Reisen mit Kindern
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Montag, 30. Januar 2017 von Julia Malchow


Reisen mit Kindern

Julia Malchow war mit ihrem zehn Monate alten Sohn Levi mit der Transibirischen Eisenbahn unterwegs. Was sie in den 2 Monaten und 15.000 Kilometern von München durch Sibirien und die Mongolei bis nach Peking mit Levi über das Reisen und Leben mit Babys gelernt hat, erzählt sie in ihrem Buch »Mut für zwei«.

11 Aspekte, die man beim Reisen mit Kleinkindern berücksichtigen sollte:

Kaum einer versteht es:
Freunde, Bekannte, Fremde werden Dich im angenehmsten Fall verständnislos anschauen und im unangenehmsten Fall als verantwortungslosen Egoisten beschimpfen. Gefragt nach den genauen Gefahren für das Kind kommt aber nichts, außer: das macht man halt nicht. Die Lautstärke und Schärfe der Kritik steigt umgekehrt proportional zur Reiseerfahrung der Kritiker.

Babys sind die personalisierte Aufforderung zum Planbrechen:
Das heißt auf Reisen: Kaum ein Tag endet so, wie am Morgen gedacht. Und das ist gut so. Denn: Organisiertes Reisen ist nicht wirkliches Reisen. Ob nun mit oder ohne Baby.

Menschen:
Auf Reisen mit Baby trifft man noch mehr Menschen, als Alleinreisende. Die Liebe zu Babys, das gemeinsame Beobachten von Kindern liefert sofort einen Anknüpfungspunkt für Gespräche und ist häufig Auslöser für Einladungen nach Hause zu Menschen, die eben noch Fremde waren. Das Reisen mit Baby ermöglicht ein nochmal tieferes Eintauchen in die Lebensgewohnheiten der Menschen in den bereisten Regionen.

Slow Travel:
Mit Baby reise ich viel langsamer als ohne. Ich mache weniger an einem Tag. Und erlebe dadurch viel intensiver, als vorher. Ich habe gemerkt, dass für mich babyfreundliches Reisen auch menschenfreundlicheres Reisen bedeutet. Ich wage die These, dass babyfreundliches Leben auch ein menschenfreundlicheres Leben bedeutet. 

Mehr Zeit an einem Ort:
Ich bleibe mit Levi mindestens 5, besser noch 7 Tage oder länger an einem Ort. Levi braucht einen Tag, um anzukommen. Und er hat mir gezeigt: Ich brauche das auch. Mehr Zeit an einem Ort zu verbringen, macht Kontakte zu den Menschen oft erst möglich. Mit Baby (und ohne auch) ist es schön, entspannend und bereichernd, an einem Ort wirklich anzukommen, auspacken zu können, da zu sein, sich zu integrieren in das Leben vor Ort. …

Mit Baby mache ich auf Reisen viel öfter auch mal Nichts.
Und erlebe dadurch mehr, als vorher. Dieses Nichts ist sehr kostbar für mich. Es läßt mich die Gegenwart in einer ungewohnten Intensität erleben. Ich mache das jetzt auch zu Hause. Ohne schlechtes Gewissen. Es führt zu Begegnungen, Gesprächen, Erlebnissen, die nie planbar gewesen wären. Es ist großartig!

Wohnen mit Familienanschluss:
Ich meide mit Levi unpersönliche, große, zu luxoriöse Hotels – denn sie errichten oft eine Barriere zwischen mir und dem Leben der Menschen vor Ort. Ich suche Lodges oder Ähnliches, die einen Anschluß an die Menschen vor Ort ermöglichen: wie die Chalets von Baikalcomplex am Baikalsee, bei denen das Management zum gemeinsamen Kochen in die Wohnküche einlädt und daraus bei längeren Aufenthalten etwas entstehen kann. Oder auch das Commune by the Great Wall, bei dem die Möglichkeit des Housesharings mit Einheimischen besteht – jeder hat sein Schlafzimmer, Küche und Wohnräume werden geteilt: Basis für tolle Gespräche und Erlebnisse. Also: mit Baby mitten rein in das Leben vor Ort. Nur mal kurz gucken und dann schnell wieder weiter ist stressig in Begleitung eines Babys.

Reisevehikel:
Längere Autofahrten mit Baby unbedingt meiden. Länger heisst: länger als 2 Stunden. Eigentlich geht Autofahren nur in den Schlafsessions des Babys. Maximal noch eine Stunde länger. Und dass auch maximal nur alle 5 Tage. Zugfahren ist ideal, weil es maximalen individuellen Bewegungsfreiraum läßt. Beim Fliegen unbedingt Nachtflüge wählen. Direktflüge buchen oder bei Umsteigeverbindungen ein paar Tage Zwischenstopp einplanen. 

Die Reise als Chance, meinen Sohn und mich zu erleben, so wie es uns taugt –
unabhängig davon, was andere Menschen für richtig halten. Auf meiner Reise mit Levi als Baby konnte ich den regel- und glaubenssatzüberfrachteten deutschen Alltag als Mutter hinter mir lassen. Dass hat unsere Familienbande und unser Selbstverständnis als Familie enorm gestärkt. Reisen als Weg, in mich hineinzuspüren, herauszubekommen, was ich wirklich will und brauche – das hat schon vor Levi funktioniert – und zum Glück funktioniert es auch mit ihm noch.

Ein Baby macht auf Reisen einiges leichter:
Zum Beispiel werden üblicherweise langwierige und strenge Grenzübertritte (Rußland – Mongolei) in wenigen angenehmen Augenblicken absolviert. Denn: Auch Grenzbeamtinnen lieben Kinder.

Völkerverständigung über Babysprache:
Wenn gemeinsame Worte fehlen, brechen viele Menschen die Kommunikation ab: aus Angst, sich lächerlich zu machen. Oder aus Bequemlichkeit. Die Kommunikation mit Babys baut diesbezügliche Hürden ab: mit Zeichensprache, Mimik, einfachen Lauten und Blicken, die mehr sagen als die meisten Menschen mit Worten auszudrücken vermögen, über gemeinsames Essen und Lachen habe ich wunderbare Tage und Abende „ohne Worte“ verbracht.

Der Artikel ist ursprünglich im Blog von Julia Malchow erschienen.


Mut für zweiMut für zweiMut für zwei

Mit der Transsibirischen Eisenbahn in unsere neue Welt

Mit der Transsibirischen Eisenbahn auf der Suche nach einer Welt für zu Hause – jenseits der typischen Familienklischees. Auf diese Reise begibt sich Julia Malchow mit ihrem zehn Monate alten Sohn Levi. Denn Reisen ist für sie mehr als Unterwegssein: der Schlüssel zu neuen Ideen und zum Einssein mit sich selbst. Und genau danach sucht sie nach der Geburt ihres Sohnes, der erst mal alles in Julias Leben auf den Kopf stellt. Aber funktioniert Reisen in abgelegene Winkel auch mit Kind? Ein großes Abenteuer, das mit gängigen Familienvorstellungen aufräumt und den Kopf frei macht für die Welt – und für zu Hause.
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Vorspiel: Die letzten ruhigen Tage?!?

Ostgrönland, auf dem Inlandeis, im Juli
Vier Monate vor Levis Geburt

Ich halte das Satellitentelefon mit beiden Händen fest umschlungen. Markus wirft das Gewehr über seine rechte Schulter.

Als wir nach fünf sonnigen Tagen und taghellen Nächten im zivilisationslosen Ikertivag am Rande des grönländischen Inlandeises um 16.30 Uhr an der verabredeten Stelle unser letztes aufgewärmtes Trockenessen verspeisen und noch keine Motorengeräusche hören, bleiben wir zunächst entspannt. Als um 17.15 Uhr immer noch kein Ben in Sicht ist, werden wir unsicher. Als sich um 17.30 Uhr der Himmel schwarz färbt und über dem Meer Regen und Sturmwolken aufziehen, zücke ich das Satellitentelefon und wähle Roberts Nummer. Keine Antwort. Meine Unsicherheit wächst. Vielleicht ist er gerade auf der Toilette? Ich wähle erneut. In Tasiilaq, einem 1800-Seelen-Bilderbuchdorf an der Küste Ostgrönlands – rote, blaue und grüne Holzhäuser auf braunen Felsen vor grün-blauem Fjord – antwortet niemand. Mann! Ich wähle erneut. Endlich höre ich Roberts Stimme.

Robert Peroni hatte mit seiner Durchquerung des grönländischen Inlandeises ohne Hilfsmittel an der breitesten Stelle 1983 Berühmtheit erlangt und weltweit weitere fünfzig Expeditionen geleitet. Nach der Trennung von seiner Frau war er von Südtirol nach Tasiilaq gezogen. Seitdem steht er den wenigen Touristen, die sich in die gewaltige ostgrönländische Stille aus Eis, Fels und Meer verirren, bei der Planung und Durchführung ihres persönlichen – mal kleineren, mal größeren – Expeditionstraums zur Seite. So auch meinem Mann Markus und mir. Dachte ich zumindest.

»Habt ihr uns vergessen?«, lache ich erleichtert in das Telefon.

»Scheiße, scheiße, scheiße«, dröhnt es mir entgegen. »Warum seid ihr nicht mit der Gruppe, die heute Morgen zum Kajaken da war, zurückgekommen?«

Ich muss mich hinsetzen. »Welche Gruppe? Wir waren auf dem Inlandeis unterwegs, weil wir 16 Uhr mit Ben ausgemacht hatten!«, brülle ich zurück. Ich bin stinksauer.

»Scheiße, scheiße, scheiße«, höre ich wieder.

»Überleg dir was, ich rufe in zwei Minuten wieder an«, sage ich und lege auf.

Markus schaut mich halb erwartungsvoll und halb verunsichert an.

»Die haben uns vergessen«, sage ich ungläubig. Die schwarzen Wolken sind mittlerweile am Eingang unseres Fjordarms angekommen. Ein kalter starker Wind weht um unsere nun weißen Nasen.

Kurz vor unserem Aufbruch vor fünf Tagen hatte Robert Neuigkeiten von dem vor der Küste kreuzenden Forschungsschiff, der Alfred Wegener, zu berichten gehabt. Die Besatzung hatte Eisbären auf einer Eisscholle gesichtet, die wenige Kilometer von Tasiilaq entfernt in unsere Richtung driftete. Kommentarlos hatte Robert Markus und mich daraufhin in das Schießen mit einer oldshatterhandigen Blechbüchse eingewiesen und uns erklärt, dass Eisbären die Angewohnheit pflegen, ihre Beute mehrere Tage lang zu umkreisen. Uns würde also genügend Zeit bleiben, um per Satellitentelefon das Boot für einen unblutigen Rückzug zu bestellen.

Nach einem erfolglosen Test des Satellitentelefons hatte Robert gemeint, dass es auch ohne ginge, da Eisbären in der Regel den Kontakt zu Menschen mieden. Entgegen meiner sonstigen Gelassenheit auf Reisen hatte ich auf einem Ersatzgerät bestanden, das beim Wählen der Büronummer auch tatsächlich das Telefon auf Roberts Schreibtisch zum Klingeln gebracht hatte.

Eingemummelt in Skiunterwäsche, wärmendes Fleece und wind- und wasserabweisende Apexhosen und -jacken, hatte uns Ben wenig später in einem Speedboot in weit geschwungenen Kurven vorbei an Eisbergformationen chauffiert, die an riesige Mäuse, senkrecht aus dem Wasser herausspringende Wale oder in Schräglage geratene Hochhäuser erinnerten. Manchmal war das Blau des Meeres komplett verdeckt von riesigen weißen Eispuzzleteilen. Immer wieder hatten wir keine 50 Meter von unserem Boot entfernt Wale ausmachen können. Dann hatte Ben den ruppigen Flug des Bootes über das Eismeer für einige wunderbare stille Momente mit den Riesensäugern unterbrochen. Einmal bildete ich mir ein, dass einer der Wale meinen Blick erwiderte. Bestimmt ein gutes Zeichen, dachte ich, und eine warme Welle wogte durch meinen trotz mehrerer Kleidungsschichten frierenden Körper.

Nach zwei Stunden waren wir in Ikertivag gelandet, am Rand des grönländischen Inlandeises. Sorgfältig hatten wir unter Bens wachsamen Augen unsere von Robert zusammengestellte Ausrüstung für die bevorstehenden Tage zum wiederholten Mal kontrolliert: Zelt, Schlafsäcke, Isomatten, wetterfester Seesack mit unseren Klamotten, meine Kamera, Lebensmittelkiste mit Gaskocher und Campinggeschirr, zwei Kajaks, zwei Eispickel, Satellitentelefon, Ersatzbatterien, Gewehr, sechs Patronen.

Ben hatte uns geraten, Trinkwasser von den Eisblöcken, die am Ufer anlandeten, zu gewinnen, und sich mit dem Versprechen verabschiedet, uns in fünf Tagen an derselben Stelle um 16 Uhr wieder einzusammeln. Dann hatte er sich umgedreht, war in sein motorisiertes Hightechboot gesprungen und davongebraust.

Und dann war alles still gewesen.

Zwei Tage lang hatten wir uns durch das weiße Gebirge treiben und von ihm berauschen lassen. Wir hatten Urzeitfelsen erklommen, das wellen- und eisschollendurchzogene Meer bestaunt, waren mit unseren Kajaks viel zu nah an die Gletscherabbruchkante herangepaddelt und einmal nur knapp den herunterkrachenden Eismassen entkommen. Einen ganzen Tag hatten wir vor unserem Zelt verbracht, die Schönheit dieser unwirklichen und lebensfreien Landschaft bestaunend. Eine karge, schroffe Form der Schönheit, die mit einer großen Selbstverständlichkeit einhergeht.

Vor fünf Tagen hat uns die Stille vor dieser Kulisse beflügelt. Jetzt wirkt die Landschaft gleichgültig und unheimlich: vor uns das weiße Meer des Inlandeises, hinter uns urzeitlich anmutende steil ansteigende Felsen in allen erdenklichen Braun-, Grau- und Orangetönen. Rechts schiebt sich ein Gletscher zwischen die Eismassen und das türkisblaue Fjordwasser. Geräuschvoll brechen im Zehnminutentakt haushohe Eiswände von der Gletscherkante in den Fjord und zaubern kleine Tsunamis auf den danach wieder entspannt dahindösenden Fjordarm. Sonst nichts. Keine Vögel, keine Tiere. Keine Pflanzen. Kein Boot. Kein Ben. Nichts. Einzig schwarzlila Wolken, ein zunehmend unangenehm kalt wehender Wind und näher rückender Regen. Meine Beine zittern. Nicht aus Angst vor den Eisbären, die irgendwo da draußen unterwegs sind. Und auch nicht wegen der Tatsache, dass wir bis auf zwei Müsliriegel unsere Vorräte komplett aufgegessen haben. Es ist auch nicht die Angst vor dem aufziehenden Sturm oder die Ungewissheit, wann durch Zufall jemand im Kajak vorbeikommt. Es sitzt tiefer.

»Wie würden wir uns wohl fühlen, wenn wir nicht auf dem Satellitentelefon bestanden hätte?«, frage ich Markus und versuche ein Lächeln.

»Das haben wir nur wegen Levi mitgenommen«, antwortet der.

120 Minuten später steigen wir in peitschendem Regen in Bens Zodiak, 95 Minuten und einige gebrochene Geschwindigkeitsrekorde sowie spektakuläre Eisbergausweichmanöver und Sprünge über meterhohe Wellen danach sehen wir die bunten Holzhäuser Tasiilaqs am Horizont auftauchen.

Bens Gesicht entspannt sich, und ich brülle Markus gegen den Sturm und das aus allen Richtungen auf uns herabprasselnde Meeres- und Regenwasser ins Ohr: »Ob wir jemals wieder so reisen werden?«

Eine halbe Stunde später sitze ich mit einer Tasse Tee in der Hand und den Füßen auf der glühenden Heizung unseres Zimmers im Hotel Angmagssalik und beobachte, wie Blitze den gewitterverhangenen Himmel durchzucken.

»In vier Monaten sind wir zu dritt«, sage ich in die Dunkelheit und streichle über meinen runder werdenden Bauch.

Und in mir macht sich eine Mischung aus Euphorie und Planlosigkeit breit, wie sie nicht ansatzweise mit dem Gefühlsmix der letzten Tage und Stunden vergleichbar ist.

 

1

Das Projekt: Transsibirische Eisenbahn mit Baby – im Zweifel für die größere Veränderung

Die Reisevorbereitungen:
Am besten vergessen Sie das wieder!

»Vergessen Sie das!«, riet der erste deutsche Reiseveranstalter für die Transsibirische Eisenbahn und erklärte mir, dass selbst für das kommende Jahr die Plätze im Zug bereits knapp seien. »Allein für das Besorgen der Visa für Russland, die Mongolei und China benötigen Sie mindestens sechs Wochen«, wollte mich der zweite deutsche Spezialist für Transsibreisen entmutigen.

»Wir besorgen Ihnen nur die Zugtickets, wenn Sie die komplette Reise von uns organisieren lassen und dabei aus unseren vorgefertigten Bausteinen auswählen. Wir haben da für die Mongolei zum Beispiel drei tolle Gruppenbausteine mit deutschsprachiger Reiseleiterin«, versuchte mich der dritte deutsche Transsibanbieter zu erpressen. Keine individuelle Reiseplanung möglich? Zwangskauf? Nicht mit mir!

Irgendwie scheinen Reiseveranstalter, die in stark planwirtschaftlich geprägten Ländern arbeiten, den Gedanken an Kundenorientierung und individuelle Reiseverläufe nur allzu gerne an den Nagel zu hängen. Je höher der Standardisierungsgrad, desto größer die Marge für den Veranstalter. Und desto weniger nervige Kundenextrawünsche. Und desto schneller und einfacher der Reiseverkauf. Desto weniger qualifizierte und somit billigere Mitarbeiter sind notwendig.

Aber ich wollte meine Wünsche nicht möglichst leicht und billig abwickeln lassen. Ich suchte eine Reise nach meinem Geschmack. Aber hatte ich wirklich eine Wahl? Es war Anfang August. Ich wollte mindestens zwei Monate unterwegs sein. Allerspätestens Anfang Oktober, mit weniger Glück schon Mitte September, fallen die Temperaturen in der Mongolei auf 20 bis 40 Grad minus. Planmäßig würden wir in unserer fünften Reisewoche in der Mongolei ankommen. Drei Wochen wollte ich in der Mongolei verbringen – je eine Woche für die meines Wissens beeindruckendsten mongolischen Landschaften: Grassteppe, Sandsteppe und Wüste. Spätestens um den 20. September herum sollten wir in der Mongolei ankommen, um hoffentlich einen verspäteten Wintereinbruch und somit nachts erträgliche Temperaturen zu erleben. Was wiederum hieß, dass wir spätestens um den 18. August unsere Reise antreten sollten: Mir blieben demnach knapp zwei Wochen für die Vorbereitung unserer Reise. Und das auch nur für den Fall, dass ich bis morgen jemanden finden würde, der willens war, diese Herausforderung anzunehmen.

Laut Expertenschätzung benötigte man also allein für die Besorgung der Visa für Russland, die Mongolei und China sechs Wochen. Na toll.

Außerdem wollte ich trotz Zeitnot nicht bei touristischen Massenanbietern buchen. Diese drücken ihre Reisen von der Stange oft viel zu billig in den Markt, um die Auslastung der eigenen Kapazitäten zu gewährleisten. Kleine und mittelständische Unternehmen aus den jeweiligen Regionen, die liebevolle und authentische Leistungen anbieten und wirklich ihr Land zeigen wollen, haben dagegen kaum eine Chance. Auslastung vor Kundenorientierung. Zumindest bei den Reisenden, die zuerst auf den Preis schauen und in fremden Ländern die scheinbare Sicherheit einer größeren Marke genießen wollen. Und das in einem Käufermarkt, in dem die Macht eigentlich bei den Kunden liegt. Unglaublich. Die Reisenden könnten viel intensivere, weil individuellere Erlebnisse haben. Mehr vom Leben. Und selbst die großen Tourismusunternehmen fahren mit dieser Strategie vielfach Verluste ein und gefährden mittelfristig Arbeitsplätze. Für mich ist diese Form der doppelten Wertvernichtung unverständlich. Das wollte ich auf keinen Fall unterstützen.

Nun holte sie mich ein, die Realität der deutschen Tourismusindustrie. Nie hatte ich mit einem Reiseveranstalter verreisen wollen – außer vielleicht mit meinem eigenen, den ich ursprünglich aus reiner Notwehr gegründet hatte. Doch nun, da ich kurzfristig mit meinem Sohn in die Transsib hüpfen wollte, schien ich keine Wahl zu haben.

Dabei wollte ich mich nicht ärgern, meinen Job mal vergessen. Und überhaupt: Mein Anliegen, in zwei Wochen mit meinem zehn Monate alten Sohn aufzubrechen und mit der Transsibirischen Eisenbahn auf der transmongolischen Route in zwei Monaten bis nach Peking zu reisen, hatte ich bei jedem Gespräch sehr freundlich vorgetragen.

Ich brauchte einen Experten, um die Hürden der russischen Bürokratie sicher und schnell zu umschiffen. Ich hatte keine Zeit, mich um die auf den ersten Blick kompliziert wirkende Buchung der Zugticketteilstrecken, Unterkünfte, Einladungen und Transfers selbst zu kümmern. Geschweige denn, bei den Botschaften der drei Länder persönlich vorstellig zu werden. Außerdem wollte ich nicht auf Standardrouten reisen – umso mehr brauchte ich einen Reiseplanungspartner, der mich verstand und der, wie ich für die Regionen Himalaja, Südamerika und Afrika, ein besonderes Reiseerlebnis vor den einfach und schnell gemachten Profit stellt.

Eigentlich störte mich schon die Tatsache, dass ich nicht einfach zum Bahnhof gehen und in den Zug einsteigen konnte, aussteigen, wo es mir mein Bauchgefühl riet, so lange bleiben, wie es Levi und mir taugte. Einfach schauen, was passierte. Meine Kurzrecherche im Internet und in diversen Transsibreiseführern hatte ergeben, dass ich für Russland eine festgelegte und durchgebuchte Reiseroute sowie Einladungen von den jeweiligen Hotels vorweisen musste, um ein- und herumreisen zu dürfen. Für die Mongolei war diese feste Reiseroute zwar nicht gesetzlich vorgeschrieben, wurde aber stark empfohlen, wenn man vor Ort nicht viel Zeit mit Organisieren verlieren wolle. Denn: Demokratie und freie Marktwirtschaft waren in der Mongolei noch jung und unerfahren. Touristische Unternehmen, die seit Jahrzehnten stark planwirtschaftlich agierten, so hieß es, täten sich schwer, ihr Verhalten plötzlich um 180 Grad zu verändern und auf den Kunden auszurichten. Außerdem sei die touristische Saison im September so gut wie vorbei. Die Gefahr, vor Ort niemanden mehr anzutreffen, der mich unterstützen wolle, sei nicht zu unterschätzen. Da es in der Mongolei kaum Straßen gebe, sei man auf fremde Hilfe beim Entdecken der Vielfalt des Landes angewiesen. Es sei denn, man wolle sich nicht mehr als einige Kilometer von Ulan-Bator entfernen oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln reisen. Die fuhren aber langsam, hielten wegen technischer Defekte oft außerplanmäßig und waren meist überfüllt. Nur hinsichtlich der Wahl meiner Reiseroute in China war ich frei. Lediglich eine Hoteladresse für meine erste Station müsste ich in den Visumsantragsformularen angeben.

Ich entschied, spielerisch an die Planerei heranzugehen: Ich war bereit, mich für Russland und die Mongolei vorab auf eine Route festzulegen. Wollte aber alternative Routen recherchieren und dann vor Ort entscheiden, ob ich von dem einmal gebuchten Plan abweichen wollte oder nicht. Auch die generelle Möglichkeit der Planabweichung wollte ich vor Ort austesten: Würden mich russische und sibirische Hotels überhaupt aufnehmen ohne vorherige Anmeldung durch einen Reiseveranstalter? Würde ich vor Ort Menschen finden, die unsere spontanen Reisewünsche erfüllen wollten? Oder drohte Levi und mir im Fall der Planabweichung die russische Sicherungsverwahrung aufgrund frevelhaften Verhaltens? War es ratsam, im Rahmen eines dreiwöchigen Mongoleiaufenthaltes spontane Abweichungen der Reiseroute mit den Menschen vor Ort zu besprechen? Könnte ich mich verständlich machen? Oder träfe ich auf taube Ohren, weil so etwas einfach nicht vorkam? Weil die Mehrzahl der Besucher entweder in vorgefertigten Gruppenprogrammen durch das Land brausten oder allein im eigenen Bus im Rahmen monatelanger Auszeiten?

War es nicht mit dem kleinen Levi ein unverzichtbares Sicherungsnetz, die Route zumindest grob vorab geplant zu haben? Ich hatte keine Ahnung, wie viel Zeit Levi mir unterwegs für organisatorische Kapriolen lassen würde. Und irgendwie fühlte es sich bei unserem abenteuerlichen Vorhaben ganz gut an, dass in den hintersten Ecken dieser Welt jemand auf uns wartete. Und dieser Jemand würde vielleicht einige helfende Hebel in Bewegung setzen, sollten wir zur vereinbarten Zeit nicht am vereinbarten Ort eintreffen? Die Strategie, mich vordergründig und formal zur Abwechslung an die Regeln zu halten und dann vor Ort zu schauen, inwiefern ich daraus ausbrechen möchte und könnte, erschien mir für unsere Mission zweckmäßig.

Hätte ich mit meinem Sohn nach Afrika, in den Himalaja oder nach Südamerika reisen wollen, hätte ich auf mein eigenes Netzwerk an Reisepartnern zurückgreifen können, deren Ziel es ist, selbst die für die meisten Menschen ungewöhnlich klingenden Reisewünsche in die Tat umzusetzen. Noch heute spreche ich mit meinem bhutanischen Partner über die Dame im Rollstuhl, die zum Chomolhari Base Camp trekken wollte. Kurzerhand wurden eine Trage gebaut und ein paar Träger mehr engagiert. Die Dame war so unendlich glücklich und stolz auf dieses Erlebnis, welches ihr die meisten Reiseveranstalter, die sie vorab kontaktiert hatte, hatten ausreden wollen. Viele Reiseunternehmer scheinen nicht zu wissen, dass sie es manchmal mit überlebenswichtigen Kundenwünschen zu tun haben. Mit lebensverändernden Geschichten, die erlebt werden wollen. Müssen.

So. Und nun musste ich ihn also finden, den Planungspartner mit individuellem Anspruch und Interesse am etwas Ungewöhnlichen: Transsib. Mit Baby. Startschuss in zwei Wochen. Ohne Gruppenanschluss.

Warum ich denn unbedingt in zwei Wochen schon los wolle, fragte der nächste Kandidat. »Weil ich mindestens zwei Monate unterwegs sein möchte. Und der Reiseführer behauptet, dass es nach Mitte September in der Mongolei kalt bis bitterkalt wird. Und ich denke, dass es mit Baby in einer Jurte bei zehn bis 20 Grad minus etwas ungemütlich werden könnte«, entgegnete ich mittlerweile routiniert.

»Dann warten Sie doch, bis Ihr Sohn etwas älter ist. Das ist auch bei warmen Temperaturen viel zu gefährlich mit Baby, was Sie da vorhaben!«

Meine Frage nach der genauen Art der Gefahr blieb unbeantwortet, und somit vertagte ich wieder einmal verunsichert und verärgert die Suche nach dem perfekten Reiseplaner für uns auf den kommenden Tag.

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