Hape Kerkeling
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Hape Kerkelings Kolumnen

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Herrlich ehrlich und komisch – die Kolumnen von Hape Kerkeling

Hape Kerkeling liebt Entertainment, stilvollen Klatsch und die Royals. Als Gesellschaftsreporter sinniert er über Blaublütige und Celebritys, plaudert er aus dem Nähkästchen seiner Erfahrungen mit Stars und Sternchen. Darüber, was einen echten A-Promi vom »Adabei« unterscheidet und wie die europäischen Königshäuser miteinander verwandt sind. Über Tücken im Urlaub, die List mancher Fernbedienung, seine persönlichen Lieblingssportarten (Billard und Mau-Mau) und darüber, wie einfach Facebook-Fasten geht.

Mit neuen exklusiven Texten zur Faszination gekrönter Häupter und einem Loblied auf die deutsche Sprache.

Blick ins Buch
Frisch hapeziertFrisch hapeziert

Die Kolumnen

Ob Prinz Philip, Lady Gaga, die Kanzlerin oder Til Schweiger – in Hape Kerkelings wöchentlicher Gala-Kolumne »Frisch hapeziert« ist jeder Promi mal Thema. Er schildert Backstage-Erlebnisse beim Comedy-Preis, macht sich seine Gedanken über VIPs im Weltraum, Royals in Trekking-Boots und den »Twittler« Donald Trump. Auch sich selbst nimmt der beliebte Entertainer nicht aus und plaudert aus dem Nähkästchen. Ganz privat geht es zu, wenn Hape die Wahlen beim Gläschen Weißweinschorle mit seiner zweitbesten Freundin Gudrun bespricht, über die »Ehe für alle« räsoniert, wir ihn in den Supermarkt begleiten oder er überlegt, ob er sich nicht zum Undercover-Butler im Buckingham-Palast umschulen lassen soll. Herrlich ehrlich und komisch zugleich – die Kolumnen von Hape Kerkeling, ein Muss für alle Fans!
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Vorwort

Liebe Leser,

kuckuck, der TV-Frührentner ist wieder da.

Einige schneidern nach ihrer Karriere als aktiver Fernsehkopf »Mode für Mollige« oder kochen Aprikosenmarmelade auf Ibiza ein und verscherbeln sie für teuer Geld im Internet. Andere wiederum lassen sich hauptberuflich von RTL 2 beim Austern-Futtern auf den Bahamas filmen oder werden Freizeit-Lama in Tirol. Das ist alles nix für mich.

So wurde ich für knapp ein Jahr zum Kolumnisten und durfte über Royals und Celebritys philosophieren. Meine Welt! Ich liebe gepflegten Tratsch. Solange nichts Bösartiges in Umlauf gebracht wird.

Die GALA ist diesbezüglich eine Klasse für sich. Hier dichtet man nichts Unschönes dazu und wühlt auch nicht ungefragt in prominenten Mülltonnen herum. Das Erfinden von hanebüchenen Geschichten dem schnöden Absatz zuliebe finde ich uncharmant, um nicht zu sagen schmuddelig. Nix für mich.

Sporadisch durfte ich ja immer mal wieder den Kolumnisten oder Hofberichterstatter geben. So 2002 für den »Stern« bei der Hochzeit von Königin Máxima und König Willem-Alexander in Amsterdam – nachzulesen hier am Buchende in dem Kapitel »Traumhochzeit«. Oder 2013 als Reporter für den ORF bei deren Krönung. Unvergesslich oder »onvergetelijk«, wie der Holländer sagt. Darüber später mehr.

Gerne plaudere ich hier aus dem Nähkästchen meiner Erfahrungen mit Stars und Sternchen, welche meine Milchstraße gekreuzt haben. Doch bevor wir uns gemeinsam auf VIP-Höhenflüge begeben, sollten wir eine Frage noch flott klären: Was macht einen Promi zum echten Promi? Wer ist ein sogenannter A-Promi und wer nur ein »Adabei«? So nennt man im süddeutschen Sprachraum Anhängsel von Promis, wie beispielsweise ehemalige Fitnesstrainer, angelernte Diätassistentinnen oder Coiffeure. Der Schweizer spricht hier gerne von der geschnittenen »Cervelat-Prominenz«.

Tja, A- oder B-Promi: Wer soll da noch durchblicken? Es klingt ja auch so unschön. Wie ein anrüchiger B-Movie. Sprechen wir also lieber von Platin-, Gold-, Silber-, Bronze- und Nickel-Promis.

Ähnlich wie beim Adel gibt es auch in der Promi-Welt die höheren Würdenträger und die unteren Chargen. Wobei »Royalty« natürlich grundsätzlich immer über »Celebrity« steht. Sie schwebt fast unantastbar und ätherisch über allem. Hört man etwa heraus, dass ich heimlich Royalist bin? Nein, das ist gelogen. Ich verehre und vergöttere Monarchien. Das ist zwar unprofessionell, aber auch zutiefst menschlich. Herrje, ich verquatsche mich ja schon im Vorwort!? Mehr zu meiner Leidenschaft für gekrönte Häupter und zur Faszination der Royals gleich hier im Anschluss.

Zurück zu den Promi-Kategorien: Ganz unten steht im Prinzip der sogenannte »Reality-Star«. Aber – aufgepasst! – hier gibt es Ausnahmen. Sie sehen: Es ist gar nicht so einfach.

TV-Shows wie »Deutschland sucht den Superstar« oder »Big Brother« bringen inzwischen eine derartig hohe Anzahl von angeblich prominenten Personen hervor, dass eine etwas genauere Unterscheidung zwingend wurde. In jenen Formaten werden Nickel-Promis mit mattem Glanz am Fließband produziert. Sprich, Personen, deren Prominenz als sehr schnelllebig und deren Image als besonders ausgelutscht wahrgenommen wird.

Madonna, Lady Gaga, Elton John und Robbie Williams sind selbstverständlich Platin-Promis. Sie sind international bekannt und können enorme künstlerische Leistungen vorweisen. Man kann es nicht wegdiskutieren: Sie stehen oben auf der Hollywood-Hühnerleiter. Ihnen wird von Amts wegen Gehör geschenkt.

Wieso fällt mir bei Gold-Promis Thomas Gottschalk ein? Na, weil er einer ist. Er ist quasi ein nationaler Weltstar. So wie auch unser Herr Jauch, Iris Berben oder Senta Berger.

In der Nippel… sorry, Nickel-Abteilung rangieren schlussendlich alle, die quasi ein öffentliches Leben führen. Stichwort »Doku-Soap«. Wenn Sie sich die Frage stellen: »Warum ist diese Person überhaupt im Fernsehen?«, sind Sie im Nickel-Club gelandet. Welcome!

In Amerika allerdings haben sich die Verhältnisse schon umgekehrt. Die Reality-Stars Kardashian haben dort Hollywoodgrößen wie Brad Pitt und Angelina Jolie längst den Rang abgelaufen. In ihrer Selbstdarstellungskunst sind Kim und ihre Familie unübertroffen.

Auch wenn die Doku-Soap-Sternchen ein beneidenswertes Leben führen, wie es sich unsere Eltern dereinst immer für uns, die Kinder der Nachkriegskinder, gewünscht haben, nämlich frei von Not und Drangsal – in der Ausbeutung und im Ausschlachten ihres Images sind Kim und Family geradezu kriegerisch. Ganz nach dem Motto: Gossip sells. Klatsch verkauft. Deshalb berichten inzwischen nicht mehr nur Boulevardzeitungen, sondern auch seriöse Medien über all die Leute, die berühmt sind dafür, »irgendwie bekannt« zu sein.

Meinen allerersten Einsatz als Klatschreporter hatte ich übrigens im Februar des Wendejahres 1989.

Damals schickte mich mein Lieblingssender Radio Bremen für die Kult-Show »Extratour« zur Verleihung des Deutschen Fernsehpreises nach Köln.

Im strömenden Regen stehe ich dort auf dem klitschnassen roten Teppich und soll in einer Live-Schalte die Stars von Evelyn Hamann bis Willi Millowitsch keck interviewen. Aber wer sollte sich schon bei strömendem Regen auf triefender Auslegeware mit mir angeregt unterhalten wollen?

Deswegen erfinde ich an jenem Abend das »Fernsehen für Kurzentschlossene«. Samt Kamerateam stelle ich mich ins Trockene; direkt vor die Herrentoilette. Ich habe unverschämtes Glück. Die Toilettenfrau Gisela M. ist eine aufgeweckte Person und in Plauderlaune. So verhöre ich sie spontan.

Welcher Fernsehliebling wäscht sich die Hände, und vor allem: welcher nicht. Das ist tatsächlich nicht unkomisch. Meine erste bebilderte Kolumne. Die sympathische kölsche Klofrau hat mir so kurz vorm Mauerfall gewissermaßen zum Durchbruch verholfen.

Ein wichtiges Geheimnis aus der Promi-Welt habe ich bereits an jenem Abend lernen dürfen, und gerne teile ich es hier mit Ihnen: Alle Menschen sind gleich. Unterschiede bilden wir uns ein.

Nun wünsche ich Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre meiner Kolumnen. Keine Sorge: Es geht hier nicht ums Koksen, Grapschen oder Schlimmeres. Es wird ganz nett. Machen Sie es sich also gemütlich. Jetzt wird frisch hapeziert!

 Ich drücke Sie!

Ihr Hape Kerkeling

 

Faszination Royals

Ehe es aber losgeht mit den Kolumnen, müssen wir vorab klären, warum wir Königs eigentlich so lieben und wie die genealogischen Verbindungen und Verstrickungen unter Europas Königshäusern sind.

Eins vorneweg: Alle Menschen sind natürlich gleich.

Doch machen wir uns bitte nichts vor, meine Lieben! Monarchien strahlen seit jeher etwas besonders Erhabenes aus. Genau deshalb sind blaublütige Fürsten auch gleicher als der Rest der Normalo-Menschheit. Also, Contenance!

Kein Wunder, dass unsere Vorfahren noch an »Gottkönige« glaubten. Ob in Ägypten, Rom oder China. Royalty, wie das schon klingt! Nach Diadem und dickem roten Teppich.

Der magische Glanz, die unkaputtbare Kontinuität und die bescheidene Zurückhaltung, die von Europas Fürstenhäusern ausgehen, faszinieren jedenfalls bis heute. Immer wieder. Das lässt sich auch zweifelsfrei anhand der Sensations-Einschaltquoten royaler Traumhochzeiten belegen.

Ob altgediente Monarchinnen wie Königin Silvia von Schweden oder junge Herzoginnen-Hüpfer wie Käthe Cambridge. Wir schauen gerne hin, hören zu, sind beeindruckt und bewundern die feinen Aristokratinnen still.

Im tiefsten Grunde unseres Herzens wünschen wir uns wohl sowieso alle, vom gutmütigen Augsburger-Puppenkisten-Herrscher König Alfons dem Viertel-vor-Zwölften mit Besonnenheit und Humor regiert zu werden. Insgeheim sind die meisten von uns doch gefühlte Royalisten. Und womit? Mit Recht.

Der Job von Königs ist allerdings unfassbar facettenreich und somit kompliziert. An jeder Ecke lauern protokollarische Fettnäpfchen. Die Klatschpresse ist zudem, in sehnsüchtiger Erwartung kleinster Fauxpas, bei jedem öffentlichen Auftritt immer mit am Ball.

Wie konnten die zehn regierenden Fürstenhäuser in Europa Kriege, Krisen und Revolutionen über die Jahrhunderte überstehen – und an der Macht bleiben?

Weltweit gibt es derzeit 44 Monarchien sowie den Vatikan. Der ist zwar nur so groß wie Silvio Berlusconis Ferienhaus auf Sardinien, aber auch die letzte absolute Monarchie in Europa. Klein, aber oho. Sage und schreibe ein Viertel der unabhängigen Staaten auf diesem Planeten sind Königreiche, Herzog- oder Fürstentümer.

Darunter so kuriose Nationen wie zum Beispiel der zwischen Spanien und Frankreich eingequetschte Pyrenäen-Zwergstaat Andorra. Dort regieren bis heute zwei Kofürsten. Der eine ist der Bischof der nordkatalonischen Stadt La Seu d’Urgell, der andere der französische Staatspräsident. Staaten gibt’s!

»Monos« sagt der Grieche, wenn er das Gegenteil von Stereo meint. »Archein« hingegen bedeutet herrschen. Nur wenn einer alleine alles wuppt, sprechen wir von einer Monarchie. Insofern ist Andorra streng genommen gar keine Monarchie, sondern eine Art Duett in Stereo!

In Europa haben wir es heute jedenfalls wahlweise mit der konstitutionellen oder der parlamentarischen Monarchie zu tun. Der Absolutismus ist – mal abgesehen vom Heiligen Stuhl in Rom – Geschichte.

Monaco und Liechtenstein sind konstitutionelle Monarchien. Der Herrscher darf hier zwar keine dicke Lippe riskieren, denn seine Macht ist durch die Verfassung begrenzt und geregelt; jedoch ist der Monarch auch der Chef der Regierung und bestimmt maßgeblich die Geschicke seines Landes mit. Die Volksvertreter haben da, gestalterisch gesehen, herzlich wenig zu melden.

Bei der parlamentarischen Monarchie hingegen darf der König der Regierung weder reinquatschen, noch kann er sie absetzen. Politisch hat der oberste Staatsdiener hier so gut wie nichts mehr zu sagen.

Belgien, Dänemark, die Niederlande, Schweden, Spanien, das Vereinigte Königreich sowie das Großherzogtum Luxemburg teilen diese Staatsform.

Der Monarch repräsentiert hier lächelnd, winkend und tapfer die Nation nach innen und außen. Je nach Persönlichkeit wirkt er mal mehr, mal weniger auf Volk und Gesellschaft ein.

Einzig Norwegen tanzt hier ein wenig aus der royalen Reihe. Das Land ist eine konstitutionelle Monarchie nach parlamentarischem Zuschnitt. König Harald genießt in seinem Osloer Palast ein µ mehr Beinfreiheit als seine Adelskollegen im Rest Europas.

Der Einfluss aller europäischen Monarchen ist jedoch trotz Beschränkung durch die jeweilige Verfassung nicht zu unterschätzen. Mal abgesehen von ihrer gesellschaftlichen Bedeutung.

Spanien, Belgien, Luxemburg, Liechtenstein und Monaco werden übrigens von katholischen Fürstenhäusern regiert. Vielleicht versucht die Kurie hier hinter den Kulissen ab und zu ein bisschen zu soufflieren? Die fünf nordischen Monarchien hingegen sind protestantisch geprägt.

Monarchien haben sich überall dort erhalten, wo es in den vergangenen 150 Jahren relativ ruhig zuging, wie beispielsweise in Schweden oder Liechtenstein; und dort, wo die Landesfürsten im Zweiten Weltkrieg Nazideutschland mutig die Stirn boten.

So weigerte sich Königin Elizabeth – The Queen Mother – im Jahre 1940, mit ihren Töchtern Elizabeth und Margaret vom kriegsgebeutelten London ins sichere Kanada zu flüchten. Sie lehnte ab mit den Worten »Die Prinzessinnen gehen nicht ohne mich, ich gehe nicht ohne den König, und der König wird niemals gehen.«

König Christian X. von Dänemark, der Großvater der heutigen Königin Margrethe II., ritt demonstrativ jeden Morgen ohne seine Leibgarde durch die Straßen des besetzten Kopenhagens. Er wurde zum Symbol für den Freiheitsdrang der Dänen. Warum also hätten beispielsweise die Dänen die Monarchie jemals abschaffen sollen? Steht sie doch für die Unabhängigkeit ihrer Nation.

Auch in Großbritannien sprechen sich immer noch achtzig Prozent der Untertanen für die Beibehaltung der Monarchie aus. Gewissermaßen ist sie ja so etwas wie die natürliche europäische Staatsform. Nur die Schweiz hat als einzige Republik eine ähnlich lange Tradition.

Was der royale Spaß so kostet? Nun, für den Löwenanteil der Kosten kommen die Steuerzahler auf. Aber es wird ja auch aristokratisch was geboten für die Kohle! Kronen, Kutschen und Kastelle. What a show!

Deutschland hat keine besonders guten Erfahrungen mit seinem kriegshungrigen Kaiser gemacht. Sind die Deutschen trotzdem oder vielleicht gerade deshalb, aus Enttäuschung, die treuesten Anhänger der europäischen Königshäuser? Vermutlich hat es in dieser schnelllebigen Welt auch etwas Beruhigendes, eine einigermaßen heile Familie mit gelebter Tradition an der Spitze des Staates zu wissen.

Die zukünftigen Königinnen und Könige Europas sind heute noch Teenies oder gar Kinder. Estelle von Schweden, Ingrid von Norwegen, Christian von Dänemark, Elisabeth von Belgien, Leonor von Spanien, George von England oder Amalia der Niederlande.

Wir und unsere Nachkommen sehen, wie sie aufwachsen, sich entwickeln, sich verlieben, heiraten, Kinder kriegen, gekrönt werden, regieren und irgendwann, eines fernen Tages, die Erde wieder verlassen. Das schafft enormes Vertrauen und eine hohe Identifikation. Die Herrscherhäuser sind uns wie Kinder, Eltern und Großeltern.

Und im besten Fall spannt eine Königin wie Elizabeth II. von England mit ihrem Leben für uns eine Brücke über ein schwieriges Jahrhundert. God save the Queen.

Genealogische Grundlagen des Boulevards

Kriegen Sie jetzt bitte keinen Schreck, aber einmal muss es ja gesagt werden: Die sieben regierenden europäischen Königshäuser sind alle miteinander verwandt. Mal mehr, mal weniger eng.

Die Bernadottes in Schweden mit den Oranien-Nassaus in den Niederlanden. Die Bourbonen in Spanien mit den Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburgs in Dänemark. Die Sachsen-Coburgs-Gotha aus Belgien sind ihrerseits verwandt mit den Windsors in England, die wiederum eigentlich genauso heißen wie die Belgier. Der Familienname der englischen Könige wurde erst nach dem Ersten Weltkrieg von Sachsen-Coburg-Gotha in den hippen Künstlernamen Windsor umgewandelt. Man hätte sich auch Harrod’s, Burberry, Landrover oder schlicht »The Beatles« nennen können. Die Windsors sprechen ja auch von sich selbst spaßeshalber gerne als »die Firma«. Wobei, streng genommen, Königin Elizabeth ja nach der Hochzeit mit Philip eigentlich Mrs. Schleswig-Holstein usw. heißen müsste?

Besonders kosmopolitisch geht es auf dem royalen Parkett in Oslo zu. Die Norweger gehören zwar ebenfalls zum Haus Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, übrigens eine Nebenlinie des Hauses Oldenburg, sind mit allen aber noch enger verwandt als der ganze royale Rest Europas.

Denn bis 1905 gehörte Norwegen ja noch zu Schweden. Ein Enkel des damaligen dänischen Königs Christian IX. wurde schließlich Monarch in Norwegen. Erst seit 1991 regiert mit Harald V. ein waschechter und im Lande geborener Wikinger.

Kein Herrscherhaus stammt im Übrigen aus dem Land, welches es regiert. Die Schweden und die Spanier kamen ursprünglich mal aus Frankreich. Die Belgier, die Luxemburger, die Engländer, die Dänen und die Norweger stammen wegen ihrer oldenburgischen, nassauischen und sächsisch-coburgischen Ahnherren ursprünglich aus Deutschland. Die Niederländer setzen dem Ganzen als hessische Holländer aus der Provence die Krone auf.

Ja, und wie verwandt sind die denn nun alle genau miteinander?

Ein anschauliches Beispiel: Griechenland besitzt zwar seit 1974 keine Monarchie mehr, aber das ehemalige Herrscherhaus gehört wie die Dänen und Norweger zum Haus Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg. Die Familie aus Athen ist heute eine Art familiäres Bindeglied zwischen allen modernen Fürstenhäusern.

Exkönigin Anne-Marie von Griechenland ist nicht nur die Schwester der amtierenden dänischen Königin Margrethe, sondern in Personalunion auch die Schwägerin der ehemaligen Königin von Spanien, Sophia, einer gebürtigen Prinzessin von Griechenland. Somit ist Anne-Marie auch die Tante des derzeitigen spanischen Königs Felipe. Allerdings ist Tante Anne-Marie auch eine Cousine des Schwedenkönigs Carl Gustav und angeheiratete Nichte von Queen Elizabeth. Der Großherzog von Luxemburg Henri und der König der Belgier Philippe, übrigens direkte Cousins, sind wiederum Großneffen der Griechin. Für den holländischen Herrscher Willem-Alexander ist sie eine Art Ur-Großcousine zweiten Grades. Können Sie mir noch folgen? Die meisten europäischen Monarchen stammen heute jedenfalls aus den Familien Schleswig-Holstein usw. und Sachsen-Coburg-Gotha.

Heute heiratet man allerdings nicht mehr wie früher untereinander Prinzen und Prinzessinnen, sondern der Trend geht bevorzugt zu den sogenannten »Bürgerlichen«. Die zukünftigen Königinnen in Europa sind ehemalige Werbefachfrauen oder PR-Strateginnen. Die kommenden Prinzgemahle waren mal Fitnesstrainer oder Banker. Mittlerweile darf man eben heiraten, wen man mag, und nicht, wen man muss. Das macht die Herrscherhäuser volksnäher. Dereinst waren langfristige Friedenssicherung und knallharter Machterhalt die Leitmotive für eine standesgemäße Heirat.

Vor allem die Dänen waren auf eine überaus kluge Heiratspolitik bedacht. Erfunden haben diese Hochzeitsdiplomatie allerdings weder die Dänen noch die Schweizer, sondern die glücklichen Österreicher. Der Wahlspruch der Habsburger lautete: Bella gerant alii! Tu, felix Austria, nube! Kriege mögen andere führen, Du, glückliches Österreich, heirate!

Und ab in die Flitterwochen, möchte man hinzufügen. Die Österreicher flitterten ab dem Mittelalter für einige Jahrhunderte durch und erweiterten so ihren Herrschaftsbereich und ihr Territorium konsequent. Kein Thron in Europa, auf dem nicht irgendein buckliger Verwandter der Wiener saß. Na, küss die Hände!

 

Als Großmutter des modernen Europas gilt allerdings Königin Victoria von England.

Her Majesty hatte sage und schreibe 40 Enkel und 88 Urenkel. Die Herrschaften wurden allesamt nolens volens in die nobelsten Familien des alten Kontinents verheiratet. Durch die Nachkommen aus diesen Verbindungen ist Victoria Urahnin für fast alle heutigen europäischen Monarchen. Das sollte der Friedenssicherung dienen. Bereits im Ersten Weltkrieg scheiterte diese Art der Familienpolitik aber kolossal. Die Front verlief quer durch die Sippe.

Königin Elizabeth II. von Großbritannien, König Harald V. von Norwegen, König Carl XVI. Gustaf von Schweden, König Felipe VI. von Spanien, Königin Margrethe II. von Dänemark, der ehemalige König von Griechenland Konstantin II. und der ehemalige König von Rumänien Michael I. sind alle direkte Nachfahren von Victoria.

Irgendwie müssen die Dänen im Jahre 1863 von dem drolligen Just married-Motto von Vicky Windsor Wind bekommen haben. Jedenfalls wurden im Frühjahr jenes Jahres von Schloss Amalienborg in Kopenhagen aus die ersten zarten und diplomatischen Bande in die britische Hauptstadt zum Buckingham-Palast geklöppelt. König Christian IX. von Dänemark war auch ein kluger Ehestifter und trägt deshalb bis heute den Ehrentitel »Schwiegervater Europas«.

Seine Tochter Prinzessin Alexandra wollte er zu gerne an der Seite des britischen Kronprinzen Edward sehen.

Der gute Christian verfolgte nach der Niederlage im Krieg gegen Preußen und Österreich im Jahre 1864, ähnlich wie Victoria, eine konsequente Neutralitäts- und Friedenspolitik. Die Gebiete Schleswig, Holstein und Lauenburg hatte er unwiderruflich an Preußen und Österreich abtreten müssen. Das war besonders schmerzhaft, da es sich bei dieser Region um das Stammland der Dynastie handelte.

König Christian begann nun also damit, engste Kontakte zu den anderen europäischen Herrscherhäusern zu knüpfen. Seine sechs Sprösslinge verkuppelte er so geschickt in die erlauchtesten Kreise des Hochadels. Und was für glänzende Partien die Dänen-Kinder da so machten! Jedes dieser eingefädelten Techtelmechtel war politisch höchst sinnvoll.

König Christian war somit der Vater der englischen Königin Alexandra, des griechischen Königs Georg, der russischen Zarin Maria Fjodorowna und Kronprinzessin Thyra von Hannover. Sein Sohn Kronprinz Frederik wurde zum Schwiegersohn des Königs von Schweden und Norwegen. Der jüngste Sohn Waldemar wurde zum Schwiegersohn des Prätendenten auf den französischen Thron. Oh, du glückliches Dänemark! Oder wie ging die zweite Zeile des Habsburger Mottos noch? Nam quae Mars aliis, dat tibi regna Venus! Denn was anderen der Mars, Herrschaft der Venus ist dir’s!

 

Warum ich Englands »Königspinguin« echt vermissen werde

Liebe Gala-Freunde, liebe Leserinnen,

 kann man als Kolumnist Lampenfieber haben? Ich schon!

Seien Sie ehrlich: Das Letzte, was Sie über mich gehört haben, war vermutlich, dass ich den Bundespräsidenten von der SPD für die CDU mitwählen durfte, ganz schön »moppelig« geworden bin und heimlich einen gewissen Nils oder Ole geheiratet haben soll. Ich bin aber auch spannend, gell? Mir schmeckt’s nun mal. Und die »Ehe« hat meinen Appetit nicht wirklich gezügelt.

Da sage ich kürzlich zu meiner zweitbesten Freundin Gudrun, als sie gerade an einem Gläschen Weißweinschorle nippt: »Gudrun! Ich möchte mich noch einmal neu erfinden. Siehst du mich eher als Extremsportler beim Iron Man oder als Abt eines buddhistischen Klosters am Titisee?« Die Antwort schießt nur so aus ihr heraus: »Du liebst Entertainment, stilvollen Klatsch und die Royals! Entweder du schulst um auf Undercover-Butler im Buckingham-Palast – oder du wirst Gala-Kolumnistin!«

Ja, sie hat »Kolumnistin« gesagt. Ohne mit der Wimper zu zucken. Erklärend sollte ich hier vielleicht anfügen: Gudrun ist eine beinharte Gendering-Aktivistin. Von ihr weiß ich, dass Gendering kein Stadtteil von München ist, sondern eine feministische Lebenseinstellung. Insofern ist ein Mann, der in eine Frauendomäne vordringt, in ihren Augen konsequent eine Kolumnistin. Bitte fühlen Sie, liebe Leserinnen, sich auch immer von meinem Gruß »Liebe Gala-Freunde« angesprochen.

Ein Mann in einer Frauendomäne – da bin ich doch schon bei der Königsdisziplin: Let’s talk royal!

Ich kann mich einfach nicht an den Gedanken gewöhnen, dass er, der so lange Schirmherr oder mindestens VIP-Mitglied von fast 800 Organisationen war, nach 65 Dienstjahren aufhören will. Seine königliche Hoheit Prinz Philip, der Gemahl der Queen, Extra-Ritter des nobelsten Ordens der Distel, nimmt keine offiziellen Termine mehr wahr. Zwar hat man im Moment den Eindruck, ihn häufiger denn je zu sehen, doch mit 96 wird er wirklich Rentner. Seine Frau geht aber weiter arbeiten. Sie hat schließlich vor Gott einen Eid darauf abgelegt, ihren Job das ganze Leben lang zu machen.

Was Philip betrifft: Vielleicht verleihen die Briten dem Prinzgemahl doch noch den Titel eines Königs? So als Goodie? Ich finde, er braucht das nicht. Ihm zu Ehren wurde längst der Prinz-Philip-Gletscher in der Antarktis benannt. Man hat ja fast den Eindruck, die Pinguine tragen extra für ihn Frack! Und auf der Pazifikinsel Tanna wird Philip gar als lebende Gottheit verehrt. Dem Mythos zufolge verließ einst der Sohn des Berggeistes die Insel, um jenseits des Meeres eine mächtige Frau zu ehelichen …

Eine Frage quält mich: Wer soll Philips Termine übernehmen? Die sehr schmalen Schultern von Herzogin Kate können ja nicht alles tragen, und Prinz Harry ist derzeit blind vor Liebe, da herrscht Stolpergefahr. Also: Wer ist weltgewandt und dazu noch geübt im Einweihen? Costa Cordalis!

Der gebürtige Grieche und gelernte Dschungelkönig hat sich bereits bei der Eröffnung unzähliger Möbelhäuser bewährt. Er ist zwar kein Gott, dafür tanzt er wie einer.

Um hier noch mal auf mein Premieren-Lampenfieber als Kolumnist zurückzukommen: Es kribbelt immer noch im Bauch. Doch jetzt ist es einfach ein wunderschönes Gefühl.

Ich drücke Sie!

Ihr Hape Kerkeling

»Frisch hapeziert« – Das Hörbuch

Hinter den Kulissen: Hape Kerkling beim Einsprechen des Hörbuchs von »Frisch hapeziert«

Der zweite Bestseller des großen Entertainers jetzt im Taschenbuch

Mit »Ich bin dann mal weg« hat er Millionen Leser inspiriert, persönliche Grenzen zu überschreiten. Jetzt spricht Hape Kerkeling über seine Kindheit; entwaffnend ehrlich, mit großem Humor und Ernsthaftigkeit. Über die frühen Jahre im Ruhrgebiet, Bonanza-Spiele, Gurkenschnittchen und den ersten Farbfernseher; das Auf und Ab einer dreißigjährigen, turbulenten Karriere - und darüber, warum es manchmal ein Glück ist, sich hinter Schnauzbart und Herrenhandtasche verstecken zu können. Über berührende Begegnungen und Verluste, Lebensmut und die Energie, immer wieder aufzustehen.

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Der Junge muss an die frische LuftDer Junge muss an die frische LuftDer Junge muss an die frische LuftDer Junge muss an die frische Luft

Meine Kindheit und ich

»Was, um Himmels willen, hat mich bloß ins gleißende Scheinwerferlicht getrieben, mitten unter die Showwölfe? Eigentlich bin ich doch mehr der gemütliche, tapsige Typ und überhaupt keine Rampensau. Warum wollte ich also bereits im zarten Kindesalter mit aller Macht "berühmt werden"? Und wieso hat das dann tatsächlich geklappt? Nun, vielleicht einfach deshalb, weil ich es meiner Oma als sechsjähriger Knirps genau so versprechen musste ...« Hape Kerkeling, der mit seinem Pilgerbericht »Ich bin dann mal weg« seine Fans überraschte und Leser jeden Alters begeisterte, lädt auf die Reise durch seine Memoiren ein. Sie führt nach Düsseldorf, Mosambik und in den heiligen Garten von Gethsemane; vor allem aber an die Orte von »Peterhansels« Kindheit: in Recklinghausens ländliche Vorstadtidylle und in die alte Bergarbeitersiedlung Herten-Scherlebeck. Eindringlich erzählt er von den Erfahrungen, die ihn prägen, und warum es in fünfzig Lebensjahren mehr als einmal eine schützende Hand brauchte.
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GRUSS AN DIE LESER

 

Liebe Leser,
es ist schon ein ziemliches Ding, dass jemand, dessen Namen man im deutschen Sprachraum nicht einmal wirklich kennt, großspurig ein Buch über seine Kindheit verfasst.
Tatsächlich kann sich kaum jemand meinen Namen wirklich merken, auch wenn ich selbst inzwischen recht bekannt bin. Es würde mich zum Beispiel überhaupt nicht wundern, wenn Sie nicht wüssten, wie mein Name eigentlich geschrieben wird. Ach, geben Sie es doch zu! Vermutlich müssen Sie genau in diesem Moment auf dem Buchdeckel nachsehen. Dort angekommen, werden Sie dann etwas perplex feststellen, dass ich eben nicht Harpe Kerpelin, Herpes Ferkeling, Herbert Harleking oder Hete Kerkerdings heiße, sondern schlicht: Hape Kerkeling.
Obwohl ich so ja eigentlich auch nicht heiße. Tatsächlich ist und war mein Vorname immer Hans-Peter. So steht er auch im Pass.
Hape Kerkeling!? Tja, wer soll sich diesen knappen, skandinavisch anmutenden Vornamen auch schon merken können oder wollen – zumal in Verbindung mit dem besonders auswärtig klingenden Zunamen, welcher hochdeutsche Ohren vermutlich ans Zuchthaus denken lässt? Ab­gesehen natürlich von meinen treuesten Fans Dinah und Moreen aus Magdeburg. Auch so Namen, die immer falsch geschrieben oder schlecht verstanden werden. Welch humoriger kleiner Zufall.
Hape also! Diese radikale Verstümmelung meines Taufnamens zu Karrierezwecken war im fernen Jahre 1984 die glorreiche Idee meines ersten Managers Manfred Schmidt. Man hätte mich damals auch auf den Namen Silvio La Palma oder Tino Teufel taufen können. Ich hätte das wahrscheinlich mitgemacht, ganz toll gefunden und mit einem halben Liter klebrig süßem Prosecco beschwingt darauf angestoßen.
Franz Elstner, Uwe Jürgens oder Ulli Glas. So hätte ich mich mal nennen sollen. Das sind Namen, die sich ein geneigtes deutsches Publikum wenigstens hätte merken können. Tatsache ist: Für manchen Bayern bin ich »der Harpe«, in Sachsen »der Herbe« und im Rest der Welt vermutlich »der Dings aus dem Ruhrpott«. Manche denken auch, ich heiße Hefe. Dazu verkneife ich mir jetzt mal ­jeden Kommentar zu meiner Figur.
Mittlerweile habe ich allerdings meinen Frieden mit meinem zweisilbigen Künstlervornamen gemacht. Vor ­allem seitdem mir meine liebe Freundin Penny McLean – ihres Zeichens Welt- und Popstar der späten 1970er-Jahre sowie vor allem auch Numerologin – erläutert hat, welch mysteriöse Kraft angeblich hinter dieser Abkürzung steckt. Ohne den »Hape« hätte ich ihrer Auffassung nach niemals einen so erfolgreichen Lebensweg beschritten.
»Ha-« steht demnach für das erleichterte Seufzen des Herzens und, wie kann es anders sein, für ein befreites ­Lachen.
»-pe« hingegen steht für Vitalität und Macht.
Also steht Hape für ein mächtiges Herz, welches vital lacht. Gar kein schlechtes Bild.
Kerkeling hingegen ist niederländisch oder auch niederdeutsch und bedeutet nichts anderes als: Kirchling. Also jemand, der nahe bei der Kirche, der Kerke, lebt, sie auf­fallend oft in frommer Absicht besucht oder schlicht als Küster arbeitet. Mit meinem Buch Ich bin dann mal weg scheine ich der in meinem Nachnamen verankerten re­ligiösen Strebung meiner niederländischen Urahnen schlussendlich brav nachgegeben zu haben und ihr auf angenehme Weise erlegen zu sein.
Gleich hier im Vorwort muss ich unumwunden und ganz offen etwas bekennen. Trotz der scheinbar schicksalhaft richtigen Vornamenwahl habe ich dennoch den falschen Beruf gewählt. Definitiv! Was allerdings ein großes Glück war. Denn was hätte ich alles für verrückte, erschreckende und schöne Erfahrungen nicht gemacht, wenn ich die Weichen nicht von Anfang an so gänzlich falsch gestellt hätte …
Vielleicht merken sich einige auch genau deshalb meinen Namen nicht, weil sie unterschwellig spüren: Hey, dieser gemütliche, tapsige Typ passt doch gar nicht ins grelle Rampenlicht!?
Wie dem auch sei: Egal, wo in Deutschland ich sitze, liege oder stehe, tue ich das inzwischen als sogenannte öffent­liche Person. Und das, obwohl ich es eigentlich eher ruhig und beschaulich mag und es mir lieber ist, wenn ich nicht der Mittelpunkt des Geschehens bin. Rote Teppiche finde ich dämlich und unnütz. Call me Mr. Boring!
Kunstlicht setzt meinen Augen massiv zu. Mein Augenarzt hat mir mehrfach eindringlich empfohlen, doch besser den Beruf zu wechseln. Fernseh- und Filmproduktionen überstehe ich nur mit verschreibungspflichtigen Augentropfen, die ich mir quasi ampullenweise in mein Sehorgan eintröpfele, um den beißenden Schmerz auf der ­geröteten Netzhaut zu lindern.
Wenn also auf jemanden die unschöne Titulierung »Rampensau« eigentlich nicht zutrifft, dann auf mich!
Was, um Himmels willen, hat mich dann ins gleißende Scheinwerferlicht getrieben und somit mitten unter die Showwölfe? Warum wollte ich bereits im zarten Kindes­alter mit aller Macht »berühmt werden«? Und wieso hat das dann tatsächlich geklappt, und zwar sehr viel besser, als ich es mir in meiner kindlichen Naivität jemals hätte vorstellen können? Nun, vielleicht einfach deshalb, weil ich es meiner Oma Anna als sechsjähriger Knirps genau so versprechen musste.
Jeder Lebensroman ist einmalig, und allein diese Tat­sache macht ihn bedeutsam. Dies ist meine Geschichte. Oder besser gesagt: der entscheidende Teil meines bis­herigen Lebensfilms. Ein schlichter Holzstuhl am Küchenfenster spielt dabei keine ganz unbedeutende Rolle.
Wenn Sie mich nun begleiten wollen auf der Reise durch meine Memoiren, dann sind Sie herzlich eingeladen. Immer hat da irgendwer schützend seine Hand über mich gehalten, manchmal ganz konkret, manchmal auf mir ­unbegreifliche Weise.
Jetzt sollen Sie mich mal kennenlernen. Ich habe jetzt schon Kreislauf!
In diesem Sinne: Prosit!

 


KAPITEL 1
NIEMAND BETRITT DIESEN GARTEN


  Niemand, behaupte ich, kann
so überzeugend harmlos und
    ungefährlich dreinschauen wie ich.


»Niemand betritt diesen Garten. Was meinen Sie, warum wir einen Zaun drum herum gebaut haben? Wahrscheinlich, damit jeder hier durchlatscht, wie er will? Haben Sie das Schild draußen nicht gelesen?«
Der grauhaarige, griesgrämige Wärter mit dem dicken Schlüsselbund in der sonnengegerbten Hand spricht zwar nur gebrochenes Englisch, ist aber trotzdem unerbittlich. Obwohl uns die Sonne schon jetzt am frühen Morgen wieder erbarmungslos auf den Pelz brennt, bleibt mein Produzent und Regisseur wie stets höflich und distinguiert. Genau auf diese Art und Weise hat Gero von Boehm zum Wohle unserer gemeinsamen Fernseharbeit noch fast immer seinen Willen durchgesetzt.
Auf der Jagd nach spektakulären und einzigartigen bewegten Bildern für unsere sechsteilige und aufwendige ZDF-Dokumentation »Unterwegs in der Weltgeschichte« sind der Produzent, sein Team und ich bis zum Oktober dieses abenteuerlichen Jahres 2009 bereits einmal fast um den gesamten Erdball gejettet und haben unter anderem die Pyramiden in Mexiko und die Freiheitsstatue in New York fernsehtechnisch »abgefrühstückt« und in das rechte historische Licht gerückt.
»Dann lassen wir das eben mit dem Dreh in dem Garten!«, sage ich resignierend, wohl auch ein bisschen überreizt infolge meines Dauer-Jetlags.
Während ich mir den Schweiß mit einem penetrant nach billigem Fliederparfüm riechenden Papiertaschentuch von der Stirn wische, arbeite ich allerdings innerlich an einer möglichst konstruktiven Alternative. Schließlich schlage ich vor: »Wir könnten doch über den Zaun hinweg drehen. Ganz einfach!«
Der Produzent schaut mich verdutzt an. So, als wollte er sagen: Haben wir uns auch nur ein einziges Mal während unserer Dreharbeiten mit dem Nein eines mürrischen Schwellenwächters zufriedengegeben?
Wo wir überall eigentlich nicht hätten drehen dürfen! In der Blauen Moschee in Istanbul, im Herzen des Vatikans oder auch im großen Tempel in Luxor. Überall hieß es: Nein! Nicht mit uns! Wir haben uns trotzdem nicht vertreiben lassen. Und auch diesmal bleibt unser Produzent auf charmante Weise ungehorsam. Er weiß, dass die jeweils Verantwortlichen es nie bereuen, ihren anfänglich rigorosen Widerstand schlussendlich aufgegeben zu haben.
Es ist uns stets gelungen, ihren guten Willen nicht zu enttäuschen, und das, obwohl wir zum fahrenden Volk der »Fernsehfuzzis« gehören. Und so lautet Gero von Boehms etwas halsstarrige Antwort nun vollkommen zu Recht: »Das kommt gar nicht infrage! Das Bild, das wir für den Film brauchen, bist du im Garten und nicht irgendwo vor einem Eisengitter. Von außen ansehen darf sich den Ort ja jeder Tourist.«
Der Produzent hält dem skeptischen Wärter entgegen, dass wir eigens aus Deutschland angereist seien und eine Drehgenehmigung vom zuständigen Ministerium für das gesamte Areal in der Tasche hätten. Im Übrigen würde ich – der Moderator der Sendung – selbstverständlich nur schweigend und andächtig durch den geheimnisumwitterten Garten wandeln.
Das ist ein wirklich kluger Schachzug, denke ich, auch wenn mir diese Tatsache völlig neu ist. Denn ich hätte ­eigentlich einen zwar poetischen, aber doch ellenlangen Text im Garten zu sprechen gehabt. Der wird nun aus ­gegebenem Anlass gestrichen. Bilder sind eben manchmal aussagekräftiger als Worte. Eine Stärke jedoch werfe auch ich in den Ring, um Gero stumm lächelnd zu un­terstützen. Ich gucke harmlos! Niemand, behaupte ich, kann so überzeugend harmlos und ungefährlich dreinschauen wie ich, zumindest wenn es, so wie jetzt, darauf ankommt.
Die Argumente und vor allem aber die hypnotisierende Ausstrahlung unseres Produzenten scheinen indes auf fruchtbaren Boden zu fallen, denn der störrische Wärter des Allerheiligsten wirft einen nachdenklichen Blick auf seinen Schlüsselbund und verkündet dann verschwörerisch, während er dabei auf mich deutet:
»Okay. Aber nur fünf Minuten, und er darf im Garten nicht sprechen!«
Er greift nach einem der halb verrosteten Schlüssel am Bund und öffnet tatsächlich das kleine schmiedeeiserne Tor zum Garten Gethsemane in Jerusalem. Dem letzten Zufluchtsort Jesu vor seiner Kreuzigung. Der Platz, an dem der Messias verraten wurde.
Was schier unmöglich schien, ist mit einem Mal und ­allein durch Herrn von Boehms diplomatisches Geschick und sein Fingerspitzengefühl zum Greifen nahe. Mit einer knappen und wenig einladenden Geste fordert mich der grimmige Wärter auf, den Garten zu betreten. Er selbst setzt den Fuß nicht einmal auf die Schwelle und bleibt mahnend am Tor stehen. Der Kameramann folgt mir samt seinem technischen Equipment still ins Allerheiligste.
Es ist ein eigenartiges Gefühl der besonderen Ehre, welches uns beschleicht, als wir zwei diesen zweifellos bedeutenden Ort der Menschheitsgeschichte betreten dürfen.
Ein schlichter kleiner sonnendurchfluteter Olivenhain mit exakt acht uralten und ehrwürdigen Bäumen; mehr ist es zunächst gar nicht. Ein sanfter Wind lässt die Blätter an den Olivenbäumen leise rascheln. Das also ist der Lieblingsplatz Jesu.
Eigentlich bin ich jemand, der heiligen Stätten oder sogenannten spirituellen Orten eher skeptisch gegenübertritt, da diese Plätze meist nur das sind, was Menschen ­unbedingt in ihnen sehen wollen.
Aber dieser Garten ist ganz anders als alles, was ich ­bisher an Vergleichbarem sehen durfte. Er besitzt so etwas wie eine eigenständige Wirksamkeit, die unabhängig von meinem Wünschen, Wollen, Denken oder Betrachten ­arbeitet. Mit einem Mal wird etwas in mir sanft »verrückt« oder, besser gesagt, gerade gerückt. Wild durch­einanderkreisende Gedanken in meinem Kopf scheinen sich hier wie von selbst in einer sinnvollen Reihenfolge zu ordnen.
Das karge Wäldchen durchströmt spürbar eine liebevolle Kraft, der ich mich, selbst wenn ich es wollte, nicht erwehren kann. Energetisch ist hier alles im harmonischen Fluss, mein Geist und mein Körper geraten automatisch in Einklang mit dieser zarten und friedvollen Schwingung.
Seltsam befreiend fühlt es sich an, still durch diesen Garten zu wandeln. Die heilsame Kraft, die von diesem grünen Fleck ausgeht, ist für mich körperlich wahrnehmbar und beschert mir unerwartet einen der schönsten und ­damit unvergesslichsten Momente meines Lebens. Tatsächlich empfinde ich es als eine Art Gnade, meinen Fuß in dieses gut bewachte Heiligtum setzen zu dürfen.
Der Ort selbst wirkt dabei so verletzlich. Ein falsches, lautes oder unbedachtes Wort an diesem Platz würde die friedensstiftende Energie vermutlich trüben, und ein einziger glühender Funke würde ausreichen, um das trockene Grün innerhalb kürzester Zeit lichterloh in Flammen aufgehen zu lassen.
Wie hat dieser fragile Ort bloß die vergangenen 2000 Jahre vollkommen schadlos überstanden? Und das quasi mitten im von Krisen und Krieg geplagten Jerusalem? Vermutlich muss man vielen Generationen von argwöhnisch dreinschauenden Wächtern dafür danken, dass der Ort noch intakt ist. Die ungewöhnliche Widerborstigkeit des wachhabenden Hüters kann ich nun nachvollziehen. Es muss im Innersten des Gartens allzeit absolute meditative Stille herrschen. Der hier gewirkt hat, hat seine nachhal­tigen Spuren im Schatten der Olivenbäume fühlbar hinterlassen.
Als wir den Garten, förmlich verwandelt, durch das kleine Tor nach gut fünf Minuten wieder verlassen, steht da immer noch der schlecht gelaunte Wärter und raunzt mir leise zu: »Haben Sie es gespürt?«
Zwar bin ich etwas verblüfft über seine Frage, sage aber dann doch freiheraus: » Ja, das habe ich in der Tat!«
»Gut!«
Mit diesem gegrummelten Wort verschließt er das Tor auch wieder. Der Produzent lächelt mehr als zufrieden. Und für mich bleibt Jerusalem der bewegendste Ort, an dem ich je sein durfte. Ich kann es drehen und wenden, wie ich will: Das, was ich im Oktober des Jahres 2009 in diesem Garten gespürt habe, es festigt meinen Glauben.
Dass mein kurioser Weg als Fernsehkomiker und Moderator mich nach knapp 26 Berufsjahren in den Garten Gethsemane führen würde, hätte ich wohl selbst für am wenigsten wahrscheinlich gehalten. Eine selten glückliche und durchaus schräge Fügung. Letztlich war der kurze Aufenthalt in Gethsemane ausschlaggebend dafür, dass ich die Kraft und die Überwindung aufbringen konnte, das vorliegende, für mich stellenweise schwierige Buch überhaupt zu schreiben.
Glaubt man der Kabbala, der uralten mystischen Tra­dition des Judentums, dann steckt hinter jedem Namen oder Wort neben seiner offensichtlichen noch eine verborgene Bedeutung. Anagrammspezialisten würfeln die Buchstabenfolge eines Wortes so oft neu zusammen, bis sich ihnen ein neuer, geheimer Sinn des Namens erschließt. Ein an der Kabbala interessierter Leser hat das mit dem ­Titel meines ersten Buches versucht und ist zu einem frappierenden Ergebnis gelangt. Ich bin dann mal weg wird zu: »Weib, Mann, Ding, lach!«
Diesen Satz dürfen Sie gern als dringende Lebensempfehlung meinerseits verstehen. Aber wozu wird wohl Der Junge muss an die frische Luft? Ich bin gespannt.

 


KAPITEL 2
DU BIST WIE ICH, HORST SCHLÄMMER!


Erkenne Gott und das Gute
  in jedem Gesicht.

Der 11. 11. 2011 ist ein matschig verregneter, nasskalter Tag in Düsseldorf. Ob allein aufgrund des miesen Wetters oder der drol­ligen Schnapszahl wegen, das weiß ich nicht genau, jedenfalls bedeutet dieser Tag eine Zäsur in meinem Leben. Es endet etwas Altvertrautes, und etwas aufregend Neues scheint sich Bahn zu brechen.
Richtig hell ist es den ganzen Tag nicht geworden; jetzt am frühen Nachmittag ist es eigentlich schon wieder dunkel. Selbst in Reykjavik ist das Wetter heute wahrscheinlich freundlicher. Die fünfte, närrische Jahreszeit hält im Rheinland in diesem Jahr eher schlapp ihren Einzug, zu hören ist bestenfalls ein ganz maues Helau, das sich am liebsten wohl unter einem Regenschirm verschanzen würde. Bei diesem Aschermittwochwetter bleibt selbst der närrischste Jeck zu Hause, um jetzt schon für die kleinen Sünden zu büßen, welche er noch gar nicht begangen hat und die er, wenn das Wetter so bleibt, aus purer Lust­losigkeit auch nie begehen wird.
Der ockerfarbene Horst-Schlämmer-Mantel und das dazugehörige schwarze Herrenhandtäschchen aus billigem Kunstleder mit Griffschlaufe liegen auf der ausladenden waidmannsgrünen Samtcouch zum Einsatz parat. Alles andere, was noch zur Maskerade gehört, wird Inge später mitbringen. 
Mein Blick aus dem Fenster der irgendwie ­altdeutsch eingerichteten und überheizten Schleiflack-Präsidentensuite im mondänen Parkhotel trifft auf die größte und wahrscheinlich auch dezibelstärkste Baustelle Europas.
Mitten in der schlimmsten und von uns Deutschen mitverschuldeten Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg macht Düsseldorf auf richtig dicke Hose und verlegt eine mehrspurige Brückentrasse mit aller Gewalt unter die Erde. In ferner Zukunft soll hier eine autofreie Grünfläche für erholungsbedürftige Düsseldorfer entstehen. Die Erholung werden sie auch bitter nötig haben nach all dem Radau.
Im Moment sieht es hier noch so aus wie kurz nach ­einem Bombenangriff. Genau deswegen kann man im ­Hotel auch besonders preiswert wohnen, und ich begreife, wieso ich ausnahmsweise mal in einer Präsidentensuite logieren darf.
Heute Abend findet die Vorpremiere des Musicals Hape Kerkelings Kein Pardon im Düsseldorfer Capitol Theater statt, morgen dann die eigentliche sogenannte Welturaufführung, in Anwesenheit vieler aufgebrezelter Fernsehpromis, mit all dem dazugehörigen Medientamtam.
Diese Baustelle funktioniert gewissermaßen wie eine Metapher für mein eigenes Leben, denn so wie sich Düsseldorf gerade mit diesem Großbauprojekt ein wenig übernimmt, so übernehme ich mich wieder einmal mit meinem Job … und überhaupt.
Dieses klaffende, wunde Loch mitten in der ansehn­lichen Landeshauptstadt steht für das mühsame Werden einer vermutlich in Zukunft einmal wunderschönen Oase. Wenn man nicht genau wüsste, was sie da unten lautstark inmitten der ohnehin quirligen Metropole Düsseldorf treiben, könnte man den verantwortlichen Projektleiter getrost für komplett verrückt halten. Es sieht im Moment einfach nicht so aus, als würde oberhalb dieser schlammigen und lärmenden Grube jemals eine blühende kleine Landschaft entstehen wollen.
War mein Leben zu Beginn nicht auch eine ziemlich aufgewühlte Baustelle und ein einziges Chaos? Gab es da nicht auch eine klaffende Wunde, die einfach nicht heilen wollte? Hätte ich jemals ernsthaft annehmen können, dass aus dieser Wunde über die Jahrzehnte etwas derart Schönes entsteht?
Aus dem Film Kein Pardon von 1993 ist jedenfalls unter der Federführung von Thomas Hermanns ein ausgesprochen gelungenes Comedy-Musical geworden.
Viele inhaltliche und konzeptionelle Diskussionen, Castings, kalte und heiße Proben, ziemlich blöde und ausgesprochen nette Interview- und Fototermine haben mich deshalb in den vergangenen Monaten immer wieder in meine geliebte alte Wahlheimat geführt.
Als ich jenen Streifen damals gemeinsam mit dem ­unvergesslichen Filmproduzenten Horst Wendlandt verwirklichen durfte, flog mir parallel dazu das Angebot des ZDF ins Haus, Wetten, dass..? von Thomas Gottschalk zu übernehmen. Ich lehnte umgehend und dankend ab, und zwar mit einem klaren: »Nein danke. Ich möchte nicht.«
Und nun, knapp 18 Jahre später, wird aus dem Film das Musical, und vor exakt einer Woche habe ich Wetten, dass..? zum zweiten Mal abgelehnt. Diesmal live und im Fernsehen! Direkt neben Thomas Gottschalk, auf dessen berühmter Couch hockend, und somit vor den Augen der deutschen Öffentlichkeit. Ich hab sie doch nicht mehr alle!? So etwas sagt man nämlich nicht vor laufender Kamera ab, sondern schlicht mit einem knappen und amüsanten Pressestatement.
Habe ich das jetzt aus verirrtem Größenwahn oder aus purer Erschöpfung getan? Tatsache ist: Ich hab’s getan. Im Rückblick einfach nur peinlich.
In den vergangenen Jahren ist mir jedoch so einiges an Schönem, leider aber auch an weniger Erbaulichem in die Quere gekommen. Manche Dinge sind mir dadurch schlicht aus dem Ruder gelaufen. Diese Jahre, von 2009 bis 2011, waren für mich besonders ereignisreich, geprägt von jeder Menge Abenteuer und Wirbel.
Mein bereits 2006 erschienener Erstling Ich bin dann mal weg!, der tatsächlich von Gott und der Welt handelt, avancierte gegen alle meine Erwartungen zum erfolgreichsten deutschen Sachbuch der Nachkriegszeit und ist in 16 Sprachen übersetzt worden. Ulkiger und ehrenvoller Nebeneffekt dieses überwältigenden Erfolges war, dass mich der spanische König wegen besonderer Verdienste um Spanien im Jahre 2011 zum »Illustrissime« ernannte und ich somit quasi zum niederen spanischen Adel gehöre. Natürlich gab es bei allem Rummel um diesen ­Erfolg vereinzelt auch harsche Kritik. Dilettantisch, unpersönlich, fade, schlecht geschrieben, naiv, nicht nachvollziehbar, eitel, esoterisch, langweilig, redundant, verkorkst und nicht der Rede wert – dies waren die negativen Begriffe, mit denen man das Buch und somit auch mich belegte. Und gelegentlich habe ich auch diese Dinge an mich he­rangelassen.
Mit dem bereits eingangs erwähnten Gero von Boehm und seinem großartigen Team habe ich die sechsteilige ZDF-Reihe Unterwegs in der Weltgeschichte gedreht. Eine Mammutaufgabe. Auf dem eng gestrickten Arbeitsplan standen als Drehorte die Türkei, Ägypten, Israel, Spanien, Italien, Großbritannien, die Niederlande, die Tschechische Republik, Frankreich, Russland, die USA, Mexiko, die Wartburg und obendrein der neblige Teutoburger Wald. Das alles innerhalb nur eines Jahres.
Parallel dazu beschlossen mein langjähriger Lebenspartner Angelo und ich schweren Herzens, getrennte Wege zu gehen. Mitten in dieser schlimmen Lebenskrise verschlug es mich paradoxerweise also immer wieder an die schönsten Orte des Erdballs. Das will dann alles auch einfach mal verdaut werden.
Nur wann eigentlich? An friedliches Innehalten und stille Reflexion ist gar nicht zu denken. Denn an wie vielen atemberaubenden Schauplätzen und in wie vielen unterschiedlichen Klima- und Zeitzonen an wie viel Tagen wir gedreht haben, das weiß ich beim besten Willen nicht mehr genau. Es waren unzählige, und manchmal ist die Arbeit auch eine willkommene Ablenkung gewesen.
So schön und erlebnisreich das Leben eines Weltenbummlers auch sein mag, ganz ehrlich, die berühmten Sätze: »Willkommen an Bord!« und »Die Schwimmwesten befinden sich unter Ihrem Sitz!« kann ich eine ganze Weile lang einfach nicht mehr hören.

Die besten Zitate von Hape Kerkeling »Ich bin dann mal weg«

»Am Ende ist Leiden doch ein nicht Verstehen. Und wenn man etwas nicht versteht, muss man Vertrauen haben. So ist es also manchmal auch unsere Haltung, die uns leiden lässt.«

»Es ist keine Frage der Zeit, wo man sich zu Hause fühlt.«

»In Italienisch singt man, in Englisch dichtet man, in Deutsch verhandelt man, in Französisch liebt man, und in Spanisch betet man!«

»Obwohl ich den Gipfel durch den Nebel nicht sehen kann, ist er doch da!«

»Das Herz hat immer recht!«

»Es ist Leere, die vollends glücklich macht!«

»So manche Sache hat man dann doch nicht umsonst mit sich herumgeschleppt.«

»Meisterwerke gibt es an den erstaunlichsten Orten zu den erstaunlichsten Zeiten zu sehen.«

Ich bin dann mal weg. Meine Reise auf dem Jakobsweg

Hape Kerkeling, geht zum Grab des heiligen Jakob – 600 Kilometer durch Frankreich und Spanien bis nach Santiago de Compostela – und erlebt die außergewöhnliche Kraft einer Pilgerreise.

Mit Charme, Witz und Blick für das Besondere erschließt Kerkeling sich die fremden Regionen, lernt er die Einheimischen ebenso wie moderne Pilger und ihre Rituale kennen. Er erlebt Einsamkeit und Stille, Erschöpfung und Zweifel, aber auch Hilfsbereitschaft, Freundschaften und Belohnungen – und eine ganz eigene Nähe zu Gott. In seinem Buch über den Wert des Wanderns zeigt der beliebte Spaßmacher, wie er auch noch ist: abenteuerlustig, weltoffen, meditativ.

Ich bin dann mal wegIch bin dann mal wegIch bin dann mal wegIch bin dann mal weg

Meine Reise auf dem Jakobsweg

Es ist ein sonniger Junimorgen, als Hape Kerkeling, bekennende »couch potato«, endgültig seinen inneren Schweinehund besiegt und in Saint-Jean-Pied-de-Port aufbricht. Sechs Wochen liegen vor ihm, allein mit sich und seinem elf Kilo schweren Rucksack: über die schneebedeckten Gipfel der Pyrenäen, durch das Baskenland, Navarra und Rioja bis nach Galicien zum Grab des heiligen Jakob, seit über 1000 Jahren Ziel für Gläubige aus der ganzen Welt. Mit Charme, Witz und Blick für das Besondere erschließt Kerkeling sich die fremden Regionen, lernt er die Einheimischen ebenso wie moderne Pilger und ihre Rituale kennen. Er erlebt Einsamkeit und Stille, Erschöpfung und Zweifel, aber auch Hilfsbereitschaft, Freundschaften und Belohnungen – und eine ganz eigene Nähe zu Gott. In seinem Buch über den Wert des Wanderns zeigt der beliebte Spaßmacher, wie er auch noch ist: abenteuerlustig, weltoffen, meditativ.
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9. Juni 2001 – Saint-Jean-Pied-de-Port

 

»Ich bin dann mal weg!« Viel mehr habe ich meinen Freunden eigentlich nicht gesagt, bevor ich gestartet bin. Ich wandere halt mal eben durch Spanien. Meine Freundin Isabel kommentierte das sehr lapidar mit: »Aha, jetzt bist du durchgeknallt!«

 

Was, um Himmels willen, hat mich eigentlich dazu getrieben, mich auf diese Pilgerreise zu begeben?
Meine Oma Bertha hat es schon immer gewusst: »Wenn wir nicht aufpassen, fliegt unser Hans Peter eines Tages noch weg!«
Wahrscheinlich hat sie mich deshalb auch immer so gut gefüttert.
Und so könnte ich jetzt bei einer heißen Tasse Kakao und einem saftigen Stück Käsekuchen gemütlich zu Hause auf meiner roten Lieblingscouch liegen. Stattdessen hocke ich bei erstaunlich kühlen Temperaturen in einem namenlosen Café am Fuß der französischen Pyrenäen in einem winzigen mittelalterlichen Städtchen namens Saint-Jean-Pied-de-Port. Einer malerischen Postkartenidylle ohne Sonne.
Von der Zivilisation kann ich mich dann doch noch nicht ganz lösen, deshalb sitze ich direkt an der Hauptstraße und stelle fest: dafür, dass ich vorher noch nie etwas von diesem Ort gehört habe, brettern hier unglaublich viele Autos durch.
Auf dem wackeligen Bistrotischchen vor mir liegt mein fast leeres Tagebuch, das anscheinend genauso einen Appetit hat wie ich. Eigentlich hatte ich bisher noch nie das Bedürfnis, mein Leben schriftlich festzuhalten – aber seit heute Morgen verspüre ich den Drang, jedes Detail meines beginnenden Abenteuers in meiner kleinen orangefarbenen Kladde aufzuzeichnen.
Hier also beginnt meine Pilgerreise nach Santiago de Compostela.
Die Wanderung wird mich über den Camino Francés, eine der Europäischen Kulturstraßen, über die Pyrenäen, quer durch das Baskenland, Navarra, die Rioja, Kastilien-León und Galicien nach etwa 800 Kilometern direkt vor die Kathedrale von Santiago de Compostela führen, in welcher sich, der Legende nach, das Grab des Apostels Jakob befindet, des großen Missionars der iberischen Völker.
Wenn ich nur an den langen Fußmarsch denke, könnte ich mich jetzt schon vierzehn Tage ausruhen.
Das Entscheidende ist: Ich werde laufen! Die ganze Strecke. Ich laufe! Ich muss es gerade selber noch einmal lesen, damit ich es glaube. Allerdings nicht alleine, sondern gemeinsam mit meinem elf Kilo schweren, knallroten Rucksack. Falls ich unterwegs tot umfalle, und die Chancen dafür stehen gar nicht schlecht, erkennt man mich mit dem wenigstens aus der Luft.
Zu Hause benutze ich nicht mal die Treppe, um in den ersten Stock zu kommen, und ab morgen müsste ich dann jeden Tag zwischen 20 und 30 Kilometern gehen, um in knapp 35 Tagen ans Ziel zu gelangen.Die bekennende Couch potato geht auf Wanderschaft! Gut, dass keiner meiner Freunde so genau weiß, was ich hier eigentlich vorhabe, dann ist es nicht ganz so peinlich, wenn ich wahrscheinlich schon morgen Nachmittag das ganze Unternehmen aus rein biologischen Gründen wieder abblasen muss.
Heute Morgen habe ich mal einen ersten vorsichtigen Blick auf den Anfangspunkt des offiziellen Jakobswegs geworfen. Er liegt oberhalb des Stadttores jenseits der Türmchen und Mauern von Saint Jean, dem Schlüssel zu den spanischen Pyrenäen, und läutet die erste Etappe auf dem Camino Francés mit einem recht steilen Aufstieg über einen Kopfsteinpflasterweg ein.
Dort begibt sich gerade ein etwa siebzig Jahre alter Herr mit einer starken Gehbehinderung sehr entschlossen auf den Pilgermarathon. Ich starre ihm bestimmt fünf Minuten ungläubig hinterher, bis er langsam im Morgennebel verschwunden ist. Ich bin mir sicher, der schafft das!
Die Pyrenäen sind ziemlich hoch und erinnern mich an das Allgäu.
In meinem hauchdünnen Reiseführer, den ich schließlich auch über die schneebedeckten Wipfel der Pyrenäen schleppen muss, steht, dass Menschen sich seit vielen Jahrhunderten auf die Reise zum heiligen Jakob machen, wenn sie, wörtlich und im übertragenen Sinn, keinen anderen Weg mehr gehen können.
Da ich gerade einen Hörsturz und die Entfernung meiner Gallenblase hinter mir habe, zwei Krankheiten, die meiner Einschätzung nach großartig zu einem Komiker passen, ist es für mich allerhöchste Zeit zum Umdenken – Zeit für eine Pilgerreise.
Über Monate nicht auf die innere Stimme zu hören, die einem das Wort »PAUSE!« förmlich in den Leib brüllt, sondern vermeintlich diszipliniert weiterzuarbeiten, rächt sich halt – indem man einfach gar nichts mehr hört. Eine gespenstische Erfahrung! Der Frust und die Wut über die eigene Unvernunft lassen dann auch noch die Galle überkochen und man findet sich in der Notaufnahme eines Krankenhauses mit Verdacht auf Herzinfarkt wieder.
Wütend darüber, dass ich es so weit habe kommen lassen, bin ich immer noch! Aber ich habe auch endlich wieder meiner inneren Stimme Beachtung geschenkt und siehe da: Ich beschließe, während der diesjährigen Sommermonate keinerlei vertragliche Verpflichtungen einzugehen und mir eine Auszeit zu spendieren.
Bald finde ich mich in der Reiselektüreabteilung einer gut sortierten Düsseldorfer Buchhandlung wieder und suche – frei nach dem Motto: Ich will mal weg! – nach einem passenden Reiseziel.
Das erste Buch, das mir mehr oder weniger vor die Füße fällt, trägt den Titel Jakobsweg der Freude.
Was für eine Frechheit, einen Weg so zu nennen!, denke ich noch entrüstet. Schokolade macht nur bedingt froh und Whiskey wirklich nur in Ausnahmesituationen und jetzt soll also ein Weg Freude bringen? Dennoch packe ich das anmaßende Buch ein. Und verschlinge es in einer Nacht.
Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela gehört, neben der Via Francigena von Canterbury nach Rom und der Pilgerfahrt nach Jerusalem, zu den drei großen Pilgerwegen der Christenheit.
Der Legende nach gilt der Pfad bereits den Kelten in vor-christlicher Zeit als Initiationsweg. Kraftadern in der Erde und Energiebahnen, die so genannten Leylinien, ziehen sich angeblich über die gesamte Strecke parallel zur Milchstraße bis nach Santiago de Compostela (Sternenfeld); und sogar darüber hinaus bis nach Finisterre (Weltende) an der spanischen Atlantikküste, dem damaligen Ende der bekannten Welt. Bisher war ich immer davon ausgegangen, unser gesamter Planet befände sich irgendwie parallel zur Milchstraße. Aber bitte, man ist ja auch im Alter noch lernfähig!
Wer nach Santiago pilgert, dem vergibt die katholische Kirche freundlicherweise alle Sünden. Das ist für mich nun weniger Ansporn als die Verheißung, durch die Pilgerschaft zu Gott und damit auch zu mir zu finden. Das ist doch einen Versuch wert!
Wie hypnotisiert schaue ich mir in den folgenden Tagen dabei zu, wie ich fix die Reiseroute ausbaldowere und Rucksack, Schlafsack, Isomatte und Pilgerpass besorge, um auf dem Flug nach Bordeaux wieder zu mir zu kommen und mich laut sagen zu hören: »Bin ich eigentlich noch ganz dicht?«

 

Ich komme in Bordeaux an und es ist noch genauso hässlich und grau wie vor zwanzig Jahren, als ich hier als Sechzehnjähriger mal auf der Durchreise war. Ich steige im »Hotel Atlantic«, einem außerordentlich schönen klassizistischen Prachtbau gegenüber dem Hauptbahnhof, ab. Bevor ich die kommenden sechs Wochen nur noch in gammeligen Schlafsälen zwischen schnarchendenAmerikanern und rülpsenden Franzosen verbringe und ein Leben ohne ordentliche sanitäre Einrichtungen führe, tu ich mir noch mal was Gutes!
Aus dem Guten ist allerdings nicht viel geworden. Am Ende wäre es im Gemeinschaftssaal heimeliger gewesen. Mit einem bemerkenswert freundlichen Lächeln wird mir nämlich eine kahle Bruchbude ohne Fenster, dafür mit quietsch-blauer Neonbeleuchtung und zu einem Wucherpreis zugeteilt. Im Gegensatz zu mir rebelliert meine nicht mehr vorhandene Gallenblase umgehend.
Wäre Bordeaux netter gewesen, wäre ich womöglich gar nicht weitergefahren.
Zwischen der ersten und der heutigen Reise liegen zwanzig Jahre. Hab ich etwa seit zwanzig Jahren schlechte Laune? Ich gebe Bordeaux die Schuld. Das ist einfacher.
Im Zimmer hält mich nichts, denn mein Vormieter hat die Mini-Bar, schlau wie er war, schon leer gesoffen. Also raus und zwar direkt zum Bahnhof.
Als ich in der gigantischen Schalterhalle den Satz: »Mademoiselle, einmal Bordeaux – Saint-Jean-Pied-de-Port, einfache Fahrt, zweiter Klasse, bitte!«, in ordentlichem Schulfranzösisch über die Lippen bringe, schaut mich die afrikanischstämmige Charmeoffensive auf der anderen Seite der Scheibe mit einem strahlenden Lächeln an.
»A quelle heure, Monsieur?« – Wann? – Clever, die Frau!
»So um sieben Uhr morgen früh!«, entscheide ich spontan, wie ich nun mal bin.
Die für sie wesentliche Information hat die propere Schalterbeamtin offensichtlich schon wieder verdrängt: »Wie heißt der Ort noch mal?«
Prima! Auf keiner der Landkarten, die ich studiert habe, ist eine Eisenbahnverbindung nach Saint-Jean-Pied-de-Port eingezeichnet – ergo gibt es auch keine! Lustlos wiederhole ich den Namen des Ortes und das Frollein wälzt leicht verwirrt wuchtige Fahrpläne aus vergangenen Jahrhunderten, um zu der vollkommen überraschenden Erkenntnis zu gelangen: »Monsieur, diesen Ort gibt es nicht in Frankreich!«
Ich bin so perplex, als hätte sie gerade behauptet: Gott ist tot!
»Moooment«, sage ich, »den Ort gibt es schon, aber vielleicht fährt die Eisenbahn nicht dorthin.Aber dann doch bestimmt ein Überlandbus oder so was!« Die Dame bleibt zwar höflich, aber stur und lässt sich nicht beirren: »Nein, nein, der Ort existiert nicht! Glauben Sie mir.« Ich glaube ihr selbstverständlich nicht und bestehe darauf, dass es den Ort gibt. Hier geht es schließlich auch ums Prinzip!
Nach quälend langen Minuten stellt sich heraus: Der Ort existiert! Und was noch toller ist, es gibt sogar eine Verbindung mit Umsteigemöglichkeit dorthin. Ich vermute, dieser Ort existiert nur, weil ich so insistiert habe. Vielleicht habe ich Glück und mit Gott geht’s mir genauso?

Als ich mit meiner Fahrkarte den Bahnhof verlasse und mich gerade wieder frage, was ich hier eigentlich tue . . . ob das alles denn auch vernünftig ist . . . und überhaupt . . . sehe ich vor mir ein Riesenwerbeplakat für eine neue Telekommunikationserrungenschaft mit dem Slogan: »Wissen Sie, wer Sie wirklich sind?« Meine Antwort ist spontan und unumwunden: »Nein, pas-du-tout!«
Ich beschließe, im »Hotel Atlantic« mal einen Gedanken darauf zu verschwenden. Im Hotelzimmer liegt eine ziemlich verklebte Stadtinfo für Bordeaux, in der ich lustlos blättere, um zu erfahren, was ich während der letzten Woche so alles verpasst habe. Dabei stoße ich auf die Fortsetzung der Plakatwerbekampagne. Diesmal mit dem Slogan »Willkommen in der Wirklichkeit.« Das sitzt!
Mein Zimmer hat immer noch keine Fenster.Mein Handy-Akkuladegerät passt nicht in die französische Steckdose und eigentlich will ich jetzt schon wieder nach Hause – oder weg? Ich weiß es nicht. Ich entscheide mich für weg. Und schlafe.

 

Bei meiner Ankunft heute Morgen wimmelt es in Saint Jean bereits von Pilgern aller Altersklassen und Nationen. Die Stadt lebt wohl vom Geschäft mit den Wallfahrern. Dort werden rustikale Wanderstäbe und Muschelanhänger – sie sind das Erkennungszeichen der Pilger – verkauft. Hier werden kitschig bunte Heiligenfiguren, Pilgermenüs – sprich Pommes mit Fleisch – und Wanderführer in allen modernen Idiomen angeboten. Ich entscheide mich für einen einfachen Wanderstab, der mir jetzt schon viel zu lang, zu schwer und zudem unhandlich erscheint.
Auf dem Weg zur örtlichen Pilgerherberge überlege ich hin und her, was Stempel auf Französisch heißt. Auf Spanisch heißt es sello, das steht im Pilgerpass, dem credencial. In der Eingangstür fällt mir endlich das Wort ein. Timbre! naturellement. Perfekt habe ich meinen Satz schon im Kopf vorformuliert: »J’ai besoin d’un timbre.« Ich brauche einen Stempel. Da hör ich den älteren Herrn am Schreibtisch in Oxford-Englisch parlieren, da er gerade eine jugendliche Vier-Mann-Kapelle aus Idaho abstempelt und ihnen die Betten 1 bis 4 zuteilt. So bekomme ich mit, dass der Mann Engländer ist und seinen Jahresurlaub damit verbringt, hier in diesem kleinen Büro Pilgerpässe gegenzuzeichnen und Pilgerbettnummern zu vergeben! Und offensichtlich hat er Spaß. Mir vergeht der Spaß gerade, denn ich stelle fest, dass ich in einem nasskalten Zwanzig-Mann-Schlafsaal stehe, in dem ich nach Adam Riese Bett Nr. 5 bekomme, direkt neben dem gut gelaunten Country-Quartett aus Idaho. Die schleppen doch tatsächlich ihre mordsschweren Instrumente mit; drei Gitarren und eine Was-auch-immer-Flöte.
Als ich an der Reihe bin, fragt mich der nette Mensch: »What’s your profession, Sir?« Ich denke noch: »Mein Beruf? Was sage ich?« – »Artist!«, habe ich ihm da auch schon entgegenposaunt. Der Mann schaut mich zweifelnd an. Bei den Musikern stellte sich diese Frage gar nicht.

Leseprobe zu »Der Junge muss an die frische Luft«

GRUSS AN DIE LESER

Liebe Leser,

es ist schon ein ziemliches Ding, dass jemand, dessen Namen man im deutschen Sprachraum nicht einmal wirklich kennt, großspurig ein Buch über seine Kindheit verfasst. Tatsächlich kann sich kaum jemand meinen Namen wirklich merken, auch wenn ich selbst inzwischen recht bekannt bin. Es würde mich zum Beispiel überhaupt nicht wundern, wenn Sie nicht wüssten, wie mein Name eigentlich geschrieben wird. Ach, geben Sie es doch zu! Vermutlich müssen Sie genau in diesem Moment auf dem Buchdeckel nachsehen. Dort angekommen, werden Sie dann etwas perplex feststellen, dass ich eben nicht Harpe Kerpelin, Herpes Ferkeling, Herbert Harleking oder Hete Kerkerdings heiße, sondern schlicht: Hape Kerkeling.

 

Zur Leseprobe

Hape Kerkeling im Web

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