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Ein Mirador-Roman

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Active Memory — Inhalt

Los Angeles im Jahr 2050: Die junge Hackerin Marisa Carneseca umgibt ein Geheimnis. Als sie zwei Jahre alt war, verlor sie bei einem Autounfall ihren Arm, während Zenaida de Maldonado, die Frau eines Mafiabosses, starb. Niemand kann Marisa sagen, warum sie in diesem Auto saß oder wie es nach dem Unfall zu der Fehde zwischen den Carnesecas und den Maldonados kam. Die Vergangenheit holt Marisa viele Jahre später ein, als Zenaidas frisch abgetrennte Hand aufgefunden wird. Ist Zenaida doch noch am Leben? Als Marisa erfährt, dass nicht nur die Gangs von Los Angeles, sondern auch die größten Konzerne der Welt in den Fall verwickelt sind, wird klar, dass mehr dahinter steckt, als Marisa je hätte ahnen können ...

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 11.01.2019
Übersetzt von: Jürgen Langowski
432 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-28023-5
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 11.01.2019
Übersetzt von: Jürgen Langowski
432 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99228-2

Leseprobe zu „Active Memory“

Kapitel 1

Die Mario Fortino Alfonso Moreno Reyes Highschool war mit einem ganzen Schwarm wunderschöner schwebender Laternen geschmückt. Die solarbetriebenen LED-Lampen hingen an großen Ballons aus Mylarfolie, deren Auftrieb genau bemessen war, sodass sie regungslos in der Luft verharrten. Die Steuerung war intelligent genug, um die Ballons an die vorgesehenen Positionen zurückzubringen, wenn eine unberechenbare Bö sie mitriss. Oder, dachte Marisa, wenn ein ebenso unberechenbarer Schüler sie absichtlich wegstieß. Letzteres war sogar die [...]

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Kapitel 1

Die Mario Fortino Alfonso Moreno Reyes Highschool war mit einem ganzen Schwarm wunderschöner schwebender Laternen geschmückt. Die solarbetriebenen LED-Lampen hingen an großen Ballons aus Mylarfolie, deren Auftrieb genau bemessen war, sodass sie regungslos in der Luft verharrten. Die Steuerung war intelligent genug, um die Ballons an die vorgesehenen Positionen zurückzubringen, wenn eine unberechenbare Bö sie mitriss. Oder, dachte Marisa, wenn ein ebenso unberechenbarer Schüler sie absichtlich wegstieß. Letzteres war sogar die wahrscheinlichere Variante. Sie war selbst erst siebzehn und ungeheuer stolz, dass sie alles wusste, was ein Mensch nur wissen konnte, aber wenn es etwas gab, das sie nie verstehen würde, dann waren es die Jungs auf der Highschool.

„Was mögen die wohl gekostet haben?“, überlegte Marisas Vater, der die Lichter durch das Fenster ihres Autotaxis betrachtete.

„Heute ist ein besonderer Abend“, verkündete Marisa. „Es ist der Wissenschaftswettbewerb.“

„Das heißt WIKITEM“, ergänzte Marisas zwölfjährige Schwester Pati. Es war förmlich zu hören, wie sie in Großbuchstaben sprach. „Wissenschaft, Kunst, Ingenieurswesen, Technologie und Mathematik, alles in einem.“

Gabi schnaubte. „Es ist bloß ein Wissenschaftswettbewerb.“ Sie war zwei Jahre älter als Pati und viel schwerer zu beeindrucken. „Warum sind wir überhaupt hier?“

„Euer Bruder hat beim Wettbewerb ein Nuli eingereicht“, antwortete der Vater. „Keiner von euch hat jemals ein Nuli gebaut.“

Marisa verdrehte die Augen. „Papi, das ist kein Wettkampf.“

„Natürlich ist es ein Wettkampf“, widersprach er. „Es gibt einen Preis und so weiter.“

„Ich meine zwischen deinen Kindern.“

„Es ist überhaupt kein Wissenschaftswettbewerb“, wandte Pati ein. »Es ist eine Vorführung für Roboter und Hacker. Gama hat gesagt, es soll einen Nulikampf geben …«

„Das hier ist nichts für Hacker“, fiel Gabi ihr ins Wort. „Die Schule lässt doch nicht die eigenen Computer von den Schülern hacken.“

„Mari macht das aber die ganze Zeit“, beharrte Pati.

„Das sollte sie lieber lassen“, warf der Vater ein.

„Ay, que niña“, sagte Marisa. „Cállate.“

„Entschuldige dich bei deiner Schwester!“, verlangte der Vater.

„Ja“, entgegnete Marisa. „Entschuldige dich!“

Er musterte sie mit finsterem Blick. „Ich meinte dich, morena.“

Pati machte ein selbstgefälliges Gesicht. „Wir sagen nicht cállate, hast du das vergessen?“

„Na gut“, gab Marisa zurück. „Tut mir leid. Auf Spanisch: lo siento. Auf Chinesisch: bi zui.“

Marisas Vater betrachtete sie misstrauisch aus den Augenwinkeln. Er sprach kein Chinesisch und wusste nicht, dass sie ihrer Schwester noch einmal gesagt hatte, sie solle die Klappe halten. Der Augenausdruck verriet allerdings, dass er etwas in dieser Richtung vermutete.

„Es gibt auch keine Nulikämpfe“, schränkte Gabi ein. „Da stehen einfach nur, como, fünfzig Jungs neben den blöden kleinen Robotern, die sie gebaut haben.“

„Und fünfzig Mädchen“, ergänzte Marisa.

„Wen kümmern die schon?“, fragte Gabi. „Ich bin nur mit einem Jungen verwandt, also bleiben neunundvierzig, die mir etwas über ihre Projekte erzählen wollen.“

„Highschooltypen“, meinte Marisa voller Abscheu. „Die kannst du alle haben.“

„Genau das habe ich vor.“

„Meine Ohren!“, rief ihr Vater. „Könnt ihr nicht wenigstens warten, bis ihr ausgestiegen seid?“

Das Autotaxi hielt am Bordstein, die Türen glitten klappernd auf. Normalerweise wären sie nicht mit dem Taxi gefahren, aber ihr Vater erholte sich gerade von seiner Lebertransplantation. Er konnte zwar gehen, die Ärzte rieten ihm allerdings, sich vorläufig noch zu schonen. Deshalb hatten sie das billigste Autotaxi genommen, das es gab. Marisa stieg aus, rückte das T-Shirt zurecht – es zeigte die Intruders, ihre aktuelle nigerianische Lieblings-Metalband – und betrachtete die Schule. Ihre Schule, auch wenn sie überwiegend daheim lernte. Sie stemmte die Metallprothese gegen den Türrahmen und streckte den natürlichen Arm ins Auto. Ihr Vater schlug ein, und sie zog ihn grunzend hoch. Die Gelenke und Servomotoren im Metallarm, eine schlanke, ästhetische Prothese, bewältigten die Anstrengung mühelos, hinterließen allerdings eine Reihe winziger Dellen im dünnen Dach des Taxis. Egal. Sie schüttelte den Kopf und half Gabi, auch das Pflegenuli auszuladen.

„Triste Chango“, stöhnte ihr Vater. „Ich hasse dieses Ding.“

Das bedeutete so viel wie dummer Affe, war in diesem Fall aber der Name, den die Familie dem Pflegenuli gegeben hatte. Marisa tätschelte lächelnd den Blechkasten. „Das Ding hält dich am Leben, Papi. Wir wollen doch nicht, dass eine Naht reißt, dass du eine Infektion bekommst oder so.“

Er schüttelte den Krückstock, bis er ganz ausgeklappt war, und setzte sich langsam zur Highschool in Bewegung. „Ich brauche keinen Babysitter.“ Triste Chango folgte ihm dienstbeflissen und hielt die Rettungsmittel bereit.

Sobald Pati und Gabi ausgestiegen waren, blinzelte Marisa den Bezahllink in der Benutzeroberfläche ihres Djinnis an. Das Computerimplantat zeigte sich als sanftes Glühen am Rand ihres Gesichtsfelds. Auf ihrem Konto war nicht mehr viel Geld, aber ihre Mom hatte ihnen genug gegeben, damit sie das Taxi bezahlen konnten. Es bat um ein Trinkgeld, was Marisa voller Schadenfreude ablehnte, und fuhr mit einem etwas zu schrillen Motorgeräusch davon.

„Deshalb ist Jugendlichen so ziemlich alles egal.“ Marisa nahm Pati an der Hand und folgte dem Vater in die Schule. Pati trug wie Marisa schwarze Jeans und ein schwarzes T-Shirt. „Hundert Menschen haben gerade gesehen, wie wir ausgestiegen sind, und wenn ich Wert auf ihre Gedanken legen würde, dann würde ich sterben. Es ist wirklich das Beste, wenn einem alles egal ist.“

„Bäh, du bist vielleicht blöd!“, meinte Gabi.

Marisa lächelte Pati an. „Siehst du?“

Das LED-Schild über dem Eingang war anlässlich des Wettbewerbs umdekoriert. Jetzt stand dort WIKITEM in quietschgelben Buchstaben. Im Eingangsbereich waren Trophäen und Zeitungsartikel ausgestellt. Die meisten drehten sich allerdings eher um Sport als um Wissenschaft. Mehrere Besucher winkten ihnen zu, als sie zur Cafeteria gingen, wo die Projekte ausgestellt wurden. Los Angeles war riesig – die größte Stadt der Welt, zumindest der Ausdehnung nach, wenn schon nicht nach der Einwohnerschaft –, aber Mirador bildete eine verschworene Gemeinschaft, in der jeder so gut wie jeden anderen zumindest flüchtig kannte. Dank ihres Restaurants waren die Carnesecas zudem bekannter als viele andere Einwohner.

„Buenas tardes, Carlo Magno!“ Ein älterer Mann winkte Marisas Vater gut gelaunt zu und stemmte die Hände in die Hüften, als betrachte er ein besonders schönes Stück Rindfleisch in der Auslage eines Metzgers. „Du siehst gut aus, du erholst dich schnell.“

„Danke, Beto.“ Carlo Magno lächelte, und Marisa sah, dass ihr Vater ehrlich dankbar war, auch wenn er nichts mehr sagte. Er tat immer gern so, als strotze er vor Gesundheit, aber der heutige Abend setzte ihm zu.

„Komm schon!“ Pati zog Marisa an der Hand weiter. „Lass uns Sandro suchen! Hast du schon sein Nuli gesehen? Es ist erstaunlich.“

„Ich habe es gesehen“, antwortete Marisa. „Sein Zimmer liegt direkt neben meinem.“ Trotzdem ließ sie sich weiterziehen. Gabi war schon verschwunden.

„Wartet!“, rief Carlo Magno. „Lasst mich doch nicht allein hier stehen!“

„Du bist nicht allein“, widersprach Marisa. „Du hast doch Triste Chango.“

„Wie bitte?“, fragte Beto.

„Sein Nuli“, ergänzte Marisa. „Du warst nicht gemeint.“ Pati zerrte sie durch die Tür in die Cafeteria. An diesem Tag waren die Tische nicht zu langen Reihen, sondern zu Dreiecken zusammengestellt worden. Marisa konnte nicht recht erkennen, inwiefern das den öden Raum ansehnlicher machte oder wie man sich jetzt besser darin zurechtfinden sollte. Jedes Dreieck war mit WIKITEM-Objekten dekoriert, auf einigen lagen sogar Plakate, die den unvermeidlichen Strebern gehörten, aber meist waren es einfach Nulis, Roboter oder Monitore, die irgendeine hübsche neue Software zeigten. Auf den Wandbildschirmen liefen unverfängliche Videos über Tiere in freier Wildbahn: Serengeti, Amazonas, die Ruinen des alten Detroit. Das diesjährige Thema lautete Wildnis der Stadt, und die meisten Projekte zielten auf irgendeinen Aspekt der Natur oder auf die einzigartige Symbiose der Stadt mit der Natur.

Gabi stand in der Nähe an einem Tisch. Sie trug die beste Weste und einen Falten-Minirock und hörte hingerissen Jordan Brown zu, der ihr den neuen Müllsammelalgorithmus erklärte, den er für ein Hausmeisternuli entwickelt hatte.

»Die Software kann nicht nur mehr Arten von Abfall erkennen, sondern ihn auch viel präziser nach recycelbaren Stoffen sortieren. Lebensmittel und organische Abfälle, Papier und sogar Metallkeramik in Form von einseitig beschichteten Folien …«

Marisa ließ sie allein und wanderte weiter in den Raum hinein. Jordan war süß, besuchte aber bereits die Abschlusskurse und hatte eine Reihe unglaublicher Stipendienangebote bekommen. Gabi hatte keine Chance, aber warum sollte sie die Träume ihrer Schwester zerstören?

In ihrem Djinni ploppte eine Nachricht auf. Ein kleines Ebenbild ihres Freunds Bao tanzte fröhlich in ihrem Gesichtsfeld. Sie blinzelte darauf und las den Text.

Drei Minuten.

„Chamuco“, murmelte sie.

„Was?“, fragte Pati.

„Anscheinend ist Bao hier.“ Marisa sah sich um. Bao war einer ihrer besten Freunde auf der ganzen Welt und einer ihrer häufigsten Mittäter, was mitunter ganz wörtlich zu verstehen war.

„Ach herrje!“ Pati riss die Augen weit auf. Sie war unsterblich in Bao verknallt. „Sehe ich auch gut aus? Ich habe mich nicht einmal zurechtgemacht. Gabi ist klasse, aber ich sehe aus, als hätte ich unter einer Brücke geschlafen. Was soll ich bloß machen?“

„Du siehst großartig aus.“

„Ich trage einen Sport-BH. Sieht man das? Glaubst du, er merkt was?“

Marisa lachte. „Bao ist viel zu sehr Gentleman, um einer Zwölfjährigen auf die Brüste zu starren.“

„Aber dazu sind sie doch da!“

»Ay, Pati, cálmate. Bao liebt dich … wie eine Schwester.«

„Ich bleibe nicht ewig zwölf.“

„Aber du wirst ewig fünf Jahre jünger sein als er.“

„Wenn ich zwanzig bin, spielt das keine Rolle mehr.“

„Schön.“ Marisa ließ den Blick über die Menge schweifen. „Wenn du zwanzig bist, ist er fünfundzwanzig. Dann erlaube ich dir, ihn zu heiraten.“

Pati runzelte die Stirn. „Warum siehst du dich dauernd um?“

„Das ist ein Spiel, das Bao und ich spielen. Er hat mir drei Minuten gegeben, um ihn zu entdecken.“

„Wir verteilen uns.“ Auf einmal war Pati konzentriert wie ein Laserstrahl. „Dann können wir mehr Gelände abdecken. Los!“ Schon drehte sie sich um und verschwand im Gedränge.

Da ploppte die nächste Nachricht auf: Es ist nicht fair, deine kleine Schwester bei der Suche einzusetzen.

Noch einmal betrachtete Marisa die Menge. Wo er auch war, er konnte sie beobachten.

Hast du gehört, was sie gesagt hat?, schrieb sie zurück.

Nein.

Gott sei Dank.

Also hielt er sich ganz in der Nähe auf, konnte sie aber nicht belauschen. Wo steckte er nur? Die Decke war niedrig, es gab weder Balkone noch erhöhte Stellen, die ihm eine gute Übersicht geboten hätten. Gib mir einen Tipp.

Das habe ich gerade schon getan. Darauf folgte die Zeichnung einer Katze, die ihr die Zunge herausstreckte.

Bao war unter Marisas Freunden der Einzige, der kein Djinni besaß. Die Supercomputer wurden direkt ins Gehirn eingepflanzt, waren nahtlos mit den Sinnen und dem Nervensystem verbunden und konnten mit fast allen Objekten in der Welt kommunizieren. Hätte er eins besessen, dann hätte sie einfach ihre GPS-App mit seiner ID füttern können und ihn sofort gefunden. Ohne Djinni war er so flüchtig wie ein Geist. Genauso wollte er es haben, denn er lebte davon, Touristen zu bestehlen.

Äußerlich so gelassen wie nur möglich wanderte sie an den nächsten Tischen vorbei, fand aber unter keinem einen grinsenden chinesischen Jungen. Wo steckte er nur?

Sie sah auf die Uhr. Noch eine Minute.

Vielleicht war er weitergegangen und wich ihr in der Menge einfach aus …

Nun steh da nicht so rum, sendete er.

Also beobachtete er sie immer noch. Er musste ganz in der Nähe sein.

Oder vielleicht auch nicht. Ein garantiert sicheres Versteck bot sich nur, wenn man den Raum erst gar nicht betrat. Wieder sah sie sich um, ließ den Blick über die Fuge zwischen Wand und Decke wandern und entdeckte es schließlich – eine kleine schwarze Überwachungskamera. Sie zielte mit den Fingern darauf und tat so, als feuere sie einen Schuss ab. Da bist du ja.

Dreizehn Sekunden vor Ablauf der Zeit.

Bist du ins Büro des Schuldirektes eingebrochen?

Das klingt so kriminell, sendete Bao zurück. Ich breche nicht ein, ich verschaffe mir Zugang. Das ist etwas anderes.

Das ist eine Unterscheidung, auf die sich die meisten Cops bestimmt nicht einlassen.

Ich ziehe es vor, mich überhaupt nicht mit Cops einzulassen.

Vielleicht solltest du dann aufhören, dir irgendwo Zugang zu verschaffen.

Soll ich denn die belastenden Aufnahmen von mir auf dem Server lassen? Du hast das nicht richtig durchdacht.

Welche belastenden Aufnahmen?

Die Aufnahmen, die zeigen, wie ich eingebrochen bin, um die Aufnahmen zu löschen.

Marisa lachte. Deine Logik ist umwerfend.

Finde ich auch, antwortete Bao. Ich bin jetzt fertig, wir können uns gleich treffen. Wie wäre es mit Sandros Tisch?

Gern. Und da wäre noch etwas.

Ja?

Sag bitte etwas Nettes zu Pati, wenn du sie siehst. Sie schickte die Nachricht ab, ging weiter und stolperte fast, während sie eine dringende Ergänzung folgen ließ. Aber sag nichts über ihr T-Shirt. Sag auf keinen Fall etwas über ihr T-Shirt.

Stimmt damit etwas nicht?

Sag einfach nichts dazu. Sonst stirbt sie vor Verlegenheit.

Du bist der Boss. Es gab eine kurze Pause, bevor die nächste Nachricht kam. Ein seltsamer Boss, den ich nicht verstehe, aber trotzdem ein Boss. Bis gleich.

Marisa sah sich in der Menge um. Anscheinend war ganz Mirador gekommen, aber es war nicht schwierig, Sandro zu finden. Er hatte ein Djinni. Sie blinzelte ihre Navi-App an, worauf vor ihr eine blaue Linie entstand, der sie durch das Gedränge folgen konnte. Lächelnd machte sie sich auf den Weg. Überall boten die Schüler ihre Projekte feil wie die Verkäufer ihre Waren auf einem Straßenmarkt. Ein Mädchen hatte ein Nuli, das den Schmutz von Sonnenkollektoren entfernte, was die Energieausbeute erhöhte. Ein Junge präsentierte einen kleinen Fabrikationsroboter mit einem neuartigen Gelenk, das weniger wartungsanfällig war. Marisa blieb an einem Tisch stehen und las den neuen Code, den ihre Freundin Rosa für ein Rangernuli geschrieben hatte. Das Gerät sollte bedrohte Arten beobachten und vor Wilderern beschützen. Rosa Sanchez war achtzehn und lebte im barrio. Sie hatte die KI angepasst, damit das Gerät die Wilderer aktiv jagte, statt sie bei jeder Annäherung nur passiv zu schocken. Die Veränderung war durchaus imstande, das Machtgleichgewicht zwischen Wilderern und Wildhütern auf den Kopf zu stellen.

Alles in dem Raum war erstaunlich, und Marisa war stolz auf ihre Freunde und Nachbarn. Dies war die Zukunft, genau hier und jetzt. Hundert Schüler mit großartigen Ideen und ein Raum voller Besucher, die dazu Ja statt Nein sagten. Etwas Schöneres hatte Marisa noch nie gesehen.

An der hinteren Wand entdeckte sie ihren Bruder Sandro, der gerade den Zuschauern sein Försternuli beschrieb. Natürlich hatte er auch ein Plakat gedruckt.

„Pflanzen erkranken genauso wie Tiere“, erklärte er gerade. »Wenn das geschieht, kann sich die Erkrankung im ganzen Ökosystem wie ein Buschfeuer ausbreiten. Ein einziger Schädling wie diese Bakterienart kann in wenigen Wochen einen ganzen Obstgarten vernichten.« Er hielt einen Bildschirm hoch, auf dem ein Baum mit verschrumpelten schwarzen Blättern zu sehen war, die wie verbrannt wirkten. »Dies hier ist der Feuerbrand, und die Bakterien, die ihn verursachen, heißen Erwinia amylovora. Sie haben es vor allem auf Obstbäume abgesehen. Wir können dagegen spritzen, aber das Mittel ist giftig und benetzt alles – die kranken Blätter, die gesunden Blätter und sogar die Früchte. Mein Nuli kann diese und ein Dutzend andere Krankheiten und Parasiten aufspüren und präzise sprühen, ohne Kollateralschäden zu verursachen. Es kontrolliert sein Revier rund um die Uhr und benötigt dank seiner Genauigkeit erheblich weniger Chemikalien als die traditionellen Methoden. Deshalb ist es auch preiswerter.«

Die kleine Zuschauermenge applaudierte, und Marisa jubelte lauter als alle anderen. „Ándale, Sandro! Lechuga!“

„Du weißt doch, dass er seinen Spitznamen hasst.“ Plötzlich stand Bao dicht neben ihr. Marisa hatte ihn nicht einmal kommen sehen.

„Was glaubst du denn, warum ich ihn benutze?“, fragte sie und rief den Namen laut und rhythmisch. „Le-chu-ga! Le-chu-ga!“

Sandro musterte sie, als die Zuschauer zum nächsten Projekt weiterzogen. Wie gern hätte sie gesehen, dass er eine Grimasse schnitt oder die Augen verdrehte, doch er zog nur die Brauen hoch. Er war ein Jahr jünger als sie, behandelte sie aber immer wie seine kleine Schwester.

„Danke, dass du gekommen bist“, sagte er.

„Claro que sí, hermanito. Deine Präsentation war perfekt.“

„Wirklich?“

„Es war gut“, bestätigte Bao. „Hast du ein Video, das dein Gerät im Einsatz zeigt?“

„Auf dem Tablet.“ Er wies auf den Bildschirm, den er in der Hand hielt. „Im Augenblick halte ich die Vorführung eher kurz, aber die Preisrichter werden es sehen.“

„Eine Quizfrage.“ Bao warf Marisa einen Blick zu. „Wie nennst du ein reptilisches Frettchen mit Flügeln?“

„Sie heißen MyDragons“, antwortete Marisa. „Die Werbung ist in der ganzen Stadt zu sehen.“

„Genau“, bestätigte Bao. „Falls du so etwas mal in Aktion erleben willst, La Princesa dort drüben hat eins.“ Er deutete in die entsprechende Richtung. Marisa sah hin und sperrte den Mund auf. Richtig, da war sie – Francisca Maldonado, La Princesa de Mirador, mit einem hell lilafarbenen MyDragon auf der Schulter.

„Sind sie etwa alle hier?“ Tatsächlich, La Princesa war nicht allein. Die ganze Maldonado-Familie war gekommen – Omar, Sergio und inmitten der anderen Don Maldonado höchstpersönlich. Der reichste Mann in Mirador und das Oberhaupt eines berüchtigten Verbrecherclans, der den Stadtteil kontrollierte wie ein Privatkönigreich. Don Maldonado und Marisas Vater hassten einander mit einer alten, nie erlöschenden Leidenschaft, und diese Fehde hatte einen starken Einfluss auf Marisas Leben ausgeübt. Noch schlimmer war der Umstand, dass sie sich strikt weigerten, ihr zu erklären, wie die Fehde begonnen hatte.

Hallo, Mari. Am Rand von Marisas Gesichtsfeld hüpfte eine neue Nachricht in einem Fenster, das sie niemals schloss. Es war der private Kanal zu ihrer besten Freundin Sahara. Sieh nicht hin, aber deine Lieblingsmenschen sind da.

Ich habe sie schon entdeckt, sendete Marisa zurück. Und dazu mit einem verflixten MyDragon. Einfach nur, um uns zu zeigen, dass sie viel reicher sind als wir.

Ich habe ein Blumenbukett auf der Schulter, antwortete Sahara. Franca hat ein gentechnisch maßgeschneidertes Kuscheltier.

Ich bin mit einem uralten Taxi gekommen, das sogar noch ein Lenkrad hatte, entgegnete Marisa. Die Maldonados sehen aus, als hätte man sie mit der Sänfte hergetragen, während jemand Palmwedel über ihren Häuptern geschwungen hat.

„Erde an Marisa“, sagte Bao. „Tauschst du schon wieder Beleidigungen mit Sahara aus?“

„Ich habe mein eigenes Make-up in weniger als fünf Minuten aufgelegt“, sagte Marisa laut. „Sie sieht aus, als hätte sie einen Schrank voller komplett ausgedruckter Gesichter, die sie einfach nur auflegen muss, wenn sie rausgeht.“

„Mit denen darfst du dich nicht vergleichen“, wandte Sandro ein. „Sonst fühlst du dich nur mies.“

Warum sind sie überhaupt hier?, fragte Sahara.

Pati und Carlo Magno kamen durch die Menge herüber, Triste Chango schwebte über ihnen wie ein kastenförmiges treues Hündchen.

„Bao konnte ich nicht finden, aber ich habe Papi gefunden!“, rief Pati und hielt unvermittelt inne, als sie sah, dass Bao schon da war. „Hallo, Bao, wie schön, dich zu sehen! Hast du schon Sandros Nuli gesehen? Ist das nicht krass?“

Marisa lächelte. Wenigstens war Pati nicht schüchtern.

„Ich habe es gesehen“, bestätigte Bao. „Es ist mit großem Abstand das Beste hier.“

„Wird ihm wohl nicht viel nutzen.“ Carlo Magno schüttelte zornig den Krückstock in die Richtung der Menschentraube, die sich um die Maldonados gesammelt hatte. „Weißt du, was dieser chundo hier zu suchen hat?“

„Das habe ich mich auch gerade gefragt.“ Ihr sank das Herz, als ihr bewusst wurde, dass es nur eine denkbare Antwort gab.

„Er ist der Preisrichter“, erklärte Carlo Magno und bestätigte ihre Befürchtungen. „Don Francisco Maldonado bestimmt den Sieger des Wissenschaftswettbewerbs und überreicht mit seinen schmierigen Fingern den Scheck. Glaubst du, er wird sich jemals für einen Carneseca entscheiden?“

„Ich glaube, er wird nach der Qualität der Arbeit entscheiden“, widersprach Sandro. Ihr Vater machte nur „Pah!“.

„Du bist ein Dummkopf“, erklärte Carlo Magno. „Ein Genie und trotzdem ein Dummkopf. Er hasst uns, das war schon immer so, und das wird keine wissenschaftliche Projektarbeit verändern. Ganz egal, wie brillant sie ist.“

Marisa hatte unwillkürlich die Metallprothese mit der menschlichen Hand gepackt. Den Arm hatte sie im Alter von zwei Jahren bei einem Autounfall verloren. Die Geheimnisse, die dieses Ereignis umgaben, färbten auf alle Bereiche ihres Lebens ab. Jeder in Mirador kannte die wichtigsten Einzelheiten. Don Franciscos Frau Zenaida war mit dem Auto gefahren – sie hatte es tatsächlich selbst gesteuert, wie es die Menschen früher getan hatten, bevor vollautomatische Autos der Normalfall geworden waren. Und dabei hatte sie einen Unfall gehabt. Niemand wusste, wohin sie aus welchem Grund fahren wollte, und da sie beim Aufprall aus dem Auto geschleudert worden und gestorben war, konnte man sie auch nicht mehr fragen.

An dieser Stelle wurde es allerdings eigenartig. Die ersten Menschen, die am Unfallort eingetroffen waren, hatten in Zenaidas Auto drei Kinder gefunden: Jacinto Maldonado, ihr zweites Kind, das nur knapp überlebt hatte, Omar Maldonado, das vierte und jüngste Kind, das völlig unversehrt geblieben war, und schließlich Marisa Carneseca. Es gab absolut keinen Grund, warum auch sie mitgefahren war. Ihr Arm war knapp unter der Schulter abgetrennt worden.

Warum hatte Marisa in dem Auto gesessen? Warum hatte Zenaida den Wagen manuell gesteuert? Und warum hassten sich Don Maldonado und Marisas Vater seitdem so innig?

Große heilige Handgranate, schrieb Sahara. Das ist nicht nur der lila MyDragon, das ist der selbst leuchtende lila MyDragon. Davon haben sie nur drei Stück hergestellt.

Ja, sendete Marisa zurück und schloss das Chatfenster. Sie wollte nicht weiter tratschen.

„Guten Abend, Mister Carneseca.“ Bao versuchte tapfer, die Spannung aufzulösen, die die ganze Gruppe zum Verstummen gebracht hatte. Er streckte die Hand aus, und Carlo Magno schlug geistesabwesend ein. „Wie schön, dass Sie wieder auf den Beinen sind!“

„Ich tue mein Möglichstes“, antwortete Carlo Magno. „Eigentlich brauche ich dieses Ding gar nicht mehr.“ Er schlug schwach nach Triste Chango, worauf der Apparat fröhlich piepste.

„Eine wirklich gute Leber konnten wir uns nicht leisten“, erklärte Marisa. »Nicht mal eine mittelmäßige. Bei den billigsten bekommt man für zehn Wochen ein Nuli dazu, das überwacht, ob alles in Ordnung ist. Ein Service des Krankenhauses, das sich damit vor Klagen schützen will.«

„Das drückt die Kosten“, sagte Bao.

Carlo Magno starrte böse zu den Maldonados hinüber. „Meine Frau kann nicht einmal mitkommen, weil wir das Restaurant aus Kostengründen nicht schließen können, und er schleppt die ganze Familie an.“

Bao lächelte. „Ich vergesse immer, wie ähnlich Sie und Marisa sich sind.“

Carlo Magno und Marisa wechselten einen Blick. Sie waren beide nicht sicher, ob ihnen der Vergleich zusagte.

„Nicht die ganze Familie“, wandte Pati ein. „Jacinto ist nicht da.“

»Jacinto hat seit …« Carlo Magno blickte wieder zu Marisa hinüber und machte abermals „Pah!“.

„Da kommt die nächste Besuchergruppe!“, rief Sandro. „Macht ein bisschen Platz, damit ich mit der Präsentation beginnen kann!“

Alle wichen aus und entfernten sich ein Stück von den Maldonados. Marisa fand eine Bank, auf die sich ihr Vater setzen konnte. Triste Chango huschte herbei. »Ihr Puls nähert sich der Obergrenze, die der Arzt festgelegt hat. Bitte atmen Sie folgendermaßen tief durch: ein … aus … ein … aus!«

Carlo Magno schlug mit dem Gehstock nach dem Apparat.

Sahara schickte eine neue Nachricht, Marisa lehnte die Stirn an die Wand. Warum war alles immer so schwierig? Sahara schickte eine zweite und eine dritte Nachricht, und dann glühte ihr Symbol schwach rot. Marisa blinzelte es an, und die Nachrichten explodierten auf ihrem Bildschirm.

Ach herrje.

Siehst du das?

MARI, SIEHST DU DAS?

Marisa runzelte verwirrt die Stirn und antwortete. Was soll ich sehen?

Sieh nur, Don Francisco!

Marisa wandte sich um und suchte in der Menge nach ihm, aber es wimmelten zu viele Menschen in seiner Nähe umher. Sie drehte den Kopf hierhin und dorthin und versuchte herauszufinden, was Sahara in solche Aufregung versetzte. Schließlich stieg sie neben ihrem Vater auf die Bank. Rings um die Maldonados war ein freier Raum entstanden, und dort redete eine Frau mit Francisco.

Eine Frau, die ihm ein Abzeichen unter die Nase hielt.

„Was soll das?“, schimpfte Carlo Magno. „Komm wieder herunter, bevor dich ein Lehrer sieht!“

„Das ist ein Cop.“ Marisa fragte sich immer noch, was dort eigentlich vorging. „Don Francisco redet mit einer Polizistin.“

„Er redet dauernd mit Polizisten“, erklärte Carlo Magno. „Die Cops sind praktisch seine Privatarmee. Sein Sohn leitet die Wache im Ort.“

„Aber sie stammt nicht aus Mirador“, entgegnete Marisa. „Ich kenne alle Polizisten aus unserem Viertel. Sie trägt auch keine Uniform, und sie wirkt nicht sonderlich erfreut.“

„Außer Dienst?“, fragte Bao.

„Sie zeigt ihm das Abzeichen“, entgegnete Marisa.

Hab sie gefunden, sendete Sahara. Ich habe bei der Datenbank der Polizei von Los Angeles eine Bildsuche gestartet. Sie heißt Kiki Hendel und arbeitet bei der Mordkommission in der Innenstadt.

Was will sie hier?, sendete Marisa zurück.

Woher soll ich das wissen?

„Vielleicht haben sie ihn endlich erwischt“, überlegte Carlo Magno. „Vielleicht kriegen sie ihn wegen irgendeiner Sache dran. Womöglich wegen der Steuern. So haben sie auch Al Capone geschnappt.“

„Wen?“, fragte Pati.

„Tā mā de“, flüsterte Bao, der auf der anderen Seite auf die Bank gestiegen war. „Sie führt ihn ab.“

„Was?“ Carlo Magno stand so schnell auf, dass die Bank aus dem Gleichgewicht geriet. Marisa und Bao mussten abspringen, um nicht zu stürzen. Die Bank fiel klappernd um, und Carlo Magno richtete sich zu seiner vollen Größe auf. „Haben sie ihn verhaftet?“

„So hat es nicht ausgesehen.“ Bao bemühte sich, die Bank wieder aufzurichten. »Sie … sie begleitet ihn nur nach draußen.«

Ich blick da nicht mehr durch, sendete Sahara.

Ich auch nicht, antwortete Marisa.

Mal sehen, ob ich Cameron nach draußen schicken und ihn beobachten kann, schrieb Sahara. Sofort stieg auf der anderen Seite des Raums eines von Saharas kleinen Kameranulis auf und sauste zur Tür.

„Ich forsche mal online nach.“ Marisa blinzelte auf ihr Djinni. „Leute, sucht nach allem, was euch einfällt. Nachrichtensendungen hier aus der Stadt oder über ihr Anwesen in Mirador, ihre Besitztümer, ihre Vollstrecker oder was auch immer.“ Sie durchsuchte bereits das Internet und forschte in den lokalen Nachrichtenblogs.

Warte, sendete Sahara. Wie hieß noch mal seine Frau?

Zenaida, antwortete Marisa. Aber über die wirst du nichts finden. Sie ist vor fünfzehn Jahren gestorben.

Bist du sicher?

Marisa hielt erschrocken inne.

Das LAPD hat ihre Hand gefunden, fuhr Sahara fort. An einem Tatort in South Central. Ihre linke Hand, am Handgelenk abgetrennt, lag auf dem Boden.

Marisa konnte sich nicht rühren. Sie begriff kaum, was Sahara als Nächstes schrieb.

Ich weiß nicht, was vor fünfzehn Jahren passiert ist, aber gestern Abend hat Zenaida noch gelebt.

Dan Wells

Über Dan Wells

Biografie

Dan Wells studierte Englisch an der Brigham Young University in Provo, Utah, und war Redakteur beim Science-Fiction-Magazin „The Leading Edge“. Mit „Ich bin kein Serienkiller“ erschuf er das kontroverseste und ungewöhnlichste Thrillerdebüt der letzten Jahre. Nach seinen futuristischen Thrillern um...

Pressestimmen
uwes-leselounge.blog

»Realistisch, spannend und actionreich beschreibt Dan Wells in ›Active Memory‹ die Geschehnisse und Lebensverhältnisse der Menschen von Los Angeles im Jahr 2050. Das Buch ist ein würdiger Abschluß dieser Reihe.«

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