helfen konnte – und war trotzdem machtlos.

Nach einiger Zeit öffnete sich die Tür zum Toilettenraum, und Anna hörte das vertraute Klackern von hochhackigen Schuhen.

»Anna?«, rief Grace besorgt.

»Ich bin gleich da.« Anna versuchte locker zu klingen. Sie drückte den Toilettenspüler und bemühte sich, alles ganz normal scheinen zu lassen. Sie kam heraus und versuchte Grace anzulächeln. »Was für ein Mist, hm?«

»Totalschaden«, stimmte Grace mitfühlend zu. »Aber ich muss es deinem Opfer lassen, die Aussage war schlau. Da muss sie jemand beraten haben.« Sie drückte Annas Arm. »Bist du okay?«

»Ja, es geht mir gut.« Frauen waren tough in dieser Gegend, weshalb Anna nie zugeben würde, dass sie hier war, weil sie es im Gerichtssaal nicht mehr ausgehalten hatte. Sie ging zur Tür.

»Prima. Aber tu mir einen Gefallen und kümmere dich um deine Haare, bevor wir da rausgehen.«

Anna blieb stehen und betrachtete sich im Spiegel. Kein Wunder, dass sie Grace nichts vormachen konnte. Aus ihrem vorhin noch ordentlichen Pony standen die Haare ab wie Stroh, und auf ihrer Stirn waren rote Stellen, wo sie ihren Kopf in die Hände gelegt hatte. Sie zog ihr Haargummi ab und schüttelte ihr Haar durch. Grace plauderte, während Anna ihren Pferdeschwanz neu band.

»Du weißt, dass es nicht dein Fehler war«, sagte Grace beruhigend. »Achtzig Prozent der Opfer von häuslicher Gewalt sind bis zur Verhandlung wieder mit ihren Freunden zusammen und widerrufen ihre Aussage.«

Anna nickte müde. Sie hätte damit rechnen müssen.

Sie blickte noch einmal in den Spiegel. Ihr Haar war jetzt ordentlich, aber gegen die rosa Stellen auf ihrer Stirn konnte sie nichts ausrichten. Sie sah aus wie ein Stier, den man enthornt hatte. Sie drehte sich mit erhobenen Handflächen Grace zu.

»Du siehst großartig aus«, log Grace besänftigend.

Sie verließen den Toilettenraum und begaben sich in den Gerichtssaal zurück, wo sie sich noch um ihre restlichen drei Verhandlungen kümmern mussten.

»In manchen Vierteln ist es für eine Frau Ehrensache, für ihren Freund zu lügen. Sie will ihm damit zeigen, wie sehr sie ihn liebt«, meinte Grace. »Als Laprea sich dazu entschlossen hatte, konntest du nicht mehr viel ausrichten. Sie wollte, dass er davonkam.«

»Wenn er sie das nächste Mal als Punchingball benutzt, wird sie anderer Meinung sein.«

Nick kam im Gang auf sie zu. Er grinste wie ein Sieger. Großartig, dachte Anna, ich kann förmlich sehen, wie er sich freut. Aber als er Anna erblickte, verschwand Nicks Lächeln. Er ging auf sie zu und stand vor ihr wie ein Schüler, der sich bei seinem Lehrer einschmeicheln möchte.

»Du hast deinen Job gut gemacht«, sagte Nick. »Da gehört was zu, es mit einer widerrufenden Zeugin aufzunehmen. Die meisten Staatsanwälte hätten die Klage abweisen lassen, ohne noch einmal nachzuhaken.«

»Danke.« Sie nickte ihm zu und ging weiter. Sie wusste nicht, was schlimmer war: ein sich freuender Nick oder ein sich höflich nicht freuender Nick. Egal, sie konnte jetzt nicht mit ihm sprechen.

Als Anna und Grace das Foyer erreicht hatten, konnte Anna Laprea sehen, die vor dem Glaseingang auf dem gepflasterten Platz vor dem Gericht stand. Anna erstarrte. D’marco, der entspannt und selbstzufrieden aussah, kam aus der Seitentür, durch die Gefangene entlassen wurden. Er trug dieselben Sachen, die er bei seiner Festnahme angehabt hatte: Eine schwarze Jacke von North Face, Baggy Jeans und Stiefel von Timberland. Anna konnte dunkle Flecken auf seiner Jeans erkennen – getrocknetes Blut von Lapreas Gesicht. Aber Laprea schien es nicht zu bemerken. Sie lächelte, als der Vater ihrer Kinder auf sie zu schlenderte und sie umarmte. Er hielt sie lange und strich ihr über die Rastazöpfe.

Grace schüttelte den Kopf. »Armes Mädchen. Der Teufelskreis der Gewalt geht weiter. Ich sage es nur ungern, aber das nächste Mal kriegst du ihn.«

»Ich hoffe nur, dass es beim nächsten Mal nicht zu spät ist.« Während Anna das Paar beobachtete, spielten sich in ihrem Kopf wüste Szenarios ab. »Ich hätte einen Weg finden müssen, um sie zu beschützen.«

Laprea und D’marco drehten sich um und gingen zusammen zur U-Bahn, seinen Arm hatte er über ihre Schultern gelegt, ihr Arm war um seine Taille geschlungen. Sie sahen wie ein nettes Paar aus. Sie blickte voller Hoffnung zu ihm auf, er schaute sanft und dankbar auf die kleine Gestalt hinunter. Es sollte das letzte Mal sein, dass Anna Laprea Johnson lebend sah.

KAPITEL7

Winzige weiße Lichter glitzerten in den Bäumen des tiefen Atriums und warfen einen warmen Glanz auf den weißen Marmorboden und die Säulen. Ein riesiger Strauß von exotischen Blumen thronte mitten in der Lobby. Allein dieses Arrangement hatte vermutlich mehr gekostet als Annas Monatsmiete. Auf Tischen standen silberne Wärmebehälter mit kleinen Lammkoteletts und gegrilltem Spargel, während Kellner mit weißen Handschuhen durch die Menge gingen und auf Tabletts Horsd’œuvres und Gläser mit Wein anboten. Die Lobby hallte wider von Hunderten vornehmer Stimmen, während junge Anwälte in kleinen Gruppen über die mächtigen Rockschöße berichteten, an denen sie hingen. Die Happy Hour der erst kürzlich von der Harvard Law School abgegangenen Anwälte war in vollem Gang.

Anna stand in einer Gruppe von Frauen und schwenkte ihr Glas mit Weißwein. Sie hörte mit halbem Ohr einer atemberaubend aussehenden rothaarigen Lobbyistin zu, die von der Anmache eines lüsternen Kongressabgeordneten berichtete, und sah sich gleichzeitig um. Die Anwaltskanzlei von Arnold & Porter war heute Gastgeber der Happy Hour und gab Abgängern der Harvard Law School die Möglichkeit, sich von ihren luxuriösen Räumlichkeiten beeindrucken zu lassen. Nur sechs Blocks vom Superior Court von D.C. entfernt, befand man sich hier in einem anderen Universum.

Ein Kellner kam von hinten auf sie zu und bot auf einem Tablett Sushi an. Als Anna sich umdrehte und nach einem pikanten Thunfischmaki griff, sah sie ein bekanntes Gesicht. Nick Wagner stand eine Gruppe weiter und lächelte sie zögerlich an. Anna konnte nicht so tun, als ob sie ihn nicht sehen würde. Sie erhob ihr Maki zu einem fischigen Gruß und wandte sich wieder ihrer Gruppe zu. Er hatte sie nach der Verhandlung ein paar Mal angerufen, doch sie war auf seine Nachrichten, die er auf ihrer Mailbox hinterlassen hatte, nicht eingegangen. Sie war noch nicht so weit, mit ihm zu sprechen. Nur einige Augenblicke später stand er hinter ihr. Anna verkrampfte sich, als sie seine Anwesenheit spürte.

»Ich hatte gehofft, dich hier zu treffen«, sagte Nick.

»Warum?« Sie drehte sich ein wenig, um ihn anzusehen, doch machte ihm keinen Platz, um zu ihrer Gesprächsrunde zu stoßen.

»Ich brauche jemanden, der mich daran erinnert, warum wir im Superior Court arbeiten, anstatt bei Arnold & Porter zu unterschreiben. Ich weiß nicht, wie es bei dir ist, aber ich könnte mich an abendliches Sushi gewöhnen.«

Sie verzog keine Miene. »Das hat mit dem Wunsch nach Gerechtigkeit zu tun und mit dem Bedürfnis, dem Allgemeinwohl zu dienen, denke ich. Oder, wie in deinem Fall, Ungerechtigkeit zuzulassen und die Öffentlichkeit zu gefährden.«

Nick lachte. »Ich hoffe, du machst dich wegen des Falles nicht mehr verrückt, Anna. Du hast einen tollen Job gemacht. Laprea wollte nur einfach nicht, dass ihr Freund ins Gefängnis wandert. Sie hat diese Entscheidung getroffen – es war keine Entscheidung, die du oder ich für sie treffen konnte.«

»Wie geht es D’marco Davis?«, fragte Anna spitz. Sie hatte seit dem Prozess vor zwei Monaten mehrfach versucht, Laprea anzurufen, doch Laprea hatte nicht abgenommen. Laprea hatte keine Lust, sich mit ihr zu unterhalten.

Nick antwortete vorsichtig, denn er wusste, dass er sich auf gefährlichem Boden bewegte. »Es geht ihm tatsächlich ganz gut. Er hat eine eigene Wohnung und geht regelmäßig zur Schule und zu seinen Antiaggressionskursen.«

»Und hat er seine Hände von Laprea gelassen?«

»Es hat keine Probleme gegeben. Ich denke wirklich, dass er sich auf dem richtigen Weg befindet.«

»Ach Nick. Du weißt doch genau, dass er sich nicht ändern wird. Wie hattest du ihn nur verteidigen können?«

»Jeder hat das Recht auf eine gute Verteidigung.«

»Rein theoretisch ist das eine gute Idee. Aber du siehst doch, was im wirklichen Leben daraus wird.«

»Die Kids haben in diesem ganzen System keine Chance, Anna. Ich bin nur ein paar Kilometer von D’marco Davis entfernt aufgewachsen und bin wahrscheinlich mit mehr davongekommen als er. Wenn ein Jugendlicher in Potomac ein bisschen Gras raucht, dann ist das kein Problem und er geht nach Princeton. In Southeast wimmelt es nur so von Polizei. Wenn hier derselbe Jugendliche mit demselben Gras geschnappt wird, dann hat er eine Vorstrafe. Er wird keinen Job bekommen und deshalb mit Drogen handeln. Und viele Cops sind brutal und verlogen. Das ganze System ist beschissen. Ich will bei diesen Kids die Dinge nur ein wenig ins Gleichgewicht rücken. Menschen brauchen ein wenig Spielraum, um herauszufinden, was richtig und was falsch ist, ohne dass ein korrupter Polizeistaat sie dabei nötigt.«

»Blödsinn.« Anna funkelte ihn an und ihre Wangen wurden vor Ärger hochrot. »Wenn dein Vater deine Mutter halb tot schlagen würde, wärst du verdammt noch mal sehr froh, wenn jemand – irgendjemand – ihn aufhalten würde. Erzähl mir also nichts über ›Nötigung‹ und ›korrupten Polizeistaat‹. Das sind naive, anarchistische Ideen, die von Leuten vertreten werden, die von der Realität häuslicher Gewalt keine Ahnung haben.«

Sie wusste, dass dies weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort war, um über ihre Familie zu sprechen, aber seine selbstgefällige Überheblichkeit machte sie wütend. Nick blickte sie forschend an, fragte sich ganz offensichtlich, aufgrund welcher persönlichen Erfahrung sie sich bei diesem Thema qualifizierter fühlte als er. Doch bevor Nick antworten konnte, kam ihm flötend die rothaarige Lobbyistin dazwischen.

»Anna, stellst du uns deinem süßen Freund vor?«

Anna versuchte sich zu beruhigen, als sie Nick widerstrebend in die Runde ließ und alle vorstellte. Die Frauen wandten sich gespannt dem Neuankömmling zu. Die Lobbyistin betrachtete Nick, als wäre er ein weiteres leckeres Lammkotelett. In Anna meldete sich ein wenig Besitzanspruch und sie ärgerte sich sofort darüber.

Die Rothaarige stellte Nick die bei Washingtonern übliche Frage, wenn man sich zum ersten Mal trifft: »Und wo arbeiten Sie?«

»Ich bin Pflichtverteidiger.«

Das brachte ihm ein »Ooh« aus der Runde ein. Nick grinste und Anna blickte missmutig.

»Wow!« Die Lobbyistin bekam große Augen. »Kann das nicht gefährlich sein?«

»Die einzige Gefahr besteht darin, dass ich meine Mandanten zu Tode langweile. Wenn ich ihnen über Kurse erzähle, die sie belegen können. Antiaggressionstraining, Berufsausbildung, solche Sachen. Viele dieser Kids brauchen einfach nur einen kleinen Schubs in die richtige Richtung. Vorher hat sich nie jemand ordentlich um sie gekümmert und ihnen Ratschläge gegeben.«

Kids! Das hörte sich nach Waisen an, nicht nach Verbrechern.

»Ändern denn viele deiner Mandanten ihr Leben?«, fragte Anna sarkastisch.

»Du würdest dich wundern.« Er sah, wie sie ihre Augenbrauen hob. »Du siehst nie das Happy End, Anna. Du bekommst die Fälle immer nur, wenn etwas schiefgelaufen ist. Wenn ein Typ sauber bleibt, gibt es keine Strafakten mehr bei der Bundesstaatsanwaltschaft. Ihr hört dann einfach nichts mehr von ihm.«

Anna war ein wenig ernüchtert. Daran hatte sie noch gar nicht gedacht.

»Selbst wenn ein Mandant sich nicht gleich ändert, so ist es mir wichtig, für ihn da zu sein«, fuhr Nick fort. »Diese Kids meinen, dass sie die ganze Welt gegen sich haben. Es ist viel wert, wenn man weiß, dass jemand auf seiner Seite steht.«

»Es muss sehr befriedigend sein, armen Kids so zu helfen!« Die Rothaarige sah aus, als ob sie nichts dagegen hätte, Nick ebenfalls zu befriedigen.

»Ja. Es ist nicht immer schön. Aber ich liebe meinen Job.«

Die Frauen stellten noch weitere Fragen nach seiner Arbeit und Nick antwortete eloquent und voller Leidenschaft. Anna stand dem Bild, das Nick von sich als strahlendem Ritter zeichnete, als tapferer Verteidiger der Freiheit, skeptisch gegenüber. Es ging hier um fürchterliche, brutale Männer, die keine Freiheit verdienten, die ihre Freiheit nur dafür nutzten, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen. Aber wenigstens bekam sie einen Funken Verständnis dafür, wie Nick so einen Job machen konnte.

»Und woher kennt ihr zwei euch?«, fragte die Rothaarige.

»Anna hat mich durch den ganzen Superior Court gescheucht.« Nick lächelte Anna an. »Seit sie da ist, sagt sie uns Strafverteidigern, wo es langgeht. Holt euch schnell ein Autogramm von ihr, eines Tages wird das viel wert sein.«

Die Frauen murmelten zustimmend. Anna lächelte in ihr Weinglas. Sie war immer noch verärgert, aber auch sie war nicht immun gegen die Macht eines öffentlichen Lobes.

Die Runde plauderte weiter, sie verglichen ihre Jobs, diskutierten über Politik und tauschten den neuesten Klatsch aus. Die Rothaarige versuchte mit Nick zu flirten, aber er konzentrierte sich auf Anna. Wann immer ein Kellner mit Sushi vorbeikam, sorgte Nick dafür, dass Anna so viel zu essen hatte, wie sie wollte. Ihr Ärger ließ nach. Die Geschichte der Familie Curtis war nicht sein Fehler. Genauso wenig wie Lapreas Entscheidung, im Zeugenstand zu lügen. Nick hatte einfach seine Arbeit gemacht. Anna nahm sich noch ein Glas Wein und fühlte, wie ihre Wangen warm wurden, als der Alkohol zu wirken begann. Sie fing an, sich zu entspannen und wohlzufühlen. Ihr Geplauder war intelligent und unbekümmert, eine willkommene Abwechslung von den bloßen Fakten, mit denen sie jeden Tag zu tun hatte.

Als ein Kellner Anna ein drittes Glas Wein anbot, fing Nick an, sie aufzuziehen.

»Das Geheimnis einer gelungenen Happy Hour besteht zu gleichen Teilen aus Alkohol und Koffein. Du könntest eine Tasse Kaffee gebrauchen. Vielleicht auch drei. Komm mit.«

Anna lachte. Sie konnte förmlich spüren, wie die Frauen ihr hinterher starrten, als sie Nick zu einem Tisch folgte, auf dem sich eine silberfarbene Kaffeemaschine und eine Pyramide aus Kaffeebechern aus Porzellan mit Goldrand befanden. Nick ließ Kaffee einlaufen, und dann standen sie nebeneinander, hielten ihre Becher und betrachteten ihr üppiges Umfeld.

Anna wandte sich ihm zu. »Es tut mir leid, Nick, dass ich so über dich hergefallen bin. Wahrscheinlich bin ich bei diesem Fall immer noch ein bisschen empfindlich.«

»Und mir tut es leid, dass ich dir einen Vortrag über korrupte Polizeistaaten gehalten habe. Glücklicherweise wird es keine Befragung geben.«

»Vergeben und vergessen?«

»Abgemacht.« Nick grinste. »Hör mal, du könntest jetzt aber etwas Richtiges zu essen vertragen. Wärst du bereit, mit einem naiven, anarchistischen Strafverteidiger mitzukommen – der auch keinen Fall mehr gegen dich hat?«

»Ich dachte schon, du würdest nie fragen.«

Er ging mit ihr ins Bistro du Coin, ein charmantes französisches Café in ihrem Viertel. Sie bestellten Steaks mit Pommes frites und teilten sich eine gute Flasche Rotwein.

»Ich werde eine ganze Kanne Kaffee brauchen, um dein Alkohol-Kaffee-Verhältnis aufrechtzuerhalten«, sagte Anna mit einem Schluckauf.

»Ich habe das nur gesagt, um dich von der Runde loszueisen«, sagte Nick und füllte ihr Glas wieder auf. »Da wir nun unter uns sind, würde ich sagen, du solltest beim Wein bleiben.«

Sie lachte. Nick erzählte ihr den skandalösesten Klatsch aus dem Gericht – er hatte während seiner zwei Jahre im Superior Court ein paar großartige Geschichten mitbekommen – und führte sie in eine Welt ein, die sie nur von der Seitenlinie aus mitbekommen hatte. Er erzählte über die Gerüchte, dass Richterin Spiegel und Officer Green eine Affäre hätten. Vor ein paar Jahren, noch bevor Spiegel zur Richterin ernannt worden war, hatten sie zusammen an einem Fall gearbeitet und sollen damals ein Verhältnis gehabt haben. Obwohl Green danach auch mit anderen Frauen ausgegangen war, waren er und die Richterin enge Freunde geblieben, vielleicht auch mehr. Als Nick dann Bettgeflüster zwischen der Richterin und dem Cop nachahmte, konnte Anna sich nicht halten vor Lachen.

Als sie mit dem Essen fertig waren, bot Nick an, sie nach Hause zu begleiten. Ihre Wangen waren gerötet vom Alkohol und ihrem Gelächter, und sie nahm sein Angebot freudig an. Es war eine warme Sommernacht und die Straßen von Adams-Morgan waren sogar noch bevölkerter als sonst. Sie fühlte einen gewissen Stolz, als die Leute sie betrachteten, wie sie am Arm dieses unglaublich gut aussehenden Anwalts vorbeiging.

Unterwegs kamen sie an einem schicken neuen Gebäude aus Stahl und Glas vorbei, das in der beliebtesten Gegend des Viertels, nur ein paar Meter entfernt von den Bars und Restaurants der 18th Street, lag. Das zehnstöckige Gebäude erhob sich über die älteren Backsteinhäuser. Anna hatte gehört, dass hier jede Wohnung über eine Million Dollar kostete. Sie fragte sich laut, wer hier wohl wohnen würde.

»Na ja«, Nick schien ein wenig verlegen zu sein, »ich zum Beispiel.« Er hielt inne und überlegte, ob er seine nächste Frage stellen sollte. Dann drehte er sich endlich zu Anna um und lächelte. »Möchtest du eine Führung machen?«

Anna verstand, dass dies keine Einladung war, um sich die Fliesen in seiner Küche anzusehen. Sie betrachtete eingehend Nicks Gesicht, die absurd langen Wimpern, die seine braunen Augen säumten, die fein geschnittenen Wangenknochen, die sein perfektes Lächeln noch betonten. Mit seinem langen, ausgreifenden Schritt und seinem verschmitzten Lächeln sah er aus wie eine Mischung aus dem jungen John Cusack und Jimmy Stewart. Sie liebte Jimmy Stewart.

Ihr Verstand war vom Wein benebelt. Aber ein Gedanke zeichnete sich klar und deutlich ab.

Sie wollte ihn.

Und das schon seit Langem. Auch wenn ihr nüchternes Ich eine ganze Reihe von mentalen Hürden aufgestellt hätte – sie sollte sich nicht mit einem Strafverteidiger einlassen, sie kannte ihn nicht gut genug, um mit ihm allein zu sein, sie sollte es langsam angehen –, unterdrückte der Wein diese Einwände und ließ nur den Wunsch zu, auf die Frage zu antworten, ob sie eine »Führung« wolle. Die Antwort war einfach.

Sie nickte.

Nick hielt ihr die Tür zur Lobby auf, und Anna versuchte nicht allzu überwältigt zu sein, als sie eintrat. Die Lobby strahlte sowohl eine zenähnliche Ruhe als auch eine kostspielige industrielle Eleganz aus. Der Boden und die Wände waren aus schwarzem Granit, die Decken sehr hoch. In der Mitte thronte eine abstrakte Stahlskulptur. Im Hintergrund lag hinter einer Wand aus Glas ein japanischer Garten, in dem verborgene Strahler einen Wasserfall und einen Teich mit Kois beleuchteten. Der Mann an der Rezeption war komplett in Schwarz gekleidet und wirkte wie ein Calvin-Klein-Model.

Der Empfangstresen, massives Glas, das auf Felsgestein ruhte, verfügte über eine Reihe von Monitoren, Computern und Schaltern, die den Eindruck vermittelten, dass dieses Gebäude in der Lage war, auf dem Mars zu landen. Als sie am Tresen vorbeigingen, konnte Anna auf einem der Monitore Nick und sich selbst sehen. Seine Hand lag leicht und besitzergreifend auf ihrem Rücken. Sie wirkten wie ein richtiges Paar.

»Heeey, Nick«, trillerte der Rezeptionist, wobei der Singsang in seiner Stimme verriet, dass er Nicks nächtliche Begleitung sehr interessant fand.

»Hallo, Tyler«, antwortete Nick und schob Anna in den Aufzug aus mattem Stahl. Er drückte auf die Taste, auf der »PH« stand. »Er ist ein netter Kerl«, flüsterte Nick Anna zu, als sich die Türen schlossen, »mehr aber auch nicht.«

Nicks zweistöckige Maisonette-Wohnung hätte einem modernen Architekturmagazin entsprungen sein können: Die Holzböden schimmerten, und die vom Boden bis zur Decke reichenden Fenster gaben den Blick frei auf den angestrahlten weißen Obelisk des Washington Monument in der Ferne. Eine frei schwebende metallene Treppe führte zum zweiten Stock. Ein Kamin aus geschichtetem Schiefer trennte den Wohnraum von der Küche, sein Gestein zog sich hoch bis unter die Decke. Vor dem Kamin standen schwarze Ledercouchen auf einem unglaublich dicken weißen Teppich.

»Hast du einen Eisbär getötet?«, fragte Anna und deutete auf den Teppich.

»Nein, nur ein hilfloses kleines Alpaka. Habe ich aus Peru mitgebracht.« Er nahm ihre Hand und führte sie zum Kamin, wo sie sich hinunterbeugte, um in das weiche Fell zu greifen.

Nick drückte auf einen im Schiefer verborgenen Schalter und im Kamin loderten Flammen auf. Anna erhob sich und lachte. »Hast du auch einen Spiegel, der bei Knopfdruck von der Decke fährt? Oder vielleicht ein vibrierendes Bett?«

»Denkst du, ich will dich anmachen?«

Anna nickte. »Was keine schlechte Sache wäre.«

Nick drehte zärtlich ihr Gesicht zu ihm hin. Er legte seine Hand auf ihre Wange und fuhr mit dem Daumen über ihr Kinn.

»Anna, das habe ich schon seit der Law School gewollt.«

Sein Gesicht kam langsam näher. Sein Atem war süß und warm. Annas Magen hüpfte, als sie seine Lippen sanft auf ihren spürte. All ihre Muskeln spannten sich an und entspannten sich wieder. Sie zog ihn näher zu sich heran und drückte sich an ihn. Er streichelte ihr Gesicht mit dem Rücken seiner Hand und ließ seine Finger über ihren Hals und die Schulterblätter hinunterwandern. Auch sie ließ ihre Hände wandern, über die straffen Muskeln seines Oberkörpers und seines Bauches. Ihre Zunge erkundete seine. Zwischen den Küssen flüsterte Nick, dass sie wunderschön sei, atemberaubend, außergewöhnlich und strahlend. Sie lächelte und flüsterte, dass er ein Synonymwörterbuch sei.

Sie wusste, dass seine Schmeicheleien, sein ständiges Anbieten von Wein und seine Rico-Suave-Junggesellenbude zu seinem Verführungsplan gehörten, und sie fragte sich, wie oft er schon darauf zurückgegriffen hatte. Trotzdem gefiel es ihr. Ihr war warm und sie fühlte sich beschwingt, war entspannt und trotzdem aufgeregt, und sehr erregt. Wärme breitete sich in ihrem Bauch aus, als er ihren Rücken massierte.

Sie küsste ihn, zog seine Krawatte ab und knöpfte sein Hemd auf. Er zog sie geschickt aus, dann sich selbst, und ging dabei so geübt vor, dass sie es kaum bemerkte, und legte sie auf das weiße Fell. Anna kicherte, als sie das Fell an ihrem Rücken spürte. Sie betrachtete Nick, als er sich neben sie legte. Er war schmal, aber athletisch gebaut, hatte die langen kräftigen Muskeln eines Läufers. Seine Haut schimmerte golden im Schein des Feuers.

Sie schloss wieder ihre Augen, als er sie küsste. Er fuhr mit seinen Fingern über ihren Hals, ihr Schlüsselbein bis zu ihren Brüsten, wo er sehr sanft Kreise über ihre Nippel zog. Sie stöhnte, als seine Zunge folgte und genau den Pfad seiner Finger nahm. Er liebkoste ihren Rippenbogen, erkundete mit seiner Zunge die Vertiefung ihres Bauches, den leichten Anstieg, wo sich ihre Hüftknochen befanden, die weiche empfindliche Falte, wo ihre Schenkel auf ihre Hüfte trafen. Als sein Kopf noch weiter hinunterwanderte, hielt sie ihn an seinen Schultern fest.

»Nein, Nick«, murmelte sie und war nicht wegen ihres Rufes oder ihrer Tugendhaftigkeit besorgt, sondern weil es schon etwas her war, seit sie das letzte Mal Bikiniwachs benutzt hatte.

»Anna, ich habe schon so lange davon geträumt. Du willst doch einen verzweifelten Mann nicht seiner Träume berauben, oder?« Er küsste sie, während seine Finger sie dort streichelten, wo sein Mund hingewollt hatte.

Anna seufzte und schüttelte ihren Kopf, als wohlige Schauer sie durchfuhren. Sie entspannte sich und ließ ihn machen, was er wollte, was, wie sich dann herausstellte, auch genau das war, was sie wollte. Langsam bewegte er sich wieder hinunter, brachte seinen Mund zwischen ihre Schenkel, benutzte seine Zunge und seine Finger, um sie zu erkunden, erst behutsam, dann immer drängender. Anna bäumte sich auf und schrie, als sie zum Höhepunkt kam.

Nick hielt einen Augenblick inne, ließ sie wieder Atem schöpfen.

»Hast du ein Kondom?«, fragte sie schließlich leise.

»Keine Sorge«, flüsterte er.

Sie blickte hinunter und sah, dass er bereits eines trug, obwohl ihr nicht aufgefallen war, dass er es vorgeholt hatte. Dieser Mann war ein Virtuose, dachte sie, oder eine Art übles Genie. Sie zog ihn zu sich hoch, wollte ihn in sich spüren. Er lächelte, widerstand ihrem Drängen und begab sich mit seinem Kopf wieder zwischen ihre Schenkel. Er ließ sie noch einmal kommen, bis sie sich an seinen Schultern festkrallte und ihn anbettelte, sie zu nehmen.

Endlich tat er es, lag mit seinem Körper auf ihr und sagte zärtlich ihren Namen, als er in sie eindrang. Sie keuchte vor Lust. Als sie wieder richtig atmen konnte, öffnete sie ihre Augen. Nick bewegte sich nicht, hatte sich über ihr auf seine Ellbogen gestützt und hielt ihren Kopf in seinen Händen. Ihre Gesichter waren dicht beieinander und er blickte ihr direkt in die Augen. Sie fühlte jetzt eine andere Art von Erregung, als sie ihn anblickte. Es war ein Augenblick perfekter Stille und Nähe, viel intimer als alles, was vorher passiert war. Schließlich stöhnte er auf, schloss seine Augen und ließ seine Hüften langsam kreisen. Sie legte ihre Beine um seine Taille und bewegte sich mit ihm, zog ihn tiefer in sich hinein. Sie ließ alles andere los – ihre verrückte Arbeit und ihre verrückte Familie und all die Schwierigkeiten, die das Leben mit sich brachte – und fühlte einfach nur diese Erregung, diese Spannung und diese Nähe. Sie kamen zusammen in einem überwältigenden Orgasmus, der Anna nach Luft schnappen ließ.

Nick rollte sich auf die Seite und drehte sie mit sich. Sie lagen nebeneinander, Stirn an Stirn, ihre Beine ineinander verschlungen. Sie bemerkte wieder den weichen Teppich unter ihrem Körper, das knisternde Feuer, das ihren bloßen Rücken wärmte. Nick liebkoste ihr Haar, lächelte sie schläfrig an. Anna spürte unendliche Zufriedenheit und Dankbarkeit, und noch ein Dutzend anderer Gefühle, für die sie keine Namen hatte. Aber vielleicht war es auch nur zu viel Wein. Auf jeden Fall wusste sie, dass sie sich kitschig und banal anhören würde, wenn sie versuchen würde, in Worte zu fassen, was sie fühlte.

Deshalb witzelte sie nur: »Noch nie bin ich einem Alpaka so nah gewesen.«

KAPITEL8

Anna hob ihren Kopf vom Kissen und wusste nicht, wo sie war. Dies war nicht ihr Schlafzimmer. Sie blickte sich um. Hier sah es viel netter aus als in ihrem Schlafzimmer. Der Boden war poliertes Holz, die Wände waren elfenbeinfarben, die modernen Möbel dunkel gebeizt. Sie lag in einem riesigen Bett, über das eine dunkelbraune Decke gebreitet war. Licht drang durch einen reinweißen Blendschutz vor einer Wand aus Fenstern, die vom Boden bis zur Decke reichten. Sie konnte vage die Umrisse des Washington Monument durch den durchsichtigen Stoff erkennen. Anna setzte sich auf und legte sich die Hände auf ihre schmerzenden Schläfen. Ihr Mund schmeckte und fühlte sich an wie ein altes Sweatshirt. Als sie Nicks schwarze Aktentasche in der Ecke entdeckte, blitzten Bilder der letzten Nacht vor ihr auf. Sie stöhnte.

O Gott, was hatte sie nur getan?

Sie hörte, wie sich die Eingangstür öffnete und unten gedämpfte Schritte erklangen. Ihn bei hellem Tageslicht zu sehen, würde peinlich werden. Sie sollte es einfach hinter sich bringen. Sie schwang ihre Beine aus dem Bett. Ihr ganzer Körper schmerzte und sie konnte ihre Kleider nirgendwo entdecken. Verdammt. Auf einem Stuhl am Bett lag ein weicher weißer Bademantel. Anna zog ihn sich über und schlurfte zum Badezimmer.

Es war größer als ihr Wohnzimmer und mit hellbraunem Stein gefliest. Ein riesiger Jacuzzi stand unter einem Oberlicht. Neben dem Waschbecken fand sie eine Tube mit Zahnpasta, drückte sich etwas auf ihren Finger und fuhr sich damit über ihre Zähne. Dann beugte sie sich zum Wasserhahn und spülte ihren Mund aus. Ihre Zunge fühlte sich immer noch irgendwie benommen an, aber wenigstens schmeckte sie nun nach Minze. Sie fuhr sich mit den Fingern durch ihre wirren Haare. Mehr konnte sie im Augenblick nicht tun. Tief durchatmend trat sie aus dem Badezimmer auf den Treppenabsatz oben auf der Empore.

Nick stellte unten gerade Tüten auf dem Küchentresen ab und blickte nach oben.

»Guten Morgen, Dornröschen«, rief er vergnügt. Er trug Khakishorts, ein orangefarbenes T-Shirt und Flipflops und war ganz offensichtlich nicht so verkatert wie Anna.

»Hi.« Plötzlich fühlte sie sich schüchtern.

»Komm herunter.« Nick lächelte. »Das Alpaka vermisst dich, wenn du da oben bist.«

Anna stieg die Stahltreppe herunter. »Das Alpaka würde ich nur ungern verstimmen.«

Nick zog einen Barhocker hervor und bedeutete ihr, sich an den Küchentresen aus schwarzem Granit zu setzen. »Ich dachte, dass du das brauchen könntest.«

Er stellte einen Starbucks-Becher vor sie hin. Sie lächelte und nahm kleine Schlucke von dem Milchkaffee und fühlte, wie ihre Kopfschmerzen besser wurden, sobald das Koffein in ihren Blutkreislauf gelangte. Das war genau das, was sie brauchte. Sie schaute sich in der Küche um. Sie war großartig, überall dunkles Holz und Stahl und Granit. Der Kamin, der vom Boden bis zur Decke ging, befand sich hinter ihr.

Aus einer seiner Einkaufstüten zog Nick eine Schachtel mit der Aufschrift »Julias Empanadas«. Sie stammte von einem kleinen salvadorianischen Laden unten an der Straße. Anna lächelte erfreut, als sie nach einer der kleinen Fleischpasteten griff.

»Die mag ich gern«, sagte sie.

»Ich auch.«

Nick beobachtete, wie sie einen Bissen nahm. Dann setzte er sich neben sie an den Tresen und futterte zusammen mit ihr die Empanadas aus der Schachtel. Anna lehnte sich zurück, satt und zufrieden, und ein Gefühl von Glück verdrängte ihren Kater. Sie betrachtete Nick. Er sah mit seinem zerzausten Haar und seinem unrasierten Gesicht so gar nicht wie ein Anwalt aus.

»Also«, meinte Nick. »Was ist nun aus dem Typen geworden, mit dem du in der Law School zusammen warst?«

»Josh? Wir wollten zusammenziehen, sobald wir beide in D.C. angekommen waren.«

»Ich habe ihn schon immer für einen smarten Typ gehalten.«

»Aber er hat ein Referendariat in Atlanta bekommen. Nun ist er dort.«

»Ich habe schon immer gewusst, dass er ein Idiot ist.«

Anna lachte. »Nein, er ist ein guter Kerl. Es hat sich eben nur herausgestellt, dass es mit uns nicht ernst genug war, um für den anderen die Stadt zu wechseln.«

Tatsächlich war Josh einer der nettesten Männer, die Anna jemals getroffen hatte – weshalb es mit ihm auf lange Sicht nicht geklappt hätte. Anna hatte auf dem College erkannt – als sie auf der Bestenliste stand und ihr Freund von der Schule verwiesen wurde –, dass sie einen Hang zu schlechten Jungs hatte. Seitdem hatte sie versucht, sich bessere Männer auszusuchen. Mit Josh hatte sie dabei etwas übertrieben. Er war so nett, dass er langweilig wurde. Sie gingen so auseinander, wie sie sich immer getroffen hatten – in Freundschaft und ohne Leidenschaft.

»Und bei dir?«, fragte Anna. »Ich kann mich noch daran erinnern, dass dir in der Law School das weibliche Interesse sicher war. All diese Groupies, wenn du mit deiner Gitarre im Hark aufgetreten bist. Gab es da seitdem eine Besondere?«

»Nicht seit letzter Nacht.«

Sie schaute ihn neugierig an und fragte sich, ob das ein Standardspruch war, genau wie der mit der »Führung«. Nick stand neben ihrem Barhocker und blickte sie eine Zeitlang an. Dann beugte er sich zu ihr hinab und küsste sie. »Anna, ich bin verrückt nach dir.«

Anna spürte, wie ihr Körper auf seine Berührung und auf die Erinnerung von letzter Nacht reagierte. Sie war davon ausgegangen, dass ihr dieser Morgen in seiner Gegenwart unangenehm würde, doch nun war alles so normal, fühlte sie sich so ausgesprochen wohl. Jeder Anflug von Schüchternheit war verschwunden. Sie erwiderte den Kuss und zog ihn zu sich heran.

Nach einem Augenblick wich er ein wenig zurück und fragte: »Was hast du heute vor?«

Es war Samstagmorgen. Obwohl sie geplant hatte, ins Büro zu gehen und ein paar Akten aufzuarbeiten, fand sie, das könne warten.

»Nun ja«, sagte sie und betrachtete ihn verschmitzt. »Du hast mir eine Führung versprochen, nicht wahr? Aber ich habe das Gefühl, dass wir bisher nur den Teppich und das Bett abgedeckt haben.« Anna fuhr mit ihren Fingern seinen Oberkörper bis zu seinen Shorts hinunter, wo sie die wachsende Wölbung liebkoste. Er atmete tief durch und nickte, während er beobachtete, wie sie ihn streichelte. »Ich glaube, uns fehlt noch der feine Jacuzzi in deinem Badezimmer.« Ihr Bademantel öffnete sich, als sie sein T-Shirt hochschob, um es ihm über den Kopf zu ziehen. »Ich möchte doch gründlich sein.«

Wenn ihr Leben ein Film gewesen wäre, so dachte Anna, dann wären die nächsten Wochen die Passage gewesen, die im Zeitraffer zeigt, wo die Liebe hinfällt. Die Zeit flog nur so dahin und bestand aus einem schwindelerregenden Wirbelwind aus langen Nächten im Büro und noch längeren Nächten mit Nick. An den meisten Abenden blieb sie nur lange genug in ihrer Wohnung, um ihre Katze zu füttern und zu streicheln, und eilte dann hinüber zu Nick. Wenn sie die Nacht zusammen verbrachten, schliefen sie nicht viel; sie waren zu sehr damit beschäftigt, den Körper des anderen zu erkunden. Wegen ihrer langen Arbeitstage und der Überstunden in Nicks Schlafzimmer fehlte es ihr dauernd an Schlaf, doch die Euphorie beflügelte sie. Nach ein paar Tagen präsentierte Nick ihr unter großem Brimborium ihre eigene Zahnbürste in dem Becher neben seinem Waschbecken. Sie hätte nicht gedacht, sich so über ein Mundhygiene-Geschenk freuen zu können.

Sie machten ihre Beziehung nicht öffentlich, und besonders bei der Arbeit waren sie sehr diskret. Sie wussten beide, dass sie von ihren Kollegen Feuer bekommen würden, wenn es herauskäme. Bislang hatte man von keinen persönlichen Beziehungen zwischen der Bundesstaatsanwaltschaft und den Pflichtverteidigern gehört. Und so beschränkten Anna und Nick ihre Unternehmungen auf die Zeit nach der Arbeit und nickten sich nur zu und versuchten, nicht zu breit zu lächeln, wenn sie sich im Gericht begegneten. Grace hatte den Verdacht, dass etwas im Gange war, bohrte aber nicht weiter nach. Sie würde abwarten, bis Anna bereit war zu erzählen, warum ihre Wangen jedes Mal, wenn sie auf ihrem Handy eine SMS erhielt, so rot anliefen.

Nick wollte Anna alles zeigen, seine Stadt und sein Leben mit ihr teilen, und er fuhr sie wie ein hoch motivierter Reiseleiter durch ganz D.C. Sie besuchten die angesagtesten Bars und die besten Restaurants, und hinterher beeilten sie sich, nach Hause zu kommen, um miteinander ins Bett zu gehen. Er wanderte mit ihr an den Great Falls, nahm sie zu einem Baseballspiel mit in die Box seines Vaters im Nationals Park Stadion und ins Kennedy Center, um sich Wicked anzusehen. Sie verbrachten ein Wochenende in St. Michaels, einem Seebad an der Ostküste von Maryland, wo sie faul auf einem Segelboot herumlagen und Krabben aßen, die in Old-Bay-Soße getränkt waren. Danach weihten sie gründlich das Himmelbett im Inn at Perry Cabin ein. Diese Seite von Washington war ihr bislang unbekannt gewesen – diese fröhliche, malerische Seite, wo schöne Menschen mit perfekten Zähnen spielten und sich entspannten. Und sie war erstaunt, dass sie in so kurzer Zeit so stark für jemanden empfinden konnte. Sie verliebte sich in Nick.

Sie hatten keine weiteren Fälle gegeneinander. Meistens konnte sie vergessen, dass Nick auf der anderen Seite des Gerichtssaales arbeitete. Aber ab und zu wurde sie mit einem Schlag daran erinnert.

An einem heißen Julitag fuhren sie zum Jefferson Memorial, um am Tidal Basin ein Picknick zu machen. Nick hatte das Faltverdeck seines BMW 650i heruntergelassen und Anna genoss die frische Luft in vollen Zügen. Überall in der Stadt blühten Blumen in den Anlagen und Anna spürte, wie ihr Heuschnupfen losging. Sie öffnete das Handschuhfach und suchte nach Taschentüchern. Stattdessen fand sie eine schwarze Pistole.

»Herrgott, Nick!« Sie riss ihre Hand so schnell zurück, als ob sie sich verbrannt hätte.

Nick schaute zu ihr hinüber, sah das offene Handschuhfach und fasste über ihren Schoß, um es zu schließen. Sie wartete darauf, dass er etwas sagte, doch er fuhr einfach nur weiter.

»Was machst du mit einer Waffe in deinem Wagen?«, wollte sie wissen.

Er seufzte. Er wollte ganz offensichtlich nicht mit ihr darüber sprechen. Sie starrte ihn weiter fragend an.

»Schau«, sagte er nach einer Weile unbehaglichen Schweigens. »Die habe ich zur Selbstverteidigung. Wenn du nach Southeast gehst, bekommst du eine Polizeibegleitung. Ich fahre allein da hin. Ich habe nicht vorgehabt, mir eine Waffe zu besorgen, aber ein Mandant hat sie mir gegeben, und es ist beruhigend zu wissen, dass sie da drin ist, wenn ich wieder mal in eine schlimme Gegend muss.«

»Es gibt ein Gesetz in D.C., das den Besitz von Schusswaffen verbietet.«

»Du hast Heller gelesen. Der oberste Gerichtshof sagt, dass das Gesetz verfassungswidrig ist.«

»Es ist trotzdem illegal, eine unregistrierte Feuerwaffe zu besitzen.«

»Darüber kann man diskutieren. Nun komm schon«, sagte er und legte ihr seine Hand liebevoll in den Nacken. »Willst du mich anzeigen? Hör doch für eine Minute auf, Staatsanwältin zu sein.«

»Nick«, sagte sie schließlich. »Ich fühle mich wirklich nicht wohl damit. Kannst du die bitte loswerden?«

»Na gut.«

Sie betrachtete sein Profil und fragte sich, ob er nur zugestimmt hatte, um sie zum Schweigen zu bringen. Sie war entschlossen, ihn beim Wort zu nehmen. Natürlich würde sie ihn nicht anzeigen – solange er damit einverstanden war, das Richtige zu tun.

»Ich danke dir. Und noch eine Bitte. Lass mich nicht noch einmal über etwas stolpern, das mit deiner Arbeit zu tun hat, okay? Je weniger ich über deinen Job weiß, umso geringer die Wahrscheinlichkeit, dass wir zur Paartherapie müssen.«

»Alles klar.«

Anna dachte trotzdem weiter über die Waffe nach – als Nick den Wagen auf einem Platz in der Nähe des Jefferson Memorial abstellte, als sie den von Bäumen gesäumten Weg zu einem Rasenfleck am Tidal Basin hinuntergingen, als Nick die Decke ausbreitete und ihren Lunch auspackte. Wieso war sie eigentlich mit einem Strafverteidiger zusammen? Ihre Weltanschauungen lagen einfach zu weit auseinander. Anna brach ein Stück vom Weißbrot ab und warf völlig in Gedanken Bröckchen davon einer vorbeischwimmenden Entenfamilie zu.

»Das sind die verwöhntesten und überfüttertesten Enten Amerikas«, zog Nick sie auf. »Du trägst zur Epidemie der Verfettung der städtischen Enten bei.«

»Das ist schon okay. Ich habe der Stiftung für Enten-Aerobic gespendet.«

Er lachte und zog sie zu sich heran. »Komm her, du hinreißende Entenphilanthropin.«

Er küsste sie, erst sanft, dann drängender. Sie vergaß ihre Meinungsverschiedenheit. Seine Lippen lagen auf ihren, Wasser schwappte an ihre Füße und die Sonne wärmte ihre Schultern. Sie war einfach nur glücklich.

Die meiste Zeit ging es ihnen so gut, dass Anna nicht über ihre Jobs nachdachte. Sie hatten eine großartige Zeit miteinander, selbst wenn sie sich nur ein Video holten und Popcorn aus der Mikrowelle aßen. Die Nächte waren das Beste. Sie liebte es, sich zusammen mit Nick einzurollen, wenn sie miteinander geschlafen hatten, an ihrem Rücken zu spüren, wie seine Brust sich hob und senkte, während sie langsam einschlummerte.

Ein paar Nächte nach ihrem Picknick weckte sie irgendetwas auf, obwohl es noch dunkel war. Sie machte ihre Augen auf und sah sich Nick gegenüber. Er war wach und schaute sie direkt an. Die Straßenlampen vor dem Gebäude warfen einen mattgelben Schein in das Schlafzimmer und ließen Nicks Augen größer und dunkler als sonst erscheinen.

»Kannst du nicht schlafen?«, murmelte sie, wobei ihr die Augen langsam wieder zufielen.

»Der Anblick ist einfach zu schön für mich, um ihn nicht bewusst wahrzunehmen.«

Seine Worte waren wie so oft scherzhaft gemeint, doch er klang anders als sonst. Anstatt zu scherzen, hörte er sich ernsthaft an.

Sie öffnete ihre Augen. Nick betrachtete sie mit unglaublicher Zärtlichkeit. Sein Ausdruck brachte sie völlig durcheinander. Sie hielt ihn für einen der »schlimmen Jungs«, die sie eigentlich meiden sollte, ein charmanter Spieler, der sie, wenn es gut lief, so lange benützen würde, bis er kein Vergnügen mehr an ihr fand. Mit Nick kam sie sich wie ein molliges Kind vor, das Eiscreme aß. Sie wusste genau, dass er ihr nicht guttat … aber er war so köstlich. Sie hatte sich als Argumentation zurechtgelegt, dass ihr gegenwärtiges Glück all den zukünftigen Schmerz wert sei. Doch nun – als er sie so anblickte – erkannte sie, dass sie sich geirrt hatte.

Nick liebte sie.

Das stand außer Frage.

Anna fühlte einen Klumpen im Hals. Sie streckte ihre Hand aus und strich ihm durchs Haar. Als ihre Finger über seine Schläfen fuhren, fühlte sie eine leichte Erhebung. Sie zog ihre Hand weg und sah eine dünne Narbe, etwa fünf Zentimeter lang, genau unter seinem Haaransatz. Im dämmrigen Licht des Schlafzimmers sah die Linie silbrig aus. Sie war ihr vorher noch nicht aufgefallen.

»Wo ist die her?«, flüsterte sie und berührte die Narbe.

»Hm.« Seine Mundwinkel gingen ein wenig nach unten. »Ein Autounfall. Ich war acht.«

»Was ist passiert?«

»Mein Dad ist durch die Stadt gefahren.«

Nick hielt inne.

»Hat er einen anderen Wagen gerammt?«, half sie ihm auf die Sprünge.

Nick ließ sich auf den Rücken rollen und verschränkte die Hände auf dem Kopf. Anna stützte sich auf einen Ellbogen, damit sie sein Gesicht sehen konnte. Er starrte an die Decke.

»Nein«, antwortete Nick schließlich. Seine Stimme war weich, aber angespannt. »Da war ein Jugendlicher auf einem Fahrrad. Ein schwarzer Jugendlicher, etwa fünfzehn. Er schoss zwischen parkenden Autos vor. Mein Vater bremste heftig und der Wagen schlingerte. Ich hatte keinen Sicherheitsgurt um und bin mit dem Kopf aufs Armaturenbrett geknallt.«

»O Nick, das ist schrecklich.« Sie betrachtete die Narbe auf seiner Stirn. »Du armer Kerl.«

»Mir fehlte nichts. Der Junge ist verletzt worden. Wir haben ihn angefahren.«

»Wie ging es ihm?«

»Da bin ich mir nicht sicher.« Nick schluckte. Er drehte seinen Kopf und blickte zum Fenster. Das Licht der Straßenlampen war durch den hauchdünnen Blendschutz nur als schwacher Schein zu erkennen. »Das Letzte, was ich gesehen habe, war, dass er am Straßenrand lag. Mein Dad fuhr davon.«

Es brauchte eine Minute, bis Anna die Information verdaut hatte.

»Herrje. Hat dein Vater Schwierigkeiten bekommen?«

»Typen wie mein Vater kommen wegen solchem Mist nicht in Schwierigkeiten. Er hat seinen Anwalt oder sonst jemanden eine Kopie des Polizeiberichts besorgen lassen. Daraus ging hervor, dass sie weder sein Autokennzeichen noch das Fabrikat seines Wagens hatten. Es war in einer schlimmen Gegend der Stadt passiert. Niemand würde ihn jemals ausfindig machen. Also hat er die Beulen beseitigen und den Wagen neu lackieren lassen. Und das war es dann.«

Anna starrte Nick entsetzt an.

»Hast du jemals herausgefunden, wer der Jugendliche war? Oder was mit ihm passiert ist?«

»Nein. Ich war ja selbst noch ein Kind.« Nick schloss die Augen. »Ich hatte den Eindruck, ihn ein paar Mal gesehen zu haben. Als ich wegen eines Falles in der Gegend zu tun hatte. Und einmal auf dem Flur im Superior Court. Aber er ist es nicht gewesen.«

In Anna zog sich alles zusammen. Nick hatte sein ganzes Leben lang Ausschau nach diesem Jugendlichen gehalten. Ihr Bild von Nick kam diese Nacht nun schon zum zweiten Mal ins Wanken. Er war nicht einfach nur ein hübscher Junge, der seine Strafverteidigerbühne dafür nutzte, um bei Cocktailpartys Hof zu halten. Er versuchte, das Unrecht seines Vaters wiedergutzumachen. Er tat sein Bestes, um den Fehlern seiner Familie zu entkommen.

Genau wie sie.

Anna wollte Nick irgendwie heilen, ihm sein Leben leichter machen, ihn vor der Welt beschützen.

Ihr wurde klar, dass auch sie ihn liebte.

Sie legte ihre Hand auf seine Wange, drehte sein Gesicht zu ihr hin und küsste seine Narbe.

An einem sonnigen Samstag im August berichtete Nick, dass er es geschafft hatte, noch Tickets für ein ausverkauftes Freiluftkonzert von Wilco im Wolf Trap am selben Abend zu ergattern.

»Oh nein, ich kann nicht mitkommen«, rief Anna. »Ich muss heute zum Buchklub.«

»Buchklub? Ich bin mit einer Frau zusammen, die Wilco gegen einen ganzen Abend Literaturgeschwätz eintauschen würde?«

»Also … es gibt auch Wein. Und Käse.«

»Oh, Käse – nun verstehe ich. Okay, ich weiß, wann ich gegen eine Meute von Frauen mit schicken Brillen verloren habe. Ich werde die Tickets sausen lassen. Aber wenigstens heute Nachmittag gehörst du mir. Pack deine Sachen zusammen für einen Tag am Pool.«

Anna trug einen Bikini unter ihrem Top und warf ein Taschenbuch, Sonnenbrille und Sonnencreme in eine Tasche. Nick packte ein paar Snacks in sein Auto, ließ das Verdeck herunter und fuhr auf der River Road nach Potomac, Maryland. Annas Haare flogen im Wind, und sie bestaunte die Villen, die auf ausgedehnten, perfekt gepflegten Grundstücken lagen. Die Vorgärten, in denen üppige Blumenbeete und der ein oder andere Springbrunnen zu sehen waren, wären geeignet gewesen, um auf der Titelseite von Martha Stewart Living zu erscheinen.

Nick bog auf eine lange, von Bäumen gesäumte Zufahrt ein, die sie zu einem imposanten Haus mit einem beeindruckenden Rondell brachte. Das rote Backsteinhaus hatte ein Schieferdach, blaue Fensterläden und drei Schornsteine. Anna vermutete, dass man es als »kolonial« bezeichnen könnte, obwohl es zehn Mal größer war als alles, was ein Kolonist gebaut hätte. Der Rasen hatte die Beschaffenheit, Farbe und Größe eines Football-Feldes. Jahrhunderte alte Eichen und Ahorne begrenzten das Anwesen auf zwei Seiten und auf dem Rasen ästen zwei Rehe.

»Meine Eltern sind den Sommer über in Europa«, sagte Nick, als er anfing, seinen Wagen auszuladen. »Aber ich habe dafür gesorgt, dass der Hausmeister den Pool öffnet. Den haben wir heute ganz für uns allein.«

Sie holte sich ihre Strandtasche vom Rücksitz. »Bist du sicher, dass das Haus groß genug für uns ist?«

Er lachte und nahm ihre Hand. »Nun komm schon.«

Anna folgte ihm ins Haus und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie fehl am Platze sie sich hier vorkam. Kürzlich hatte sie in einem Magazin Fotos aus dem Weißen Haus gesehen; es hätte auch hier sein können. Ölgemälde in kunstvollen Goldrahmen, Orientteppiche unter antiken Möbeln, Kristallvasen auf dem Sims eines Marmorkamins. Alles roch nach Ledercouchen und zitroniger Möbelpolitur und wirkte völlig unantastbar. Anna ging zu einem Flügel, um sich die Fotos anzusehen, die dort in Silberrahmen standen. Sie hielt immer noch Nicks Hand und zog ihn mit sich.

»Bist das du? Du siehst so süß aus mit der Spange!«, rief sie und deutete auf ein Foto von Nick, auf dem er verspielt wirkte, etwa zwölf war, einen Lacrosse-Schläger hielt und breit grinste.

»Oje.« Er stöhnte. »Das war nicht mein bester Tag.«

Er versuchte sie wegzuziehen, doch sie war fasziniert von den Bildern. Auf einem war der junge Nick in einem Smoking neben seinen Eltern zu sehen. Sein Vater war ein großer Mann mit Glatze, der ebenfalls einen Smoking trug und grinste wie Dick Cheney. Seine Mutter sah mit ihren erbsengroßen Diamantohrringen und ihrer blonden Hochsteckfrisur aus wie Grace Kelly in ihrer Zeit in Monaco. Anna überflog die anderen Familienfotos: Mom mit einem Tennispokal in Händen, Dad in einer Khaki-Jagdweste mit einem Gewehr über dem Arm und einem toten Hirsch zu seinen Füßen. Doch die meisten Fotos zeigten Nicks Vater mit einer ganzen Reihe von Politikern: wie er Ronald Reagan die Hand schüttelt, im Gespräch mit Präsident Bush senior an Bord der Air Force One, auf der Entenjagd mit einer Gruppe vornehmer Herren.

»Was macht denn dein Vater?«, fragte Anna, während sie die Bilder betrachtete. Sie merkte, wie Nicks Hand in ihrer sich anspannte. Sie richtete sich auf und blickte ihn an.

»Er beutet die Armen aus und plündert die Erde, alles auf Staatskosten. Er ist ein Lobbyist.«

»Ich spüre da ein wenig Feindseligkeit«, meinte Anna leise.

»Scheißkerl«, sagte Nick. »Er ist auch nicht gerade begeistert von meiner Arbeit.«

Anna konnte die Genugtuung nachvollziehen, die Nick empfunden haben musste, als er die Erwartungen seines Vaters über den Haufen geworfen hatte, weil er sich den Pflichtverteidigern angeschlossen hatte, anstatt in eine Anwaltskanzlei einzutreten. Sie blickte auf das unantastbare Mobiliar und das leere Haus. Vielleicht konnten sogar reiche Kids eine schwierige Kindheit haben. Sie drückte Nicks Hand.

Nick führte sie zur Rückseite des Hauses und durch breite Glastüren auf einen weiten Schieferpatio. Um einen tiefen blauen Pool verstreut standen bequeme weiße Liegen. Ein eingelassener Whirlpool blubberte neben einem großen gemauerten Umkleidehäuschen vor sich hin.

»Wow«, flüsterte Anna.

Nick holte ein paar flauschige weiße Handtücher aus dem Häuschen und breitete sie auf zwei Liegen aus, die er nebeneinanderschob. »Mach es dir bequem«, sagte er.

Sie zog ihr Top und die Shorts aus und schob ihre Sandalen unter die Liege. Nick pfiff. Sie drehte sich ihm schüchtern zu, plötzlich verlegen wegen des spärlichen lavendelfarbenen Bikinis, obwohl er sie schon mit noch weniger gesehen hatte.

»Gefällt er dir?«, fragte sie scheu.

»Oh ja.« Nicks Augen waren vor Zustimmung so groß wie Untertassen geworden. Jede Yogastunde und jedes Mal Joggen hatte sich wegen dieses Blicks gelohnt.

Er holte ein paar Cola light und eine Tüte Chips heraus und sie ließen sich auf den Liegen nieder. Nick blätterte die Washington Post durch und futterte dabei Chips. Anna hatte ein Buch auf dem Schoß, doch sie las nicht. Sie atmete tief die saubere, nach Gras duftende Luft ein und schaute sich den schönen Garten an. Die Sonne wärmte ihre Haut und das leise Blubbern des Whirlpools machte sie schläfrig. Eine Libelle brummte um ihren Kopf und ließ sich auf ihrem großen Zeh nieder. Erst flatterte sie noch mit ihren durchsichtigen Flügeln und saß dann still.

Anna griff nach Nicks Hand und er blickte sie an.

»Glücklich?«, fragte er.

»Sprachlos vor Glück.«

Er strich ihr eine Haarsträhne aus den Augen.

»Ich liebe dich«, sagte er leise.

Sie lächelte. Sie hatte auch schon eine Weile darüber nachgedacht, diese Worte zu sagen.

»Ich liebe dich auch.«

Er lehnte sich zu Anna hinüber und küsste sie. Sie zog ihn näher zu sich heran und verlor sich in dem wohligen Gefühl der warmen Sonne auf ihrer Haut und Nicks Küssen. Sie fragte sich, wie viel Glück eine Frau ertragen konnte.

KAPITEL9

Während Anna sich ein paar Kilometer entfernt auf ihrer Liege räkelte, schlenderte D’marco Davis den Gehweg entlang zum Laden an der Ecke. Es war ein herrlicher Sommernachmittag. Tauben stolzierten vor dem chinesischen Imbiss umher, der als Mr. Wong’s bekannt war. Löwenzahn wuchs aus den Ritzen der Bürgersteige, die voll Kaugummi klebten. Sogar die Graffitis auf den mit Sperrholzplatten zugenagelten Reihenhäusern wirkten fröhlich. D’marco hatte gute Laune.

Er hatte es wirklich so gemeint, als er Laprea versicherte, dass er sich ändern wollte. Und bisher hatte er sein Versprechen gehalten. Er hatte mit dem Trinken aufgehört und musste nun nicht mehr mit Wasser tricksen, wenn er eine Urinprobe abgab. Seine Bewährungshelferin hatte sein verändertes Verhalten bemerkt und sie hatte ihm versprochen, ihm einen guten Job zu besorgen – Eingabe von Daten, an einem richtigen Schreibtisch, nicht das übliche Schmieren von Sandwichs oder die Lehre beim Friseur. Vielleicht würde D’marco es dieses Mal tatsächlich schaffen, aus dem Drogengeschäft auszusteigen. Er wollte beim Aufwachsen seiner Kids dabei sein. Er würde sparen, überlegte er sich, in eine gute Gegend ziehen und Laprea und die Kids bitten, zu ihm zu kommen. Sie würden eine Familie sein. Heute schien alles möglich.

Ein paar Typen hingen vor dem Circle B herum. Wie D’marco trugen sie alle weiße T-Shirts und Baggy Jeans. Sie unterhielten sich und rauchten, ein paar tranken aus Flaschen, die in braunen Papiertüten steckten. D’marco schüttelte einem älteren Mann in einem elektrischen Rollstuhl die Hand und begrüßte ein paar Freunde. Dann ging er in die dämmrige Stille des kleinen Ladens.

Samir, der Besitzer, erkannte D’marco und winkte ihm hinter einer schusssicheren Glasscheibe zu. D’marco nickte zurück und schlenderte herum, wobei er überlegte, was er essen sollte. Der Circle B würde einem 7-Eleven so schnell keine Konkurrenz machen, doch er hatte eine Nische besetzt als einziger Mini-Markt, der es sich zutraute, in einer der schlimmsten Gegenden von D.C. zu bestehen. Es war ein schmaler Raum mit einem Zementboden und drei bloßen Glühbirnen. Auf ein paar wackligen Metallregalen reihten sich Schachteln mit Kaugummi, Lutschern und Chips und Stapel von Seife, Windeln und Shampoo. Eine Kaffeemaschine stand auf einem Klapptisch, der mit einer klebrigen Schicht Zucker und Milchpulver bedeckt war. Samir gab Cops ihren Kaffee aus, in der Hoffnung, die Polizisten würden sich in seinem Laden aufhalten. Flaschen mit Limonade und bunten Fruchtsäften standen aufgereiht in einem schmalen Kühlschrank. D’marco schnappte sich eine Tüte Kartoffelchips und eine Orangenlimo.

Als er zum Kassenschalter ging, hielt Samir schon eine Packung ultra-leichte Mentholzigaretten für ihn bereit sowie drei Rubbellose. D’marco mochte das. »Sonst noch etwas?«, fragte Samir durch das Mikro auf seiner Seite. D’marco schaute sehnsüchtig auf die Schnapsflaschen, die ihm von den Regalen hinter dem Schalter aus zuwinkten, doch er schüttelte den Kopf. Er fing ein neues Kapitel an. Er schob einen Zwanziger in die Metallschale, und als Samir sie zurückdrehte, waren seine Zigaretten, die Rubbellose und das Wechselgeld darin. Dann fiel ihm noch etwas ein, und D’marco deutete auf eine Stoffrose in einem durchsichtigen Plastikzylinder. Er wollte Laprea heute Abend etwas Schönes mitbringen.

Als er den Laden verließ, wäre D’marco beinahe mit Ray-Ray zusammengestoßen, der hereinkam. Ray-Ray begrüßte ihn überschwänglich. »D!« Die beiden Männer schüttelten sich die Hände, berührten sich leicht an den Schultern und klopften sich gegenseitig auf den Rücken. Sie waren nur ein paar Häuser entfernt voneinander aufgewachsen. Sie waren nicht verwandt, aber sie standen sich sehr nahe, waren wie Familie füreinander; D’marco sah Ray-Ray als seinen Sandkasten-Cousin an. D’marco bedeutete Ray-Ray, mit ihm nach draußen zu kommen, und die beiden stellten sich ein wenig entfernt von den anderen Männern vor eine Treppe. D’marco öffnete sein Zigarettenpäckchen und bot es Ray-Ray an. Ray-Ray nahm dankbar eine Zigarette.

D’marco betrachtete Ray-Ray, als sie sich Feuer gaben. Der gute alte Ray-Ray. Er war so groß wie D’marco, aber während D’marco ein Muskelpaket war und sich mit langsamer Lässigkeit bewegte, war Ray-Ray so dünn wie eine Straßenkatze und voll nervöser Energie. Seine Dreadlocks waren locker zurückgebunden und gaben den Blick auf einige Narben auf seinem schmalen Hals frei. D’marco kannte die Geschichte hinter jeder dieser Narben – aber er wusste nicht, wie sein wirklicher Vorname lautete. Für D’marco und jeden, den D’marco kannte, war er einfach Ray-Ray.

»Du schlägst zu heute Abend?«, fragte Ray-Ray.

»Was meinst du?« D’marco lächelte und nahm einen langen Zug von seiner Zigarette.

»Die Rose«, sagte Ray-Ray und deutete auf den Plastikbehälter, den D’marco auf den Vorsprung hinter ihm gestellt hatte.

»Die ist für Pree. Wir sind wieder zusammen.«

»Wirklich? Obwohl sie dich ins Gefängnis gebracht hat?«

»Nee, sie hat die Kurve gekriegt. Am Ende. Sie hat ausgesagt, dass ich ihr nichts getan habe.«

»Mann, wenn ich du wäre, würde ich mir den Cop mal vornehmen.«

»Mann, der hat doch nichts getan. Der hat doch nur seinen Job gemacht, weil sie die Polizei angerufen hat.«

»Nee, D, doch nicht der Cop. Der, der Laprea gefickt hat, als du hinter Gittern warst.«

D’marco betrachtete Ray-Ray mit zusammengekniffenen Augen. Er stieß den Rauch in zwei dicken grauen Linien durch seine Nase aus. Als er wieder sprechen konnte, war seine Stimme tief und bedrohlich.

»Was zum Teufel sagst du da?«

Ray-Ray schob nervös eine leere Limobüchse mit den Füßen hin und her. Er hatte keine schlechten Nachrichten überbringen wollen. »Du … mmh … du hast nichts gehört? Vergiss es. Gerüchten kann man sowieso nicht trauen«, fügte er noch lahm hinzu.

Für Ray-Ray schien es, als ob D’marco für einen Moment ruhig dastand, seine Zigarette bis zum Filter rauchte und den vorbeirauschenden Verkehr beobachtete. Doch in D’marcos Brust verwandelte sich der Herzschlag vom Tuckern eines Wagens im Leerlauf zu einer donnernden Dampfmaschine. Seine Körpertemperatur stieg um einige Grad, und was wie ein warmer Nachmittag gewirkt hatte, entpuppte sich plötzlich als wahre Affenhitze. Hitzewellen glitzerten vor seinen Augen und blendeten ihn. Er fühlte sich krank und benommen und war wütend. Er ließ seine Zigarettenkippe auf den Gehweg fallen und zertrat sie mit seinem Absatz. Ray-Ray beobachtete besorgt, wie D’marco wieder zurück in den Circle B ging.

Später am Abend saß Laprea auf Damekas Bett. Die beiden Zwillinge hatten sich an sie gekuschelt. Sie ließ D’montrae die letzte Seite des Buches umblättern. Dort war die Zeichnung eines Prinzen und einer Prinzessin, die auf zwei weißen Pferden in den Sonnenuntergang ritten. »Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende«, las Laprea vor. »Ende.« Dameka seufzte vor Glück. D’montrae bekniete seine Mutter, ihnen Der Kater mit Hut vorzulesen. »Nein, Liebling, ich habe es ernst gemeint, das war die letzte Geschichte. Es ist Schlafenszeit.« Sie schob D’montrae in sein eigenes Bett und deckte beide zu. Dann gab sie den Zwillingen einen Gutenachtkuss.

Als sie das Licht ausmachte, rief D’montrae noch: »Mami? Siehst du Daddy heute Abend noch?«

»Ja, Baby, das werde ich.«

»Erzähl ihm, dass ich ihm ein Bild von uns gemalt habe, mit dem Panda.«

»Das ist so lieb von dir, Schätzchen. Du kannst es ihm morgen geben, okay? Gute Nacht, meine Herzchen. Ich liebe euch.«

Laprea zog schnell ihre Mami-Kleidung aus und schlüpfte in ihre Freundin-Sachen: ein glitzerndes rosa T-Shirt, das sich aufreizend über ihrem Wonderbra dehnte, und ein Paar enge schwarze Hosen. Sie musste richtig ihren Bauch einziehen und am Stoff zerren, um den obersten Knopf der Hose schließen zu können. Ab morgen würde sie Diät machen, dachte sie bei sich. Plötzlich geisterte ihr eine unheimliche Idee durch den Hinterkopf. Sie hielt inne, schob sie dann jedoch beiseite. Darum würde sie sich auch morgen kümmern. Sie legte ihre großen silbernen Kreolen an und streifte ihre hochhackigen Silbersandalen über, dann sprühte sie ein wenig Parfüm in die Luft und ging durch die süße Wolke. Sie war aufgeregt. D’marco wollte sie ins Kino ausführen. Sie lief leise die Treppe hinunter und öffnete die Eingangstür, um loszugehen.

»Laprea?« Rose saß im Sessel vor dem Fernseher und strickte. Laprea seufzte. Sie hatte gehofft, unbemerkt an ihr vorbeizukommen.

»Ja, Mama?«

»Du wirst dich doch wohl nicht wieder mit dem Jungen treffen?«

»Du weißt, dass ich es tue.«

»Mmh.«

Laprea zögerte mit der Hand an der Tür. Dann ging sie zu Rose und setzte sich auf die Couch. »Er macht sich gut, Mama! Man kann es kaum glauben. Er ist jetzt trocken und er ist toll zu den Kindern.« Sie lehnte sich begeistert nach vorn. »Wir gehen morgen mit ihnen in den Zoo. Willst du mitkommen?«

»Mmh.«

Laprea schaute ihre Mutter noch eine Weile an, doch Rose nahm ihren Blick nicht vom Fernseher. Laprea zuckte mit den Schultern und ging zur Tür. »Tschüs, Mama«, rief sie und hüpfte die Stufen der Veranda herunter.

Als Laprea auf dem Gehweg angekommen war, ließ eine Bewegung im Haus sie zurückblicken. Rose hatte sich erhoben, stand am Fenster und hielt die Gardine zurück, um ihrer einzigen Tochter hinterherzuschauen.

Laprea nahm den Bus und war einige Minuten später an dem Gebäude in der Alabama Avenue angekommen, wo D’marco wohnte. Sie runzelte die Nase, als sie den Flur im zweiten Stock hinunterging. In letzter Zeit war sie oft hier gewesen, doch an den Geruch hatte sie sich noch immer nicht gewöhnt. Uralte Rückstände von Zigarettenrauch und Bratfett hatten die Wände durchdrungen. Die Hälfte der Beleuchtung im Flur war kaputt, Farbe schälte sich von schmutzig grauen Wänden und Brandlöcher von Zigaretten sprenkelten den verblichenen Teppich, wo er nicht völlig zerschlissen war. Das Gebäude war ein Dreckloch, aber heute Abend war Laprea das egal. D’marco führte sie aus!

Als sie zu Apartment 217 kam, klopfte Laprea an die Tür und tanzte buchstäblich auf der Stelle. D’marco öffnete, blickte sie ruhig an und ging ohne ein Wort wieder hinein. Er ließ sich auf die Couch fallen und starrte auf den Fernseher, aus dem ein Video von R. Kelly grölte. Das Wohnzimmer des Einzimmerapartments war mit einer gebrauchten Couch und einem billigen Tisch spärlich möbliert. In der Ecke stand eine Kiste mit Gerichtsunterlagen. Ein großer Flachbildfernseher dominierte den Raum. Laprea konnte sich denken, wie er an den gekommen war, doch sie hatte ihn nie direkt danach gefragt. Sie wollte es gar nicht wissen.

»Hi, Baby«, sagte sie, lehnte sich zu ihm hinunter und gab ihm einen Kuss. Sofort roch sie den Alkohol in seinem Atem. Abrupt zog sie sich zurück. »Du hast getrunken?«

Er deutete auf eine Flasche Wild Turkey auf dem Tisch.

»Oh nein, D, du hast dich so gut gemacht. Was ist passiert?«

Er starrte ausdruckslos auf den Fernseher. »Hab gehört, dass du dich mit jemand anders getroffen hast.«

Ihr stellten sich die Nackenhaare auf. Sie sollte gehen, jetzt. Sie schaute zur Tür, bis zu der es etwa fünf Meter waren. Sie begann sich rückwärts auf sie zuzubewegen. »Nein, D.«

Er nahm einen Schluck aus der Flasche. »Hab gehört, du hast es dir richtig gemütlich gemacht mit einem Bullen, während ich im Knast saß.«

Sie schüttelte ihren Kopf und ging schneller. »Nein, nein, so etwas würde ich nicht tun.«

D’marco schoss von seinem Sessel hoch und griff sie am Shirt. So fing er jedes Mal an.

Ernie Jones blickte auf seine Uhr. »Verdammt«, murmelte er. Es war 21:38 Uhr. Er würde wohl zu spät kommen. Seit sechsunddreißig Jahren arbeitete er nun schon als Hausmeister in der Nachtschicht am Washington Hospital Center, und er war stolz darauf, immer pünktlich zu sein. Aber es schien ihm, als ob er allmählich langsamer würde. Ernie nahm an, dass es Sinn machte, denn sein einundsechzigster Geburtstag rückte näher und nichts an ihm schien mehr so schnell zu funktionieren wie früher. Aber er wollte keine Entschuldigung finden – er wollte pünktlich sein. Er stopfte seine Schlüssel in die Tasche und beeilte sich, aus seinem Apartment zu kommen. Wenn er nicht zu lange auf den Bus warten musste, würde er es gerade noch schaffen.

Die Aufzüge waren außer Betrieb, weshalb er zu der Treppe am Ende des Flurs lief und seinen Kopf über den permanent schlechten Zustand des Gebäudes schüttelte. Als Ernie Apartment 217 näher kam, konnte er von drinnen Schreie und Schläge hören. Es war die Wohnung des neuen Typs, und wie es sich anhörte, hatte er Probleme mit seiner Freundin. Das ging Ernie nichts an. Wenn er sich in jeden Streit in diesem Gebäude einmischen würde, hätte er keine Zeit mehr, sein eigenes Leben zu führen. Er ging nicht langsamer.

Plötzlich flog die Tür zu Apartment 217 auf und Laprea Johnson kam herausgeschossen. Ernie konnte gerade noch stehen bleiben, als die Frau genau vor ihm losrannte. Sie hätte hübsch ausgesehen, wenn sie nicht so zugerichtet gewesen wäre, dachte Ernie. Jetzt waren ihre Zöpfe verheddert, ihr rosa T-Shirt war an einer Schulter zerrissen, und eine von der Stirn bis zu ihrer Wange klaffende Wunde hatte ihr linkes Auge zuschwellen lassen. Sie schien Ernie nicht zu bemerken.

»Lügner!«, brüllte sie den Mann an, der aus dem Apartment herauskam. »Du hast es mir versprochen! Du solltest an deinen Aggressionen arbeiten!«

D’marco Davis stand jetzt vor seiner Wohnung. Der große Mann war wutentbrannt. Seine Hände zitterten vor Zorn und seine Nase blähte sich. »Und du solltest nicht so eine herumhurende Schlampe sein!«, grölte er. Er hielt eine Flasche Wild Turkey in der Hand.

Laprea deutete auf ihr Gesicht. »Und was soll ich den Zwillingen erzählen? Und meiner Mutter?« Sie war hysterisch. D’marco machte einen Schritt auf sie zu, und sie fing an, mit ihren winzigen Fäusten auf seine Brust zu trommeln. Er holte aus und schlug mit dem Handrücken ganz locker zu, so als ob er eine Fliege verscheuchen wollte. Als seine Knöchel auf ihren Wangenknochen trafen, war ein scharfes Knacken zu hören. Sie stürzte zu Boden.

»Hey, hey!« Ernie trat zwischen die beiden. »Das muss doch nicht sein.«

»Geh mir verdammt noch mal aus dem Weg«, sagte D’marco, ohne seinen Blick von Laprea zu nehmen. »Das geht dich nichts an.«

»Nun lass doch schon.« Ernie legte seine Hand auf den Arm des Mannes und versuchte, ihn ins Apartment zurückzuschieben. »Das ist es doch nicht wert, Junge.«

D’marco schüttelte wütend seinen Arm frei – und schlug Ernie ins Gesicht. Der ältere Mann stolperte zurück und hielt schockiert seine schmerzende Wange.

Laprea bekam wieder Luft und fing an zu schluchzen. Nun schwoll auch noch ihr anderes Auge zu. Sie starrte zu D’marco hoch, der sie verächtlich anblitzte. Mühsam rappelte sie sich auf die Füße. Sie versuchte, etwas zu sagen, doch sie wurde so von Schluchzern geschüttelt, dass sie kaum sprechen konnte. Endlich bekam sie trotz des Weinkrampfs etwas heraus.

»Das war es dann, D’marco. Wir sind fertig. Ich rufe die Polizei, und dieses Mal gehst du ins Gefängnis. Es ist mir egal, wie viel Zeit du noch auf Bewährung hast. Und du wirst die Kinder nie wieder sehen.« Sie drehte sich um und floh den Flur hinunter zur Treppe. »Nie wieder!«

D’marco stellte die Flasche auf den Boden und ging ihr nach, wobei er Ernie anstarrte. Ernie trat zurück und hob seine Hände, wie um ihm zu zeigen, dass er ihm nicht noch einmal in die Quere kommen würde.

»Warte doch, Pree!«, rief D’marco dröhnend. »Nun komm schon, Kleine! Ich habe es doch nicht so gemeint.« Er rannte die Stufen hinunter. Seine Rufe hallten noch eine Weile durchs Treppenhaus, bevor sie nachließen.

Ernie holte sein Handy heraus und rief die Polizei.

Am nächsten Tag rannte D’montrae singend durchs Haus: »Wir gehen in den Zoo-oo! Wir gehen in den Zoo-oo!« Dabei hielt er das von ihm gemalte Bild eines Pandas hoch und ließ es in der Luft flattern. Dameka saß mit einer Schachtel Buntstifte am Küchentisch und war mit ihrem Malbuch beschäftigt. Rose öffnete den Backofen und begoss den Schmorbraten, den sie für das sonntägliche Mittagessen machte. Ihre Augen wanderten zur Uhr, sicher zum hundertsten Mal an diesem Tag. Es war 14 Uhr. Rose hatte seit letztem Abend nichts mehr von Laprea gehört. Der Knoten in ihrem Magen zog sich immer fester zusammen.

Dameka blickte von ihrem Malbuch hoch. »Wann kommen denn Mami und Daddy und gehen mit uns in den Zoo?«

Rose schloss den Backofen und versuchte, zuversichtlich zu lächeln. »Später, Baby. Noch eine kleine Weile.«

Sie wischte ihre Hände am Küchenhandtuch ab, schaute aus dem Fenster und überlegte, was sie tun sollte. Sie hatte schon Lapreas Freunde angerufen und auch bei Sherry nachgefragt. Niemand hatte von ihr gehört. Rose hatte es sogar bei D’marco versucht, doch er war nicht ans Telefon gegangen.

Sie wusste, dass irgendetwas nicht in Ordnung war.

Während die Zwillinge in der Küche spielten, nahm Rose ihr schnurloses Telefon und ging auf die vordere Veranda. Sie schloss die Tür hinter sich, damit die Zwillinge sie nicht hören konnten. Sie rief bei der Vermisstenstelle der Polizei an und räusperte sich, als sie durchkam. »Ich möchte eine vermisste Person melden«, sagte Rose ruhig. »Meine Tochter.«

Später am Nachmittag trottete Andre Hicks mit seinen Freunden über einen Parkplatz, eine Horde Jungs im Alter von neun Jahren. Einer von ihnen versuchte, ihn in ein geparktes Auto zu schubsen, doch Andre lachte und schlug ihn auf den Arm. Da sie von dem dürftigen Unterhaltungsangebot in ihrer Wohnanlage gelangweilt waren, nahmen die Jungs eine Abkürzung zum Circle B, um sich Limos zu holen und vielleicht ein wenig Action anzuzetteln.

Sie sprangen über den Gehweg auf ein wild bewachsenes Areal hinter ihrem Wohngebäude. Diese Abkürzung hatte den Vorteil, dass sie an Bergen von Müll vorbeikamen, die sich zwischen den dünnen Bäumen und Büschen auftürmten. Der Müll bestand aus alten Stühlen, defekten Haushaltsgeräten, verschlissenem Spielzeug und Hunderten von Mülltüten. Die Leute luden hier Müll ab, wenn alles überfüllt war oder der Abfall zu groß für die Müllschlucker war. Ein paar Mal im Jahr, wenn sich jemand laut genug beschwerte, würde die Stadt die Müllabfuhr schicken, um den ganzen Kram abzuholen. In der Zwischenzeit war dies jedoch eine Schatzkiste für die Jungs aus dem Viertel. Vor ein paar Monaten hatte einer von Andres Freunden hier einen Stapel Playboys gefunden. Der Junge war noch Wochen später ein Held gewesen, während sie sich über die Bilder hergemacht hatten.

Sie waren fast an dem Abfallberg vorbei, als Andre unten am Haufen etwas Rosafarbenes aus dem Loch einer schwarzen Mülltüte glitzern sah. Er ging langsamer und blieb hinter seinen Freunden zurück, während ihm Bilder von noch mehr Playboys durch den Kopf schossen. Andre bückte sich, um der Sache nachzugehen. War es irgendein unerklärliches Gerät von Victoria’s Secret? Ein Spielzeug? Er zog an den ausgefransten Ecken des Lochs und riss die Tüte auf. Das rosa Ding war das Shirt einer Lady. Eine kleine braune Hand lag bewegungslos auf dem glitzernden Kleidungsstück. Und in dem Shirt war immer noch eine Lady. Andre fing an zu schreien.

KAPITEL10

Sobald Anna am Montagmorgen bei der Arbeit erschien, spürte sie, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Jeder schien sie anzustarren, als sie hereinkam, auf den Aufzug wartete, als sie den Flur zu ihrem Büro entlangeilte. O Gott, dachte sie, sie wissen über Nick Bescheid. Nun gut, sie hatte gewusst, dass sie sich damit würde auseinandersetzen müssen. Und vermutlich war es heute so passend wie an jedem anderen Tag.

Als sie in ihr Büro trat, fand sie Carla Martinez vor, die in einer Kiste ERLEDIGTE FÄLLE wühlte.

»Hallo, Carla«, begrüßte Anna die Chefin der Abteilung für häusliche Gewalt und Sexualverbrechen überrascht. Carla war noch nie in Annas Büro gewesen. Keiner von Annas Fällen war wichtig genug, als dass die Chefin deshalb vorbeikommen würde. O nein, dachte Anna, sogar Carla weiß über Nick Bescheid. Und trotzdem musste Anna das pfirsichfarbene Kostüm ihrer Chefin bewundern, ihre Pumps und den perfekt frisierten brünetten Bob. Die Frau sah immer so aus, als ob sie den Seiten eines Ann-Taylor-Katalogs entstiegen wäre. Annas schwarzer Hosenanzug – der sich eben noch so professionell angefühlt hatte – wirkte langweilig im Vergleich dazu.

»O Anna, es tut mir so leid«, sagte Carla. Ihre Chefin ging zu ihr und umarmte sie. Anna nahm die Umarmung ihrer Chefin aufgewühlt und durcheinander entgegen. Noch nie zuvor hatte Carla sie umarmt; sie schien nicht der Typ dafür zu sein. Als Carla Anna losließ, sah sie die Verwirrung auf dem Gesicht ihrer Mitarbeiterin. »Oh, meine Liebe«, murmelte sie. »Sie haben es noch nicht gehört. Anna, es tut mir leid, Ihnen dies sagen zu müssen: Laprea Johnson wurde am Wochenende getötet.«

Anna saß unter Schock am großen Konferenztisch. Um sie herum unterhielten sich Leute, doch sie nahm die Worte nicht wahr. Das ist meine Schuld, dachte sie. Der Satz hörte nicht auf, ihr durch den Kopf zu gehen. Das ist meine Schuld. Wenn ich in diesem Fall einen besseren Job gemacht hätte, wäre Laprea noch am Leben. Die arme Frau. Und ihre armen Kinder. Was würde nun aus ihrem Leben werden? Jetzt war nicht nur ihre Mutter nicht mehr bei ihnen, sondern sie war auch noch von ihrem Vater getötet worden. Ihre Tragödie war unfassbar.

Anna befand sich im offiziellen Konferenzraum neben dem Büro des US-Bundesstaatsanwalts. Es war der schönste Konferenzraum der ganzen Behörde, mit allem aufgedonnert, was der Staat zu bieten hatte. Der Konferenztisch war aus poliertem Stein und Holz, auf dem Boden lag ein flauschiger blauer Teppich; eine amerikanische Flagge stand neben dem Siegel des US-Bundesstaatsanwalts an der hinteren Wand. Im ganzen Raum hingen gerahmte Fotos von Washingtoner Sehenswürdigkeiten.

Etliche der Fotos zeigten touristische Ausflugsziele, die Nick und Anna erst kürzlich besucht hatten. Anna fragte sich, ob Nick davon gehört hatte. Sie versuchte sich vorzustellen, wie er sich fühlen mochte, wenn er die Nachricht bekam, aber sie schaffte den mentalen Salto nicht. Die Verteidigerposition war ihr zu fremd. Für eine Weile – als Laprea noch gesund und munter war – war Anna in der Lage gewesen zu vergessen, dass sie und Nick so grundverschiedene Sichtweisen einnahmen. Doch nun ging kein Weg mehr daran vorbei.

Ob Nick sich wohl für das Gewinnen des Falls noch schlechter fühlte als sie, die ihn verloren hatte? Er hatte nur seinen Job gemacht, sie verstand das, aber wegen Nicks Bemühungen war ein bösartiger Schläger auf freien Fuß gesetzt worden und hatte töten können. Anna hatte versucht, D’marco ins Gefängnis zu bekommen, und trotzdem machte sie sich Vorwürfe. Wenn sie sich selbst nicht vergeben konnte, dachte sie, würde sie Nick jemals vergeben können? Sie wusste es nicht.

An dem langen Konferenztisch saßen die hochrangigsten Mitglieder des Büros. Joseph McFadden, der US-Bundesstaatsanwalt, saß am Kopfende. Anna hatte erst ein Mal mit ihm gesprochen, als sie sich für den Job beworben hatte. Ein von der Politik Ernannter, der einer Behörde von dreihundertfünfzig beigeordneten Staatsanwälten vorstand, plauderte für gewöhnlich nicht mit unbedeutenden Anfängern. Er wurde flankiert von den Chefs seiner beiden wichtigsten Abteilungen am Superior Court: Carla saß auf der einen Seite von McFadden, Jack Bailey, Chef der Mordabteilung, auf der anderen. Die anderen Anwälte kannte Anna nicht. Sie ließ sich auf den Stuhl neben Carla fallen und betrachtete kläglich Jack, der sich Unterlagen ansah. Endlich machte sie nun die Bekanntschaft des renommierten Anwalts, doch leider auf die denkbar schlechteste Weise.

 

Allison Leotta

Über Allison Leotta

Biografie

Allison Leotta ist Staatsanwältin in Washington, D.C., Spezialgebiet sexuelle Gewaltverbrechen und häusliche Gewalt. Sie graduierte an der Harvard Law School und der Michigan State University. Heute lebt sie mit ihrem Mann Michael und ihren beiden Söhnen in Takoma Park, Maryland.

Pressestimmen

Wiener Zeitung

»Eine geschmeidige Mischung aus Gerichtsthriller und romantischer Ermittlungsstory, gut lesbar, spannend, halt ein echter Schmöker.«

Library Journal

Ein fesselndes Debüt: eine verletzliche, aber starke Heldin, überraschende Wendungen, Liebe und Spannung.

Suspense Magazine

Eine talentierte Newcomerin – ein Insiderblick in das Justizsystem und spannende, realistische Charaktere.

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