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Die erstaunliche Wahrheit über Tiere

Was Mythen und Irrtümer über uns verraten

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Die erstaunliche Wahrheit über Tiere — Inhalt

Aale, die aus Sand entstehen; Schwalben, die unter Wasser Winterschlaf halten; und Bären, die gestaltlose Klumpen auf die Welt bringen, die erst von ihren Müttern in Form geleckt werden müssen … Die Geschichte wimmelt von abstrusen Behauptungen über Tiere, erfunden von den hellsten und einflussreichsten Köpfen ihrer Zeit. Diese Erklärungsversuche offenbaren nicht nur Interessantes über die Tiere, sondern auch über uns und die Dinge, an die wir glauben. Lucy Cooke deckt zahlreiche Mythen und Irrtümer auf, verrät faszinierende und höchst unterhaltsame Fakten, die sie gesammelt hat, während sie Hyänen hinterherjagte, Fledermäuse ausspionierte und betrunkene Elche stalkte. Sie erklärt, warum Faultiere ihr Leben riskieren, wenn sie ihren Darm entleeren; Pinguine manchmal unter Depressionen leiden; und dass sogar die bizarrste Theorie einen wahren Kern haben kann.

Erscheint am 02.05.2018
Übersetzer: Gabriele Gockel, Christa Prummer-Lehmair, Jochen Schwarzer
368 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-89029-476-6
Erscheint am 02.05.2018
Übersetzer: Gabriele Gockel, Christa Prummer-Lehmair, Jochen Schwarzer
368 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-99005-9

Leseprobe zu »Die erstaunliche Wahrheit über Tiere«

EINLEITUNG


»Warum gibt es eigentlich Faultiere, wenn sie doch solche Nieten sind?«
Als Zoologin und Gründerin der Sloth Appreciation Society – der Gesellschaft zur Würdigung des Faultiers – höre ich diese Frage oft. Manchmal wird »Niete« noch näher definiert, am häufigsten mit den Adjektiven »faul«, »dumm« und »langsam«. Und manchmal wird der Nachsatz »Ich dachte, bei der Evolution geht es darum, dass nur die Stärksten überleben?« angehängt, vorgebracht im Ton der Verwunderung oder, noch schlimmer, der Arroganz der überlegenen Spezies.
Jedes Mal, wenn das [...]

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EINLEITUNG


»Warum gibt es eigentlich Faultiere, wenn sie doch solche Nieten sind?«
Als Zoologin und Gründerin der Sloth Appreciation Society – der Gesellschaft zur Würdigung des Faultiers – höre ich diese Frage oft. Manchmal wird »Niete« noch näher definiert, am häufigsten mit den Adjektiven »faul«, »dumm« und »langsam«. Und manchmal wird der Nachsatz »Ich dachte, bei der Evolution geht es darum, dass nur die Stärksten überleben?« angehängt, vorgebracht im Ton der Verwunderung oder, noch schlimmer, der Arroganz der überlegenen Spezies.
Jedes Mal, wenn das passiert, hole ich tief Luft und erkläre mit größtmöglicher Gelassenheit, dass Faultiere keineswegs Nieten sind. Tatsächlich gehören sie zu den skurrilsten Geschöpfen, die die natürliche Auslese hervorgebracht hat, und sind dazu noch unglaublich erfolgreich. Sich im Schneckentempo durch die Baumkronen zu hangeln, bedeckt von Algen, von Insekten wimmelnd, und nur einmal pro Woche Stuhlgang zu haben, mag Ihnen nicht erstrebenswert erscheinen, aber Sie versuchen ja auch nicht, in den Urwäldern Mittel- und Südamerikas, wo ein harter Konkurrenzkampf herrscht, zu überleben – und darin ist das Faultier ein wahrer Meister.
Um Tiere zu verstehen, ist es unerlässlich, den größeren Zusammenhang zu betrachten. Das Geheimnis der außerordentlichen Zähigkeit von Faultieren liegt in ihrer lethargischen Natur. Sie sind Paradebeispiele für Lebewesen mit niedrigem Energieverbrauch und verfügen über eine Reihe genialer energiesparender Eigenschaften, die über Tausende von Jahren hinweg verfeinert wurden und von einem höchst exzentrischen und begabten Erfinder stammen könnten. Ich werde jetzt nicht die ganze Palette aufzählen – in Kapitel 3 können Sie alles über die innovative Lebensweise des Faultiers nachlesen. Es genügt wohl, wenn ich sage, dass ich eine Schwäche für diesen sympathischen Außenseiter habe.

Ich liebe Faultiere. Tiere, die ständig so aussehen, als würden sie lächeln, und die einen ausgesprochen starken Hang haben, einen zu umarmen, muss man einfach mögen.

Das Faultier wurde dermaßen in Verruf gebracht, dass ich mich genötigt sah, die Sloth Appreciation Society zu gründen. (Unser Motto: »Schnelligkeit wird überbewertet.«) Ich ging in Schulen und auf Veranstaltungen, um den Menschen die erstaunliche Wahrheit über dieses viel geschmähte Geschöpf zu vermitteln. Ich erklärte, dass die Verunglimpfung des Faultiers auf eine Reihe von Entdeckern aus dem 16. Jahrhundert zurückgehe, die sich anmaßten, diesen ruhigen, vegetarischen Pazifisten als »dümmstes Tier, das sich auf Erden finden lässt«1 zu brandmarken. Das vorliegende Buch ist auf der Grundlage dieser Vorträge entstanden, und weil ich das Bedürfnis verspürte, ein paar Dinge richtigzustellen – nicht nur in Bezug auf das Faultier, sondern auch auf andere Geschöpfe aus dem großen Reich der Fauna.
Wir neigen dazu, das Tierreich durch die Brille unserer eigenen, ziemlich begrenzten Existenz zu betrachten. Die baumgebundene Lebensweise des Faultiers ist uns derart fremd, dass es zu einem der verkanntesten Geschöpfe der Welt wurde, doch damit steht es keineswegs allein da. Das Leben nimmt eine wunderbare Vielfalt exotischer Formen an, und auch die einfachsten erfordern eine komplexe Betrachtung.
Die Evolution hat uns ein paar prächtige Streiche gespielt, indem sie ohne jede Logik und praktisch ohne einen Schlüssel zum Verständnis die unglaublichsten Kreaturen hervorbrachte. Etwa Säugetiere wie die Fledermaus, die lieber ein Vogel wäre. Vögel wie den Pinguin, der lieber ein Fisch wäre. Und Fische wie den Aal, dessen rätselhafte Lebensweise eine 2000 Jahre währende Suche nach seinen Gonaden ausgelöst und den Menschen in seinem Forscherdrang an den Rand des Abgrunds getrieben hat – eines Abgrunds, an dem die Aalforscher noch heute entlangtaumeln. Tiere geben ihre Geheimnisse keineswegs einfach preis.


Nehmen wir den Strauß. Im Februar 1681 schrieb der brillante britische Universalgelehrte Sir Thomas Browne einen Brief an seinen Sohn Edward, einen Leibarzt am Königshof, und bat ihn um einen reichlich ungewöhnlichen Gefallen. Edward war in den Besitz eines Straußes gelangt, nachdem der König von Marokko dem englischen König Karl II. eine ganze Schar dieser Vögel geschenkt hatte. Sir Thomas war als leidenschaftlicher Naturforscher von dem großen fremdländischen Vogel fasziniert und konnte es kaum erwarten, dass sein Sohn ihm dessen Gewohnheiten schilderte. Ist er wachsam wie die Gans? Hat er eine Vorliebe für Sauerampfer, verabscheut er Lorbeerblätter? Und frisst er Eisen? Die letzte Frage, riet er seinem Sohn, lasse sich womöglich am besten beantworten, indem man das Metall in einer Pastete verstecke – eine Art mit Eisen gefüllter Hotdog –, denn »vielleicht verschmäht er es, wenn man es ihm einfach so hinlegt«2.
Dieser zoologische Rezepttipp diente einem dezidiert wissenschaftlichen Zweck. Browne wollte dem alten Mythos auf den Grund gehen, dass Strauße absolut alles verdauen können, sogar Eisen. Laut einem deutschen Gelehrten aus dem Mittelalter besaß der Strauß eine solche Vorliebe für dieses harte Zeug, dass die Mahlzeit des Vogels »aus einem Kirchentürschlüssel und einem Hufeisen besteht«3. Da die europäischen Königshöfe von den Emiren und Entdeckern Afrikas mit Straußen beschenkt wurden, ermunterten ganze Generationen begeisterter Naturforscher die exotischen Vögel, Scheren, Nägel und eine Fülle anderer Eisenwaren zu verspeisen.
Auf den ersten Blick wirken solche Experimente verrückt, doch beschäftigt man sich ein bisschen näher damit, hat der Irrsinn (wissenschaftliche) Methode. Strauße können kein Eisen verdauen, aber man hat beobachtet, dass sie große, scharfkantige Steine fressen. Warum? Der größte Vogel der Welt hat sich im Lauf der Evolution zu einem ziemlich ungewöhnlichen Weidetier entwickelt, dessen aus Gras und Blättern bestehende Kost schwer verdaulich ist. Und anders als ihre Pflanzenfresserkollegen in der afrikanischen Savanne, die Giraffe und die Antilope, besitzen Strauße keinen Wiederkäuermagen. Sie haben nicht einmal Zähne. Stattdessen müssen sie die faserigen Grashalme mit dem Schnabel aus dem Boden rupfen und im Ganzen herunterschlucken. Die spitzen Steine in ihrem muskulösen Kaumagen benutzen sie dazu, ihre holzige Nahrung in leichter verdauliche Stücke zu zermalmen. Sie können mit bis zu einem Kilo in ihrem Magen klappernden Steinen durch die Savanne stolzieren. (Die Wissenschaftler nennen sie hochgestochen Gastrolithen.)
Um den Strauß zu verstehen, gilt es wiederum, seine Lebenswelt zu betrachten. Aber wir müssen auch das Umfeld der Wissenschaftler miteinbeziehen, die jahrhundertelang herumstocherten und -piksten, um die Wahrheit über die Tiere herauszufinden. Als solcher ist Browne nur einer von vielen verschrobenen Fanatikern, denen Sie in diesem Buch begegnen werden. Da wäre des Weiteren ein Arzt aus dem 17. Jahrhundert, der versuchte, Kröten zu erzeugen, indem er eine Ente auf einen Misthaufen setzte (ein uraltes Rezept für die Zeugung von Leben). Und ein italienischer katholischer Priester, dessen Name an einen Bond-Bösewicht erinnert und der sich auch entsprechend verhielt: Lazzaro Spallanzani fuchtelte im Namen der Wissenschaft mit einer gefährlichen Schere herum, wahlweise um kleine maßgefertigte Unterhosen für seine tierischen Versuchsobjekte zu schneidern oder ihnen die Ohren abzuschneiden.
Das sind zwei Beispiele aus den Anfängen der Aufklärung, doch auch in jüngerer Zeit haben Wissenschaftler auf der Suche nach der Wahrheit bizarre und oft unsinnige Methoden angewandt – wie ein amerikanischer Psychopharmakologe im 20. Jahrhundert, dessen Neugier ihn dazu brachte, eine Herde Elefanten stockbetrunken zu machen, mit entsprechend bescheuerten Ergebnissen. Jedes Jahrhundert hat seine exzentrischen Tierexperimentatoren, und es werden zweifellos noch viele weitere folgen. Wir Menschen haben das Atom gespalten, sind zum Mond geflogen und haben das Higgs-Teilchen entdeckt, aber was das Verständnis von Tieren betrifft, haben wir noch einen weiten Weg vor uns.
Mich faszinieren die Fehler, die wir auf diesem Weg gemacht haben, und die Mythen, die wir geschaffen haben, um unsere Wissenslücken zu füllen. Sie zeigen, wie Entdeckungen zustande kommen, und verraten uns viel über die beteiligten Akteure. Als Plinius der Ältere beispielsweise ein Flusspferd beschrieb, das eine blutrote Flüssigkeit über die Haut absonderte, griff er auf vertraute Erklärungen – in diesem Fall aus der römischen Medizin – zurück und stellte sich vor, dass das Tier sich selbst zur Ader ließ, um gesund zu bleiben. Wie sollte er auch anders, er war schließlich ein Mann seiner Zeit. Er irrte sich, aber die richtige Erklärung für das rote Sekret des Flusspferdes ist genauso ungewöhnlich wie der alte Mythos – und sie hat tatsächlich mit Selbstmedikation zu tun.
Wenn man den größten Tiermythen mit dem Seziermesser zu Leibe rückt, verbirgt sich dahinter oft eine bestechende Logik, die uns in die Zeiten bewunderungswürdiger Naivität zurückversetzt, als man wenig wusste und alles möglich war. Warum sollen Vögel nicht zum Mond fliegen, Hyänen nicht je nach Jahreszeit ihr Geschlecht wechseln und Aale nicht ganz von selbst aus Schlamm entstehen? Zumal die Wahrheit, wie wir sehen werden, genauso unglaubwürdig erscheint.
Die unsinnigsten Tiermythen entstanden nach dem Untergang des Römischen Reiches, im Mittelalter, als die aufkommende Naturkunde vom Christentum gekapert wurde. Das war die große Zeit der Bestiarien. Diese frühen Handbücher über das Tierreich waren angefüllt mit vergoldeten Illustrationen und ernsthaften Beschreibungen exotischer Tiere, von Kamel-Spatzen (Strauße) bis zu Kamel-Leoparden (Giraffen) und See-Bischöfen (halb Fisch, halb Geistlicher und zu hundert Prozent Fantasie). Doch den Autoren ging es nicht darum, das Leben von Tieren zu erforschen. Sie stützten sich allesamt auf eine einzige Quelle, ein Manuskript aus dem 4. Jahrhundert namens »Physiologus«, das den Volksglauben mit einer Prise Fakten und einer enormen Dosis religiöser Allegorien vermengte. Der »Physiologus« wurde zu einem Riesen-Beststeller des Mittelalters (damals nur übertroffen von der Bibel) und in Dutzende Sprachen übersetzt, wodurch die absurden Tierlegenden von Äthiopien bis nach Island Verbreitung fanden.

Im Mittelalter herrschte der Glaube vor, dass jedes Landtier seine Entsprechung im Meer hatte: Pferde und Seepferde, Löwen und Seelöwen, Bischöfe und … Seebischöfe. Dieser fischige Geistliche, beschrieben in Conrad Gessners »Historiae Animalium« (1558), wurde angeblich vor der polnischen Küste gesichtet (sieht allerdings so aus, als käme er direkt von den Dreharbeiten zu »Doctor Who«).

Diese Bestiarien sind ein ziemlich derber Lesestoff, es ist viel von Sex und Sünde die Rede, was die Mönche erfreut haben dürfte, die sie für die kirchlichen Bibliotheken transkribierten und illustrierten. Sie erzählten von außerordentlichen Geschöpfen: dem Wiesel, das durch den Mund empfängt und durch das Ohr gebiert; dem Bison (oder »Bonasus«, wie er damals hieß), der seinen Jägern entkommt, indem er einen Furz ausstößt, der »so widerlich ist, dass die Angreifer gezwungen sind, sich in einem heillosen Durcheinander zurückzuziehen«4 (das kennen wir doch alle); und dem Hirsch, dessen Penis die Angewohnheit hat, nach Anfällen übermäßiger Fleischeslust abzufallen. Aus diesen Geschichten ließ sich gar manche Lehre ziehen, die man an seine Schäfchen weitergeben konnte. Schließlich waren all diese Tiere von Gott geschaffen, und nur eine Art – der Mensch – hatte ihre Unschuld verloren. Aus Sicht der Gelehrten bestand die Funktion des Tierreichs darin, den Menschen als Beispiel zu dienen. Anstatt zu fragen, ob die Beschreibungen im »Physiologus« irgendeinen Wahrheitsgehalt besaßen, suchten sie bei Tieren nach menschlichen Eigenschaften und den moralischen Werten, die Gott in ihrem Verhalten versteckt hatte.
Daher sind manche Tiere in den Bestiarien schier nicht wiederzuerkennen. Elefanten zum Beispiel wurden als tugendhafteste und klügste Tiere gepriesen, so »mild und sanft«, dass man ihnen sogar eine eigene Religion zuschrieb. Man sagte ihnen nach, »großen Hass« auf Mäuse zu empfinden, hingegen eine solche Liebe zum Land, dass sie in Tränen ausbrachen, wenn sie nur an ihre Heimat dachten. Was die Unzucht betraf, waren sie »überaus keusch«5 und blieben ihrem Partner ein Leben lang treu – und es war ein sehr langes Leben, das 300 Jahre dauerte. Der Ehebruch war ihnen zutiefst zuwider, und sie bestraften diejenigen, die sie auf frischer Tat ertappten. All das würde einen ganz normalen Elefanten, der ausgesprochen polygam lebt, wohl ziemlich überraschen.


Der Drang, in Tieren nach unserem Spiegelbild zu suchen und sie moralisch zu bewerten, setzte sich bis weit in das Zeitalter der Aufklärung hinein fort. Besonders hervorgetan auf diesem Gebiet hat sich der berühmte französische Naturforscher Georges-Louis Leclerc, Comte de Buffon, der in diesem Buch eine Hauptrolle spielt. Der grandiose Comte war eine führende Figur der wissenschaftlichen Revolution und strebte danach, die Naturforschung dem Einfluss der Kirche zu entziehen, was ein wenig paradox anmuten mag. Seine epische, 24 Bände umfassende Enzyklopädie ist nämlich aufgrund ihrer schwülstigen Sprache, die wie die meisten wissenschaftlichen Schriften jener Zeit eher an einen Liebesroman als an eine wissenschaftliche Analyse erinnert, ein lachhaft frömmelnder Wälzer. Seine vernichtenden Urteile über Tiere, deren Lebensweise er missbilligte, etwa die unseres Freundes, des Faultiers (»die niederste Form der tierischen Existenz«6, wie er schrieb), sind fast ebenso absurd wie sein übertriebenes Schwärmen für jene Arten, die er verherrlichte. Er hielt sich einen Biber als Haustier und verstieg sich, beeindruckt von dessen Fleiß, zu solchen Hirngespinsten, dass einem der große Buffon, wenn man die Wahrheit kennt, als große Knallcharge erscheint.
Solche Impulse, Tiere zu vermenschlichen, gibt es noch heute. Pandas sind so niedlich, dass sie einen angeborenen Hegetrieb auslösen und unser Urteilsvermögen trüben. Wir möchten glauben, dass sie linkische, sexfaule Bären sind, die ohne unser Eingreifen nicht überleben würden, und nicht uralte Überlebenskünstler mit einem furchterregenden Biss und einer Vorliebe für wilden Gruppensex.
Ich habe Anfang der Neunzigerjahre bei dem großen Evolutionsbiologen Dr. Richard Dawkins Zoologie studiert, und er brachte mir bei, die Welt auf der Grundlage der genetischen Beziehungen zwischen den Arten zu betrachten – wie der Grad ihrer Verwandtschaft ihr Verhalten beeinflusst. Manches von dem, was ich damals gelernt habe, ist inzwischen aufgrund der wissenschaftlichen Fortschritte überholt, und wir wissen heute, dass die Art, wie man ein Genom auf zellulärer Ebene liest, mindestens genauso entscheidend sein kann wie sein Inhalt (daher teilen wir 70 Prozent unserer DNA mit einem Eichelwurm, sind aber auf einer Dinnerparty um einiges witziger). Ich erwähne dies, um darauf hinzuweisen, dass jede Generation – auch meine – denkt, mehr über Tiere zu wissen als die vorhergehende, und doch täuschen wir uns oft. Ein Großteil der Zoologie ist nicht viel mehr als Rätselraten auf hohem Niveau.
Moderne Methoden helfen uns, besser zu raten. Als Filmproduzentin und Moderatorin von Tiersendungen konnte ich die Welt bereisen und mit einigen der engagiertesten Wissenschaftler sprechen, die vor Ort Feldforschung betreiben, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. In der Masai Mara habe ich eine Zoologin kennengelernt, die den IQ von Tieren testete, in China einen Händler, der Pandapornos verhökerte, ich traf die englische Erfinderin eines Po-o-Meters für Faultiere (es dient wissenschaftlichen Zwecken) und die schottische Autorin des weltweit ersten Wörterbuchs der Schimpansensprache. Ich habe einen betrunkenen Elch gejagt, an Biber-»Hoden« genagt, amphibische Aphrodisiaka probiert, bin von einem Berghang gesprungen, um mit Geiern zu fliegen, und habe versucht, ein paar Brocken Flusspferdisch zu sprechen (auch wenn es nicht auf Anhieb geklappt hat). Diese Experimente haben mir die Augen für viele erstaunliche Wahrheiten über Tiere und den Stand der Tierwissenschaften geöffnet. Mit dem vorliegenden Buch möchte ich diese Wahrheiten mit Ihnen teilen, die größten Irrtümer, Fehler und Mythen, die wir über das Tierreich ersonnen haben – ob sie nun von dem großen Philosophen Aristoteles oder den Nachfahren Walt Disneys in Hollywood stammen –, zusammentragen und dem Leser meine Menagerie der Verkannten vorstellen.
Also, machen Sie sich bereit für diese unglaublichen Geschichten. Erwarten Sie jedoch nicht, dass alle wahr sind.


Der Aal

Aal

Gattung Anguilla
Es gibt kein Tier, über dessen Ursprung und Leben so viele falsche Annahmen und alberne Märchen im Umlauf sind.
Leopold Jacoby, 18797
Der Aal bereitete Aristoteles Kopfzerbrechen. Wie viele Exemplare der große griechische Denker auch aufschnitt, er fand keinen Hinweis auf ihr Geschlecht. Alle anderen Fische, die er in seinem Labor auf der Insel Lesbos untersucht hatte, wiesen leicht auffindbare (und oft überaus wohlschmeckende) Eier und deutlich erkennbare innen liegende Hoden auf. Der Aal hingegen schien vollkommen geschlechtslos zu sein. So musste der ausgesprochen methodisch vorgehende Naturphilosoph, als er im 4. Jahrhundert vor Christus sein wegweisendes zoologisches Werk schrieb, einräumen, dass der Aal »weder aus der Paarung noch aus einem Ei hervorgeht«, sondern stattdessen aus den »Eingeweiden der Erde«8 geboren wird und aus eigenem Antrieb aus dem Schlamm hervorbricht; die Wurmhäufchen, die wir im feuchten Sand finden, hielt Aristoteles für aus dem Boden hervorgedrungene Aalembryos.
Aristoteles war der erste echte Wissenschaftler und der Urvater der Zoologie. Er stellte scharfsinnige wissenschaftliche Beobachtungen über Hunderte von Geschöpfen an, aber es überrascht mich nicht, dass ihn der Aal austrickste. Diese gerissenen Gesellen wissen ihre Geheimnisse gut zu verbergen. Die Vorstellung, dass sie aus der Erde hervorgehen, ist aberwitzig, aber nicht aberwitziger als die Wahrheit, beginnt der Europäische Flussaal, Anguilla anguilla, sein Leben doch als Ei, das in der Finsternis eines Unterwasserwalds in der Sargassosee ausgesetzt wird, dem tiefsten und salzigsten Abschnitt des Atlantiks. Als winziger Hauch von Leben, nicht größer als ein Reiskorn, begibt er sich von dort aus auf eine bis zu drei Jahre dauernde Odyssee zu den Flüssen Europas. Während dieser Zeit vollzieht er eine Transformation, die so radikal ist, als würde sich eine Maus in einen Elch verwandeln. Danach lebt er jahrzehntelang im Schlamm und legt sich einen Fettvorrat zu, um dann erneut die strapaziöse, 6000 Kilometer lange Reise zu seinem unergründlichen ozeanischen Schoß auf sich zu nehmen, wo er in den dunklen Klüften des Kontinentalschelfs laicht und stirbt.
Dass der Aal erst nach seiner vierten und letzten Metamorphose ganz am Ende seines außerordentlich merkwürdigen Lebens geschlechtsreif wird, hat dazu beigetragen, dass seine Ursprünge lange im Dunkeln blieben, und ihm einen mystischen Status verliehen. Der Wunsch, seine Geheimnisse aufzudecken, hat im Laufe der Jahrhunderte einen Wettstreit zwischen Nationen ausgelöst, Menschen in die entlegensten Winkel der Meere getrieben und den klügsten Köpfen in der Geschichte der Zoologie keine Ruhe gelassen. Und alle schienen sich darin überbieten zu wollen, wer mit der verrücktesten Theorie zur Genese des Aals aufwarten konnte. Aber so abwegig diese auch waren, nichts kam an die wahre Geschichte des gemeinen Flussaals heran, die alles andere als gewöhnlich ist: Sie handelt von Nazis, die Aale verhungern ließen, besessenen Gonadenjägern, waffenliebenden Fischern, dem berühmtesten Psychoanalytiker der Welt – und mir.


Auch ich war in meiner Kindheit regelrecht besessen von Aalen. Als ich ungefähr sieben Jahre alt war, grub mein Vater eine gusseiserne Badewanne in unserem Garten ein, und von da an wurde es zu meinem Hauptzeitvertreib, diesen sterilen Behälter zur Körperreinigung von Menschen in ein perfektes Teichökosystem zu verwandeln. Ich war ein wissbegieriges Kind und nahm meine Aufgabe äußerst ernst. Jeden Sonntag fuhr mein Vater mit mir in das von Wassergräben durchzogene Marschland von Romney Marsh, wo ich glückliche Stunden damit verbrachte, mit einem improvisierten Kescher, den er mir aus alten Tüllgardinen gebastelt hatte, nach allen möglichen Lebensformen zu fischen. Wenn wir uns am Nachmittag erfolgreich auf den Heimweg machten, beseelt vom Eifer viktorianischer Forscher, schwappte unsere Unterwasserbeute auf der Ladefläche seines uralten Mini-Pick-ups und wartete darauf, identifiziert und meinem Wasserkönigreich einverleibt zu werden. Wir hatten immer zwei von jeder Tierart: Seefrösche, Teichmolche, Stichlinge, Taumelkäfer und Wasserläufer, sie alle kamen zur Party in meinem Teich. Nur leider keine Aale. Zwar gingen sie mir ins Netz, aber der Versuch, ihre glitschigen Körper in einen Eimer zu verfrachten, war, als wollte man Wasser festhalten. Jedes Mal, wenn ich einen zu packen bekam, entwischte er mir und schlängelte sich über Land in Sicherheit – mehr einer Schlange ähnelnd als einem Fisch aus dem Wasser. Die Jagd auf die schlüpfrigen Tiere wurde zu meiner Suche nach dem Heiligen Gral.
Was ich allerdings nicht wusste: Wenn ich erfolgreich gewesen wäre, hätten die Aale meiner netten Teichgesellschaft ein Ende bereitet, weil sie nämlich alle anderen Gäste verspeist hätten. In der Süßwasserphase ihres Lebens fressen sich Aale wie Profiboxer ein Kampfgewicht an und bereiten sich so auf den langen Rückweg in die Sargassosee vor, um dort zu laichen. Mit diesem Ziel vertilgen sie alles, was sich bewegt – sie fressen sich sogar gegenseitig. Ihr räuberischer Appetit wurde durch ein grauenhaftes Experiment nachgewiesen, das zwei französische Wissenschaftler Ende der Dreißigerjahre in Paris durchführten. Die Forscher setzten tausend Glasaale – also junge, etwa acht Zentimeter lange Tiere – in ein Wasserbecken. Obwohl die Fische täglich gefüttert wurden, waren ein Jahr danach nur noch 71 Exemplare übrig, nun allerdings dreimal so lang. Wiederum drei Monate später blieb, nach »täglichen Szenen von Kannibalismus«9, wie es ein Lokaljournalist beschrieb, nur noch ein Sieger übrig, ein 33 Zentimeter langes Weibchen. Es lebte noch vier Jahre allein weiter, bis ihm schließlich die Nazis den Garaus machten, wenn auch nicht mit Absicht – bei der Besetzung von Paris wurde der Wurmnachschub abgeschnitten.
Diese Horrorgeschichte hätte die früheren Generationen von Naturforschern schockiert, die den Aal für einen harmlosen Vegetarier mit einer besonderen Vorliebe für Erbsen hielten – angeblich waren die Aale so versessen darauf, dass sie ihre nassen Gefilde verließen, um sich an Land auf die Suche nach ihrem Lieblingsgemüse zu machen. Solche Berichte waren dem im 13. Jahrhundert lebenden Dominikanermönch Albertus Magnus zu verdanken, der in seinem Buch »De Animalibus« anmerkte: »Der Aal kommt auch nachts aus dem Wasser, wo er Erbsen, Bohnen und Linsen findet.«10 Dass sich der Aal wie ein Hippie ernährte, war noch 1893 die gängige Meinung, als in einem Buch über die Geschichte skandinavischer Fische die »Beobachtungen« des Mönchs durch saftige Soundeffekte ergänzt wurden. Das Anwesen der Gräfin Hamilton wurde von einer Invasion von Aalen heimgesucht, die mit »einem schmatzenden Geräusch, wie es die Schweine beim Fressen machen« ihr Gemüse verschlangen. Es mag ihnen an Manieren gemangelt haben, aber die Aale der Gräfin waren immerhin so anspruchsvoll, dass sie »nur die weiche und saftige Haut verzehrten«11 und den Rest übrig ließen. Auch wenn es stimmt, dass Aale dank ihrer feuchten, atmenden Haut ganze 48 Stunden an Land überleben können – eine Anpassung, die es ihnen erlaubt, sich in Trockenzeiten auf die Suche nach einem anderen Teich zu machen –, waren die Berichte über ihre Landausflüge, bei denen sie Erbsen stahlen und geräuschvoll verzehrten, reine Fantasie.
Die gefräßigen Süßwasserjahre des Aals führen zu einem beeindruckenden Größenwachstum, wenn auch vielleicht nicht in dem Maße, wie es uns die alten Naturforscher weismachen wollten. Wenn es um Fische geht, neigt der Mensch zwar zu unglaublichem Anglerlatein nach dem Motto: »Da ist mir so ein Riesenbrocken entwischt.« Trotzdem war die Behauptung des bedeutenden römischen Naturforschers Plinius in seinem Monumentalwerk »Naturalis Historia«, dass Aale aus dem Ganges »dreißig Fuß«12, also zehn Meter lang würden, selbst für dieses arg strapazierte Reich der Lügenmärchen eine dreiste Übertreibung. Izaak Walton, Autor einer Anglerbibel aus dem 17. Jahrhundert mit dem Titel »The Compleat Angler«, bewies bei der Beschreibung eines in Peterborough gefangenen Aals etwas mehr Zurückhaltung und bezifferte seine Länge auf »einen Yard und drei Viertel«, also ungefähr 1,60 Meter. Zweiflern nahm Walton den Wind aus den Segeln, indem er, vielleicht etwas voreilig, hinzufügte: »Wenn Sie mir nicht glauben, überzeugen Sie sich selbst in einem der Kaffeehäuser in der King Street in Westminster« (wo er vermutlich fröhlich Cappuccino schlürfte und die anderen Gäste mit Geschichten seiner Jugendabenteuer auf See erfreute). Noch gemäßigter fällt das Ergebnis von Dr. Jorgen Nielsen vom Zoologischen Museum in Kopenhagen aus, der einen toten Aal aus einem Teich in Dänemark untersuchte. Tom Fort gegenüber, dem Autor von »The Book of Eels«, gab er an, das Prachtexemplar habe es auf 1,25 Meter gebracht.

Der Aal in Adriaen Coenens Fischalmanach (»Visboeck«, begonnen 1577) ist ein wahrhaftes Ungeheuer, das es auf kolossale »40 Fuß« brachte (damit war er seit der Beschreibung des römischen Naturforschers Plinius noch einmal um zehn Fuß gewachsen).

Das glitschige Ungeheuer ereilte leider ein früher Tod, denn der Eigentümer des Teichs hatte es dabei erwischt, wie es seinen geliebten Zierwasservögeln nachstellte, und erschlug es mit der Schaufel.
Die Aale, die ich fing, waren ein bisschen kleiner, nur ungefähr so lang und dick wie ein Bleistift. Sie waren zweifellos erst am Anfang ihrer Süßwasserphase, die zwischen sechs und 30 Jahren dauern kann. Man weiß von Aalen, die weitaus älter wurden. Ein schwedisches Exemplar mit dem Spitznamen Putte, das 1863 in der Nähe von Helsingborg als Glasaal gefangen und in einem öffentlichen Aquarium gehalten wurde, starb mit 88 Jahren. Begleitet von umfassender Berichterstattung wurde Puttes Tod betrauert, sein rekordverdächtiges Alter brachte ihm einen Berühmtheitsstatus ein, wie er einem langen, schleimigen Fisch normalerweise nicht zuteilwird.
Aale, die dieses Alter erreichen, hat man durch die Gefangenschaft davon abgehalten, ihrem natürlichen Drang folgend ins Meer zurückzukehren. Auch wenn die Wahl eines Aals als Haustier ungewöhnlich erscheinen mag – er eignet sich nicht zum Kuscheln –, weinte der römische Redner und Senator Quintus Hortensius angeblich beim Tod seines Aals, den er »lange hielt und außerordentlich liebte«13. Angesichts dessen bin ich eigentlich ganz erleichtert darüber, dass es mir nie gelungen ist, einen Aal zu fangen. Ich hätte ihn womöglich noch heute am Hals.
Die lange, gefräßige Süßwasserphase des Aals ist jedoch nur eines von vielen Stadien, die dieser Fisch durchläuft (wenn auch das einzige, das ich und zahllose andere Naturforscher im Lauf der Jahrhunderte studieren konnten). Es bietet keinen Hinweis auf seine restlichen Lebenszyklen – Geburt, Fortpflanzung und Tod –, all das vollzieht sich verborgen im Meer und unter so merkwürdigen Umständen, dass man seit über 2000 Jahren auf der ganzen Welt alles daransetzt, die geheimnisvollen Gonaden des Tiers zu lokalisieren.


Aristoteles war der Erste, der sich an der Genese dieses offenkundig geschlechtslosen Fisches die Zähne ausbiss. Er ordnete den Ursprung des Aals seiner Theorie der spontanen Erzeugung unter, die er großzügig bei einer bunten Vielfalt von Lebewesen anwandte – von Fliegen bis zu Fröschen –, deren Vermehrung ihm unerklärlich erschien. Plinius der Ältere brach einige Jahrhunderte später mit den Vorstellungen seiner griechischen Vorgänger und entwickelte seine eigenen fantasievollen Theorien über die Fortpflanzung des Aals; er glaubte, dass sie sich fortpflanzen, indem sie sich an Felsen reiben, und »die Abschilferungen werden lebendig«. In der Hoffnung, diesbezüglich das letzte Wort zu haben, schloss der römische Naturforscher kategorisch: »Dies ist die einzige Art, wie sie sich vermehren.«14 Plinius’ asexuelle Reibung war jedoch reine Erfindung.
In den folgenden Jahrhunderten sprossen fantastische Gerüchte über die Reproduktion des Aals wie Pilze aus dem Boden. Aale schlüpften angeblich aus den Kiemen anderer Fische, entstanden aus süßem Morgentau (aber nur in bestimmten Monaten) oder aus rätselhaften »elektrischen Störungen«. Ein »ehrwürdiger Bischof«15 gab der Royal Society gegenüber an, er habe junge Aale gesehen, die auf einem Reetdach geboren worden waren. Die Eier, behauptete er, hätten zwischen den Schilfrohrstängeln gesteckt und wären durch die Sonnenwärme ausgebrütet worden. Nicht alle kirchlichen Naturforscher standen derart zweifelhaften Geschichten so aufgeschlossen gegenüber. In seiner »History of the Worthies of England« spottete Thomas Fuller über den in den Moorgegenden Cambridgeshires weitverbreiteten Glauben, dass die illegitimen Frauen und Kinder von Priestern vor der Verdammnis gerettet würden, indem sie die Form eines Aals annahmen. Das, so sagte er, sei eindeutig »eine Lüge«. Um den Ernst der Angelegenheit zu unterstreichen, schob er hart urteilend hinterher: »Zweifellos hat der Urheber einer so verdammenswerten Unwahrheit inzwischen seinen gerechten Lohn erhalten.« Vielleicht indem er sein restliches Leben als Nacktschnecke fristen musste.
Die Wissenschaftsgenies der Aufklärung fegten solche fantastischen Geschichten mit sehr viel weniger albernen – wenn auch kein bisschen zutreffenderen – Theorien beiseite. Antoni van Leeuwenhoek, der holländische Pionier der Mikroskopie, der sowohl die Bakterien als auch die Blutzellen entdeckte, vertrat die glaubhafte, aber irrige Hypothese, dass Aale wie Säugetiere vivipar seien, also ihre Eier im Mutterleib befruchtet würden und die Weibchen lebende Junge zur Welt brächten. Immerhin wandte van Leeuwenhoek die wissenschaftlichen Methoden seiner Zeit an, indem er seine Annahme auf Beobachtungen stützte. Er hatte in seine Linse geblickt und etwas gesehen, das Babyaalen ähnelte, in einem Gebilde, das er für den Uterus des Fisches hielt. Leider waren diese angeblichen Säuglinge in Wirklichkeit parasitische Würmer, die sich in der Blase des Aals eingenistet hatten und schon von Aristoteles fast 2000 Jahre zuvor als solche verworfen worden waren.
Der schwedische Botaniker und Zoologe Carl von Linné behauptete im 18. Jahrhundert ebenfalls, dass Aale vivipar seien, er habe etwas, von dem er glaubte, dass es Babyaale seien, im Innern eines ausgewachsenen Weibchens gesehen. Gewiss wollte sich niemand mit dem großen Vater der Taxonomie anlegen – einem Mann, der so pedantisch war, dass er sogar seinen eigenen Namen latinisierte und sich Carl Linnaeus nannte. Doch als sich herausstellte, dass der Meister der Klassifizierung die Arten durcheinandergebracht hatte, ließ sich ein Streit nicht mehr vermeiden. Die peinliche Wahrheit war, dass Linné gar keinen Aal seziert hatte, sondern einen Aal-Doppelgänger, ein ähnlich aussehendes Tier namens Aalmutter. Diese Fischart gebar ihre Nachkommen ungewöhnlicherweise lebend, war jedoch nicht mit dem Aal verwandt. Was allerdings nicht bedeutete, dass Linnés Kritiker mit korrekten Fakten aufwarteten. Eine der Autoritäten, die seine Arbeit überprüften, warf ihm vor, die Arten verwechselt zu haben – verkündete beeinflusst von Aristoteles jedoch, dass die jungen Aale, die der Schwede entdeckt hatte, parasitische Würmer seien. Damit ließ er die Auffassung, dass Aalmuttern lebende Junge zur Welt brachten, als unrichtig und fragwürdig erscheinen.
In dieses hochtrabende akademische Gefecht mischte sich ein beherzter Außenseiter. Im Jahr 1862 posaunte der Schotte David Cairncross in die Welt hinaus, dass er, ein bescheidener Ingenieur aus Dundee, endlich das Rätsel des Aals gelöst habe, mit dem sich Generationen von Philosophen und Naturforschern herumgeschlagen hatten. »Der Leser wird hiermit darüber informiert, dass … der Erzeuger des Blankaals ein kleiner Käfer ist«, verkündete er mit der Großmäuligkeit eines Menschen, der wirklich nicht die geringste Ahnung hat. Seine enthusiastische, wenn auch wissenschaftlich fragwürdige Theorie – nach seinen Angaben das Ergebnis von 60 Jahren fortlaufender Experimente – floss in ein kleines Buch mit dem Titel »The Origin of the Silver Eel« ein.
Zu Beginn seiner Abhandlung entschuldigte sich Cairncross zunächst einmal für sein mangelndes Interesse daran, sich jedwede Regel und Norm der zeitgenössischen Wissenschaft anzueignen. »Man kann nicht von mir erwarten, dass ich mit den von Naturforschern zur Klassifizierung der unterschiedlichen Tiere verwendeten Namen und Begriffen vertraut bin, da meine Kenntnisse solcher Bücher begrenzt sind«, schickte er zu seiner Verteidigung voraus. Seine unkonventionelle, wenn auch ziemlich bequeme Lösung bestand darin, »meine eigenen Namen und Begriffe zu verwenden«. Das bedeutete, dass er eine neue Klassifizierung der Tiere in drei unsinnige Gattungen vornahm, angesichts derer sich Linné im Grabe herumgedreht hätte, und dass es noch schwieriger wurde, die ohnehin verwirrende Theorie des Schotten zu verstehen.
Cairncross’ Entdeckungsreise beginnt im zarten Alter von zehn Jahren, als er einige »Haaraale« (seine Bezeichnung) in einer offenen Abflussrinne beobachtete. »Woher mögen die wohl kommen?«, überlegte er. Ein Freund erzählte ihm von einem verbreiteten Volksglauben, wonach junge Aale »vom Schwanz der Pferde fallen, während diese trinken; und das Wasser erweckt sie zum Leben«. Der junge Cairncross machte sich über diese höchst unwahrscheinliche Erklärung lustig, ehe er selbst auf eine ebenso unplausible Idee kam. Dazu angeregt hatten ihn ein paar tote Käfer, die am Grund derselben Rinne dümpelten. Vielleicht gab es zwischen den beiden Tieren ja einen Zusammenhang? Dem Schotten ging diese faszinierende Geschichte zwei Jahrzehnte lang nicht mehr aus dem Kopf, »meine Gedanken kehrten oft zu diesem Mysterium zurück«, erinnerte er sich.
Eines Sommers erspähte der erwachsene Cairncross dann einen ähnlich aussehenden Käfer in seinem Garten in Dundee. Er beobachtete das Tier aufmerksam und versuchte, seine Gedanken zu lesen, während es entschlossen auf eine Pfütze zumarschierte und sich hineinstürzte. Der Käfer, so Cairncross, »sieht sich ein bisschen um«, bevor er »in einem ziemlich verstörten Zustand« wieder aus seinem Badeteich herausklettert. Wie Cairncross zu seiner Diagnose über den psychischen Zustand des Käfers gelangte, ist leider unbekannt. Die einzige Illustration des Buchs jedoch bietet dem Leser eine wertvolle Hilfe, um das merkwürdige Verhalten des Käfers zu verstehen, das nun folgt. Darunter steht: »Der Käfer beim Geburtsvorgang«, und sie zeigt Cairncross’ ungewöhnlichen Helden auf dem Rücken liegend, wobei zwei Gebilde, die Lassos ähneln, aus seinem Hinterteil austreten. Wie der Schotte behauptet, gebar der Käfer zwei Fische.

Lucy Cooke

Über Lucy Cooke

Biographie

Lucy Cooke wuchs in Sussex, England, auf und studierte Biologie in Oxford. Sie arbeitet als Dokumentarfilmemacherin (u.a. für BBC, PBS, Discovery, National Geographic) und Moderatorin (BBC1, National Geographic). Ihre Dokumentation "Meet the Sloths" fand so viele Fans, dass sie das Buch "A Little...

Inhaltsangabe

Einleitung 


Der Aal   
Der Biber 
Das Faultier 
Die Hyäne  
Der Geier  
Die Fledermaus   
Der Frosch  
Der Storch  
Das Flusspferd  
Der Elch  
Der Panda  
Der Pinguin  
Der Schimpanse   
Schluss 


Dank 
Bildnachweis  
Anmerkungen 

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