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Die Stadt der SymbiontenDie Stadt der Symbionten

Die Stadt der Symbionten Die Stadt der Symbionten - eBook-Ausgabe

James A. Sullivan
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Roman

„›Die Stadt der Symbionten‹ ist eine hochspannende Sci-Fi-Geschichte, mit ungewöhnlicher Kulisse und bestens gezeichneten Figuren.“ - agm-magazin.de

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Die Stadt der Symbionten — Inhalt

Nach einer Alien-Invasion ist die Erde verseucht. Der letzte Rest der Menschheit lebt in einer ›Oase im Winter‹: in Jaskandris, einer von Künstlichen Intelligenzen gesteuerten Kuppelstadt in der Antarktis. Als Symbiont, ein durch Computerinterfaces erweiterter Mensch, kann Gamil Dellbridge mit den Maschinen der Stadt per Gedanken kommunizieren. Eines Tages fängt er über seine Interfaces ein Flüstern auf, das sich unter die Signale der Stadt mischt. Voller Neugier folgt er dem mysteriösen Ruf und ahnt nicht, dass ihn die Spur geradewegs zu einem Geheimnis führt, das nicht nur sein Leben in Gefahr bringt, sondern auch alles, woran er glaubt, mit einem Mal infrage stellt.

€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
Erschienen am 02.04.2019
720 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70419-9
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€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 02.04.2019
720 Seiten
EAN 978-3-492-99375-3
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Leseprobe zu „Die Stadt der Symbionten“

Prolog
PAREIDOLIA

Kaum hatte Yarden die Anweisung in Gedanken formuliert, spürte er, wie der Befehl durch das Interface in seinem Hinterkopf strömte und dabei alle Durchgangssignale auslöste, dann nach außen drang und ins Steuersystem hineinstrahlte. Das Raumschiff schaltete den Antigrav-Antrieb ein, und sanft wie bei den letzten Testläufen hob die Pareidolia mit ihm und der Crew vom Dach seiner Fakultät ab. Noch schwebte das Schiff langsam; noch konnte es von all jenen mit eigenen Augen betrachtet werden, die dort unten die Straßen und Plätze füllten, um [...]

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Prolog
PAREIDOLIA

Kaum hatte Yarden die Anweisung in Gedanken formuliert, spürte er, wie der Befehl durch das Interface in seinem Hinterkopf strömte und dabei alle Durchgangssignale auslöste, dann nach außen drang und ins Steuersystem hineinstrahlte. Das Raumschiff schaltete den Antigrav-Antrieb ein, und sanft wie bei den letzten Testläufen hob die Pareidolia mit ihm und der Crew vom Dach seiner Fakultät ab. Noch schwebte das Schiff langsam; noch konnte es von all jenen mit eigenen Augen betrachtet werden, die dort unten die Straßen und Plätze füllten, um diesen historischen Moment mitzuerleben.

Endlich erfüllte sich das, woran sie all die Jahre gearbeitet hatten. Sie würden mit der Pareidolia ins All fliegen – vorbei an den Satelliten der Invasoren, hin zu der verlassenen Raumstation. Dort würden sie die Kontrolle über die Satelliten übernehmen und die Stadt ein für alle Mal von dem letzten Rest der Bedrohung befreien, die die Invasoren zurückgelassen hatten. Dann mochte vielleicht sogar eine Rückkehr auf die anderen Kontinente möglich sein.

So sehr er Jaskandris, die letzte Zuflucht der Menschheit, liebte, so neugierig war Yarden darauf, wie es dem großen Rest der Erde ergangen war. Hatte sich der Planet erholt oder waren die Maschinen der Invasoren, die Seuchen und die Gifte, vor denen ihre Vorfahren in die Antarktis geflohen waren, immer noch eine Gefahr?

Im Zentrum der Stadt richtete Yarden das Schiff mit dem linken Steuerstick nach oben in Richtung Kuppel aus, die sich über die gesamte Stadt spannte; und mit dem rechten Stick gab er ein wenig mehr Schub. Sie stiegen in die Höhe, und früher als erwartet öffneten sich einige Segmente des grünblau getönten Kuppelschildes, sodass sie mit dem Schiff hindurchfliegen konnten.

Yarden manövrierte die Pareidolia hinaus in die Eiswüste. Sein Blick wurde durch das Cockpitfenster in die Ferne gezogen. Vor ihnen erstreckte sich das Weiß des Polarplateaus unter dem blauen Himmel scheinbar endlos. Die Skyline der Stadt, vom Kuppelschild behütet, auf dem Rückschirm zu sehen, befremdete Yarden. In Jaskandris waren sie sicher gewesen, hier draußen aber wuchs die Gefahr mit jedem Meter, den sie sich von ihrer Heimat entfernten.

Per Gedankenbefehl prüfte Yarden die Statusdaten ihrer Mission und bemerkte die Präsenz der anderen Crewmitglieder, die über das Schiff verteilt auf ihren Posten saßen und ihren Aufgaben nachgingen. Er schaute zur Seite zu Emeline, mit der er hier im Cockpit allein war. Sie zeigte kein Anzeichen von Sorge. Ihr Gesicht war von der Haube wie gerahmt und wirkte zu konzentriert, um ihn wie so oft anzulächeln. Nicht der Hauch eines Zweifels stand in ihrer klaren Miene. Seit sie zu ihm zurückgekehrt war, machte sie ihm Mut und war zu einem unentbehrlichen Teil der Crew geworden. Sie hatte das Steuersystem verbessert und niemand kontrollierte die Schildkonstrukte, über die sie den Schub kanalisieren würden, besser als sie.

„Wir sind so weit“, sagte sie und lächelte ihn nun endlich an. Yarden lächelte zurück, und mit einem Gedankenbefehl startete er den Countdown. Während er auf dem Schirm in der Konsole sah, wie sich das Schildkonstrukt zu vier Schubkanälen formte, prüfte er per Gedanken das Tarnsystem. Es war fragil und musste ständig nachjustiert werden, und die halbe Crew befand sich im Kern des Schiffes und machte nichts anderes, als das System zu kontrollieren. Denn sollte es ausfallen, würden sie zur Zielscheibe der Satelliten.

Der Countdown war bei Fünf, als Emeline ihm Glück wünschte, und er sagte ihr, dass er sie liebte, und zum ersten Mal hatte er Angst, dass die Mission scheiterte. Bei Drei prüfte er noch einmal das Tarnsystem, bei Zwei atmete er tief ein, bei Eins atmete er weit aus.

„Also los!“, sagte er und gab per Gedanken den Startbefehl. Der Schub setzte mit einem Dröhnen ein, das durch das gesamte Schiff bis zu ihnen ins Cockpit drang, und Yarden und Emeline wurden fester in ihre Sitze gepresst. Alles zitterte, während die Pareidolia mit ihnen in die Höhe schoss.

Binnen Sekunden waren sie so hoch gestiegen, dass ihre Sensoren zwei Satelliten erfassten, die sich weit entfernt schräg über ihnen auf ihrer Bahn bewegten. Das Tarnsystem zeigte keine Fehler an. Was bei Drohnen und anderen automatisierten Flugsystemen bereits im Ansatz gescheitert war, schien nun mit einer bemannten Mission zu funktionieren. Er hatte recht behalten: Symbionten, die das Tarnsystem aktiv steuerten, waren der Schlüssel zum Erfolg.

Ein Ruck ging, begleitet von einem Krachen, durch das Schiff, und auf der Anzeige vor Yarden blinkte mit einem Mal einer der Satelliten, während die Statusdaten ihm ein Loch in einem der Schildkanäle anzeigten.

„Uns hat was getroffen!“, rief Emeline.

„Die Satelliten!“, erwiderte Yarden. Das Tarnsystem zeigte zwar keinen Fehler an, aber die korrumpierten Daten, die sie den Satelliten sandten, kamen zu ihnen zurück. Sie prallten wie von einem Schutzschild ab. Was die Stadt dort unten auf dem Polarplateau schützte, zeigte hier oben trotz aller Tests keine Wirkung.

Yarden wurde schwindelig, und erst jetzt merkte er, dass das Schiff ins Drehen geraten war; die Schildkonstrukte lösten sich allmählich auf. Ein Blick zur Seite, und er sah das verzweifelte Gesicht Emelines.

Eine weitere Erschütterung, und alles um Yarden herum verwirbelte; und das Dröhnen der Triebwerke verstummte, als machten sie Emelines Schrei Platz, der sich nun erhob, dann aber schlagartig verstummte.

Trotz allen Schwindels schaute Yarden ins System und sah die Unruhe, die sich unter seinen Crewmitgliedern verbreitete. Sie verloren die Kontrolle und feuerten mit wilden Anweisungen um sich, um das Schiff zu stabilisieren.

Mit seinen symbiontischen Sinnen erfasste Yarden die Bewegungsdaten des Schiffes und spielte Emeline ein Programm zu, das eigentlich für ihre Rückkehr vorgesehen gewesen war und aus dem Schildkonstrukt, das nun die Kanäle für den Antrieb formte, Tragflächen erzeugen sollte, aber auch zur Stabilisierung geeignet war.

Yarden merkte, dass Emelines Signale verstummten, als überlegte sie, was er mit dem Programm meinte, das er ihr zugeschoben hatte. Dann spürte er, wie sie die Befehle an das System weiterleitete.

Etwas traf von schräg vorne auf das Cockpit und ließ alles um Yarden und Emeline herum erbeben. Sie wurden hin- und hergerissen. Schreiend startete Emeline einige Parallelprozesse, die das Programm verstärken sollten. Nur langsam und schrittweise stabilisierte sich das Schiff – jedes Mal mit einem heftigen Ruck.

Hatten sie sich gerade noch mit wilden Richtungswechseln dem Himmel entgegenbewegt, sah Yarden nun durch das weite Sichtfenster die Eisflächen des Polarplateaus.

Die Statusdaten erzählten eine Geschichte des Scheiterns: Die Bremstriebwerke waren zerstört, das Tarnsystem war nutzlos geworden, das Sauerstoffsystem beschädigt. Die Speicherkapazität des Bordcomputers schrumpfte, und es zeigte sich das als Warnmeldung, was Yarden nun über eine der wenigen intakten Außenkameras erkennen konnte: Im hinteren Teil ihres kugeligen Schiffes war ein Feuer ausgebrochen.

„Der Antigrav-Antrieb!“, rief Yarden. „Das ist die Lösung!“

„Zu schwach, um den Absturz abzuwenden“, erwiderte Emeline.

„Wir könnten das Cockpit und die anderen Stationen mit reaktionsschnellen Schildkonstrukten auffüllen“, sagte er. „Die wären beinahe wie eine Flüssigkeit.“

„Wird wahrscheinlich nicht klappen, aber ich mach’s“, sagte Emeline.

Yarden sprach per Gedanken zur übrigen Besatzung. Die ruhige Stimme, die die anderen nun in ihren Köpfen hörten, verschleierte seine Verzweiflung. Für sie war es immer noch die selbstbewusste Stimme des Archonten. Er teilte ihnen seinen Plan mit, und während die Helme sich nun auf ihn und Emeline herabsenkten, lauschte er auf das System. Dabei spürte er, dass auch bei den anderen die Helme zum Einsatz kamen.

Eine unerwartete Ruhe breitete sich in Yarden aus, während er in den Daten las, die im Schiff umherströmten. Die Flammen im hinteren Teil griffen um sich und näherten sich dem zentralen Maschinenbereich des Schiffes. Dort war mit acht Besatzungsmitgliedern die Hälfte von ihnen versammelt.

Yarden wehrte sich mit dem Antigrav-Antrieb gegen den Absturz, als würde sich seine Gewissheit letztlich doch als Fehler herausstellen. Er merkte sofort, dass es keinen Sinn hatte. Sie würden irgendwo auf dem Polarplateau abstürzen. Da er es nicht verhindern konnte, wollte er zumindest den Sturzwinkel so klein wie möglich machen. Doch mit einem Mal entglitt ihm die Kontrolle über das Steuersystem. Der Antigrav-Antrieb spie wie wild Daten aus.

Eine der Außenkameras erfasste Jaskandris, aber sie würden weit davon entfernt steil zu Boden gehen und sterben – nahe genug an der Stadt, dass die Reste der Pareidolia vielleicht zu bergen waren. Möglicherweise würde der Statusspeicher den Absturz überstehen, dann könnte man in der Stadt Schlüsse daraus ziehen.

Welch eine Tragödie musste all das für die Bewohner der Stadt sein, die auf sie gehofft hatten und nun auf den Schirmen oder gar mit bloßem Auge dabei zusehen mussten, wie die Pareidolia als Feuerball in die Tiefe stürzte. Es würde ihren Mut brechen.

Grünes Licht breitete sich im Cockpit aus und verdichtete sich zu einer geleeartigen Masse. Die Schildkonstrukte! Emeline hatte es tatsächlich geschafft, sie im Inneren des Schiffes einzusetzen. Überall an den Kontrollstationen würde dieses Polster sich verbreiten.

Emeline schaute zu ihm herüber und lächelte. „Du weißt es, nicht wahr?“, fragte sie. „Du weißt doch, dass wir es nicht überleben werden.“

„In der Verzweiflung glaubt man auch an das Unmögliche“, erwiderte er und fasste ihre Hand, die er gerade so erreichen konnte. „Es tut mir leid.“

„Mir nicht“, erwiderte Emeline. „Wir hatten eine gute Zeit.“

„Und die Stadt?“

„Sie werden darüber hinwegkommen.“

Yarden dachte an seine Fakultät. Wie würden die Yardeniden ohne ihren Archonten bestehen können? Das Versagen der Mission war immer eine Möglichkeit gewesen, aber die Zuversicht hatte in der Stadt immer überwogen. Bei all der Hoffnung, mit der die Menschen den Start verfolgt hatten, würden sie nun erschüttert sein, und am Ende würde es die Fakultät der Yardeniden nicht mehr geben. Er, seine Crew und die Pareidolia wären nichts anderes als Erinnerungen an ein düsteres Kapitel der jaskandrischen Geschichte, und ihre Überreste sowie die Trümmer, sollten sie je geborgen werden, wären Mahnmale, die den Menschen von Jaskandris sagten, dass außerhalb der Kuppel nur der Tod lauerte – ob hier in der Luft oder unten am eisigen Boden.

Yarden gestand Emeline seine Liebe und sie ihm die ihre – und während sie dem Polarplateau abseits von Jaskandris entgegenstürzten, hoffte er, dass die Stadt sich von dem Schicksalsschlag erholen würde. Vielleicht war Jaskandris tatsächlich alles, worauf sie jemals hoffen durften – und alles, worauf sie sich jemals verlassen konnten. Das dachte er und hielt Emelines Hand fest umklammert. Dann kam das Ende mit ohrenbetäubendem Lärm, überwältigendem Schmerz und einem Gefühl der Leere.



Gamil

Noch dämpfte die Kuppel, die sich über die Stadt wölbte, das unermüdliche Sonnenlicht des antarktischen Sommers und bescherte Gamil Dellbridge sowie all den anderen Bewohnern der Stadt eine lange Dämmerung. Die Tönung der Schildsegmente würde sich bald aufhellen und den Morgen hereinlassen. Wind wehte ihm schräg ins Gesicht – frisch, nicht kalt. Dies war längst kein Ort der Kälte mehr, es sei denn, man setzte sich ihr aus, indem man die Kuppelstadt verließ oder sich aber in die unterirdischen Eiskammern begab – dorthin, wo die Symbionten schliefen; dorthin, wo er ein Jahrhundert lang geschlafen hatte.

Gamil stand auf der Terrasse seiner Wohnung und schaute zwischen dem Turm am Rande der Fakultät der Berewani und dem mächtigen Senatsgebäude hindurch zum Stadtrand, wo gleich das weiße Plateau erscheinen würde. Auf den anderen Terrassen, die in Stufen bis in die Tiefe hinabreichten, konnte er niemanden erkennen, und auch auf den erleuchteten Balkonen der anderen Gebäude war in der Dämmerung niemand zu sehen. Die vielen ebenfalls erleuchteten Fenster, die wie Mosaike den Häusern eine Lichtstruktur gaben, bewiesen, dass die meisten Bewohner bereits auf den Beinen waren. Aber wer interessierte sich schon für den Morgen und für das Erwachen der Stadt? Man hätte zum Beobachter werden müssen, statt einfach bloß ein Teil des Ganzen zu sein.

Durch die transparent werdende Kuppel wurde nun das ewige Eis sichtbar, und in der Ferne zogen sich die weiß-grauen Berge in die Breite. Echte Jahreszeiten, wie es sie auf den anderen Kontinenten trotz allem nach wie vor geben musste, waren ihnen hier fremd. Inmitten der Eiswüste des Polarplateaus lebten sie hier in der letzten Zuflucht der Menschheit – an einem Ort, der viele Namen hatte. Die Stadt war aus der Amundsen-Scott-Südpolstation hervorgegangen und lange auf den Namen Amscot reduziert worden. Der Zug der Menschen, die die Stadt zum ersten Mal aus der Ferne gesehen hatten, nachdem sie den Schrecken der anderen Kontinente hinter sich gelassen und die Strapazen der Eiswüste überstanden hatten, war angeblich zum Halten gekommen. Und Judith Jaskander, eine der Anführerinnen, habe die Kuppelstadt als ihre „Oase im Winter“ bezeichnet und sei genau zehn Tage nach der Ankunft in der Stadt gestorben – von den Strapazen der Reise erschöpft. Bei der Abstimmung um die Bezeichnung der Stadt hatte sich in Anlehnung an ihren Nachnamen die Bezeichnung Jaskandris durchgesetzt. So war es in den Quellen niedergelegt, aber Gamil hatte sich oft gefragt, ob es tatsächlich so gewesen war. Es klang nach Überhöhung, nach einem Stiftungsmythos – vom Senat ersonnen, um die qualvolle und schmutzige Reise der letzten Menschen hierher und das Erreichen dieser Zuflucht als etwas Erhabenes erscheinen zu lassen.

Die Eintönigkeit, die sich dort draußen außerhalb der Kuppel in endlosem Weiß erstreckte, reizte Gamil. Er empfand die Eislandschaft als schön, aber zugleich als bedrohlich. Wer Jaskandris verließ, würde sterben, wenn er nicht rasch wieder unter den schützenden Schirm zurückkehrte. Daran änderten auch die bequemen und klimatisierten Schutzanzüge nichts. Sie konnten die Wärme zwar perfekt regulieren, aber da draußen gab es keine Nahrung.

Die Antarktis war das Grenzland, das sie schützte, ein selbst gewähltes Exil der Überlebenden. Natürlich hatte Gamil früher schon über das Land geblickt und sich gefragt, wie der Rest der Erde heute wohl aussehen mochte. War tatsächlich alles verloren, waren sie tatsächlich der letzte Rest der Menschheit, der übrig geblieben war, nachdem die Invasoren alles ins Chaos gestoßen und Gifte, Seuchen und ihre Maschinen auf den Kontinenten zurückgelassen hatten?

Gamil betrachtete das weite Land inzwischen allein wegen des Anblicks der weißen Landschaft. Der Traum, diese Eiswüste in irgendeinem Gefährt zu durchqueren und auf irgendeinem Schiff das Meer hinter sich zu lassen, um nach Neuseeland, Südafrika oder Südamerika zu gelangen, plagte ihn nur noch selten. Das waren Kindheitsträume gewesen. Er hatte sich längst damit abgefunden, dass die bewohnbare Welt für sie alle nur aus dem bestand, was sich unter der Kuppel erstreckte. Ringsumher gab es nichts weiter als die Eiswüste – und jenseits davon lag nichts, auf das es sich zu hoffen lohnte.

Ganze hundert Jahre hatte Gamil dort unten in den Eishallen im Untergrund geschlafen. Er hatte sich im Dezember 2655 zur Ruhe gelegt und war im Dezember 2755 erwacht. Und so bunt und vielseitig ihm die künstlichen Welten des Tiefenschlafs erschienen waren, durch die er sich im Geiste bewegt hatte, so wenig echt waren sie gewesen. Sie waren wie Klarträume – wenn man sich im Traum darüber bewusst wird, dass man träumt, und in begrenztem Maß den Lauf des Traumes lenken kann. Sich in der Tiefe durch Traumwelten zu bewegen, war etwas ganz anderes als hier draußen, hier oben zu sein – in einer Welt, die trotz der kalten Schönheit, die sie alle umgab, so vielfältig und tiefgründig war wie all die künstlichen Welten zusammengenommen. Selbst die Eiswüste da draußen mit ihren sparsamen Kontrasten wirkte auf ihn dichter als alles, was er in den Traumwelten des Tiefenschlafs erlebt hatte.

Gamil erinnerte sich noch an die ersten Eindrücke nach seinem Erwachen: an Elnora Skovlund, die ihn sowohl als Vertreterin der Yardenidischen Fakultät als auch als Senatorin begrüßt hatte. Selbst nach einem Jahr sah er ihre grünen Augen, ihr kurzes, braunes Haar und ihr sanftes Lächeln vor sich. Die Erinnerung an die Figuren, denen er im Tiefenschlaf begegnet war, verblasste dagegen.

Hier in der Stadt jemandem zu begegnen, den er noch nicht kannte, war weit wertvoller, als in den künstlichen Welten eine beliebige vom System generierte Figur zu treffen, bei der er das Gefühl hatte, sie habe nur darauf gewartet, dass ein echter Mensch im Schlaf oder im Halbschlaf zu ihr hinabtaucht und mit ihr kommuniziert. Hier oben führten die Menschen ihr eigenes Leben – ganz gleich, ob er nun hinschaute oder nicht.

Gamil fuhr mit den Händen über das glatte Geländer, und die plättchenartigen Interfaces an seinen Fingerspitzen verursachten ein Kribbeln, als würden sie eine Kontaktfläche berühren und Daten aufnehmen. In aller Ruhe wandte er sich vom Anblick der Stadt ab, und mit gemessenen Schritten verließ er den Balkon und betrat seine beinahe kahle Wohnung. Nach seinem Erwachen vor einem Jahr war er wieder hier eingezogen, und doch hatte er es sich noch nicht so heimisch gemacht, wie er es sich vorgenommen hatte. Er kam nur her, um zu schlafen und sich in aller Ruhe ans System zu knüpfen. Alles andere fand er draußen in der Stadt.

Vor hundert Jahren war dies seine erste eigene Wohnung gewesen. Er hatte sie seiner Schwester Amelia hinterlassen – der Schwester, die er vor allem aus ihren Videotagebüchern und ihren Schriften kannte. Als seine Mutter schwanger geworden war, war das geschehen, was in jeder Familie geschah: Für jede Geburt musste jemand in den Tiefenschlaf sinken; für jeden Toten durfte jemand aus dem Schlaf erwachen oder geboren werden. Gamil – damals ein Teenager, der unglücklich verliebt gewesen war – hatte sich freiwillig für den Schlaf gemeldet, obwohl man ihm als Symbiont eine große Zukunft vorausgesagt hatte. In seinem Jahrgang hatte sich kaum jemand so gut in die Maschinen hineinversetzen können wie er. Die Fakultäten hatten sich um ihn bemüht, und er hatte sich damals sogar bereits für eine entschieden. Dann aber hatte ihn Sherika Corso, in die er damals verliebt gewesen war, gedemütigt und ihm eine endgültige Abfuhr erteilt. Und das, nachdem sie ihm mehr als eindeutige Hoffnungen gemacht hatte. Sie hatte zu einer Zeit mit ihm gespielt, in der ihn die Erkenntnisse über die Vergangenheit der Menschen, deren Rest sie waren, erschüttert hatten. Wozu dieses nutzlose Dasein, wenn die außerirdischen Invasoren die Zivilisation in Schutt und Asche gelegt, mit Giften und Seuchen überzogen und Maschinen zurückgelassen hatten, die eine Rückkehr auf die anderen Kontinente undenkbar machten? Wozu leben, wenn all das, was etwas bedeutete, verloren war?

Sie waren ein geschlagener Planet und hatten nur deswegen überlebt, weil die Invasoren nach allem keinen Nutzen mehr in der Erde sahen. Sie hatten sie ausgebeutet, hatten alles mitgenommen, was ihnen etwas bedeutete, und sie hatten dafür gesorgt, dass sich der Planet nie wieder erholen würde. Nun sprachen einige davon, dass von Jaskandris aus der Planet wieder besiedelt werden könnte. Man könne sich wieder aufrichten. Doch Gamil bezweifelte es. Diese Stimmen kamen immer wieder auf, hielten sich eine Weile und vergingen wieder – wie die Jahreszeiten auf den anderen Kontinenten. Es waren Träume jener, denen Jaskandris zu klein wurde. Und die meisten dieser Träumer waren bald des Lebens müde und begaben sich freiwillig in den Tiefenschlaf, um anderen Platz zu machen. Jaskandris beruhte nicht auf der Expansion nach außen, sondern darauf, alles, was existierte, zu bewahren. Das war eine Einsicht, zu der er erst nach seinem Erwachen gelangt war.

Erst mit dem Verlust der Realität konfrontiert, hatte Gamil bemerkt, was er an ihr hatte. Die Menschen, die vor der Invasion gelebt hatten – vor mehr als sechshundert Jahren, vor dem Jahr 2132 –, hätten dieser Stadt mit ihren klaren Grenzen und der umgebenden Leere sicherlich kaum etwas abgewinnen können. Gamil jedoch erschien sie wie eine komplette Welt. Erst jetzt war ihm klar, was er damals aufgegeben hatte, damit seine Schwester leben konnte. Und hätte sie nicht beschlossen, sich an ihrem hundertsten Geburtstag ihrerseits in den Tiefenschlaf zu begeben, um eine Veränderung herbeizuführen, hätte er noch immer unten in den Eiskammern unter der Fakultät der Yardeniden gelegen.

In einem der Videos, die Amelia ihm über eine der Kommunikationskammern der Fakultät in den Schlaf geschickt hatte, erklärte sie mit ihrer alterslosen Miene, dass er nun wieder an der Reihe sei, dieses Leben weiterzuführen, das sie sich hier oben abwechselnd teilten. Dabei erzählte sie von sich und wie sie die hundert Jahre genutzt hatte. Sie war ein Multitalent und hatte besonders als Musikerin viele Spuren in der Stadt hinterlassen. Aber sie war wie so viele nach einer Weile ermüdet und hatte den Tiefenschlaf mit seinen künstlichen Welten als einen Ausweg aus dem Immergleichen betrachtet – insbesondere, weil jeder, der sich in den Schlaf begab, zu einem Symbionten gemacht wurde; ganz gleich, ob er oder sie ein besonderes Talent dazu hatte. Fähigkeiten, die in der Wachwelt schwierig zu erlangen waren, konnten im Schlaf, bei dem das Gehirn von den Maschinen stimuliert wurde, allmählich erworben werden. Viele hatten deswegen Skrupel davor, sich freiwillig für den Schlaf zu melden. Sie befürchteten, ihr Wesen könne sich grundlegend wandeln, denn die meisten, die aus dem Tiefenschlaf erwachten, wirkten verändert und fühlten sich auch verändert. Die Erleichterung, mit der die meisten ins echte Leben zurückkehrten, nährten die Zweifel an dem Tiefenschlaf und den künstlichen Welten ebenso wie die anfängliche Apathie der Rückkehrer.

Hätte Amelia nicht das Gefühl gehabt, dass sie und er sich ein Leben in der Wachwelt teilten, hätte sie ihn sicherlich nicht als ihren Nachfolger bestimmt und er wäre wohl lange nicht aus dem Schlaf geholt worden. Die Familie, von der viele Mitglieder ihn damals über die Maßen gelobt hatten, hatte eine andere Reihenfolge im Sinn gehabt. Seine Mutter und sein Vater waren freiwillig in den Schlaf gegangen, um der Familie weiteren Nachwuchs zu gönnen und sich selbst eine Auszeit zu verschaffen. Zwar fiel es ins Gewicht, dass er sich freiwillig in den Schlaf begeben hatte, aber ohne die Verfügung seiner Schwester wären andere vor ihm zum Zuge gekommen. In den Archiven hatte er sogar gelesen, dass seine Familie eine Klage erwogen hatte. Die Abfragen seiner Tante, Lucile Dellbridge, die er auf nicht ganz korrekte Weise aus den Systemen der Verwaltung gefischt hatte, wiesen in diese Richtung. Doch aus welchem Grund auch immer hatten sie nicht geklagt. Und so war er geweckt worden.

Während er daran dachte, wie seine Familie ihn immer wieder hatte spüren lassen, dass sie ihn nicht mehr als einen der ihren betrachtete, nahm Gamil seine dunkelgraue Jacke aus dem Garderobenfach und zog sie an. Dann verließ er die Wohnung, und während sich hinter ihm seine Tür zischend zuschob, bog er nach rechts auf den hell erleuchteten Gang ein. Er genoss die Stille, die hier herrschte. Vielleicht wäre es besser gewesen, in ein lebendigeres Haus einzuziehen. Hier wohnten vor allem alleinstehende Symbionten, von denen die meisten das Klischee erfüllten: zurückgezogene, einsame Menschen, deren Leben vor allem im Kopf stattfand – im Grunde Leute wie er.

Gamil nahm die Treppe nach unten. Er wählte gerne die Umwege und fragte sich immer wieder, warum die KIs sie geschaffen hatten. Hier beruhte vieles darauf, dass alles reibungslos funktionierte. Weder der Betrieb eines Aufzugs noch der eines Transporters, dessen Kabine durch alle möglichen Schächte fahren konnte, bereitete große Schwierigkeiten, und doch gab es hier überall Dinge, die darauf hinwiesen, dass grundlegende Ausfälle möglich waren. Zwar hieß es immer wieder, man solle bei Gelegenheit die langen Wege gehen, um mehr Eindrücke zu sammeln, doch die meisten hielten sich nicht an diesen gut gemeinten Rat. Die häufigsten Besucher auf den Abwegen waren die Reinigungsroboter.

Das Treppenhaus schraubte sich vor Gamil in die Tiefe, und tatsächlich sah er hier nur die Reinigungsroboter, die ihre Morgentour machten – flache Scheibenkörper, die elastisch waren und sich der Biegung des Treppenhauses anpassten. Gamil hatte sich früher oft die Frage gestellt, wie es an solchen Orten sein mochte, wenn hier kein Mensch anwesend war. Er hatte angenommen, dass die Lichter ausgingen, sobald ein Mensch die Tür hinter sich geschlossen hatte. Immerhin hätte das Energie gespart. Aber er wusste durch seinen Einblick ins System inzwischen, dass dem nicht so war. All die Lichter der Stadt fielen nicht ins Gewicht, gemessen an all der Energie, die zum Erhalt von Jaskandris nötig war. Allein die Schildfragmente, aus denen sich die Kuppel zusammensetzte, verschlangen ungeheure Energiemengen. Auch das Tarnsystem, das sie vor den Satelliten schützte, war hungrig. Das Klimasystem, die Aufbereitung und das Nahrungssystem fielen dagegen deutlich ab. Und was die Menschen wie auch die Roboter verbrauchten, war dagegen zu vernachlässigen.

In dem weiten Eingangsbereich des Hauses traf Gamil zum ersten Mal an diesem Morgen auf andere Menschen. Adan Othronos und Elinor Hulme saßen so früh schon an einem der Tische und tranken Kaffee. Zumindest nannten sie es Kaffee, während Thomsen, der Service-Roboter, seine erste Inspektion des Tages durchführte. Adan und Elinor winkten ihm zu. Er winkte zurück und wünschte ihnen einen guten Morgen. Und auch Thomsen grüßte er, doch der Roboter nickte nur, wie er es immer tat.

Gamil verließ das Haus und blieb erst einmal stehen, schaute auf die andere Straßenseite zum künstlichen Fluss, der sich durch die Stadt wand, und atmete die frische Luft – beziehungsweise das, was er dafür hielt. Er ging davon aus, dass der Duft, der früher auf den anderen Kontinenten die Luft erfüllt hatte, weit angenehmer gerochen haben musste als das, was hier als Frühlingsduft galt und in die Straßen geblasen wurde. So wie ein Aufguss den Duft der Kräuter verfälschte, so kam ihm dieser frische Hauch des Frühlings vor – und doch brachte der Duft Erinnerungen an damals vor hundert Jahren zurück. Da hatte es Tage gegeben, an denen er jeden, dem er so früh begegnet war, beim Namen gekannt hatte. Doch in dem einen Jahr, das seit seinem Erwachen verstrichen war, war er in dieser gewandelten Stadt nicht auf den gleichen Wissensstand wie damals gelangt.

Gamil sah einige bekannte Gesichter, aber noch niemanden, von dem er Näheres wusste. Die meisten waren mit Taschen flussabwärts unterwegs. Dort ergoss sich das Wasser in einen See, an dessen Ufern kleine Strände angelegt waren. Viele nutzten den Morgen zum Schwimmen, und wer früh kam, hatte viel Platz für sich. Sowohl die Strände als auch der See reichten bis zum Rande der Kuppel, und Gamil war oft bis an die Grenze geschwommen und hatte durch den Schutzschild hinaus in die Eiswüste geschaut – aus der sicheren Wärme in die unerbittliche Kälte.

Gamil ging den entgegengesetzten Weg flussaufwärts an der Uferpromenade entlang und wollte zur Debenham Street, die sich am Greenwich-Meridian orientierte und vom Südpol, der gerade noch innerhalb der Kuppel lag, über die Barlow-Brücke in den Nordteil der Stadt führte.

Gerade näherte er sich der Brücke im Stadtzentrum, da erblickte Gamil einen seiner Bekannten: Corwin Gibbney, dessen hellblondes Haar ihm immer noch ein wenig zu kurz geschoren erschien. Mit einer dunkelhaarigen Frau, die Gamil nicht kannte, überquerte er auf der anderen Seite der Brücke die Straße. Corwin winkte ihm zu, ohne dass seine Begleiterin es wahrzunehmen schien, und Gamil winkte zurück. Mit seiner symbiontischen Stimme fragte er Corwin: „Was machst du denn so früh auf den Beinen?“

Corwins Antwort erklang in Gamils Kopf. „Geht dich nichts an“, sagte er und grinste ihm aus der Ferne entgegen. „Bis später in der Fakultät.“

Sicher würde Corwin ihm von der Frau erzählen, um die er ein Geheimnis machte. Er konnte nichts für sich behalten, zumindest ihm gegenüber nicht. Und anhand der Daten, die die Frau aussandte, konnte Gamil erkennen, dass auch sie eine Symbiontin war und alle weiteren Daten vor den Sinnen der Öffentlichkeit verbarg.

Nachdem Gamil die Brücke überquert hatte, grüßte er Leute, die er zwar nicht beim Namen kannte, denen er aber immer mal wieder begegnete. Gamil bemerkte, dass zwei junge Männer, die in die grüne Kluft der Basilidischen Fakultät gekleidet waren, einander nicht nur grüßten, sondern sich auch für den Mittag zum Essen verabredeten. Sie ließen die Daten offen herumfliegen, dabei wäre es ein Leichtes gewesen, den Austausch nur für die Betroffenen hörbar zu machen. Wie so oft in solchen Situationen konnte Gamil nicht sagen, ob die Leute, die vernehmbar über Privates kommunizierten, aus Absicht beziehungsweise Gleichgültigkeit die Signale nicht abschirmten oder ob sie sich unbemerkt glaubten und seine Sinne wieder einmal Dinge aufschnappten, die nicht für ihn bestimmt waren.

Sein Dekan, Clement Glazer, hatte ihm gesagt, er solle sich darüber nicht zu viele Gedanken machen. Er verfüge über sensible Sinne, und er würde solche Fragen selten eindeutig beantworten können. Er könne sich aber darin üben, Dinge abzublocken, falls es ihn störte. Sobald Gamil seine symbiontischen Sinne weiter als üblicherweise öffnete, drangen Signale unzähliger Maschinen an seine Sinne. Gamil vermochte all das dank der Lehrstunden durch Dekan Glazer gut zu unterdrücken. Bei ihm verbanden sich angeblich Sensibilität und Ignoranz. So hatte Glazer es formuliert, und Gamil hatte das Gefühl, dass der Dekan sich selbst in ihm wiedererkannte und ihm deswegen weitergeholfen hatte.

Sensibilität und Ignoranz. Letzteres hatte Gamil zunächst als Tadel verstanden, aber Dekan Glazer hatte es als positive Eigenschaft beschrieben. Viele, die aus dem Schlaf erwachten, hatten Schwierigkeiten, sich von all den Signalen abzuschotten, und darunter litt ihre Fähigkeit, Dinge zu erspüren. Zu begreifen, dass ein Weg über die Ignoranz zur Sensibilität führte, daran hatte Gamil hart arbeiten müssen, und er war überrascht gewesen, wie schnell sich all seine Fähigkeiten gefunden hatten, sobald er zugleich die einen Dinge unterdrücken und den anderen Dingen nachspüren konnte.

Wer sich nicht abschottete, dem war es, als redeten unentwegt Leute auf ihn ein. Manchmal öffnete Gamil seine Sinne für all die Nachrichten, die im System herumschwirrten. So auch jetzt. Obwohl um ihn herum nur ein Dutzend Leute waren, hörte er die Nachrichten des Systems als Stimmen und als andere Geräusche. Die Wagen-KIs, die ständig die Bewegungen der Fußgänger scannten, um rechtzeitig zum Stehen zu kommen, waren wie ein Wispern, während die automatisierten Fähren auf dem Fluss mit kehligen Rufen die Position mitteilten. Sogar die U-Bahnen in der Tiefe, die ständig ihre Position herausposaunten, konnte er hier oben vernehmen. Und auch die Schwebebahn, die sich in der Nähe über den Fluss bewegte und an einem Hochhaus im zehnten Stock hielt, machte ebenso wenig wie die hoch oben umherfliegenden Shuttles einen Hehl aus den eigenen Informationen.

Manchmal entdeckte Gamil in den Daten geheimnisvolle Signale, die ihn lockten, jedoch selten etwas preisgaben. In den letzten Wochen hatte er immer wieder ein solches Signal vernommen, irgendwo auf der Schwelle zwischen Ignoranz und Sensibilität. Er versuchte zu lauschen, versuchte, sich für das Offensichtliche zu sperren und sich auf das Besondere zu konzentrieren.

Da war es wieder: das Flüstern unter den Nachrichten, die die Akteure des Systems tauschten – ganz gleich, ob es nun Maschinen oder Symbionten waren. Er konnte das Signal nicht isolieren, aber dessen Qualität und seine Beständigkeit erweckten wie schon zuvor Gamils Neugier. Er hielt es für eine Ansammlung von Gedankenmustern, die auf Ebenen operierten, die unter allem lagen – auf Ebenen, auf denen die Schläfer in der Tiefe kommunizierten und die er außerhalb des Schlafes und der künstlichen Welten nicht hätte vernehmen dürfen.

Selbst im Tiefenschlaf bemerkten die Schläfer einander nur, wenn sie sich füreinander öffneten. Die Archonten, aber auch die KIs, die im Stadtkern agierten, waren die Einzigen, die in die Gedankenwelt von Tiefenschläfern hineinwirken konnten, um sie zu rufen. Um die Grenze zwischen der Welt des Schlafes und der des Wachens zu überbrücken, hätte man sich in eine der Kommunikationskammern in den Eishallen unter der Stadt begeben müssen. Hier oben hätten solche Signale nicht existieren sollen. Deswegen vermutete er, dass es sich dabei um etwas handelte, das lediglich die Kommunikation des Tiefenschlafs hier oben in der Wachwelt nachvollzog, vielleicht die ungefilterten Gedanken eines Symbionten, der sich noch nicht ganz an die Wachwelt angepasst hatte.

Gamil hatte die Brücke weit hinter sich gelassen, da brach das Signal unvermittelt ab. Es mochte sein, dass er sich zu weit davon entfernt hatte, oder aber er war unaufmerksam geworden, denn allmählich wurde es Zeit, sich zu überlegen, welchen Weg er heute nehmen würde, um zu dem Bistro Gemini zu gelangen.

Die Astoria Street, die sich ein Stück weiter abspaltete, wollte er meiden. Sie bog sich langsam nach Nordosten und reichte bis zu den Schildreaktoren, die wie pilzartige Türme aufragten. Auf jener Straße, kaum hundert Meter von dem Abzweig entfernt, lebte seine Tante mit einigen weiteren Familienmitgliedern. Da er ihnen unbedingt aus dem Weg gehen wollte, machte er einen großen Bogen um das Gebiet. Heute folgte er einer Reihe schmaler Seitenstraßen nach Osten.

Das Bistro Gemini lag an einer Ecke am Lambert-Platz. Abends hätte Gamil es gemieden, denn seine Cousins – Edmund und Glenn – verkehrten dort gerne, nachdem sie ihre Aufgaben erledigt hatten. Sie wussten, dass er hier oft zum Frühstück herkam, und er war ihnen hier an zwei Abenden begegnet. Sie alle hatten sich fortan in Verzicht geübt – sie verzichteten auf den Morgen, er auf den Abend. Dabei war er hier früher gerne gewesen. Er hatte die Eröffnung miterlebt und hatte diesen Ort als Treffpunkt für die Familie entdeckt.

Seit sich Joshua Kuhry, wie Gamil erfahren hatte, freiwillig in den Schlaf begeben hatte, war es im Gemini unter Joshuas Enkel Jeremy zu einer Menge Veränderungen gekommen. Das warme Licht, die Kunstholzmöbel, die Polster, die schweren Tische – das alles war geblieben. Aber die Zwischenwände waren verschwunden, und es gab nur noch wenige jener gemütlichen Ecken, in denen man unter sich sein konnte. Statt der Gemälde gab es Monitore, statt deftiger Speisen leichte. Nur die leise Instrumentalmusik war geblieben, die wie ein Soundtrack die Gespräche untermalte.

Früher waren die meisten Gäste Symbionten gewesen, nun war Gamil in der Minderheit. Aber das gefiel ihm. Die meisten Symbionten sprachen über die immer gleichen Dinge – über Maschinen und ihre Komponenten, über Programme und ihre Strukturen und Funktionen. Die wenigsten hatten Interessen abseits davon. Gamil hatte Glück gehabt, denn seine Begabung als Symbiont hatte sich erst spät entwickelt. Anders als bei anderen war bei ihm nicht von Geburt an klar gewesen, dass er ein Symbiont werden würde. Erst in der Pubertät hatte ein Testprogramm ihn als geeignet eingestuft. Er hatte damals nur kurz Gelegenheit gehabt, als Symbiont zu leben. Kaum hatte er sich für die Fakultät der Yardeniden entschieden, hatte seine Mutter der Familie von ihrer Schwangerschaft berichtet.

Seine Freunde Darrel Eldey, Zenn Burano und Ayako Takaki saßen bereits am gewohnten Vierertisch an der Seitenwand des Bistros und hatten sich ihr Frühstück kommen lassen. Während Zenn, der selbst im Sitzen noch groß gewachsen war, leise seinen Kaffee schlürfte, und Ayako, die ihr dunkelbraunes Haar als Pferdeschwanz trug, ihr Müsli löffelte, erzählte Darrel mit seinen weit ausladenden Gesten von dem Streit zweier Symbionten, zu dem es offenbar in irgendeinem Club gekommen war. Schließlich lachten sie, und als Darrel Gamil mit seinen grauen Augen erwartungsvoll anblickte, schauten auch Zenn und Ayako sich nach ihm um.

„Na? Wieder mal den Morgen begrüßt?“, fragte Darrel.

„So viel Zeit muss sein“, antwortete Gamil. Er wollte nach dem fragen, was Darrel gerade erzählt hatte, doch sein Freund rutschte auf der Bank zur Seite, um ihm Platz zu machen, fuhr sich dann durch das schwarze Haar und sagte: „Wirst du heute Abend kommen, oder gehst du wieder irgendwelchen Signalen nach?“ Darrel spielte gerne auf die Probleme von Symbionten an – immerhin war er keiner –, aber Gamil wusste, dass er sich danach sehnte, ein solcher zu werden. Er hatte sich schon manches Mal darüber beklagt, dass die Überprüfung bei ihm kein Talent zutage gefördert hatte. Immer wieder spielte er mit dem Gedanken, sich freiwillig in den Tiefenschlaf versetzen zu lassen, damit die KIs ihm die Maschinerie implantierten.

Schon viele hatten im Tiefenschlaf – von den Programmen stimuliert – mit der Maschinerie umzugehen gelernt. Immer wieder kam es vor, dass jemand, der Jahre zuvor als ungeeignet gegolten hatte, nach seinem Erwachen die Prüfungen zum Symbionten bestand. Doch Darrel hatte es bislang nicht gewagt, sein Leben hier aufzugeben, um sich für Jahre in den Tiefenschlaf versetzen zu lassen. Er arbeitete für Senator Cornelius Alpert und knüpfte für ihn Kontakte. Darin war er gut.

„Nein, nein“, sagte Gamil. „Das Signal ist sicherlich nur eine kleine Ablenkung.“

Zenn stutzte. Wie Ayako und Gamil selbst war auch er ein Symbiont in der Fakultät der Yardeniden. „Was für ein Signal?“, fragte er.

„So eine Art Flüstern, das sich unter die Dinge mischt“, antwortete Gamil.

„Wahrscheinlich irgendeine Maschine“, sagte Ayako, die ihm gegenübersaß. „Nichts weiter.“

Gamil schüttelte den Kopf. „Das ist was anderes. Es erinnert mich an die Signale, die ich während des Schlafes empfangen habe.“

Darrel legte seine Gabel auf den Teller, auf dem nur noch ein wenig Sirup übrig war, und sagte: „Vielleicht war es deine Schwester.“

„Unwahrscheinlich“, erwiderte Gamil kopfschüttelnd. „Um mit ihr zu sprechen, müsste ich in die Kommunikationskammern unten in den Eishallen. Selbst ein Archont könnte aus dem Schlaf heraus hier oben wohl kaum solche Signale senden.“

„Die KIs könnten es“, sagte Zenn und nahm einen weiteren Schluck Kaffee.

Ayako nickte. „Es könnten irgendwelche Tests sein.“ Sie legte den Löffel ab und schob die noch halb volle Schüssel zur Seite, als hätte sie ganz das Interesse an ihren Frühstücksflocken verloren. Dann fuhr sie mit den Interfaces, die ihr wie allen Symbionten an den Fingerspitzen hafteten, über die Tischfläche. „Die betreiben vielleicht irgendeine Maschine. Und das Signal fängst du dann auf. Du bist eben sensibler als andere.“ Ihre grünen Augen glänzten. Er war sich bei ihr nie sicher, ob sie vielleicht an ihm interessiert war. Sie lockte ihn manchmal, aber dann war da plötzlich nichts mehr. Kurz nachdem er erwacht war, hatte sie sich ungeheuer zurückgehalten, obwohl er leicht beeinflussbar gewesen wäre. Er mochte sie, und manchmal begehrte er sie sogar, dann aber versuchte er, seine Gefühle für sie zu verdrängen, weil sie offenbar kein Interesse an ihm hatte.

„Was ist?“, fragte sie ihn mit ihrer sanften Gedankenstimme.

„Ich denke über das nach, was du gesagt hast“, erwiderte er.

„Dass du sensibel bist?“

„Ganz genau.“

„Denk nicht zu viel darüber nach“, sagte sie.

„Was ist mit Glazer?“, fragte Zenn. „Wollte er dir nicht helfen, Dinge besser abzublocken?“

Gamil lachte. „Der gute Dekan möchte, dass ich meine Sinne sogar noch schärfe. Ich muss mich jetzt also darauf einstellen, noch mehr solcher Stimmen zu hören.“

„Vielleicht ist das dein Job“, erwiderte Ayako grinsend. „Mit deinen feinen Sinnen solche Signale aufzuspüren. Vielleicht sind das Fehler, derer sich nicht einmal die KIs bewusst sind.“

Gamil lächelte. Ihm gefiel der Gedanke, der Gemeinschaft einen solchen Nutzen zu bringen, und ihm gefiel Ayakos Stimme, die alles interessant klingen ließ.

Zenns Stirn, die halb von seinem hellbraunen Haar verdeckt war, legte sich in Falten. „Glaub ich nicht“, sagte er. „Das klingt eher wie ein Echo deiner eigenen Gedanken. So was kann nach dem Schlaf vorkommen. Da hören viele erst einmal Phantomsignale.“

„Nach einem Jahr noch?“, fragte Gamil.

„Wenn es so leise ist, dass du es am Anfang gar nicht gemerkt hast, ist das möglich. Du solltest dich durchchecken lassen. Und wenn es nur dazu gut ist, auszuschließen, dass es sich darum handelt.“

Gamil nickte. „Vielleicht ist das erst einmal das Beste.“

Ayako zog die Schüssel wieder vor sich. „Bevor du irgendjemanden an dein Hirn lässt, solltest du lieber fragen, ob da gerade irgendwelche Projekte laufen, die die Quelle sein könnten. Glazer wird es dir bestimmt sagen.“ Lächelnd hob sie den Löffel vom Tisch und aß weiter. Mit ihrer Gedankenstimme sagte sie nun: „Wenn du willst, könnte ich ein paar Scans durchführen. Ich habe einige Programme, die tief in dich reinschauen können. Natürlich müsstest du mir einen Zugang gewähren.“

„Jederzeit, Ayako“, erwiderte er.

Sie machte eine überraschte Miene, dabei hatte er oft signalisiert, dass sie leichtes Spiel bei ihm hatte.

„Ayako hat recht“, sagte Zenn.

„Womit?“, fragte Gamil. Er hatte vergessen, was sie vor ihrem verlockenden Vorschlag gesagt hatte.

„Dass du mit Glazer sprechen solltest.“

„Ich werde so oder so mit ihm reden“, sagte Gamil.

Während Darrel nun wieder einmal von den Fähigkeiten der Symbionten schwärmte, blickte Gamil ins System des Bistros und bestellte sich ein Englisches Frühstück. Und wie so oft fragte er sich, ob die Engländer den Tag einst wirklich so reichhaltig begonnen hatten, wenngleich ihre Speisen nicht synthetisch hergestellt worden waren.

Die Bestellung ließ nicht lange auf sich warten, und während Gamil schließlich aß, krönte Darrel seine Schwärmerei mit den Worten: „Was könnte ich nicht alles für den Senator tun, wenn ich die Maschinerie hätte!“

„Wenn der wüsste!“, sagte Zenn mit seiner tiefen Gedankenstimme. „Ich glaube, der hat immer noch nicht begriffen, was es bedeutet, ein Symbiont zu sein. Wäre er einer, würde er uns damit in den Ohren liegen, wie toll es doch als Nicht-Symbiont gewesen ist.“

„Lass ihn“, erwiderte Gamil. „Wenn du ihn kritisieren willst, dann nicht hintenrum.“

„Überleg dir das noch mal“, sagte Zenn daraufhin zu Darrel. „Wenn du die Operation nämlich hinter dir hast, musst du auch die Prüfung ablegen.“

„Nicht unbedingt“, entgegnete Darrel. „Es gibt ja einige, die die Prüfung nicht geschafft haben oder nicht ablegen wollten, um nicht in die Fakultäten zu geraten.“

Ayako schüttelte den Kopf. „Planst du jetzt schon deine Extrawurst, obwohl die Operation noch gar nicht in Sicht ist?“

Darrel grinste.

„Warum lässt du es nicht einfach?“

„Sagst du.“

„Ja. Hier mit euch zu sitzen, würde ich nicht dagegen eintauschen. Wenn du jetzt in die Eishallen gehst und schläfst, kann es sein, dass du erst nach Jahrzehnten wieder aufwachst, vielleicht nie – je nachdem, wie es in deiner Familie aussieht.“

Darrel wich Ayakos Blick aus. Er war in seiner Familie nur einer unter vielen. „Vielleicht kann ich eine Vereinbarung machen. Dass ich bei nächster Gelegenheit wieder geweckt werde.“

„Auch das kann Jahrzehnte dauern“, erklärte Zenn. „Allein wenn einer von deinen Verwandten müde ist und eine Auszeit braucht, werden einige sich überlegen, ob es Zeit ist, ein Kind in die Welt zu setzen. Und das hat Vorrang vor irgendwelchen Verwandten, die aus dem Schlaf geweckt werden wollen.“

„Schlag es dir aus dem Kopf“, sagte Ayako. „Wir würden ungern auf deine Gesellschaft verzichten, Darl.“

Gamil bemerkte, dass die Blicke sich auf ihn richteten.

„Sag doch was!“ Ayakos Gedankenstimme war ein hauchfeines Flüstern in Gamils Kopf.

Er schluckte ein Stück Bacon hinunter, dann erklärte er: „Wenn du hundert Jahre daliegst, kannst du denen, die du gekannt hast, Auf Wiedersehen sagen. So oder so. Sie werden sich verändert haben. Sie haben einfach neue oder einfach tiefere Beziehungen aufgebaut. Mit großem Glück triffst du vielleicht Leute wieder, die sich auch eine Weile lang in den Schlaf begeben haben. Aber darauf wetten würde ich nicht.“

„Und wenn wir uns alle in den Schlaf legen würden?“, fragte Darrel.

„Zu unwahrscheinlich, dass man uns zur gleichen Zeit weckt“, sagte Zenn.

„Nicht, wenn wir länger schlafen, als wir müssten. Ich sehe das so: Wir legen uns in den Tiefenschlaf, und wenn einer von uns erwachen könnte, sagt eine Verfügung, wir sollen erst geweckt werden, wenn die anderen zum Aufwachen bereit sind.“

„Das ginge“, sagte Ayako.

„Aber du hast keine Ahnung, wie sich alles verändert“, fügte Gamil hinzu. „Wenn du die Stadt jetzt magst, und das tust du doch, dann geh nicht davon aus, dass du schläfst und alles, was anders sein wird, ist die Tatsache, dass du dann über eine Maschinerie in deinem Hinterkopf verfügst. Der Schlaf könnte deinen Blick auf die Wirklichkeit verändern. Am Ende bist du es, der jeden Morgen den Sonnenaufgang auf seiner Terrasse beobachtet und irgendwelches Geflüster hört.“

„Bloß das nicht“, sagte Darrel lachend und winkte ab.

„Wir müssen los.“ Zenn tippte Ayako auf die Schulter.

Sie nickte und schaute dann Gamil an. „Sollen wir uns heute Mittag in der Mensa treffen?“, fragte sie.

Gamil prüfte das Datum. Es war der 8. Januar 2756, und außer den Übungen, die der Dekan ihm auferlegt hatte und denen er sich am Nachmittag widmen wollte, stand heute nichts in seinem Kalender. „Ich bin dabei“, sagte er.

Auch Darrel wollte aufbrechen, um vor seinem Senator am Arbeitsplatz zu sein. „Wisst ihr, dass Sonntage früher Ruhetage waren?“, fragte er.

Die anderen nickten, denn Darrel erinnerte viel zu oft daran, welchen Status Sonntage früher gehabt hatten.

Ayako, Zenn und Darrel machten sich auf den Weg, und so blieb Gamil allein zurück und aß sein Frühstück. Dabei fragte er sich, warum Darrel mit dem Gedanken spielte, allem zu entfliehen, nur um durch eine Operation zum Symbionten gemacht zu werden. Für den Schlaf eine Maschinerie installiert zu bekommen, das barg zahlreiche Gefahren. Manche Menschen waren nicht dafür geschaffen, und wenn sie aufwachten, litten sie unter schweren Kopfschmerzen oder Verfolgungswahn. Er selbst fragte sich, ob das Flüstern, das er zeitweilig vernahm, nicht ein solches Problem darstellte.

Nachdem er seinen Kaffee getrunken hatte, sprach Gamil noch ein wenig mit Jeremy Kuhry. Der Besitzer des Gemini erzählte ihm, dass seine Tante Lucile neulich nach ihm gefragt hatte und offenbar nicht davon angetan war, dass er immer noch oft hier frühstückte. „Sie wirkte nicht glücklich, als ich ihr sagte, dass du einer unserer ältesten Kunden bist“, berichtete Jeremy. „Ich glaube, ihr war gar nicht klar, dass du schon damals bei der Eröffnung hier warst.“

„Ist das bei anderen Familien auch so?“, fragte Gamil.

„Nicht so schlimm wie bei euch. Kommt nicht oft vor, dass ein Tiefenschläfer gegen den Willen der Familienoberen aufgeweckt wird. Ich bewundere deine Schwester dafür.“

Gamil war überrascht, dass er sie erwähnte. „Ist sie auch hergekommen?“, fragte er.

„Ja“, antwortete er, und ein Lächeln zeigte sich auf seinem schmalen Gesicht. „Sie war eine große Hilfe, als ich hier anfing. Mein Großvater hat mich ins kalte Becken geworfen, weil er feststellen wollte, ob ich ein guter Nachfolger wäre. Deine Schwester kannte fast jeden hier. Ich habe bestimmt noch Fotos und Videos von ihr. Allein die Musik, die sie gemacht hat – einfach fantastisch! Ich such dir die Sachen gerne raus.“

„Danke“, sagte Gamil.

Beim Verlassen des Bistros drang ein Schwall von Signalen an Gamils Ohren. Sofort lauschte er auf das Flüstern, das er vorhin vernommen hatte. Es war da, und es klang beinahe wie eine Gedankenstimme, aber so erschienen ihm viele Maschinensignale. Er versuchte, dem Flüstern näher zu kommen, doch dann verschwand es für eine Weile, als ginge es von einer Person aus, die sich verstecken musste, um dann – wenn die Luft rein war – wieder zu ihm zu sprechen.

Was war das? Er dachte an die Möglichkeiten, die Zenn und Ayako genannt hatten, und er überlegte, ob er den Nachmittag wirklich mit Übungen verbringen konnte, wenn hier bereits am Morgen die größte Übung dieses Tages auf ihn wartete. Die Leute gingen hier draußen ihrer Wege. Niemand von ihnen schien das wahrzunehmen, was er als ein Wispern hörte – und für die Gedankenmuster eines Symbionten hielt.

James A. Sullivan

Über James A. Sullivan

Biografie

James A. Sullivan wurde 1974 in West Point (Highlands, New York) geboren und wuchs in Deutschland auf. Er studierte Anglistik, Germanistik und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität Köln. Gemeinsam mit Bernhard Hennen schrieb er einen der erfolgreichsten Fantasyromane aller Zeiten, »Die...

Pressestimmen
agm-magazin.de

„›Die Stadt der Symbionten‹ ist eine hochspannende Sci-Fi-Geschichte, mit ungewöhnlicher Kulisse und bestens gezeichneten Figuren.“

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