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Die Kunst zu verlierenDie Kunst zu verlieren

Die Kunst zu verlieren

Roman

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Die Kunst zu verlieren — Inhalt

"Unmöglich, von diesem Roman nicht mitten ins Herz getroffen zu sein" Le Figaro

Wie lässt man aus dem Schweigen eine verlorene Geschichte neu erstehen? --- Naïma hat es lange nichts bedeutet, dass ihre Familie aus Algerien stammt. Wie soll ihre Verbindung zu einer Familiengeschichte, die sie nicht kennt, denn auch aussehen? War ihr Großvater wirklich ein „Harki“, ein Verräter? Vielleicht könnte die Großmutter es ihr erzählen, aber nur in einer Sprache, die Naima nicht versteht. Und ihr Vater, der 1962 nach Frankreich kam, in eines jener damals hastig errichteten Auffanglager, wo man die Algerienflüchtlinge versteckte, redet nicht über das Land seiner Kindheit...Um mehr zu erfahren, tritt Naïma eine weite Reise an … Dieser Roman ist so lebendig wie ein Fresko. Was heißt es, aus einer Familie zu stammen, die über Generationen Gefangene einer „schlimmen Geschichte" bleibt? Ein Plädoyer für die Freiheit man selbst zu sein, jenseits allen Erbes, aller sozialer oder familiärer Bindungen. --- "Unmöglich, von diesem Roman nicht mitten ins Herz getroffen zu sein" Le Figaro

€ 25,00 [D], € 25,70 [A]
Erschienen am 01.02.2019
Übersetzt von: Hainer Kober
560 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-8270-1373-6
€ 19,99 [D], € 19,99 [A]
Erschienen am 01.02.2019
Übersetzt von: Hainer Kober
560 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7958-9
»Ein brillanter Roman über die Vergessenen des Algerienkrieges«
Basler Zeitung
»Alice Zeniter … geht den Perspektivwechsel im großen Stil an. Sie verwandelt algerische Komparsen in Hauptfiguren und macht aus Franzosen Statisten. … Das ist ein fälliger Paradigmenwechsel von aktueller Relevanz, durch den eine noch unerzählte Geschichte erzählbar wird.«
Die Zeit Literaturmagazin
Sehr atmosphärisch
Missy Magazin
»Zeniter wagt sich (…) an ein schmerzhaftes Kapitel der franko-algerischen Geschichte (…) (und) erzählt diese Geschichte über drei Generationen. Sie fragt: Was bedeutet Heimat, was Identität, was Zugehörigkeit? Wo endet die Realität eines Landes, und wo beginnt, besonders in der Ferne, seine Fiktion?«
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
»Eine meisterhaft konzipierte und brillant geschriebene Groß-Erzählung, die die Spannungen zwischen den beiden Seiten des Mittelmeers in einen zeitgeschichtlichen Familienroman verdichtet.«
Deutschlandfunk Kultur „Buchkritik“
»Alice Zeniter, selbst Nachfahrin von Harkis (…) erzählt eine Geschichte, die nicht erzählt wurde.«
Spiegel Online
»Ein Roman voller Wahrheiten.«
Badische Zeitung

Leseprobe zu »Die Kunst zu verlieren«

Prolog

Seit einigen Jahren probiert Naïma eine neue Form der Verzweiflung aus: die Form, die sich konsequent mit einem Kater einstellt. Es handelt sich nicht einfach um Kopfschmerzen, einen pelzigen Mund oder einen verdorbenen Magen. Wenn sie die Augen nach einem der allzu feuchtfröhlichen Abende aufschlägt (sie musste unbedingt größere Abstände dazwischen einlegen, denn eine wöchentliche oder gar halbwöchentliche Katerstimmung konnte sie nicht ertragen), ist der erste Satz, der ihr in den Sinn kommt:

Ich werde es nicht schaffen.

Eine Zeit lang fragte [...]

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Prolog

Seit einigen Jahren probiert Naïma eine neue Form der Verzweiflung aus: die Form, die sich konsequent mit einem Kater einstellt. Es handelt sich nicht einfach um Kopfschmerzen, einen pelzigen Mund oder einen verdorbenen Magen. Wenn sie die Augen nach einem der allzu feuchtfröhlichen Abende aufschlägt (sie musste unbedingt größere Abstände dazwischen einlegen, denn eine wöchentliche oder gar halbwöchentliche Katerstimmung konnte sie nicht ertragen), ist der erste Satz, der ihr in den Sinn kommt:

Ich werde es nicht schaffen.

Eine Zeit lang fragte sie sie sich, was mit diesem unvermeidlichen Scheitern gemeint sei. Es könnte bedeuten, dass sie die Scham nicht ertrug, die ihr das Verhalten vom Vorabend einflößte (du sprichst zu laut, du erfindest Geschichten, du buhlst um Aufmerksamkeit, du bist ordinär), oder dass sie bedauerte, so viel getrunken zu haben und kein Ende finden zu können (du selbst warst es, die rief: »He Leute, so gehen wir doch nicht auseinander!«). Der Satz mochte auch dem körperlichen Unwohlsein gelten, das sie räderte … Und dann begriff sie.

An den verkaterten Tagen kann sie die unendliche Schwierigkeit mit Händen greifen, die daraus erwächst, zu leben, und die sich normalerweise durch Willenskraft verbergen lässt.

Ich werde es nicht schaffen.

Generell. Morgens aufzustehen. Drei Mal am Tag zu essen. Zu lieben. Nicht mehr zu lieben. Mir die Haare zu bürsten. Zu denken. Mich zu bewegen. Zu atmen. Zu lachen.

 

Manchmal kann sie es nicht verbergen, und das Geständnis rutscht ihr raus, wenn sie die Galerie betritt.

– Wie fühlst du dich?

– Ich werde es nicht schaffen.

 

Kamel und Élise lachen oder zucken mit den Schultern. Sie haben nicht die geringste Ahnung. Naïma betrachtet sie, wie sie im Ausstellungsraum umhergehen, in ihren Bewegungen von den Exzessen des Vorabends kaum beeinträchtigt und unbehelligt von der Erkenntnis, die Naïma Qualen bereitet: Der Alltag ist eine höchst anspruchsvolle Disziplin, und sie hat sich gerade disqualifiziert.

 

Da sie nichts schafft, darf an den verkaterten Tagen auch nichts sein. Nichts Gutes, das nur verdürbe, und nichts Schlechtes, das auf keinen Widerstand träfe und alles im Innersten zerstörte.

Das Einzige, was die verkaterten Tage dulden, das sind Nudeln mit ein wenig Butter und Salz: beruhigende Mengen und ein neutraler Geschmack, fast nicht existent. Und Fernsehserien. Oft war in den letzten Jahren von den Kritikern zu hören, dass wir einen außergewöhnlichen Wandel erlebten. Dass die Fernsehserien in den Rang von Kunstwerken aufgestiegen seien. Dass das eine Sensation sei.

Vielleicht. Aber das ändert nichts an Naïmas Auffassung, dass sich die wahre Existenzberechtigung der Fernsehserien aus den verkaterten Sonntagen ergibt, die es irgendwie zu füllen gilt, ohne vor die Tür zu gehen.

Der folgende Tag ist jedes Mal ein Wunder. Wenn der Lebensmut zurückkehrt, der Eindruck, man könne etwas bewerkstelligen, dann ist das wie eine Wiedergeburt. Wahrscheinlich ist die Existenz dieser folgenden Tage der Grund, warum sie erneut trinkt.

Es gibt die auf die Besäufnisse folgenden Tage – den Abgrund.

Und die auf die folgenden Tage folgenden Tage – die Freude.

Der Wechsel zwischen beiden schafft einen fortwährend bekämpften Mangel an Stabilität, der Naïmas Leben prägt.

 

An diesem Morgen erwartet sie den folgenden Morgen wie gewöhnlich und so, wie die Ziege von Monsieur Seguin die Sonne erwartet.

 

Von Zeit zu Zeit sah die Ziege des Monsieur Seguin die Sterne am klaren Himmel tanzen und sprach zu sich: »Ach! Könnte ich es doch bis zur Morgenröte aushalten!«

Und dann, während ihre erloschenen Augen sich im Schwarz des Kaffees verlieren, in dem sich die Deckenleuchte spiegelt, erscheint verstohlen ein zweiter Gedanke neben dem ersten, dem parasitären und heftigen (»ich werde es nicht schaffen«). Ein Riss, der in gewisser Weise quer zum ersten verläuft.

Zunächst gleitet der Gedanke so rasch vorbei, dass es Naïma nicht gelingt, ihn zu identifizieren. Doch dann kann sie die Wörter deutlicher unterscheiden:

»… glaubt ihr, machen eure Töchter in den großen Städten …«

Woher kommt dieser Satzfetzen, der wieder und wieder in ihrem Kopf auftaucht?

Sie fährt zur Arbeit. Im Lauf des Tages lagern sich weitere Wörter an das ursprüngliche Bruchstück an.

»tragen Hosen«

»trinken Alkohol«

»führen sich auf wie Huren«

»glaubt ihr denn, dass sie machen, wenn sie sagen, sie studieren?«

Und dann sucht Naïma verzweifelt nach ihrer Verbindung zu dieser Szene (war sie zugegen, als diese Rede gehalten wurde? Hat sie sie im Fernsehen gehört?). Alles, was sie an die Oberfläche ihres widerspenstigen Gedächtnisses fördern kann, ist das wütende Gesicht ihres Vaters Hamid, die Stirn gerunzelt und die Lippen zusammengepresst, um nicht zu schreien.

»Eure Töchter tragen Hosen.«

»führen sich auf wie Huren«

»Sie haben vergessen, woher sie kommen.«

Hamids Gesicht, zu einer Maske der Wut geronnen, überlagert die Fotografien eines schwedischen Künstlers, die rundum in der Galerie hängen, und jedes Mal, wenn Naïma den Kopf wendet, schwebt es in halber Höhe der weißen Wand auf dem entspiegelten Glas, das die Fotos schützt.

– Das hat Mohamed auf der Hochzeit von Fatiha gesagt, erklärt ihr ihre Schwester abends am Telefon. Erinnerst du dich nicht?

– Und hat er uns gemeint?

– Dich nicht, nein. Du warst noch zu klein, du musst noch zur Schule gegangen sein. Er hat von mir und den Cousinen gesprochen. Am komischsten …

Myriem begann zu lachen, und ihr Glucksen mischte sich mit dem seltsamen Rauschen des Ferngesprächs.

– Was?

– Am komischsten war, dass er vollkommen besoffen war, als er uns Mädchen einen feierlichen Vortrag über islamische Moral halten wollte. Erinnerst du dich wirklich gar nicht mehr?

Als Naïma geduldig und hartnäckig an ihrem Gedächtnis kratzt, fördert sie kleine Bildausschnitte zutage: Fatihas Kleid aus glänzend weiß-rotem Synthetik, das große Zelt für den Empfang im Garten des Festsaals, das Porträt von Präsident Mitterrand im Rathaus (er ist zu alt dafür, hatte sie gedacht), der Text von Michel Delpechs Chanson über Loir-et-Cher, das purpurrote Gesicht ihrer Mutter (Clarisse’ Erröten begann immer an der Stirn, ein Quell steter Heiterkeit für ihre Kinder), das peinvoll zusammengezogene ihres Vaters und dann die Ansprache Mohameds, schwankend inmitten der Gäste, am hellen Nachmittag, in einem beigefarbenen Anzug, der ihn alt machte.

 

Was, glaubt ihr, machen eure Töchter in den großen Städten? Sie sagen, sie gehen studieren. Aber schaut sie euch an: Sie tragen Hosen, sie rauchen, sie trinken, sie führen sich auf wie Huren. Sie haben vergessen, woher sie kommen.

 

Es ist Jahre her, dass sie Mohamed auf einem Familienessen gesehen hat. Nie hatte sie zwischen der Abwesenheit ihres Onkels und dieser in ihrem Gedächtnis wiederaufgetauchten Szene eine Verbindung hergestellt. Sie hatte einfach gedacht, er sei endlich erwachsen geworden. Lange hatte er bei seinen Eltern gelebt und einen Eindruck verspäteter Jugendlichkeit vermittelt mit seinen Baseballkappen, den neonfarbenen Jogginganzügen und der mürrischen Arbeitslosigkeit. Der Tod Alis, seines Vaters, hatte ihm einen willkommenen Grund geliefert, noch länger zu bleiben. Seine Mutter und seine Schwestern riefen ihn mit der ersten, unendlich in die Länge gezogenen Silbe seines Vornamens, in der Wohnung von einem Zimmer ins nächste oder durch das Küchenfenster, wenn er auf den Bänken des Spielplatzes herumhing:

– Mooooooooo!

 

Naïma erinnert sich, dass er, als sie klein war, ab und zu ein Wochenende bei ihnen verbrachte.

– Er hat Liebeskummer, erklärte Clarisse ihren Töchtern mit dem fast medizinischen Mitgefühl einer Frau, die auf eine so lange und friedliche Liebesgeschichte zurückblickte, dass selbst die Erinnerung an allen Liebeskummer verblasst schien.

In seinem bunten Aufzug und den Chucks erschien er Naïma und ihren Schwestern immer ein wenig lächerlich, wie er in dem großen Garten ihrer Eltern umherging oder in der Gartenlaube ein Gläschen mit seinem älteren Bruder trank. Wenn sie heute daran zurückdenkt – unfähig zu entscheiden, was sie jetzt gerade erfindet, um Erinnerungslücken zu stopfen, und was sie damals erfunden hat, um sich zu rächen, weil man sie von den Gesprächen der Erwachsenen ausschloss –, so hatte er eine Menge anderer Gründe als seine Liebesgeschichten, um unglücklich zu sein. Sie meint, ihn von seiner gescheiterten Jugend sprechen zu hören, dem Bier im Treppenhaus und den kleinen Shit-Deals. Sie meint, ihn sagen zu hören, dass er niemals das Gymnasium hätte abbrechen dürfen, aber vielleicht kam das auch von Hamid oder Clarisse, die sich rückblickend ein Urteil erlaubten. Seinem Bruder gegenüber erklärte er auch, in den Achtzigerjahren sei das Viertel nicht mehr mit dem zu vergleichen, das der noch gekannt habe; man könne ihm nicht vorwerfen, dass er nicht mehr auf einen Ausweg gehofft habe. Sie glaubt, sie habe ihn unter den dunklen Blüten der Klematis weinen sehen, während Hamid und Clarisse tröstliche Worte murmelten, aber sie ist sich nicht sicher, in keinem Punkt. Jahrelang hat sie nicht an Mohamed gedacht (häufig kommt es vor, dass sie stumm ihre Onkel und Tanten aufzählt, nur um sich zu vergewissern, dass sie niemanden vergisst, und gelegentlich vergisst sie doch jemanden, dann ist sie tief betrübt). Soweit sie sich erinnert, war er immer traurig. Wann ist er zu dem Schluss gekommen, sein Kummer habe die Umrisse einer fehlenden Heimat und einer verlorenen Religion?

Die Worte ihres neonfarbenen Onkels kreisen in ihrem Kopf wie die kleine schmerzliche Melodie eines unmittelbar unter ihren Fenstern aufgebauten Karussells.

 

Hat sie vergessen, woher sie kommt?

Wenn Mohamed das sagt, spricht er von Algerien. Er nimmt es den Schwestern von Naïma und deren Cousinen übel, dass sie ein Land vergaßen, das sie nie kennengelernt haben. Er übrigens auch nicht, denn er wurde im Viertel Pont-Féron geboren. Was gibt es da zu vergessen?

Wenn ich Naïmas Geschichte aufschriebe, begänne sie natürlich nicht in Algerien. Naïma wurde in der Normandie geboren. Davon wäre zu berichten. Von Hamids und Clarisse’ vier Töchtern, die im Garten spielten. Den Straßen von Alençon. Den Ferien auf dem Cotentin.

Naïma zufolge war Algerien jedoch immer da, irgendwo. Als eine Summe von Teilelementen: ihr Vorname, ihre braune Haut, ihr schwarzes Haar, die Sonntage bei Yema. Ein Algerien, das sie niemals vergessen konnte, weil sie es in sich und auf ihrem Gesicht trug. Hätte ihr jemand gesagt, dass die Dinge, von denen sie spreche, keineswegs Algerien seien, sondern nur die Merkmale einer nordafrikanischen Einwanderung nach Frankreich, deren zweite Generation sie repräsentiere, (als hörte man niemals auf einzuwandern, als wäre sie selbst noch unterwegs), dass Algerien jedoch ein reales Land sei, tatsächlich vorhanden, dann hätte Naïma vielleicht einen Augenblick innegehalten, um daraufhin einzuräumen, gewiss, das sei richtig, aber das andere Algerien, das Land, habe für sie erst viel später zu existieren begonnen, in dem Jahr, als sie neunundzwanzig wurde.

Deshalb musste die Reise sein. Deshalb musste sie von der Brücke der Fähre sehen, wie Algerien auftauchte, damit das Land dem Schweigen entrissen wurde, das es besser verborgen hatte als der dichteste Nebel.

Es ist langwierig, ein Land dem Schweigen zu entreißen, vor allem, wenn es sich um Algerien handelt. Seine Fläche beträgt 2 381 741 Quadratkilometer, was es zum zehntgrößten Land der Erde macht, dem ersten auf dem afrikanischen Kontinent und der arabischen Welt. Achtzig Prozent dieser Fläche werden von der Sahara eingenommen. Das hat Naïma aus Wikipedia, nicht aus Familienerzählungen und nicht aus Erfahrung – sie hat die Weiten nicht selbst durchmessen. Wenn man gezwungen ist, sich die Informationen über das Land, aus dem man angeblich stammt, bei Wikipedia zusammenzusuchen, dann gibt es vermutlich ein Problem. Vielleicht hat Mohamed recht. Also, es beginnt nicht mit Algerien.

Oder eigentlich doch, aber es beginnt nicht mit Naïma.

TEIL 1

Papas Algerien

Daraus resultierte eine totale Umwälzung, die die alte Ordnung nur zerrieben, erschöpft und anachronistisch überleben konnte.

Abdelmalek Sayad, »La double absence«

Papas Algerien ist tot.

Charles de Gaulle

 

Der Schlag mit dem Fächer, den der Dey von Algier in einer zornigen Anwandlung dem französischen Konsul versetzte – falls es sich nicht um einen Fliegenwedel gehandelt hat, es gibt unterschiedliche Versionen –, diente der französischen Armee als Vorwand, Anfang Sommer 1830 bei drückender, ständig zunehmender Hitze mit der Eroberung Algeriens zu beginnen. Wenn wir an den Fliegenwedel glauben, müssen wir bei der Vergegenwärtigung dieser Szene zur bleiernen Sonne das Brummen der blauschwarzen, die Gesichter der Soldaten umkreisenden Insekten hinzunehmen. Neigen wir eher dem Fächer zu, so ist zuzugeben, dass das orientalisch anmutende, grausame und effeminierte Gesicht des Deys, das vor unserem geistigen Auge auftaucht, wohl nur eine dürftige Rechtfertigung für ein so gewaltiges militärisches Unternehmen lieferte – so dürftig wie der Schlag, der, ganz gleich mit welchem Objekt, gegen den Kopf des Konsuls geführt wurde. Ich muss gestehen, dass unter den vielen Vorwänden, die für eine Kriegserklärung herhalten können, diesem hier eine gewisse Poesie innewohnt, die mir zusagt – vor allem in der Fächer-Version.

Die Eroberung vollzieht sich in mehreren Etappen, weil Schlachten gegen mehrere Algerien geschlagen werden müssen, zunächst einmal gegen dasjenige des Regenten von Algier, dann gegen das des Emirs Abd el-Kader, das der Kabylei und schließlich, ein halbes Jahrhundert später, das der Sahara, der Südterritorien, wie man sie im Mutterland nennt, ein Name, der zugleich geheimnisvoll und banal klingt. Aus diesen einzelnen Algerien machen die Franzosen französische Departements. Sie annektieren sie. Sie gliedern sie an. Sie haben schon begriffen, was eine nationale Geschichte ist, eine offizielle Geschichte, nämlich ein gewaltiger Wanst, in den man riesige Territorialteile stopfen kann, solange sie sich ein Geburtsdatum verpassen lassen. Wenn die Neuankömmlinge in dem großen Wanst herumzappeln, kümmert das die französische Geschichte nicht mehr als den Menschen, der hört, wie es in seinem Bauch rumort. Sie weiß, dass der Verdauungsprozess seine Zeit braucht. Die französische Geschichte marschiert immer an der Seite der französischen Armee. Sie gehören zusammen. Dabei ist die Geschichte Don Quichotte mit seinen Großmannsträumen; die Armee ist Sancho Panza, der neben ihm herläuft und die Drecksarbeit für ihn erledigt.

Im Sommer 1830 besteht Algerien aus Clans. Es hat mehrere Geschichten. Doch wenn Geschichte im Plural steht, beginnt sie mit der Erzählung und der Sage zu liebäugeln. Der Widerstand des Abd el-Kader und seiner Sippschaft, ein wanderndes Dorf, das über der Wüste zu schweben scheint, ein Widerstand von Säbeln, Burnussen, Pferden, der, vom Mutterland aus betrachtet, geradewegs aus Tausendundeine Nacht zu stammen scheint. Hübsch, diese Exotik, murmeln einige Pariserinnen unwillkürlich, während sie ihre Zeitungen zusammenlegen. Und in diesem »hübsch« kommt natürlich zum Ausdruck, dass man es nicht ernst zu nehmen braucht. Die pluralistische Geschichte Algeriens hat nicht das Gewicht der offiziellen Geschichte, der Geschichte, die vereint. So verschlingen die Bücher der Franzosen Algerien und seine Erzählungen und verwandeln sie in ein paar Seiten ihrer Geschichte, eine scheinbar exakte Bewegung zwischen auswendig gelernten Orientierungsdaten, in denen der Fortschritt plötzlich Gestalt annimmt und sich strahlend kristallisiert. Die Hundertjahrfeier der Kolonisierung ist ein Fest der Vereinnahmung, bei dem die Araber bloße Statisten sind, dekorativ wie die Kolonnaden eines vergangenen Zeitalters, wie römische Ruinen oder eine Plantage mit alten, exotischen Bäumen.

Doch schon lassen sich hier und da am Mittelmeer Stimmen vernehmen, die behaupten, Algerien sei mehr als nur das Kapitel in einem Buch, das zu schreiben ihm verwehrt werde. Noch scheint niemand sie zu hören. Andere akzeptieren freudig die offiziellen Versionen und wetteifern im Lobgesang auf das zivilisatorische Werk, das sich hier vollzieht. Wieder andere schweigen, weil sie die Vorstellung haben, die Geschichte entfalte sich in einem Paralleluniversum, einer Welt der Könige und Krieger, einer Welt, in der es keinen Platz für sie gäbe, in der sie nichts zu suchen hätten.

Ali selbst glaubt, die Geschichte sei bereits geschrieben und sei in ihrem Fortschreiten lediglich Entfaltung und Offenbarung. Alle seine Handlungen seien keine Möglichkeiten der Veränderung, sondern nur der Enthüllung. Mektoub, Schicksal, es steht geschrieben. Er weiß nicht recht, wo, vielleicht in den Wolken, vielleicht in den Handlinien oder mit winzigen Buchstaben im Körperinneren, vielleicht im Augapfel Gottes. Er glaubt an mektoub, weil es ihm gefällt, weil es bequem ist, nicht alles entscheiden zu müssen. Außerdem glaubt er an mektoub, weil er, noch keine dreißig, unversehens vom Reichtum überrascht wurde und weil er sich bei dem Gedanken, es stehe geschrieben, seines Reichtums wegen nicht so schuldig fühlt.

Das ist vielleicht Alis Pech (wird sich Naïma später sagen, als sie versucht, sich das Leben ihres Großvaters vorzustellen): zu erleben, dass das Glück sich wendet, ohne etwas dafür getan zu haben, seine Hoffnungen erfüllt zu sehen, ohne einen Finger zu rühren. Der Zauber hat sich in seinem Leben eingenistet, und es ist schwierig, sich von ihm frei zu machen – und den Verhaltensweisen, die er mit sich bringt. Das Glück bricht die Steine, sagt man manchmal da oben, in den Bergen. Das hat es für Ali getan.

In den Dreißigerjahren ist er ein armer Jugendlicher aus der Kabylei. Wie vielen Burschen im Dorf widerstrebt es ihm, sich kaputtzuschuften auf den Parzellen der Familie, die winzig sind und trocken wie Sand, oder sich auf den Ländereien eines Kolonisten oder eines reicheren Bauern zu verdingen oder als Hilfsarbeiter in eine Stadt zu gehen, nach Palestro zum Beispiel. Im Bergwerk Bou-Medran hat er es versucht: Die wollten ihn nicht. Offenbar hatte der vieux francaoui – der alte Franzose –, mit dem er gesprochen hat, seinen Vater in der Mokrani-Revolte von 1871 verloren und wollte deshalb keine Eingeborenen um sich haben.

Da er keine feste Stellung hat, macht Ali von allem etwas, er ist eine Art Wanderbauer, ein fliegender Bauer, und das Geld, das er heimbringt, reicht zusammen mit dem, was sein Vater verdient, aus, um die Familie zu ernähren. Es gelingt Ali sogar, genügend zusammenzusparen, um heiraten zu können. Mit neunzehn ehelicht er eine seiner Cousinen, ein zartes junges Mädchen mit einem melancholischen Gesicht. Aus dieser Verbindung gehen zwei Mädchen hervor – sehr schade, kommentiert die Familie bekümmert am Bett der Wöchnerin, die bald darauf vor Scham stirbt. In dem Haus, in dem keine Mutter mehr ist, sagt ein kabylisches Sprichwort, herrscht Nacht, selbst wenn die Lampe brennt. Der junge Ali erträgt die Nacht, wie er die Armut erträgt – indem er sich sagt, dass es geschrieben steht und dass für Gott, der alles sieht, diese Existenz einen höheren Sinn besitzt als all die kleinen Kümmernisse, die sie ihm fortlaufend beschert.

Anfang der Vierzigerjahre zerbricht das prekäre wirtschaftliche Gleichgewicht des Haushalts: Alis Vater kommt bei einem Sturz in den Felsen ums Leben, als er versucht, ein entlaufenes Schaf einzufangen. Daraufhin tritt Ali in die französische Armee ein, die aus der Asche aufersteht und sich an den Schlachten der Alliierten zur Rückeroberung Europas beteiligt. Er ist zweiundzwanzig Jahre alt. Seiner Mutter überlässt er es, sich um seine Brüder und Schwestern sowie seine beiden kleinen Mädchen zu kümmern.

Bei seiner Rückkehr (die Auslassung in meiner Erzählung ist die gleiche, die Ali vornimmt und die Hamid und später Naïma ertragen müssen, wenn sie nach seinen Erinnerungen fragen werden: Diese beiden Jahre werden immer nur mit den beiden Wörtern »der Krieg« überbrückt), bei seiner Rückkehr also findet er wieder das alte Elend vor, das von seiner Pension allerdings etwas gemildert wird.

Im folgenden Frühjahr nimmt er seine beiden kleinen Brüder Djamel und Hamza mit zum von der Schneeschmelze angeschwollenen Wadi, damit sie sich waschen. Die Strömung ist so stark, dass sie sich an die Felsen oder an die Grasbüschel am Ufer klammern müssen, um nicht fortgerissen zu werden. Djamel, der Magerste der drei, fürchtet sich. Die beiden anderen lachen ausgelassen und machen sich über seine Angst lustig; sie ziehen ein bisschen an seinen Beinen, und Djamel, der glaubt, es sei die Strömung, die an ihm zerrt, weint und betet. Und dann:

– Achtung!

Eine dunkle Masse stürzt auf sie herab. Zum Tosen des Wassers und Grollen der gegeneinanderschlagenden Steine gesellt sich das Knirschen des seltsamen Gefährts, das gegen die Felsen schlägt und stromabwärts taumelt. Djamel und Hamza springen aus dem Wasser, doch Ali rührt sich nicht von der Stelle und macht sich nur ganz klein hinter dem Felsen, an den er sich klammert. Das Geschoss kracht gegen seinen Schutzschild, verharrt einen Augenblick bewegungslos, setzt sich wieder in Bewegung, rollt auf die Seite und ist im Begriff, sich erneut von der Strömung forttragen zu lassen. Ali klettert über seinen Rettungswall und versucht, auf dem Kieselboden kauernd, das Objekt festzuhalten, das die Flut ihm zugetragen hat: ein Gerät von frappierender Einfachheit, eine riesige Schraube aus dunklem Holz, die sich in einem schweren Rahmen bewegt, den das Wasser des reißenden Sturzbachs noch nicht hat zertrümmern können.

– Helft mir!, brüllt Ali seine Brüder an.

Von dem, was folgt, wird man in der Familie nur noch im Stil eines Märchens berichten. In einfachen, schmucklosen Sätzen, die sich so leicht und glatt aneinanderreihen, dass sie das erzählende Imperfekt verlangen: Dann zogen sie die Presse aus dem Wasser, setzten sie wieder instand und stellten sie in ihrem Garten auf. Fortan spielte es kaum noch eine Rolle, dass ihr karger Boden unfruchtbar war, denn die anderen kamen mit den Oliven aus ihren Hainen zu ihnen, und sie gewannen das Öl daraus. Bald waren sie reich genug, um ihre eigenen Parzellen zu kaufen. Ali konnte sich wieder eine Frau nehmen und auch seine beiden Brüder verheiraten. Die alte Mutter schied einige Jahre später glücklich und friedlich aus dem Leben.

Ali ist nicht anmaßend genug, um zu glauben, er verdiene sein Schicksal oder er habe die Bedingungen seines Reichtums selbst geschaffen. Er meint immer, das Glück und der Sturzbach hätten ihm die Presse gebracht, dann das Land, den kleinen Verkaufsstand auf dem Gebirgskamm, das regionale Handelsgeschäft und vor allem das Auto und die Wohnung in der Stadt, die dann folgten – unübertreffliche Zeichen des Erfolgs. Infolgedessen denkt er auch, wenn das Unglück zuschlägt, niemand sei schuld.

Das ist, als käme der angeschwollene Strom bis auf den Hof und trüge die Presse wieder davon. Daher lächelt er, wenn er Männer (einige, nicht viele) in den Cafés von Palestro oder Algier sagen hört, dass die Chefs schuld an dem Elend seien, in dem die meisten ihrer Arbeiter und Handlanger lebten, und dass ein anderes Wirtschaftssystem möglich sei – ein System, in dem der, der arbeite, das gleiche oder fast das gleiche Recht auf die Gewinne habe, die er erwirtschafte, wie der, der das Land oder die Maschine besitze – und dann sagte er: »Wer sich gegen den Strom stemmt, muss verrückt sein.« Mektoub. Das Leben besteht aus schicksalhaften Ereignissen und keinen reversiblen historischen Akten.

Alis Zukunft (die zu dem Zeitpunkt, da ich diese Geschichte aufschreibe, für Naïma bereits eine ferne Vergangenheit ist) wird es nicht gelingen, seine Sicht auf die Dinge zu verändern. Er wird stets unfähig sein, der Erzählung seines Lebens die verschiedenen historischen, vielleicht auch politischen, soziologischen oder wirtschaftlichen Elemente einzugliedern, die daraus das Eingangstor zu einer viel umfassenderen Situation machten, der eines kolonisierten Landes oder auch – bescheidener – eines kolonisierten Bauern.

Daher kommt dieser Teil der Geschichte Naïma wie mir wie eine etwas altmodische Bilderserie vor (die Presse, der Esel, der Berggipfel, der Burnus, der Olivenhain, der Sturzbach, die weißen Häuser, die wie Zecken an den Stein- und Zedernhängen kleben), unterbrochen von Sprichwörtern, Sammelbildchen zum Thema Algerien, von einem alten Mann hier und da in seine seltenen Reden gestreut und von seinen Kindern unter Abänderung einiger Wörter wiederholt, bis sie, von der Fantasie seiner Enkelkinder erweitert, vergrößert und abgeändert, ein Land und eine Familiengeschichte bilden.

Das ist auch der Grund, warum die Fiktion so notwendig ist wie die Recherche, weil die beiden alles sind, was bleibt, um das Schweigen zu überbrücken, das in den Lücken zwischen den Bildchen von einer Generation an die andere weitergegeben wird.

 

Der Wachstum des Besitzes von Ali und seinen Brüdern wird dadurch erleichtert, dass die Familien, die sich mit ihnen die Anbauflächen auf dem Hügelkamm teilen, nichts mit den winzigen und auseinanderliegenden Parzellen anfangen können, die ihnen die Jahre der Enteignung und Beschlagnahmung gelassen haben. Das Land ist so zerstückelt und zerrissen, dass lediglich Not und Elend bleiben. In die Flächen, die einst allen gehörten oder die von einer Generation an die nächste weitergegeben wurden, ohne dass es dazu irgendwelcher Dokumente oder Worte bedurfte, hat die Kolonialbehörde Holz- und Eisenpflöcke mit bunten Köpfen getrieben, deren Standorte nach dem metrischen System und nicht nach den Erfordernissen des Existenzminimums bestimmt wurden. Die Parzellen sind schwer zu bestellen, aber es ist undenkbar, sie an Franzosen zu verkaufen: Ein Stück des Familienlands fortzugeben ist eine Schande, von der man sich nicht erholt. Die Zeiten sind so hart, dass die Bauern gezwungen sind, ihren Familienbegriff zu erweitern; zuerst auf weit entfernte Cousins, dann auf die Dorfbewohner, auf die vom Hügel oder sogar auf die vom gegenüberliegenden Hang. Kurzum, auf alle, die keine Franzosen sind. Viele Bauern sind nicht nur bereit, ihr Land an Ali zu verkaufen, sondern sie sind ihm auch dankbar dafür, dass er sie vor einem anderen, schändlicheren Verkauf bewahrt, der sie ein für alle Mal aus der Gemeinschaft ausgeschlossen hätte. Gesegnet seist du, mein Sohn. Ali kauft und ordnet neu. Er vereinigt. Er verlängert. Und Anfang der 1950er-Jahre ist er ein Kartograf, der über die Ländereien verfügen kann, die er zeichnet.

Zu beiden Seiten der geweißten alten Baracke aus Lehmstroh bauen er und seine Brüder zwei neue Häuser. Da wohnen mal die einen, mal die anderen, und die Kinder schlafen überall. Wenn sie sich am Abend im Hauptraum des alten Gebäudes versammeln, scheinen sie manchmal die neuen Erweiterungen rundum zu vergessen und legen sich an Ort und Stelle schlafen. Im Dorf grüßt man sie wie Würdenträger. Man erkennt sie schon von Weitem: Ali und seine beiden Brüder sind jetzt groß und dick, sogar Djamel, den man einst mit einer mickrigen Ziege verglichen hat. Sie sehen aus wie Riesen aus dem Gebirge. Vor allem Alis Gesicht ist fast vollkommen rund. Es ist ein Mond.

– Wenn du Geld hast, zeige es.

So sagt man hier, oben auf dem Berg und unten an seinem Fuß. Das ist ein seltsames Gebot, weil es verlangt, dass man ständig Geld ausgibt, um es so zur Schau zu stellen. Während man zeigt, dass man reich ist, wird es weniger. Weder Ali noch seine Brüder dachten daran, Geld auf die Seite zu legen, damit es »sich mehre« oder den künftigen Generationen nütze, noch nicht einmal, um sich gegen Schicksalsschläge zu sichern. Geld gibt man aus, sobald man es hat. Es wird zu glänzenden Hängebacken, runden Bäuchen, bunten Stoffen, zu Juwelen, deren Größe und Gewicht die europäischen Frauen faszinieren, weshalb sie sie in Vitrinen ausstellen, ohne sie jemals zu tragen. Das Geld an sich ist nichts. Es ist alles, sobald es sich in eine Anhäufung von Objekten verwandelt.

In Alis Familie wird eine jahrhundertealte Geschichte erzählt, die beweist, dass dieses Verhalten von Weisheit zeugt und dass die von den Franzosen gepredigte Sparsamkeit töricht ist. Man erzählte sie, als hätte sie sich gerade erst zugetragen, denn in Alis Haus und in denen, die es umgeben, glaubt man, das Land der Märchen und Sagen beginne, sobald man durch die Tür des Hauses getreten sei oder die Lampe ausblase. Es ist die Geschichte von Krim, dem armen Fellachen, der mitten in der Wüste starb, neben sich das Schafsfell voller Goldstücke, das er eben erst gefunden hatte. Geld kann man nicht essen. Man kann es nicht trinken. Man kann seine Haut damit nicht bedecken, um sich gegen Kälte und Sonne zu schützen. Was für ein Gut ist es? Was für ein Gebieter?

Nach einer alten kabylischen Tradition zählt man niemals Gottes Wohltaten. Man zählt die Männer nicht, die an einer Versammlung teilnehmen. Nicht die Eier in einem Gelege. Nicht die Getreidekörner, die im Tonkrug verwahrt werden. In einigen abgeschiedenen Gebirgsgegenden ist es gänzlich verboten, Zahlen auszusprechen. Als die Franzosen eines Tages kamen, um die Einwohner des Dorfs zu zählen, haben sie sich am Schweigen der alten Münder die Zähne ausgebissen. Wie viele Kinder hast du gehabt? Wie viele sind am Leben geblieben? Wie viele Personen schlafen in diesem Raum? Wie viele, wie viele, wie viele … Die roumis[1] verstehen nicht, dass Zählen bedeutet, die Zukunft zu begrenzen, Gott ins Antlitz zu spucken.

 

Der Reichtum von Ali und seinen Brüdern ist ein Segen, der sich über einen größeren Kreis von Verwandten und Freunden ergießt. Er erzwingt eine erweiterte, konzentrische Solidarität und versammelt den Teil des Dorfs um sie, der ihnen dankbar ist. Aber er macht nicht alle glücklich. Er hat die einstige Vorherrschaft einer anderen Familie beeinträchtigt, die der Amrouches, von denen es heißt, sie seien schon zu der Zeit reich gewesen, als es noch Löwen gab. Die Amrouches wohnen ein wenig tiefer auf dem Bergkamm, in dem Teil, den die Franzosen nicht ganz wahrheitsgemäß das »Zentrum« dieser Kette von sieben mechtas nennen, Weiler, die nacheinander auf dem Fels aufgereiht sind wie Perlen, die sich unregelmäßig auf einer zu langen Schnur verteilen.

Eigentlich gibt es kein Zentrum, keine Mitte, um die sich die Häusertrauben gebildet hätten, selbst der spärliche Weg, der sie verbindet, ist nur eine Illusion: Jede dieser mechtas bildet eine kleine Welt im Schutz ihrer Bäume und ihrer Mauern, aber die französische Verwaltung fasste diese winzigen Universen zu einem Amtsbezirk, einem douar zusammen, der nur in ihrer Vorstellung existiert. Anfangs haben die Amrouches über die Bemühungen von Ali, Djamel und Hamza nur gelacht. Sie haben vorausgesagt, die drei würden nichts zustande bringen: Aus einem armen Bauern werde nie ein tüchtiger Grundbesitzer, ihm fehle es einfach an dem nötigen Verstand. Das Glück oder Unglück sei jedem Einzelnen von Geburt an auf die Stirn geschrieben. Als Alis Geschäft dann von Erfolg gekrönt war, verzogen sie das Gesicht. Schließlich haben sie ihn akzeptiert – oder so getan – und geseufzt, dass Gott eben großzügig sei.

Auch ihretwegen gibt Ali sein Geld so demonstrativ aus. Ihre Erfolge reagieren aufeinander, ihre Geschäfte auch. Wenn der eine seine Lagerhalle vergrößert, stockt der andere seine um eine Etage auf. Wenn sich einer eine Ölpresse zulegt, schafft sich der andere eine Mühle an. Die Notwendigkeit und Wirksamkeit dieser neuen Maschinen und Stauräume mag zweifelhaft sein, aber das interessiert Ali und die Amrouches herzlich wenig: Ihre Anschaffungen sind nicht für das Land und den Boden bestimmt – das wissen sie sehr gut –, sondern für die Familie gegenüber. Welcher Reichtum bemisst sich nicht nach dem Neid des Nachbarn?

Die Rivalität der beiden Familien zieht einen Graben, der zwischen ihnen und zwischen den Dorfleuten verläuft: jedem seinen Clan. Allerdings kommt die Rivalität ohne Hass und Wut zustande. In der ersten Zeit ist es nur eine Frage des Prestiges, der Ehre. Der nif, der Stolz, ist fast alles.

 

Wenn Ali auf die verflossenen Jahre zurückblickt, hat er den Eindruck, dass der Himmel ihm ein Schicksal vorherbestimmt hat, wie es nur wenigen zuteilwird, und er lächelt, während er die Hände auf dem Bauch faltet. Ja, das alles ist wie ein Märchen.

Wie so häufig in den Märchen, wird das Glück in dem kleinen Königreich nur durch einen kleinen Mangel getrübt: Der König hat keinen Sohn. Alis Frau, die er in zweiter Ehe geheiratet hat, schenkt ihm, nachdem sie sein Bett schon länger als ein Jahr geteilt hat, noch immer keine Kinder. Die beiden Töchter aus seiner ersten Ehe wachsen heran und erinnern ihn jeden Tag mit ihren schrillen Stimmen daran, dass sie keine Jungen sind. Er erträgt die Neckereien seiner Brüder nicht mehr, die beide Vater geworden sind und es sich herausnehmen, seine Männlichkeit zum Gegenstand ihrer Scherze zu machen. Um ehrlich zu sein, er erträgt auch seine Frau nicht mehr – wenn er in sie eindringt, meint er, eine ungewöhnliche Trockenheit zu spüren, stellt er sich ihr Inneres wie einen verdorrten Garten vor, von der Sonne verbrannt. Schließlich verstößt er sie, weil das sein Recht ist. Sie fleht ihn an und weint. Ihre Eltern suchen Ali auf, und auch sie flehen ihn an und weinen. Die Mutter verspricht, dass sie ihrer Tochter wundertätige Pflanzen zu essen geben oder sie zum Gebet an das Grab eines marabout führen werde, den man ihr empfohlen habe. Sie berichtet von dieser Frau und von jener, deren Leiber nach Jahren der Leere am Ende doch noch mit einer Frucht gesegnet worden seien. Sie sagt, dass Ali es doch gar nicht wissen könne: Vielleicht schlummere schon längst ein Kind im Bauch ihrer Tochter, um später aufzuwachen, zur Erntezeit oder sogar im Jahr darauf, das habe es alles schon gegeben. Aber Ali lässt sich nicht erweichen. Er kann es nicht ertragen, dass Hamza schon vor ihm einen Sohn hat.

Die junge Frau kehrt zu ihren Eltern zurück. Da wird sie ihr Leben lang bleiben. Nach der Tradition müsste nun Ali und nicht mehr ihr Vater die Geldsumme festlegen, die ein Mann aufzubringen hätte, um sie zu heiraten. Aber Ali legt nichts fest. Er will kein Geld für sie. Er gäbe sie für ein Maß Gerstenmehl her. Doch die Gelegenheit ergibt sich nicht: Kein Mann will einen verdorrten Bauch heiraten.

 

Ihre schwarzen, besorgten Augen wandern unablässig zwischen den Gesichtern ihrer Eltern und denen dieses Mannes hin und her, den sie noch nie gesehen hat und der als Abgesandter ihres künftigen Ehemanns auftritt. Hinter den Zügen des Boten versucht sie, diejenigen des anderen zu erraten, dessen, dem ihr Vater sie geben wird (verkaufen wird, wird manchmal roh und grob gesagt, aber daran nimmt niemand Anstoß).

Zwischen ihrem Vater und dem Mann sind auf einem Teppich die Geschenke ihres künftigen Ehemanns aufgebaut – das Diorama des Frauenlebens, des Lebens als Ehefrau, das sie erwartet.

Für ihre Schönheit: Henna, Alaun, Gallapfel, der rosa Stein – el habala nennen sie ihn, weil er verrückt machen kann –, der zur Herstellung von Schönheitsmitteln und Liebestränken dient, Indigo, das man zum Färben, aber auch zum Tätowieren nimmt, Silberschmuck seines Wertes wegen und Kupferschmuck, der nur glänzen soll.

Für ihren Duft: Moschus, Jasminessenz, Rosenessenz, das Innere von Kirschkernen und Gewürznelken, die sie zerstoßen und mischen wird, um daraus eine Parfümpaste herzustellen, getrockneter Lavendel, Zibet.

Für ihre Gesundheit: Benzoe, die Rinde der Nussbaumwurzel, die man für Zahnfleischbehandlungen verwendet, Stephanskraut, das Läuse vertreibt, Süßholzwurzeln, Schwefel zur Behandlung der Krätze, Steinsalz und Quecksilberchlorid, das gegen Magengeschwüre hilft.

Für ihr Sexualleben: Kampfer, der Frauen angeblich vor Schwangerschaften schützt, Steckweide, die man als Aufguss gegen die Syphilis trinkt, die zu Pulver zermahlene Spanische Fliege – ein Aphrodisiakum, das über die Entzündung der Harnwege eine Erektion hervorruft.

Für die Gaumenfreuden: Kreuzkümmel, Ingwer, schwarzer Pfeffer, Muskat, Fenchel, Safran.

Für den Schutz vor Zauberei: gelber Ton, roter Ocker, Storax-Harz, das die bösen Dämonen vertreibt, Zedernholz und kleine Kräuterbündel, sorgsam mit einem Wollfaden zusammengebunden, die man unter Beschwörungen verbrennt.

Sie hätte sicherlich begeistert in die Hände geklatscht angesichts dieses entzückenden Sammelsuriums, dieses Miniaturmarkts, den man in ihrem Haus aufgebaut hat und der sich über den Teppich ergoss, sie hätte sich an den schweren Parfüms berauscht, wenn sie nicht zugleich so große Angst gehabt hätte. Sie ist vierzehn, und sie heiratet Ali, einen Fremden, der zwanzig Jahre älter ist als sie. Sie hat nicht protestiert, als sie ihr das sagten, aber sie würde doch gerne wissen, wie er aussieht. Ist sie ihm schon einmal begegnet, ohne es zu wissen, als sie Wasser holte? Sie findet es schwierig – fast unerträglich –, an diesen Mann zu denken, bevor sie einschläft, ohne ein Gesicht mit seinem Namen verbinden zu können.

Als sie, bewegungsunfähig in ihrer Staffage aus Stoffen und Juwelen, auf das Maultier gehoben wird, hat sie einen Augenblick das Gefühl, ohnmächtig zu werden. Fast wünscht sie es sich. Aber der Zug setzt sich zum Klang der Flöten, youyous und Tamburine in Bewegung. Sie begegnet dem Blick ihrer Mutter, einer Mischung aus Stolz und Besorgnis (nie hatten die Augen ihrer Mutter einen anderen Ausdruck, wenn sie ihre Kinder ansah). Da richtet sie sich, um die Mutter nicht zu enttäuschen, auf ihrem Reittier auf und entfernt sich vom Haus ihres Vaters, ohne ihre Angst zu zeigen.

Sie weiß nicht, ob ihr der Weg über das Gebirge zu lang oder zu kurz erscheint. Die Bauern und die Hirten, die die festliche Prozession an sich vorbeiziehen sehen, beteiligen sich einen Augenblick an den Freudenkundgebungen und kehren dann zu ihrer Arbeit zurück. Sie denkt – vielleicht –, dass sie gern wie sie wäre, ein Mann oder selbst ein Tier.

Als sie zu Alis Haus kommen, sieht sie ihn endlich: Er steht auf der Türschwelle zwischen seinen beiden Brüdern. Augenblicklich fühlt sie sich erleichtert: Sie findet ihn schön. Natürlich ist er beträchtlich älter als sie – und viel größer, zwei Aspekte, die sie unbewusst miteinander verbindet, als hörte man nie auf zu wachsen und als wäre sie in zwanzig Jahren auch fast zwei Meter groß –, aber er hält sich gerade, sein rundes Gesicht ist offen, seine Kieferknochen sind kräftig und seine Zähne nicht verfault. Die Männer beginnen den Freudensalut, indem sie eine erste Salve in die Luft feuern, um die Ankunft der neuen Ehefrau zu feiern – die meisten haben ihre Jagdgewehre trotz des französischen Verbots behalten. Benommen von dem beißenden und fröhlichen Pulvergeruch, lächelt sie bei dem Gedanken, dass sie es glücklich getroffen hat, und sie lächelt noch immer, als sie sich den khalkhal, den Reif aus massivem Silber, der ihre Verbindung symbolisiert, um den Knöchel legt.

Fortan lebt sie im Haus ihres Ehemanns.

Sie hat neue Brüder, neue Schwestern und, noch vor der Hochzeitsnacht, neue Kinder. Sie ist fast genauso alt wie eine ihrer Stieftöchter, die Alis erste Frau zur Welt gebracht hat. Trotzdem muss sie ihnen gegenüber als Mutter auftreten, sie muss sich Respekt verschaffen, Gehorsam verlangen. Fatima und Rachida, die Frauen der Brüder ihres Mannes, helfen ihr nicht. Von dem Augenblick an, da sie die Schwelle des Hauses überschritten hat, schikanieren sie sie, weil die junge Frau zu hübsch ist (jedenfalls wird sie das später in der kleinen Küche ihrer Sozialbauwohnung erzählen). Fatima hat schon drei Kinder und Rachida zwei. Ihre Körper sind von den Schwangerschaften gezeichnet, schwer und formlos. Den beiden Frauen passt es nicht, dass der des jungen Mädchens, wohlgeformt, rund und gebräunt, ihren eigenen Verfall betont. Sie wollen nicht mit ihr zusammen in der Küche sein. Zwar respektieren sie Ali, der das Familienoberhaupt ist, aber sie suchen immer nach einer Möglichkeit, seiner Frau ihre Ablehnung zu zeigen, ohne ihm gegenüber nicht ehrerbietig genug zu sein. Zögernd tasten sie sich vor auf diesem schmalen Grat, indem sie hier und da eine verletzende Bemerkung, eine kleine Dieberei, die Verweigerung eines Gefallens wagen.

 

Mit vierzehn Jahren war die Jungverheiratete noch ein Kind. Mit fünfzehn wird sie yema, die Mutter. Auch da schätzt sie sich glücklich: Ihr erstes Kind ist ein Sohn. Die Frauen, von denen sie bei der Geburt umgeben ist, stecken sofort die Köpfe aus der Tür, um es hinauszuschreien: Ali hat einen Sohn! Für seine angeheiratete Familie erwächst daraus die Verpflichtung, ihr größeren Respekt zu bezeugen. Sie hat Ali – gleich beim ersten Mal – einen männlichen Nachkommen geschenkt. Am Bett der Wöchnerin schlucken Rachida und Fatima ihre Enttäuschung herunter und wischen ihr als Zeichen ihres guten Willens den Schweiß von der Stirn, säubern das Kind und wickeln es in Windeln.

Nach stundenlangen Wehen und dann dieser Geburt, die ihren juvenilen Leib entzweizureißen schien, muss die junge Mutter an ihrem Bett alle Familienmitglieder empfangen, die kommen, um sie zu beglückwünschen und mit Geschenken zu überhäufen, ein bunter Reigen von Gesichtern und Opfergaben, die ihr angesichts ihrer Erschöpfung vor den Augen verschwimmen, bis sich plötzlich eine tabzimt herauskristallisiert, eine runde Spange, die mit roten Korallen und mit blauen und grünen Emailverzierungen geschmückt ist, ein traditionelles Geschenk für eine Frau, die einen Jungen zur Welt gebracht hat. Das Exemplar, das Yema erhalten hat, ist so schwer, dass sie es nicht tragen kann, ohne Kopfschmerzen zu bekommen, trotzdem heftet sie es sich voll Freude an die Stirn.

Der Junge, der in der Saison der Saubohnen geboren wurde (das heißt, im Frühjahr 1953, aber man wird ihm erst ein ernst zu nehmendes Geburtsdatum zuschreiben, als man Papiere für die Flucht braucht), heißt Hamid. Yema ist ihrem ersten Sohn mit leidenschaftlicher Liebe zugetan, und ein wenig von dieser Liebe fällt auch für Ali ab. Mehr braucht es nicht, damit ihre Ehe klappt.

Ich liebe ihn wegen der Kinder, die er mir geschenkt hat, wird sie später zu Naïma sagen.

Ali liebt sie aus dem gleichen Grund. Er hat den Eindruck, sich jede zärtliche Regung ihr gegenüber versagt zu haben, bevor der Junge zur Welt kam, doch nach Hamids Geburt war es, als höbe ihm ein Fluss das Herz empor, und er überschüttete seine Frau mit Kosenamen, dankbaren Blicken und Geschenken. Das genügte ihnen allen beiden.

 

Trotz allen Grolls, trotz allen Zanks, die Familie handelt wie eine geschlossene Gruppe, die kein anderes Ziel hat, als fortzubestehen. Sie strebt nicht nach Glück, kaum nach einem gemeinsamen Tempo, und doch gelingt es ihr. Die Jahreszeiten bestimmen ihren Rhythmus, die gesegneten Leiber der Frauen oder Tiere, die Ernten, die Dorffeste. Die Gruppe lebt in einer zyklischen Zeit, in einer endlosen Wiederholung, und ihre verschiedenen Mitglieder absolvieren gemeinsam die Schleifen der Zeit. Sie sind wie Kleidungsstücke in einer Waschmaschine – von der Trommel mitgeführt, bilden sie am Ende nur noch eine einzige textile Masse, die sich immerfort dreht und dreht.

Ali sitzt im Schatten auf einer der Bänke der tajmaat und beobachtet die Jungen des Dorfes, eine bunt gemischte Horde, in der sich die verschiedensten Altersgruppen, Körpergrößen und Haarfarben mischen, die kupferfarbenen Schöpfe der Amrouche-Kinder, die blonde Mähne des kleinen Belkadi und die pechschwarzen Locken der anderen, Omars zum Beispiel, Hamzas Sohns, den Ali nicht leiden kann, weil er die Unhöflichkeit besaß, vor Hamid geboren zu werden.

Sie bilden einen Kreis um Youcef Tadjer, den Ältesten unter ihnen, einen Jugendlichen, den nur die Armut noch in der Kindheit fixiert. Er hat nie die Verantwortung eines Mannes übernehmen können. Obwohl er durch seine Großmutter mit den Amrouches verwandt ist, weigern die sich, ihm dadurch zu helfen, dass sie ihm Arbeit geben, weil sein Vater ihnen Geld schuldig geblieben ist. Hier sagt man, die Schulden legen sich wie Wachhunde vor das Eingangstor und verwehren dem Reichtum den Zutritt. Obwohl Youcefs Vater schon seit Jahren tot ist, hat der Junge die Schande geerbt und muss sich mit seinen vierzehn Jahren alleine durchschlagen. Er ist Schwarzhändler in Palestro geworden. Halb amüsiert und halb verächtlich pflegt Ali zu sagen: »Man weiß nicht, was er verkauft, und man weiß nicht, was er verdient. Wahrscheinlich nichts, aber das nimmt all seine Zeit in Anspruch.« Youcef kommt immer gerade den Berg hinauf oder herunter, pendelt immer gerade zwischen Dorf und Stadt, erkundigt sich immer gerade nach einem Bus oder einer Karre, versichert immer, dass es dringend, dass es »für die Arbeit« sei, doch trotz aller Hektik hat Youcef nie einen Sou in der Tasche.

Würde ich stundenweise bezahlt, sagt er häufig, wäre ich Millionär.

Da die Männer sich über seine fruchtlosen Bemühungen lustig machen, zieht er die Gesellschaft der Kinder vor, die ihn anbeten. An diesem Tag bilden die Jungen, indem sie mit geneigten Köpfen das Innere des Kreises schützen, zugleich den Saal, in dem sich Youcef produziert, und das Publikum, das er in seinen Bann schlägt. Ali fragt sich, was sie wohl hinter ihren kleinen Körpern verbergen können. Vielleicht rauchen sie. Gelegentlich gibt Youcef ihnen Zigaretten. Eines Tages hat ihn Hamza mit einem Stock verprügelt, weil Omar beim Nach-Hause-Kommen nach Rauch roch. Ali tritt näher, um sich zu vergewissern. Augenblicklich lösen sich die Jungen voneinander, aber laufen nicht fort; sie mögen Ali und seine stets gefüllten Taschen. Sie gehen auseinander, weil die Gegenwart eines Erwachsenen die Existenz des Kreises aufhebt, der nur für die Jungen ein Kreis ist, zusammengehalten durch den Zauber der Kindheit und gesprengt, wenn Erwachsene sich nähern (manchmal macht sie Ali traurig, später wird sie Hamid gelegentlich traurig machen: diese Grenze, die man nur einmal und nur in eine Richtung überschreiten kann).

– Was schaut ihr euch da an?, fragt er.

Sein Neffe Omar zeigt ihm die kleine Fotografie, die von Hand zu Hand gewandert war. Darauf ist ein Mann mit langem Bart in einem europäischen Anzug zu sehen, der mit einem Burnus bedeckt ist. Er trägt einen Fes, der rot sein dürfte, aber auf dem Schwarz-Weiß-Foto noch dunkler aussieht als seine Augenbrauen. Omar hält das Bild in der hohlen Hand, als wäre es eine Reliquie oder ein verletzter Vogel. Lächelnd sieht Youcef ihm dabei zu. Seine Vorderzähne stehen zu weit auseinander, durch diese Lücke stößt er den Rauch seiner Zigarette aus. Als er zu Ali aufschaut, liegt in seinem Blick eine kaum verborgene Herausforderung.

– Du weißt, wer das ist?, fragt Omar.

Ali schüttelt den Kopf.

– Das ist Messali Hadj.

– Youcef sagt, dass er der Vater unserer Nation ist, verkündet einer der Jungen stolz.

– Ach ja? Und was sagt er dann noch, dein Youcef?

Der Jugendliche protestiert nicht gegen dieses indirekte Verhör. Er lässt die Kleinen antworten.

Er sagt, wenn er könnte, würde er nach Ägypten gehen, um sich zum Kämpfer ausbilden zu lassen, sich dem algerischen Aufstand anzuschließen, erklärt einer der Amrouches voller Bewunderung.

– Weißt du denn überhaupt, wo Ägypten liegt?, fragt Ali.

Im nächsten Augenblick schießen zehn Arme in die Höhe und zeigen alle in verschiedene Richtungen.

– Ihr kleinen Dummköpfe, sagt Ali liebevoll. Gibt den Kindern die Fotografie zurück und geht, ohne etwas zu sagen. Youcef ruft ihm hinterher:

– Onkel!

Das ist die ehrerbietige Anrede für ältere Mitglieder dieser Gesellschaft, in der die Familie die höchste Form der Beziehung darstellt und in der sich die senkrechte Hierarchie der Kolonisten (gekennzeichnet durch die wiederkehrende Verwendung von sidi, »Herr«) noch nicht durchgesetzt hat. Ali dreht sich um.

– Weißt du, die Unabhängigkeit ist nicht nur ein Kindertraum, erklärt Youcef begeistert. Sogar die Amerikaner haben gesagt, dass alle Völker frei sein sollen.

– Amerika ist weit weg, erwidert Ali, nachdem er ein bisschen nachgedacht hat. Schon wenn du nach Palestro willst, musst du mich um Geld bitten.

– Das stimmt, Onkel, das stimmt. Apropos … Du kannst mich morgen nicht zufällig mitnehmen?

Ali lächelt ihn an. Er kann nicht umhin, den Bengel zu mögen – vielleicht einfach deshalb, weil die Amrouches ihn nicht mögen. Vielleicht aber auch, weil ihm eine Art fröhlicher Tapferkeit eigen ist, die noch nicht einmal sein elendes Schicksal als Witwensohn hat besiegen können. Ali nimmt sich vor, ihm im Herbst, zur Erntezeit, vorzuschlagen, als Pflücker zu arbeiten oder sich um eine der Pressen zu kümmern. Er muss nur aufpassen, dass der Junge den Frauen nicht zu sehr auf die Pelle rückt. Oft erzürnt er mit seinem losen Mundwerk Ehemänner, Väter und Brüder. Wenn er bisher immer mit heiler Haut davongekommen ist, liegt es daran, dass die Leute Mitleid mit seiner Mutter haben. Wenn ihr Name ausgesprochen wird, gibt es immer jemanden, der hinzufügt: die Arme. Im Dorf ist es fast üblich geworden, sie so zu nennen: Fatima-die-Arme.

Am Abend, als sich die Familien von Ali, Hamza und Djamel zum Essen um den Couscous versammeln, fragt Omar die Männer, ob sie Messali Hadj lieben. (Er sagt »lieben«, nicht »unterstützen« oder »übereinstimmen«. Omar weiß noch nicht, was ein politischer Rädelsführer ist, er sieht in ihm nur die Vaterfigur.)

– Nein, sagt Ali kurz angebunden.

Dem Jungen krampft sich das Herz zusammen, weil die Antwort seines Onkels zwischen ihm und Youcef einen Graben aufreißt, der seine Stellung in der Jungengruppe beeinträchtigen könnte. Youcef ist der Älteste und Omar der Jüngste: Folglich wird Omar von Youcef geduldet. Wenn dieser seine Meinung änderte, müsste Omar zu Hause bei Hamid bleiben, der noch ein Baby ist, und versuchen, ihm Spiele beizubringen, die der Kleine immer verdirbt. Omar ist traurig, weil Youcef ihm vorhin die Fotografie gegeben hat und er sie in seinem Gürtel versteckt hat. Aber er weiß, dass er von nun an nicht mehr das Bild von Messali Hadj sehen kann, ohne an die Antwort seines Onkels zu denken, und dass das Foto jetzt immer mit diesem »Nein« behaftet sein wird, als hätte man es dem alten Mann mit den zornigen Prophetenaugen quer über das Gesicht geschrieben.

– Warum?, fragt er schüchtern.

– Weil Messali Hadj die Kabylen nicht liebt. (Auch Ali sagt »lieben«, nicht »die Bewegung unterstützen«, »den Regionalismus stärken«, »den Forderungen beipflichten«.) Für ihn bedeutet die Unabhängigkeit Algeriens, dass sie alle Araber werden.

Omar nickt, als habe er verstanden. Trotzdem sieht er in dieser weitgehend Arabisch sprechenden Familie (nur die Frauen sprechen ausschließlich Kabylisch) und in diesem Satz, den Ali übrigens auf Arabisch gesagt hat, keinerlei Grund, die Entrüstung seines Onkels so ohne Weiteres zu teilen. Verständnislos betrachtet er die Erwachsenen, die zustimmend nicken, sogar die Frauen, die stehend das Essen herumreichen. Der kleine Junge zählt die langsam verstreichenden Sekunden, bevor er sich zu fragen traut:

– Und … Was haben wir gegen die Araber?

Besser, sich gleich zu vergewissern. 

– Sie verstehen uns nicht, sagt Ali, bevor er sich seinem Bruder zuwendet, um mit ihm über die nächste Ernte zu reden.

Omar, der sie auch nicht versteht, schläft ein mit der Furcht im Herzen, das könnte bedeuten, dass er Araber ist.

 

»Sich nicht für den Kampf zu engagieren, ist ein Verbrechen.«

Erste Proklamation der Nationalen Befreiungsfront,
1. November 1954

 

Seit 1949 ist Ali Vizepräsident der Association des Anciens Combattants in Palestro. Das heißt nicht viel, und dort geschieht fast gar nichts. In erster Linie ist die Association ein Raum: ein Saal, den die französische Verwaltung den Veteranen zur Verfügung gestellt hat. Meist ist er leer. Manchmal finden sich dort einige Männer ein. Sie spielen Karten oder Domino und tauschen Neuigkeiten aus. Manchmal kommen sie mit ihren Orden und Medaillen. In diesem Raum haben sie einen Wert. Dort oben, auf dem Bergkamm, beeindrucken sie vielleicht die Kinder, die alles mögen, was glänzt, aber niemand weiß, was die Medaillen und die Bänder im Einzelnen bedeuten.

Für Ali ist es ein willkommener Grund, nicht gleich wieder auf den Berg zu steigen, wenn er seine Arbeit im Tal erledigt hat (Repräsentationsarbeit, vornehme Arbeit). Noch nie hat er seine Brüder oder Neffen mitgenommen, selbst seinen Sohn noch nicht. Die Association gehört ganz allein ihm und denen, die gekämpft haben. Da hat die Familie nichts zu suchen.

In der Stille dieses Raums, der ihnen allein gehört, trinken sie Anisette. Das ist eine Angewohnheit, die viele aus der Armee mitgebracht haben. Vor 1943 hatte Ali noch nie Alkohol getrunken. Damit hat er in Italien angefangen, während der Schlacht-von-der-er-nie-spricht (und das gefällt ihm hier: Er braucht nicht von ihr zu sprechen, damit sie existiert). Begonnen hat es als ein etwas absurder Protest: Wenn die Armee verlangte, dass die Soldaten aus Nordafrika das Schweinefleisch aßen, das in den von den Amerikanern gelieferten Rationen enthalten war, dann musste sie ihnen auch das Recht auf die Weinrationen einräumen, die ihnen bislang vorenthalten worden waren. Ali weiß noch, dass er den Rädelsführern folgte, die diese Forderung erhoben hatten, weil es Burschen waren, die er gut leiden konnte, und dass er, als sie mit ihren Forderungen durchgekommen waren, wie ein Idiot vor seinem vollen Glas gesessen hatte. Aber dann hatte er es leer getrunken und das Gesicht verzogen, während er dachte, dass es weniger um Alkohol als um Gleichheit ging. Später, als sie im Osten Frankreichs eintrafen und in den verlassenen Höfen Quartier nahmen, gab es die Flaschen, die die Bauern versteckt hatten, und vor allem gab es diese kriechende Kälte, die die Flaschen so notwendig machte. Ali trank weiter. Selbst seine Rückkehr in das Land der Sonne und des Islam konnte ihm den Geschmack am Alkohol nicht nehmen. Er weiß, dass Yema es nicht mag, deshalb trinkt er nur in der Association, einmal in der Woche, mit kleinen schuldbewussten und köstlichen Schlucken. Einige Männer, die es schlimmer erwischt hat als ihn, begnügen sich mit Brennspiritus, wenn kein Anisette mehr da ist. Warum denn auch nicht, sagen sie: Er ist billiger und macht genauso betrunken. Man muss Christ sein, um zu glauben, Alkohol sei ein raffiniertes Vergnügen.

Eine etymologische Erklärung des Wortes bougnoule[2] beruft sich auf den Ausdruck: bou gnôle, Papa Schnaps, eine verächtliche Bezeichnung für Alkoholiker. Eine andere sieht den Ursprung in dem Befehl abou gnôle (Bring den Schnaps), den die maghrebinischen Soldaten während des Ersten Weltkriegs verwendeten und der den Franzosen dann als Spitzname für die Maghrebiner diente. Wenn diese Etymologie stimmt, dann gebärden sich Ali und seine Kameraden in ihrem Verein tatsächlich wie fröhliche – wenn auch diskrete – bougnoules. Aber als bougnoules ahmen sie in Wirklichkeit die Franzosen nach.

 

In der Association gibt es zwei Generationen, die sich begegnen, aber nicht miteinander mischen: die des Ersten Weltkriegs und die des Zweiten. Die Alten von 14/18 haben einen Stellungskrieg erlebt und die jüngeren einen Bewegungskrieg. Sie sind so rasch vorgerückt, dass sie zwischen 1943 und 1945 ganz Europa durchquert haben: Frankreich, Italien, Deutschland. Überall sind sie gewesen. Ihre Vorgänger haben lange Monate in einem Schützengraben ausgeharrt, bevor sie sich in einem anderen eingerichtet haben. Nichts sieht sich so ähnlich wie zwei Schützengräben. Die Alten hätten von den Jungen gerne das Eingeständnis, dass ihr Krieg der schlimmere war (das heißt in Wirklichkeit, der bessere). Die Jungen interessieren sich nicht für die Geschichten vom Schlamm und von Flandern. Sie ziehen die Panzer und die Flugzeuge vor. Außerdem waren die Deutschen nicht wirklich die Deutschen, bevor sie Nazis wurden. Wilhelm II. ist nicht Hitler. Infolge von wechselseitigem Unverständnis und Konkurrenz ist zwischen den beiden Gruppen eine gewisse Distanz entstanden. Sie begegnen sich freundlich, aber reden wenig miteinander. Gelegentlich befinden sich ein Erster Weltkrieg und ein Zweiter Weltkrieg allein in der Association, dann herrscht einen Augenblick lang eine gewisse Befangenheit, nur ein wenig, aber unübersehbar, als hätte sich einer von ihnen in der Tür geirrt.

Der Präsident der Association ist Akli, ein Alter aus dem Ersten. Um beide Generationen gleichermaßen zu repräsentieren und zu ehren, hielt man es für selbstverständlich, dass der Vizepräsident ein Mann aus dem Zweiten sein müsse. In dieses Amt wurde Ali gewählt. Akli und Ali, das klang schön. Meistens sprechen sie sich mit »mein Sohn« und »mein Onkel« an, aber wenn sie sich in der Öffentlichkeit ein wenig aufspielen wollen, nennen sie sich »Präsident« und »Herr Vizepräsident« und lachen darüber. Die militärischen Dienstgrade respektieren sie wie die Narben auf dem Körper eines Soldaten. Aber diese zivilen Titel bedeuten ihnen nichts. Kleine Juwelen an einer hässlichen Frau, scherzt der alte Akli.

 

Die Association hat noch einen weiteren Vorteil für Ali – in dem kleinen Saal schwirren Informationen umher, die man im Dorf nie zu hören bekäme. Von ihm abgesehen, hat da oben niemand einen Radioapparat, und die meisten Bergbewohner sind, wie er, Analphabeten. Unten im Tal machen die Informationen die Runde. In der Association gibt es Männer, die lesen und schreiben können und Zeitungen mitbringen, um sie zu kommentieren. Ali erfährt hier Nachrichten aus dem ganzen Land, die ihm das Dorf nicht liefern kann.

In der Association hört er von den Angriffen des 1. Novembers 1954 und zum ersten Mal von der FLN. An diesem Tag können selbst die verschiedenen Nachrichtenkanäle der Mitglieder der Association keine zuverlässigen Informationen liefern. Man weiß nicht, woher diese Männer kommen und woher sie ihre Ausrüstung haben. Man weiß auch nicht genau, wo sie sich verstecken. Ihre Verbindungen zu den bekannten Führern des Nationalismus, Messali Hadj etwa oder Ferhat Abbas, sind nach Ansicht der Veteranen nicht sehr eng. Sie gehören einer dritten Gruppe an, aber was diese von den beiden anderen unterscheidet, ist niemandem so recht klar.

Wie dem auch sei, eines ist sicher: Es hat richtig geknallt. Die Männer, die am besten informiert sind, sprechen von Dutzenden Attentaten, mit Bomben und Maschinenpistolen, gegen Kasernen, Polizeistationen, einen Radiosender, gegen Pétroles Mory. Außerdem sollen die Höfe einiger Kolonisten sowie die Kork- und Tabaklager in Bordj Menaïel angesteckt worden sein.

– Sie haben auch den Feldhüter von Draâ El Mizan getötet.

– Der hat es verdient, sagt Mohand.

Niemand verteidigt den Feldhüter, sein Posten ist verpönt. Bevor die Franzosen versuchten, aus den Wäldern wie im Mutterland einen öffentlichen Besitz zu machen, waren sie für die Familien ein Holzvorrat, den sich alle teilten, und Weideland für die Tiere. Jetzt sind wildes Fällen und Weiden verboten, was konkret bedeutet, dass sie weiterhin praktiziert werden, aber mit Strafen belegt sind. Niemand freut sich, wenn die Feldhüter auftauchen, die die Wälder beaufsichtigen und mit Geldstrafen nur so um sich werfen, von denen man weiß, dass ein Teil in ihren Taschen bleibt. Tatsächlich versteht hier niemand, warum sich die Franzosen unbedingt zu den Herren von Pinien und Zedern aufschwingen mussten, wenn es nicht einem Übermaß von Hochmut entspringt, den hier alle lächerlich finden.

Kamel hat gehört – und diese Information lässt sie alle einen Augenblick innehalten, sie berührt sie alle an der gleichen Stelle, deren genaue Position ich nicht kenne, aber die sich vielleicht direkt neben der Leber befindet, einem Organ, das eine wichtige Rolle in der kabylischen Sprache spielt, mit anderen Worten, die Information trifft sie dort, wo ihre Ehre sitzt, die Ehre des Mannes, die Ehre des Kriegers, die sich sehr häufig überschneiden –, Kamel also hat gehört, dass die Angreifer eine junge Frau getötet haben, die Frau eines französischen Lehrers, der ebenfalls unter ihren Kugeln gefallen ist.

– Bist du dir da ganz sicher?, fragt Ali.

– Ich bin mir über gar nichts sicher, erwidert Kamel.

Wieder schweigen sie und streichen sich nachdenklich mit der Handfläche über die Bärte. Eine Frau zu töten, das ist schlimm. Nach dem Gesetz der Alten darf man Krieg nur führen, um sein Heim – das heißt, die Frau, die sich dort befindet, deren Reich und Heiligtum das Haus ist – gegen die Außenwelt zu schützen. Die Ehre eines Mannes bemisst sich nach seiner Fähigkeit, die anderen von seinem Haus und seiner Frau fernzuhalten. Mit anderen Worten, der Krieg dient einzig und allein dem Zweck, den Krieg daran zu hindern, die Schwelle des eigenen Heims zu überschreiten. Der Krieg findet zwischen den Starken statt, den Aktiven, den Subjekten: zwischen den Männern, einzig und allein den Männern. Wie oft haben sie über die Beleidigungen geklagt, die ihnen die Franzosen – manchmal auch unbeabsichtigt – zufügten, indem sie bei einem Kabylen eintraten, ohne eingeladen zu sein, mit seiner Frau sprachen, sie aufforderten, ihrem Mann etwas auszurichten, das Geschäfte, Politik oder militärische Angelegenheiten betraf – alles Dinge, die die Frau nur beschmutzen, sie symbolisch aus dem Haus in die Öffentlichkeit zerren konnten? Warum begeht die FLN jetzt die gleichen Kränkungen? Natürlich ist einzuräumen, dass in der Hitze des Gefechts Fehler passieren, aber sich öffentlich zu Attentaten zu bekennen, die das Leben von Schwachen und Wehrlosen gekostet haben, ist ein schlechtes Vorzeichen.

– Wenn das ihre Absicht war, möchte ich, dass sie mir das erklären, sagt der alte Akli. Wenn es ein blöder Fehler war, fürchte ich, dass sie Idioten sind.

Sie schütteln den Kopf. An diesem Tag sind sie sich mehr oder minder einig: Sie möchten die Sache ein wenig näher erklärt haben.

– Was glaubst du, wird jetzt passieren?, fragt Kamel.

Es wird passieren, was bereits geschrieben steht, denkt Ali, auch wenn das nichts Gutes verspricht. Hier ist sich niemand darüber im Unklaren, was geschehen wird, wenn Frankreich zornig wird. Die Kolonialbehörde hat dafür gesorgt, dass ihre strafende Macht den Leuten im Gedächtnis geblieben ist. Im Mai 1945, als sich die Demonstration von Sétif in ein Blutbad verwandelte, hat General Duval – sich seiner Wirkung auf die Bevölkerung sehr genau bewusst – der Regierung erklärt: Ich habe für zehn Jahre Frieden gesorgt. Zu dem Zeitpunkt, als die Region Constantinois im blutigen Chaos versank, marschierten einige Männer der Association zum feierlichen Klang der Blasmusik über die Champs-Élysées. Als Helden des Vaterlandes stolzierten sie auf der breiten Prachtstraße im Rhythmus der Musik. Die Frauen winkten mit Händen und Taschentüchern. In Sétif wurden die durchlöcherten Leichen am Straßenrand aufgereiht und von der französischen Armee gezählt, die sich bis heute weigert, die genaue Zahl bekannt zu geben. Sie haben es nicht vergessen. Sétif, das ist der Name eines schrecklichen Ungeheuers, das sie, in einen Mantel aus Pulvergestank mit blutverschmiertem Saum gehüllt, noch immer viel zu nahe umschleicht.

Offenbar gibt es von dem Massaker heute nur noch ein einziges Video (das Barbet Schroeder in seinem Dokumentarfilm über Jacques Vergès, Im Auftrag des Terrors, zeigt): fast abstrakte Bilder, schwarze und weiße Flecken in Bewegung, die sich überlagern und verschlingen; gelegentlich ahnt man menschliche Gesichter, weiße Rechtecke vor dem weißen Hintergrund der Plakate, die vor den makellos geweißten Wänden geschwenkt werden, ein Mann, der aufrecht steht, das Dreieck seines Burnus auf seiner Brust. Aber alles wird von dem Ton beherrscht, Stimmen, Schritte, skandierte Slogans und youyous, dann Schüsse – das Bild in völligem Schwarz, man sieht nichts mehr, nichts und niemanden, aber der Ton hört nicht auf, eine Maschinenpistole, die überhaupt nicht mehr verstummt, und sogar – aber was versteh ich schon davon? – in der Ferne das Donnern eines Mörsers.

 

Ali verlässt die Association und begibt sich zum Laden von Claude. Im Tal hat er französische Kunden, viele sind es nicht, aber immerhin ein paar. Das sind Männer, die in die Association gekommen sind, weil sie selbst Weltkriegsveteranen sind. Die meisten haben ihre eigenen sozialen Netze, sie verkehren nicht mit den Leuten, die sie Eingeborene, Muselmanen, Araber oder auch abfällig bicots nennen. Doch manche treten ein, weil sie jemanden suchen, einen Soldaten, der mit ihnen gekämpft hat, unter ihrem Kommando, oder einfach, weil sie sich ein bisschen unterhalten möchten. Zu denen gehört Claude: Er hat in der Armée d’Afrique gedient, in der Armee B, wie man sie nannte, als sie in der Provence landete. Gerne erzählt er, dass er erst bei der Operation Dragoon das Mutterland zum ersten Mal betreten habe. Das ist eine kleine Lüge, aber sie ermöglicht ihm, den wesentlichen Punkt zu betonen: Er betrachtet sich als Algerier.

 

Claude hat ein Lebensmittelgeschäft in Palestro, und als er erfahren hat, dass Ali mit Oliven handelt, hat er ihn gebeten, ihm eine Auswahl seiner Früchte mitzubringen, damit er sie probieren kann. Claude gehört zu den wenigen Franzosen in Alis Bekanntschaft, die nicht aus Prinzip bei Kolonisten kaufen. Claude hat sich in seinem Verhalten etwas Kindliches bewahrt, das ihn auf Anhieb sympathisch macht: Er ist von kleinem Wuchs, lebhaft und redselig. Schlurfend und mit gesenktem Kopf geht er, wenn ihn etwas bedrückt, doch wenn er fröhlich ist, breitet sich sein Lächeln über das ganze Gesicht aus, als würde es von einer großen Hand geknetet.

Alis Französisch ist äußerst rudimentär, und Claude ist es trotz ehrlichen Bemühens nie gelungen, das Kabylische oder Arabische zu beherrschen. Von Zeit zu Zeit quetscht er zwischen seinen ungeschickten Lippen einige Wörter hervor, woraufhin Ali seine Erheiterung zu verbergen trachtet, indem er eine aufmerksame Miene aufsetzt und vielsagend nickt. Die beiden Männer sprechen nicht wirklich miteinander. Anfangs herrschte ein gewisses Unbehagen: Claude wusste nicht recht, was er mit diesem riesigen Kabylen anfangen sollte, der mitten in seinem Laden stand und augenscheinlich seine Fragen nicht verstand, genauso wenig wie die Antworten, die Claude sich, von seinem Unbehagen getrieben, postwendend selber gab. So führte er mit sich selbst einen überhasteten Dialog, den er mit Händen, Augenzwinkern und Lächeln lebhaft unterstützte. An dem Tag, an dem Ali mit Hamid kam, vergaß Claude seine Verlegenheit. Der Junge sah winzig aus in den massigen Armen des Mannes aus dem Gebirge. Claude meinte, an Ali eine väterliche Zärtlichkeit wahrzunehmen, die im Widerspruch zum traditionellen Männlichkeitsideal stand – diesem System von Codes, das festlegt, wie ein Mann dort oben in den Dörfern zu sein hat, diesem Regelwerk, das nirgends geschrieben steht, sodass Claude es hätte lesen können, und das ihn ebenso fasziniert wie beunruhigt. Er hat sich in dem anderen, einem zärtlich liebenden Vater, wiedererkannt. Claude ist seit vier Jahren Witwer – seine Frau ist gestorben, als sie ihrem einzigen Kind das Leben schenkte. Ein Porträt von ihr beherrscht eine Wand des Lebensmittelgeschäfts. Ihre ungerührte Strenge steht im Widerspruch zur Rührung, die Claudes Blick schwer macht, wenn er es betrachtet.

Annie, Claudes Tochter, ist etwas älter als Hamid. Wenn die beiden Kinder zusammen sind, schwatzen sie zweistimmig in einer Sprache, die es nicht gibt, und Claude malt sich aus, was aus seinem Haus hätte werden können, wenn er seine Frau nicht viel zu früh verloren hätte; wenn sie es zu zweit mit Kindern gefüllt hätten, die ihnen ähnlich gesehen hätten. Manchmal lässt Ali seinen Sohn bei Claude, wenn er in die Association geht, und Claude hebt Hamid auf den Ladentisch, wo dieser lächelnd wie ein Buddha sitzen bleibt, bis Annie verlangt, dass er herunterkommt und mit ihr spielt. Ali hat mit dem Kolonialwarenhändler nie darüber sprechen können, aber bedauert diesen, weil er nur eine Tochter hat, deshalb ist es eine Geste der Großzügigkeit, die Claude vielleicht gar nicht zu würdigen weiß, dass Ali ihm seinen Sohn leiht.

In dem roten Schlund des Tonherds backt Yema für die ganze Familie die kesra, das kreisrunde kabylische Brot. Hamid klatscht in die Hände, wie jedes Mal, wenn dieser schwere und heiße Geruch das Haus erfüllt. Seit er nicht mehr an der Brust seiner Mutter trinkt, isst er in großen Bissen, beschmiert sich mit Olivenöl und lacht jedes Mal voll Freude, wenn er Essen sieht. Unermüdlich wiederholt seine Mutter, dass er schön ist, dass er ihre Sonne ist, ihr Licht, ihr kleines Rebhühnchen. Dann lacht er noch lauter. Ali raucht eine Zigarette, während er Frau und Sohn aus den Augenwinkeln beobachtet. Gern wäre er auch fähig, in das Innere ihres Leibes zu blicken und das Kind zu sehen, das sehr bald zur Welt kommen wird und das Yemas Bauch rundet, den Stoff ihres Kleides spannt und sie zwingt, den pagne, das gestreifte Hüfttuch, zu niedrig zu knoten, sodass sie hin und wieder darüber stolpert, woraufhin sie gutmütig seufzt, als wäre der pagne ein Kind, das ihr ständig denselben Streich spielt, was sie schon lange nicht mehr lustig finden kann. Ali hofft, dass es wieder ein Junge wird. Ein einziger ist zu wenig, er kann missraten oder schlimmer noch – Kinder sind so anfällig und gefährdet. Ein Mann, der nur einen Sohn hat, geht auf einem Bein. Die Frauen seiner Brüder versichern ihm, sie könnten an der Form des Bauchs erkennen, dass es ein Mädchen wird. Bald wird die Frage ohnehin geklärt sein; Yemas Bauch ist schon so schwer, dass sie ihn, wann immer sie kann, auf dem Tisch abstützt.

Der kleine Omar kommt ins Haus gelaufen.

– Mach schnell, Onkel! Das ganze Dorf muss sich auf dem Platz versammeln und dem caïd zuhören. Ali ist überrascht und macht schleunigst seine Zigarette aus. Der caïd kommt nicht häufig hier herauf. Er bleibt lieber in seinem großen Haus, weiter unten im Tal, und lässt die anderen zu sich kommen. Wie die meisten seiner Amtskollegen kontrolliert er seinen douar von außen, wobei er sich auf die Berichte seiner Büttel, der amines und Feldhüter stützt, um sich über die Vorgänge in seinem Aufsichtsbezirk zu informieren, den ihm ein französischer Beamter anvertraut hat (oder vielmehr vermietet hat, denn hier heißt es, der caïd habe seine Funktion als »Landwirtschaftskommissar« des Hügelkamms mit viel Geld gekauft). Eine Regierungsverordnung von 1954 erinnert daran, dass es seine Aufgabe sei, »zu informieren, zu überwachen und Vorsorge zu treffen«. Aus Sicht der Dorfleute neigt er eher dazu, zu bestrafen und zu stehlen, wobei er sich stets seiner Mittelsmänner bedient. Die Leute bekommen ihn wenig zu sehen, mögen ihn aber noch weniger. Er selbst, sagt man, mag niemanden, nur Gold und Honig. Auch Ali schätzt den Mann nicht, weiß aber, was er ihm verdankt: Nie hätte er seinen Betrieb gründen können, wenn der caïd etwas dagegen gehabt hätte. Und nie hätte dieser seine Zustimmung gegeben, wenn sich nicht herausgestellt hätte, dass seine Frau eine entfernte Cousine von Ali war. Er hat ihn da oben, auf dem Berg, in einer Gegend, die ihn nicht interessiert, Parzellen kaufen lassen, weil das zufällig erworbene Vermögen dieses Mannes, der – entfernt, sehr entfernt – zu seiner Familie gehört, es ihm ermöglicht, dem Anspruch der Amrouches einen Riegel vorzuschieben, die auf diesem vergessenen Gipfel schon viel zu lange ohne Konkurrenz sind. Seither sorgt der caïd für ein Gleichgewicht, indem er Vergünstigungen und Steuern auf die beiden Familien verteilt, ohne sich einen mühsamen Aufstieg zumuten zu müssen – nur die Militärjeeps der Franzosen schaffen den Aufstieg auf den Berg ohne Ächzen und Stöhnen. Im Gegenzug gibt ihm Ali gelegentlich, wenn die Ernte es erlaubt, etwas mehr, als verlangt wird, und Yema backt ihm zu jedem der großen Feste honigtriefende Leckereien.

Omar wartet ungeduldig in der Tür. Seinem Vater und Djamel hat er bereits Bescheid gesagt (und nicht dem Ältesten zuerst, registriert Ali und sagt sich, dass der Junge ganz offensichtlich schlecht erzogen ist). Die beiden Brüder warten draußen auf ihn, damit sie sich gemeinsam, langsam und majestätisch, wie es ihr Status und ihre Körperfülle verlangen, zum Dorfplatz begeben.

Ali nimmt seinen Stock mit dem Elfenbeinknauf; er ist eigentlich überflüssig, trägt aber zur Stattlichkeit seiner Erscheinung bei. Er überlegt, ob er seine Uniform anziehen soll, um dem caïd zu signalisieren, dass er nicht nur ein reich gewordener Bauer ist, aber neuerdings hat er Schwierigkeiten, die Jacke über seinem Bauch zu schließen, und der Heroismus geht zum Teufel, wenn die Knöpfe von der Jacke platzen.

Die drei Brüder treffen auf dem Platz ein, wo die Menge auseinanderweicht, damit sie in der ersten Reihe stehen können. Sie nehmen auf der einen Seite des Kreises Aufstellung, den Amrouches gegenüber, die sie mit einem würdevollen Kopfnicken grüßen. Gegenüber antwortet man auf die gleiche Weise.

Der caïd steigt erst aus seinem Fahrzeug, als sich alle versammelt haben, wie ein Schauspieler, der vor einem Dreh in seiner Garderobe bleibt, bis alles nur noch auf ihn wartet. Sein Reichtum zeigt sich, ideal positioniert, in seinem riesigen runden Bauch, der wie eine Attrappe auf diesem Körper sitzt, den das Alter überall sonst ausgedörrt hat, und der den Mann zwingt, rückwärts geneigt zu gehen, damit ihn seine Wampe nicht vornüberfallen lässt. Der caïd verfügt über zahlreiche Helfer und Dienstboten, aber nichts und niemand kann verhindern, dass jeder Schritt zu einem Kampf zwischen ihm und seinem Bauch wird, und deshalb hat er ständig schlechte Laune.

– In meiner Eigenschaft als caïd dieses Dorfs, sagt der caïd – und löst damit gleich zu Anfang bei den Dorfbewohnern ein spöttisches oder erzürntes Gemurmel aus –, ist es meine Pflicht, euch vor den Ereignissen in unserer Region zu warnen, von denen ihr vielleicht gehört habt. Dank meiner bedeutenden Stellung in der Verwaltung bin ich ungewöhnlich gut informiert, daher könnt ihr mir glauben, was ich euch zu sagen habe. Bauernhöfe wurden geplündert und niedergebrannt. Brücken zerstört. Die Höfe gaben Fellachen Arbeit. Die Brücken ermöglichten ihnen, zu ihrer Arbeit zu gelangen. Jetzt leben Familien in Armut, die nicht begreifen, warum das alles und warum man glaubt, sie mit Flugblättern ernähren zu können. Die Männer, die diese Taten begangen haben, sind Banditen, Vorbestrafte, denen die Polizei schon auf den Fersen ist. In einigen Wochen, höchstens in einigen Monaten, sind sie hinter Schloss und Riegel und werden dort bis an ihr Lebensende bleiben. Wenn ihr ihnen begegnet, dürft ihr ihnen unter keinen Umständen helfen, zu essen geben oder sie verstecken. Sie sind gefährlich und können euch großen Schaden zufügen. Diese ehrlosen Männer bringen Frauen und Kinder um. Einige von ihnen werden euch vielleicht erzählen, sie seien mudschahedin und würden für die Unabhängigkeit unseres Landes kämpfen. Glaubt ihnen nicht. Sie verstehen nichts von Algerien. Sie werden von den Kommunisten aus Russland und Ägypten manipuliert. Sie sind Verräter, die bereit sind, Fremde unter dem Vorwand, sie kämpften gegen die Franzosen, in unser Land zu schleusen. Was wollen sie? Die Kommunisten werden schlimmer sein als die Franzosen. Sie werden euch das wenige nehmen, das euch die roumis gelassen haben, weil sie nicht an das Eigentum glauben. Auch an die Religion glauben sie nicht. Sie wollen euch den Islam nehmen. In Russland haben sie die Kirchen zerstört. Hier werden sie das Gleiche mit den Moscheen machen. Vor allem aber sage ich euch: Wenn ihr diesen Gesetzlosen helft, wird niemand euch vor den Vergeltungsmaßnahmen der französischen Armee schützen können. Dieses Dorf wird ein neues Sétif werden …

Der caïd weiß auch, dass dies der Name eines schrecklichen Ungeheuers ist. Trotzdem verwendet er ihn, ohne zu zögern. Unmerklich verschwinden die Köpfe zwischen den Schultern, und die Rücken krümmen sich – so lassen die Dorfbewohner die Gespenster vorbeiziehen, die diese beiden Silben vor sich hertreiben.

– Frankreich wird euch bestrafen, wiederholt der caïd mit scharfer Stimme und stampft mit dem Fuß auf. Und die Banditen, die euch das alles eingebrockt haben, ziehen sich seelenruhig in den Untergrund zurück, wie es Banditen eben tun, und lassen euch die Suppe auslöffeln. In meiner Eigenschaft als caïd habe ich mich für euch bei der französischen Verwaltung verbürgt. Ich habe versprochen, dass es keinen Ärger gibt, dass wir ordentliche und ehrenhafte Männer sind, keine Banditen. So konnte ich verhindern, dass die Armee hier heraufkommt und eure Häuser durchsucht. (Hier lügt der caïd natürlich: Die französische Armee hatte nie die Absicht, an diesen Ort zu kommen, viele Kilometer weit von Draâ El Mizan oder Bordj Menaïel entfernt, wo die Attentate verübt wurden. Aber da ihm die Geschichte dieses Mal die Gelegenheit bietet, spielt er mit Vergnügen den Helden und gibt vor, das Volk zu verteidigen, dem er seit Jahren Steuern und Strafen abpresst.) Allerdings kann ich euch nicht ewig beschützen. Also hört auf mich und nicht auf die Propaganda der Banditen. Zu eurem eigenen Schutz.

Mit diesen Worten bahnt er sich, von seinen Männern umringt, einen Weg durch die Menge und steigt wieder in seinen Wagen, den die Jungen des Dorfs seit Beginn seiner Rede untersuchen, erklimmen und liebkosen.

Nach seinem Abgang teilt sich der Kreis: Um die Amrouches versammeln sich ihre Freunde, Anhänger und die Leute, die ihnen etwas schulden, um Ali und seine Brüder deren Freunde, Anhänger und Schuldner. Zwischen den beiden Gruppen bleiben die Männer zurück, die sich niemandem verpflichtet fühlen – entweder, was sehr selten vorkommt, weil sie sich mit beiden Familien gut verstehen oder weil sie sich mit beiden überworfen haben. Die Dorfleute diskutieren die Rede des caïd – dieses korrupten, aufgeblasenen Schurken. Da die Amrouches das Familienband (mag es auch noch so unbestimmt und schwach sein) kennen, das Ali mit Letzterem verknüpft, gehen sie prinzipiell davon aus, dass die Rede des caïd von Anfang bis Ende erlogen ist. Da Ali weiß, dass die Amrouches kein gutes Haar an der Ansprache lassen werden, fühlt er sich verpflichtet, sie zu verteidigen. (Jahre später wird sich Naïma fragen, ob ihm wohl klar wurde, welch ungeheure und katastrophale Folgen durch diese automatische Rivalität heraufbeschworen wurden, und ob er, wenn er Gelegenheit gehabt hätte, die Situation noch einmal zu durchleben, einen anderen Standpunkt eingenommen hätte oder ob er auch dann noch im mektoub und nif verstrickt geblieben wäre wie in einem unzerstörbaren Spinnennetz.)

Alles, was Ali im Augenblick möchte, ist die Bewahrung dessen, was er erworben hat. Die Zukunft interessiert ihn nur, wenn sie eine erweiterte Gegenwart ist. Auf ausgestreckten Armen trägt Ali seine Welt, seine Familie, seinen Betrieb vor sich her und hält den Atem an, damit nichts umfällt und nichts verrutscht. Es ist ihm gelungen, aus seinem armen Haus ein volles Haus zu machen, und er wünscht sich, dass das ewig währt. Jenseits der Grenzen seines Besitzes erscheint ihm die Welt zu unbestimmt, als dass er irgendwelche Wünsche in ihrem Namen äußern könnte. Gelegentlich hat er davon geträumt, dass sein volles Haus sich in einem unabhängigen Land befinden könnte (und die Art und Weise, wie er sich dieses Ereignis vorstellt, ähnelt, ohne dass er es ahnt, der magischen Reise Dorothys, als der Wirbelsturm sie samt der Familienfarm in das Land Oz davonträgt), das heißt in einem Land, in dem er nie mehr aufstehen und grüßen muss, wenn ein roumi vorbeikommt, das heißt weniger in einem unabhängigen Land als in einem Land, in dem selbst er frei wäre; das heißt, auch Alis Traum überschreitet nicht die Grenzen seines unmittelbaren Universums. Was auf dem Gebirgskamm geschieht, ist wichtiger als alles andere und muss geschützt werden. Die französischen Soldaten dürfen nicht bis hier oben kommen und beschließen, den Bergbewohnern das wenige zu nehmen, was sie besitzen, das Glück, das ihnen der Sturzbach zugetragen hat. Das ist der Grund, warum die Franzosen abscheulich oder schrecklich sind, mit anderen Worten, warum es notwendig ist, sie zu beschwichtigen.

– Glaubst du, sie kriegen die Attentäter?, fragt jemand.

– Selbstverständlich, erwidert Ali, ohne zu zögern.

Er hat in der französischen Armee gekämpft und hat gesehen, wie sie unmögliche Schlachten gewann. Gegen die kann eine Handvoll Rebellen nichts ausrichten. Wie jedes Mal, wenn er daran denkt, was dort drüben, in Europa, passiert ist, gleiten Schatten über sein Gesicht und lassen seine Wangen hohl aussehen, wobei sie zehn Gesichtsausdrücke erscheinen lassen, von denen keiner bleibt. Er schüttelt den Kopf und begnügt sich mit der Feststellung:

– Sie können nicht verlieren.

Der alte Rafik, der mehrere Jahre lang in den Stahlwerken von Haute-Marne gearbeitet hat, pflichtet ihm bei:

– Sie haben Maschinen, die wir noch nicht einmal kennen, und die stellen Metalle her, die wir noch nicht einmal kennen. Was wird die ruhmreiche algerische Unabhängigkeitsarmee dagegen tun? Hier hat man bisher noch nicht einmal eine Schachtel Streichhölzer hergestellt.

Lang zieht das Gespräch sich hin. Um der Selbstsicherheit des caïd etwas entgegenzusetzen, zitieren sie die Namen der Männer, die vor langer Zeit in die Berge geflohen sind und die erst nach Jahren oder gar nicht von den Franzosen gefasst wurden. Die Alten erzählen natürlich von Arezki, dem ehrbaren Räuber aus dem Wald von Yakouren, dem Grand du Sébaou, dem Mann, den die französische Presse den kabylischen Robin Hood nannte. Schmunzelnd berichten sie, wie er es zu einem Zeitpunkt, als er schon seit Jahren gesucht wurde, fertigbrachte, anlässlich der Beschneidung seines Sohnes ein Fest mit eintausend Gästen auszurichten und wie die französischen Gendarmen, zu spät von dieser opulenten Veranstaltung unterrichtet, in das Dorf stürmten und niemanden mehr vorfanden.

– Und dann?, sagt Ali, haben sie ihn doch auf die Guillotine geschickt.

Der Abend kommt und bringt die plötzliche Frische der Gebirgsnächte mit. Sie beißt ihm wie ein kleines unsichtbares Tier in die Haut. Dennoch könnte Ali bleiben. Gern hätte er gehört, dass er recht hätte oder dass sie es sogar bewiesen hätten. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlt er sich nicht wohl bei dem, was er sagt und meint. Trotzdem bleibt er dabei. Er tut, was man von ihm erwartet. Er verkündet. Er doziert. Er repräsentiert.

 

In der Nacht, nach stundenlangem Schreien, bringt Yema eine kleine Tochter zur Welt. Das Kind heißt Dalila. Seine Mutter liebt es ein bisschen weniger als Hamid. Sein Vater akzeptiert es.

Einige Jahre nach dem Tod seiner Frau ist Claudes Schwester Michelle nach Palestro gekommen, um ihm in dem Lebensmittelgeschäft zu helfen. Es heißt auch, dass sie in Frankreich über einige Skandale habe Gras wachsen lassen müssen und dass ihre Abreise weniger selbstlos als notwendig gewesen sei. Sie ist eine hinreißende Frau, der ihre Schönheit so viel Selbstsicherheit verliehen hat, dass sich Michelle im Nachhinein nicht mehr vergegenwärtigen kann, dass sie diesen Wesenszug ihrer Erscheinung und deren Wirkung verdankt. Sie glaubt, sie sei mit dieser Selbstgewissheit zur Welt gekommen, und nennt zum Beweis ihren frühen Fortgang aus dem Elternhaus, ihre Entschlossenheit, ein Diplom zu machen, ihre Liebesgeschichten, in denen sie sich nie untergeordnet hat. In der französischen Gesellschaft der Stadt ist sie eine skandalträchtige und faszinierende Erscheinung. Den Männern von Palestro gelingt es nicht, sie zu beschreiben, ihre Adjektive scheinen nicht auf sie zu passen. Sie sagen einfach: Sie hat Brüste … sie hat Beine … sie hat einen Mund … und das Schweigen, das folgt, nachdem sie eines ihrer Körperteile bezeichnet haben, ist bis zum Rand gefüllt mit ihren mehr oder weniger geheimen Fantasien, ihrer Bewunderung und ihrem Frust. Wenn Ali in das Geschäft tritt und sie hinter dem Ladentisch steht, verliert er augenblicklich die Fähigkeit zu sprechen. Im Gegensatz zu den anderen Europäerinnen in der Stadt trägt Michelle weder Strümpfe noch Nylons an ihren goldfarbenen Beinen. So hindert sie den Blick nicht durch diese Unterwäsche, die so fein ist wie eine Zwiebelhaut oder ein Schweißfilm. Sie sagt, dafür sei es viel zu heiß, während sie die erste oder zweite Sprosse der Leiter erklimmt, um einen Karton mit Vorräten aufzuschneiden, der über dem Regal versteckt ist; dabei entblößt sie rechts und links je fünfzig Zentimeter nacktes Bein, also einen guten Meter, wenn man die beiden Stücke aneinanderlegte – genug, um Ali die Sprache zu verschlagen. Hamid dagegen ist überhaupt nicht beeindruckt von Michelle. Er umklammert ihre Wade, zieht an ihrem Rock, fasst mit den Händen in ihre Locken. Michelle ist in den kleinen Jungen vernarrt, küsst ihn, liebkost ihn, und wenn Ali sie dabei beobachtet, kann er nicht umhin, davon zu träumen, dass er es wäre, auf den sich die Hände und Lippen dieser Frau legen. Seit die Möglichkeit besteht, ihr zu begegnen, kommt er immer häufiger in den Laden, ohne dass er sich die Gründe für seine vermehrte Anwesenheit eingesteht. Er schreibt es der Freundschaft zwischen Hamid und Annie zu und den Vorteilen, die sein Sohn daraus ziehen kann. Während die Dorfjungen sich den Körper in den Dornen und Felsen des Kamms zerkratzen, spielt Hamid friedlich mit einer kleinen Französin, die ihn als ihresgleichen behandelt. Ali denkt einfach – wenn auch nicht ganz aufrichtig –, dass er zum Besten seines Sohnes handelt, wenn er ihn in das Lebensmittelgeschäft bringt, damit der mit dem kleinen Mädchen spielt.

Claude beklagt sich nie über ihre Besuche, ganz im Gegenteil: Er freut sich, wenn sie kommen, und erklärt sich immer erbötig, einige Stunden auf den kleinen Jungen aufzupassen. Wenn sich Michelle, Annie und Hamid mit ihm in dem Geschäft aufhalten, fühlt sich Claude wohl. Sagt sich, dass sie eine Art seltsamen Stamm bilden, eine Negation seiner Einsamkeit, seines Witwerdaseins. Wenn er sich mit seinen Freunden und Bekannten über Hamid unterhält, nennt er ihn »diesen kleinen Araber, den wir gewissermaßen adoptiert haben«. Yema würde sich das Gesicht zerkratzen, wenn sie ihn eine solche Dummheit sagen hörte, aber Claude, der noch nie auf dem Gebirgskamm gewesen ist, kann sich einbilden, der Kleine brauche diese neue Familie, die er gewillt ist, ihm zu geben.

Der Zuneigung, die der Kaufmann für Hamid empfindet, gelingt es jedoch nicht, eines der unausgesprochenen Gesetze der Kolonialgesellschaft zu brechen: die Trennung von öffentlicher und privater Sphäre. Stets werden der kleine Junge und sein Vater nur in dem Lebensmittelgeschäft empfangen, nie in der Wohnung darüber, ausgenommen die kurzen Augenblicke, in denen Annie hinaufläuft, um ein Spielzeug zu holen. Überall im Land wiederholt sich diese Situation auf verschiedenen Ebenen: Wenn die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, die es bewohnen, sich begegnen, miteinander reden, sich kennenlernen, dann geschieht es an einer Straßenecke, vor dem Schaufenster eines Ladens, auf den Terrassen bestimmter Cafés, aber nie – oder höchst selten – in der Privatsphäre, im Refugium des Heims, das nur der eigenen Gruppe vorbehalten bleibt. Mag sein, dass Claude den kleinen Jungen wie einen Sohn liebt, aber seine Liebe bleibt auf das Erdgeschoss beschränkt.

Dort im Laden bringt er Hamid einige französische Wörter bei, damit dieser die eintretenden Kunden begrüßen kann.

– Boujou!, ruft der Kleine jedes Mal, wenn jemand zur Tür hereinkommt – und es hört sich an, als schrie ein Fabelwesen.

Die Reaktionen sind unterschiedlich.

– Haben Sie keine Angst?, fragt eines Tages eine Kundin, als sie ihn mit Annie spielen sieht.

– Warum?, sagt Claude.

– Schon wegen der Hygiene, sagt die Kundin zögernd. Und dann … er könnte sie entführen.

– Er ist drei Jahre alt!

Claude bricht in schallendes Gelächter aus. Die Frau eher nicht! Nach ihrer Ansicht entwickeln sich Araber wie Tiere – schneller als Franzosen. Mit drei Jahren kann eine Raubkatze jagen, sich alleine ernähren und sich fortpflanzen. Sie würde nicht beschwören, dass es sich bei den Arabern genauso verhält, aber wer weiß …

– Alte Schachtel, sagt Michelle, als die Kundin hinausgeht.

– Auvoi!, kräht Hamid.

Streng wie ein Lehrer korrigiert Claude ihn: »Au revoir.« Der Krämer träumt davon, dass der Junge zur Schule gehen wird, wenn er alt genug ist. Annie ist gerade eingeschult worden, und Claude hat sie an der öffentlichen Schule angemeldet, nicht in einer der katholischen Lehranstalten, die die meisten Franzosen bevorzugen. Er wollte, dass seine Tochter in eine Schule geht, die wie das Land ist – nicht unbedingt das, in dem er lebt, aber das, in dem er gern leben würde: gemischt. Am ersten Schultag hat er festgestellt, dass fast alle Kinder kleine Europäer waren, Söhne und Töchter der Leute, die sich keine privaten Schulen leisten konnten. Die wenigen Muslime (Claude weiß nie, wie er sie nennen soll, wechselt von einer Bezeichnung zur anderen und ist mit keiner zufrieden) sind die Söhne einheimischer Würdenträger – ausschließlich Jungen, deren Eltern bereits französisiert sind. Es gibt keine Begegnungen, keine Mischung, keine fröhliche Verbrüderung auf den Schulbänken. Doch für Claude liegt es auf der Hand, dass Algerien sich nicht geeint entwickeln kann, wenn man nicht die Kinder aller unterschiedslos zusammen unterrichtet. Genauso klar ist es für ihn, dass Hamid nur dann frei über sein Leben bestimmen kann, wenn er eine vernünftige Ausbildung bekommt. Das ist nach Claudes Ansicht die einzige Waffe, über die ein Bauernjunge verfügt.

Wenn er mit Ali über Hamids Zukunft spricht, zuckt Ali mit den Achseln. In der Schule lernt man nichts oder zumindest nichts, was mit der Erde zu tun hat, an die die Zukunft Hamids unauflöslich geknüpft ist (Warum dann andere Möglichkeiten heraufbeschwören? Warum kompliziert träumen, wenn alles einfach ist?). Außerdem ist die Arbeit mit der Erde so hart, selbst wenn sie Reichtum bringt, dass man den Kindern besser freien Lauf lässt, bis der Tag kommt, an dem sie arbeiten müssen. Bei dem Leben, das sie erwartet, ist es sinnlos, sie zu zwingen, auf einer Bank zu sitzen und damit die einzigen Jahre zu vergeuden, in denen sie ihre Freiheit genießen können. Hamid ist noch in einem Alter, in dem die Teilnahme an der Gruppe (Familie, Clan, Dorf) nicht zwangsläufig durch die Arbeit definiert wird. Bei dem Kind duldet man, dass es nichts tut, dass es spielt. Bei dem erwachsenen Mann hingegen verachtet man die Untätigkeit. Wer nichts tut, sagt man im Dorf, soll zumindest seinen Stock schnitzen.

Die Grenze zwischen den beiden Altersabschnitten verläuft nicht eindeutig. Im Augenblick glaubt Hamid, dass seine Kindheit ewig währt und dass die Erwachsenen einer anderen Spezies angehören als er selbst. Deswegen sind sie ständig in Bewegung, fahren in die Stadt, knallen mit Autotüren, gehen durch ihre Felder, besuchen den Unterpräfekten. Er weiß nicht, dass er sich eines Tages dieser Dauerbewegung anschließen muss. Deshalb spielt er, als gäbe es nichts anderes zu tun, was ja auch die Wahrheit ist – im Augenblick. Er verfolgt Insekten. Er spricht mit den Ziegen. Er isst, was man ihm reicht. Er lacht. Er ist glücklich.

Er ist glücklich, weil er nicht weiß, dass er in einem Land ohne Jugend lebt. Der Wechsel von einem Alter zum anderen ist brutal.


[1]              Christen

[2]              Rassistische Bezeichnung für Nordafrikaner; etwa »Kameltreiber«.

Alice Zeniter

Über Alice Zeniter

Biografie

Alice Zeniter wurde 1986 in Alençon geboren und wuchs in dem kleinen Dorf Champfleur auf, bis die Familie nach Alençon zurückkehrte. Schon als Schülerin schrieb sie ihren ersten Roman. Nach ihrem Schulabschluss studierte sie an der École normale supérieure in Paris. Sie arbeitet(e) als Lehrerin und...

Pressestimmen

Basler Zeitung

»Ein brillanter Roman über die Vergessenen des Algerienkrieges«

Die Zeit Literaturmagazin

»Alice Zeniter … geht den Perspektivwechsel im großen Stil an. Sie verwandelt algerische Komparsen in Hauptfiguren und macht aus Franzosen Statisten. … Das ist ein fälliger Paradigmenwechsel von aktueller Relevanz, durch den eine noch unerzählte Geschichte erzählbar wird.«

Missy Magazin

Sehr atmosphärisch

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

»Zeniter wagt sich (…) an ein schmerzhaftes Kapitel der franko-algerischen Geschichte (…) (und) erzählt diese Geschichte über drei Generationen. Sie fragt: Was bedeutet Heimat, was Identität, was Zugehörigkeit? Wo endet die Realität eines Landes, und wo beginnt, besonders in der Ferne, seine Fiktion?«

Deutschlandfunk Kultur „Buchkritik“

»Eine meisterhaft konzipierte und brillant geschriebene Groß-Erzählung, die die Spannungen zwischen den beiden Seiten des Mittelmeers in einen zeitgeschichtlichen Familienroman verdichtet.«

Spiegel Online

»Alice Zeniter, selbst Nachfahrin von Harkis (…) erzählt eine Geschichte, die nicht erzählt wurde.«

Badische Zeitung

»Ein Roman voller Wahrheiten.«

buecherkaffee.de

»Drei Generationen, drei verschiedene Leben. (…) Ein beeindruckendes Porträt einer Familie, die sich damit abfinden muss, ihre Heimat verloren zu haben.«

der-kultur-blog.de

»Bunt und schillernd, berührend und klug, versteht es die Autorin, von Entwurzelung, Anpassung und Sehnsüchten zu erzählen und von der Suche nach freier Entfaltung. Ein wunderbarer, etwas anderer Familienroman, der von der ersten bis letzten Seite fesselt.«

zeichenundzeiten.com

»Eindrucksvoll und ergreifend mit wie viel Menschlichkeit und Herz für die Helden Zeniter es zugleich gelingt, Orte und Szenerien bildhaft und atmosphärische zu beschreiben, Worte zu finden für die zwiespältigen Gefühle und Gedanken der Protagonisten. ›Die Kunst zu verlieren‹ gibt all jenen eine Stimme, die zwei verschiedenen Länder als geografischen Lebensraum und zwei unterschiedliche Kulturen in ihrer Seele tragen und dies als Bereicherung oder als Wunde ansehen.«

Kommentare zum Buch

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