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Die letzte BreznDie letzte Brezn

Die letzte Brezn

Ein Krimi aus dem Bayerischen Wald

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Die letzte Brezn — Inhalt

Skandal in Grafenau! Auf einer Parkbank an der Seepromenade entdecken nächtliche Spaziergänger eine männliche Leiche. Schnell spricht es sich herum: Bei dem Toten handelt es sich um einen eigenbrötlerischen Glasbläser, der im Ort wenig Freunde hatte. Hauptkommissarin Franziska Hausmann, unterwegs in ganz anderer Mission, wundert sich. Denn mit dem Tod des Glasbläsers geht eine Welle der Erleichterung durch die Kleinstadt im Bayerischen Wald.

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 10.11.2014
352 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30570-9
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 10.11.2014
352 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96751-8

Leseprobe zu »Die letzte Brezn«

Bis zu diesem Mittwochmorgen hatte Clemens Ortmair geglaubt, ihn werde es nicht treffen. Ihn nicht und auch nicht seine Frau. Solche wie er machten es immer allen recht und hatten weder finstere Geheimnisse noch irgendwelche verbotenen Räume, in die niemand hineinsehen durfte.

In seiner Familie war zu allen Zeiten über alles gesprochen worden. Auch wenn manche Dinge vielleicht besser nicht an die Öffentlichkeit gekommen wären, beispielsweise das unglaubliche Verhalten seines Großvaters, der auf dem Sterbebett weder mit seiner vierzig Jahre jüngeren [...]

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Bis zu diesem Mittwochmorgen hatte Clemens Ortmair geglaubt, ihn werde es nicht treffen. Ihn nicht und auch nicht seine Frau. Solche wie er machten es immer allen recht und hatten weder finstere Geheimnisse noch irgendwelche verbotenen Räume, in die niemand hineinsehen durfte.

In seiner Familie war zu allen Zeiten über alles gesprochen worden. Auch wenn manche Dinge vielleicht besser nicht an die Öffentlichkeit gekommen wären, beispielsweise das unglaubliche Verhalten seines Großvaters, der auf dem Sterbebett weder mit seiner vierzig Jahre jüngeren zweiten Ehefrau noch dem eiligst herbeigerufenen Pfarrer sprechen wollte, sondern stattdessen seinem Enkel Clemens angeschafft hatte, den prächtigsten Hahn aus dem Hühnerstall zu holen.

»  Und dass du mir fei bloß koa Henna ned bringst  «, hatte er ihm noch hinterhergerufen, doch Clemens kannte den Lieblingshahn seines Opas genau und wusste zudem, wie sich ein Hahn von einem Huhn unterschied. Wenig später hatte der Vierundneunzigjährige das Federkleid seines besten Freundes gestreichelt und gemurmelt: » Mach’s guat, Oida, und lass nix obrenna. «

Bevor sich der Alte in die Ewigkeit verabschiedete, gab er noch einen zufriedenen, ja fast glücklichen Seufzer von sich, drückte die Hand seines Lieblingsenkels und ergötzte sich daran, wie der Gockel mit seinen staubigen Krallen über das weiße Bettzeug stolzierte und selbstbewusst die Schwanzfedern spreizte.

Derweil hatte Clemens’ Stiefoma, die jünger war als sein Vater, vor der Tür auf den letzten Atemzug ihres Mannes ­gelauert und ihr Schicksal als Ganzes, besonders aber ihr vertanes Leben an der Seite dieses Deppen beklagt. Die Onkel und Tanten und auch Clemens’ Eltern im Nebenraum schwiegen und starrten auf ihre gefalteten Hände. Wie im Wartezimmer des Todes, dachte Clemens später, wobei allein der Großvater eine Audienz beim Sensenmann erhalten hatte.

Tatsächlich hatte der Tod nicht mehr lange auf sich warten lassen, ebenso wenig wie das Donnerwetter, das wenig später über den damals elfjährigen Clemens hereingebrochen war. » Du machst auch an jeden Blödsinn mit, den der Alte dir ­anschafft, du Depp, du damischer. Bring sofort den Gockel in den Stall z’ruck «, wurde er von seiner Stiefoma und den Eltern gerügt, während die restliche Verwandtschaft flüsternd und ­raschelnd in das Sterbezimmer einbrach und nach der Hand des Verstorbenen griff. Als müsse sie sich vergewissern, dass der Alte auch tatsächlich von ihnen gegangen sei.

Hoch und heilig hatte Clemens allen schwören müssen, niemandem diese wirklich peinliche Geschichte mit dem Hahn zu erzählen, aber am nächsten Tag wusste es dennoch fast jeder in Grafenau. Gerade wenn man etwas verbergen wollte, kam das garantiert als Erstes ans Licht.

Als der mittlerweile dreiunddreißigjährige Clemens Ortmair an jenem Vormittag diesen rätselhaften Gegenstand vor seiner Tür fand, ahnte er, dass auch er künftig zu jener Liga ­gehören würde, die etwas zu verbergen hatte. An diesem Novem­bermorgen begann er, alles infrage zu stellen. Selbst die Neuigkeiten des Grafenauer Anzeigers, der hochkant im Briefkasten steckte, hatten ihre fraglose Verbindlichkeit verloren.

Denn was sollte dieser gläserne hellgrüne Minisarg auf seiner Türschwelle bedeuten  ? Und warum gerade bei ihm ? Einen ersten spontanen Impuls, das Ding mit einem Fußtritt wegzukicken, konnte er gerade noch unterdrücken. Das hätte Scherben gegeben und ein Geräusch, bei dem selbst jene Nachbarn, die bisher noch nichts von dieser fatalen Morgengabe wussten, aufhorchen würden.

» Du wirst des Zeichen a no kriagn «, hatte ihm jemand vor noch gar nicht so langer Zeit zugeraunt. Es war so schnell ­gegangen, dass er den weissagenden Flüsterer im Dunkeln nicht erkannt hatte. Auf seinem Heimweg hatte er kopfschüttelnd über diese alberne Drohung gelächelt. Was für ein Zeichen denn ? Er doch nicht  ! Jetzt aber, da Clemens Ortmair das Ding da vor sich sah, ahnte er, was gemeint gewesen sein könnte.

Grauer Nebel hing an diesem kalten Morgen über Grafenau. Seit Tagen war die Sonne nicht mehr richtig herausgekommen, und dennoch ging von diesem etwa sechzig Zentimeter langen Objekt ein derart kaltes Leuchten aus, dass es ihn mitten ins Herz traf. Als wäre es ein für ihn bereitgestellter Sarg.

Mit zitternden Händen faltete er die Zeitung auseinander und wickelte den Glaskasten darin ein.

» Wo bleibst du denn ? «, rief seine Frau aus der Küche.

» Bin schon da! «, rief er und versuchte, besonders fröhlich zu klingen, während er dem Kaffeeduft folgte.

Doch Ute ließ sich nicht täuschen. » Ist was ? «

» Nein, nein. « Clemens schüttelte besonders heftig den Kopf. » Was soll schon sein ? «

» Wo ist die Zeitung ? «

» Richtig, die ist noch draußen. Hab ich vergessen, warte, ich hol sie. « Er verließ die Küche, wickelte die gläserne Bedrohung wieder aus dem Grafenauer Anzeiger und verbarg sie unter der ersten Stufe der dunkelgrauen Granittreppe, die als geschwungenes S vom Erdgeschoss in den ersten Stock führte.

» Du hast doch was ? « Ute Ortmair zog die Stirn kraus. » Schlechte Nachrichten in der Zeitung ? Macht deine Firma etwa pleite ? «

» Nein, natürlich nicht. « Er wärmte sich beide Hände an der Kaffeetasse und beobachtete, wie seine Frau im Stehen die ­Tageszeitung durchblätterte.

» Da ist doch was ! « Sie klang gleichzeitig besorgt und gereizt.

Demonstrativ blickte er aus dem Fenster. Sollte er ihr sagen, dass zwar nichts Schlimmes in der Zeitung stand, dafür aber das Vorzeichen ihres gemeinsamen Unterganges darin eingewickelt gewesen war ? Was für ein theatralischer Gedanke. Und lächerlich obendrein. Er würde Ute nicht damit belasten. Und hatte das Ganze überhaupt mit ihnen zu tun ? Es könnte doch auch ein Irrtum sein. Dieser Verrückte, von dem seit einigen Wochen in Grafenau gemunkelt wurde, konnte sich vertan und ein ganz anderes Haus gemeint haben.

» Nun sag schon, da ist doch was ! « Ute schob ihm den Korb mit den Semmeln zu.

» Nein, da ist nichts. « Seine Stimme klang lauter als beabsichtigt. » Ich habe einen schweren Tag vor mir. Da wird man sich ja wohl innerlich drauf vorbereiten dürfen. «

» Ist ja schon gut. « Sie nickte gekränkt. » Man wird sich ja wohl noch Sorgen machen dürfen ! «

Das einzig Schwierige an diesem Tag, dachte Clemens Ortmair auf dem Weg in die Arbeit, würde die » Recherche « sein. Er musste herausfinden, auf wessen Schwelle noch ein solches Ding gelegen hatte, und sich mit demjenigen in Verbindung setzen.

Ortmair versuchte, sich an die vielen Gesprächsschnipsel zu erinnern, die er auf dem Flurfunk seiner Spedition aufgeschnappt hatte. Hätte er nur besser zugehört, anstatt sich mit vornehmer Demut auf Zahlen und Formeln zu konzentrieren. Gerade als das Acht-Uhr-Läuten der Kirchturmuhr erklang, dämmerte ihm ein Name: Florian Simbacher. War nicht vor gar nicht so langer Zeit gemunkelt worden, dass auch der eine unerwünschte Morgengabe bekommen und gleich beiseite geschafft habe ? Vielleicht auch einen gläsernen Sarg ?

Doch wie sollte er am besten vorgehen ? Spräche er den ­Florian direkt darauf an, so würde der garantiert alles ableugnen, so redegewandt, wie der war. Andererseits wäre es auch unklug, sich gleich selbst als Sargempfänger zu outen, überlegte Clemens Ortmair mit gerunzelter Stirn. Warum hatte er das Ding eigentlich seiner Frau verschwiegen, und warum hatte er sie heute Morgen nicht wie sonst umarmt ? Ihm schien es, als hätte das Objekt schon jetzt den ersten Giftpfeil auf ihr gemeinsames Glück gerichtet.

Seufzend öffnete er die Tür zum Verwaltungstrakt der Spedition und schlurfte mit hochgezogenen Schultern durch den langen Flur in sein Büro. Während der Computer hochfuhr, goss er die Usambaraveilchen auf der Fensterbank und ­entfernte, wie fast jeden Morgen, die vertrockneten Blütenblätter.

Die Kaffeemaschine in der fensterlosen Teeküche war schon zu vier Fünfteln durchgelaufen. Er war also nicht der Erste. Clemens angelte sich seinen persönlichen eidottergelben ­Becher aus dem Regal, nahm aus dem Kühlschrank die Milchtüte mit seinen Initialen und beschloss, das Problem gleich anzugehen. Es brachte ja nichts, die Geschichte immer weiter vor sich herzuschieben. Und wie er den Simbacher Flori kannte, so stand der ganz bestimmt schon in seinem Laden und räumte für die Wintersaison um. Bis zum ersten Schnee war es ja nun wirklich nicht mehr lange hin.

Resolut verschloss er seine Bürotür von innen, griff zum ­Telefon und rief bei Florian an.

» Simbacher, Sport und Chic auf einen Klick, was kann ich für Sie tun ? «

Es hatte keinen Sinn, lange drumrum zu reden, und so fiel Clemens mit der Tür ins Haus. » Du, bei mir hat heute Morgen so ein komisches Ding vor der Tür gestanden. Und da hab ich mir gedacht, dass du mir sicher helfen kannst. «

Der modebewusste Sportsmann am anderen Ende der Leitung schluckte, seufzte bedeutungsvoll und schwieg.

» Also, ich … also ich hab mir gedacht, ich melde dir das einfach mal «, stotterte Clemens. Dieses gerade mal sechzig Zenti­meter lange Glasding machte ihm Angst, und er wusste, dass es auch den anderen Angst gemacht haben musste.

Selbst dem Simbacher Florian, der sich nun laut und vernehmlich räusperte, bevor er sagte: » Aha, dann sind es also fünf. Hatte ich’s doch befürchtet. Mehr werden es wohl auch nicht. Wenn ich ganz ehrlich bin: Eigentlich hast gerade du uns noch gefehlt. Weißt du was, ich und du und die drei anderen, wir treffen uns heut auf d’Nacht im Gasthaus Zur Brezn. Siebzehn Uhr. Da gibt’s ein Hinterstüberl. Und dort finden wir dann eine Lösung. «

» Wir ? «, fragte Clemens. » Wen meinst du damit ? «

» Alle fünf Betroffenen. Wir müssen uns wehren. Wer weiß, was der Wahnsinnige vorhat. «

» Wen meinst jetzt damit ? «

Florian Simbacher gab keine Antwort, sondern stellte besserwisserisch klar: » Wenn wir uns beeilen und sachlich bleiben, haben wir in einer Stunde alles besprochen. Dann fällt es nicht einmal auf, dass wir ein bisserl später heimkommen. «

Was für ein Depp, dachte Clemens Ortmair nach dem Tele­fonat. Er hatte den fast zwanzig Jahre älteren Simbacher ­Florian noch nie leiden können. Auf den wartete doch eh keine daheim. Stattdessen schleppte der Flori ein Weibsbild nach dem anderen ab – dieser sexbesessene Lügner.

Schon früher, als sie fast Nachbarn gewesen waren, hatte sich der Flori immer in alles eingemischt und sich um alles gekümmert. Vor allem um Dinge, die ihn nichts angingen, und bevorzugt dann, wenn Weiberleut im Spiel waren. Noch heute war Clemens davon überzeugt, dass der Simbacher damals die Geschichte mit Clemens’ sterbendem Großvater und dem prächtigen Hahn in die Stadt getragen hatte, damit alle über die Ortmairs und über die junge Witwe Rosina lachten. Dabei war der Opa ein wirklich lieber Mensch gewesen. Der hätte bestimmt gewusst, was bei einem solchen Fund vor der Tür zu tun wäre, und hätte es nicht nötig gehabt, ausgerechnet einen Florian Simbacher um Rat zu fragen.

Clemens schloss seine Zimmertür wieder auf und ließ sie halboffen stehen. Verschlossene Türen galten in diesem Büro­trakt als verdächtig. Wer über den künstlich erleuchteten Flur ging, sollte in jedes Zimmer hineinsehen und auf Anhieb erkennen können, wie intensiv und konzentriert die anderen ­arbeiteten. Als würde ausgerechnet das die eigene Leistung steigern.

Anfangs hatte es Clemens verdammt viel Kraft gekostet, nicht jedes Mal aufzublicken, wenn draußen einer vorbeimarschierte. Seine Kolleginnen und Kollegen pflegten die offenbar wichtigsten Dinge zwischen Tür und Angel zu verhandeln. Auf dem Gang bildeten sich Koalitionen zum gemeinsamen Mittagessen oder zum Stadtbummel. Geburtstage wurden dort begossen, Lebenskrisen ausgebreitet und in allen Einzelheiten durchgenommen, jedoch so gut wie nie geklärt. Dieser Flur hatte trotz seines künstlichen Lichtes etwas vom prallen und bunten Leben, während sich in den einzelnen Büroräumen grau und fordernd die Arbeit häufte. Clemens Ortmair erschienen daher die offenen Zimmertüren wie Fenster zum Eigentlichen, und da immer nur Bruchteile des Seins an diesen Fensterchen vorbeischwirrten, vermittelte ihm das Stimmengewirr dort draußen die Illusion eines Hörspiels.

Auf diese Weise musste er vor einigen Tagen mitbekommen haben, dass auf den Granitstufen vom Sportladen Simbacher ein unheimliches Ding gelegen hatte. Was genau es gewesen war, wusste natürlich mal wieder niemand. Voller Schadenfreude hatte Clemens gelauscht und gedacht: Geschieht ihm ganz recht. Der soll ruhig mal ein bisschen Schiss kriegen, dieser selbstgerechte Schönling. Doch schon wenige Tage später war er vom Schicksal für diesen Gedanken bestraft worden, dachte Clemens nun.

Summend tänzelte die Sekretärin des Abteilungsleiters an seiner Tür vorbei und hob grüßend eine Hand. Wo die nur ­immer ihre gute Laune hernahm ! Das Leben war ungerecht. Mit wilder Entschlossenheit griff Clemens nach der Posteingangsmappe, um den heutigen Stapel an Anfragen, Aufträgen und Rechnungen abzuarbeiten.

Fünf Leute aus Grafenau hatten also so ein Ding gekriegt. Ausgerechnet fünf.

Auf dem Computerbildschirm entfaltete sich eine fette Fünf nach der anderen. Unheilschwanger sahen die aus, und ­Clemens Ortmair ahnte, dass ihm wohl nichts anderes übrigblieb, als um siebzehn Uhr das Hinterzimmer der Wirtsstube Zur Brezn zu betreten und sich den anderen vieren zu stellen. Da wusste er noch nicht, dass er genau diesen Entschluss sein Leben lang bereuen sollte.

Ute Ortmair hatte an diesem Vormittag frei. Ganz gegen ihre Gewohnheit rauchte sie direkt nach dem Frühstück eine Zigarette. Irgendwas war mit Clemens los. Ob das was mit ihr zu tun hatte ? Okay, sie hatte mal wieder geflirtet. Aber war es ihre Schuld, wenn sie eine so tolle Ausstrahlung hatte ? Nicht ohne Stolz betrachtete sie ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe und lächelte sich an. Die Zigarette stand ihr nicht, und sie drückte sie aus. Würde sie sich selbst begegnen, wäre sie auch fasziniert von sich, dachte sie und sonnte sich in dem Bewusstsein, an jedem Finger zehn Verehrer zu haben. Entschieden hatte sie sich allerdings für Clemens, denn der war solide und zuverlässig. Sie fand nur, er sollte nicht immer so eifersüchtig sein. Schlechte Laune machte Falten, und er hatte ihr mit seiner Miesepetrigkeit bereits das heutige Frühstück verdorben.

Dabei war es so wichtig, sich mit den Männern des Ortes gut zu stellen, dachte Ute und gab sich ihrem Lieblingstraum hin, in dem ein kleiner, aber feiner Kosmetiksalon am Grafenauer Stadtplatz die Hauptrolle spielte. Sie selbst trug in dieser Vision einen maßgeschneiderten schneeweißen Kittel, der ihre schmale Taille sowie eine nicht zu übersehende Oberweite ­betonte, und stöckelte so elegant über flauschige Teppichböden, dass sich der eine oder andere Herr am Schaufenster die Nase plattdrückte. Währenddessen dösten im Nebenraum mehrere Damen bei sanfter Musik auf weichen Wasserbetten einem Erwachen in faltenloser Schönheit entgegen.

Alle Frauen, die in Grafenau etwas auf sich hielten, würden zu ihr kommen, und die Ehemänner würden sich bei der Auswahl von Geschenkgutscheinen, Parfüms und edlen Hautcremes von ihr beraten lassen. Da war es doch klar, dass sie schon jetzt zu allen freundlich sein musste. Denn alle Frauen und Männer in dieser Stadt waren potenzielle zukünftige Kunden.

Seit Kurzem machte ihr ausgerechnet der Simbacher ­Florian den Hof. Der war mindestens zwanzig Jahre älter als ihr Mann und kam ständig in den Drogeriemarkt, in dem sie momentan noch arbeitete, um sich von ihr beim Kauf von Shampoo, Haarwasser, Rasiercreme und Zahnpasta beraten zu lassen. Doch mit einem über Fünfzigjährigen würde sie sich nicht einlassen. Mit dem würde sie nicht einmal einen Kaffee trinken gehen. Schon allein, um kein Gerede hervorzurufen.

Dabei war der ziemlich hartnäckig, dieser Florian. Sogar ­einen Skianzug aus seiner neuesten Kollektion hatte er ihr versprochen, wenn sie sich nur einmal mit ihm träfe. Trotzdem ! Sie beschloss, sich den stylishen Skianzug lieber von Clemens zu Weihnachten zu wünschen.

Halbherzig fegte sie mit einem Besen durch Esszimmer, ­Küche und Flur und stieß unter der ersten Treppenstufe gegen etwas, das dort nicht hingehörte. Es klirrte. Ute Ortmair ging in die Knie. Dachte ihr Clemens etwa, dass sie niemals unter der Treppe putzte ? Hoffentlich war nichts kaputtgegangen.

In dem mit Klebeband verschlossenen Pappkarton schepperte es. Sie biss sich auf die Unterlippe. Wollte Clemens ihr etwa auch in diesem Jahr wieder Sektgläser zu Weihnachten schenken ? Wie phantasielos !

Katharina Gerwens

Über Katharina Gerwens

Biografie

Katharina Gerwens wuchs in einem Dorf im Münsterland auf. Nach ihrer Ausbildung zur Journalistin arbeitete sie in verschiedenen Verlagen und ist heute als freie Autorin tätig. Sie lebt mit Mann und Katze in Niederbayern. Gemeinsam mit Herbert Schröger verfasste sie eine Reihe von...

Pressestimmen

Ostsee Zeitung

»Katharina Gerwens ist (...) bekannt dafür, dass sie auf ihre kauzig-merkwürdigen Figuren mit viel Einfühlungsvermögen das Licht des Alltags wirft.«

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