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Black Forest HighBlack Forest High

Black Forest High

Ghostseer

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Black Forest High — Inhalt

Was, wenn die Auserwählte tot ist und du ihren Platz einnehmen musst?

Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wo Geisterjäger, Exorzisten und Geistermedien zur Schule gehen? Auf die Black Forest High!

Seven hält den Rekord der am längsten außerhalb der Schule überlebenden Geistbegabten. Dadurch ist sie, seit sie zusammen mit ihrem Geisterfreund Remi die Schule betreten hat, bekannter als ein Geist mit zwei Köpfen. Was nicht nur bei den geheimnisvollen Zwillingen Parker und Crowe für Aufmerksamkeit sorgt. Und schnell bemerkt Seven, dass auf der Black Forest High so einiges nicht stimmt: Was steckt hinter der geheimen Arbeitsgruppe, von der niemand weiß, was sie tut oder wer ihr angehört? Weshalb halten es alle für normal, dass die Schule gutes Geld mit den Schülern verdient, die Geister austreiben und verschollene Testamente ausfindig machen? Warum verschwinden zahlreiche Schulabgänger spurlos? Und weshalb scheinen es sämtliche Poltergeister, die von Sevens toter Schwester flüstern, auf sie abgesehen zu haben? Seven macht sich auf die Suche nach Antworten - gemeinsam mit ihren neuen Freunden und dem ein oder anderen nervigen Toten, der einfach nicht akzeptieren will, dass seine Zeit abgelaufen ist.

Der Auftakt zur neuen Serie von Nina MacKay!

 

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 01.03.2019
400 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70521-9
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 01.02.2019
400 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99369-2

Leseprobe zu „Black Forest High“

Kapitel 1

„Du weißt, dass ich dich nicht auffangen werde, wenn du jetzt von der Klippe springst.“

Wie charmant. Seufzend warf ich einen Blick nach unten. In den Abgrund, der sich zu meinen Füßen erstreckte. Ein ziemlich tiefer Abgrund wohlgemerkt. Keiner dieser popeligen Exemplare, die sich am Rande von Skateboardrampen auftaten.

Ein einzelner Stein löste sich genau unter meiner linken Fußspitze und hoppelte über die Klippe nach unten. Wir beide folgten ihm mit den Augen.

Stille.

Die Schnürsenkel an meinen Chucks, die inzwischen mehr grau als weiß [...]

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Kapitel 1

„Du weißt, dass ich dich nicht auffangen werde, wenn du jetzt von der Klippe springst.“

Wie charmant. Seufzend warf ich einen Blick nach unten. In den Abgrund, der sich zu meinen Füßen erstreckte. Ein ziemlich tiefer Abgrund wohlgemerkt. Keiner dieser popeligen Exemplare, die sich am Rande von Skateboardrampen auftaten.

Ein einzelner Stein löste sich genau unter meiner linken Fußspitze und hoppelte über die Klippe nach unten. Wir beide folgten ihm mit den Augen.

Stille.

Die Schnürsenkel an meinen Chucks, die inzwischen mehr grau als weiß waren, hatten sich allesamt gelöst. So, als hätten sie sich abgesprochen.

„Wirst du nicht oder willst du nicht, Remi? Weißt du, darin besteht ein Unterschied.“

Der Geist schwieg einen Moment, was eigentlich völlig untypisch für ihn war.

„Seven, mal ehrlich. Du weißt, ich würde alles für dich tun. Aber nichts, was meine physische Präsenz erfordert. Ich meine, wie bitte soll ich das anstellen?“ Er zuckte mit den Schultern. „Ist einfach nicht drin.“

„Wir haben nie ausprobiert, ob du mich in einer Notsituation nicht doch auffangen könntest.“ Den vorwurfsvollen Ton in meiner Stimme hatte ich in der Form eigentlich gar nicht geplant. Aber nun war es raus.

Remi biss sich mit dem linken Eckzahn auf die Unterlippe, wie er es häufig zu tun pflegte. Vor allem dann, wenn er genervt war. Und das ausschließlich von mir. Selbstverständlich. „Genau. Weil wir unseren einstudierten Gang-High-five ja schon so gut hinkriegen.“

Darauf antwortete ich nicht. Brauchte es nicht, weil wir beide wussten, dass es die Wahrheit war. Kaum zu glauben, welche merkwürdige Art von Freundschaft sich in den letzten Jahren zwischen uns entwickelt hatte.

Während mich die tief stehende Sonne blendete, lauschte ich auf die Insektengeräusche um uns herum.

Ohne hinzusehen, wusste ich, dass Remi in ebendiesem Moment die Augen in Richtung Himmel verdrehte. »Du musst loskommen von diesem Mist, Süße. Wie oft willst du noch zu dieser Klippe pilgern und kleine Steine in den Abgrund treten? Ich kann nicht mein ganzes Geisterleben damit zubringen, dich davon abzuhalten. Im Grunde genommen sieht mein Auftrag genau das Gegenteil davon vor.« Um seine Worte zu untermauern, schwebte er direkt vor mich, sodass seine geisterhaften Füße, die wie meine in Chucks steckten, direkt über dem Abgrund baumelten. „Wie oft wollen wir das eigentlich noch ausdiskutieren?“ Er hob einen Zeigefinger, wedelte damit vor meiner Nase herum und begann den Refrain von Jennifer Lopez’ Ain’t your Mama zu singen. Remis seltsame Art von Humor.

„Schon gut“, murmelte ich. »Aber warum sollte ich es dieses Mal nicht einfach durchziehen? Warum sollte ich heute und hier nicht springen? Ich meine, schau mich an! Was bin ich schon, außer einem verrückten Mädchen, das Geister sieht?« Das stimmte. Im Gegensatz zu anderen hatte ich nichts vorzuweisen außer meiner geistbegabten Seele, wie Remi es ausdrückte. Aber was hatte mir das bisher gebracht? Ich hatte ein paar Tote gesehen, außerdem Remi und diesen gruseligen Poltergeist, den wir „den Gärtner“ getauft hatten.

Remi ließ seinen Blick über meine vom Sand im Nationalpark rot verfärbten Fingerspitzen bis zu meinen Augen wandern, sagte aber nichts. Wahrscheinlich war das besser so. Zu dieser Tageszeit und ohne meine fünfte Tasse Kaffee wusste ich recht gut, was für ein Bild ich abgab. Das einer verrückten Höhlenbewohnerin mit verstrubbelten Haaren. Sonst war einfach alles an mir durchschnittlich. Selbst meine Körpergröße entsprach dem absoluten Mittelmaß.

»Außerdem würde es zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, wenn ich springe. Heute und hier. Sobald ich tot bin, kannst du deinen Auftraggebern sagen, dass deine Mission gescheitert ist, und endlich in dein geliebtes Deutschland zurückkehren. Ist mir sowieso schleierhaft, wie du es so lange in Utah aushalten konntest.«

Mit mir aushalten konntest, dachte ich, erwähnte das aber nicht. Stattdessen richtete ich meinen Blick in die Ferne. Auf die andere Seite der großen Schlucht des Yellowstone Nationalpark.

„Du hast Darcy.“

„Was?“ Ich hatte irgendwie den Faden verloren.

»Du hast deinen Freund Darcy. Ist er nicht der Grund, warum du nicht mit mir kommen willst? Warum ich seit zweieinhalb Jahren permanent einen Korb von dir einstecken muss? Weil du hier bei Darcy bleiben willst. Warum solltest du dich umbringen, solange …« Er hob verächtlich einen Mundwinkel und malte Anführungszeichen in die Luft. „… die Liebe deines Lebens hier in Utah festsitzt?“

Ich starrte Remi an, der jetzt eine seltsame Version von As long as you love me inklusive eines Ausdruckstanzes aufführte, den es in dieser Form bei den Backstreet Boys sicher nie gegeben hatte. Jedenfalls soweit ich wusste. Andererseits passten Backstreet-Boys-Songs aus Remis Repertoire wirklich besonders gut zu ihm, da er mit seiner blonden Topffrisur wie ein kleiner Bruder von Nick Carter, dem Leadsänger, aussah. Wenn man seine hellen Haare als blond deutete, jedenfalls. Da Remi durchscheinend und wie alle Geister eher farblos und lediglich mit einem leichten Blaustich in seiner Erscheinung durchs Leben ging, falls man das so nennen konnte, war es beinahe unmöglich, Rückschlüsse auf Haut- oder Haarfarben zu ziehen.

Ich knibbelte an meiner Nagelhaut herum. So ziemlich der einzige Grund, weshalb ich Remis ständige Angebote, mich auf diese Schule für geistbegabte Jugendliche in Deutschland zu bringen (und damit ging mir Remi mindestens zweimal pro Woche auf den Geist), wieder und wieder ablehnte, war mein fester Freund Darcy. Mein süßer Darcy mit den niedlichsten Segelohren der Welt und der Biker-Lederjacke, die er selbst bei vierzig Grad im Schatten niemals auszog. Vor meinen Augen lösten sich eine Handvoll winziger Steine, so rot wie aufgeschnittene Blutorangen, und prasselten den Felsen entlang in die Tiefe.

Vielleicht sollte ich ihnen wirklich folgen. Das wäre für alle das Beste. Keine Geister mehr. Keine zerstörte Familie. Ich fuhr mir mit dem Handrücken über die Stirn. Aber auch kein Darcy mehr. Und kein Remi.

„Seven“, sagte eine Stimme hinter mir, „auch wieder hier?“

Und kein Jared. Ich hatte Jared vergessen.

„Genau“, antwortete ich, ohne mich umzudrehen. „Du weißt, wie sehr ich Sonnenuntergänge im Park liebe.“

Der Parkwächter räusperte sich. „Das ist unbestritten der einzige Grund. Für jeden deiner Besuche.“

Wir schwiegen. Nur Remi sang, allerdings im Flüsterton, Love is in the air. Warum er flüsterte, war mir schleierhaft. Immerhin war es ja nicht so, dass andere Menschen ihn hören oder sehen konnten. Nein, dieses Exklusivrecht lag ausschließlich bei mir.

„Kann ich dir noch einen Kakao anbieten, bevor wir den Park schließen?“

„Danke, Jared. Das ist sehr liebenswürdig von dir.“

Als sei es eine einstudierte Choreografie, drehte ich mich wie jedes Mal nach diesen Worten zu ihm um. Wie oft genau meine Abende in diesem Sommer nach diesem Muster abgelaufen waren, konnte ich schon nicht mehr sagen. Viele, unzählige Male jedenfalls.

Jared, der eben noch auf seine Schuhspitzen gestarrt hatte, sah auf. Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem seiner intensiven Jared-Lächeln.

„Wenn die Sonne hinter dir untergeht, glitzert deine Haut, wusstest du das? Ziemlich merkwürdig. Aber dennoch cool.“

Meine texanische Bräune war wohl das Einzige, was mir je irgendjemand geneidet hatte. Diesen Teil meines Erbes väterlicherseits, den ich zudem verabscheute, tat ich wie immer mit einem Schulterzucken ab. Stattdessen entknotete ich den navyblauen Zipsweater von meiner Taille und schlüpfte hinein. „Bald wird es Herbst.“

„Zweifellos.“ Mit einem Nicken bot mir Jared seinen Arm an, worauf ich langsam auf ihn zusteuerte und mich bei ihm unterhakte. Jared war in diesem Sommer zu einem wahren Freund herangereift. Außerdem war er selbst Halbwaise und mit seinen neunzehn Jahren nur knapp drei Jahre älter als ich, weswegen er mich gut verstand. Damit war es offiziell. Ich konnte die wohl verrücktesten beiden Freundschaften auf der Welt vorweisen. Einen jungen Parkwächter, der mir zweimal die Woche Kakao anbot, damit ich nicht von seiner Klippe sprang, und einen Geist, ungefähr im selben Alter, den außer mir niemand sehen konnte. Ob man mit so etwas ins Guinnessbuch der Rekorde kam?

Auf dem Weg zur Hütte der Parkwächter nahm Jared ein stinknormales Gespräch mit mir auf. Das schätzte ich so an ihm. Niemals thematisierte er mein Vorhaben an der Klippe. Machte mir keine Vorwürfe. Empfahl mir noch nicht mal eine Therapiegruppe. Hatte man jemals von so einem guten Freund gehört?

Remi schwebte neben uns her und stieß in regelmäßigen Abständen Glucksgeräusche aus. Insgeheim himmelte er den hübschen Parkwächter seit unserem ersten Besuch hier an, das wusste ich. Auch wenn Remi gerne so tat, als würde er darauf hoffen, dass ich mit Jared zusammenkam. Weil mein bester Geisterfreund Darcy nicht ausstehen konnte.

Aber selbst wenn ich Interesse an Jared gehabt hätte, konnte ich mir nicht vorstellen, dass dieser hübsche Junge mit den dunkelblonden kurzen Haaren, der wie eine Mischung aus Surferboy und Soldat aussah, Single sein sollte.

Wie aufs Stichwort raunte mir Remi ins Ohr: „Frag ihn! Jetzt frag ihn endlich, ob er eine Freundin hat oder nicht. Ich halte diese Spannung einfach nicht mehr aus!“ Als ich unauffällig in Remis Richtung schielte, bemerkte ich, wie er so tat, als würde er sich die Fingernägel abkauen. Ich hob beide Augenbrauen und bedachte ihn mit einem Blick, der keine Fehlinterpretation zuließ. Sicher nicht!

 

Zwei Stunden später betrat ich Tante Karens Vorgarten. Remi wollte noch ein wenig im Park bleiben. Mit anderen Worten: Jared hinterherspionieren. Aber gegen ein paar geisterfreie Minuten hatte ich nichts einzuwenden. Wie immer schmiss ich meine Tasche unter den kleinen Beistelltisch im Flur und drückte als Erstes auf den Anrufbeantworter, auf dem wie jeden Mittag genau eine alte Nachricht auf mich wartete. Unter der Nummer, die auf mich zugelassen war, jedenfalls. Bei Tante Karen mussten es sicher mehr sein.

„Liebling“, ertönte die Stimme meiner Mutter, gleich nachdem die Automatenstimme ihren monotonen Singsang hingelegt hatte, „ich bin’s.“ Natürlich. Wer auch sonst? „Wenn du da bist, Seven, bitte geh ran. Ich habe nur diesen einen Anruf.“ Kurzes Zögern. »Hör mal, ich weiß, dass du mich verabscheuen musst nach allem, was ich … Aber ich musste es tun. Vielleicht kannst du es irgendwann nachvollziehen. Wenn du älter bist und selbst Kinder hast.« Ein Schluchzer unterbrach sie für einen Augenblick. Ich straffte die Schultern und sprach ihre nächsten Sätze auswendig mit: »Eines Tages wirst du es verstehen. Und du wirst mir hoffentlich vergeben, was ich dir damit angetan habe. Du hast Nova auch geliebt, ich weiß es. Tante Karen wird gut für dich sorgen. Vergiss nie, dass ich dich liebe und jeden Tag an dich denke.« Dann ertönte ein Geräusch, als sei ihr der Hörer aus der Hand gefallen. Ein Handgemenge unter Frauen schien sich am anderen Ende der Leitung abzuspielen. Einen Atemzug später herrschte Stille, worauf sich die Automatenstimme meldete und mich diensteifrig fragte, ob ich die Nachricht speichern oder löschen wollte. Als hätte sich nicht langsam eine gewisse Routine zwischen uns eingespielt in den letzten Monaten. Wie immer wählte ich „speichern“ und machte mir dann zwei Spiegeleier. Von beiden Seiten gebraten.

Während das Eiweiß in der Pfanne Blasen warf, krochen meine Gedanken wie von selbst zurück zu Mom. Ein Druck auf meine Lungen verriet mir, dass heute einer dieser Tage war, an dem ich mehr Wut als Sehnsucht verspürte. Einer der selteneren Tage in diesem Sommer. Dennoch empfand ich eine gewisse Erleichterung, dass ich überhaupt noch in der Lage war, Gefühle ihr gegenüber aufzubringen. Mit dem Pfannenwender hob ich die Eier auf den Teller und schnappte mir zwei Toastscheiben. Schon während ich den Kühlschrank öffnete, um mir Ketchup zu nehmen, zitterten meine Hände. Als ich die Flasche herausgefischt hatte, schloss ich die Kühlschranktür. Novas und mein Gesicht lachten mir entgegen. Der Kühlschrankmagnet war bereits leicht verblichen, zeigte uns aber strahlend vor den zugefrorenen Niagarafällen. Mit einer Hand fuhr ich sanft über Novas Kindergesicht. So viel war seit diesem Tag geschehen.



Kapitel 2

Tante Karen kam um halb zehn nach Hause, und da Darcy mir für diesen Abend abgesagt hatte, weil er lernen musste, fand Karen mich gammelnd in meinem Batman-Bademantel auf der Couch vor. Inzwischen wieder in Gesellschaft von Remi, der kopfüber auf dem Sessel direkt neben mir hing, was selbstverständlich niemandem außer mir auffiel.

„Sag mal, seit wann steht da ein Roboter aus Coffee-to-go-Bechern bei uns auf der Veranda?“

Ich begegnete ihr mit einem müden Augenaufschlag.

„Neues Kunstprojekt, Schätzchen? Wirklich, deine Kreativität ist unschlagbar. Ich werfe nie wieder was weg, sondern drücke alles dir in die Hand.“

Der Gedanke daran ließ mich lächeln. „Aber nur unverseuchten Müll, wenn ich bitten darf.“

Wie an jedem Wochentag trennte sich Karen als Erstes von ihrem Spießerkostüm und zog ihre Couchuniform an, wie wir es nannten. Diese Uniform bestand aus einem ausgewaschenen Shirt sowie Comic-Pyjamahosen und einem Bademantel. Während Karen sich mir wenig später in ihrer Simpsons-Couchuniform präsentierte, trug ich heute mit meiner Hose meine ausgeprägte Disney-Affinität zur Schau. Ich strich einmal über den aufgerauten Stoff und das Muster von Arielle samt ihren kleinen Fischfreunden, genoss dabei die Ruhe, bevor Karens Ausfragerei unweigerlich losgehen würde.

„Ach, sieh dir diesen Vollidioten an.“ Tante Karen nickte in Richtung Fernseher, wo ich gerade werbeblockbedingt durch die Programme zappte und bei einer Rede des Präsidenten der USA stehen geblieben war. „Unser Land wäre besser dran, wenn der Joker die Politikgeschäfte führen würde.“

Offensichtlich. Ich hob Daumen und Zeigefinger an meinen Mund und tat so, als würde ich mir ein extrabreites Lächeln nachzeichnen.

Nachdem sich meine Tante die blonden Haare zu einem hohen Dutt gedreht hatte, warf sie sich auf den Sessel, wodurch Remi erschrocken aufkeuchte und sich dann auf den Boden zu ihren Füßen hockte, nicht ohne einen Schmollmund zu ziehen, für den er eigentlich zu wenig Weiblichkeit besaß.

„Freitagabend, und du sitzt auf der Couch“, bemerkte Karen jetzt.

Noch in Gedanken bei Remi rubbelte ich mir mit dem Zeigefinger über die Nase. „So wie du, meinst du?“

„Ich bin aber auch keine siebzehn und im ausgehfähigen Alter.“

„Sechzehneinhalb“, korrigierte ich automatisch.

„Sechzehn, siebzehn!“ Tante Karen winkte ab, und zwar mit derselben Geste, die sie auch benutzte, wenn sie im Maklerbüro um Grundstückspreise feilschte. „In deinem Alter habe ich mir einen entsprechenden Ausweis anfertigen lassen und bin in jeden Club der Stadt reingekommen.“

„Wirklich, du bist ein tolles Vorbild. Manchmal denke ich, dass kriminelle Energie dieser Familie in die Wiege gelegt wurde.“ Ich griff in den Popcorneimer und förderte ein paar versprengte, letzte Krümel zutage. Da man mit diesem ernsten Thema Karen immer zum Verstummen bringen konnte, genoss ich ein paar Minuten der Ruhe, in denen ich mir Dancing with the Stars im Fernsehen ansah.

„Ich vermisse sie auch“, murmelte Karen nach einer Weile. Schweigen.

„Soll ich uns Eis von Jen und Berry’s holen?“

Ich sah auf. Natürlich war meine letzte Bemerkung ihr gegenüber unfair gewesen. Karen hatte auch eine Schwester verloren. Mit dem Unterschied, dass ihre im Gefängnis saß und gleichzeitig meine Mom war, aber meine kleine Schwester unter der Erde lag.

„Ich gehe“, sagte ich daher bestimmt. Meine Tante musste heute genug durch die Stadt gerannt sein. Sie hatte es sich verdient, die Füße hochzulegen. „Du kannst dir sowieso nicht merken, welche Sorte ich mag.“

 

Als ich mein Fahrrad an der Ecke vor dem Eisladen an eine Laterne schloss, in der keine einzige Birne mehr brannte, dachte ich über das anstehende Wochenende nach. In zwei Tagen würde ich spätestens wieder zur Klippe gehen. Übermorgen. An dem Tag, an dem Nova elf Jahre alt geworden wäre. Der Geburtstag meiner Schwester. Bei diesem Gedanken schob sich ein Tränenschleier vor meine Augen, was dazu führte, dass mir der Schlüssel abrutschte und zu Boden fiel. Dem Klackergeräusch nach zu urteilen, war er nicht weit gerollt. Nur ein Stück in Richtung des Bordsteins. Nach einem kurzen Aufstöhnen blinzelte ich die Tränen weg. Weinen half nicht, wie ich inzwischen eigentlich wissen sollte. Also ging ich in die Knie und tastete nach dem Schlüssel. Warum musste auch gerade diese Straßenlaterne ausgebrannt sein?

Und während ich auf den Knien meiner hastig übergestreiften grünen Jeans herumrobbte und in meinen Handyeinstellungen die Taschenlampenfunktion suchte, hörte ich die Stimmen, die über die Hecke vor der Eisdiele zu mir herübergeweht wurden. Zuerst ordnete ich sie einer lachenden Jungenclique zu, vielleicht hatte eins der städtischen Footballteams etwas zu feiern. Aber dann, ganz plötzlich, filterte ich zwei Stimmen aus dem Gelächter heraus. Die von Darcy und seinem besten Freund Lion. Sie mussten direkt hinter mir im Eiscafé sitzen. Auf der anderen Seite der mannshohen Hecke.

Darcy war hier? Aber … warum? In diesem Moment bekam ich endlich den Schlüssel zu fassen, verharrte aber dennoch am Boden. Er hatte mir erzählt, wir könnten uns heute Abend nicht treffen, weil er lernen musste. Doch jetzt saß mein Freund, wenn ich meinen Ohren trauen konnte, im Jen & Berry’s und amüsierte sich offensichtlich ganz gewaltig.

Auf einmal wünschte ich mir Remi herbei, der mich hätte trösten oder herausfinden können, was los war. Aber Remi war heute Abend zu faul, um sich weiter vom Fernseher wegzubewegen als nötig. Vermutlich immer noch in seinen Tagträumen von Jared gefangen.

„Lust, noch einen draufzumachen?“ Gläserklirren ertönte zusammen mit einer mir eher unbekannten Stimme, von der ich annahm, dass sie einem Typen aus Darcys Lacrosse-Team gehörte. Normalerweise redete ich nicht mit den Sportfreaks an der Schule. Oder sie nicht mit mir.

„Oder müsst ihr Luschen heute Abend noch zu euren Freundinnen? Darcy? Eric?“

Eric, der große, wasserstoffblonde Typ, räusperte sich. Sehen konnte ich ihn natürlich nicht, aber seine Stimme kannte ich zufällig, weil er mit mir im selben Mathekurs saß.

„Nein, ich nicht. Hab mit Monica Schluss gemacht. Beziehungsweise werde ich das morgen offiziell tun.“

Gelächter. Noch mehr Gläserklirren. Einfach widerlich. In mir zog sich alles zusammen. So redete Eric über Monica? Die süße, sommersprossige Monica, die so stolz darauf war, in einer Woche mit Eric zum Homecomingball zu gehen?

„Ich habe heute keine Lust auf Seven. Bin zu allen Schandtaten bereit!“ Das war Darcys Stimme. Eindeutig. Nur bei seinen Worten vibrierte mein Trommelfell, so als wollte es das eben Gehörte löschen. Darcy hatte keine Lust auf mich.

„Echt jetzt?“, mischte sich ein anderer Typ ein. „Seven ist doch heiß. Wenn du sie abservierst, nehme ich sie.“

Gegröle und wieder traf Glas auf Glas. Sicherlich hatten sie Alkohol in ihre Limonaden gemischt.

„Na ja, Seven ist bestenfalls niedlich. Heiß ist doch etwas übertrieben.“ Erics Stimme klang eine Spur herablassend. „Seit der Sache mit ihrer Schwester spricht sie doch kaum noch. Außerdem zieht sie sich wie ein Junge an. Ganz schön unsexy.“

„Und fünf Kilo weniger auf den Rippen würden ihr auch guttun“, mischte sich eine andere Stimme ein. Lion. Das hatte Lion über mich gesagt.

Meine Kiefermuskeln spannten sich an, während sich ein schaler Geschmack in meinem Mund ausbreitete. Ich musste hier weg. Die Situation auf der anderen Seite der Hecke war einfach zu absurd. Darcys Freunde so über mich sprechen zu hören. Und dann auch noch über Nova! Wie konnte Eric nur?

Mit dem spontanen Vorsatz, etwas Eis im Seven Eleven, anstatt aus der Eisdiele zu holen, packte ich das Fahrradschloss zurück in den Korb. Meine Hände zitterten dabei wie wild. Obwohl ich nicht mehr hinhören wollte, schockierten mich die nächsten Worte der Jungen. Eben weil ich nicht einfach weghören konnte.

„… ohne Scheiß. Seven sieht aus wie Selena Gomez’ kleine Schwester. Wenn sie eine hätte. Hat sie aber nicht, oder?“

„Was habt ihr nur für ein Problem mit meiner Freundin?“

Endlich sprach Darcy ein Machtwort!

„Ehrlich, Mann, lass mal die Luft raus. Wir wissen doch, dass du neben ihr noch andere hast. Was führst du dich jetzt wie ein Moralapostel auf?“

Meine Hände krampften sich um das Plastikstück an meinem Fahrradlenker, sodass ich es beinahe entzweibrach. Hatte ich das eben richtig verstanden?

„Nur noch eine andere“, gab Darcy jetzt zu. „Das mit Monica habe ich schon vor einem halben Jahr beendet. Bevor sie mit Eric zusammenkam.“

Alle meine inneren Organe schienen bei den Worten meines Freundes abzusterben. Wir waren beinahe drei Jahre zusammen. Dieser Junge war mein Ein und Alles. Neben Remi war Darcy doch meine ganze Welt. Abgesehen von meiner besten Freundin Melody vielleicht. Er hatte mir meine Mathehausaufgaben erklärt, mich gehalten, wenn ich wegen Nova weinte, und war mit mir im Schwimmbad im Kinderbecken geblieben, weil ich Angst vor dem dunklen Wasser im Erwachsenenbecken hatte. Nur dass all meine Liebe zu ihm ganz offensichtlich nicht auf Gegenseitigkeit beruhte.

„Ah ja, die schöne Melody!“, freute sich der Junge jetzt wieder, der zuerst gesprochen hatte. „Stimmt. Die ist doppelt so scharf wie Seven. Trotzdem: Wenn du offiziell mit Melody zusammenkommst, kann ich dann Seven haben?“

Etwas in mir zerbrach bei diesem Satz. Und ich wusste, dass genau dieser Satz für immer eingebrannt in meinem Bewusstsein weiterexistieren würde. Jederzeit abrufbar in verletzlichen Momenten. Darcy und Melody. Mein Freund und meine beste Freundin. Nein. Wie …? Warum …? Das hatte ich nicht kommen sehen. Hätte es in hundert Jahren nicht geahnt. Mein Innerstes wurde kalt wie Eis. Melody – meine beste und einzige Freundin an der Schule. Ich musste fort von hier. Konnte kein Wort mehr ertragen, das am Lacrosse-Tisch gesprochen wurde. Kein einziges!

 

Während der Fahrt nach Hause zitterte ich durchgehend, wie zuletzt kurz nach Novas Verschwinden. Meine Kieferknochen schmerzten bereits, so fest biss ich die Zähne zusammen. Auf einmal fühlte es sich schwierig an, die Balance auf dem Rad zu halten, wenn gleichzeitig so viele Emotionen aus mir herauszubrechen drohten.

Nach ungefähr einer halben Meile folgten die Tränen in immer kürzeren Abständen. Irgendwann sah ich kaum noch den Fahrradweg unter mir, weshalb ich abstieg und schob. An einer Tankstelle schmiss ich mein Rad letztendlich zur Seite und hockte mich auf den Gehsteig, wo ich mich meinem Selbstmitleid hingab und hemmungslos zu schluchzen anfing. Zu allem Unglück setzte auch noch Nieselregen ein. Das war allerdings gerade mein geringstes Problem, weshalb ich so tat, als machte mir das nichts aus.

Ungefähr drei Minuten später fand mich Remi. Da ich sowieso noch nie besonders gut darin gewesen war, mich in meinem eigenen Selbstmitleid zu suhlen, war ich beinahe erleichtert, als mein Geisterfreund vorbeischwebte.

„Seven? Was ist los? Hatten sie deine Lieblingseissorte nicht mehr, oder warum heulst du?“

Remi las manchmal in mir wie in einem geklauten Tagebuch.

„Natürlich nicht!“ Wahrscheinlich verstand er mich kaum unter meinen Schluchzern. Trotzdem nickte er, setzte sich dann neben mich auf den Bordstein, zumindest tat er so und imitierte meine Sitzposition. Damit mich niemand für verrückt hielt, fummelte ich einen Kopfhörer aus meiner Regenjacke und stopfte ihn mir ins Ohr. So konnte ich mit Remi sprechen, aber für die Öffentlichkeit so tun, als würde ich über das Headset telefonieren. Tricks wie diesen hatten Remi und ich in den letzten Jahren perfektioniert.

„Es ist wegen Darcy. Ich habe ihn gesehen. Im Eiscafé.“

„Oh.“ Ja, genau. Remi wusste Bescheid. „Der wollte heute Abend doch lernen?“

„Nicht nur, dass er mich angelogen hat, nein, stell dir vor, ich bin nicht mal seine einzige Freundin!“ Bei den letzten Worten schrillte meine Stimme ein paar Oktaven in die Höhe. Der Verrat von Melody schmerzte beinahe noch mehr, sodass ich darüber lieber schwieg und die Wahrheit tief in meinem Inneren vergrub.

„Wirklich jetzt? Er geht noch mit einer anderen?“, empörte sich Remi. Seine Umrisse flackerten, wie seine halb durchsichtige Gestalt es manchmal tat, wenn er wütend war.

„Ja, mit Melody und bis vor Kurzem auch noch mit Monica und mit wer weiß wem noch.“ Meine Stimme erstarb. Jetzt war es doch aus mir herausgebrochen. Darcy und Melody. Bei dem Gedanken an die beiden fühlte ich mich wie von einem Auto überfahren. Nichts würde mehr so sein wie zuvor. Eigentlich hätte ich gerne noch mehr gesagt, nur fühlte sich meine Zunge plötzlich wie eingefroren an. Wie konnte mir Darcy das antun? Er war doch mein Darcy? Meine erste große Liebe. Hatte es dafür Anzeichen gegeben? War ich so blind gewesen?

„Ach, Süße“, seufzte Remi, „ich würde dich jetzt so gerne in den Arm nehmen.“

Das wäre schön. Nur wussten wir beide, dass das nie funktionieren würde. Mit dem Daumennagel drückte ich mir immer wieder gegen die Oberlippe, während ich nachdachte. Über mich und die letzten drei Jahre.

Schließlich warf ich Remi, der neben mir unaufhörlich auf Dumbo-Darcy schimpfte und dabei noch weitere wenig schmeichelhafte Spitznamen für meinen Freund erfand, einen Blick zu. Nieselregen tropfte durch seine Geistergestalt, was ziemlich seltsam anmutete, allerdings kein gänzlich neuer Anblick für mich war.

„Remi, in dieser Schule in Deutschland, wird dort eigentlich Englisch gesprochen?“

Remi stutzte. Sicher hatte er nach zweieinhalb Jahren, in denen er versucht hatte, mich zu einem Schulwechsel an die Black Forest High zu überreden, nicht mehr damit gerechnet, dass ich jemals ein Gespräch über diese Schule beginnen würde.

„Weißt du, meine Mom und Karen sind zwar Deutsche, aber sie waren nicht gerade konsequent in meiner deutschen Erziehung. Englisch wäre mir lieber.“

Remi öffnete und schloss den Mund, röchelte dann mehrere Sekunden lang. Wenn er noch am Leben gewesen wäre, hätte ich mir sicher Sorgen um seine Luftzufuhr gemacht. Aber so schrieb ich das lediglich seiner Selbstinszenierung zu. Geister mussten nicht atmen. Remi erinnerte sich allerdings gern an Verhaltensweisen aus seiner Zeit als lebender Junge.

„Seventina Alexia Richard! Heißt das, du kommst mit mir in den Schwarzwald?“

„Remington Achilles Osterwald! Ich will einfach nur noch weg von hier. Von meiner Highschool. Nimm mich mit nach Deutschland.“ Ich schmeckte Salz auf den Lippen. Inzwischen hatten sich meine Tränen komplett mit Regentropfen vermischt.

Sicherlich hatte Remi absolut nicht erwartet, dass ich doch noch einknicken würde. Und das jetzt, wo das neue Schuljahr bereits vor einigen Wochen angefangen hatte. Aber warum nicht? Wieso sollte ich nicht mal aus Utah herauskommen, das mir in den letzten Jahren nicht gerade Glück gebracht hatte? Die Leute redeten immer noch über mich, Nova und meine Mom. Und jetzt hatte ich nicht mal mehr Darcy.

Bis Remi sich gefasst hatte, kaute ich auf meinem Zeigefingernagel herum. Was sollte ich noch hier? Besser, Darcy und ich verteilten uns auf unterschiedliche Planeten. Nun, Deutschland würde es vorerst auch tun.

»Ehrlich wahr? Mensch, Seven! Die beste Entscheidung deines Lebens! Du wirst sehen! In der Akademie wirst du unter Deinesgleichen sein. Unter anderen geistbegabten Jugendlichen. Ich sage der Schulleitung sofort Bescheid. Sie schicken dir und Karen alle Unterlagen zu.« Er überschlug sich beinahe vor Freude, bis er meinen Gesichtsausdruck bemerkte. „Das mit Darcy tut mir trotzdem leid. Dieser Lacrosse-Alpha-Kevin hatte dich sowieso nicht verdient.“ Bisher hatte sich Remi mit seiner Meinung über Darcy zurückgehalten. Mehr oder weniger. Er mochte ihn zwar nicht, hatte mich aber nie zu einer Trennung zu überreden versucht.

 

Zu Hause bot mein Pappbecher-Roboter im Regen einen traurigen Anblick. Als ich die Tür aufschloss, klopfte mein Herz. Nicht nur, dass ich keine Lust hatte, Karen von meinem Abstecher ins Jen & Berry’s zu erzählen, dazu hatte ich auch vollkommen vergessen, Eis mitzubringen. Doch ich hätte mir um Tante Karen keine Sorgen machen müssen. Im Wohnzimmer schlug mir sofort ihr Schnarchen entgegen. Ein kanadischer Trucker mit Adipositas war nichts dagegen. Sie lag in ihrer Simpson-Uniform quer über der langen Couch, ein Arm baumelte nach unten, knapp über dem Teppichboden. Im Fernseher lief eine Kochshow, bei der gerade eine Gans aus dem Ofen gezogen wurde.

Damit hatte sich immerhin das Eisproblem erledigt. Also schnappte ich mir die kratzige Kameldecke von der Lehne und deckte meine Tante damit zu.

„Wirklich ein Wunder, dass Karen noch Single ist“, bemerkte Remi, der auffällig in Richtung des Sabberfadens schielte, der aus Karens Mundwinkel auf das Kissen unter ihr tropfte.

Ich zuckte zusammen. Genau genommen waren Karen und ich ab heute beide Singles.

Remi, der wohl eben erkannte, was er damit bei mir angerichtet hatte, warf mir einen Blick zu. „Sorry, Seven. Kopf hoch. Im Schwarzwald gibt’s auch hübsche Jungs.“

Ich rümpfte die Nase. Momentan hatte ich die Schnauze voll von Jungs. Aber so was von!

 

Nachdem ich mich eine Weile in meinem Bett hin und her gewälzt, schließlich alle Fotos von mir und Darcy von den Wänden gerissen und mich erneut hin und her gewälzt hatte, fiel mein Blick auf meine Stofftiersammlung. Allesamt von Darcy bei Festivals für mich geschossen. Obwohl es mich einiges an Überwindung kostete, holte ich aus und fegte sie alle aus meinem Bett. Sogar die kleine Ente mit einem roten und einem blauen Flügel, die ich so gerne mochte. Die Tierchen landeten auf dem Teppich, schossen dann noch einmal ein winziges bisschen in die Höhe und kullerten davon. Die kleine Ente sah mich vorwurfsvoll an. Aber das war mir egal. Das einzige Stofftier, das mir etwas bedeutete, war der kleine Eisbär von Nova. Den zog ich beinahe jede Nacht zum Einschlafen in meine Arme.

Ich schluckte, sah mich weiter im Zimmer um. Remi war gegangen, würde aber sicher bald wiederkommen, wie er es immer tat.

Obwohl ich mir sicher war, niemals einschlafen zu können, tat ich es doch. Bis mir jemand etwas ins Ohr zischte.

„Schnell, wach auf, Seven. Er ist da. Der Gärtner ist da!“

Der Gärtner war da? Was wollte er denn mitten in der Nacht? Doch bitte nicht den Rasen vor meinem Fenster mähen? Ich blinzelte, bis mir die Zusammenhänge klar wurden. Remi wedelte mit der Hand vor meinem Gesicht herum. Dann bemerkte ich auch schon, wie das Licht flackerte, obwohl ich die Deckenlampe vor dem Zubettgehen ausgeschaltet hatte. An der Tür inmitten meiner Stofftiere stand der Gärtner mit seinem pockenvernarbten Gesicht. Ein dunkler Geist, der stets eine Kettensäge in der Hand hielt. Meine Schultern spannten sich an. Innerhalb nur einer Millisekunde hatte ich mich aufgesetzt.

Ein Ratschen ertönte. Zuerst verstand ich den Sinn dahinter nicht. Doch dann senkte ich den Blick. Zu Füßen des Gärtners zerfetzte eine unsichtbare Macht ein Stofftier nach dem anderen in zwei Hälften. Der Hase war in der Mitte entzweigerissen. Dem Schneeleoparden klappte gerade der Kopf von den Schultern. In den Händen des Geistes rasselte die Kettensäge. Was wollte dieser Geist nur immer von mir? Wie betäubt hob ich den Kopf. Der Gärtner grinste. Seine Nase, so groß wie eine Kartoffel, zuckte verräterisch. Er genoss es sichtlich, mich zu quälen. Nur dass mir das Zerteilen von Darcys Geschenken nicht so viel ausmachte. Nicht heute. Und nicht so viel, wie manch andere Aktionen des Geistes. Das Schlimmste bisher war eigentlich gewesen, als er mein Weihnachtsgeschenk für Karen an Heiligabend zerstört hatte und als er mir einmal die Bremsen an meinem Fahrrad durchgeschnitten hatte. Solche Dinge tat er ein- bis zweimal im Monat. Aber ich hatte noch nicht herausgefunden, warum. Wenn ich nicht schon viel Schlimmeres in meinem Leben durchgemacht hätte und wenn das nicht Darcys Sachen gewesen wären, hätte mich seine heutige Stofftier-Schlachteraktion sicher mehr getroffen.

„Hau ab, du Prolet!“ Remi schwebte mit wutverzerrter Miene auf den Gärtner zu. „Lass Seven in Ruhe! Was willst du von ihr?“

Als Antwort lachte der Gärtner nur.

Remi ließ sich nicht beirren. „Siehst du, Seven. Auch deswegen musst du dringend auf die Akademie. Dort werden sie dir beibringen, dich gegen Poltergeister zu wehren.“

Von mir aus sollte der doofe Poltergeist alle von Darcys Stofftieren zerteilen, aber dann bitte abhauen.

Wieder und wieder redete ich mir ein, wie egal mir alles hier in Utah war. Doch dann fiel mein Blick auf die kleine Ente. Mit einem grausigen Ratschen, so kam es mir vor, wurden ihr beide Beinchen abgerissen und dann explodierte ihr Kopf. Ein Auge prallte von meinem Spiegel ab und rollte unter den Schreibtisch.

Nun schlich sich doch eine Träne aus meinem Augenwinkel, kullerte über meine Wange bis zum Kinn, wo sie verharrte. Meine Hände ballten sich zu Fäusten. Ich würde also ohne Darcys Stofftiere nach Deutschland reisen.

Nina MacKay

Über Nina MacKay

Biografie

Nina MacKay, irgendwann in den ausgeflippten 80er-Jahren geboren, arbeitet als Marketingmanagerin (wurde aber auch schon im Wonderwoman-Kostüm im Südwesten Deutschlands gesichtet). Außerhalb ihrer Arbeitszeiten erträumt sie sich eigene Welten und führt imaginäre Interviews mit ihren Romanfiguren....

Pressestimmen
phantastiknews.de

„Was den Roman dann besonders macht, ist die Darstellung des Übernatürlichen. Die Welt der Geister, die zugrunde liegenden Geheimnisse, Verrat und Opfer - die Mischung, sie stimmt.“

leseleidenschaft.org

„Ein empfehlenswerter Reihenauftakt mit hohem Unterhaltungswert. Das Buch läßt mich mit vielen Fragen und einer echten Vorfreude auf den Folgeband zurück.“

leseleidenschaft.org

„Ein empfehlenswerter Reihenauftakt mit hohem Unterhaltungswert. Das Buch läßt mich mit vielen Fragen und einer echten Vorfreude auf den Folgeband zurück.“

lieblingsleseplatz.de

„Die Geschichte ist der perfekte Mix aus Fantasy, Thriller und Mystery – gewürzt mit einer Prise Love Story!“

buchfeeteam.blog

»Black Forest High muss man als Fan humorvoller Fantasy gelesen haben. Ein typischer MacKay - wer ihre bisherigen Bücher mochte, wird auch Black Forest High lieben, wer ihre Bücher noch nicht kennt, findet mit dem Buch einen tollen Einstieg.«

bunteworte.net

„Fantasy aus Deutschland muss einfach mit dem Namen Nina MacKay in Verbindung gebracht werden – Black Forest High hat das wieder einmal bewiesen!“

nickypaula.blog

„Fans des Übernatürlichen und von Geister sollten hier besonders zugreifen.“

buecherfansite.com

„Genialer Beginn der neuen Reihe der Autorin. Spannend und unterhaltsam. Klare Kauf – und Leseempfehlung.“

Kommentare zum Buch
Black Forest High: Ghostseer
Karin P. am 03.03.2019

Um Seven herum ist nach dem Tod ihrer Schwester Nova und der darauffolgenden Tat ihrer Mutter alles grau und schwarz. Nur ihre beste Freundin Melody und ihr Freund Darcy halten sie noch in ihrem Heimatort. Aber Seven hat auch einen treuen Begleiter: Remi. Das Doofe? Keiner kann ihn sehen, denn er ist ein Geist. Als sich dann aber bezüglich Darcy eine neue Entwicklung ergibt, kann Seven endlich loslassen und geht mit Remi an die Black Forest High nach Deutschland. An eine Schule in der die Geisterseher unterrichtet werden! Remi ist dort ein Schulgeist und Seven möchte an der Schule neu anfangen. Ohne die Vorgeschichte ihrer Familie.   Seven ist eine Jugendliche, die schwere Verluste hinnehmen musste. Sie bekommt aber an der Black Forest High nicht wirklich einen Neuanfang. Denn wie es scheint, ist an der ganzen Geistergeschichte mehr daran wie am Anfang angenommen. Und das Beste: Seven hat von dem Ganzen absolut keine Ahnung!   Die Charaktere waren sehr gut ausgearbeitet. Gerade Seven konnte man gut verstehen, die Irving-Zwillinge Crowe und Parker waren interessant. Ihre neuen Freunde Varla, Sylvia, Shana und Ira nahmen aber auch wichtige Nebenrollen ein. Als Nova endlich Kontakt mit Seven aufnehmen möchte, nimmt die ganze Handlung richtig Fahrt auf. Ich muss aber hier sagen, dass diese von Anfang an schon die mystische Atmosphäre gut transportiert wird. Aber es gibt gerade mit Crowe lustige und leichte Momente, während sein Zwilling Parker jedoch sehr mürrisch und grüblerisch dargestellt war. Es war temporeich und man hat das Gefühl, dass Seven weder zum nachdenken noch zum handeln kommt. Sie ist ständig unter Druck, keiner erklärt ihr irgendwas und sie muss ihre Antworten selber suchen. Auch das Rätsel um ihren Vater und Mutter fand ich faszinierend! Das Seven Besonders ist, bekommen wir ziemlich schnell mit. Aber darum machen die Erwachsenen gerne ein Geheimnis. Der Erzählstil ist in der Ich-Form aus der Sicht von Seven, aber auch Parker, Crowe und Varla kommen (gegen Schluss, dritte Person) zu Wort. Das war sehr interessant und man konnte die Situation aus der Sicht von einer anderen Person betrachten. Der Schreibstil zog mich in seinen Bann, denn er war spannend, gefühlvoll und doch locker und leicht zu lesen. Ich las das Buch in einem Rutsch durch und konnte nicht aufhören.   Mein Fazit: Das war ein Buch, dass ich auf jeden Fall zu 1000% weiterempfehlen kann. Es stimmte (fast) alles: Eine Anti-Heldin, ein/zwei Held/en, neuen (treuen) Freunden und ein riesiges Geheimnis, und das alles vor einer mystischen, geheimnisvollen Kulisse. Es war ein Feuerwerk, denn man rennt fast mit Seven mit und hat ständig das Gefühl alle wissen mehr wie sie und der Leser. Am Ende des Buches waren aber noch sehr viele Fragen offen und ich denke es kommen noch mehr dazu.   Ich habe nur zwei kleine Kritikpunkte, denn das Ende war ein Cliffhanger und ich dachte nur, was? Gibt es einen zweiten Band? Wenn ja, wann kommt der? Dann bin ich gespannt wohin es mit den Irving-Zwillingen geht, denn dies war für mich manchmal etwas irritierend und zu viel des Guten. Aber die Autorin hat bestimmt einen Plan und ich bin gespannt auf die Auflösung des Ganzen!   Aber hier nochmal eine Bitte an den Verlag: Es wäre schön, wenn man am Anfang schon einen Hinweis hätte, dass es sich hier um eine Reihe(?) oder auch um einen Mehrteiler handelt. Denn am Ende hing ich in der Luft und warte nun auf die Fortsetzung um endlich zu wissen wie es mit den liebgewonnenen Figuren weitergeht!   Vielen Dank an den Verlag und an netgalley.de für das Leseexemplar! Das hat aber meine Meinung in keinster Weise beeinflusst.

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