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Das Erbe des GreifenDas Erbe des Greifen

Das Erbe des Greifen

Die Lytar-Chronik 2

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Das Erbe des Greifen — Inhalt

Der zweite Band der »Lytar-Chronik« von Bestsellerautor Richard Schwartz: Die Lytarianer haben Belior, den Kanzler von Thyrmantor und seine Helfer, die Priester des dunklen Gottes Darkoth in Alt Lytar zwar geschlagen. Aber sie wissen, dass der Kampf um die Macht und die Krone von Lytar deswegen noch lange nicht gewonnen ist. Um für den nächsten Angriff gerüstet zu sein, brauchen die Lytarianer sowohl Verbündete, als auch Zeit und vor allem die magische Kraft der Krone. Fieberhaft trifft das Dorf seine Vorbereitungen und auch die Freunde Tarlon, Garret, Elyra und Argor machen sich zum ersten Mal mit unterschiedlichen Aufgaben und getrennt voneinander auf den Weg, um das ihre dazu beizutragen. Und Stück für Stück erfährt dabei jeder von ihnen, welches Vergehens sich ihre Vorfahren vor Jahrhunderten wirklich schuldig gemacht haben und dass auch die Geschichte ihres Agressors Belior und die ihrer Helferin Meliande vom Silbermond eng damit zusammenhängt ...


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Erschienen am 01.06.2016
528 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-28052-5
Erschienen am 01.06.2016
528 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97372-4

Leseprobe zu »Das Erbe des Greifen«

Prolog

 

Als Lamar di Aggio, Gesandter des Reiches und Mitglied des Ordens von Seral, an diesem Morgen die Augen öffnete, bereute er es sofort. Die Nacht zuvor war lang gewesen, der Wein überreichlich geflossen, obwohl einer der besten, den er je getrunken hatte. Sein Kopf pochte, die Sonne schien ihm durch die Schlitze des Fensterladens direkt ins Gesicht und es war zu still. Für einen langen Moment wusste er nicht, wo er sich befand. Hier polterten keine Kutschen über die Pflastersteine, wurden keine Waren lautstark angepriesen.

Lytara. Er befand sich [...]

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Prolog

 

Als Lamar di Aggio, Gesandter des Reiches und Mitglied des Ordens von Seral, an diesem Morgen die Augen öffnete, bereute er es sofort. Die Nacht zuvor war lang gewesen, der Wein überreichlich geflossen, obwohl einer der besten, den er je getrunken hatte. Sein Kopf pochte, die Sonne schien ihm durch die Schlitze des Fensterladens direkt ins Gesicht und es war zu still. Für einen langen Moment wusste er nicht, wo er sich befand. Hier polterten keine Kutschen über die Pflastersteine, wurden keine Waren lautstark angepriesen.

Lytara. Er befand sich in Lytara, einem Dorf, dessen Namen er vor wenigen Wochen nicht einmal gekannt hatte. Schwerfällig erhob sich Lamar von seinem Lager und gähnte, tappte verschlafen zu dem Waschstand hin und tunkte den Kopf in die Waschschüssel. Er wischte sich das Wasser aus dem Gesicht und gähnte erneut. Seit drei Tagen lauschte er einem verschrobenen alten Mann, der hier im Gasthaus eine lange Geschichte erzählte, von der Lamar noch nie zuvor etwas vernommen hatte. Eine Geschichte von der Wiedergeburt eines untergegangenen Reichs, einem Zwist der Götter und einem Krieg, den es nie gegeben hatte.

Und dennoch … es hatte einst einen Kanzler mit Namen Belior gegeben und einen Prinzen, der zu jung gewesen war, um zu regieren. Es gab diese zerstörte Stadt weit südlich der Kronstadt von Thyrmantor, vor allem gab es noch immer den Drachen Nestrok, der auch heute noch dem Paladin des Reiches diente. Wenn Lamar in die Kronstadt zurückkehrte, sollte er vielleicht den Mut aufbringen, Sera Sineale aufzusuchen und sie zu fragen, was ihr Drache von alledem noch wusste. Doch es waren die Worte des Prinzen selbst, die ihn am meisten ins Grübeln brachten. Sein Cousin, Prinz Teris.

Cousin war irreführend, denn die Bezeichnung war nichts weiter als eine Höflichkeit, um den Umstand zu vertuschen, dass Lamar im falschen Laken gezeugt worden war. Zum einen verkehrte der Prinz in anderen Kreisen als er, der sich eher als Gelehrter denn als Krieger verstand, zum anderen wusste Lamar nur zu gut, dass der Prinz ihn nicht ausstehen konnte. Als er damals mit schlotternden Knien an den Königshof gekommen war, stand der Prinz schon da und sah verächtlich auf Lamar herab. Ist man sechs Jahre alt, trifft es einen, wenn die Person, die man aus der Ferne bewundert hatte, einen als »Eine Unachtsamkeit meines Vaters« vorstellte. Bis zum heutigen Tage hatte der Prinz sich nicht die Mühe gemacht, sich Lamars Namen zu merken.

In den folgenden Jahren hatten sie wenig miteinander zu tun gehabt, bis in einer Nacht ein königlicher Bote ihn aus dem Bett geholt hatte, um ihn davon zu unterrichten, dass der Prinz ihn zu sehen wünschte. Während des Morgens danach und den größten Teil des Tages war Lamar zu Pferd unterwegs gewesen, um den Prinzen in seinem Sommerpalast aufzusuchen. Kaum angekommen, wurde er sofort zu ihm bestellt.

Schlank, wohlgestalt, mit pechschwarzen Haaren, dunklen Augen und einem sinnlichen Mund, war er der Liebling des Hofes, vor allem die Weiblichkeit war ihm zugetan. Drei Dutzend und acht Jahre alt, war er ein Kriegspferd, das an seinem Geschirr zerrte. Seit Jahren lag sein Vater, der König, krank danieder, doch noch immer hielt er an dem Leben und der Krone fest. Sein Körper mochte ihn im Stich gelassen haben, doch sein Geist war noch so wach wie eh und je. Doch jeder im Königreich wusste, dass es bald mit ihm zu Ende gehen würde.

»Cousin«, hatte der Prinz damals ohne Umschweife begonnen, als Lamar vor ihm auf die Knie ging. »Ihr müsst mir helfen.«

»Jawohl, Hoheit«, hatte Lamar geantwortet. Er war vom Reiten erschöpft gewesen, sein Knie tat weh, er war durstig, es wäre ihm lieber gewesen, hätte er sich nach dem Ritt erfrischen können. Der Prinz indes war für seine Geduld nicht sonderlich bekannt.

»Gestern kam eine dieser Priesterinnen Mistrals zu mir. Sie besaß die Unverschämtheit, mich in meinem Schlafgemach aufzusuchen, und forderte zudem, dass ich ihr meine Aufmerksamkeit unter vier Augen gewähren sollte.« Der Prinz war ruhelos zu einer Anrichte gegangen, wo er sich großzügig einen Wein einschenkte, um dann seiner Verärgerung weiter Ausdruck zu verleihen. »Dass die Priesterschaft zur königlichen Familie einfach so Zugang erhält, war schon immer etwas, das mich störte. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie herablassend sie mich ansah.«

Lamar hatte sich gehütet, dazu Stellung zu nehmen, kniete weiter und hörte zu.

»Sie teilte mir mit, dass es mit dem König zu Ende ginge. Nun müsse man Vorbereitungen für die Krönung treffen. Das war indessen noch der angenehme Part der Nachricht. Jetzt aber teilte sie mir mit, es wäre Tradition, dass der Prinz vor seiner Krönung eine Art Pilgerfahrt zu unternehmen hätte. Er habe ein Dorf im Süden aufzusuchen, eines, das sich Lytara nennt, und dort nach der Krone von Lytar zu fragen. Alles Weitere würde sich ergeben. Ich teilte ihr mit, dass ich für solches keine Zeit hätte. Wie ihr selbst sehen könnt, Cousin Kebel, erwarte ich Gäste.«

»Lamar, Hoheit. Mein Name ist Lamar«, hatte es Lamar gewagt, den Prinzen zu verbessern.

Dieser hatte ihm einen stechenden Blick zugeworfen. »Ich mag es nicht, unterbrochen zu werden, Cousin. Hört zu, dann bringen wir dies schnell zum Ende. Also, diese Priesterin sah über ihre lange Nase auf mich herab und teilte mir mit, dass ich durchaus darauf verzichten könnte, wenn es mir derart wichtig wäre, bräuchte ich nur ein anderes Mitglied der königlichen Familie dorthin zu schicken. Damit erdreistete sie sich, mir den Rücken zuzukehren, und ging ohne ein weiteres Wort davon. Wahrlich, die Arroganz mancher dieser Priesterinnen ist einfach unerträglich.«

Der Prinz nahm einen tiefen Schluck. »Diese eine war fast so unerträglich wie die Sera Sineale, die immer gerne darauf beharrt, der Paladin meines Vaters zu sein und nicht der meine! Ich schwöre Euch, Cousin, die Frau kann mich nicht leiden!«

Auch hierzu hatte sich Lamar jeden Kommentar gespart. Dem Gerücht nach war die Geschichte wenig rühmlich für den Prinzen gewesen, es hieß, er habe ihr ein eindeutiges Angebot unterbreitet, woraufhin sie ihn ausgelacht habe.

»Wie auch immer«, hatte der Prinz den Faden wieder aufgenommen. »Ihr seid mit mir verwandt, also werdet Ihr Euch dorthin begeben und nach dieser Krone fragen. Lasst sie Euch aushändigen und bringt sie mir. Einfach genug. Ihr dürft Euch entfernen.«

Mühsam hatte sich Lamar erhoben, seit einem Sturz neigte sein rechtes Knie dazu, schnell zu schmerzen. »Eines noch«, hatte der Prinz hinzugefügt, während er sich vom Wein nachschenkte. »Die Greifenlande sind tiefste Provinz, weit im Süden gelegen. Die Leute dort sind eigenbrötlerisch, zeigen wenig Respekt vor dem Adel und besitzen nur wenige Manieren. Ein unzivilisiertes Pack. Wundert Euch also nicht, wenn man Euch im Kuhstall schlafen lässt.«

Mit diesen Worten war Lamar endgültig entlassen gewesen.

Während sich Lamar ankleidete, sah er sich in dem großzügig ausgestatteten Raum um. Dieser war sauber und gepflegt, nur gab es keine polierten Möbel, auch die Brokattapeten konnte man vermissen, und die Seife neben der Waschschüssel roch nur leicht nach Rosen. Bislang hatte er hier nicht einen einzigen Menschen gesehen, der eine Perücke trug, und wenn die Leute sich unterhielten, verzichteten sie darauf, sich über den neuesten Klatsch bei Hofe die Mäuler zu zerreißen. Lamar zog sein Hemd zurecht und erlaubte sich ein kleines Lächeln. Wie der Prinz schon sagte, ein unzivilisiertes Pack! Als er die Treppe zum Gastraum hinunterstieg, kam ihm ein kleines Mädchen entgegen und strahlte ihn an. »Guten Morgen und der Göttin Gnade mit Euch, Lamar«, rief sie fröhlich und mit blitzenden Augen. Sie griff nach seiner Hand und zog ihn fast hinter sich her. »Wir warten alle schon darauf, dass Ihr kommt, Großvater sagt, er würde nicht weitererzählen, bevor Ihr nicht da seid!«

»Auch Euch einen guten Morgen, Saana«, antwortete Lamar, dem es schien, als habe alleine schon das Lächeln des jungen Mädchens den größten Teil seines Kopfschmerzes genommen. »Erlaubt Ihr mir, zuerst mein Frühstück zu mir zu nehmen?«

»Warum nicht?«, lachte Saana. »Er kann ja erzählen, während Ihr speist.« Sie stieß die Tür zur Gaststube auf. »Er ist da! Großvater, wie ging es weiter?«

Wie bereits am Vortag war der Gastraum voll, es herrschte eine beinahe festliche Stimmung. Der große Raum bot vielen Leuten Platz und fast jeder Tisch war gut gefüllt, nur an einem, in der Mitte des Raumes, stand ein freier Stuhl für ihn. Der grauhaarige Geschichtenerzähler unterhielt sich gerade mit einer jungen Frau, die lächelnd aufsah, als Saanas Stimme ertönte.

»Dort ist sie!«, sagte der alte Mann lächelnd. »Sie ist uns also nicht verloren gegangen!«

»Ich habe Lamar wecken wollen, Mama«, teilte Saana den im Gastraum Versammelten fröhlich mit. »Aber er war schon wach!« Freundliches Gelächter empfing Lamar, und auch wenn er einige Gesichter sah, die ihn seltsam prüfend musterten, blickten ihm doch die meisten mit einem aufgeräumten Lächeln entgegen. Am Anfang war dies anders gewesen, da war ihm ein jeder hier fremd erschienen. Doch jetzt, nachdem sie alle schon drei Tage lang der Geschichte des alten Mannes gelauscht hatten, hatte sich das geändert, hier und da erhielt Lamar sogar ein wohlgesinntes Nicken zur Begrüßung, und der Wirt selbst zog ihm mit einem breiten Grinsen den Stuhl heraus.

»Frische Eier, gerösteten Speck und der Tee, der Euch so gut geschmeckt hat, Ser«, teilte ihm der Wirt zuvorkommend mit. »Ich hoffe, es schmeckt Euch weiterhin … der Segen der Göttin Euch und diesem Mahl.«

»Guten Morgen, Ser! Ihr solltet wirklich zugreifen«, meinte der alte Mann und brach sich einen Kanten frischen Brots ab. »Es ist gut und Ihr solltet nicht zu lange zögern, denn heute Morgen habe ich einen mächtigen Appetit!«

Eines war sicher, hier in Lytara nahmen die Leute ihre Geschichtenerzähler ernst.

Nicht ein einziges Mal hatte der alte Mann für seinen Wein und das Essen zahlen müssen, und auch jetzt war der Tisch noch reichlich gedeckt, auch wenn der alte Mann sich schon deutlich an den Eiern und dem Schinken gütlich getan hatte.

Vor wenigen Tagen noch hätte sich Lamar brüskiert gefühlt, doch jetzt lächelte er nur und nahm sich selbst ein Stück des Brots. Er griff nach dem Buttertiegel und hielt inne. In den letzten Tagen hatte er sich daran gewöhnt, dass ihm ein großer Teil der Aufmerksamkeit der Leute hier galt, doch jetzt schien es ihm, als würden sie etwas von ihm erwarten. Auch der alte Mann sah ihn abwartend an.

»Mistrals Segen für dieses Mahl«, bat Lamar nach kurzem Zögern. Offenbar hatte er die richtigen Worte gefunden, denn hier und da nickten die Leute zustimmend und ihr Lächeln wurde offener.

»Können wir jetzt weitermachen?«, fragte Saana aufgeregt. »Was ist denn jetzt mit Argor und Knorre geschehen?«

»Immer langsam«, lachte der Geschichtenerzähler. »Lass doch Ser Lamar erst zur Ruhe kommen.«

»An mir soll es nicht liegen«, lächelte Lamar und tropfte Honig auf sein Brot. »Ich bin genauso gespannt wie die junge Sera hier!« Er zwinkerte ihr zu und sie lachte. Es war seltsam, dachte Lamar, aber es konnte gut sein, dass Prinz Teris ihm zum ersten Mal in seinem Leben einen Gefallen getan hatte, indem er ihn hierher geschickt hatte.

»Nun«, begann der alte Mann. »Gestern erzählte ich, wie Argor, der Sohn unseres Radmachers Ralik, und Knorre, der Arteficier, ihr eigenes Leben nicht achtend, den alten Staudamm zum Bersten brachten und die Truppen des Grafen Lindor in die See spülten. Zugleich aber, und das sollte sich als um vieles wichtiger erweisen, nahmen sie auch der Verderbnis, die so lange die alte Stadt verseuchte, die Macht.

Wie so oft, wenn Tragisches geschieht, nahm das Wetter keine Rücksicht darauf, denn der Morgen des nächsten Tages versprach einen blauen Himmel und am Himmel kreisten die Möwen … Niemand vermochte indessen, dies als gutes Omen zu sehen. Waren die Möwen doch gekommen, weil ihnen auf dem Platz vor der alten Börse ein überreichliches Mahl geboten wurde …«

»Hat jemand Brotkrumen verteilt?«, fragte Saana neugierig.

»Nicht ganz«, sagte der alte Mann und hob sie auf sein Knie. »Es gab nur viel für sie zum Essen.« Für einen Moment verdüsterte sich sein Gesicht, aber dann lächelte er wieder, als seine Enkelin sich an seinem Wams verkrallte, um sich bequemer auf sein Bein zu setzen. »Und was ist nun mit Argor und Knorre?«, fragte sie.

»Gleich«, lächelte der alte Mann. »Hab etwas Geduld, Prinzessin, denn die Geschichte fängt nun mal an diesem Morgen in der alten Stadt an. Durch Argors und Knorres Tapferkeit hatte die Nacht einen großen Sieg gebracht, doch als die Sonne aufging, war der Preis dafür überdeutlich zu sehen.« Er zögerte etwas und sah zu Saanas Mutter hin.

Diese nickte. »Sie wird es wissen wollen«, sagte sie leise.

»Gut«, fuhr der alte Mann fort. »Am nächsten Morgen also gingen Meister Pulver, unser Alchemist, und Ralik, unser Radmacher, Argors Vater, von der Anhöhe, auf der wir unser Lager aufgeschlagen hatten, hinunter zu dem großen Platz vor der Börse, um sich ein Bild von der Lage zu machen …«

 

 

 

1 Der Preis des Krieges

 

»Wir müssen sie verbrennen«, sagte Ralik Hammerfaust mit einer Stimme so rau wie berstender Fels. Er hob den schweren Kriegshammer, der noch vor wenigen Tagen der ganze Stolz seines Sohnes Argor gewesen war, und ließ den Hammerkopf mit einem metallenen Scheppern in die gepanzerte linke Hand fallen. »Wenn wir das Geschmeiß nicht entsorgen, bringen sie uns noch eine Seuche.«

Pulver sah besorgt auf seinen alten Freund herab. Der schlanke, fast schlaksige Alchemist und der breitschultrige Zwerg waren ein ungleiches Paar und doch seit Langem befreundet. So wie jetzt hatte Pulver den stämmigen Zwerg jedoch noch nie erlebt.

Ralik trug einen schweren Helm mit verstärktem Kinnschutz, dieser und der kräftige, dunkelblonde Bart machten es fast unmöglich, die Miene des Radmachers zu lesen. Die grauen Augen, im Schatten des Helmrands nur schwer zu erahnen, waren hart wie polierte Flusskiesel.

»Sie sind erst seit gestern tot, Ralik«, gab Pulver bedächtig zurück. »Es hat noch etwas Zeit. Findest du nicht, dass du vielleicht besser …«

»Was denkst du dir, alter Freund«, unterbrach ihn der Zwerg und sah zu Pulver hoch. »Soll ich zu Elyra gehen und vor ihr weinen? Soll ich mir den Bart zerraufen und meinen Schmerz in die Welt hinausschreien? Meinst du, dies wäre sinnvoll?« Er schüttelte langsam und unerbittlich den Kopf. »Ich werde genug Zeit zum Trauern haben, wenn dies hier getan ist.« Mit einer abrupten Geste hob er den Hammer und zeigte mit dem matt glänzenden Stahlkopf auf den mit Schlamm, Geröll und Toten bedeckten Platz vor ihnen. »Sie liegen hier und werden verrotten. Aber jeder Einzelne von ihnen hat etwas, das wir brauchen.«

Pulver sah hoch zu dem geborstenen Damm links von ihnen. Seit Jahrhunderten schon war er geborsten, doch gestern Nacht hatte der Sohn des Radmachers zusammen mit einem anderen Mann, einem Arteficier namens Knorre, den Pulver gerne kennengelernt hätte, den Damm gänzlich zum Bersten gebracht. Was von dem Damm noch stand, sah aus, als habe ein Riese mit einem Hammer darauf eingeschlagen. Eine breite Spur der Zerstörung führte von dem Damm über den alten Platz hinaus in die See, wo sich einst der Hafen der alten Stadt befunden hatte. Nur ein paar schiefe Masten zeugten noch von den mächtigen Schiffen, die hier vor Kurzem noch vor Anker gelegen hatten.

So groß war die Wucht der Wassermassen gewesen, dass sie sogar die tonnenschweren Steinblöcke, aus denen der Damm einst errichtet worden war, weit vor sich hergetragen hatte. Einer dieser Blöcke hatte es sogar fast bis zu den mächtigen Toren der alten Börse getragen, die als einziges Gebäude noch stand.

Achtlos, wie Puppen hier und dort verstreut, lagen die Toten Beliors auf dem Platz, bedeckt von einer dünnen Schlammschicht, die jedoch nicht ausreichte, um die Gesichtszüge der Toten zu verbergen. Seit dem Morgen waren Leute aus dem Dorf und gut zwei Dutzend der Söldner, die sich Lytara in ihrem aussichtslosen Kampf angeschlossen hatten, dabei, die Toten von Waffen und Rüstungen zu befreien.

Alles, was verwertbar war, kam auf einen von Hernuls großen Wagen, die Toten selbst wurden nahe dem Hafenrand auf einen großen Haufen geworfen, der stündlich höher wuchs. Noch roch es hier nach Wasser, Schlamm und salziger Seeluft, doch es war Sommer, lange würde es gewiss nicht dauern, bis der Geruch des Todes allgegenwärtig war.

»Ich weiß, Ralik, aber …«, begann Pulver, doch der Zwerg ignorierte ihn.

Mit schweren Schritten stampfte Ralik voran und blieb vor einem der toten Soldaten stehen. Eine Krähe hüpfte zur Seite und sah den Zwerg protestierend an, dann wandte sie sich einem anderen Opfer zu, es gab ja genug von ihnen. Ralik bückte sich und griff den Gefallenen am Arm, drehte ihn auf den Rücken. Der Schlamm hatte sich wie eine Maske über das Gesicht des Toten gelegt, unmöglich zu erkennen, ob der Mann jung oder alt gewesen war. Pulver war froh darum. In den letzten Tagen hatte er mehr als genug vom Tod gesehen.

»Die meisten von ihnen wird es in die See hinausgespült haben«, bemerkte der Zwerg nun und ließ den Arm des Toten los, der nur langsam herabsank, die Leichenstarre hatte sich noch nicht ganz wieder gelöst. »Es bleiben dennoch Hunderte.« Er sah auf den toten Soldaten herab. »Schau, wie gut er gerüstet ist«, sagte er dann. »Wir brauchen diese Rüstungen und Waffen. Wir haben zu wenig davon.« Er blickte zu Pulver. »Du brauchst auch eine. Deine Lederjacke dürfte wohl kaum ein tauglicher Schutz gegen einen Schwertstreich darstellen.«

»Ich habe nicht vor, einem Schwert im Weg zu stehen«, sagte Pulver sanft. »Niemand widerspricht dir, Ralik. Wir wissen alle, dass es getan werden muss. Nur nicht jetzt, nicht heute. Nicht von dir.« Er sah zum Horizont, wo die Sonne nur noch einen Finger breit über dem bleiernen Meer stand. »Es wird bald dunkel, Freund Ralik. Wir brauchen deine Weisheit im Rat, dort bewirkst du mehr, als wenn du hier Leichen plünderst.«

Die buschigen Augenbrauen des Radmachers zogen sich unter seinem Helm zusammen. »Was erwartest du von mir, Pulver? Dass ich dem Rat Mut mache? Dass ich mich hinstelle und ihnen sage, was für ein glorreicher Sieg dies war?«

»Aber es war ein Sieg. Ein wichtiger Sieg«, entgegnete Pulver leise. »Wenn dein Sohn nicht …«

Doch der Zwerg hörte nicht zu, sah nur über den schlammbedeckten Platz vor ihm. »Er ist hier irgendwo«, sagte Ralik dann rau und griff seinen Hammer fester. Er sah zu Pulver hoch. »Geh vor, Freund. Ich komme nach, wenn ich ihn gefunden habe.«

 

»Der Preis des Krieges«, meinte Lamar nachdenklich.

»In der Tat«, nickte der alte Mann und nahm einen tiefen Schluck von seinem Tee. »Selbst ein Sieg kann bitter sein.«

»Er suchte dort also seinen Sohn. Das muss für Ralik schwer gewesen sein. Wo hat er ihn gefunden?«

»Er fand ihn nicht«, erklärte der Geschichtenerzähler. »Es sollte noch länger dauern, bis er die frohe Kunde erhielt.«

»Er hat lange gedacht, Argor wäre tot?«, fragte Saana traurig.

»Ja, Prinzessin.«

»Hat er viel geweint?«

Der alte Mann nickte. »Ich bin mir sicher, dass er es tat«, meinte er dann. »Nur war er stolz und wollte nicht andere mit seinem Schmerz belasten. Ralik war ein tapferer Mann, doch eine solche Prüfung ist für jeden Vater zu hart.«

»Aber Argor lebt noch, nicht wahr?«, fragte Saana ungeduldig. »Ich will jetzt nichts mehr von den Toten hören! Erzähl von Argor und Knorre!« Sie zog am grauen Haar des alten Mannes. »Bitte! Ich mag Knorre, er ist verrückt!«

»Na, wenn das so ist …«, lachte der Großvater. »Erinnerst du dich noch, was Argor sah, als das Wasser über ihn stieg?«

»Ein Licht«, lachte Saana. »Und jemand reichte ihm die Hand! Wer war es denn?«

»Hast du dir das nicht denken können?«, schmunzelte der alte Mann.

»Es war bestimmt Knorre!«, meinte Saana überzeugt. »Oder die Frau vom Brunnen.«

»Wie kommst du denn darauf?«, fragte der alte Mann überrascht.

»Nur so«, antwortete Saana. »Was war jetzt mit Argor und Knorre?«

»Nun«, begann der Geschichtenerzähler. »So eine mächtige Magie, die in einem tiefen Wasser Zwerge retten kann, ist nicht alltäglich. Zudem darf man nicht vergessen, dass es eine alte Magie war … und nicht dafür gemacht. Dennoch wirkte sie, doch nicht ganz so, wie man es sich hätte erhoffen können.« Er lachte. »Es kommt noch dazu, dass Argor das Wasser nie sonderlich leiden konnte …«

Richard Schwartz

Über Richard Schwartz

Biografie

Richard Schwartz, geboren 1958 in Frankfurt, hat eine Ausbildung als Flugzeugmechaniker und ein Studium der Elektrotechnik und Informatik absolviert. Er arbeitete als Tankwart, Postfahrer und Systemprogrammierer und restauriert Autos und Motorräder. Am liebsten widmet er sich jedoch fantastischen...

Fragen und Antworten zu Richard Schwartz
Sie haben Fragen zum Autor? Wir haben das Wichtigste für Sie zusammengefasst.
Gibt es ein neues Buch von Richard Schwartz?
Die aktuelle Neuerscheinung von Richard Schwartz »Das Blut der Könige« ist im November 2017 erschienen. Das Buch íst der dritte Teil der Lyatar-Saga und das erste Buch der Reihe, welches Schwartz nicht unter seinem Pseudonym »Carl A. DeWitt«, sondern unter dem Namen Richard Schwartz verfasste.
Gibt es Hörbücher von Richard Schwartz?
Bisher sind 17 Teile exklusiv bei audible erschienen. Es handelt sich dabei um vollständige Lesungen der deutschen Taschenbücher. Gelesen werden die Bücher von Michael Hansonis.
Besitzt Richard Schwartz eine eigene Homepage?
Nein, aber man findet auf: https://www.piper.de/autoren/richard-schwartz-1451 Informationen zum Autor.
Welche Bücher sind ähnlichen zu den Romanen von Richard Schwartz?
Wenn Ihnen die Bücher von Richard Schwartz gefallen haben, dann könnten Ihnen auch die Fantasy-Bücher von Brandon Sanderson, Alexey Pehov oder Michael Peinkofer gefallen.
Gibt es eine Fortsetzung zu den »Götterkriege«?
Vielleicht. Es gibt viele Ideen für eine Weiterführung der Reihe.
In welcher Reihenfolge soll man die Bücher von Richard Schwartz lesen?
»Askir« und »Götterkriege« hängen zusammen, spielen in derselben Welt und teilweise treten die gleichen Protagonisten auf. Es sollte mit Askir begonnen werden. Trotzdem lassen sich die Reihen getrennt voneinander lesen.

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