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Der Erzmagier

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Dunkle Götter 3

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Der Erzmagier — Inhalt

Der Preis der Magie ist hoch. Sie fordert Entbehrungen und Opfer, und beschwört mächtige Feinde. Der junge Mort hat im Kampf gegen die Gododdin bewiesen, dass er über eine Macht gebietet, die größer ist als die von Königen. Doch dadurch wird er zu einer Bedrohung, selbst für jene, für die er einst zu Felde zog. Feindschaft und Intrige bedrohen das Glück seiner jungen Familie. Selbst Morts Fähigkeiten als Erzmagier können sie nicht vor der Skrupellosigkeit seiner Gegner schützen. Der einzige Weg, um gegen die Dunkelheit bestehen zu können, führt Mort selbst in tiefste Finsternis ... Der düstere Höhepunkt der »Dunkle Götter«-Reihe!

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 14.04.2014
Übersetzt von: Jürgen Langowski
544 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96601-6

Leseprobe zu »Der Erzmagier«

Kapitel 1


Vorsichtig stieg ich auf der Steintreppe in die unteren Regionen der Burg Lancaster hinab. In meiner Jugend hatte ich zwar viel Zeit auf der Burg verbracht, doch in diesen Bereich hatte ich mich nie vorgewagt.
James Lancaster war allseits als ein gerechter und nachsichtiger Lehnsherr bekannt. Deshalb waren die Verliese der Burg während seiner Regentschaft bislang kaum benutzt worden, sah man von den gelegentlich hier eingesperrten Dieben einmal ab. In der letzten Zeit hatte der Krieg gegen Gododdin die Lage allerdings ein wenig verändert, [...]

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Kapitel 1


Vorsichtig stieg ich auf der Steintreppe in die unteren Regionen der Burg Lancaster hinab. In meiner Jugend hatte ich zwar viel Zeit auf der Burg verbracht, doch in diesen Bereich hatte ich mich nie vorgewagt.
James Lancaster war allseits als ein gerechter und nachsichtiger Lehnsherr bekannt. Deshalb waren die Verliese der Burg während seiner Regentschaft bislang kaum benutzt worden, sah man von den gelegentlich hier eingesperrten Dieben einmal ab. In der letzten Zeit hatte der Krieg gegen Gododdin die Lage allerdings ein wenig verändert, wenngleich nicht so sehr, wie man es hätte erwarten können. In diesem Krieg hatte es keine Gefangenen gegeben, dafür hatte ich gesorgt. Die Erinnerung an die Schlacht war immer noch frisch, und hin und wieder erwachte ich mitten in der Nacht und zitterte am ganzen Leib, auch wenn ich mich nur selten an die Träume erinnern konnte, die meinen Schlummer gestört hatten.
Heute war ich gekommen, um eins der Probleme zu lösen, um die ich mich seit Ende des Krieges noch nicht hatte kümmern können. Einer meiner Verbündeten, aus dem beinahe sogar ein Freund geworden wäre, hatte sich am Ende gegen mich gewandt. Allerdings war es kein schlichter Verrat gewesen, und Cyhan hatte durchaus seine Gründe gehabt. Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, konnte man sogar behaupten, ich hätte eher ihn hintergangen als er mich. Denn der Krieger, der hier eingesperrt war, hatte sich im Grunde vollkommen ehrenhaft verhalten und war dem Vertrauen, das der König in ihn gesetzt hatte, gerecht geworden. Doch ebendieser König hatte mich zum Gesetzlosen erklärt. Je genauer ich die Sache betrachtete, desto stärker kam ich zu der Gewissheit, dass Cyhan es nicht verdient hatte, in der Zelle zu sitzen.
Keiner dieser Gedanken war mir neu; ich hatte sie seit der Schlacht vor der Burg Cameron beinahe täglich hin und her gewälzt. Eigentlich hätte ich schon viel eher herkommen müssen, doch tausend dringendere Angelegenheiten hatten mich davon abgehalten, und in meinen seltenen freien Momenten hatte ich gezaudert – was daran lag, dass dies keine Unterhaltung war, auf die ich mich freute.
Nun stand ich vor einer massiven Holztür und spürte mit meinem Magiersinn den Mann, der drinnen wartete. Schon lange, bevor ich an der Tür eingetroffen war, hatte er mich gehört, aber das war keine Überraschung. Das Verlies war sehr dunkel und still, jedes Geräusch schien hier tausendfach verstärkt zu werden. Obwohl James mich gedrängt hatte, mehrere Wächter mitzunehmen, war ich allein gekommen. Bei unserer letzten Begegnung war Cyhan fest entschlossen gewesen, mich möglichst bald ins Grab zu befördern.
Den angebotenen Begleitschutz hatte ich vor allem abgelehnt, weil ich allein mit ihm reden wollte. Außerdem waren die Wächter – falls er wirklich gewalttätig wurde – ohnehin keine große Hilfe. Der erfahrene Veteran war vermutlich der geschickteste und gefährlichste Krieger, dem ich je begegnet war. Wenn ich ihn nicht selbst aufhalten konnte, bedeuteten die Wachen ohnehin nichts anderes als ein paar zusätzliche Todesfälle. Ich hätte schon jemanden wie Dorian mitnehmen müssen, wenn ich ernstlich mit Gewalttaten gerechnet hätte.
Schließlich schöpfte ich tief Luft, zog den Riegel weg und sperrte die Tür mit einem Gedanken und einem Wort auf. Den Schlüssel hatte ich nicht mitgebracht, denn Schlösser stellten kein großes Hindernis mehr für mich dar. Der Geruch in der Zelle war alles andere als angenehm. Der Mann, den ich aufsuchte, saß am anderen Ende des Raums und beobachtete aufmerksam mein Eintreten. Er machte keine Anstalten, sich zu erheben.
Ich betrachtete ihn genau. Cyhan war zerlumpt, aber bei guter Gesundheit. James hatte dafür gesorgt, dass der Gefangene mit sauberem Wasser und anständigem Essen versorgt wurde. Die Haare waren ungekämmt, ich konnte jedoch erkennen, dass er sich bemüht hatte, sich gelegentlich zu waschen. Ein Mann wie Cyhan ging nicht in dumpfer Verzweiflung unter. »Du siehst schlimm aus«, begrüßte ich ihn zwanglos. Normalerweise beginne ich Gespräche lieber mit einem Kompliment, aber mir war keines eingefallen.
Er schnitt eine Grimasse. Die Miene schien beinahe von Humor zu künden, doch die Regung war vorüber, ehe ich sie richtig erkennen konnte. Eine Antwort schenkte er mir nicht.
»Ich bin gekommen, um die Dinge zwischen uns ins Lot zu bringen«, fügte ich hinzu.
»Dann hast du also einen Tag bestimmt«, entgegnete Cyhan.
Beinahe hätte ich ihn gefragt, was er damit meine, aber dann dämmerte mir, dass er offenbar auf seine Hinrichtung anspielte. »Ich habe nicht die Absicht, dich zu töten«, widersprach ich.
»Dann bist du ein Narr.«
»Erstaunlich, dass du nie ein Ratgeber des Königs geworden bist, denn als Krieger verschwendest du nur deine übergroße Liebenswürdigkeit«, antwortete ich sarkastisch. »Ich bin gekommen, um dir einen Ausweg anzubieten.«
»Vergiss es. Ich habe getan, was ich geschworen hatte. Meine Entscheidungen habe ich selbst getroffen, und im Gegensatz zu einigen anderen habe ich meine Eide nicht gebrochen.« Sein Blick durchbohrte mich, als er mir dies sagte. Es war ein bewusster Versuch, mich zur Weißglut zu reizen.
»Als du das letzte Mal so mit mir umgesprungen bist, ist mir der Kragen geplatzt. Mit dieser Taktik verschwendest du heute nur deine Zeit«, entgegnete ich. Tatsächlich hatte er beim letzten Mal meine Mutter als Versagerin gebrandmarkt, woraufhin ich versucht hatte, ihn anzugreifen. In den letzten Monaten waren aber zu viele Dinge geschehen, als dass ich wegen derart läppi-scher Beleidigungen noch die Fassung verloren hätte.
»Wenigstens lernst du dazu«, räumte er ein. »Trotzdem, meine Haltung wird sich nicht verändern. Deine einzige Möglichkeit besteht darin, mich zu töten.«
»Ich entscheide selbst, welche Möglichkeiten ich habe«, widersprach ich ruhig, »und du wirst dir anhören, was ich zu sagen habe, ehe du deine Wahl triffst.«
Er verschwendete kein Wort auf eine Antwort, sondern stand lediglich langsam, behutsam und ein klein wenig drohend auf. Ich beobachtete ihn genau und sprach weiter: »Der König hat mir neulich eine Botschaft geschickt.« Nun war mir die Aufmerksamkeit des älteren Kriegers sicher. Seine Körpersprache verriet mir, dass ich sein Interesse geweckt hatte.
»Und?«, fragte er.
»Er wünscht ein geheimes Treffen. Die Gründe hat er nicht genannt, aber ich rechne damit, dass er einen Ausweg aus unserer unerfreulichen politischen Situation sucht.«
»Er wünscht deinen Tod. Dein Sieg hier hat für ihn ebenso viele Probleme geschaffen wie gelöst«, entgegnete Cyhan.
»Ich hätte nicht gedacht, dass dir dies immer noch wichtig ist.« Meine Bemerkung war zwar sarkastisch gemeint, doch verriet mir die Intuition, dass ich nicht sehr weit von der Wahrheit entfernt war.
»Ich glaube, du bist der Untergang der Menschheit, und mein Eid gebietet mir, dich zu töten, nachdem du die Bindung gebrochen hast.« Er hielt einen Augenblick inne, ehe er fortfuhr: »Trotzdem, stünden die Dinge anders, würde ich dich gern als Freund bezeichnen.«
Beinahe hätte ich mich verschluckt. Das musste aus dem Munde dieses wackeren Kriegers als ein äußerst gefühlvolles Eingeständnis gelten. Ich überspielte meinen Schreck mit einem kurzen Lachen. »Du überraschst mich immer wieder. Ehrlich gesagt, ich bin überzeugt, dass du sogar deine eigene Mutter töten würdest, wenn sie an meiner Stelle wäre.«
Er starrte mich unverwandt an, was meine Vermutung viel nachdrücklicher bestätigte, als zahlreiche Worte es vermocht hätten. So beunruhigend diese Vorstellung auch sein mochte, sie war immerhin stimmig. Ich fuhr fort: »Glaubst du denn immer noch, ich werde verrückt? Seit der Auflösung der Bindung ist schon mehr als ein Monat vergangen.«
»Wie soll ich das wissen? Der Wahnsinn kann viele Formen annehmen. Hörst du nach wie vor die Stimmen?«, fragte er. Es klang nach aufrichtiger Neugierde.
»Gewiss. Ich höre sie jetzt sogar ständig und habe mich daran gewöhnt. Es ist lange nicht mehr so beunruhigend, wenn man weiß, was die Stimmen repräsentieren«, erwiderte ich gelassen. In Wirklichkeit hörte ich das tiefe Pochen der Erde sogar in diesem Augenblick, und in der Luft lag ein Murmeln, das ich inzwischen mit dem Wind in Verbindung brachte. Die ganze Welt war lebendig, ich hörte sie mit tausend Stimmen leise flüstern. Da ich inzwischen wusste, was ich da zu hören bekam, hatte ich bei Weitem nicht mehr so viel Angst wie zu Beginn.
Als ich sprach, zog ein Schatten über Cyhans Gesicht, und er wandte sich ab. »Sag mir … was repräsentieren sie?« Scheinbar klang es ruhig, doch meinem Magiersinn entging die zunehmende Spannung in seinem Körper nicht.
»Die Welt ist lebendig, und wer die richtigen Ohren hat, kann sie sprechen hören. Das ist alles«, entgegnete ich.
»Du sagst so etwas und erwartest immer noch, dass ich dich nicht für verrückt halte?«
»Vor dem Großen Sturz kannten die Magier keine Bindung. Einige konnten die Stimme der Erde hören und deren Kräfte zu Hilfe rufen. Moira Centyr hat Balinthor nicht mit der Magie allein besiegt«, antwortete ich.
»Lügen! Hat dir ein dunkler Geist diese Dinge eingeflüstert, damit du deinen Wahnsinn mit Macht verwechselst?« Mit wütend verzerrtem Gesicht drehte sich Cyhan zu mir herum.
»Nein. Ich habe es in einem Geschichtsbuch gelesen, das nicht lange nach dem Großen Sturz entstanden ist. Im Haus meines Vaters gibt es eine umfangreiche Bibliothek, die vor feindseligen Priestern und Politikern gut geschützt wird.«
»Was soll das heißen?«
»Genau das, was ich gesagt habe. Ob du es glaubst oder nicht, ist deine Sache«, entgegnete ich ruhig.
»Natürlich glaube ich es nicht«, gab er zurück.
»Natürlich nicht. Denn wenn du es als wahr annähmest, müsstest du vieles, was man dich gelehrt hat, als Lüge verwerfen und einsehen, dass die Wahrheiten, auf die sich dein Eid gründet und denen du dein Leben gewidmet hast, falsch sind.«
»Du vergeudest deine Zeit«, knurrte der ältere Mann halblaut.
»Beantworte mir eine Frage. Falls du mir irgendwann glauben kannst – sofern du eines Tages erfahren solltest, dass der größte Teil dessen, was man dich gelehrt hat, falsch ist –, was würdest du dann tun?«
Cyhan hielt einen Augenblick inne und dachte ernsthaft darüber nach. Ehe er antwortete, schlich sich etwas wie Trauer in seine Augen. »Ich würde meinen Eid erfüllen.«
»Was für eine Dummheit! Welche Bedeutung hat die Ehre, wenn sie nicht der Vernunft dient?«, fragte ich.
Seine Miene war todernst, als er mir antwortete: »Die Ehre ist alles, was mir bleibt, und sie bedeutete nichts mehr, könnte ich meine Gelübde nach Belieben brechen.«
»Sie ist noch schlimmer als nichts, wenn sie nicht dem Gewissen eines Mannes unterworfen ist!«, fauchte ich. Trotz meiner Zurückhaltung war es dem kräftigen Krieger doch noch gelungen, mich zum Zorn zu reizen. Nicht, dass meine Empörung irgendeine ersichtliche Wirkung zeitigte. »Ich kann kaum glauben, dass du nicht bereit sein solltest, auf Vernunftgründe zu hören.« Damit kehrte ich ihm den Rücken und trat wieder auf den Gang hinaus. »Komm schon.« Ich winkte ihm, mir zu folgen. »Es ist Zeit, dass du gehst.«
Er folgte mir auf den Gang. »Du bist wirklich ein Narr«, murmelte er.
Ich sah ihn nicht einmal an. »Überspann den Bogen lieber nicht.« Mit meinem Magiersinn konnte ich beobachten, wie er sich umsah, als er mir nach oben folgte, aus dem Kerker heraus. Sogar jetzt noch forschte er nach Gelegenheiten – ob zur Flucht oder zum Mord, wollte ich gar nicht wissen. Ich führte ihn durch die Korridore der Burg, bis wir schließlich auf dem Burghof ins Sonnenlicht traten.
»Wohin gehen wir?«, fragte er.
»Zu den Stallungen.« Weitere Erklärungen schenkte ich mir. Ein paar Minuten später erreichten wir die Ställe, wo ich dem Burschen auftrug, mein Pferd zu holen. An diesem Tag war ich nämlich nach Lancaster geritten, statt den Teleportkreis zu benutzen.
Cyhan zog eine Augenbraue hoch, als ich ihm die Zügel reichte. »Was für eine Art Spiel treibst du da mit mir?«, fragte er. Am Ende des Satzes vernahm ich deutlich das Wort »Junge«, auch wenn er es nicht aussprach. Irgendwann während des Krieges gegen Gododdin hatte er zwar damit aufgehört, mich so zu nennen, aber alte Gewohnheiten legt man eben nur schwer ab.
»Der König will mich in zwei Wochen in einem kleinen Dorf namens Tilbrook treffen«, erklärte ich. »Er erwartet meine Antwort, und ich verfüge nicht über viele Boten. Ich entlasse dich in die Dienste des Königs. Du überbringst ihm die Antwort, und ich bin dich los.«
»Soll ich ihm ausrichten, dass du dort sein und den Kopf in die Schlinge stecken wirst?«
»Ich habe nicht die Absicht, dort zu erscheinen. Sage Seiner Majestät, ich werde ihn ein oder zwei Tage nach deiner Ankunft in seinen Gemächern aufsuchen.«
»Das wird ihm wohl nicht gefallen. Solltest du die Absicht haben, dich in den Königspalast zu schleichen, wäre es klug, ihn nicht vorher zu warnen«, meinte er.
»Für einen Mann, der mich töten will, gibst du mir eine Menge guter Ratschläge«, antwortete ich. »Wenn ich ihn vorher warne, sende ich ihm auf einen Streich drei Botschaften. Die erste ist, dass ich nach Belieben kommen und gehen kann, ob er nun eine Vorwarnung erhält oder nicht, und die zweite ist, dass ich ein zivilisierter Mann bin, denn sonst würden wir uns schon jetzt nach einem neuen König umsehen.« Mehr sagte ich zunächst nicht.
»Wie lautet die dritte Botschaft?«
Ich lächelte. »Die ist allein für die Ohren des Königs bestimmt. Sonst gäbe es ja keinen Grund für unseren privaten Plausch.«
Cyhan saß auf und blickte auf mich herab. Seiner Miene sah ich an, dass ihm ein Dutzend Gedanken durch den Kopf schossen. Am Ende beließ er es aber bei einer schlichten Bemerkung. »Ich bedaure schon jetzt unser nächstes Treffen, Mordecai.« Die ruhige Zuversicht, die aus diesen Worten sprach, jagte mir einen Schauer über den Rücken, den ich allerdings rasch mit einem Achselzucken abtat. Schließlich war ich nicht dadurch so weit gekommen, dass ich ängstlich verzagte. Einige Minuten lang blickte ich ihm mit den Augen nach, und sobald ihn die Bäume verdeckten, verfolgte ich ihn mithilfe des magischen Sinns weiter.
Seit Penny und ich die Bindung aufgelöst hatten, war mein Magierblick wieder ebenso scharf wie vorher. Wenn ich mich stark konzentrierte, konnte ich Dinge spüren, die sich etwas mehr als eine Meile entfernt befanden. Verfolgte ich eine bestimmte Person oder einen bekannten Gegenstand, konnte ich die Grenze sogar auf fast anderthalb Meilen erweitern. Soweit ich es zu sagen vermochte, war dies die Grenze meiner Magiersinne, aber ich lernte allmählich, dass es noch andere Wege gab, sich in der Welt umzutun.
Cyhan und das Pferd, das ich ihm gegeben hatte, erreichten gerade die Grenze meiner Wahrnehmung und bewegten sich immer noch in die richtige Richtung – nach Süden zur Hauptstadt hin. Ich beschloss, meine neuen Fähigkeiten zu erproben, holte tief Luft, beruhigte meine Gedanken und lauschte aufmerksam den Stimmen, die mich umgaben. Wie üblich entstand als Erstes ein Gefühl der Verwirrung. Es war mit dem Betreten eines überfüllten Raumes vergleichbar, in dem hundert Gespräche gleichzeitig stattfanden. Der Trick bestand darin, sich zu entspannen und zu lauschen, bis man eine vertraute Stimme erkannte, deren Äußerungen man von da an verfolgen konnte. Dieses Mal hatte ich es auf einen ganz bestimmten Sprecher abgesehen und konzentrierte mich auf das Säuseln des Windes. Im Laufe des letzten Monats hatte ich herausgefunden, dass der Wind ein launenhaftes, chaotisches Wesen war – manchmal leise und sanft, aber dann, ohne Vorwarnung, wild und schrecklich. Mein Geist griff hinaus, während ich den unberechenbaren Strömungen und Gezeiten folgte, bis ich in den weiten Himmel fortgeweht wurde, der voller verstreuter Wolken und von warmem Sonnenlicht erfüllt war. Während sich meine Welt erweiterte, hatte ich Mühe, mich auf das Gebiet rings um Lancaster und auf einen bestimmten Reiter zu konzentrieren, der nicht weit von der Burg entfernt auf der Straße ritt.
Er bewegte sich immer noch nach Süden, und mir war nicht klar, warum ich ihn überhaupt noch beobachtete. Aus irgendeinem Grund wurden die Einzelheiten immer unwichtiger, je weiter sich mein Bewusstsein spannte. Es kam darauf an, das Wissen des sorglosen Windes mit den präzisen Belangen meines sehr begrenzten menschlichen Verstandes in Einklang zu bringen. Öffnete ich mich zu sehr, vergaß ich den Grund, warum ich mich überhaupt umsah, und verlor mich in Tagträumen zwischen nickenden Bäumen und dahineilenden Wolken. Übertrieb ich es aber ins Gegenteil, fand ich nicht das, was ich suchte.
Gedankenverloren stand ich so da, vielleicht eine Stunde, vielleicht einen ganzen Tag … die Zeit spielte keine Rolle mehr. Ich hatte gesehen, wie der winzige Reiter und sein Pferd die Grenze von Lancaster überschritten hatten. Aber diese kleinen Geschöpfe interessierten mich jetzt nicht. Wirklich faszinierend fand ich nun die großen Luftströmungen, die die Wolken nach Südosten trieben. Als mich die Sonne durchflutete, breitete ich mich noch weiter aus, beleuchtete die Erde unter mir und warf die gesprenkelten Schatten der Wolken auf den Boden.
»Mordecai!« Schon wieder brüllte mir jemand ins Ohr. Die Stimme kam mir bekannt vor. Ich blinzelte, was ein seltsames Gefühl war, da ich mich nicht erinnern konnte, dass schon einmal jemand auf diese Weise regelmäßig meinen Blick behindert hatte. Vor mir stand etwas, ein seltsames Wesen mit weichen rotgoldenen Fäden, die es umgaben … wie hieß das noch? Haare. Genau, so nannte ich sie früher, dachte ich bei mir. Außerdem winkte sie mir mit ihren Anhängseln. Sie? Was heißt das denn?, fragte ich mich.
Endlich fügten sich meine zersplitterten Gedanken wieder zusammen, und ich erkannte, dass Ariadne Lancaster vor mir stand und mit den Händen vor meinem Gesicht herumwedelte, um meine Aufmerksamkeit zu gewinnen. »Mordecai! Kannst du mich hören? Sieh mich an!« Es klang aufgeregt. Endlich konnte ich mich auf sie konzentrieren und ihren Blick erwidern.
»Ariadne?«, fragte ich dümmlich. »Was ist los?« Ariadne war die kleine Schwester meines besten Freundes Marcus Lancaster. Sie war zwar ein paar Jahre jünger als wir, hatte sich aber zu einer hinreißenden Schönheit entwickelt und ähnelte ihrer Mutter sehr. Das rotblonde Haar umrahmte ein Elfengesicht, das im Augenblick allerdings höchst besorgt schien.
»Die gleiche Frage sollte ich dir stellen«, erwiderte sie. »Du hast den ganzen Nachmittag hier draußen im Hof gestanden. Ich war schon einmal da, um mit dir zu reden, aber du bist in Trance gewesen, darum habe ich dich lieber in Ruhe gelassen.«
»Den ganzen Nachmittag …«, murmelte ich. Ich hatte immer noch etwas Mühe, diese Worte richtig zu begreifen.
»Ja, den ganzen Nachmittag. Als ich gerade hergekommen bin, um noch einmal nach dir zu sehen, habe ich mir Sorgen gemacht, weil du mir beinahe durchsichtig erschienen bist, als könntest du jeden Augenblick fortwehen. Also habe ich gerufen, um deine Aufmerksamkeit zu erregen, und dich an den Schultern gepackt, konnte dich aber nicht erreichen. Meine Hand ging einfach durch dich hindurch.« Sie hielt inne und schlug mir auf den Arm. »Jetzt bist du wieder ganz fest. Was hast du da bloß gemacht?«
»Ich bin nicht ganz sicher«, erwiderte ich noch immer ein wenig abwesend. »Ich habe Cyhan beobachtet, während er Lancaster verließ … glaube ich.«
»Du bist nicht einmal sicher, was du getan hast? Ich habe mehrere Minuten gebraucht, um deine Aufmerksamkeit zu erregen, denn du hast durch mich durchgestarrt, als wäre ich überhaupt nicht da. Konntest du denn erkennen, ob er sich in die richtige Richtung bewegt hat?« Der Wind war abgeflaut, und ihre Haare lagen jetzt ruhig auf den Schultern.
»In dieser Hinsicht bin ich sicher. Er ist nach Süden in Richtung Albamarl geritten. Falls er heimlich umkehren will, hat er einen wirklich großen Umweg eingeschlagen.« Ganz plötzlich kam mir ein absurder Gedanke: Vom Wind bewegt, hat ihr Haar besser ausgesehen. Eine Bö spielte mit einer Strähne und warf sie hin und her. Habe ich das getan? Ich war nicht sicher, denn ich hatte meine Kräfte nicht eingesetzt. Der Wind war offenbar von selbst aufgekommen.
»Konzentriere dich, Mordecai.« Vor mir schnippte Ariadne mit den Fingern. »Deine Augen sind schon wieder abgeirrt. Muss ich mit Penny darüber sprechen?«
»Nein, mir geht es gut«, log ich. »Ich versuche nur gerade, mich an einige meiner neuen Fähigkeiten zu gewöhnen.« In Wirklichkeit war ich jedoch alles andere als sicher. »Worüber wolltest du denn nun mit mir sprechen, ehe ich dich erschreckt habe?« Ich riss mich zusammen, zog meinen Geist wieder zu mir zurück und setzte mich schon in Richtung des Bergfrieds in Bewegung.
Ariadne hielt Schritt und redete weiter auf mich ein. »Ich wollte dich nach Marcus fragen. Wie geht es ihm?«
Ihr Bruder war nach der Schlacht gegen das Heer aus Gododdin nicht nach Lancaster zurückgekehrt. Seine Göttin hatte sich geweigert, Penny zu heilen, als diese schwer verletzt worden war – angeblich, weil Penny die Bindung zerstört hatte, die meinen Geist abschirmte. Diese Weigerung hatte Marcus veranlasst, sich von der Göttin loszusagen. Danach war ein Gefühl von Leere, Niedergeschlagenheit und Verlorenheit in ihm zurückgeblieben. Seitdem lebte er bei mir auf der Burg Cameron, ich hatte ihn jedoch kaum aufmuntern können. Natürlich machten sich seine Eltern und Geschwister seinetwegen Sorgen.
»Unverändert«, erklärte ich. »Neulich habe ich ihn überredet, mit mir und Dorian ein paar Becher zu leeren, aber besonders umgänglich ist er nicht gewesen.«
Beunruhigt kniff sie die Augenbrauen zusammen. »Ich wünschte, er käme eine Weile nach Hause. Vielleicht könnte ich ihn zur Vernunft bringen.«
Ich hatte ernste Zweifel, ob es hilfreich wäre, wenn ihm seine kleine Schwester auf die Nerven ging, wagte es aber nicht, ihr dies zu sagen, sondern setzte meine beachtlichen Fähigkeiten der Irreführung ein und formulierte den Gedanken etwas anders. »Ich glaube nicht, dass es ihm jetzt hilft, wenn ihm dein Vater Vorträge hält.« Im Laufe der Zeit hatte ich mir doch ein wenig Weisheit erworben.
»Wahrscheinlich hast du damit recht«, stimmte sie zu. »Bleibst du zum Abendessen, oder kehrst du gleich nach Hause zurück?«
Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht, denn bisher hatte ich mich ausschließlich darauf konzentriert, Cyhan auf den Weg zu bringen. Allerdings war ich recht sicher, dass mich Penelope zum Abendessen erwartete. »Eigentlich wollte ich nicht lange bleiben, aber wenn du möchtest, können wir morgen Abend zusammen essen. Dorian freut sich bestimmt auch über die Gelegenheit, seine Mutter zu besuchen.« Dorian lebte bei uns in Washbrook und diente mir als Seneschall und Waffenmeister.
»Ist Rose noch bei euch? Wenn sie dort ist, solltest du auch sie mitbringen«, fügte Ariadne mit einem schalkhaften Grinsen hinzu. Anscheinend mochte sie Rose Hightower. Als kleines Mädchen hatte sie immer zu der Frau aufgeschaut. Außerdem nahm ich an, dass sie bei ihrem Ansinnen gewisse Hintergedanken hatte. Zweifellos war sie fest entschlossen, Rose und Dorian zu verkuppeln. Penny hegte ähnliche Absichten. Ich dagegen hielt nicht viel von solcher Einmischung, da ich überzeugt war, dass die beiden auch allein sehr gut zurechtkämen.
»Ich denke nicht im Traum daran, sie … auszuschließen«, erwiderte ich höflich. Inzwischen standen wir vor dem Gebäude, das James für meine Teleportkreise in Lancaster errichtet hatte. »Aber jetzt muss ich mich verabschieden und nach Hause zurückkehren. Ich habe nicht damit gerechnet, so lange im Hof herumzustehen.«
»Grüß Penelope von mir. Ich hoffe, ihr kommt morgen Abend zum Essen«, antwortete sie.
»Ich vermag mir gar nicht vorzustellen, dass mich irgendetwas davon abhalten könnte, diese Einladung wahrzunehmen«, entgegnete ich lächelnd. Dann teleportierte ich mich mit einem Gedanken und einem Wort zur Burg Cameron zurück.

Über Michael Manning

Biografie

Michael G. Manning liest seit seiner Jugend Science Fiction und Fantasy. Er hat sich in der Kunst des Software Designs ebenso wie im Fantasy Artwork versucht und ist außerdem ein begeisterter Baumkletterer. Er lebt in Texas, gemeinsam mit seiner Frau, zwei Kindern und zahlreichen phantastischen...

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