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Bluescreen

Ein Mirador-Roman

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Bluescreen — Inhalt

Nach den Bestsellern um den Serienkiller John Cleaver führt Dan Wells in eine Zukunft, die erschreckend schnell Realität werden kann: Los Angeles im Jahr 2050 ist eine Stadt, in der du tun und lassen kannst, was du willst – solange du vernetzt bist. Durch das Djinni, ein Implantat direkt in deinem Kopf, bist du 24 Stunden am Tag online. Für die Menschen ist das wie Sauerstoff zum Leben – auch für die junge Marisa. Sie wohnt im Stadtteil Mirador, doch ihre wirkliche Welt ist das Netz. Und sie findet heraus, dass darin ein dunkler Feind lauert. Als sie an die virtuelle Droge Bluescreen gerät, die Jugendlichen einen sicheren Rausch verspricht, stößt Marisa auf eine Verschwörung, die größer ist, als sie je ahnen könnte ...

 

Erschienen am 04.10.2016
Übersetzer: Jürgen Langowski
368 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-28021-1
Erschienen am 04.10.2016
Übersetzer: Jürgen Langowski
368 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97483-7

Leseprobe zu »Bluescreen«

Kapitel 1

 

»Quicksand ist tot.« Saharas Stimme drang knisternd aus dem Funkgerät. »Und Fang auch. Ich konnte mich mit knapper Not aus dem Kampf zurückziehen.«

»Sie haben Anja mit einem doppelten Blitzangriff überrumpelt.« Marisa hockte sich hinter die Kante eines geborstenen Oberlichts. »Ich wollte sie retten, aber auf der anderen Seite des Dachs habe ich die Lage aufgeklärt und bin nicht rechtzeitig zurückgekommen.« Vorübergehend zog das Kampfgeschehen an ihr vorbei. Zwischen den Ruinen der alten Fabrik hörte sie in der Ferne Schüsse knallen. Die [...]

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Kapitel 1

 

»Quicksand ist tot.« Saharas Stimme drang knisternd aus dem Funkgerät. »Und Fang auch. Ich konnte mich mit knapper Not aus dem Kampf zurückziehen.«

»Sie haben Anja mit einem doppelten Blitzangriff überrumpelt.« Marisa hockte sich hinter die Kante eines geborstenen Oberlichts. »Ich wollte sie retten, aber auf der anderen Seite des Dachs habe ich die Lage aufgeklärt und bin nicht rechtzeitig zurückgekommen.« Vorübergehend zog das Kampfgeschehen an ihr vorbei. Zwischen den Ruinen der alten Fabrik hörte sie in der Ferne Schüsse knallen. Die Kämpfe spielten sich größtenteils am Boden ab. Auf dem Dach der alten Fabrik blieb sie verborgen. Trotzdem keuchte sie verzweifelt auf. Sie überprüfte das Gewehr. Es war ein langes schwarzes Saber-6, das Mikrowellenimpulse aussandte. Die Energie reichte nur noch für zwei Schüsse.

»Es ist deine Aufgabe, Anja zu beschützen«, herrschte Sahara sie unwirsch an. »Du solltest sie decken. Jetzt sind nur noch wir beide übrig.«

Marisa zuckte zusammen. »Ich weiß. Es tut mir leid. Ich habe die Schlacht aus den Augen verloren, und du hast mir aufgetragen, die andere Seite des Dachs aufzuklären …«

»Außerdem habe ich dir aufgetragen, bei diesem Einsatz Kameras mitzunehmen«, fauchte Sahara. »Die hätten für dich aufklären können, und du hättest bei deinem Sniper bleiben können. Mach mir keine Vorwürfe, wenn du selbst … Verdammt, sie haben mich entdeckt!« Aus zwei Richtungen hörte Marisa lauten Schnellfeuerbeschuss – das ferne Knallen des Gefechts und die verstärkten Geräusche aus Saharas Com. Marisa drehte den Ton leise und überprüfte die Lage. Saharas bedrängtes Symbol wanderte über das Gitternetz, das Marisas Display über das Fabrikgelände gelegt hatte. Sahara hatte einige kleine Bots als Unterstützung dabei, es waren vielleicht sechs oder sieben. Im Augenblick stürmte jedoch eine ganze Welle von Feinden auf sie los, und nun erschienen sogar noch weitere Symbole auf dem Display, als Sahara nacheinander die Angreifer identifizierte: zwei, drei, vier …

»Alle fünf feindlichen Agenten rücken gegen dich vor«, warnte Marisa.

»Dann setz deinen Arsch in Bewegung und hilf mir!«, schrie Sahara.

Marisa sprang auf und rannte über das Dach. Im Sternenlicht war ihr schwarzer Bodysuit fast unsichtbar. Da sich im Moment sowieso alle fünf Feinde auf Sahara konzentrierten, hatte Marisa nicht viel zu befürchten. Sie hatte auf dem Dach Wachdrohnen dabei, und dank ihrer Tarnkleidung war sie für die gegnerischen Sensoren unsichtbar. Solange sie nicht aktiv eingriff, konnte ihr nichts passieren. Im Laufen überprüfte sie ihre Ausrüstung und zermarterte sich das Gehirn, ob sie irgendeinen Vorteil für sich verbuchen konnte, der ihr half, Sahara und die ganze Mission zu retten. Saharas Worte hatten ihr einen Stich versetzt. Es war tatsächlich ihre Aufgabe, Anja zu beschützen, und sie trug die Schuld an Anjas Tod. Sahara hatte ihr aufgetragen, die Kameradrohnen mitzunehmen, doch sie hatte darauf bestanden, bei diesem Einsatz eine neue Konfiguration zu verwenden. Sie hätte sich an das Altbewährte halten sollen. Die Drohnen besaßen nicht nur Kameras, sondern auch Waffen. Fliegende Waffenplattformen, die sie auf Anja hätte einstellen können, damit alles beschossen wurde, was ihrer Freundin zu nahe kam. Genau diese Waffen hätten jetzt auch Sahara retten können.

Marisa schüttelte den Kopf.

Jammern half nichts. Sie hatte die Sachen mitgebracht, für die sie sich entschieden hatte, und musste damit auskommen. Den Kampf konnte sie nicht mehr gewinnen. Höchstens, dass sie … was blieb ihr eigentlich noch? Sie besaß nichts, was in einem Feuergefecht von Nutzen war, sondern nur die Stealth-Ausrüstung und ein paar neue Geräte, die sie testen wollte: Kraftfeldprojektoren. Es wäre lustig gewesen, die feindlichen Agenten vom Dach der Fabrik zu stoßen, aber was jetzt? Selbst wenn sie rechtzeitig den Schauplatz der Kämpfe erreichte, die Reichweite der Projektoren war zu gering, um von oben irgendetwas auf dem Boden zu treffen. Und da sie keine schwere Rüstung trug, konnte sie sich auf keinen Nahkampf einlassen. Außerdem reichten zwei Stöße mit Energiewellen nicht aus, um ein Feuergefecht, bei dem es fünf gegen zwei stand, zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

Sie übersprang eine kleine Lücke zwischen zwei Gebäuden und rannte weiter. Im Display betrachtete sie die Leistungsmerkmale der neuen Handschuhe: ein Energiestoß, um die Gegner zurückzuwerfen, eine Energiewand, um eine Tür oder einen Durchgang zu blockieren, oder ein Kraftfeld, das sie vorübergehend als Abwehr rings um sich errichten konnte. Die Handschuhe waren im Nahkampf und als Selbstschutz nützlich und hätten Anja retten können, wenn Marisa sie nicht im Stich gelassen hätte. Allerdings waren sie nicht geeignet, Sahara zu helfen, die von einer feindlichen Überzahl in die Enge getrieben wurde. Die feindlichen Agenten würden sie töten, und da Saharas Abwehrgeschütze größtenteils zerstört waren, konnten die Gegner einfach durch die Fabrik bis zu Marisas Stützpunkt stürmen und ihn vernichten. Die Mission war gescheitert, und die Cherry Dogs waren besiegt.

Saharas Schreie drangen aus dem Com. Sie benutzte Marisas Funknamen. »Heartbeat, hilf mir!« Als sie ihren Namen hörte, konzentrierte Marisa sich wieder auf ihre Aufgabe. Sie war eine Agentin und hatte einen Auftrag zu erfüllen. Ob die anderen tot waren oder nicht, das Team zählte auf sie. Also musste sie rasch improvisieren.

Noch einmal überprüfte sie das Display und visierte das Gefecht an, während sie zur Dachkante schlich. Von dort aus ließ sich das Gelände hervorragend überblicken. Es war der ideale Standort für einen Scharfschützen, zumal er von einer der größten Angriffsdrohnen im Komplex bewacht wurde. Es handelte sich um einen wuchtigen Mark-IX. Marisa huschte mit der Tarnkleidung vorbei, ließ sich auf ein Knie sinken und richtete das Gewehr aus, um durch das Zielfernrohr zu spähen. Sahara saß in einer Nische in der Falle. Sie kniete hinter einer dicken Betonmauer, die früher wahrscheinlich zu einem Fusionsreaktor gehört hatte. Ihr blieben nur noch wenige Bots, sie hockte im Schutt und schoss blind auf den feindlichen Schwarm. Die fünf gegnerischen Agenten hatten sich auf der Straße postiert und wurden von einem eigenen Schwarm von Bots beschützt. Hinter alten Lieferwagen fanden sie eine gute Deckung, aus der sie Saharas Position unter Beschuss nehmen konnten. Es war eine tödliche Falle.

»Ich bin direkt über dir«, flüsterte Marisa.

»Hast du freies Schussfeld?«

»Es sieht nicht besonders gut aus.« Sie betrachtete den Mark-IX, der hinter ihr aufragte. Das humanoide Modell starrte vor Klingen und besaß eine starke Rüstung, auf der Schulter war eine Maschinenpistole mit Patronengürtel befestigt. »Ich habe noch zwei Ladungen im Gewehr, aber ich befinde mich direkt unter einer Angriffsdrohne. Sobald ich schieße, bemerkt sie mich, und ich komme nicht mehr zum zweiten Schuss.«

»Dann pass auf, dass du triffst!«, verlangte Sahara grimmig.

Marisa nickte, betrachtete die möglichen Ziele und konzentrierte sich auf den feindlichen Sniper. Sie atmete flach, schätzte den Winkel ab und hob den Lauf ein wenig höher, um die Entfernung zu berücksichtigen …

Da fiel ihr etwas ein.

»Heartbeat, willst du schießen oder nicht?«

Marisa zog sich zurück, schlang sich das Gewehr über die Schulter und betrachtete die Angriffsdrohne genauer. »Du hast doch den Laser dabei, oder?«

»Natürlich. Ich habe nämlich alles mitgenommen, was ich mitnehmen sollte.«

Marisa unterdrückte ein Seufzen. »Kannst du für mich ein Ziel markieren?«

Saharas Stimme klang zunehmend genervt. »Kannst du dir deine Ziele nicht selbst aussuchen? Hast du nicht oft genug mit dem Gewehr geübt?«

»Ich setze das Gewehr nicht ein.« Marisa stellte die Füße weit auseinander, ging in die Knie und wappnete sich gegen die Schockwelle, die gleich kommen würde. Dann hob sie die Arme, ohne die Drohne aus den Augen zu lassen.

»Was machst du da?«

Marisa schaltete die Projektoren ein, damit sich die Ladung aufbaute. »Markier einfach ein Ziel für mich! Am besten mitten in ihrer Gruppe.«

Sahara grollte, doch dann bewegte sich ihr Symbol im Gitternetz, und gleich darauf erschien mitten in der Fabrik ein Laserstrahl. »Das ist der feindliche General«, erklärte Sahara. »Die anderen Teammitglieder sind höchstens drei Meter entfernt. Eine Kugel reicht aber nicht, um sie alle auszuschalten.«

»Deshalb schieße ich auch nicht. Zieh den Kopf ein!« Marisa wich ein wenig nach links aus, bis die Angriffsdrohne genau zwischen ihr und dem Laserstrahl stand. »Nimm das, chango!«

Sie stieß mit der ganzen Kraft zu, die die Projektoren herzugeben vermochten. Ein Mensch wäre quer über die ganze Landkarte geflogen. Die große und schwere Drohne bewegte sich nur ein Stück weit, ehe sie abstürzte und in einem Bogen genau auf den feindlichen General zuflog. Die Drohne besaß nur eine beschränkte künstliche Intelligenz. Wenn sie etwas bemerkte, das nicht auf ihrer Seite stand, tötete sie es. Marisas Angriff hatte den Stealth-Modus ihres Anzugs aufgehoben, und die Drohne richtete im Sturz die Waffe auf sie und schoss einen Strom von Leuchtspurgeschossen auf sie ab. Sie war zu nahe, um auszuweichen, und taumelte zurück, als die Kugeln ihre dünne Rüstung trafen. Dann landete der Mark-IX mitten im Kampfgebiet, und da er Marisa nicht mehr sehen konnte, drehte er sich wieder um, erfasste die neuen Ziele und ließ einen vernichtenden Feuersturm gegen die feindlichen Agenten los.

»Heilige Handgranate!«, stöhnte Sahara. »Wie hast du das geschafft?«

»Ein zweites Mal gelingt mir das vermutlich nicht.« Marisa kroch bis zur Kante und blickte auf das Chaos hinunter. Die Salve der Maschinenpistole hätte sie beinahe getötet. Rasch blinzelte sie, um ein Heilpack zu aktivieren. »Sobald wir das wirklich gute Spielzeug für uns nutzen, verändern sie die Regeln.«

»Respawned«, meldete Anja. »Quicksand und Fang sind direkt hinter mir.«

»Gerade rechtzeitig«, antwortete Sahara. »Lasst uns zuschlagen, ehe sie sich erholen! Schaltet euch auf die Drohne auf und konzentriert das Feuer auf deren Ziele! Los!«

Marisa beobachtete, wie Sahara und ihre Kämpferinnen hinter der Deckung hervorkamen und auf die Feinde schossen, während die Angriffsdrohne mitten auf dem Schlachtfeld wütete. Marisa zielte, feuerte die letzten beiden Schüsse ab und schaltete den feindlichen Sniper aus, der vor dem Mark-IX fliehen wollte. Dann sah sie zu, wie die wieder eingestiegenen Teamgefährten aufschlossen und das restliche feindliche Team erledigten. Marisa schaltete den Com ein.

»Tut mir leid, dass ich dich sterben ließ, Anja.«

»Spinnst du?« Anja sauste mit ihrem Düsentornister auf dem Schlachtfeld umher und erledigte die Nachzügler, während Sahara und die anderen unter den feindlichen Bots aufräumten. »Wären wir nicht so verzweifelt gewesen, hätten wir den Trick mit der Drohne nie gesehen. Ist dir das selbst eingefallen?«

Marisa lächelte. »Überrascht dich das?«

»Das wird man spätestens am nächsten Wochenende überall sehen«, meinte Quicksand. »Wieder mal ein virales Video der Cherry Dogs.«

»Das wird sich rumsprechen«, prophezeite Fang. »Ich hatte mich schon darauf gefreut, die Energieprojektoren in Ruhe auszuprobieren, aber nein, jetzt werden wohl alle damit herumspielen. Anscheinend ist Marisa darauf spezialisiert, das Gleichgewicht des Spiels zu stören.«

»So machen wir das eben«, warf Anja ein. »Wenn gar nichts mehr geht, spielen wir verrückt.«

Eine neue Welle von Bots traf als Verstärkung ein. Gemeinsam erledigten sie die Drohne und rückten gegen den feindlichen Stützpunkt vor. Es war ein knapper Sieg, aber da die feindlichen Türme schon zerstört und alle fünf gegnerischen Agenten tot waren, trafen die Cherry Dogs auf keinen nennenswerten Widerstand, während sie den Stützpunkt stürmten und die restlichen Türme zerlegten. Als Marisa den Stützpunkt erreichte, wurde das feindliche Team reaktiviert, aber es war zu spät. Die Türme waren zerstört, die Schatzkammer war geplündert.

»Die Cherry Dogs gewinnen!«, donnerte die Stimme durch die Fabrik. Die Bots tanzten zur triumphierenden Musik, die über den Com eingespielt wurde. Marisa jubelte, streckte sich und schaltete mit einem Blinzeln die Simulation ab. Die Fabrik verschwand, und sie schwebte einen Moment lang im Nichts, bevor der Eingangsbereich erschien: ein großer runder Saal voller Bänke und Konsolen, auf den Wänden spulten die Daten der Schlacht ab. Marisa trug noch ihren Overworld-Avatar. Es war ein hautenger Stealth-Anzug, in dem sie viel schlanker wirkte als im richtigen Leben. Er bestand aus glänzendem schwarzem Leder und verfügte über verschiedene technische Spielereien und ein Exoskelett. Im Grunde war er recht einfach konstruiert, doch sie war stolz darauf. Das andere Team, die Salted Batteries, hielt sich schon in der Lobby auf. Leicht schockiert lachten sie über die jähe Wendung, die das Spiel genommen hatte. Das war ein gutes Zeichen. Nicht jeder konnte eine Niederlage so einfach mit einem Lachen überspielen. Sahara hatte im gleichen Moment wie Marisa umgeschaltet und lief schon hinüber, um dem feindlichen General die Hand zu schütteln.

»Gutes Spiel, Leute«, sagte sie. Auch sie trug noch den Avatar, der allerdings letztlich nur eine digitale Kopie ihrer selbst darstellte. Sie war und blieb eine Vidcasterin und benutzte ihren eigenen statt eines Spielernamens. Der Avatar passte hervorragend zu Saharas dunkelbrauner Haut. Das elegante rote Kleid saß so knapp, dass sie außerhalb des Videospiels kaum laufen konnte. Sie lächelte. »Ich dachte wirklich, ihr hättet uns erledigt.«

»Das dachte ich auch«, erwiderte der General. Sein Rufname war Tr0nik. Auch die Gegner trugen noch die Spiel-Avatare, sodass Marisa nicht erkennen konnte, wie er wirklich aussah. Die Stimme klang männlich, dem Akzent nach chinesisch, und er benutzte eine gestelzte Sprechweise. Die gab zu erkennen, dass er die Sprache überwiegend im Netz erlernt hatte. »Wir hätten nie damit gerechnet, dass ein riesiger Killer-Roboter vom Himmel fallen könnte.«

»Hongkong.« Fang hatte ebenfalls umgeschaltet und Marisa das Wort ins Ohr geflüstert.

»Woher weißt du das?«

»Woher weißt du, dass ein Amerikaner aus Boston kommt?«, fragte sie. »Er klingt danach. Du musst mehr Chinesisch üben.« Fang war in China geboren und lebte irgendwo in Peking. Im richtigen Leben war Marisa ihr und Quicksand noch nie begegnet, aber die beiden zählten auf der ganzen Welt zu ihren engsten Freunden.

»Ich weiß, ich weiß«, antwortete Marisa. Auch ihre Mutter riet ihr immer wieder, sie solle Chinesisch lernen. Marisa setzte ein Lächeln auf und trat vor, um Tr0nik die Hand zu schütteln. »Ein gutes Spiel.«

»Ein klasse Spiel«, antwortete er fröhlich. Die anderen Teammitglieder sammelten sich um sie und beglückwünschten die Sieger. »Es war ein guter taktischer Schachzug, den Mark-IX vom Dach zu werfen. Hast du das schon mal gemacht?«

»Es war eine Eingebung«, erklärte Sahara und drängte sich damit wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Sie legte Marisa eine Hand auf den Rücken und strahlte. »Niemand denkt unter Stress so schnell wie die Cherry Dogs.«

»Spiel verrückt!«, warf ein anderes Mitglied der Salted Batteries ein. Anjas Kampfruf war fast so schnell bekannt geworden wie die ganze Truppe.

»Ihr habt eure Sache hervorragend gemacht, und es war ein tolles Spiel«, meinte Sahara. Sie redete, als befände sie sich auf einem Schönheitswettbewerb. »Danke für das Match. Wir konnten die Übung gut gebrauchen.«

»Aber glaubt nur nicht, dass wir auf das Rückspiel verzichten«, erklärte Tr0nik. »Freundschaftsanfrage gesendet.«

»Empfangen und bestätigt«, erwiderte Sahara lächelnd. »Ich haue nicht so gern gleich nach dem Spiel ab, aber wir müssen die Daten durchsehen und uns auf die nächste Runde vorbereiten. Da steht ein großes Turnier an.«

»Wir auch«, antwortete Tr0nik. »Spiel verrückt!«

»Spiel verrückt!« Sahara lächelte wieder. Sie war die geborene Diplomatin. Nacheinander schalteten die Cherry Dogs in ihren privaten Konferenzraum um. Außer Sicht der Öffentlichkeit war Saharas fröhliche Maske wie weggewischt, und sie verdrehte die Augen. »Spiel verrückt. Wir hätten beim Verrücktspielen beinahe die ganze Runde verloren.«

»Tut mir leid, dass ich Anja alleingelassen habe«, sagte Marisa. »Ich bin so daran gewöhnt, mit den Kameradrohnen zu arbeiten, dass ich ohne sie die Karte nicht richtig im Auge behalten habe. Deshalb konnte mir das andere Team in den Rücken fallen.«

»Nachdem Fang und ich erledigt waren, hättest du sowieso nicht mehr viel tun können«, warf Quicksand ein. In Wirklichkeit hieß sie Jaya und lebte in Mumbai, sprach jedoch perfekt Englisch. Marisa musste zugeben, dass es besser klang als ihr eigenes pocho, dieses amerikanisch-mexikanische Gemisch.

»Wir haben immer noch keinen richtigen Trainer«, beklagte sich Sahara. »Ich bemühe mich aber und habe dir gesagt, du sollst die verdammten …« Sie ließ den Satz unvollendet und wirkte leicht abwesend wie jemand, der nebenbei noch einen Videofeed verfolgt. Marisa machte sich auf eine weitere Standpauke gefasst. Sahara war zwar ihre beste Freundin, konnte aber ziemlich wütend werden, wenn das Team nachlässig spielte. Nach einer langen Pause schüttelte Sahara den Kopf. »Weißt du was? Mach dir deshalb keine Sorgen. Ja, es war nicht gut gespielt, und der Sieg hing viel zu sehr vom Glück ab, als dass man sich in einem echten Match darauf verlassen könnte. Aber Mann!« Sie lächelte, und Marisa musste ebenfalls lächeln. »Das Video von diesem Drohnenwurf wird noch wochenlang im Netz wiederholt werden, und das ist bei einem Trainingsspiel wie diesem wichtiger als der Sieg.« Sie legte Marisa eine Hand auf die Schulter und sah ihr in die Augen. »Wir haben vor dem Turnier noch viel Zeit zum Üben, also macht euch nicht selbst fertig.«

Marisa zuckte zusammen und fühlte sich gleich wieder mies.

»Seid ihr bereit fürs nächste Spiel?«, fragte Fang. »Wir sollten noch mit den Energieprojektoren üben, bevor es sich herumspricht, und möglichst vor den anderen herausfinden, was sich sonst noch damit anstellen lässt.«

»Wie spät ist es dort drüben?«, fragte Marisa. »Ein Uhr morgens oder so?«

»Nur die Schwachen müssen schlafen«, erwiderte Jaya. »Heute Nacht schaffe ich noch zwei Spiele.«

»Nur zwei?«, gab Fang zurück. »Du schwächelst.«

»In L. A. ist es zehn Uhr morgens«, warf Jaya ein. »Sahara, du, Marisa und Anja sollten doch noch ein paar Stunden üben können, oder?«

»Ich habe seit gestern nicht mehr geschlafen.« Anja zuckte mit den Achseln. »Jetzt hätte es sowieso keinen Zweck.«

»Nein, heute üben wir nicht mehr«, entschied Sahara. »Wir müssen diesen Clip über den Drohnenabwurf in Umlauf bringen, wenn wir wirklich bekannt werden wollen.« Sie war sichtlich erregt. »Seit Marisa den Avatarkonstrukteur ausgereizt hat, haben wir keine wirklich guten Exploits mehr entdeckt. Wir brauchen etwas Neues, um im Rennen zu bleiben. Eine Sache wie diese könnte ausreichen, um in die oberen Ligen aufzusteigen. Ich brauche jedenfalls einige Stunden, um aus der Aufzeichnung die besten Einstellungen herauszuschneiden und den Film an die Sender zu übermitteln.«

»Also morgen«, entschied Fang. »Oder heute Abend, je nach Zeitzone. Ich mache einige Solospiele mit der neuen Ausrüstung und versuche, noch ein paar gute Bilder für dich zu bekommen.«

»Ich mache mit«, beschloss Jaya. »Vielleicht können wir mit einem Mark-III Fangen spielen.«

Die beiden schalteten ab. Marisa wandte sich an Anja und Sahara. »Wir sehen uns. Das Restaurant öffnet bald. Treffen wir uns dort?«

»Wenn ich kann, komme ich gern. Ich schicke dir eine Nachricht«, versprach Sahara.

»Also zum Abendessen.«

»Ihr könnt auch zu mir kommen«, bot Anja an. »Der Pool ist eingebaut.«

»Eine Poolparty in einem Anwesen in Brentwood«, überlegte Sahara lächelnd. »Das macht sich gut im Feed.« Belustigt zog sie die Augenbrauen hoch. »Also abgemacht. Um acht Uhr. Zieht was Offenherziges an.«

Marisa überwand sich und lächelte. »Was fürs Auge?«

»Alles fürs Auge«, antwortete Sahara. »Bis heute Abend. Wir sind die Cherry Dogs.«

»Wir sind die Cherry Dogs«, wiederholte Marisa. Sahara klinkte sich aus, und Marisa starrte noch einen Augenblick lang die Stelle an, wo sie gestanden hatte.

»Ich habe was Schönes fürs Auge«, erklärte Anja. »Es wird dir gefallen.«

»Wir sind im Internet, Anja. Die Leute wissen, was Titten sind.«

»So biologisch wollte ich gar nicht werden.« Anja lächelte verschlagen. »Bis heute Abend.«

»Bis heute Abend.« Anja schaltete ab, und wenige Sekunden später folgte Marisa ihrem Beispiel und schlug im Schlafzimmer die Augen auf. In dem unordentlichen und winzigen Raum lag sie auf dem Rücken im Bett. Über ihr an der Decke klebte ein Overworld-Poster. Es war die Sonderausgabe, die sie vor einem Jahr anlässlich der Bezirksmeisterschaft gekauft hatte. Das Plakat erleichterte ihr den Übergang. So sah sie noch einen Teil jener Welt, wenn sie in die Realität zurückkehrte. Sie rieb sich die Augen, richtete sich auf und ließ den Blick über die aufgetürmte Wäsche und die Computerteile wandern, die im Zimmer herumlagen.

Daheim.

Sie griff nach dem Kabel und berührte die Buchse in ihrem Schädel. Seit dem Upgrade auf das Ganika 7 spürte sie überhaupt nichts mehr, nicht einmal ein leichtes Ziehen, wenn sie ihr Djinni entkoppelte. Das neue Kabel stellte die Verbindung mithilfe eines schwachen Magneten her und löste sich sofort, falls jemand versehentlich daran zog.

Auch ohne das körperliche Gefühl hatte sie jedoch immer den Eindruck, noch etwas anderes zu spüren, irgendetwas … Wahrscheinlich nur etwas Psychisches, sagte sie sich. Sie zog vorsichtig am Kabel, das sofort abfiel und die Verbindung ins Netz trennte.

Die reale Welt. Sie war seit einer ganzen Weile nicht mehr hier gewesen.

Die Farben kamen ihr viel stumpfer vor.

Dan Wells

Über Dan Wells

Biografie

Dan Wells studierte Englisch an der Brigham Young University in Provo, Utah, und war Redakteur beim Science-Fiction-Magazin »The Leading Edge«. Mit »Ich bin kein Serienkiller« erschuf er das kontroverseste und ungewöhnlichste Thrillerdebüt der letzten Jahre. Nach seinen futuristischen Thrillern um...

Pressestimmen

eschborner-stadtmagazin.de

»Viele Technikschilderungen die dieses Buch für Menschen mit hoher Technikaffinität besonders lesenswert macht. Ein Blick in die Zukunft.«

captain-fantastic.de

»Bluescreen ist der gelungene Auftakt einer neuen Science-Fiction-Reihe. Vor allem Technik- und Gaming-interessierte Leser werden ihre Freude am Abenteuer der gewitzten Heldin haben. Und trotz humorvoller Anteile regt das Buch auch zum Nachdenken über die Chancen und Risiken der weiteren technischen Entwicklung an.«

patchoulis-buecherwelt.blogspot.de

»Jeder Buchstabe dieses Buches ist ein Meisterwerk.«

bieberbruda.blogspot.de

»Überraschend, komplex und erschreckend realistisch.«

VIRUS

»Actionreich und rasant. Ein gelungener Auftakt!.«

Kommentare zum Buch

Rezension
MyFantasyStoryWorld am 03.12.2016

Bluescreen ist ein unglaublich spannendes Buch, das mich sofort gefesselt hat. Für mich definitiv in den Top 10 der Bücher von diesem Jahr.

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