Michael Peinkofer Interview
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Auftakt einer neuen Fantasy-Reihe

Michael Peinkofer über »Tote Helden«

Dienstag, 04. Juli 2017 von Piper Verlag


Im Interview mit Michael Peinkofer zu seinem neuen Roman »Tote Helden« kommt nicht nur der Autor zu Wort, sondern vor allem auch seine Protagonisten.

Nach elf Bänden in der Erdwelt – wie schwer ist es da, in eine neue Welt hineinzufinden?

Naja, man muss im Kopf einen Strich machen und sich sagen: Neue Welt, neues Spiel. Und man muss auch über den eigenen Schatten springen, denn nach Erdwelt zurückzukehren, war immer ein bisschen so, als käme man nach Hause. Aber es hat großen Spaß gemacht, in neues, unentdecktes Territorium vorzustoßen und das nach und nach zu erkunden – und die Entdeckungsreise ist ja noch längst nicht abgeschlossen.

Wie unterscheidet sich Erdwelt von Astray?

In mehrfacher Hinsicht … Entstehungstechnisch war Erdwelt work in progress – als ich den ersten Band schrieb, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass es einmal 11 Bände werden würden, entsprechend hat sich dieser Kosmos mit jedem Band der Saga beständig erweitert. Bei Astray ist es so, dass der Arbeit am ersten Band eine lange Vorbereitungsphase vorausging ist, in der dies neue Welt mit ihren Landschaften, ihren Völkern, Kulturen und auch Sprachen – die liegen mir ja immer ganz besonders am Herzen – entstanden ist. Erst dann begann ich, die Geschichte zu schreiben.

Astray ist ja eine gebeutelte Welt – etwas Furchtbares ist dort in der Vergangenheit passiert. Ein bisschen so, wie nach einem großen Krieg. Was reizt dich daran, so eine Welt darzustellen?

»Tote Helden« zäumt das Pferd gewissermaßen von hinten auf – der Roman stellt die Frage, wie eine Fantasygeschichte eigentlich weitergeht, wenn die Queste zu Ende und die böse Macht besiegt ist. Was ist aus den Helden geworden? Und was aus ihrer Welt? Im Fall von Astray ist es so, dass diese letzte große Auseinandersetzung im wahrsten Sinn des Wortes tiefe Spuren hinterlassen hat. Und diese zu erforschen, schien mir eine reizvolle Idee zu sein.

Was wird zuerst lebendig, die Figuren oder die Welt?

In diesem Fall ganz eindeutig die Welt. Wobei ich aber schon vorher sehr konkrete Vorstellungen davon hatte, wer meine 7 Helden sein würden – dieses Wissen hat auch zur Entstehung der Welt beigetragen. Aber so richtig lebendig wurden die Figuren erst, als sie eine Welt hatten, in der sie sich entfalten konnten.

Wie gehst du vor, wenn du eine neue Welt baust? Überlegst du dir zuerst, welche Machtverhältnisse herrschen? Oder denkst du zuerst über geografische Gegebenheiten nach?

Das eine bedingt das andere. Im Fall von Astray war klar, dass es eine geteilte Welt sein würde – und das bedingt natürlich auch ihren Aufbau und die Verhältnisse, die dort herrschen. Ich wollte, dass Astray auch als Metapher auf unsere eigene Zeit und Welt verstanden werden kann.

Im Roman spielen Religionen eine wichtige Rolle, werden aber kritisch beurteilt …

Es sind nicht generell Religionen, die im Roman kritisch beurteilt werden, sondern blinder Fanatismus. Der Orden der Exekutoren, der im Westen vorherrscht, lehnt eine Religion und den Glauben an alles Übernatürliche ja rundheraus ab, ist dabei aber nicht weniger fanatisch als der in Ostray regierende Feuerkult.

Der Titel »Tote Helden«, spielt das auf das Schicksal deiner Figuren an?

In mehrfacher Hinsicht, ja.

Entstehen die Karten für das Buch bereits vor dem Schreiben? Wie wichtig sind diese für dich?

Im Fall von Astray waren sie von grundlegender Bedeutung, schon deshalb, weil diese Welt mit echten Entfernungen, Klimazonen etc. arbeitet – mir war wichtig, dass es wirklich stimmig und auch historisch nachvollziehbar ist. Schon früh gab es deshalb eine Skizze dieser Welt, mit der ich während der ganzen Schreibphase gearbeitet habe. Leider war das Ding ziemlich groß, so dass es ein bisschen unpraktisch war – bei der Arbeit an Teil 2, den ich gerade abgeschlossen habe, hatte ich dann schon die schönen Karten von Helmut W. Pesch auf dem Computer, die auch im Buch enthalten sind. In Band 1 zeigen wir den Nordwesten und den Südosten von Astray, im nächsten Band werden es andere Karten sein. So wird sich diese neue Welt dem Leser nach und nach erschließen.

Da Autoren ja eh nur die Götter der Geschichten sind, kommen jetzt die Personen zu Wort, die es wirklich betrifft: die Helden der Geschichten.

Den Fragen stellten sich die junge Diebin Bray, der Sänger Rayan, der Halbling Lorymar Thinkling, die Prinzessin Nyasha pan Tyras, der Exekutor Thorgon-Syn sowie die Astara Dana Jennara.
 

Es gab ja einige Actionszenen in diesem Buch. Wie halten Sie sich fit, damit Sie diese auch durchhalten?

Lorymar: Für mich ist das kein Problem. Halblinge altern anders und übrigens auch sehr viel vorteilhafter als Menschen. Da viele Szenen vorkommen, in denen ich trinken muss, trainiere ich viel und regelmäßig – morgens zwei Schoppen Wein und am Abend gleich noch zwei …

Jennara: Das war es nicht, was sie wissen wollte.

Lorymar: Nein?

Jennara: Sie wollte wissen, wie es um deine Fitness bestellt ist.

Lorymar: Das müsstest du doch am besten wissen. [lacht anzüglich]

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ja nicht immer ganz einfach. Wie erleben Sie Ihren Alltag?

Jennara: Da viele Szenen in Skaradag im Haus des Doppelten Mondes angesiedelt sind, kann ich gewissermaßen an meinem Wohnort arbeiten, ohne deshalb den Betrieb des Hauses unterbrechen zu müssen. Es handelt sich um ein Etablissement zur Vertiefung gesellschaftlicher …

Lorymar: Es ist ein Puff.

Jennara [beleidigt]: Das war unnötig.

Lorymar: Aber wahr.

Das Rollenbild der Frau erlebt in diesem Buch ja verschiedene Ausprägungen. Wir haben die quasi versklavte Nichte/Schwester, die keinerlei Selbstbestimmungsrecht hat bis zur selbstbewussten Diebin, die sich ihre Partner wählt, wie sie möchte. Wie haben Sie das für sich erlebt?

Bray: Für mich, die ich zum ersten Mal dabei bin, ist es eine großartige Erfahrung. Vor allem auch, weil ich mich von verschiedenen Seiten zeigen darf. Anfangs bin ich noch sehr unerfahren und naiv, bis ich dann nach und nach Fähigkeiten an mir entdecke, die ich nie für möglich gehalten hätte …

Jennara: Als Astara stehe ich über den Dingen. Zwar ist mir nichts Menschliches fremd, aber im Grunde betrachte ich die Menschen und ihr Treiben …

Lorymar [lacht wiederum anzüglich]

Jennara: … stets aus einer gewissen Distanz. Deshalb habe ich auch kein Problem damit, eine junge, unschuldige Prinzessin in meinem Haus arbeiten zu lassen.

Nyasha: Du vielleicht nicht – für mich ist es eine sehr erniedrigende Erfahrung, auf die ich nicht näher eingehen möchte. Man muss es gelesen haben, um es zu glauben.

Würden Sie sich als Feministin bezeichnen? Und falls ja, wie definieren Sie Feminismus?

Jennara: Das sind nicht die Kategorien, in denen ich denke. Ich bin eine Astara – und als solche stehe ich wie gesagt über den Dingen.

Bray: Aber ich denke in diesen Kategorien. Und ich kann es nicht ausstehen, wenn Kerle denken, dass sie besser sind als wir. Ich kenne viele männliche Diebe, die im Salz geendet sind und jetzt tot von den Zinnen der Eisernen Zitadelle hängen – ich dagegen bin immer noch da.

Was halten Sie von Sexszenen in Romanen? Speziell natürlich von denen in »Tote Helden«.

Jennara: Ich habe damit kein Problem. Solange sie durch die Geschichte gerechtfertigt sind.

Thorgon: Dazu möchte ich mich nicht äußern, das ist zu persönlich.

Rayan, Sie geben in dem Buch ja einige Lieder zum Besten. Was war denn bisher Ihr erfolgreichster Auftritt?

Rayan: Das erste Kapitel – mit diesem Lied trete ich seither bei Stammtischabenden und Junggesellenabschieden auf. Aber auch das Lied der Sieben ist ein echter Evergreen …

Bray: Den ich auch lernen musste. Was nicht einfach war, da ich keinerlei musikalische Ausbildung habe – ich wuchs als Diebin in Skaradag auf.

Rayan: Du bist ein Naturtalent.

Bray: Danke sehr.

Woher kommen Ihnen denn die Ideen zu Ihren Liedern?

Rayan: Einerseits greife ich natürlich auf traditionelles Liedgut zurück, das in manchen Landstrichen schon ganz in Vergessenheit geraten ist. Andere Texte improvisiere ich auch zu bekannten Melodien. Ich reime dann, was mir gerade in den Sinn kommt – was manchmal leider unabsehbare Folgen hat… [wird leiser und schüttelt den Kopf, will nicht weiter sprechen]

Sind Sie heute noch vor Auftritten aufgeregt?

Rayan: Tut mir leid. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Es gibt ja die unterschiedlichen Rassen in diesem Buch: Menschen, Dwarge, Halblinge, Astari und andere. Sind Sie denn schon mal aufgrund Ihrer Herkunft diskriminiert worden?

Lorymar: Soll das ein Witz sein? Ständig! Es fängt schon damit an, dass ich immer diesen dämlichen, viel zu großen Turban tragen muss. Und alle sagen, dass ich ein Dwarg sei! Dabei bin ich ein Halbling, verstanden? Das schreibt man H – A – L – B …

Jennara [mit genervtem Augenaufschlag]: Sie weiß, wie man das schreibt. Sie schreibt für einen Verlag, der Fantasy-Bücher macht.

Lorymar: Na und? Das sagt gar nichts!

Wenn wir uns die politische Lage im Land betrachten, wie groß schätzen Sie die Spaltung zwischen oben und unten, arm und reich ein?

Bray: Bei uns in Skaradag gibt es nur oben und unten, und nichts dazwischen. Die reichen Kaufleute und Saliger leben in Rikstedt, die armen Tagelöhner in den Rattenlöchern von Darlik. Das ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.

Lorymar: In Ostray, wo ich zu Beginn der Geschichte lebe, ist es besser – hier hat sich ein großes Reich etabliert, in dem die Menschen in Frieden und Wohlstand leben. Hier gibt es sogar Universitäten und Badehäuser – davon kann man in meiner alten Heimat nur träumen.

Wenn Sie die Herrscher im Buch mit Regierungschefs wie Erdogan, Trump oder Putin vergleichen – wie fällt das auf?

Thorgon: Großartige Leute! Jeder einzelne ein Quell der Inspiration!

Wie reagiert Ihr Umfeld, Ihre Familie, Ihre Freunde auf Ihren Erfolg als Exekutor?

Thorgon: Großexekutor, bitte. Eine Familie, die mir meinen Erfolg neiden könnte, habe ich nicht. Und übrigens auch keine Freunde. Nur Diener und Speichellecker, und die finden mich alle großartig.

Lorymar, Sie übernehmen in »Tote Helden« ja eine recht zwiespältige Figur. Kein Sympathieträger auf den ersten Blick. Wie würden Sie Ihre Figur beschreiben? Was hat Sie an der Rolle interessiert?

Lorymar: Im Grunde spiele ich mich ja selbst … ich bin dieser Halbling, der von seiner Vergangenheit verfolgt wird, der einsam ist und zerrissen ist zwischen den Welten und der seinen Kummer im Alkohol zu ertränken sucht … Vielleicht wollen wir uns ja nachher noch in aller Ruhe darüber unterhalten. Nur wir beide, bei einem Schoppen Wein …

Jennara: Schwerenöter!

Welche Rollen würden Sie in Zukunft gerne mal spielen?

Lorymar: Ich hatte schon viele Angebote auf dem Tisch, die ich alle abgelehnt habe – der Kerl, der diesen Ring findet, wollte ich ebenso wenig sein wie der, der ihn am Ende wieder wegschmeißt. Aber ich glaube, als Rhett Butler in Vom Winde verweht könnte ich ganz gut sein …

Bray [prustet leise]

Lorymar: Daran ist nichts witzig.

Sie sprechen in dem Buch ja dem Wein in besonderem Maße zu. Welches Getränk würden Sie sich in einer Bar bestellen?

Lorymar: Ambrosiak. Das Zeug trinken sie in Altashar, und es haut wirklich rein.

Wenn es eine Sache gäbe, die Sie an sich ändern könnten, welche wäre das?

Lorymar: Ehrlich, ich habe keine Ahnung.

Jennara, was würden Sie Ihrem jüngeren Selbst empfehlen?

Jennara: Die Finger von Dingen zu lassen, die es nichts angehen.

Lorymar: Dito.

Wenn Sie Ihr Leben mit einer Titelmelodie untermalen könnten, was für einen Song würden Sie nehmen?

Rayan: Abba – Thank You For The Music.

Thorgon: Frank Sinatra – My Way.

Jennara: Elvis – You Are Always On My Mind.

Bray: Aretha Franklin – Respect.

Nyasha: Michael Jackson – Stranger in Moscow.

Lorymar: Wieso? Wir gehen doch gar nicht nach Moskau. Das kommt noch nicht mal vor.

Nyasha: Aber ich bin in der Geschichte eine Fremde.

Lolymar: Blödes Lied, blöder Sänger. Meins ist Man In The Mirror. Von wem war das noch mal?

Wer kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie das Wort erfolgreich hören?

Lorymar: Was glauben Sie, warum mein Lieblingssong Man In The Mirror heißt?

Glauben Sie an Wunder?

[alle blicken nervös zu Thorgon-Syn]

Rayan: Ich denke, dazu will sich zu diesem Zeitpunkt niemand von uns äußern.

Rayan, welche Jugenderinnerung hat Sie besonders geprägt?

Rayan: Ohne Frage diese hier [auf die Narbe in seinem Gesicht deutend].

Was hat Sie dazu bewegt, das zu tun, was Sie heute tun?

Rayan: Ich hatte offen gestanden nie die Wahl. So ist das, wenn man … [blickt erneut in Thorgons Richtung] Nun ja, wenn man ein wenig anders ist …

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Thorgon: Soll das eine Fangfrage sein?

Welchen Toten würden Sie gern wiedersehen?

Jennara: Wissen Sie … Ich glaube, wir alle sollten sehr vorsichtig sein mit dem, was wir uns wünschen.


Vielen Dank für dieses Gespräch!

Michael Peinkofer, 1969 geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaften und arbeitete als Redakteur bei der Filmzeitschrift »Moviestar«. Mit seiner Serie um die »Orks« avancierte er zu einem der erfolgreichsten Fantasyautoren Deutschlands. Seine Romane um »Die Zauberer« wurden ebenso zu Bestsellern wie seine neue Trilogie um »Die Könige«.
 

Blick ins Buch
Tote HeldenTote Helden

Die Legenden von Astray 1

Für die einen waren sie Helden. Für andere Legenden. Für wiederum andere waren sie nur dämliche Arschlöcher. Doch niemand ahnt, dass sie wieder zurück sind … Im Jahr 37 nach dem Fall des tyrannischen Kaiserreichs sind die Helden von einst vergessen. Der Abyss, ein tiefer Abgrund, durchzieht den Kontinent Astray seit jener letzten erbitterten Schlacht und hat die Völker gespalten. Könige, Herzöge und fanatische Sektierer ringen um die Macht. Nur der Sänger Rayan erhält die Erinnerung an die Legenden der Vergangenheit am Leben – denn seine Visionen sagen ihm, dass in den Tiefen des Abyss eine Bedrohung lauert. Und dass nur die alten Legenden ihr die Stirn bieten können …
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Prolog

Dorf Corras, BurgosIm 20. Jahr nach der Großen Divergenz
Fackeln erhellten den Dorfplatz, und das Auge des vollen Mondes blickte vom Himmel, so als wollte er selbst Zeuge der Verhandlung sein.
Der junge Mann, der in der Mitte des Platzes stand, hielt das Haupt gesenkt. Die strengen Blicke der Versammelten hatten ihn eingeschüchtert, die Last der Vorwürfe seine schlanke Gestalt gebeugt.
»Was also«, fragte der Mann, der ihm auf der Stirnseite des Platzes gegenübersaß, »hast du zu deiner Verteidigung zu sagen, Ikerón, Sohn des Markós?«
Der Beschuldigte sah auf.
Man hatte darauf verzichtet, ihm Fesseln anzulegen – er hätte ohnehin nicht entkommen können bei all den Schaulustigen, die dem Prozess beiwohnten. Wie ein Gefangener fühlte er sich trotzdem, verhaftet und angeklagt von seinen eigenen Leuten …
»Nicht viel«, erklärte er mit leiser Stimme. »Nur dass ich unserer Gemeinschaft niemals schaden wollte.«
»Das wissen wir«, gab der Mann auf dem hölzernen Thron zurück, dessen Augen wie Kohlen zu glühen schienen. »Und doch können wir nicht dulden, was du getan hast.«
»Was ich getan habe?« Der Junge straffte sich, und sah in die Runde. Der Fackelschein beleuchtete seine ebenmäßigen Züge, die pechschwarzes schulterlanges Haar umrahmte. »Ich will euch sagen, was ich getan habe«, rief er den anklagenden Gesichtern der Dorfbewohner entgegen. »Warum, glaubt ihr, war unser Dorf das einzige, das nicht Hunger litt, als vor drei Sommern die große Dürre wütete? Warum wussten unsere Ältesten im vergangenen Jahr, dass Sontras Steuereintreiber kommen würden? Und wieso überraschten uns die Plünderer, die unser Dorf überfallen und uns alle töten wollten, nicht im Schlaf, wie sie es geplant hatten?«
»Weil du uns gewarnt hast«, erkannte der Mann mit den Glutaugen ungerührt an und trat auf den Jungen zu. »Und dafür danken wir dir. Doch was du tust … was du bist, können wir nicht länger unter uns dulden.«
»So ist es«, rief eine Frau.
»Er ist eine Gefahr für uns alle«, pflichtete eine Stimme bei, die Ikerón als jene des Dorfschmieds zu erkennen glaubte, dem er vor zwei Wintern das Leben gerettet hatte, als er ihn vor einem Steinschlag warnte.
Die Erinnerung der Menschen reicht nicht sehr lange zurück, das wurde Ikerón in diesem Moment klar …
»Da hörst du es«, sagte der Mann mit den Glutaugen, der die eiserne Kette des Dorfvorstehers trug, Zeichen seiner Amtswürde und Symbol dafür, dass er dem Gesetz verpflichtet war. »Ich wünschte, die Dinge lägen anders, doch als Vorsteher von Corras bin ich für das Wohl aller und nicht nur eines Einzelnen verantwortlich. Und du, Ikerón, bist eine Gefahr für uns alle.«
»Aber ich wollte nicht …«
»Wie lange wird es dauern, bis die Exekutoren hiervon erfahren? Wie lange, bis sie uns ihre Schwarzen Reiter schicken, um die Dinge zu regeln? Und wir alle wissen, wie Schwarze Reiter die Dinge regeln.«
Der Angeklagte blickte sich um und konnte die Furcht sehen, die sich in den Mienen der Dorfbewohner spiegelte. Die Angst vor brennenden Häusern, grausam hingerichteten Männern und verschleppten Kindern.
»Dieses Risiko«, fuhr der Vorsteher fort, »kann ich nicht länger eingehen.«
»Dann will ich dir versprechen, es nicht mehr zu tun«, versprach der Jüngling. »Ich werde nicht mehr …«
»Wir wissen beide, dass du das nicht kannst«, beschied ihm der Ältere. Ein Hauch von Milde huschte über seine graubärtigen Züge. »So wenig, wie deine Mutter es konnte.«
»I-ist es das? Gibst du mir die Schuld an ihrem Tod?«
»Nein, Junge.« Der Dorfvorsteher schüttelte den Kopf. Jede Güte wich aus seinen Zügen. »Aber da ist etwas in dir, das du nicht beherrschen kannst. Etwas Dunkles, Verbotenes, das uns alle bedroht – und das muss enden.«
Zustimmendes Gemurmel von allen Seiten.
Erneut sah sich der Beklagte um. Obwohl er die meisten dieser Leute seit seiner Geburt kannte, kamen sie ihm in diesem Moment wie Fremde vor – wohl weil ihre Blicke die von Fremden waren. Längst hatten sie sich von ihm abgewandt, trotz allem, was er für sie getan hatte.
Das Urteil war bereits gefällt.
Verzweiflung packte ihn. »Vater«, wandte er sich an den Einzigen, der ihm noch helfen konnte. »Bitte tu das nicht!«
»Ich kann nicht anders, Sohn«, entgegnete Markós, Vorsteher des Dorfes Corras, dessen Gesicht nun wirkte, als wäre es aus Stein gemeißelt. »Du bist eine Gefahr für unser Dorf und unsere Gemeinschaft – und deshalb verbanne ich dich.«
»Nein«, ächzte der Junge.
»Auf Lebenszeit ist es dir untersagt zurückzukehren«, fuhr sein Vater mit tonloser Stimme fort. »Feuer und Wasser sind dir für alle Zeit hier versagt.«
Der Junge stand unbewegt.
Die undenkbaren Worte waren ausgesprochen. Und auch wenn er im Augenblick noch nicht ermessen konnte, was sie bedeuteten, so war ihm doch klar, dass von diesem Augenblick an nichts so sein würde, wie es gewesen war …
»Vater, was hast du nur getan?«, flüsterte er.
»Was ich tun musste«, entgegnete Markós – und indem er seinem Sohn ein letztes Mal zunickte, wandte er sich von ihm ab und kehrte ihm den breiten Rücken zu.
Die anderen Dorfbewohner taten es ihm gleich.
Einer nach dem anderen verschränkte die Arme vor der Brust und wandte sich um, Männer, Frauen und sogar die Kinder. All jene, die seine Gabe gerettet hatte – und die nun nichts mehr von ihm wissen wollten.
»Das … das könnt ihr nicht tun«, rief Ikerón, wissend, dass es kein Zurück mehr gab, dass weder der Dorfvorsteher noch die Ältesten ihren Entschluss jemals wieder zurücknehmen würden. Dennoch versuchte er es, flehte und schrie – auch dann noch, als grobe Hände ihn packten und davonschleppten.
»Vater! Vater!«, hörte er sich brüllen, bis ihm die Stimme versagte. Er erheischte einen letzten Blick auf die gedrungene, grauhaarige Gestalt, die von ihm abgewandt inmitten des Platzes stand, dann zerrten sie ihn durch das Dunkel der Gasse, die sich zwischen der Schmiede und dem Gemeinschaftshaus erstreckte, und hinaus auf den Acker.
»Lauf!«, schärften sie ihm ein. »Und komm niemals wieder!«
Dann stießen sie ihn von sich. Er strauchelte und stürzte, fiel auf die Stoppeln, die die Ernte auf den Feldern hinterlassen hatte. Er konnte nicht verhindern, dass ihm Tränen in die Augen schossen. Er raffte sich auf, kam wankend wieder auf die Beine und wollte davonhumpeln – als ihn der erste Stein traf.
»Hast du nicht gehört? Du sollst verschwinden?«
Ikerón wusste nicht, ob es die Stimme von Xon war, die er hörte, von Ertós oder einem anderen der jungen Männer, mit denen zusammen er aufgewachsen war und die er bislang stets für seine Freunde gehalten hatte …
Ein zweiter Stein traf ihn zwischen den Schulterblättern, knapp unterhalb des Nackens. Den Hinterkopf mit den Händen schirmend, begann er zu laufen, sprang über Stoppeln und Ackerfurchen hinweg, fort von seinen einstigen Freunden, von seinem Vater und von allem, was er stets für seine Heimat gehalten hatte.
Sein Ziel war der Fluss, der sich glitzernd im Mondlicht abzeichnete. Das Gebiet von Corras endete dort, auf der anderen Seite würden sie ihn nicht mehr behelligen.
»Verschwinde! Los, lauf, du Missgeburt!«
Das war Xon.
Zwei weitere Steine schlugen neben ihm ein, und dann noch ein Dritter, der ihn in die Kniekehle traf. Er hörte ein hässliches Geräusch und spürte stechenden Schmerz, doch er rannte weiter, dem Fluss entgegen – und zu Trauer und Verzweiflung gesellte sich Todesangst.
Dieser namenlose Hass, der aus ihnen sprach – das war nicht nur die Furcht vor den Schwarzen Reitern. Die Bewohner von Corras und allen voran ihr Vorsteher, schickten ihn nicht nur ins Exil, weil sie die Rache der Exekutoren fürchteten – sondern weil sie selbst ihn für ein Monstrum hielten, für etwas, das es nicht geben durfte, ganz gleich, wie viel sie ihm auch verdanken mochten.
Die Erkenntnis traf ihn, als er den Fluss erreichte. Sie schickten ihn nicht fort, weil er eine Gefahr darstellte. Sondern weil ihnen vor ihm graute …
Er watete in die Fluten, wollte sich ein letztes Mal umwenden – als ihn der Stein am Kopf traf. Er war faustgroß und kantig und mit aller Kraft geworfen, und er erwischte ihn an der rechten Schläfe.
Ikerón kam es vor, als wollte sein Schädel zerspringen. Sein Bewusstsein flackerte wie eine Kerze im Wind, während er niederging und bäuchlings ins Wasser klatschte.
Und während die Strömung ihn erfasste und davontrug, verlosch es ganz, und es wurde dunkel.

 

Erstes Buch: Spuren der Vergangenheit

1 Ein Dorf im nördlichen Bordlandsiebzehn Winter später

Das Wirtshaus trug den Namen Zum Hungrigen Wolf.
Das hölzerne Schild, das über der Eingangstür angebracht war und ein Graufell mit aufgerissenem Rachen zeigte, wog sich knarrend im Wind, der an den steilen Klippen entlangblies und den Regen landeinwärts trieb. In endlosen Fäden stürzte die Flut aus dem dunklen Himmel, prasselte auf das schäbige Schindeldach und von dort in die Pfützen. Aus den Butzenfenstern des aus Stein gemauerten Hauses jedoch drang warmer Lichtschein, der einen Herd und Gastlichkeit versprach – und eine warme Mahlzeit.
Die Kapuze seines Umhangs tief ins Gesicht gezogen, trat der Mann aus den grauen Schleiern, drückte die schmiedeeiserne Klinke und trat ein.
Der Regen und die Kälte blieben draußen zurück, vor ihm lag ein Schenkraum, dessen in der Mitte gelegene Feuerstelle für wohlige Wärme sorgte. Männer in abgetragener Arbeitskleidung duckten sich an den Tischen und Bänken, die den Herd säumten, und tranken Bier aus hölzernen Krügen. Von dem Neuankömmling nahm kaum jemand Notiz – bis auf den beleibten Mann mit der schmutigen Schürze und den glänzenden Backen, der beflissen grinsend näher trat.
»Tretet ein, ehrenwerter Herr«, verlangte er, wobei er mit den ebenso kurzen wie starken Armen gestikulierte. »Mein Gasthaus ist das beste im Ort. Womit kann ich Euch dienen? Mit einem Krug Bier? Oder seid Ihr hungrig?«
Der Wanderer nickte.
Er hatte den würzigen Geruch der Fischsuppe noch vor den Schwaden süßlichen Ophirs gerochen, die die warme Luft durchsetzten, und sein leerer Magen lechzte danach, endlich einmal wieder gefüllt zu werden.
Er schlug die Kapuze zurück und ignorierte den befremdeten Ausdruck im Gesicht des Wirts. Er war daran gewöhnt, es machte ihm längst nichts mehr aus.
»Ihr wollt von der Suppe, Meister?«, fragte der Wirt. Offenbar war er sich nicht mehr ganz sicher, einen ehrenwerten Herrn vor sich zu haben.
»Bitte.« Der Mann nickte. »Aber ich habe kein Geld bei mir.«
»Kein Geld?« Entsetzen trat auf die Züge des Wirts. »Wie wollt Ihr dann bezahlen?«
»Hiermit«, erklärte der Besucher und schlug den durchnässten Umhang zurück. Darunter kam ein lederner Beutel zum Vorschein, den er wie einen Schatz an sich presste. Er öffnete den Knebel und zog eine Leier hervor.
»Was soll ich damit?« Der Wirt schüttelte das bullige Haupt, seine Backen hatten längst zu glänzen aufgehört. »Das alte Ding ist keinen Schluck Bier wert!«
»Da irrt Ihr Euch«, versicherte der Fremde, »aber ich hatte auch nicht vor, es einzutauschen. Mein Name ist Rayan, und ich bin Sänger. Als Gegenleistung für eine warme Mahlzeit werde ich Euch und Euren Gästen etwas vorsingen und Euch unterhalten.«
Die Backen des Wirts plusterten sich, seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Es war ihm anzusehen, dass er den Vorschlag wenig praktikabel fand und im Begriff war, den ungebetenen Gast vor die Tür zu setzen – als einer der Männer an den Tischen rief: »He, Bror! Das ist eine gute Idee! Setz uns zur Ausnahme mal was anderes vor als nur dein abgestandenes Bier!«
Einige der anderen Gäste stimmten gröhlend zu, und obwohl der Gedanke dem Wirt noch immer nicht recht zu behagen schien, gab er den Weg frei und winkte Rayan vollends in den Schenkraum. »Von mir aus«, knurrte er, »setz dich und spiel!«
»Aber was Ordentliches, hörst du?«, fügte der Schreihals von eben hinzu.
»Ja, was Schmissiges«, meinte ein anderer.
»Oder was von schönen Weibern«, schlug wieder ein anderer vor, was lautstarke Zustimmung nach sich zog.
»Ihr wollt was von Frauen hören?«, fragte Rayan. Er legte den Umhang ab und setzte sich kurzerhand ans Ende eines Tisches. Dabei ließ er seine von der Kälte noch klammen Finger über die Saiten der Leier gleiten, sodass einige Töne erklangen. »Nichts leichter als das. Ich bin weit herumgekommen, meine Freunde, das könnt Ihr mir glauben. Und ich habe Frauen gesehen von solcher Schönheit, wie Ihr es Euch in Euren kühnsten Träumen nicht ausmalen könnt!«
Die Blicke sämtlicher Gäste – es waren ausschließlich Kerle – hatten sich auf ihn gerichtet. Ihre von flachsblondem Haar umrahmten Mienen waren vom Bier gerötet, die Augen glasig. Die meisten waren vermutlich Fischer und verdienten ihren Lebensunterhalt damit, in den stürmischen Gewässern zwischen Nordhorn und Kap auf Fang auszufahren; aber auch einige Bauern waren wohl dabei, die mit ihrer Hände Arbeit dem kargen, sturmgepeitschten Land etwas abzuringen suchten. Es war ein hartes Leben, voller Mühsal und Entbehrungen – kein Wunder, dass sich diese Männer ein wenig Zerstreuung wünschten.
»Sing endlich!«, rief einer ungeduldig.
Noch einmal schlug Rayan die Leier an und spielte die ersten Töne einer noryschen Volksweise. Dann begann er zu singen:
Zu alter Zeit im Bordenland,
an rauen Meeres Klippen,
da lebte eine Maid gar fein
mit roten Rosenlippen.

»Aaah«, ging es erfreut durch die Reihen. Rayan hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, seine Lieder auf das jeweilige Publikum zuzuschneidern. Das Dichten fiel ihm leicht, er brauchte sich nur vorzustellen, wovon er singen wollte, dann kamen ihm die Reime spontan in den Sinn. Zur Freude seiner Zuhörer, die ihm gebannt an den Lippen hingen …
Wer diese Lippen küssen wollt,
der musste nicht lang bitten,
tat er es doch, so zeigte sie
ihm auch noch ihre …
Zu dieser schönen Maid dort kam
ein Ritter namens Keyl,
der hatte lang kein Weib gehabt,
drum war er auch so …
Er sah das schöne Mägdelein
und ließ gleich danach schicken
und sprach: »Die solche Lippen hat,
die möcht ich gerne …«

Er überließ es den Gästen des Lokals, jeweils das letzte Wort der Strophe hinzuzufügen, was diese auch lautstark und mit großem Vergnügen taten, wobei sie mit den Bierkrügen den Takt des Liedes auf den Tischen trommelten. Das Feuer schien plötzlich noch ein wenig wärmer, sein Schein noch heller und sein Flackern noch ein wenig lustiger zu sein, und selbst Bror, der Schenkwirt, blickte nicht mehr ganz so sauertöpfisch drein wie zuvor, zumal einige der Gäste nun nochmals Bier bestellten. Er kam mit einem dampfenden Teller Fischsuppe, den er vor Rayan auf den Tisch setzte, dazu ein Stück Brot.
»Iss«, forderte er ihn auf. »Und dann spiel weiter. Ich habe keine Ahnung, wieso, aber dein Geplärr scheint den Leuten zu gefallen.«
Rayan nickte bereitwillig, griff nach dem hölzernen Löffel und aß. Die Fischsuppe schmeckte tranig und war versalzen, aber sie war heiß und füllte seinen Magen. Gierig löffelte er sie in sich hinein und genoss das wärmende Gefühl, das von seinem Bauch ausging. Dann griff er wieder zur Leier.
»Was wollt Ihr hören?«, fragte er in die Runde. »Noch mehr von schönen Frauen?«
»Seejungfrauen«, rief einer der Männer. »Sing etwas von Meerweibern, die einen arglosen Seemann verführen!« Die anderen bekundeten gröhlend ihre Zustimmung.
»Na schön«, meinte Rayan und schlug erneut die Saiten an. »Wie Ihr wollt. Dann hört gut zu …« Und erneut bemühte er eine alte Weise und begann dazu zu singen:
Durch sturmgepeitschte Meereswellen
fährt ein Schiff gen Skaradag.
Der Ausguck auf dem höchsten Mast
hält stets Wacht bei Nacht und Tag.
Bald stürzt das Schiff ganz tief hinab,
verschluckt vom Wellenschlund
und droht zu sinken, Maus und Mann,
zum dunklen Meeresgrund.
Doch der Posten auf dem Mast
hält aus, behält das Land im Blick
und schaut inmittst von Sturm und Wellen
plötzlich unfassbares Glück.
Denn dort in trüber grauer See,
wo Wellen sich auftürmen,
sieht eine Maid er einsam schwimmen,
als gäbe es kein Stürmen.
»Heda!«, ruft er und winkt ihr zu,
die Maid hebt ihr Gesicht.
Sie sieht ihn an, und unser Held
traut seinen Augen nicht.
Denn niemals haben seine Augen
solche Lieblichkeit gesehn
und ihm dabei vor Lust und Wonne
seine Sinne schon vergehn.
Er verlässt seine Wacht,
vergisst Pflicht, Sturm und Leid,
denn die Schöne aus der See
trägt weder Stoff noch Kleid.
Anmutig schimmert astargleich
ihr Körper wohlgestalt,
der Held, er sieht im Meeresrausch …

»Was?«, rief der Wirt herüber, auf dessen fliehender Stirn sich Schweißperlen gebildet hatten. Ob sie von der Hitze des Feuers rührten oder von den Bildern, die das Lied des Sängers in seinem Kopf heraufbeschworen hatte, war nicht festzustellen. »Was hat er gesehen?«
Erst jetzt bemerkte Rayan, dass er verstummt war.
Sein Leierspiel hatte ausgesetzt, die Worte waren ihm nicht über die Lippen gekommen – denn das Bild, das er vor Augen gehabt hatte, jener Eindruck flüchtiger Schönheit inmitten von Sturm und Gefahr, war plötzlich einer anderen Erscheinung gewichen, die sich mit Macht in den Vordergrund drängte.
Und die sehr viel dunkler war …
»Wei-ter! Wei-ter! Wei-ter!«, skandierten die Zuhörer und starrten ihn aus großen, glänzenden Augen an – und Rayan fuhr fort, dem inneren Drang gehorchend, den er verspürte:
der Held, er sieht im Meeresrausch
… nur Blut, Tod und Gewalt.
Durch graue Regenschleier schleicht
das Grauen in der Nacht.
Schon ist es da, so seht euch vor
und nehmt euch ja in Acht!
Von blutgen Äxten sinkt getroffen
der brave Seemann nieder.
Die Seinen warten brav zu Haus,
doch er kehrt nicht wieder.
Die Mörder jedoch haben schon
ein neues Opfer ausgemacht,
sehen helle Feuer leuchten
in dunkler, rauer Klippennacht.
Nichts ist vor ihrem Zorne sicher,
nicht Mann, nicht Frau, nicht Kind.
Sie bringen Tod und wollen Blut,
auf Beute aus sie sind.
Axt und Schwert und blanke Klinge
und der Sehn’ gefiedert Tod
bringen hundertfach Verderben,
Boden färbt sich blutig rot.
Und wenn der neue Tag anbricht,
die Nacht den Mantel hebt,
dort, wo Dorf und Häuser waren
nur ein einzger Mensch noch lebt.

Rayan verstummte, und als der letzte Saitenschlag verklang, war es im Schenkraum totenstill geworden. Nur noch das Knacken des Feuers war zu hören und das Prasseln des Regens auf dem alten Schindeldach.
Die Gäste starrten den Sänger erschrocken an.
Nach Bier war keinem mehr zumute, einige standen auf und wandten sich zum Gehen.
»Was soll das?«, fragte Bror der Schenkwirt, jetzt wieder so verdrießlich wie zuvor. »Du vergraulst mir die Gäste, du elender Krähensänger! Wenn du hier schon herumgröhlen musst, dann sing wenigstens etwas Fröhliches, hörst du?«
Die anderen Gäste stimmten zu, jedoch verhalten. Es war, als hätte sich ein dunkler Schatten über den Schenkraum gebreitet, selbst das Feuer schien nicht mehr ganz so hell zu brennen wie noch vorhin.
Rayan brauchte einen Moment, um zu sich zu kommen und sich von den Bildern zu lösen.
»Verzeiht«, sagte er dann, »das war nicht meine Absicht.«
»Dann sing etwas anderes!«, ereiferte sich der Wirt.
»Das … das kann ich nicht«, entgegnete der Sänger, auf das Instrument in seinen Händen starrend. »Ich muss gehen.«
»Nachdem du gerade mal zwei Lieder gesungen hast? Ist das der Dank dafür, dass ich dich durchgefuttert habe?«
»Es tut mir leid«, versicherte Rayan – und noch ehe der Schenkwirt oder einer seiner Gäste etwas entgegnen konnte, hatte er sich bereits seinen durchnässten Umhang wieder übergeworfen und war an der Tür. »Alles tut mir leid«, versicherte er – dann zog er sich die Kapuze über und trat wieder hinaus in die dunkle Nacht und in den strömenden Regen.

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